• \ �JL Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? Die Ratte nfä ngersage aus na me nku ndlic her Sich tl vo n Jürge n Udolp h Einleitung. Namenkundlicher Aspekt Es gibt nicht we nige Stim men, die sic h in letzter Zeit dafür ausgesproc hen habe n , daß die wisse nschaftlic h e Untersuc h ung des historisc hen Ker ns der beka nnte n Sage vo m Ratte nfänger vo n Ha mel n kau m noch neue Argu mente wird biete n kö nne n. In diese m Sinne heißt es etwa bei W. Mieder: "Vor alle m die Arbeite n vo n W. Krog­ mann (1934), Wolfgang Wa nn (1949), Hei n ric h Spanut h (195 1 ) und Ha n s Dob­ berti n (1970) habe n ei ne detaillierte Gesc hic hte der Sage ausgearbeitet, so daß die historisc h e Erforsc h ung als abgeschlosse n erklärt werde n ka nn" 2. Es muß da h er Verwu nderu ng auslöse n , we nn ic h noch mals versuc he, zu der Sage ei nen Beitrag zu liefer n. Ic h wage es, weil es ei ne wisse n sc h aftlic h e Diszipli n gibt, die in der bis heri ­ ge n Diskussio n oft hera ngezoge n worde n ist und die durc haus zu ei n er gewisse n Kläru ng des zugru ndeliege nde n historisc hen Ereig n isses beitrage n ka nn, die aber ei n e stre n ge Met hodik verla ngt, die vo n fast kei nem der bis herige n Interprete n der Sage be herrsc h t wurde: das Feld der Na men und ihrer Erforsc h ung. Das mag zu m Teil dari n begrü ndet sei n, daß man als Historiker ge n eigt ist, dieses Gebiet als "Hilfswisse n sc haft" zu bezeic hnen. Ma n ka nn aber nic h t um hin festzu halte n, daß die Na men Aussage möglic hkeite n gerade da nn biete n, we nn historisc h e Quelle n fe hle n; und das sollte man nutze n. Ic h werde im folge nde n da h er kei neswegs zu m Sage nstoff selbst beitrage n oder bei­ trage n kö nne n, so nder n nur zu ei nem Teilbereic h, der allerdi n gs da nn wiederu m sei n e Bedeutu n g für de n Ker n der Sage gewi nnt: ge mei nt ist die sc hon la n ge disku­ tierte Frage, wohin die Aussiedler aus de m Ha mel n er Rau m gezoge n sei n könnte n, vorausgesetzt, die Ostkolo nisatio nst heorie liegt der Erzä h lu n g wirklic h zugru nde. 1 Für Ergänzungen und Korrekturen danke ich W. Brednich (Göttingen), H. Dobbertin (Eldag­ sen), L. Enders (Potsdam), N. Hu mburg (Hameln) und S. Wauer (Berlin). 2 W. Mieder in: N. Hu mb ur g (Hrsg.), Geschichten und Geschichte. Erzählforschertagung in Hameln Oktober 1984, Hildesheim 1985, S. 113. 126 Jürgen Udolph Mein · Beitrag wird sic h im wesentlic h en auf die Diskussion bis heriger Vorsc hläge besc hränken, dabei aber zeigen können , wie leic htfer tig und oberfläc hlic h man doc h gelegentlic h mit dem Namenmaterial umgegangen ist, zumeist wenn es darum ging, die Ric htigkeit einer These zu beweisen. Namenforschung und bishere Thesen zum Kern der Sage Am Anfang meines Beitrages soll ein knapper Überblick über die Gesc hic h te der Forsc hung ste hen, wobei natürlic h besonderer Wert auf die Berücksic htigung namenkundlic h er Argumente gelegt wird. Eine - wie mir sc heint - nüc hterne und auf die wesentlic h en Punkte besc hränkte Zusammenstellung des Sagengerüstes haben R. Frenzel und M. Rumpf geboten3• Allerdings haben sie - darauf wird noc h zurückkommen sein - diese Nüc htern heit bei ihrer eigenen Interpretation gegen Ende ihres Beitrages aufgegeben und sind bei dem Griff nac h einem Namen (Cop­ penbrügge) einem Irrtum verfallen. Erstaunt war ic h , daß W. Krogmann in seiner Studie4 die Namen kaum berücksic h tig te; sie spielen auc h in der wic htigen Samm­ lung von H. Dobbertin5 keine Rolle (zu anderen Arbeiten des Herausgebers wer­ den wir noc h kommen). Nüc hterne Beobac hter der vielfältigen Diskussion haben sc hon bald aus den unter­ sc hiedlic h en Interpretationen gefolgert, daß mit hoher Wa hrsc h einlic hkeit die Ost ­ kolonisation hinter der Sage zu vermuten ist. Die Nic htberücksic htigung dieser These erzeugte sogar Erstaunen außer halb von Europa : "Sonderbarerweise hat ein wirklic h wic htiges politisc h es Ereignis des mittelalterlic hen Europa bei den frü he­ ren Forsc hern, die dem Rattenfänger auf der Spur waren, nur flüc htige Beac htung gefunden: das Phänomen der Massenauswanderung nac h dem Osten, der ständige Strom deutsc h er Kolonisten ... "6. Nic h t nur H. Dobbertin, dessen Thesen uns - wie gesagt - noc h besc häftigen werden, hat sic h dieser Auffassung angesc hlossen. Auc h aus anderer Ric htung fand dieses Zustimmung, so etwa bei M. Kroner ?: "Für die Deutung des historisc h en Kerns der Sage hat die Wissensc haft bis h er versc hie­ dene Erklärungen angeboten. Wir nennen sc hlagwortartig folgende: Kinderkreuz- zug, Naturkatastrop he, großes Kindersterben, priesterlic h er Ritualmord, Tanzwut 4 (Veitstanz), Erinnerung an die großen Verluste Hamelns in de r Schlac h t von Sede­ münde (1 260), Ostkolonisation. Von allen Erklärungen hat die im Zusammen hang mit der deutsc h en Ostkolonisation den höchsten Wa hrsc heinlic hkeitsgrad" . 3 Deutungen zur Rattenfängersage, in: Heimat und Volkstum. Bremer Beiträge zur niederdeut- schen Volkskunde 1962/63, Bremen 1966, S. 47-64. 4 Der Rattenfänger von Hameln. Eine Untersuchung über das Werden der Sage, Berlin 1934. 5 Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage, Göttingen 1970. 6 J. P. O'Donell, Der Monat. Eine Internationale Zeitschrift, H. 93, 1956, S. 57 f. 7 Südostdeutsche . Vierteljahrsblätter 33( 1984) 170. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 127 Siebenbürgen? Gelegentlich ist - wie auch in der Fassung der Rattenfängergeschichte bei den Brü­ dern Gri mm angedeutet - Siebenbürgen als Ziel der Wanderung angegeben wor­ den. So sah man auch schon früher in de m Rattenfänger einen Werber, "der Kolo­ nisten für Siebenbürgen geworben habe"8. "Obwohl diese Deutung für Siebenbür­ gen selbst nicht zutrifft", dür ft e sie nach den Worten von M. Kroner9 "für andere Gebiete des deutschen Ostens Gültigkeit haben. Die Urhei matforschung der Sie­ benbürger Sachsen hat nä mlich ergeben, daß ausgerechnet nach Niedersachsen, in de m Ha m eln liegt, keine Herkunftsspuren hinführen ... Die Erklärung, die man gelegentlich dafür gibt, es handele sich um eine assoziative Mißdeutung einer bei Ha meln gelegenen Ortschaft Seeberge in Siebenbürgen, leuchtet mir nicht ein". Das Siebenbürgen nicht in Frage ko mmt, betont auch A. Oster meyer lO• Es sind vor alle m sprachwissenschaftliche und na menkundliche Argu mente, die dagegen sprechen, als Ziel der Auswanderung den Balkan anzuneh men. Wenn man diesen Bereich ausni mmt, dann wird man sich andererseits fragen müssen, ob nicht Sprachwissenschaft und Na menforschung dazu beitragen können, das mutmaßliche Gebiet zu er mitteln. Denn meines Erachtens wird man mit M. Kroner ll festhalten können: "Die Rattenfängersage dü rfte nichtsdestoweniger mit der Besiedlung andere r Gebiete in Osteuropa in Verbindung stehen". Allerdings "gehen (die) Ansichten weit auseinander. Man ist sich nicht nur uneins darüber, mit welcher Region der deutschen Ostsiedlung der Ha melner Vorgänge verknüpft sein könntel 2, sondern es ist nach Meinung mancher Forscher auch im mer noch sicher, "ob ein solcher Zusa mmenhang überhaupt bestanden hat" 13. Die Mähren-Theorie Greift man mit diese m Wissensstand zu den beiden großen deutschen Enzyklopä­ dien, so findet man in einer14 als ersten Titel in de m alphabetisch nicht geordneten Literaturteil die Arbeit von W. Wann 15 und in der anderen 16 den Satz "Kern ist viel­ leicht die Anwerbung von Ha melner Burschen und Mädchen durch den Bischof 8 So etwa im Jahre 1704 in einer Ausgabe Auserlesener Anmerkungen über allerhand wichtige Materien und Schriften, s. C. Soetemann, Nordost-Archiv 74(1984)10. 9 Südostdeutsche Vierteljahrsblätter 33(1984)170. 10 Jahrbuch Museumsverein Hameln 1982/84, S. 59f . 11 Südostdeutsche Vierteljahrsblätter 33(1984)172. 12 C. So etemann, Nordost-Archiv 74(1984)10. 13 Ebenda; zu Einzelheiten vergleiche man jetzt etwa N. Humburg, Neueste Forschungen zur Hamelner Rattenfängersage, Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 26(1985/86) 197-208. 14 Brockhaus Enzyklopädie, 19. Aufl., Bd. 18, Mannheim 1992, S. 88. 15 W. Wan n, Die Lösung der Hamelner Rattenfängersage, Diss. Würzburg 1949. 16 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 19, Mannheim usw. 1977, S. 128 Jürgen Udolph vo n Olmütz zur Besiedlu n g Mä hrens" . Prüft ma n diese Angabe n weiter nach, so wird ma n auf die in der Anmerku ng 15 ge nan nte Würzburger Dissertatio n vo n Wolfga ng Wa nn geführt und sc hon bald mit der These ko nfro n tiert, daß Aussiedler aus dem Weserbergla nd in Mä hre n ei n e neue Heimat gefu nde n hätte n und daß die­ ses sei nen Niederschlag in Orts- und Flur name n gefu nde n habe. Folgt der Name n ­ forsc h er diesem Weg, so wird er sc hon bald zu ei n er Diskussio n herausgefordert. Nimmt er sie auf, so muß der Weg der Sage verlasse n werde n und die wisse nschaft­ liche Ausei na ndersetzu ng mit de n Details begi nne n. Das soll im folge nde n versuc h t werde n. Bruno von Schaumburg Es ka nn gar kei n Zweifel dara n bestehe n, daß es enge Bezie hunge n zwisc hen dem Weserbergla nd und Mä hre n gegebe n hatl7: sie kristallisierte n sic h vor allem in der Perso n des Bischofs vo n Olmütz Br uno von Schaumburg. An desse n Kolo nisati­ onswerk ka nn nicht vorbeigega nge n werde n. Auf Ei nzel heite n ist hier nicht ei nzu ­ ge hen, ma n vergleic he etwa die Ausfü hru nge n bei H. Schiffli ngl8, F. v. Klocke l9 und andere n. Nach eige nen Erkläru nge n ließ Bru n o vo n Sc haumburg unter anderem 2 0 "die Wälder rode n und die deutsc hen Dörfer Pe tersdorf, lo hannesthal, Henners­ dorf, Amsdorf, Ba tzdorf, Pi ttarn, Liebenthai, Röwersdorf, Pe ischdorf und die Bur- ge n zu Füllstein und Hotzenplotz anlege n"21. Unzweifelhafte Zeug nisse si n d unter anderem die Burg Schauenstein etwa 15 km östlic h der Mä hrisc hen Pforte und Schaumburg bei Hol stej n22. Selbstverstä ndlic h befa nde n sic h in sei n er Gefolgsc haft auch Sc haumburger. Bei Wa nn heißt es dazu: "Sei n e ritterliche und geistige Gefolgschaft, die sich allmä hlic h um ih n sammelte ... , stammte zwar aus dem gesamte n Reic h, die meiste n aber kame n doc h aus dem Weserbergla nd und ware n hier insbeso nders zwische n Mi n ­ de n und Höxter beheimatet. Dazu ge hörte n, um aus der reic hen Fülle nur ei nige zu nenne n, z. B. die Ba rde/ eben, Bo se, Cul, Dassei, Emse, Fülme-Füllstein, Heimsen, Hohenbüchen, Homburg, Hörstel, Höxter, Kämmerer, Lachdorf, Landsberg, Mein- ( sen, Romberg, Rottorf, Eisbergen, Spenthove, Stockvisch, vom Turm, Vrolebsen, t 17 Allgemein zu den Beziehungen zwischen Westfalen und Mähren: F. v. Klacke, Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 30-44. 18 H. Sc hiffl ing, Chronik Hamelspringe, Bad Münder 1980, S. 30. 19 Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 30 ff. 20 Ebenda, S. 33. 21 Zu den von benannten Siedlungen vergleiche man W. Wan n, W. Sch erzer, Der Rattenfänger von Hameln ... , München 1984, S. 30. Zu einzelnen Namen s. u. 22 W. Wann , W. Scherzer, Der Rattenfänger von Hameln ... , München 1984, S. 31; H. Dob­ bertin, Jahrbuch Museumsverein Hameln 1980/81, S. 82. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 129 Wertinghausen und viele andere mehr"23. Auch Fortsetzer seines Werkes sind bekannt24. Das sind gewichtige Argumente, die W. Wann zu Schlußfolgerungen wie diesen führten : "Die Forschungen der letzten Jahre, insbesondere in den mährischen Archiven, . erbrachten zu diesen einmaligen Beziehungen zwischen der Mährischen und der Westfälischen Pforte ein ganz neues und reichhaltiges Material an Fami­ lien-, Orts- und Flurnamen, an Wappen, rechtshistorischen und volkskundlichen Denkmalen. Sie bilden gleichzeitig einen Bestandteil innerhalb eines komplizierten Beweissystems, mit dem der endgültige Verbleib der Häme ischen Kinder präzise dokumentiert aufgezeigt werden kann"25. Bezeichnenderweise erscheinen bei dieser Argumentation die Ortsnamen mit an erster Stelle, es wird daher zu prüfen sein, ob sie die gezogenen Konsequenzen stützen können. Ortsnamen aus dem Wesergebiet in Mähren? Es ist nicht verwunderlich, daß ausgehend von der Kolonisationstätigkeit Brunos von Schaumburg in Mähren die Vermutung entstehen mußte, es könne ein Zusam­ menhang mit der Rattenfängersage bestehen. Die von Wolfgang Wann entwickelte These26 basiert nach seinen eigenen Worten - und das ist nicht immer genügend beachtetet worden - auf namenkundlichen Argumenten: "Ich habe ... im Laufe der Jahre dieses gesamte Kolonisationsgebiet eindringlichst kennen und oft gerade dort, wo es schon längst slawisch geworden war und wo nur mehr die Steine, die die Urkunden oder die Familien- und Flurnamen sprachen, lieben gelernt"27. Diese Bemerkungen sind für einen Namenforscher bedenklich, wenn nicht alarmie­ rend: die Aufdeckung eines namenkundlichen Substrats gehört zu den schwierig­ sten Aufgaben, denen sich ein Onomast unterzieht. Hier aber wagt ein auf diesem Gebiet nicht ausgewiesener Laie weitreichende Schlußfolgerungen, die den Weg bis in unsere Enzyklopädien finden. Den Grund dafür nannte ich schon anfangs: die Namenforschung ist eine "Hilfswissenschaft". Ohne Prüfung durch die Onomastik fand die These von W. Wann Anklang. So heißt es bei H. Spanuth28: "Ich bin davon überzeugt, daß er ... den Nachweis erbracht hat, daß die mittelalterliche Besiedlung seiner Heimat, des Gebietes des alten Bistums Olmütz, durch Kolonisten aus unserem engeren Heimatgebiet, dar- 23 W. Wann, Der Klüt 1948, S. 53. 24 Ebenda, S. 56 f., vgl. auch ders., Die Lösung der Rattenfängersage, Diss. Würzburg 1949, S. 50. 25 Ebenda, S. 53. 26 Zusammenfassend: Wolfgang Wan n, Die Lösung der Hamelner Rattenfängersage, Diss. Würz­ burg 1949. 27 W. Wan n, Der Klüt 1948, S. 57. 28 H. Spanuth, Der Rattenfänger von Hameln, Hameln 1951, S. 120. 13 0 Jürgen Udolph unter auch der Stadt Hameln, erfolgt ist. Darüber hinaus hat er es nach meiner Überzeugung bis zu einem an Gewißheit grenzenden Grade wahrscheinlich gemacht, daß der Hamelner Anteil an dieser kolonisatorischen Leistung den Ursprung der alten Ortssage vom ,Exodus Hamelensis ', dem ,Auszug der häme I ­ schen Kinder ', bildet ... ", und weiter: Wann hat "den Nachweis geführt, daß die deutsche Besiedlung seiner mährischen Heimat im letzten Drittel des 13. Jahrhun­ derts durch den da maligen Bischof von Olmütz, einen Grafen Bruno von Schaum­ burg, und seinen Nachfolgern auf Veranlassung des böhmischen Königs Ottokar durchgeführt worden ist, dessen vertrauter Ratgeber Bruno war ... "29. Etwas vor­ sichtiger wurde die These von anderen aufgenommen : "Wann (und unabhängig von ihm von Klocke) haben den Nachweis versucht (der freilich von Schnath 1980 [G. Schnath, Die Rattenfängersage aus der Sicht des Historikers, Vortrag anläß Iich des 61. Niedersachsentages in Hameln 1980] infragegestellt wurde ... ), daß im letz­ ten Drittel des 13. Jahrhunderts (also zur Zeit des Hamelner Geschehens) die deut­ sche Besiedlung des dünnbesiedelten Raumes der ,Mährischen Pforte' durch den damaligen Bischof von Olmütz, einen Grafen Bruno von Schaumburg und seine Nachfolger, auf Anordnung des böhmischen Königs Ottokar durchgeführt worden sei ' ... Es ist selbstverständlich, daß der aus dem Wesergebiet stammende Bischof Bruno von Schaumburg wie seine wohl ebenfalls aus dem Wesergebiet kommenden adligen Locatoren und die von ihnen abgesandten Werber die Siedler in erster Linie aus ihrem eigenen Heimatgebiet zu gewinnen suchten"30. Eine Lösung der strittigen Frage kann nur von seiten der Namenforschung kom­ men, denn den "stärksten Beweis für diese Annahme bietet die Identität vieler Geschlechternamen im Heimatgebiet und dem Siedlungslande. Unabhängig von Wann hat auch der westfälische Historiker von Klocke enge Beziehungen zwischen Westfalen bzw. dem Wesergebiet und dem mährischen Bistum Olmütz nachgewie­ sen"3 1. H. Spanuths recht positive Au fnahme der Thesen von W. Wann32 fand zum großen Teil in den Besprechungen ihre Fortsetzung, so etwa bei K. Brüning33: Spa­ nuth "weist nach, ... daß ... der Troppauer Archivar Wann die richtige Erklärung gefunden hat: Der Rattenfänger ist ein Werber, der zahlreiche junge Leute aus dem Wesergebiet, darunter viele Hamelner ,Stadtkinder ' als Kolonisten nach Mähren brachte, wo sie in der Olmützer Gegend angesiedelt wurden". Etwas vorsichtiger war K. Ranke34: " ... Wann versucht als erster in einer anscheinend sehr sorgfälti­ gen Untersuchung über die Besiedlung des Bistums Olmütz auf Grund von lokalen und namenkundlichen Forschungen den exakten Nachweis zu erbringen, daß der Hamelner Anteil an dieser kolonisatorischen Leistung den Ursprung unserer Sage gebildet habe", jedoch bliebe die Publikation der Dissertation abzuwarten. Schon 29 Ebenda, S. 12l. 30 C. Soe temann, Nordost-Archiv 74(1984)1l. 31 M. Kroner, Südostdeutsche Vierteljahrsblätter 33( 1984)172. 32 In seiner oben genannten Monographie. 33 Neues Archiv für Niedersachsen 21( 1951)303. 34 Beiträge zur deutschen Volks-u. Altertumskunde 1( 1954)190. I • . Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 131 sicherer heiß t es bei U. Stille35 "Mit namenkundlichen und siedlungs geschichtlichen Untersuchungen vor allem hat Wann diese Deutung beweiskräftig belegen können - soweit Spanuth darüber berichtet, denn die Arbeit von Wann selbst liegt bislang leider nur als maschinenschriftliche Würzburger Dissertation vor. Die Erklärung erscheint jedoch recht einleuchtend, und sie scheint die Auflösung des Rätsels der Sage zu bedeuten"36. Die angesprochene Dissertation wurde nicht publiziert und liegt nur in maschinen­ schriftlicher Form vor. Bekannt sind die Thesen von W. Wann aber dennoch, zum einen durch die positive Aufnahme bei H. Spanuth, zum andern dadurch, daß 35 Jahre nach der Promotion die Theorie anhand von nachgelassenen Manuskrip­ ten im Auftrag des Sudentendeutschen Archivs von Walter Scherzer neu formuliert wurde37• Die für unsere Aufgabe wichtigsten beiden Punkte erscheinen in diesem Buch zum einen auf S. 19 in Abschnitt 5 "Auswanderung im Zuge der Ostkoloni ­ sation, die wahrscheinlichste Deutung", und zum anderen auf S. 20 in der Wen­ dung "Wann waren bei der Erforschung der Siedlungsgeschichte seiner Heimat nicht nur die nicht zu übersehende Zahl niederdeutscher Orts- und Familienna­ men, sondern auch die durch den Olmützer Bischof Bruno von Schaumburg (1 245- 1281) gegebenen Familienbeziehungen zur unmittelbar benachbarten Stadt Hameln aufgefallen". Nach dieser knappen Vorstellung der Mähren-These von W. Wann, die von H. Spanuth im wesentlichen übernommen worden ist und durch die Herausgabe durch W. Scherzer einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde, ist es an der Zeit, die Konzeption anhand der im einzelnen vorgebrachten Argumente zu überprüfen. Ich beginne bei den Ortsnamen, gehe dann zu den Flurnamen über und beschließe diesen Abschnitt mit den Personennamen. Eine wichtige Stütze - für den Namenkundler sogar die wichtigste - liegt in dem Versuch, mit Hilfe etlicher Ortsnamen zu versuchen, die Beziehungen zwischen Mähren und dem Weserbergland herauszuarbeiten und darin Beweise für eine Aus­ siedlung aus dem Hamelner Raum zu sehen. Eine gute Übersicht über die meisten der im folgenden herangezogenen Ortsnamen bietet die von W. Scherzer herausge ­ gebene Publikation (im folgenden abgekürzt als Wann/Scherzer) in einer Karte im Anhang des Buches. 35 Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 24(1952)193. 36 Man vergleiche auch noch die Besprechung von E. Rath, Österreichische Zeitschrift für Volks­ kunde 56( 1953)80-82. 37 W. Wann, Der Rattenfänger von Hameln. Hamelner Landeskinder zogen aus nach Mähren, für den Druck bearbeitet von W. Sche rzer, München 1984. 132 Jürgen Udolph Kritik der mährischen Ortsnamen Ich beginne die Diskussion mit einer Passage bei F. v. Klocke über Bruno von Schaumburg38 : "Nach seiner eigenen Erklärung ließ er dort die Wälder roden und die deutschen Dörfer Pe tersdorf, Johannesthal, Hennersdorf, Arnsdorf, Batzdorf, Pi ttarn, LiebenthaP9" Röwersdorfo , Pe ischdorf und die Burgen zu Füllstein und Hotzenplotz anlegen". Zum Beweis, daß es sich dabei um Namen handelt, die sich auch im Weserbergland finden, wird zunächst nichts ausgeführt (auf den sicher dazugehörenden Namen Füllstein komme ich noch zurück). Aber es wird wenige Seiten weiter betont: "Die Dörfer bei Hotzenplotz führten auch zunächst typisch niederdeutsche Namensformen, die sich erst später verloren, so 1255 Godevride­ storp (Gottfriedsdorf, später Füllstein genannt) und Rudolveswalt (heute Roßwald), 1256 Henrikestorp (heute Hennersdorf ), Levendal (heute Liebenthal) und Renver­ destorp (heute Röwersdorf,' erstes Stammwort Reinfried), 1267 Janestorp (heute Johannesthal), Arnoldestorp (heute Arnsdorf) , Bertoldestorp (heute Ba tzdorf ) , Pe terswalde (heute Pe tersdorf) , Pi zkerstorp (heute Pe ischdorf )"4 1. Aus den nieder­ deutschen Formen wird sofort anschließend gefolgert : "Hier, im sogenannten Olmützer Bistumsland von Hotzenplotz ist mit westfälischer Bauernkolonisation sicher zu rechnen42", später hätten dann mitteldeutsche und schlesische Kräfte zu einer Assimilation und Aufgabe der niederdeutschen Formen geführt. Diese Ausführungen finden sich auszugsweise bei Wann/Scherzer, S. 28 wieder, indem an niederdeutschen Ortsnamen im Bistum Olmütz angeführt werden: Arnoldestorph (zuletzt Arnsdorf) , Janestorph bzw. Jansdorf bzw. Johannesthal, Henrikestorph (Hennersdorf ), Bertholdestorph (Batzdorf) , Renfridestorph (eine Wüstung). Der Namenforscher fragt sich zum einen, ob der niederdeutsche Charakter der Ortsnamen zweifelsfrei ist, und zum andern, ob es Hinweise auf westfälische Her­ kunft gibt. Meine Durchsicht der Namen führte zu folgendem Ergebnis : a.) Petersdoif (P eterswalde), cechisch heute Pe trovice. Die alten Belege zeigen, daß ein ursprünglich slavischer Ortsname vorliegt: 1208 in Pe trouich, 1267 in villa Pe trowiz, 1389 Pe tersdorf, 1570 Pe tersdorf usw. (L. Hosak, R. Sramek43 ; im folgen- • den : Hosak -Sramek). Niederdeutsches ist nicht festzustellen. � b.) Jolrannestlral, cechisch Janov, erscheint in seinem ältesten Beleg 1267 als Iane­ storph, später: 1446 Janow, 1595 jinym johantalskym44 . Bei v. Klocke und Wann/ Scherzer wird unsauber zitiert ,,1267 Janestorp". Dadurch wird niederdeutscher 38 Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 33. 39 Ebenda, S. 35, wird präzisiert: von Helembert vom Turm errichtet. 40 Ebenda, S. 35, wird präzisiert: von Helembert vom Turm errichtet. 41 Ebenda, S. 39. 42 Ebenda. 43 L. Hosak, R. Sramek, Mfstnf jmena na Morave a ve SIezsku, Bd. 2, Praha 1980, S. 237 f. 44 Ho sak- Srame k 1342. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 133 Ein fl uß (dorp) suggeriert, der aber gar nicht vorhanden ist (1 268 Ianestorph). Der Name enthält offenbar den slavischen Personennamen fa n, erst später setzt sich fo hann durch. Der Versuch, durch eine später in diesem Ort bezeugte Person Haemler eine Beziehung zu Hameln herzustellen45, wird damit gegenstandslos. Zudem wird eine Quelle für diesen Beleg nicht genannt. c. Hennersdoif, heute cechisch fi ndfi chov, darf als Gründung aus der Zeit Brunos von Schaumburg angesehen werden: 1256 Henrikestorp, 1267 Henrikestorph USW.46. Auch der niederdeutsche Charakter des Personennamens darf als sicher gel­ ten47• Als Beweis für eine Zuwanderung aus dem Wesergebiet reicht dieses aller­ dings keineswegs aus. d. Arnsdoif, cechisch Arnultovice, 1267 Arnoldestorph, l3 20 in Arno ldisdorf usw. 48, zeigt keine speziell niederdeutsche Lautung. e. Batzdoif, cechisch Ba rtultovice, ist in den Quellen wie folgt belegt: 1267 Be rtol­ desdorph, l3 20 in Pe rtoldisdorf, l3 89 Be rtoldi vii/a m USW.49• Niederdeutsches ist nicht zu entdecken; vielmehr spricht der Beleg von l3 20 für oberdeutschen Ein­ fluß. f. Pittarn ist ein Ortsname unklarer Herkunft50• Er ist zweifellos älter als die deut­ sche Ostsiedlung. g. Liebenthai, cechisch Liptaii , ist ursprünglich ein niederdeutscher Name: 1256 Leuendal, 1262 Luptyn51, 1267 Le uendal, 1280 in Luptyn , l3 00 in Lybental, l3 20 in Liebental USW.52• Daneben muß allerdi ngs auch ein sl avischer Name Luptin bestanden haben. Die niederdeutsche Form scheint auf eine Siedlung am leven dale ( = hochdeutsch am lieben Tale) zurückzugehen, jedoch kann auch ein sehr alter Name (die cechische Form erweckt diesen Verdacht) vorliegen. Eine spezielle Beziehung zum Weserbergland oder zu Westfalen läßt sich aber nicht entdecken. h. Röwe rsdoif, cechisch Tfemei na, ist alt wie folgt belegt: 1256 Renuerdostorp, 1267 Renfridestorph, l3 20 in Rinfridisdorf, l3 89 Reynersdorff USW.53• In dem Bestimmungswort, d. h. in dem Personennamen, kann man eine niederdeutsche Form sehen (vor allem der Beleg von 1256 spricht dafür). Damit gewinnt man aber noch lange keine Verbindung mit Westfalen oder dem Weserbergland. 4S Wan n/ Sc herzer, S. 40. 46 Ho sak- Srame k 1368. 47 Vgl. auch E. Schwarz, Die Ortsnamen der Sudetenländer als Geschichtsquelle, 2. Auflage, München 1961, S. 285 und 373. 48 Ho sak- Srame k 149. 49 Ho sak- S rame k 154. 50 Ho sak- Srame k 1 249 f. mit Zusammenstellung der Belege. 51 Gehört nicht zu Liptin bei Katscher (Glatz), vgl. H. Bo rek, Gorny Sl�sk w swietle nazw miejscowych, Opole 1988, S. 141. 52 Ho sak-Sramek 1536. 53 Ho sak- Srame k 11 616. I: 134 Jürgen Udolph i. Peischdotf, cechisch Pi skof ov, erscheint in den Quellen wie folgt : 1267 Pi skers­ torph, 1317 villam Pi skersdorf, 1318- 26 Pi skersdorf, 1318 Pi skof ov, 1389 Pi ko­ rzaw54• Der Name ist nicht ganz leicht zu erklären, man wird am ehesten von einem Personennamen im ersten Teil ausgehen dürfen, der mit dem cechischen Fischna­ men piskof "Schlammbeißer", am ehesten über einen Personennamen, zu verbin­ den ist. Die slavisc h e Fischbezeichnung ist in das Deutsche entlehnt worden. Für niederdeutsche oder weserländische Siedlung spricht nichts. j. Hotzenplotz. Der Name dieses Ortes geht auf den Flußnamen Hotzenplotz, cech. Osoblaha, poln. Osobloga, zurück, der vorslavischer Herkunft ist55. Für unsere Problemstellung ist dieses ohne Wert. k. Rudolveswalt, cechisch Rudoltice, 1255 Rudolueswalt, 1389 Rudolswald USW.56, zeigt keinerlei Spuren eines niederdeutschen Einflusses. Das Resümee der Überprüfung ist kurz: nichts weist auf spezielle Beziehungen zum Weserbergland hin. Allein ein Name, der von v. Klocke und von Wann/Scherzer angeführt worden ist, kann dafür herangezogen werden: der Burgname Füllstein, auf den noch zurückzukommen ist. Es hat sich gezeigt, daß eine genaue Überprüfung der vorgebrachten Argumente nicht nur notwendig ist, sondern zu fundierten Aussagen führen kann. Diese Methode soll daher auch bei weiteren Ortsnamen, die als Beweis für eine westfä­ lisch -weserländische Besiedlung gewertet worden sind, angewendet werden. l. Branekesdotf, eine Wüstung bei Blansko (heute Ortsteil dieser Stadt) nördlich von Brünn, ist nur einmal 1277 als Br anekesdorp erwähnt57. Es lag in der Nähe des Ortes Hamliko v, der als wichtiges Argument für eine Beziehung zu Hameln ange ­ führt wird (s. unten) und trug nach Wann/Sc herzer 42 einen niedersächsischen Namen. Zusammen mit zwei anderen Orten geh en-te er "seit 1277 den ... Herren von Stango ... "58. Ich habe mich bemüht, einen niederdeutschen Personennamen Br anek o. ä. nachzuweisen. Die einschlägigen Wörterbücher kennen jedoch keinen. Nimmt man weiter zur Kenntnis, daß die Silbe -ek- auch ein slavisches Su ffix widerspiegeln kann, so gewinnt die slavische Deutung bei Hosak- Snimek I 106 an Gewicht. m. "Die nach Bischof Bruno benannten Siedlunge n"59 sind nach Wann/Scherzer, S. 30: 1.) Br aunsberg, 2.) Br unswerde (nach Wann/Scherzer "Ausgangssiedlung für Braunsberg und daher später Altendorf genannt"), 3.) Br unseifen, 4.) Br aunsei- 54 Ho sak- Snimek II 247. 55 S. 1. U dolph, Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydrony- mie, Heidelberg 1990, S. 227 ff. 56 Ho sak- Srame k II 397. 57 Hosa k- Sramek I 106. 58 Wann/ Scherzer 42. 59 Abschnitt 14 bei Wann /S cherzer. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 135 fen (so auch bei F. v. Klocke60: "B raunseifen, d. h. soviel wie Brunostal") , 5.) Brun­ thai, "der zweite Name für die Stadt Freudentha i", 6.) Brunos, Wg. bei Walachisch­ Meseritsch. Eine Überprüfung ist notwendig. Zu Braunsberg, cechisch Brusperk: sowohl die alten Belege (1 269 civitatem, quem Brunsperch nuncupavi ... Brunsperh, 1270 in Brunsper g USW.61) wie die historische Überlieferung läßt keinen Zweifel daran, daß in der Tat eine Brunonische Grün­ dung vorliegt62. Allerdings weisen die Ortsnamen im zweiten Teil auf oberdeutsche Lautung (-per g für -berg) hin. Niederdeutsches -barg ist nicht zu erkennen. Zu Brunswerde: ein Teil der Nachfolgesiedlung trägt heute den Namen Star ti Ves, an alten Belegen sind zu nennen 1267 Bruneswerde, 1269 Brunswerde, 1389 in Braunswerde, 1403 in Brunswerd, 1408 super bonis illis Bravnswerd, 1466 de An ti­ qua villa vulgariter z Starewsy, 1518 v Stare Wsy, .. . 1718 Altendorf3 . Der Zusam­ menhang mit dem Namen Brunos von Schaum burg ist unstrittig. Zu BrunseifenlBraunseifen: mir gelingt nur der Nachweis eines Ortsnamens Braun­ seifen, cechisch Brunzejf, heute Ryzovis te. Aufgrund der alten Belege (1 320 Brun­ sif, 1408 super Brunzyw, 1437 de oppido Brunsiff i USW.6 4) ist ein Zusammenhang mit dem Namen Brunos möglich. Da aber das Genetivformans fehlt (Brunos-seifen wäre zu erwarten), vermuten Hosak- Sramek durch die Assimilation des ersten -s­ an das zweite -s- frühen Ausfall des Genusformans. Das kann man akzpetieren, es fällt aber zum einen auf, daß der Name im Gegensatz zu sonstigen Gründungen Brunos sehr viel später erwähnt ist und daß eine unmittelbare Verbindung mit mit­ telhochdeutsch brun + seifen "Bach, Wasserlauf " auch von P. Vogt, dem wir eine gründliche Zusammenstellung der einschlägigen Namen verdanken65, angenommen worden ist. Vogt hat auf weitere Namen im ehemaligen Kreis Olmütz (Brands eifen, Golds eifen, Kaltenseifenmühle, Rabenseifen, Seifenmühle, Stubinseifen) aufmerk­ sam gemacht hat. Es spricht somit einiges dafür, in dem Namen von einem Adjek­ tiv auszugehen und den Bischofsnamen fernzuhalten. Im Fall von Brunthal, dem "zweiten Namen für die Stadt Freudenthal"66, ist die Ansicht bei Wann/Scherzer61, der ON. Brunttil bei Troppau sei "später umbenannt in Freudenthai" und "nach dem Bischof Bruno benannt", verfehlt. Die alten Belege lauten zwischen 1220 und 1405 nur Freudental, Wrowdintal, Vreudental u.ä., erst 1456 begegnet zum ersten Mal starosta bruntalsky68, daher lehnten Hosak und Sra­ mek auch mit Recht einen Zusammenhang mit dem Namen des Bischofs ab: 60 Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 33. 61 Ho sak- Sramek 111 8. 62 Vgl. ebenda sowie F. v. Klocke, op. ci!., S. 33. 63 Hosa k-Srame k I 116, II 686. 64 Ho sak- Sramek I 117. 6S Die Ortsnamen auf -seifen, -siefen, -siepen, -siek, -seih, Programm Kassel 1900. 66 Wan n/ Scherzer 30. 67 S. 40. 68 Vgl. die Auflistung bei Ho sak- Srame k I 116. 136 Jürgen Udolph "Rovne z nelze v mf stn f jmen e hledat osobn f jmeno olomouckeho bi skupa Bruna ze Schauenburku" . Im Gegensatz zu dem vorigen Namen wird der der Wüstung Brunos (woher diese Form stammt, ist mir unklar geblieben) bei Walachisch-Meseritsch auch von Hosak- Snimek 1 111 anhand der Belege 1297 villam Brunnow, 1505 Brniow, 1535 ves Brniow usw. Il1it Bruno von Schaumburg in Verbindung gebracht, wobei man sich vor allem auf den ersten Beleg von 1297 stützt. Mich überzeugt da s nicht; viel eher wird eine Schreiberumdeutung des ursprünglichen cechischen Namen s Brnov vorliegen. Dieser wiederum gehört viel eher zu dem im Slavischen weit verbreiteten Sumpf- und Mora stwort brn, an das auch Brno/B rünn angeschlossen werden kann69 • n. Wann/Scherzer 42 nennen als deut schen Ortsnamen bei Ham Hkov Birchow, um auch dadurch die Beziehungen nach Hameln zu stützen. Offenbar (letzte Sicherheit konnte nicht gewonnen werden) handelt es sich um den 1320 einmal bezeugten Wü stungsnamen Briczow70• Deutsche Herkunft scheidet angesichts die ses Beleges aus. o. Nach Wann/Scherzer 34 hält der ON. Bu(t)schafka bei Hotzenplotz wie der ehemalige Buschhof südlich von Hotzenplotz "die Erinnerung wach an die von dem Bussche". Der skeptischen Haltung von H. Dobbertin71, daß es erst recht nicht zutreffe, "daß die niedersäch sische Adel sfamilie von dem Bussche etwa s mit dem Buschhof südlich Hotzenplotz und mit der Ortschaft Bu(t)schafka zu tun hatte" , kann nur zugestimmt werden. Sucht man die historischen Belege für den Ort But­ schafka, cechisch Buca vka, bei Ho s ak-Sramek 1 126 auf, so findet man dort: ,, 1570 Bischofka, 1582 ves Bussowecz, 1720 Buschaweg". Es ist schon erschreckend, w ie hier von seiten der Vertreter der Mährenthese gearbeitet worden ist. p. Unzweifelhaft schaumburgischen Ein fluß verrät der Burgenname Füllstein bei Hotzenplotz, cechisch Fuls tejn, heute BohuSo v. Seine Belege, die hier nicht aufge ­ führt zu werden brauchen72, sowie die geschichtliche Überlieferung weisen klar dar­ auf hin, daß der Name eine Übertragung einer aus Schaumburg nach Mähren au s ­ gesiedelten Adelsfamilie is e3• Nur am Rande sei erwähnt, daß Spuren dieser Fami­ lie bi s in die Ukraine zu verfolgen sind74 • 69 Vgl. J. Udolph, Studien zu slavischen Gewässernamen und Gewässerbezeichnungen, Heidel- berg 1979, S. 499-514. 70 Ho sak- Snimek 1126. _71 Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)38. 72 Vgl. Ho sak- Srame k I 226 f. 73 Zu den Einzelheiten s. H. Dobbertin, Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1 284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 2 und 19; de rs., Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5,1959,1 35 f.; F. v. Kl ocke, Westfalen und der deutsche Osten ... , S. 34; zur Beschreibung der Burg vgl. ebenda, S. 40. 74 W. Wan n, Der Klüt 1948, S. 56. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 137 q. Nach Wann/Scherze r 28 f. erinnert "das 1267 erstmals urkundlich erwähnte Kolonisationsdorf Grabowe (heute eingemeindet in Groß -Ostrau) ... direkt an nie­ dersächsische Familien. Dieses großbürgerliche Geschlecht wird zwischen 1247 und dem 14. Jahrhundert in Hameln oft erwähnt". Nichts davon läßt sich halten. Der ON., heute cechisch Hrabova, 1297 in Grabow, 1389 ville Antiquae Grabouie usw.7 S stand in Beziehung zu dem Ortsnamen Hrab l1vka, 1389 Nouam Grabouiam usw. 76, und gehört zu den unzähligen slavischen Ableitungen von grab, hrab "Weißbuche"77. r. Hamllkov. Dieser Wüstungsname nordöstlich von Brünn ist ein besonders wichti­ ges Argument für einen angeblichen Zuzug aus Hameln, denn er stellt nach Wann/ Scherzer, S. 41 "die enge Beziehung zwischen dem Olmützer Bistumsgebiet und Hameln besonders klar heraus ... Die Siedlung wird unter der Bezeichnung Hem­ lincow erstmals 1353 in der Olmützer Landtafel als zur Herrschaft Holstein gehö­ rend genannt. Doch da für die Eintragungen in die alten Landtafeln in der Regel nur die tschechischen Namensformen maßgebend waren, ist Hemlincow bereits die ins Tschechische abgewandelte Schreibweise eines deutschen Ortsnamens, zumal der Tscheche seit Ende des 13. Jahrhunderts stimmhaftes g nicht mehr kennt. Die Schreibweisen in späteren Landtafeln lauten daher Hamlikow und sogar Hamakow, wobei dem deutschen Hamling(en) oder Hemling(en) die slawische Ableitungs­ silbe -ow (= Dorf u. ä.) angefügt worden ist. Der Name Hemlincow ist im gesamten Osten einmalig und aus dem Alt-tschechischen nicht zu erklären. Wohl aber darf man in der deutschen Namensform Hamling(en) bzw. Hemling(en) ein Patronymi­ cum, d. h. Ableitung von einem Namen vermuten ... ". Die Konsequenz lautet: "H emlincow-H amlingen wäre demnach die Siedlung, in der sich Abkömmlinge aus Hameln niedergelassen haben"78. Diesem schloß sich H. Spanuth79 an: "Selbst den Namen einer Siedlung, der aus dem der Stadt Hameln abgeleitet ist, hat Wann fest­ gestellt, das inzwischen wüst gewordene Hamelingow (-kow), bei dem das Stamm­ wort Hamel durch die eine Siedlung bezeichnende Silbe -ing und überdies durch das gleichbedeutende slawische -ow erweitert ist. Hamelner Herkunft beweisen auch die Familiennamen Hamlinus, Hämler und Harnei" . Diese These versuchen Wann /Scherzer, S. 44 auch mit einem Blick in Hosak- Sni­ mek zu stützen: " ... zumal auch tschechische Siedlungs- und Ortsnamenforscher den Namen Hemlincow aus dem Deutschen ableiten, so zuletzt L. Hosak und R. Sramek in dem von ihnen bearbeiten Ortsnamenbuch Mährens und Schlesiens (1970, S. 239)". 75 Hosak- Sramek 1288. 76 Hosak- Sramek 1289. 77 Vgl. E. Dickenmann, Über buk und grab in der russischen geographischen Nomenkla.tur, Bei­ träge zur Namenforschung, Neue Folge 7(1972)233-244 und P. Hanke, Die Baumnamen in der russischen geographischen Nomenklatur, Phil. Diss. Münster 1974, S. 71 ff. 78 Wann/Sc herzer 42. 79 Der Rattenfänger von Hameln, Hameln 1951, S. 122f . 138 Jürgen Udolph Die Auffassung dieses Ortsnamens als eine "Siedlung, in der sich Aussiedler aus Hameln niedergelassen haben", blieb jedoch nicht ohne Widerspruch. Zunächst hat H. Dobbertin80 nur ganz allgemein Zweifel angemeldet, dann vertrat er zunächst die Auffassung, "das winzige mährische Dorf [sei ] '" in Wirklichkeit nach einem Am elung (Ame/ing, Hame/inus)" benannt81. Wenige Jahre später verwies er auf einen Beitrag von ·E. Cern yB2, der sich mit der Geschichte des Dorfes intensiv beschäftig hatte, jedoch irrtümlich Hamlikov mit dem 1349 erwähnten Hol Stejner Dorf Hertwigslog gleichsetzte83. Konkreter heißt es an gleicher Stelle: "Die Schreibweise Hamlingen kommt urkundlich gar nicht vor. Die von Dr. Wann gemeinte winzige Siedlung heißt 1353 Hemlynkov und Hemlikov, 1385 Ha mlicow, 1407 Hamlyko, 1437 Hamlinkow, 1511 Hamakow und gehörte zu den überwiegend deutschen Rodungsdörfern im Distrikt der erstmalig 1283 genannten Burg Holstejn zwischen Brünn und Olmütz"84. Auch an dieser Stelle nimmt H. Dobbertin an, "H amlikov als Grün­ dung eines Locators namens Hamelinus = Am eling/A melung aufzufassen (verglei ­ che das seit 1466 bezeugte nach einem Ruprecht benannte Nachbardorf Rupprecht / Ruprechtov)"85 . Dabei wird die Deutung von Hosak -Snimek I 239 kritisiert: "Ent ­ schieden abzulehnen ist die von . " Sramek vorgeschlagene Ableitung des Ortsna ­ mens Hamlikov vom deutschen Wort Hammel (L. Hosak, R. Sramek, ... I, 239)"86. Wieder etwas anders heißt es bei H. Dobbertin an ande rer Stelle87: "Heute leite ich den Ortsnamen Hamlingow ... von dem in Mähren vereinzelt, in Frank ­ reich häufig auftretenden Personennamen Hamelinus (Ameling, Amelung) ab, nicht aber von dem Namen der Stadt Hameln (Quernh ameln) " .". Einen weiteren Vorschlag aus dem Jahr 1986 ("Hemlynkow (1 353) . .. dürfte von Österreich aus besiedelt sein, denn sie hieß 1349 Merhlinslag"88) hat er selbst später revidiert89. In jüngster Zeit nimmt er an, daß der Beleg 1349 Merhlin-slag aus Hemlin-slog verle ­ sen ist und auf einen deutschen Lokator namens Hamelinus (Ame/ing, Am elung), der frühestens um 1250 bei Gedwitz wirkte, zurückgeht90. Damit steht für ihn fest, 80 Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 27(1955 )48 f. 81 In: Die Diözese Hildesheim 43(1975)63, Anm. 125. 82 E. Cerny, K historii zanikle vsi HamHkova u Podomi (Zur Geschichte des wüsten Dorfes Hamli­ kov bei Podomi), in: Zpnivy okresniho Vlastivedneho muzea ve Vyskove, Nr. 21, Januar 1959, S. 1-6; vgl. auch ders., Pfispevek k povrchovemu prüzkumu püdorysy zaniklych stredove­ kOyYch osad na Drahanske vrchovine a jeho vztahu k pluzine, in: Zanikle stredoveke vesnice v CSSR ve svetle archeologickych yYzkumü, Uherske Hradiste 1971, S. 187-202. 83 H. Dobbertin, Jahrbuch Museumsverein Hameln 1980/81, S. 79. 84 Ebenda. 85 Ebenda. 86 Ebenda, S. 82. 87 Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1 284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 1; ähnlich auch schon ders., Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)94. 88 Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)45. 89 Vgl. ders. auch schon Jahrbuch Museumsverein Hameln 1980/81, S. 82. 90 H. Do bbertin, Deister- und Weserzeitung, Hameln, 11. 5. 1996. I Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 139 daß eine Herleitung des Namens vom dt. Wort Hammel im Sinne von Hosak- Sni­ mek I 239 ein Fehlgriff ist. Die hier keineswegs in ganzer Breite dargestellte Diskussion zeigt, wie gering die Kenntnisse der Autoren auf namenkundlichem Sektor sind. Die Belege werden je nach Bedarf hin und her geschoben, eine saubere Chronologie wird nicht geleistet, auf lautliche und morphologi �che Fakten wird nicht geachtet, ein Vorschlag folgt dem nächsten, die Deutung basiert zum Teil auf aus der Luft gegriffenen Belegen usw. Man wagt sogar, den ausgewiesenen Fachvertretern der Onomastik ihre Kenntnis abzusprechen. Dabei bieten L. Hosak und R. Sramek91 eine Chronologie der Überlieferung des umstrittenen Namens und eine fundierte Deutung. Der Name Hamlikov, inzwischen wüst, ist wie folgt überliefert : 1385 Hamlicov92, 1407 in Hamlyko, 1437 Hamlinkow, 1511 vsi puste ... Hamakow (I), in ihm liegt eine Ableitung von einem Personennamen Hamlik vor, der seinerseits auf dt. Hammel beruht. Die obigen Deutungen stecken voller Fehler: ein Su ffi x -ing- ist nicht vorhanden; �ine Form Hemlincow ist nicht belegt; der Name Hameln bleibt fern; Hosak und Sramek leiten den Namen keineswegs aus dem Dt. ab, sondern von einem tschechi­ schen PN. , der mit slavischem Suffix -ik- von dt. Hammel abgeleitet ist (das ist zu beachten !); Dobbertin wirft Amelung, Ameling, Hamelinus ohne Kommentar in einen Topf. Unser Resümee ist kurz: der Name hat mit Hameln nichts zu tun. Alle Vermutun ­ gen, die in diese Richtung gingen, sind verfehlt93• s. Hombok, ein mährisches Angerdorf, nach H. Dobbertin94 bezeugt seit 1351, ist seiner Ansich t nach eine Gründung des in Quellen zwischen 1231 und 1277 erscheinenden Hildesheimer Edelherren Vl rich von Hohenbüchen. Dieses ist aus der Luft gegriffen. Die Überlieferung des Namens zeigt (1 364 parua Hluboky, 1365 Hlubiczki, 1391 mediam vii/am Hl ubeczkeho USW.95), daß tschechisch hluboky "tief ' vorliegt96• Der erste Beleg, de r deutschen Einfluß zeigt, stammt aus dem Jahre 1691 Hohnbockh. 91 Ho�ak- Snimek 1239. 92 E. Cerny, K historii, S. 1 kennt noch einen Beleg von 1353 Hemlynkov, Hemlfkov, der schon wegen der Schreib ung -i- zur Vorsicht mahnt. 93 Eine ausführliche Kritik der in diesem Sinne herangezogenen Personennamen Hamlinus, Hamelinus u. a. kann daher unterbleiben. Diskutiert wurden diese - allerdings auch nicht immer fachgerecht - Von H. Dobbe rtin ; Fabula 1( 1957/58)1 44; Wohin zogen die Hämeischen Kin­ der (1 284)?, Hildesheim 1955, S. 4; A. Cammann, in: Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenkschrift), Bremen 1957, S. 69. 94 Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 4; ebenso ders., Jahrbuch. für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)132. 95 Hosak-Sn ime k 1260. 96 Vgl. ebenda, S. 260 f. mit ausführlicher Auseinandersetzung um die polnisch-tschechische Über­ lieferung und Inte rpretation. 140 Jürgen Udolph Man · sieht, daß auch H. Dobbertin die Grundlagen der slavistischen Namenfor­ schung nicht beherrscht. t. Der Ortsname Hochwald, tschechisch Hukvaldy, südlich von Mähr. Ostrau, geht dagegen zweifelsfrei auf den Namen der Grafen von Hückeswagen zurück97: 1234 Arnulfhus comes de Hucesvage, 1235 de Hugensvald, 1285 de Hukenswald USW.98, deren westfälischer Heimatort außer Frage steht. u. Hinsichtlich des Ortsnamens Rosenowe, tschechisch Ro inov, heißt es bei Wann! Scherzer 29: "Zu diesen Ortsnamenbildungen ist wohl auch die zu den älteren Bru­ nonischen Gründungen gehörende Stadt und Burg Rosenowe (zuletzt Roschnau genannt) an der der unteren Betschwa ... zu rechnen, kommt doch der Familien ­ name Rosenau heute noch in Hamburg und im Holsteinischen vor. Auch wird im Ratzeburger Bistumszehntverzeichnis von etwa 1230 im Grenzbereich Ratzeburg gegen Holstein gleichfalls ein Ort Rosenowe genannt". Auch hier irren die Autoren. Während Hosak- Snimek I, S. 390 f. nach Auflistung der Belege (1 267 Rosenowe, 1366 zu Rosenow usw.) noch die deutsche Deutung referieren, aber auch eine slavi­ sehe erwägen, sind sich R. Trautmann99 und H. Wurms 100 in bezug auf den Ortsna­ men bei Ratzeburg einig : die slavische ist vorzuziehen. Personennamen aus Ham­ burg und Schleswig -Holstein können als Gegenargument kaum belastet werden. v. Schauenstein, Burg etwa 15 km östlich der Mährischen Pforte, zwischen 1270 u. 1280 erbaut, "erinnert an die im Schaumburger Land bei Obernkirchen zwischen Hannover und Minden gelegene Burg gleichen Namens" IOI. Dem ist angesichts der historischen Überlieferung (1 293 Schorn stein, 1307 in nouo Castro, 1347 castra nostra Schowensteyn USW.102) nur zuzustimmen. In der Nähe der Burg liegt der heu­ tige tschechische Ort Kopf ivnice, dt. Nesselsdorf Diesen Namen vergleichen Wann!Scherzer, S. 30 mit Nesselberg (Nettelberg), "auf dem die Stammburg der Schaumburger Grafen oberhalb des Wesertals erbaut worden ist". Diese Ansicht ist zwar angesichts der historischen Überlieferung (1511 od hranice kopn ivnicky, 1517 z Koprziwnicze, 1581 ves Kopriy wnicze ... , erst 1846 Nesselsdorf03) verfehlt, jedoch folgen die tschechischen Autoren des mährischen Ortsnamenbuches (und das kennzeichnet ihre integre Haltung gegenüber den Namen) der Ansicht von J. PilnacecklO4, der das Motiv der Namengebung in dem Wappen Brunos von Schaumburg, dem Nesselblatt (tschech. kopf ivny list) sieht, wodurch schaumburgi- � 97 Vgl. Wann/ Scherzer, S. 31; H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebe­ nen 5( 1959)137 f.; ders., Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)38. 98 Ho sak- Sramek 1306. 99 Die Elb- und Ostseeslavischen Ortsnamen, Teil 2, Berlin 1949, S. 78; ders., Die slawischen Ortsnamen Mecklenburgs und Holsteins, 2. Auf!. Berlin 1950, S. 12 und 231. 100 H. Wurms, in: H.-G. Kaack, H. Wu rms, Slawen und Deutsche im Lande Lauenburg, Ratze- burg 1983, S. 242. 101 Wann/ Scherzer, S. 30. 102 Hosak -Sramek II 439. 103 Ho sak- Sramek I 423 f. 104 Slezsky sbornik 46(1948)152. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 141 scher Ein fluß doch vorhanden wäre. Ich muß gestehen, daß mich diese These nicht überzeugt. Der Ortsname geht viel eher auf den den Ort durch fließenden Bachna­ men Kopf ivnice zurück, einer ganz gewöhnlichen Ableitung zu dem tschechischen Wort für die "Brennesse i " kopf iva. w. Unstrittig ist die Verbindung zur Weser im Fal l des Burgennamens Schauenburg, tschechisch S aumburg, 1282 de Schowenburg, 1292 de Schowenburg, 1297 de Schonwenburg USW.105, dess en Bau nach Wann/Scherzer, S. 31 1272 von Bischof Bruno geplant und in den nächsten Jahren durchgeführt worden ist. Diesem stimmt auch H. Dobbertin 106 zu. x. Die Burgruine Stangow bei Dieditz im Kr. Wischau, erinnert nach Wann/Scher­ zer, S. 34 "an das Geschlecht der (von) Stange (Stango)" . Es könne daher auf Beziehungen zum Weserbergland geschlossen werden. Erneut liegt ein schwerer Feh ler vor: es gibt einen einzigen Beleg für diese Ruine: 1361 Dyedycz ... in duo­ bis castris videlicet Nouo, quod Stagnow diciturlO 7. Es ist äußerst schwierig, auf ­ grund dieser einen Nennung den Namen deuten zu wollenlO8, aber ein deutscher Personenname liegt auf keinen Fall zugrunde. y. Ebenso verfehlt ist die Vermutung, der Ortsname Stangendotf in Nordböhmen erinnere "an das Geschlecht der (von) Stange (Stango)"109. Der Ortsname ist slavi­ scher Herkunft: 1407 Trnecz de Stanowicz, 1457 und 1473 in Stanowiczich usw., erst 1665 Stangendorffl O . Mährische Ortsnamen - Zusammenfassung Wir sind am Ende der Durchsicht der herangezogenen Ortsnamen. In der Beurtei­ lung kann ich mich kurz fassen: entgegen der von W. Wann vorgebrachten und so überzeugend klingenden These, daß die Forschungen zu den "einmaligen Bezie­ hungen zwischen der Mährischen und der Westfälischen Pforte ein ganz neues und reichhaltiges Material an Familien-, Orts- und Flurnamen ... " erbracht hätt en ll\ muß festgehalten werden, daß die herangezogenen Ortsnamen nur in wenigen Fäl­ len belastet werden können. Vieles steht auf tönernen Füßen oder ist mehr als frag­ lich. Für eine Verbindung zum Wesergebiet sprechen folgende Namen: Braunsberg/ BruSp erk, Brunswerde (jewei ls zum Namen Brunos von Schaumburg), Füllstein/ 105 Hosa k-Snimek 1I 439. 106 Jahrbuch Museumsverein Hameln 1980/81, S. 82. 107 Ho sak- Sramek 1I 482. 108 Vgl. die vorsichtige Argumentation bei Ho sak- Srame k 11 482. 109 Wann/Scherzer, S. 34. 110 A. Profous , Mfstnf jmena v CecMch, Bd. 4, Praha 1957, S. 160. 111 W. Wann, Der Klüt 1948, S. 53. 144 Jürgen Udolph Akzeptiert werden können die Beziehungen der Familie Fülme-Füllste;n mit Mäh­ ren, die sich in dem oben diskutierten mährischen Burgennamen niedergeschlagen haben. Spezielle Verbindungen zu Hameln glauben Wann/Scherzer, S. 40 in den Perso­ nennamen "Hame! (Hamal) im Boskowitzer Bezirk westlich von Olmütz", ferner in einem gewissen "Hamelinus aus der nach Bischof Bruno benannten Siedlung Bruntal (später umbenannt in Freudentha I) und vor allem ein Haemler in ... Janes­ torph (Johannesthal, Kreis Jägerndorf)" erblicken zu können. Nichts davon läßt sich halten. Der Ort Bruntal ist nicht nach Bischof Bruno benannt (s. o.), der Per­ sonenname Haemler verrät Umlaut und damit Ableitung von dem altdeutschen Namen Hamilo, Hemilol20, bei allen drei Namen kommt eher der Hammel als Übername in Betracht als der Ortsname Hameln. Unstrittig ist die Herkunft derer von Hemenhusen aus dem Wesergebiet, die nach Olmütz und in die Nähe von Hotzenplotz ausgewandert sind l21, auch wird man nicht bestreiten können, daß "sich mit Achilles von Heimsen ... [und anderen] Bürger und Bauern aus Hameln und Umgebung in Olmütz angesiedelt haben kön ­ nen" 1 22. Und dennoch gibt es gegenüber der These, daß der Auszug über die Uckermark nach Pommern erfolgt ist, gewichtige Unterschiede, auf die noch einzu­ gehen sein wird. Verfehlt ist der Versuch, in dem mährischen Ortsnamen Hombok den Namen derer von Hohenbüchen (bei Alfeld/Leine) zu sehen (s. o.). Die Familie ist aber in Mäh­ ren nachweisbar und offenbar aus Südniedersachsen eingewandert. Eine spezielle Beziehung zu Hameln läßt sich allerdings nicht nachweisen l23. Ein Ritter mit dem Namen Eberhard von Horstelau erscheint in der umstrittenen Urkunde von 1264, zu der oben schon Stellung genommen wurde. Genauere Angaben zu einem Familiennamen Höxter fehlen. Die Herkunft der Familie von Hückeswagen (an der Wupper) ist unzweifelhaft. Über ihr Wirken in Mähren war schon oben die Rede. Eine besonde re Beziehung zu Hameln besteht aber nicht l24. Für den Familiennamen Kämmerer sind besondere Beziehungen zum Wesergebiet nicht nachzuweisen. 120 S. E. Förs temann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 1: Personennamen, 2. Aufl., Bonn 1900, S. 744. VgI. auch M. Gott schald, Deutsche Namenkunde, 5. Aufl., Berlin-New York 1982, S. 234. 121 Vgl. H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)57; F. v. Kl ocke, Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 37. 122 H. Do bbertin, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (12 84)?, Hildesheirn 1955, S. 4. 123 Ebenda, S. 2. 124 Vgl. H. Dobbertin, Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)40. • I Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 145 Konrad von Lachdoif erscheint in der strittigen Urkunde von 1264 und war wahr­ scheinlich Bürger von Minden125• Das Geschlecht von Landisbergen ist an Weser bei Leese und Estorf beheimatet; Hameln liegt weit ab126• Beziehungen zwischen Hameln und Mähren spiegeln sich dagegen in dem Namen des Ritters Tethardus Lothe wiederl21• Den Namen des Ortes Meinsen bei Minden trägt offenbar Herbordus de Meynhu­ sen, "der ... beim schlesischen Kloster Heinrichau begütert war" 128. Aber auch die­ ser Ort liegt von Hameln weiter entfernt. Auf die Umgebung von Rinteln verweist der von Wann herangezogene Familien­ name Rottorpe, nämlich auf die Wüstung RottorJ östlich von Rintelnl29• Allerdings handelt es sich erneut um einen Beleg der umstrittenen Urkunde vdn 1264. Die unzweifelhaft vorhandenen Beziehungen zwischen Schaumburg und Mähren schlugen sich auch darin nieder, daß Nikolaus von Schaumburg 1263 von Bruno ein Lehen zu Choryn bei Wallachisch-Meseritz erhielt 130. Nicht ganz so sicher sind die Beziehungen der in Mähren genannten von Spent­ hovel3l• Für spezielle Verbindungen zu Hameln nahmen W. Wann und W. Scherzer den Familiennamen Stockvisch in Anspruch132• H. Dobbertin hat jedoch mit Recht dar­ auf verwiesen133, daß ein Ritter namens Stocvisch 1283 in Diensten der Grafen von Schwerin gestanden hat. Auch zu diesem Gebiet hat Mähren unzweifelhaft Bezie­ hungen unterhalten. Besser steht es um den 1256 genannten Helmbert de Turri, einen Getreuen Brunos, "der vom Turmhofamt bei Möllenbeck abstammte"134. Das betrifft auch einen "nicht genauer bezeichneten Beamten Brunos: Johann Vro­ lenwezen oder Frolebsen aus der Gegend von Hameln, der 1273 mit 10 Hufen zu Katscher bei Troppau belehnt wurde"l35. H. Dobbertin meint zwar, daß es sicher- 125 Ebenda. 126 Ebenda, S. 38. 127 H. Dobbertin, Wohin zogen die Hämeischen Kinder, S. 4. 128 Ebenda, S. 43; vgl. auch F. v. Klo cke, Westfalen und der deutsche Osten vorn 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 38. 129 Vgl. W. Laur, Die Ortsnamen in Schaumburg, Rinteln 1993, S. 73. 130 F. v. Kl ocke, Westfalen und der deutsche Osten vorn 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 36. 131 Man vergleiche H. Dobbertin, Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1,1986,40f. 132 Wann/ Sc herzer, S. 39. 133 H. Dobbertin, Wohin zogen die Hämeischen Kinder, S. 3 f. 134 Wa nn/Sc herzer, S. 36; F. v. Kl ocke, Westfalen und der deutsche Osten vorn 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 34; vgl. auch H. Dobbertin, Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)42f. 135 F. v. Kl ocke, a. a. 0., S. 36 f. 148 Jürgen Udolph und M. Rumpfl49: "Wann behauptet, es habe sich um die niederen Schichten der Bevölkerung gehandelt. Dazu wäre zu sagen: Diese Bevölkerungsschichten hatten im l3. Jahrhundert noch keine Familiennamen. Die bürgerlichen Familiennamen bildeten sich damals erst langsam beim Patriziat heraus". Daß die niederen Schich­ ten gerade keinen Anteil an der Siedlung in Mähren hatten, hat auch - vielfach unbemerkt - der S9 gern von W. Wann und W. Scherzer herangezogene F. v. Klocke Jahrzehnte vorher bemerkt: "So wird durch günstige Urkundenüberliefe­ rung für das Schaumburg-Olmützer Kolonisationsbemühen einmal der westfälische Ritteranteil am Ostunternehmen ... nach Umfang und Bedeutung klar erkennbar ... Hingegen bleibt der Anteil westfälischer Bauern an der Schaumburger Siedlung in Mähren viel unklarer als der in Holstein"150 [Unterstreichung von mir, J.H ]. Hinzu kommt, daß das mit der Rattenfängersage zusammenhängende Ereignis zeit­ lich später als die mährische Kolonisation schaumburgischer Adeliger anzusetzen ist. Das unterstrich - ganz unabhängig von der Rattenfängersage - der von W. Wann und W. Scherzer gern zitierte F. v. Klocke: "Daß der ländliche Siedlungsbe­ reich in Mähren nach Brunos Tod noch nennenswerten Nachschub aus Westfalen erhielt, läßt sich nicht annehmen" 151. Ein halbes Jahrhundert später führte G. Schnath diese Tatsache als für ihn wichtigstes Argument gegen die Mährenthese an: "Anläßlich des 61. Niedersachsentages in Hameln 1980 [lehnte] ... Schnath ... Wanns Auslegung ab, weil die Besiedlung des Bistums Olmütz schon 1240150 stattgefunden habe" 15 2 . Bischof Bruno starb 1281. Der Einfluß aus dem Wesergebiet ließ rapide nach. W. Wanns Behauptung, im l3. Jahrhundert habe "von den ... zur engeren Wahl ste­ henden fünf Ländern: Neumark, Brandenburg, Oberschlesien, Westgalizien, Nord­ mähren und Oberungarn ... letztlich nur eine einzige Landschaft ... zur fraglichen Zeit nachweisbar enge und in ihrer Art auffallende Kolonisationsbeziehungen zumindestens zur unmittelbaren Hamelner Nachbarschaft unterhalten ... : das einen Bestandteil Alt-Mährens bildende Olmützer Bischofsland"153, ist falsch und ent­ schieden zurückzuweisen. Sie berücksichtigt nicht die entscheidende Bedeutung der Schlacht bei Bornhöved (1227). Die Niederlage des dänischen Königs führte zum Zusammenbruch der dänischen Vormachtstellung und zum Aufstieg des deutschen Ostseehandels. Die Barrieren für die deutsche Ostsiedlung, vor allem in die ostsee­ nahen Länder Mecklenburg, Pommern, Ostpreußen und in das Baltikum, waren durchbrachen. Dieses sollte sich auch in den Orts- und Flurnamen dieser Gebiete niederschlagen und ist deshalb von erheblicher Bedeutung, weil für W. Wann die 149 In: Heimat und Volkstum. Bremer Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde 1962/63, Bremen 1966, S. 58. 150 F. v. Kl ocke, Westfalen und der deutsche Osten vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, Münster 1940, S. 38. 151 Ebenda, S. 44. 152 C. Soe temann, Nordost-Archiv 74(1984)15. 153 W. Wann, Wolfgang Wann, Die Lösung der Hamelner RaUenfängersage, Diss. Wiirzburg 1949, S. 49 f. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 149 aus dem Namenmaterial erarbeiteten Paralle l en die entscheidenden Argumente für Mähren als Ziel des "Rattenfängerauszuges" darstellen. Diese Tatsachen sind auch von Kritikern der Wannschen These nicht immer genügend beobachtet worden. Die Gegenposition: Pommern und benachbarte Gebiete Wir hatten bereits gesehen, daß W. Wann auf onomastischem Gebiet entscheidende und schwerwiegende Fehler unterlaufen sind. Von seinem Material bleibt fast nur im Bereich der Personennamen Be lastbares übrig. Ganz anders sieht es dagegen bei einem Verg leich der Namen des Weserberg landes und dessen Umgebung mit denen Pommerns, der Uckermark und weiterer Ziele der deutschen Ostkolonisation aus. • Dazu soll jetzt übergegangen werden. Es darf schon hier bemerkt werden, daß ich im wesent lichen mit der Meinung von H. Dobbertin übereinstimme, der in zahlreichen Beiträgen 154 den Nachweis zu erbringen versuchte, daß die Beziehungen des Hame lner Raumes mit denen Pom­ merns und den angrenzenden Gebieten viel enger als mit denen Mährens waren. Es wird allerdings auch darauf verwiesen werden müssen, daß ihm - ebenso wie W. Wann - bei der Behandlung der Orts- und Personennamen schlimme Fehler unter­ laufen sind. Die mit der deutschen Ostsiedlung verbundenen Aspekte sind vielfach behande l t worden. Ich werde darauf nur am Rande eingehen und nur insoweit, wie sie für das Weserbergland und den Hamelner Raum von Bedeutung sind. Hinweise dazu fand ich vor allem in den Beiträgen von C. Kro llmannl55, F. Bertheaul56, E. Weisel57, F. Morrel58, W. Kuhn159 und in dem Sammelband Die deutsche Ostsiedlung des Mit­ telalters als Problem der europäischen Geschichtel6 o• Ortsnamen Uns soll im fo lgenden nur der namenkundliche Aspekt beschäftigen, vor al l em die Frage, ob die nach Osten wandernden Siedler durch mitgenommene Namen etwas zu ihrer Herkunft aussagen können. An erster Stelle stehen dabei die Ortsnamen. 154 Man vergleiche die in der Literaturliste verzeichneten Beiträge. 155 Die Herkunft der deutschen Ansiedler in Preußen, Zeitschrift des Westpreußischen Geschichts­ vereins 54(1912)1-103. 156 Die Wanderungen des niedersächsischen Adels nach Mecklenburg und Vorpommem, Zeit­ schrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 80(1915)1-37, 351-395. 157 Niedersachsens Leistung für den deutschen Osten, Stader Jahrbuch 1956, S. 43-69. 158 Der Adel in der deutschen Nordostsiedlung des Mittelalters, in: Deutsche Ostforschung. Ergeb­ nisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg 1( 1942)463-485. 159 Geschichte der deutschen Ostsiedlung in der Neuzeit, Bd. 1-2, Köln-Graz 1955/57. 160 Reichenau Vorträge 1970-1972, Hrsg. v. W. Schlesinger, Sigmaringen 1975. 150 Jürgen Udolph Durch die fortschreitende Bearbeitung der mitteldeutschen Namen sind die Ver­ gleichsmöglichkeiten in der letzten Zeit erheblich besser geworden. Nicht zuletzt durch die Arbeiten am Brandenburgischen Namenbuch161 ist die Basis für Verglei­ che zwischen westdeutschen und mitteldeutschen Namen erheblich verbessert wor­ den. Dabei haben sich die Autoren auch den Namenübertragungen zugewandt; jeder Band des Brapdenburgischen Namenbuchs enthält einen Abschnitt, in dem mutmaßliche Namenentsprechungen diskutiert werden. Weiterhin ist eine im Druck befindliche zusammenfassende Studie von S. Wauer mit reichhaltigen Literaturan­ gaben zu berücksichtigen16 2, in der die Problematik der Namenübertragung am Bei­ spiel der Uckermark ausführlich behandelt worden ist. Nach diesen einleitenden Bemerkungen soll zu einzelnen Ortsnamen, die im Zusammenhang mit der deutschen Ostsiedlung als Übertragungen diskutiert wor­ den sind und Hinweise auf die Herkunft der Siedler geben könnten, übergegangen werden. 1.) Alt/eide bei Marienburg. H. Dobbertin vermutete163, ",daß der Vogt Johann von Alfeld 1283 in Masuren als Vasall des Grafen Nikolaus von Spiegelberg verschollen ist', auch mit weiteren genealogischen Perspektiven, z. B. auf Gründung des Dorfes Altfelde bei Marienburg". Diese Gleichsetzung ist in jeder Hinsicht verfehlt, sowohl hinsichtlich des ON. Alfeld (Leine), der mit niederdeutsch old "alt" nichts zu tun hat, wie auch des ON. Alt(en)feld(e) bei Marienburg, heute polnisch Stare Pole, 1330 Aldenvelt, 1398 Aldefeld, 1565 Althfelth alias Stare Pole USW.164• Schon an diesem einen Beispiel kann man sehen, daß auch den Gegnern der Mähren-These W. Wanns auf namenkundlichem Sektor grundlegende Kenntnisse fehlen. 2.) Altschaumburg an der Oder (nördlich von Küstrin), 1460 Schawenborch, heute polnisch Szumilowo, ist von H. Dobbertin zunächst165 als "nach den beiden gleich­ namigen Grafenfamilien des Weserberglandes benannt" aufgefaßt worden. Später präzisierte er diese Angabe und sah in dem Ortsnamen einen Bezug auf die Bran­ denburger Markgräfin Heilwigis von Schaumburg-Holstein166• In jedem Fall ist seine Bemerkung wichtig, daß der Name nicht beweise, daß "die Grafen von Schaumburg-Holstein einseitig die Olmützer Kolonisation unterstützt haben" 167. 161 R. E. Fischer, Die Ortsnamen der Zauche; ders., Die Ortsnamen des Kreises Belzig; • G. Schlimpert, Die Ortsnamen des Teltow; R. E. Fischer, Die Ortsnamen des Havellandes; G. Schlimpert, Die Ortsnamen des Barnim; S. Wauer, Die Ortsnamen der Prignitz; G. Schlimpert, Die Ortsnamen des Kreises Jüterbog-Luckenwalde; C. Willich, Die Ortsna­ men des Landes Lebus; S. Wa uer, Die Ortsnamen der Uckermark. 162 Für die Übersendung einer Kopie des Beitrages danke ich S. Wauer (BerIin) sehr herzlich. 163 Brieflich an A. Cammann, vgl. A. Cammannn, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 27(1984)48. 164 Vgl. die ausführliche Darstellung des Namens bei H. G6rnowicz, Toponimia Powisla Gdans­ kiego, Gdansk 1980, S. 29 sowie B. Czopek-Kopciuch, Adaptacje niemieckich nazw miejsco­ wych w j�zyku polskim, Krak6w 1995; S. 146. 165 Fabula 1(1 957/58)145. 166 H. Dobbertin, Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 19. 167 H. Dobbertin, Wohin zogen die Hämeischen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 47. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 151 3.) Verschiedentlich ist vermutet worden, daß der nahe bei Hindenburg (zu diesem Namen s. unten) in der Uckermark liegende ON. Baßdoif von Lippe übertragen worden sej168. Dabei ist aber der westfälische Vergleichsname nicht genannt wor­ den, ich vermute, daß man an Basdorf, eine Wüstung bei Minden, oder an Basdorf bei Korbach (Hessen-Waldeck) gedacht hat. In jedem Fall muß der Vergleich auf­ gegeben werden, da die alten Belege für Baßdorf (Uckermark) 1335 Bartoldes­ dorp, 1375 Bartilsdorp, 1486 Berstorff, 1527 Bergestroff usw., um 1720 Bars­ dorff69, eindeutig auf Ableitung von einem sta rk flektierenden Personennamen Barthold weisen170, während die beiden westdeutschen Toponyme ganz anderer, z. T. noch ungeklärter Herkunft sind: Basdorf bei Korbach in Waldeck ist nach dem Westfälischen Urkundenbuch, den Zusammenstellungen bei Erhard, Regesta Historiae Westfaliae und anderen Quellen alt nur überliefert als Barstorp, Borstorp. Eine Ableitung von Berthold, Barthold liegt keineswegs vor. Die ältesten Belege für die Wüstung Bastorpe bei Minden am Bach Bastau sind 1181 Bastorpe, ca. 1191 Basthorpel7l, worin E. Förstemann172 vielleicht mit Recht eine Ableitung von dt. Bast sieht. Die Verbindung mit dem Osten ist m. E. nicht überzeugend. 4.) In dem ON. Beweringen, heute poln. Bobrowniki (Stargard), einem ON. bei Marienfließ, poln. Marionowo (östlich von Stargard), sieht H. Dobbertin173 mit Recht eine Übertragung von Beveringen bei Pritzwalk und weiter von Beverungen an der Weser. Jüngere Untersuchungen bestätigen diese Auffassung nachhaltig. So hat S. Wauer den ON. Beveringen bei Pritzwalk behandelt und ihn aufgrund der alten Belege 1368 Beueringhe, 1376 in Beueringen usw. als Übertragung von Beve­ rungen an der Bever bei Höxter angesprochen. Wichtig ist ihre Bemerkung, daß keine Bildung "PN. Bever ,Biber' + -ingen" vorliegen kann, "da zur Zeit der mittel­ alterlichen deutschen Ostsiedlung Namen mit dem Suffix -ingen nicht mehr gebil­ det wurden" 174. Zum ON. Beverungen an der Weser, 826-876 Beuerungen, am Rand: Beuerungen, 1155 de curia Beueringen, (11 62) de curia Beveringen, (1205- 16) Heinricus de Beverungen, (1223-54) Conradus de Beverunge, 1238 (K.) Con­ rado de Beverungen, 1252 Conradus de Beuerungen, 1252 Conradus de Beuerunge, 1256 dictus de Beuerungen, 1300 (oder 1306) (A.) in Beverungen, 1266 Bertoldus de Beverungen, 1262 mi/es de Beverungen, 1283 villa Beuerungen, (vor 1284) in inferiori Beverungen (Nieder-Beverungen), 1284 in minori Beverungen (Nieder- 168 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; unter Vorbehalt akzeptiert von S. Wauer (im Druck). 169 L. Enders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VIII: Uc kermark, Weimar 1986, S. 48. 170 So auch mit Recht von L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 48, angenommen. 171 Regesta Historiae Westfaliae accedit Codex Diplomaticus, bearb. v. H. A. Erhard, Bd. 2, Teil 1, Münster 1851, Nr. 420; Hamelner Urkundenbuch, Bd. 1, Nr. 8. 172 E. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 2: Orts- und sonstige geographische Namen. I. Hälfte A-K, hrsg. von H. Jellin ghaus, Bonn 1916, S. 372. 173 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1 959) 146 f. 174 S. Wauer, Die Ortsnamen der Prignitz, Weimar 1989, S. 61. 152 Jürgen Udolph Beverungen), 1399 an Beverungenl75, einer hocha ltertümlichen Ab leitung zum Flußnamen Bever, habe ich an anderem Ort Stellung genommen 176. Der Wechsel zwischen -ing- und -ung- ist häufiger zu beobachten; man kann im allgemeinen eine Entwick lung von -ung- >-i ng- feststel len. Die Beobachtung von S. Wauer ist deshalb so bedeutsam, weil es sich bei den Namen in der Prignitz und in Pommern aufgrund des nicht mehr produktiven Suffixes nur um eine Namenübertragung handeln kann und nicht um Schöpfungen aus dem lebendigen Wortschatz. 5.) Dem Vorsch lag von L. Enders177, in der Namenparalle lität B;schofshagen, Wüstung bei Greiffenberg (Uckermark) - Bischofshagen (bei Löhne in Westfalen) eine Übertragung aus dem Westen zu sehen, ist S. Wauer gefolgt178. Bischofshagen bei Greiffenberg ist wie folgt be legt: 1375 Byscoppeshaghen, 1416 to Byschopsha­ gen, 1481 zu Bischofshagen, 1498 zu pischoffeshagen USW.179, für Bischofshagen in Westfalen habe ich einen Beleg von 1318 in den Bischopeshagen ... 180 gefunden 181. Zu weiteren -hagen-Ortsnamen wird weiter unten noch Stel lung genommen. 6.) Bei jedem Namen ist sorgfältig zu prüfen, ob die Verbindungen korrekt sind. Nach S. Wauer ist der Versuch von L. Endersl8 2 , den uckermärkischen ON. Bo;­ ster/eide ("bis ins 19. Jahrhundert hinein "Biesterfelde" gesprochen ... "), auf Bie­ sterfeld in Westfalen (südlich von Lügde bei Bad Pyrmont) zurückzuführen, abzu­ lehnen, denn dieser "kann nicht auf BiesterfeldlWestfalen zurückgehen, da dieser Ort weit jünger ist"183. Für sich genommen ist das richtig, aber offenbar sind die Verhältnisse bei dem westfälischen Namen etwas komplizierter. Klar dürfte sein, daß der uckermärkische Name auf altes Bi(eJsterfeld zurückgeht: 1375 Bistervelt, 1528 Biestenfeldt, 1629 Biesterfeldt (FlurN.)184. Der westfä lische Name Biesterfeld süd lich von Bad Pyrmont geht auf eine Meierei zurück, die (zusammen mit anderen) zur Zeit von Simon VI. im 16. Jahrhundert entstanden istl85. Zu beachten ist aber sowohl eine Adelsfamilie Lippe-Biesterfeld, 175 Regesta Historiae Westfaliae accedit Codex Diplomaticus, bearb. v. H. A. Erhard, Bd. 2, Teil 1, Münster 1851, S. 47,80; Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 4, S. 16, 82, 181, 302, 369, 470, 539, 818, 835, 836 ; H. Sudendorf (Hrsg.), Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Bd. 8, S. 348. 176 J. Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin - New York 1994, S. 155. 177 Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50. 178 S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, Weimar 1996, S. 68. 179 Ebda., vgl. auch L. En ders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VIII: Uckermark, Weimar 1986, S. 86. 180 Westfäl. Urkundenbuch, Bd. 9, S. 794. 181 Dazu vgl. auch G. Engel, Des Bischofs "Hagen", Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Löhne, Sonderheft 1, Löhne 1974, S. 33-44. 182 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; vgl. auch dieselbe, Jahrbuch für Wirt- schaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85. 183 Die Problematik der Namenübertragung am Beispiel der Uckermark (im Druck). 184 S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 72. 185 Vgl. E. Kittel, Geschichte des Landes Lippe, Köln 1957, S. 82. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 153 die Graf Jobst Hermann (1625-1678) begründet hat, wie auch der alte und bisher nicht sicher erklärte Wüstungsname Biest bei Lemgo, 12. Jahrhundert und später Bist, Biest, der auch dem Biesterberg und der Biestermark bei Lemgo seinen Namen gegeben hat. Auch als Familienname erscheint diese Bezeichnung, z. B. 1293 als lohanne de Bist 186. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Boisterfelde in einer Beziehung zu Biest, Biesterberg, Biestermark und auch Biesterfelde steht, wobei zuzugestehen ist, daß von diesen Biesterfelde der · jüngste Name in Lippe zu sein scheint. Die Familie Lippe-Biesterfeld muß jedoch ihren Namen auch aus dieser Gruppe erhalten haben. Ich meine, man kann die Verbindung mit Boisterfelde aufrecht erhalten, zumal weitere Übertragungen in den benachbarten Ortsnamen Hindenburg und Hammelspring (zu beiden s. u.) vorliegen . 7.) Auf Beziehungen zwischen Bischof Bruno und Ostpreußen weisen Wann! Scherzer selbst hin: dessen Teilnahme an einem Feldzug "scheint mit der Benen­ nung der wohl 1254 gegründeten Stadt Brallnsberg (Brunsberg) im preußischen Ermland honoriert worden zu sein" 187. Allerdings ist diese weit verbreitete Annahme mit einem kleinen Fragezeichen zu versehen: Braunsberg, heute poln. Braniewo, ist bereits 1249 in der Form Brusebergue überliefert, erscheint zwar 1254 als Brunsberg, dann aber (1274-75) wieder etwas abweichend als Brunen­ bereh, und gewinnt erst später Stabilität in den Formen Brunsberg, Braunsbergl88• Während K. Rymut nur darauf verweist, daß 1249 eine Bezeichnung für ein preu­ ßisches Dorf vorliege, hat S. Rospond wohl mit Recht in dem Beleg von 1249 einen preußischen Namen gesehen, der dann von den deutschen Kolonisten an den Namen Brunos angeglichen worden sei ("nadali mu pr. m. [den preußischen Namen, J. U] przeinaczaj�c nazwy na niem. Brunsberg ku czci sw. Brunona"). Ganz so sicher ist also die Verbindung mit dem Namen Brunos nichtl89• 8.) Auf Beziehungen zur Weser weist aber der ON. Dahlhallsen bei Pritzwalk in der Prignitz hin. Seine historischen Belege (1487 dat dorp Dalehusen, 1503 Dal/­ husen, 1581 Dalhausen, 1601 Dahlhausen, 1652 Dalhausen) stützen die von S. Wauerl90 angenommene Übertragung von Dalhausen bei Beverungen an der Weser, 9.- 11. Jh. (auch Kopie 1479) Daelhusen. Nicht zuletzt die Nähe zu Beverun­ gen bzw. Beveringen bei Pritzwalk spricht nach ihrer Ansicht für diese Auffassung. 9.) Ähnlich verhält es sich mit dem ON .. Eberstein bei Naugard, heute poln. Wojcieszyn. Es handelt sich zweifelsfrei um eine Übertragung, die auf Burg, Herr­ schaft und Familie (von) Everstein bei Holzminden zurückgeht. Ausführlich hat 186 Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 4, S. 1017. 187 Wann/S cherzer, S. 23 f. 188 S. Rospond, Slownik etymologiczny miast i gmin PRL, Wroclaw usw. 1984, S. 37; K. Rymut, Nazwy miast Polski, Wroclaw usw. 1980, S. 41. 189 Etwas anders beurteilt B. Czope k-Kopciuch, Adaptacje niemieckich nazw miejscowych w jcrzyku polskim, Krakow 1995, S. 155 den Namen. 190 Die Ortsnamen der Prignitz, Weimar 1989, S. 79. 154 Jürgen Udolph sich dazu und zu den intensiven Verbindungen der Familie mit Pommern H. Dob­ bertin geäußertl91, man vergleiche auch die Ausführungen von A. Hofmeisterl92• 10.) Daß man seine Phantasie auch gelegentlich zügeln muß, zeigt der ON. Fanger, jetzt poln. W�gorza, bei Naugard, 1461 Vanger. Daß diesem ON. slavisch *vQgorb "Aal" zugrunde liegt, hätte schon ein Blick in die wirklich nicht unbekannten Arbeiten von R. Trautmann 193 gezeigt; auch für H. Dobbertin 194 ist dieses ein "zweifellos slavischer Ortsname". Dennoch hat auch er damit spekuliert, dieser Name könne in Verbindung mit den benachbarten Pipenborg und Roden Vehr zur Namenbildung und Vorstellung von einem "Rattenfänger" und "Piper" /Pfeifer beigetragen haben 195. Noch weiter ging A. Cammann mit der Vermutung, ob sich nicht "aus dem Herrschaftsnamen Roden Vehr - Fanger der Beiname Rattenfänger [hätte] bilden können für jenen Nikolaus .. . ? Das sind gewagte Thesen, aber des Nachdenkens wert"I96. Diese Spekulationen führen viel zu weit, selbst wenn man � zugestehen muß, daß die hier angesprochene Gegend von Hameln aus besiedelt worden istl97• 11.) Fraglich ist auch die Ansicht von H. Dobbertinl98, der Name der Familie von Mansfeld-Friedeberg (Vredeberch, Vriberch) lebe angeblich in etlichen Ortsnamen der Neumark, Schlesiens und Mährens fort, so in 1. Friedeberg, poln. Strzelce Kra­ jeftskie (in der Nähe auch Mansfelde, heute poln. Lipie G6ry, also wahrscheinlich übertragen von Mansf eld), nahe der Netzemündung, 1272 (Strzelecz), 1334 Vrede­ breg, 1433 Strzelcze, 1440 Strzelcel99, 2. in Friedeberg, heute poln. Mirsk, bei Grünberg, 1337 Fridberge, 1346 Frideberg, 1687 Fridberg200, 3. in Hohenfriede­ berg bei Striegau, heute poln. Dobromierz, 1565 Hochfridberg USW.201, 4. in Friede- 191 In: Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1 959)1 45 f.; ders., Wohin zogen die Hämeischen Kinder (1284)1, Hildesheim 1955, S. 47ft., 54; ders., Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 19; ders., Livland- und Preußenfahrten westdeutscher Fürsten,Grafen und Edelherren im 13. Jahrhundert, Sonderdruck Dortmund 1962, S. 40 f.; ders., Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 29(1986)268; ders., Fabula 1(1 957/58)145; ders., Die Piastin Richza von Everstein und ihre Verwandtschaft, Archiv für schlesische Kirchengeschichte 15(1957)1-1 4. 192 A. Ho fmeister, Zur Genealogie und Geschichte der Grafen von Everstein in Pommern, Monatsblätter der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde 51( 1937)17- 28. 193 R. Traut mann, Die Elb- und Ostseeslavischen Ortsnamen, Teil 2, Berlin 1949, S. 61; ders., Die slawischen Ortsnamen Mecklenburgs und Holsteins, 2. Aufl., Berlin 1950, S. 159. 194 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)54. 195 H. Dobbertin, Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart 43(1975)63. 196 A. Cammann, Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenkschrift), Bremen 1957, S. 73. 197 H. Dobbertin, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)90. 198 Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 19; ders., Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5,1959,133 f. 199 S. Rospond, Slownik etymologiczny miast i gmin PRL, Wroclaw usw. 1984, S. 372. 200 K. Ry mut, Nazwy miast Polski, Wroclaw usw. 1980, S. 153. 201 Slownik etymologiczny nazw geograficznych Sll/-ka, Bd. 2, Warszawa-Wroclaw 1985, S. 119. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 155 berg am Altvatergebirge, cechisch Frydberk, heute Zu/ova, 1325 Vredberg, 1348 castrum Vredberg USW.202 und schließlich 5. in Frideberch, cechisch Mistek bei Mähr. Ostrau, 1267 Frideberch, 1288 Vridberg USW.203. Eine Üb erprüfung der einschlägigen onomastischen Literatur (S. Rospond, K. Rymut, Hosak-Snimek) zeigt, daß die genannten Namen kaum anders als als typi­ sche "Gründungsnamen" mittelalterlicher Städte204 aufgefaßt werden können und zu dt. Friede und Berg bzw. Burg gehört. Damit wird in diesem Fall - unbeabsich­ tigt - die Möglichkeit einer Verbindung zwischen dem Mansfeldischen und Nord­ mähren, die W. Wann und W. Scherzer vielleicht nicht unwillkommen gewesen wäre, höchst unwahrscheinlich. 12.) Ebenfalls zurückzuweisen ist die von L. Enders205 vermutete Beziehung zwi­ schen Fürstenau in Westfalen und Fürstenau in der Uckermark, man vergleiche die • Kritik von S. Wauer206. • 13.) Ganz anders steht es mit den -hagen-Ortsnamen, deren besondere Problematik in Verbindung mit dem Hägerrecht hier gar nicht diskutiert werden soUZ07. Wichtig sind hier nur Verbindungen zwischen -hagen-Namen. So betonten W. Wann und W. Scherzer208, daß Wüsten hagen im Olmützer Gebiet besonders an die "in der Grafschaft Schaumburg zahlreichen -hagen-Siedlungen - ehemalige Rodungssied­ lungen - ... " erinnere. Setzt man dem die Verhältnisse in Brandenburg, Pommern, der Neumark und wei­ teren durch die deutsche Ostsiedlung erreichten Territorien gegenüber, so zeigen einige Zitate den bedeutend größeren Umfang: "Fast ganz auf das pommersehe Uckerland beschränkte sich bei der Namenbildung die Verwendung des Grundwor­ tes -hagen. Es verweist auf westfälischen Siedlungseinfiuß, der von Schaum burg­ Lippe ausgehend über Mecklenburg und Pommern anhand zahlreicher Namenbe­ lege erkennbar und unter pommerscher Herrschaft bis in die Uckermark gelenkt worden ist"209, "Planmäßige Hagensiedlungen entstanden, von Schaumburg-Lippe ausgehend, in Mecklenburg und Pommern, vorwiegend an der Ostseeküste und am Oderhaff, doch auch im Binnenland, vornehmlich auf dem Territorium der Fürsten von Werle-Güstrow, in einem breiten Landstreifen zwischen Müritz- und Kumme- row-See bis zur Tollense hin. Die unter pommerseher Herrschaft bis 1250 im Uckerland vollzogene Gründung der Hagen-Dörfer kann nicht isoliert von diesem 202 Ho sak- Snimek I 222 f. 203 Ebenda 11 78 f. 204 Dazu vergleiche man jetzt C. Stüh ler, Die "Gründungsnamen" der mittelalterlichen Klöster, Burgen und Städte in Hessen, Frankfurt/Main 1988, speziell S. 82 ff. 205 L. Enders, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85. 206 Die Problematik der Namenübertragung am Beispiel der Uckermark (im Druck); dies., Die Ortsnamen der Uckermark, S. 106 f. 207 Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die Göttinger Magisterarbeit von T. Dahms, Untersuchungen zu den Hagen-Orten im Harzvorland (1995). 208 W. Wann, W. Scherzer, Der Rattenfänger von Hameln ... , München 1984, S. 28. 209 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 52. 15 6 Jürgen Udolph Trend geschehen sein, zumal die Siedler zu einem Teil aus dem westfälischen Hagen-Gebiet stammten"21O. Speziell zur Uckermark bemerkt S. Wauer211 : "Das im nördl. Teil der Uckermark häufig vertretene GW steht mit dem Siedlungszug von Westfalen nach Mecklenburg und Pommern in Verbindung". Eines der Ausgangsgebiete hat jüngst W. Laur namenkundlich bearbeitetz12 und zur Verbreitung ähnliche Schlußfolgerungen gezogen: "Die ersten Erwähnungen von -hagen-Namen finden wir in Westfalen ... Von hier aus haben sie sich wohl mit den Schaumburgern nach Schleswig-Holstein verbreitet und vom östlichen Niedersach­ sen weiter nach Nordosten"213. Man vergleiche dazu auch die Ausführungen von R. Weiß214 und F. Engel2l5• Ich denke, daß diese Bemerkungen ausreichen, um die intensiven Kontakte des Wesergebietes mit dem Nordosten deutlich zu machen. Spärliche Spuren nach Mähren können das nicht ausgleichen. 14.) Hameln und dessen engere und weitere Umgebung stand bei den bisherigen Namenparallelen schon des öfteren zur Debatte. Daß sich dieses in der Diskussion um die Beziehungen des Mutterlandes mit den ostdeutschen Kolonisationsgebieten gut einpassen läßt, machen einige Zitate deutlich. Dem zwanzig Kilometer entfern­ ten Kloster Wülfinghausen schenkt 1250 der Herzog Barnim von Pommern seine Kirche in Pyritz (südlich von Stargard). "Der Geleitbrief des Erzbischofs von Mag­ deburg zeigt, daß Vertreter des Klosters in der betreffenden Zeit im Osten unter­ wegs waren, um Stiftungen zu erhalten ... "216. Die ungewöhnliche Beziehung blieb in den historischen Quellen ohne Folgenotizen, aber der Vorfall als solcher ist schon bemerkenswert. Für die nördliche Uckermark unterstreicht L. Enders217, daß sie "von Norden und Nordwesten her aus dem holsteinisch-mecklenburgischen und westfälisch-niedersächsischen Raum beeinflußt" ist218. Schon seit 1158 holte "Erz­ bischof Wichmann von Magdeburg ... Kolonisten, unter anderm aus Flandern und Westfalen, in seine ostelbischen Besitzungen"219. 210 Dies., Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 87. 211 Die Ortsnamen der Uckermark, S. 329. 212 W. Laur, Die Ortsnamen in Schaumburg, Rinteln 1993, S. 93- 100. 213 Ebenda, S. 94. 214 Über die großen Kolonistendörfer des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts zwischen Leine und Weser ("Hagendörfer"), Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 1908, S. 147- 174. 215 Das Rodungsrecht der Hagensiedlungen, Hildesheim 1949. 216 U. Hag er, Einleitung zum Urkundenbuch des Klosters Wülfinghausen, Hannover 1990, S. 3. 217 Die Uckermark, Weimar 1992, S. 51. 218 Vgl. auch L. Enders, Siedlung und Herrschaft in Grenzgebieten der Mark und Pommerns seit der zweiten Hälfte des 12. bis zum Beginn des 14. Jh. am Beispiel der Uckermark, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (1987), Heft 2, S. 73-128. 219 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 45 (mit Literatur-Hinweisen). • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 157 In dieses Umfeld gehört wohl eine der auffälligsten Namenparallelen zwischen dem Hamelner Gebiet und dem Nordosten: die Verbindung zwischen Hame/springe im Kreis Hameln-Pyrmont und Hamme/spring in der Uckermark. Harne/springe am Süntel westlich von Bad Münder erscheint seit 1163 mit geringen Schwankungen als Hame/spring, in Verbindung mit Personennamen als Hame/­ springe und Hame/sprynghe�20. Die Deutung des Namens ist einfach: hier ent­ springt die Hame/, die später bei Hameln in die Weser mündet. Dieser durchsich­ tige Name ist in die Uckermark übertragen worden221 und heißt dort heute Ham­ me/spring (bei Zehdenick). Der älteste Beleg stammt aus dem Jahr 1375: Have/­ spryng, wenig später (1438) erscheint Hame/springe222. Der erste Beleg suggeriert, daß hier die Havel entspringen würde; diese liegt jedoch etliche Kilomter entfernt und spielt für den Namen des Ortes keine Rolle223• Die Übertragung des ON. darf als gesichert bezeichnet werden224. Es besteht Grund zu der Vermutung, daß Con­ rad 11. von Hamelspringe entscheidend bei der Kolonisation in die Gebiete nördlich von Berlin mitgewirkt bat225• In der Chronik von Hamelspringe heißt es dazu bei H. Schiffling: "Auf der damals kürzesten Wegeverbindung in den pommerschen Kolonisationsraum, über Magdeburg, Brandenburg, Havelberg, Stettin in die Sied­ lungsgebiete Gollnow-Hindenburg-Naugard, mußte man hinter Havelberg über das Kloster Zehdenick und Prenzlau. Zwischen diesen beiden Städten gibt es unter anderen Angerdorfgründungen zwei Orte namens Hindenburg und einen Ort Hamme/spring. Es besteht die Vermutung, ... daß die Gründung von Hammel­ spring und die Orte Hindenburg auf das siedlungsunternehmerische Betreiben Conrads 11. von Hamelspringe zurückgeht"226. 15.) Die nötige Sorgfalt im Umgang mit den Namenmaterial ist vor allem in umstrittenen Fällen besonders wichtig. H. Dobbertin glaubt, einen 1254 in Riga erwähnten Begleiter des Grafen Adolf von Schaumburg mit dem Namen Heyde 220 Westfälisches Urkundenbuch; Calenberger Urkundenbuch; H. Sc hif fl ing, Hamelspringe, Die Geschichte eines Ortsteiles der Stadt Bad Münder am Deister, Bad Münder 1991; A. Würdt ­ wein, Subsidia dip!omatica; F. A. v. Aspern, Urkundliches Material zur Geschichte und Genealogie der Grafen von Schauenburg, Bd. 2, Hamburg 1850; Urkundenbuch des Klosters Rinteln, bearb. v. H.-R. Ja rck , Hannover 1982; Sudendorf. 221 Vgl. L. Enders, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85; S. Wauer, Die Orts­ namen der Uckermark, S. 124. 222 L. Enders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil 8: Uckermark, Weimar 1986, S. 398; S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 124. 223 W. Netze!, Der Söltjer 1976, 43; H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatver­ triebenen 5( 1959)143; S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 124. 224 H. Sc hif fling (wie oben), S. 8, 30 f.; L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 124. 225 Vgl. H. Sc hif fling, Chronik Hamelspringe, Bd. 1, Bad Münder 1980, S. 30 f.; H. Do bber­ tin, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 27(1955)88 f.; Kapitel "Die Kolonisati­ onsepoche des Edelhauses de Harne/spring als äußere Kolonisation" in: H. Sc hif fl ing, Hamelspringe. Die Geschichte eines Ortsteiles der Stadt Bad Münder am Deister, Bad Münder 1991, S. 66 ff. 226 H. Sc hi ffli ng, Chronik Hamelspringe, Bad Münder 1980, S. 30. 158 Jürgen Udolph von Heyen bei Bodenwerder herleiten zu können227• Vergleicht man damit die etwa zeitgleich belegten Formen dieses Ortsnamens im Kreis Holzminden (11 97 Hei­ gen228, 1304 (Kopie) in Eygen229, 1310 (Kopie 17. Jh.) in Heyen230, 1313 Heyen231, 1316 Heyen232 usw.233), so wird deutlich, daß diese Interpretation zurückzuweisen ist. 16.) Die schon genannten Orte Hindenburg sind ein weiterer wichtiger Aspekt in den Verbindungen des Weserberglandes mit dem Nordosten. Ausgangspunkt ist nach H. Dobbertin234 und anderen die bei dem heutigen Ort Hinnenburg, Ortsteil von Brakel westlich von Höxter, früher gelegene Burg und um 1265 von Edelherrn Bertold von Brakel gegründete Herrschaft Hindenburg235, 1237 Bertoldus de Hin­ deneburg, 1238 de Hindeneburg, um 1254 de Hindeneborgh, 1267 castrum Hynde­ neborch USW.236 Die "Familie Hindenburg stammt aus der Gegend von Beverun­ gen", heißt es knapp bei A. Cammann237• Mit hoher Wahrscheinlichkeit finden sich Übertragungen des Ortsnamens in den östlichen Kolonisationsgebieten in folgenden Orten wieder: a.) Hindenburg, heute poln. Kosciuszki238, bei Naugard, 1317 territorium Hynden­ borch, 1331 castra ... Hindenborgh USW.239, nach H. Dobbertin240 von Hameln aus besiedelt und ursprünglich Wohnsitz der Familie von Hindenburg241• 227 H. Dobbertin, Livland- und Preußenfahrten Westdeutscher Fürsten, Grafen und Edelherren im 13. Jahrhundert, Sonderdruck Dortmund 1962, S. 36. 228 Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 2, S. 252; H. Kleinau, Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, Teil 1, Hildesheim 1967, S. 281. 229 H. Kleinau, a. a. O. nach H. Sude ndorf (Hrsg.), Urkundenbuch zur Geschichte der Her­ zöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Bd. I, Hannover 1859, S. 109. 230 Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 10, Nr. 312; H. Dür re, Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen, Jg. 1880, S. 84. 231 UB. der Stadt Braunschweig, Bd. 4, Nachtrag, Nr. 292; H. Kleinau, a. a. O. 232 Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 10, Nr. 507; H. Kleinau, a. a. O. 233 Man vergleiche vor allem H. Kleinau, a. a. O. 234 H. Dobbertin, Fabula 1( 1957/58)145; der s., Wohin zogen die Hämelschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 36 f. 235 H. Dobbert in, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)54. 236 H. Schneider, Die Ortschaften der Provinz Westfalen bis zum Jahre 1300 nach urkundlichen Zeugnissen und geschichtlichen Nachrichten, Münster 1936, S. 65. 237 Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenk­ schrift), Bremen 1957, S. 70. 238 Zur polnischen Form vergleiche man A. Be lchner ows ka, Hydronymia Europaea, Lfg. 7, Stuttgart 1991, S. 84. 239 Ebenda. 240 Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)90; ders., Wohin zogen die Hämelschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 43 f. 241 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)142; übertragen auch nach L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; dies., Jahrbuch für Wirtschafts­ geschichte 1987, Heft 2, S. 85. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 159 b.) Hindenburg bei Stendal in der Altmark242, wo nach S. Wauer243 eine Burg nach­ zuweisen ist, 1283 jhm dorffe Hindenburg, 1327 ville Hindenburg, 1441 dorffe zeu Hindenborg, 1464 Conrades to hindenboreh, 1471 to hyndenboreh (2mal)244, nach H. Dobbertin245 vermutlich gegründet um 1208, da in diesem Gebiet 1208 ein Rey­ nerus de Hindenburg bezeugt ist246. c.) Lindenhagen bei Prenzlau, �rst 1949 umbenannt aus Hindenburg, 1269 Frederi­ eus de Hyndenborg, 1321 in villa Hindenboreh247• Eine Übertragung des Namens aus Westfalen nehmen auch L. Enders248 und S. Wauer249 an. d.) Hindenburg bei Templin, 1369 tu Hindenboreh bi Templin, 1375 Hyndenboreh usw. auch erwähnt 1438173, wo keine Burg nachzuweisen ist250. Dieses Dorf ist nach H. Dobbertin251 besonders interessant: "es wird nämlich 1438 und 1473 - zusammen mit dem unmittelbar westlich angrenzenden Dorfe Hammelspring - als Zubehör des Schlosses Zehdenick ... erwähnt". Eine Übertragung des Namens aus Westfalen nehmen auch L. Enders252 und S. Wauer253 an. e.) Nicht ganz sicher ist, ob hier auch Hindenberg bei Neuruppin einzureihen ist. Die Überlieferung zeigt kein Grundwort -burg: 1365 domus hindenberghe; Nyeo­ laus hyndenbereh, 1520 die veltmarekenn hindenbergk ... , 1540 der feldtmarek hinneberg254• Vielleicht liegt eher eine Bildung "hinter (dem) Berg" vor". Ich halte es für möglich, daß hier auch f.) Hindenberg bei Luckau in der Niederlausitz anzuschließen ist. Dessen Überlie­ ferung weist nicht auf -berg, sonder auf -burg: 1411 Hindenburg, 1482 Hindberg, Hindeberg, 1525 Hindenborg, Hindenborg, Hindenborgk, [1 527] Hindebergk. S. Körner, aus dessen Arbeit255 die Belege stammen, etymologisiert den Namen als "Siedlung am Hirschkuhberg zu ahd. hinta ,Hirschkuh"'. 242 H. Dobbertin, a. a. 0.; L. Enders, a. a. O. 243 S. Waue r, Die Problematik der Namenübertragung am Beispiel der Uckermark (im Druck). 244 Codex diplomaticus Brandenburgensis, hrsg. v. A. F. Riedei, Serie A, Bd. 5, S. 21, Bd. 17, S. 479, Bd. 25, S. 318, Band 5, S. 231,234,235. 245 Wohin zogen die Hämelschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 44 . 246 Zur Problematik vgl. auch S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckerrnark, S. 131. 247 Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil 8: Uckermark, Weimar 1986, S. 587; S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 165. 248 Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; dies., Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85 .. 249 Die Ortsnamen der Uckermark, S. 131. 250 S. Wauer, Die Ortsnamen der Uckermark, S. 131. 251 Wohin zogen die Hämelschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 44. 252 Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; dies., Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85. 253 Die Problematik der Namenübertragung am Beispiel der Uckerrnark (im Druck). 254 Codex diplomaticus Brandenburgensis, hrsg. v. A. F. Riedei, Reihe A, Bd. 4, S. 299,301,453, Bd. 7, S. 276. 255 S. Körner, Ortsnamenbuch der Niederlausitz, Berlin 1993, S. 164. 160 Jürgen Udolph Fern bleiben Hindenburg in Oberschlesien, früher und jetzt Zabrze, und Hinden­ burg, Kr. Labiau in Ostpreußen, früher Groß-Friedrichsgraben, die zu Ehren des Feldmarschalls Hindenbur g (der zwar aus der Familie derer von Hindenburg stammt, was für unsere Frage aber ohne Bedeutung ist) so benannt worden sind256. 17.) Nicht immer kann man jedoch den Ausführungen von H. Dobbertin, die im Fall des Vergleichs der Hindenburg-Orte überzeugen, folgen. So sind ihm bei dem Versuch257, den ON. Hohenbocka bei Senftenberg, angeblich bezeugt seit 1351, als eine Gründung des in Quellen zwischen 1231 und 1277 erscheinenden Hildeshei­ mer Edelherren Ulrich von Hohenbüchen zu deklarieren, schwere Fehler unterlau­ fen. Dieser Adelige trägt den Namen des Dorfes Hohenbüchen im Kr. Holzmin­ den, dessen alte Belege nach H. Kleinau258 und anderen zunächst in latinisierter Form auftreten (1 209 Conradus de Alta Jago, 1211 Conradus de Alta Jago; 1214 Conradus de Alta Jago usw.), wenig später erscheint der Name in deutscher Form (1 219 Conradus de Honboken), was zeigt, daß der Name schon immer aus zwei Elementen (hoch + bök- "Buche") bestanden hat. Ganz anders dagegen Hohenbocka. H. Dobbertin hätte bei E. Eichler und H. Wal­ ther259 nachlesen können, daß die ältesten Formen des Namens seit 1451 Bugkow, Bockow, Bockaw, Bucke usw. lauten, daß er slavischer Herkunft ist und "das diffe­ renzierende Hohen- ... erst im ausgehenden 16. Jh. an den Namen an[trat) ". Der Vergleich ist daher zu streichen. Ebenso verfehlt ist H. Dobbertins Glaube, daß "das Dorf Hombok östlich Olmütz ... vermutlich seinen Namen [d. h. den von Ulrich von Hohenbüchen, J. u.]" trägt260. Der Blick in das Standardwerk der mährischen Onomastik261 zeigt, daß der Name einwandfrei zu cechisch hluboky "tief' gehört: 1364 parua Hluboky, 1365 Hlubiczki (! ), 1391 mediam vii/am Hlubeczkeho. Ein Zusatz Hohen- erscheint erst sehr viel später: 1691 Hohnbockh. Damit bleibt auch dieser Name fern. Daß allerdings auch in diesem Fall die Verbindungen des Wesergebietes mit dem deutschen Osten eine weitere Stütze erfahren können, erweist der in einer auf dem Zobten ausgestellte Urkunde von 1242 erwähnte Vlricus de alta Jago262, der mit Hohenbüchen im Kr. Holzminden zu verbinden ist und offensichtlich identisch ist 256 S. H. Do bbertin, Wohin zogen die Hämeischen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 43 f. 257 Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1 284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 4; ders., Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 19; ders., Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5( 1959)132. 258 H. Kleinau, Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, Teil 1 , Hildesheim 1967, S. 290. 259 E. Eichler, H. Walther, Ortsnamenbuch der Oberlausitz, I. Namenbuch, Berlin 1975, S. 34. 260 H. Dobbertin ) Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)132. 261 L. Hosak, R. Sramek, Mistni jmena na Morave a ve SIezsku, Bd. 1, Praha 1970, S. 260. 262 H. Do bbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)131. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 161 mit den Nennungen in folgenden Belegen: 1240 Olricus de Alta fago263, 1248 Olri­ cus de honboken264• 18.) Eine onomastische Perspektive enthält auch die Diskussion um einen Teil der Inschrift am Hamelner Rattenfängerhaus. Es ist die Passage To Calvarie bi den Koppen verloren. Auf die verwickelten Verhältnisse der Überlieferung will ich hier gar nicht eingehen. Vielleicht hat dieser Zusatz sowieso nur eine untergeordnete Bedeutung, denn in der Lüneburger Fassung ist "die Ortsbezeichnung Koppen, die mit Kopahn, einem Johanniterhof bei Rügenwalde gleichgesetzt wird", nicht erwähnt265. Daran scheitert wahrscheinlich auch schon die These von G. Spanuth, daß die Kin­ der beim Tanzen auf der Brücke "in den Koppen" versunken seien. Es bleibt aber das Problem: was war oder ist bi den Koppen? • Einige sehen darin einen Flurnamen bei Hameln, so W. Wann266, der einen Beleg von 1356 Die sogenannten Koppen für den Ausgangspunkt hält und andere Namenformen wie Der Koppen, Koppenberg, Köpfelberg als spätere und jüngere Formen für weniger belastbar erklärt. Nach G. Spanuth267 muß Koppen "ein ganz bestimmter, eng begrenzter topographi­ scher Begriff sein, der auch als Ortsname Coppenbrügge zur Erklärung herangezo­ gen werden muß. Mittelniederdeutsch kopp m. heißt ,Becher, Hirnschale' und geht erst allmählich im 17. Jh. in die Bedeutung ,Kopf, Bergspitze' über. Dafür steht mnd. höved = hd. haupt ... ". ' In eine ganz andere Richtung gehen Vermutungen von A. Cammann, H. Dobber­ tin, C. Soetemann268 und anderen. Sie entdeckten den Ort Kopahn, poln. Kopan, bei Rügenwalde, der ,, 1270 bis 1294 urkundlich als Johanniterhof (Cuppen, Kopan, Cvpan usw.) bezeugt [ist], bevor die Johanniter nach (Alt-)Schlawe über­ siedelten. Das heutige Dorf Kopahn liegt in Küstennähe am Nordhang einer bis mehr als 40 Meter über den Meeresspiegel ansteigenden Anhöhe nördlich von ,Kopfberg' der Stadt Rügenwalde, die 1270 durch Fürst Wizlaw 11. von Rügen (-Stralsund) auf dem Berge ,Thirlou' (Darlow) westlich Kopahn gegründet ist ... und 1312 auf den heutigen Platz an die Wipper verlegt wurde"269. Allerdings gibt es t Identifizierungsprobleme, wie H. Dobbertin270 selbst einräumt: "Ob Kopahn, wie 263 Urkundenbuch des Hochstift Hildesheim, Bd. 2, S. 282. 264 Calenburger Urkundenbuch, Bd. IV, S. 24; Urkundenbuch des Klosters Wülfinghausen, bearb. v. U. Ha ger, Hannover 1990, S. 46. 265 R. Frenzel , M. Rumpf, Deutungen zur Rattenfängersage, in: Heimat und Volkstum. Bremer Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde 1962/63, Bremen 1966, S. 59. 266 Die Lösung der Hamelner Rattenfängersage, Diss. Würzburg 1949, S. 39. 267 Forschungen und Fortschritte 32(1958)368. 268 Nordost-Archiv 74(1984)12. 269 H. Dobbertin, Zeitschrift für Volkskunde 62(1966)39, Anm.; ähnlich ders., Fabula 1(1 957/ 58)154. 270 H. Dobbertin, Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 8. 162 Jürgen Udolph Lisch (Namenregister zum Meckl. UB. I-IV) meinte, mit dem bis 1294 bezeugten pommerschen Iohanniterhof Kopan gleichzusetzen ist, der in Gollnow bei Stettin begütert war, muß dahingestellt bleiben". Auch in diesem Komplex sind einige Korrekturen vorzunehmen. Nach F. C. Mül­ ler27t gibt die Bezeichung bi den Koppen "einen Hinweis auf die Wanderrichtung der aus Hameln entführten Kinder, die die Stadt durch das Osttor verließen. Die Koppen (= Kuppen) sind 'Hügel ostwärts des mittelalterlichen Hameln, jetzt in das Stadtgebiet einbezogen, im Zuge von Eisenbahn- und Industriebauten eingeebnet". Dem wird man vielleicht zustimmen können, kaum aber den Folgerungen in einer damit verbundenen Bemerkung, "die Bezeichnung Koppe ... wiederholt sich für Berge in Schlesien und im Sudetenland, wie zum Beispiel Schneekoppe" . Es ist unzulässig, aus der zufälligen Ähnlichkeit der Hamelner Koppen mit einem slavischen Ortsnamen bei Rügenwalde (Kopahn - Kopafi) oder dem Namen der • Schneekoppe Folgerungen zu ziehen. Koppe ist eine Nebenform zu Kuppe, es "ist ein typisches Wort Mitteldeutschlands zur Bezeichnung von Bergen ... , das ... vor allem durch rheinische und hessische Siedler nach dem Osten bis ins Riesengebirge getragen wurde"272, das sich in Dutzenden von Namen findet (eine Verbreitungs- karte bietet die in der Anmerkung genannte Arbeit von C. Kandler auf S. 69). Allein 45 Namen bietet diese Arbeit auf S. 121 f. für Mitteldeutschland. Der Ver- such, aus diesen einen etwaigen Vergleichsnamen für bi den Koppen zu finden, ist ohne Sinn. 19.) Besser steht es wahrscheinlich um die Vermutung von H. Dobbertin273, der ON. Leine bei Pyritz (heute poln. Linie) sei "benannt von der Leine". Ältere Belege zu dem ON. habe ich nicht gefunden, aber eine Ortsnamenform auf nieder­ deutschem Gebiet, die einen Diphthong -ei- enthält, erfordert immer besondere Aufmerksamkeit. Nicht klar ist mir, ob der Name einer gut bezeugten adeligen pommerschen Familie von der Leine, de Leine, Leyne mit dem Ortsnamen in einen Zusammenhang gehört oder ob die folgenden Belege des Familiennamens direkt an die Leine, Zufluß der Aller angeschlossen werden können: 1248 Theodericus de Leine, 1248 (Kopie 1560) Theodoricus de Leine, 1250 (Abschrift 16. Ih.) Teodori­ cus de Leine, 1320 Theodericus de Leyne, 1320 Theodericus de Leyne, 1320 Thidericus de Leyne274• Da sich ein slavischer Anschluß für diesen Ortsnamen nicht • findet, halte ich die Vermutung H. Dobbertins - gleichgültig, ob der Familienname dem Ort dem Namen gab oder nicht - für gerechtfertigt. 20.) Nur am Rand will ich - da es weniger um das Wesergebiet geht - auf einen weiteren Vergleich eingehen. A. Poschmann hat275 auf der Grundlage einer älteren 271 Zum Hintergrund der Rattenfängersage, Jahrbuch Landkreis Holzminden 3(1985)49. 272 C. Kandler, Be rgbezeichnungen in Bereich der deutschen Mittelgebirge, Phil. Diss. Halle-Wit- tenberg 1955, S. 69. 273 H. Do bbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5( 1959)122. 274 Pommersches Urkundenbuch, Bd. 1, 2. Aufl., S. 551,562,615, Bd. 5, S. 527,535,548 f. 275 In: Nordrhein-Westfalen und der deutsche Osten, Dortmund 1962, S. 82ft . • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 163 Arbeit276 für sicher angesehen, daß Lichtenau, 15 km südöstlich Paderborn, 131(2 ?) in castro Masenheim sive Lechtenowe277 (ein offensichtlich jüngerer Orts­ name, der durch Zusammenlegung von Dörfern und Stadtgründung neben dem alten Kirchort entstanden ist278), der Namenpate für Lichtenau im Ermland bei Braunsberg (heute polnisch Lechowo) gewesen ist. Dessen darf man sich aber nicht sicher sein. Es gibt genug Orte, die den Namen Lichtenau tragen und ebenfalls für eine Übertragung in Frage kämen. Noch wahr­ scheinlicher ist aber, daß es sich um voneinander unabhängige Bildungen mit der Bedeutung "Ort in der hellen, freundlichen, belichteten Aue" handelt. Der Orts­ name ist zu untypisch, um belastet werden zu können. Hinzu kommt, daß Lichte­ nau in Ostpreußen bereits 1254 genannt ist: ad terminos vil/e, que dicitur Lichte­ nowe ... predictis de Lichtenowe279, also etliche Jahrzehnte vor der ersten Nennung von Lichtenau in Westfalen. 21.) Ebenso ist es zu vermeiden, lautlich ähnliche Namen ohne KOI;ttrolle als über­ tragen zu erklären. Das tut H. Dobbertin280 im Fall von Meilen östlich Daber, das nach Mölln bei Ratzeburg benannt sei. Wie die historischen Belege zeigen, ist der Vergleich abzulehnen: (Groß-)Mellen bei Daber, 1252 Me/na, 1263 Meine, 1264 Meine USW.281 gegenüber (Alt-)Mölln, 1194 ad Antiquum Mulne, um 1200 proce­ dens Molne, 1212 Thiethardus de Mulne, 1230 Mvlne, Ad antiquum Mulne USW.282• Die Deutung der Namen kann hier unterbleiben. 22.) Bei der Erörterung eines Märchen- und Sagenkomplexes in Ostpreußen, bei der es auch um eine Rattenfängersage aus Dziergunken-Mühle geht, zitiert A. Cammann283 J. Herrmann, der für den in der Nähe liegenden Ort Nicke/sdoif (heute polnisch Nikielkowo) erwogen hat: "nach Graf Nikolaus?" A. Cammann setzt diesem hinzu: "Vielleicht aber auch nach Nikolaus Sprenz". Nichts davon läßt sich halten. Man hätte schon bei V. Röhrich284 nachlesen können, welcher Familie der Namenspatron wahrscheinlich angehört hat. Den Namen selbst 276 J. Höschen, Die Verbindung vom westfälischen Lichtenau zum ermländischen Lichtenau, in: Lichtenau 1326-1976, Hrsg. von der Stadt Lichtenau, Paderbom 1976, S. 116-122. 277 Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 9, S. 477. 278 Westfälische Geschichte, Bd. 1, hrsg. v. W. Kohl, Düsseldorf 1983, S. 254 f. Vgl. Lichtenau 1326-1976, Festschrift, Lichtenau 1976. 279 Preußisches Urkundenbuch, Bd. 1, S. 214. 280 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)54. 281 E. Rzetelska -Feleszko , J. Duma, Dawne slowianskie nazwy miejscowe Pomorza Szczecin­ skiego, Warszawa 1991, S. 131). 282 A. Schmitz, Die Ortsnamen des Kreises Herzogtum Lauenburg und der Stadt Lübeck, Neu­ münster 1990, S. 229 f. 283 Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 27(1984)48. 284 Geschichte des Fürstbistums Ermland, Braunsberg 1925, S. 209. 164 Jiirgen Udolph behandeln ausführlich B. Czopek-Kopciuch285 und A. Pospiszylowa286, die u. a. erwähnt, daß das Dorf 1366 Nicolao de Wopen als Lehen übertragen wurde. 23.) Die Gegend um Piepenburg, poln. Wyszogora, bei Labes wurde nach H. Dob­ bertin287 von Hameln aus besiedelt. Für den Ort habe ich nur einen Beleg aus dem Jahre 1320 als Pipenborg288 gefunden. Während A. Cammann289 erwägt, ob diese "verdächtigen" Ortsnamen "vielleicht auch zur Namensbildung und Vorstellung von einem ,Rattenfänger' und ,Piper' /Pfeifer beigetragen haben könnten", ist er für H. Dobbertin290 "wahrscheinlich eine Variante des Namens der Hildesheimer Poppenburg ... "291, denn "vielleicht haben Graf Bernhard von Poppenburg und die Grafen Hermann und Heinrich von Wohldenberg ... die Ortschaften Piepen burg ( = Poppenburg?) und Woldenburg . .. gegründet"292. An anderer Stelle heißt es bei demselben: "Sehr wahrscheinlich ist Piepen burg nach dem Grafen Bernhard von Poppenburg-Spiegelberg benannt ... Der Ortsname Piepen burg kommt anderweitig 4 nicht vor". 293 Auch hier muß energisch Einspruch eingelegt werden. Zum einen ist zu beachten, daß der Ort Piepenburg und nicht Pieper(s)burg hieß (in dem man dann vielleicht so etwas wie einen Piper (Pfeifer) vermuten könnte, was aber auch kaum anzuneh­ men wäre), zum andern dürfte niemand in Hameln bis 1945 gewußt haben, daß es ein Dorf im fernen Pommern gegeben hat, das Piepen burg heißt und dadurch etwa die Erfindung eines Pfeifers (der in der Sage ja ein späterer Zusatz ist) beeinflußt worden wäre. Der Name ist ganz anderen Ursprungs und kann auch keineswegs wie bei H. Dob­ bertin erklärt werden. Poppenburg bei Nordstemmen ist sehr früh überliefert: 1049 ad Bobbenburg habuimus, 1056 castelli Poppenburg, 1141 (Kopie) FriederiCus de Poppenburg usw. 294, die Formen mit -0- sind absolut konstant und gelten auch im 13. und 14. Jahrhundert: 1241 omnes milites de Poppenburg, 1353 to Poppen­ borch29S• Eine Interpretation als Pi(e)penburg ist völlig verfehlt. Der Name steht keineswegs so isoliert wie von H. Dobbertin vermutet. Im Kreis Labes liegt auch Piepenhagen und in Stettin gab es den Ortsteil Piepen werder. Zugrunde liegt ent- 285 Adaptacje niemieckich nazw miejscowych w jr;zyku polskim, Krak6w 1995, S. 173. 286 Toponimia poludniowej Warmii, Olsztyn 1987, S. 106. 287 Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)90. 288 Pommersches Urkundenbuch, Bd. 5, S. 528. 289 Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 27(1984)25. 290 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)55 f. 291 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)58. 292 Ebenda, S. 55 f. 293 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)151. 294 Urkundenbuch des Hochstift Hildesheim, Bd. 1, S. 82,83,204; C. Gr eiff enhagen, Hannover­ land 9(1915) 146 nach Leibniz, Scriptores rerum Brunsvicarum, Bd. 1, S. 766. 295 C. Gre iffenhagen, Hannoverland 9(1915)149; H. Barteis, Nordstemmen von der Vorzeit bis zur Gegenwart, Burgstemmen 1983, S. 24. • • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 165 weder niederdeutsch pie p "Pfeife, Röhre, Abzugsgraben"296 oder - wahrscheinlich eher - das z. B. im Westfälischen bekannte pipe, das sich vor allem auf das "Pfei­ fengras (Molinia coerulea, eine in Mooren, feuchten Wiesen und lichten Wäldern häufig auftretende Grasart") bezieht297. Der Rattenfänger bleibt fern. 24.) Zu Spekulationen hat auch der ON. Rothetifier (bei S. Rospond298 Rothen­ flier!), poln. Czermnica, ON. bei Naugard, 1461 Roden Vehr299, Anlaß gegeben. Da die Umgebung des Ortes von Hameln aus besiedelt worden sepoo und neben Rothenfier auch Piepenborg lag, meinte H. Dobbertin301 : "Der Name Rothenfier bezeichnete wie der 1268 bei Gollnow bezeugte Waldname Ekfir und wie die Dorf­ namen Eichfier, Deutschfier, Hasenfier (= Hassos Pier!) vermutlich eine viereckige Rodungsfläche. Das Zusammentreffen dieser beiden merkwürdigen, anderweitig in Deutschland nicht vorkommenden Ortsnamen an der Westgrenze der um 1263 bis 1274 vom Weserbergland aus besiedelten Herrschaften Hindenburg und Naugard gibt ... zu denken". Eine Verbindung zum Rattenfänger suchte A. Cammann (wenn auch zugebend, daß es sich um "gewagte Themen" handele) herzustellen: "Hätte sich nicht aus dem Herrschaftsnamen Roden Vehr - Fanger der Beiname Rattenfänger bilden können für jenen Nikolaus ... ?"302 Die Überlegungen enthalten nichts, was sich halten ließe. Über den pommersehen Flurnamen Vier oder Fier hat R. Hoisten303 in aller Ausführlichkeit unter Nennung von fast 100 Flurnamen und unter Bezug auf historische Belege gehandelt. Auf Einzelheiten soll hier nicht eingegangen werden. Sicher ist nur, daß es sich bei dem Ortsnamen Rothenfier um einen Namen handelt, der aus dem pommersehen Wort­ schatz heraus ohne irgendeinen Bezug auf Hameln oder den Rattenfänger gebildet worden ist. 25.) Ganz anders steht es dagegen mit dem ON. Rutenberg in der Uckermark, 1300 Rutenbergk304, für die mit Recht angenommen worden ist, daß ihn die "nie­ dersächsische(n) Familie(n) v. Rutenberg ... bei ihrer Wanderung ins Kolonisati- 296 So W. Laur, Historisches Ortsnamenlexikon von Schleswig-Holstein, 2. Auflage, Neumünster 1992, S. 518 für den Wüstungsnamen Pipenbrink. 297 G. Mü ller, Das Vermessungsprotokoll für das Kirchspiel Ibbenbüren, Köln usw. 1993, S. 282 unter Bezug auf die Flurnamen Piepen brink, Piepenbrok, Piepen/lage, Piepengrawen, Piepen­ pohl. 298 S. Ros pond, Slownik nazw geograficznych Polski zachodniej i polnocnej, Wroclaw-Warszawa 1951, S. 674. 299 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)54. 300 Ebenda, S. 90. 301 Ebenda., S. 54. 302 A. Cammann, Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenkschrift), Bremen 1957, S. 73. 303 Die pommersche Flurnamensammlung, Köln-Graz 1963, S. 46-54. 304 L. Enders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VIII: Uckermark, Weimar 1986, S. 840. 166 Jürgen Udolph onsgehiet ... gegründet haben"305. Die Familie von Rutenberg verdankt ihren Namen dem Ort Rautenberg bei Hildesheim, an ältesten Belegen kenne ich 1226 Heinricus de Ruthenberge, 1227 Sifridus de Rutenberg, 1232 Sifridus de Ruten­ berge306, zur Geschichte der Familie vergleiche man G. Weber307, Emil Frhr. v. Orgies-Rautenberg308, V. Röhrich309 und T. Penners31O• E. Weise hat zudem völlig recht, wenn er darauf verweist311, daß der Name auch noch einmal im Ermland vorkommt. Es ist (Groß, Klein) Rautenberg bei Gumbin­ nen, poln. Wierzno Wielkie, Male, l347 Tylo de Rutenberg, l348 (A. 14., 15. Jh.) Tylo de Rutenberg, Tilone de Rutenberg, l357 (Tilo von) Rutenberg3!2. Ich denke, daß die Verbindung zwischen der Familie Rautenberg und beiden Orts­ namen Bestand hat. 26.) Der heute nur noch in der Domäne Hof Spiegelberg östlich des Ith im Kreis • Hameln-Pyrmont erhaltene Ortsname Spiegelberg ist der letzte Rest des einst in der Wesergegend nicht unbedeutenden Geschlechts derer von Spiegelberg, dessen Hauptsitz Coppenbrügge gewesen ist. Auf Einzelheiten kann hier nicht eingegan- gen werden; die Literatur zur Geschichte der Familie enthält die notwendigen Angaben313• Die Kolonisationstätigkeit der Familie führte zweifelsfrei zur Übertragung des Namens nach Osten. Zu nennen ist vor allem Spiegelberg, ON. bei Pasewalk 305 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50. Die Bedenken von S. Wauer, Die Ortsna­ men der Uckermark (in Vorbereitung), scheinen mir nicht notwendig zu sein, vgl. auch (auf Rautenberg im Ermland bezogen) E. Weise, Stader Jahrbuch 1956, S. 57. 306 Urkunden buch des Hochstifts Hildesheim, Bd. 2, S. 81,96,153. 307 Die Freien bei Hannover, Hannover 1898. 308 Geschichte der von Rutenberg und von Orgies, gen. Rutenberg, Doblen 1899. 309 Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 13(1896)454 ff. 310 Th. Penners, Untersuchungen über die Herkunft der Stadtbewohner im Deutschen Ordens­ land Preußen, Leipzig 1942; ders., Untersuchungen über die Herkunft der Stadtbewohner im Deutschen Ordensland Preußen, 2. Teil (ungedrucktes Manuskript, früher im Staatl. Archivla- ger Göttingen, HS. Nr. 6, S. 348, Nr. 1358), jetzt in der Bibliothek Stiftung Preuß. Kulturbesitz • in Berlin. 311 E. We ise, Stader Jahrbuch 1956, S. 57. 312 Preußisches Urkundenbuch, Bd. 4, S. 199,274,342, Bd. 5, S. V 307. 313 Man vergleiche Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands. Bd. 2: Niedersachsen und Bremen, hrsg. v. K. Brüning u. H. Schmidt, 5. AufI., Stuttgart 1986, unter Coppenbrügge und Lauenstein; W. Hartmann, Der Streit zwischen Spiegelberg und Lippe um das Erbe der Grafen von Pyrmont (1494-1525), Hannoversches Magazin 5( 1929) 1-11; ders., Die Grafen von Poppenburg-Spiegelberg. Ihr Archiv, ihre Genealogie und ihre Siegel, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 18(1941)11 7-191 ; ders., Urkundensammlung zum Grafenge­ schlecht der Spiegelberger (Handschrift im Staatsarchiv in Hannover, Sign. KI. Erwerbungen A 25; Rudor ff, Das Amt Lauensteiil, Zeitschrift des Historischen Vereins in Niedersachsen, Jg. 1858, S. 209-384; zu den slavischen Familienbeziehungen der Coppenbrügger Grafen von Spiegelberg s. die Auflistung bei H. Dobbertin, Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (12 84), 2. AufL, Eldagsen 1981, S. 3. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 167 (Uckermark)314. Die Verbindung mit slavisch spik "Mergel, fetter Boden" als "Mergelberg"315 ist aufzugeben. Als zweiter Name ist Spiegelberg, poln. Sprrrcowo, ON. nördlich von Allenstein zu nennen316, für den jetzt eine gute Zusammenstel­ lung der historischen Belege durch A. Pospiszylowa (allerdings mit der Erklärung aus einem PN. Spiegel + -berg) vorliegt317; 1360 Spiegelberg, 1388 Spiegelberg, 1564-80 Spiegelberg, 1625 Spiegelberg, 17. Jh. Sprencowo, 1656 Sprecowo, 1673- 74 Spzencowo, um 1790 Spiegelberg, 1820 Spiegelberg alias Sprencowo USW.318. Fern bleibt dagegen Spiegelberg, poln. Poirzadlo, Orts- und Bergname bei Stern­ berg. Zwar hat H. Dobbertin recht, daß der Ort 1350 genannt ist3l9, aber bezeich­ nenderweise teilt er den Beleg nicht mit. Dieser lautet nämlich Speghelberg320, und in dieser, im Bestimmungswort niederdeutsch aufscheinender Form ist die Familie derer von Spiegelberg nie geschrieben worden. H. Dobbertins Vermutungen, der Ort könne "nach den gleichnamigen Grafenfamilien des Weserberglandes benannt worden sein"321, ist schon aus diesem Grund abzulehnen. Zu weit führen auch andere, damit zusammenhängende Vermutungen von H. Dob­ bertin322; "Der ungewöhnliche Ortsname Spiegel tritt nur in Bayern (Weiler bei Bad Tölz), zwischen Küstrin und Landsberg/Warthe (Forstort bei Döllensradung) und in Pommern (Gr. u. Kl. -Spiegel bei Kallies) auf. Hermann I. Spiegel v. Desen­ berg führte 1252 ... einen Rundspiegel im Siegel '" Später hatten die Spiegel v. Desenberg 3 (2,1) Rundspiegel im Wappen wie anscheinend auch der 1442/43 in Spiegelsdor[ (bei Boltenhagen zwischen Greifswald und Wolgast) ansässige Hen­ nink Speygelstorp ... Ferner sei hier auf Spiegelhagen (bei Perleberg) hingewiesen, das an einer der Straßen von Amelungsborn zum Amelungsborner Klosterhof Dranse (b. Wittstock i. d. Priegnitz) liegt ... ". Hier sind wiederum verschiedene Dinge zurechtzurücken. Der ON. Spiegel westlich von Landsberg/Warthe, heißt heute polnisch Poirzadlo. Weder von dieser noch von jener Form führt der Weg zu der Familie Spiegelberg. Ebenso wenig trifft das 314 Man vergleiche H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5,1959,155; zustimmend L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; dies., Jahrbuch für Wirtschafts­ geschichte 1987, Heft 2, S. 85 . 315 B. Mätzke, Heimatkalender für den Kreis Prenzlau, Eberswalde 1958, S. 39. 316 In diesem Sinn behandelt von H. Dobbertin, Fabula 1( 1957/58)148; ders., Heimatblätter Hessisch Oldendorf 1( 1986)37; ders., Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 29(1986)267; W. Hartmann, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 18(1941)11 7-191 ; vgl. auch den Abschnitt "Die Pommemreisen der Grafen von Spiegelberg" bei H. Dobbertin, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 55 ff.; A. Cammann, Jahrbuch für ost­ deutsche Volkskunde 27( 1984)29 ff. 317 Toponimia poludniowej Warmii, Olsztyn 1987, S. 147. 318 Vgl. ebenda auch über die ON. -Variante Spr�cowo. 319 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)155. 320 S. Kozierows ki, in: Symbolae grammaticae in honorem Ioannis Rozwadowski, Bd. 2, Craco­ viae 1928, S. 364. 321 Fabula 1( 1957/58)145. Vgl. auch ders., Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 29(1986)267 f. 322 H. Dobbertin, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 41. 168 Jürgen Udolph für Groß und Klein Spiegel südlich von Dramburg/Drawsko in Pommern zu, heute ebenfalls polnisch PoZrzadlo. Für beide gibt es ältere Belege: 1337 Spiegel, Spigel, 15. Jahrhundert Spyge/, Spige/, im Landbuch Kaiser Karls IV. Spiege[323. Nicht übersehen darf man, daß die Orte am Spiegel See liegen324. E. Mucke hatte beide Namen zunächst für slavisch gehalten und als ursprünglich Spike/ bzw. Spikle zu spik, poln. spik "fetter Boden, Mergel" gestelltm. In den "Berichtigungen und Ergänzungen" zu diesem Aufsatz326 korrigiert er allerdings: "die gegebene Erklärung ist fraglich, da das polnische Wort spik nicht vor dem 14. Jahrhundert aus dem Deutschen entlehnt ist; der Name kann daher auch deut­ schen Ursprungs sein". Dem kann man sich nur anschließen. Sehr wahrscheinlich wird von dem Gewässernamen auszugehen sein, der auf einen ruhigen, flachen See Bezug genommen hat. Von der Familie Spiegelberg fernzuhalten ist ebenfalls der ON. Spiegelsdorf östlich • von Greifswald, 1360 speghelstorp, 1439 Spegelstorp usw., der eine Ableitung von einem PN. Spege/ enthält327. Das gilt schließlich auch für Spiege/hagen, ON. bei Perleberg, 1293 Spighelhaghen, 1303 spighe/haghen, 1323 speghelhaghen usw., man vergleiche die ausführliche Behandlung des Namens bei S. Wauer, Die Ortsnamen der Prignitz328• 27.) Weniger strittig ist die Vermutung, daß der Ort Tiefenau (heute poln. Tych­ nowy) nahe der Marienburg nach Dietrich von Depenow benannt worden ist. Das nahm nicht nur H. Dobbertin an329, der zugleich als Herkunftsort des Familienna­ mens auf eine "noch als Burgwall vorhandenen Burg bei Heeßel westlich Burgdorf bei Hannover"330 hinwies, sondern auch A. Cammann331, E. Weise332 und der Bearbeiter der Ortsnamen des Danziger Weichselgebietes H. G6rnowicz333, der eine gute Zusammenstellung der historischen Überlieferung des Ortsnamens vorge- 323 F. Lorentz, Slawische Namen Hinterpommerns, Berlin 1964, S. 116; E. Mucke, Abhandlun­ gen und Beiträge zur sorbischen Namenkunde, Hrsg. v. E. Eichler, Köln-Wien 1984, S. 206 324 S. Kozierowski, in: Symbolae grammaticae in honorem Ioannis Rozwadowski, Bd. 2, Craco- viae 1928, S. 364. 325 E. Muc ke, a. a. 0., S. 206. • 326 Ebenda, S. 269. 327 T. Witkowski, Die Ortsnamen des Kreises Greifwald, Weimar 1978, S. 140. 328 Weimar 1989, S. 235. 329 H. Dobbertin, Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284), 2. Aufl., Eldagsen 1981, S. 19; ders., Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 4(1958)56; ders., Livland- und Preu­ ßenfahrten Westdeutscher Fürsten,Grafen und Edelherren im 13. Jahrhundert, Sonderdruck Dortmund 1962, S. 24 und 30. 330 H. Dobbert in, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)157. Zur Lokalisie­ rung vgl. auch D. v. Holle, Neues vaterländisches Archiv 3(182 3)324 und R. Scheel je, Nach­ richten aus Niedersachsens Urgeschichte 53( 1984)190 ff. 331 Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenk­ schrift), Bremen 1957, S. 70. 332 Stader Jahrbuch 1956, S. 57. 333 Toponimia Powisla Gdanskiego, Gdansk 1980, S. 160. • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 169 legt hat: 1250 a castro Dypenowe, 1285 de Tyfenow, in Typhenov, 1294 castri Tife­ nouwe usw., sowie jetzt auch B. Czopek-Kopciuch334• 28.) Eine Übertragung aus Westfalen nimmt L. Enders für den Ortsnamen Vonverk in der Uckermark an: "Westfälisch sind auch die Ortsnamen ... Vorwerk ... "335. Alte Belege scheinen zu fehlen336• Nach einer Phase, in der nur von dem "wüsten Feld Vorwerk" gesprochen wird337 , entstanden im 1. Drittel des 18. Jahrhunderts neue Vorwerke, darunter auch Vorwerk338• Der Übertragungsthese hat S. Wauer zugestimmt339. Ich vermag dem nicht zu folgen. Meine Suche nach westfälischen Ortsnamen führte zu vier Namen, von denen ältere Belege nicht zu erbringen sind. Ich habe den Ein­ druck, daß sowohl im Westen wie im Osten unabhängig voneinander Namen des Typs Vorwerk entstanden sind. Eine Verbindung sollte über dem Zufall erhaben sein; das ist hier nach meiner Einschätzung nicht der Fall. 29.) Nicht ohne Bed\!utung ist der Nachweis eines Wüstungsnamens Westfalen bei Kyritz in der Prignitz, 1315 in campo westualia, 1429 auf dem uestualischen felde USW.340• Es handelt sich einwandfrei um einen Hinweis auf Siedler aus Westfalen. 30.) Dagegen wird man der Vermutung von H. Dobbertin341, in dem ON. Wohns­ doifb ei Allenburg (Ostpreußen), 1288 Wonssdorf42, eine Benennung nach einem Grafen von Wunstorf zu vermuten, kaum zustimmen können. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts343 hieß Wunstorfwie folgt: 1250 prope WUllnestorp, um 1260 Wunstorpe, 1290 de Rad tho Wnstorpe, um 1290 Johannes comes de Wunstorpe, 1300 juxta Wunstorpe, 1325 in Wunstorppe, 1325 tho ... Wounstorppe344. Ich sehe keine Möglichkeit, die jeweilige Überlieferung miteinander zu verbinden. 31 .) Etwas besser steht es vielleicht - wobei Sicherheit nicht zu gewinnen ist - mit H. Dobbertins zweifelnd vorgetragenen Vergleich zwischen Wohldenberg bei Hil­ desheim und Woldenburg in Pommern, heute poln. D{lbie: ,,[Wir] wissen ... nicht, ob wir den Namen der seit 1248 bei Plathe bezeugten Burg Woldenberg oder Wol- 334 Adaptacje niemieckich nazw miejscowych w jyzyku polskim, Krak6w 1995, S. 122,174. 335 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 50; vgl. dies., Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1987, Heft 2, S. 85. 336 L. Enders, Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil VIII: Uckermark, Weimar 1986. 337 L. Enders, Die Uckermark, Weimar 1992, S. 211. 338 Ebenda, S. 466. 339 S. Wa ue r, Die Problematik der Namenübertragung am Beispiel der Uckermark (im Druck). 340 S. Wauer, Die Ortsnamen der Prignitz, Weimar 1989, S. 262. 341 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5( 1959)125. 342 Ebenda, S. 127. 343 Die älteren Belege ab 871 (A. 10. Jh.) in Uuonhereslhorp spielen in diesem Zusammenhang keine Rolle. 344 C. Ochwadt, Das Steinhuder Meer, Hannover 1967, S. 19, W. Dammeyer, Der Grundbesitz des Mindener Domkapitels, Minden 1957, S. 193; R. Dr öger eit, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 30(1958)227,228; G. F. Fiedeler, Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 1856, S. 113. 170 Jürgen Udolph dertburg des Ritters Friedrich von der Osten mit den Hildesheimer Grafen von Wohldenberg in Verbindung bringen dürfen"345. Der Ort bei Hildesheim ist bestens bezeugt, auch die daher stammende Familie ist in Dutzenden von Belegen bekannt. Hier eine Auswahl um die Mitte des 13. Jahrhunderts: 1245. comitum de Wolden­ berge, 1245 Heinrici de Waldenberg, 1246 comites de Waldenbergk, 1247 comes de Woldenberg, 1249 in Woldenberc, 1251 comites de Waldenberg; comes de Wolden­ berg, 1251 dictus de Woldenberg; senior de Woldenberge, 1251 Ludolfus de Wol­ denberg, (nach 125 1) in Woldenberg, (nach 1251) Heinrici de Waldenberch, 1253 Hermannus de Wäldenberg346. Für keinen anderen Ort Norddeutschlands habe ich bisher entsprechend zahlreiche Belege sammeln können. Ich denke, dieser Ver­ gleich ist überzeugender als mancher andere. 32.) Das trifft jedoch nicht für den ON. Wünsdoifbei Jüterbog und der mutmaßli­ chen Verbindung mit Wunstorf zu. H. Dobbertin347 glaubte diese Verknüpfung damit stützen zu können, daß Wünsdorf eine Gründung des Grafen Ludolf von Roden-Wunstorf gewesen sei. Er führt dazu an Belegen an: 1430 gerichte thu fer­ ren Wunstorf, 1668 negst Wundssdorf48. Die Untersuchungen der Ortsnamen Brandenburgs stützen diese Ansicht nicht und korrigieren auch die von H. Dobbertin erwähnten Belege: G. Schlimpert hat zunächst darauf verwiesen349, daß aus den beiden ursprünglichen Siedlungen Fern­ wünsdorf und Nächstwünsdorf erst 1874 der Name Wünsdorf entstanden ist (H. Dobbertins Belege beziehen sich also auf zunächst unterschiedene Siedlungen). Fernwünsdorf ist wie folgt überliefert: 1346 Wustdorf(f), Wusttorf, 1430 thu ferren Wunstorf, 1501 in den beyden dorffern wonsdorff, 1583 Ferne Wunsdorff, 1624 Fern Wünstorffu sw., der Nachbarort Nächstwünsdorf: 1501 in den beyden dorffern wonsdorff, 1583 Das dorff Negst Wunsdorff ... Negst Wünsdorff usw. Eine Verbindung mit Wunstorff ist nicht möglich, da dieser Name keinen Umlaut (-ü-) zeigt, während Wünsdorf diesen zwingend voraussetzt und das -ü- auch schon im 14. Jahrhundert sehr wahrscheinlich gesprochen wurde. Die mittelniederdeut­ sche und mittelhochdeutschen Schreiben hatten aber noch kein Zeichen für das -ü-, es wurde wie -u- unterschiedslos als -u- realisiert. Der Vergleich ist abzulehnen. 345 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)157. 346 G. Bode, Zeitschrift des Harzvereins 1890, S. 17,22,23,26,29,31,34. 347 Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5(1959)156. 348 Ebenda, S. 127. 349 Die Ortsnamen des TeItow, Weimar 1972, S. 205 f. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 171 Auswertung Wir sind am Schluß unserer detaillierten Betrachtung möglicher Verbindungen des Weser- und Leinegebietes mit den Ortsnamen des deutschen Ostens angelangt. Daß sich diese auch außerhalb der Ortsnamen aufzeigen lassen, ist kein Geheimnis. Einige wenige Zitate mögen das belegen. So betont E. Weise den Landweg der Ostfahrer und meint350: "Deut�che Bauern ... benutzten ... lieber die Landbrücke über Frankfurt-Thorn oder den Weg an die Küste entlang. Der Bauer treckt, er fährt nicht gern über See", und kurz davor: "Die Besitzungen des Deutschen Ordens lagen ganz überwiegend im südlichen Niedersachsen ... "35 1. So war auch Doberan eine Tochtergründung "man sagte damals direkt fi/ia" - des Weserklo­ sters Amelunxborn352• In der Klosterkirche von Doberan stand ein Grabstein des 1304 bezeugten mecklenburgischen Ritters Hinricus de Wesere353• Im Jahre 1240 schenkte Herzog Barnim von Pommern dem Kloster Wülfinghausen seine Kirche in Pyritz354• Ich denke, es ist deutlich geworden, daß es unzweifelhafte Verbindungen zwischen dem Weser- und Leinegebiet und dem Raum nördlich von Berlin (vor allem in der Prignitz und der Uckermark) gibt. Nach Streichung von etlichen falsch interpretier­ ten Fällen bleiben an sicheren Übertragungen von Orts- und Familiennamen auf Orte im Osten übrig: Beverungen - Beweringen, Everstein, Schaurnburg, Bischofs­ hagen, Biesterfelde - Boisterfelde, Dalhausen - Dahlhausen, Harne/springe Harnrne/spring, Hindenburg, Rautenberg - Rutenberg, Spiege/berg, Depenau - Tiefenau, Westfalen, Wohldenberg - Woldenburg . . Damit präsentiert sich bereits durch die Ortsnamen (die aber mit Sicherheit die überzeugendste Basis für derartige Vergleiche bieten) dieser Komplex als wesent­ lich überzeugender als der von W. Wann und W. Scherzer bevorzugte mährische Raum (wobei nicht bestritten werden soll und kann, daß es auch - davon war ein­ gangs schon ausführlich die Rede - dorthin eindeutige Namenübertragungen gege­ ben hat). Ein kurzer Blick in die Familien- und Personennamen wird diesen Ein­ druck noch verstärken. 350 Stader Jahrbuch 1956, S. 54 f. 351 Ebenda, S. 55. 352 Ebenda, S. 50. 353 H. Dobbertin, Jahrbuch für Volkskunde der Heimatvertriebenen 5( 1959)122. 354 Urkundenbuch des Klosters Wülfinghausen, Hannover 1990, 46 f., zu Einzelheiten vgl. auch ebenda, S. 3 f. 172 Jürgen Udolph Coppenbrügge - ein exemplarischer Fall Zuvor sei jedoch an einem exemplarischen Fall nochmals demonstriert, wie leicht­ fertig gelegentlich in der bisherigen Diskussion mit namenkundlichen Argumenten umgegangen wurde: gemeint ist der Ortsname Coppenbrügge östlich von Hameln. Obwohl auch ältere Belege eindeutig zeigen, daß im Grundwort von ndt. -brugge "Brücke" auszugehen ist (vgl. unten die Auflistung der Belege), indem man an Namen wie etwa Brüggen an der Leine und Brügge in Flandern anschließen kann, vertraut W. Woeller355 auf die Namendeutung von S. D. G. Freydanck356, sieht daher im Grundwort -burg, denkt bei dem Verschwinden der Kinder an einen Sumpfkessel bei Coppenbrügge und begründet dieses mit dem Ortsnamen: er "trug den Namen Copenbrug und war eine altgermanische Opferstätte. Als 1303 .. . eine feste Burg errichtet wurde, ging der Name auf die Burg und den mit ihr entstehen- • den Ort über"357. In einer Anmerkung verweist W. Woeller nochmals auf die Arbeit von Freydanck, "in der bereits versucht wurde, zwischen Koppen und Cop­ penbrügge eine Verbindung herzustellen"358. Dazu ist zunächst zu bemerken, daß Freydancks Untersuchung zu den schlechte­ sten und zugleich phantasievollsten Arbeiten über niedersächsische Ortsnamen gehört359• Mit allem Nachdruck ist auf die zahlreiche Korrekturen enthaltenen Aus­ führungen von L. Bückmann360 hinzuweisen. Dennoch haben auch R. Frenzel und M. Rumpf, die eine m. E. nüchterne und auf die wesentlichen Punkte beschränkte Zusammenstellung des Sagengerüstes geboten haben361, diese Nüchternheit in die­ sem Fall aufgegeben und sind den Ausführungen W. Woellers gefolgt. Es ist schon erstaunlich, wie leichtfertig man mit dem Ortsnamenmaterial umzugehen bereit ist. Coppenbrügge ist wie folgt belegt: 10. Jh. (Absehr. 15. Jh.) ad Cobbanbrug, 1013 per summitatem montis Gigath ... usque ad Cobbanberg, 1033 usque ad Cobban­ berg, 1062 tendit Choppenbrukke, de Choppenbrukke, 1281 in villa Cobben­ brukke, 1381 Johanns de Kobbenbrughe, 1388 von der Kopenbrügge, 1393 van der Cobbenbrugge362• Die Belege von 1013 und 1033 beziehen sich auf eine Erhebung 355 Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Gesellschafts- u. sprachwis- • senschaftliche Reihe 6(1956/57)141 ff .. 356 Die Bedeutung der Ortsnamen des Kreises Hameln-Pyrmont, Hameln 1929, S. 88, wo der Name zu kupa "Opferschale" und burg (nicht Brücke!) gestellt wird und auf eine Erhöhung, nicht eine Brücke, Bezug genommen wird. 357 Ebenda, S. 141. Vgl. auch dies. , Zeitschrift für deutsche Philologie 80(1961)194. 358 Ebenda, S. 141, Anm. 24. 359 Das betrifft auch den Aufatz von S. D. G. Freydanck, Was bedeutet der Ortsname Coppen­ brügge? Ekkehard 5( 1929)103-104. 360 Über die Ortsnamen des Kreises Hameln, Niedersachsen 35( 1930)310-315. 361 Deutungen zur Rattenfängersage, in: Heimat und Volkstum. Bremer Beiträge zur niederdeut­ schen Volkskunde 1962/63, Bremen 1966, S. 47-64. 362 Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim, Bd. 1, S. 30, 41,101, Monumenta Germäniae histo­ rica, Urkunden Konrads 11., S. 255, Calenberger Urkundenbuch, Bd. 9, S. 29, Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln bis zum Jahre 1407, Teil 1, S. 462,481,498. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 173 bei Coppenbrügge. Daß der Name ansonsten eindeutig Bezug auf eine Brücke nimmt, zeigen die Belege ganz deutlich. Aber noch neueste Veröffentlichungen bie­ ten Erstaunliches. So sieht Gercke363 in dem Beleg a loco Kobbanbrug das Bestim­ mungswort brug = Bruch, folgert daraus, daß es sich nicht um das damalige Dorf handelt, sondern offensichtlich um den Bruch, der 1062 als Choppenbrukke dem Bischof Hezilo von Hildesheim verliehen wurde. Noch schlimmer wird es, wenn er fortfährt: "Daß es um 1000 schon vorhanden war, kann daraus geschlossen werden, daß der Ortsname Coppenbrügge ein keltisches Wort ist, wie es Edward Schröder erkannt hat". Natürlich liegt in Kobbanbrug nicht brug = Bruch vor, denn im Raum Coppen­ brügge kann nur von niederdeutscher Lautung ausgegangen werden, wo es nur brok heißt, niemals brug, zum zweiten sollte man Keltisches aus Norddeutschland endlich verbannen; noch nicht einmal in Hessen wird man auch nur einen einzigen Ortsnamen finden, der mit Sicherheit dem Keltischen zuzuzählen ist. Mit den Rattenfängersage hat der Name Coppenbrügge nichts zu tun. Familiennamen von Weser und Leine im Osten Es bleibt noch übrig, einen Blick in die weserländischen Familien- und Personenna­ men zu tun und zu prüfen, inwieweit diese den Weg nach Osten gefunden haben. Da einige schon bei der Behandlung der Ortsnamen zur Sprache gekommen sind, können wir uns hier relativ kurz fassen. Daß Kolonisten aus dem Weserbergland den Weg nach Pommern und benachbar­ ten Gebieten gefunden haben, ist unbestritten. H. Dobbertin hat in seinem Beitrag über Livland- und Preußenfahrten westdeutscher Fürsten, Grafen und Edelherren im 13. Jahrhundert364 u. a. behandelt: Gottschalk von Pyrmont (12 07), Ludolf von Hallermund, Dietrich von Adensen (1209), He/mold von der Plesse (1 211) , Adolf von Dassei (12 20), Bodo von Homburg (1 221), wahrscheinlich hat auch Hermann ll. Spiegel von Desenberg (1 252-98) in Pommern kolonisiert365• t Die von Duding(h)e, eine um 1230 nach Mecklenburg eingewanderte Ritterfamilie stammt aus Duingen bei Alfeld366• Zu dieser Zeit erscheint der Ortsname wie folgt: 1238 filius suus de Dudinge, (um 1264) Dutinge, 1272 Hermannus de Dudinge; 1277-84 Iohannes Dudinges, 1291 de Dudingen, 1308 Hartmannus de Dudingen, 1308 Hartmanno de Dudinge, 1317 Hartmannus de Dudighe367• 363 Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 41( 1987)28. 364 Sonderdruck Dortmund 1962. 365 H. Dobbertin, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (1284)?, Hildesheim 1955, S. 47. 366 H. Dobbertin, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)93. 367 Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim, Bd. 3, S. 42,147,251,253,779,782, Bd. 4, S. 187. r t r 17 4 Jürgen Udolph Beteko Gruel hut und andere Angehörige dieser Familie sind an OstIandfahrten mehrfach beteiIigp68; mehrfach erscheint ein Familienname Harnel in Pommern369, z. B. 1317 Lodekinus de Hamel, 1318 Thilo de Hamel (in Berlin ansässig)370, wor­ unter sich auch gelegentlich ein Abkömmling aus Hohenhameln bei Hildesheim befinden kann. Ein starkes Argument für die Beziehungen Hamelns mit dem Odergebiet führt H. Dobbertin auch mit dem Hinweis auf Personen an, die Quernharnel heißen. Die Beziehung zu der mittelalterlichen Ortsnamenvariante Hamelns ist evident. Gerade im 14. und 15. Jahrhundert wird Hameln oft so genannt: 1323 in Quernhamelen, 1337 (K.) in opido Hamelensi, alias dieti Quernhamelen, (1 338) (K.) quod dietus loeus aliquando nominetur Hamelen, aliquando Quernhamelen, 1345 in oppido nostro Hamelen alias Quernhamelen vulgariter nominato, (ca. 1368) Ad eonsules in Quernhamelen, 1372 to Querenhamelen, 1373 uppe Querenhamelen, 1407 unse stadt Querenhamelen371. Daher ist für Personen, die diesen Namen tragen, oder für ihre Eltern oder Großeltern Hameln als Herkunftsort mit Sicherheit anzunehmen. Zu nennen sind hier Wedego Quernhamel, 1357 Bürger von Danzig372, 1377/78 Coneke von Querrehamel, Grundstücksbesitzer ebenda373, aus Frankfurt! Oder: 1441 peter vnd hanse, gebrudern, gnannt die quernhamele374, 1473 Thewes Sehulz vnd Quernhammel, Herrn des Raths375, 1486 Hans Qwerenhamer; hans Qwern­ hammer; Hans Qwernhamer; hanns Quernhamer376. Bis Riga weisen die Spuren: 1303 Hermannus, Thiedemannus QuernehameP77. Vergleicht man mit diesen überzeugenden und unzweifelhaften Herkunftsnamen die Versuche von W. Wann und W. Scherzer, mit aller Macht in dem Wüstungsna­ men Hamlikov bei Brünn einen Zusammenhang mit Hameln zu entdecken, so wird die Diskrepanz zwischen Fakten und Wünschen besonders deutlich. Die Familie derer von Spiegelberg wurde oben schon bei der Behandlung der Orts­ namen behandelt. In dem ON. Pottholtensen bei Wennigsen am Deister steckt ursprünglich eine Form Spolenholthusen, die später zu Pottholtensen entsteHt worden ist. Im ersten Teil des 368 H. Dobbertin, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 29(1986)268 f. 369 H. Do bbert in, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (1 284)?, Hildesheim 1955, S. 5. 4 370 H. Dobbertin, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 28(1985)88. 371 Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln bis zum Jahre 1407, Hannover 1887, S. 138,2 40,259,300,417,432,436,547. 372 A. Cammann, Heimat und Volkstum. Jahrbuch für bremische niedersächsische Volkskunde (Grohne Gedenkschrift), Bremen 1957, S. 69; H. Dobbertin, Wohin zogen die HämeIschen Kinder (12 84)?, Hildesheim 1955, S. 5. 373 H. Dobbertin, a. a. 0., S. 6. 374 Codex diplomaticus Brandenburgensis, hrsg. v. A. F. RiedeI, Reihe A, Bd. 23, S. 219. 375 Ebenda, Reihe D, Bd. I, S. 338. 376 Ebenda, Reihe A, Bd. 23, S. 289,290,292. 377 L. Fe yerabend, Die Rigaer und Revaler Familiennamen im 14. und 15. Jahrhundert. Unter besonderer Berücksichtigung der Bürger, Köln-Wien 1985, S. 96; C. Soetemann, Nordost­ Archiv 74(1984)14. , Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 175 Namens liegt ein Familienname vor, wie einige älter ON. -Belege zeigen: 1222- 1227 Dominum Spoten de Holthusen, 1241 fratres et milites de Spollenholthusen, 1243 Con. et Thidericus de Spolenholthusen, 1247 fratres et milites de Spolenhol­ thusen, 1304-24 in Spolholthusen378• Zu gleicher Zeit ist im Calenberger Land auch die Familie Spole bezeugt: 1234-1242 Conradus et Didericus Spolones, 1243 Thidericus Spole, 1245 Conradus et Tidiricus fratres spolones dicit, ca. 1248 . . . Spole, 1252 fratres et mi/ites diCti Spolen ... Datum Holthusen379• Wie nun einige Belege aus Mecklenburg und Brandenburg zeigen, war "zuminde­ stens ein Mitglied ... an der Ostkolonisation beteiligt"380: 1261 Hinricus Spole381, 1304 Her Spole382• Weitere Ostlandfahrer befanden sich unter den Stanges383 und den Trampes384• Diese knappen Bemerkungen machen deutlich, daß auch die familiären Verbindun­ gen zwischen dem Wesergebiet und Pommern, Brandenburg, Mecklenburg usw. sehr viel enger waren als diejenigen mit Mähren. H. Dobbertins These scheint mir auch in diesem Fall gut begründet. Kritik der Pommern-Theorie Allerdings ist "seine Theorie einer auf dem Weg nach Pommern untergegangenen ,mittelalterlichen Adelswanderung' seit Jahrzehnten immer wieder als die einzig mögliche Erklärung des Sagenkerns zu beweisen"385, auch kritisiert worden. So etwa von W. Ueffing386, der schon das Datum 1284 bezweifelt. Des weiteren von B. U. Hucker, der darauf verwiesen hat, "wie dicht die personellen Beziehungen 378 C. H. Haupt meyer, Holtensen, Gemeinde Wennigsen. Dorfgeschichte als Beitrag zur Dorfer- neuerung, Hannover 1982, S. 43,45,50. 379 Ebenda, S. 41,42,44. 380 Ebenda, S. 49. 381 C. H. Haup tmey er, a. a. 0., S. 45 nach Mecklenburg. Urkundenbuch, Bd. 2, Nr. 912, S. 176 f. 382 C. H. Haupt meyer, a. a. 0., S. 45 nach Codex diplomaticus Brandenburgensis, hrsg. v. A. F. Riedel, Reihe B, Bd. I, S. 253, Nr. 322. 383 Zur Frage der Herkunft dieser Familie vgl. F. Mo rre, Der Adel in der deutschen Nordostsied­ lung des Mittelalters, in: Deutsche Ostforschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg 1( 1942)475 (mit Lit.-Hinweisen) und C. Krollma nn, Die Herkunft der deutschen Ansiedler in Preußen, Zeitschrift des Westpreußischen Geschichtsvereins 54(1912)1-103 (zu Stange ausführlich: S. 23 ff.). 384 Vgl. O. Gr otef end, Die Familie von Trampe, Baltische Studien, Neue Folge 27(1925)1-157 und F. Mo rre , Der Adel in der deutschen Nordostsiedlung des Mittelalters, in: Deutsche Ost­ forschung. Ergebnisse und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg 1( 1942)472. 385 N. Humburg, Neueste Forschungen zur Hamelner Rattenfängersage, Jahrbuch Museumsver­ ein Hameln 1982/84, S. 59 f. 386 Die Hamelner Rattenfängersage und ihr historischer Hintergrund, Jahrbuch Museumsverein Hameln 1982/84, S. 70-84. 176 Jürgen Udolph hin und her waren" und deshalb meint: "Von einern spurlosen Verschwinden der Hamelner hätte keine Rede sein können und eine erfolglose Suche der Mütter bliebe angesichts der Funktionstüchtigkeit des Schiffsverkehrs und des Informati­ onsnetzes im Hanseraum ziemlich rätselhaft"387. Zur genauen Datierung des Auszugs der Hamelner Jungleute vermögen die Orts­ namen natürlich nichts beizutragen. Aber immerhin läßt sich sagen, daß das anvi­ sierte Jahr sich sehr gut in die Hochphase der deutschen Ostkolonisation einpaßt. Notiert man die Ersterwähnungen der in diesem Beitrag behandelten sicheren Ortsnamenübertragungen (wobei mir klar ist, daß das über das Entstehungsjahr nur bedingt Auskunft gibt) und zwei Personennamen, die mit den Flüssen Weser und Leine zu verbinden sind, so ergibt sich folgende Reihe: 1460 Schawenborch, 1386 Beueringhe. 1375 Byscoppeshaghen, 1375 Bistervelt, 1487 Dalehusen, 1375 Havelspryng, 1317 Hyndenborch, 1283 jhm dorffe Hindenburg, 1269 Fredericus de • Hyndenborg, 1369 tu Hindenborch, 1248 Theodericus de Leine, 1300 Rutenbergk, 1347 Tylo de Rutenberg, 1360 Spiegelberg, 1250 a castro Dypenowe, 1315 in campo westualia, 1248 Woldenberg, 1304 Hinricus de Wesere. Auf den Einwand von B. U. Hucker, ein spurloses Verschwinden könne angesichts der engen Verbindungen zwischen Heimat und Kolonisationsgebiet nicht angenom­ men werden, hat H. Dobbertin selbst wie folgt geantwortet: "Die Verhältnisse in Osteuropa waren zwar nicht Wildwest-Verhältnisse ... , aber es gab gewiß unzählige Vermißtenschicksale ... ", die den Stoff für sagenhafte Ausschmückungen hergege­ ben haben dürften. Ich denke, daß H. Dobbertin auch in diesem Punkt recht hat. Auswandern ist immer mit Risiken behaftet; einige wenige Unglücksfälle reichen aus, um in der Heimat zu gewaltigen Katastrophen umgedeutet zu werden. Zusammenfassung Ich bin am Ende meiner Überprüfung der namenkundlichen Seite bisheriger Theo­ rien zur mutmaßlichen Auswanderung Hamelner Jungbürger. Nochmals sei betont, daß nicht zu bestreiten ist, daß es Verbindungen zwischen Mähren und dem Weser- • bergland gibt, aber ohne Frage bestehen viel sicherere Namengleichungen zwischen dem Wesergebiet und den Kolonisationsgebieten nördlich von Berlin, vor allem der Prignitz, der Uckermark und mit Pommern. Die Gleichung Hamelspringe - Ram­ melspring spricht für sich. Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, daß eine sorgfältige Untersuchung der geo­ graphischen Namen doch sehr klare Hinweise auf das Ziel der Auswanderer geben kann. Gerade dieses ist bisher oft bestritten worden. So etwa von M. Kroner, der durchaus der Auswanderungstheorie den Vorzug gibt und unterstrichen hat: "Wenn dem so ist, hat die deutsche Ostkolonisation, über die es nur spärliche 387 In: Geschichten und Geschichte, hrsg. v. N. Humburg, Hameln 1985, S. 97. Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? 177 dokumentarische Nachrichten gibt, im Kleide der Fabel den Stoff für die bekannte­ ste deutsche Sagengestalt geliefert"388. Zugleich schränkt er aber ein: "Das Nieder­ lassungsgebiet konnte sich von der Ostsee bis nach Mähren erstreckt haben". Diese Skepsis findet sich auch bei H. E. Mayer389, der m. E. zurecht gegenüber H. Dobbertin Zurückhaltung empfiehlt: "Der Vf. ist der sich in unserer Wissenschaft immer stärker bemerkbar machenden Versuchung erlegen, die Klärung der Ver­ gangenheit bis zur letzten Konsequenz und zum letzten Detail treiben zu wollen (so etwa, wenn er glaubt, das Schiff mit den Auswanderern sei 1284 Juli 22 vom Johanniterhof Cuppen bei Rügenwalde zum letztenmale gesehen worden)." Allzu skeptisch heißt es dann aber weiter: "Daß der Zug ins Kolonialland ging, sei als Möglichkeit gerne geglaubt. Zu weiteren Vermutungen reichen die Quellen nicht hin". Dem möchte ich die Aussagefähigkeit von Ortsnamen, die von einer Bevölkerung entweder mitgenommen werden oder aber aus ihrer Sprache, mit Hilfe derer .ihre Herkunft oft genug bestimmt werden kann, in ihrer neuen Heimat nach alten Mustern neu geschaffen wurden, entgegensetzen390. Daß mit dieser Untersuchung der geographischen Namen nur ein Teil des die Sage umspannenden dichten Netzes von Vermutungen, Ausmalungen und dichterischen Veränderungen etwas gelockert worden ist, liegt in der Natur der Sache. Wahrscheinlich verhält es sich so, wie E. Weise vermutet hat, daß es "die Erinnerung an einen starken Menschenverlust durch die Ostkolonisation [ist] , die in der Sage festgehalten wird"3�1. Und daß von allen angebotenen Theorien (Kinderkreuzzug, Naturkatastrophe, gro­ ßes Kindersterben, priesterlicher Ritualmord, Tanzwut [Veitstanz] , Erinnerung an die großen Verluste Hamelns in der Schlacht von Sedemünde [1 260], Ostkolonisa­ tion) die Suche nach einer neuen Existenz im Osten mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter der Sage zu vermuten ist, wird immer wieder angenommen, ja gelegentlich erzeugte die Nichtberücksichtigung dieses Vorschlags sogar Erstaunen. Ich zitiere nochmals J. P. O'Done1l392: "Sonderbarerweise hat ein wirklich wichtiges politi­ sches Ereignis des mittelalterlichen Europa bei den früheren Forschern, die dem Rattenfänger auf der Spur waren, nur flüchtige Beachtung gefunden: das Phäno­ men der Massenauswanderung nach dem Osten, der ständige Strom deutscher Kolonisten ... ". 388 M. Kroner, Südostdeutsche Vierteljahrsblätter 33(1984)172. 389 Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 14(1958)584. 390 Wendet man diese Methode bei der Frage nach der Heimat derjenigen germanischen Stämme an, die England besiedelten, so ergeben sich ebenfalls sehr deutliche Hinweise: vgl. J. Udolph, Die Landnahme Englands durch germanische Stämme im Lichte der Ortsnamen. In: Nordwest­ germanisch (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 13), Berlin-New York 1995, S. 223-270. 391 Stader Jahrbuch 1956, S. 49. 392 J. P. O' Donell, Der Monat. Eine Internationale Zeitschrift, H. 93, 1956, S. 57 f. 178 Jürgen Udolph • • Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? A. Verbindungslinien zwischen Weser- und Leinegebiet und dem Osten 1 Beverungen (Weser) - Beveringen (bei Pritzwalk) - Beweringen (bei Stargard i. Pomm.) 2 Everstein (bei Holzminden) - Everstein (bei Naugard) 3 Schaumburg (bei Hess. Oldendorf) - Altschaumburg (nörd!. Küstrin) 4 Bischofshagen (bei Löhne/Westf.) - Bischofshagen (b. Greiffenberg/Uckermark) 5 Biesterfelde (süd!. Bad Pyrmont) - Boisterfelde (bei Prenzlau/Uckermark) 6 Dalhausen (bei Beverungen/Weser) - Dahlhausen (bei Pritzwalk/Prignitz) 7 Hamelspringe (west!. Bad Münder) - Hammelspring (bei Templin/Uckermark) 179 8 Hindenburg (west!. Höxter) - Hindenburg (Altmark) - Hindenburg (bei Templin) - Hinden­ burg (bei Prenzlau) - Hindenburg (Pommern) 9 Rautenberg (bei Hildesheim) - Rutenberg (nordöst!. Neustrelitz) 10 Spiegelberg (süd!. Coppenbrügge) - Spiegelberg (bei Pasewalk/Uckermark) -'- Spiegelberg (bei Allenstein/ Ostpreußen ) 11 Depenau (bei Burgdorf/Han.) - Tiefenau (an der Marienburg) 12 Westfalen (Ländername) - Westfalen (bei Kyritz/Prignitz) B. Verbindungen nach Mähren a Fülme (Porta Westfalica) - FulStejn (bei Hotzenplotz, cech. Osoblaha) c Schaumburg - Saumburk (bei Olmütz) Diesem wollte ich nachgehen. Auf der einen Seite ging es mir darum, die z. T. er­ heblichen Unzulänglichkeiten, ja Unkenntnisse auf namenkundlichem Sektor deut­ lich zu machen (das betraf Anhänger wie Gegner der Mährentheorie gleicherma­ ßen), zum anderen habe ich zu zeigen versucht, welch sichere Zeugnisse für Wan­ derungsbewegungen die Ortsnamen in sich bergen. Gar zu gern werden diese Aus­ sagemöglichkeiten von Archäologen und Historikern übersehen oder für unerheb­ lich erachtet. Um so wichtiger ist es, die historisch bezeugte Ostkolonisation anhand der Ortsnamen einer Prüfung zu unterziehen. Trägt man die aus dem Weser- und Leinegebiet sicher übertragenen Namen auf einer Karte ein (S. 178), so erscheinen diese Aussagen noch plastischer. Deutlich erkennbar sind die engen Verbindungen mit dem Nordosten, wobei zu betonen ist, daß nicht Pommern das eigentliche Ziel war, sondern die Prignitz und die Ucker­ mark. Hier finden sich fast alle Namen des Weser- und Leinegebietes wieder. Erst in einem weiteren Vordringen wird offenbar die Oder überschritten. Die Zusam­ menstellung der Namen und ihre Kartierung zeigen, daß die erste Kolonisations­ welle aus dem Wesergebiet über die Altmark hinweg führte (Hindenburg als Orts­ name einmal belegt) und daß sich die Kolonisten zunächst nördlich von Berlin nie­ dergelassen haben. Benachbarte Orte wie Hindenburg und Hammelspring sowie Beveringen und Dahlhausen deuten auf gewissen Konzentrationen der Siedler aus dem Wesergebiet hin. Dem gegenüber ist die Zahl der sicher übertragenen Namen nach Mähren ver­ schwindend gering. Sie reicht nicht im mindesten an die Streuung nach Nordosten heran. 180 Jürgen Udolph Schlußwort Das Ergebnis zeigt, daß historische Überlieferung und Streuung der Ortsnamen zu einer gewissen Deckung gebracht werden können. Daraus dürfen verschiedene Fol­ gerungen gezogen werden: 1.) Eine sorgfältige Analyse der Ortsnamen erlaubt es, Aussagen über Heimat und Expansionsgebiet zu machen. 2.) Übertragungen von Ortsnamen aus neuerer Zeit sind gut bekannt. Man denke an die Besiedlung Amerikas durch Europäer (Namen wie Stanton, New Orleans, Hannover, Berlin), an die Einwanderung von Europäern nach Süd afrika (Heide/­ berg, Hei/bronn, Rijswijk), an die Eroberung und Besiedlung Sibiriens durch russi- sche Kolonisten, an Hugenottenumsiedlungen (Salzburg im Kreis Hameln-Pyr- � mont). , 3.) Daraus folgt, daß die Orte Hamme/spring, Beveringen, Hindenburg, Spiegel- berg, Rutenberg in der Prignitz, in der Uckermark und in Pommern im Zug der deutschen Ostkolonisation dorthin gekommen sein müssen. Der Anteil des Weser­ gebietes ist bedeutend. Es gibt gute Gründe, die Ortsnamen des Ostens mit dem Ziel der Hamelner Auswanderer in Verbindung zu bringen. 4.) Die Kontakte mit Mähren waren in erster Linie mit der Person des Bischofs Bruno von Schaumburg verknüpft. Nach dessen Tod 1281 erlosch die Zuwande­ rung aus dem Wesergebiet, während die deutschen Ostgebiete bis zum Baltikum den Siedlern weiter offen standen. 5.) Wenn es einen Rattenfänger gegeben haben sollte (es handelt sich aber wohl um einen zweiten Erzählstrang, der erst spät ausgeprägt wurde), dann hätte er die Hamelner mit Sicherheit weder nach Siebenbürgen oder nach Mähren, sondern nur nach Brandenburg, in die Prignitz, die Uckermark oder nach Pommern geführt. Das jedenfalls besagen die Ortsnamen. Literatur A. Cammann, Der Rattenfänger von Hameln und der Untergang in Masuren 1284-1984, Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde 27(1984) 1-58. A. 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