z. B. im 16. Jh. viele Sektierer aus Schlesien, unter denen auch Taufgesinnte gewesen sein mögen (zu denen Caspar v. Schwenckfeld übrigens nicht gehörte) ins Ordensland Preußen und in das damals königlich-polnische Westpreußen. Die vorläufig nicht nachweisbare Vermutung, daß auch Glieder der Familie v. Roy(en) unter ihnen gewesen sein könnten, könnte also durchaus bestehen. Die Arbeit wird daher Leser anstoßen, sich näher mit der Wandemng von Schlesiern nach West- preußen zu befassen. Darüber hinaus bringt der Vf. eine Übersicht über namens- und wappenverwandte Familien und untermauert seine Ausführungen mit 414 z. T. sehr ausführlichen Anmerkungen der Quellen und der Literatur. Ruth Hoevel Horst Kenkel: Schulen und Lehrer im Regierungsbezirk Königsberg 1810/13. ]. G. Herder-Institut Marburg/Lahn 1982. 279 S., l Karte. (Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas i. A. des Johann-Gottfried-Herder-Instituts hrsg. v. Hans-Jürgen Karp Nr. 118.) DM 42,—. Bis in den Anfang des 18. Jh. hinein gab es in Ostpreußen Schulen nur in den Städten und allenfalls in den Kirchorten. Erst nach Einführung der Schulpflicht 1717 mußten die Dörfer jeweils zentral gelegene Schulen einrichten und sie gemeinsam als „Schulsozietät" unterhalten. Dabei erga- ben sich langandauernde Schwierigkeiten jeder Art, nicht zuletzt auch durch die Frage nach Lehrern, die zunächst ehemalige Soldaten, Handwerker und Z.T. Studenten waren. Quelle für die vorliegende Arbeit sind die „Emolumententabellen", d. h. Übersichten über Stand und Einkommen der lutherischen, refonnierten und katholischen Kirchen und Schulen aus den Jahren 1810/11 und 1813, die ehemals im Staatsarchiv Königsberg, jetzt im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin liegen. Sie beziehen sich auf das Gebiet der damaligen geistlichen Inspektion Königsberg, das jedoch nicht ganz dem späteren Regierungsbezirk Königsberg ent- spricht. Die Z.T. freilich unvollständig ausgefüllten Fragebogen führen in alphabetischer Reihenfol- ge der Kirchspiele Schulon, Gründungsjahr, Patron, eingeschulte Orte der Umgebung, Schul- gebäude, Name des Lehrers, seinen Geburtsort, Alter, Beruf, Ausbildung, Amtsführung und die Anzahl der Schüler auf, während der Verf. über die Einkünfte nur summarisch und in Ausschnitten in der Einleitung berichtet. In den Angaben über die Ausbildung wird die Übergangszeit von der zunächst mehr provisori- sehen zur gründlichen Ausbildung in Lehrerseminaren deutlich: Die Lehrer lernten nur in der Dorf- schule das Nötigste und wurden meistens vom Pfarrer ihres Amtsortes in ihre Arbeit eingewiesen, nur wenige haben das seit 1772 bestehende Lehrerseminar in Klein-Dexen besucht. So wird hier ein Querschnitt in räumlicher und zeitlicher Hinsicht geboten, der wesentliche Aussagen vermittelt und dessen Wert durch die Beigabe von Orts- und Namensregistern erhöht wird. Verf. konnte wohl noch das Manuskript vollenden, den Druck aber nicht mehr erleben. Mit diesem Bande hat er sich - zusammen mit seinen vielen anderen verdienstvollen Arbeiten über seine Heimat (vgl. Preußenland Jg. 19/1981, S. 53-54) selbst ein Denkmal gesetzt. Ruth Hoevel Kommissionsverlag: Elwertsche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung Reitgasse 7/9, 3550 Marburg (Lahn) Einsendung von Manuskripten erbeten an Dr. Ernst Bahr, Wilhehi-Roser-Str. 34, 3550 Marburg (Lahn) oder Dr. Stefan Hartmann, Archivstr. 12-14, 1000 Berlin 33 Gedruckt mit Unterstützung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Beihilfe des Herder-Forschungsrates Herstellung: Karlheinz Stahringer, 3557 Ebsdorfergrand 6 64 /, C>> . A / y f & i '^%/^^. ^ ;<. »(cuftcntan» MITTEILUNQEN DER HISTORISCHEN KOMMISSION FÜR OST- UND WESTPREUSSISCHE LANDESFORSCHUNQ UND AUS DEN ARCHIVEN DER STIFTUNQ PREUSSISCHER KULTURBESITZ Jahrgang 22/1984 ISSN 0032-7972 Nr. 1/2 INHALT Alfred Cammann, 700 Jahre „Rattenfänger von Hameln" (1284-1984) und die These vom Ende in Masuren, S. l - Udo Arnold, Ein Bericht zur Schlacht an der Strebe 1348 aus der Deutschordensballei Elsaß-Burgund, S. 4 - Markian Pelech, Die Beisteuer der kleineren Städte an die Hansestädte des Deutschordenslandes Preußen im Jahre 1396, S. 8 - Hubert Heinelt, Erwartungen und Erfahrungen. Das Bild der Freimaurerei in Briefen Johann Gottlieb Fichtes und Theodors von Schön (1792-1797), S. 17 - Buchbespre- chungen, S. 31. 700 Jahre „Rattenfänger von Hameln" (1284-1984) und die These vom Ende in Masuren Von Alfred Cammann ANNO. 1284. AM DAGE. JOHANNIS ET PAULI. WARDER. 26JUNII. DORCH. EINEN. PIPER. MIT. ALLERLEI. FARVE. BEKLEBET. GEWESEN. CXXX KINDER. VERLEBET. BINNEN. HAMELEN. GEBON. TO CALVARIE. BI DEN KOPPEN. VERLOREN. So lautet eine Inschrift am Rattenfängerhaus m Hameln1. Die Stadt wird das Gedenk- jähr feierlich begehen und hat auch zu einer internationalen Erzählforschertagung einge- laden. An dem historischen Kern der Sage ist wohl nicht mehr zu zweifeln. Als erster hat der Troppauer Archivar Wann die Vermutung geäußert, daß es sich um einen Siedler- treck mit einem locator gehandelt habe, der s. E. in seine Heimat nach Mähren in das Kolonisarionsgebiet des Bischofs Bruno von Schaumburg (die Stammburg bei Hameln) unterwegs war. Wir wissen aber, daß nach den „Kindern" und ihrem Verbleib intensiv von Hameln aus „de civitate ad civitatem" gesucht wurde. Der Bischof ist aber schon 1281 gestorben, und auf diesem Wege hätte man auch in damaliger Zeit Spuren eines Un- terganges finden müssen2. Neue Anstöße zur Lösung dieses Rätsels gibt der Lehrer und Genealoge Hans Dob- bertin aus Eldagsen bei: Hameln. Er vermutet, daß „bi den Koppen" der Johanniterhof Kopahn bei Rügenwalde der Ort gewesen sei, von dem man die junge Mannschaft auf einer Kogge zuletzt gesehen habe, bevor sie einer Schiffskatastrophe zum Opfer fiel. In seinen genealogischen Forschungen hat Dobbertin in dem „Rattenfänger" einen jungen Grafen Nikolaus von Spiegelberg identifiziert, was mit an Sicherheit grenzender Wahr- scheinlichkeit zu vertreten ist. Ich habe mich dieser Deutung in einem Aufsatz von 1957 angeschlossen und werde demnächst in einer umfangreichen Arbeit dazu Stellung neh- men. Nach Dobbertin ist der später verrufene und mystifizierte Graf Nikolaus von Spie- gelberg/Coppenbrügge (bei Hameln) derjenige, der den Siedlerzug ms „livländisch-preu- ßische" Ordensland, wie Dobbertin schreibt, plante und führte3. Dieser Graf war ein Abenteurer, in Lüaeburg war er „verfestet", weil er 1277 dort an der Alten Saline einen wachhabenden Stadtsoldaten erschlagen hatte. Er war durch seine Mutter eng verwandt mit Herzog Bogislaw IV. von Pommern-Stettin „et Cassubie", ist bis zum 8. Juli 1284 in Stettin urkundlich genannt, auch 1283 vom Herzog als „consan- guineus noster" bezeichnet4. Der Landweg war m. E. damals sicherer als die See, die 1284/85 durch den Krieg zwischen der Hanse und Norwegen und auch durch Seeräuber an der pommerschen Küste gefährdet war; und wir -wissen, daß Bauerntrecks vor einer Seefahrt zurückschreckten, sie konnten zu wenig Ausrüstung mitnehmen, auch die Ko- Ionisation des Baltikums soll daran gescheitert sein. Für den Landweg spricht, daß die Brandenburger Fehde vor dem Friedensschluß am 13. August 1284 im Abflauen begrif- fen war und daß Herzog Mesrwin II. von Ostpommern ein friedlicher Fürst gewesen sein soll. Ich halte es für möglich, daß mit „Koppen" das Spiegelberger Coppenbrügge ge- meint sein könnte, wo der Graf die junge Mannschaft zum letzten Male musterte und wohl auch bewaffnete. Sie dürften auf dem Besitz der Burgdorf-Celler Herren -von Depe- now bei Quidin (Tiefenau bei Marienwerder) Station gemacht haben und sind dann in das nach 1283 befriedete Neuland an der Alle weitergezogen. Die Spiegelberger hatten 1 Dobbertin, Hans: Quellensammlung zur Hamelner Rattenfängersage. In: Schriftenreihe z. nd. Volkskunde. Göttingen 1970. S. 53. -Humburg, Norbert: Der Rattenfänger von Hameln. Ein Lese-Lieder-Bilder-Buch. Hameln 1984. S. 35. 2 Dobbertin, Hans: Der Auszug der Hämelschen Kinder (1284). Ein Vermißtenschicksal der Kolonisationszeit wurde zur Volkssage. In: Schriftenreihe d. Genealogischen Gesellschaft Hamelns. Heft 19. Hameln 1958. S. 6. - Ders.: Beiträge zur Hamelner Kinderausfahrt (1284). Selbstverlag. Hildesheim 1981 (Druck Lax). - Abkürzungen: D = Dobbertin, DA = Dobbertin „Auszug . . .", DB = Dobbertin „Beiträge . . .". Weitere Literatur von D. in DQu = Dobber- tin „Quellensammlung . . ." S. 145/146. - Cammann, Alfred: Rattenfängersage und Ostsied- lung nach dem derzeitigen Stand der Forschung. In: Heimat u. Volkstum. Jb. für bremisch- niedersächs. Volkskunde. Grohne-Gedenkschrift 1957. S. 66—76, angehängt: Herrmann, Johannes: Der Rattenfänger von Dziergunken-Mühle. S. 76—81. 3 DAS. 15 ff., S. 18: Die beiden Brüder Sprenzen - ein Bruder Nikolaus - dürften verwandt sein mit der 1272 bezeugten mecklenburgischen Ritterfamilie Spiegelberg! Die Brüder 1360 urkund- lich Rir Spiegelberg im Ermland bestätigt. D. vermutet: „Es könnte (demnach) schon Graf Nikolaus von Spiegelberg um 1280 das ermländische Dorf Spiegelberg und das westlich daneben an der Alle gelegene Gut Bergfriede gegründet haben". Bergfriede dürfte aber wie der Ort des- selben Namens an der Drewenz eine alte Burganlage gewesen sein; vielleicht aber könnte das be- nachbarte Nickelsdorf auf den Grafen Nikolaus oder den Nikolaus Sprenz zurückgehen. Zu D.: Meckl. ÜB IV und E. Bahr in: Zs. d. westpr. Gesch. Ver. 75, Danzig 1939, S. 5-54. 4 DA S. 16 und DB S. 5 u. 7. 2 schon (wie die Hindenburg, die Hamelner Grafen Everstein und die Friedeberg) im Osten Dörfer gegründet, so das Spiegelberg bei Pasewalk und das bei Frankfurt an der Oder. Graf Nikolaus könnte die Gründung des 1354 und 1360 urkundlich erwähnten Dorfes Spiegelberg bei Allenstein (gegründet 1348) versucht haben, möglicherweise unter Flankendeckung durch die Wallburg Bergfriede an der Alle. Allerdings hätte er dabei mit Überfällen durch Reste der aufständischen Sudauer im Bunde mit den Litauern rechnen müssen, die diese Gegend noch bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts unsicher mach- ten5. Zum Untergang der Hamelner „Kinder" könnte ein früh eingebrochener harter ost- preußischer Winter beigetragen haben oder ein Überfall der durch die Dorfgründung in der Nähe des heiligen Bezirks bei Kurken, Kurchosadel mit dem Kurcho-Tempel im Heiligen See gereizten »Heiden". Vermutlich hatte die inzwischen durch den langen Treck ausgemergeke junge Mannschaft ihre Reserven verbraucht und konnte nach dem großen Aufstand keine Unterstützung durch die Landesherrschaft erwarten, was das Überleben anderer Ansiedlungen erst garantierte. Inzwischen konnte ich drei Varianten der „Rattenfängersage von Dziergunkenmühle" aufspüren, an sich nur ein kleiner Fingerzeig in der Spurensuche; aber es kann die Über- tragung einer Hamelner Rattenbannersage über Spiegelberg in diese Gegend angenom- men werden. Die eine Geschichte hat der damals junge Lehrer Johannes Herrmann 1919 in Kurken von seinen Schülern gehört und aufgeschrieben, die andere hat uns Frida Borbstädt überliefert, und die dritte stammt von Maria Zientara Malewska in polnischer Sprache, mir vermittelt durch Dr. Kempfi, damals in Darmstadt. Diese Variante wurde erzählt „von dem alten Bialuszewski z Rusi", wie Frau Zientara Malewska berichtet. Frau Dr. Brigitte Poschmann hat mir hilfsbereit einige Daten zu der Verfasserin geliefert und den Ort des Erzählers als „Reußen" zwischen Allenstein und Kurken bestimmt. Der Lehrer Bachor aus Kurken, zuletzt Hildesheim, konnte dazu noch eine Sage vom „Heili- gen See" beitragen, die den Sagenhintergmnd aufzuhellen vermag. Darüber ausführlich in erwähntem Aufsatz im Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde, zugleich mit den Sagen- texten6. Dies mag als eine letztmögliche Deutung der Hamelner Sage und ihres historischen Kerns gelten; eine Lösung des Rätsels vom Verbleib der „Kinder" wird uns trotz zahlrei- eher Versuche über Jahrhunderte hin wohl nicht mehr gelingen. 5 Die Zerstörung von „Wartenberg" (später das Dorf Alt-Wartenburg) - im Winter 1353/4 durch die Litauer - mit einer ganzen Reihe früherer Einfälle! In: Heimatbuch des Landkreises Allenstein. Osnabrück-Langenhagen 1968. Darin Hans Schmauch: Besiedlung und Bevölke- rung des südl. Ermlandes. S. 14. 6 Cammann, Alfred: Märchenwelt des Preußenlandes. Bleckede (jetzt Gütersloh WA) 1973. Darin: Der Rattenfänger von Dziergunken-Mühle. S. 387-392; Biographie J. Herrmann S. 541/2; Herrmann: Kindheit in Masuren. S. XXV/VI; 0. Bachor : Der Topich. S. 325/6; Bio- graphisches zu Frida Borbstädt S. 530/1. - In Druck: Cammann, Alfred: Der Rattenfänger von Hameln und der Untergang in Masuren. In Jb. f. ostdt. Volkskunde Bd. XXVII, erscheint Ende 1984. Ich habe abschließend einigen Mitgliedern unserer Kommission (Mortensen, Poschmann, Bahr, Jähnig) fiir manchen guten Rat bei dieser Arbeit herzlich zu danken. 3 Ein Bericht zur Schlacht an der Strebe 1348 aus der Deutschordensballei Elsaß-Burgund Von Udo Arnold Nachdem der Deutsche Orden Preußen erobert hatte, wandte er sich mit der Legiü- mation des Heidenkampfes gegen Litauen. Der Chronist des Ordens Peter von Dusburg hat dies in einer Kapitelüberschrift auf eine klassische Kurzformel gebracht: Explidt helium Prussie. Incipit bellnm Lethowinorum1. Diese Litauer-,,Reisen", wie der Begriff der Zeit lautet, gehörten nicht nur zur Erfüllung der Heidenkampfvorstellungen des Deutschen Ordens als Ausläufer der Kreuzzugsideologie, sondern stellten aufgrund der großen Zahl der nicht aus Preußen stammenden und nicht dem Orden angehörenden adligen Gäste aus Westeuropa einen wichtigen Faktor gesamteuropäischen Adelslebens des Spätmittelalters dar2. Im Gegensatz zu Preußen hat der Orden Litauen jedoch nicht unterwerfen können. Jener Gegner war ernster zu nehmen, Schlag und Gegenschlag wechselten einander ab3. So erfolgten 1347 zwei verheerende Einfälle der Litauerfürsten Olgierd und Kinstut nach Preußen, offenbar um die preußisch-livländische Umklamme- rung seitens des Ordens zu sprengen4. Daraufhin holte der Orden zum Gegenschlag aus, 1 Peter von Dusburg, Chronicon terrae Prussiae, hg. v. MaxToeppen, in: Scriptores rerum Prus- sicanim. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit, hg. v. Theodor Hirsch, Max Toep- pen und Ernst Strehlke, Bd. I, Leipzig 1861 (Nachdruck Frankfurt/Main 1965), S. 1-219, hier S. 146 zu 1283. 2 Vgl. Erich Maschke, Burgund und der preußische Ordensstaat. Ein Beitrag zur Einheit der rit- terlichen Kultur Europas im Spätmittelalter, in: Syntagma Friburgense. Historische Studien, Hermann Aubin zum 70. Geburtstag dargebracht, Lindau 1956, S. 147-172; Neudruck in: ders., Domus hospitalis Theutonicorum. Europäische Verbindungslinien der Deutschordens- geschichte. Gesammelte Aufsätze aus den Jahren 1931-1963 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 10), Bonn 1970, S. 15-34. - Werner Paravicini, Die Preußenreisen des europäischen Adels, in: Historische Zeitschrift 232, 1981, S. 25-38. - Hart- mut Boockmann, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 1981, S. 151-169. 3 Den besten Eindruck vermittelt die Chronik Wigands von Marburg, hg. v. Theodor Hirsch, in; Scriptores (wieAnm. l), Bd. H, 1863 (Nachdmck 1965), S. 429-662; vgl. G. Bujack, Regesten zu den litauischen Kriegsreisen des deutschen Ordens, in: Altpreußische Monatsschrift 6, 1869, S. 509-518; Robert Krumbholtz, Samaiten und der Deutsche Orden bis zum Frieden am Melno-See, in: Altpreußische Monatsschrift 26, 1889, S. 193-258, 461-484 nebst Karte sowie 27, 1890, S. 1—84, 193—227; nicht zugänglich war mir Lietuviu karas su kryziuociais [Die Kriegszüge Litauens gegen den Deutschen Orden], hg. v. J. Jurginis, Vilnius 1964. Eine Zusammenstellung der Kriegszüge nebst Auswertung in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht für Litauen bei Zenonas Ivinskis, Geschichte des Bauernstandes in Litauen (Histori- sehe Studien 236), Berlin 1933 (Nachdruck Vaduz 1965), S. 64-67 mit Anm. 14-19. 4 Preußisches Urkundenbuch IV, hg. v. Hans Koeppen, Marburg 1960, Nr. 278 f. Zu den De- tails nach wie vor unverzichtbar Johannes Voigt, Geschichte Preußens, von den ältesten Zeiten bis zum Untergänge der Herrschaft des Deutschen Ordens, 9 Bde., Königsberg 1827-1839, hier Bd. 5, S. 54-72; Marian Turnier, Der Deutsche Orden im Werden, Wachsen und Wirken bis 1400 mit einem Abriß der Geschichte des Ordens von 1400 bis zur neuesten Zeit, Wien 1955, S. 327-334. 4 wie üblich im Winter, wenn aufgrund des Frostes der Untergrund auch für den gepanzer- ten Ritter tragfähig genug war in jener zum Teil recht unwegsamen Wildnis, die es zu überwinden galt. Zuvor hatte er vielleicht im Westen um Gäste geworben, um diesen Ge- genschlag möglichst wirkungsvoll zu gestalten5. Es kam zu einer der wenigen großen Schlachten im Ringen zwischen Litauen und dem Orden, am 2. Februar 1348 an der Stre- be (Streva), einem rechten Nebenfluß der Memel, südöstlich von Kaunas in diese mün- dend6. Der Deutsche Orden errang einen eindrucksvollen Sieg7, den er im Sommer 1348 durch ein nochmaliges Nachstoßen mit der Zerstörung der Burg Welun (Veliuona) besie- gelte8. Anschließend erfolgte eine vierjährige Pause in den Auseinandersetzungen. Die Schlacht an der Strebe hat verständlicherweise einen intensiven Niederschlag in der Historiographie Preußens wie Livlands gefunden. Neben Wigand von Marburg berich- ten darüber etwas früher aus livländischer Sicht der Kaplan des livländischen Land- meisters Hermann von Wartberge9, die Ältere Chronik von Oliva10, die Thorner Anna- len in der Form, die sich bei dem Lübecker Minoriten Detmar tradiert findet11, im 15. Jahrhundert dann die Ältere Hochmeisterchronik12 und gleichzeitig der Hoch- meisterjurist Laurentius Blumenau13 sowie um 1500 schließlich die Historia brevis magistrorum14. Wigaad von Marburg und die Thorner Annalen berichten auch über den sommer- lichen Zug gegen Welun15, doch steht dieser verständlicherweise im Schatten der eigent- lichen Schlacht an der Strebe; er ist dementsprechend bei allen anderen Chronisten in Preußen fortgefallen. 7 10 5 So Voigt (wie Anm. 4), S. 56, jedoch ohne Beleg. 6 Zur Topographie vgl. Lietuvos Zemelapis, hg. v. Juozas Andrius, 1956 sowie die Karte bei Krumbholtz (wie Anm. 3). Vgl. Voigt (wie Anm. 4), S. 60-65. 8 Wenn Voigt (wie Anm. 4) und Krumbholtz (wie Anm. 3, Bd. 26, S. 463) von insgesamt vier Kriegszügen 1348 berichten, folgen sie damit Wigand (wie Anm. 3), der noch zwei Züge ein- schiebt, die sich nicht genau datieren lassen und sonst nicht überliefert sind; vgl. Scriptores II (wie Anm. 3), S. 513 mit Anm. 427. - Ein Rest der Originaldarstellung Wigands zur Schlacht an der Strebe in: Scriptores (wie Anm. l), Bd. TV, 1870 (Nachdruck 1965), S. 4. 9 Hermanni de Wartberge Chronicon Livoniae, hg. v. Ernst Strehlke, in: Scriptores II (wie Anm. 3), S. 9-116, hier S. 75 f. Die ältere Chronik von Oliva, hg. v. Theodor Hirsch, in: Scriptores I (wie Anm. l), S. 669-726, hier S. 724 sowie in: Scriptores V, 1874 (Nachdruck 1965), S. 591-623, hier S. 617 f. 11 Franciscani Thorunensis Annales Prussici. Johann's von Posilge . . . Chronik des Landes Preu- ßen . . . zugleich mit den auf Preußen bezüglichen Abschnitten aus der Chronik Detmars von Lübeck, hg. v. Ernst Strehlke, in: Scriptores (wie Anm. l), Bd. III, 1866 (Nachdruck 1965), S. 13-399, hier S. 77 f. 12 Die ältere Hochmeisterchronik, hg. v. Max Toeppen, in: ebd., S. 519-709, hier S. 593. 13 Laurentius Blumenau, Historia de ordine Theutonicorum Cruciferorum, hg. v. MaxToeppen, in: Scriptores (wie Anm. l), Bd. IV, 1870 (Nachdruck 1965), S. 35-67, hier S. 53. 14 Historia brevis magistrorum ordinis Theutonici generalium, hg. v. Max Toeppen, in: ebd., S. 254-274, hier S. 264. ls Wigand von Marburg (wie Anm. 3), S. 514; Thorner Annalen bzw. Detmar (wie Anm. 11), S. 78. 5 Doch nicht nur in Preußen und im angrenzenden Livland hat sich die Kenntnis jener Schlacht tradiert, auch in der Ordenshistoriographie im Reich16. Aus der preußischen Überlieferung übernimmt den Bericht die Ende des 15. Jahrhunderts in der Ballei Utrecht entstandene Jüngere Hochmeisterchronik, und seitdem findet er sich weiterhin in der Historiographie des Restordens im Reich17. Offenbar haben aber die Gäste, die an jener Schlacht teilnahmen, nach ihrer Heimkehr ebenfalls für die Verbreitung ihres Ruhmes gesorgt, so daß auch die vom Orden unab- hängige Historiographie des Reiches entsprechende Berichte enthält18. Nun nahmen an solchen Litauer-Reisen nicht nur Gäste aus dem Westen teil, der Orden selber entsandte immer wieder Rltterbrüder aus den Balleien des Reiches nach Preußen und Livland, teilweise auf Dauer, teilweise vorübergehend. Aus der Erzählung oder gar der eigenen Niederschrift eines solchen Deutschordensritters, der an den Kriegszügen jenes Jahres 1348 teilgenommen hat, stammt ein Bericht jener Vorgänge, der zwar bereits lange ediert, aber in der preußischen Landesforschung mit Ausnahme der Literaturwissenschaft m. W. bislang übersehen worden ist. Dabei ist bemerkenswert, daß nicht nur die Schlacht an der Strebe geschildert wird, sondern auch der spätere Zug gegen Welun. Die Chronistik im Reich, ob innerhalb oder außerhalb des Ordens entstan- den, kennt diesen Zug nicht, und selbst in der preußischen Überlieferung finden wir ihn nur bei Wigand, den Thorner Annalen bzw. nach diesen bei Detmar von Lübeck, wobei die Zahlenangaben nicht mit denen bei Wigand, wohl aber mit denen der Thorner Anna- len übereinstimmen19. 17 16 Vgl. generell zur Ordenshistoriographie Odilo Engels, Zur Historiographie des Deutschen Ordens im Mittelalter, in: Archiv für Kulturgeschichte 48, 1966, S. 336-363; Udo Arnold, Ge- schichtsschreibung im Preußenland bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 19, 1970, S. 74-126; ders., Deutschordenshistorio- graphic im Deutschen Reich, in: Die Rolle der Ritterorden in der mittelalterlichen Kultur, hg. v. Zenon Hubert Nowak (Universitas Nicolai Copernici. Ordines militares. Colloquia Torunen- sia Historica II), Torun 1984 (im Satz). Im letzten Jahrzehnt des 15. Jhs. die Chronik der vier Orden vonjemsalem, in: Scriptores (wie Anm. l) Bd. VI, hg. v. Walther Hubatsch, bearb. v. Udo Arnold, Frankfurt/M. 1968, S. 106-164, hier S. 150, offenbar nicht nach preußischen Quellen; gleichzeitig die Jüngere Hochmeisterchronik, in: Scriptores V (wie Anm. 10), S. 1-147, hier S. 119; Johann Caspar Venator, Historischer Bericht vom Marianisch Teutschen Ritter-Orden, Nürnberg 1680, S. 102 f. Zu diesem historiographischen Strang vgl. Arnold, Deutschordenshistoriographie (wie Anm. 16). 18 Z. B. Alben von Straßburg, in: Scriptores II (wie Anm. 3), S. 737; Johannes von Winterthur, in: ebd., S. 741. 19 Vgl. Anm. 15. Während hier die Überlieferung der Thorner Annalen und der Oberrheinischen Chronik m. E. unabhängig voneinander sind und sich gegenseitig stützen, können die Zahlen- angaben in der Chronistik sonst sehr hilfreich sein für die Abhängigkeitsbestimmungen. So stammt die Zahl der 51 Toten auf Seiten des Ordens bei Blumenau (wie Anm. 13) und nach ihm in der Historia brevis (wie Anm. 14) aus einem offensichtlichen Mißverständnis der in der Älte- ren Chronik von Oliva (wie Anm. 10) teils mit Namen angegebenen Gefallenen, während die übrigen Chronisten von 50 sprechen, manche noch genauer von 8 Ordensbrüdern und 42 übri- gen Streitern. 6 I In der Nordschweiz - näher ist der Entstehungsort nicht zu bestimmen - entstand im zweiten Drittel des 14. Jahrhunderts eine von mehreren Händen zusammengestellte Handschrift. In ihrem Hauptteil ist eine Abschrift, die dann von verschiedenen Schrei- bern ergänzt und fortgesetzt wurde; diese Schreiber gehörten sprachlich unterschied- lichen Herkunftsgebieten an. Der Hauptteil reicht bis 1337, die erste Fortsetzung bis 1339, die zweite bis 1348, zwei getrennte Teile für 1348 und 1349 schließen sich an. Die Entstehuagszeiten dieser Teile dürften jeweils identisch sein mit den Daten, mit denen sie schließen. Inhaltlich handelt es sich um eine Weltgeschichte anhand von Papst- und Kai- serlisten, wobei die Quellengnindlage unbekannt ist, so-wohl für die historischen Daten als auch für die literarisch-legendarischen Mitteilungen. Der Autor ist unbekannt, auch Anhaltspunkte ergeben sich nicht20. Interessant für uns ist die zweite Fortsetzung für die Jahre 1340—134821. Sie enthält ne- ben vielerlei gesamteuropäischen Mitteilungen einen Bericht über jene Schlacht von 1348 an der Strebe. Die vom vorher Berichteten abstechende Lebendigkeit und die mitgeteil- tea Einzelheiten lassen im Erzähler oder Schreiber auf einen Augenzeugen schließen. Der Umschlag zum „wir", zu „unseren Brüdern" macht vollends deutlich, daß es sich um einen Ordensritter handelt, der im Schlußsatz auch nochmals eindeutig den Sieg im Rah- men des Heidenkampfes als Bestätigung des gerechten Vorgehens herausstellt und damit wohl indirekt Bezug nimmt auf die in jener Zeit aufkommende Frage, ob der Orden in Preußen noch eine Existenzberechtigung habe oder nicht besser gegen die Türken oder Tataren eingesetzt werden solle22. Den folgenden Satz bezüglich des Zuges vor Welun im Sommer 1348 weist Helm mit an sich einsehbaren Argumenten dem nächsten Fortsetzer zu. Sachlich ist man über- rascht, und es gibt eigentlich nur eine Erklärung: die Handschrift wurde in einem Deutschordenshaus der Nords chweiz (Basel, Köniz oder Hitzkirch) aufbewahrt. Die 20 Oberrheinische Chronik, älteste bis jetzt bekannte in deutscher Prosa, hg. v. Franz Karl Gries- haber, Rastatt 1850; vgl. dazu Karl Helm, Die Oberrheinische Chronik, in: Aufsätze zur Sprach- und Literaturgeschichte. Wilhelm Braune zum 20. Februar 1920 dargebracht, Dort- mund 1920, S. 235-254. Helm verarbeitet die ältere Literatur, auf ihn stütze ich mich. Auch die neuere Literatur geht nicht über ihn hinaus: Karl Helm / Walther Ziesemer, Die Literatur des Deutschen Ritterordens (Gießener Beiträge zur deutschen Philologie 94), Gießen 1951, S. 163 f.; Gerhard Eis, Deutschordensliteratur, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte l, Ber- lin 21958, S. 244-251, hier S. 249; ders., Die Literatur im Deutschen Ritterorden und in seinen Einflußgebieten, in: Ostdeutsche Wissenschaft 9, 1%2, S. 56-101, hier S. 86. Von diesen Autoren unbemerkt erschien eine Neuausgabe anhand der inzwischen als Hs. 473 in der Universitätsbibliothek Freiburg i. B. liegenden Handschrift in: Deutsche Chroniken, hg. v. Hermann Maschek (Deutsche Literatur. Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenk- mäler m Entwicklungsreihen. Reihe 4: Realistik des Spätmittelalters. Bd. 5),. Leipzig 1936, S. 41-66und323-325; die knappe Einleitung, ebd. S. 10, stützt sich ebenfalls auf Helm.-Für den Hinweis auf Mascheks Edition danke ich herzlich Herrn Prof. Dr. Erich Kleinschmidt, Frei- bürg i. B. 21 Grieshaber (wie Anm. 20), S. 34-39; Maschek (wie Anm. 20), S. 62-66. Strittig ist die Ab- grenzung der Hände zwischen Grieshaber und Helm, Maschek folgt Helm. 22 Vgl. Scriptores II (wie Anm. 3), S. 79 f. 7 r Schreiber der Fortsetzungen wechselten, vielleicht waren es Ordenspriester, der Berich- tende jedoch blieb derselbe. Nur so lassen sich die von Helm konstatierten Sprachunter- schiede einerseits, das logische Zusammengehören des Strebe-Berichts mit dem Welun- Bericht andererseits erklären, sofern man nicht zwei Berichterstatter annehmen will, die dann auch gleichzeitig Schreiber sein könnten. Wie dem auch sei, da sich bislang nicht klären läßt, welcher namentlich bekannte Ordensangehörige alsAutor m Frage kommt, können hier nur Fragen gestellt werden; die Antworten bleiben offen. Im folgenden ist der Text der Oberrheinischen Chronik nach der Edition Mascheks buchstabengetreu wiedergegeben23. In der selben zit do für der homeister des thüschen ordens mit aller mäht in die heidenscha.fr, die do heiset Lettowe, und kam in die wiltnisse als verre, do nie herschilt hin kam in ir lant. Und waz der sne und der winter als gros, daz nieman gefliehen mohte, und dotent grossen schaden. Des besamente sich der heidische küng selbe sehste gebruder wit umbe sich mit grosser mäht und mit grosem hertem ufsiize, wenne er wol wiste, daz su nut spise hattent; wand su betten sich veruaren als lange in der wiltnisse, daz su nut hattent. Dis zoch sich uf unserre lieben frowen tag, der liehtmes. Do rihtent su. sich mit unsers herren fron lichomm uf einen strit, wenne su würdent gewament, men wolte uf die nochhäte vollen, als och beschach. Als half in got und unser frowe, an der tag es was, das su. gesigentent, und vor und noch wurdent xü tusent beiden erslagen. Des worent des künges bruder zwene und vil sins usserweltes Volkes, also daz m nie so gros schade beschach, wanne su woltent unser sicher sin gesin; wanne unser bräder nie sich so übele geforhtent, wenne got allein do hat gevohten, daz wir nüt denne xl hant verlorn. Der worent vüi br&der. Doch wart ir gar vil wunt, der och vil starp. Och sint die cristen gesterket an irme glöben, wenne ir üppigen lesse m hant gelogen, und die beiden sint betrogen von Iren abbegötten. In demme selbin iar du für der hochmeister an des heilien cruces tag [14. Sept.] ftir Willün und zäbrach daz und ving sheszehin hundert beiden, ma.nne und wip und kint. 23 Oberrheinische Chronik, hg. v. Maschek (wie Anm. 20), S. 65; die dortigen Fußnoten sind für uns nicht relevant. Die Beisteuer der kleineren Städte an die Hansestädte des Deutschordenslandes Preußen im Jahre 1396 Von Markian Pelech Am 8. September 1395 vermittelten sieben Hansestädte (Lübeck, Stralsund, Greifs- wald, Thorn, Elbing, Danzig und Reval) eine Vereinbarung zwischen Königm Margarete von Dänemark und dem abgesetzten König Albrecht von Schweden, der zu dieser Zeit ihr Gefangener war. Als Gegenleistung für die Freilassung des Königs auf drei Jahre soll- ten die Anhänger Albrechts die Stadt Stockholm als Pfand an die sieben Städte überge- ben, um zu sichern, daß innerhalb dieses Zeitraums Albrecht ein Lösegeld von 60000 Mark Silber bezahlen werde oder in die Gefangenschaft zurückkehre. Erfüllte Albrecht keine von diesen Bedingungen, sollten die Hansestädte Stockholm an Königin Margarete übergeben1. Fünf Städte des Deutschordenslandes Preußen nahmen an der Besetzung Stockhokns teil: Thorn, EIbing, Braunsberg, Königsberg und Danzig2. Schon am 1. August 1395 hatten sie den Hochmeister Konrad von Jungingen um ein „Geschoss", eine Beisteuer von den „kleineren Städten" des Ordenslandes (d. h. von denen, die nicht Mitglied der Hanse waren) gebeten, um die Unkosten der Besatzung zu bezahlen. Juagingen verschob die Antwort, versprach aber den Städten, wenn es nötig sein würde, ihnen Geld zu lei- hen3. Am 29. September beschloß ein Hansetag zu Lübeck, Friedensschiffe für einen Zug im April 1396 gegen die früheren Anhänger König Albrechts, die Vitalienbrüder, die ihre Seeräuberei zu ihrem eigenen Vorteil fortführten4, auszurüsten. Die preußischen Städte sollten vier Schiffe mit 350 Bewaffneten stellen5. Am 6. Dezember besprachen die fünf großen preußischen Städte bei einer Tagfahrt zu Marienburg die Abmachungen für dieses Unternehmen und baten den Hochmeister nochmals um eine Beisteuer von den kleineren Städten. Diesmal hat unser here der homeister dorczu gegebin czu hulffe alle stete dis landes, das man eyn geschos nach markczale uffsy setze. Die Steuer sollte aus zwei Teilen bestehen: eine Kopfsteuer von 2 Skot von itzlichen bürgere und eine Vermögenssteuer von 4 Pfennig pro Mark und 1 Die Recesse und andere Akten der Hansetage von 1250-1430, hrsg. von Karl Koppmann, IV. Leipzig 1877, S. 260 f. , Nr. 266 [künftig: HR]. Für König Albrecht von Schweden (f31. III. 1412), der auch Herzog von Mecklenburg-Schwerin war, siehe: Friedrich Oelgarte: Die Herrschaft der Meklenburger in Schweden, in: Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte und Altertumskunde, 68. 1903, S. 1-70. - Manfred Hamann: Mecklenburgische Geschichte von den Anfängen bis zur landständischen Union von 1523. Köln 1968, S. 195-199. 2 Ursprünglich gehörte Kulm zu den Städten, die ein Kontingent für die Besatzung stellen sollten (15. Juli 1395: HR IV, S. 280, Nr. 282, c. l), gehörte aber später zu den kleineren Städten, die die Steuer an Thorn bezahlten. Kulm berichtete jedoch am 23. April 1400 von einer Tagfahrt zu Marienburg, daß es für die Besatzung 100 Mark 9 Skot mehr ausgegeben habe, als sie erhalten habe (wahrscheinlich vom Pfundzoll): HR IV, S. 537, Nr. 590, c. 3. 3 HR TV, S. 283, Nr. 283, c. 9. Der Rezeß vom 19. September 1395 erwähnt ein Darlehen vom Hochmeister an die Städte von 200 Mark: HR IV, S. 292, Nr. 294. Die Rechnungen der Un- kosten für die Besatzung geben Auskunft darübqTdaß der Hochmeister den Städten insgesamt 1600 Mark geliehen hatte: Dys buch ez von pfuntgelde: Wojewödzkie Archiwnm Pansrwowe w Gdansku [Staatliches Wojewodschaftsarchiv in Danzig], 369,1/2907, S. 17. Vgl. HR IV, S. 533, Nr. 585, c. 9; V, Leipzig 1880, S. 201, Nr. 276. - Das Marienburger Treßlerbuch der Jahre 1399-1409, hrsg. von Erich Joachim. Königsberg 1896; Ndr. Bremerhaven 1973, S. 132,136, 207 f. 4 Für die Vitalienbrüder siehe: HR IV, Einleitung. - Hans Chr. Cordsen: Beiträge zur Geschich- te der Vitalienbrüder, in: Jahrbuch des Vereins für meklenburgische Geschichte und Altertums- künde. 73. 1908, S. 1-30. -David K. Bjork: Piracy in the Baltic, 1375-1398, in: Speculum. 18. 1943, S. 39-68. - Friedrich Benninghoven: Die Vitalienbrüder als Forschungsproblem, in: Acta Visbyensia. 4. Visby 1973, S. 41-52. 5 HR TV, S. 304, Nr. 308, c. 3. Fr 8 9 sollte am 12. März 1396 fällig sein. Es wurde beschlossen, daß der Hochmeister die klei- neren Städte über die Steuer in Kenntnis setzen sollte. Die fünf großen Städte teilten sich die Aufgabe der Steuereinziehung; jeder von ihnen wurde ein Gebiet dafür zugewiesen: Thorn - das Kulmerland und das Bistum Pomesanien; Danzig - Pommerellen und die Städte Marienburg und Neuteich; f.[bin.g-die gebyte (d. h. Komtureien) Elbing, Christ- bürg, Osterode und Balga; Königsberg - das marschalkammecht, das Bistum von Sam- land und die gebyte von Brandenburg und Rhein6; Braunsberg - das Bismm und der Domherren Land [von Ermland]7. Am 6. Februar 1396 bestimmten die fünf Städte, daß der Anteü an den gesamten Steuereinnahmen von der Anzahl der Männer, die sie für die Flotte aufbrachten, abhängen sollte8. Am 21. April 1396 wurden die Versammelten der Tagfahrt zu Marienburg davon unterrichtet, daß der Hochmeister den kleineren Städten befohlen habe, die Steuer zu zahlen. Der 3. Mai wurde nun als Zahlungsten-nia gesetzt. Auch habe er seine Zustimmung dazu gegeben, daß die, ai der herren gheld haben9, die Steuer aus ihrem eigenen Vermögen wie andere Bürger bezahlen sollten10. Trotz wiederholt gefaßter Absicht, Rechenschaft über die Steuereinnahmen zu geben (am 3. Mai, am 15. Juni und zur folgenden Tagfahrt nach der vom 15. Juni)11, legten die Städte eine solche nur teilweise am 2. Dezember 1396 vor12, und erst am 31. Dezember verteilten sie unter sich die gesamten Einnahmen von 4149 Mark 13 Skot gemäß dem An- teil, den jede von ihnen an Männern für die Flotte gestellt hatte - llVz Mark SVi Skot pro Mann13. Nicht alle kleineren Städte hatten bis zu dieser Zeit ihre Beisteuer abgelie- fert. Kulm war noch 80 Mark und Königsberg-Kneiphof einen ungenannten Teil schul- dig. Soldau hatte noch nichts bezahlt. Rosenberg hatte einen Teil in Pelzen (semasken)14 im Wert von 36 Mark entrichtet und war noch 4V2 Mark schuldig geblieben. Diese letzt- genannte Stadt hatte ihre Steuer an Elbing gezahlt statt an Thorn, in deren Emziehungs- gebiet sie lag15. Bis zum 21. März 1397 hatte Rcfsenberg auch den Rest bezahlt; an diesem Tag legte die Stadt Thorn Rechenschaft darüber auf der Tagfahrt zu Marienburg ab16. Am 29. April 1397 willigte der Hochmeister ein, die Stadt Kulm aufzufordern, die 80 Mark, die sie immer noch schuldig war, zu bezahlen17, und am 16. März 1399 6 Zu dieser Zeit gab es keine Stadt in der Komturei Rhein. 7 HR TV, S. 315 f., Nr. 324, c. l, 5. 8 HR W, S. 324, Nr. 335, c. 2. 9 D. h. die kommerziellen Diener des Ordens. Siehe: Erich Maschke; Die Schäffer und Lieger des Deutschen Ordens in Preußen, in: Hamburger Mittel- und Ostdeutsche Forschungen. 2. 1960, S. 97-145; Ndr. ders.: Domus Hospiulis Theutonicomm. Bonn-Godesberg 1970, S. 69-103. 10 HR TV, S. 330 f., Nr. 344, c. 1,8. u HR FV, S. 331, Nr. 344, c. 7; S. 336, Nr. 348, c. 3; S. 340, Nr. 350, c. 12. 12 HR TV, S. 365, Nr. 384, c. 7. 13 HR TV, S. 367 f., Nr. 386, c. 11. 14 Vgl. Theodor Hirsch: Danzigs Handels- und Gewerbsgeschichte unter der Herrschaft des deutschen Ordens. Leipzig 1858, S. 260. 15 HR TV, S. 368, Nr. 386, c. 11. 16 HR W, S. 378, Nr. 397, c.17. HR W, S. 381, Nr. 398, c. 9. 17 10 beschloß der Städtetag zu Marienburg, die noch von dieser Stadt ausstehenden 40 Mark anzumahnen18. Diese selten erwähnte Beisteuer ist beachtenswert, weil sie die finanzielle Lage der klei- neren Städte und die parlamentarische Praxis des Ordenslandes zu dieser Zeit beleuchtet. Die Quellen zur Beisteuer vom Jahre 1396 sind aus zwei Gründen unzulänglich. Zum ersten bestand diese Abgabe aus zwei Teilen: einer Kopfsteuer von 2 Skot pro Bürger und einer Vermögenssteuer von 4 Pfennig pro Mark. Gleichwohl ist nicht zu unter- scheiden, welcher Teil des Gesamteinkommens aus welchem Teil der Abgabe gebildet wurde. Allgemeine Erklärungen müssen auf folgendes beschränkt werden: jede Mark der Steuereinnahmen verkörpert 12 Steuerzahler (100 Zahler = 8 Mark 8 Skot) oder 180 Mark zu versteuerndes Vermögen. Wahrscheinlich -wurde die Abgabe nur von einem Teil der Bewohner der kleineren Städte eingezogen, weil der Rezeß vom 6. Dezember 1395 bestimmt, daß sie von itzlichen bürgere bezahlt werden sollte - vermutlich nur von denen, die Bürgerrecht in den betroffenen Städten besaßen. Im Gegensatz dazu sollte die Steuer, die am 22. Februar 1411 zur Tagfahrt zu Osterode auferlegt wurde, von jedem burger, inwoner unde kouffman bezahlt werden19. Zweitens geben die Quellen Nach- richten über die Einnahmen, die jede der fünf großen Städte in ihrem Gebiet eingezogen hatte. Die Einkünfte aus einzelnen Städten werden nur für zwei Städte erwähnt - Kulm (80 Mark) und Rosenberg (40V2 Mark), ferner ist es möglich, daß die 80 Mark aus Kukn nur ein Teil des gesamten Aufkommens aus dieser Stadt bildeten20. Deswegen können die Steuereinkünfte vom Jahre 1396 nur für einen Vergleich der fünf betroffenen Gebiete ver- wendet werden. In diesem Jahr gab es in diesen Gebieten folgende Städte21. 18 19 HR TV, S. 480, Nr. 520, c. 29. Akten der Ständetage Preußens unter der Herrschaft des Deutschen Ordens, hrsg. von Max Toeppen, I. Leipzig 1878; Ndr. Aalen 1973, S. 160, Nr. 112, c. 23. 20 1411 erbrachte eine Steuer zu Kulm von 4 Pfennig pro Mark Vermögen, dieselbe Gebühr wie 1396, nämlich 225 Mark 4 Skot: ebd., I, S. 164, Nr.117. 21 Das folgende Verzeichnis stützt sich auf: Deutsches Städtebuch, Handbuch städtischer Ge- schichte, hrsg. v. Erich Keyser, I. Stuttgart u. Berlin 1939, S. 13 ff. Zwischen dem 28. März 1394 und dem l. September 1398 wurde die Neustadt Braunsberg mit der Altstadt vereinigt und deshalb vom Verzeichnis ausgeschlossen, wie auch Sensburg, dessen undatierte Handfeste vom Hochmeister Konrad von Jungingen (1393-1407) ausgestellt wurde. Das städtische Recht dieser Stadt wurde erstmalig 1397 beurkundet. 11 Tafel I Die kleineren Städte des Deutschordenslandes im Jahre 1396 Große Stadt Gebiet Kleinere Städte Thorn Kulmerland Bistum Pomesanien Elbing Gebiet Elbing Gebiet Christburg Gebiet Osterode Danzig Gebiet B alga Pommerellen Königsberg Marschallamt Bistum Samland Briesen GoUub Graudenz Kauernik Kulm Kulmsee Lautenburg Lessen Bischofswerder Freistadt Garnsee Neustadt Elbing Liebstadt Mohrungen Mühlhausen Christburg Deutsch Eylau Gilgenburg Hohenstein Liebemühl Bartenstein Landsberg Marienburg Baldenburg Bereut (Bern) Bütow Altstadt Danzig Jungstadt Danzig Dirschau Pr. Friedland Hammerstein Heia Konitz Königsberg Kneiphof Königsberg Löbemcht Fischausen Löbau Neumarkt (Neustadt) Rheden Schönsee Strasburg Neustadt Thorn Marienwerder Riesenburg Rosenberg Passenheim Pr. Holland Tolkemit Saalfeld Neidenburg Osterode Soldau Rastenburg Zinten Neuteich Lauenburg Mewe Neueaburg Putzig Schlochau Schöneck Schwetz Pr. Stargard Tuchel Memel Wehlau 12 Tafel I (Fortsetzung) Die kleineren Städte des Deutschordenslandes im Jahre 1396 Große Stadt Gebiet Kleinere Städte Gebiet Brandenburg Friedland Kreuz bürg Schippenbeil (Schiffen- bürg) Bischofsburg Rößel Bischofstein Seeburg Heiligenbeil Wartenburg Heilsberg Wormditt Domkapitel von Ermland Allenstein Guttstadt Frauenburg Mehlsack Braunsberg Bischof von Ermland Nach obigem Verzeichnis gab es achtzig kleinere Städte und die Stadt Kulm. Obwohl letztere zu dieser Zeit noch Mitglied der Hanse war und die 80 Mark, die diese Stadt be- zahlen sollte, die Zahlen für das Kulmerland und Pomesanien bedeutsam vergrößern, scheint es sinnvoll, Kulm in die folgende Tabelle einzuschließen. Erstens waren diese 80 Mark vielleicht nur ein Teil der gesamten Beisteuer aus dieser Stadt - der Rest könnte schon m dem gesamten Aufkommen bei Thorn enthalten sein22. Zweitens ist nicht klar, ob die 80 Mark tatsächlich schon in dem Gesamtbetrag für Thorn enthalten sind. Auf der folgenden Tafel sind deswegen zwei Zahlen (soweit nötig) angegeben: die obere setzt voraus, daß die Kulmer 80 Mark in der Thorner Summe enthalten sind; bei der unteren sind diese 80 Mark noch der Thorner Summe hinzuzufügen. Der Rezeß vom 31. Dezem- ber 1396 bezeichnet den Betrag aus Rosenberg als ungerechnet, d. h. nicht in der Summe für Elbing eingeschlossen. Thorn legte später Rechenschaft für diese Summe ab23. Daher werden die 40V2 Mark aus Rosenberg zu Thorns Summe addiert, aber von Elbings Sum- me nicht abgezogen. Da keine Rechenschaftslegung für die Beisteuer aus Soldau und den Teil, den Königsberg-Knfeiphof schuldig war, nachzuweisen ist und da die Höhe dersel- ben ebenfalls nicht genannt ist, scheint es sinnvoll, diese Summen so zu nehmen, als ob sie in denen für Thorn und Königsberg enthalten sind. 22 Vgl. oben Anm. 20. 23 Der Rezeß ist ungenau: „Vortmer dy 36 mark semasken und von der 29V2 mark von dem Rosen- berghe untphangen und von 4V2 mark, der wiir czu achter waren, blybe wür schuldich den steten 13 mark, dy zulle •wiir brengen uff den nesten tag von Marienburg, und ouch ander geld" (21. März 1397); HR IV, S. 378, Nr. 397, c. 17. Der Rezeß vom 30. Dezember 1396 erwähnt nur 40V2 Mark aus Rosenberg: ebenda., S. 368, Nr. 386, c. 11. Das Hinzufügen der 29y2 Mark, die im späteren Rezeß erwähnt sind, würde eine Gesamtsumme von 70 Mark für Rosenberg er- geben, die deutlich höher liegt als der Durchschnitt sowohl für das Kulmerland mit Pomesanien als auch für das ganze Ordensland. Wahrscheinlich enthält der Rezeß vom 21. März 1397 auch die Rechenschaft über eine andere unbestimmte Summe oder einen Fehler. 13 Tafel II Vergleich der im Jahre 1396 Beisteuer zahlenden Gebiete I. Gebiet II. Zahl der Städte m. Prozent aller Städte IV. Beisteuer v. Anteil am gesamten Geschoß in Prozent VI. Unterschied zwischen III. und V. Thorn 20 Elbing 20 Danzig 21 Königsberg 8 Braunsberg 12 Gesamt 81 24,7% 24,7% 25,9% 9,9% 14,8% 100 % 952 Mr. 1032 Mr. 1161 Mr. 12 1275 Mr. 291 Mr. 509 Mr. 18 4190 Mr. 4270 Mr. 22,7% 24,2% sc. 27,7% 27,2% 9V2sc. 30,4% 29,9% 9V2sc. 7 % 6,8% sc. 12,2% 11,9% sc.100 % sc.100 % ll -2 -0,5 +3 +2,5 +4,5 +4 -2,9 -3,1 -2,6 -2,9 0 0 Erwartungsgemäß sind die westlichen Teile des Ordenslandes (Pommerellen, das El- binger Gebiet und Kulmerland/Pomesanien) weiterentwickelt als die östlichen Teile (Ermland und Samland), die sich dennoch als Quellen bedeutsamer Steuereinkünfte dar- stellen (18,7% bzw. 19,2% des Gesamten). Ob Kulmerland oder Pomesanien für die niedrigen Zahlen der beiden Gebiete verantwortlich ist, ist nicht klar, Es ist anzumerken, daß diese Tafel die Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt - nämlich im Jahre 1396 - widerspiegelt und nicht für andere Zeitabschnitte verwendbar ist. Überdies zeigen die Quellen für die drei Steuern, die im Jahre 1411 zu Kulm gesammelt wurden, daß das zu versteuernde Vermögen sogar während eines kurzen Zeitraums auffällig schwanken konnte25. 24Der durchschnittliche Prozentsatz für alle Städte eines Gebiets findet sich in Spalte VIII. Die Zahlen der Spalten IX und X sind extrem errechnete Höchstzahlen für den angenommenen Fall, daß die jeweiligen Kleinstädte nur die Kopfsteuer oder nur die Vermögenssteuer gezahlt hätten. Da in Wirklichkeit die Städte nach beiden Veranlagungsarten Zahlungen zu leisten hatten, wobei nur das Verhälmis nicht zu ermitteln ist, liegen die wahren Beträge beider Spalten niedriger als die errechneten Obergrenzen. 25 In diesem Jahr brachte die erste Steuer von l Schilling pro Mark (1,7%) ein Aufkommen von 567 Mark 4V2 Skot (333 Mark 15 Skot 101/2 Pfennig pro 1% Steuerrate), die zweite Steuer von l Vier- 14 I I) VII. Durchschnitt pro Stadt VIII. Durchschnitt aller Städte im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt in Prozent IX.24 Obergrenze der Zahl der Bürger pro Stadt X.24 Obergrenze des zu versteuernden Vermögens pro Stadt 47 Mr. 14 sc. 51 Mr. 14 sc. 58 Mr. Isc. 60 Mr. 17 sc. 36 Mr. 10 sc. 42 Mr. Ilse. 51 Mr. 17 sc. 52 Mr. 17sc. 12 d. 12 d. 24 d. 18 d. 6 d. 15 d. 15 d. 6 d. 92 % 97,9% 112,3% 110,2% 117,4% 115,2% 70,4% 69 % 82,1% 80,6% 571 619 697 729 437 510 Pro Stadt: 621 633 Gesamt: 50281 51241 8568 Mr. 9288 Mr. 10453 Mr. 12 sc. 10932 Mr. 6556 Mr. 12 sc. 7646 Mr. 6 sc. 9311 Mr. 6sc. 9489 Mr. 754207 Mr. 12 sc. 768607 Mr. 12 sc. Das Geschoß vom Jahre 1396 war die erste uns bekannte außerordentliche Steuer, die allen kleineren Städten des Ordenslandes auferlegt wurde. Jedoch überschätzte Toeppen die Angelegenheit, wenn er sagt, dies sei „ein wichtiger Schritt zur territorialen Einigung der Stände"26, weil nicht zu beweisen ist, daß dieser Schritt vorher mit den kleineren Städten abgesprochen wurde. Obwohl die Quellen für die ganze Geschichte dieser Steuer unvollständig sind, ist es wahrscheinlich, daß die Tatsache in den Rezessen erwähnt wor- den wäre, wenn man die Angelegenheit mit den Meineren Städten erörtert und ihre Zu- Stimmung erhalten hätte. Der Hochmeister benachrichtigte die kleineren Städte über die Steuer, nachdem er diese mit den fünf großen Städten besprochen und seine Zustimmung dazu gegeben hatte. Die Steuer wurde also vom Hochmeister auf ein Gesuch allein der fünf großen Städte auferlegt, obwohl man erwarten könnte, daß die Zustimmung der kleineren Städte notwendig gewesen wäre. chen (= 4 Pfennig = 0,56%) 225 Mark 4 Skot (402 Mark 2 Skot pro 1% Steuerrate), und die dritte Steuer von l Schilling pro Mark (1,7%) 400 Mark (235 Mark 7 Skot pro 1% Steuerrate): Toeppen, Akten, I, S. 164, Nr. 117. 26 Ebd., I, S. 79, Bemerkungen zu Nr. 49. 15 Die Tatsache, daß die fünf großen Hansestädte allein die Auferlegung einer außerordentlichen Steuer auf die anderen Städte erwirken konnten, zeigt eine alte Ge- wohnheit auch im Ordensland, daß wichtige Beratungen unter den mächtigeren Kräften der Gesellschaft - die sogenannten eldesten und wegesten - geführt wurden. Eine Ver- Ordnung des Hochmeisters Dietrich von Altenburg (1335—1341) von ungefähr 1335—1336 erwähnt Besprechungen mit den civibus pociorum ävita.tum1'1, und Verord- nungen des Hochmeisters Konrad vonjungingea von 1395 und 1397 erwähnen Beratun- gen mit den eldisten unser stete bzw. mit unsim eldistin stetin28. 1405 benachrichtigte derselbe Hochmeister die Stadt Thorn über seine Absicht, die eldesten unser stete (d. h. Mitglieder der Hanse) zu einer Tagfahrt zu berufen29. Als mehrere kleinere Städte das er- Ste Mal zu einer Tagfahrt (zu Osterode am 22. Februar 1411) erschienen, unterschieden die Thomer und Danziger Rezesse zwischen den sechs speciales (Hanse-) Städten und den communes oder gemeinen (kleineren) Städten30. Es ist zu bemerken, daß die Bezeich- nungen eldesten stete, speciales dvitates usw. eigentlich die Oligarchien dieser Städte, die Familien, meinen, die im Großhandel tätig waren und die städtischen Regierungen be- herrschten31. Diese Gewohnheit, Beratungen auf die bedeutendsten Kräfte der Gesellschaft zu be- schränken, sind auch 1389 und nochmals 1395 zu bemerken, als allein die preußischen Mitglieder der Hanse beim Hochmeister die Auferlegung des Pfundzolls beantragten32. Mit gelegentlichen Unterbrechungen wurde der Zoll von 1395 bis zur Mitte des 15. Jahr- hundens erhoben. Er berührte das ganze Land und wurde später als eine Verletzung des kulmischen Rechts angesehen, das die Zollfreiheit des Landes garantierte33. Doch glaubte der Hochmeister, es genüge, die Beratungen über eine so grundsätzliche Sache auf die großen Hansestädte zu beschränken. Vielleicht wurden die Verschiebungen der Rechenschaftsberichte für die Steuereinnah-. men im Jahre 1396 und die wiederholten Mahnungen an Kulm, seinen Anteil zu bezah- len, durch den Widerstand in den kleineren Städten gegen die Steuer wegen der willkür- lichen Weise ihrer Auferlegung verursacht. Da die Höhe der Beträge von Kulm und Rosenberg bekannt ist, sind zumindest einige Steuerveranlagungen ausgeführt worden. Die Ursachen für die Verschiebungen sind mit den vorliegenden Quellen nicht zu klären. 27 Ebd., I, S. 32, Nr. 14. 28 Ebd., I, S. 83, 85, Nr. 51 f. 30 29 HR V, S. 188, Nr.259. Toeppen, Akten, I, S. 158, Nr. 112. 31 Siehe: Theodor Hirsch, in: Scriptores Rerum Prussicarum, hrsg. von Theodor Hirsch, Max Toeppenu.EmstStrehlke.IV. Leipzig 1863; Ndr. Frankfurt/M. 1965, S. 303 f.-MaxToep- pen: Elbinger Antiquitäten. Ein Beitrag zur Geschichte des städtischen Lebens im Mittelaker. Dan- zig 1871-1872, S. 184-188. -Paul S i mson: Geschichte der Stadt Danzig, I. Danzig 1913; Ndr. Aalen 1976, S. 148 f. - Hans Georg Weidemann: Die Stadtverfassung und -Verwaltung Dan- zigs im letzten Drittel der Ordensherrschaft (1400-1454). Rostock 1940, S 17 f. - Edmund Cies'lak: Rewolty Gdanskie w XV. w. (1416-1456), [Danziger Revolten im 15. Jh. (1416-1456)] in: Kwartalnik Historyczny. 61. Heft 3. 1954, S. 110 f. 32 Toeppen, Akten, I, S. 55, Nr. 34; S. 59. - HR IV, S. 316, Nr. 324, c. 2. Guido Kisch: Die Kulmer Handfeste. Rechtshistorische und textkritische Untersuchungen nebst Texten. Stuttgart 1931, 2., erw. Aufl. Sigmaringen 1978, S. 124, c. 24. 33 16 Erwartungen und Erfahrungen. Das Bild der Freimaurerei in Briefen Johann Gottlleb Flchtes und Theodors von Schön (1792-1797) Von Hubert Heinelt I. Einleitung Das Interesse der Geschichtswissenschaft am Gegenstand Freimaurer hat in den letzten Jahren merklich zugenommen1. Es richtet sich in erster Linie auf die Zeit des 18. und be- ginnenden 19. Jahrhunderts und dabei besonders auf - die Funktion der Freimaurerei und von geheimen Gesellschaften in der „politischen und sozialen Welt", - die soziale Zusammensetzung der Logen und die sich darüber vermittelnde Wirkung auf die Politik und - das Verhältnis der Freimaurerei zum zeitgenössischen Geistesleben (Aufklärung wie Romantik)2. Fragen freimaurerischer Symbole und Rituale sind m diesem Kontext zweitrangig. Mein Beitrag ordnet sich in diesen Zusammenhang ein, indem ich versuche, Korre- spondenz und Tagebücher des späteren preußischen „Reformbeamten" Theodor von Schön aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts als Quelle zur Untersuchung der Sima- tion der Freimaurerei zu benutzen, um folgenden Fragestellungen nachzugehen: l. Wie nahmen Personen wie Theodor von Schön die Freimaurerei vor ihrer Initiation wahr und was bewog sie, Freimaurer zu werden? 2. Wie stellte sich ihnen als „Eingeweihte" die Freimaurerei dar? Die Bedeutung dieser Fragestellungen sehe ich darin, daß sich die Wirkungen von Or- ganisationen aus dem Handeln der sie tragenden Personen ergeben und es aufschlußreich sein kann, nach den Absichten für deren Engagement in der betreffenden Organisation und den Erfahrungen mit dieser Organisation zu fragen; beides sind sich bedingende Momente. 1 Vgl. dazu folgende Sammelbände: Peter Christian Ludz (Hrsg.): Geheime Gesellschaften (Wol- fenbütteler Studien zur Aufklärung V/l), Heidelberg 1979, zit. Ludz; Eva H. Baläzs, Ludwig Hammermeyer, Hans Wagner und Jerzy Wo jtowicz (Hrsg.): Beförderer der Aufklärung in Mittel- und Osteuropa (Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuro- pa 5), Berlin 1979, zit. Baläzs u. a.; Helmut Reinalter (Hrsg.): Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jahrhundert in Mitteleuropa, Frankfurt/M. 1983, zit. Reinalter (Hrsg.). 2 Vgl. Ludwig Hammermay er: Zur Geschichte der europäischen Freimaurerei und der Geheim- geseüschaften im 18. Jahrhundert - Genese - Historiographie - Forschungsprobleme, in: Balazs u. a., S. 9-68; Helmut Reinalter: Zur Aufgabenstellung der gegenwärtigen Freimaurer- forschung, in: Reinalter (Hrsg.), S. 9-31. 17 Bei solchen Fragestellungen kann gerade auch die Hinwendung auf Mitglieder, die nicht zu den „Großen" der Organisation zählen, wichtig sein, weil dadurch die breite Trägerschaft und nicht nur exponierte Akteure ins Blickfeld geraten. Bei den untersuchten Quellen handelt es sich um die Korrespondenz Schöns mit Jo- hann Gottlieb Fichte und Johann Gottfried Frey aus der Zeit von 1792 bis 1797 und um Schöns Tagebücher aus den Jahren 1795 bis 17993. Es stellt sich nun die Frage, welche zu verallgemeinernde Aussagen dieses Material zuläßt. Dazu folgende Bemerkungen l. zu den genannten Personen und 2. zum Charakter der Quellen. Zur Bedeutung Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) als Philosoph soll hier nichts welter ausgeführt werden; anzumerken bliebe im Kontext dieses Beitrags, daß Fichte im Jahr 1800 durch seine Vorlesungen in der Loge Royal York in Berlin4 auf eine Reform der Freimaurerei in Deutschland einwirken wollte. Für die aufgeworfene Fragestellung ist jedoch an dieser Stelle wichtiger darauf hinzuweisen, daß die uns interessierende Kor- respondenz zwischen Schön und Fichte aus der Zeit von 1792/93 stammt: Die materielle Existenz Fichtes war ungesichert - er -war Hauslehrer beim Grafen von Krockow -, sei- ner 1792 erschienenen Kritik aller Offenbarung5 wurde zwar Beachtung geschenkt6, ins- gesamt gesehen war er jedoch aus der Masse der räsonierenden und schriftstellernden In- telligenz seiner Zeit nicht heryorgetreten und hatte auch keine Veranlassung anzuneh- men, daß dies jemals der Fall sein würde. Theodor von Schön (1773—1856), der später einer der tragenden Persönlichkeiten der preußischen „Reformära" und schließlich langjähriger Oberpräsident von Ost- und Westpreußen werden sollte, hatte 1792 sein Studium an der Universität Königsberg been- det, wo er bei Kant, aber auch bei Christian Jacob Kraus und Theodor Schmalz studiert hatte. Die beiden zuletzt genannten waren Mitglieder der Loge „Zu den drei Kronen" in 3 Der Nachlaß und die Schriften Theodor von Schöns werden vom Geheimen Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landeskunde für eine Edition bearbeitet. Bei Verweisen auf den Schön-Nachlaß wurden bereits die Siglen-Nummern der Edition benutzt: Tgb. -Nr. bei Tagebucheintragungen und B/A-Nr.bei Briefen und Akten .- Die Korrespondenz zwischen Schön und Fichte ist auch endialten in der von Reinhard Lath und Hans Jacob herausgegebenen Fichte-Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Bd. III l, Stuttgart/Bad Cannstatt 1968), zit. J. G. Fichte Gesamtausgabe. 4 Vgl. Johann Gottlieb Fichte: Philosophie eines Freimaurers. Briefe an Konstant (Quellenkund- liche Arbeiten 11 der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft Quatuor Coronati) Bayreuth 1978. Vgl. ferner Klaus Hammacher: Fichte und die Freimaurerei, in: Quatuor Coronari 18 (1981), bes. S. 13 ff., zit. Hammacher. - Zu Fichtes Einschätzungen der Entwicklung und (po- tentiellen) Funktion der Freimaurerei vgl. ferner Saul Müller: Untersuchungen zum Problem der Freimaurerei bei Lessing, Herder und Fichte (Sprache und Dichtung NF 12), Berlin 1965, S. 22 ff. und S. 69 ff. 5 Johann Gottlieb Fichte: Versuch einer Critik aller Offenbarung, Königsberg 1792, in: J. G. Fichte Gesamtausgabe I l, S. 16-123. 6 Kein geringerer als Kant wurde zunächst für den Autor der „Kritik aller Offenbarung" gehalten. 18 Königsberg, Schmalz -war sogar in dieser Loge 2. Redner7. Zur Zeit der behandelten Kor- respondenz mit Fichte bereitete sich Schön auf den Antritt des Referendariats bei der Kriegs- und Domänenkammer Königsberg vor, indem er den dafür obligatorischen ein- jährigen Aufenthalt auf einem königlichen Domänenamt ableistete - und zwar beim Oberamtmann Johann Friedrich Peterson in Tapiau, ebenfalls emem Mitglied der Loge „Zu den drei Kronen". Im Gegensatz zu Fichte, der als Sohn eines Bandwirkers geboren wurde, stammte Schön aus einer der wohlhabenden Domänenpächterfamilien Ostpreu- ßens. Wie Fichte konnte Schön zwar seine spätere Karriere nicht ahnen, aber aufgrund seiner sozialen Herkunft war seine Zukunft nicht so düster wie die des Philosophen, denn es war abzusehen, daß er entweder als Grundeigentümer bzw. D omänenp achter oder als „Officant" oder Offizier sein Auskommen haben würde. Die Korrespondenz zwischen Schön und Fichte ist dadurch geprägt, daß Schön den elf Jahre älteren, wesentlich erfahreneren Fichte freundschaftlich um Belehrungen bittet. Die zur Freimaurerei gestellten Fragen reihen sich in eine Kette von unterschiedlichen Gegenständen ein: So übersendet Schön eine Abhandlung Ueber Inclination zur Begut- achtung, in der er sich über die Zuneigung zwischen Menschen im allgemeinen und zwi- sehen den Geschlechtern im besonderen ausläßt8, und er läßt Fichte an seinen Überle- gungen zu Prinzipien der Ökonomie teilhaben9. Daß Fichte auf die von Schön aufgewor- fenen Fragen in der vorliegenden Fonn eingeht, kann mit einer echten Zuneigung Fichtes zu dem jungen Adligen zu tun haben10. Die Sprache, in der die Korrespondenz abgefaßt ist, gibt uns darüber keine Auskunft. Festzustellen ist lediglich die asymmetrische Struk- tur der Kommunikation zwischen dem noch nicht bekannten Philosophen und dem noch jugendlichen Adligen. Johann Gottfried Frey (1762-1831) wirkte entscheidend bei der 1808 durchgesetz- ten neuen preußischen Städteordnung mit, durch die die kommunale Selbstverwraltung neu bestimmt wurde. Frey bekleidete zu dem Zeitpunkt, als Schön ihm die hier interes- gierenden Briefe schrieb, das Amt eines Stadtrats im Königsberger Magistrat und Polizei- direktorium. Sein Vater war Beamter (Oberstrommeister), wie Schön hatte auch er an der Universität Königsberg studiert. 1783 hatte er als Auskultator seine Beamtenlaufbahn begonnen, die ihn - als Angehörigen des niederen Bürgertums - erst über einen beschwer- lichen Weg zu seiner damaligen Stellung geführt hatte11. 7 Vgl. Richard Fischer: Geschichte der Johannisloge „Zu den drei Kronen", Königsberg 1910, S. 121, zit. Fischer. 8 Vgl. J. G. Fichte Gesamtausgabe III l, 327-329. 9 Vgl. B/A-Nr. 25 ü. G. Fichte Gesamtausgabe III l, S. 335-340). 10 Vgl. zum Kontakt Fichtes mit Schön Fichtes Tagebuchaufzeichnungen (J. G. Fichte-Gesamtaus- gäbe II l, S. 415-417) und Schöns Autobiographie in: Aus den Papieren des Ministers und Burggrafen von Marienburg Theodor von Schön, l. Teil, Halle 1875, S. 9 ff., zk. Aus den Papie- ren. -Vgl. ferner Gerhard Krüger: . . . gründeten auch unsere Freiheit. Spätaufklärung, Frei- maurerei, preußisch-deutsche Reform, der Kampf Theodor v. Schöns gegen die Reaktion, Ham- bürg 1978, S. 96 ff., zit. Krüger (1978). 11 Vgl. Theodor Winkler: Johann Gottfried Frey und die Entstehung der preußischen Selbstver- waltung, Stuttgart/Berlin 1936, S. 35-66; Gerhard Krüger: Vor 100 Jahren starb Johann Gott- fried Frey, in: Humanität 2/1981, S. 34-35. 19 'i! Die Briefe an Frey schrieb Schön während seiner Reise durch Deutschland, die er im Herbst 1795 begann. Schön berichtete Frey - als einem unter einer Anzahl seiner Königs- berger Bekannten - über bei der Reise gewonnene Eindrücke. Daß er in den Briefen an Frey gerade auf Freimaurerlogen einging, liegt daran, daß Frey engagierter Freimaurer war und mittlerweile auch Schmalz als Redner der Loge 2« den drei Kronen abgelöst hat- te12. Schön bringt in diesen Briefen gegenüber einem „sachkundigen" und interessierten Bekannten seine Reiseerfahrungen ohne Umschweife „auf den Begriff". Über die Bezie- hung zwischen Schön und Frey sind wir nicht weiter unterrichtet. II. Schön und Fichte über ihren Beitritt zur Freimaurerei In einem Brief vom 5. September 179213 stellt Schön Fichte die Frage: Ich weiß nicht, ob Sie Magon sind? Man habe ihm dies in Königsberg versichert. Er fährt fort: Ich bin jetzt im Begriffes zu werden, innerhalb 6 Wochen werde ich recipirt werden, u. zwar bey derstricten Observanz in 3 Kronen. Viele auf fallende Sachen scheinen mir dabey zu seyn, die ich als Laye jetzt nicht einsehen kann, z. E. man muß über eine Sache urtheilen, die man nicht kennt. Die Unkenntnis in Bezug auf die Freimaurerei, die sich Schön selbst attestiert, wird daran deutlich, daß die strikte Observanz seit dem Karlsbader Freimaurer-Konvent von 1782 m den deutschen Freimaurerlogen zurückgedrängt worden14 und die Loge 2« den drei Kronen seit 1779 nicht mehr diesem System zuzuordnen war15. Das Ausmaß der hier offenkundigen Unkenntnis über die Freimaurerei kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden, handelt es sich bei dem Thema der strikten Observanz doch iun eines der gewichtigsten Themen in den Auseinandersetzungen in der zeitgenös- sischea Freimaurerei. - Wenn also die Unkenntnis über die Freimaurerei bei Schön groß war und auch von ihm eingestanden wurde, was machte sie dann für ihn so attraktiv, daß er ohne nähere Unterrichtuag gewillt war, ihr beizutreten? Die Antwort gibt Schön gleich im Anschluß an das zuletzt zitierte: Mich bestimmt bios dazu, stellt er kurz und knapp fest, die nähere Verbindung, mit so vielen redlichen Leuten. Schön hatte - wie be- reits angedeutet - vielfältigen Kontakt zu Freimaurern gehabt: Der Amtsrat Peterson, bei dem er sich zu dieser Zeit aufhielt, sowie seine wissenschaftlichen Lehrer Kraus und Schmalz zählten zu den Freimaurern16. So teilt er Fichte auch mit: Ich werde mich an 12 Vgl. Fischer, S. 121 ff. " B/A-Nr. 25. 14 Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Ein Höhe- und Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Geheimgesellschaften (Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung V/2) Heidelberg 1980. 15 Vgl. Fischer, S. 101 und Krüger (1978), S. 23 ff. und S. 35. 16 Der Name von Schöns Vater, Amtsrat Johann Theodor von Schön (1766-1796), ist in der Mit- gliederliste der Königsberger Loge 2« den drei Kronen nicht enthalten, obwohl eine Notiz in Schöns Tagebuch nahe legt, daß auch er Freimaurer war. Als Schön nämlich die Nachricht vom Tode seines Vaters erhielt, schrieb er in sein Tagebuch (23. 6. 1796): Er starb als achter Maurer, er ging über zu einem beßerem Leben, ohne Furcht. (Tgb.-Nr. 115.) - Ferner in; Studienreise eines jungen Staatswirths in Deutschland am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts. Beiträge und Nachträge zu den Papieren des Ministers und Burggrafen von Marienburg Theodor von Schön, von einem Ostpreußen, Leipzig 1879, S. 137, zit. Studienreise in Deutschland. 20 r Schmalz addressiren. Ich vermuthe, daß Religions-Meinungen nicht der Gegenstand der Arbeit seyn können, da ortodoxe u. heterodoxe Mafon sind. Dies schien ihm wichtig, denn er fährt fort: Mein Gewissen ließ ich mich auch nicht gerne binden, daher gehe ich um so offener daz.u.. Neben der Bekanntschaft mit Freimaurern war die Entscheidung Schöns, Freimaurer zu werden, auch durch die Lektüre zeitgenössischer Literatur bestimmt --wenn es auch (•wie wir gesehen haben) mit der Kenntnis der einschlägigen Schriften nicht weit her ge- wesen zu sein schien. Schön hebt so auch kennzeichnenderweise eine Arbeit Bahrdts her- vor, der als „radikaler AufMärer" mit der Gründung der „Deutschen Union" zu einem nicht geringen Teil zum verworrenen Bild der Freimaurerei beigetragen hatte17. Ba.hrdt, stellt Schön fest, hat mir in seinem Zamorls, (den Sie wohl kennen werden) von einer doppelten Seite vorgestellt, u. mir verschiedene Skrupel gehoben, so das der Ausschlag auf die gute Seite fiel. Schön bittet jedoch seinen als erfahren eingeschätzten Freund Fichte: Sind Sie Ma^on, jo schreiben Sie mir doch mit ehestem, . . . ob ich gut gethan habe, daß ich die stricte Ob- serva.nz gewählt habe, u. sind Sie es nicht; so können Sie noch freier als Philosoph darüber urth eilen. Fichte antwortet Schön umgehend (30. 9. 1792) und teilt ihm mit: Mafon bin ich nicht. Ohnerachtet der vielen Veranlaßungen es zu werden, habe ich wichtige Gründe ihnen aus dem Wege zu. gehen19. Zu den Gründen dafür sagt er an dieser Stelle noch nichts, sondern stellt den Zweck dar, den seines Wissens die Freimaurerei verfolgt: Ich bin . . . so sicher überzeugt als ein Uneingeweihter es sein kann, daß sie keinen allgemeinen Zwek haben (Hervorhebung in der Hs.), daß ihre ganze Arbeit ist, diesen T.wek, den sie aus Symbolen, u. Alterthü- mem, aufzufinden hoffen, zu suchen, und daß sich manche andere Gesellschaft hinter sie gestekt hat, um ihre particuüren Zweke unter ihrer Maske zu erreichen. Fichte scheint über die zeitgenössischen Auseinandersetzungen in und um die Freimaurerei infomiiert gewesen zu sein, insbesondere über die Illuminaten. Nachweislich hatte Fichte Kontakt zu Anton von Maßenhausen, einem der engsten Mitarbeiter von Adam Weishaupt - dem Gründer des Illuminatenordens20. Daraus ergibt sich auch seine Zurückhaltung gegen- über der Freimaurerei, wenn diese auch der damaligen Auseinandersetzung und nicht - wie wir noch sehen werden - der Freimaurerei als solcher geschuldet ist. Seine Zurück- Haltung begründet er wie folgt: Ich befürchtete . . . durch eine Vereinigung mit einer Art der Masons - und z» einer muß man sich doch halten - eben mit den übrigen Feind z« werden. Hier haben wir auch die Antwort auf die vorher angedeuteten Vorbehalte. Vow der stricten und Uten Observanz weiß ich wenig mehr, als daß die ersteren durch ihre in- 17 Bahrdt, Carl Friedrich, 1741-1792 (vgl. Neue Deutsche Biographie, Bd. l, S. 542). - Zur „Deutschen Union" vgl. die zeitgenössische Schrift: Mehr Noten als Text, oder die deutsche Union der Zwei und Zwanzig, Leipzig 1789. 18 Carl Friedrich Bahrdt: Zamor oder der Mann aus dem Mond, Berlin 1787. - Die Schrift beginnt mit einer Erklämng, was ein Freimaurer/,,Illuminat" ist (a. a. 0., S. 2-14). 19 B/A-Nr. 26 (]. G. Fichte Gesamtausgabe III l, S. 347-349). 20 Vgl. Kammacher, S. 8. 21 nere Verfaßung sich mehr geschützt haben, keinem fremden Einfluße ausgesetzt zu sein, daß also sie am meisten zu empfehlen sind'1-1. Eine frappierende Einschätzung, die enrwe- der dafür spricht, daß Fichte wirklich nicht weiter in die unterschiedlichen Systeme der Freimaurerei eingeweiht war - was bei der von ihm selbst betonten Bedeutung der unter- schiedlichen Systeme in der damaligen Zeit bemerkenswert genug ist -, oder er wollte Schön bewußt nicht über den Gegenstand aufklären. Fichte kommt schließlich zur Einschätzung der möglichen Funktionen der Freimaure- rei. Dabei hebt er zunächst die für den einzelnen wichtige Funktion der persönlichen Verbindungen hervor, indem er feststellt: Als ein Mittel sich Bekanntschaften, u. heil- same Verbindungen zu erwerben, ist es vortreflich, u. ich rath es Ihnen in dieser Absicht gar sehr2'1. Schön war diese Funktion der Freimaurerei sicherlich bekannt. Der Königsberger Loge 2« den drei Kronen gehörten u. a. an - und daraus wird die von Fichte hervorgeho- bene Bedeutung der Freimaurer ersichtlich -23: - der Etatsminister und Obermarschall August Graf von Dönhoff (als , ,Altschottischer Obermeister"), - der Oberbürgermeister und Kant-Freund Theodor Gottlieb von Hippel (als l. Vor- Steher), - der Oberst und Kommandeur des Dragonerregiments von Werther Johann Kasimir von Auer, - der Landschaftsdirektor Carl Jobst von Buddenbrock, - der Etatsminister und Kanzler Carl Friedrich Graf von Finckenstein, - der Buchhändler Gottlieb Leberecht Härtung, - der Generalmajor Carl Ludwig Herzog von Holstein-Beck, - der Kammerherr Otto Graf von Keyserling, dessen Palais zu einem der geistigen Zen- tren Königsbergs gehörte, und schließlich - der Oberpräsident von Ostpreußen und spätere Minister Leopold Baron von Schröt- ter, der Schöns Förderer werden sollte. Von den Mitgliedern der Königsberger Kriegs- und Domäaenkammer, bei der Schön im Frühsommer 1793 sein Refereadariat begann, waren fast alle Freimaurer24. Die Bedeutung der Logenmitgliedschaft lag daher sowohl im Hinblick auf allgemein- „gesellschaftliche" Kontakte - das geisrig-kulturelle Leben -, als auch für die individuelle Karriere sowie eine persönlich vermittelte politische Einflußnahme auf der Hand. Ein ambitionierter junger Adliger, wie Theodor von Schön, wußte um diesen Tat- bestand, zumal er mit Sicherheit darüber informiert war, wer Mitglied der Loge T.U den 21 u.22 B/A-Nr. 26. 23 Vgl. die Mitgliederliste der Loge 2« den drei Kronen in: Fischer, S. 480 ff. 24 Vgl. dazu die Mitgliederliste der Loge 2x den drei Kronen mit dem im „Handbuch über den Königlich Preußischen Hof und Staat" genannten Mitgliedern der Königsberger Kriegs- und Domänenkammer. 22 drei Kronen war. Dafür sprechen sein Bekanntenkreis25 und seine Verwandtschaft, in denen zahlreiche Freimaurer zu finden waren26. Fichte äußerte anschließend an das letzte Zitat, daß er selbst auch daran denke, Frei- maurer zu werden. Da er nicht annehme, je eine Rolle in der Welt zu. spielen, sondern wahrscheinlich zeitlebens privatisieren werde, seien für ihn höhere Absichten ausschlag- gebend. Ihm schien ein Saame des Guten in der durch Luxus zur Sclaverey, und durch diese zu allem Verderben gebrachtem Zeitalter, nötig, der ihm ohngefähr das werde, was das Vehmgericht, und die Ritterschaft unsem verdorbnen Vor-Eltem war. . . . Da-zu, so sein Resümee, könnte sich dann die Freymaurerey, - nicht in ihrer gegenwärtigen Verfa- ßung, aber wenigstens ihre schon autorisirte Hülle qualificiren. Und er rät Schön: Werden Sie also FreyMaurer; einst, so Gott will, begegnen wir uns. Die von Fichte entworfene Skizze der Freimaurerei als sanktionierende Instanz, als Hort öffentlicher Moral in der spätabsolutistischen Gesellschaft, stimmt im Kern mit den Überlegungen Reinhard Kosellecks überein, der die Freimaurerlogen als einen zentralen Ort der Konstitution einer neuen gesellschaftlichen Macht bestimmt; einer Macht, die sich neben die der Kirche und des absolutistischen Staates schob: Die öffentliche Mei- nung, die - aus der Privatsphäre der räsonierenden Individuen erwachsend - sich Staat und Gesellschaft unterzuordnen begann27. Die dabei entstehende bürgerliche öffentlich- keit,,. . . läßt sich vorerst als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute be- greifen; diese beanspruchte die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit alsbald gegen die öffentliche Gewalt selbst, um sich mit dieser über die allgemeinen Regeln des Ver- kehrs in der grundsätzlich privatisierten, aber öffentlich relevanten Sphäre des Warenver- kehrs und der gesellschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen"28. Es erstaunt daher nicht, wenn bei Kant „Publizität" als Prinzip der Vermittlung von Politik und Moral gilt29, er- gibt sich doch aus der historisch-konkreten Struktur der Öffentlichkeit die Unterord- nuag der obrigkeitlichen Politik unter die „Moral" des (Besitz- und Bildungs-) Bürger- turns und daraus deren Einfluß im politischen System. Kosellecks theoretischen Überlegungen, die aus einer europäischen Gesamtsicht ge- wonnen sind, treffen für die historisch-koakreten Entwicklungen der Freimaurerei in 25 Vgl. z. B. die Namen der Mitglieder der Akademischen Ressource: B/A-Nr. l, Anm. 11 (Zur Knaben- und Jünglingszeit Theodor von Schöns nach dessen Papieren zusammengestellt von sei- nern Sohne, Berlin 1896, S. 108). 26 Vgl. Gerhard Krüger: Materialien zur Geschichte der Freimaurerei in Preussen, in Quatuor Coronari 19 (1982), S. 254. 27 Vgl. Reinhard Koselleck: Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg/München 19692, bes. S. 4l ff. 28 Jürgen Habermas : Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962, S. 40, zk. Habermas. 29 Kant-Werke in zwölf Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Bd. 11, Frankfurt/M. 1964, S. 244 ff. (Anhang zu: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Königsberg 1796). - Zur begriffsgeschichtlichen Entwicklung von „Öffentlichkeit" vgl. Lucian Hölscher: öffent- lichkeit und Geheimnis. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung zur Entstehung der Offent- lichkeit in der frühen Neuzeit (Sprache und Geschichte 4), Stuttgart 1979. - Zu Kant vgl. S. 101-105. 23 Deutschland nur bedingt zu. Zu sehr waren in Deutschland die Freimaurerlogen unter die „Schinnherrschaft" von Territorialherren geraten - wie etwa in Preußen unter Fried- rich II.30 -, als daß sich gerade in ihnen die moralische Instanz etablieren konnte, die Staat und Gesellschaft der „Zensur" ihrer Meinung unterwarf. Zu sehr hatte in Deutsch- land das Bild der Freimaurerei aber auch durch Okkultismus und Illuminatenkonspira- tion in der anderweitig - durch Publizistik, Lesegesellschaften, Ressourcen usw.31 - ent- stehenden „bürgerlichen öffendichkeit" gelitten, als daß die Freimaurerlogen sich zur moralischen Instanz hätten aufschwingen können. Dennoch: Für Fichte blieb (vorerst) die Freimaurerei die - wie er sich ausdrückte - schon autorisirte Hülle für eine moralische Instanz der Gesellschaft, und er hat auch ver- sucht, seine diesbezüglichen Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen - seine Aktivi- täten m Freimaurerlogen bis 1800 belegen dies32. Und auch für Theodor von Schön wur- de diese Haltung zur Freimaurerei wichtig, wie wir im weiteren noch sehen werden. Er stellte am 27. l. l 793 ein Aufnahmegesuch an die Loge Z» den drei Kronen in Kö- nigsberg33 und wurde am 5. 3. 1793 in die Loge aufgenommen. Den nächsten Brief schrieb Fichte am 20. 9. 1793. Er teilte Schön mit, daß er mittler- weile Freimaurer geworden sei34, fragte, ob dies auch bei Schön der Fall gewesen sei und bat: Schreiben Sie mir . . . ihre Gesinnungen und Beobachtungen darüber; ich würde mich sehr freuen, jemanden zu haben, wie Sie, mit dem ich darüber frei sprechen könn- 30 Zur Entwicklung in den rheinischen Territorien vgl. Winfried Dotzauer: Freimaurergesell- schaften im Rheingebiet, in: Reinalter (Hrsg.), S. 140-176. 31 Vgl. Habermas, S. 44 ff. und 86 ff. - Eine eindrucksvolle Schilderung dieser Öffentlichkeit in Berlin findet sich in: Martin Philippson: Geschichte des Preußischen Staatswesens vom Tode Friedrich des Großen bis zu den Freiheitskriegen, Bd. 2, Berlin 1882, S. 350 ff. - Vgl. zur Be- deutung der politischen Publizistik Otto Tschirch; Geschichte der öffentlichen Meinung in Preußen vom Baseler Frieden bis zum Zusammenbruch des Staates (1795-1806), 2 Bde., Wei- mar 1933/34, zit. Tschirch. 32 Vgl. Hammacher, S. 11 ff. 33 Das Antwortschreiben des Meisters vom Stuhl, Friedrich Wilhelm von Preuss (vom 3. 2. 1793), ist im folgenden auszugsweise wiedergegeben, weil in ihm deutlich zum Ausdruck kommt, wie lax die Aufnahme in die Loge vollzogen wurde: . . . da ich von selbsten zum voraus sage, daß Dieselben in Absicht des bedeutenden Schrittes den Sie vorzunehmen gesonnen sind, mit Sich selbsten zuförderst werden zu Rathe gegangen seyn und Sich von den Ursachen Selbst werden Rechenschaft abgeleget haben, die Dieselben aufmun- tem könnten, Pflichten auf Sich zu nehmen, deren Befolgung sich nicht ganz von allem Zwange und einigen Aufopferungen absondern laßen wollen, ich mich also der Mühe gänzlich überheben kann, mit Denenselben mich dieserwegen in eine weitläuffige Erörterung einzulaßen; so habe in einer schuldigen Antwort mich bios darauf einschränken wollen, Dieselben hiedurch ergebenstzii benachrichtigen, wie Dero Aufnahme in den Orden von der hiesigen D genehmiget werden, und es diesevnnächst von Denenselben abhängen wird. Sich gegen 5. März anhero zu verfügen und an diesem Tage Sich der weiteren Vollfiihru.ng Ihrer nachgesuchten Aufnahme zu gewärtigen. Woran noch der Hinweis anschloß: Mit denen erforderlichen ReceptionsKosten, die an dem Tage zugleich an den SchazMeister bezahlet werden, wird der Herr v. Keudell Dieselben hof- fentlich bereits bekannt gemacht haben. (B/A-Nr. 28). 34 Fichte ist wahrscheinlich Anfang 1793 in Danzig der dortigen Loge beigetreten (vgl. Fichte Gesamtausgabe III 1, S. 434, Anm. 5). 24 te35. Leider ist ein Antwortschreiben Schöns nicht erhalten, wir wissen deshalb nicht, ob Schön dieser Bitte Fichtes nachgekommen ist. Wir wissen auch nicht, was Schön in den nächsten Jahren als Freimaurer getan und erlebt hat - bis auf die Beförderung in den Ge- sellengrad im April 179436. III. Schön zur Lage der Freimaurerei Als nächstes erfahren wir über Freimaurer bei Schön etwas in einem Brief an Frey vom 29. 12. 1795. Schön war von Königsberg nach Berlin gereist, um dort sein Referendariat mit dem sog. Großen Examen (Assessorenprüfung) abzuschließen. An das Examen schloß sich eine Reise durch Deutschland und Großbritannien an, die er im Auftrag des Ministers von Schrötter unternahm. Aus Berlin schilderte Schön seinem Freund Frey das gesellschaftliche Leben und sprach dabei - nachdem er auf zwei Ressourcen eiagegangen war - von seinen Erlebnis- sen in Freimaurerlogen. Er stellte hier mit bitterer Enttäuschung fest: Die Logen mag ich hier nicht besuchen, denn ohne den grasten Aerger kann man das Wesen da nicht anse- hen. Mann finndet in den Logen hier nur 2erley Menschen, entweder Erzschwatzköpfe, deren Anzahl die graste ist, oder junge Herrn, die sich da des Abends fett essen wollen. Wie sehr die Maurerey hier im Ansehn steht, können Sie schon daraus beurtheilen, daß aufs Leben geworben wird, u. man kein Beispiel hat, daß irgend jemanden nur die Auf- nähme verweigert ist37. Er fährt fort: In der Loge unseres Systems (gemeint ist die Loge 2» den drei Weltkugeln - eine der drei Großlogen in Berlin) ist es gar aus, ich war auf dem Einweihung! Schmau- se des neuen Hauses. Freund! eine solche Wirtschaft können sie sich nicht dennken. Schön verdeutlichte dies seinem Freund und Logenbruder Frey, indem er Einzelheiten schilderte: Der alte General Chirurgis Theden führte den Hammer. Dieß ist ein Mann, der alle medicinische Qualitaeten in sich vereinigen kann, nur nicht die eines Meisters be- sitzt, er saalbeterte ganz gewaltig. Der hier erwähnte Johann Christian Anton Theden (1714-1797) hatte sich unter Friedrich dem Großen dadurch einen Namen gemacht, daß er das als vorbildlich geltende Sanitätswesen der Preußischen Armee geschaffen hatte. Er gehörte jedoch nicht zu den „aufgeklärten Geistern" in der preußischen Beamtenschaft, sondern war durch und durch ein Okkultist, der Wöllner und den Rosenkreuzern nahestand, die einen verhäng- nisvollen antiaufMärerischen Einfluß auf Friedrich Wilhelm II. hatten. Wöllner füngierte bis zu seiner Entlassung aus dem preußischen Staatsdienst 1798 als Deputierter Groß- meister der Loge Z» den drei Weltkugeln. Während der Loge, so erzählt Schön weiter, war ein beständiges Heraus und hereingeben; man sprach mit denen so um einen standen, so daß man gewaltig zischen muste, um nur alles stille zu bekommen, als einer der 5 Red- ner dieses Tages anfieng. Der erste war ein Profeßor beim Cadetten Hause. Dieser hatte sich Blumauers bekanntes Maurer Gebet auswenndig gelemnt, declamierte solches wie 35 B/A-Nr. 43 ü. G. Fichte Gesamtausgabe III l, S. 434). 36 Vgl. Fischer, S. 342. 37 B/A-Nr. 60. 25 ein Pauper Junge her, und agirte dabey wie ein SchulKnabe der einen Neujahrs Wunsch aufsagt. Der 2te Redner war der OberKonsistorial Rath Zoellner. Johann Friedrich Zöllner (1753—1804) hatte sich durch seine Auseinandersetzungen mit der Hofkamarilla um Wöllner einen Namen gemacht, da er sich als Oberkonsistorial- rat den Diszipliniemngsversuchen aufklärerischer Geistlicher entgegenstemmte. Zöllner trat ein paar Jahre später (ab 1798) als Großmeister der Loge Zu den drei Weltkugeln her- vor, da er in dieser Funktion die Freimaurerei zu reformieren versuchte. Als Deputierter Meister vom Stuhl wirkte neben ihm - d. h. als Nachfolger Wöllners - Martin Heinrich Klaproth (1743-1817), der als Begründer einer systematischen Chemie in Deutschland angesehen werden kann. Hier glaubte ich, so Schön weiter, meinen Freund Frey zu hören, denn dieser Mann brachte wahre SeelenSpeise vor. Er fieng mit der Veränderlichkeit der Form einer jeden Sache an, zeigte welchen Einfluß Annehmlichkeit auf die Empfänglichkeit des Guten hät- te, u. verglich endlich die Ma.wrerey vor 30 Jahren - d. h. vor dem Eindringen der Temp- ler und Rosenkreutzer in die Freimaurerlogen - mit der jetzigen, zeigte den großen Ab- stannd, dieß führte er insbesondere meisterhaft aus. Er sagte unter ändern: vor 30 Jahren konnte es sich der Profane gar nicht vorstellen, was man in der Loge vornahm, u. jetzt da alle unsere 'Zeichen unsere Ceremonien unser Tapis allgemein bekanndt, ja, Mattrer selbst, die Maurerey als etwas Lächerliches schillderten, jetzt wäre es für den Profanen wieder ein Räthsel, wie vernünftige Menschen noch maurerischen Arbeiten beiwohnen könnten. Er schloß mit dem Beweise, daß die Regeln der practischen Philosophie unveränderlich wären. Was hier an Unzufriedenheit mit der Lage der Freimaurerei nur nebenbei erwähnt zu sein scheint, gewinnt dadurch an Bedeutung, daß die Tatbestände selbst weitgehend be- kannt waren - und besonders auch Frey: Es handelt sich nicht um eine Randbemerkung, sondern um ein kurzes Resümieren über eine - zumindest unter den Korrespondenten - bekannte Situation, die die Korrespondenzparmer mit Unzufriedenheit erfüllte. Zu sehr wich die Realität der Logeatätigkeit von der Funktion ab, die ihr in den Augen von Schön hätte zukommen können und müssen. Nachdem Schön mit beißender Kritik auf die übrigen Redner des Abends eingegangen war, schilderte er die daran anschließenden Ereignisse: In die Loge hätte jeder kommen können, denn niemand wurde befragt, ob er Maurer sey. Bey der Tafel Loge wurde in 4 'Zimmern gegeßen, 2 Tische hatten Meister und Vor- Steher und 2 nicht. Dennken Sie sich das unordentlichste WirthsHauß, so wird Ihr Begrif von der Ordnung deßelben, noch immer beßer seyn, als es hier war. Man gieng während der Tafel una.ufhörlich herum, die Thüren aller Zimmer waren offen und in jedem sang man em besonderes Lied, wo also das beste Lied gesungen wurde, da gieng man hin mit- sinngen. Die beiden Tische welche keine Meister hatten, feuerten so viel Personen als wollten mit dem benachbarten Tische, die dieß nicht wollten, richteten sich wieder nach dem anderen. An dem Tische, wo ich saß, brachte der Meister, ein gewißer Major Rappin38 alle Geheimheiten in Knittel Versen, bey der gemeinnsten Declamation aus. Um i; 38 Rapin Thoiras, Gabriel Philipp von, gest. 1807. - Mitglied des Direktoriums der Loge 2« den drei 'Weltkugeln. 26 10 Uhr wurde mir das Leben zu bunt, ich folgte dem Beispiele der meisten, nahm meinen Huth und gieng weg, ohne den Schluß der Tafelloge abzuwarten. 'Wie es mit der Kette ge- blieben seyn mag, da V4 der Brüder mit mir weggieng, weiß ich nicht. Der KriegsRath Bohlius sagte mir: daß der Meister seines Tisches am Ennde Schildwachen an die Thüren gestellt und keinen herausgelaßen habe. Soweit Schön zu seinen Erlebnissen in der Loge 'Z.u. den drei Weltkugeln. In der Lan- desloge - der Großloge des Zinnendorfschen Systems - gehe e5 etwas ordentlicher zu, da fannd ich bey der Tafel Loge aber auch nur 11 Personen. Erstaunt - ja entrüstet - teilt er zu der in Berlin angetroffenen politischen Haltung ua- ter Freimaurern mit: Man feuert hier in allen Logen auch auf das Wohlseyn des Krön Prinzen - gemeint ist der spätere König Friedrich Wilhelm III. -, ob er gleich nicht Mau- rer ist, welcher Aristokratismus! Aus diesen Erfahrungen zieht er das bittere Fazit: Ich gebe mich jetzt niemanden mehr als Maurer zu, erkennen, u. würde, wenn ich hier bliebe, mich auch sicher zu keiner Loge halten. Diese Haltung hebt Schön auch im nächsten Brief an Frey (25. 4. 1796) hervor: Meine Maurerey liegt theoretisch jetzt total, ich besuche keine Loge u. suche keine Maurer, ich bin in Berlin zu oft betrogen39. Eine konsequente Distanz zu Freimaurerlogen hat Schön während seiner Reise jedoch nicht durchgehalten, denn während seiner späteren Aufenthalte in Berlin40, Magdeburg41 und Frankfurt/0.42 finden sich in seinem Tagebuch Notizen zu Besuchen in Logen. Sie Schemen in erster Linie - dies legen die Formulierungen dieser Notizen nahe - dem Be- streben gewidmet zu sein, während der Studienreise interessante gesellschaftliche Kon- takte herzustellen. So beziehen sich die Tagebuchnotizen zum Besuch der Loge in Frank- furt/0. überwiegend auf den Handel mit Leinsamen, da Schön bey Tisch (. . .) bey einem gescheut KaufMann saß43, der ihm darüber interessante Informationen vermittel- te. In Magdeburg ging er ins Conzert im Logen Hause44; ein anderes Mal besuchte er die dortige Loge in Begleitung von Mitgliedern der Magdeburger Kriegs- und Domänea- kammer. In Berlin hatte Schön 1797 und 1799 auch Kontakt mit Ignazius Aurelius Feßler (1756—1839), der sich um eine Reform der Berliner Logen und eine da.mit einhergehen- den Reinigung ihrer Hochgrade von apokryphen Zutaten (Hammacher)45 bemühte. Aber auch dieser Kontakt scheint sich lediglich im Rahmen der von Schön während der Stu- dienreise systematisch betriebenen Suche nach der Bekanntschaft mit interessanten Per- sönlichkeiten der Zeit bewegt zu haben, war Feßler doch in die damals vieldiskutierte sog. Evergetenverschwörung hineingezogen worden46. So heißt es in Schöns Tagebuch 39 B/A-Nr. 83. 40 Vgl. Tgb.-Nr. 568. 41 Vgl. Tgb.-Nr. 54 und 57. 42 Vgl. Tgb.-Nr. 560. 43 ebd. 44 Tgb.-Nr. 54. 45 Hammacher, S. 13. 46 Tschirch,Bd. l, S. 226 ff. 27 auch nur lapidar: . . . Doctor Fessler ein interessantes Gesicht*7. Oder als er ihn 1799 auf einer Geseüschaft beim Minister von Schrötter traf:. . . Fessler . . . redete viel über Fich- te H. Kant, il. zwar mit Kopf^6. Daß die Erfahrungen mit der Freimaurerei während seines ersten Berlinaufenthalts (1795/96) keine Abkehr von der Logenarbeit als solcher bewirkt hatten, wird auch aus dem zuletzt erwähnten Brief an Frey (vom 25. 4. 1796) deutlich, denn er hebt gerade hervor, daß die Situation in Königsberg eine andere, durchaus hoffnungsvolle sei: Er freue sich, daß man in unserem Orient so acht maurerisch hanndelt, ich werde mich sehr freuen, einmahl wieder unter meinen wahren Brüdern zu. seyn*9. Und er kommt auf einen wesentlichen organisatorischen Aspekt der Logenverfassung zu sprechen: Unsere Loge würde ganz vollkommen werden, wenn sie das Gesetz machte, daß kein fremder Maurer, ohne ausdriikliche Genehmigung aller Brüder die MitGlied- schaft erhalten könnte. Mann würde dadurch für Schaustellung von außen her gesichert. Den Zu-tritt darf man deshalb denen Fremmden nicht untersagen, sobald sie aber nicht die MitGliedschaft erhalten, muß eigene Discretion indem sie sich doch nicht können tractiren laßen, sie abhalten. Die hier angesprochene Abschottung der Logen hielt Schön für notwendig, um dem in Berlin in extremer Form erfahrenen Zerfall der Logenfunktion, der in abgeschwächter Form auch in Königsberg anzutreffen war50, entgegenzuwirken. Schön kommt auf die- sen Aspekt auch im nächsten Brief an Frey (24. 2. 1797) zu sprechen. Er greift jedoch darüber noch weiter hinaus, indem er die Meinung vertritt: Eine gänzliche Absonderung u. Errichtung einer neuen Loge mit soliden Statuten wäre freilich noch beßer51. Dabei gibt er zu bedenken: Bey Gründung einer neuen Loge bleibt mir nur allein bedennklich: Welchen Weg soll man einschlagen, den Geheimnißvollen oder den offenen? Soll jedes MitGlied gleich bey der ersten Aufnahme den Zwek der Gesellschaft wissen oder nicht? Die Geheimnißkramerey hat bey der jetzigen Cultur der Welt ein Ennde, der vernünftige Mann will wissen, worann er ist52. Schön spricht damit zwei wichtige Faktoren an, die für die Entwicklung der Freimau- rerei -wichtig waren: l. Das „Geheimnis" ist allgemein für soziale Gruppen bestimmend, bei denen das „Wissen um Nichrwrissen" bz-w. etwas verstandesmäßig Unzugängliches Grundlage ihrer Handlungen ist und Vertrauen die Basis einer Aufnahme sein muß53. Ohne Vertrauen war ein Beitritt zu Logen nicht denkbar, lagen doch die Ziele ihrer Tätigkeit für den 47 Tgb.-Nr. 571. 48 Tgb.-Nr. 1085. 49 B/A-Nr. 83. 50 Vgl. Fischer, S. 119 f. 51 B/A-Nr. 267 (Studienreise in Deutschland, S. 629 f.). 52 ebd. 53 Vgl. Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1909, S. 373—402; ferner Burkhard Sievers: Geheimnis und Geheimhaltung in sozialen Syste- men (Studien zur Sozialwissenschaft 23), Opladen 1974, S. 11 f. Nichteingeweihten im Dunkeln. Wie konnte Vertrauen zur Logenarbeit jedoch bei den öffentlich bekanntgewordenen Skandalen entstehen, und was waren es für Ziele, die Freimaurerlogen anstrebten: Waren es nicht partikulär und „profan" individuelle, die sich hinter allgemeinen Perspektiven der „Hebung der persönlichen Moralität" ihrer Mitglieder verbargen? 2. Im absolutistischen Staat war es unabdingbar, daß Gruppen, die mit ihrer Tätigkeit außerhalb des höfischen politischen Systems standen, im „Geheimen" (Privaten) wirk- ten; nur so konnten sie unter den gegebenen politischen Bedingungen zu einem gesell- schaftlichen Faktor werden54. Politische Sanktionen des absolutistischen Staates wären anderenfalls die absehbare Folge gewesen, wenn man sich nicht, wie die meisten Frei- maurerlogen, der politischen Vorherrschaft dieses Staates untergeordnet hätte. Für die Logen bedeutete dies den Verlust ihrer politischen Entwricklungsmögllchkeiten. Die ver- breitete Beschränkung auf Geselligkeit, die Schön in den Logen feststellte, war ein Zei- chen dafür. Hinzu kam, daß bürgerliche Öffentlichkeit zu jener Zeit in Deutschland in und mittels anderer Formen entstand. Die besondere Form des Geheimnisses der Logen, dessen politische Funktion durch die zunehmende Unterordnung der Logen unter den absolurisdschen Staat bereits gegenstandslos geworden war, wurde im Zusammenhang einer sich immer stärker durchsetzenden Öffentlichkeit (die „Publizität" forderte), end- gültig fragwürdig. Wenn es aber darauf ankam, sich der veränderten gesellschaftlichen Situation anzupas- sen und sich perspektivisch auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen einzulas- sen, mußten Ziele öffentlich genannt werden. Dazu war eine Funktions-, eine Identitäts- bestimmung notwendig. Was sollte aber Gegenstand der Logenarbeit, was sollten Ziele der Freimaurerei sein? Schön stellt sich diesem Problem und wirft die Frage auf: Soll der Zwek offen dargelegt werden, welchen Zwek soll man angeben? Etwa. Verbrei- tung der Aufklärung? dann muß man nur Gelehrte nehmen. Oder Verbreitung der Humanitaet? Dann kommt die Polizey u. sagt, wir wären Illuminaten. Oder soll es nur eine Gesellschaft rechtlicher Männer seyn, die von ihrer Gesellschaft unter sich pro fitiren, H. keinen Schurken in ihrer Mitte haben wollen; dieß wäre das einzige, u. dann ist diese Einrichtung aequale einem Kränzchen, einem Klub, der zwar den Vorzug vor allen übri- gen Klubs verdienen wird, wegen des die MitGlieder beseelenden wahren Point d'hon- neurs zwar viel Gutes wirken kann, aber von dem Wesen der Maurerey sich so sehr ent- fernen muß, als es sich einer geschloßenen Gesellschaft nähert55. Gelehrtenzirkel, politische Organisation oder Klub - diese Entwicklungs- Perspektiven sah Schön für den organisatorischen Zusammenhang von Freimaurerlogen im ausgehenden 18. Jahrhundert. 11- 28 54 „Schaltstellen der Öffentlichkeit" sind deshalb nicht nur heute als , ,Arkanbereiche organisiert" - wie Oskar Negt und Alexander Kluge feststellen. (Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organi- sationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt/M. 1972, S. 40), sondern mußten gerade in der Zeit so organisiert sein, als das „frühbürger-Ideal der Publizität" propagiert und durchzusetzen versucht wurde. 55 B/A-Nr. 267. 29 Ein Gelehrtenzirkel war ihm scheinbar zu wenig. Bei einer ausgesprochen politischen Organisation sah er die Gefahr politischer Repression; die Zeit war dafür noch nicht reif und sollte es in Preußen auf Jahrzehnte nicht sein, wie der Tugendhundstreit56 zwanzig Jahre später, aber auch die Politik des 1797 gekrönten Friedrich Wilhelm III. beweisen sollte, der 1798 die Logen nach'der sog. Evergetenverschwörung und dem unheilvollen Einfluß der Rosenkreuzer auf die Politik seines Vaters Friedrich Wilhelm II. einer umfas- senden politischen Kontrolle unterwarf57. Blieb als Möglichkeit eine Gesellschaft rechtlicher Männer bei der es - wie Schön an die letzte Zitatstelle unmittelbar anknüpfend formuliert -, da.rau.f an [käme], Mittel gegen Mißbrauche zu erfinnden. Leider liegt weitere Korrespondenz Schöns zum Thema Freimaurerei nicht vor. Wir wissen deshalb nichts über Schöns weitere Überlegungen. Die zuletzt genannte Zitat- stelle legt die Vermutung nahe, daß Schön die Entwicklung der Freimaurerlogen in Rich- tung auf eine - wie er sich ausdrückte - Gesellschaft rechtlicher Männer, die von ihrer Gesellschaft unter sich profitiren u. keinen Schurken in ihrer Mine haben wollen, hinaus- laufen sah. Damit würden die Logen zwar einem Kränzchen, einem Klub gleichen, ver- dienten aber den Vorzug wegen des die MitGlieder beseelenden Point d'honneurs. Eine Einschätzung, die m. E. im Kern die tatsächliche Entwicklung trifft. Dem entsprach der in den Logen verbreitete zeitgenössische humanistische (Zeit-) Geist, dessen „Prinzip der Autonomie und der Personalität des Menschen" - wie Ernst Manheim betont - „schon immanent auf die enge esoterische Personalgemeinschaft hin(weist). Denn die Person kann qualitativ nur in. einem Raum autonom existieren, in dem sie - abseits von ihren gesellschaftlichen, beruflichen Verflechtungen - nicht glied- haft und sachbestimmt handelt, sondern als Subjekt ihrer selbst, als rein menschliches In- dividuum. Hier beruht ihre Weltbezogenheit nicht auf dem Zweckhandeln, sondern auf der Rückkehr zum menschlichen Wesensgrund durch Absonderung von allen Zweckbe- Ziehungen. In diesem von aller Vordergründigkeit und menschlichen Uneigentlichkeit des Alltagslebens freien Räume werden persönliche Begegnungen direkt und rein menschüch: in ihnen präsentiert sich die durch den Besitz ihrer selbst souveräne Person. Das ist die Intention der freimaurerischen Absonderung."58 Schön war dies jedoch scheinbar zu wenig, und so stellt der Chronist der Königsberger Loge T.U den J Kronen Richard Fischer, fest: ,,. . .v.Schön . . . hatte hier [in der Loge ,Zu den 3 Kronen'] einst 20 Jahre alt, . . . das maurerische Licht erblickt, war dann aber, nachdem er am 8. April 1794 noch in den Gesellengrad befördert war, aus dem Verbände seiner Loge geschieden und hatte Königsberg für längere Zeit verlassen. An der Freimau- rerei scheint er sich dann nicht weiter beteiligt zu haben, ohne doch formell die Loge zu decken [sie!], denn nach mehr als 40 Jahren besuchte er wieder einmal die Loge. Das Pro- 56 Vgl. Otto Dann; Geheime Organisierung und politisches Engagement im deutschen Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts. Der Tugendbund-Streit in Preußen, in: Ludz, S. 399-428. 57 Vgl. Krüger (1978), S. 78 f. 58 Ernst Mannheim: Aufklärung und öffentliche Meinung. Studien zur Soziologie der Offentlich- keit im 18. Jahrhundert, hrsg. und eingeleitet von Norbert Schindler (Kultur und Gesellschaft. Neue historische Forschungen 4), Stuttgart/Bad Cannstatt 1979, S. 90. 30 tokoll der Silvesterloge 1834 berichtet, daß Sie ,durch die Anwesenheit des Br. Gesellen Oberpräsidenten von Schön Excellenz beehrt wurde'. Bei diesem einen Besuch scheint es jedoch geblieben zu sein, und von der Feier seines SOjährigen Maurerjubiläums, das m dem Jahre 1843 hätte stattfinden müssen, verlautet nichts."59 59 Fischer, S. 342. Buchbesprechungen Gerhard Krüger: . . . gründeten auch unsere Freiheit. Spätaufklärung, Freimaurerei, preußisch- deutsche Reform, der Kampf Theodor v. Schöns gegen die Reaktion. Bauhütten Verlag Hamburg. 1978. 351 S. DM 28,—. Die hier anzuzeigende Darstellung der preußischen Reformzeit ist den Arbeiten von Hans Roth- fels und dessen Schülern aus der Königsberger Zeit in besonderem Maße verpflichtet. Angesichts der Bedeutung, die Königsberg für die Reformzeit hatte, war damals die Anregung durch den ,,ge- nius loci" naheliegend. Rothfels' erzwungene Emigration und die Folgen des Zweiten Weltkriegs haben diese Bemühungen abgebrochen. Vf. des hier anzuzeigenden Buches hat sich - äußerlich durch ein Hamelner Logenjubiläum veranlaßt - diesem Themenkreis zugewandt. Seine Darstellung zeigt den Philosophen Immanuel Kant, den Staats- und Wirtschaftswissenschaftler Christian Jakob Kraus sowie den Politiker und Verwaltungsbeamten Theodor von Schön als die bedeutendsten An- gehörigen dreier dicht aufeinander folgender Generationen, an denen er den Weg von philosophi- scher Erkenntnis über wirtschaftstheorerische Überlegungen zu praktischer Staatsgestaltung nach- zuvollziehen sucht. Die Beobachtung des Vf.s, daß ein Großteil der von ihm zu behandelnden Zeit- genossen ebenfalls Freimaurer waren, führt ihn zu der Ansicht, daß die Freimaurer weitgehend das öffentliche Leben bestimmt haben. Dabei bemüht er sich, die Freimaurer als einen rein aufkläreri- sehen Männerbund gegen spätere mystizistische Überfremdungen durch Geheimwissenschaften o. ä. in Schutz zu nehmen. Dies wird besonders im Vormärz bedeutsam, als sich die liberalen Ober- Präsidenten gegen die vom Minister Fürst zu Sayn-Wittgenstein beeinflußte Berliner Zentrale zu wehren hatten. Die tatsächliche Bedeutung der Freimaurer wird die künftige Forschung, auch im Zusammenhang der Ausgabe der Werke von Theodor von Schön durch das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, näher einzugrenzen haben1. „Wenn also die führenden Männer der ein- setzenden politischen Reform fast ausnahmslos Freimaurer sind, so nicht durch einheitliche Len- kung, sondern aus eigener, persönlicher Verantwortung heraus" (S. 132). Vf. hat außer Literatur und gedruckten Quellen auch Königsberger Archivalien (Oberpräsidium; Nachlaß von Schön) be- nutzt. Sein Buch hatte er seinerzeit wegen einer schweren Erkrankung nicht mit wissenschaftlichen Nachweisen versehen können. So wird der Band nur von Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einem Personenindex beschlossen. Bemha.rt Jähnig 1 Vgl. Bernd Sösemann: Der ostpreußische Reformer Theodor von Schön zu Wirtschaft und Ge- Seilschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert in: Zeitschrift für Ostforschung. 32. 1983, S. 20-72. 31 Ernst Vogelsang (Hrsg.): Das Oberland in 144 Bildern. 80 Seiten, Leer 1984 (Verlag Gerhard Rau- tenberg). ISBN 3-7921-0281-1. Das neue Buch schließt eine Lücke in der Reihe der landschaftlich bestimmten Bände des Verlags. Das Oberland liegt zwischen der Weichselniederung und dem Ermland und umfaßt die Kreise Deutsch Eylau, Preußisch Holland, Mohrungen und Osterode ganz oder zu großen Teilen. Nach einem sachkundigen Vorwort werden in zum Teil bemerkenswert guten Bildern und mit erläutern- den Unterschriften die Landschaft, die Dörfer und Städte, die Schlösser und Kirchen und die Men- sehen vorgestellt. Ein besonderer Teil ist dem Oberländischen Kanal gewidmet, der das Gebiet von Süden nach Norden durchschneidet. Klaus Bürger Alfred Schiedat: Bumbeln Kreis Gumbinnen. Die Geschichte eines ostpreußischen Dorfes und sei- ner Bewohner. Hamburg 1978 (lt. Titelblatt; es handelt sich jedoch um die 2. berichtigte Auflage von 1980). Selbstverlag, Anschrift des Vf.: 2000 Hamburg 70 (Wandsbek), Jenfelder Str. 103. 259 S., 3 Abb. im Text, 37 Abb. im Anhang, l Karte. Brosch. DM 25,—. Das an der Straße von Gumbinnen nach Pillkallen gelegene Dorf bestand schon im 16. Jh., doch ist nur wenig aus seiner Geschichte in großen Zügen bekannt. Der Inhalt des Buches bezieht sich hauptsächlich auf die Zeit in und zwischen den beiden Weltkriegen, d. h. vom Russeneinfall 1914, der große Teile des Dorfes zerstörte, an bis zur Flucht am 19./20. 10. 1944. Geologie und Geogra- phie, Verwaltung (einschließlich Schule, Post usw.), Kirche, medizinische Versorgung, Landwirt- schaft, Sitten und Gebräuche werden beschrieben; Namenslisten der Bürgermeister des 20. Jh., der gefallenen und vermißten Bewohner beider Weltkriege usw. folgen. Ein Vergleich der Strukturana- lysen aus dem J. 1944 (damals 209 Einwohner) mit der aus dem J. 1978 (ehemalige Bewohner ein- schließlich Nachkommen) zeigt auf, daß in der Gegenwart keiner mehr eine Bauernwirtschaft hat; nur drei sind selbständig, alle anderen in abhängigen Stellungen. Dem sozialen Abstieg der Vertrie- benengeneration folgt erst in der Generation der Kinder ein langsamer Aufstieg. Besonders wichdg ist die Zusammenstellung der einzelnen Familien des Orts, deren Geschichte Z.T. bis ins 19. Jh. zurückreicht und die bis 1978 mit sämtlichen Nachkommen erfaßt werden. 37 Abb. in leider schlechter Qualität, aber genau beschriftet, sowie ein Literaturverzeichnis be- schließen den Band. Leider fehlt ein Namensregister. Ein Lageplan unter Einzeichnung sämtlicher Besitzemamen ist beigegeben. Eine gelungene Arbeit des 1932 in Bumbeln geborenen Verfassers! Ruth Hoevel Kommissionsverlag: Elwertsche Universitärs- und Verlagsbuchhandlung Reitgasse 7/9, 3550 Marburg (Lahn) Einsendung von Manuskripten erbeten an Dr. Ernst Bahr, •WiIhelm-Roser-Str. 34, 3550 Marburg (Lahn) oder Dr. Stefan Hartmann, Archivstr. 12-14, 1000 Berlin 33 Gedruckt mit Unterstützung der Stiftung Preußischer Kulturbesltz und Beihilfe des Herder-Forschungsrates Herstellung: Karlheinz Stahringer, 3557 Ebsdorfergrund 6 )• il »wufttfnlttit^ MITTEILUNQEN DER HISTORISCHEN KOMMISSION FÜR OST- UND WESTPREUSSISCHE LANDESFORSCHUNQ UND AUS DEN ARCHIVEN DER STIFTUNQ PREl/SSISCHER KULTURBESITZ Jahrgang 22/1984 ISSN 0032-7972 Nr. 3 INHALT Heide Wunder, Zur Stellung der Frauen in Preußisch-Litauen (16./17. Jahrhundert). Ein Versuch, S. 33 -Hansheinrich Trunz, Fritz Seydel als Gutsbesitzer, Landtagsabgeordae- ter, Mitglied des Staatsrats und Hauptvorsteher des Landwirtschaftlichen Zentralvereins Insterburg, S. 40 - Ulrich Tolksdorf, Erhard Riemann (3. 4. 1907 - l. 3. 1984), S. 45 - Harald Kohtz, Anmerkungen zu Alfred von Auerswald (1797-1870), S. 46 - Buchbe- sprechung, S. 47. Zur Stellung der Frauen in Preußlsch-Litauen (l 6. /17. Jahrhundert). Ein Versuch Von Heide Wunder Caspar Hennenbergers „Erclerung der preussischen grössern Landtaffel oder map- pen" (1595) enthält auf Seite 160-162 einen bemerkenswerten Bericht über die litaui- sehen Bewohner des Amtes Insterburg im nordöstlichen Teil des Herzogtums Preußen. Er beruft sich dabei auf Hans Rückerling, der an die 20 Jahre lang auf dem Insterburger Schloß das Amt eines Hauptmannes ausgeübt hat. In diesem Bericht heißt es: Da-s Insterburgische Arnpt ist ein schönes grosses herliches Ampt l m die 13 Meylen lang und 8 breit l hat gar viel schöne ströme l daran auch Dorf fer liegen l darinnen auch viel 'Wildt in den Wildtnissen. Es wonen in diesem Ampt fast eitel Littawen l so ein starches Volck ist l und nach jhrer art Gottesförchtig l so jhre Pfarherr ehren l der Obrigkeit ge- horsam und willig thun l was sie pflichtig sein l doch wenn sie über billigkeit und Pflicht getrieben werden l halten sie ob einander / fallen auf f wie die Bienen l wie man gesehen hat l da der von der Alle l sonsten Pralgen genant Heuptman da. war l den sie zu Fus zwo Meylen langjageten l ob er schon wol in die 60 Pferde hatte. Und ob sie auch wol mit dem leidigen Saufflaster l so in diesen Landen sehr gemein ist l beladen sein l auch also l das sie z« zeitten vollerweise Junge Alt l Man l Weib l Knecht Magdt l nicht anders als das Vihe zusamen auf f der strew ligen I dennoch erfehret man nicht unzucht von jhnen. Hans Rückerling der alte Bwggraffalda l sagt mir l das er schier damals 20 Jahr Burg- graffim Ampt gewesen l noch were dieselbige zeit über l im gantzen Ampt nicht mehr als eine zu Pillepeen zu schänden worden l die hette auch jhren Brüdern nicht dörffen unter die Augen körnen l sonsten betten sie sie umbgebracht. Es leiden auch die Weiber nicht l 32 das man mitjnen schertze. Zur Insterburg ist ein Krüger gewesen l w einem Littawischen Weibe in seinem eigenen Krug l auffdie Brüste gegriffen l sie auf f / fraget jn / für wen er sie ansehe l leufft zu jrem M.a.n und Brüdern ! bringt die auf f / das sie den Wirt in seinem eigenen haus erschlagen ketten l wo erjnen nicht in eine verschlossene Ka.mem entkamen were. Auch ist sich dis an jnen zuverwundem l das jr so viel in einem Gehöffte beisamen l sick so friedlich können verhalten l wol in die 20. 30. oder 40. auch wol mehr Personen l eines Geschlechts l essen die gleich einerley Kost l trincken eines Getrancks l die alte Mut- ter regiret die Kost l Zugemüs essen sie ziihauff l was sie mehr darzu haben l das zer- schneit die alte Mutter in gleiche th eil / und gibt einem jeglichen das seine sonderlich. Das haus darinnen sie alle essen heist das Schwartzhaus l und ist in der warheit vom Rauch und Ruß schwartz genug. Darneben hat ein jeglich far Ehegatten ein sonderliches heuß- lein l das heist man ein Kleidt l ist von rundem holtz gesatzt l unten hats wie ein nidriges Kellerlein l oben darauf f wie ein Kamer ohne Fenster l nur eine Thür l da sie hinein gehen l doriynen haben sie jhre Kleyderchen l die gar schlecht und gering l und alle einerley Fa.r- ben und form sein l und was sie sonderliches haben. Derselbigen heuserchen sein so viel l als par Volckes nn Gehoffte sein. Sonsten haben sie auch viel kleiner heuserchen l denn zu einer geglichen a.rbeit haben sie ein sonderliches kleines heußlein l als eins da man das Korn jnnen treuget und trischet l eines da man das Getreyd meelet l eines darinnen man backet l eins zu brawen l eines Kleider zuwaschen l em;, iur Badtstuben l etc. die alle sein mit brettern bedeckt. Haben keine Scheunen l sondern wie hohe ricke l da. legen sie die Aber ende einwärts l und Also auf f einander l fragen nichts darnach l ob schon die Staffel verfaulen l denn kein dach darauffist. Die Menner thun die Feldtarbeit l die Weiber die hausarbeit. Die alte regirt l gibt zitkochen l der söhne Weiber Kochen l waschen l malen l sichten l backen l etc. doch umbzech. Eine Historia von eintrechtigkeit der undeutschen Littawen l so in Preussen wonen. Hans Riickerling saget l wie ein Va.ter 6 söhne gehabt l jnen allen Weiber gegeben l der eheste Son hab auch zween söhne ausgegeben l des anderen söhn l auch einer ein Weib genomen l und Kinder gezeuget l solche alle l nemlich 54 personen l haben m einem Ge- hofft l unter des alten Vatters Regiment l friedlich gewonet l und ist jhnen sehr wolzur Narung gegangen l desgleichen nach des alten Vatters todt l unter der a.1ten Mutter Regi- ment I die einem jeglichen sein sonderliches Gelt l m einem. langen Tuch l unterschiedlich verbunden l in jhrem Kasten verwaret hat. Solche nach der Mutter todt l haben sich allererst Anno 1572. von einander getheilet. Doch sagt er auch l das er offtmals erfahren bette l wenn sie sich von einander getheilet betten l da.', es jhnen nicht mehr so wol zur Narung gegangen were l wie zwvohren geschehen. Mich dauchte das ein sehr grosses wun- der sein l das sie sich so wol solten vertragen l sintemal selten ein Schnüre sich mit jhrer Schwiger vertragen kan l aber alda so viele. Doch ich ha.bs selbst a.1da gesehen l sonsten hette ich es schwerlich gegleubet. In diesem Ampt hat es a.u.ch über die 15000 Schuster l nemlich weil sie die Schuhe l so sie auffjhre spräche Pareßken heissen l aus Baste alle seihest machen. Zunächst stellt Hennenberger kurz die Litauer als „nach ihrer Art gottesfürchtig" und der „Obrigkeit gehorsam" vor, weist aber zugleich, am Beispiel des Insterburger Bau- ernaufstandes (1552) auf ihre Erbitterung über ungerechte und gewalttätige Beamte hin. 34 r Ausführlich beschäftigt er sich mit Sitte und Sittlichkeit der Litauer. Es erstaunt ihn, daß die Litauer - gleich ob jung oder alt, Mann oder Frau, Magd oder Knecht - zwar dem Trinken sehr zugetan sind, daß damit jedoch keine „Unzucht" verbunden war, ein 2u- sammenhang, der in den dt. Dorfwillküren des Herzogtums Preußen im 16. Jh. immer hervorgehoben wird. Hans Rückerling weiß aus seiner Amtszeit nur von einem Mädchen zu berichten, das „zu schänden worden". Da dieses Mädchen seinen Brüdern nicht mehr unter die Augen kommen durfte, ist anzunehmen, daß es selbst die sittlichen Konventlo- nen der Litauer verletzt hatte. Doch auch die verheirateten Frauen duldeten keine Zu- dringlichkeitea: der dargestellte „Fall", spielte sich bezeichnenderweise zwischen einer litauischen Frau und einem deutschen Krüger ab und rief sogleich den Ehemann und die Brüder auf den Plan. Über den Inhalt der litauischen Vorstellungen von Sittlichkeit ist damit noch nichts ausgesagt, deutlich wird allerdings, daß bestimmte, dem deutschen Be- obachter vertraute Formen von „Unzucht" und „Unsittlichkeit" hier nicht anzutreffen waren. Die Tatsache, daß Brüder und Ehemänner die „Ehre" der Schwester oder der Ehefrau verteidigen, läßt sich wohl nur auf der Erscheinungsebene mit ähnlichen Verhal- tensmustern etwa in Sizilien oder in lateinamerikanischen Ländern vergleichen. Bei der Beurteilung dieses Phänomens in Preußisch-Litauen muß beriicksichdgt werden, daß es anscheinend keine „doppelte Moral" gab, die Männer und Frauen mit verschiedenen Maßstäben versah: „Unzucht" läßt sich nicht durch Verbote verhindern oder durch die „eifersüchtige" Bewachung der weiblichen „Keuschheit" durch die männlichen Fami- lienangehörigen. Hennenberger erwähnt zwar nicht ausdrücklich, daß auch die litaui- sehen Männer sich den herrschenden Konventionen einfügen, aber die von ihm herausge- stellte „Keuschheit" läßt sich nur unter dieser Prämisse verstehen. Es ist daher bezeich- nend, daß Hinweise auf eine „doppelte Moral" -wie sie sich in den preußischen städti- sehen Willküren seit dem 14. Jh. finden, z. B. Jungfrauenentführung, wobei unklar ist, ob es sich um Entführung oder gemeinsam geplante Flucht handelt - in Hennenbergers Bericht nicht vorkommen. Ebenso ungewöhnlich wie die „Keuschheit" der Litauer erscheint Hennenberger das „friedsame" und „einträchtige" Zusammenleben der litauischen Familien, die oft 20, 30, 40 oder gar mehr Personen umfaßt haben sollen. In diesen erweiterten Familienverbän- den wirtschafteten Vater und erwachsene Söhne gemeinsam, die Männer verrichteten die Feldarbeit, die Frauen die Hausarbeit. Besonders das friedliche Zusammenleben und Zu- sammenarbeiten der Frauen wird von Hennenberger hervorgehoben. Unter der Leitung der „alten Mutter" übernahmen die jüngeren Frauen abwechselnd die verschiedenen häuslichen Arbeiten, während es der „alten Mutter" vorbehalten war, bei den Mahlzei- ten das Essen zu verteilen. Heanenberger betont, daß es reichlich „Zugemüse" (= Mus aus Hülsenfrüchten oder frisches Gemüse) für alle gab, daß aber andere „knappe" Nah- rungsmittel, vermutlich Fleisch, zu gleichen Teilen an alle Familienmitglieder aufgeteilt wurden. Nach diesem Bericht findet also in der litauischen Familie keine Bevorzugung des Mannes statt, es gibt anscheinend keine hierarchisch gestaffelte Ordnung derer, die sich nacheinander aus der gemeinsamen Schüssel bedienen dürfen. Aber auch das ge- meinsame Wirtschaften von Vater und erwachsenen Söhnen ist für Hennenberger nicht selbstverständlich. Dazu beschreibt er zwei unterschiedliche Situationen: einmal das ge- meinsame Wirtschaften von zwei Generationen, zum anderen das gemeinsame Wirt- 35 schaften von Angehörigen einer Generation (hier unter dem „Regiment" der „alten Mutter"). Der uns vertraute Generaaoaenkonflikt zwischen Jung und Alt, zwischen selbständiger und unselbständiger Arbeit findet hier nicht statt, und der Zusammenhalt des erweiterten Familienverbandes kann sowohl durch den „alten Vater" wie durch die „alte Mutter" gewährleistet werden. Es wäre wohl zu einfach, wollte man die Bedeutung des „alten Vaters" lind der „alten Mutter" durch die besondere Wertschätzung des ,,A1- ters" und seiner Erfahrung in vorindustriellen Gesellschaften erklären, zumal hier nicht etwa vom „Rat" der alten Generation, sondern von ihrem „Regiment", also von „Herr- schaft", die Rede ist. Doch, was bedeutet „Regiment" im litauischen Kontext? Worüber treffen in Preußisch-Litauen die Eltern Entscheidungen, die ihre erwachsenen Kinder tangieren? Allem Anschein nach spielt die Frage des Erbrechtes, die sonst so zentral für bäuerliche Gesellschaften ist, hier keine Rolle. Vater und Söhne wirtschaften gemein- schaftlich oder teilen sich ab. Die wirtschaftliche Selbständigkeit steht in keiner Bezie- hung zur Ehefähigkeit, -wie dies für eine Reihe von deutschen Agrarverfassungen der Fall ist: somit entfällt ein wichtiger Grund für Konflikte zwischen Vater und Söhnen. Dem entspricht auf der anderen Seite, daß die Frau des Sohnes von der „alten Mutter" zwar für häusliche Arbeiten in Anspruch genommen wurde, Sohn und Schwiegertochter aber auch eine gewisse Selbständigkeit besaßen, da sie ein eigenes kleines Haus innerhalb des litauischen VieUiausgehöftes bewohnten. Hieraus kann gefolgert werden, daß es inner- halb des Familienverbandes nicht nur die Generationenbezüge gab, sondern auch beson- dere Bindungen der erwachsenen Kinder untereinander und von Mann und Frau als Ehe- paar. Der Vater scheint allerdings Einfluß auf die Ehestiftung seiner Kinder genommen zu haben: Hennenberger spricht davon, daß der Vater seinen Söhnen Frauen „gibt"; in einem Brücheregister für das Amt Insterburg wird gar von einem Vater berichtet, der sei- nern zwölfjährigen Sohn eine Frau „gefreit" habe. Aus anderen Quellen ist bekannt, daß der Vater den ziikünftigen Schwiegersohn bereits vor der Ehe in den Familienwirtschafts- verband als „Bender" (= Mitwirtschafter) aufnahm. 'Wirtschaftliche Gesichtspunkte haben demnach durchaus eine Rolle innerhalb des litauischen Familienverbandes ge- spielt, jedoch offensichtlich die elterliche Gewalt und .Herrschaft' nicht einseitig gestei- ge". Die Stellung der verheirateten Frau wird in Hennenbergers Bericht schlagllchtartig be- leuchtet; viele wissenswerte Einzelheiten über Kindheit, Jugend, Erziehung, Entschei- dungsspielräume, Stellung der kinderlosen Frau und der Witwe fehlen. Dennoch ist es möglich, eine Vorstellung von der Stellung und Rolle der litauischen Frau zu gewinnen, und zwar durch das ,Modell' der litauischen Familienwirtschaft. Das Spannungsfeld der bäuerlichen Gesellschaft in Preußisch-Litauen weicht von dem vertrauten Muster .klassischer' bäuerlicher Konfliktsituationen ab. Als grundlegend für diese Unterschiede muß wohl das Verhältnis zur Nutzung von Grund und Boden sowie zur Arbeit angesehen werden. Die seit dem 15. Jahrhundert einwandernden Litauer hat- ten zwar ihr Land in der Regel vom Deutschen Orden und später von den preußischen Herzögen gekauft, meist durch eine bestimmte Anzahl Ochsen, doch erlaubte das zu- nächst reichlich vorhandene Land im Zusammenhang mit der vorherrschend pastoralen Nutzung eine extensive Wirtschaftsweise. Die litauischen Familienverbände scheinen vielfach den arbeitsintensiveren Ackerbau nur in dem Maß betrieben zu haben, wie er zur 36 Deckung des unmittelbaren Bedarfes erforderlich war. Die herrschaftlichen Abgaben, die zum Teil als Namralabgaben zu leisten -waren, konnten sie daher oft nicht erbringen. Weder beständiger herrschaftlicher Druck noch der Anreiz, eigene gehobene Ansprüche befriedigen zu können, bewegte sie zu mehr Arbeit. Die Herrschaft konnte dieses Ver- halten zunächst hinnehmen, da eine wesentliche Einnahme für sie in der Lieferung von Pelzen (Marderfelle) bestand und die Litauer ihre Geldrente über Kredite in den nach deutschem Vorbild gegründeten Städten aufbrachten. So gerieten die Litauer zwar in Ab- hängigkeit von der Stadt, aber es kam nicht zu intensiven Austauschbeziehungen über den städtischen Markt. Sie waren in die Grundherrschaft einbezogen, aber ohne den herrschaftlichen Beamten Eingriffe in ihre Wirtschaftsweise zu gestatten. Sie negierten Ansprüche der Herrschaft und die Attraktion des Marktes, sie nahmen die stark asym- metrischen Herrschafts- und Marktbeziehungen in Kauf, um ihren eigenen Lebens- und Wirtschaftsstil beibehalten zu können, in dem diese asymmetrischen Beziehungen weit- gehend fehlten. Zwar gab es litauische Bojaren, d. h. auch die litauische ländliche Gesell- schaft war geschichtet, doch ist nicht ersichtlich, ob sie Herrschaftsrechte über die Bau- ern besaßen. Die Brücheregister enthalten einen Eintrag, aus dem hervorgeht, daß die Bojaren zusammen mit einem Schulzen widerrechtlich Gericht gehalten haben. Es bleibt zu klären, ob das Gerichthalten der Bojaren litauischem Recht entspricht, oder ob es erst durch das deutsche Vorbild hervorgemfen wurde. Die Bedürfnisstruktur der litauischen bäuerlichen Gesellschaft, die im Verhältnis zu Grund und Boden, in der Verneinung von Herrschaft und in der Ablehnung der Stadt als Markt ziim Ausdruck kommt, kann weiter in der wirtschaftlichen und sozialen Organi- sation des Familienverbandes verfolgt werden. Die -wenig intensive Nutzung von Grund und Boden ging einher mit einer begrenzten Nutzung der eigenen und der fremden Ar- beitskraft. Die Erweiterung und die Garantie des Fortbestandes einer bäuerlichen Wirt- schaft erfolgten bevorzugt durch die Aufnahme von Mitwirtschaftem (Bender), die am Ertrag ihrer Arbeit beteiligt waren, weniger durch die Annahme von Gesinde, das sich mit einem mehr oder weniger guten Lohn begnügen mußte. Die Verteilung des envirt- schafteten Enrages ist wohl nicht in gleichem Maße „gerecht" vorzustellen, wie es für die Verteüung des Essens bei Hennenberger beschrieben wird, doch scheint das Prinzip der Verteilung gegenüber dem Prinzip der individuell bevorrechtigten ,Aneignung' und Akkumulation maßgebender gewesen zu sein. Überhaupt fand Akkumulation von Gü- tern und Wertgegenständen wohl nur in ganz begrenztem Maße statt: dies kommt z. B. in dem von Hennenberger beschriebenen sorglosen Verhalten gegenüber der Lagerung des Getreides ziim Ausdruck und in der Sitte, daß die Braut Geschenke an die Hoch- zeitsgäste austeilt, anstatt selbst Geschenke entgegenzunehmen. Auch im Verhältnis von Mann und Frau läßt sich m. E. der ,nicht-aneignende' Grund- zug un sozialen und wirtschaftlichen Leben der Litauer erkennen. Die von Hennenber- ger dargestellte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau war offenbar nicht mit einer un- terschiedlichen Bewertung von .schwerer Männerarbeit' und .leichter Frauenarbeit' ver- Bünden. Hier mag ebenfalls eine Erklärung darin zu suchen sein, daß die Bewertung der Arbeit primär oder gar ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Familienw^irtschaft geschah, noch kaum unter den Einwirkungen von intensiven Marktbeziehungen, die be- stimmte Produkte und Dienstleistungen höher als andere bewertete, was auf die Stellung 37 der jeweiligen Produzenten zurückwirkte. G. Wiegelmann hat den Zusammenhang von bäuerlicher Arbeitsteilung und Markt für Mitteleuropa herausgearbeitet und u. a. fest- stellen können, daß es keine .natürliche' Arbeitsteilung von „leichter Frauenarbeit" und ,, schwerer Männerarbeit" gab, sondern daß i. a. die Männer mehr und mehr solche Ar- heiten übernahmen und monopolisierten, die auf dem Produkten- wie auf dem Arbeits- markt am höchsten bewertet wurden. Wie die Berichte über die Trinkgelage und die religiösen Sitten der Litauer zeigen, aah- men Frauen wie Männer in gleicher Weise am geselligen Leben teil. Den Kirchenvisitato- ren war das Verhältnis der Geschlechter zueinander anscheinend zu ungezwungen. Sie versuchten, z. B. in die Heiratsgewohnheiten einzugreifen, indem sie das Heiratsalter auf 20 Jahre festlegten, um litauischen Ehen mehr Beständigkeit zu geben. Wieweit diesen kirchlichen Bestrebungen Erfolg beschieden war, ist zweifelhaft, da die Litauer noch an vielen .heidnischen' Vorstellungen festhielten und zudem nähere Beziehungen zum Katholizismus als zum Luthertum hatten. Rechtlich stand die Frau unter dem Schutz des Mannes, der z. B. bei Delikten der Frau die Bußen an die Herrschaft zu zahlen hatte, doch ist dies zunächst nur für die Außenbe- ziehung zur Herrschaft nachzuweisen. Mag die litauische Frau für die deutschen Beam- ten nur Rechtsobjekt, nicht Rechtssubjekt gewesen sein, in ihrer Familie z. B. galten an- dere Maßstäbe. So war es die „alte Mutter", die das Vermögen der Söhne verwaltete, nicht erwa die erwachsenen Söhne selbst. Allerdings darf bei dieser Argumentation, die sich am Begriff der ,Aneignung' orien- tiert, nicht die Prägung des wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens durch die litauische Vorstellung vom ,guten Leben' übersehen werden. Dieses ,gute Leben' war ,einfach' im Hinblick auf den Alltag (Essen, Wohnen, Kleidung), ,üppig' im Hinblick auf die zahlrei- chen Feste; es orientierte sich nicht an Zukunftsfürsorge, wohl aber an dem Interesse eines möglichst herrschaftsfreien Lebensraumes. Bei der Auswertung von Hennenbergers Bericht muß man im Auge behalten, daß er einem modernen Ethnographen vergleichbar ist. Er betrachtet die litauischen Bewohner des Herzogtums Preußen als Exoten und stellt daher die Abweichungen von ihm geläufi- gen Verhältnissen besonders heraus. Diese typischen Mängel ethnographischer Beobach- tung dürfen nicht vergessen werden, wenn Hennenberger die litauische bäuerliche Ge- Seilschaft - orientiert an den klassischen bäuerlichen Konflikten der gleichzeitigen deut- sehen bäuerlichen Gesellschaft im Herzogtum Preußen - als reines Gegenbild darstellt. Als Außenseiter ist er nicht m der Lage, die innerlitauischen Konfliktfelder zu erkennen. Vor einer allzu großen Idealisierung der litauischen Verhältnisse warnt ein Blick in die herrschaftlichen Brücheregister, die beweisen, daß es innerhalb des litauischen Familiea- verbandes durchaus Konflikte gab, die gewalttätig ausgetragen wurden: so wenn die Frau die Schwiegermutter schlägt. Welche Konflikte Gewalt auslösten, wird nicht ersichtlich. Es bleibt daher offen, ob es sich um individuelles Verhalten handelte, oder ob diese Ge- waltanwendung strukturell bedingt war. In den herrschaftlichen Brücheregistern sind nur solche Fälle erwähnt, die ,ruchbar' geworden waren. Welche Konflikte innerhalb des Famillenverbandes, ohne Eingreifen der Herrschaft ausgerragen wurden, ist noch nicht untersucht worden. Ungeklärt ist ebenfalls, welche Veränderungen möglicherweise 38 I 1 durch den Laagzeiteinfluß der deutschen Herrschaft in den ursprünglichen litauischen Rechtsvorstellungen eingetreten sind. Das Beispiel der bäuerlichen Gesellschaft Preußisch-Litauens im 16./17. Jahrhundert mag noch so modellhaft sein, es hat doch deutlich gemacht, daß es zu einfach ist, die „Geschichte der Frau" als einen Weg aus der Unfreiheit, aus der Unterdrückung und Ausbeutung durch den Mann zur Freiheit und Selbstbestimmung darzustellen. Auch der Begriff der ,patriarchalischen Gesellschaft' erweist sich als wenig hilfreich zur Bestim- mung der Stellung der Frau, da immer erst zu untersuchen ist, wie es mit der formalen Bevorrechtigung des Mannes tatsächlich bestellt ist. Das litauische Beispiel hat auch gezeigt, daß die Komplexität der Gesellschaft, die Art der Herrschafts- und Marktbezie- hungen systematisch und in ihrem Zusammenhang untersucht werden müssen, um die Stellung und die Rolle der Frau bestimmen zu können. Weiter ist es erforderlich, die Denkklischees über „die" Frau aufzubrechen und im einzelnen die sich aus dem jeweili- gen gesellschaftlichen Leben ergebenden Differenzierungen zu analysieren, was für das litauische Beispiel nur ansatzweise für die verheiratete Frau möglich war. Dabei sind ias- besondere zu unterscheiden der Lebenszyklus (Kindheit, Jugend, Erwachsene, Alter), Familienzyklus (verheiratet, unverheiratet, verwitwet, wiederverheiratet), die Rolle von Lebenszyklus und Familienzyklus m verschiedenen sozialen Schichten, bei Armen und Reichen, in verschiedenen Formen der Familienorganisation und Arbeitsorgamsation (selbständige und abhängige Arbeit) sowie die formale Rechtsstellung und tatsächliche soziale Stellung. Literaturhiniueise 0. Barkowski: Die Besiedlung des Hauptamtes Insterburg unter Herzog Albrecht und Markgraf Georg Friedrich von Ansbach 1525 bis 1603, in: Prussia 28 (1928), S. 159-243 und Prussia 30 (1933), S. 1-131. W. Come: Agrarverfassung und Bevölkerung in Litauen und Weißrußland, T. l Die Hufenverfas- sung im ehemaligen Großfürstentum Litauen, Leipzig 1940. G. Froelich: Historische und kulturhistorische Nachrichten aus den Rechnungen des Hauptamts In- sterburg in d. J. 1555 u. 56, in: Zs. d. Alt.-Ges. Insterburg. 18. 1925. S. 5-31. A. Horn: Das Hauptamt Insterburg, m: Zs. d. Altertumsges. Insterburg l (1888), S. 38-125. ]. Jurginis: Die litauische Dorfgemeinschaft im 16. Jahrhundert, in: Die Bauerngesellschaft im Ost- seeraum und im Norden um 1600, Uppsala 1966, S. 163-170. A. H. Litcanus: Preußens uralter u. heutiger Zustand 1748, Loetzen 1901. G. u. H. Mortensen: Die Besiedlung des nordöstlichen Ostpreußen bis zum Beginn des 17. Jahr- Hunderts, 2 Tie, Leipzig 1937-1938. H. 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'Wunder: Ländliche Gemeindebildungen im Ordensstaat, Herzogtum und Königreich Preußen, in: Recueils de la Societe Jean Bodin, Bd. 44 (im Druck). Fritz Seydel als Gutsbesitzer, Landtagsabgeordneter, Mitglied des Staatsrats und Hauptvorsteher des Landwirtschaftlichen Zentralvereins Insterburg Von Hansheinrich Trunz Die Vorfahren der Familie Seydel - seit Jahrhunderten in Altpreußen ansässig - waren Müller und später Rittergutsbesitzer1. Friedrich Wilhelm (1775-1872), der Großvater von Fritz, verließ die Provinz und wurde in Minden ein bedeutender Unternehmer und Landwin. Er kam nicht mehr in seine Heimat zurück, legte aber einen Teil seines Ver- mögens in dem Gut Lehnarten Kr. Treuburg, an, das er 1819 kaufte. Se'mSobn Johann Gottfried Friedrich (1801-1859), der Älteste von neun Kindern, stu- diene in Königsberg drei Semester und wollte Staatswissenschaftler werden, gab den Plan aber auf, als ihm 1821 sein Vater die Bewinschaftung von Lehnarten (ca. 700 ha) über- trug. 1828 kaufte er noch das Rittergut Chelchen (Kelchen) Kr. Treuburg. Bis zum Ver- kauf von Lehnarten im Jahre 1840 besaß er also zwei Güter. Lehnarten lag 7 km nördlich, Chelchen 14 km westlich von Treuburg. Das erschwerte die Bewirtschaftung, doch Friedrich schaffte es und fand sogar noch Zeit für öffentliche Arbeit. Er schrieb Aufsätze für die „Georgine" - damals noch Organ des Landwirtschaftlichen Zentralvereins Inster- bürg -, war viele Jahre in der Kreisverwaltung Oletzko (Treuburg) tätig, wurde erster Kreisdeputiener und verwaltete längere Zeit das Landratsamt. 1849 gehörte er sogar zu den 240 ostpreußischea Persönlichkeiten, die die acht Mitglieder in die erste Kammer des Preußischen Landtags (von 1855 ab „Herrenhaus" genannt) wählten2. Friedrich Seydel 1 Seydel, Friedrich: Unsere Familie. Gesammeltes und Erlebtes. Als Manuskript gedruckt. Halle: Gebauer-Schwetschke (1907). S. 7 f. - Rose, Hermann: Friedrich Wilhelm Seydel von Rodenbeck und seine Nachfahren. Eine Sippen- und Ahnentafel. Göttingen 1939. S. 8 f. - Kopp, Jenny: Beiträge zur Chronik des ostpreußischen Grundbesitzes. T. l: Reg. Bez. Gum- binnen. Königsberg: Härtung 1913. S. 52-53 Chelchen Kr. Oletzko. 2 Rosenberg, Bernhard-Maria; Die ostpreußische Vertretung im Preußischen Landtag 1842-1862. Köln u. Berlin: Grote 1979. S. 119. 40 i,' I ^ war aber nicht nur beruflich tüchtig, er hatte auch sonstige vortreffliche Eigenschaften. So wird z. B. von ihm erzählt, er habe, als in Ostpreußen die Cholera herrschte, uner- müdlich für die Kranken, besonders seine gutseigenen Leute gesorgt und diese ohne Furcht vor Ansteckung in ihren Wohnungen besucht, um ihnen Heil- und Stärkungsmit- tel zu bringen. Er -war überzeugt, daß Apfelbrei das beste Stärkungsmittel gegen Cholera sei, und er soll in der Tat auch vielen damit geholfen haben. Verheiratet war Friedrich Seydel mit Auguste Alexandrine v. Streng, der Tochter des Gutsnachbam Carl Friedrich v. Streng-Rogonnen3. Fritz Seydel Friedrich Wilhekn Philipp Seydel (Rufname Fritz) wurde am 23. September 1836 auf dem Gut seiner Eltern in Chelchen geboren. Er verlebte dort eine unbeschwerte Jugend, studiene nach dem Abitur Rechtswissenschaft in Bonn, Heidelberg, Königsberg, zuletzt in Berlin und wurde Referendar beim Amtsgericht in Gumbinnen. Vorübergehend war er auch in Lyck. Als sein Vater am 29. April 1859 plötzlich starb, gab er die juristische Laufbahn auf und übernahm das väterliche Gut Chelchen. Dieses war einschließlich 300 ha Wald sowie 80 ha See rund 1.100 ha groß und hatte bei einer Höhenlage von 160 m eine jährliche Nie- derschlagsmenge von 630 mm, d. h. sie lag 22 mm über dem ostpreußischen Durch- schnitt. Das Gelände, eine Moränenlandschaft, war leicht hügelig, der Boden - wie fast im ganzen Kreis - lehmig. Nur dort, wo der Wald stand, war er sandig, hatte aber einen undurchlässigen Untergrund. Im Herbst des Jahres 1859 heiratete Fritz seine Cousine Luise Pitsch, die Tochter des Preußischen Capitains im Ingenieur-Corps und seiner Ehefrau Louise Charlotte geb. Seydel. Er hatte sie in seiner Bonner Studentenzeit kennengelernt. Der Anfang für das junge Paar war schwer, da finanzielle Rücklagen nicht vorhanden waren und auf die guten fünfziger Jahre schlechte Ernten mit niedrigen Preisen folgten, die zu einem allgemeinen Notstand führten. Da half nur äußerste Sparsamkeit, auch im häuslichen Bereich. Erst nachdem die Provinz durch Straßen- und später durch den El- senbahnbau erschlossen wurde, trat eine Besserung ein und konnte die Familie sorgenfrei leben. In dieser Zeit kaufte Fritz das 30 km entfernt liegende Gut Steinbach Kr. Anger- bürg (ca 300 ha), dessen Verwaltung er seinem Sohn Friedrich (geb. Chelchen 7. 12. 1863, gest. Lätzen 5. l. 1933) übertmg, außerdem das Gut Kmglanken Kr. Angerburg, von dem er sofort einen Teil an den Forstfiskus weiterverkaufte. Damals wurde in Chel- chen noch das einfarbige Montafoaer Gebirgsvieh gezüchtet. Erst um 1908 ging auch er zur Zucht von Holländer-Vieh über. Eine sehr treffende Biographie von Fritz Seydel, wie sie heute wegen der darin enthal- tenen Einzelheiten nicht mehr erstellt werden könnte, schrieb 1906 sein Vetter, der Präsi- dent der Eisenbahndirektion in Halle a. d. Saale, Friedrich Seydel. Sie soll, da die Schrift in öffendichen Bibliotheken der Bundesrepublik nicht nachgewiesen werden kann, hier nochmals zum Abdruck kommen4: 3 Gothaisches Genealogisches Taschenbuch. Briefadel. 1925. S. 861. 4 Seydel: Unsere Familie, S. 72 f. 4l Fritz hatte von Anfang an ein ganz besonderes Interesse für die öffentlichen Angelegen- heiten, denen er während seines ganzen Lebens viel Zeit und Mühe widmete. Ihm wurde sehr bald allseitig großes Vertrauen entgegengebracht, und man wählte ihn na.ch und nach in Zdhlreiche Vertretungen und Körperschaften. So gehörte er schon früh der Kreis- Vertretung an, dann wurde er in den Provinziallandtag sowie in die evangelische Provin- •z.ial- und die Generalsynode entsandt. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde er zum Abgeordneten für den Landtag der Monarchie gewählt; er trat damals der freisinni- gen Partei bei, von der er sich aber später trennte, weil er sich in seiner Auffassung und Beurteilung der Dinge nicht durch einseitige Parteidoktrinen beschränken lassen wollte. Fritz gehörte dem Abgeordnetenhaus von der XI. bis zur XIV. Legislaturperiode (1875—1880) an. Seine Wahlbezirke waren zunächst die Kreise Stallupönen (Ebenrode), Goldap und Darkehmea (Angerapp), dann Oletzko (Treuburg), Lyck und Johannis- bürg. Er wurde mit folgender Stimmenzahl gewählt: 1875 mit 313 von 418 und 1877 mit 354 von 408 Stimmen, erfreute sich also einer gewissen Beliebtheit5. Friedrich Seydel fährt dann fort: Seine umfassende Kenntnis alles dessen, was in seinen Beruf einschlug und vielfach auch darüber hinaus lag, sein ruhiges und klares Urteil, sein sachgemäßes Auftreten bei den Verhandlungen und ein unverkennbares diplomatisches Geschick sicherten ihm überall einen maßgebenden Einfluß und zumeist aitch den Erfolg. Ein besonderes Interesse wandte Fritz der Branntweinsteuer-Gesetzgebung zu, die für seine in großem Umfange auf den Kartoffelbau angewiesene Heimatprovinz von großer Bedeutung ist und für sie geradezu eine Lebensfrage bildet. Im Jahre 1882 hatte er zusammen mit zwei anderen Besitzern in Chelchen eine gemeinschaftliche Brennerei ein- gerichtet. Als diese fünf Jahre betrieben war, kam das Branntweinsteuergesetz vom 24. Juni 1887, von welchem, namentlich seitens der linksstehenden Parteimänner, allge- mein behauptet wurde, daß damit den Brennereibesitzern und also der Landwirtschaft eine ,,Liebesgabe" von jährlich 40 Millionen Mark auf Kosten des Staates zugewendet worden sei. Das wurde damals auch meist geglaubt und bildete längere Zeit ein beliebtes politisches Schlagwort. Die Chelcher Brenner erkannten indessen bald, daß es mit jenem ,,Geschenk" denn doch eigene Bewandtnis habe. Fritz unterzog die Angelegenheit auf Grund der sorgfältig geführten Bücher einer näheren Prüfung und kam darauf zu dem Ergebnis, daß die ganze Geschichte von der ,,Liebesgabe" jeder tatsächlichen Begrün- dung entbehre. Seine Studien veröffentlichte er zuerst in der ,,Königsberger Allgemeinen Zeitung", nachher gab er sie in einer besonderen kleinen Schrift: ,,Die volkswirtschafr- liche Bedeutung des Brennereibetriebes mit besonderer Berücksichtigung ostpreußischer Verhältnisse" heraus6. Die darin angeführten unbestreitbar richtigen Angaben machten großes Aufsehen und gaben der ^Liebesgabe" einen kräftigen Stoß. Seit dieser Zeit wurde Fritz zu allen Beratungen bezüglich der Branntweinsteuer-Gesetzgebung im Reichs- schatzamte usw. zugezogen. Als im Jahre 1894 der Staatsrat nach Berlin berufen wurde, 5 Lauter, Franz: Nachtrag zu Preußens Volksvertretung. Alphabetisches Namenregister. Berlin; W. Moser 1882. S. 98. 6 Die Schrift ist weder in der Staatsbibliothek in Berlin noch in westdeutschen Bibliotheken vor- banden, läßt sich auch bibliographisch nicht nachweisen. 42 e '.ti i, sl um über eine Reihe wichtiger Fragen - Antrag des Grafen Kanitz betr. Getreideeinfuhr7, Eisenbahntarife, Währungs fragen, Brannt-wein- und Zuckerbesteuerung usw. - zu bera- ten, wurde Fritz sowohl vom Finanzminister als auch vom. Minister für Landuiirtschaft zur Einberuf ung als Mitglied des Staatsrats vorgeschlagen und darauf zum Referenten für die Branntweinsteuer-Gesetzgebung bestellt. Fritz hat mir später hierüber selbst geschrie- ben: „Mit meinem Referate hatte ich kolossales Glück, von allen Seiten wurde ich wegen desselben beglückwünscht, und der Kaiser soll gesagt haben: ,,Ich hätte nie geglaubt, daß ich dies Gesetz verstehen würde, aber jetzt habe ich es verstanden". Die Mehrzahl der dort behandelten Fragen war nicht neu, und ich beteiligte mich an den Debatten ziemlich viel und mit aller Unbefangenheit. Die Sitzungen dauerten etwa acht Tage, und der Kai- ser bevorzugte mich in einer Weise, die mir mitunter peinlich war." Als der Kaiser im Herbst 1894 auf seinem ostpreußischen Jagdschloß Rominten dem Waidwerk oblag, er- hielt Fritz eine Einladung dorthin. Dies geschah in der Folgezeit noch sehr oft. Dort bot sich ihm auch Gelegenheit, dem Kaiser über den Plan eines Kanals, der die masurischen Seen mit dem Meer verbinden sollte, und für den Fritz immer sehr energisch eingetreten war, 'Vertrag za halten. Er war in Rominten wiederholt der einzige Gast des Kaisers und hatte somit Gelegenheit, ganz zwanglos allerlei interessante Aussprache unter vier Augen ZK halten. Ein Mann wie er, der überall den öffentlichen Angelegenheiten diente, ohne für sich selbst etwas anderes zu wollen, als ein freier und unabhängiger Mann zu sein und z« bleiben, mußte den Kaiser Wilhelm II. offenbar interessieren. In einer Fußnote fügt der Biograph noch hinzu: „Wie mir Fritz 1904 erzählte, hat er dem Kaiser selbst einmal gesagt, daß er nichts haben wolle und nichts werden wolle". „Ein merkwürdiger Mann, der Seydel", soll der Kaiser nachher geäußert haben, „will garnichts haben". Kaiser Wilhelm II. behielt ihn denn auch m Erinnerung. In seinem Buch „Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918"* schreibt er auf Seite 25: „Mit einem älteren liberalen Abgeordneten, den ich durch Herrn v. Miquel8 kennenlernte, habe ich beson- ders während der zweiten Hälfte meiner Regierungszeit nahe Beziehungen gepflogen, es war Herr Seydel (Chelchen), Besitzer eines Landgutes im Osten; ein Kopf, dem ein paar kluge Augen aus dem glattrasierten Gesicht schauten. Er war Mitarbeiter Miquels in Eisenbahn- und Kanalfragen; ein grundgescheiter, einfacher, praktischer Mann, Libera- ler mit konservativem Einschlag". In der Biographie fährt Vetter Seydel dann fort: Mit der Branntweinsteuerfrage beschäftigte sich Fritz noch weiter sehr eingehend. Er forderte wiederholt eine teilweise Änderung des Gesetzes, deren Notwendigkeit er in verschiedenen Aufsätzen zu begrün- den verstand. Aber erst nach elfjähriger Arbeit wurde das Ziel erreicht, durch Reichs- gesetz vom 7. Juli 1902 wurde das bisherige, bereits unter dem 16. Jnni 1895 teilweise modifizierte Gesetz vom 24. Juni 1887 endlich so, wie er es für nötig hielt, abgeändert. 7 H. W. A. Graf v. Kanitz siehe Altpr. Biographie Bd. l. 8 Dr. h. c. Johannes Miquel, Oberbürgermeister von Frankfurt/M., zweiter Vizepräsident des Herrenhauses, preußischer Finanzminister u. Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums. ';- Leipzig u. Berlin: Köhler 1922 43 Fritz Seydel war somit ein in weitesten Kreisen bekannter Mann geworden. Bei den Zentralstellen des Reichs und des Staates stand er in hohem Ansehen; man sagte dort, daß er, wenn er nur wolle, jederzeit Minister werden könne. Seine vielseitigen Verdienste wurden vom Kaiser 1903 durch die Verleihung des Kronenordens 2, Klasse anerkannt und gewürdigt9. Nicht minder erfolgreich wirkte Seydel in der Provinz. Über den Landwirtschaftlichen Verein Oletzko (Treuburg), in den er bei der Übernahme des Gutes Chelchen im Jahre 1859 eintrat, kam er in den Landwirtschaftlichen Zentralverein in Insterburg und beklei- dete dort - nachdem er sich aus seiner politischen Laufbahn zuriickgezogen hatte - von. 1891 ab das höchste Amt, das des Hauptvorstehers, bis ihn 1903 August v. Saucken-Tar- putschen ablöste10. Seine Amtszeit waren Jahre stürmischer Entwicklung. Die Verkehrswege waren ausge- baut11, das Blickfeld weitete sich und die Notlage der Landwirtschaft, hervorgerufen durch die ihr wenig zuträgliche Wirtschaftspolitik, hatte zu Neuerungen nicht nur in der Vieh- und Pferdezucht, sondern auf allen Gebieten geführt12. 1887 begannen die Ausstel- lungen der von Max Eyth gegründeten Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), die die Agrartechnik vorantrieb - Seydel war einer der ersten Mitglieder - und 1894 wurde durch Gesetz die Landwirtschaftskammer geschaffen, der er gleichfalls angehörte. Weiter gehörte er dem Landesökonomiekoüegium13 an und wirkte viele Jahre im Bezirkseisenbahnrat14 sowie im Verwaltungsrat der Bank der Ostpreußischen Land- schaft. Auch sonst wurde bei vielen Gelegenheiten auf sein sachverständiges Gutachten zurückgegriffen. Bei der raschen Entwicklung der Landwirtschaft in jenen Jahren griff Seydel überall fördernd ein. Dabei sah er es als vordringlich an, die vielen neuen Erkenntnisse und Bestrebungen zu koordinieren und in die richtigen Bahnen zu leiten; eine Aufgabe, die ihn voll in Anspruch nahm. Einen Höhepunkt in seiner Amtszeit als Hauptvorsteher brachte im Jahre 1896 das 75jährige Jubiläum des Landwinschaftlichen Zentralvereins Insterburg. Zehn Jahre später, am 23. September 1906, feierte Fritz unter lebhafter Anteilnahme welter Kreise seinen 70. Geburtstag, leider ohne seine Gattin, die zeit ihres Lebens krän- 9 Der Orden wurde in vier Klassen verliehen. 10 Damit hatte der Zentralverein vier Hauprvorsteher mit Namen v. Saucken, dazu F. Seydel und ab 1919 dessen Schwiegersohn Ernst Papendieck. 11 1860 war die Ostbahn, 1866-68 die Südbahn fertiggestellt und damit Masuren dem Verkehr erschlossen. 12 1882 wurde die „Herdbuch Gesellschaft zur Verbesserung des in Ostpreußen gezüchteten Hol- länder-Rindviehs" gegründet. - Trunz, Hansheinrich: Pferde im Lande des Bernsteins, 2. Aufl. Berlin u. Hamburg: Parey 1979. S. 96 f. 13 Im Ministerium für Landw., Domänen und Forsten füngierten als Beirat in landw. Angelegen- heiten für Preußen das Landesökonomiekollegium, in anderen Ländern der deutsche Landwirt- schaftsrat. 14 Die Eisenbahnräte (Landes- und Bezirkseisenbahnräte) wurden in Preußen 1878 durch Gesetz geschaffen. Sie setzten sich aus Vertretern von Handel, Gewerbe sowie Land- und Forsrwirt- schaft zusammen. 44 1 kelte und schon am l. 10. 1886 starb. Sie soll eine zart veranlagte und bildschöne Frau gewesen sem. Fritz folgte ihr am 31. 7. 1916. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Klara, geb. 1860, heiratete den Gutsbesitzer Ernst Papendieck-Elisenhöhe, Betty, geb. 1862, heiratete den Landwirt Richard Nagel, und Friedrich, unverheiratet, übernahm, wie schon erwähnt, das Gut Steinbach. Noch einmal wurde dieses Mannes in der Öffentlichkeit gedacht, als der Landwirt- schaftliche Verein Treuburg 1921 sein hundertjähriges Bestehen hatte. Die Feier fand im Chelcher Wald an einem fast drei Meter hohen Granit-Findling statt, in den zuvor die Inschrift eingemeißelt war: „Zum Andenken an Friedrich Seydel. 1836-1916". Die Festansprache hielt dort sein Schwiegersohn Ernst Papendieck, der damalige und letzte Hauptvorsteher des Landwirtschaftlichen Zeatralvereins Insterburg. Ergänzend mag noch hinzugefügt werden: Fritz hatte einen jüngeren Bruder Karl, o. Professor für Gerichtliche Medizin an der Universität Königsberg und Medizinalrat15. Er war nicht nur ein angesehener Mediziner, sondern auch ein tüchtiger Gutsbesitzer. Ein Onkel von Fritz und Karl, Carl Theodor Seydel, war 1848 Mitglied der Preußischen Nationalversammlung und von 1863-1872 Oberbürgermeister von Berlin. 15 Altpreußische Biographie Bd. 2. - Rose: Friedrich Wilh. Seydel, S. 33. Erhard Riemann (3. 4. 1907 - 21. 3. 1984) Am 21. März 1984 ist Prof. Dr. Erhard Riemann im 77. Lebensjahr in Kiel verstorben. Bis zuletzt hat er am preußischen Wörterbuch' mitgearbeitet, dessen Leitung er noch bis zum 29. Februar innehatte. Damit ging ein arbeitsreiches Leben zu Ende, dessen wissen- schaftliches Bestreben ganz der Volkskunde und Dialektologie Ost- und Westpreußens gewidmet war. Eine ausführliche Würdigung der Persönlichkeit und wissenschaftlichen Tätigkeit des Verstorbenen habe ich im Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde' Bd. 20, 1977, S. 346-371, vorgelegt. Erhard Riemann wurde am 3. 4. 1907 in Kraußen Kr. Königsberg (Ostpreußen) gebo- ren. 1926 machte er am traditionsreichen Stadtgymnasium Altstadt-Kneiphof in Königs- berg das Abitur. Er begann mit dem Philologiestudium und belegte Germanistik, Angli- stik, Votkskunde und Vorgeschichte, wobei er in den ersten Semestern in Freiburg, München und Wien studierte. Es waren jedoch vor allem zwei Männer, zu denen Rie- mann auch später stets ein dankbares und anerkennendes Verhältnis aufrecht hielt und die seinem Interesse Ziel und Richtung gaben: Prof. Walther Ziesemer und der damalige Privatdozent an der Königsberger Albertina Walther Mitzka. Bei Ziesemer schrieb er 1935 seine umfangreiche Dissertation im Rahmen der geographischen Volkskunde, und schon 1938 konnte er sich in Königsberg habilitieren. Nach zweijähriger Museumstädg- 45 keit (1937—1939) wurde er Dozent für Volkskunde an der Hochschule für Lehrerbildung in Elbing. Nach dem Krieg konnte er zunächst als Studienrat (Oldenburg und Kiel) unterkom- men. 1953 wurde ihm allerdings der wissenschaftliche Auftrag übertragen, das Projekt eines neuen Preußischen Wörterbuches der Mundarten Ost- und Westpreußens durch- zuführen. Die Materialien des alten Preußischen Wörterbuches waren im Zweiten Welt- krieg vernichtet worden. 1962 konnte er ganz aus dem Schuldienst ausscheiden, 1963 wurde er von der Universität Kiel zum api. Professor und 1970 zum Professor ernannt. Erhard Riemann galt als einer der besten Kenner auf dem Gebiet der Volkskunde und Dialektologie Ost- und Westpreußens. Über 150 Publikationen hat er zu diesem Bereich veröffendicht. Seine Hauptarbeit galt dem neuen Preußischen Wörterbuch, von dem heute 14 Lieferungen vorliegen. Es fehlt hier der Raum, die wissenschaftliche Arbeit Riemanns im einzelnen zu würdi- gen. Besonders sei aber auf seine hervorragenden organisatorischen Leistungen für die Wissenschaft hingewiesen. Er war langjähriger Leiter der Kommission für ostdeutsche Volkskunde. In dieser Funktion gab er das Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde' und auch die ,Schriftenreihe der Kommission für ostdeutsche Volkskunde' heraus. Weiterhin war er m vielen ändern wissenschaftlichen Organisationen ein geschätztes Mitglied. Erhard Riemann hat zu Ende seines arbeitsreichen Lebens zahlreiche Ehrungen ent- gegennehmen können: den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen, das Bundes- verdienstkreuz, den Agnes-Miegel-Preis. Den Georg-Dehio-Preis der Eßlinger Künstler- gilde konnte er am 25. Mai d. J. nicht mehr entgegennehmen. Ulnch Tolksdorf Anmerkungen zu Alfred von Auerswald (1797—1870) Von Harald Kohtz Ein Wiener Antiquariat hat vor kurzem eine in Bonn ausgestellte Bestätigung des bekannten Phi- losophen, Pädagogen und Professors Johann Friedrich Ferdinand Delbrück (1772-1848) für den damals gerade 22jährigen „Studiosus der Kameralwissenschaften" Alfred von Auerswald angebo- ten. Es handelt sich dabei um Alfred Erwin Leonhard von Auerswald, den dritten und jüngsten Sohn des Hans Jakob von Auerswald, der von 1845 bis 1853 Generallandschaftsdirektor der Pro- vinz Preußen und im Revolutionsjahr 1848 für drei Monate preußischer Innenminister gewesen ist1. Alfred von Auerswald wurde am 16. Dezember 1797inMarienwerder (nach anderen am 16. Ok- tober in Königsberg) geboren, verlebte seine Jugend von 1802 bis 1815 in Königsberg und trat gleich nach einem „Universitätsexamen" in Königsberg als Freiwilliger in das 2. westpreußische Drago- ner-Regiment ein, nahm am Feldzug gegen Frankreich teil und bezog nach Kriegsende (Sommer 1815) die Universität Königsberg. Vier Jahre später begann er seine Beamtenlaufbahn bei der Regie- rung in Marienwerder2. 1 Altpreußische Biographie, Bd I (1936 ff.) S. 22. 2 So R. v. Bardeleben in ADB, Bd l (1875) S. 642. - Mit dem „Universitätsexamen" dürfte eine von der Universität auferlegte Aufnahmeprüfung gemeint sein. 46 Augenscheinlich in diesem Zusammenhang hat sich Alfred von Auerswald an seinen früheren akademischen Lehrer Johann Friedrich Ferdinand Delbrück mit der Bitte gewandt, ihm zu bestäti- gen, daß er dessen Vorlesungen an der Universität Königsberg besucht habe. Der aus Magdeburg stammende Johann Friedrich Delbrück, dessen älterer Bruder Erzieher zwei- er Preußen-Prinzen war (des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. sowie dessen Bruder, des späteren Königs Wilhelm I.), hatte nach zwölf Berliner Jahren, in denen er als Gymnasialprofessor wirkte und u. a. mit Nicolai und Schleiermacher näher bekannt geworden war, im Jahre 1809 eine Anstellung als Schulrat bei der ostpreußischen Regierung in Königsberg erhalten und war zugleich zum a. o. Professor der dortigen Universität für „Theorie, Kritik und Literatur der schönen Kün- ste" ernannt worden. Als Mitglied der „Wissenschaftlichen Deputation" wirkte er im Sinne Steins an der Neuordnung des höheren Schulwesens in Ostpreußen. In Königsberg hielt Delbrück neben seinen akademischen Vorlesungen vor einem ausgewählten Kreise in der Wohnung des damaligen Oberpräsidenten von Ostpreußen Hans Jakob von Auerswald auch ästhetische Vortrage. Seit dem Frühjahr 1816 war Delbrück als Regierungs- und Schulrat in Düsseldorf tätig; er hatte Königsberg als Wohnort aus gesundheitlichen Rücksichten aufgeben müssen. 1818 folgte er einer Berufung als Professor für Literatur und Philosophie an die neu gegründete Universität Bonn, wo er als akademi- scher Lehrer eine fruchtbare Tätigkeit entfaltete3. Hier stellte er unter dem 21. Oktober 1819 die oben erwähnte Vorlesungsbescheinigung für Alfred von Auerswald aus, die wie folgt lautete: „Der Studiosus der Kameralwissenschaften Herr Alfred von Auers-wald wünscht von mir ein Zeugniß zu erhalten, daß er auf dortiger Universität im Winterhalbjahr 1815/1816 meine Vortrage über Rhetorik besucht habe. Ungeachtet der Name des Herrn v. Auerswald sich auf dem Verzeich- nisse meiner damaligen akademischen Zuhörer nicht befindet, und mir zwar seiner Teilnahme und dem dabey bewiesenen Fleiße keine untrügliche Erinnerung beywohnt; so trage ich doch kein Be- denken, ihm über beides ein günstiges Zeugniß auszustellen, da ich nach meiner Kenntniß von des- sen Persönlichkeit keinen Grund habe, seine gerechten Ansprüche darauf in Zweifel zu ziehen. Bonn d. 21'October 1819 Delbrück D. Regierungsrath u. Professor" 3 Altpreuß. Biographie, Bd I S.127. Buchbesprechung Hildegard Lauks: Tilsit-Bibliographie. 428 S., Lüneburg 1983 (Staatsbibliothek Preußischer Kultur- besitz. Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung, hrsg. v. Franz Corner, Bd. 2). Die Staatsbibliothek hat eine neue Veröffentlichungsreihe begründet, deren auf Ostdeutschland und Ostmitteleuropa bezüglichen Bände im Verlag des Nordostdeutschen Kulturwerks in Lüne- bürg erscheinen sollen. Nachträglich wurde der „Baltica-Katalog" von 1980, der im wesentlichen die Bestände der Bibliothek Wilhelm Gaigalats verzeichnete, als Bd. l in die Reihe aufgenommen (vgl. Preußenland, Jg. 19. 1981, S. 58-64). Die vorliegende Bibliographie der aus Tilsit gebürtigen Bearbeiterin, die bereits in der Heimat und später in Niedersachsen als Bibliothekarin wirkte, gliedert 2845 Titel und Hinweise in 16 Ab- schnitte: Allgemeines, Ortskunde, Statistik, Siedlung und Bevölkerung, Staat, Wirtschaft, Arbeit und Sozialwesen/Jugend und Sport, Medizinalwesen, Bau- und Wohnungswesen, MUitärwesen, Geistiges und kulturelles Leben, Religionen und Kirchen, Biographien. Großenteils werden diese Abschnitte in zahlreiche Themengebiete (bis zu 15) untergliedert. Ein Verfasser- und Sachtitelregi- 47 ster sowie ein gesondertes Personenregister erleichtern die Benutzung erheblich. Meist werden auch Standortnachweise der bibliographierten Literatur gegeben. Zum größten Teil beruhen die Angaben auf Autopsie der Bearbeiterin. Ein wesentlicher Unterschied zu den meisten „herkömmlichen" Bibliographien (erwa der Werm- kes für Ost- und Westeuropa) besteht darin, daß die Bearbeiterin den Titelnennungen erläuternde Textstellen als Zitat folgen läßt oder den Inhalt der einzelnen Arbeiten durch mehr oder weniger ausführliche Regesten, ja Z.T. durch eigene Kommentare erschließt, in denen auch auf andere Ver- öffentlichungen verwiesen wird. Personen werden oft durch Lebensdaten näher vorgestellt. Fehlten zu einzelnen Sachgebieten eigene Titel, so führt die Bearbeiterin entsprechende Abschnitte aus grö- ßeren Veröffentlichungen an, wie sie auch aus Werken Belegstellen für Tilsit anführt, die gesamt- preußische oder gesamtdeutsche Fragen behandeln. Wir haben es mit einer referierenden und kom- mentierenden Bibliographie im weitesten Sinne zu tun. Die Bearbeiterin hat im Vergleich zu „herkömmlichen" Kompendien dieser Art eine Reihe von Grenzüberschreitungen vorgenommen: Sie kommentiert die Literatur (muß das Meiste also gelesen haben!), sie verzeichnet an einigen Stellen auch Archivmaterial, und sie berücksichtigt mit vielen Hinweisen neben Tilsit auch das umliegende Land. Es zeigt sich darin ihr Bestreben, Tilsit in den geographischen und historisch-politischen Gesamtzusammenhang zu stellen und damit eine Quel- len- und Stoffsammlung eigener Art vorzulegen, die Ausgangspunkt für zahlreiche Einzeldarstel- lungen aber auch eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte der Stadt Tilsit werden kann und die sicherlich helfen wird, an das durch Flucht, Vertreibung, Eingliederung und die Okkupa- tion der Heimat Verlorene wieder anzuknüpfen und es vor dem Vergessen zu bewahren, was gewiß zu den vornehmsten Aufgaben jener Generation gehört, die durch ihr Leben, Lernen und Arbeiten noch fest mit der alten Heimat verbunden ist. Die Tilsit-Bibliographie von Hildegard Lauks ist eine ausgezeichnete Grundlegung für die weite- re Beschäftigung mit dieser Stadt an der Memel. Sie ist sicher das für die allgemeine Forschung wert- vollste Hilfsmittel, das die Tilsiter Heimatforschung nach Krieg und Vertreibung bereitgestellt hat und die für das Preußenland - vielleicht auch darüber hinaus - ihresgleichen sucht. Kritisch ist zu bemerken, daß das System der zahlreichen Kreuz- und Querverweise gelegentlich etwas mühsam zu handhaben ist, doch waren so viele Aspekte sicher nicht einfacher miteinander zu verbinden. Abge- sehen von einigen Teilbereichen wurden fremdsprachige Titel in dem Register nicht berücksichtigt. Ausnahmen bilden russischsprachige Titel für die Zeit nach 1945 und eine größere Zahl litauischer Titel für die Themenbereiche Zeltungswesen, Pressegeschichte, Gesang und Memelfrage, die übri- gens eine sehr ausfiihrliche Berücksichtigung erfährt (Nr. 915-1040). In dieser Hinsicht sind gewiß noch eine große Zahl von Ergänzungen vor allem aus dem litauischen, wenige vielleicht auch aus dem polnischen und russischen Bereich möglich. Gelegentlich erscheinen Titelzuweisungen zu ein- zelnen Sachgebieten etwas willkürlich, doch wird alles durch die Register ausgeglichen und zusam- mengehalten. Die vorliegende Bibliographie ist nicht nur ein Literaturverzeichnis, das man zur Feststellung von Titeln rasch konsultieren sollte, sondern man kann es regelrecht „lesen". Der Bearbeiterin gebüh- ren Dank und Anerkennung für die erbrachte Leistung. Peter Wörster Kommissionsverlag: Elwertsche Universitäts- und Verlagsbuchhandlung Reitgasse 7/9, 3550 Marburg (Lahn) Einsendung von Manuskripten erbeten an Dr. Ernst Bahr, Wilhelm-Roser-Str. 34, 3550 Marburg (Lahn) oder Dr. Stefan Hartmann, Archivstr. 12-14, 1000 Berlin 33 Gedruckt mit Unterstützung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Beihilfe des Herder-Forschungsrates Herstellung: Karlheinz Stahringer, 3557 Ebsdorfergrund 6 48 ytcuecnlan» MITTEILUNQEN DER HISTORISCHEN KOMMISSION FÜR OST- UND WESTPREUSSISCHE LANDESFORSCHUNQ UND AUS DEN ARCHIVEN DER ST1FTUNQ PREUSSISCHER KULTURBESITZ Jahrgang 22/1984 ISSN 0032-7972 Nr. 4 INHALT KUus Conrad, Bericht über die Jahrestagung der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung m Neckarsulm (21.-24. Juni 1984), S. 49 - Ludwig Biewer, Die Lage Ostpreußens 1918 und 1919. Gedanken des Diplomaten Rudolf Nadolny zur politischen Gliederung des Deutschen Reiches, S. 53 - Ursu.la Schäfer, Neuverzeichnung der Abteilung 122 „Hauptamt Rhein" des Etatsministeriums Königs- berg, S. 61. Bericht über die Jahrestagung der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung in Neckarsulm (21.-24. Juni 1984) Von Klaus Conrad Bei ihrer diesjährigen Jahrestagung (21 .-24. Juni) war die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung Gast der Stadt Neckarsulm, die in diesem Jahr die 500. Wiederkehr des Übergangs der Stadt an den Deutschen Orden feierte. Mit Aus- nähme der Abschlußveranstaltung fanden die Sitzungen in der Ganzhornstube, der ehemaligen Kapelle des früheren Deutschordeas-Schlosses statt. Zu Beginn der wissen- schaftlichen Veranstaltungen am Freitagmorgen (22. 6.) hieß Bürgermeister Wille die Kommission als Gast der Stadt willkommen. An Stelle des leider verhinderten Thorner Dozenten Dr. Marian Arzyaski hielt Bernhart Jähnig den ersten Vortrag über , ,Erwerbs- politik und Wirtschaftsweise des Deutschen Ordens am Beispiel der Häuser Beuggen (Elsaß-Burgund) und Elbing (Preußen)". In zwei getrennten Darstellungen zeigte er zunächst die Entwicklung von Beuggen als eines Hauses in Deutschland und dann von Elbing als einer Komturei im Heidenkampfgebiet. Das durch Schenkung an den Orden gekommene Beuggen besaß landwirtschaftlichen Streubesitz zwischen dem Ober-Elsaß und Burgund. Seme Einkünfte erzielte es aus grundherrlichen Abgaben von Äckern, Hö- fen und Dörfern. Die Komturei Elbiag entstand im Zuge der planmäßigen Erobemng des Preußenlandes, in deren Gefolge es zu umfangreichen Kultivierungs- und Siedlungs- aktionen kam. Ihre Einkünfte bestanden aus landesherrlichen wie grundherrlichen Abga- ben. Dazu wurden beim Haus Beuggen als Eigenwirtschaft vorwiegend Ackerbau und ein wenig Weinbau betrieben, während sich die Eigenwirtschaft auf den Vorwerken der Kommrei Elbing vor allem auf Viehzucht konzentrierte. Dazu spielte in Preußen, anders als in Deutschland, der Handel des Ordens eine bedeutende Rolle. Ein bedeutsamer Unterschied der beiden Häuser bestand auch in ihrer Größe: Beuggen war eine relativ bescheidene Einheit mit 14 Brüdern und 35 Personen Gesinde, Elbing ein Großhaushalt mit 50 Brüdern lind über 150 Personen Gesinde. Der anschließende Vortrag von Klaus Conrad „Der Übergang von Ordens- und KIosterbesitz in Preußen an den Deutschen Orden" ging aus von dem Kauf des Johanni- terbesitzes in Pommerellen durch den Deutschen Orden sowie dem Kauf des pommerel- lischen Besitzes der außerhalb des Ordeasstaates gelegenen Klöster Eldena (1349), Byszewo (1362) und Lekno (1358). Es stellte sich die Frage, ob hinter diesen Käufen eine planmäßige Erwerbspolitik des Deutschen Ordens im Zusammenhang mit der Eingliede- rung Pommerellens stand, das bei seiner Erwerbung 1309 in seiner inneren Struktur und seinem kirchlichen Aufbau mehr den südlichen und westlichen Nachbargebieten als dem Großteil des Ordenslandes östlich der Weichsel glich. Allerdings verkauften nur drei von fünf auswärtigen Klöstern ihren pommerellischen Besitz. Die Verkaufsurkunden sagen über die Verkaufsgründe kaum etwas aus. Immerhin gibt es in zwei Fällen Hinweise auf Schikanen lokaler Behörden. Bei dem Kauf der Johanniterbesitzungen scheinen derartige Dinge jedoch keine Rolle gespielt zu haben. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, als habe der Deutsche Orden solche Besitzungen zwar nicht in planmäßigem Vorgehen an sich gebracht, jedoch jede Gelegenheit, sie zu erwerben, wahrgenommen, andere Käufer ausgeschaltet, bisweilen auch, zumindest auf lokaler Ebene, dem Verkaufswillen nachge- halfen. In seinem Vortrag am Nachmittag „Die preußischen Stände und die Außenpolitik des Deutschen Ordens vom l. Thorner Frieden bis zum Abfall des preußischen Bundes (1411-1454)" untersuchte Klaus Neitmann, wie die preußischen Stände im 15. Jh. zunehmend Einfluß auf die Außenpolitik des Deutschen Ordens gewannen. Zunächst zogen die Hochmeister selbst einzelne Personen aus den Städten und der Ritterschaft als Zeugen und zu diplomatischen Aufgaben heran, um die Eintracht von Herrschaft und Land zu demonstrieren. Diese entglitten jedoch dem Einfluß des Ordens, als sie von den Ständeversammlungea eigene Instruktionen erhielten, von den Verhandlungspartnern ihre Teilnahme an den Tagfahrten gefordert wurde und ihre Auswahl nicht mehr im Sinne des Ordens zu lenken war. Zwar lehnten es die Hochmeister in den dreißiger und vierziger Jahren des 15. Jhs. ab, sich bei Bündnissen, Kriegseröffnungen und Friedens- Verträgen an Rat und Zustimmung allgemeiner Ständeversammlungen zu binden, doch wurde ihre außenpolitische Handlungsfähigkeit dadurch eingeschränkt, daß seit 1411, gerade auf Forderung des polnisch-litauischen Gegners, die beiderseitigen Verträge durch die Stände besiegelt und verbürgt wurden, was ihr Einverständnis mit diesen Ver- trägen notwendig machte. Eine weitere Einschränkung bedeutete das von Polen-Litauen im Frieden vom Melno-See durchgesetzte Widerstandsrecht der Stände gegen einen Offensivkrieg ihres Herrschers. Der Vortrag zeigte insgesamt, wie stark die ständische Entwicklung mit außenpolitischen Vorgängen verbunden und daß sie ohne diese nicht zu verstehen ist. Im letzten Vortrag dieses Tages sprach Ernst Manfred Wermter über ,,Die Bildung des Danziger Stadtterritoriums in den politischen Zielvorstellungen des Rates der Stadt Dan- 50 zig 1454-1515". Während die Bildung städtischer Territorien und deren innere Organi- sation in Oberdeutschland und m der Schweiz gut erforscht ist, ist die Tatsache, daß eine Reihe deutscher Städte im Osten sich größere Stadtterritorien schaffen konnte, kaum ins historische Bewußtsein eingedrungen. Für Danzig bildete die Aufsagung der Huldigung an den Hochmeister und die Unterstellung unter den König von Polen 1454 durch Ritter- schaft und Städte den Anlaß zur Schaffung eines eigenen Territoriums. Zunächst wollte die Stadt das gesamte Gebiet der bisherigen Kommrei Danzig, dazu Teile der Vogtei Dir- schau übernehmen. Das, was König Kasimir IV. von Polen ihr dann gegen hohe Geld- Zahlungen zugestand, war zwar weniger, hielt sich aber in der Größenordnung der Terri- torien von Nürnberg und Ukn und war dazu mit einem Stück Seeherrschaft verbunden. Wichtig war vor allem die Erwerbung des Stüblauer Werders, die Erlaubnis zum Ab- bruch derjungstadt Danzig sowie die Möglichkeit zur Kontrolle der Schiffahrt durch das Privileg von 1457. Alle Vortrage des Tages waren mit lebhaften Diskussionen verbunden. Am Abend hat- te die Stadt Neckarsulm die Tagungsteilnehmer zu einem Abendessen in einer Besenwirt- schaft eingeladen. Samstagvormittag fand eine Exkursion nach Wimpfen, verbunden mit einem Stadtrundgang und Besichtigung der Kaiserpfalz, und zur Burg Guttenberg statt, wo die Teilnehmer Flugvorführungen mit Adlern und Geiern durch die Deutsche Grei- fenwarte sahen. Der Samstagnachmittag war für die Mitgliederversammlung vorgesehen. Sie begann mit einer Ehrung der seit der letzten Mitgliederversammlung verstorbenen Mitglieder Walther Müller-Dultz, Walter Kühn, Erhard Riemann und Emil Johannes Guttzeit, deren Leben und Werk Herr Arnold, Frau Wunder und Herr Tolksdorf würdigten. Auch in diesem Jahr hatte der Vorsitzende den Jahresbericht schriftlich vorgelegt. Beim Preußischen Urkundenbuch konnte der Bearbeiter K. Conrad im Frühjahr den zur Fertigstellung der l. Lieferung von Band 6 noch nötigen Archlvbesuch in Danzig und Thorn durchführen und hofft, im Herbst die Anträge zum Druck stellen zu können. Herr Hoppe hat die Arbeiten an Band 2 des Elbinger Stadtbuches (1361/1418) abge- schlössen. Auch dieser Band soll als Beiheft zur Zeitschrift für die Geschichte und Alter- tumskunde Ermlands erscheinen. Nachdem Herr H. Heinelt seine Editionsarbeitea auf Grund der zugänglichen Quellen weitgehend abgeschlossen hatte, konnte er noch weite- re Quellengrundlagen ermitteln, über deren Einbeziehung von den Herausgebern noch entschieden werden muß. Fortgeführt wurden die Arbeiten am Arbeits- und Quellen- buch, an den Preußischen Landesordnungen des 16.-18. Jhs., den mittelalterlichen Sie- geln des Historischen Staatsarchivs Königsberg, am Historisch-geographischen Atlas des Preußenlandes, an der Materialsammlung zur Kartographie Westpreußens (Heinz Lin- genberg), an Bodenständigkeit und Wanderungsvorgängen in Westpreußen (G. B. Ma- xin). Neu in Angriff genommen wurde eine Edition der Kapitelgespräche und -beschlüs- se der Balleien deutschen Gebiets des Deutschen Ordens am Vorabend der Reformation (U. Arnold, Irena Janosz-Biskupowa). Von Band 4 der Altpreußischen Biographie be- findet sich die erste Lieferung im Druck. Die Planung zum Handbuch der Geschichte Ost- und Westpreußens konnte im Groben abgeschlossen und die Mitarbeiterlücken im wesentlichen geschlossen werden. Erschienen sind in der Reihe der Tagungsberichte der Band „Die Stadt in Preußen" mit Vortragen der Jahrestagung 1981 sowie als Band 11 der 51 Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland die Arbeit von Wilhelm Brauer, Pru- ßische Siedlungen westlich der Weichsel. Nach Vorlage des Kassenberichts und des Kassenprüfungsberichts entlastete die Kom- mission den Vorstand. Zu neuen Mitgliedern wurden die Herren Manfred Clauss und Klaus Neitmann gewählt. Die nächste Tagung soll vom 14.-17. Juni in Neuß stattfinden und Themen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts behandeln. Von den Mitgliedern berichteten Frau Triller über ihre Forschungen im Diözesan- archiv AUenstein, Herr Cammann über Forschungen zur Rattenfängersage, Herr Mein- hardt als Präsident der Prussia über Ausstellungen und Vorhaben dieser Gesellschaft. Im Anschluß an die Mitgliederversammlung fanden Arbeitssitzungen der Mitarbeiter am Handbuch und am Quellen- und Arbeitsbuch statt. Mit einer Vortragsveranstaltung am Sonntagvormittag im Molitorsaal der Volkshoch- schule, zu der auch zahlreiche Gäste aus der Stadt erschienen waren, endete die Tagung. Staatsarchivdirektor Dr. Alois Seiler (Ludwigsburg) hielt einen Lichtbildervortrag über das Thema „Der Deutsche Orden im Neckarraum". Einleitend gab er einen Überblick über die geschichdiche Entwicklung dieses Raumes, für dessen Erschließung in der Früh- zeit das Bistum Worms und die Abteien Lorsch und Amorbach bestimmend waren. Im Hochmittelalter breitete sich die Pfalzgrafschaft dorthin aus, die ebenso wie der Adel (Herrschaft Düm) Reichsgut an sich zog. Ein wichtiger Machtfaktor wurde das Erzbis- turn Mainz, das sich aus den Resten des Besitzes der Herren von Dürn seine Herrschaft aufbaute. Zu den weiteren Teilhabern an diesem stark aufgesplitterten Raum gehörte der Deutsche Orden mit den Kommenden Heilbronn und Horneck, der Herrschaft Scheuer- berg und zahlreichen Ämtern und Orten. Die Bilderfolge begann mit der Kommende Heilbronn. Von den Herren von Dürn gestiftet, unterstand sie dem Landkomtur von Franken in Ellingen, hatte zahlreichen Streubesitz, aber kaum Landesherrschaft. Der Deutschhofkomplex in Heilbronn ist nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wie- deraufgebaut. Es folgten Bilder von Burg Horneck, die bis zum Bauernkrieg Sitz des Deutschmeisters war. Von dieser Funktion legen die Deutschmeisterreliefs noch heute Zeugnis ab. Den Abschluß bildeten Aufnahmen aus der näheren Umgebung, der im Bau- ernkrieg zerstönen Burg Scheuerberg, aus Neckarsulm selbst und den anderen zur Herr- schaft Scheuerber^ gehörenden Besitzungen. Mit einem Dank des Vorsitzenden an die Stadt für ihre Gastfreundschaft schloß die Ta- gung. 52 Die Lage Ostpreußens 1918 und 1919. Gedanken des Diplomaten Rudolf Nadolny zur politischen Gliederung des Deutschen Reiches Von Ludwig Biewer Im Herbst des Jahres 1918 wurde für die Bürger des Deutschen Reiches die bittere Tat- sache immer deutlicher, daß der Weltkrieg nicht nur nicht zu gewinnen, sondern nur noch unter großen Verlusten - auch an Reichsgebiet - zu verlieren war1. Neben dem Reichsland Elsaß-Lothringen war vor allem der Besitz der preußischen Ostprovinzen ge- fährdet. -US-Präsident Woodrow Wilson hatte m seinen bekannten vierzehn Punkten m dem dreizehnten die Errichtung eines polnischen Staates aus allen Gebieten „unzweifel- haft polnischer Bevölkerung" gefordert2. Auf Grund dieser Aussage verlangte der Führer der polnischen Narionaldemokraten Roman Dmowski schon am 8. Oktober 1918 die Abtretung von Ost- und Westpreußen, Posen, Oberschlesien und großen Teilen Mittel- Schlesiens von Preußen und dem Deutschen Reich und die Eingliederung dieser nun wirklich nicht polnisch besiedelten Gebiete in Polen3. Unterstützt wurden diese polni- sehen Großmachrwünsche im Deutschen Reichstag von polnischen Abgeordneten wie Korfanty und Prälat Stychel. - Das Wahldekret der polnischen Regierung vom 18. No- vember 1918 für die Wahl eines polnischen Parlaments umfaßte folgerichtig dann auch Masuren, Ermland, Westpreußen, Posen und Oberschlesien4. So erklärt es sich, daß in diesen bedrohten Provinzen politisch wache Persönlichkeiten alle möglichen Pläne schmiedeten, die fraglichen Gebiete für das Deutsche Reich zu erhalten, wenigstens in ih- ren wichtigsten Teilen, und das Deutschtum in diesen Landstrichen zu festigen und zu si- ehern. Einer der Männer, der damals seine Stimme erhob und Pläne zu einem zeitgemäßen Reichsaufbau vorlegte, war der aus Ostpreußen stammende Diplomat Rudolf Nadolny5. 2 3 1 Zur Geschichte des I. Weltkrieges, seines Ausganges und seiner Folgen sei hier auf die Zusam- menfassung von Karl Dietrich Erdmann verwiesen: Die Zeit des Weltkrieges, in: Herbert Grundmann (Hrsg.): Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4/1, Stuttgart 1973, besonders S. 5-144, 198-211. Zitiert nach Hagen Schulze: Der Oststaat-Plan 1919, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 18 (1970), S. 123-163, hier S. 124, Anm. 2. Ebd., S. 124. Siehe auch Paul Roth: Die Entstehung des polnischen Staates, Berlin 1926 und Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick, 3. verbesserte Aufl. 1980, S. 456-464. 4 H. Schulze (wie Anm. 2), S. 124. Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation 1916-1960, Stuttgart 1961, S. 49, 53. s Rudolf Nadolny: Mein Beitrag, Wiesbaden (1955), dazu auch Johannes Wotschke: Von der wah- ren Vaterlandsliebe. Betrachtungen zu Rudolf Nadolny „Mein Beitrag", in: Akademische Blät- ter 57 (1955), S. 153-155. Beste biographische Würdigung von Günter Wollstein: Rudolf Na- dolny - Außenminister ohne Verwendung, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 28 (1980), S. 47-93, gekürzt auch in: Akademische Blätter 82 (1980), S. 121-123 und S. 159-163. Karl Jordan: VDSter im Wirken für Volk und Staat, in: In Verantwortung 1881-1981. Verband der Vereine Deutscher Studenten, hrsg. v. Dieter Gutekunst und Dieter Jakob (Tirschenreuth 1981), 53 Er war am 12. Juli 1873 in Groß-Stürlack im Kreis Lätzen als Sohn des Gutsbesitzers und Kölmers August Nadolny und seiner Gattin Agnes geb. Trinker geboren worden. Nach dem erfolgreichen Besuch der Gymnasien in Lätzen und Rastenburg studierte Ru- dolfNadolny ab dem Sommersemester 1892 an der Albertus-Universität zu Königsberg/ Pr. Rechtswissenschaft; als Studentenverbindung erwählte er sich den politisch vaterlän- disch und sozial ausgerichteten Verein Deutscher Studenten (VDSt), dessen Vorsitz er im Sommersemester 1894 übernahm, verbunden mit dem Sprecheramt für die ganze Studen- tenschaft der Albertiaa bei ihrer glanzvollen 350-Jahr-Feier. 1896 bestand Rudolf Nadol- ny sein Referendarexamen, 1901 sein Assessorenexamen in Berlin. 1902 trat er in den Reichskonsulardienst ein und wurde bereits ein Jahr später Vizekonsul in St. Petersburg; 1907 wurde er als Legationsrat mit Aufgaben des eigentlichen diplomatischen Dienstes beauftragt und zum Mai 1914 als Vortragender Rat in die Politische Abteilung des Aus- wärtigen Amts versetzt. Entscheidend für ihn war, daß er Mitte 1917 die Leitung des Ostreferats des Auswärtigen Amts übernehmen konnte und sich so auch mit den für das Deutsche Reich und seinen Bestand so gefährlichen politischen Strömungen in Polen be- fassen mußte und Gegenmaßnahmen plante. Dank seiner Herkunft aus einer Familie, die schon Ende des 14. Jahrhunderts in Ostpreußen nachweisbar ist, und der entsprechenden Schulung im VDSt6 wußte er um den ethnischen Mischcharakter der Bevölkerung seiner Heimat, um die Probleme von „schwebendem Volkstum", die nur in gegenseitigem Er- tragen und Verstehen, nicht aber durch nationalistische Parolen zu lösen waren. Wie die Mehrheit in allen Vereinen Deutscher Studenten und der von ihnen mitherbeigeführten Gründung der Deutschen Studentenschaft vertrat Nadolny bei aller Prägung durch Preu- ßen in der Zeit um 1918 großdeutsche Gedanken nach einem nationalkulturellen Prinzip, das sich gegen nationalistische, rassistisch-anrisemidsche Gedanken scharf abgrenzte7. Rudolf Nadolny verfaßte am 9. Dezember 1918 eine Denkschrift unter dem Titel „Re- publik Ostdeutschland", in der er erstmals greifbar seine Vorstellungen von einer Neuge- staltung des Deutschen Reiches niederlegte; wem die Denkschrift zuging, ist nicht er- S. 15—65, hier S. 31—33. Gedenkfeier des Auswärtigen Amts für Rudolf Nadolny (12. Juli 1873-18. Mai 1953), Bonn 1973. Heinz-Günther Sasse: Nadolny, Rudolf, in: Altpreußische Biographie, hrsg. v. Kurt Forstreuter und Fritz Gause, Bd. III, Marburg a.n der Lahn 1975, S. 1028. Johannes Wotschke: Rudolf Nadolny zum Gedächtnis. Zum hundertsten Geburtstag unseres Bundesbruders am 12. Juli 1973, in: Akademische Blätter 75 (1973), S. 123 f. 6 Sein Verhältnis zum VDSt schildert er sehr anschaulich in einer undatierten Schrift in seinem Nachlaß mit dem Titel „Meine Aktivenzeit" (aktiv 1893/94). Der Nachlaß liegt im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), die o. g. Schrift in Bd. VIII, Nr. 517.-Rudolf Nadol- nys Tochter, Frau Ursula Eilsberger und ihrem Gatten Herrn Dipl.-Ing. Hellmut Eilsberger habe ich sehr herzlich dafür zu danken, daß ich diesen Nachlaß einsehen durfte; zu danken habe ich auch meinen Kolleginnen und Kollegen im PA AA für ihre freundliche Unterstützung, Frau Dr. Keipert, Frau Sarayko, Herrn Dr. Sarayko und Herrn Dr. Gehling. 7 Zu diesen Strömungen in der Studenten- und Akademikerschaft siehe z. B. Ernst Rudolf Hüben Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 6: Die Weimarer Reichsverfassung, Stuttgart- Berlin-Köki-Mainz (1981), S. 1002-1018 und Ludwig Biewer; Preußen in der Weimarer Repu- blik, 2. Aufl. Berlin (1983), S. 85-87. 54 sichtlich8. Die wichtigsten Gedanken, das Deutsche Reich als Bundesstaat aus in enva gleichgewichtigen Ländern neu zu bilden, seien im folgenden auszugsweise abgedruckt: ,,Unsere größte Sorge muß es heute sein, den Besitzstand des Deutschen Reiches möglichst z« erhalten; zu erhalten sowohl gegenüber separatistischen Bestrebungen im Innern als a-uch gegenüber territoricilen Gelüsten von außen her. Auf Elsaß-Lothringen haben wir wohl nicht mehr zu rechnen, aber im übrigen müssen wir uns mit aller Kraft dagegen stemmen, daß durch Reichsverdrossenheit oder innere Gegensätze zwischen den Bundes- Staaten und durch territoriale Aspirationen fremder Völker Reichsgebiete verloren gehen. In Süd- und Westdeutschland machen sich Loslösungsbestrebungen geltend, die unsere tiefste Besorgnis erregen. Im Osten erheben besonders die Polen so weitgehende Ansprii- ehe, daß 'wir mit Recht darüber empört sind. Wie können wir beide steuern? [. . .] Preu- ßen hat, indem es in dem deutschen Emporringen zur Reichseinheit die Führung über- nahm, das Deutsche Reich schuf [. . .], seine historische Aufgabe erfüllt. [. . .] Nun hat das, was man das preußische System nannte, überdies noch ostentativ Schiffbru.ch erlitten. 'Will Preußen nun seine Aufgabe, die deutsche Einheit zu schmieden, noch weiterhin er- füllen, so muß es jetzt um des Reiches willen das letzte tun, was ihm noch zu tun bleibt. Es muß ganz in Deutschland aufgehen, [. . .] indem es sich selbst opfert und sich in Einzel- Staaten zerlegt, die den übrigen maßgebenden Bundesstaaten etwa. an Größe gleich sind und in gleichem Range gegeniibertreten. Seine langgestreckte Gestalt von West nach Ost durch ganz Deutschland und die Verschiedenheit seiner einzelnen Teile in ethnographi- scher, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung läßt eine solche Teilung als nichts Unnatür- liches erscheinen. [. . .] Vielleicht kann man bei der 'Voreingenommenheit speziell gegen Berlin noch insofern Entgegenkommen zeigen, als man auf dem Wege über die nach einem anderen Platz einzuberufende Nationalversammlung die Reichsha.uptstadt nach Mitteldeutschland verlegt, etwa unter 'Zusammenschluß der thüringischen Staaten zu einem Bundesstaat nach Weimar, von wo die Freiheit des deutschen Geistes ihren Höhen- flug über die Welt genommen hat. Eine derartige Zerlegung Preußens in etwa vier his fünf Bundesstaaten unter Betonung des damit verbundenen Zweckes, nämlich der Förderung der Reichseinheit, würde na.ch meiner Ansicht nicht nur einen Schutz gegen den drohenden Separatismus, sondern auch einen solchen gegen territoriale Absplitterungen bedeuten, die uns auf Grund nationaler Ansprüche angrenzender Völker bevorstehen können. Denn es ist preußisches Gebiet, und •z.voa.r hauptsächlich preußisches Gebiet im Osten, das uns entrissen werden soll. Die Polen erheben Ansprüche auf weite Strecken von Schlesien, Posen, Westpreußen und Ostpreu- ßen, den Litauern soll ein Stück ostpreußischen Gebiets im Norden zugesprochen werden. Mag man sich auch vielleicht schon mit dem Gedanken abfinden, daß wir ein Stück der Provinz Posen an Polen werden opfern müssen, und mag man andererseits die litauischen Aspirationen nicht allzu ernst nehmen, jedenfalls ist es dringend notwendig, alle Kraft zu- sammenzunehmen, um gegen drohende Gebietsverluste anzugehen. Westpreußen und Danzig oder gar masurische Gebiete, die nie zu Polen gehört haben, dürfen auf keinen 8 PA AA, Nachlaß Nadolny, Bd. XIII, Nr. 1121; 6 Seiten Maschinenschrift. 55 Fall polnisch, ostpreußische Gebiete, die niemals zu Litauen gehörten, nicht litauisch wer- den. Man kann und darf nicht zulassen, daß lediglich slavische oder litamsche sprachliche Überbleibsel aus grauer Vorzeit in diesen Gegenden von gebietslüsternen Anliegern mit Hilfe unserer die Vernichtung Deutschlands betreibenden Feinde dazu benutzt werden, um uns wertvolles altpreußisches Land zu entreißen. [. . .] Masuren und Litauen, Thom und Danzig sind im Verhältnis zu ganz Preußen oder gar z» Deutschland Randgebiete, denen eine nationale 'Zweideutigkeit anzudichten nicht schwer fällt. In einem besonderen östlichen Bundesstaat sind sie wesentliche Bestandteile desselben, und ihre scheinbare na.tionale Buntheit ist das Gepräge des ganzen Bundesstaa- tes, erklärlich durch geschichtliche Ereignisse. Ich möchte es darum für zweckmäßig hal- ten, etwa aus den Provinzen Ost- und Westpreußen nebst dem Posenschen Bezirk Brom- berg einen besonderen östlichen Bundesstaat zu errichten. Er sollte nicht den Namen Preußen führen, der ihm eigentlich zukommt; wenigstens nicht, solange der Frieden nicht geschlossen und die Einheit Deutschlands aufs Neue festbegriindet ist. Um die Voreinge- nommenheit gegen Preußen möglichst wenig zu reizen und um gleichzeitig zu betonen, daß es zu Deutschland gehört und daß sein Gebiet deutsch ist, könnte ma.n ihn vielleicht besser einstweilen Republik Ostdeutschland nennen. Als weitere neue Bundesstaaten stel- le ich mir etwa vor: Regierungsbezirk Posen, Schlesien und Königreich Sachsen als Ober- Sachsen. Provinz Sachsen, Hannover und Schleswig-Holstein als Niedersachsen, Rhein- land-Westfalen als Westdeutschland und Brandenburg-Pommem als Mittelmark. [. . .] Die Gründung der Republik Ostdeutschland denke ich mir nicht in Königsberg oder Damig, sondern, um die Konkurrenz beider Hauptstädte auszuschalten und an Histori- sches anzuknüpfen, in Marienburg. Die Wahl dieser Hauptstadt wird zugleich Gelegen- heit geben, in Erinnerung zu rufen, daß das ganze Gebiet der Republik deutscher Besitz war, ehe einzelne Teile vorübergehend polnisch wurden." Dieser Schritt sollte, und damit schließt die Denkschrift, über mehrere Stufen getan werden. Nach dem eingeholten Einverständnis der Reichsregierung sollten die Oberprä- sidenten von Königsberg, Danzig und Posen und der Regierungspräsident von Bromberg Verhandlungen zu dem angestrebten Zusammenschluß führen „mit etwaigen ihnen zur Seite stehenden Abgeordneten des neuen Regimes", womit Nadolny wohl Vertreter der Arbeiter- und Soldatenräte meinte. Anschließend sollten die Selbsrverwaltungsaufgabea des neuen Landes festgelegt werden, Vertrauensmänner würden dann die neue Republik ausrufen und einen Wahltermin für die Landesversammlung festlegen. Sodann „hätte eine energische Feststellungs- und Propagandaarbeit aller Art einzusetzen, um den deut- sehen Charakter des gesamten Gebiets außer Zweifel zu stellen oder, soweit er zweifel- haft geworden ist, zu erneuern". - Wenige Tage später, zu Weihnachten 1918, in einem Rundschreiben an seine VDSt-Vereins- und Bundesbrüder in Ost- und Westpreußen und im Regierungsbezirk Bromberg9, wiederholte Rudolf Nadolny seine Neugliederungsvor- Stellungen in einer knappen Zusammenfassung und rief die angesprochenen VDSter, „die alten Verfechter des Reichsgedankens und des Deutschtums", auf, zur „Förderung der r 9 PA AA, Nachlaß Nadolny, Bd. XIII, Nr. 1120; knapp 2 Seiten Maschinenschrift, eigenhändige Unterschrift R. Nadolnys. 56 Reichseüiheit und [zum] Schutz des Ostens" zu werben „für die Wiedervereinigung des Ordensstaates unter dem Namen Ostdeutschland". Mehrere Punkte der Vorstellungen des Diplomaten verdienen nochmals festgehalten und kommentiert zu werden. Zunächst zwei Kleinigkeiten: die Idee, Weimar nicht nur als Tagungsort für die Nationalversammlung sondern überhaupt als Reichshauptstadt vorzuschlagen, scheint originär und konnte sonst nirgendwo nachgewiesen werden. Im Zusammenhang damit forderte Nadolny den Zusammenschluß der thüringischen Zwerg- Staaten zu einem neuen Bundesland. Dieser kam in der Tat zustande und war die einzige größere Territorialreform im Deutschen Reich zur Zeit der Weimarer Republik. Im Jahre 1919 schlössen sich Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und die bei- den Reuß durch Gemeinschaftsvertrag zum Staat Thüringen zusammen, während sich der Landesteil Coburg von Sachsen-Coburg-Gotha an Bayern angliederte10. - Als wich- tigste Erkenntnis jedoch muß die Ähnlichkeit betont werden, die Nadolnys Vorsrellua- gen mit anderen Neugliederungsplänea jener Monate hatte. Der wichtigste Mitverfasser der Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919, der Staatsrechtler an der Handelshochschule Berlin, der liberale Professor Dr. Hugo Preuß, seitdem 14. Novem- ber 1918 Staatssekretär des Reichsamtes des Innern, wollte das staatlich neu zuverfassen- de Deutsche Reich in mehrere in etwa gleichgroße und gleichgewichtige Freistaaten, wie das Wort Republik verdeutscht wurde, untergliedern, die Gebiete höchster Selbstverwal- tung sein sollten11. Ein offiziell nicht veröffentlichter Vorent-wurf zu einer Reichsverfas- sung, den Preuß vom 3. Januar 1919 datiert12, sah u. a. die Wahl zu einem provisori- sehen Staatenhaus vor, das eine Art zweite Kammer neben dem Volkshaus (Reichstag) sein sollte, die von den Landtagen der künftigen Länder vorzunehmen sei. Diese Länder, zunächst und für eine Übergangszeit als Gebiete für die Wahl zum provisorischen Staa- tenhaus gedacht oder getarnt, sollten nach diesem Vorentwurf für eine Reichsverfassung folgende sein: Preußen aus Ost- und Westpreußen, Schlesien mit Posen, Brandenburg mit Mecklenburg und Pommern, Berlin, Niedersachsen, die drei Hansestädte, Ober- Sachsen, Thüringen, Westfalen, Hessen, Rheinland, Württemberg, Baden, Bayern, 11 10 Karl Du Mont: Der Zusammenschluß Thüringens. Eine staatswissenschaftliche Untersuchung, Gotha 1927. Jürgen Erdmann: Coburg, Bayern und das Reich 1918-1923, Coburg 1969 (Co- burger Heimatkunde und Landesgeschichte, Reihe II, Heft 22). Hugo Preuß: Staat, Recht und Freiheit. Aus 40 Jahren deutscher Politik und Geschichte. Hildes- heim 1964, S. 370-374, 379, 424. -Ders.: Reich und Länder. Bruchstücke eines Kommentars zur Verfassung des Deutschen Reiches, Berlin 1928, S. 157-159. - Siehe auch Ludwig Biewer: Reichsreformbestrebungen in der Weimarer Republik. Fragen zur Funktionalreform und zur Neugliederung im Südwesten des Deutschen Reiches, Frankfurt am Main-Bern-Cirencester/U. K. (1980) (Europäische Hochschulschriften, Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 118), S. 40-49. Abdmck bei Heinrich Triepel: Quellensammlung zum Deutschen Reichsstaatsrecht, 3. Aufl. Tübingen 1922, S. 7-9. Karten zu den Vorstellungen von Preuß bei Walther Vogel: Deutsche Reichsgliederung und Reichsreform in Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig-Berlin 1932, S. 156 und bei Biewer: Reichsreformbestrebungen (wie Anm. 11), S. 43. 57 12 l Deutschösterreich und Wien. Diese Idee von einer künftigen Gliederung Deutschlands hatte Hugo Preuß schon Anfang Dezember 1918 dem Wirtschaftswissenschaftler an der Technischen Hochschule Charlottenburg Goetz Briefs mitgeteilt, der davon in einem Brief vom 4. Dezember 1918 dem Kölner Oberbürgenneister Adenauer berichtete13, der diese Vorstellungen cum grano salis teilte14. Preuß sprach im Gegensatz zu Nadolny frei- lich auch ganz offen aus, daß die angestrebte Reichsgliederung nur bei einer starken ein- heitlichen Reichszentralgewalt möglich war; Nadolny setzte dies nur stillschweigend voraus oder ließ es hier und da anklingen, wenn er etwa die Reichseinheit stark betonte. Ähnliche Vorstellungen wie Hugo Preuß verfolgten seine Parteifreunde Theodor Heuss, der spätere erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland15, und Wilhelm Schall, 1920/21 württembergischer Arbeitsmimster und von 1922 bis 1924 württembergi- scher Finanzminister16. Wenn man die Reichsgliederungspläne von Rudolf Nadolny und die verwandten Vor- Stellungen, die eben erwähnt wurden, gerecht beurteilen will, so muß man sie als Ideal- Vorstellungen werten, die sicherlich zu einem guten und funktionierenden Reichsaufbau geführt und die Reibungen zwischen dem Reich und den Ländern, insbesondere mit Preußen, die die Zeit bis zum 20. Juli 1932 beherrschten, vermieden hätten. Diese Ideal- Vorstellungen scheiterten jedoch an den Realitäten im Reich, daran, daß mit der Revolu- tion auch nach dem Verschwinden der Dynastien die Einzelstaaten ihre Stellung gefestigt hatten, weil die neuen Machthaber in denselben gezwungen waren, in ihrem Geltungsbe- reich die staatliche Ordnung zu erhalten, um ein völliges Chaos zu vermeiden, das nur den linksradikalen Kräften genutzt hätte. Insbesondere die süddeutschen Staaten und Sachsen, also die Länder mittlerer Größe, huldigten unter der Führung Bayerns einem extremen Partikularismus und waren unter keinen Umständen bereit, auch nur geringe Rechte abzutreten, geschweige denn, sich selbst aufzugeben und Selbstverwaltungskör- per unter einer starken Reichszentralgewalt zu werden. Da eine starke Reichsspitze nicht geschaffen werden konnte, was so im Dezember 1918 nicht abzusehen war, war das Fort- bestehen Preußens als Klammer für die Reichseinheit lebensnotwendig. Seine Verwal- tung war die einzige, die den Westen mit dem Osten des Reiches verband, und dort zeig- ten sich in der Tat drohende Zeichen eines möglichen Abfalls. In der preußischen Rhein- provinz, den linksrheinischen Gebieten des Volksstaates Hessen (Rheinhessen), Bayerns (Pfalz) und Oldenburgs (Birkenfeld) nahmen bis 1923 separatistische Strömungen gefähr- lich zu17, im Osten aber brach im Zusammenhang mit einer Reise des späteren polni- sehen Ministerpräsidenten Paderewski in Posen am 27. Dezember 1918 ein von Polen ge- 13 Hist. Archiv der Stadt Köln, Bestand 902, Nr. 253/11. 14 Ludwig Biewer: Konrad Adenauer - ein preußischer Politiker? Sein politisches Wirken in den Jahren 1906-1933, in: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz XIX (1982), S. 109-127, hier S. 112. Theodor Heuss: Deutsche Reichsverfassung, in: Deutsche Politik 3 (1918), S. 1572-1576. - Ders.: Erinnerungen 1905-1933, Tübingen 1963, S. 241-244. 16 'Wilhelm Schall: Das bundesstaatliche Problem, Manuskript im Nachlaß Schall, datiert vom 21. l. 1919, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1/9 Teil 2. Neben der zeitgebundenen und etwas veralteten Darstellung von Paul Wentzcke: Ruhrkampf. Einbruch und Abwehr im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, 2 Bände, Berlin 1930/1932, 15 17 il il ' ? i