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Den Hochgebirgsgipf ein gleich, die seit Jahrhunderten für un- ersteigbar galten, die jedoch allen mifslungenen Versuchen zum Trotz immer aufs neue in Angriff genommen werden, übt „das grofse Problem" oder die „ewige Streitfrage" über den Weg, auf welchem Hannibal die Alpen überschritt, auch in unsern Tagen eine unverwüstliche Anziehungskraft auf die Geister. Es ist noch nicht lange her, dafs ein Bänke sein Urteil über den Stand der Frage in die Worte kleidete: „Ich bilde mir nicht ein diese Streit- frage lösen zu können, will vielmehr nachweisen, weshalb eine solche Lösung unendlich schwierig und immer hypothetisch bleiben mufs." Dennoch ist seither kaum ein Jahr vergangen, das nicht einen neuen Lösungsversuch gezeitigt hätte. Mit Recht, denn wenn auch Bänke den Widerstreit der antiken Berichte noch so nach- drücklich geltend gemacht hat, so hat er damit noch lange nicht die Unlösbarkeit des Problems bewiesen. Gerade der Widerstreit der überlieferten Nachrichten und Meinungen ist es, der das Problem konstituiert, ihm seinen eigenartigen Beiz giebt und in indifferenter Neutralität, die nur der Blasierte für Objektivität halten kann, kein Genüge finden läfst Das Problem ist aber auch wert stets aufs neue in Angriff genommen zu werden: verspricht doch seine Lö- sung nicht blof s über eine der gröfsten Thaten der Weltgeschichte, sondern auch über verschiedene Fragen der antiken Orts- und Völkerkunde den längst ersehnten Aufschlufs. /4S908 VI Vorwort. Vorliegende Arbeit ist das Endergebnis eines mehrjährigen Studiums, während dessen Verf. in verschiedenen Schriften i) seine Stellung zur Frage angekündigt hat, speziell aber die Frucht seiner letzten im Sommer 1899 unternommenen Wanderung durch die Westalpen, auf welcher die Routen über den Grofsen und Kleinen St Bernhard, den Kleinen und Grofsen Cenis, den Genövre und Lautaret der Reihe nach untersucht wurden. Durch Vermittlung des K. Württ. Ministeriums des Auswärtigen und des Kaiserlichen Reichs- kanzleramts war ihm von selten der italienischen und französischen Regierung die Ermächtigung zu „freier Circulation'' gewährt wor- den, eine überaus hoch zu schätzende Vergünstigung, für die er sich gedrungen fühlt allen, die zu ihrer Gewährung beigetragen haben, seinen ehrfurchtvollsten Dank auszudrücken. Mit aufrich- tiger Anerkennung gedenkt er endlich seiner treuen Begleiter auf der letzten Wanderung, der Herren Prof. Rupp (Reutlingen) und Ober-Reallehrer Kohler (Aalen), die in naturwissenschaftlichen, ins- besondere geologischen Fragen ihm wertvolle Aufschlüsse zu geben vermochten. 1) Kleiner Bernhard oder Montcenis ? Ein Beitrag zur Hannibalgeschichte in 6 Artikeln. Neues Korresp.-Bl. für Grel. u. Realschulen W. 1896. — Der Mont- cenis bei den Alten. Wissenschaftl. Beilage zum Programm des K. Gymna- siums Cannstatt 1897. — Hannibals Alpenzug nach Livius. Jahresbericht des Phil. Verems. 1898. Cannstatt. W. Oslander. Inhaltsfibersicht. Seite Vorwort m Einleitung. 1. Zur Quellenfrage 1 2. Die geographische Anschauung Polybs 5 3. MaTse und Märsche nach Polybius 7 4. Die Zeitfrage 16 5. Die Strafsen von Spanien nach Italien auf Grund der römischen Itinerare 20 Erstes Kapitel : Zwölf Leitsätze als Grundlagen der Kritik und Rekon- struktion 24 Zweites Kapitel: Kritik der Gegentheorieen 41 A. Die Poeninustheorie 42 B. Die Klein-Bemhardtheorie 45 C. Die Genövretheorie 65 D. Die Montevisotheorie 87 Drittes Kapitel: Die Cenistheorie 89 A. Die einleitenden Märsche 91 I. Vom Ebro zur Rhone 91 n. Von der Rhone zu den Alpen 96 B. Der fünfzehntägige Alpenzug 102 1. Die ersten vier Tage: Vom Beginn des Anstiegs bis zur Rast bei Garocelum 102 Vm Inhaltsübersicht U. Fünfter bis achter Tag: Von Garooelom bis zum Leuco- petron 120 in. Neunter und zehnter Tag: Aufstieg und Aufenthalt auf der Medulina 129 IV. Elfter bis fünfzehnter Tag: Der Abstieg nach Ocelum . . 142 C. Widerlegung allgemeiner Einwürfe gegen die Cenistheorie . . 170 D. Zeugnisse der Antike für die Cenisroute 188 Anhang: Der Hasdrubal weg und die Volkstradition 196 Nachtrage 203 , o • • J * J f J • * • Einleitung. 1. Zur Quellenfrage. Hie Polybius! Hie livius! Mit diesem Kampfruf, der eine grundsätzliche Verschiedenheit in der Wertung der beiden Haupt- gewährsmänner zum Ausdruck bringt, traten sich lange genug zwei Parteien gegenüber — nennen wir sie kurzweg Klein -Berahard- und Genövrepartei — , die bis heute die gröfste Zahl Anhänger und die angesehensten Vorkämpfer unter ihren Fahnen vereinigten. Am schroffsten lautete das Urteil der erstgenannten Partei. Überzeugt, dafs es „vollkommen unmöglich sei die beiden Berichte auf vernünftige Weise miteinander zu vereinigen", sind ihre Vertreter entschlossen „Polybius als einzige Basis der Untersuchung anzuerkennen" und von dem „verworrenen und widerspruchsvollen Livius" gänzlich abzusehen (Wickham-Cramer). Etwas milder äufsem sich die Ver- treter der Gen^vretheorie. Als „der sorgfältigere und vertrauens- würdigere Gewährsmann" gilt ihnen entschieden Livius; Polybius wird zwar wegen seiner geographischen Irrtümer und „seines dünkel- haften Selbstgefühls" streng getadelt, aber immerhin als Gewährs- mann zweiten Eanges anerkannt. Sicherlich ist diese so verschieden- artige Wertung der beiden Autoren nicht sowohl das Ergebnis vorurteilsfreier Quellenkritik, als vielmehr die letzte Konsequenz einer auf Grund anderweitiger Prämissen getroffenen Entscheidung bezüglich des Hauptproblems. Glücklicherweise dürfte der Zwiespalt in der Quellenfrage bald überwunden sein. Auf die Dauer wird sich keine der gegnerischen Parteien dabei beruhigen können, denn „durch die Verkleinerung der anderen Quelle kann die Mahnung des historischen Gewissens nicht völlig zum Schweigen gebracht werden" (Fuchs). Um so Oslander, Der Hannibalweg. 1 i • •• • — 2 — fretiAgerisf. es «rf tegrüfsen, dafs nach Nissens Vorgang verschie- /.ia«^.5öeJd.t«Hicll temiftt haben über die Quellen des Livius mehr Licht zu verbreiföri. 'Öeute dürfen wir den Nachweis als gelungen befrachten, dafs die livianische Daxstellung von Hannibals Alpenzug (XXI 31-37) im wesentlichen auf Polybius zurückgeht Damit ist im Pnnzip die Superiorität Polybs zugegeben, denn eine abgeleitete Darstellung kann nimmermehr den Wert beanspruchen, den die ursprünghche Darstellung besitzt. Polybius ist und bleibt für unser Thema auctor Primarius auch deshalb, weil sein Bericht über den Alpenzug von Zeugen der Ereignisse stammt und in topographischer Hmsichtauf seinem Selbstzeugnis beruht; ist doch Polybius der einzige Gewährsmann, der das Marschgelände persönlich in Augenschein genommen haf) überdies hat Polybius verschiedene geschriebene Benchte studiert, von denen er die einen mit Entschiedenheit zurück- weist (III 47, 6 ff.), andere mit Auswahl benutzt (III, 36 2) Wenn an letzterer Stelle Polybius einige Geschichtschreiber erirähnt die es für nötig hielten Namen von Gegenden, Flüssen und Städten beizubnngen, so kommen wir auf gewisse Einlagen bei Livius für die gerade das Beibringen solcher Namen charakteristisch ist. ' Ein zweites, auch von Fuchs wahrgenommenes Merkmal dieser Einlagen 1) Pol. UI 48 12: ii^tli ii „,gi rovrmu «»'»«(.aoJs dnov avxol >cjxQrio»ai noQ.t^ yv^a.u,, i'v.^u ;,al liac Bezeichnet coroeav em Erfahren auf dem Weg mündlicher Mitteilanir 8o waren Polyb. Benchterstatter nicht blofs ZeitgenosBcn der Ereignisse wie Philinus und Fabius Piktor, deren parteiisch gefärbter Bericht nach Pol'l Tl III 9 mit besonderer Vorsicht aufzunehmen ist, sondern Männer, die selbst ml' dabei gewesen sind, also wohl Veteranen Hannibals. Andere ZeitÄcnossTn Chaereas und Sosylos, Hannibals griechischer Lehrer und Genosse ,-n,F!n (Nepos Kann. 13 Diod. XXV 14), heifsen Pol. HI 20 .seichte Schiätzeru Silenos, der ebenfalls zur persönlichen Umgebung Hannibals gehörte fKenn^ ■T ''^«.""^ ''T P"'""' ^"'^ ^^"'- *'^ ^^- I 24, 49), wird voTpoÄ nicht erwähnt; nach dem, was wir von ihm wissen, scheint er iedoch 7„ a von Pol. lU 47, 6 ff. gebrandmarkten Sensationshistorikem zu gehöi-en IW das Selbsteeugnis Polybs sich nur auf die lU 49-56 folgende Ortsbeschreibung beziehen kann, haben Linke und Nissen grandios in Zweifel gezogen V^] h- Anfsernngen Polybs über aitonäSsia und avxoxpi« XXI 15, 8 XU 27. 25 d — 3 — bildet die specielle Berücksichtigung der Operationen des kartha- gischen Fulsvolks, während bei Polybius fast immer die Reiterei im Vordergrund steht N.ach Soltau u. a. stammen diese Einlagen von einem älteren römischen Annalisten und wurden von einem zweiten Bearbeiter mit gröfseren Exzerpten aus Polybius verschmol- zen. *) Eben diese Zusätze, deren Mitteilung Li vius wiederum zumßang eines primären Zeugen erheben dürfte, sind es nun freilich, die nach dem urteil der Klein-Bernhardspartei einen unversöhnlichen Gegen- satz zwischen Polybius und Livius konstituieren. Gewils ist dieser Gegensatz auf dem Boden ihrer Theorie vorhanden, ebenso müssen wir den jüngsten Versuch beide Berichte auf dem Boden der Genövrepartei „ungezwungen" zu vereinigen, als mifslungen zurück- weisen, wir gedenken aber zu beweisen, dafs auf dem Boden der Cenistheorie eine vollkommene Vereinigung der Berichte ausführbar ist. Die „Verworrenheit" des Livius resp. seines Gewährsmanns reduziert sich auf gewisse Unebenheiten, Mifsverständnisse und . Widersprüche in untergeordneten Punkten, Mängel, die sich aus der beabsichtigten, doch nicht völlig gelungenen Verschmelzung zweier unabhängiger Berichte wohl erklären lassen. Auch bei Polybius fehlt es nicht an dunklen Stellen, die ihrerseits durch die livianische Relation erhellt werden, weshalb wir allen Grund haben dafür dank- bar zu sein, dafs über eines der gröfsten Ereignisse der Welt- geschichte zwei Quellberichte vorhanden sind, die sich gegenseitig erklären und ergänzen. Von den Gewährsmännern zweiten Rangs verdienen besonders Silius Italicus und Ammianus Marcellinus Beachtung, weil sie direkt dem lateinischen Gewährsmann des Livius zu folgen scheinen 1) V. Breska denkt an Fabius Piktor, Soltau an Adlius, den Zeitgenossen des älteren Cato, dessen griechisch geschriebene Annalen von einem Claudius — nicht Quadrigarius — lateinisch bearbeitet und in dieser Gestalt von Livius benutzt wurden (Liv. XXV 39, 12 XXXV 14, 5 Cic. de off. III 32, 118 Teuffei Rom. litt Gesch. 127, 1). Jedenfalls hat der lateinische Bearbeiter die ein- zelnen Stücke seiner beiden Quellen nicht blofs mosaikartig aneinander gereiht, sondern innerlich miteinander zu verschmelzen gesucht, weshalb auch die wesentlich auf Polybius beruhenden Abschnitte, mit Elementen des romischen Annalisten durchsetzt, ihr eigenes Gepräge tragen. und in eigenaxtiger Zusammenstellung verschiedene Momente bei- bringen, die Livius übergangen hat Die kurzen Notizen der grie- chischen Geschichtschreiber Appian und Dio sind weder Polybius noch Livius, sondern wahrscheinlich dem Caelius resp. einer epi- tome Caeliana entnommen. Da Caelius, im Bestreben der Geschicht- schreibung gröfsere Klangfülle zu verleihen, mehr Effekt als Exakt- heit zu erzielen suchte, so ist sein Zeugnis namentlich in geogra- phischen Dingen von problematischem Wert (Wölfflin). Ein Zeuge von unvergänglichem Wert bleibt uns neben den Büchern der Geschichtschreiber: es ist das Buch der Natur. Natur- ereignisse und Menschenhand haben wohl seit 21 Jahrhunderten vieles zerstört und verändert, allein die Grundzüge der Landschaft konnten sie nicht verwischen; auch hier gilt „Suchet, so werdet ihr finden". Wer den Anspruch erhebt in dieser Sache gehört zu werden, darf sich also die Mühe nicht verdriefsen lassen gleich Polybius, dem „doyen des touristes", alle in Frage kommenden Örtlichkeiten in Augenschein zu nehmen. Freilich ist nach Colonel Perrin „der Anblick des Geländes fast für die Gesamtheit der Sterblichen ein toter Buchstabe. Es ist eine Gabe, die uns Gott in die Wiege gelegt hat, und die wir durch Arbeit und Studium entwickeln können, die aber Studium und Arbeit niemals bieten." Perrin klagt, dafs er sich für seine Arbeit nicht einmal auf die Untersuchungen der Herren Offiziere verlassen könne, vergifst jedoch, dafs auch ge- wöhnlichen Sterblichen ein Mittel zu Gebote steht die strategische Bedeutung einer Ortlichkeit zu erkennen. Es sind Festungsbauten aus alter und neuer Zeit, die zumal im Alpengebiet auch dem Laien nicht verborgen bleiben können. Ohne diese steinernen Doku- mente, die so wertvoll sind als das gewichtigste historische Akten- stück, möchte ich nicht wagen über militärische Dinge ein Ur- teil abzugeben, das als Laienurteil im voraus verdächtig wäre. Anderweitige Zeugnisse können nicht in Betracht kommen. Ins- besondere mufs auf die Verwertung gewisser Ortstraditionen schon aus dem Grunde verzichtet werden, weil fast alle Strafsen der West- alpen, wie der Pyrenäen, solche Traditionen aufweisen. Gewöhn- lich sind es unerklärte Reste antiker Bauten, die vom Volk auf — 5 — Hannibals Namen getauft worden sind. Inschriften, die einen sicheren Aufschlufs geben könnten, liegen nicht vor.i) Fundgegenständen beweglicher Art, angeblichen Elefantenzähnen u.a., worauf sich Wickham-Cramer viel zu gut thaten, wird heute von keiner Partei mehr ernstlicher Wert beigelegt Die Versuche moderne Ortsnamen durch gewagte Erklärungen und Etymologieen für unser Thema auszubeuten, hat Hennebert mit Kecht als puerilites zurückgewiesen. 2. Die geographische Anschauung Polybs. Siehe Tafel I. Um das Ansehen Polybs zu verkleinern, wird von der Genövre- partei mit Vorliebe auf seine geographischen Irrtümer und ünge- nauigkeiten verwiesen. Wer freilich Polybs geographischen Kenntnis- stand mit dem vergleicht, den heute jeder Schuljunge sein eigen nennen darf, ist versucht mit Famulus Wagner zu rühmen, wie herrlich weit wir es gebracht haben. Doch sollten wir nicht ver- gessen, dafs wir nur deshalb weiter sehen als die Alten, weil wir auf ihren Schultern stehen dürfen. Für Polybius ist noch alles, was nördlich von der von Narbo zum Tanais gezogenen linie zu liegen kommt, terra incognita (III 38), denn die Entdeckungen des Pytheas hält er, vielfach ungerechtfertigt, für eitel Trug und Schwindel (XXXIV 5. 10). Natürlich finden auch wir in Polybs Schilderungen der von ihm durchwanderten Länderstrecken bedenk- liche üngenauigkeiten, selbst in der Alpenbeschreibung, in der Poly- bius noch für Strabo Autorität ist. Nach Pol. II 14, III 47 bilden die Alpen die Nordgrenze Italiens; sie erstrecken sich von Massilia, wo zugleich der Apennin abzweigt, bis in die Nähe des adriatischen Golfs. Der westöstlichen Richtung des (5tebirgszugs entspricht der Lauf der beiden bekannten Hauptströme: der Rhodanus, der ober- 1) Ein Sept 1824 unter dem Amazgletscher (in der Maurienne) zum Vor- schein gekommener, bald wieder vom Gletscher zugedeckter Stein enthielt nacji Martelli und Vaccarone die Inschrift: Ännibale . . . MCQI Marte, die sofort die kühne Interpretation fand: Annibali obsistente Magno Custode Qtiiri' nalis Imperii Marte. Der Zeuge käme in erster Linie der Cenistheorie zu gute, allein bis er wieder einmal zu Tage tritt und der antike Ursprung der Inschrift festgestellt ist, mufs jede Berufung darauf unterbleiben. halb des adriatischen Golfs entspringt und grofsenteils durch ein Gebirgsthal strömt, fliefst dem Nordrand der Alpen entlang gegen Südwest ins sardische Meer — vom Rhein und den aus den Alpen kommenden Donauzuflüssen fehlt also jede Kunde; der Padus fliefst innerhalb des Gebirgs gegen Süden, sobald er die Ebene er- reicht, gegen Osten. Die Poebene bildet eine vom Fufs der Alpen und Apenninen sowie von der adriatischen Küste umschriebenes Dreieck, dessen entsprechende Seiten 2200, 3600 und über 2500 Stadien lang sind. Polybius kennt also weder die „busenförmige^ Gestalt der Alpen (Strabo V 210), noch den Bogen der Ehone (Strabo IV 186). In strenger Folgerichtigkeit läfst er Hannibal nach Überschreitung der Rhone den Flufs entlang gegen Osten ziehen, obwohl er im gleichen Zusammenhang von einer südwest- lichen Richtung des Rhonelaufs spricht. Die meisten dieser ünge- nauigkeiten entspringen einerseits den von modemer Bestimmung unabhängigen Ansichten der Alten über die Quellen der Ströme, Längenerstreckung der Gebirge u. s. w., insbesondere aber einem der ganzen Antike anhaftenden mangelhaften Orientierungsver- mögen. Dafür nur einige Beispiele. Nach Caesar B. G. I 1 bildet Aquitanien zwischen Garonne und Pyrenäen den Nordwesten Galliens. Hasdrubal zieht nach Appian von Spanien nach Gallien „dem nördlichen Ozean'^ entlang. Welches Bild Italiens kommt nach den Angaben des grofsen Ptolemaeus III, 1 zu stände! . Im Norden ist aufser den Alpen die adriatische Küste vom Tilaventus bis Garganus, im Osten die Küste vom Garganus bis Hydruntum, im Süden die Küste vom Tilaventus bis zur illyrischen Grenze, femer die ligurische und tyrrhenische Küste vom Varus bis Nea- pel etc. Nach Strabo und Ptolemaeus fliefsen Rhone, Arar und Dubis aus den Alpen zunächst gegen Norden^ dann gegen Westen. Und vollends die Leistungen der jüngeren Geographen! Als Westgrenze Galliens gelten durchweg die Pyrenäen; die Nord- grenze Italiens bildet das adriatische, die Südgrenze das tyrrhenische Meer; Korsika liegt östlich von Sardinien. Mit Aufzählung ähn- licher Irrtümer lassen sich Bände füllen; kein Wunder, denn erst die Entdeckung der Magnetnadel hat auch auf dem Gebiet der Länder- — 7 — ' künde eine radikale Umgestaltung herbeigeführt. Neumann, ein Führer der Gen^vrepartei, giebt denn auch zu Gunsten des Livius zu, dafs die Orientierungsangaben der Alten durchweg sehr mangelhaft sind. Eine einfache Forderung der Gerechtigkeit ist es auch dem altern Polybius wegen solcher Irrtümer mildernde Umstände zuzubilligen. 3. Mafse und Märsche nach Polybius. Da Polybius für Griechen schrieb, die er nicht mit unverständ- lichen Namen sonst unbekannter ÖrÜichkeiten behelligen wollte (III 36, 2 ff.), so ha-t er in bewulstem Gegensatz zu andern Ge- schichtschreibem darauf verzichtet die Namen der meisten Orte, Flüsse und Städte mitzuteilen. Ist dieser Verzicht in allgemeiner wie besonderer Hinsicht bedauerlich, so bringt Polybius zum Ersatz eine Eeihe von MaTsen, die uns über die Länge der kartha- gischen Märsche resp. der durchmessenen Länderstrecken Auf- schlufs gewähren — von Livius' Gewährsmann wohl deshalb über- sehen, weil sie einem der häufigen unsem Fufsnoten entsprechenden Exkurse Polybs angehören. Die Strecken samt den Mafsen sind folgeiide: 1. von Neukarthago zum Ebro 2600 Stadien; 2. vom Ebro nach Emporion 1600 Stadien; 3. von hier zum Rhoneübergang un- gefähr (TteQl) 1600 Stadien; 4. vom Rhoneübergang zum Beginn des Alpenanstiegs 1400 — diese Strecke gliedert sich nach III 50, 1 in zwei Abschnitte: a) vom Rhoneübergang zur Isöremündung 600 Stadien, b) von hier zum Beginn des Alpenanstiegs 800 Stadien ; — 5. durch die Alp^ nach Italien ungefähr 1200 Stadien. Diese Daten bilden den Ariadnefaden, dem jeder zu folgen hat, der sich nicht in dem Labyrinth willkürlicher Konstruk- tionen rettungslos verlieren will. Unbequem sind diese Daten be- sonders für die Gen^vrepartei , weshalb sie es nie an Versuchen fehlen liefs, dieselben zu verdächtigen. Sie glaubte um so leich- teres Spiel zu haben, als thatsächlich der überlieferte Text an einigen Stellen verderbt ist und leicht erkennbare Inkongruenzen aufweist. So wird die Gesamtstrecke auf ungefähr 9000 Stadien berechnet, während die einzelnen Posten nur 8400 ergeben. Mit dieser In- kongruenz hängt eine zweite zusammen. Polybius spricht zunächst — 8 — von der Länge der spanischen Mittelmeerküste: sie beträgt „von den Säulen des Herakles bis zu dem letzten Ausläufer des Iberer und Kelten scheidenden Pyrenäengebirgs" ungefähr 8000 Stadien — eine Ziffer, die XXXIV 7 (Stxabo II 106) mit den Worten „von der Pyrene zu den Säulen etwas weniger als 8000" bestätigt wird.O Dies sucht Polybius (Eratosthenes gegenüber?) im einzelnen zu erweisen: „denn von den Säulen nach Neukarthago sind es 3000 Stadien; von hier zum Ebro 2600, von da nach Emporion 1600." Mit der folgenden Ziffer „und von hier zum Rhoneübergang un- gefähr 1600 Stadien" bricht die Beweiskette plötzlich ab, denn es fehlen zur Ausfüllung der Gesamtziffer 8000 noch 800 Stadien. Femer isoU Hannibal, in den Pyrenäen angelangt 35, 7, noch nicht ganz (axedöv) die Hälfte des Gesamtwegs zurückgelegt haben 39^ 12, während er nach den Teilziffem schon diesseits der Pyrenäen bei Emporion genau die Hälfte hinter sich hätte. Da wir weder glauben können, dafs Polybius bei seiner sonstigen Ge- nauigkeit so grobe Verstöfse gegen die elementare Rechenkunst {TtaidrArj ^ärQrjGcg XXXIV 6, 6) begangen hat, noch der Annahme einer doppelten Buchführung zu folgen vermögen 2), so bleibt uns zunächst nichts übrig, als mit Dindorf, Schmidt, Büttner-Wobst eine Lücke im Text anzunehmen, die den deutlichen Intentionen Polybs gemäfs auszufüllen ist. Schmidt und Büttner-Wobst setzen hinter Emporion die Worte „von der Stadt Emporion bis Narbo ungefähr 600 Stadien." Hiegegen bemerke ich: 1. dafs dieser Posten wohl die eine im Nachweis der Länge des Gesamtmarsches vorhandene Lücke ausfüllt, nicht aber die andere Lücke im Nachweis der Länge 1) Daraus folgt die Bedeutung des polybianischen ne^l ungefähr = etwas weniger. Dieselbe Bedeutung „nicht ganz" hat axsdov, denn nach HI 56, 4. 60, 5 sind 20 000 axedov nov die Hälfte von 46 000. 2) Nach Nissen (Iw. Müller Hdb. I 701 A. 3) hätte Polybius „aus Bequem- lichkeit" die fünf Teilsummen nach dem ungenauen Ansatz, 8 Stadien « 1 röm. Meile, berechnet; die Abrundung auf 9000 Stadien^beweise jedoch, dafs P. sich seiner Ungenauigkeit bewufst war. In diesem ^ Fall hätte P. sich nicht blofs eine, sondern zwei üngenauigkeiten zu Schulden kommen lassen, da 8400 gemeine Stadien 8750, nicht 9000 polybianischen gleichkommen. P., der in der ausgesprochenen Absicht seine Leser aufzuklären, diese Zahlen giebt, hätte die doppelte Ungenauigkeit mit einem einzigen Wort heben können. — 9 — der spanischen Mittelmeerküste; 2. dafs die nächstfolgende Ziffer ,,von hier (d. h. Narbo) zum Ehoneübergang ungefähr 1600 Stadien'' entschieden zu hoch gegriffen ist; 3. dals Narbo seiner Lage nach sich kaum zur Abgrenzung eines Marschabschnitts eignet, wenn an- ders Polybius die einzelnen Marschabsohnitte durch natürliche Gren- zen, Flüsse oder Gebirge, die freilich auch mit den Völkergrenzen zusammenfallen, zu scheiden beabsichtigte. So bildet Emporion am Stidfufs der Pyrenäen eine natürliche Grenze, nicht aber das in- mitten einer Ebene gelegene Narbo XXXIV 10; dagegen vermiXst man die der zweiten Alpengrenze entsprechende zweite Pyrenäen- grenze, die ihrerseits mit der politischen Grenze Spaniens und Gal- liens zusammenfällt. Um allen Intentionen Polybs gerecht zu wer- den, schlage ich vor, die Lücke mit folgenden Worten auszufüllen: aTcd (5* ^Ef^Ttoglov Ttökeiog itog T'^g 7tQ0€iQi]f.i€vrjg ^axlog^) nogsvo- ßivocg Ttaga töv aiyiaXdv TtsQt ÖYJcaY.oaLovg, dunßdXkovGi dk rd JIvQrjvaia öqtj Ttegl i^ay.oalovg. Das Stadium Polybs (vielleicht auch des Eratosthenes) ist n i c h t das von den römischen Schriftstellern in ihren Polybiuscitaten vor- ausgesetzte, erst seit Artemidor (100 v. Chr.) angewandte Achtel- meilenstadium.2) Da 8V3 polybianische Stadien auf die römische Meile gehen (XXXIV 12, Strabo VII 322, Fragm. 57), so beträgt es 600 römische resp. attische Fuls, sofern nach Dörpfeld römischer und attischer Fuls fast vollständig übereinstimmen. Für gröfsere Mafse ergiebt sich also die bequeme Gleichung 100 Stadien =5^ 12 Mei- len. Im Gegensatz zu Artemidor, der sämtliche Strecken der Oiku- mene bis auf die einzelnen Stadien berechnet, sind die polybianischen 1) Wahrscheinlich das Felsengestade beim Aphrodision, das, am Nordost- rand der Pyrenäen hart an der iberisch-keltischen Grenze gelegen, 95 Bogen- minnten oder röm. Meilen, also „etwas weniger als 800" polyb. Stadien, von Emporion entfernt war. cf. Strabo IV 178, Plin. III 4, Ptol. II 5 (6). 2) Die schon durch ihre Stellung verdächtigen Worte III 39, 8 : xavTcc yuQ vvv ßsßijfiaTQnai xal oeorifidwxai xaxa oxaölovq oxtw diä ^PwfJiaictfv im- fjLsiwg erweisen sich durch einen handgreiflichen Anachronismus als Inter- polation. Nach Plutarch liefs erst G. Grachus die Strafsen mit Meilensteinen versehen und die via Domitiaj an die der Interpolator denkt, ist ein Menschen- alter jünger als Polybs Geschichte. In dieser Auffassung begegnen sich Männer aller Parteien, z. B. Ukert, Linke, Partsch, Schmidt, Büttner- Wobst u. a. — 10 — Ziffern III 39 (wie gröfstenteils 'auch anderwärts) durch 200 teil- bar. Dies weist darauf hin, dafs sie auf anderem Wege zu stände gekommen sein müssen als die Artemidors — aber auf welchem Wege? Römische Meilensteine fand Polybius wohl nicht einmal in Spanien, geschweige denn um 150 in Gallien und in den Alpen, und auf die Angaben der Landesbewohner ist im allgemeinen wenig Verlals. Polybs geographische Daten beruhen vielmehr in erster Linie auf eigenen Reiseerfahrungen III 59, in zweiter Linie auf militärischen Mitteilungen über die Länge gewisser Märsche i), die für Polybius, den gewesenen Strategen, der auch in seiner Geschichtschreibung vor allem das praktische (I 2, 8 IX 2, 6), speziell militärische und politische Interesse im Auge hatte, von besonderer Bedeutung waren. Das nächstliegende gröfsere Mafs war unter diesen Umständen der Tagmarsch. Nach Tagmärschen rechnet Herodot IV 101 , indem er als Normallänge eines solchen 200 Stadien annimmt (V 53 f. aus besonderen hier näher erklärten Gründen 150 St). Dies Mafs mufste Polybius um so willkommener sein, als 200 Stadien =« 24 Meilen genau das Pensum eines „vollen'' römischen Tagmarsches bilden cf. Veget epit mil, 1 9: militari gradu XX milia i)assuum horis quinque dumtaxat aestivisy con- ficienda sunt; pleno autem gradu, qui citatior est, totidem horis XXIV milia peragenda sunt. In der That zeigen verschiedene Spuren, dafs Polybius ursprünglich dieses Mafs vorgelegen ist. Nach III 42, 1 fand Hannibals Rhonetibergang „nicht ganz vier Tagmärsche" vom Meere entfernt statt Besonders lehrreich ist die Vergleichung von Pol. III 42, 6 und liv. XXI 27, 2. 4 : nach Poly- bius sendet Hannibal einen Teil seiner Truppen „200 Stadien'' stromaufwärts, was von Livius das eine Mal mit iter unius diei, • 1) Sti'abo VIII 3S9 : altioy dh xovrov t6 firi ttjv ovvxofiov xatufJiiXQHv {nokvßiov) d?,ka tfjv Tvxovaav ^v inoQBv&Tj ttZv axQaxriywv xtg 2) Fünf Sommei'stunden kommen durchschnittlich sechs bürgerlichen Stunden gleich (Unger Iw. Müller I 609): 'pleno gradu, d. h. bei strammem Schritt (Liv. XXXIV 15, 3 f.), werden somit 6, militari gradu 5 km in der bürgerlichen Stunde zuinickgelegt. Im ganzen dauerte der Tagmarsch sechs Sommerstunden , da er eine hora refidendi (Veget III 6) einschlofs. Nach Paus. X 33, 3 war die Länge eines Wintertagmareches 180 St — 11 — das andere Mal mit milia XXV wiedergegeben wird. Der Ge- währsmann des Livius hat offenbar die Identität beider Angaben nicht erkannt; so entlehnte er dem Annalisten das iter unius diei und wiederum Polybius die 200 Stadien, die er der späteren Glei- chung, 8 Stadien = 1 Meile, zufolge in 25 Meilen verwandelte. Ist unter diesen Voraussetzungen auch zuzugeben, dafs die Mafse Polybs nicht auf rein mathematischem, sondern zum guten Teil auf subjektivem Grunde ruhen, weshalb sie auch von Strabo u. a. vielfach angefochten worden sind, so hat man doch keinen Grund ihre relative Zuverlässigkeit in Zweifel zu ziehen. Insbesondere gilt dies hinsichtlich der „ungefähr 1200 Stadien^ des Alpenmarsches. Gewifs hat Polybius, der selbst die Straf se Han- nibals zog, keine Mefsstange angelegt; die Schritte zu zählen, wie es den ßrjfjiaTiaTal Alexanders des Grofsen oblag, war zu zeitraubend und nutzlos, da die Zahl der Schritte auf Stadien übertragen bei ungleichem Gelände doch nur ein subjektives Resultat ergeben konnte. Polybius blieb also wohl kein anderes Mafs, als dasjenige, welches wir stets anwenden, wenn wir in Ermangelung eines an- deren objektiven Mafsstabs aus der Zeitdauer des Marsches die ungefähre Länge des durchmessenen Baums erschliefsen. Dies Verfahren wurde wohl am meisten in der militärischen Praxis ge- übt, und das „Schritt- oder Itinerarstadium" der Gelehrten i), das durchschnittlich immerhin 148 m == ^/(> des polybianischen Stadiums betragen mag, dürfte in den meisten Fällen durch einfache Zeit- rechnung gewonnen worden sein. Auch der römische „Militär- schritt" der ebenfalls V« des „Vollschritts" beträgt, fordert als Kon- sequenz eine Militärmeile = V« der Vollmeile. '^) Dafs die Meilen der Militärstrafsen in schwierigem Gelände thatsächlich um diesen Betrag 1) Nach Hultsch rechnete Eratosthenes und teilweise auch Strabo nach Itinerarstadien. Letzterer berechnet die Entfernung von Rom nach Aricia auf 160 St V 239, während die Itinerare 16 Meilen geben. 2) Bei den monatlich dreimal vorkommenden Ubungsmärschcn {ambu- lationes) der römischen Truppen, wo jedenfalls die höchste Anforderung an den Mann gestellt wui*de , wurden in arduü et clivosis 20 Vollmeilen zurück- gelegt (Veget. I 27, Spartian, Hadrian 10). Daraus schlief se ich, dafs bezüglich der Länge das itet- clivomim zum iter campestre sich wie 5 : 6 verhält. — 12 — kürzer waren, folgt aus den später zu erörternden Meilenangaben der Itinerare, verglichen mit den modernen Malsen. Schon Cluver bemerkt zu einer Notiz Catos (Serv. in Verg. Georg. II 159 Cassiodor Var. I 1, 4), dafs „einst" die Meilen um V« kleiner gewesen seien. Unter Berücksichtigung dieser Umstände steht einem ehrlichen Ver- ständnis der Malse Polybs nichts mehr im Wege, und Fuchs' Be- hauptung, dafs die „ungefähr 1200 Stadien" des Alpenmarsches an innerer Unwahrscheinlichkeit leiden, erhält damit ihre wohlverdiente Zurückweisung. Übrigens dürfte auf das „ungefähr", das sich in zwei Malsangaben findet, noch besonders hingewiesen werden: nach der bekannten Analogie drückt es „etwas weniger" aus, doch könnte es auch andeuten, dafs die Rechnung auf diesem subjektiven Wege zu Stande gekommen ist. Wenn Polybius seinen Distanzangaben das Mais grofser Tag- märsche von 200 Stadien = 24 Meilen zu Grunde legt, so darf man nicht meinen, die Heere der Alten haben täglich diese Strecke durchmessen. Solche Leistungen werden nur in Ausnahmefällen er- wähnt. •) Am allerwenigsten ist anzunehmen, dafs die karthagische Armee auf ihrem Zug von Neukarthago nach Italien täglich diese Strecke zurücklegte. Nach Polyb. III 56, 3, Liv. XXI 15, 3. 38, 1. XXVII 39, 4 dauerte der Marsch fünf Monate 2), demnach kämen 1) So legten Caesars Truppen die 139 — 140 Meilen betragende Entfernung von Ocelum zu den Vocontiem in 7 Tagen (inkl. Easttag) zurück B. G» I 10. Anderseits brachten es die Truppen des Manlius einmal an einem ganzen Tag auf kaum 5 Meilen Liv. XXXVIII 15, 14. Pol. III 68, 14 (61, 10) kann nicht in Betracht kommen, da hier von keinem Heerzug die Rede ist. Der Marsch der Truppen des Claudius Nero von Sena nach Canusium, 370 km in 6 Tagen Liv. XX Vn 50, wird von Pittaluga und Öhler mit Recht ins Gebiet der Sage verwiesen. 2) Diese 5 Monate sind jedenfalls als volle zu nehmen. Nach Appian VII 4. 52 dauerte der Marsch Hannibals 6 Monate, derjenige Hasdrubals, der angeb- lich denselben Weg zog, nur zwei Monate. Ich vermute, dafs Appian resp. sein Gewährsmann Caelius die von Polybius nicht erwähnte Reise Hannibals nach Gades (Liv. XXI 21, 9 ff., Silius IE 4) mit in Anschlag brachte. Caelius selbst scheint die Länge des Zugs auf 1200 Meilen angeschlagen zu haben, eine Zahl, die sich in seinen Fragmenten (I 6) findet; die Zahl gewann er vielleicht dadurch, dafs er die 12 000 Stadien, die nach Polybius auf den Weg von den Säulen nach Italien kommen, als Itinerarstadien fafste und darnach mit 10 — 13 — auf den Tag ca. 60 Stadien oder 7 Meilen. Allein eine gute An- zahl von Tagen ging für den Marsch verloren. Erfolgte auch die Unterwerfung des diesseitigen Spaniens „unverhofft rasch" (Pol. III 35, 3), so liefs sie sich doch nicht einfach ex itinere erle- digen. Eine Verzögerung des Marsches brachte auch die Vorbe- reitung und Ausführung des Rhoneübergangs, und weiter dürften auch die von Polybius angegebenen Grenzmarken der einzelnen Marschabschnitte längere Ruhezeiten bezeichnen. Zu diesen aufser- ordentlichen Ruhezeiten kommen nun, was fast allgemein übersehen wird, die regelmäXsigen Rasttage (stativa). Ihre Notwendigkeit be- weist Blume (Strategie II 81 ff.): „Märsche von je 3 — 4 Meilen im Durchschnitt könne als die gröfste Leistung betrachtet werden, zu welcher im allgemeinen Menschen und Pferde an mehreren auf- einanderfolgenden Tagen befähigt sind, ohne der Ermattung anheim zu fallen. Es schliefst das erheblich gröfsere Leistungen für ein- zelne Tage, namentlich seitens der Kavallerie, aber auch der In- fanterie, nicht aus, wenn wichtige Zwecke zu erreichen sind. . . . Darum sind Ruhetage — womöglich einer nach drei Marschtagen — bei länger anhaltenden Märschen notwendig, um den Menschen und Pferden einige Erholung von den Anstrengungen des Marschierens zu gewähren und sie körperlich leistungsfähig zu erhalten, sowie zu gründlicher Reinigung und Ausbesserung des Materials, beson- ders der Waffen und des Schuhwerks." So kommen im deutschen Heer auf einen siebentägigen Reisemarsch durchschnittlich zwei Rasttage. Was aber ein allgemein menschliches Gesetz ist, gilt auch für die Antike. Ambrosius schreibt in seiner Erklärung von Psalm 118,5: Merito non deficit qui imperatorem sequitur suum; mo- derate enim ambulat, quia imperator non quod sibi utile sed quod Omnibus possibile considerat; ideo et stativa ordinat, triduo ambulat exercitus, quarto requiescit die. Eliguntur civitates, in quibus triduum, quatriduum et plures interponuntur dies etc, (cf. Plin. Pan. Trai, 11). Dafs auch die karthagische Armee nach drei Marschtagen gewöhnlich einen Rasttag erhielt, schlief se ich dividierte. Die zwei Monate des Hasdrabalzugs ergaben sich, wenn auf den Tagmarsch militari gradu 20 Meilen gerechnet \STirden. — 14 — zunächst aus Pol. III 49, 5: die Hervorhebung des Umstands, dafs die Truppen in einem Zug (i^^g) vier Tage marschierten, zeigt, dafs er ungewöhnlich war. Während des fünfzehntägigen Alpen- zugs wird am vierten Tag des Anstiegs und wieder am vierten Tag des Abstiegs gerastet; in die Zwischenzeit fallen zwei weitere Easttage, so dafs der ganze Alpenzug nur 12 Marschtage erfordert cf. Silius III 554. Wir dürfen daraus schliefsen, dafs auch die zehn Tage, in welchen von der Isöremündung bis zum Beginn des Alpen- anstiegs 800 Stadien durchmessen werden, zwei Easttage einschlief sen. Werden sonach in 12 Marschtagen 1200 Stadien, in 8 Marschtagen 800 Stadien zurückgelegt, so kommt auf den Marschtag ein Tag- marsch von 100 Stadien (12 Meilen oder 17,75 km.), ein sehr ein- facher Satz, der vielleicht noch aus der Schule des Xanthippos (Pol. I 32) stammt. Selbstverständlich giebt dieser Satz nur den Durchschnitt. Ein Mehr oder Minder ergab sich aus der Be- schaffenheit des Marschgeländes wie der Wege, aus der Rücksicht auf die Lagerstelle, Verpflegung und Befinden der Truppen, Ge- fahr vor den Feinden etc. In den ersten Tagen nach einer länge- ren Ruhezeit konnte der Feldherr die Anforderungen etwas stei- gern, um sie späterhin zu ermäfsigen. Eine Ausnahmeleistung war es nicht allein, wenn eine Abteilung in einer Nacht 200 Stadien zurücklegte (Pol. III 42), sondern schon, wenn mehr als drei Tage hintereinander marschiert wurde, wie es höheren Rücksichten zulieb beim Zug vom Rhoneübergang zur Is^re und einmal während des Alpenzugs vorkam. Die gefundene Durchschnittsleistung der Karthager ist keines- wegs zu unterschätzen. Thatsächlich entspricht sie so ziemlich den Leistungen der römischen Heere, deren iter modicum, nach den Distanzen der Itinerare zu schliefsen, 12 — 16 Meilen betrug, und bleibt auch hinter den Leistungen modemer Heere nicht zurück. „Die Tagmärsche unsrer Heere", schreibt der Franzose Perrin, „übersteigen nicht das Mafs von 20 km und betragen auf schwierigem Gelände nur 16 — 18 km.'^ Fand Hannibal auch Wege vor, so waren sie doch weder mit modernen Straf sen, noch mit römischen zu ver- gleichen, und sicherlich fiel ihm mehr als einmal die Aufgabe zu — 15 — sie für den Marsch in stand setzen zu lassen, i) Wenn nach Blume die normale Tiefe eines deutschen Armeekorps auf dem Marsche (ohne Train und Kolonnen), bei einer Front von vier Mann und drei Pferden, unter durchweg günstigen Verhältnissen ca. 19 km beträgt, so werden wir mindestens dieselbe Tiefe auch für die kar- thagische Armee anzunehmen haben^ die nach dem Rhoneübergang noch 38000 Mann zu Fufs und über 8000 Reiter zählte Pol. III 60, 5. Daraus folgt, dafs während eines gewöhnlichen Tagmarsches die Nachhut die alte Lagerstelle erst verliefs, nachdem die Vorhut schon an der neuen Lagerstelle angelangt war. Bis die Nachhut eintraf, mulste es Abend werden, weshalb die Marschzeit der einzelnen Abteilungen 5 — 6 Stunden nicht überschreiten durfte. In der Ebene konnte Hannibal wiederholt zu dem Mittel greifen, die Truppen getrennt marschieren zu lassen, im Gebirge war dies nur in Aus- nahmefällen möglich. Hier konnte es stellenweise vorkommen, dafs Mann hinter Mann oder wenigstens Tier hinter Tier defilieren mufste; die Länge der Heerkolonne stieg somit auf das Doppelte, ja Dreifache, weshalb mindestens einmal die Nacht hindurch marschiert wurde. Unter diesen Voraussetzungen verstehen wir, dafs Hannibals Zug im Altertum als Wunder angestaunt (Plin. XXXVI 2) und mit allerlei Wundererzählungen ausgeschmückt wurde (Pol. III 47, 6 ff.). Auch der nüchterne Konsul P. Scipio bezweifelte sein Gelingen (Pol. III 61, 5), that aber wohl daran, die Möglichkeit des Gelingens in Rechnung zu nehmen. Nach Polyb. III 47, 7 war es nur die un- nachahmliche Vereinigung von Berechnung und Kühnheit (Ttgövoia ymI röi.f.irj) in Hannibal, die das Gelingen des grofsen Unterneh- mens verbürgte. Hannibal hat alle einschlägigen Faktoren, auch den der unberechenbaren Zwischenfälle, zuvor aufs eingehendste er- wogen, Land und Leute genau sondiert (Pol. III 34), insbesondere die Verpflegungsfrage nach allen Seiten erörtert IX 24. Die beiden 1) Für solche Zwecke besafs Hannibal seine XEixovQyol (Pol. III 93), ein den römischen fabri entsprechendes Pionierkorps, doch mufste in dringenden Fällen auch die Hilfe der Trappen, Infanterie wie Reiterei, in Anspruch ge- nommen werden. Auch die Aufgabe der Verproviantierang scheint einer be- sonderen Trappe, den nQoxExBiQLOfihvoi snl rrjv olxovofxiav Pol. III 100, zng«wiesen gewesen zu sein. — 16 — Hauptrücksicbten waren jedenfalls, einmal rechtzeitig d. h. noch bei guter Jahreszeit über die Alpen zu kommen, sodann die Kräfte der Truppen zu erhalten und für die grofse Aktion in Italien auf- zusparen. Unter diesen Gesichtspunkten hatte er den Plan seines Zugs entworfen, den ich auf Grundlage von Pol. III, 39 in folgen- per Marschtafel annähernd zu rekonstruieren versuche. 1. Zug von Neukarthago zum Ebro 26 Tagmärsche, da- zu 9 Rasttage ; Übergang über den Ebro ca. 4 Tage 39 Tage 2. Zug vom Ebro nach Emporion 1 6 Tagmärsche, dazu 6 Rasttage 22 Tage [ 3. Zug über die Pyrenäen 6 Tagmärsche, dazu 2 Rast- tage 8 Tage] 4. Zug von den Pyrenäen zur Rhone 16 Tagmärsche, dazu 6 Rasttage; Übergang über die Rhone 6 Tage 28 Tage 5. Zug (der Infanterie) zur Isöre 6 Tagmärsche, dazu 2 Rasttage, Zug von der Isere zu den Alpen (inkl. Rast) 10 Tage; Vorbereitungen zum Alpenmarsch ca. 4 Tage 22 Tage 6. Alpenzug inkl. Rast 15 Tage 134 Tage. Da der Zug im ganzen 5 Sommermonate, nach unserer Rech- nung 153 Tage dauerte, so bleibt ein Rest von 19 Tagen, der mit auf die „unverhofft rasche" Eroberung des nordöstlichen Spa- niens kommen dürfte. 4. Die Zeitfrage. Auch hier zeigen die beiden grofsen Parteien aus leicht er- sichtlichen Motiven entgegengesetzte Bestrebungen, so dafs die ver- schiedenen Zeitbestimmungen sich in einem Rahmen von zwei Mo- naten bewegen. Die Hauptaufgabe ist den Zeitpunkt richtig zu bestimmen, da Hannibal auf der Palshöhe der Alpen eintraf. Polyb. III 54, 1 giebt darüber eine allgemeine Andeutung: „Bereits bedeckte Neuschnee die Berggipfel, da der Untergang des Plejaden- gestims bevorstand" {did tö awamsiv rijy r^g Hkeidöog dvaiv] Liv. XXI 35, 6 occidente iam sidere Vergiliarum). Es kommt — 17 — nun darauf an, ob man den Frtihuntergang der Plejaden, der nach Neumanns astronomischen Berechnungen am 7. Nov., nach Momm- sen am 26. Okt. eintritt, als immittelbar oder mittelbar bevorstehend betrachtet Ersteres geschieht von seiten der Genövrepartei, vres- halb Neumann argumentiert: ^In dieser Zeit zu bivouakieren, ist selbst auf dem Mont Cenis und Mont Genevre kein Vergnügen, vollends aber kann keinem Heere zugemutet werden, auf dem Kl. Bernhard zu kampieren, am allerwenigsten kann ein Feldherr dies seinen Leuten als Mittel zur Erholung anordnen.'^ Nach Mommsen bedeutet der Ausdruck lediglich: „Als der Winter schon heran- nahte^, weshalb er annehmen zu dürfen glaubt, dafs Hannibal Anfang September auf dem Kl. Bernhard stand. Bei solchem Widerstreit der Auslegungen ist es nötig, einige weitere Momente zu berücksichtigen. Nach Polyb. III 54, 4 ff., liv. XXI 35, 6 war in der Nacht vor Hannibals Aufbruch von der Pafshöhe Neuschnee gefallen, der den Pafs und seine nächste Umgebung bedeckte. Auch in den Westalpen pflegt der erste Schnee Ende September die Matten zu bedecken, weshalb um Michaelis die Herden zu Thal ziehen. Hannibal, dem alles daran liegen mufste, den Pafs noch in der günstigen Jahreszeit d. h. vor Eintritt des Neuschnees zu verlassen, hatte sicherlich auch dieses Moment bei der Feststellung seines Marschplanes in Rechnung genommen. Er mufste also be- strebt sein, den Pafs vor Ende September zu gewinnen — kei- nenfalls später, denn die meteorologischen Verhältnisse der Alpen- welt scheinen sich, wie der Rückgang der Gletscher beweist, seit 21 Jahrhunderten eher zum Besseren gewendet zu haben, i) Nun aber mufs Hannibal selbst vom Eintritt des Schnees überrascht worden sein, welcher offenbar früher erfolgte, als er nach seinen auf sorgfältige Nachforschungen gestützten Berechnungen zu erwarten be- rechtigt war. In der That kommen solche verfrühte Schneefälle nicht 1) Gleichwohl haben wir ^nicht den geringsten Grund anzunehmen, dafs vor 2000 Jahren die Linie des ewigen Schnees wesentlich tiefer ging als heut- zutage^ (Marindin), noch weniger, dafs ^die Alpenpässe, durch welche Han- nibal vor etwa 2100 Jahren mit Elefanten nach Oberitalien zog, infolge jüngerer Hebungen heute für diese Tiere nicht mehr passierbar sind" (?). N, H. Prometheus X p. 815 f. Osiander, Der Hsnnibalwcg. 2 — 18 — ganz selten schon Mitte, ja Anfang September in den Hochalpen und selbst in den Voralpen vor — Marindin traf sogar im August auf dem Kl. Bernhard „tiefen Schnee" — und häufig folgt auf sie noch eine Reihe schöner Herbsttage. Wir dürfen also annehmen, dafs Hannibal ebenfalls Mitte September in den Alpen von einem ähnlichen ephemeren Schneefall überrascht worden ist Auf deuselben Zeitpunkt führen zwei weitere Berechnungen. Nach Polyb. III 34, 6 Liv. XXI 21, 8 fand die vorbereitende Heer- versammlung um die Zeit des Frühlinganfangs {vfcd rijv iaQivijv ÖQav, vere primö), also etwa am 21. März, in Neukarthago statt. Rechnen wir auf Hannibals Reise nach Gades (liv. XXI 21, 9ff.) — hin und zurück je 3000 Stadien — einen Monat, so erfolgte der Aufbruch von Neukarthago etwa am 21. April, das Ende des Zugs also um die Zeit des Herbstäquinoktiums. Auf dasselbe Re- sultat kommen wir, wenn wir von der Schlacht an der Trebia bis zum Beginn der Operationen Hannibals in Italien zurück- rechnen. Die Schlacht fand um die Zeit der Wintersonnenwende, also etwa am 21. Dez., statt (Pol. III 72, 3 App. VII 6). Die drei Monate zwischen der Ankunft Hannibals in Italien und jener Schlacht sind aber mit Ereignissen so reich ausgefüllt, dafs keine Möglich- keit ist, die Zeit nur um ein Geringes abzukürzen. Nach mälsiger Berechnung erforderte Hannibals Rast am Fufs der Alpen 7 Tage, der Marsch gegen Turin, die Eroberung Turins (nach dreitägiger Belagerung) und anderer Städte weitere 7 Tage, die Meldung dieser Ereignisse über Placentia nach Rom ebenfalls 7 Tage, und wie- derum 7 Tage die Überbringung der Senatsbotschaft an Sempronius nach lilybäum ; der Zug der Truppen von Lilybäum nach Ariminum dauert nach Pol. III 68, 14 nur 40 Tage, der Marsch von hier zur Trebia erfordert wohl 12 Tage; dazu kommen an Rasten und sonsti- gem Aufenthalt insgesamt 12 Tage; dies giebt zusammen 3 Monate, 1) cf. V. Breska, Untersuchung über die Quellen des Polybius im dritten Buche, Berlin 1880. Bei Livius ist die Chronologie besonders dadurch ver- wirrt , dafs er , einer zweiten später von ihm verworfenen Relation folgend, die Belagerung Sagunts bis in das 1. März 218 beginnende Jahr der Konsuln Scipio und Sempronius rückte XXI 6, 3. 15, 3 ff. (Sieglin, die Chronologie der Belagerung von Sagunt, Leipzig 1878.) Die genannte Relation beruht vielleicht auf dem — 19 — Schwieriger ist die Rechnung hinsichtlich derjenigen Begebenhei- ten, die sich während des HannibaJzugs auf römischem Boden abspielen. Nach Polyb. III 40 f. hatten die Römer auf die Kunde von Hannibals Ebroübergang die Absendung zweier Heere be- schlossen; während der Rüstungen wird in 30 Tagen die Ein- richtung der Kolonieen Placentia und Cremona vollendet; dies treibt Boier und Insubrer vollends zum Aufstand; die Unfälle der Römer in Oberitalien und die Notwendigkeit neuer Aushebungen verzögern die Abfahrt Scipios um weitere ca. 10 Tage. Erst „um den Beginn des Hochsommers" i) läuft er von Pisa aus und landet nach fünftägiger Fahrt auf die Kunde von Hannibals Pyre- näenübergang bei der massaliotischen Rhonemündung; gleich dar- auf erhält er die Nachricht von Hannibals Anrücken.'-^) Auf Grund dieser Berechnungen ergänze ich die oben gege- bene Marsch tafel durch folgende Zeittafel modernen Stils: Aufbruch von Neukarthago 21. April. Aufbruch vom Ebro ........ 30. Mai. (Beginn der Rüstungen in Rom .... 10. Juni). Aufbruch von Emporion, gleichzeitig Auf- stand der Boier . 10. Juli. Aufbruch von den Pyrenäen 18. Juli. (Abfahrt Scipios und Landung an der Rhone 22. — 26. Juli). Aufbruch von der Rhone 15. August Antritt des fünf zehntägigen Alpenzugs . . 6. September. Ankunft in Italien 20. September. Irrtum, Sagunt liege am Ebro resp. jenseits desselben (Liv. XXI 44, 6 Appian VI 10) Wie konnte auch Hannibal nach Eröffnung des Krieges und Antritt seines Zugs sich auf die Belagerung einer Stadt einlassen, deren Dauer nicht abzusehen war! 1) Dies ist die Grundbedeutung von vnb x^v wgalav. Mommsen erklärt „im Anfang des Sommers, also spätestens Aiifang Juni", woraus er im Wider- spruch mit Polybius den Schlufs zieht, dafs Scipio unterwegs sich sehr ver- weilt oder in Massalia in seltsamer Unthätigkeit lange Zeit gesessen haben mufs". Am Anfang des Sommers — agxofievriq rrJQ ^egelag — fand aber nach Polybius V 1, 8 der Ebroübergang statt. 2) Dies bedeutet nagovala 40, 7 wie 41, 8. Das Eintreffen Hannibals am Ehoneübergang wird von Polybius proleptisch erwähnt, denn Scipio hat nach dem polyb. Context und Liv. XXI 26, 5 noch keine Kunde von der Stellung Hannibals, weshalb er zunächst Keiterei zur Rekognoszirung absendet 2* — 20 — Wurde Hannibal auf der Höhe der Alpen auch vom Winter über- rascht, so war doch die Zeit, die er für den Alpenzug gewählt hatte, die denkbar günstigste. Die Tage sind zwar kürzer und frischer, dafür ist die Luft reiner und klarer. Die Flüsse und Bäche haben um diese Zeit ihren Tiefstand erreicht, und schwere Gewitter sind kaum mehr zu befürchten. Für die Tiere gab es reichlich grünes und dürres Futter, und für die Leute waren die Scheunen frisch gefüllt. 5. Die Stralsen von Spanien nach Italien auf Grund der römischen Itinerare. Siehe Tafel U. Das älteste Itinerar findet sich bei Strabo IV 178 f. Nach A. Biese (Geogr. Lat min. 8) gehen die hier gegebenen Mafse auf Agrippas (t 12 V. Chr.) Reichsvermessung zurück. Dem Zeitalter Trajans gehören die 1852 in den Bädern von Vicarello (Aquae ApoUinares 33 Meilen nördlich von Rom) entdeckten vier Vas- cula Apollinaria an, silberne Reisebecher, die sämtliche Sta- tionen von Gades bis Rom unter Beschränkung auf die Ge- növrestralse aufführen. Das Itinerarium Hierosolymitanum vom Jahr 333 beschreibt die ebenfalls über den Genövre gehende Reise a Burdigala Hierusalem usque et ah Heraelea per Äulonam et per urbem Romam Mediolanum usque. Das Itinerarium Antonin um, das die Hauptstraf sen sämtlicher Reichsprovinzen enthält, stammt wohl aus der Mitte des vierten Jahrhunderts. Das wertvollste Itinerar ist das der sogenannten Peutingertafel, als dessen Urheber K. Miller den vom Ravennaten (sec. VII) citierten Castorius (um 365) bezeichnet. Nach Desjardins vereinigt das uns vorliegende Werk die Arbeiten verschiedener Epochen von Augustus bis Justinian. — Ich gebe hier in besonderer Zusammenstellung die uns interessierenden Strafsen mit besonderer Berücksichtigung der älteren Itinerare. a) Vom Summus Pyrenaeus (Col de Pertus) bis Traieetum Rho- dani (Tarascon). Strabo rechnet von der keltisch - iberischen Grenze bei den Tropaea Pompei bis Narbo 63, von hier bis Nemausus 88 resp. -21 — 90 Meilen (IV 187:720 Stadien); bis ügemura ungefähr 100 Stadien. Nach den Itineraren sind die Stationen nebst Entfernungen folgende : Summus Pyrenaeus 5 ad centenarium (centuriones) 12 lUibiris (Eine) 8 Euscino (Castel Koussilon) 6 Combusta 32 Narbo (Nar- bonne) 16 Baeterrae (Böziers) 12 Araura sive Cessero (St. Thib^ry) 18 Forum Domitii (Montbazin) 15 Sextantio (Castelnau) 15 Ambrussum (Pont Ambruis) 15 Nemausus (Ntmes) 16 ügemum (Beaucaire) 1 Traiectum Ehodani. h) Von Traiectum JRhodani bis Valentia (Valence) und Lugdu^ num (Lyon) nach It Hier. (Desjardins Gaule romaine IV 34 f.). Traiectum Ehodani 15 Avenio (Avignon)^) 5 Cypressata 15 Arausio (Orange) 13 ad Letoce (Lez) 10 Novem Crares 15 Acunum (Aygu) 12 Bantianae 12 ümbennum 9 Valentia. Die Peutingertafel ist hier unvollständig. Das It. Ant. giebt folgende Fortsetzung: Valentia 22 ürsolae 26 Vienna (Vienne) 23 aut per com- pendium 16 Lugdunum. c) Von Traiectu/m JRhodani bis Ocelum (San Ämbrogio di Torino) resp. Turin. Strabo IV 1 79 : von Tarascon zu den Grenzen der Vokontier und zum Anfang des Alpenanstiegs über den Druentias und Cabal- lion 63 Meilen; wiederum zu den andern Grenzen der Vokontier und des Cottiuslandes nach Ebrodunum 99 Meilen ; über Brigantion nach Scingomagos 72, nach Ocelon, der Grenze des Cottiuslandes 27 Meilen. Die Stationen der Itinerare sind: Traiectum Ehodani 11 Glanum (St Eemy)^) 12 Cabellio (Cavaillon) 12 ad Fines 10 Apta Julia (Apt) 12 Catvincia 16 1) Erschlossen aus den Angaben ügemum 9 Ärelate und ÄreUUe 24 Ävenio, 2) Diesen direkten Weg giebt nur Vase Apoll. IV, die übrigen Itinerare geben den Umweg über Arelate. — 22 — Alaunium (Alaun) 24 Segustero (Sisteron) 16 Alamons (Allemont) 18 Vapincum (Gap) 12 (13) Caturigomagus (Chorges) 17 (18) Eburodunum (Embrun) 17 Bama (Barae) 18 (19) Brigantium (Brian^on) 6 Druantium sive Alpis Cottia (Mont Genevre) 5 Tyrium sive Caesaro (Cösanne) 8 ad Martis (Oulx) 16 (17) Segusio (Susa) 27 (20)1) Ocelum (San Ambrogio) 20 Taurini. Nach den It Hier, und Anton : Segusio 1 2 ad duodecimum 1 2 Fines (A vigliana) 8 ad octavum 8 Taurini. d) Von Valentia bis Vapincum naeb It Hier, {und Ant). Valentia 12 Cerebelliaca 10 Augusta (Aouste) 12 Darentiaea 16 Dea Vocontiorum (Die) 12 Lucus (Luc) 9 Volocates (Inde ascenditur Gaura mons = Mont Toussi^res) 8 Cambonum 8 Mons Seleuci (Mont Saigon) 8 Davianum 12 ad Finem 11 Vapincum (Gap). Der Weg mündet hier in die südliche Genövrestralse. Die ent- sprechende Stralse der Peutingertafel ist von Augusta ab total ver- derbt; sie mündet nach der Zeichnung zwischen Alpis Cottia und Ladaone (entstellt aus Caesaone) an einer ganz unmöglichen Stelle. e) Von Vienna bis Vapincum. Diese Stralse, die nur von der Peutingertafel resp. dem Ba- vennaten beschrieben ist, wohl die jüngste der drei Gen^vrestrafsen, enthält die Stationen Vienna 15 Turodonnum (Tourdan) 14 Morgin- num (Moirans) 14 Cularo (Grenoble) 12 Catorissium (Vizille?) 5 Mellosedum (Laffrey?) 10 Durotincum (am Drac bei La Mure?) 8 Stabatio (bei La Salle?) 8 (Corps?). Die weitere Strecke bis Va- pincum (34 km) ist nicht bezeichnet. Jedenfalls mündet die Strafse nach der Zeichnung in diejenige von Valentia nach Vapincum resp* mit dieser vereint in die südliche GenÄvreroute. Nach der gewöhn- lichen Ansicht soll die Stralse durch das Thal der Eomanche und über den 2075 m hohen Col du Lautaret nach Briangon führen. Abgesehen von der LTnwahrscheinlichkeit, dafs die Bömer durch 1) Die Zahl 27 hat Vase. Ap. I ; 20 Vase. Ap. 11 u. III. Letztere Ziffer bezeichnet die direkte Entfernung, erstere die Länge des alten über die süd- lichen Vorberge führenden Wegs. — 23 — diese wildeste G^end des Dauphin^ eine Stralse gebaut hätten, spricht hiegegen die Nichterwähnung der Alpis des Lautaret und die Bemerkung des Ravennaten, dafs sich die civitas Savatio iuxta civitatem Canduribagus {Chorges oder Corps?) befinde. i) Ebenso ungerechtfertigt ist EUis' Annahme, dafs diese Strafse über den Cenis geführt habe. Nach dem Urteil der französischen ar- chäologischen Kommission führt sie vielmehr durch das Thal des Drac (Dübi Jahrbb. des Schweizjer Alpenklubs XIX 415). Über die Routen Vienna — SummusPoeninus resp. Alpis Graia — Eporedia giebt die angehängte Sektion der Peutingertafel genü- gende Auskunft 1) Desjardins führt diese Bemerkung auf einen Irrtum des Ravennaten zurück, der sein Städteregister nach der Peutingertafel angelegt habe, wo sich zufällig Stabatio oberhalb Caturigomagus befinde. Ich bestreite die Abhängig- keit des Ravennaten vom Itinerar der Peutingertafel keineswegs, bin aber mit K. Miller überzeugt, dafs ihm noch andere Quellen zu Gebote standen. Jeden- falls ist zu beachten: 1) die sehr abweichende Schreibung der Namen, 2) das Beibringen einer in der Tafel nicht genannten Station Fmes zwischen Catoris- sium und Cularo, 3) die Thatsache, dafs auf der Tafel zwischen Caturigomagus und Stabatio die mittlere der drei zum Gendvre führenden Straf sen durchgeht, weshalb eine Verbindung beider genannten Stationen durch die Zeichnung eher ausgeschlossen als gerechtfertigt erscheint. ERSTES KAPITEL. Zwölf Leitsätze als Grundlagen der Kritik nnd KekonstrnktioD. Als unanfechtbare Zeugnisse haben diejenigen Angaben der beiden Hauptzeugen zu gelten, in denen wesentliche Übereinstim- mung nachzuweisen ist, vor denen sich also sämtliche Parteien zu beugen haben, mögen sie Polybius oder Livius als ihren Ge- währsmann anerkennen. Eine solche Übereinstimmung dürfen wir nach dem von den Exegeten im allgemeinen adoptierten Grund- satz auch da konstatieren, wo die klare Angabe des einen Ge- währmanns die beste Erklärung für den unvollständigen oder dunk- leren Ausdruck des anderen bildet Die* zwölf Leitsätze, deren jedem die nötige Begründung resp. Widerlegung abweichender Aufstel- lungen folgen wird, enthalten die Grundthatsachen von Hannibals Alpenzug , bilden also ebensowohl die Prüfsteine fremder Theorien als Bausteine für die eigene Rekonstruktion. Damit hoffe ich um- ständliche Wiederholungen zu vermeiden und zugleich einen allge- meinen Überblick über die Geschichte des Zugs geben zu können. I. Hannibal wählte für den Alpenzug einen Weg, der bereits durch keltische Heerzüge erschlossen war. Im Gegensatz zur Behauptung sekundärer Gewährsmänner, der Hannibalsweg sei ein novus transitus gewesen i), enthält dieser Satz die Meinung der beiden Hauptgewährsmänner. Polyb. III 51, 4 ff., 54, 5 ff. und Liv. XXI 33, 2. 10, 34, 4. 6. 9, 35, 3 — beachte auch den Gegensatz 36, 4 : per invia circa nee trita antea — 21) Nepos Hann. 3, Vergil Aen. X 13, Silius III 516, Valerius Maximus III 7, Eutrop in 8 , Ammian XV 10 , Aurelius Victor viri ill. XL 2, Appian VU 4. Selbst Livius scheint gelegentlich in diesen Irrtum zurückzufallen XXVII 39, 7. — 25 — weisen nicht allein deutlich auf schon vorhandene Wege, sondern geben auch zu erkennen, dafs auf eben diesen Wegen „wiederholt und noch neuerdings" (225) Keltenheere zum Teil mit Weib und Kind nach Italien zogen III 48, 6 XXI 30, 8 (V 34). Letzteres Moment ist besonders wichtig. Ohne Zweifel führten zu Hanni- baJs Zeit Wege über die meisten Pässe der Alpen; dies folgt schon aus dem Hinweis auf die starke Gebirgsbevölkerung Pol. III 48, 7, die doch nicht hermetisch sich von ihresgleichen abschlols. . Wenn also liv. XXI 38, 8 bezweifelt, dafs die Wege über Poeninus und Cremonis iugum damals erschlossen waren (patuisse), so leugnet er nicht ihr Vorhandensein, sondern ihre Verwendbarkeit für Heer- mäxsche. Verwendbar für Heere konnten die Wege erst heifsen, wenn sie durch bereits vorgekommene Heerzüge erschlossen (pate- facta) waren. Diese Bedeutung des Erschliefsens zeigt am deut- lichsten Diodor IV 19: ^HQaY.Xfjg ix r^g KeXtiyiijQ nogelav eig Tijy ^Iraklav Ttoioijfuvog ymI die^iüv t'^v ÖQeivirjv rijv y.aTd rag "AXTtevg (bdoTtolrjae ti^v TQaxiJTTjra r^g ööov y.al rd dvaßazov öatB dvvaod'ac aTgaroTtidoig ymI raig töv vrtotvylwv aTtoanevaig ßdaifiov elvac, t6)v ök TijV öqetvijv raijTrjv yLaroiy.oiJVTCJv ßagßd' QU}v eluyd-ötwv rä öu^iövTa tQv agatOTtidiav 7t€Qiy,Ö7tT€iv xal AtjOTStjeiv iv Talg dvaxo^Qlaig ;^£epcü(7d^«yog äTtavrag xai roifg ijy€f.iövag z^g Ttagavofilag dvekmv iTtolrjaev dü(paX^ xotg fiera^ yeveatigotg t^jv ödocfcoglav. Die so erschlossenen Wege — auch Herkules führte nach Nepos und Plinius ein Heer über die Alpen — sind natürlich höher zu werten als gewöhnliche Gebirgspfade.0 Aus ihrer Bestimmung für den Lokalverkehr wie für den Völkerver- kehr ergiebt sich die praktische Forderung, dafs sie verhältnis- mälsig kurz und bequem gewesen sein müssen. Das beste Yer- 1) Auf der höchsten Stufe stehen die Fahrstrafsen inae, die 200 Jahre nach Hannibal in den Alpen angelegt worden sind. Cf. die Unterscheidung der Wege bei Isidor Orig. XV 16; Via qua potest ire vehiculum et via dicta est a vehiculorum incursu; nam duos actus (ein actus hat vier Fufs) capit propter euntium et venientium vehiculorum incursum, Iter quo iri ab homine quaquaversum potest Semita itineris dimidium a semitu dicta; semita autem Iwminum est, callis iter ferarum et pecudum inter montes angustum et tritum. — 26 — kehrsmittel bot bei guter Jahreszeit eine hinreichend breite Thal- sohle. Schluchten, deren Grund der Flufs ausfüllte, oder Engen, wo der Fluls, ohne den Übergang auf das freie Ufer zu gestat- ten, hart an die Berglehne herantrat, desgleichen vorkommendes Hochwasser zwangen zur Umgehung auf schmalem, rauhem und oft steilem Bergsteig. An solchen Stellen könnten am ehesten Spuren der alten Wege sich nachweisen lassen , während im Thal- grund längst jede Spur derselben getilgt ist. Die Konfiguration des Thals wie das Verkehrsinteresse der beiden Ufer gebot gele- gentlich den Flufs zu überschreiten. Diesem Zweck dienten teils Furten, bei denen die im Flufsbett liegenden Felsblöcke als Schritt- steine benützt werden konnten, teils Brücken — natürlich keine wert- vollen Kunstbrücken, wie Neumann meint, sondern jene noch heute vorkommenden primitiven Stege, die aus mächtigen Tannenstämmen mit unterlegten Steinen bestehen und im Falle der Zerstörung durch Hochwasser leicht wieder zu ersetzen sind. Unter den Neuem sind es besonders die Militärschriftsteller, die diesen Forderungen wenig Rechnung tragen. So läfst Perrin Hannibals Heer fortwährend beträchtliche Höhen auf- und nieder- steigen und schliefslich den halsbrecherischen Pfad über den Col du Ciapier einschlagen, als wären hier jemals Gallierheere mit Weib und Kind durchgezogen; dazu vergifst er, dafs „die zu beiden Seiten mit Wald bewachsenen Berghänge" Pol. III 55, 9 dem Fort- kommen von Reiterei, Trofs und Elefanten absoluten Widerstand entgegensetzen muf sten. Wenn Simler, Schanz u. a. behufs Schlich- tung der vermeintlichen Differenzen auf die Meinung verfallen sind, Hannibal habe sein Heer geteilt und auf verschiedenen Wegen über die Alpen ziehen lassen, so ist zwar nicht zu leugnen, dafs Hannibal auch im Gebirge die Truppen bisweilen getrennt mar- schieren liefs, allein von einem Marsch durch getrennte Thäler, wobei jeder Teil die Fühlung mit dem andern völlig verloren hätte, kann weder nach dem Bericht der Gewährsmänner noch nach Lage der Dinge die Rede sein. Ebenso ist der Gedanke, dafs Hannibal einmal über seinen Weg im unklaren war oder durch Feinde sich von demselben abdrängen liefs , nach PoL III — 27 — 48, 2 unstatthaft. Hatte er doch als Führer seine eigenen Leute, die den Weg schone hin und zurückgemacht hatten III 34, 6, femer die Häuptlinge aus dem Polande III 44, 7 und endlich Einhei- mische, die freiwillig oder gezwungen mitgingen III 48, 11- 52, 7. Ein Pfadsuchen auf blindes Ungefähr, das nach Liv. XXI 35, 4 einmal vorkam, muls also seine besonderen Gründe gehabt haben. IL Die Wahl des Wegs war in erster Linie durch die Absicht bestimmt, mit den Kelten desPothals rasch und sicher in Verbindung zukommen, anderseits durch den Wunsch, eine Berührung mit den Römern (und den mit ihnen verbündeten Massalioten) auf gallischem Bo- den möglichst zu vermeiden. Die erste Absicht wird von Polybius oft genug betont III 34. 44. 48. 54, insbesondere das avvröficog äfia ymI f-ier^ dacpakeiag hervorgehoben 44, 7 ; der Wunsch folgt aus Polyb. III 34, 5 und wird von livius ausdrücklich berichtet XXI 32, 2: mediterranea Oalliae petit, non quia rectior ad Alpes via esset, set quantum a mari recessisset minus obvium fore Romanum credens, cum quo, pHusquam in Italiam ventum foret, non erat in animo manus conserere, Hannibal wählte also auf dem Marsch zum Po nicht den direktem kurzem Weg, sondem einen weitem, der ihn der Gefahr einer Begegnung mit den Eömem weniger aussetzte. Unter dem direktem Weg darf keinenfalls der ligurische Küsten- weg verstanden werden; denn dieser war an sich der weitere Strabo IV 1 87 — vollends für Hannibal, der, auch hier in der Absicht^ der Machtsphäre Roms und seiner Verbündeten möglichst weit aus- zuweichen, „etwa vier Tagmärsche vom Meer'' über die Rhone ge- gangen war Pol. III 42, 1 Liv. XXI 31, 4 — , für den Zweck ins Po- thal zu gelangen aber total unbrauchbar. III. Hannibal gelangt nach viertägigem Marsch vom Ehoneübergang zur Mündung derlsöre oder zur „Insel" der Allobroger, wo er zwei Brüder im Streit um die Kö- nigswürde antrifft. Wir haben hier einen Fall, wo sich beide Berichte gegenseitig ergänzen. Nach Pol. III 49, 5 ff. ist die Insel ein Delta, dessen — 28 — zwei Seiten die Flüsse Rhodanus und SkarasO? desses Basis ein unzugängliches Gebirge bildet. Auch liv. XXI 31, 4 ff. läfst Han- nibal an der Insel eintreffen, doch nennen die Codices überein- stimmend den zweiten Flufs Ararj eine Lesart, die Silius III 452 zu bestätigen scheint Ein Marsch an die Ararmündung'-') ist jedoch eben- sowohl durch die Unmöglichkeit in vier Tagen von der Stelle des Rhoneübergangs (600 Stadien südlich von der Is6re) bis Lyon zu marschieren ^) als durch den von Liv. XXI 31, 9 gezeichneten Weg aus- geschlossen. Fast alle Herausgeber ändern deshalb nach Cluver, der in einer Cambridger Handschrift ^i^arar gelesen haben will, in Isara^ womit auch die Vertreter der Genövrepartei einverstanden sind. Sie geben damit zu, dafs nicht der Name, sondern die im Context gege- bene Beschreibung eines Flusses malsgebend ist Ebenso wird fast all- gemein zugegeben, dafs die so gewonnene Insel von den Allobrogem bewohnt war, obwohl dem die Worte Incolunt prope ÄUobroges zu widersprechen scheinen.*) Einen weitem Stein des Anstofes bildet für manchen der Umstand, dafs Polybius, seinem Grundsatz gemäf s keine überflüssigen Namen zu bringen, die streitenden Brüder nicht aus- drücklich AUobroger nennt und ihre Truppen schlichtweg als Barbaren bezeichnet, während nach livius klar ist, dafs der Streit sich bei den 1) Skaras oder Skoras — Lesart der Codices — ist der älteste nachweisbare- Name der Isöre. Im Cod. Mirand. zu Ptol. II 9 findet sich die Form SixaQoq, 2) Unter den Neuem glaubt nur noch Maissiat daran festhalten zu müssen» Maissiat ist dadurch genötigt, Hannibal zweimal das Land zwischen Rhone^ und Isere passieren zu lassen: d'dbord avec son armee seule et en redoutant quelque attaqm de la pari des ÄUobroges, puis hardiment des que de roi de nie (zwischen Rhone und Arar) avec ses troupes gauloises se fut mia h la suite en arriere-garde ! 3) Von der Is^re bis Lyon rechnet Strabo IV 185 f. 520 Stadien« 65 Meilen; von Valentia bis Lyon das It. Ant. 71 Meilen. Demnach kämen auf die Ent- fernung von Valentia zur Isere 6 Meilen. 4) Bei der gewöhnlichen lokalen Auffassung yoil prope mufsten die Allo* brogeß „nahebei der Insel", also auf serhalb derselben wohnen, weshalb Rauchen- stein und Fuchs prope auf die damalige Stellung Hannibals beziehen, in welchem Fall notwendig incolebant zu stehen hätte. Ich fasse daher prope modal wie fere (Horaz Sat. I 3, 96 ff) und übersetze: die Bewohner sind nahezu (lauter) AUobroger. Da Livius die Insel sich bis zu den Quellen der beiden Flüsse erstrecken läfst, so sind die AUobroger nicht die einzigen Inselbe- wohner cf. Livius XXI 38, 8 XXVII 39, 6. — 29 — Allobrogem abspielte, ükert, Neumann und Maissiat behaupten ge- radezu, „Polybius verlege den Bruderzwist in einen namenlosen Stamm, der mit den Allobrogem auf gespanntem Fufs gestanden habö." Diese Anschauung verbietet sich aus folgendem Grund : nach Pol. III 49, 13 begleitet der „König'^ mit seinen Truppen die Karthager durch allobrogisches Gebiet d. h. durch die Insel bis zu ihrer Haltestelle am Fufs der Alpen; da er auf demselben Weg heim- kehren mufste, so hätte er als fremder König, dessen Stamm schon vorher mit den starkem Allobrogem in Fehde lebte, von diesem das Schlimmste befürchten müssen, während dem König der AUo- broger die „Teilfürsten" nichts anhaben konnten. So führt livius direkt, Polybius indirekt zu demselben Resultat. IV. Von der Isöremündung bis zum Beginn, des Alpenanstiegs marschiert Hannibal unmittelbar dem Flufs entlang auf ebenem Boden. So meldet Pol. III 50, 1 39, 9. Welcher Flufs ist gemeint? Der Text läfst die Wahl zwischen Rhone und Isöre. Die Kl. Bemhard- partei entscheidet sich unter Berufung auf 30, 9: TCOQtvofxivoig itaq tii>%öv TÖv 7C0Taf.idv (bg irvl rag Ttrjydg für die Rhone. Allein ai^TÖg ö Ttotafiög heifst nicht, wie Linke mit Law annimmt, the very river, und (bg inl rag Ttriydg bezeichnet nur die Richtung gegen die Quellen.^) Jedenfalls „kann man zwischen Is^re und Lyon nicht unmittelbar an der Rhone bleiben ; dort sind allenthalben besonders von Givers bis Saint Vallier steile Felsen, die oft so enge an den Flufs treten, dals kein Weg für Fufsgänger bleibt" (Larauza-Ükert), und 800 Stadien rhoneaufwärts findet sich kein Alpenanstieg. Die Dunkelheit, welche auch hier der Text des Polybius übrig läfst, schwin- det durch liv. XXI 31, 9: Sedatis Hannibal certaminihus Allo- hrogum cum iam Alpes peteret, non recta regione iter instituit sei ad laevam in Tricastinos flexit, inde per extremam oram Vocontiorum agri tendit in Trieorios haud usquam impedita 1) Während dva rbv notafiov „gegen die Strömung^' bedeutet, heifst wq inl tag mjydg am Ufer stromaufwärts; 7ra(>* avtov xöv norafiov enthält zu- gleich ein strategisches Moment: die unmittelbare Nähe des Flusses gewährte eine erwünschte Flankendeckung. — 30 — via, priusquam ad JDruentiam flumen pervenit und XXI 32, 6: Hannibal ab Druentia campestri maximo itinere ad Älpis cum bona pace incolentium ea loca Oallorum pervenit Hier ist zu- nächst von einem Richtungwechsel die Rede, der einen Weiter- marsch an der Rhone ausschliefst; die Namen der beiden ersten Völker zeigen deutlich, dafs der Marsch an der Isöre erfolgte, denn nach allen Nachrichten der Alten stiefsen beide Völker nördlich an diesen Fluls.0 Die Worte „am äulsersten Saum der Vocontier" be- weisen speziell, daXs das Heer auf den schmalen üfersaum zwischen Is^re und Vocontiergebirge beschränkt war. Bis zur Grenze der Vo- contier geht nur der erste Teil dieses Marsches; auf den Flulsüber- gang (der Name des Flusses bleibt zunächst aulser Betracht) folgt ein zweiter Teil, der als iter maxime campestre bezeichnet wird. Der Superlativ drückt aus, dafs das Marschgelände nicht mehr blofs eine horizontale Linie (iTtlftedov) , sondern eine horizontale Fläche (neölov) bildete.*^) Wenn livius das friedliche Verhalten der Landesbewohner hervorhebt, so deutet er an, dafs das Heer längere Zeit mit diesen im Verkehr blieb. V. Am ersten Tag des Alpenzugs verläfst Hannibal dasFlufsthal und gelangt über eine Vorhöhe zum Fufs des Hochgebirgs. Polyb. III 50, 1 eröffnet die Schilderung des Alpenzugs mit den Worten: iJQ^aro Tfjg itqdg tag 'IdXTteig dvaßoXfjg, Nach Fuchs, der auf die Erklärung der Präposition besondere Mühe verwandte, „drückt TiQÖg die Tendenz nach der Nähe eines Ob- jekts aus; die Nähe ist nicht unmittelbar." Sein^erstes Lager schlägt Hannibal ngdg raig vrtegßokaTg 50, 5 (cf. 60, 8) „am Fufs des Hochgebirgs". Daraus folgt, dafs der Anstieg sich zunächst auf einen dem Hochgebirge vorgelagerten Höhenzug oder ein Mittel- gebirge erstreckte. Das Flufsthal mufste also verlassen werden, wie denn auch der Flufs nicht mehr erwähnt wird. All dies findet seine direkte Bestätigung durch liv. XXI 32, 8: erigentibus 1) Cic. ep. ad fam. X 23, 2; Caesar BG 1 10; Strabo IV 185. 203; Plin. m34; Ptol. n9. 2) Diesen Unterschied hat Fuchs auf Grund eines stattlichen Beweis- materials einleuchtend nachgewiesen. — 31 — in primos agmen clivos. Mit dem Beginn des iter clivosum ist das iter campestre durch das Flufsthal zu Ende. Das Lager schlägt Hannibal inter confragosa omnia praeruptaque quam extentissima potest volle] er ist also in ein neues Thal gelangt, das nunmehr, was als Novum hervorgehoben wird, Hochgebirgscharakter trägt Via. Die Örtlichkeit, bei der Hannibal den ersten Widerstand seitens der Gebirgsbewohner findet, be- steht in einem Engpaf s und in einer jenseits desselben befindlichen Anhöhe, die den ihr entlang ziehenden Gebirgspfad beherrschte, b) In der Nähe des letztern liegt der Hauptort der Gegner, c) Hannibal besetzt in der auf den zweiten Marschtag folgenden Nacht diebe- herrschende Höhe; am dritten Tag erfolgt der Durch- marsch der Armee und die Einnahme des Orts. a) Polyb. III 50, 3 redet von einer Mehrzahl von övaxcDQlac oder eHxaiQoi rönoi, „durch welche notgedrungen marschiert werden mufste.'' Die Präposition öc^ c5v zeigt, dafs nicht an die Übersteigung eines Gebirgsjochs, sondern an den Durchmarsch durch einen Engpals (Defilee oder Klüse) zu denken ist, wie auch die folgenden Begriffe OTsvd 50, 9 angtistiae liv. XXI 32, 13 be- stätigen. Danach passierte (dtijkx^e — evadif) Hannibal in der Nacht den Engpafs, ehe er die beherrschenden Anhöhen {ijTteqßohxL 51, 6 imminentes tumuli 32, S) besetzte; diese sind also nicht innerhalb des Engpasses, sondern jenseits oder oberhalb desselben zu suchen. Dem Fufs der Anhöhe entlang zieht sich ein schmaler, rauher und steiler Felsenpfad {od f,iövov otevi} xai rga^ela Ttqooßohli, dkM Y,al xQTifivcbdrjg 61, 4 praecipites deruptaeque utrimque angustiae 33, 7.0 Die Höhe bezeichnet liv. 33, 2 als arx des Gebirgsvolks: da die Barbaren nachts nach Hause gehen, so ist an keine künst- l) DiePrädizierung dieser zweiten Enge, die von dem vorher passierten Eng- pafs zu unterscheiden ist, verleitete Hennebert die polybianische nQoaßoXt] mit isthme ^troit, raboteux, soutenu de pari et de Vautre par un tahia a pü, col elong^, dessinant un A majuscule weitläufig zu umschreiben. Der Context zeigt, dafs viehnehr von einer Felswand die Rede ist, die auf der einen Seite des Weges ebenso steil aufstieg als nach der andern jäh abfiel, so dafs kein Aus* weichen möglich war. — 32 — liehe, für die Unterkunft der Verteidiger eingerichtete Befestigung zu denken, vielmehr an eine alte Volksburg (Eingwall), wohin ein ganzer Stamm sich in Zeiten der Gefahr begeben konnte. b) Die Nähe des feindlichen Hauptorts (Liv. 33, 11 castellum, Caput eins regionis) folgt direkt aus den Worten etg tlvo naga- y.ei/Äivrjv nöXiv 50, 7, indirekt aus der Thatsache, dafs die Leute es wagen trotz Hannibais Nähe bei Nacht ihre Stellung zu ver- lassen. Der Ort lag jedenfalls beträchtlich näher als das zweite Lager Hannibais. Aus der Präposition Tvagd darf man schlielsen, dafs die Stadt weder über noch unter, sondern ziemlich auf gleichem Niveau mit der Burg des Volkes lag. c) Die Darstellung des Livius 32, 9 — 33, 1 läfst keinen Zweifel, dafs die Besetzung der Anhöhe durch Hannibal in der Nacht vom zweiten auf den dritten Marschtag, der Durchmarsch des Heers und der Kampf am dritten Tag stattfand. Wenn auch bei Polyb. 50, 5 — 51, 1 die drei Tage sich nicht ebenso deutlich ab- heben, wie bei Livius, so ist doch schon die Erwähnung des zwei- maligen Lagerschiagens — das erste Mal 50, 5 „am Fufs des Hochgebirgs", das zweite Mal 50, 8 „nicht weit von den Feinden" — Beweis genug, dafs vor Besetzung der Anhöhe zwei Tage verstrichen sind, wie denn auch Liv. 31, 4 quartis castris so viel ist al& quaHo die Pol. III 49, 5. Es wird sich zeigen, dafs diese Grundthatsache von den beiden grofsen Parteien völlig übersehen worden ist. Vlla) Der Ort, wo Hannibal auf neuen Widerstand seitens eines zweiten Alpenvolks stiefs, war eine schwie- rige Felsenschlucht oder Klamm, b) Hannibal deckt den Durchmarsch von Eeiterei undTrofs mit seinen in Linie aufgestellten Hopliten, die zwischen der passie- renden Kolonne und den angreifenden Feinden Stellung genommen hatten, c) Der Durchmarsch erfolgt am achten Tag und während der darauffolgenden Nacht a) In der Schilderung dieser Episode erwähnt Polybius eine cpdqay^ dvaßarog y.al XQr]f.ivd)dr]g 52, 8 und eine /a(>a(Jßa 53, 5. Vom einfachen Engpafs (areva) unterscheiden sich diese dadurch, dafs hier der Thalgrund vollständig vom Flufsbett ausgefüllt ist. - 33 - während dort zwischen Fluls und Gebirgswand ein schmaler üfer- saum für den Weg übrig bleibt Bei Livius findet sich neben den allgemeinen Begriffen saltus 34, 7. 35, 1 und anffustiae 34, 8 eine kurze Beschreibung der Gegend in den Worten angustior via et parte altera subiecta iugo insuper imminenti 34, 6 : ^) der an bewaldeter Berglehne sich hinziehende und darum schmaler ge- wordene Weg wird auf der andern Seite von einem Gebirgsjoch überragt. Hiemit sind ebenfalls alle Merkmale einer Schlucht ge- geben. Dafs die Feinde einem andern relativ starken Alpenvolk angehören, folgt direkt aus liv. 34, 1, indirekt aus dem Inhalt der Verhandlungen bei Pol. 52, 5 ff. b) Die aus Hopliten (Pol. 53, 1) bestehende Deckungstruppe bildete eine Linie acies liv. 34, 7, die sich über einen mauer- artigen Weifsenstein {rtegl ri kevuÖTtCTQOv dxvqöv Pol. 53, 5)2) hinzog. Hopliten eigneten sich nicht zum Femkampf, konnten also nicht (wie ich früher annahm) von dem jenseitigen Gebirgs- joch aus die herandrängenden Feinde abwehren, bildeten vielmehr zwischen diesen und der passierenden Kolonne einen lebendigen Zaun {iöTB^av Tijv iTt^pogav cöv ßagßdQtov 53, 2). Auf derselben Berglehne über den Defilierenden stehend {icpedQevovreg rovroig 53, 5) mufsten sie, um auf deren Weg zu gelangen, zur Schlucht hinabsteigen {demittere affinen in angustias 34, 8). c) Nach Pol. 52, 2 53, 6 ff. Liv. XXI 33, 11 ff. 35, 4 erfolgen die Kämpfe bei der Schlucht am vierten Tage nach dem Aufbruch aus der eroberten Stadt, resp. am Tag vor dem Aufstieg zu den Pafshöhen, der am neunten Tag des Alpenzugs stattfand. Bei livius finden sich allerdings zwei Ungenauigkeiten: er übergeht den Easttag bei der eroberten Stadt (Pol. 52, 1) und lälst sowohl die erste Begegnung mit den Barbaren als auch die Kämpfe bei der Schlucht am gleichen Tag erfolgen. Viel bedenklicher ist die schon 1) Saltus bedeutet nach Isid. Or. XVI 8,2 vmta et silvestria loca, ubi arhores exsiliunt in altum; 14, 8 iuga montium ex eo appellata quod pro- pinquitate sui iungunttir. Die Darstellung Polybs setzt ebenfalls Wald vor- aus, in welchem sich die Feinde verborgen hielten. 2) Die praep. nsgi entspricht hier wie an anderen Stellen z. B. Pol. III 55, 6 V 24, 12 dem stammverwandten per. Osiander , Der Hannibalweg. 3 — 34 — angedeutete Verwirrung der Chronologie bei den Vertretern der beiden grolsen Paxteien. Da sie die Angaben Pol. 52^ 2: t£% aq- Tatog cöy aid-ig eig T^tvdijvovg Ttageyävevo fxeydkovg und 52, 8: TtgoTtoQcvofiivwv d^ adzciv ijtl dtj' ifjf,iiQag zeitlich koordinieren und also zwischen dem Aufbruch aus der eroberten Stadt und den Kämpfen bei der Schlucht sechs Tage vergehen lassen, so waren sie gezwungen sämtliche Ereignisse, die sich (nach Leitsatz V und VI) auf drei Tage verteilen , auf den ersten Tag des Alpenzugs zusammenzudrängen , schon am zweiten Tag einen Basttag anzu- setzen, die xlvdvvoi, fieydkoc Polybs auf die friedliche Begegnung mit den Barbaren zu beziehen, die Begegnung auf den sechsten Marschtag zu verlegen und schliefslich nach zweitägigem Marsch Kampf und Aufstieg in der einen Nacht vom achten auf den neunten Marschtag sich abspielen zu lassen. Diese den Texten durchaus widersprechende Auffassung entspringt der Verkennung einer bei Polybius häufigen Stileigentümlichkeit — Markhäuser nennt sie Polybs „Kapitalsünde''. Die Vertreter der Genövretheoriß haben wohl die richtige Erkenntnis, versäumen aber am richtigen Platz sie zur Anwendung zu bringen. Nach Rauchenstein, Neumann u. a. liebt es Polybius in populärem Erzählerton „ganz kurz und zur bessern Orientierung des Lesers vorzugreifen.** i) Polybius ncr ginnt die Erzählung einer neuen Episode mit der Ankündigung des kommenden Hauptereignisses (im Aorist), worauf er, mit ydg einleitend, die auf das Hauptereignis vorbereitenden Nebenumstände (im Imperf.) der Zeitfolge nach entwickelt In unserm Fall bilden das Hauptereignis die fieydkoc yUvövvoi d. h. die Kämpfe bei der Schlucht am vierten Tag nach dem Aufbruch aus der eroberten Stadt, 52, 2 ; der Best des Kapitels 52, 3 — 8 schildert die zu diesen Kämpfen führenden Nebenumstände. Wir werden sehen, dafs selbst livius resp. sein Gewährsmann Polybs Darstellung mifsverstehend gelegentlich Haupt- und Nebenumstände verwirrt. VIII. Nach Vereinigung der Truppen erfolgt am neunten Tag zunächst der noch einigermalsen von den l) Solche Prolepsis oder Antieipation findet sich auch bei Homer D. IX 528 und Herodot VII 26. -- 35 — Feinden belästigte Vormarsch bis zum Fuls der zu übersteigenden Centralkette, sodann der von Feinden nicht mehr erschwerte Aufstieg zu den Pässen. Diese Unterscheidung gründet sich auf Pol. III 53, 6 : t^ (J* iTcaiJQiov , , . TtQO^ye Ttqdg xäg VTteQßoXdg tag dvoitdno tcöv 'L4k7t€wv und 53,9: ivaratog dk dtavijoag eig rdg ^TtBQßoXdg. Auch livius unterscheidet den von den Feinden belästigten Vor- marsch (proffressi 35, 2) und den ohne äufseres Hindernis vollzogenen Aufstieg zur Pafshöhe {iugum 35,4). Die Belästigung seitens der Feinde bestand darin, dafs diese latrocinii magis quam belli more etliche Lasttiere an der Spitze und am Ende des Zugs annektierten — schwerlich in grofsem Mafsstab, da zahlreiche gestürzte und ver- sprengte Tiere später sich von selbst wieder einstellten. Dafs der Aufstieg sich ohne weitere Gefährdung vollzog, beweist die kurze Erwähnung seines Gelingens. Für besonders beachtenswert halte ich, dafs sowohl Polybius als Livius V 34, 8, wo er den ersten Über- gang der Gallier über diese Alpen beschreibt, von einer Mehr- zahl von Pässen {vneQßoXaL, saltus) redet. Der Umstand, dafs die Barbaren auch Tiere am Ende des Zugs sich aneignen konnten, während doch nach bisherigem Brauch die Infanterie die o^Qayla bildete, dürfte ebenfalls darauf hindeuten, dafs der Aufstieg in ge- trennten Kolonnen und auf verschiedenen Wegen erfolgte. IX a) Die Gröfe der Pafsebene ergiebt sich aus dem Umstand, dafs auf ihr zweimal an getrennten Stellen ein Lager geschlagen wird; b) ihre Richtung und Lage daraus, dafs von hier ein Stück der Poebene gesehen werden kann; c) ihre klimatische und botani- sche Beschaffenheit daraus, dafs sie zu längerer Bast für die Leute und zur Weide für ca. 12000 Tiere sich geeignet erwies. a) Die zwei Lager erwähnt Pol. III 53, 9. 55, 6. Liv. XXI 35, 5 (stativa) 37, 2; das erste Lager, das eine Fläche von mindestens 1 qkm bedeckte, befand sich im Innern der Pafsebene % das 1) Stavvoaq slg rag vTtegßokag. Die praep. elg bezeichnet nach Fuchs „die Tendenz nach dem Innern einer Fläche oder eines (festen oder hohlen) Köipers'^ 3* — 36 — zweite lediglich für Reiterei, Trols und Elefanten bestimmte am jen- seitigen steilen Felsenrand (7r£p2 Ti)r ^«/ty^), HQrjfÄVol 56, 1 Livius in iugo). Das Heer war schon einige Zeit auf dem Marsche, ehe die Spitze das bei der ^axcg befindliche Hindernis erreichte und den Zug zum Stocken brachte Pol. 54, 4 ff. Liv. 35, lOff. Wir dürfen iiemnach die Entfennmg beider Lagerstellen immerhin auf 2—3 Meilen, die Länge der ganzen Pafsebene etwa auf das Doppelte anschlagen. Die Breite des Plateaurandes ergiebt sich wiederum daraus, dafs auf ihm ca. 12000 Tiere kampieren konnten. b) Die Thatsache einer Aussicht auf die Poebene steht Pol. 54, 2 f. Liv. 35, 8. Auch der neutrale Eanke erkennt an (Welt- gesch. III 2, 189): „Die Worte ivdecy^vtjfxevog atjrotg rd tzbqI töv ITddov Ttedla lassen sich nicht anders erklären als dafs man von dort die Ebene des Po wirklich gesehen habe" ; und Mac6 schreibt (Descr. du Dauphinö 323 ff.): II n'y ä pas lä de V ambiguite pos- sible: Tite-Live ne dit pas, comme quelques -u/ns des savants lui fönt dire, qW Annihal montra, en quelque sorte, pour ainsi dire, par la pensee, lesplaines de VItalie ä ses soldats; ce n' est pas par les yeux de Vesprit, c' est per les yeux du corps qu'il les leur fit voir. Mit Worten, deren genug gewechselt waren (liv. XXI 30), und „begleitenden Gesten" (Hennebert), die ins Leere gingen, war den Verzagten nicht gedient; Hannibal liefs die That- sachen reden (cf. liv. XXI 42: rebu^ prius quam verbis adhortandos milites ratus), und der Erfolg gab ihm recht, denn der Anblick „hob wesentlich den Mut der Leute" Pol. 54, 3. c) Hannibal blieb zwei Tage auf der Pafshöhe, um die Leute rasten zu lassen und die Nachzügler aufzunehmen Pol. 53, 9 Liv. 35,5. Nach Pol. 56, 4 brachte er 6000 Reiter nach Italien; die Zahl der Trolstiere dürfte gleich grols gewesen sein ; dazu kamen noch Ele- fanten. Da diese infolge des Schneefalls der Gefahr des Verhungems ausgesetzt waren, so folgt daraus, dafs sie kein Futter mitführten, sondern auf die vorhandenen Weiden angewiesen waren Pol. 55, 8 f. 1) ^dxiQ (a.l. (XQXfi) ^^^ I^ol. 55, 6 die ursprüngliche Bedeutung „Grat", franz. arefe (Marindin); Strabo III 156 IV 207 bedeutet es „Gebirgszug.* — 37 — Liv. 37, 4 f. Solche müssen also in reichem Malse vorhanden ge- wesen sein, wogegen Baumwuchs durch Pol. 55, 9 Liv. 37, 4 aus- geschlossen ist. Xa) Das Gebirge hat seinen kürzern und steilern Abfall gegen Italien, b) Das Abstiegshindernis lag un- mittelbar am Plateaurand, c) Hannibal versucht es zu umgehen und an einer andern nicht allzufernen Stelle den Abstieg zu bewerkstelligen. a) Nach Liv. 35, 11 war der Abstieg viel schwieriger als der Aufstieg: ut pleraque Älpium ab Italia sicut breviora ita ar- rectiora sunt Die Bemerkung ist zwar allgemein gehalten, wäre aber müfsig, wenn sie nicht speziell auf den vorliegenden Fall zu- träfe; sie wird durch PoL 54, 4f. bestätigt, der „die kaum geringem Verluste'', die der Abstieg kostet, lediglich auf natürliche Ursachen, den schmalen abschüssigen Weg und den Schnee, zurückführt b) Auf diese Stelle des Hindernisses weist sowohl die Position des zweiten Lagers, als der Umstand, dafs die Wegarbeiter mit dem Aufhauen des am Plateaurand haftenden Schnees beginnen (dca^Yiadfievog Tijy ift a'ÖTfj sc. t'^ ^d%et xcöva 55, 6). Auch kann das Heer nicht erst gegen Ende eines normalen Tagmarsches hier angelangt sein, denn verschiedene längere Zeit in Anspruch neh- mende Operationen werden noch am gleichen Tag erledigt, so das Ab- klettem der 8000 expediti an der gefährlichen Stelle Liv. 36, 1 (Pol. 56, 4), der vergebliche Versuch das Hindernis {per invia circa nee trita antea quamvis longo ambitu) zu umgehen und an einer andern Stelle abzusteigen Pol. 54, 8 ff. Liv. 36, 4 ff., das Aufhauen des Schnees und die Anlegung eines zweiten Lagers, während gleichzeitig die übrige Infanterie, die bei den folgenden Arbeiten nicht beteiligt ist, ihren Abstieg ausführt. c) Da an der neuen Stelle, wo Hannibal abzusteigen versuchte, dieselben meteorologischen Verhältnisse herrschten wie an der Stelle des Hindernisses — den Grund bedeckte Firnschnee unter einer dünnen Lage Neuschnee — , und da Hannibal nach dem Mifslingen seines Versuchs bald wieder an der alten Stelle eintraf, so konnten beide SteUen nicht allzu weit voneinander entfernt sein. — 38 — XI a) Die Länge des Abstiegs verhält sich zu der des Anstiegs wie 3:8. b) Weder Natur noch Menschen le- gen dem Einmarsch in Italien ein weiteres Hindernis in den Weg. a) Während der An- und Aufstieg acht Tagmärsche erforderte, erfolgt der letzte Abstieg und Einmarsch in Italien in drei Tagen Pol. 56, 1 Liv. 37, 1. Ein weiterer unvollständiger Tagmarsch, wel- cher der halben Länge der Pafsebene entspricht, bleibt hier aufser Be- tracht Die Vorsicht, die der Abstieg am Steilabhang des Gebirgs erheischt, läfst nicht zu, dafs wesentlich gröfsere Strecken zurück- gelegt werden als während des Anstiegs. Dagegen darf angenom- men werden, dafs am ersten Tag des Abstiegs das Heer im Haupt- thal angelangt ist, so dafs der Zug durch dieses nur noch zwei Tage in Anspruch nimmt b) Nach Liv. 37, 6 war sowohl Gegend als Charakter der Be- wohner milder {molliora\ Land und Leute also kultivierter. Poly- bius bestätigt beides, indem er einfach vom Gelingen dieses Zugs berichtet Wie die Verluste an Menschenleben, so kommen auch die „heimlichen Schadenstifter'' wohl nur auf den Abstieg vom Ge- birge 54, 4. Die Chronologie des Abstiegs erscheint nicht allein bei den Erklärern, sondern selbst bei den Autoren ziemlich verworren. Nach Polybius 56, 3 liv. 38, 1 erfordert der ganze Alpenzug 15 Tage, wovon 9 Tage, darunter ein Basttag, auf den Anstieg kommen; es bleiben also 6 Tage für weiter Bast und Abstieg. Wie sind diese aus- gefüllt? Nach Polybius blieb Hannibal 2 Tage auf der Pafshöhe 53,9, der Aufbruch erfolgt rij iTtaijQiov 54, 4, der Abzug der Pferde und Trofstiere an einem weitem Tag 55, 7, die Bettung der Elefanten erfordert 3 Tage 55, 8, worauf in 3 Tagen die Poebene erreicht wird — das sind nach „mechanischer Zählung'' 10 Tage. Livius rechnet für das Standlager auf dem Pafs 2 Tage 35, 4, für den Aufenthalt beim Felsen 4 Tage 37, 4, für den Abstieg 3 Tage 37, 6, also zusammen 9 resp. 18 Tage. Die Schwierigkeit löst sich lediglich durch die Annahme, dafs die genannten Zeiträume inein- andergreifen. Demnach wird am 10. Tag des Alpenzugs gerastet; — 39 — am 11. Tag erfolgt der Aufbruch des Heers und der Abstieg der Infanterie, während Hannibal diesen Tag, also zusammen zwei Tage, mit Reiterei, Trofs und Elefanten auf der Höhe bleibt; am 12. Tag folgt der Abstieg Hannibals mit Eeiterei und Trofs, am 13. Tag beginnt mit der Überholung der Elefanten der definitive Abstieg zur Poebene. Ebenso gilt das quadriduum bei Liv. 37, 4 (Oros. IV 14) dem ganzen Aufenthalt auf der Höhe in der Nähe des Felsens inkl. Bast und verbindet sich noch mit dem triduüm des Abstiegs 37, 6. Der ganze Abstieg dauerte also vom 11. bis 1 5. Tag d. h. 5 Tage, wie auch Orosius angiebt Der Hunger der Elefanten Pol. 55, 8 — bei Liv. hungern die Lasttiere — erklärt sich genügend durch ein zweitägiges Fasten, nach einem fünftägigen Fasten hätte man sie kaum mehr herüberzuholen nötig gehabt XII. Das erste italische Volk, mit dem Hannibal nach Vollendung des Alpenzugs zusammenstief s, waren die Tauriner. Die Thatsache, dafs Hannibal zu den Taurinern abstieg, stand nach Liv. 38, 6 allgemein fest Die Zustimmung Polybs folgt indi- rekt aus III 60, 2. 8 ff (II 15): Hannibal schlägt unmittelbar am Fufs des Gebirgs, an welchem die Tauriner wohnten, sein Lag^r, läfst die Truppen ausruhen und eröffnet sodann seine kriegerische Aktion in Italien mit der Belagerung und Eroberung der Haupt- stadt der Tauriner (Taurasia Appian VII 5). Der Turiner C. Promis sagt darüber: ^Prevalga la ragion diguerra immutabile ed etemaA) Wenn also im Bericht von jenem Alpenzug nichts anders klar und sicher übereinstimmend sich fände, als die Einnahme von Turin, so müfsten wir schon deshalb annehmen, dafs Hannibal den Weg eingeschlagen hat, der von Natur zu dieser Stadt führt, nicht aber einen andern, der wie derjenige durch das Aostathal, ihn wesent- lich weiter nach Osten gebracht hätte. — Gewils wäre Hannibal kein grolser, sondern ein unfähiger Feldherr gewesen, wenn er in Ivrea angelangt und wissend, dafs Scipio in Placentia stand, be- reit über den Po zu gehen, absichtlich Zeit verloren und Marsch 1) Cf. Liv. XX TT 39, 10: eadem ratio j quae fuit futuraque, donec res eaedem manehuntj immutahilis est (Worte des Q. Fabius Maximus). — 40 — und Operationsbasis aufgegeben hätte mit einem Bückmarsch nach dem 55 km entfernten Turin, ohne zu wissen, wie lang er dort zu bleiben hatte. Scipio wiederum wäre ein unfähiger Feldherr ge- wesen, wenn er diesen Fehler nicht benutzt hätte; denn Hannibal hätte nicht nach Turin kommen können durch eine Gegend, die — von kleinen Wasserläufen abgesehen — von acht Flüssen und Wild- bächen durchfurcht war, ohne dafs er beim Anmarsch die linke, beim Rückmarsch die rechte Flanke Scipio dargeboten hätte — enormi errori non ammissibili nel Romano e tanto mono nel Cartaginese.^ {Le antichitä di Äosta u. di Torino). Ich konstatiere, dafs diese schon bei Maccaneo (f 1520) vorkommende Beweisfüh- rung die Zustimmung fast aller militärischen Sachverständigen gefun- den hat. Die Zustimmung Polybs folgt aber direkt aus XXXIV 10, 18 resp. Strabo IV 209: TixTaqag ö' vn:€Qßda€ig dvof.idUL f,iövov ' did ^tyijwv fikv rrjv iyyiaxa Tip TvQQrjvmi^ ftekayet, elta zij V dcd TavQlvwv, fjv ^AvvLßag dc^Xd-ev^ eha ti^v did 2akaoa(ov, reTdQTTjv dk tt/jv did ^Pairßv, andaag XQr]fiv(i>Ö€Lg, Gegenüber der Behauptung, die Worte fjv IdvvLßag di^XO^ev ^ seien ein aus livius entlehnter Zusatz Strabos, erklärt der neutrale Ranke (a. a. 0. 191): „Strabo giebt an dieser Stelle in längerem Zusam- menhang einen Auszug aus Polybius, so dafs es am natürlichsten erscheint, die angeführten Worte als aus diesem Autor entlehnt anzusehen, nicht als Ausdruck der eignen Ansicht Strabos" — noch weniger der Ansicht des Livius, den Strabo nicht einmal gekannt zu haben scheint 1) Nach Marindin fehlen diese Worte in einigen Handschriften. Eine treffliche englische Liviusausgabe enthält den Vorschlag die Worte hinter ^a/.aoawv einzusetzen — ein verblüffend einfaches Auskunftsmittel ! Die Aus- führung Mommsens CIL V p. 809. „Entwed jr hat Strabo die vier Wege richtig angegeben und die Notiz über Hannibal irrtümlich dem Taurinerweg beigesetzt, oder aber hat er den Taurinerweg, den erst Pompejus eröffnete, unter die vier von Polybius genannten Wege aufgenommen und an Stelle der zwei von Polybius genannten Salasserwege nur einen genannt", unterscheidet sich da- von nicht wesentlich. ZWEITES KAPITEL. Kritik der Gegentheorieen. Nach Fuchs giebt es „vom Simplon bis Nizza keinen Über- gang, ja selbst keinen Jägersteig, den ernstes Studium oder die Phantasie des Reisenden nicht in enge Verbindung mit Hannibal und seinem Heer gebracht hätte/' Meines Wissens hat noch nie- mand die allen Voraussetzungen widerstreitende Theorie von einem Zug Hannibals über Nizza d. h. auf dem ligurischen Küstenweg aufzustellen gewagt, dagegen kann die Reihe der angeblichen Hannibalübergänge nach entgegengesetzter Richtung verlängert werden. So hatte ein Dr. Hoefer 1859 den Mut, Hannibal den Weg über Furka und St Gotthard einschlagen zu lassen (Nouv. Biogr. G6n. II 722) y weil Hannibal nach Pol. III 39, 9 (bg iml rcig Ttrjydg der Rhone gezogen sei und die erste Schlacht gegen die Römer am Ticinus stattgefunden habe. Auf solche Absurditäten kann man kommen, wenn man auf ein einzelnes aus dem Zusammenhang gerissenes und darum mifsverstandenes Datum eines Gewährs- manns sein System aufbauen will. Wir haben uns hier nicht mit ähnlichen ^wilden Einfällen^' noch mit Augenblicksäufserungen ir- gend eines grolsen Mannes ^), sondern mit wissenschaftlich begrün- deten Theorieen zu befassen. Für die Kritik kommen nur drei 1) Eine solche Aufserung berichtet Collot vom jungen Napoleon 1796: „Auf dem Monte Cervo angelangt sah er die ganze Kette der italienischen Alpen vor 8ich*-li^gen und auf den Monte Viso hindeutend rief er aus: II a passe par lä. — Qui? — ÄnnibaL"' Marindin bemerkt, that the direcüon in which ^apoleon pointed would do for the Genevre as well as for unlikely passes *MCÄ as the Traversette, als ob jene zufällige Aufserung ernstlichen Beweiswert anzusprechen hätte. — 42 — solcher, die Poeninus-, Kl. Bernhard- und Genfevretheorie, in Be- tracht, die Montevisotheorieen verdienen wenigstens eine ehrenvolle Erwähnung. A. Die Poeninustheorie. Die Annahme, Hannibal sei über den Poeninus oder Gr. Bern- hard gezogen, verdient wegen ihres hohen Alters, ihrer langen Herrschaft und endlich wegen ihrer relativen Berechtigung, wovon später die Rede sein wird, einige Beachtung. Zur Zeit des livius (XXI 3S, 6) war sie Volksmeinung ; Plinius III, 123 erwähnt die Kunde, dafs Poeni die pöninischen Alpen überschritten haben; Ammian XV 10, Servius (in Verg. Aen. X 13), Isidor Or, XIV 8 und vollends die mittelalterlichen Gelehrten Paulus Diaconus (730 — 87), Luit- prand von Ticinum (922—72), Gottfried von Viterbo (1120—1200) huldigen ihr unbedingt. Erst das Zeitalter des Humanismus er- öffnete wieder den Kampf gegen die Herrschaft der Theorie, die trotzdem bis auf die neuste Zeit noch mächtige Fürsprecher gefun- den hat. Nach Cluver (1580—1623) ist es auf Grund von PoL III 47, 5 luce meridiana clarius, dafs Hannibal über den Poeninus gegangen sei; Gibbon kommt in Bekämpfung der Gen^vretheorie auf die alte Anschauung zurück und Withaker glaubt 1794 ihr endgültig zum Sieg verholfen zu haben. Ihr jüngster Vertreter ist Abb6 Ducis {le passage d^ Hannibal et les Alpes Poenines, Paris 1 869—72). Einen Hauptgrund — nicht den einzigen — zur Empfehlung der Theorie bildete für Altertum und Mittelalter die Ähnlichkeit der Namen Poeni und Poeninus. Livius 38, 9 bekämpft die darauf aufgebaute Etymologie des Namens Poeninus, indem er diesen nach dem Zeugnis der Anwohner auf den .Namen des keltischen Gottes Poeninus zurückführt 0? der „auf dem höchsten Gipfel" ein Heiligtum 1) Der Name geht, wie man amiimmt, auf den keltischen Stamm penn -e Spitze zurück und wäre alsoPenninus zu schreiben. Der Ausdruck in aummo vertice (nicht mgo) beweist, dafs das keltische Heiligtum nicht mit dem auf dem plan de Juppiter nachgewiesenen späteren römischen Heiligtum des Gottes zu verwechseln ist Vielleicht ist die mur d'Annibal genannte Ruine — 43 — hatte. Eine ernstere Stütze bot die Thatsache, daTs vor Hannibal die Kelten wiederholt diesen PaTs überschritten. Nach Liv. V 34, 9 (allerdings im Widersprach mit XXI 38, 8) zogen Boier und Lingonen zur Zeit der ersten Wanderang über den Poeninus nach Italien. Die den nördlichen Zugang hütenden gentes semigermanae (Liv. 38, 8) dürften mit den Germani der kapitolinischen Fasten, sowie mit den Gäsaten Pol. II 22 identisch sein, die den Boiem und In- subrem 225 über den Poeninus zu Hilfe zogen, woraus folgt, dals der eine Salasserpafs, den Polybius kennt (Strabo IV 209), der Poeninus gewesen sein muls. Caesars Legat Servius Galba gab sich 57 vergebliche Mühe den Pafs, über welchen Kaufleute unter Gefahren und schweren Opfern zu ziehen pflegten, in seine Gewalt zu bringen Caes. BG III 1, 2 ff. Erst die Vernichtung der Salasser 25 V. Chr. brachte den Römern den Gewinn des Passes, über den „eine steile und schmale, zwar nicht fahrbare aber kurze Strafse'' führte Strabo IV 208. Da die Meinung bestand, Hannibal sei bis zum Arar gelangt, so lag es nahe, ihn auf diesem kurzen Weg vollends nach Italien gelangen zu lassen. Ohne Zweifel erfüllt also die Poeninusroute die Bedingung un- sers ersten Leitsatzes: Hannibal wäxe auf einer alten Keltenstrafse nach Italien gezogen« Dagegen ist leicht zu zeigen, dafs sie alle andern Bedingungen unerfüllt läfst Von der Stelle des Bhone- Übergangs war sie die längste und wegen ihrer kriegerischen Anwohner die bedenklichste Route (L. II). In vier Tagen den Weg vom Rhoneübergang zum Arar (137 Meilen) zurückzulegen und dabei noch die Isöre zu überschreiten ist eine Unmöglichkeit (L. IIIj. Die Möglichkeit von Lyon durch ebenes Land unmittel- bar dem Flufs entlang zum Beginn des Alpenanstiegs bei Octo- durus-Martigny zu marschieren ist durch die Beschaffenheit des Geländes (die Defileen des Rhonethaies, la p,erte du Rhöne^ Genfer- see) ausgeschlossen. Die RömerstraXse der Peutingertafel ging mitten durch die „Insel", ihre Länge betrug 188 Meilen, also fast das Dop- pelte der Pol. 50, 1 gegebenen Strecke von 800 Stadien = 96 Meilen auf dem Mont Velan (MitteUung der zwei Führer Balley in St. Pierre) ein Rest des keltischen Heiligtums. — 44 — (L. IV). Bei Octodurus hätte Hannibal zwar das Rhonethal ver- lassen, doch stand er schon hier im Thal der Drance unmittelbar am Fufse des Hochgebirgs, brauchte also, um zu diesem zu ge- langen, keine Vorberge zu überschreiten (L. V). Die L. VI — VIII vorausgesetzten Örtlichkeiten könnten zur Not bei ürsariorOrsieres, dem deßede Charreire und plan de Proz gefunden werden, doch müfste jede Eücksicht auf die durch die Zeitbestimmung gegebene Entfernung aufser acht gelassen werden. Diese beträgt von Octo- durus bis ürsaria 1 2, von hier zum Defilee 1 4 km ; zur Uberwm- dung beider Strecken hätte Hannibal je drei Tage gebraucht, wäh- rend er die gleich grofse Entfernung vom Defilee zur Pafshöhe trotz einer Höhendifferenz von 670 m an einem Tage zurückgelegt hätte. Der auf der Pafshöhe des Poeninus (2472 m) verfügbare Eaum beträgt etwa ein Hektar d. h. nur den hundertsten Teil des zur Aufnahme des Heeres nötigen Areals 0; die Pafshöhe ist nur Juli und August schneefrei"^), bietet keine Weide für die Tiere, keine Aussicht auf die Poebene, geschweige denn Eaum für zwei getrennte Lager (L. IX). Das Gebirge hat seinen kurzen Steil- abfall nach Italien 3), jedoch nur einen Aufstieg und Abstieg (L. X). Die Länge des Abstiegs von der Pafshöhe zur Ebene bei Ivrea be- trägt fast das Doppelte des Aufstiegs von Octodurus, 74 gegen 38 Meilen (L. XI). Hannibal wäre auf diesem Weg nicht bei den Taurinem abgestiegen, eine Thatsache, die schon Livius als Hauptargument gegen diese Volkstheorie geltend gemacht hat (L. XII). 1) Den übrigen Raum nimmt die üoivivt] h'fivrj, nach Ptol. in 1 und Tab. Peut Quelle der Dora (Baltea) ein. 2) Anfang September 1899 kam laut Zeitungsnachrichten ein Wanderer beim Hospiz im Schneesturm um. 3) Nach dem It Ant. würde der Aufstieg vjn Octodurus wie von Augusta 25 Meilen beti*agen; die Peutingertafel giebt die Stationen in folgender Ordnung Augusta XXV Eudracinum XIII in summo Pennino XXV Octoduro. Sicherlich liegt hier eine Versetzung vor, denn der nördliche Aufstieg beträgt das An- derthalbfache des südlichen , wie sich denn auch in St Pierre ein römischer Meilenstein mit der Angabe F(oro) C(laudii) Val(lensium) XXmi findet Forum. Claudii Vallensium ist die offizielle Bezeichnung für Octodurus, Eudro- cinum vielleicht Chateau de Quart bei St. Pierre. — 45 — B. Die Klein-Bernhardtheorie. Die Annahme, dafs Hannibal die Alpis Graia oder den Kl. St. Bernhard überschritt, hat nach liv. XXI 38, 7 ein direktes Zeugnis der Antike für sich, dasjenige des Caelius Antipater. Dieser nennt den Pals Cremonis iugum: Cremonis ist ohne Zweifel mit Grai montis (Seneca ep. 31, 8 Tac. hist. IV 68) identisch, und den Namen Graius mons trägt noch heute der Berg Gramont, der südöstliche Eckpfeiler der Montblancgruppe, der die Wege über den Kl. Bernhard und den Col de la Seigne beherrscht. Mr. Replat will letztem mit dem Cremonis iugum identifizieren; Livius 38, 8 denkt jedoch sicherlich an diejenige Strafse, die sein Zeitgenosse Strabo IV 208 als Ceutronenstrafse bezeichnet und die mit der über die Alpis Graia führenden Römerstrafse der Itinerare zusammenfällt. Darf also Caelius füglich als Ahnherr der Klein-Bernhardtheorie betrachtet werden, so ist nicht minder gewils, dafs mit Livius auch Varro, Cornelius Nepos und Silius Italiens diese Theorie verwerfen. Varro unter- scheidet den Hannibalweg u. a. ausdrücklich von demjenigen Weg qii^e quondam a Graecis possessa est, quae exinde Alpes Oraecae vocantur d. h. vom Weg über die Alpis Graia oder Graeca. Cornelius Nepos schreibt in seiner Vita Hannibalis 3 : Ad alpes posteaquam venit^ quae Italiam a Oallia seiungunt, quas nemo unquam cum epcercitu ante eum praeter Herculem Oraium transierat (quo facto is hodie saltus Graius appellatur), Älpicos conantes prohibere conddit, loca patefecit, itinera muniit, e/fecit, ut ea elephantus ornatus ire xiosset, qua antea unus homo inermis vix poterat repere. Hac copias traduxit in Italiamque pervenit Ich zitierte diese Stelle vollständig, weil sie von der Kl. Bem- hardpartei als direkte Bestätigung ihrer Theorie ausgegeben wird ^), 1) Wickham und Gramer übersetzen, wie wenn der Inhalt lautete: ad eas Alpes, quas nemo ante eum praeter Herculem Graium transierat; sie sehen also die beiden Relativsätze, von denen sie den ersten übergehen, als attri- butive (detenninierende) an, während sie als appositive (parenthetische) zu fassen sind« — 46 - während sie in Wahrheit gegen dieselbe spricht. Nach Nepos war der erste, der die Alpen mit einem Heer überschritt, der grie- chisch e Herkules — sein Heer bestand in diesem Fall nicht aus Kühen (Marindin), sondern nach Plin. III 134 resp. Alexander Polyhistor (Detlef sen) aus Grajem, Lepontiem und Euganeem; — „infolgedessen heifst dieser PaXs heute saltus Graius."' Von Han- nibal wird nur gesagt, dafs er als zweiter mit einem Heer die Alpen überschritt (cL Appian Syr. 10); über seinen Pafs erfahren wir direkt nichts, indirekt nur das eine, dafs es nicht der saltus Oraius gewesen sein kann. Denn Hannibal „erschlofs die Ge- gend und führte da, wo vorher kaum ein einzelner Mann ohne Waffen klettern konnte" — wo also kein Herkules Bahn gebro- chen hatte (Diod. IV 19) — als erster ein Heer nach Italien. Dieser Sachverhalt folgt direkt aus Silius Italiens III 513ff.: . . . Vestigia linquere nota Herculis edicit magni crudisque locorum Ferre pedem ac proprio turmas evadere calle. Die also vom Altertum zurückgewiesene Theorie des Caelius kam erst in der neuesten Zeit wieder zu Ehren. Nach Zander ^) war Chr. Dan. Beck in Leipzig der erste, der 1784 „die Behauptung durchführte'', dafs Hannibal, dem Lauf der Isßre von ihrer Mün- dung an folgend, über den Kl. Bernhard gezogen sei. Ein Menschen- alter später machte die vom französischen General Kogniatin Con- siderations sur Vart de guerre 1816 entwickelte Anschauung be- trächtliches Aufsehen: Hannibal habe den grofsen Plan entworfen, um den Eömem seinen Marsch zu verbergen, die Alpenbarriere nicht de front, sondern de revers sur un point imprevu zu über- schreiten ; zu dem Behuf sei er die Ehone aufwärts über Lyon bis Seyssel (Condate) , von hier zur Tarentaise und zum Kl. Bernhard gezogen. Kein Geringerer als Napoleon I. hat dieses „ganze Ge- 1) Zander sieht in Jacques Signot einen Anhänger der Kl.-Bemhard- theorie. Allein in dessen Beschreibung der Strafsen von Frankreich nach Italien (1515) sowie des Landes Italien liest man nur, dafs Hannibal seinen Weg durch das Aostathal genommen habe. — 47 — rüste zerstört/ i) Eine neue Version erhielt die Theorie durch die vieljährigen Forschungen des schottischen Generals Melville am Ende des 18. Jahrhunderts, die von dem Genfer de Luc in einer Sistoire du passage des Alpes par Annihal teilweise überarbeitet und 1818 veröffentlicht wurden. Davon angeregt machten sich 1819 zwei Mitglieder der Oxforder Universität, Wickham u. Gramer, auf den Weg, um an Ort und Stelle die neue Version auf ihren Wert zu prüfen. Als Ergebnis dieser Prüfung veröffentlichten sie 1 820 eine Dissertation on the passage of Hannibal over the Alps (übersetzt von F. H. Müller, Berlin 1830), die von kleinen Berich- tigungen abgesehen die Melville -de Lucschen Aufstellungen voll- inhaltlich bestätigte. Während die Theorie in Frankreich und Italien zu Gunsten der herrschenden Genövretheorie fast allgemein abge- lehnt wurde, fand sie nicht allein in England, sondern auch in Deutschland fruchtbaren Boden. Hier waren es besonders zwei Gelehrte ersten Bangs, die sie unter ihren mächtigen Schutz nah* men. Niebuhr legte seinen Vorlesungen über Römische Geschichte de Lucs Darstellung zu Grund, und Mommsen erklärt in seiner (1854 erstmals erschienenen) Römischen Geschichte: „Die vielbestrit- tenen topographischen Fragen, die an die berühmte Expedition sich knüpfen, können als erledigt und im wesentlichen als gelöst gelten durch die musterhaft geführte Untersuchung der Herren Wickham und Gramer.'' Damit war der Sieg der Theorie in Deutschland entschieden. Zwar ist der Widerspruch nicht völlig verstummt: Eauchenstein von Aarau, insbesondere aber die Breslauer Neumann, Linke, Partsch versuchten auch hier wieder die Gen^vretheorie zur 1) Ä qui Annibal avait-il a deroher sa marche! L'arm^ de Sdpion ^tait en Espagne; celle de Marüus ^tait ä Flaiaance sur le Po. Annibal ne tarda pas a etre informe' que les Romains avaient retrograde' vers leur fiotte. Ils ne pouvaient lux donner aucune inquietitde. Cela detruit Vechafaudage du peüt St Bemard, Annibal n^a jamais form€ le projet de franchir les Alpes de reverSj sur un point inprevu par son ennemi, il a marcM droit devant luif a travers^ les Alpes et est descendu sur Turin, II n'a passe ni ä Lyon ni ä Seyssel ni h St. Bemard ni dans la vallee d'Aoste ; il ne Va pas fait parce que — le texte de Polybe et de Tite-Live est positif — parce qu'il n'a pas du le faire (Commentaires de Ste. Helene). — 48 — Anerkennung zu bringen. Da sie jedoch über die Bekämpfung einzelner innerlich nicht zusammenhängender Aufstellungen der Gegner nicht hinauskamen, namentlich aber das Ansehen Polybs in ungerechtfertigter Weise herabzusetzen suchten, so vermochte ihr Widerspruch keine grofse Wirkung zu erzielen. Weshalb sollte man eine Theorie wegen vereinzelter Schwierigkeiten verwerfen, wenn man nur eine ältere Theorie, der dieselben Schwierigkeiten anhaften, dafür einzutauschen hatte? Im Versuch einer syste- matischen Bekämpfung der Klein -Bemhardtheorie hat der Ver- fasser in dem Östreicher Fuchs 1897 und neustens in dem Eng- länder Marindin 1899 zwei Bundesgenossen gefunden. Doch geht deren Hilfe nicht allzuweit, da sie namentlich in chronolo- gischer Hinsicht noch alten Vorurteilen huldigen. Wir wissen, dafs die Hauptvertreter der Theorie nur Polybius als Basis der Untersuchung anerkennen; eben deshalb soll im folgenden haupt- sächlich der Widerspruch ihrer Theorie mit Polybius zum Aus- druck gebracht werden- I. Die Behauptung, dafs die vorhannibalischen Keltenzüge über den Kl. Bernhard gingen, ist lediglich ein Bückschlufs aus dem Dogma von Hannibals Zug über diesen Pafs. Gegen die Identi- fizierung des von Polybius erwähnten Salasserübergangs mit dem Kl. Bernhard spricht die Thatsache, dafs Polybius die Salasser, deren Namen er trotz seiner Namenscheu an andrer Stelle seinen Lesern nicht vorenthalten hat, in der Beschreibung des Hannibals- zugs übergeht. Folgerichtig mufste er sie auch da nennen, wo er sie mit einem Helden seiner Geschichte in Berührung bringt Nicht die Salasser, wohl aber dieTauriner sind es, die Polybius III 60 und XXXIV 10 aus Anlafs des Alpenzugs mit Hannibal in Verbindung bringt. Livius streicht XXI 38, 8 direkt, V 34 indirekt den Graius mons aus der Zahl der Gallierpässe. So bleibt uns nur das sehr pro- blematische Zeugnis des Caelius, von dem w^ir nicht einmal wissen, ob er Hannibal eine Keltenstrafse ziehen lassen will. Immerhin beweist es so viel, dafs zur Zeit dieses Mannes der Weg über das Cremonis iugum (vielleicht infolge der Kämpfe mit den AUobrogem um 120) bekannt war. Ein höheres Alter des Wegs ist weder er- — 49 — wiesen noch ausgeschlossen; der sogenannte Cirque d* Annihal auf der Pafshöhe spricht nicht dafür, Liv. 38, 8 nicht dagegen, denn dieser bestreitet nur, dals der Weg zur Zeit Hannibals für fremde Heere erschlossen war. Wer auf Grund des Herkulesmythus ein höheres Alter annehmen möchte, dem gilt das Wort Desjar- dins': La legende est Vennemie et^non rauxiliaire de Vhistoire. Livius V 34, 6 würdigt die Fdbulae de Hercule keines Worts der Widerlegung. Thatsächlich haftete der Herkulesmythus ursprüng- lich am Ligurerweg: dies folgt sowohl aus der Litteratur (Arist. Mir. 86, Verg. Aen. VI 830, Ammian XV 10) als aus den Namen der ligurischen Küstenorte 'HgayMovg hfxrjv (Villafranca), 'Hga/.- /Jovg MovoUov legdv und Xifirjv (Monaco), i) Später wurde der Mythus dem saltus Graius s. Oraecus angeheftet, weil dieser Name an den griechischen Herkules erinnert (Nepos a. a. 0.) — ein würdiges Seitenstück zur Ableitung des Namens Poeninus von PoenL Anderseits erfuhr man von der Existenz alpiner G^m s. Graeci, die „einst im Besitz dieses Passes waren, der in der Folge Alpes Oraecae heilst" (Varro) 2) ; die Legende bemächtigte sich auch dieser Orai und machte sie zu Gefolgsleuten des Herkules, die während seines Zugs über die Alpen zurückgeblieben seien (Alexan- der Polyhistor bei Plinius III). Jedenfalls können wir eine Be- nützung des Passes durch fremde Heere erst seit Caesar konsta- tieren: nach Strabo IV 205 zog Caesar wiederholt durch das Sa- lasserthal und, da ihm der Poeninus versperrt war, über den Graius mons, den er nach Petronius wiederum vor Beginn des Bürgerkriegs überstieg; denselben Weg zog Dec. Brutus im Jahr 43. Die Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen diese Durchzüge verbunden w aren ^), lassen darauf schlielsen, dafs die Salasser sie 1) Strabo IV 202, Ptol. III 1 cf. auch den von Aschylos ausgesponneneu Mythus vom ^i&wdeg Campus Lapideus, plaine de la Crau zwischen Arles und Marseille Strabo IV 182 f. Heraclea an der Rhonemündung Plin. III c. 5. 2) Das Richtige ist, dafs die alpinen (wie die ursprünglich epirotischen) Orai oder Graeci ihren Namen nicht dem Gebirge gaben, sondern von diesem überkamen: indogerm. cra car, gr. xQavLov xdga, lat. cornu, kelt. carric, craig bedeutet „Fels", Grai, Graeci also montani. 3) Die Salasser kränkten die Heere wiederholt durch schwere Auflagen, beraubten Caesars Kassen Strabo IV 205 App. 111. 17. Osiandor, Der Hannibalweg. 4 — 50 — nicht aufkommen lassen wollten, weshalb es kein andres Mittel gab sie zu erzwingen als die endgültige Vernichtung der Salasser 25 V. Chr. IL Die KL Bemhardroute vermied zwar die Begegnung mit den Römern, vermittelte aber die Verbindung mit den oberitalischen Kelten im Widerspruch mit der Versicherung ihrer Boten weder auf einem vergleichsweise kurzen noch siche/tn Weg. Die Länge des Wegs beträgt auf Grund der Wickham-Cramerschen Darstel- lung von Valentia über Vienne „zum Beginn des Alpenanstiegs" bei Lavisco-Chevelu ^) nach der Peutingertafel 97, nach dem It Ant. 98 Meilen, resp. von der Isöremündung 91 — 92 Meilen, die den 800 Stadien = 96 Meilen Pol. III 50, 1 entsprechen können. Von Lavisco bis Ivrea sind es aber nach der Peutingertafel 189 Meilen (nach dem lückenhaften It Ant. 176), also 45 Meilen oder ca. 400 Stadien mehr, als nach Pol. III 39, 10 auf den Alpenzug kommen sollten. Was die Sicherheit des Wegs betrifft, so ver- langt die Theorie von den Truppen zunächst die Überschreitung der ÖQrj övOTtQÖaoda y.al dvaifißoka vmI oxbSöv (bg etnelv dTtgöaiTOj die nach Pol. III 49, 10 die Basis des Inseldeltas bilden. Über die Beschaffenheit des folgenden Geländes herrschen bei den Haupt- autoritäten, die freilich die Gegend nie gesehen haben, ausnehmend optimistische Vorstellungen. Niebuhr sagt: „15 Tage brauchte Hannibal zu seinem Zug durch dieses Gebirge, aber den grölsten Teil geht es durch jene herrlichen Thäler voll Anbau und Reich- tum, deren Bewohner man sich nicht wilder denken mufs als die Tiroler des 1 5. Jahrhunderts. Der Kl. Bernhard ist nur wenig höher als der Brenner und im Sommer von grünen Alpen und Roggen- feldern bedeckt" (cf. Mommsen R. G. I » p. 580). Thatsächlich be- 1) Lavisco ist nach Maissiat, Perrin, Desjardins, Hirschfeid nicht Chevelu am Fuss des Mont du Chat, sondern Las Echelles in der Nähe der Grande Chartereuse, woran auch Niebuhr (Vorl. über Rom. Gesch. II 61 ff) zu den- ken scheint. Die noch trefflich erhaltene römische Strafse geht über den Col de VEpine, Der Pafs des Mons Catus erscheint erst in den Itineraren des Mittelalters bei Albert v. Stade u. a. (Oblmann, Alpenpässe im Mittelalter, Jahrb. für Schweizer Gesch. III). — 51 — steht die Schwierigkeit der Eoute nicht in der Ersteigung des im- merhin 2188 m hohen Passes — der Grofse Cenispals hat 2082, der Genövre 1860, der Brenner 1362 m ü. M. — , sondern einerseits im Zugang zu demselben — die Tarantaise (Darantasia, heute Mou- tiers) bietet von Aigueblanche bis Axima-Aime eine lange Reihe schwieriger Schluchten und Engpässe — , anderseits im Abstieg nach Italien. Von Ariolica-La Thuille bis Pr6 St. Didier führt der Weg durch eine ununterbrochene, stellenweise sehr enge Schlucht, welche nur durch gewaltige Felssprengungen und Anlegung mehrerer Tun- nels für die neue Strafse passierbar geworden ist. Das Thal der Dora Baltea ist nach Freshfield „ein langes Defilee" mit zahl- reichen sehr schwierigen Passagen (Schluchten der Pierre-Taillöe, von Liverogne, Arvier zwischen Arebrigium- Derby und Aosta; Engpässe von Montjovet und Bard zwischen Aosta und Ivrea). Dazu kommt, dals die Freundschaft der wehrhaften Salasser, die selbst römischen Heeren wiederholt übel mitspielten i) , keineswegs über allen Zweifel erhaben war. III. Nach Mommsen passierte Hannibal die Ehone bei Avignon.2) Dem widersprechen die Angaben Pol. III 42, 1, 49, 5. 50, 1 (39, 9), nach denen die Übergangstelle „fast vier Tagreisen" vom Meer, 600 Stadien = 72 Meilen von der Isöremündung entfernt war. Avignon aber liegt nach dem It Ant mar. und Hier. 54 Meilen von der massaliotischen ßhonemündung (Gradus Massilitanorum), nach dem It. Hier. 91 Meilen von Valentia, von wo es noch 6 Meilen zur Is^re ist Strabo IV 185 rechnet von Massilia zum Druentias 500, von hier zur Is6re 700 Stadien = 87,5 Meilen. IV. Nach Pol. III 50, 1 (39, 9) zog Hannibal von der Mün- dung der IsÄre „unmittelbar dem Flufs entlang 800 Sta- dien weit auf ebenem Boden zum Beginn des Alpenan- stiegs.'' Nach der altem Version Becks, der auch Peter folgt, 1) Cf. Liv. epit 53, Oros V. 4, Val. Max. II 8, Obsequens de prod. 80; Strabo IV 205, Appian III lUyrica 17, Die 49, 34. 38. 2) Nach Wickham-Cramer fand der Khoneübergang bei Röquemaure un- weit Orange^ nach Niebuhr bei Pont-St.-Esprit statt 4* — 52 — hätte Hannibal die Is^re bis zum Fufs des Kl. Bernhard auf einer Strecke von 1300 Stadien nicht verlassen. Nach Wickham-Cramer folgt Hannibal der Ehone bis Vienne 40 Meilen ^> 333 Stadien und zieht dann mitten durch die Insel. Nach Mommsen marschiert er ^in und quer durch die InseP, ist also genötigt sofort beide Flüsse zu verlassen. Die Insel aber ist auch nach der Schilderung der Herren Wickham u. Cramer keine Ebene, sondern Hügelland. So ist die Vereinigung aller von Polybius geforderten Momente auf der Basis der El.-Bemhardtheorie unmöglich, notgedrungen wird darum das eine oder andere Moment eliminiert V und VI. Ich nehme beide Sätze zusammen, weil die Theorie alle hier vorkommenden Ereignisse aufs engste miteinander verbin- det und sich an einem Tage, dem ersten des Alpenzugs, ab- spielen läfst Der Irrtum dieser Chronologie ist schon besprochen, die strategischen und taktischen Unmöglichkeiten, die Hannibal begehen soll, sind von Fuchs eingehend nachgewiesen, ich be- schränke mich deshalb im wesentlichen auf das topographische Material, indem ich den Widerspruch zwischen den Angaben Po- lybs und den Ausführungen der Bemhardianer hervorhebe. Bei 9 Polybius ist das schwierige Gelände, durch welches notgedrun- gen der Anstieg (avaßokri) zu bewerkstelligen ist, eine Enge und hinter ihr Anhöhen, deren unteren Rand ein schmaler und steiler Pfad (jtqoo^oXri) umzieht Es ist von keinem Über- stieg {v7t€Qßoki])j insbesondere von keinem Abstieg (xaraßoXi]), also auch von keiner zu übersteigenden Bergwand die Rede. Nach der Theorie handelt es sich aber um die Übersteigung einer sehr respektablen Bergwand, der bis zu 1497 m hohen Montagne du Chat, die, dem Stiel einer Sichel vergleichbar, den nördlichen Ausläufer des die Grande Chartereuse halbkreisförmig umgebenden Gebirgs bildet und ihrerseits von der Bresche des 638 m hohen Col du Chat durchbrochen wird. In der Mitte der Pafshöhe, also nicht jenseits derselben, befindet sich ein einzelner Fels, den zuerst die Feinde und nach ihnen Hannibals Leute zu besetzen hatten. Kampf und Not der Karthager beginnt erst beim Abstieg, da Pferde und Trolstiere schutzlos den von unten herauf- — 53 — dringenden Gegnern preisgegeben sind. — Mnfste Hannibal not- gedrungen diesen Weg einschlagen? Über das Gebirge führen noch andere keinenfalls schwierigere Übergänge, mittels deren Hannibal leicht den Feinden in den Kücken kommen konnte, dazu stand ihm, um ins obere Isörethal zu gelangen, der kürzeste, schönste und bequemste Weg offen, der Weg durch daä ebency breite, überaus fruchtbare Isörethal selbst. Sollten Hannibals Send- linge so schlecht Land und Leute erforscht haben, dafs sie dies nicht wufsten; sollten die Gallier, die versprochen hatten, ihn auf einem kurzen und sichern Weg nach Italien zu führen, Ele- fanten, Trols und Eeiter auf solche Geifspfade geleitet haben? In diesem Fall „hätten sie verdient am nächsten Baum aufge- knüpft zu werden" (Neumann). Warum verabschiedete Hannibal hier, wo er sie am ehesten hätte brauchen können, die Nachhut der Barbaren? (Diesem Einwand zu begegnen, lassen Wickham- Cramer im Widerspruch mit Pol. III 49, 13 ff. die Verabschiedung schon bei Augustum-Aouste, 14 Meilen vor Lavisco, erfolgen). Warum, fragen wir weiter, blieb Hannibal mit. seiner ganzen Mann- schaft auf jenem Felsen sitzen, wo ihr Verweilen doch keinen Zweck mehr hätte? Warum zog er nicht mindestens mit einem Teil seiner Truppen den Absteigenden voran, um sofort den Kampf mit den von unten heraufkommenden Feinden aufzuneh- men? Warum lassen die Feinde schlief slich Hannibals Leute so nahe an sich herankommen und sich gröfstenteils von ihnen mas- sakrieren , während doch nach Lage der Dinge der Kückzug offen stand? Lauter Momente, die nicht allein mit der Darstellung des Polybius im Widerspruch stehen, sondern auch dem gesunden Men- schenverstände schwer einleuchten wollen. Nirgends erwähnt Po- lybius den See von Bourget (231 m ü. M.), den „grölsten See Frank- reichs", der fast den ganzen östlichen I\ils der Montagne du Chat bespült und nicht blofs in landschaftlicher Hinsicht erwähnenswert, sondern taktisch von höchster Bedeutung sein mufste. Wohl aber erwähnt er, freilich in ganz anderm Zusammenhang 49, 7 jene „schwer zugänglichen, schwer angreifbaren, kurz fast unbetret- baren Berge", denen die Montagne du Chat angehört. Sollte Po- — 54 — lybius, der soeben gegen die Übertreibungen „einiger Geschicht- schreiber" gedonnert hat, selbst in ihren Fehler verfallen und Hannibals Heer das fast Unmögliche — an dieses „fast" klam- mem sich freilich die Herren wie Ertrinkende an einen Strohhalm — aufbürden wollen? Hätte Polybius, als er Hannibals Strafse zog, den Col du Chat überschritten, so hätte er wahrnehmen müssen, dafs diese Berge von Westen her wohl zugänglich sind; daraus folgt, dafs er sie nur von Ost und Süd d. h. vom mittlem und untern Is6rethal geschaut hat, wo sie allerdings einen abschrecken- den Anblick darbieten. Nach Polybius liegt die Stadt der Feinde in der Nähe und wohl auf gleichem Niveau mit der zweiten Enge. Nach de Luc ist diese Stadt Lemincum-Chamböry, nach Wickham-Cramer Le Bourget, „jedenfalls auch eine sehr alte Stadt", wie ins Blaue hinein versichert wird, sicherlich die nächste, die es geben konnte. Beide Städte liegen ca. 400 m tiefer als der Col du Chat, Le Bourget 8, Chamböry 20 km von diesem entfernt; die Feinde hätten also zum und vom Passe jedesmal 2 — 4 Stunden marschieren müssen. Obwohl nun Hannibal den ganzen Tag auf den beschränkten Raum zwischen Lavisco und der nur 3 km ent- femten Pafshöhe operiert — zweimal wird marschiert und zwei- mal ein Lager geschlagen! — , obwohl seine Anstalten trotz den angezündeten Lagerfeuern nur als Angriffsvorbereitungen gedeutet werden konnten, erfüllen die Feinde Hannibals Erwartung — sollte er dies wirklich erwartet haben? — und gehen mit Einbmch der Nacht gemächhch in ihre Stadt. Ein rather crude outpost System nennt dies Marindin. Was ist aber naiver, dieses System oder die Verwundemng der Leute, als sie am andem Morgen Hannibal im Neste sitzen sahen (wenn sie ihn überhaupt sehen konnten)? Gewils hatten die Barbaren einen verhängnisvollen Fehler be- gangen; was ihnen von der Theorie zugeschrieben wird, ist jedoch die vollendete Verrücktheit. Worin bestand unter solchen Umständen Hannibals Schlauheit, die er nach der Darstellung der Gewährs- männer gerade bei diese Affäre so glänzend bewährte? Ich bemerke noch, dafs zur Belohnung für diesen Überstieg Hannibals Heer das Vergnügen gehabt hätte, von Le Bourget bis zum Defilee zwischen — 55 — Äigueblanche und Montiere, „dem Schlüssel znm Kl. Bernhard" (Freshf ield) — Lacets d' Annibal heilst beim Volk der alte Steig — ca. 90 km = 560 Stadien, auf fast ebenem Boden dem Flufs ent- lang zu marechieren. Die Steigung 2,2 : 1000 m, ist nicht stärker als auf der Strecke von der Isöremündung bis Lavisco, weshalb kaum von einem „Anstieg" geredet werden kann. VII und VIII. Auch diese beiden Sätze gehören zusammen, weil die Theorie in neuer Konsequenz ihrer verfehlten Chrono- logie drei von Polybius deutlich unterachiedene Handlungen, die Kämpfe bei der Schlucht am 8. Tag, den Vormarech zum Fufs der Centralhöhen und den unblutigen Aufstieg zur Palshöhe, in einen einzigen in der Nacht vom 8./9. Marschtag sich abspielenden Akt zusammenzieht. Sie eliminiert kurzweg den zweiten Akt und rechnet die Kämpfe bereits zum Aufstieg: Hannibal „erreicht unter bestän- digen und sehr blutigen Gefechten endlich am folgenden Morgen die Palshöhe" (Mommsen). Die Hauptschuld an dieser Verachiebung trägt der mit den pölybianischen XevyLÖTrexQov so verführerisch über- einstimmende Name der Roche Blanche am Fufs des Kl. Bernhard bei Scez. Wickham-Cramer, die diesen Felsen sahen, erklären zwar auf seinen Namen kein grofses Gewicht zu legen, Niebuhr aber, der die Gegend nicht kennt, liefs sich durch den Namen so sehr blenden, dafs er durch ihn zumeist für die neue Theorie gewon- nen wurde. Thatsächlich ist die Roche Blanche kein Weifsen- stein, vielmehr, wie auch Fuchs bemerkt, von dunkler Färbung; die Hauptmasse bildet weder Kreide noch Gips, sondern nach dem Befund meiner geologischen Freunde grünlich -grauer Serpentin- schiefer, der einzelne glänzende Flecke von eingesprengtem krystal- lisierten Quarz aufweist. Über den taktischen Wert dieses Felsens herrecht bei den Kennern nur eine Stimme: es ist an insignificant thing (Ball), weder die „Landwehr der Ceutronen" noch die Hopliten Hannibals hätten darauf Platz gefunden, es wäre ihnen aber auch nicht eingefallen hier Platz zu suchen. Hannibals Trols und Reiter konnten und mufsten die Roche Blanche umgehen. Zwischen der Schlucht des Reclusbachs am Fufs der Roche Blanche und dem jenseitigen Waldgebirge zieht sich in allmählicher Verjüngung eine — 56 — sanft ansteigende Wiesenfläche, über welche die alte Bernhardstrafse fUbrt, bis znm Dorf St. Germain. Bei der Boche Blanche hat sie eine Breite von ca. 500 m; erst an ihrer eine halbe Stunde ent- fernten Spitze unterhalb St. Germain konnte der Übergang vom linken zum rechten Ufer des Redus einige Schwierigkeit bereiten, und hier allein hätte die Deckung Hannibals Sinn und Wert gehabt. Boche Blanche nnil Beoliunhliiiiht iti Soei- IX. Die Pafsebene des Kl. Bernhard vermag kaum einem ')> geschweige denn zwei getrennten Lagern genügend Raum zu geben. Die Entfernung vom südlichen Plateaurand, wo das Hospiz steht bis zu dem durch die antike Colonne de Jeux bezeichneten Kulmi- 1) Penin leugnet, dafs ilas 400 m lange und 100 m breite vom Reclus durchflossene Plateän einem Heere getiQgend Raum bot; seine MaFse sind je- doch entachieden zu klein, dagegen die Charakterisierang der PafBcbene {le fand d'ime ciivette peu ogreaMe) richtig. 0/ nationspunkt (2188 m) beträgt 1 km, das Plateau ist hier ca. 400 m breit, seinen Grund bildet jedoch grolsenteils Sumpfmoor. Erst der nächste ebenfalls 1 km lange Abschnitt, der sich bis zum nördlichen gegen den See absteigenden Plateaurand erstreckt, eignet sich zum Lagern, wie denn auch zur Zeit unsrer Anwesenheit (T.August) ein italienisches Bataillon hier kampierte. Was die übrigen Eigen- schaften des Kl. Bernhard betrifft, so verweise ich auf Neumanns „Zeitalter der punischen Kriege" p. 209 f. Sicherlich kann von einer Aussicht auf die Poebene gerade bei diesem Pafs am aller- wenigsten die Rede sein. Das wenige und schlechte Futter, das sich hier findet, hätte nicht für den hundertsten Teil der Tiere aus- gereicht Um Menschen und Tieren wirklich Erholung zu gewäh- ren, hätte Hannibal alsbald in den hübschen Thalkessel von Ario- lica-La Thuille (1441 m ü. M.) absteigen müssen, wo er Futter, Holz, Wasser u. a. in Fülle fand. Er konnte dies um so eher, als der nur 6 Meilen lange Abstieg keine besondem Schwierigkeiten bietet. Der Cirque d' Ännibal, ^das einzige Keltendenkmal (Kromlech) auf dem Boden Italiens", ist von manchen Reisenden vergeblich ge- sucht worden. Perrin hat ihn nicht gefunden, und Fuchs verwech- selte ihn mit dem Alpengarten Chanousia, den Mr. Chanoux, der geistliche Leiter des Hospiz', ein geschätzter Botaniker, neuerdings hatte anlegen lassen. Thatsächlich ist er ohne Führung kaum zu finden; einige Offiziere, bei denen ich zuerst Erkundigungen einzog, wiesen mich auf eine falsche Fährte und waren am nächsten Mor- gen nicht wenig verwundert, als mein vom Hospiz mitgenommener Führer genau an der Stelle ihres Lagers, wo ich zuerst mit ihnen gesprochen hatte, ca. 100 m nördlich von der Säule, den Hannibal- kreis aufzeigte, bei dem nach der Legende Hannibal mit seinen Offizieren Kriegsrat gehalten haben soll. Der ovale von der Strafse der Länge nach durchschnittene Cirque besteht aus 29 ca. 5 m voneinander stehenden unbehauenen Steinen, die dem Un- eingeweihten kaum auffallen. X. Wenn aus Polybius indirekt, aus Livius direkt folgt, dafs das Gebirge nach der italischen Seite kürzer und steiler abfiel, so ist beim Kl. Bernhard selbst nach dem Zeugnis der Antike das Ge- ^nteil der Fall. Die Peutingertafel rechnet von Berg^tram- Bourg - St. - Maurice , (2 Meilen nntfirhalb Scez) zur Alpis Oraia 12 Meilen; der westliche Aufstieg von Scez (904 m ü. M.) beträgt also 10 Meilen. Der Östliche Aufstieg von Pr6-St.-Didier (1000 m ii. M., 4 Meilen oberhalb Arebrigium-Derby) beträgt 18 Meilen. Das nach Polybius unmittelbar am Flateaurand gelegene Abstieg- hindernis vermag die Tbeorie erst unterhalb Äriolica-La Thuille Fig. 2. CIrqiia d' Annibal nnd «ntike SBale ml dem Kl. St. Bemhud. (1441 m U.M.) nachzuweisen; sie muls also annehmen, dais aufser dem von Lawinen herrührenden Firnschnee auch der erste Neu- schnee bis in diese Tiefe gedrungen ist. Die nur '/2 km von den untersten Häusern des Dorfs La Thuille entfernte, zwischen dem 40. und 41. Kilometerstein (von Aosta) befindliche ca. 400 m lange Schlucht des Thuillebachs, ist allerdings so beschaffen, dafs man den Eindruck begreift, den diese Stelle auf die Herren Wickham — b9 — und Cramer gemacht hat.*) Während die neue Strafse am rechten Ufer in den senkrecht abstürzenden Fels gesprengt ist, zog sich der teilweise noch vorhandene alte Weg dem scharf geneigten Ost- abhang des Gramont entlang, wo er infolge von Abrutschungen auf 200 — 300 m Länge auch jetzt unterbrochen ist. Unterhalb der Bruchstelle stürzen ca. 30 m tief senkrechte glatte Felswände zum Bett des Bachs, der auf ca. 30 m von einer Lawinenschneebrücke überwölbt ist. Wie Hannibal über dieses Hindernis Herr geworden sein soll, ist schlechterdings nicht einzusehen. Nach Pol. III 55, 6 liels er den (Firn) Schnee aufhauen, sodann die Massen seitwärts aufschichten und den Felsen „ausbauen". Den aufzuhauenden Firn- schnee bildete die genannte Lawinenschneebrücke; der Übergang über eine solche ist nichts Ungewöhnliches, allein hier gestatteten die senkrechten glatten Felswände keinen Abstieg, und wozu das Aufhauen? Auf welcher Seite wurde der Schnee aufgeschichtet? An dem stark geneigten Abhang des Gramont wäre er nirgends haften geblieben. Wie wurde der Fels „ausgebaut" ? Da von einer Felssprengung durch die Numider keine Rede sein kann, so kann man nur an eine künstliche Auffüllung einer Lücke denken, die an den steilen Hängen des Gramont, der nirgends ein Widerlager bot, unmöglich war. Auf welchem zweiten Weg Hannibal mit den Tieren das Hindernis umgehen wollte und neuen Firnschnee antraf, ist gleichfalls unerfindlich. Nach Perrin führt ein guter Fufspfad von La Thuille über die östlichen Höhen nach Morgex (unterhalb St Didier); nach Pol. III 55, 2 ff. ging es jedoch alsbald in die Tiefe. Jedenfalls hätte Hannibal sehr früh am Tage ein- treffen müssen, um alle ihm zugeschriebenen Operationen erle- digen zu können: da er vorher den Abstieg von der Pafshöhe nach Ariolica auszuführen hatte, so konnte er mit der Nachhut nicht 1) Fuchs suchte die Schlucht fälschlich beim Weiler La Balrne, 37 km von Aosta (neueste Vermessung). Die offiziellen Vennessungen lagen hüben wie drüben lange im argen. Auf dem neuen Wegstein beim Hospiz liest man „26 km nach Scez" , in Sc^z noch jetzt „29 km zum Hospiz". Beide Entfernungen gelten der neuen Strafse , die etwa doppelt so lang ist als der alte Weg. vor Mittag eintreffen, und dann war die Zeit, die ihm zur Erle- digung aller Aufgaben übrig blieb, entschieden zu kurz. Wo be- fanden sich aber die schneefreien Orte mit Weiden für 12000 Tiere? Jedenfalls nicht in der waldigen Schlucht zwischen La Thuüle und St Didier, deren Überwindung allein einen Tagmarsch gekostet hätte. Fig. 8. SehlDoht b«i La Thnms. XI a. Xach Polybius verhält sich die Länge des Anstiege zu der des Abstiegs wie 8 zu 3. Nach den übereinstimmenden An- gaben der Itinerare beträgt aber die Länge des Anstiegs von Lavisco zur Alpis Grata 93 , des Abstiegs von hier nach Eporedia nach der Peutingertafel 96 Meilen (das lückenhafte It. Ant. bietet nur 83). Das Verhältnis ist also im besten Fall wie 1:1. Trotzdem müfste Hannibal eine Strecke, die ihn auf ebenem Boden 10 Tage ge- kostet hatte, im Gebirge mit seinem übermüdeten Heere in 3 Tagen — 61 — zurückgelegt haben. Wirklich lälst ihn Mommsen in dieser Zeit nach Ivrea gelangen, während Wickham-Cramer, um über dieses Mifsverhältnis hinwegzukommen, willkürlich den Eaum kürzen und die Zeit verlängern. Den Baum zu kürzen verbietet Pol. III, 39, 1 0, demzufolge der Marsch er8^ am Eand der Poebene sein Ziel erreichte; die Zeit zu verlängern Pol. III 56, 3 (bestätigt durch Liv. XXI 38, 1). Da Eporedia - Ivrea nicht einmal völlig außer- halb des Gebirgs liegt und jedenfalls zur Zeit Hannibals noch den Salassem gehörte i), könnte man eher versucht sein, die Grenze Italiens noch östlicher hinauszurücken; jedenfalls verbietet es sich von selbst die Grenze Italiens und der Poebene bei Donnaz, also inmitten des Salassergebiets anzusetzen. Die Gesamtstrecke von Lavisco bis Eporedia beträgt nach der Peutingertafel 189 Meilen, das sind ca. 1600 Stadien, während Polybius mit seinen ca. 1200 Stadien sicherlich nicht zu wenig bieten wollte. b) Über die Beschwerden und Gefahren eines Abstiegs durch das Thal der Salasser ist in der Kritik zu Leitsatz I und II ge- sprochen worden. Sie erklären, warum der Pals, der schon von Ammian nicht mehr erwähnt wird, „im Mittelalter ganz abgekommen ißt" (Öhlmann) und trotz seiner schönen neuen Strafsen „nur noch von den Jägern der Tarentaise benützt wird" (Hennebert). Jedenfalls hat ihn die Natur nicht zu einem Pals ersten Bangs geschaffen. XII. Zwei Instanzen sind es, welche die Vertreter der Kl. Bern- hardtheorie gegen den allgemein bezeugten Taurinerabstieg ins Feld führen: 1. Hannibal zog „durch Kelten zu Kelten" (Niese bei J. Müller III 622): Kelten waren seine Freunde und Verbündete, während die ligurischen Tauriner sich feindlich zeigten; Kelten traf er auf dem Weg über den Kl. Bernhard, denn die Salasser und Libuer oder Libiker, durch deren Gebiet er weiter zu den Insubrem zog, waren Klienten der letztem und also Hannibals Freunde, die ihn mit offenen Armen empfangen mulsten. Dieser Argumentation wider- sprechen zunächst zwei Thatsachen: l. um seine Leute zu ermu- 1) Nach Vell.Paterc. 1 15 Plin. III c 21 wurde Eporedia erst 98 römische Kolonie gegen die Salasser. — 62 — tigen, zeigt ihnen Hannibal auf der Pafshöhe die Poebene und sagt, dafs dort die befreundeten Gallier wohnen Pol. 54, 3 — warum greift er nicht zu dem viel wirksamem Trostmittel, der Erklärung, dafs sie bereits an der Grenze der befreundeten Salasser angelangt seien?; 2. die angeblichen Freunde empfangen die Karthager nicht mit offenen Armen, sondern zeigen sich vorerst noch in der Rolle der kd&Q(jc '/MY.OTtoioüvTsg Pol. 54, 4. Worauf stützt sich aber die Behauptung, dafs Libuer und Salasser Gallier und Klienten der Insubrer waren? Lediglich auf Ptol. IUI, wo ^aXaoaUov und ylißiYMV VTtd TOiug 'Ivoovßgovg steht. Die praep. V7td, die nach dem Contextnur die geographische Bedeutung „südlich" haben kannO — zwischen Salassem und Libikem steht TavQivoiv vTtd Todg ^akaaalovg — wird infolge eines seltsamen Mifsverständnisses im Sinne politischer Unterordnung (zur Zeit des Ptolemaeus!) gedeutet. Glücklicherweise sind die englischen Gelehrten von diesem Irrtum zurückgekommen und geben sogar zu, dafs die von Strabo IV 205 geschilderten Eigenschaften der Salasser eher eine Instanz gegen als für die Klein-Bemhardtheorie bilden. Ebenso wird auf Grund von Plin. III 21. 127 u. a. heute fast allgemein an- genommen, dafs die Salasser und Libiker von Haus aus keine Kelten, sondern Ligurer waren. Hannibal wäre also auch auf dem Weg über den Kl. Bernhard durch Ligurer gekommen; hatte er aber nur zwischen den ligurischen Salassern und Taurinem zu wählen, so konnte ihm die Entscheidung nicht schwer fallen. Die Tauriner setzen zwar Hannibals Bewerbungen um ihre Freundschaft thatsächlich Widerstand entgegen 2), allein unter den damaligen 1) Die ptolemäischen Karten sind „genordet" (haben Norden oben, Süden unten), die römischen Karten „geostet" (Konrad Miller mappae mundi VI 183 ff). 2) Obwohl die römische Politik die Kelten durch die Ligurer im Schach zu halten suchte (Plut Aem. Paul. 6), war Hannibals Hoffnung auf einen An- schlufs der Ligurer nicht unbegründet. Nach Liv. XXI 22, 2 30, 3 XXVII 39, 2 Eutrop. III S kämpften zahlreiche Ligurer in den karthagischen Heeren, und aus den Taurinis ducentihus accolis (Ammian XV 10) schliefst Promis, dafs da- mals unter den Taurinem derselbe Zwiespalt herrschte wie anderwärts, indem die Stadt aristokratisch und darum römisch gesinnt, das Land demokratisch uud darum karthagerfreundlich war. — 63 — Umständen waren sie für ihn ziemlich ungefährliche Gegner. Nach Pol. 60, 8 lebten sie gerade mit den Insubrem, Hannibals Verbün* deten, in Fehde, ja nach Liv. 39, 1 war bereits peropportune der Krieg zwischen beiden Völkern ausgebrochen. Wir haben das Recht in diesem „glücklichen Zusammentreffen" die Ausführung eines längst vereinbarten Operationsplans {yMrä rijy i^ ciQxfjg iTtißovki^v 60, 11) zu erkennen, der die Tauriner zwang alle ihre Kräfte gegen den Feind im Osten zu dirigieren und so Hannibal im Westen vollständig freie Hand liels — die beste strategische Lösung, die es geben konnte. Dieser Operationsplan ist aber eine neue Be- stätigung dafür, dafs Hannibal „von Anfang an" gewillt war den Taurinerweg einzuschlagen. 2. Pol. 56, 3 steht (in freier Übersetzung): „Allein das schliefs- liche Resultat, nämlich die Vollendung des Zugs von Neukarthago in 5 Monaten, des Alpenüberstiegs in 15 Tagen, bewirkte, daXs Hannibal (trotz schweren Verlusten) wagemutig (Tok/.ir]Qwg) hinab- zog in die Ebenen um den Po und zur Nation der Insubrer." Hier, sagt Zander, erscheinen die Insubrer als erstes Volk, mit dem Hannibal in Italien zusammentrifft Selbstverständlich verliert die Stelle jede Beweiskraft, wenn man mit Mommsen den Zug zu den Insubrem den Pol. III 60 geschilderten Ereignissen nachfolgen läfst Man mufs also, um sie verwerten zu können, mit den Berur hardianem strengster Observanz annehmen, dafs Hannibal sofort von Ivrea zu den Insubrem marschierte (ca. 80 Meilen), sich mit diesen verband und alsbald an den Fufs der taurinischen Alpen zurück- kehrte (ca. 110 Meilen); dafs er jetzt erst rastete und darauf zum Angriff gegen Turin überging, von wo er zum zweiten Mal zu den Insubrem zog. Diese langwierigen und bedenklichen Kreuz- und Querzüge soll Hannibal unmittelbar nach dem Alpenzug mit seinen ermatteten Tmppen ausgeführt haben! Selbst der Wortlaut des Citats verbietet diese Annahme: Hannibal gelangt zuerst in die Po- ebenen, dann zu den Insubrem; beim direkten Marsch von Ivrea zu den Insubrem kam er nicht zum Po, geschweige denn in die Eb enen um den Po. Ehe er aber die Insubrer erreichte, hätte er das Gebiet der Libui liv. 38, 4 resp. deT'!Aywv€g Pol. III 15, 8 passieren müssen; die — 64 — Insubrer konnten also auch auf diesem Wege nicht das erste Volk sein, mit dem Hannibal in Italien zusammentraf, denn wir haben kein Eecht in den libuem ihre Klienten zu sehen. Pol. III öO enthält nicht die geringste Andeutung, dals Hannibal vor dem An- griff auf Turin den Anschlufs an die Insubrer erreicht hätte, viel- mehr erscheint nach 60, 10 f. als Frucht der Eroberung Turins erst der Anschlufs der benachbarten Barbaren. Livius 39, 1 über dessen Zeugnis sich die Bemhardianer freilich leicht hinwegsetzen, stellt den sofortigen Anschlufs an die Insubrer direkt in Abrede. Der defini- tive Anschlufs der Insubrer, deren Name nicht mehr genannt wird, folgte erst auf die Schlacht am Ticinus Pol. III 67 cf. 60, 12 f. So spricht nichts für, aber alles gegen die Erklärung der Berhardianer. Mit den Vertretern der Genövretheorie sehen wir darum in dem Poly- biuscitat nur eine der beliebten Antizipationen des Geschichtechrei- bers: an einem Euhepunkt der Erzählung angelangt, wirft Polybius einen Rückblick auf den vollendeten Marsch und zugleich einen Vor- blick auf neue Märsche. Das erste Ziel derselben sind die Insubrer, die schon in der Vorgeschichte des Kriegs III 40, 8 eine Rolle spielen und das nächste Volk sind, auf dessen Mitwirken Hannibal rechnet. Die Tauriner werden erst nach Wiederaufnahme der Er- zählung eingeführt, weil von ihnen in diesem Zusammenhang noch keine Rede war, ihre politische Stellung vorläufig noch als unent- schieden gelten konnte, und ihre Bekämpfung nur eine Neben- episode im weitern Vormarsch Hannibals bildete. Die Verwunderung des Livius über die Aufstellung des Caelius ist um so gerechtfertigter, als Caelius, der Ahnherr der Kl. Bernhard- theorie, der allgemeinen Annahme, dafs Hannibal zu den Taurinern abgestiegen sei, nicht blofs indirekt, sondern direkt zustimmte, bei seiner „Gleichgültigkeit in geographischen Dingen" um dea daraus sich ergebenden Widerspruch wenig bekümmert. Die Züge seiner Darstellung findet man sowohl bei Ammian, als bei Appian. Nach AmmianXV 10 führten das punische Heer Taurini accolae, Han- nibal aber besetzte nach Übersteigung der Alpen und Übergang über die Druantia regiones Etruscas. Wölfflin schlägt die Emendation Tauriscas vor, materiell gewif s mit Recht, allein die Schuld an dieser — 65 — Verderbnis trägt vielleicht Appian VII 52, d^r Hasdrubal auf dem Wege Hannibals nach Italien ziehen und alsbald nach Überschreitung der Alpen ig TvQQrjvLav einfallen läfst. Offenbar hatte Appian bei seiner Neigung zu Verwechslungen (wovon eine zweite Probe folgen wird) hier die TavQivol mit den TvqqtjvoI verwechselt. Die Tage der Herrschaft dürften für die Kl. Bemhardtheorie gezählt sein. Aufser v. Duhn, der in den Heidelb. Jahrbb. II 91 n. 68 die Theorie gegen Freshfield aufrecht zu halten versucht, hat keiner ihrer Vertreter den neusten Widerlegungen gegenüber ein Wort der Verteidigung gefunden. Dagegen haben Männer wie Luterbacher (Burgdorf bei Bern) und Cocchia (Neapel), die sich vor nicht allzu langer Zeit offen zur Theorie bekannten, in jüngster Zeit ihren Irrtum abgeschworen und sind mit fliegenden Fahnen ins Lager der Genövrepartei übergegangen. Ebenso glaubte der Eng- länder Marindin seine Landsleute gegen den Vorwurf verteidigen zu müssen, als ob sie sämtlich Berhardians wären. Da es für diese Herren nur die Alternative Kl. Bernhard oder Genövre giebt, so sind sie mit dem Eifer der Neubekehrten für die Gen^vretheorie ins Zeug gegangen. Ob sie das bessere Teil erwählt haben, mufs die folgende Untersuchung lehren. C. Die Genövretheorie. Sämtliche Vertreter dieser Theorie nehmen ohne weiteres Livius als deren Ahnherrn und damit als ihren klassischen Gewährsmann in Anspruch, ohne dafs die Vertreter der Gegentheorieen bisher ernst- lichen Einspruch erhoben hätten. Meine Aufgabe ist nachzuweisen, dafs ein solcher Einspruch so gerechtfertigt als nötig ist. Der ganze Anspruch der Genövrepartei beruht auf dem Vorurteil, dafs der livia- nische Druentia XXI 31, 9 ff. 32, 6 mit der heutigen Durance iden- tisch sei: aus der unbestrittenen Verwandtschaft der Namen schliefst man sofort auf die Identität der Namenträger, ohne an die Mög- lichkeit zu denken, dafs es mehrere Träger dieses Namens gegeben haben kann, und ohne zu prüfen, ob die Merkmale des liviani- schen Druentia mit denen der heutigen Durance übereinstimmen. Oslander, Der Hannibalweg. 5 — 66 — Thatsächlich lälst sich nicht nachweisen, dals die Theorie im Alter- tum irgend einen Vertreter gehabt hätte: wo vom Hannibalweg die Eede ist, fehlt jeder sichere Hinweis auf den Genövreweg, wo von diesem die Rede ist, jeder Hinweis auf Hannibal. Ja aus Zonaras VIII 23: ivT€vO^€v (von der Rhone) l^vvlßag iTtUvav Ttqdg 'IraXlav OTtevöwv , V7i07iTevu)v dk rag iTtcTOfiwTiqag twv ö8(ov, ixslvag jukv TtageSfj k&ev, iriqav dk TtOQSvd-elg laxvQ^g i7cövr]oe folgt direkt die Ablehnung des Genövrewegs, denn nur dieser und der ligurerweg können unter den „kurzem Wegen'' verstanden sein. *) Auch das Mittelalter weifs nichts von dieser Theorie, die Worte Dantes 2), in' denen man diese zu erkennen glaubte, können ebensogut auf den Monte Viso als auf den Mont Cenis bezogen werden. Erst das Zeitalter des Humanismus hat die Genövretheorie ins Leben gerufen, und ich glaube ihren wahren Ahnherrn entdeckt zu haben. In lateinischen Wiegendrucken Plutarchs findet sich eine Vita Hannibalis, die, angeblich eine Über- setzung aus dem griechischen Plutarch, in Wahrheit nur eine Kom- pilation aus alten Schriftstellern, versehen mit einigen zeitgemälsen Zuthaten, den Florentiner Humanisten und Staatsmann Donatus Acciaiolus (f 147S) zum Verfasser hat. Hier findet man bereits diejenige Argumentation, welche in der Folge die piece de resistance der Theorie bildete. Aus der Erwähnung des Druentia, den er mit der Durance identifiziert, und aus der Thatsache des Abstiegs zu 1) Nach Inschriften (CIL XII 5668. 5671) ist der Weg von Narbo nach Rom über den Genövre 19 Meilen kürzer als über Forum Julii. 2) Esso (der Römer) atterö Vorgoglio degli Arabi (Karthager) Che dietro ad Ännibale passäro L'alpestre rocce di che, Po, tu Idbi. (Paradiso VI 29). Dafs über die Hauptquellen der Ströme bis auf die Neuzeit die gröfste Meinungverschiedenheit herrschte, ist aus inneren Gründen wohl zu verstehen. Kein Wunder, dafs auch im Altertum widersprechende Anschauungen darüber existieren. Nach Ptolemaeus lU 1 entspringt der Po dem Larida d. h. Cenis- see; nach Appian kommen Po und Rhone vom Genevre. Andere hielten den Vesulus für den Vater des Po und der Rhone (Servius). Die Verschieden- heit der Ansichten erklärt sich aus der überall wahrnehmbaren Neigung der Reisenden , die Quellen der Hauptströme bei den ihnen bekannten Pässen zu suchen. - 67 — den Taurinem schliefst Acciaiolus offenbar im Gegensatz zu altem Theorieen: Quo mihi veresimilius videtur per montem Genvae {sie vulgo appellanf)y qui ex altera latere Druentiam, ex alter o eocitum in Taurinos habet, Poenum transisse. Da diese Vita Hannibalis noch bis ins 18. Jahrhundert arglos für ein Werk Plu- tarchs gehalten wurde, so kam die Theorie hoch zu Ehren und in der ganzen gebildeten Welt zur Herrschaft, bis ihr in der Klein- Bemhardtheorie eine gefährliche Konkurrentin erstand. Tritt sie dieser heute siegesbewufster denn je entgegen, so gilt es desto energischer ihre eigenen Legitimationsakten zu prüfen, und zwar zu- vörderst an der Hand ihres klassischen Gewährsmanns Livius, dem ge- genüber Polybius sich mit der zweiten Stelle begnügen muf s. Wenn ich mich vorwiegend an die jüngsten Verteidiger der Theorie, Fuchs und Marindin, wende, so geschieht dies deshalb, weil verschiedene Kritiker in ihren Arbeiten (Hannibals Alpenübergang Wien 1897, Han- nibaPs route over the Alps Class. Bev. XIII, 5 London 1899) eine „wesentliche Förderung der Genßvretheorie", wenn nicht gar die Lö- sung des Problems erblicken zu dürfen glaubten. Beide Herren unter- scheiden sich übrigens von den altem Mitstreitern dadurch, dafs sie Polybius wieder vollauf gerecht zu werden versprechen. Fuchs glaubt nur einer „einzigen Stelle Pol. III 39, 10" — freilich einer Stelle von kapitaler Bedeutung — „die Berechtigung versagen zu dürfen", während Marindin ohne solchen Vorbehalt Polybius sogar als chief authority gelten läfst Besonders anzuerkennen ist, dafs sich beide nachdrücklich gegen die Anmafsungen einer Afterkritik wenden, die sich herausnimmt jede unbequeme Instanz kurzer Hand abzu- weisen. Fuchs tadelt die Militärschriftsteller, „die in ihrer Beweis- führung eine geringe Fühlung mit dem ursprünglichen Texte zei- gen, dem in historischen Fragen immer die erste Stelle gebührt; denn nichts kann gefährlicher sein als ohne strenge Rücksichtnahme auf die Überliefemng den eigenen Witz an die Stelle eines epochalen kriegerischen Geistes zu setzen, zumal uns nicht alle Prämissen be- kannt sind, welche sein Verfahren bestimmten"; Marindin aber protestiert gegen the unceremonious manner in which any ancient ^vriter who traverses the course selected by the modern essayist — 68 — is swept aside by the most fanciful arguments, as if he were no obstacle at all. Leider werden beide Herren ihren löblichen Vor- sätzen mehr als einmal ungetreu und folgen bewufst und unbe- wulst Voraussetzungen, denen wir die innere Berechtigung abspre- chen müssen. Wenn Marindin die Mafsangaben Polybs III 39, 10 mit einiger Skepsis behandelt und dafür an der Eechnung nach Tagmärschen festhält, so wollen wir mit ihm darüber nicht rechten; bedenklicher ist seine Geringschätzung der Ortsforschung mit der oberflächlichen Begründung, dafs „alle Alpenthäler von einiger Länge mehr oder weniger felsige Schluchten, weifse Felsen, Stellen, wo gallische Städte standen oder gestanden haben mögen, Lawinen- bette u. a. enthalten"; am bedenklichsten aber die Anwendung seines (4) Grundsatzes: „Es ist nicht anzunehmen, dafs die kelti- schen Stämme 218 v. Chr. genau dieselben Gebietsgrenzen hatten als zur Zeit Caesars." Ich sehe hierin lediglich eine versteckte petitio principii, die, was auf ehrlichem Wege nicht zu beweisen ist, mittelst eines Gemeinplatzes als bewiesen voraussetzt, und fürchte, dafs Marindins weiterer Protest against the modern method of criticising through a mieroscope auch nicht viel mehr ist als eine verschämte Aufforderung, seine eigene Arbeit nicht allzu- genau unter die Lupe zu nehmen. I. Ich bestreite nicht, dafs schon vor Hannibals Zeit Wege über den Genövre führten, wohl aber bestreite ich, dafs diese Route schon vor Hannibal für Heerzüge erschlossen war. Welche Heere sollen dieselbe erschlossen haben? Luterbacher meint: „Wahr- scheinlich schon die Ligurer, da sie von den Kelten aus dem Rhone- thal verjagt wurden" — eine Vermutung, die sich durch nichts be- gründen läfst Die Behauptung, die Kelten selbst haben die Route erschlossen, ist auch hier nur ein Rückschlufs aus dem Dogma von der Überschreitung des Genßvre durch Hannibal. Bewiesen wäre sie erst, wenn die Identität der saltus luliae Liv. V 34, 8 mit dem Gendvre feststünde. Nun aber heifst die Pafsstation noch am Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. nach dem Zeugnis der Vascula Apollinaria Druantium (a); schon die Beziehung auf den Namen des hier entspringenden Flusses beweist, dafs dies der älteste und — 69 — ursprüngliche Name war.i) Verschiedene Orte, die ursprünglich ebenfalls nach ihrem Flusse hielsen, führen später neue Namen, die sie grolsen Männern verdanken; nirgends aber lälst sich nach- weisen, dafs der Flufsname gegen einen der letztem eingetauscht worden wäre. Wie sollte vollends im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung der stolze Name Julia von dem simplen Druantium verdrängt worden sein! Der Pafs mufs noch ums Jahr 102 vor Chr. verschlossen gewesen sein. Dies folgt aus dem Verhalten der gegen Italien ziehenden Teutonen. Da ihnen Marius bei der Isßremündung den Zugang zu den nördlichen Pässen verlegte (Oros. V 1 6, 9) , so zogen sie nicht etwa zum nächsten Weg, der durch das Durancethal zum Genövre führte, sondern über die Durance zur ligurischen Küstenstralse, wo sie bei Aquae Sextiae das Ver- hängnis ereilte. Kein Wunder, denn nachweisbar hat erst Pom- peius auf seinem Zug nach Spanien 77 die Durance-Gen^vreroute eröffnet, und noch 19 Jahre später mufste Caesar hier um den Durchzug kämpfen BG I 10, Polyaen strateg. VIII 32, 2. Dals der Pafs trotz seiner für den Verkehr zwischen Spanien und Italien so günstigen Lage nicht früher erschlossen wurde, hat seine guten Gründe. StraboIV 203 nennt den Druentias einen Ttozafidg xaqa- ÖQcbörig „reich an Klammen", und IV 187 sagt er von der Du- rancestrafse, sie sei wohl im Sommer praktikabel, aber im Winter und Frühjahr „überschwemmt und verschlammt", also mindestens die Hälfte des Jahres unbenutzbar. 2) Dazu kommt ein allgemeiner 1) Der Name Matrona(e) erscheint vom 4. — 6. Jahrh. (im Itin. Hier. , bei Ammian XV 10 und Ennodius) , Alpis Cottia im Vase. Apoll. IV, in der Peu- tingertafel und beim Ravennaten. In Urkunden des 11. und 12. Jahrb., sowie in einer Vita Innocentis II findet sieh die Bezeichnung Mona Janus ; so heif st noch heute der 2504 m hohe spitze Berg südöstl. vom Plateau. Genva, Genehra^ Genevre ital. Ginevra — nicht zu verwechseln mit Genievre (Juniperus bei Ughelli, Italia sacra) — ist der Name des französischen Dorfs beim südlichen Plateaurand. Die nordliche Nachbarstation hiefs ursprünglich Tyrium (Vase. Apoll. IV), wohl von dem hier mündenden Tyrius, heute Turres, später Caesaro (in den It. Gaesao, Rav. Gessabonne, heute Cesanne). 2) Dies gilt wohl nur vom alten Pompeiusweg, nicht aber von der späteren Cottiusstrafse, die wiederholt im weitem Bogen den Flufs umgeht. — 70 — Grund: „Das Thal der Durance durchbricht das Gebirge in der Richtung einer Diagonale, wie sie ungünstiger für diesen Flügel der Alpen nicht sein kann" (Öhlmann). Die westliche Ausmündung der Genövrestrafse ins Rhonethal liegt fast 100 röm, Meilen südlich von ihrem östlichen Eintritt in die Alpen; die Länge der Strecke, welche die Stralse im Gebirge durchmilst, beträgt nach Strabo IV 179 vom westlichen „Beginn des Anstiegs'' bis zum Rand der Po- ebene bei Ocelum 198 Meilen — für die Römer, die seit alters satt- sam Respekt vor Defileemärschen hatten, aber auch für andere Heere Grund genug, den Weg vorderhand zu meiden. II. Nach Liv. XXI 31, 2 schlug Hannibal nach dem Rhone- übergang von den zwei möglichen Wegen nicht den direkteren und näheren Weg zu den Alpen ein, sondern den weiteren, der zum Centrum Galliens führte. Dafs unter dem nähern Weg der durch Pompejus erschlossene, also Livius wohlbekannte Weg durch das Durancethal zu verstehen ist, kann nicht bezweifelt werden. Jedenfalls hat Hannibal diesen Weg vermieden, indem er zunächst die Rhone aufwärts zog. An der Isöremündung angelangt, hatte Hannibal wiederum die Wahl zwischen zwei Wegen, liv. 31, 9: der eine führte in ^gerader Richtung" d. h. südöstlich durch das Thal der Druna-Dröme und also mitten durch das Gebiet der Vocontier») wiederum ins Thal der Durance fcf. Itin. d.), der an- dere nordöstlich das Thal der Is6re aufwärts. Hannibal wählte den letztem, indem er die Richtung ad laevam einschlug und den „äufsersten Saum der Vocontier" durchzog. Diese Linksschwen- kung hat freilich schweres Kopfzerbrechen gemacht, sie wird aber verständlich, sobald wir bedenken, dafs Hannibals Lager an der Isöremündung seine Front gegen die von Süden anrückenden Feinde — die Gefahr eines Nachrückens der Römer war nach 32, 1 ff. keineswegs ausgeschlossen — gekehrt haben mufs, also dals Osten zur Linken lag. 2) Livius berichtet von keinem neuen 1) Trotz Liv. 31, 9: pet' extremam oram VoconÜMnim agri lassen Fortia d' ürban und neuestens Cocchia Hannibal diesen Weg einschlagen. 2) Wölfflin u. a. wollten ad laevam auf den nach dem Bhoneübergang beginnenden Marsch beziehen, andere in ad dexteram ändern; wieder andere — 71 — Richtungwecbsel innerhalb dieses „zu den' Alpen" 32, 6 führenden Marschabschnitts, es ist also anzunehmen, dals er die zuletzt ange- gebene Richtung ad laevam d. h. gegen Nordost beibehalten wissen will. Die Theoretiker jedoch sind genötigt nicht blofs eine, son- dern zwei neue ßichtungveränderungen zu statuieren: nachdem Hannibal die Is6re aufwärts bis in die Gegend von Cularo-Grenoble gelangt war, soll er hier in schiefem Winkel gegen Süden zur Du- rance abgeschwenkt sein*); hier angelangt mulste er aufs neue die Direktion wechseln und in scharfem Winkel nach Nordost um- biegen. Die Genövrepartei hat also ihrer Gegnerin nicht vorzuwer- fen, dafs diese Hannibal auf italischem Boden die bedenklichsten Kreuz- und Querzüge ausführen läXst; auf gallischem Boden bürdet sie ihm ebenso bedenkliche Märsche auf, obwohl die gallischen Häupt- linge einen kurzen, gefahrlosen Weg in Aussicht stellten. Frei- lich mufs jedes Heer, das durch ein Flufsthal zieht, den Windungen dieses Thals folgend, wiederholte Schwenkungen vornehmen, allein es ist ein wesentlicher Unterschied, ob dies im gleichen Thal ge- schieht oder ob die Schwenkung den Zweck hat, von einem Thal in ein neues, einem andern Flufssystem angehöriges Thalbecken zu gelangen. In letzterm Fall handelt es sich um einen Wechsel des ganzen Marschsystems, und einen solchen anzuzeigen hätte Livius bei seiner bisher bewiesenen Genauigkeit schwerlich unterlassen. Ins- besondere aber mufste Livius mit einem Worte begründen, warum verstehen ad laevam vom Standpunkt des Schriftstellers aus, für den, falls er nach Norden blickte, Hannibals ganzes Marschgelände zur Linken lag. 1) Der Route von Grenoble nach Gap entspricht ohne Zweifel die nördliche Genövrestrafse der Peutingertafel (cf. Itin. e); diese war die jüngste, jedenfalls Li>iu8 nicht bekannte der drei bei Vapincum-Gap zusammentreffenden antiken Strafsen. Auf ihr zog 1515 Franz I. gegen Italien, auf ihr kehrte 1815 Napo- leon I. von Elba zurück. Die Römerstraf se Cularo-Vapincura deckt sich im wesentlichem mit dem von J. Signot 1515 beschriebenen „kurzem und gewöhn- lichem'' Weg über Jarrie, Laffrey, La Mure, Pont-Haut (nach Perrin ist hier eine römische Brücke), Corps, St. Bonnet en Champsaur (hier zweigt ein kür- zerer Weg ab, der mit Umgehung von Gap über den Col de Mause nach Bätie- Neuve führt), Laye, mont de Chauvet (Col Bayard» nach Gap. Der „ca. einen Tag längere" Weg, dem heute die Eisenbahn folgt, geht westlich vom Drac über Vif, Clermont en Trieves, Col de la Croix, Veynes nach Gap. — 72 — er Hannibal gerade auf den Weg, den dieser nach dem Rhone- tibergang absichtlich vermieden hat, znrtickkommen läfst Vom strategischen Standpunkt unterliegt dieser Zug den schwersten Be- denken. Der Weg von Cularo zur Durance und zum „Beginn des Alpenanstiegs'' — nach Neumann, Linke ist letzterer bei Embrun, nach Fuchs bei Savines zu suchen — ist dreimal so lang als der Weg durch das Is^rethal zum Anfang des Anstiegs; ersterer fordert die Überwindung eines Höhenunterschieds von 1000 m, während im Isörethal eine breite schöne Ebene mit einer durchschnittlichen Steigung von 1 : 1000 zu Gebote stand. Vollends aber konnte aus Gründen der Sicherheit von einer Rückkehr zur Du- rancestrafse keine Rede sein. Hatte doch Hannibal diese ledig- lich deshalb gemieden, weil die Gefahr einer Begegnung mit den Römern hier wesentlich näher lag. „Hannibal hätte mit dem Marsch durch das Thal der Durance den Römern die besten Dienste ge- leistet" (Niebuhr).O Die Gefahr von den Römern überholt zu wer- den war aber durch den Umweg über Cularo nicht kleiner, son- dern ungleich gröfser geworden. Nehmen wir vom Standpunkt der Genövrepartei an, dafs Hannibal deshalb zur Durancestralse zurückkehren mufste, weil es für ihn keinen anderen Weg gab, so finden wir auch hier enormi errori non ammissibili nel Romano e tanto meno nel Cartaginese, Statt auf der nächsten Strafse den Römern zuvorzukommen, verliert Hannibal mit seiner Diversion nach Norden die kostbarste Zeit und giebt den Römern die beste Gelegenheit ihm zuvorzukommen und den Weg über die Alpen zu verlegen. Was that aber Scipio? Seine Pflicht war, Hannibals ihm wohlbekannte Absicht um jeden Preis zu vereiteln, was ihm selbst mit einem kleinen Teil seines Heers, unterstützt von den Alpen- bewohnern, möglich gewesen wäre; statt dessen kehrt er mit dem Heer zum Meere zurück und fährt zu Schiff nach Italien. Seine per- sönliche Entschuldigung ist, dafs er den Feind nicht mehr habe ein- 1) Si Annihal avait voulu s^engager dans les defiles des Alpes maritimes ou cottiemies, Varmee romaine serait tovjours arrivee avant lui pour lui en disputer le passage, sans doute avec sticc^, puisque le nombre est inutlle dans ces yorges resserrees (General Rogniat). — 73 — holen können Liv. XXI 41, 4, und diese Entschuldigung wird vom ganzen Altertum als objektiv begründet angenommen Liv. 32, 2 Ammian XV 10 {assequi nequiens). Als wirklich begründet kann die Entschuldigung nur gelten, wenn Hannibal nicht zur Durance zog. Nehmen wir aber im Interesse der Theorie an, dals Scipio meinte, Hannibal werde auf einem nördlicheren und also weiteren Wege über die Alpen ziehen, so war es Scipios Pflicht ihm auf dem nähern Wege zuvorzukommen: was Hannibals Eeiter und Ele- fanten vermochten, konnte auch zur Not der römische Infanterist Freilich mochte er für solchen Zug wenig vorbereitet gewesen sein, dann war aber das Geringste, das er unbedingt leisten muf ste und mit leichter Mühe leisten konnte, dafs er auf dem nächsten Weg, etwa durch massaliotische Boten, die den Römern ergebenen Tauriner und andre ligurer auf die drohende Gefahr aufmerksam machte. Dies ist sicherlich nicht geschehen, denn die Tauriner sind durch die Ankunft Hannibals völlig überrascht worden Liv. 39, 1. Man hat also nur die Wahl Hannibal und Scipio „enorme unan- nehmbare Fehler" aufzubürden oder anzunehmen, dafs die Genövre- stralse zu Hannibals Zeit nicht erschlossen, ja in weitern Kreisen nicht einmal bekannt war. IV. Bezüglich des Marsches von der Isöremündung bis Cularo ist gegen die Theorie nichts einzuwenden, dagegen kann ich „die von livius mit wenig Worten, aber markanter Deutlichkeit bezeichnete Ro- cade von der Is^re zur Durance'^ (Fuchs) durchaus nicht anerkennen. Zunächst ist zu konstatieren, dafs die Worte tendit in Tricorios die Marschrichtung gegen die Tricorier, nicht aber den Durchmarsch durch die Tricorier bezeichnen. Nach Livius gelangt Hannibal zum Druentia auf dem Marsch zu den Tricoriem, nach der Theorie auf dem Marsch von den Tricoriem. *) Freilich heilst bei Livius der Flufs Druentia und „damit ist klar und unzweideutig der Ge- növre gegeben" (Fuchs) — die bekannte petitio principii, welche 1) Neumanns und Marindins Beschränkung der Tricorier auf die Umgebung von Gap, stützt sich lediglich auf den Namen des Orts Corps (37 km nördl. v. Gap). Selbst wenn die Zurückführung dieses Namens auf Tricorii richtig wäre, folgt daraus nichts über die Ausdehnung der Tricorier. — 74 — die piöce de r^sistance der Theorie bildete. Das Beispiel des livia- nisehen Arar 31, 6 hätte aber davor warnen können, den blofsen Namen eines Flusses an Stelle der ihm zugeschriebenen Eigen- schaften für ausschlaggebend zu halten. So wenig jener mit Caesars Arar identisch sein kann, so wenig stimmen die Merkmale des li- vianischen Druentia mit denen der heutigen Durance überein. Han- nibal gelangt zum Druentia auf dem Marsch per extremam oram Vocontiorum d. h. am Is^reufer — cf. Silius, den man das „Echo des Livius" genannt hat III 267 f.: . . lam rura Vocuntia carpit Turbidus hie truncis samsque Druentia laetum auctoris vasta- vititer — ; schon daraus folgt, dats der livianische Druentia ein Nebenflufs der Is^re sein mufs, der die Grenze der Vocontier bil- dete. Die Stelle, an welcher nach der Theorie Hannibal zum ersten Mal den Flufs überschritt, ist jedoch von der östlichen Vocontiergrenze ca. 30 Meilen entfernt (It. Hier.). Nach Liv. 32, 6 : Hannibal a b Druentia campestri maxime itinere ad Älpis cum bona pace incolentium ea loca Galloru/ni pervenit wird der Druentia nur überschritten, um sofort wieder verlassen zu werden. Nach der Theorie hätte Hannibal neun Tage dem Druentia bis zur Quelle fol- gen müssen. Nach Livius zieht Hannibal vom Druentia durch eine wirkliche Ebene, die Theorie kennt keine Ebene i) und läfst Hannibal unmittelbar nach seinem Flufsübergang vor dem Felsriegel von Sa- vines resp. Embrun, dem ersten Hindernis des Alpenzugs, stehen. Livius rühmt das friedliche Verhalten der Bewohner dieser Gegend, nach der Theorie beginnen gerade hier die schwersten Kämpfe. Das sind Widersprüche genug, um lediglich an der Hand des Li- vius den Gedanken an die heutige Durance auszuschliefsen. Freilich beruft sich die Theorie auf die Schilderung des Flusses liv. 31, 10: (Jum aquae vim vehat ingentem, non tarnen na- vium patiens est, quia nullis coercitus ripis pluribus simul neque iisdem alveis ßuetis nova semper vada novosque gur- gites, ad hoc saxa glareosa volvens nihil stabile nee tutum in- gredienti praebet Diese Schilderung pafst ohne Zweifel auf den 1) Nach Lmke bedeuten die Worte campestri maxime itinere 32, 6 „im Thalgrund'' ! — 75 — Unterlauf der Durance (von Sisteron abwärts), nicht aber auf ihren für die Theorie allein in Betracht kommenden Oberlauf, für den viel- mehr Strabos Bezeichnulig xaqadqibdrig gilt. Dafs die Durance im Altertum schiffbar war, beweisen die in drei Inschriften von Arles erwähnten nautae Druentici; nach Constantini hiefs Pertuis an der Durance im Mittelalter Portus. Die angegebenen Merkmale passen also nicht auf die Durance, wohl aber auf einen andern Flufs, den schon erwähnten Drac: dieser ist ein Nebenflufs der Is6re und bildete die Grenze der Vocontier; ihn mufste Hannibals Heer unter allen Umständen überschreiten, mochte es in scharfem Winkel nach Süden abbiegen oder seine bisherige Richtung ad laevam bei- behalten; nur in letzterem Fall mufste er ihn sofort wieder ver- lassen und fand nun wirklich auf seinem Weitermarsch ca. 50 km eine herrliche Ebene, das bis zu 8 km breite Grisivaudanthal, ^das schönste Thal Frankreichs." Joanne {dict geogr,) schildert den Drac also: Rien de plus impetueux que son eou/rs: son lit est un champ de pierres, large souvent de plus d'un Tcilomhtre — man könnte meinen, eine freie Übersetzung der Liviusstelle zu lesen. Der durch die ßomanche verstärkte ca. 150 km lange Drac ist in seinem Unterlauf ein ansehnhcher der Is6re an Wassermenge ziemlich gleichkommender Flufs, mit dem die Durance bei Embrun, wo sie erst 56 km zurückgelegt hat, nicht konkurrieren kann. Jeden- falls berichtet Livius nur von einer Überschreitung des Druentia, während Hannibal nach der Theorie den Flufs nicht weniger als fünf Mal hätte überschreiten müssen. Somit bleibt der Theorie nichts weiter als die Berufung auf den Namen. Dafs die heutige Drance oder Durance — beide Namen sind gebräuchlich — - im Altertum Druentia(s) hiefs, bezweifelt niemand. Man könnte nun mit Larauza annehmen, dafs Livius auch hier zwei ähnlich klingende Namen ver- wechselte. Allein aus der Thatsache, dafs noch heute auf alt- keltischem Boden eine gute Anzahl von Flüssen den Namen Drance, Drouence, Derwent u. ä. führt, kann geschlossen werden, dafs der Name Druentia als ursprüngliches Appellativ im Altertum weit- 1) Vom kelt Particip draant (dru — dga) laufend; gen. mascul. cf. Sil. III 468: Turbidus Druentia; bei Strabo dgovsvtiag, bei Ptol. jQovavtioq. — 76 — verbreitet war. Dals aber auch der Drac diesen seiner Natur an- gemessenen Namen führte, schliefse ich aus der im Thal des Drac gelegenen keltisch -römischen Station Durotincum (Peutingertafel, Eav.), lat. Dmantium.i) Im Mittelalter heilst der Flufs Drancus (Ohlmann) und Dracus; Drancus heilst aber auch die Walliser Drance, während die Form Dracus auf die volksetymologische Ver- wechslung mit draco zurückgehen dürfte. 2) Fuchs läXst auch für diesen Marschabschnitt Polybius als voll- wertigen Zeugen gelten, wie er aber eine „ungezwungene Vereini- gung^ der Daten Polybs mit seiner Theorie zu stände bringen will, ist unerfindlich. Nach Pol. III 51, 1 zieht Hannibal von der Is^remündung unmittelbar dem Flufs entlang 800 Stadien auf ebenem Boden in zehn Tagen zum Beginn des Alpenanstiegs. Bei Fuchs beträgt die Länge des Wegs 1250 Stadien: Hannibal verläfst nach den ersten 600 Stadien Flufs und Ebene und ge- winnt auf dem Col Bayard eine Höhe von 1246 m (Grenoble liegt 214 m ü. M.), die erst wieder am achten Tag des Alpenzugs er- reicht wird. Zu beachten ist, dafs über 600 m Steigung allein auf die 5 Meilen lange Strecke von Vizille nach Laffrey kom- men. Der Aufstieg an der dortigen Bergwand entspricht ge- nau dem Aufstieg von Briangon zum Gen^vre oder dem von Lanslebourg zum Grofsen Cenis, und das rechnet man zum ebenen Boden! Hannibal steigt vom Col Bayard wieder 480 m tiefer und gelangt also über die Alpen zum Beginn des Alpenanstiegs — ein Widersinn, den wir glücklicherweise den Gewährsmännern nicht zu unterstellen brauchen. Auf Grund von Pol. 49, 13 lälst Fuchs „den Fürsten von Vienne die Kar- thager durch das Land der Allobroger (d.h. die Insel) begleiten" und deutet diesen Zug auf seiner Karte an; um so auffallen- der ist, dafs er gegen die Annahme, Hannibal habe wenigstens 1) So heifst dieselbe norische Station Surontium (Peut Taf.) und Suro- tincum (It. Ant. Sabatinca). 2) Nach Acta Sanct. 11. Mai wurde der h. Majolus 972 von den Sai-azenen bei Pons Ursariae prope decursum Dranci fluminis gefangen genommen. Allem nach ist Orsieres an der Drance (cf. Poeninusroute) gemeint; die Tra- dition hält jedoch an Orcidres am obem Prac fest (Reinaud). — 77 — mit einem Teil seiner Truppen die Insel betreten, sich mit aller Macht sträubt. Zog aber Hannibal auch nur mit einem Teil seiner Truppen durch Allobrogergebiet zum Anfang des Alpenanstiegs, so kann von einem Marsch zur Durance keine Rede mehr sein. Eine andre Theorie stellt Marindin auf : nach ihm bildet der Col Bayard — warum nicht schon die Höhe vor Laffrey? — den Anfang des Alpen- anstiegs; jedenfalls befindet sich dieser 36km diesseits der Du- rance. Marindin weifs, dals diese Annahme in direktem Widerspruch mit livius steht, nach welchem die Karthager erst nach Überschrei- tung desDruentia zu den Alpen gelangen; „allein das ist eine Differenz ganz andrer Art, als die, welche man annehmen müfste, wenn wir sa- gen, dafs Hannibal die Durance überhaupt nie berührt habe." Dafs die Mafse um ca. 250 polybianische Stadien differieren, kümmert Ma- rindin nicht weiter; während die altern Genövremänner die Nach- richt Polybs, dafs die ersten Gegner Hannibals auf dem Alpenzug AUobroger waren, mit Entrüstung zurückweisen, wähnt sich Marindin durch seinen (4.) „Grundsatz" gegen diesbezügliche Angriffe ge- sichert, obwohl Livius XXI 31 solchem Grundsatz direkt wider- spricht; eine vierte Kleinigkeit scheint er ganz zu übersehen: Han- nibal beginnt den Alpenanstieg bei ihm damit, dafs er vom Col Bayard bis Savines etwa drei Tage lang absteigt — ein Nonsens auch ohne Mikroskop betrachtet^) 1) Chevalier de Folard, Kommentator der in Frankreich kanonisches An- sehen geniefsenden Poiybübersetzung von Vincent Thuiilier 1724, hat für diese Strecke eine eigenartige Version der Genövretheorie geschaffen und verschie- dene Anhänger, darunter Desjardins, gefunden. Folard ist überzeugt, „dafs die gewöhnliche meistbenutzte Route der Gallier nach Italien diejenige ist, die über Mont de Lans, den Lautaret und Brian^on zum Genövre führt" Es ist die Route, die bei Vizille aus dem Thal des Di*ac abzweigt und durch die Thäler der Romanche und Guisane nach BrianQon führt, die kürzeste Verbindung zwischen Grenoble und Brian^on, seitdem die unter Napoleon III. vollendete Strafse jene wilden Schluchten zugänglich gemacht hat. Die erreur grossih-e de Folard (Perrin) widerlegt sich selbst; verlangt sie doch zum Übergang über den Ge- növre noch den über den 200 m hohem Col du Lautaret und verzichtet auf das Hauptbeweisstück der Theorie, den Übergang über die Durance. Trotzdem scheint sie zu ihrer Zeit Effekt gemacht und den Mythus erzeugt zu haben, dem die Roche Taillee bei Oisans für ein Werk Hannibals gilt. — 78 — V. und VI. Die GenÄvretbeorie teilt mit ihrer jüngeren Ri- valin getreulieh die Irrtümer der Chronologie. Obwohl sie sich in erster Linie auf Livius beruft, kümmert sie sich nicht um dessen klaren Text und zieht gleichfalls die ersten drei Tage des Alpenzugs in einen einzigen zusammen. Der Umstand, dals Livius den Rasttag Polybs (52, 1), den vierten des Alpenzugs, übergeht, giebt Fuchs Gelegenheit seine an andern Orten wohlbegründete Staffeltheorie anzubringen : „Der Berichterstatter ist rückwärts und erzählt seine Erlebnisse, die des Gros oder zweiten Staffeis, und rastet einen Tag, Livius marschiert wieder mit den Vortruppen ohne zu rasten weiter. Die Haupttruppe stand bei Chorges und lagert in einem wenn auch langen Zug — für Hannibal in den Tagen des Übergangs oft die einzig mögliche Form." *) Demnach eröffnet Hannibal auch nach Fuchs den Alpen an stieg mit dem Abstieg von Chorges nach Savines und Embrun. Chorges ist das Caturigomagus der Itinerare, also ein Ort der Caturiger (Caes. B. G. I 10), in deren Gebiet Hannibal schon bei Catorissium-Vizille, 12 Meilen südlich von Cularo, eingerückt sein mufste. Waren diese zum Widerstand entschlossen, so ist es auffallend, dafs sie Hannibal ca. 100 km unangefochten durch ihr Gebiet marschieren liefsen, während die Route von der Isöre zur Durance eine Reihe trefflicher Verteidigungstellungen bot Haupt- ort der Caturiger war nach Ptol. III 1 Eburodunum-Embrun; Fuchs weist die Stadt den Vocontiem zu, deren Grenze nach dem It. Hier, vielmehr 40 Meilen westlich lag. übrigens sind die Gegner Han- nibals nach Pol. 50, 3 ff. weder Caturiger noch Vocontier, sondern die schon genannten AUobroger. Das erste Hindernis bildet nach Fuchs der Felsriegel unmittelbar bei Savines resp. ein „langer enger Hohlweg'' zwischen diesem Riegel und dem Berg Morgon: „Han- nibal hatte sein Heer (nach dem Übergang über die Durance) vor Savines in einem Lager vereint, für welches die Durance schon 3 km vor dem Städtchen hinreichend Raum freiläfsf Zehn Kilo- meter hinter Savines liegt das feste Embrun am rechten Ufer der 1) Das Lagern „in langem Zug'', das doch wohl ein Bivouakieren ist, scheint mir schon durch den von vvxre^svaai 53, 5 verschiedenen Begriff xaxaoxQaxoneöevociL 50, 5. 8 ausgeschlossen. — 79 — Durance auf einem Felsen, der protzig und mit überhängenden Wänden das Thal schliefst"; von der Thalseite aus unangreifbar bedarf die Stadt ^nur auf der Bergseite einer künstlichen Befesti- gung." In diese Stadt ziehen sich die Gegner mit Anbruch der Nacht von dem den Tag über besetzten Felsriegel zurück, wobei sie natürlich die Durance — amnem lange omnium Galliae flu- minum di/ficillimum transitu et tum forte imbribus- auctum Liv. 31, 10. 12 — überschreiten müssen, während Hannibal unmittelbar vor dem Felsriegel lagert und sich zum Angriff rüstet. Kein Wun- der, dafs Fuchs für eine der Hauptschwierigkeiten der Klein-Bem- hardtheorie blind war, haftet sie doch in verstärktem Mafs seiner eigenen Anschauung an. Wenn er aber hinsichtUch der Situation am Col du Chat die Frage aufwirft, „warum Hannibal den Vor- teil, den ihn die Barbaren durch ihren nächtlichen Abgang an die Hand gaben, nur zur Hälfte ausnützte und zufrieden, die Höhe ge- wonnen und den Aufstieg gesichert zu haben, es unterlief s auch den Abstieg zu sichern", so vergifst er, dafs er selbst diese Frage unbeantwortet lassen mufs. Übrigens ist bei den Gewährsmännern nur von einem Durchzug durch ein Defilee, nirgends von einem Abstieg, während dessen die Feinde von unten heraufdrangen, die Rede; nach Liv. 33, 4 sind es vielmehr die Feinde, die herab- laufen (decurrunt). Auch in der Folge ist auf der Basis der Theorie das Verhalten der Feinde ebenso unbegreiflich als das- jenige Hannibals. Nachdem jene mit mehr als barbarischem Un- geschick ihre erste Verteidigungstellung im Stich gelassen hatten, gaben sie alsbald auch ihre unangreifbare Stadt, das feste Embrun, Hannibal preis, der sie offenbar ohne jede Mühe erobert. Dies wird um so unverständlicher, als die Feinde nach Liv. 33, 9 schon beim Anrücken Hannibals Reifsaus genommen hatten und ohne Zweifel in ihre Stadt zurückgekehrt waren. Hier konnten sie noch leichter als auf dem Felsriegel von Savines Hannibal Trotz bieten, der um die Stadt anzugreifen zum zweiten Mal die reifsende und angeschwollene Durance überschreiten mufste. Hannibal ge- lang zwar das Unbegreifliche, die Eroberung der unangreifbaren Stadt; wenn man aber bedenkt, welche Mühen und Gefahren ihn — 80 — diese Eroberang kosten konnte — hatte er doch zu diesem einen Zweck wiederholt die schwierige Durance zu überschreiten, während er nach Fuchs bis Mont Dauphin unangefochten auf dem linken Ufer des Flusses bleiben konnte — , so wird auch sein Verhalten unbegreiflich. Freilich wissen die Gewährsmänner nichts von einer unangreifbaren Felsenfeste und auch nichts von zwei neuen Über- gängen über den Druentia.^) VII. und VIII. Abgesehen von den bekannten Irrtümern in der Chronologie, welche die Theorie auch hier mit ihrer Gegnerin gemein hat, finden sich hinsichtlich der Darstellung der ^eyaXoi xlvdvvoi beim zweiten Hindernis zwischen Polybius und Fuchs ver- schiedene ernstliche Widersprüche. Zunächst ist anzuerkennen, dafs die Stadt Brian^on nebst Umgebung sämtliche von Polyb klarer als von Livius angegebene Örtlichkeiten aufweist: unterhalb der Südostseite der Altstadt bildet die Durance eine tiefe Schlucht oder Klamm, die an steilem Berghang aufgebaute Stadt krönt ein starrer Felsblock, dessen strategische Bedeutung die hier errichtete Citadelle bezeugt. Man könnte in diesem Felsen das Uvianische iugum er- blicken, Marindin hält ihn für das polybianische UvY.67teTQOv, während Fuchs letzteres in dem kahlen grauen Kalkstock der Croix de Toulouse wiederfindet, der ca. 3 km weit die nordöstliche Wand 1) Franz I., der Römerstraf se folgend, überschritt die Durance erst an der Mündung des Gull bei Mont Dauphin, 17 km ober Embrun, 27 km unter BriauQon (Jovius hist. XV). Die Theorie mufs Hannibals ersten Flufsüber- gang bei Savines, 53 km unter Brian^on, stattfinden lassen, weil er erst am 8. Tage des Alpenzugs bei Briangon eintreffen soll. Demnach kommen auf den Tagmarsch höchstens 8 km. Freilich mufste die Umgehung der gorges grandioses de la Besse'e zwischen Mont Dauphin und Briangon für ein Heer mit unendlichen Schrierigkeiten verknüpft sein. De Thou hist XXVII 9 be- schreibt den alten Weg: Ehroduno ortum versus tendenti, cum V leucas dr- citer processeriSj ad dextrum Quaeracensis vallis (Queyras) porrigitur, ad laevam Fraxinea (Freissinieres) süßest inter quas Ramae olim magnae civitatis rudera visunturj inde superato montis dorso per impedita et ardua loca panditur via admodum angusta in saxo humana industria eocciso, quae ab accolis Hannibalis via (nach Perrin mur d'Annibal) eüam hodie dicitur. — Das Testamentum Abbonis 739 bietet für diese und die folgende Gegend u. a. folgende Namen: Aquisleva (Aiguilles), Gerentonica (Gironde), Aquisiana (Guisane), Annevasca (Növache). — 81 — der oberen Thalstufe bildet. Auch das gegen den Futa des GenÄvre allmählich breiter werdende Thal wäre wohl mit dem Bericht der Gewährsmänner in Einklang zu bringen. Die Szenerie mag über- einstimmen, die Handlung ist verschieden. Nach Pol. 52, 8; 53, 5 ging der Zug durch die Schlucht oder Klamm des Flusses; die Feinde befinden sich lediglich zur Rechten 53, 4, Hannibal mit seinen Hopliten steht auf dem Weifsenstein und deckt den Durch- Fig. 4. Briuipon. marsch durch die Schlucht 53, 2. 5. Nach Fuchs zieht das Heer nicht durch die Schlucht, sondern durch die Enge zwischen dem Burgfelsen und der Croix de Toulouse, die Feinde drohen von beiden Seiten, Hannibal aber mit den Hopliten steht nicht auf dem Weifsenstein, sondern auf dem „Boden von Brian^on", dem zu den Füfsen der Stadt weit ausgedehnten Thalkessel, nicht den Durchmarsch durch die Enge, sondern lediglich den Ein- marsch in diese deckend. Natürlich hängt diese verschiedene Ge- OaUndei, Dar BuuüfaslireE. 6 — 82 — staltung der Handlung doch wieder von den vorhandenen Örtlieh- keiten ab, deren Beschaffenheit keineswegs den Anforderungen der Gewährsmänner entspricht In der That ist die Duranceschlucht bei BriauQon ebenso unpassierbar, als die Croix de Toulouse für Hannibals Hopliten uneinnehmbar. Darum ^war Hannibal auf den Seiten jede Macht genommen." Man könnte meinen, dafs unter solchen Umständen die Kolonne der Tiere, die nach Fuchs'scher Darstellung auf eine Länge von 3 km von rechts und links den Geschossen unnahbarer Feinde deckunglos preisgegeben war, von einer totalen Katastrophe hätte ereilt werden müssen, und wundert sich, dafs Polyb hier nur von f,i€ydkoi xlvdvvot redet, während die Gefahren des ersten bald überwundenen Hindernisses bei ihm ^eyiaroi heilsen. -^ Weiter ist zu bemerken, dafs auch die Genßvretheorie den nach Vereinigung der Truppen am Morgen des 9. Tags erfolgenden Vormarsch zum Fufs der Centralhöhen eliminiert; denn das an der Vereinigung von Clair6e und Durance gelegene Dorf Vachette, bei welchem die Truppen aus der angeblichen Schlucht in die Ebene debouchieren, liegt hart am Fufs des Genßvre. IX. Das nordöstlich streichende Genövreplateau (1866 m ü. M.), in das sich heute Frankreich und Italien teilen, bietet für ein Lager hinreichend Eaum ; auch seine Länge entspricht der des Kl. Bernhard^ sie beträgt vom Südwestrand beim Dorf Montgenövre bis zur Schlucht bei Clavieres ca. 2,5 km. Der südwestliche französische Anteil ist bis zu einem Kilometer breit, während der nordöstliche italienische stel- lenweise bis auf 50 m zusammenschrumpft ; dort findet sich Feldbau (Kartoffeln, Gerste und Hafer), dagegen nur wenig Baumwuchs, 1) Thatsächlich ist, wie ich mich durch persönlichen Augenschein über- zeugte, der Raum zwischen der Croix de Toulouse und dem Spalt der Durance, jenseits dessen die bewaldete Wand des Infemet aufsteigt, keine Schlucht, sondern nach Überwindung der ca. 200 m langen Einsattelung, zwischen Cita- delle und Croix de Toulouse ein ebenes Thal, das (ca. 20 m unterhalb der Land- strafse) am Fufs des Burgfelsens beginnt und sich fächerartig nach oben aus- breitet. Die Kolonne wäre also verhältnismäfsig bald aufser Gefahr gewesen, und wenn Hannibals Hopliten den Eingang in diese „Schlucht** deckten, so konnten seine Schützen wohl die weitere Deckung übernehmen. — 83 — hier im Grunde dürftiger Grasboden und an der östlichen Berg- lehne Lärchenwald. Ein zweites vom ersten getrenntes Lager hat hier keinen Raum, weshalb Fuchs sich genötigt sieht, Hannibal zweimal an der gleichen Stelle sein Lager schlagen zu lassen: da das Abstieghindemis nur einen Kilometer vom Lager entfernt war, erscheint die doppelte Arbeit des Abschlagens und Wiederauf- schlagens an gleicher Stelle um so seltsamer. Ob das Plateau den 12000 Tieren Hannibals hinreichend Futter bieten konnte, ist sehr fraglich. Das Vorhandensein des Lärchenwalds scheint zwar durch Liv. 37, 2 gerechtfertigt 1) , dagegen durch liv. 37,4 Pol. 55, 9 aus- geschlossen. Bezieht man beide Liviusstellen auf die Pafshöhe, so liegt hier ein offenkundiger Widerspruch vor, den man, falls Poly- bius als gleichwertiger Gewährsmann gelten darf, nur zu Gunsten von Liv. 37,4 schlichten kann. Was die Aussicht auf die Po- ebene betrifft, so thut Fuchs wohl daran, über diesen Punkt ganz zu schweigen, denn „vom Gen6vre sieht man absolut nichts" (Perrin). Bei der nordöstlichen Richtung des Plateaus ist so wenig als beim Kl. Bernhard auch nur an die abstrakte Möglichkeit einer solchen Aussicht zu denken.^) Selbst Neumanns Behauptung, dafs man „vom Genövre einen Blick auf das Thal von Susa habe", ist mit Entschiedenheit zurückzuweisen. Nach Passierung der Schlucht von Claviöres erblickt man nur das schluchtartige Thal von C6sanne, 26 Meilen oberhalb Susa. Die Comba di Susa wird auf diesem Weg erst kurz vor Susa selbst sichtbar. X. Wie der Kl. Bernhard, so macht auch der Gen^vre eine wesentliche Ausnahme von der von Livius gegebenen und auf den Hannibalweg bezogenen Regel, nach welcher der Abstieg nach Italien kürzer und steiler ist als der nach Gallien. Nach den Zeugnissen 1) Allerdings sind die dortigen Lärchen keine immanes arbores (welche sich wohl nirgends in solcher Höhe der Alpen finden), sondern schmächtige und kränkliche Stamme. Silius III 638 f. redet jedoch von Steineichen (robora) und Bergeschen (omi). 2) Trotzdem besafs ein Dr. Wiedemann den Mut in einem Görlitzer Pro- gramm frischweg die Existenz einer solchen Aussicht zu behaupten und mit dieser Behauptung sein luftiges Gebäude zu krönen. 6* — 84 — der Antike (It Hier, und Ammian) be^nt der Aufstieg zur Ma- trona einerseits bei Brigantium (1 321 m ü. M.), anderseits bei Martis- Ouls (1066 m ü. M.) ; sämdiche Itinerare rechnen aber von Martis zur Alpis Cottia 13, von hier nach Brigantium 6 Meilen. Kinsicht- licb der Placierung des AbstieghindemiBses am Flateanrand hat Fnchs das Eichtige getroffen, doch kann ich nicht zugeben, dafs der ca. 600 m lange Serpentinenweg, der unterhalb ClaviÄres über die FiR &. Sahlacht dar Doia Dcd Laoeta d'ADDlbal. ca. 80 m hohe kahle, aus dunklem Kalkstein bestehende Felswand zur Schlucht der Dora bin^führt, etwas anderes ist als ein Eest der alten' Cotüusstrafse (cf. Ammian XV 10), die vor Anlegung der neuen unter Napoleon I. in die Wand des westlichen Chaberton gesprengten StraTse allgemein benützt wurde.') Diesen Weg hat 1) Der Weg in und dnrdi die ca. 600 ta lange Schlucht ist für jedennanD zngänglich, wird aber trotz der Btarken Küiznng nicht mehr benutzt, weil zahl- — 85 — Ennodius von Ticinum (ca. 500) im Auge, wenn er in seinem Itiner avium Bregantionis castelli schreibt: Scrupea descissis pendehat semita planus Nee visu facilis credita callis erat Der Weg ist an Stellen, wo er noch vollständig erhalten ist, ca. 8 m breit: dies beweist, daXs er kein Produkt der angeblichen Fels- sprengung Hannibals sein kann, obwohl er seit dem 16. Jahrh. offen- bar auf Grund der neu in Aufnahme gekommenen Genövretheorie Laeets d^Ännibal genannt wurde (Perrin, Cocchia). Wo aber ist der zweite Weg, auf welchem Hannibal das Hindernis umgehen wollte? Fuchs schreibt: „Natürlich mufste sich Hannibal wieder um einige hundert Meter erheben und traf wahrscheinlich in einer hinanführenden Schlucht auf alten festgefrorenen Schnee, ohne des- halb in die Region des ewigen Schnees gekommen zu sein." Dieser Ausspruch entstammt lediglich der Phantasie, weil es an dieser Stelle überhaupt keinen zweiten Umgehungsweg giebt. Über den westlichen Chaberton zu kommen war eine Unmöglichkeit, an der östlichen bewaldeten Bergwand aber ist keine hinanführende Schlucht zu entdecken, überdies stieg Hannibal nach Pol. 55, 2 ff. nicht hin- an, sondern hinab. Bezüglich des „alten festgefrorenen Schnees", den Hannibal auch am Plateaurand antraf, schreiben Wickham^ Gramer: „Auf wiederholte Anfragen erhielten wir stets dieselbe Antwort, dats nicht ein Punkt bekannt wäre, wo der Schnee das ganze Jahr hindurch liegen bliebe." XI. Während die Anstieglänge sich zur Abstieglänge wie 8 : 3 verhalten soll, besteht für die Theorie ein Verhältnis von 8 : 9,33. Die Entfernung vom, „Anfang des Alpenanstiegs" zur Alpis Cottia beträgt nach den Itineraren 42 resp. 48 Meilen, je nachdem wir .mit Neumann Embrun oder mit Fuchs Savines zum Ausgangspunkt nehmen. Die Entfernung von der Alpis Cottia zum Eaüd der Po- ebene bei Ocelum beträgt entsprechend den verschiedenen Angaben der Itinerare zwischen 49 und 56 Meilen. Daf s unter solchen Um- ständen der Anstieg acht, der Abstieg nur drei Tage dauerte, will reiche Felstrümmer zu übersteigen sind, und an mehreren Stellen das Bett der Bora passiert werden mnfs. — 86 — auch Fuchs nicht einleuchten; er postuliert also: „Am 15. Tag war Hannibal drüben aber noch nicht drunten'', und statuiertauf Grand jener „mechanischen Zählung'', dafs Hannibal erst am 18. Tag am Eand der Poebene eintraf. Wenn Fuchs diese den Gewährmänner di- rekt widersprechende Annahme durch die angebliche Thatsache recht- fertigt, dafs Hannibal schon verschiedene Tage vor dem fünfzehn- tägigen Alpenzug in den Alpen marschierte und dafs demgemäfs der Alpenzug auch in den Alpen (nicht jenseits dieser) schlief sen müsse, so sehen wir an diesem Beispiel klar, wie bei der Genßvre- theorie sich Vorarteil auf Vorurteil stützen mufs. Der Gesamtlänge des Alpenzugs, die nach Polybius ungefähr 1200 Stadien = 144 Meilen beträgt, kann weder Neumann mit ca. 96 Meilen = 800 Stadien, nach Fuchs mit ca. 102 Meilen = 850 Stadien gerecht werden, weshalb Fuchs dieser „einzigen Stelle Polybs" — bei „mechanischer Zählung" sind es bedeutend mehr — „die Berechtigung versagen zu dürfen" glaubt. Wenn aber die Karthager während des fünfzehntägigen Alpen- zugs demnach nur ca. 800 Stadien zurücklegten, so ist das Mifs- verhältnis um so gröfser, als sie der einleitende Marsch, bei dem sie ca. 1300 — nach Polybius freilich nur 800 — Stadien, und zwar zur Hälfte im Gebirge, zurücklegen mufsten, nur zehn Tage gekostet haben soll. Dazu kommt, dafs der von der Theorie konstruierte Marsch Hannibals von der Isöremündung zur Poebene die polybia- nischen Mafse, die sicherlich eher auf als abgerandet sind, um ca. 150 Stadien überschreitet. Marindin, der die relative Berechtigung der Mafse Polybs anerkennt, verlegt daram den Anfang des An- stiegs an den Col ßayard und gewinnt so — aber um welchen Preis! — ein angemesseneres Verhältnis zwischen Anstieg- und Ab- stieglänge. 1) Beuche, Folard und neuerdings Hennebert (Hist d^Ajonibal 1870 — 91) vertreten die Anschauung, dafs Hannibal nach Passierung des Genevre über den 200 m hohem Col de Sestrieres ins Thal des Chisone marschiert sei. Er mufste also zuerst 500 m tiefer und dann von Cesanne aufs neue 700 m höher steigen: Cette perspective de laheur trouble un peu le soldat, qui pensUit n'avoir plus d'ascensions a faire; mais son emoi n'estpas de longue duree. II reprend courageusement le fil de son ^tape, s'ileve rapidement etc, schreibt Hennebert im Stil eines historischen Romans. Wie rechtfertigt man diesen allen — 87 — Die Prüfung der Theorie dürfte gezeigt haben, dafs diejenigen, welche ihr zuliebe der Klein -Bemhardtheorie untreu geworden sind, mit nichten das bessere Teil erwählt haben. Freilich auch nicht das schlechtere, denn da in beiden Theorieen Richtiges und Falsches ziemlich in gleichem Verhältnis gemischt ist, so stehen sie an Wert einander auch ziemlich gleich. Handelt es sich nur um die Wahl zwischen diesen beiden rivalisierenden Theorien, dann mülste es auf ewig bei einem Non liquet bleiben. Dies ist der Standpunkt Rankes. D. Die Montevisotheorie. Da zwei östliche Seitenthäler des obem Durancethals in Be- tracht kommen können, von denen jedes wiederum verschiedene Über- gänge besitzt, so ergeben sich mancherlei Versionen dieser Theorie. Das nördlichere Thal ist dieVallisQuaeracensis-Queyras, ohne Zweifel nach der in Inschriften (CIL XII n. 80) und bei Plin. III 5 vor- kommenden kottianischen civitas Quariatium {Quadiatium in der Inschrift des Triumphbogens von Susa) also genannt; es ist vom Guil durchflössen, der sich bei Mont Dauphin, 17 km oberhalb Embrun, in die Durance ergielst. Aus dem Thal führen drei namhaftere Pässe nach Italien: nördlich der Col de la Croix (2320 m) ins Thal des Pellice, einer der schwierigsten Alpenüber- gänge; die sogenannte Traversette (2950 m) zur Poquelle, jeden- falls erst seit der 1475 — 80 erfolgten Anlegung des 72 m langen Felsentunnels passierbar; der Col d'Agnello (2669 m) ins Thal der Varaita. Letzterer Übergang dürfte verhältnismäfsig der be- quemste sein, allein von Costigliole, wo er die Ebene erreichte, hätte Hannibal, um nach Turin zu gelangen, noch einen weiten und beschwerlichen Marsch zurücklegen und verschiedene Flüsse, Berichten zuwiderlaufenden Zug? Nach Beuche wollte Hannibal einem mög- licherweise im Dorathal gelegten Hinterhalt ausweichen; Folard identifiziert im Widereprach mit Strabo V 217, Rav. IV 30 (cf. die Vase. Apoll.) das Ocelum Caesare BG 1 10 mit üsseaux bei Fenestrelles im Chisonethal, und Hennebert verkündet auf Grund eines Irrtums bei Strabo IV 203 , der durch Strabos Context, Ptol. II 9, die Inschrift des Triumphbogens von Susa u. a. leicht zu widerlegen ist, der Welt in Lapidarachrift, dafs das Thal der Dora Riparia den Salassem gehörte, die Hannibal meiden mufste! — S8 — darunter den Po, überschreiten müssen (Mac6, description du Dauphin^). Das zweite Thal ist die von der Ubaye durchströmte Vallis Argen- taria oder Thal von Barcelonnette. Da die Ubaye unterhalb Savines in die Durance mündet, so kommt die Angabe des livius, daTs Hannibal den Dmentia nur überschritt, um ihn alsbald wieder zu ver- lassen, auf dieser Route eher zu ihrem Recht Marquis von St. Simon, der sie 1770 zuerst in Vorschlag brachte, berief sich hauptsächlich auf die ^alloL Pol. 52, 3, die Thuillier frischweg mit rameaux d'olive übersetzt hatte, und wies nach, dals Ölbäume nur bei Bar- celonnette vorkommen. Während aber St Simon Hannibal das ganze Thal aufwärts bis zum Monte Viso ziehen liels, lenkten zwei neuere Gelehrte (Chappuis, der im Auftrag des französischen Unterrichts- ministeriums 1860 einen rapport sur le passage d* Ännibal veröf- fentlichte, und Freshf ield. Alpine Journal 1 883) die Aufmerksamkeit auf denCol de PArgenti^re (2019 m), auch Col de la Madeleine und Col de Lärche genannt, der von Arcia-Larche, ins Thal der südlichen Stura führt und nach Durandi wenigstens auf italienischer Seite Spuren einer Eömerstralse aufweisen soll. Den Ausschlag gab für Freshf ield das bei Servius stehende Varrocitat, auf das wir später zurückkommen werden. Ich verzichte auf eine ein- gehende Kritik dieser Theorie und bemerke nur, dals nach Perrin unter allen Alpenthälem das Ubayethal wohl das schwierigste ist, und dals die Entfernung von Cuneo, bei welcher Stadt die Stura in die Ebene tritt, bis Turin mindestens 60 Meilen beträgt. Jeden- falls wäre Hannibal auf Grund der Montevisotheorie nicht im Gebiet der Tauriner eingetroffen, da nach Plin. III c20 das Gebiet der ligurischen Bagienni sich bis zur Poquelle erstreckte. 1) Nach Jovius bist XV war der erste, der diese Straf se für Heere erschlofs, Franzi. 1515. Um den äufserst schwierigen Thaleingang (pas du Lauzet) zu umgehen, zog er unter Führung Trivulzios von Mont Dauphin- Guillestre über den Avaltius mons (Col de Vars) zur rupes Sti Pauli u. s. w. DRITTES KAPITEL. Die Cenistheorie. Den Nachweis, daXs die ersten Autoritäten des Altertums teils direkt teils indirekt dieser Theorie zustimmen, werde ich am Schlüsse dieses Kapitels zu liefern suchen. Im Mittelalter durch die herrschende Poeninustheorie verdrängt, trat die Cenistheorie erst gegen Ende des Mittelalters aufs neue hervor und scheint im 16. Jahrhundert bei den Gelehrten ItiaJiens die herrschende gewesen zu sein. Der Turiner Hu- manist Machaneus (Maccaneo f um 1530) schreibt in einem Kom- mentar zu Aur. Victor vir. ill. 42, 2: Constat venisse Hannihalem per montem loviSy quem vulgo Cinisium appellant Er kennt wohl die (pseudo)plutarchische Vita Hannibalis, weist aber deren Angaben ausdrücklich zurück. Jovius (Giovio f 1552) fährt im 15. Buch seiner Zeitgeschichte, wo er anläfslich der Erzählung des Zugs Franz' I. die Alpen beschreibt, nach Erwähnung der Inschrift von Bard (s. u.) also fort: Quamquam Livius gravissimiLS histo- riarum scriptor de transitu Annihalis ambigens non Qrais sed Poeninis eum transisse memoriae prodit Dieser auf unklarer Er- innerung an Liv. XXI 38, 6ff. beruhende Satz beweist, dafs die antike und wieder modern gewordene geographische Nomenklatur jener Zeit noch nicht geläufig warO, denn Jovius identifiziert die Alpes Oraiae^ die er nach Caes. B G. III 1 auch summae Alpes nenn^ mit den Alpes Sandi Bernardiy zu denen er die beiden Pässe des mons Jovis (Gr. Bernhard) und Jovettus (Kl. Bernhard) rechnet. Als Hauptübergang der Poeninae betrachtet er den Cenis, denn er schreibt: Has (Graias) Poeninae Alpe$ exdpiunt^ quarum altissi- mum cacumen hodie montem Cinisium nuncupamus. Eis ah 1) Im Veroneser Codex des Itin. Hier, finden sich hinter Mansio Eburoduno die Worte: Inde indpiunt Alpes Fenninae (Desjardins IV 35). Lalande (1769) rechnet den Cenis, Rogniat (1816) den Kl. Bernhard zu den penninischen Alpen. — 90 — Taurino Susaque per Novalesiam atque Ferreriam et mox sur peratis culminihus per vallem Moriennam Vienna atque Lugdunum adeuntur. Josias Simler läfst es in seinem Comment de Alpibus 1574 dahingestellt, ob Hannibal den Cenis, den er — angeblich nach einer in Lans-le-Bourg vorhandenen Statue des Heiligen — mons Dionysii nennt, oder den Genevre überschritten habe. Die seltsame Vermengung beider Theorieen, die wir im Theatrum Pede- montii 1682 s. v. Susa antreffen, scheint immer noch der Cenistheorie die Priorität einzuräumen, i) Nach Grosley waren Marschall Villars und Kardinal Polignac ihre erklärten Anhänger. Im 18. Jahrhundert war zwar die Genövretheorie fast allgemein Siegerin geblieben, trotzdem war die Cenistheorie nicht tot. Nach Zander gelang es Mann den ge- lehrten Abauzit für sie zu gewinnen (Oeuvres Amsterd. 1773). Weitere Verteidigerfand die Theorie an zwei schwedischen Eeisenden bei Gros- ley 1764, Lalande 1769, Friedr. Leop. Graf zu Stolberg 1791, dem grofsen Naturforscher de Saussure (Voyages dans les Alpes 1779 — 96), Albanis Beaumont, der sich übrigens für den zum Cenissystem ge- hörigen Col deFAutaret aussprach, 1806, Ebel 1800, Miliin 1816. Um dieselbe Zeit hat sich Napoleon L im Gegensatz zu Rogniat in eingehender strategischer Begründung für den Cenis erklärt In Deutschland folgte Mannert (Geogr. von Italien IX) 1823. Einen wissenschaftlichen Fortschritt bezeichnet des Grafen Larauza Histoire Critique du passage des Alpes par Ännibal 1826; ihr folgten Cazaux 1828, in Deutschland Ukert (Weimar) und Franke (Sagan). Berech- tigtes Aufsehen erregte in England des Oxforder Philologen Rob. EUis Treatise on HannihaVs passage of the Alps 1853, der den Kleinen Cenis als Hannibalpafs bezeichnete. Ihm folgt sein Lands- mann Ball 1877. Glänzende Vertreter fand die Theorie an drei französischen Gelehrten, Mac6 1861, Maissiat {Annibal en Gaule) 1 ) Quelqiies uns ont ^crit qu' Ännibal, chef des Cartliaginois, passa par la valUe de Suse et par le mont Cenis et qu'etant au haut de la montagne de Rochemelon, il montra aux officiers de son armee la Gaule Subalpine et leur en fit consid&er la beaute pour les animer a la conquete; qu'ensuite il s'em- para de Turin pour pouvoir joindre plus fadlement les autres troupes, et quHl monta le mont Genevre pour eviter Varm^e de F. Scipion, qui gardait les Alpes maritimes. — 91 — 1878 und Colone! Perrin (Marche d' Ännibal des Pyrenees au Pd) 1887. Letzterer ist hinsichtlich der geographischen Erforschung des ganzen Gebiets der Westalpen, wo er mehrere Jahre die Fortifika- tionarbeiten leitete, Hauptautorität; um so auffallender ist, dals er sich für den Nebenpafs des Cenis, den Col du Ciapier, entscheiden zu müssen glaubte — eine Version, der auch Soltau (Zabem) zu- stimmte. Eine italienische Abhandlung zu Gunsten der Theorie, für die sich auch Bignami {Cenisio e Frejus) 1871 erklärt hatte, lieferte Constantini (Triest) 1892. Gedenken wir noch insbesondere der entschiedenen, aber zu kurz und allgemein gehaltenen Zustim- mung Nissens (Ital. Landeskunde 1883), welche die Gegner mehr überrascht als überzeugt hat. An Verteidigern hat es also der Theorie bislang nicht gefehlt, wenn sie auch an Zahl hinter denen der beiden grofsen Parteien weit zurückstehen. Dals ihr noch kein Sieg beschieden war, wundert mich nicht. Wandeln doch die Ver- treter der Theorie noch vielfach in alten Geleisen, welche auch sie wiederholt in die Irre führen mufsten. Wohl ist von allen viel wertvolles Material zusammengetragen, aber von keinem zu einem unangreifbaren Bau vereinigt worden. Hier gilt: De hoc multi multa, omnes aliquid, nemo satis. Wie weit meiner Konstruktion solche Vereinigung gelungen ist, möge eine jüngere vom Bann veralteter Schuldogmen freie Generation entscheiden, vorausgesetzt, dafs sie die Mühe nicht scheut, den Spuren des grofsen Karthagers und geist- vollen Achäers zu folgen. Für die folgenden Ausführungen ent- binde ich mich von der direkten Rücksichtnahme auf die bekannten Leitsätze und halte mich an die vom Hauptgewährsmann gegebene Einteilung des Hannibalzugs. A. Die einleitenden Märsche. I. Vom Ebro zur Rhone. Pol. III 35. 40 ff. Liv. XXI 23. 24. 26. Hannibal hatte, als unmittelbare Antwort auf die römische Kriegserklärung^), Ende Mai des Jahres 218 den Ebro (bei Dertosa- 1) Die chronologischen Schwierigkeiten gestatten wohl keine andere Lösung, als dafs der ganze Winter 219—218 mit diplomatischen Verhandlungen über die Frage, ob der Krieg gegen Sagunt casus belli sei, ausgefüllt waren. — 92 — Tortosa) überschritten. In der verhältnismäfsig kurzen Zeit von sechs Wochen hatte er die Völker des nordöstlichen Spaniens unter- worfen und stand nun bei Emporion am südlichen Fuls der Pyre- näen, während die Römer, welche die Kunde vom Ebroübergang^ überrascht hatte, noch vollauf mit Eriegsrüstungen beschäftigt waren. Der Trols und alle Wertsachen des Heeres waren unter Obhut Hannos in der Stadt Kissa (Hauptstadt der Cessetani bei Tarraco) zurückgelassen worden (Pol. III, 79, 5 Liv. XXI 60, 7). Etwa vom 9. — 15. Juli fand der Übergang übet die Pyrenäen statt Hannibat benützte wahrscheinlich den gewöhnlichen Weg, der über Jimcaria- Junquera und den summus Pyrenaeus der Itinerare (Col de Per- tus), wo Pompeius später seine Tropaea errichtete, zur gallischen Grenze hinabführte. Galt die Paf shöhe als geographische Grenze^ so befand sich (nachweisbar seit Artemidor) die politische Grenze am Nordfufs der Pyrenäen bei der Stadt Illibiris, 17 Meilen unter der Pafshöhe, Strabo IV 178. Bei Stadt und Fluls Illibiris (Ehie am Tech) schlug Hannibal nach glücklich vollbrachtem Übergang sein Lager. Wenn die Gallier dieser Gegend (wahrscheinlich die Sorder) nach Hannibals Befürchtung die Absicht gehabt hatten^ den Abstieg des Heeres zu hindern, so waren sie zu spät gekom- men, denn ihre Streitkräfte standen erst bei Fluls imd Stadt Ruscino (Castel-Roussillon an der Tet), 8 Meilen von Illibiris. Hannibal gelang es durch Versprechungen und Geschenke von den Häupt- lingen freien Durchzug zu erlangen. An Ruscino vorüber, das sardische Meer in einiger Entfernung zur Rechten 2), rückte er gegen Norden. Der Zug stiefs auf keine erwähnenswerte Schwierigkeit ; 1) Cf. Die Beschreibung der Gegend bei Strabo III 156, 159f. Bei Em- porion befindet sich ein Mona Jovis mit den Scalae Hanmbalis (Mela n 6) — La Escala nnd eine Menge anderer auf Hannibal getaufter Örtlichkeiten. Über die Frage, auf welchem Pafs Hannibal die Ostpyrenäen überschritt, giebt es übrigens fast ebenso viele Theorieen als über seinen Alpenübergang. 2) Wenn Hennebert aus Pol. IH 41, 7: Ss^ov ex(ov xo 2aQ66viov nikayog schliefst, dafs Hannibal hart am Strande marschierte, so liegt dies weder in den Worten (vgl. nap^ aitov xbv noxafiov 39, 9) noch im Bereich der Möglichkeit, da die ganze Küste von Strandseen (praejacentibus stagnis Plin. UI c 5) be- gleitet ist Zudem mufste Hannibal daran liegen seinen Zug den Spüraugen massaliotischcr Seefahrer (Appian VI 14) möglichst zu verbergen. — 93 — die Macht des karthagischen Goldes oder die Furcht liels keinen ernstlichen Widerstand bei den tectosagischen und arecomicischen Volcem aufkommen.!) Letztere suchten sich bei Hannibals Nahen grolsenteils auf das linke Bhoneufer zu retten. Durch sie scheint der Konsul P. Scipio, der soeben beim massaliotischen Mündung- arm der Rhone ans Land gegangen war, die Nachricht vom An- marsch des Gegners erhalten zu haben. Scipio sendet seine Reiter auf Rekognoszierung, entschlossen, nach Entdeckung der feindlichen Stellung mit dem ganzen Heer zu folgen, um den Übergang über den Strom zu hindern. Hannibal, der die Nachricht von der Anwesen- heit der römischen Flotte erst am Tag nach dem Übergang der Hauptarmee erhielt, hatte jedenfalls mit dieser Eventualität gerech- net und darum den Übergang an emer Stelle bewerkstelligt, die der Einflufssphäre der Römer und der mit ihnen verbündeten Massa- lioten möglichst entrückt war. Die Stelle war „fast vier Tagreisen" vom Meer, 600 Stadien von der Isöremündung entfernt Haben wir das Recht anzunehmen, dafs die „ungefähr 1600 Stadien (= 192 Meilen) Pol. 39, 8 der Entfernung vom Nordfufs der Pyrenäen bis zum Rhoneübergang gelten, so lag die Stelle etwa 54 Meilen nörd- lich vom Nemausus, da die Entfernung von Illibiris bis Nemausus ca. 138 Meilen beträgt Alle diese Daten leiten so genau als mög- lich auf die Stelle des an der Mündung der Ardöche gelegenen Städtchens Pont-St-Esprit, für die sich schon Niebuhr, Peter u. a. erklärt haben. Es sprechen aber noch weitere Momente für diesen Ort De Bagnols schreibt (Notice des travaux de VAcad^ie du Gard) : „St. Esprit war in den frühsten Zeiten Mittelpunkt des Ver- kehrs zwischen den Allobrogem , arecomicischen Volcem, Helviern und mehreren andern Völkern. Diese vor Hannibals Über- gang existierende Verkehrsverbindung hatte zur Anlegung eines Wegs geführt, der seinen Anfang bei St Esprit nahm und west- wärts gegen Carsan, Uzös und Nimes lief." Dieser Weg ist in der Kiepertschen Karte zum CIL XII angedeutet : er führt von Nimes 1) Nach Desjardins bildete der Flufs Araura-H^rault die Grenze zwischen den beiden Stämmen. Früher safsen in der Gegend von Narbonne die Be- brycer cf. SiliuB 111442 f. — 94 — über Eussan am Vardo-Gard, ücetia-üzös, die römische Brücke über die C^se bei La Roque, Carsan nach St Esprit (cf. den Meilenstein von St. Michel d' Euzet ibid. nro. 5881). „Hier sind zu beiden Seiten des Stroms flache und leicht zugängliche Ufer, die der Landung kein Hindernis bieten; vor sich hat man eine glatte Ebene, die jede Über- raschung unmöglich macht, während oberhalb St. Esprit die Mündung der Ardöche, unterhalb sumpfiges Gelände und eine Unzahl anderer Hindemisse sich finden." Napoleon I. weist darauf hin, dafs oberhalb der 28 lieuesO (= 112 km) vom Meer entfernten Ard6chemündung das rechte Rhoneufer durch das vortretende Gebirge dem Marsch eines Heeres ziemliche Schwierigkeiten in den Weg legen mufste. Dagegen ist der Unterlauf der Ardeche auf 8 km schiffbar, und die bewaldeten Ufer boten den ketrovQyoi Hannibals hinreichend Material zum Bau von Kähnen und Fähren. Nach Perrin teilte sich die Rhone im Altertum bei La Palud, ca. 3 km oberhalb St Esprit, in zwei Arme, die unterhalb der Ardöchemündung auf der Höhe des Städtchens wieder zusammenkommen. Bei Livius er- greift an der Stelle des Rhoneübergangs die Leute eine plötzliche Furcht vor den Alpen: auch diese ist durch die Stelle motiviert^ denn „man entdeckt von hier in den Alpen eine gorge, die sich ziemlich deutlich gegen St Esprit richtet und seiner Zeit das be- rühmte Projekt zeitigte eine Postlinie zwischen Italien und Spanien zu ziehen" (de Bagnols). Hannibal war etwa am 8. Aug. 2) an der beschriebenen Stelle eingetroffen. Vier Tage und fünf Nächte kosteten ihn die Vor- bereitungen zum Übergang, zu denen auch die Absendung des De- tachements gehört, das unter Hanno, Bomilkars Sohn, 200 Stadien aufwärts über die Rhone ging und nach Verabredung den am linken Rhoneufer stehenden Galliern in den Rücken fallen sollte. Hanno hatte im Gebiet der Heivier, vielleicht bei Viviers gegenüber der Mündung 1) Durch die Anschwemmungen der Khone im Mündungsdelta — nach Reclus ca. 200—300 qkm seit der keltisch-römischen Periode — ist die Mündung des Stroms einige Meilen nach Süden gerückt. Um so weniger ist die Uber- gangstelle weiter nach Süden zu rücken, als von unserer Seite geschehen ist. 2) Dieses Datum, doch unter teilweise anderen Voraussetzungen, giebt auch V. Breska. — 95 — des Roubion, die Rhone passiert, wo am linken Stromufer das Gebiet der wohl befreundeten Segallauni (Ptol. II 9 Plin. III 34) begonnen zu haben scheint. Am fünften Tag (12. Aug.) setzte das Haupt- heer über und schlug sein I^ger „hart am Flufs", unweit der Mündung des kleinen Letoce-Lez, im Norden der breiten Ebene von Arausio- Orange (ca. 10 Meilen von dieser Stadt). In dieser Ebene, wo 115 Jahre später die Römer eine ihrer schwersten Niederlagen er- litten, fand wohl am nächsten Tag der Zusammenstofs zwischen Hannib^ls und Scipios Reitern statt, während gleichzeitig die aus dem Poland eingetroffenen keltischen Gesandten dem Heer im La- ger vorgestellt wurden. Am 14. Aug. erfolgt Aufbruch und Vor- marsch der karthagischen Infanterie Pol. 44, 13 (cf. liv. 41, 4: pe- ditum agmen in modum fugientium raptim agebatur). Die Rei- terei mufste noch zurückbleiben, weil unter ihrer Deckung die Elefanten übergeholt wurden, eine Arbeit, die zwei Tage in An- spruch genommen haben dürfte. Da nämlich Scipios Reiter, die nach dem Gefecht am 13. Aug. noch bis an Hannibals Lager her- angeritten waren, bei der grofsen Entfernung vom Meer sicherlich nicht vor dem Abend des 14. Aug. dem Konsul Meldung erstatten konnten, so kann auch der Aufbruch des römischen Heers nicht vor dem 15. Aug. erfolgt sein. Am vierten Marschtag — kaum früher, da es die Durance zu überschreiten hatte — also am 18. Aug. erreicht es die Stelle des karthagischen Lagers, drei (nach moder- ner Rechnung zwei) Tage nach dem Abzug der Reiterei, der also am 16. Aug. stattgefunden haben mufs — eine Berechnung, die nach einer Mitteilung Dr. R. Öhlers auch die Zustimmung mili- tärischer Sachverständiger gefunden hat.^) 1) Nach Pol. 42,2 hatte Hannibal schon am 12. August alle Truppen über- gesetzt. Dafs Scipio trotzdem am 15. August seinen Marsch antritt, obwohl er kaum hoffen konnte, Hannibal noch anzutreffen, ist wohl denkbar; offenbar wollte er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, nichts gethan zu haben, um Han- nibal noch im letzten Moment in den Weg zu treten. Warum aber machte Hannibal keinen Versuch mit dem Gros seiner weit überlegenen Reiterei Sci- pios Reiter, die ans Lager heranritten, einzuholen und unschädlich zu machen? Wenn Scipios Reiter, die schon 14 Tage rekognoscierten. nicht früher zur Stelle waren, so ist wohl anzunehmen, dafs es Hannibal gelang, sie durch Schein- manöver seiner Reiterei lange genug fernzuhalten. — 96 — IL Von der Rhone zu den Alpen, Pol. III 47—50 liv. III 31—32, 6. Das Heer, ca. 38000 Mann Infanterie, über 8000 Reiter und 37 Elefanten (App. VII 4) , zieht am linken Ufer des Stroms 600 Stadien aufwärts. Nach Livius und Zonaras, die vom Standpunkt einer spätem Zeit reflektierten, wählte Hannibal absichtlich, um den Römern auszuweichen, den w eitern Weg — auch vom Rhoneüber- gang war der Cenisweg ca. 25 Meilen länger als der Genfevreweg; Polybius, der nur einen Taurinerweg kennt, weifs folgerichtig nichts von einer zweiten kürzeren Route. Auch Scipio handelt wie einer, der von der Existenz einer solchen nichts weifs: bei Polybius III 64, 7 stellt er die Sache so dar, als hätten die Karthager „gegen ihren ursprünglichen Vorsatz" aus Furcht den Weg über die Alpen einge- schlagen, er kennt also nur die Alternative zwischen dem Weg an der Küste und dem Binnenlandweg über die Alpen. Da er auf diesem den Gegner „nicht mehr einholen konnte und dieser nicht zu den Schiffen zurückmarschiert war" ^), kehrte Scipio mit wenigen Beglei- tern zur See nach Italien zurück, während er seinen Bruder Cneius mit der Hauptmacht nach Spanien gehen liefs. Damit ist die An- nahme, dafs Hannibal nach anfänglicher Diversion gegen Norden später wieder gegen Süden in den Bereich der Römer zurückge- kehrt sei, so bestimmt als möglich ausgeschlossen. Hannibal zieht seinem ursprünglichen Plane getreu zu der durch die Vereinigung der Isöre und Rhone gebildeten Spitze der AUobrogerinsel. Die Entfernung vom Rhonelager zur Isöre, 6 Meilen nördlich von Valentia, beträgt nach dem It. Hier. (Cod. Paris. Des- jardins IV 35) 67 Meilen, nach dem Kursbuch 90 km; für Hannibal, der aus taktischen Gründen „unmittelbar dem Flufs entlang" zog und also dessen Windungen folgte, 600 Stadien = 72 Meilen. Die Müf sehen Berre, Roubion, Dröme*^), die auf dieser Strecke seinen Weg kreuzten, sind im Hochsommer wasserarm, also leicht zu über- schreiten (cf. die Schilderung der Gegend bei Strabo IV 185). An 1) Liv. XXI 41, 4: neque — ursprüngliche Lesart — regressus ad navis erat sc. hostis. 2) Drnna (Aason.MoseUa479) wohl identisch mit der dovQlwv Strabo IV 185. — 97 — der Inselspitze traf die Reiterei unter Hannibals Führung wieder ihre Infanterie; erstere hatte vier, letztere sechs Tagmärsche ohne Rasttag zurückgelegt — Grund genug, dem ganzen Heer die wohl- verdiente Rast zu gönnen. Unweit der Vereinigung der beiden Flüsse lälst Hannibal das Lager schlagen, so dafs die Rückseite an die Isöre stiefs, die Front nach Süden dem Feind zugekehrt war. Jedenfalls rechnete er mit der Möglichkeit, dafs die Römer die thatsächlich aufgenommene Verfolgung fortsetzten, und war wohl entschlossen, an der Stelle, wo 121 Q. Fabius Maximus die Allo- broger schlug und 102 Marius den Teutonen die Wege zu den Alpen sperrte (OrosVl6), eine Schlacht anzunehmen. Zu Scipios Ver- zicht auf die Fortsetzung der Verfolgung mochte auch die Erwä- gung beitragen, dafs in dem ihm fremden Gebiet noch weitere Gegner erstehen könnten, wenn anders die Gäsaten, deren Bekannt- schaft die Römer in den letzten Gallierkämpfen gemacht hatten (Pol. II 22 ff.), sich vorzugsweise aus den Allobrogem rekrutierten. Um so mehr konnte Hannibal auf die Unterstützung dieser rech- nen. Vorläufig kam jedoch der Hilferuf von ihrer Seite. Unsere Gewährsmänner berichten einstimmig vom Eingreifen Hannibals in einen allobrogischen Thronstreit. Nach Polybius beteiligt sich Han- nibal aktiv an der Bekämpfung und Vertreibung des jungem Präten- denten, nach livius übernimmt er die Rolle eines Schiedsrichters 4 ZU Gunsten des altem Braders B r a n c u s. An sich lag Hannibal gewif s nichts femer als für fremde Interessen seine Leute zu opfem, allein in diesem Fall erheischte sein eigenes Interesse gebieterisch ein Ein- schreiten. Da die mächtigen Allobroger das reiche Vorland der Alpen besafsen, über die Hannibal nach Italien zu ziehen gedachte — nach Ptol. II 9 wohnen sie unterhalb der MeduUer — , so mufste er sich bei ihnen mit den für den Alpenzug nötigen Vorräten ver- sehen. Ohne Zweifel waren zu diesem Zweck längst Verhandlungen 1) Blaeu, der gelehrte Erklärer des Theatniyn Sabaudiae, hält die Gäsaten für allobrogische Reisläuf er. In der That konnte die grofse Menge der Gäsaten nicht allein von den Germani resp. Semigermani des untern Wallis herkom- men, wohl aber von den Allobrogem, die nach Strabo IV186 „viele Myriaden** ins Feld zu stellen vermochten. Oslander , Der Hannlbalweg. 7 — 98 — gepflogen worden (Pol. III 34, 4), denn „in Sachen der Verprovian- tierung läfst sich nichts improvisieren" (Hennebert). Kein Wunder, dafs Hannibal all seinen Einfluls aufbot, um dem ihm ergebenen Prätendenten seine Macht zu sichern. Vielleicht genügte sein blofses Dazwischentreten diese Wendung herbeizuführen, vorausgesetzt, dafs dies mit dem nötigen Nachdruck erfolgte. Hannibal müfste also we- nigstens mit einem Teil seiner Armee auf der Insel erscheinen und zu diesem Zweck die Isöre überschreiten. Dafs dies geschah, folgt aus Pol. 49, 13 ff.; denn nach erledigtem Streit zieht Hannibal mit seinen Reitern (und Elefanten) durch das Land der Allobroger also durch die Insel bis in die Nähe des Alpenübergangs, und als Rückendeckung gegenüber den feindlichen Absichten allobro- gischer Teilfürsten folgen ihm Barbaren, die Brancus im doppelten Bestreben sich seinem Freunde dankbar zu erweisen und den Trotz etwa der noch vorhandene Rebellen zu brechen persönlich geführt zu haben scheint. Diese Truppen ziehen in zehn Tagen 800 Sta- dien weit dem Flufs entlang auf ebenem Boden zum Beginn des Alpenanstiegs. Aus der Verbindung aller dieser Momente folgt mit mathematischer Sicherheit, dafs am rechten Ufer der Is^re von ihrer Mündung bis Montm^lian marschiert wurde. Das rechte Ufer der Isere gehörte zum Gebiet der Allobroger; der Weg ist auch nach Fuchs durchgängig eben — die Steigung von Chateauneuf nahe der Is^re- mündung bis Montm^lian beträgt nur 145 m; „das Thal ist selbst an der schmälsten Stelle bei Voreppe noch zehn Minuten breit'' ; die Entfernung von der Isöremündung bis Montmölian, die der- jenigen von Valence bis ebendahin gleichkommt, beträgt 142 km, das sind genau 800 Stadien. Die Truppen zogen über Cularo-^) Grenoble: diese Stadt, die zuerst in den Briefen des Munatius Plauens (Cic. ad fam. X 23) als Grenzstadt gegenüber den Vocontiern er- wähnt wird, verdankt ihre Bedeutung — sie heilst mit Recht „Kö- nigin der Alpen" — ihrer beherrschenden Lage an den Strafsen nach Italien, von denen die Cenisstrafse die älteste und wichtigste ist. Das alte Cularo lag auf dem schmalen rechten Ufersaum der Is^re, der also trotz der hier vorspringenden Felswand der Bastille l) Angeblich von kelt. culo == culus, extremiM. — 99 — passierbar gewesen sein mufs — Perrin suchte dies zu bestreiten — , gegenüber der Mündung des Drac, die erst in der Neuzeit ca. 3 km nach Westen verlegt worden ist {Dict archeol. de la Oaule und Joanne, Dict geogr.), Cularo gegenüber lag die vom Eavennaten erwähnte Station Fi n es, wo sich laut InschrüPten später ma^ statio quadragesimae Galliarum befand. Mag auch Hannibal die hier nachgewiesene Brücke — ein Gegenstück zur Rhonebrücke bei 6e- nava Caes. B G. I 6 — schon vorgefunden haben , so hat er sie doch nicht benützt, da er bis in die Nähe des Alpenübergangs durch allobrogisches Gebiet zog. Mufste er doch schon deshalb auf allobrogischem Boden bleiben, weil er nuj hier die nötigen Vor- räte antreffen sollte, deren Lieferung wohl als Akt der Dankbar- keit erscheinen konnte, aber sicherlich von langer Hand vorbereitet war. Die Begleitung der Barbaren, die sicherlich auch bei der Übergabe event Eintreibung der Vorräte mitzuwirken hatten, er- klärt, warum Hannibals Reiter in diesen zehn Tagen nicht mehr als das normale Pensum von 800 Stadien erledigten. Wo war aber die karthagische Infanterie, die doch der Auf- gabe den Rücken der Reiterei zu decken vollkommen gewachsen war? Auf diese Frage erteilt Livius 31, 8 ff. die bei Polybius feh- lende Antwort. Hannibal dirigierte sie vom Lager an der Isöre- mündung „nicht in gerader Richtung", wie Livius, um einem mög- lichen Irrtum seiner Leser vorzubeugen, wiederum vom Standpunkt seiner Zeit hervorhebt 0, sondern ad laevam ins Gebiet der Tricastini und weiter per extremam oram Vocontiorum gegen die Tricorii d. h. am linken Ufer der Is6re aufwärts gegen Osten. Die auch liv. V 34 als Anwohner der Alpen erwähnten Tricastini wohnen nach Ptol. II 9 südlich von den AUobrogem und östlich von den (cavarischen) Segallauni; weiter östlich folgen die Vocontii (Strabo IV 185.203 Plin. III34). .Der Marsch durch die Ebene (faciles campos: Sil. III 467) der Tricastini bot keine Schwierigkeit; be- denklicher wurde der Weg durch die rura Vocu7itia, Das Heer zieht durch den äufsersten Saum dieses Landes, nicht weil es Feind- 1) Den direkten Weg von Valentia nach Vapincum durch das Thal der Dröme (Itin. d.) hatte erst Caesar im Jahr 58 für Rom erschlossen (BG 1 10). 7* — 100 — Seligkeiten von Seiten der Vocontier zu fürchten hatte (Hennebert), son- dern weil sein Weg zur Linken durch den Grenzflufs, zur Rechten durch das steil abfallende Vocontiergebirge (Vercors) eingeengt war. Die livianische Darstellung 31, 10 f. läfst erkennen, dafs dieser Weg nur für die Infanterie praktikabel war (haitd usquam impedita); bedenklich „auch für die Infanterie" — Pferde und Elefanten wer- den so wenig erwähnt als die begleitenden Barbaren — wurde er erst durch den Übergang über den Druentia-Drac. Die Tricorii er- wähnen aufser livius und Ammian XV 10 der Geograph Strabo und — was bisher übersehen wurde — Appian. Nach Strabo IV 185. 203 wohnen die Trikorier in Verbindung mit den Ikoniem (den üceni des Tropaeum Alpium , Bewohnern des Oisans, Vallis Occensis 739) und den „hinter ihnen" befindlichen Medullern in dem durch Durance, Rhone, Isöre und Alpen umschriebenen Gebiet „hinter" d. h. östlich von den Vocontiem. Nach Appian IV 3 hatte Caesar während des Helvetierkriegs 58 auch die TQtycoijQovg df,iijvovTai; acpiatv geschlagen: meine schon früher geäufserte Ver- mutung, die Trikorier, deren Name einen Dreibund bezeichnet i) , könnten mit den Ceutrones, Graioceli und Caturiges Caes. BG. I 10 identisch sein, ist also vollauf gerechtfertigt Das Gebiet der Tri- korier beschränkte sich also nicht auf die Umgebung von Corps und Gap ja nicht einmal auf das Thal des Drac, sondern reichte von der Durance bis zur oberen Isöre; der Drac trennte es von den Vocontiem, die Isöre von den AUobrogern. Hannibals Infanterie verläfst alsbald den von ihr mit nicht geringer Mühe überschrittenen Druentia und zieht auf dem Boden der Trikorier, speziell wohl der Grai, Graeci oder Graioceli durch die herrliche und fruchtbare Ebene des Grösivaudan.^) Der Thal- kessel, in dessen Grund sich Is6re und Drac vereinigen, dürfte 1) Kelt. corioj altir. curie^ churi, german. harja Heer; Tricorii also die „Dreiheerigen" (Holder Altkeit Sprachschatz). 2) Der Name Grßsi — auch Graisivaudan (Graswalde) stammt nicht von Gratianopolis-Grenoble, sondern von Graisiacum-Gresy (am Zusammenflufs von Isere und Are). Letzterer Name dürfte so sicher auf die Graeci oder Grai zurückgehen als der Name des Orts Centron (zwischen Aime und Moutiers) auf die Ceutronen der Tarentaise. — 101 — :r * ^ •* wohl 10 — 15 km im Durchmesser haben. Im Osten erscheint der breite Gipfel der Belledonne, südwestlich der spitze Moucherotte, der nördliche Ausläufer der Moucherolle; Grenoble selbst liegt hart am Fufs des Chartereusegebirgs. Von Grenoble bis Montmölian hat das Grisivaudanthal immer noch eine durchschnittliche Breite von 6 bis Skm.i) Die östlichen Hochalpen verschwinden hier hinter anmuti- gen grünen Vorhügeln, zwischen denen klare, leicht zu überschrei- tende Bäche zu Thal eilen ; auf der Westseite dagegen steigen über breiten Schuttfeldem die senkrechten starren Felswände des die Grande Chartereuse einschlielsenden Gebirgswalls auf, von denen Polybius einen so starken Eindruck empfing, dafs er sie in gehäuften Attri- buten „kurzweg als fast unzugänglich" bezeichnete. In der That durchschneidet auf dieser ganzen 50 km langen Strecke kein freund- Uches Thal diese öde Felsenmauer, die Polybius nicht zu den Alpen zu rechnen scheint, wie sie denn auch geologisch zum System des Jura gehört. Die Bevölkerung des Thals zeigte sich friedlich und freundlich; vielleicht glaubte sie, dafs die fremden Truppen, die sich jeder Gewaltthat enthielten, einen Angriff auf die benachbarten Inselallobroger beabsichtigten, deren Truppen sie ebenfalls am lin- ken Ufer aufwärts ziehen sahen — eine Fiktion, die Hannibals Ab- sichten nur förderlich sein konnte. livius resp. sein Gewährsmann nennt übrigens die Leute schlechthin Oalli ; vielleicht standen ihm keine, vielleicht aber auch zu viele Namen zu Gebot, unter denen er sich nicht zurecht finden konnte. Wenn es also keinem Zweifel unterliegt, dafs Polybius und Livius über diesen Marschabschnitt zwei verschiedenartige Dar- stellungen geben, so ist es anderseits nicht minder gewifs, dafs 9 _ 1) Dr. von Salvisberg schreibt über diesen „Garten Frankreichs": Von Montmelian bis Grenoble gleitet man staunend und bewundernd durch ein wahrhaft paradiesisches Land, wie es fruchtbarer und üppiger kaum zu fin den ist. Schattenspendende breite Nufsbäume säumen die breite schöne Strafse, und links und rechts auf den Feldern, die sich wie grofse Kunstgärten in unabsehbare Weite dehnen , wächst das frischeste Obst , die beste Frucht , ein feuriger Wein, Mais, Kartoffeln, Flachs und Seidel?). Armiit und Elend hat hier keine Stätte, ein schöner, fleifsiger und freundlicher Menschenschlag pflegt, und bewirtschaftet das gesegnete Land. ••• .•• •••••11 • ••• ••••/••• • ,^, •• • •/ • • • •• •• ••••• • • • -• :•••::: : .•. • — 102 — • •• •• ••• •••••• beide Darstellungen sich nicht ausschlief sen , sondern gegenseitig ergänzen und erklären. Bei Polybius ist es die Reiterei Hannibals mit den Barbaren, die das AUobrogergebiet durchzieht und auf die- sem Zug zwar keinem direkten Angriff, aber offenkundiger Abneigung der Bevölkerung begegnet; bei Livius zieht die Infanterie durch das Gebiet der Tricastini, Vocontii und Tricorii und erfreut sich nach dem bedenklichen Flufsübergang der vollen Sympathie der Bevölkerung. Dies weist deutlich auf zwei getrennte Märsche. Ein getrenntes Marschieren ist aber weder ungewöhnlich — war doch vom Rhoneübergang zur Is^remündung also unmittelbar vor- her Hannibals Reiterei und Infanterie getrennt marschiert — , noch nachteilig, bietet vielmehr für einen grofsen Heerkörper mannig- fache Vorteile. Wenn die Fuchs'sche „Staffeltheorie" irgend welche Berechtigung hat, so ist es hier der Fall, wo Fuchs keinen Gebrauch von ihr machen wollte. B. Der fünfzehntägige Alpenzug. I. Die ersten vier Tage: Vom Beginn des Anstiegs bis zur Rast hei Garocelum, Pol. III 50, 2—52, 2. Liv. XXI 32, 7—33, 11. Der weinberühmte Mons Aemilianus-Montmelian'), bei dem die beiden durch die Isöre getrennten Heerstaffeln eingetroffen waren, ist ein am rechten Ufer dieses Flusses gelegener isolierter ca. 100 m hoher Kalkfels, der den beherrschenden Mittelpunkt von drei Thä- lem bildet. Der Fels, der einst die stärkste (1705 von den Fran- zosen geschleifte) Festung Savoyens trug und heute noch ein fran- zösisches Fort besitzt, scheidet das südwestliche Gresivaudan von dem nordöstlichen Thal der obem Is^re, das bis ad Publicanos- Conflans den Namen Combe de Savoie führt. Von Nordwest mündet ein von dem bekannten Lac de Bourget über Lemincum (588 Castrum Berientinum-Chamböry) herkommender breiter, einst viel tieferer Thaleinschnitt, durch den in prähistorischer Zeit ein 1) In Urkunden des 12. Jahrh. mons Emelianus, Monmeliacus (Miliin). Der Name stammt vielleiclit von St. Emilien, Bischof (?) der Maurienne im 8. Jahrh. — 103 — Ann der Ehone zur Isfere geströmt aein soll. Die Erhöhung des Thalbodena erfolgte hauptsächlich durch den Einsturz des Mont Granier oder Grönier, des nordösthchen Eckpfeilers des Char- terensegebirga , der 1248 eine Qnadratmeile Landes mit der Stadt St Andrö, sechs Dörfern und sechzehn Weilern verschüttete. Der Name Granier stammt nach Perrin von einem an der Gabe- lung der Thäler gelegenen römischen granaHum, centre d' appro- FiB- 6. aontmfiliin tnsionnement. Jedenfalls bildet die reiche Thalehene von Cham- b4ry noch heute die Kornkammer Savoyens, sie war wohl auch für Hannibal das Centrum der Verproviantierung. Hier fafsten seine Leute im rechten Moment (eiSKß/gwg) nicht allein den für den Alpen- zug nötigen Mundvorrat, der freigebige Allobrogerkönig spendet« ihnen noch warme Kleidung (Pelze) und Schuhwerk. Dazu fand — wohl zugleich als Ausdruck der geschlossenen Waffenbrüderschaft — 104 — — zwischen Puniern und Allobrogem ein Austausch der Waffen statt, wobei die Punier wie der homerische Diomedes gegenüber Glaukos das glänzendere Los zogen : an Stelle ihrer alten in manchen Kämpfen stumpf und schartig gewordenen Waffen tauschten sie neue bessere ein. Von jetzt ab erscheinen auch die Trofstiere zum Tragen der Vorräte und der Lagerutensilien : die schärfere Luft des Hochgebirgs und die herannahende strengere Jahreszeit gestattete nicht mehr auf nacktem Boden und unter freiem Himmel zu kampieren. Zur Auf- gabe der Verproviantierung und Bildung des Trosses kam die weitere Reiterei, Trofs und Elefanten vom rechten Ufer der Isöre auf das linke tiberzusetzen. Dieser zweite Isereübergang, den Polybius so wenig erwähnt als den ersten — III 56, 2 ist nur im allgemei- nen von Verlusten die Rede, die auf die Rechnung der Flufstiber- gänge kommen — scheint ohne nennenswerten Unfall verlaufen zu sein. Er stellte endlich die Verbindung zwischen den beiden Heerstaffeln wieder her und löste die Verbindung mit den Truppen des Brancus. Hannibal nimmt Abschied von seinem Freunde, der alle seine Kräfte braucht, um sich im Besitz der eben zurückge- wonnenen Herrschaft zu behaupten. Da Hannibal den Anschlufs an seine eigene Infanterie erreicht hatte, so hatte er seine Beglei- tung, die den Alpenzug nur erschwert und die Vorräte verringert hätte, auch nicht weiter nötig. Trotzdem hatte es Hannibal noch in den nächsten Tagen mit Allobrogem im Thal der untern Maurienne zu thun. Mit Recht nennen sich die heutigen Bewohner dieses Thals Abkömmhnge der Allobroger, denn nach Ptol. II 9 wohnten die Meduller der obem Maurienne über den Allobrogem. Waren sie demnach Brüder der Inselallobroger, so gehörten sie politisch doch nicht zum Reiche des Brancus, sondern zum Bunde der Tricorii. Nach Ammian XV 10 beginnt denn auch der Alpenzug bei den 1) 3Iorigenna und Morigennenses steht in einer Urkunde der Metropo- litenkirche von Vienne; noch 859 unterzeichnet Abbo als Maurogensis episcopus. Der Name dürfte auf das kelt. nirogi oder hrogi zurückgehen, das nach schol. zu Juven. VIU 33 ager bedeutet. Morigenni oder Morigennenscs sind also wohl indigenae im Gegensatz zu Allobroges oder -briges— älienigenae (cf. Stokes, Urkelt. Sprachschatz). Im Test. Abbonis 739 erscheinen die noch anklingenden Ortsnamen Bregis und Bricoscis. — 105 — saltus Tricorii. Als Genossen dieses Bundes führten sie den Namen Grai, Graeci oder Graioceli; ihr Landgebiet scheint früher wesent- lich gröfser gewesen zu sein, denn nach Varro waren sie „einst" im Besitz der Alpes Graecae, insbesondre des mons Graius — ein umstand, der Caelius bewogen haben dürfte, Hannibal, der zu den Grai kam, auch über das Cremonis iugum d. h. der Graius mons nach Italien ziehen zu lassen. Die allobrogischen resp. trikorischen Grai hatten bisher ihren karthagischen Gästen keinen Widerstand entgegengesetzt, wohl in der Hoffnung, dafs ihr Zug den benachbarten Inselallobrogem gelte, für die einzutreten sie keine Veranlassung hatten. Als die Heere am mons Aemilianus einander gegenüber lagen, warteten sie mit ängstlicher Spannung die weitere Entwicklung ab. Die Sache kam anders, als sie gehofft hatten: anstatt der Infanterie setzte die Rei- terei über den Flufs und begann alsbald mit jener zu fraterni- sieren. So sahen sie sich in ihrer Erwartung schmählich getäuscht. Hannibal hatte sich ja wohl gehütet, sie auf seinen Durchzug vorzu- bereiten, denn das Geheimnis, auf welchem Weg er in Italien ein- zubrechen gedachte, mufste streng gewahrt werden. Um so mehr konnten sie glauben, „es sei auf ihre Berge und Flecken, auf Beute an Menschen und Vieh abgesehen" (Liv. XXVII 39, 8) ; sie fliehen also mit ihrer besten Habe, Vieh und Pferden, thalaufwärts, um mit dem Mut der Verzweiflung ihr letztes Stück Land gegen die Eindringlinge zu verteidigen. Hannibal, der dies voraus sah, hatte einige Zeit vor dem Aufbruch Späher vorausgesandt, um die Be- wegungen der Gegner zu beobachten. Gütliche Unterhandlungen konnten nichts mehr fruchten, jeder Versuch wäre nach der erfah- renen Täuschung an dem wachgerufenen Mifstrauen gescheitert; nur List oder Gewalt konnte zum Ziele führen. Noch ehe die Späher zurückgekehrt sind, ordnet Hannibal etwa am 6. Sept. sein Heer zum Zug. Während bisher in der Ebene die Infanterie die erste, die Reiterei die zweite Staffel gebildet hatte, erfordert der Gebirgsmarsch eine andre Anordnung. Reiterei, Elefanten und Trofs bilden jetzt die rcQunonoQeia, die schwere Infanterie die o'ÖQayLa, Diese Ordnung, diePolybius anläfslich des Kampfs bei der Schlucht — 106 — ausdrücklich hervorhebt, ist schon beim ersten Hindernis zu er- kennen, wo zuerst die Tiere in Sicht kommen. Bei dieser Gele- genheit wird eine weitere Vorsichtmafsregel offenbar: um einer allgemeinen Deroute der scheueren Rosse vorzubeugen, hatte Han- nibal angeordnet, dafs während der Märsche Rofs und Saumtier je miteinander abwechseln, damit die Rosse an den bedächtig unter ihrer Last dahinschreitenden Saumtieren den nötigen Vor- und Rückhalt haben. An der Spitze des Ganzen zog die leichte In- fanterie, die von ihrer Heimat Übung und Gewandtheit im Ge- birgskrieg mitbrachte (assueüor montihus Liv. XXII 18, 3); sowohl am zweiten Abend, da es galt in raschem Anlauf des erste Hinder- nis zu nehmen, als am ersten Tag des Abstiegs (Liv. XXI 36, 1) sehen wir sie dem Heer voranziehen. Vom Standpunkt einer spätem Zeit, in welcher sämtliche Haupt- pässe der Alpen erschlossen waren, konnte man sagen, dafs Han- nibal bei Montmölian wiederum, wie nach dem Rhoneübergang und an der Is^remündung, am Scheideweg stand. Zwei Strafsen führen von hier nach Italien, eine nördliche über den mons Graius, der so- genannte „ Herkules weg" , und eine südliche über den Montcenis, dessen antiker Name später festgestellt werden soll. Dafs Livius diesmal von keinem Scheideweg spricht, hat seinen guten Grund: nach V 34, 6 glaubt er überhaupt nicht an die Fabeln von Her- kules und nach XXI 38, 8 bezweifelt er, dafs dieser Weg zu Han- nibals Zeit erschlossen war. Anders der zeitlich ihm nahestehende Silius Italicus : als Dichter brauchte er hinsichtlich des Herkules keine kritischen Bedenken zu hegen. In den S. 46 citierten Versen III 512 ff. verkündet er so klar als möglich, dafs Hannibal mit dem Antritt des Gebirgsmarschs „die bekannten Spuren des grofsen Her- kules verläfst und seine Schwadronen in neue Gegenden auf eige- nem Steig marschieren läfst." Dafs unter diesem „eigenen Steig" nur der Anfang des Ceniswegs zu verstehen ist, steht aufser Zweifel, denn an jener Wegscheide giebt es für den Zug nach Italien kein Drittes. Wer die Gegend und ihre Geschichte nur oberflächlich kennt, meint freilich, Hannibal hätte von Montmölian durch das Isßre- thal zur Mündung des Arcthals weiter ziehen müssen. That- — 107 — sächlich führt, wie früher so heute, die Landstrafse überdie süd- lichen Vorberge. De Saussure, den icli in der Folge noch öfter citieren werde — er zog wiederholt, Ende des 18. Jahrhunderts, auf dem alten Cenisweg nach Italien — , giebt (Voyages dans les Alpes III 1185) die Erklärung: „Die beiden Flüsse (Is^re und Are) bilden bei ihrer Vereinigung gewaltige Sümpfe, welche die Luft verpesten, und deren üble Einflüsse sich bis St. Jean de Maurienne fühlbar machen, wenn der Nordwind ihre Ausdünstungen hinauf- trägt.^ Sein Wunsch nach einer Besserung dieser Zustände ging unter Napoleon I. zum Teil in Erfüllung: nach einer aufsergewöhn- lieh starken Überschwemmung, welche die Stauung der Is^re durch die Gewässer des Are verursacht hatte, wurde das Mündungsthal des Are erhöht und trockengelegt und der Flufs eingedämmt (Perrin). Dagegen ist noch heute der Grund des Iserethals auf weite Strecken versumpft; kein Wunder, dafs sämtliche Ortschaf- ten, durch welche die Wege einerseits zum Kl. Bernhard, ander- seits zum Cenis führen, nicht im ca. 2 km breiten Thalgrund, son- dern auf den Vorhöhen liegen. In einem andern Irrtum befindet sich Chappuis, der in seinem genannten Rapport behauptet: ^En s'engageant au milieu des eminences entre la Chavanne et Mal- taveme, on ne compre^id pas que Polyhe y ait vu V entree des Alpes."" Nun aber spricht Polybius nirgends von einem offenen Alpeneingang oder Alpenthor, sondern lediglich vom „Be- ginn des Anstiegs zu den Alpen" und meint damit den Übergang vom iter campestre zum iter clivosum, wie denn auch die Worte des Livius 32, 8 ei'igentibus in primos agmen clivos nebst denen des Silius a. a. 0.: agmen erigit in collern ausdrücklich das Vor- handensein jener eminences statuieren, i) Sicher ist, dafs unter allen in Frage kommenden Alpenrouten nur die Cenisroute einen solchen „Anfang des Anstiegs" besitzt. 1) Chappuis feüscht auch mit der EotfemuDgsangabe Polybs 50, 1: „8i Von m^sure exactement, on artive ä 8 küometres environ aurdess^is de Moni- melian und sucht demgemäfs die entree des Alpes zwischen Chavanne und Maltaveme; dazu kommt er lediglich durch die falsche Gleichung 800 Stadien ■=150 statt 142 km, bestätigt also unabsichtlich unsere Rechnung. — 108 — Die Vorhöhen von Chavanne und Maltaveme heilsen mit Recht clivi oder colles^ denn Chavanne liegt nur 60, Maltaverne 120 m über dem Niveau von Montmilian. Da jedoch bisher auf den Wegkilometer durchschnittlich nur ein Meter Steigung kam, so mulste der Übergang zum iter clivosum um so eher fühlbar werden; es beginnt das schwierigere Marschgelände (dvaxwQlac Pol. 50, 3). Nach meinen Aufzeichnungen führt der Weg von der Brücke bei Montmelian zunächst über den langgestreckten ca. 300 m breiten Saum des linken Isßreufers, der Lagerstelle Hannibals un- mittelbar vor dem Aufbruch ; darauf in 6—7^/0 betragender Steigung nach La Chavanne (1,5 km von Montmölian), fast eben nach Planaise (1,5 km); auf letzterer Strecke kommt die mit dem Beginn des Anstiegs verschwindende Is6re noch einmal kurz zum Vorschein. Der Weg senkt sich von Planaise in ein breites üppiges rechts von Wald, links von Weinbergen eingefafstes WiesenthaL Neue Stei- gung über Coise (6 km) i) nach Maltaverne (4 km) ; von hier steigt die Stafse in starkem Gefäll zum breiten Thal des Are hinab, der ca. 4 km abwärts bei Chamousset (1038 Camuseta) sich in die Is6re ergiefst, und führt am linken Ufer des sorgfältig einge- dämmten Flusses zum Städtchen Aquabella-Aiguebelle (13 km), dem „Schlüssel der Maurienne''. Das Städtchen liegt im Hintergrund einer bereits vom Hochgebirg umgebenen elliptischen Thalmulde deren Länge 2 km und deren gröfste Breite 1,2 km betragen mag^ während die nördliche Eingangspforte ca. 600 m mifst. Hier, am Ende des ersten Tagmarschs, stand Hannibal am eigentlichen Alpenthor, sowohl „am Hochgebirg" ^gdg ratg VTtsQßoXaig Pol. 50, 5 als „innerhalb desselben" inter confragosa omnia praeruptaque quam extentissima volle Liv. 32, 9. Zug für Zug stimmt das Buch der Natur mit den Berichten der Gewährsmänner. Kaum war die Spitze des Heeres in diese Thalmulde einge- rückt, als Hannibal von den zurückgekehrten Spähern die Nach- 1) Der Jsame Coise (1208 Coysia) läfst sich auf CMria (cf. Triconi) zurück- führen. Vielleicht gehören hierher die nach der Vita Tygris von Guntram dem neugestifteten Bistum Maurienne 58S übergebenen pagenses loci illitts, qui no- minantur publici Curiales. — 109 — rieht erhält, dafs die Allobroger thalaufwärts zum Widerstand ent- schlossen seien und die den Durchmarsch beherrschenden Punkte besetzt halten. Auf diese noch allgemein gehaltene Mitteilung i), die um die Mittagstunde eingetroffen sein wird, läfst Hannibal Halt machen und unterhalb Aiguebelle das erste Lager schlagen, nicht aus Furcht vor dem Feind, sondern weil das Pensum eines Tagmarsches reichlich absolviert war. Um die Absichten und An- stalten der Gegner genauer auszuforschen, entsendet er diesmal einige der führenden Gallier aus dem Poland, die zu seiner per- sönlichen Umgebung gehörten. Als harmlose Wanderer, die auf der dem allgemeinen Verkehr erschlossenen Völkerstrafse nach ihrer Heimat zu ziehen vorgaben, sollten sie sich unter die Leute mischen, deren Sprache sie verstanden, und unauffällig die für Hannibal wich- tigen Notizen sammeln; hätte man in ihnen Hannibals Sendlinge vermutet, so wären sie schwerlich ohne ünglimpf davongekommen. Da die von den AUobrogern zur Verteidigung ausersehenen Positionen ca. 30 km von Hannibals Lager entfernt waren, so stand den ab- gesandten Galliern noch ein tüchtiger Marsch bevor. Wenn sie jedoch um die Mittagstunde abgingen, so konnten sie selbst zu Fufs vor Anbruch der Nacht ihr Ziel erreichen und kamen gerade zur rechten Zeit, um einen Einblick in das Verteidigungsystem der Gegner zu gewinnen. Das Hauptergebnis ihrer Sendung war die Konstatierung der Thatsache, dafs die Barbaren nur den Tag über auf Posten stehen, die Nacht aber in ihrer nahen Stadt zubringen. Noch im Laufe der Nacht kehren sie zu Hannibal zurück — eine wackere, aber im Hinblick auf den nächtlichen Truppenmarsch 1) Nach Polybius kann kein Zweifel sein, dafs Hannibal die Nachricht auf mündlichem Wege erhält, also wohl durch vorausgesandte Späher, die mit den Boten Pol. 34, 6 identisch gewesen sein dürften. Der ganze Apparat, den Hannibal in Bewegung setzte, vor allem die Thatsache, dafs er noch einen vollen Tag marschieren mufs, ehe er in die Nähe der Gegner gelangte, beweist, dafs er diese nicht selbst zu Gesicht bekam. In der livianischen Dar- stellung entspricht den Worten yvovg yaQ oxl — nQoxartxovaiv: apparue- runt insidentes; der Gewährsmann versteht sie also von sinnlicher Wahr- nehmung. .Die Schuld des Mifs Verständnisses tragen die unmittelbar vor- hergehenden Worte x(XTa 40' Breite, 29^ Länge) einem See, dessen Name in den meisten Handschriften irrtümlich Adgiog klfivt], in der besten Handschrift des Cod. Mirand. (der auch die Lesart ^ivMQog «= Isfire bietet) Aagiöt] Ufjivrj lautet. Lago Larida ist aber nach führen. Unter den Spitzen der Cenisgruppe eracheint wenigstens eine j?oinfe de Mome. 1) La plate-forme du Montcenis est la plaine la plus Hanfe qu'on puisse Irouver sur des montagnes (Lalande). - 135 — der Versicherung der würdigen Matrone, die in der Alten Post (Hotel Jorcin) zu Taveraettes das Regiment führt, der „sehr alte Name" des Cenissees. Ammian XV 10 deutet den See an, wenn er unter den Gefahren, die winters den Reisenden auf dem Pafs bedrohen, auch die nennt : Patulae volles per spatia plana glacie perfidae vorant nonnumquam transeuntes. Simler rechnet den See unter die Weltwunder, meint aber irrtümlich, derselbe habe keinen sichtbaren Abflufs; vielmehr entströmt ihm ein klarer Bach, der, schon im Testament Abbos 739 unter seinem Namen Cinisca (gewöhnlich Cenisia, Cenise) erwähnt, mit seinem 15 km langen Lauf den natürlichen Weg ins Thal von Susa weist J) Aufser Wiesenpflanzen gedeihen auf der Medulina verschiedene Gartengemüse; die Bewohner von Tavemettes ziehen in ihren Gäxt- chen noch allerlei Blumen, Johannisbeeren etc. Vereinzelte sichtlich gesunde Bäume finden sich an der Hauptstrafse und in dem vom Kl. Cenis herabziehenden Hohlweg; ein Fichtenwäldchen steht hinter dem Hospiz, und de Saussure entdeckte 1787 am westlichen See- ufer einen Hain von Birken und Erlen, ja sogar einige Lärchen- strünke. Trotzdem konnte Montaigne mit Recht schreiben: Foint d'arhres, oui bien de Vherbe et des pres qui servent en la douee Saison, denn vor dem üppigen Wieswachs tritt der Baumwüchs voll- ständig in den Hintergrund. Über die hier herrschende Temperatur schreibt de Saussure: „Da die Ebene nach Südost gegen Italien sich öffnet und auf allen andern Seiten durch mehr oder minder beträcht- liche Höhen geschlossen ist, so erfreut sie sich einer viel angenehmem Temperatur, als man von ihrer Höhe erwarten sollte. Oft findet der Wandrer, der auf der Höhe des Passes eisigen Nebel oder lästig kalte Winde traf, beim Eintritt in diese liebliche Ebene hellen Sonnen- schein und die sanfte und angenehme Temperatur desFrühlings^), und sieht auf allen Matten die schönsten Blumen ohne Pflege gedeihen . . . 1) Der Chronist von Novalese läfst die D uria auf dem mona geminus ent- springen. Derselben Ansicht huldigen noch Rucellai 1642 und Lalande. 2) „Zeitweise ist selbst mitten im Winter die Luft auf dem Cenis so ruhig, dafs man hier eine angezündete Kerze tragen könnte, ohne ihr Erlöschen be- fürchten zu müssen" (Lalande). - 136 — Zwar war die Saison während unseres fünftägigen Aufenthalts (Ende September) nicht schön, dennoch schieden wir mit Bedauern aus diesem lieblichen Thal und von den lachenden Gestaden des Sees." Obwohl der Spiegel des Sees 1913 m ü. M. liegt, konnten wir uns August 1899 nicht versagen in seinen einladenden Fluten ein Bad zu nehmen und konstatierten eine Wassertemperatur von ca. 20^ C. Werden auch die zahlreichen an den Abhängen der Berge liegenden Sennhütten nur von Johannis bis Michaelis bezogen, so sind die in der Ebene liegenden drei Orte (Tavemettes, Hospice, Grand -Croix) samt der Kaserne des italienischen Bataillons das ganze Jahr hindurch bewohnt; verschiedene Hotels beherbergen nicht blofs Passanten, sondern auch eine hübsche Anzahl ständiger Sommergäste, die hier der Glut Italiens glücklich enhoben sind. Hannibal konnte also derEnt- schlufs nicht schwer fallen, in diesem „lachenden Gelände", auf das die bekannte Strophe des Schillerschen Berglieds gedichtet sein könnte, einige Septembemächte zuzubringen, „um die Leute ausrasten zu lassen und die Nachzügler aufzunehmen". Unter normalen Um- ständen mufste der Aufenthalt für die ermüdeten Truppen eine Er- holung und ein Vergnügen sein. „Nur der Cenis ist von der Art, dafs man alles, was Polybius und Livius angeben, dort nachweisen kann" (Ükert). Die Ebene bietet Raum genug für mehr als ein Lager; die Tiere fanden vor Eintritt des Schnees reiche Weide, an gutem Trinkwasser fehlte es nicht, und Brennholz war wenigstens in der Nähe zu gewinnen. Trotzdem wirkten verschiedene widrige Zufälle zusammen, den Leuten den Aufenthalt auf der Höhe zu verleiden und die Erinnerung daran zu trüben. Zwar stellten sich unter den Nachzüglern auch zahlreiche versprengte Pferde und Saumtiere ein, ein Umstand, der nicht blofs wegen des unverhofften Gewinns, sondern noch mehr als glückverheissendes Vorzeichen den Feldherm mit Freude erfüllt haben wird. Geringer war die Freude der Leute, die nicht allein die ausgestandenen und noch bevorstehenden Strapazen mif smutig mach- ten, sondern insbesondere der unmittelbare Anblick des die umgeben- den Anhöhen bedeckenden Neuschnees ängstigte. Hannibal gelang es jedoch ein erfolgreiches Trostmittel zu finden. Erblickte er selbst — 137 — in der gewonnenen Pafshöhe die „Akropolis Gesamtitaliens" — janua regni Italiae heilst der Cenis beim Novaleser Chronisten — , so suchte er diese Erkenntnis auch den Leuten beizubringen. Dies geschah durch den Anblick Italiens, des Landes ihrer ge- meinsamen Sehnsucht Es ist vergebliche Mühe mit sophistischen Gründen zu bestreiten, dafs unter der ivagyeia r^g ^IraUag nur der zweifellose Anblick Italiens gemeint sein kann. Dafs man freilich inmitten einer von hohen Bergen umgebenen Pafsebene Italien nicht sehen kann, liegt auf der Hand, und keiner unserer Gewährsmänner ist so naiv das Gegenteil zu behaupten. Han- nibal mufste also das Land seinen Leuten zeigen und zu diesem Zweck eine Stelle ausfindig machen, die wirklich einen Ausblick auf die Poebene bietet. Sicherlich brannte der jugendliche Feld- herr selbst vom Verlangen das nahe Ziel eines fünfmonatlichen Marsches zu schauen. Vielleicht dafs ein Hirte ihm den günstigen Platz wies, vielleicht dafs er selbst suchte oder suchen liefs, jeden- falls hat er ihn gefunden und mit ihm das Mittel den gesunkenen Mut seiner Truppen wesentlich zu heben. Wir kommen damit zur Kardinalfrage: Giebt es eine günstig gelegene Stelle nahe dem Cenisplateau, die einen genügenden Aus- blick auf die in der Luftlinie nur 36 km entfernte Poebene ge- währt? Da die meisten unserer Gegner diese Frage mit um so gröfserer Entschiedenheit verneinen zu müssen glaubten, je weniger sie sich durch Kenntnis der Gegend beschwert fühlten, so glaube ich diesem Punkte eine besonders eingehende Erörterung schuldig zu sein. Zunächst ist nicht zu bestreiten, dafs verschiedene Gipfel des Cenis- stocks eine umfassende Aussicht auf die Poebene bieten. Königin dieser Berge ist die 3567 m hohe südöstlich gelegene Roccia Me- lone, die sowohl von Susa als von der Medulina und der Maurienne bestiegen zu werden pflegt. Nach dem Theatrum Pedemontii ging die Rede, Hannibal habe von ihrem Gipfel aus seinen Offizieren Italien gezeigt. Der Berg galt seit alter Zeit als der höchste Italiens 1), er galt im Altertum und gilt noch heute als heiliger 1) Nach Strabo IV 203 sind die Meduller im Besitz der höchsten Gipfel; der Cenisstock galt als r^ delVAlpi (Kardinal Bentivoglio 1648), mit seinen — 138 — Berg. Nach alter Tradition war auf seinem Gipfel, gleichwie auf dem des Poeninus (Liv. XXI 38, 9), ein Juppiterheiligtum ; hiefs aber nach Maccaneo der Cenisstock Mons Jovis, so enthalten vielleicht auch die Worte des Silius III 510: Credite vos summumque Jovis conscendere culmen mehr als eine blofs dichterische Eedensart. Das Juppiterheiligtum wurde in christlicher Zeit durch einen Altar der „Madonna im Schnee'' abgelöst, bei welchem all- jährlich am 5. August unter grofsem Zulauf der umwohnenden Be- völkerung ein feierlicher Gottesdienst abgehalten wird. Sicherlich hat die Kirche diesen Gottesdienst nicht eingeführt, denn sie liefs es nachweisbar nicht an Versuchen fehlen ihn zu unterdrücken, mufste sich aber schüefslich dazu bequemen, einer bis ins fernste Altertum zurückreichenden Volkssitte Rechnung zu tragen. i) Der Ge- danke, dals Hannibal von diesem heiligen Berg, wie Mose vom Nebo, ins Land der Verheifsung schaute, ist poetisch schön, aber historisch nicht zu rechtfertigen. Abgesehen davon, dafs er hart am Ziel seiner Anstrengungen nicht gesonnen sein konnte durch eine der gewagtesten Bergbesteigungen alles aufs Spiel zu setzen, steht ihm die That- sache im Weg, dafs Hannibal seinem Heer — wenn auch nicht dem ganzen, so doch einem beträchtlichen Teil desselben — und nicht blofs einzelnen Auserwählten den Anblick Italiens zuteil Quellen und Seen zugleich als serhetajo delVacque für die nahen Ebenen; die Roccia Melone als seine höchste Erhebung ward zu allen Zeiten besonders aus- gezeichnet, 1) Infolge wiederholter Unglücksfälle wurde beschlossen die Feier nach Susa oder wenigstens zu der 2800 m hohen Casa d' Asti zu verlegen, wie denn auch die von Rotarlus von Asti 1378 gestiftete und auf den Gipfel der Roccia Melone getragene eherne Madonna nach Susa geschafft wurde. Trotzdem hörte der Zulauf nicht auf, und am 5. Aug. 1899 wurde die unter dem Pro- tektorat der Königin von Italien von 100000 bamhini gestiftete vergoldete Madonna wieder auf den Gipfel gebracht — ein merkwürdiges Beispiel, mit welcher Zähigkeit die Völker an ihren uralten Traditionen festzuhalten pflegen. Unter dieser Voraussetzung dürfte auch folgende Notiz an Bedeutung ge- winnen. Nach dem Itin, 1815 tragen die Frauen der Umgebung, nicht etwa zum Vorteil ihrer äufseren Erscheinung, schwarze oder dunkle Tücher auf dem Kopf. PolybiusII 16, Scymnus 395 ff. erwähnen, dafs die Umwohner des Eri- danus, angeblich um Phaethon trauernd, schwarze Gewänder tragen. Phaethons Grab befindet sich nach Dionys, Priscian u. a, „bei den Quellen des Eridanus". Die spätere Sage macht Phaethon-Eridanus zum Gründer Turins (Pingonius). — 139 — werden liefs. Andere Berge, die in Frage kommen können, sind der 3260 m hohe Bardo, der Nachbar des KL Cenis, der vom Turiner Exerzierplatz aus zu sehen ist, insbesondere aber dieCornaRossa, westlich von Grand-Croix, an deren südöstlicher Wand der alte Weg hinabführte. Laurauza schreibt: Du haut d'u/n rocher, qu'ils appellent Coma Bossa, on decouvre Turin et toute la plaineJ) Larauzas einheimische Begleiter versicherten, que leurs anciens leur avaient racont^ qu'un fameux general, nomme Ännihal, etait passe par läilya bien longtemps. Zwar erinnert dieser wesentlich niedrigere Berg an das livianische promunturium quoddam^ unde longe lateque prospectus erat, allein wir können nicht glauben, dals das Heer Hannibals, vollends am Tage des Abstiegs, von hier Ausschau ge- halten habe. Eher träfe dies für den ca. 200 m hohen, von einem Fort gekrönten Mont du Chat zu, den die Reisenden Grosleys im Auge gehabt zu haben scheinen, wenn sie berichten: L'espece de coupe que forme le plateau du mont Cenis est bordee de falaises tres elevees; c'est ä mi-c6te d'une de ces falaises, ä la hauteur du JPrieure qu'on decouvre lesplaines duPiemont, et c'est de lä qu'Anni- hal put les montrer ä son armee, Lady Morgan schreibt (L'Italie) : En doublant un promontoire d'une projection hardie, les brillantes plaines de Vltalie sont rerelees, giebt aber keine genauere Orts- bestimmung. EUis konstatierte auf dem Weg vom Kl. Cenis rechts bei der Biegung des Plateaus eine fünf Minuten lange Aussicht- Strecke, von der man das Ostufer des Po in der Gegend von Alba und Acqui wahrnehmen soll. Eine vom Pafs des Kl. Cenis ebenfalls nicht allzuf eme Strecke findet sich am Weg zum Col du Ciapier, von der nach Perrin Turin und die Poebene wahrgenommen wird. Alle diese Stellen sind im Laufe eines Rasttags unschwer zu erreichen, allein sie dürften trotzdem weit weniger in Betracht kommen als eine Stelle, die von Hannibals erstem Lager ohne Mühe in einer halben Stunde gewonnen werden kann. Ein Anonymus schreibt in Black- wood's Magazine 1845: From the southern front of the summit of 1) Nach Perrin mufs man freilich, um Turin zu sehen, von der in einer halben Stunde erreichbaren Höhe noch eine weitere Stunde über Schneefelder zur Coma di Torino emporklimmen. — 140 — mont Cenis, not only the plains of Piedmont are distmctly visible at the opening of the lower end of the volley of Susa which lies at your feets^ but the Apennins beyond them can be seen ; er fügt bei, dafs er am 24. Oktober — the very time of HannibaVs passage — beide genannte Ansichten gezeichnet habe. Maissiat schreibt eben- falls aus eigener Anschauung: Le fait orographique capital c'est que de lä, du point culminant meme (La Ramasse), en se portant un peu ä droite, aupres des sources du petit ruisseau qui s'ecoule dans le lac, ou bien un peu a gauche, au versant meridional du Orand Mont Cenis, on decouvre ces vastes plaines que le Pd arrose de ses eaux . . . dans la region de de Carmagnole et de Carignan, meme bien au deläjusqu a la chame des Apennins — letztem Um- stand begleitet Maissiat allerdings mit einem dit-on, da er infolge ungünstiger Witterung nur beschränkte Aussicht gehabt habe. Er fügt aber als co'incidence singuliere hinzu , dafs die Richtung des Plateaus genau der geraden Linie entspricht, die von hier nach Rom führt, womit also die weitere Bedingung, dafs Hannibal seinen Leuten die Lage von Rom andeutete, ebenfalls erfüllt wäre. Gestützt auf diese Andeutungen begab ich mich am Abend des IL August von Tavemettes zu der 3 km entfernten Pafshöhe von La Ramasse; bei der casa regia di ricovero XVII, wo die italienischen Carabinieri den Wanderer zu bewillkommen pflegen, stieg ich zu der im Hochsommer versiegten Quelle des genannten Cenisiabachs ^) und weiter den östlichen Abhang des Mont Turra bis zu einer Höhe von ca. 150 m über La Ramasse, um mich zu überzeugen, dafs diesen Abend von keiner Aussicht die Rede sein konnte. Zwar waren fast alle Berg- spitzen jenseits des Dorathals deutlich wahrnehmbar, allein eine Wolkenschichte, die über dem Thale lag, verhüllte gerade das untere Ende desselben, wo die Ebene zu Tage treten sollte. Am nächsten Tage früh 5 Uhr wiederholte ich meine Wanderung, diesmal mit glücklichere m Erfolg. Die Wolken waren verschwunden, nur eine 1) Plin. II 106 : Fadi fons mediia diehus aestivis velut interquiescens semper aret widerspricht der Angabe III 20 : Padifs gremio Vesuli monOs celUssimum in cacumen Alpium elati vismdo fönte profluens . . . augetur ad Canis ortus liquatis nivihiis. Sollte dort eine Verwechslung mit dem Po des Ptolemaeus voriiegen? Als Poquelle gilt der nie versiegende lago Fiorenza (2108 m). — 141 — dünne Dnnsthülle lag über dem Ausgang des Dorathals, nnd mit Hilfe meines Feldstechers entdeckte ich ein Stück des Polandea, wie ich ea mir nicht besser wünschen konnte. Das typische Bild einer oberitalienischen Ebenenlandschaft mit ihren geraden, an manchen Punkten eich kreuzenden Pappelalleen lag auf schmalem Baum, doch unrerkennbar deutlich vor mir; ah und zu durchbrach ein Lichtstrahl die Dunsthülle und für einen Augenbhck schimmerte das Land hellgrün auf. ilasch entivarf ich mit steifgefrorenen Fingern nehensteliende Skizze, denn die Augenblicke waren kost- bar. Mit der steigenden Sonne stiegen auch die Wolken wieder aus dem Dorathal empor, und in einer Viertelstunde war das schlichte, aber hochinteressante Bild verschwunden. Die Aussicht vom Cenis auf die Poebene wird neuerdings auch von unseren Gegnern nicht mehr bestritten. Dübi (Jahrb. des Schweiz. Alp. Cl. XIX) giebt zu, dafs nur am Cenis und am Viso — 142 — „dieses Requisit" existiere, und Marindin schreibt: In fact of all the competing passes the Cenis is the only one from the top op which any Italian view can he seen. Trotzdem weigern sich Fuchs und Marin- din aus dieser zugestandenen Thatsache die einfache logische Folge- rung zu ziehen; den besten Vorsätzen ungetreu eliminieren sie kurz- weg diesen Kardinalpunkt und zeihen damit die Gewährsmänner be- wuXster oder unbewufster Unwahrheit. Hält man aber ehrlich an der von den Gewährsmännern geforderten Thatsache der Aussicht fest, so beweist schon ein Blick auf die Karte, dafs unter allen konkurrie- renden Pässen nach Lage und Richtung nur der Cenis den gestellten Anforderungen entsprechen kann, während bei den übrigen (abgesehen vom Monte Viso) nicht einmal die abstrakte Möglichkeit einer Aussicht auf die Poebene vorhanden ist. Zwar ist die oben beschriebene Aus- sicht räumlich beschränkt — sie fällt nach Maissiat in den Rahmen der Roccia Melone und des Mont de la Rousse, 15 resp. 30 km vom Standort — , allein mehr wird von den Gewährsmännern nicht gefordert. Auch kann man zugeben, dals die Aussicht selten und nur unter den günstigsten meteorologischen Bedingungen eintritt; diese Bedingungen aber waren jedenfalls zur Zeit von Hannibals Anwesen- heit auf dem Cenis vorhanden. Nach aller alpinen Erfahrung ist die Luft zur Herbstzeit am reinsten und namentlich bei Föhn, dem Vorboten atmosphärischer Niederschläge, wunderbar durchsichtig. IV. Elfter bis fünfzehnter Tag: Der Abstieg nach Ocelum. Pol. III 54, 4— 56, 4. 60. Liv. XXI 35, 10 — 39, 2. Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen noch auf Alpenhöhen. Kaum war der erste Schreck der Leute durch den Anblick Italiens überwunden, als sie von einem zweiten weit heftigeren befallen werden sollten. Die Hauptgefahr bei Hochgebirgswanderungen, ein jäher Witterungumschlag, war in der Nacht vom zehnten auf den elften Tag des Alpenzuges (15/16. September) eingetreten. Als die Leute in der Frühe des elften Tages erwachten, bedeckte der erste Neuschnee das Plateau und seine nächste Umgebung; dazu fegte ein schneidender Nordwest über die Ebene {Corus Sil. III — 143 — 521). Dies war auch für Hannibal eine höchst unliebsame Über- raschung, denn sicherlich hatte er darauf gerechnet^ noch vor Ein- tritt des Neuschnees die Region des Hochgebirges hinter sich zu haben. Allerdings war der unerwartet früh gefallene Neuschnee dünn und weich (Pol. 55, 1, Liv. 36, 5), auch kam er im Laufe des Tages wohl gröfstenteils zum Schmelzen (Liv. 36, 6), ein Beweis, dafs der eigentliche Winter, in dem der Schnee liegen bleibt, jetzt noch nicht seinen Anfang genommen hatte. Trotzdem läfst es sich wohl begreifen, dals auf die unverhoffte Erscheinung hin „Verdrossenheit und Angst sich auf allen Gesichtern malte". Nach Livius hätte Hannibal erst jetzt zu dem Trostmittel gegriffen, das der AnbUck Italiens bieten konnte; dafs er diesen Trost noch einmal in all- gemeine Erinnerung brachte, ist wohl glaublich. Schlimmer war es, dafs die auf die vorhandenen Weiden angewiesenen Tiere plötzlich kein Futter mehr hatten; die frisch beschneiten Kräuter durften nicht mehr zur Fütterung verwandt werden, wenn die Gesundheit der Tiere nicht ernstlich gefährdet werden sollte. Schon aus dieser Rücksicht mufste sich Hannibal zu raschem Aufbruch entschliefsen (Appian VII 4: rßv ök TQOcpBv avrdv iTrUeiTtovacHv i^^elysTO etc.). Der Abstieg wurde also angetreten, sollte aber bald zum Stillstand kommen. „Zwar stiefs man, abgesehen von heimtückischen Schaden- stiftem (die noch auf Rechnung der MeduUer kommen dürften) auf keinen Feind mehr, aber infolge der Beschaffenheit des Ge- ländes und des Schnees waren die Verluste nicht viel geringer als während des Anstiegs. Denn der Weg, auf dem man zu Thal stieg, war schmal und abschüssig (das Gebirge hatte nach Livius seinen Steilabfall nach Italien), und der Schnee machte für jeden das Auftreten unsicher, so dafs, wer ausglitt oder danebentrat, die Felsen hinabstürzte. Diese Fährlichkeiten ertrugen die Leute noch mit Geduld, da ihnen derartige Unfälle nicht mehr neu waren (cf . fichaillon) ; als man jedoch an eine Stelle des Weges kam, die so schmal war dafs weder Elefanten noch Trofstiere passieren konnten — der an sich schmale Felsgrat i) war auf eine Länge 1) Die dnoQQw^ (sc nbZ(ja) wird von Liv. 36, 3 mit an-giisüor rupes atque rectis aaxis wiedergegeben. Dem entspricht trefflich die von Hennebert irr- — 144 — von fast drei Hemistadien (265 m) erst kurz zuvor noch weiter abgerissen (daraus folgt, dafs die Gallier, die Hannibal zur Rhone entgegengereist waren, den Weg noch unversehrt angetroffen hatten) — , da gewann aufs neue Verzagtheit und Unmut bei den Leuten die Oberhand''. Also Polybius in seiner antizipierenden Manier. livius weicht von dieser Darstellung zunächst nur inso- fern ab, als er die drei Hemistadien in volle tausend FuTs ver- wandelt und „die abschüssige Stelle {locm praeeeps cf. Silius III 634 prona minaci praerupto) durch einen neuerlichen Erdfall in die Tiefe abgerissen worden sein" läf st. ^) Beruht diese Erklärung vielleicht auf einem Mifsverständnis der polybianischen Darstellung, so ist eine weitere Notiz des Livius sicherlich nicht ohne Wert: demnach gelang es der gebirgskundigen leichteren In- fanterie, freilich mit Mühe auf allen Vieren tastend und mit den Händen am Gestrüpp und an hervorragendem Wurzelwerk sich festklammernd, hinunterzukommen. Für die übrigen Truppen war auf diesem Weg natürlich kein Fortkommen. Hier dräng-t sich die Frage auf, ob Hannibal vor Antritt des Abstiegs von diesem Zustand des Weges Kunde gehabt hat oder nicht. Nach der Darstellung des Livius könnte es scheinen, als sei er durch die Meldung davon erst in dem Moment überrascht worden, als die Eeiter hier „gleichsam am Ende des Wegs" Halt gemacht hatten. Mit Fuchs ist jedoch anzunehmen, dafs Han- nibal seine selbstverständliche Feldherrnpflicht, über den Zustand des einzuschlagenden Weges sich bei Zeiten Klarheit zu verschaffen, in einem so wichtigen Moment nicht verabsäumt haben wird. Wenn aber Fuchs des Rätsels Lösung in der Annahme findet, dafs die ^neuerliche" Felsenabrutschung erst in der Nacht, nachdem die Leichtbewaffneten die Stelle passiert, eingetreten sei, so ist dem ent- tümlich auf die nQooßoh] angewandte Beschreibung (p. 31 Note). Eine aus dem Kunstgebiet stammende Bezeichnung ist dos d'äne (Perrin). Unsere deutschen Alpenbewohner nennen einen solchen Felsensteig „Schroffen''. 1) Der Text Liv. 36, 2 ist von Valla emendiert; die Handschriften bieten: recenti terrae lapsu impeditus, dum ille admodum altitudinem abniptus erat Die Lesart in mirandam admodum altitudinetn ist keineswegs die ur- sprüngliche, wie Marindin annimmt. I — 145 — gegenzuhalten, dafs ein Weg, den Leichtbewaffnete nur auf die be- schriebene Weise passieren konnten, für Tiere schon vorher unpassierbar gewesen sein mufs. Xach Pol. 54, 8 war es viel- mehr der unerwartet eingetretene Schneefall, der Hannibals „ur- sprüngliche Absicht'' mit den Tieren die fatale Stelle zu umgehen vereitelt hat. Bei Livius führt Hannibal das Heer per invia circa nee trita anfea quamvis longo ambitu zu einer zweiten Stelle des Abstiegs : es ist klar, dafs ein Feldherr Trofs und Eeiterei nicht aufs Geratewohl in solches Gelände führen kann. Folglich mufs Han- nibal schon tags zuvor die Gegend rekognosziert und die zweite Abstiegstelle ausfindig gemacht haben. Diese Stelle war eine aus Firnschnee gebildete Fläche mit ziemlich starker Neigung. An sich ist der Abstieg über ein solches Schneefeld auch für Tiere wohl zu bewerkstelligen; überschreiten doch an vielen Stellen der Alpen ganze Herden stundenlange Schnee- und Eisfelder. Nur infolge des Neuschnees kann ein solcher Marsch bedenklich werden : „er macht den Weg glatt und unsicher, verdeckt die Klüfte mit täuschenden Brücken, hängt sich an die Schuhe fest, und man riskiert dabei oft den Hals an Stellen, wo man sonst ohne alle Ge- fahr durchkommt" (Theobald, Naturbilder aus den Rät. Alpen). Die sich hier abspielenden Szenen schildern Polybius und Livius lebendig und fast gleichlautend : der dünne und weiche Neuschnee war bald durchgetreten, er schmolz unter den Füfsen und verwandelte die darunterliegende rauhe Decke des Firnschnees in Glatteis, so dafs die Leute auf der abschüssigen Fläche ausglitten und wie an einer schiefen Lehm wand abfuhren; wollten sie nach dem Fall sich mit Knieen oder Händen wieder aufrichten, so glitten sie mit allen Vieren nur noch mehr auf der abschüssifiren Fläche dahin. Ein solches „Abfahren'' ist eines der gewöhnlichsten Vorkommnisse beim Abstieg über ein stark geneigtes Schneefeld; geschieht es freiwillig und mit der nötigen Übung, so ist es ein Vergnügen; aber auch eine 1) rb fjihv ow TtQWTOv ineßd).Bco neQuk^elv xäq dva/wgiag: int- ysvofjisvTjg 6t x^o^'og • • citisott]. Der Aorist erscheint hier wie auch sonst an Stelle des Plusquainperf. ; im Tenor der folgenden Schilderung steht das Imperf. Oslander, Der Hannibaiweg. 10 — 146 — unfreiwillige Abfahrt, bei der sich genau die geschilderten Szenen wiederholen, ist an sich nicht gefährlich, vorausgesetzt, dafs man an keine Abgründe kommt oder auf Felsen, die in der Fahrbahn liegen, aufschlägt. Nach Livius 35, 12 bestand die Gefahr hier wohl nur darin, dafs Leute und Tiere über einander stürzten. Wenn aber die schwerbeladenen Trofstiere sich vom Fall wieder aufzurichten versuchten, so durchschlugen sie mit ihren Hufen die harte Schnee- decke, worauf sie wie angefroren darin stecken blieben, i) Auch dieses „Einbrechen" in den unter der gefrorenen Kruste liegenden weicheren Schnee gehört nicht zu den Seltenheiten; die Situation ist zwar nicht gefährüch, aber immerhin peinlich, und ein wieder- holtes Einbrechen erschwert nicht allein das Fortkommen auf die bedenklichste Weise, sondern wirkt auch in Kürze ermüdend und aufreibend. Nachdem also Menschen und Tiere sich vergeblich abgemüht hatten, entschlofs sich Hannibal auf dieses Auskunft- mittel zu verzichten. Hannibal begiebt sich zur ersten Abstiegstelle und schlägt ein Lager entlang dem Felsengrat des Plateaurands. Die Worte n€Qi rrjv ^dyiLv erklärt am besten Silius III 556: Castraque prae- ruptis suspendunt ardua saxis. Dies geschieht, „nachdem Hanni- bal den am Felsengrat {€7c arnfj sc. ^dy^ei) haftenden Schnee hatte aufhauen lassen; darauf liefs er die Massen zur Seite schaffen und den Fels mit grofser Anstrengung ausbauen" d. h. einen Weg über den Felsen anlegen (Pol. 55, 6). Jede der drei genannten Handlungen birgt ein Rätsel, dessen Auflösung durch die parallele Dar- stellung bei Livius zunächst noch erschwert zu werden scheint. Livius schreibt: Castra in iiogo posita, aegerrime ad id ipsum loco pur- gato : tantum nivis fodiendum atque egerendum fuit Inde ad rupem munlendam etc. Indessen finde ich in dieser Darstellung nicht mehr einen absoluten Gegensatz zu Polybius. Livius läfst die beiden Hand- lungen des Aufgrab.ens und Beiseiteschaffens des Schnees, Polybius 1) Öilius HI 55()ff.: Dumque premit sonipes duro vesiigia comu, TJngula perfossis haesit compressa pt'uinis. Nee pestis lapsus simplex: abscisa relinquunt Memhra gelu, fractosque asper rigor amputat artus. — 147 — nur erstere dem Lageraufschlagen vorausgehen. Nach der gewöhn- lichen Erklärung haben die Worte ad id ipsum finale Bedeutung und als Zweck erscheint die Reinigung der Lagerstelle. Damit würde freilich ein unversöhnlicher Gegensatz zu Polybius geschaffen ; es hmdert jedoch nichts die durch die polybianische Darstellung ge- forderte lokale Beziehung von id ipsum auf iugum (= ^dyiig) fest- zuhalten.* Aufgraben und Beiseiteschaffen des Schnees hat also nichts mit der Reinigung der Lagerstelle zu thun, zumal da hier nur „dünner und weicher" Neuschnee gelegen haben kann, bildet vielmehr die Einleitung zur Arbeit des Wegbaus, wie aus der Parallelstelle bei Silius III 518 ff. deutlich zu ersehen ist: Tum, qua durati concreto frigore collis Lubrica frustratur canenti semita clivo, Luctantem ferro glaciem premit Das unserem Stufenhauen entsprechende Aufhauen des ge- frorenen Firnschnees erfolgte am Felsengrat des Plateaurandes, wozu auch die dTtoQQd)^ gehört, über die der abgerissene Weg hinabführt, und hatte zunächst wohl den Zweck dem Rest der Infanterie den Abstieg zu erleichtem. Die schwere Infanterie, die sich an dem mils- glückten Versuch die schwierige Stelle zu umgehen noch beteiligt zu haben scheint, wird im folgenden nicht mehr erwähnt; so darf angenommen werden, dafs sie noch im Laufe des elften Tages den teilweisen Abstieg bewerkstelligte, nachdem sie bei der Herstellung des Notwegs sich beteiligt hatte. Am zwölften Tag folgen Pferde und Trols; die weiteren Arbeiten werden nach Polybius von den Numi- diem verrichtet, und am dreizehnten Tag gelingt es endlich die Ele- fanten herüberzuholen — ein neues Beispiel für die Wahrnehmung, dafs Polybs Bericht hauptsächlich dem Lager der Reiterei entstammt. Bei Livius kommt die Hauptarbeit auf die Infanterie {milites) und gilt hauptsächlich der Rettung der iumenta. Das Beiseiteschaffen der Schneemassen folgt nach Polybius erst auf die Arbeit des Lager- schlagens und geht der Anlegung des Felsenwegs unmittelbar voraus. Letztere wird von ihm nicht näher beschrieben, wogegen Livius die 1) Hennebert bezieht im Widerspruch mit Livius das TiccQaatrjoai zd 71 lijS^Tj auf die Truppen 10* — 148 — apokryphe Geschichte von der Felssprengung durch Feuer und Essig einfügt, von deren Erörterung wir vorläufig absehen. Dagegen empfiehlt es sich, die Dunkelheit, die Polybs gedrängte Darstel- lung bestehen läfst, durch Beiziehung weiterer Zeugnisse einiger- malsen zu lichten. Einen wertvollen Fingerzeig giebt Zonaras III 23 : „denn das dortige Gebirge ist äufserst jäh, und dichter Schnee, mit dem die Winde die Schluchten {cpdqayyag) gefüllt hatten, und festes Eis brachte sie in schwere Not". Silius III 520 ff. malt dies weiter aus: Hausit hiatu Nix resoluta viros, altoque e culmine praeceps Humenti turmas operit delapsa ruina. Interdum adverso glomeratas turbine Corus In media ora nives fiiscis agit horridus alis. Wir haben demnach als weitere Faktoren mit Schnee und Eis ge- füllte Schluchten, in denen die Leute versinken, femer Lawinen und Winde zu berücksichtigen. Einen Hinweis auf die Schluchten finde ich Pol. 55, 9, wo nicht allein die Gipfel (dlxQa), sondern auch die zu den Pässen hinanreichenden Stellen (rd TtQÖg Tctg vtisq- ßoXdg avT^inLovra) infolge ewigen Schnees baumlos und kahl genannt werden. Zahlreiche Beispiele beweisen, dafs auf den frei- gelegenen Pafshöhen sommerliche Temperatur herrschen kann, wäh- rend in den zu ihnen emporführenden Schluchten der Schnee selten vergeht.^) Da an eine Wiederherstellung d. h. Verbreiterung des ab- gerissenen Schroffenwegs bei der Kürze der Zeit nicht zu denken war, so liefs Hannibal einen neuen Nebenweg {rtdQoSog Pol. 55, 7 resp. dlodogy dtayaysiv 55, 8) durch die mit Firnschnee gefüllte Schlucht bahnen. Dies geschah nach Silius III 51 8 ff. wohl so, dafs er das harte Schneefeld am Rand, wo es die Felsen der ^dxtg be- rührt, aufhauen und die aufgehauenen Massen seitwärts auf das Schneefeld als natürliche Brüstung aufschichten liefs, wodurch zwischen Felswand und Schneebrüstung eine nach unten spitz zu- 1) 1888 fand ich Mitte August die zum Hospiz des Gr. Bernhard führende Grande Combe (Totenthal) noch vollständig mit Schnee bedeckt, während An- fang Aug. 1899 der Schnee bis auf wenige Reste verschwunden war. — 149 — laufende Lücke entstand. Diese Lücke galt es nun für die Tiere passierbar zu machen, dadurch dafs der Felsgmnd mit dem zu Gebote stehenden Material festzustampfender Erde „ausgebaut" d. h. aufgefüllt wurde, ähnlich wie dies nach Pol. III 46, 6 Liv. XXI 28, 7 bei der Einschiffung der Elefanten auf der Ehone geschehen war. Der Weg mufste breit genug sein, um zunächst Pferde und Trof stiere passieren zu lassen, dagegen brauchte er, vorausgesetzt dafs er in den wieder passierbar gewordenen Hauptweg einmündete, nicht viel länger zu sein als jene drei Hemistadien (265 m). Unter dieser Voraussetzung verstehen wir, dafs die Wegarbeiten schon in der Nacht vom elften auf den zwölften Marschtag — cf. Silius III 638 noctem operi iv/ngunt — so weit gediehen waren, dafs am zwölften Tag Trofs und Eeiterei ungehindert passieren konnten. Nehmen wir an, dafs immer noch ca. 12 000 Tiere, eines hinter dem andern, durchzogen, und dafs der Durchzug von je 100 Tieren, die gleich- zeitig den Hohlweg füllten, ungefähr 6 Minuten dauerte, so ist leicht zu berechnen, dafs der Durchzug der ganzen Truppe einen vollen Tag von 12 Stunden in Anspruch nahm. Die Tiere erreichten in Bälde schneefreie Matten, die sie für ihre ausgestandenen Ent- behrungen entschädigten. Die Bergung der hungernden Elefanten, die noch oberhalb der ^dxtg standen, kostete neue Arbeit, die, ohne Zweifel wiederum im Laufe der Nacht, von den braven Numidiern geleistet wurde. Der Durchzug der 12 000 Tiere hatte den neuange- legten Notweg gröfstenteils ruiniert; ihn auszubessern trugen die Numidier, abteilungweise einander ablösend, in Schilden und andern Gefäfsen Erde herbei, stampften diese fest und verbreiterten stellen- weise den Kaum für die am nächsten Morgen passierenden Kolosse. So gelang es Hannibal mit Müh und Not (YMy.oTtad-rjaag) die Ele- fanten, die der Hunger vollends mürbe gemacht hatte, am Morgen des dreizehnten Tags (18. September) durch den Engpafs zu beför- dern. Sein Genie hatte damit das letzte und gröfste Hindernis übern wunden, das ihm selbst einen Augenblick bange gemacht haben 1) Dafs Elefanten überall passieren können, wo auch Pferde durchkom- men, ist eine Erfahrung, die von den Engländern in Indien und Abessinien häufig gemacht worden ist. — 150 — mochte; wenigstens berichtet Zonaras die Sage, Hannibal hätte wie- der umkehren wollen, wenn der Rückweg nicht länger und schwie- riger gewesen wäre als die noch ausstehende Marschstrecke. So etwa dürfte die kurze und deshalb dunkle Stelle der poly- bianischen ßelation erklärt werden. Jedenfalls hat diese Erklärung den Vorzug, dafs sie die Eettungsgeschichte auf die einfachsten und leichtverständhchsten Akte zurückführt, die unter ähnlichen Um- ständen noch heute vorgenommen zu werden pflegen. Polybius, der grundsätzlich auf phantastische Ausschmückung und glänzende Effektstücke verzichtet, unterscheidet sich an diesem Punkt der Er- zählung wesentlich von unsrem zweiten Gewährsmann Livius, dem wir die schon erwähnte Geschichte von der Felssprengung verdanken. Obwohl noch die neuesten Arbeiten von Hennebert, Fuchs, Marin- din pietätvoll an dieser Erzählung festhalten und sie durch analoge Vorgänge (Hennebert setzt an Stelle des Essigs Dynamit!) zu recht- fertigen suchen, glaube ich doch auf eine eingehende Kritik sowohl der überlieferten Erzählung als der modernen Rechtfertigungsver- suche verzichten zu können. Schon Cluver hat die Geschichte be- zweifelt, da er sich die Herkunft des Essigs nicht erklären konnte ; Niebuhr erklärte sie kurzweg für ein Märchen, und C. Wagener widmete dieser „Volkslegende aus dem Altertum" neustens eine ausführliche Widerlegung (Neue Phil. Rundschau 1899 uro. 5). Die Liv. 37, 4 direkt widersprechende Verwendung der arbores circa immanes beweist jedoch, dafs die Legende ursprünglich an eine andere Stelle angeknüpft haben mufs, die zu finden sich bald Ge- legenheit bietet. Zur Vorbereitung auf die Ortsuntersuchung weise ich auf die Reihenfolge der bei den Gewährsmännern vorkommenden, offenbar nahe bei einander zu suchenden Örtlich keiten. Diese sind 1. die Lagerstelle beim Plateaurand, wo ca. 12000 Tiere Platz finden müssen; 2. der Felsengrat am Plateaurand mit jäh abstürzenden Felsen (^dxtg, y^Qrj^ivoC)] 3. eine schmale Felsenzunge mit nahezu senkrecht abfallenden Seitenwänden, über die der alte, gröfstenteils abgerissene Weg hinabführte (ciTtoQQd)'^); 4. eine mit Schnee und Eis angefüllte Schlucht, durch welche der Seitenweg gebahnt wird; — 151 — 5. eine zweite gleichbeschaffene Schlucht, wo der mifslungene Ab- stiegversuch stattfindet; 6. schneefreie Matten, wo die hungernden Tiere frische Weide finden. Wie entsprechen diese sechs Örtlich- keiten dem thatsächlich vorhandenen Gelände? Von der ersten Lagerstelle bei Tavemettes führt der Weg nach dem Ostufer des Sees mit leichtem Gefäll zu dem 1 km entfernten, eben gelegenen Hospiz (1939 m ü.M.), ursprünglich einer von Ludwig dem Frommen gestifteten Priorei, an deren Stelle jetzt Kaserne, Post und Wirtschaftgebäude getreten sind. Nach weiteren 3 km erreicht man den Weiler resp. das Gasthaus von GranCroce oder Grand-Croix (1850 m ü.M.); ein grofses Kreuz, das den von Italien kommenden Rei- senden das Ende des mühsamen Aufstiegs anzeigte, gab ihm den Na- men. Die Stelle ist für einen Lagerplatz trefflich geschaffen : vom Ufer der Cenisia, mit der sich kurz zuvor ein von den östlichen Höhen herabstürzender starker Gebirgsbach vereinigt hat, steigt eine ca. 1 km breite, ebenso lange Basenfläche sanft gegen Osten empor. Un- mittelbar unterhalb Gran Croce resp. der zweiten Lagerstelle Hanni- bals befindet sich der überaus ausgeprägte breite Süd ran d des Pia- teaus oder die ^dxtg Polybs. Ahnlich der bekannten Stelle unterhalb Clavieres am Gen^vrepafs, nur viel grofsartiger, bricht hier die Berg- ebene unvermittelt ab: fast senkrecht stürzt eine ca. 80 m hohe Fels- wand zu Thal ; man steht wie Hannibals Reiter bei Livius „gleich- sam am Ende jeglichen Wegs". Am Fufs dieser Felswand beginnt eine neue ca. 800 m lange, 400 m breite Thalstufe, Piano di San Nicola, ohne Zweifel ein prähistorisches Seebecken, jetzt eine von nahezu senkrechten Felswänden, den Abhängen der östlichen Roccia di San Michele und der westlichen Coma Rossa resp. des Kleinen Cenis, umstarrte Felsenkluse, deren Grund sumpfiger Wiesboden bildet. Ammian giebt vom Abstieg zu dieser Klüse folgende Schil- derung: Est enim (praecelsum iugum) e Galliis venientihus prona humilitate devexum, pendentium saxorum altrinsecus visu terri- hile, praesertim verno tempore, cwm liquescente gelu nivihusque solutis flatu calidiore ventorum per diruptas utrimque an- gustias et lacunas pruinarum congerie latebrosas descendentes cunctantibus plantis homines et iumenta procidunt et carpenta ~ 152 — {XV 10).') Wie gelangt man von der PaTsebene auf den Boden der Thalstufe von San Nicola? De SausBure schreibt: „Zehn Minuten unterhalb Grand-Croix stürzt die Cenise von einem Felsen herab; etwas tiefer zur Kechten des Wegs findet man einen zweiten noch starkem Fall, der sich ein grofses und tiefes Becken von rundhcher Form in den Fels gegraben hat. Dieser Fela, ebenso wie die andern steilen Felsen, in die der Weg eingeschnitten ist, besteht aus dem- Flg, 10. Oruide Croii UDd Ebene fdh San Nicola. . selben Glimmerschiefer (rocke schistetise micace'e), aus dem der Mont- cenis fast vollständig zusammengesetzt ist. Unterhalb jenes zweiten Falls überschreitet man die kleine Ebene von Saint Nicolas und I) Eiue schone Parallele bietet der Bericht Lamberts von Herefeld über die bekannte Reise Heinrichs IV. uath Canoasa (Jan. J077); Cum in verticem TOonÜs (Cinist!) ntagna cum difficidtate evcmaaent, nulla nlteriita progredienili copia erat eo, qaod praecepB month latvä et glaciali frigore luhriciayi omnem penitus decessum negare viderehtr. — 153 — passiert die Cenise auf einer Brücke, welche die Grenze von Savoyen und Piemont bildet" Diese Beschreibung ist um so wertvoller, als sie meines Wissens am ausführlichsten des alten, bald darauf ver- schwundenen Wegs gedenkt. Als 20 Jahre später unter Napoleon I. die neue Kunststrafse gebaut wurde, die dem Flateaurand folgend die Cenisia über ihrem ersten Fall überschreitet und von hier in die senkrechten Wände der Corna ßossa und des Kl. Cenis einge- sprengt ist, wurde der Schutt in den Abgrund gestürzt, so dafs der Anfang des alten Wegs unter einer Schutthalde begraben ist (Perrin). Der in „die steilen Felsen eingeschnittene", bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts benutzte alte Weg befand sich zur Linken der Cenisia, die am Westende der Qd^ig hart am Fufs der Corna Eossa ihren ersten stattlichen Fall bildet; 1691 hatte Catinat diesen Weg zum Zweck der Beförderung von Geschützen verbreitem lassen. Über den früTiem Zustand dieses Wegs, der den bezeichnenden Namen Les Echelles de Grand-Croix oder auch Mauvais Pas führte, giebt Abbate Eucellai 1642 in der Beschreibung seines Aufstiegs von No- valese willkommene Auskunft: La salita e grandissima e in molti luoghi si camminava come per una scala con gran pre- cipici sotto i piedi, Si vede in alcune vallate per il cammino grandissime masse di neve che dicono quei marronl (Träger) esser cadute daV alto della montagna e chiamano questa massa valanca, i . . . Dopo un altra lega (von Ferrera) similmente di salita per passi di gran terrore, non essendo in alcuni luoghi piü larga la strada di un palmo, si arrivö ad una cam- pagnüy detta la Gran CroceA) Die Übereinstimmung dieser Be- schreibung mit den Eigenschaften der polybianiscUen dnoQQibi oder der livianischen angustior rupes rectis saxis ist unverkenn- bar. über den schmalen zu beiden Seiten jäh abfallenden Felsen- grat oder die von der ^dxtg auslaufende Felsenzunge führte der 1) Ulysses Belgico-Gallicus 1634: Ad tabemam, cui praegrandis lig^ua crux adstaty saxosa haec declivis et anfractuosa sese occipit via, niolesta equo et equiti, bajulandis periculosa. Descensu medii milliarii facto conscenditur equus, ut flumen Semar (sie) vel Sti Nicolai, qiiod e lacu in monte Senis ortum ad pra^cipitium hoc deductum magno strepitu in vallem delahitur, penetran possit — 154 — antike Pfad, auf den die Beschreibung Herodians VIII 23 zu- trifft: Tdg dk du^ödovg iaTevcorat {rd "AXTteia öqt]) ij did 'aqtj- iivoi)g eig ßd&og fidytarov dfceggcoyÖTa fj did TteTQOJV TQax^TTjTa ' (TT€voj7tol ydg eiOL x^^QonoirjTOL fierd TtoXXov Tcafidrov rolg ndlat 'IrahcbToig elgyaof-iävoi. Zwischen der Felsenzunge und der ca. 300 m langen Wand der Corna Rossa liegt die vom Cenisiabach aus- gefurchte, durch die Strafse Napoleons teilweise überwölbte Schlucht, durch welche der Notweg Hannibals führte. Am besten erkannte dies der schon citierte englische Anonymus, der darüber schreibt: .,The steep and rocJcy declivity, by which the old road for- merly descended to they valley of Susa, corresponds perfectlyto the famous places mentioned hoth by Livy and Polybius, whey-e the path had been torn away by a recent avalanche, This place in Mont Cenis is immediately below the summit of the pass, and may now be seen furrowed by a roaring torrent amidst darJc ledges of roclc" Dafs diese Schlucht ein Lawinenbett ersten Eangs ist, bezeugt am besten der Zustand des mit ihr korre- spondierenden ca. 300 m langen Stücks der Napoleonischen Strafse. Obwohl sie auf dieser ganzen Strecke durch Galerieen gegen die Lawinen geschützt war, rissen doch die Lawinen immer wieder Stücke der Strafse samt den Galerieen in die Tiefe. So blieb nichts * übrig als die hier ca. 1 km lange, in die Felsen gesprengte Strafse aufzugeben und wieder eine neue Strafse anzulegen, die in Serpen- tinen über die ca. 80 m hohe Felswand des Plateaurands zur Ebene von San Nicola hinabsteigt und diese der Länge nach durchzieht. So hat sich die Mifshandlung des Hannibalwegs an der Strafse Napoleons gerächt, die, zur Ruine geworden, ein stummes und doch beredtes Zeugnis von der zerstörenden Gewalt der Lawinen ablegt und als Sinnbild seines künstlichen Reichs erscheint, das ebenfalls durch die elementare Gewalt einer Völkerlawine erdrückt wurdet Die Kraft, die 1) Napoleon I. beabsichtigte „zum Andenken an die Unterwerfung Europas durch die Franzosen'' auf dem Cenisplateau ein monument müitaire aufzuführen ; 25 Millionen waren hierzu bestimmt und die ersten Akademieen Frankreichs und Italiens zur Einreichung von Entwürfen aufgefordert Die bald hei*ein- brechende Katastrophe machte diesen Plan zunichte (Miliin). — 155 — solches vollbrachte, konnte wolil anch ein entsprechendes Stück des alten Pfads abreilsen, der über den. Feiegrat jenseits der Cenisia- schlacht führte. Die Lawinen, welche die Schlucht mit Schnee „vom letzten Winter" ausfüllten und eine dichte und starke Schnee- brücke über den Bach von einem Fall zum andern bildeten, fallen zwar gewöhnlieh zu Beginn des Frühjahrs und kommen im Laufe des Sommers zum Schmelzen; doch kommt es in den hohem Re- Fig. II. LsTlneabeU li»i Onnd-Croii (rekoiutniiait). gionen nicht allzuselten vor, daJs auch „Sommer-" oder „Spät- lawinen" abgehen, deren Schnee nicht mehr abschmelzen kann. Der alte Schnee wird durch den fortgesetzten Prozefs des Abachmelzens kompakt, dem Eise ähnlich, und es käme ohne Zweifel zur Gletscher- bildung, wenn der Schnee eine längere Keihe von Jahren liegen bliebe. Eine solche Spätlawine mufs, als hätten sich die Elemente selbst gegen Hannibal verschworen, im Sommer 218 abgegangen — 156 — sein ; so erklärt sich sowohl das Abreilsen des Felsenpfads, der im Sommer der schützenden Schneedecke entbehrte, als auch der um- stand, dafs die Gallier, die zu Beginn des Sommers Hannibal ent- gegenreisten, von dieser Zerstörung nichts wahrgenommen hatten. — Nun redet aber Zonaras von einer Mehrzahl mit Schnee und Eis gefüllter Schluchten. Auf eine zweite Schlucht führt auch der Be- richt der Gewährsmänner, nach welchem Hannibal an einer zweiten gleichfalls mit Firnschnee bedeckten Stelle den Abstieg versuchte. In der That gelangen wir, über Stein und Schutt der zerstörten Strafse und Galerieen Napoleons steigend, ca. 300 m vom obem Anfang der Cenisiaschlucht zu dieser zweiten Schlucht, die zwischen Coma Kossa und dem Kleinen Cenis zur Ebene von San Nicola hinabführt. Gerade an der Stelle, wo die Strafse Napoleons auf einer jetzt spurlos verschwundenen Brücke diese Schlucht überschritt, müssen die Lawinen am stärksten gehaust haben. Klettert man durch diese Schlucht zur Seite eines niedlichen ebenfalls einen hübschen Fall bildenden Bächleins etwa einen halben Kilometer aufwärts, so gelangt man zu einem ca. 100 m breiten mit allerlei Gestrüpp be- wachsenen ebenen Thälchen, das den Westabhang der Corna ßossa entlang führt und mit der Hauptebene in der Gegend des Kleinen Cenissees, einer Bucht des „grofsen" Sees, in Verbindung steht. Schlucht und Thälchen bilden also thatsächlich einen zweiten Aus- gang des Cenisplateaus, der in Notfällen auch von den Anwohnern benutzt worden zu sein scheint. Wenigstens schreibt Montaigne im Gegensatz zu Kucellai von seinem Aufstieg: Vous n'y avez nulprae- cipice ni dangier que de broncher und erwähnt weder Gran Croce noch das Hospiz, wohl aber die „Post'', die einzige Wohnstätte, zu der man auf diesem Weg gelangt. — Sihus und Zonaras erwähnen femer Win de, welche die Schluchten mit Schnee füllten und die Arbeit der der Leute erschwerten. Dies hätte an sich nicht viel zu bedeuten, da die Alpen bei den Kömern überhaupt ventosae hiefsen (cf. Silius III 491 f.: lam cundi flatus ventique furentia regna Alpina posuere domo), Silius III 523 erwähnt jedoch speziell den Corus d. h. Nordwest, und dieser Umstand dürfte nicht ohne Be- deutung sein. Sämtliche konkurrierenden Pässe gewähren ihrer — 157 — Richtung nach gerade diesem Wind keinen Zutritt, nur der Cenis- pass streicht genau von Nordwest nach Südost. ,, Heutzutage heilst der von Savoyen her wehende und vor allem bei Grand- Croix äufserst starke Wind La Vanoise'' (Schanz). Die letzte in Betracht kommende Örtlichkeit bilden die schnee- freien („apern") Matten. Sobald die Trofstiere undPferde „drüben" waren, schlägt Hannibal ein Lager und läfst die Tiere weiden, während gleichzeitig die Numidier von hier aufs neue an die Arbeit gehen, die zur Bergung der Elefanten führen sollte. Die schnee- freien Stellen müssen also in verhältnismäfsig dichter Nähe der Felsen angetroffen worden sein. In der That wird man im gesamten Alpengebiet kaum eine zweite Stelle finden, wo der Übergang vom Winter zum Sommer, vom Nord zum Süd sich mit gleicher Rasch- heit vollzieht. In w^enigen Minuten hat man die nordisch düstere Felsenkluse von San Nicola passiert und findet nach dem Austritt aus der letzten Enge ^) vor sich eine neue Welt : in weitausgreifen- dem Bogen treten die Bergriesen zurück, breite grüne Matten, von Bächlein durchrieselt, ziehen sich nach Osten abwärts; sind die Berge in Wolken gehüllt, so trifft man hier den blauen Himmel Italiens und die mildem Lüfte des Südens. Während die neue Strafse noch lange dem Saum der westlichen Berge (Bardo, Mont d'Ambin) folgt, führt der alte Saumpfad steil, aber völlig gefahrlos am rechten Ufer der rauschenden Cenisia in einer halben Stunde zum Dörfchen 1) Die Schwierigkeiten des Cenisabstiegs geniigen Perrin nicht, weshalb er Hannibal den 2491 m hohen Col du Ciapier übersteigen läfst Hier finden sich aUerdings Schwierigkeiten in Fülle. Von einer 2^/2 Stunden langen Weg- strecke schreibt Penin: Vous prenez un sentier tres etroit qui longe la jyaroi de gneiss ^ouUe; • au milieu de ce chaos vous ne savez oü placer les pieds, les chhvres et les jeunes genisses seiiles y passent. On peut se hnser une Jambe ä chaque instant. On ne comprend point, lorsqu'on regardc le col, qu'on alt pu en descendre. Und hier sollen Pferde, Trofs und Elefanten ab- gestiegen sein! 2) Auch diese Stelle ist noch von Lawinen des Kl. Cenis gefährdet, wes- halb die sardinische Regierung im 18. Jahrh. hier eine 300 m lange Gallerie aufführen liefs. Larauza sucht die kritische Stelle des Abstiegs zwischen San Nicola und Ferrera, also wohl an dieser Stelle, wogegen hauptsächlich der Umstand spricht, dafs Polyb die Stelle in direktem Zusammenhang mit der ^((/ig bringt. — 158 — Ferrera (Nuova), das 1382 m ü. M. — genau in der Mitte zwischen Pafshöhe und dem Fufs des Gebirgs bei Novalese (Pol. 55, 9) — den Eaum einer kleinen Bergterrasse einnimmt. Auch hier findet sich alles, was unsere Gewährsmänner von dieser Stelle berichten: sonnige Hügel und Bächlein , Wald- und Kulturbäume und anbau- fähiger Boden (champs cultives et arbres, Perrin). Bis hieher er- streckten sich die schneefreien Matten, die Lagerstelle der Pferde und Trofstiere Hannibals. Die Strecke von Ferrera bis Novalese (780 m ü. M.) mifst zwar in der Luftlinie kaum 3 km, allein die Passage ist „rauh und un- bequem, wenn auch keineswegs bedenklich" (Montaigne. *) Das Ge- fälle des Gebirges ist hier sehr beträchtlich (nach der Saussure bis zu 30 ^/o), dazu kommt, dal s auf eine Tiefe von ca. 300 m der Boden mit bunt durcheinander liegenden Felsen übersät ist. Da dieses Chaos von Felsblöcken gröfstenteils anstehendem Gestein angehört, so kann es nicht von einem Bergsturz herrühren; de Saussure schwankt, ob er es einem Erdbeben oder dem natürlichen Ver- witterungsprozefs zuschreiben soll. Nach meiner Meinung deutet der Name Ferrera Vecchia, der dieser trostlosen Halde anhaftet, darauf hin, dafs wir es hier mit einem Denkmal antiken Berg- baues zu thun haben. „Beim Bergbau im altrömischen Reiche wurden zahlreiche Kanäle getrieben, die durch Holzpfeiler gestützt wurden. War der Berg genügend unterwühlt, so wurden die Pfeiler durch Feuer zerstört, worauf die Kammern einstürzten und die Zerklüftung der darüber befindlichen Bergmasse verursachten. Es entstand so ein ungeheurer Schutthaufen, aus welchem das Erz gewöhnlich mit Hilfe riesiger Wäschereien ausgeschieden wurde" (Antiquitätenzeitung V 1).'^) Diese Erklärung wirft zugleich ein 1) Maissiat findet hier das grofse Hindernis, obwohl er zugiebt, dafs von den geschilderten Schneeverhältnissen an dieser Stelle keine Rede sein könne. In der Übersetzung Thuilliers finden sich nämlich die Worte Pol. 54, 4: «/tca Sh t(p na(jaysveo^ciL itQoq xoioviov xonov mit Enfin on Vamva a certain f/f'j^Ze wiedergegeben ; daraus schliefst er: Enfin, cette expression de Vauteur impUque Video d'une assez longue marche etc. — ein flagrantes Beispiel, wie trügerisch Übersetzungen sein können. 2) Plin. XXX.III c 21 : Cuniculis per magna spatia actis cavantur mon- tes . . . Bclinquntur foniices crebri montihus sustinendis, Occiirsant siliceSj hos — 159 — neues Licht auf die livianische Historie von der Felssprengung, die verschiedene Akte nennt, die im Altertum und teilweise noch in neuerer Zeit beim Bergbau wirklich vorgenommen wurden (cf. Fuchs, Wagener u. a.). Nichts war für die Volksphantasie ver- lockender als diesen uralten Trümmerhaufen, von dessen Entstehung man noch einiges wufste, mit dem thatsächlichen Abstieg Hanni- bals in Verbindung zu bringen (cf. den ähnlichen Mythus über den Campus Lapideus Strabo IV 183). Der Legende dürfte immer- hin ein historisches Element zu Grunde liegen. Mag auch Hannibals vorausgegangene Infanterie, von der Polybius schweigt, an dieser Stelle einen alten Pfad angetroffen haben, so war die- ser bei dem starken Gefälle des Berges für die nachfolgenden Tiere kaum benutzbar; es galt also durch die Anbringung von Serpentinen das Gefälle zu mildern {mollire anfractihus modicis clivos) und zahlreiche Felsen aus dem Wege zu räumen, eine Arbeit, die Hannibals Infanterie^ mindestens noch 20000 Mann, in zwei Tagen wohl vollbracht haben kann.i) So entstand die dlodog 'AvvLßov inl rcov ögwv (Appian VII 4) oder /.leyakovQyla ^Avvißov (Appian Bell. civ. I 109). Bestand der Irrtum des Volkes hauptsäch- lich darin, dafs es zwei getrennte Vorgänge, Felssprengung und Wegbau, demselben Urheber zuschrieb, so fügte Livius resp. sein Ge- währsmann den weiteren Irrtum hinzu, dafs er zwei an verschie- denen Stellen des Berges vorgenommene Arbeiten in unmittelbare Verbindung brachte. Sobald wir diese wieder reinlich scheiden, lö- sen sich alle Widersprüche und Unklarheiten: die modici anfractus wie die arbores circa immanes, die am Plateaurand undenkbar sind, erhalten ihre richtige Stelle, der terrae lapsus in mille pedum altitudinem stimmt, und endlich kommt auch die Notiz, dafs den vom Wegbahnen ermüdeten Leuten Hast gewährt wurde, zu igni et aceto rumpunt, Feracto opefife cervices fornicum ah ultimo caedxmt . . . Alius par labor ac vel maioris impendii flumina ad lavandam hanc ruinam iugis montium ducere obiter. (Speziaikarten führen laghi di FetTera auf). 1) Diese asperi et flexiiosi anfractiis niontis Cenisii erwähnt u. a. der so- genannte Astronomus in seiner Vita Ludovici Pii Imp. zum Jahr 793 (Duchesne, hist. Franc. Script. U 289). Sie bilden in allen Schilderungen das Hauptmerk- mal der Cenisroute. — 160 - ihrem Eecht; denn der dreizehnte Marschtag, an welchem sämtliche Tiere zu Thal stiegen, war für die Infanterie, die in diesen Tagen der Not nicht müfsig gegangen war, ein wohlverdienter Easttag — zugleich das letzte Beispiel für die Wahrnehmung, dafs Livius seinen Bericht vor allem dem Lager der Infanterie verdankt. Die Wegstrecke von der ^dxig resp. den anschliefsenden y,Qi]f.ivol über Ferrera zur Thalsohle von Novalese beträgt unter Hinzurechnung der durch die Serpentinen bewirkten Veriängerung nur ca. 8 km bei einem durchschnittlichen Gefäll von 12o/o; stärkeres Gefäll können weder Pferde noch Maultiere auf die Länge ertragen (Perrin). Von keinem anderen Alpenpafs wird man so rasch, freilich auch von keinem so steil nach Italien hinabsteigen wie vom Cenis: Cette descente est pour les voyageurs comme une tempete qui les Jette en Italie (Grosley). Während nämlich bei anderen Alpenstrafsen längere Thalstufen terrassenförmig den Übergang von der Höhe zur Tiefe vermitteln, fehlt es, von der kleinen Ebene von San Nicola und der winzigen Terrasse von Ferrera abgesehen, am Südabhang des Cenis vollständig an solchen Übergängen. Die dadurch be- wirkte anhaltende Steilheit des Abstiegs illustriert am besten folgende sicherlich der Wirklichkeit entstammende Notiz Ammians: „Sind Fuhrwerke von dem praecelsum iugum zu Thal zu fördern, so werden diese durch Männer oder Stiere an starken Stricken fest- gehalten und kommen also langsam, aber sicherer hinunter".^) Im Thal von Novalese — bekannt durch sein 726 von den Franken gestiftetes Kloster, in welchem Karl der Grofse nach seinem Abstieg vom Cenis 773 Einkehr hielt — erwartete die Infanterie den Abstieg von Trofs, Eeiterei und Elefanten. Das bis Susa (500 m ü. M.) ca. 8 km lange, 800 m breite Thal ist äufserst mild und fruchtbar. „Kommt man von Savoyen, so wird man entzückt durch die schöne Vegetation der Umgebung 1) Diesen Zug will die Genövrepartei auf die Strafse von Oulx nach Susa beziehen, deren Gefäll nach Fuchs 2,5% beträgt. Dafs „es im Altertum be- deutend gröfser gewesen sei", ist durch Ennodius ausgeschlossen, der den An- fang der Matronenstrafse „gelind und verlockend" (hlandus) nennt.^ Auch die von Ammian erwähnte Sitte winters, den Weg durch „hölzerne Stangen" zu bezeichnen, findet sich nach Schanz noch heute am alten Cenisweg. r — 161 — von Novalese: die Rebe, vermählt mit Fruchtbäumen, bedeckt die ganz€ Landschaft und gestattet noch dem von ihr bedeckten Bo- den Korn zu zeitigen. Waren die Wiesen des Mont Cenis bei meinem Abgange bereits vom Reif versengt, so traf ich in No- valese wieder schönes Grün in mannigfachen Schattierungen" (de Saussure). Nach Strabo IV 203 beträgt die Länge des Abstiegs von der „Medullerhöhe'^ bis zu den „Grenzen Italiens" bei Scin- gomagos-Susa genau so viel als die Länge des Aufstiegs auf gallischer Seite, nämlich 100 Stadien — 18,5 km; genau so viel d. h. 4 Heues rechnen alle Reisenden auf die Entfernung von Taver- nettes bis Susa, während die entsprechende Länge der neuen Stralse 24 km beträgt. Der Abstieg, der unter normalen Verhältnissen an einem Tag zu bewerkstelligen war, hatte Hannibal drei volle Tage gekostet; nur die Elefanten hatten nahezu die ganze Strecke „von den genannten Felsen'* an einem Tage zurückgelegt. Nach dieser letzten Geduldprobe hatte Hannibal im Thal von Novalese seine Trappen wieder vereinigt und erreichte wohl noch am gleichen (dreizehnten) Tage die Mündung des Thals bei Susa. Eine vom Mont Ambin auslaufende Bergzunge, über welche die neue Stralse sich nach Susa herabwindet, zwingt die Cenisia beim Dorfe Venaus (Venavis 739) nach Osten umzubiegen. Die Fortsetzung dieser Zunge bildet ein durch einen schmalen Einschnitt von ihr getrennter ca. 50 m hoher Felsblock, der, einst vom Fort Brunetta gekrönt, den Zugang zu den Thälem der Cenisia und Dora beherrschte. Durch den schmalen Einschnitt führt der alte Weg direkt zur oberen Dorabrücke von Susa. Nahe dieser Brücke, zu deren Bau er ver- wendet wurde, und jedenfalls auf dem linken Ufer der Dora stand noch im 16. Jahrhundert ein römischer Triumphbogen, der nach dem Theatram Pedemontii 50 vor Chr. Julius Caesar zu Ehren errichtet worden sein soll. ^) Da dieser Bogen aufser Beziehung zur antiken Gen6vrestrafse stand, die durchweg dem rechten Dorauf er folgte, so dürfte er, ähnlich dem Tropaeum Alpium und dem Bogen von 1) Die Erinnerung an diesen Bogen scheint vollständig verschollen zu sein; wenigstens wufste mir während meines letzten Aufenthalts in Susa nie- mand darüber Auskunft zu erteilen, Oslander, Der Hannibal weg. 11 — 162 — Aosta, die Stelle der alten „Grenzen Italiens" an der Cenisstrafse be- zeichnet haben. Der vicus Scingomagus, der als Grenze Ita- liens zuerst bei Artemidor (100 v. Chr.) erscheint, mag als Haupt- ort des Thals schon zu Hannibals Zeit existiert haben. Nach den Strapazen und Gefahren des Abstiegs befand sich Hannibal hier ^in kultivierterer Gegend und unter kultivierteren Menschen" ; letztere scheinen sich also ebenso friedlich und freundlich gezeigt zu haben als die Bewohner des Grösivaudan. Ist es nur beim Cenis Übergang möglich unter Voraussetzung der normalen Leistung an einem Tage von der Pafshöhe bis zur Ebene des HauptthaJs zu gelangen, so ist wiederum nur durch die Comba di Susa unter derselben Voraussetzung in zwei Tagen der Band der Poebene zu erreichen. Diese beginnt nach allge- meiner Annahme bei der Itinerarstation Fines Cotti-Avigliana (ca. 300 m ü. M.), zwei Meilen östlich von dem bekannten Ocelum- San Ambrogio, das bei Caesar BG. HO citerioris provinciae extre- mum, bei Strabo IV 179 V 217 Ttigag (öqoi) Tfjg KottIov y^g ge- nannt wird. Die Unterscheidung von Fines und Ocelum wird durch die Angaben des Eavennaten gefordert, die Lokalisierung von Fines durch Inschriften, die u. a. bezeugen, dafs bei Avigliana eine Zollstation zur Erhebung der quadragesima Oalliarum bestand. Galt aber Scingomagus schon 100 v. Chr. als geographische Grenze Italiens, so bildete Fines Cotti mindestens bis zur Einziehung des regnum Cotti 63 n.Chr. dessen politische Grenze, die später bis Cu- laro gerückt erscheint Die Entfernung von Segusio bis Fines Cotti beträgt nach It Anton und Hier. 24 Meilen; die Richtigkeit dieser Angabe bestätigt der umstand, dafs die im It Hier, angegebene Zwischenstation den Namen ad duodedmum führt ^ Jedenfalls ent- spricht die Entfernung genau dem NormaJmafs von zwei Tag- märschen der karthagischen Armee. Die Comba di Susa, an deren westlichem Anfang das gleichnamige Städtchen liegt 2), ist 2 — 3 km 1) Die Peutingertafel rechnet auf die Strecke Segusio -Fines nur 22, da- gegen von Fines bis Turin 18 Meilen (statt 16), sie scheint also Fines mit Ocelun^ zu identifizieren. 2) Die Dora Riparia {minor) durchläuft von Salbertrand bis Susa eine — 163 — breit und vollständig eben; nur einmal, genau vor der Ausmündung des Thals in die Poebene, treten zwei Berge, Caprarius und Pyrchi- rianus, von links und rechts bis auf 800 m zusammen und bilden so die in der Karolingergeschichte wiederholt erwähnte fränkisch- langobardische Klüse, von der ein am westlichen Fuls des Pyrchi- rianus gelegenes Dorf den Namen Chiusa führt. Die summarische Kürze, mit der die Gewährsmänner über diesen Rest des Abstiegs berichten, beweist, dafs von seiten der Natur wie der Menschen das Heer keinem ernstlichen Hindernis mehr begegnete. Den Volks- namen der Thalbewohner geben unsere Gewährsmänner nicht an, der Name Segusini erscheint erst 200 Jahre später, wohl schon in latinisierter Form. Nach Strabo IV 204 V 217 scheinen sie ein ligurisch-keltisches Mischvolk gewesen zu sein 9, ob Klienten der Tauriner, bleibt dahingestellt Hannibal konnte von Susa abwärts dem linken oder rechten Ufer der Dora folgen. 2) Der Weg auf dem linken üfergelände war vielleicht kürzer, auf dem rechten lagen dagegen die alten Orte Susa, Avigliana, Turin, durch welche die spätere römische Stratse führte. Da Hannibal in Bälde seinen Feldzug mit dem Angriff auf Turin er- öffnete, so mulste er jedenfalls die Dora überschreiten. Wirklich läfst Ammian XV 10 auf die Felssprengung den Übergang über einen Flufs folgen, den er Druentia nennt und als flumen gurgitibtcs vagis intutum bezeichnet Dies erweckt zunächst den Verdacht, 11 Meilen lan^e Thalschlucht (passo di SurSa)^ deren engste Stelle (gorgie) sich unmittelbar oberhalb Susa befindet 1) Dem entsprechen die Namen: Durias ist nach Arbois de Jubainville ligurisch, Ocelum und Sdngomagus keltisch. 2) Den zwei Strafsen entsprechen die für die Strecke Segusio-Ocelum gegebe- nen Doppelziffem der Vascula Apollinaria (Itin. c cf. die ähnlichen Doppelziffem für die Strecke Vienna-Lugdunum Itin. b). Das Matthäusitinerar von 1253 unter- scheidet ebenfalls zwei Strafsen von Susa nach Turin: 1. vers* orientem Jumee grantj 2. cheniin a destree mit der mansio Ävellane. Dieser „Avellaneweg", den Albert von Stade allein kennt und noch de Saussure beschritten hat, ist sicher mit der römischen Strafse identisch. Nach Mitteilungen deutscher in Susa an- sässiger Herren führt diese „alte Straf se** vom Borgo dei Nobili in Susa über Meana, Mattie, Bussoleno, Giaconiera (wohl identisch mit der mutatio ad duo- decimum des It. Hier.), wo er mit der „neuen Strafse" (des linken Ufers) zusammentrifft, nach Avigliana. 11* — 164 — Ammian habe den livianische Druentia in einen falschen Zusammen- hang gerückt; allein es ist nicht blofs denkbar, sondern selbst wahr- scheinlich, daTs der ligurische Durias, der als richtiger Alpenflufs ebenfalls die genannten Eigenschaften besals, von den Kelten Draen- tias genannt wurde, wie denn Strabo V 217 einen Druentias als Ne- benflufs des Po in dieser Gegend erwähnt, und ein Dorf zwischen Avigliana und Turin noch heute den Namen Druent führte. Viel- leicht überschritt Hannibal im Interesse der Erieichterung des Mar- sches und der Verpflegung zunächst nur mit einer Heerstaffel die Dora bei Susa und liefs die zweite Staffel erst bei Avigliana über den Flufs setzen. 1) Am Abend des 15. Tages (20. September) standen die Truppen am Rand der Poebene und vollzogen hier ihre Vereinigung, unmittelbar „am Fufs des Gebirges, an welchem die Tauriner wohnten", läXst Hannibal das Lager schlagen, in welchem die Trup- pen von den Strapazen des vollendeten Alpenzuges ausgiebige Bast finden sollten. Die Stelle des Lagers bildete ohne Zweifel das alte Ocelum — San Ambrogio; für Hannibals Zwecke konnte sich keine bessere finden. Zwischen hier und dem 3 — 4 km entfernten Avigliana erstreckt sich eine 5 — 6 km lange Ebene, die im Norden durch die Dora, im Süden durch die zwei Sagenreichen Seen von Avigliana begrenzt ist und nach de Saussure einst von einem Arm der Dora durchströmt wurde. Die bewaldeten Abhänge des von den Ruinen der berühmten Sagra di San Michele gekrönten Pyr- chirianus und des Monte dei Sarazeni boten Holz im Überflufs, die Frati Brauli üppiges Futter, Wasser die Dora und der Abflufs der Seen. 2) Als Hochwarte diente der ca. 120 m aus der Ebene emporragende Burghügel von Avigliana, an dieser Stelle der öst- 1) Der pons de Vallovia (nach Mitteilungen der genannten Heere heifst so ein Teil von Almese) prope Ävilianam bildete nach einer Urkunde von 1 208 (Besson) die Grenze der Diözese Maurienne. 2) Während die von Gletschern gespeisten trübgrauen Wasser der Rhone, Isöre, Dora Baltea, sowie des Drac und Are nicht einmal zum Bade einladen, «ntzückt die Dora Hiparia wie der Po bei Turin durch wundervolles Blau- grün. — Die zwei hübschen Seen von Avigliana standen schon im Altertum in seltsamem Verruf. Vitruv III 3, 17 schreibt: In Cotti regno est aqua, ex qtta qui hibunt statim conddunt Dafs die Seen von Avigliana gemeint sind, be- weist die Ebstorf karte von 1270 (K. Miller m. m. V 17), die am Ostfufs der — 165 — lichste Vorposten der Alpen, von dem man das 16 Meilen (24 km) entfernte Turin und die Poebene trefflich überschaut. Zwar er- streckt sich von Avigliana noch 10 km ostwärts bis Rivoli eine leichte Bodenanschwellung; nach de Saussure gehört sie jedoch der Tertiär- formation an und hat mit den Alpen nichts mehr gemein. Von den Taurinern hatte Hannibal vorläufig nichts zu befürchten, da sie, im Streit mit den Insubrem, alle verfügbaren Truppen an die jen- seitige Grenze geführt und wohl erst auf die Kunde von Hannibals Gegenwart in ihre Hauptgtadt Taurasia zurückgezogen hatten. Mit Hannibal stehen auch wir am Ende unserer Hauptaufgabe. Wir suchten nachzuweisen, dafs „der älteste und kompetenteste Zeuge Polybius an den Mont Cenis denkt und dafs seine Beschreibung des Marsches nur auf diesen Pafs bezogen werden kann" (Nissen) ; ^) wir suchten weiter zu zeigen, dafs die livianische Darstellung so- wohl in allen Hauptpunkten sich mit der polybianischen deckt als in den ihr eigentümlichen Stücken eine willkommene Ergänzung letzterer bildet; wir suchten endlich die Gewährsmänner zweiten Ranges, insbesondere Silius, als Nebenzeugen mit zur Geltung kommen zu lassen, und auch ihr Zeugnis stimmte überein. Nach dem Beispiel unserer Hauptgewährsmänner werfen wir einen kurzen Bückblick auf den vollendeten Marsch, wobei noch einige wich- tige Punkte zu besprechen sind. Vor allem handelt es sich um die Beantwortung der Frage, inwieweit die Länge der Wegstrecke Montmelian — Avigliana mit den „ca. 1200 Stadien" (144 Meilen, 213 km) Polybs übereinstimmt. Legen wir zunächst die Mafse der fast schnurgeraden Bahnstrecken zu Grunde, so finden wir allerdings keine volle Übereinstimmung. Nach dem französischen Kursbuch, Livret Guide Officielj ist die Strecke Montm^liam — Modane (Bahn- hof) 84 km, nach dem italienischen Indicatore Uffieiale die Strecke Susa — Avigliana 29 km lang; die neue Strafse von Modane über den Cenis nach Susa mifst nach Bädeker (Oberitatien) 65 km. kottischen Alpen nahe dem Poureprung zwei Seen bietet mit der Legende: Hie sunt duo laci, si quisex iis hiheHt moritur. 1) Auch Marindin giebt zu: The Cenis may no doubt he made do agree fairly icith Polyhius's desn'iption. — 166 — Dies ergiebt zusammen 178 km, ein Betrag, der mit 35 km = 200 Stadien hinter Polybs Ansatz zurückbleibt. Ist diese Diffe- renz auch wesenthch geringer als diejenige, welche bei den anderen Theorieen herauskommt — bei der Klein -Bemhardtheorie ein Plus, bei der Genövretheorie ein Minus von 400 Stadien — , so darf sie doch nicht ignoriert werden. Ich könnte mich nun mit Neumann darauf berufen, dafs „die notwendigen Einbiegungen in die Seiten- thäler verbunden mit steilem Hinab- und Hinaufstieg die Länge des Marsches an manchen Stellen leicht verdoppeln können", zumal da Hannibals Heer auf dem Marsch durch die Maurienne alle vor- kommenden Hindemisse zu umgehen hatte, während die Bahn- strecke mittels zahlreicher Brücken und Tunnels fast überall die kürzeste Linie einhalten kann. Anderseits mufs in Rechnung ge- nommen werden, dafs Hannibals Weg über den Cenis ca. 15 km kürzer war als die neue Straf se, weshalb Plus und Minus sich nahezu ausgleichen dürften. Ich verzichte also auf dieses unsichere Auskunftmittel und suche einen festeren Anhaltspunkt zu gewinnen, indem ich auf die in der Einleitung gegebenen Ausführungen zurückgreife. Ohne Zweifel hat Polybius seine ca. 1200 Stadien dadurch gewonnen, dafs er die auf seine Alpenreise verwandte Zeit nach dem Hefodotschen Ansatz „eine Tagreise = 200 Stadien" auf den Raum übertrug. Nach den Lehrbüchern der Taktik erfordert aber ein Gebirgsmarsch für je 300 m senkrechte Erhebung eine Zeitstunde mehr als der gleichlange Marsch auf ebenem Boden. Die Pafshöhe des Mont Cenis liegt 1800 m sowohl über Mont- mölian als über Avigliana, somit kostet die Überwindung dieses Höhenunterschiedes allein 12 Zeitstunden d. h. zwei Tagmärsche des karthagischen Heeres weiter als eine gleichlange Strecke, die in der Ebene zurückgelegt wird. Hält man trotzdem an der Regel fest, nach der auf einen Tagmarsch der punischen Armee durchschnitt- lich 100 Stadien berechnet werden, so kommen auf die zwölf Tage- märsche des Alpenzuges 1200 („Schritt oder Itinerar-'O Stadien von je t48m, zusammen 177,6 km, die der angegebenen Länge von 178 km entsprechen. Auf dasselbe Resultat gelangen wir, wenn wir die we- nigstens für einen Teil unseres Weges gegebenen Mafse der Alten zu — 167 — Rate ziehen. Die Entfernung von Segusio bis Fines Cotti beträgt nach den Itineraren 24 Meilen = 35,5 km, während die Bahnstrecke von Susa nach Avigliana nur 29 km lang ist Wenden wir dieses Verhältnis, das bei allen Teilstrecken des Genövreweges wieder- kehrt ^), auf die Cenisroute an, so ergiebt sich aus der Berechnung — ^-^ö ^^® ^^^^ 217 km. Werden davon 4 km, die nach dem Kursburch auf die Strecke von Ocelum-San Ambrogio bis Fines- Avigliana kommen, abgezogen, so erhalten wir 213 km, die genau den 1200 Stadien Polybs entsprechen. Eine von ükert mitgeteilte offizielle französische Berechnung von 1802 steht damit in vollem Einklang: danach beträgt die Länge der alten Cenisroute von Mont- melian bis Avigliana 27 postes = 54 lieues (& 4 km), also 216 km. Auf Grund davon hat der französische Archäolog Miliin (Voyage en Savoie, Piemont etc. 1816) die vollständige Übereinstimmung der wirklichen Entfernung mit dem polybianischen Datum ver- kündigt. — Verhält sich endlich die Länge des Anstiegs (mit Auf- stieg) zu der des Abstiegs wie 8 zu 3, so herrscht auch in diesem Stück bei uns die vollständigste Übereinstimmung, denn die direkte Entfernung von Montm61ian bis Tavemettes beträgt 117 km, die Strecke von Grand -Croix nach Avigliana 44 km. Livius konstatiert in seinem Rückblick XXI 38 die allgemeine Übereinstimmung darüber, dafs Hannibal nach Vollendung des Alpenzugs bei denTaurinern eingetroffen sei; um so mehr wun- derte es ihn, dafs über den Übergangspafs schon zu seiner Zeit ver- schiedene Ansichten bestanden. Uns könnte eher befremden, dafs Li- vius selbst trotz seiner zur Schau getragenen Zuversichtlichkeit in seinem Bericht den Namen des Passes verschweigt, und doch setzt gerade Livius uns in stand auf indirektem Wege den Namen des Passes zn erfahren. Dafs Hannibal eine alte Gallierstratse einge- schlagen hat, steht auch ihm fest : V 34 nennt er zwei Gallierwege, 1) Die Itinerare rechnen auf die Strecken Segusio -Martis (Oulx) 16 — 17 MeUen (24 km), Brigantium-Eburodunum 35 Meilen (52 km), die Kursbücher 20 resp. 44 km. Es liefse sich leicht nachweisen , dafs derselbe Unterschied antiker und modemer Messung fast auf allen Gebirgsstrafsen anzutreffen ist. — 168 — darunter den Poeninusweg, den er XXI 38 ausdrücklich zurück- weist So bleibt nur ein Weg, der V 34, 8 genauer bezeichnet ist: Ipsi (Oalli) per Taurinos saltusque luliae (altae) Älpis transcenderunt d. h. die Gallier selbst überstiegen die Alpen auf dem Taurinerweg {diä TqvqIvwv PoL-Strabo IV 209) und zwar über die Pässe von Julia (alta)^) — ein Zusatz, der entbehrlich wäre, wenn livius gleich Polybius nur einen Taurinerweg gekannt hätte. Wir wissen jedoch, daXs Livius sämtliche zu seiner Zeit vorhandenen Wege, die von der untern Rhone zu den Taurinem führten, gekannt hat, denn er hat zwei davon ausdrücklich aus- geschieden. Welcher von den zwei möglichen Taurinerwegen deckt sich nun mit der livianischen lulia? Schwerlich der Genövre, denn dessen Station hiels noch um 100 nach Chr. Druantium ; dagegen leiten auf den Cenis folgende Momente: 1. Nach liv. V 34, 4 kamen die Gallier unter Bellovesus auf ihrem ersten Zug gegen Italien zu den Tricastini, deren Gebiet Hannibal auf seinem Zug an der Isöre passierte. Die Gallier müssen also ebenfalls ihren Weg der Is6re und nicht der Durance entlang gesucht haben, obwohl sie keinen Grund hatten gleich Hannibal die kürzere Durancestrafse zu meiden. 2. Die Kosmographie des Honorius (ca. 500), die aus einer angeblich unter Julius Caesar 44 begonnenen, unter Augustus 23 V. Chr. vollendeten Sphäre geschöpft ist, und jedenfalls der Völker- wanderung vorausgehende Zustände darstellt (Eiese) — enthält in Codex C unter den Bergen des Westens folgende Serie: madrone, coUidie, marciane, iube, emingaulo. Dieselbe Serie kehrt in Codex B 1) Der Zusatz alta findet sich im Cod. Paris, während die Einsiedler Handschrift an dieser Stelle eine Kasur hat; {saltus) que hat wie auch sonst bei Livius (II 11, 1 XXI 48, 4) epexegetische Bedeutung, andernfalls müfste man ein sehr auffalliges Hysteron Proteron annehmen. Alpis ist accus, (cf. Liv. XXI 32, 6), nicht genet, der sich nur bei Dichtem findet; auch findet sich nirgends transcendere in intransit. Bedeutung ohne Angabe des Ziels. Der Text ist im wesentlichen übereinstimmend überliefert, trotzdem hat es an ^Verbesserungen'' zu Gunsten gewisser Theorieen nicht gefehlt: Ameis will Januae oder iugi alti, Aischef ski Vesuli alti oder Graios, Heerwagen Li- guriae lesen. — 169 — und in der Jüngern Kosmographie des sogenannten Aethicus wieder, wo sie, wahrscheinlich nachträglich, zwischen die Inseln und Berge des Westens eingefügt wurde. Die Namen lauten hier Matrona(e), Coaetiae (a. 1. Motiae, Fiotie), Marciana (Martianae), luliae, Emingaulo (Smingaulo). Für uns kommen nur die zwei gleichartig überlieferten Namen Matrona und luliae in Betracht Ist aber nach Ammian u. a. die Matrona mit dem Gen^vre zu identifizieren, so kann letzterer jedenfalls nicht mit der lulia zusammenfallen. 3. Bekanntlich führt der grofse Cenistunnel von Modane nach Bardonnöche (vallis Bardonisca im 8. Jahrh.) nicht durch den Cenis, sondern durch den Col resp. die Pointe de Fr^jus. Dieser Name weist auf ein antikes Forum lulii, sicherlich aber nicht auf den gleich- namigen narbonnensischen Küstenort, sondern auf einen solchen, zu dem man über den 2528 m hohen Pafs gelangte. Fora heifsen die Hauptorte stipendiarischer Gemeinden mit latinischem Recht (Momm- sen CIL XII p. 21); solche Gemeinden waren nach Plinius III 26, 135 die Ceutrones und Varagri, deren Hauptorte Axima und Octodurus offiziell die Titel Forum Claudii Ceutronum resp. Varagrorum oder Vallensium führten, femer die XV civitates Cottianae. Von den letztem kommen für uns nur die Segusini des Dorathals und die Medulli des Arcthals in Betracht; der Hauptort jener ist Segusio, folglich dürfte Forum lulii Titel des Hauptorts der MeduUer, ohne Zweifel des heutigen Modane, gewesen sein.^) Für diese Annahme spricht der Umstand, dafs in einer Inschrift von Narbo CIL XII 4533 ein Forojulienser als Angehöriger der tribus VoUinia erscheint, wäh- rend die Forojulienser der Narhonensis der trihus Aniensis, die transpadanischen von Cividale im Friaul der Scaptia angehörten CIL XII 38. V 163. Nun findet sich in den römischen Inschrif- ten der Maurienne CIL XII 2314 — 2346 kein Name häufiger als der julische, keine andre tribus als die Voltinia. Ich nehme also an, dafs auch die Alp oder Ebene auf dem Cenis nebst dem hier befindlichen Ort der MeduUer Julia hiefs und zur Unterscheidung 1) Ein zweiter Col de Frßjus, nach einem noch vorhandenen Dorf Frejus genannt, vermittelt die Verbindung vom Thal der Guisanc zum Thal von Vallouise. — 170 — von der Menge gleichnamiger Orte {Equestris etc.) den Beisatz alta * j resp. Medullina erhielt 2). 4. Odilo berichtet in seiner Vita Sancti Maioli (Act. Sanct 11. Mai) : Ingens multitudo Saracenorum ab Hispania per Alpes lulias ad iiiga Penninorum Alpium rapido cursu pervenit Sie überfielen 906 unerwartet das Kloster Novalicium und Susa, dessen Be- wohner vor ihnen nach Oulx flohen. Daraus ist mit Öhlmann zu schliefsen, dafs die Räuber über den Cenis kamen, und dafs die Alpes luliae, ein Name, der noch um das Jahr 1000 gebräuchlich war, mit der Maurienne identisch sind. C. Widerlegung allgemeiner Einwürfe gegen die Cenistheorie. Nach Mommsen „mufste Hannibal den Weg einschlagen, der für seine Bagage, seine starke Eeiterei und die Elefanten prakti- kabel war, und in dem ein Heer hinreichende Subsistenzmittel sei es im guten oder mit Gewalt sich verschaffen konnte". Dieser an sich unanfechtbare Satz bekommt dadurch, dafs Mommsen auf ihn gerade die Klein-Bernhardtheorie stützt, eine doppelte Spitze gegen die Cenistheorie. „Die Cenisroute war zu Hannibals Zeit für Heere impraktikabel", ruft von rechts und links der Chorus der Gegner; insbesondere soll es damals keinen Weg auf der italischen Seite des Gebirgs gegeben haben. Diesen Behauptungen aus Laienmund (de Luc, Lavalette, Desjardins, Dübi etc.) stelle ich das Urteil der ersten militärischen Autorität der Neuzeit gegenüber, Napoleon L urteilt über 1) Cf. die Namen Ripa altaj Baetia alta, Brenta alta, luvalta, Alba longa. 2) Über den Ursprang des Namens Julia dürfte folgende Vermutung ge- stattet sein. Mag man auch die mit Caes. BG. VIII 50 f. wohl in Einklang stehende Sage, dafs der auf dem linken Doraufer stehenden „Caesarbogen'' von Susa 50 v. Chr. Caesar zu Ehren errichtet worden sei, in Zweifel ziehen, so darf doch als sicher angenommen werden, dafs um diese Zeit der Alpen- könig Donnus (Strabo IV 204, Ovid ep. ex Ponto IV), Vater des altem Cottius (arc. Segus), in die Klientel der Julier trat, deren Namen er angenommen hat. Dieser Namenwechsel scheint den der genannten Orte nach sich gezogen zu haben. Diese Vorgänge scheinen zur Zeit des Livius noch wohl bekannt ge- wesen zu sein , wie denn auch die Bekanntschaft ^mit den saltus Juliae von Livius einfach vorausgesetzt wird. — 171 — die Cenisroute f olgendermalsen : La mar che d'Annihal depuis Collioure (am nordöstlichen Fuls der Pyrenäen) jusqu'ä Turin a ete toute simple; eile a ete Celle d'un voyageur; ilapris laroute laplus courte; il n'a ete gene en rien par les Romains, Quant ä la difficulte du passag e des Alpes, eile a ete exageree, il n'y en avait aucune, les elephants seuls ont pu lui donner de Venibarras. Dies Urteil mufs um so mehr in die Wagschale fallen, als Napoleon Mai 1800 nicht blols selbst den berühmten Übergang über den Grofsen Bernhard durchführte, sondern gleichzeitig verschiedene Kolonnen über andere Pässe, darunter den Cenis, gehen liefs (Thiers, Hist du Consulat), ins- besondere aber selbst wiederholt den Cenis überschritten hat (Schanz). Colonel Perrin urteilt über den Cenisübergang speciell: „Nulle part aucune des difficultes signalees dans Polyhe; Annihal n'eut perdu ni un komme ni un cheval^ , übersieht jedoch das eine, dafs das Abstieghindemis nach Polybius ein unvorhergesehenes, lediglich durch den ausnahmsweise früh eingetretenen Schneefall motiviertes gewesen ist Der Genövremann Hennebert, gleichfalls militärische Autorität, reduziert denn auch seine Opposition auf folgende Punkte: Toutefois cette vallee de VArc, qui mene au Mont Cenis, est etroite, sauvage, torrentueuse, nur sollte er nicht wähnen, damit unserer Theorie Abbruch thun zu können. Entspricht doch seine Schilderung genau dem Zeugnis der Gewährsmänner. Das Thal, durch welches Hannibal zog, bot allerlei Schwierigkeiten {dvaxcoQlai)j insbesondere zahlreiche Engen (oTevd Pol. III 50, 9 51, 4 54, 5 qxxQoy^ 52, 8 x^Q^^Q^ ^3, 6) ; die dadurch verursachten Beschwerden des Heeres werden nachdrücklich hervorgehoben 51,9. 53, 5. 54, 6. 55, 6. 60, 3. vgl. liv. XXI 32, 9. 10. 33, 3. 7. 34, 6. 8. 36, 1. Die Wildheit von Natur und Menschen findet ihre beredte Schilderung bei liv. 32,7. Silius III 516ff.; Wildbäche sind in Alpenthälern nichts Ungewöhnliches, dürfen sich mithin auch in der Maurienne finden. Schon die ersten Sendboten Hannibals hatten erklärt, „die Überschreitung der Alpen sei äufserst anstrengend und beschwerlich, aber nicht unmöglich Pol. III 34, 6.*) Die 1) Dieselbe Auskunft erhielt Napoleon I. 13. Mai 1800: Le g^&al Ma- rescot resuma nettement la question du passage des Alpes. II regardait Vope- — 172 — schweren Verluste des Heeres, die übrigens nach Zonaras VIII 23 (et Liv. XXI 23, 4) gröfstenteils auf Desertionen zurückgeführt werden dürfen, beweisen das erstere, die Unmöglichkeit der Überschreitung des Montcenis müfste erst nachgewiesen werden. Nun aber haben Pippin und Karl der Grofse, letzterer sogar im Dezember, wäh- rend gleichzeitig sein Oheim Bernhard über den Poeninus zog, mit Heeren den Cenis überschritten — nirgends deuten die Berichte darauf hin', dafs sie die Cenisroute erst eröffnet hätten, wie Desjardins behauptet — , der Charakter der Gegend und der Zu- stand der Wege war schwerlich ein andrer als zur Zeit Hanni- bals, warim sollte also dieser nicht Entsprechendes haben leisten können? Ob die Maurienne im Altertum für Heere schwerer zu passieren war als die Tarentaise, dürfte nach dem Urteil der Fachmänner (Perrin) sehr fraglich sein, jedenfalls bot sie nicht die gewaltigen Schwierigkeiten der entsprechenden Thalstrecken der Durance und Romanche. Dazu kommt, dafs das Grofse Dorathal den Abstieg bedeutend erschweren mufte, während das Kleine Dora- thal nicht die geringsten Schwierigkeiten bietet und somit den Berich- ten der Gewährsmänner am vollständigsten entspricht. Hätte Han- nibal im modernen Sinn zwischen den verschiedenen Alpenrouten „wählen" können, die Wahl wäre ihm mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten des Marsches nicht schwer gefallen. Im Punkt der Subsistenzmittel übertrifft die Maurienne nach allgemeinem Urteil weitaus die Thäler der obem Durance und Romanche und steht hinter der Tarentaise mit nichten zurück. Das Theatrum Sabaudiae schreibt: „Obwohl die Berge der Maurienne an manchen Orten einen wilden und abschreckenden Anblick bieten (cf. Liv. 32, 4), so sind sie doch so reich an Weiden , dafs sie einer grof sen Zahl von Herden Unterhalt gewähren. Auf der Nordseite sind diese Berge mit hochstämmigen Bäumen bedeckt, im Süden erzeugen sie Wein, Mandeln, Weizen, Roggen und alle notwendigen Subsistenzmittel." Thatsächlich gedeiht bei St. Jean de Maurienne der beste Wein ration comme dif fidle. — Di f fidle, soit, repondit le premier consulj mais est- ellepossible ? — Je le crois, r^pliqua le general Marescot, mais avec des efforts ex- traordinaires. — Eh hien, partons! fut la seule r^ponse du premier consul (Thiers). — 173 — Savoyens; Gerste, Hafer und selbst Roggen trifft man noch beim höchsten Dorf Bonneval, 1829 m ü. M. Die keltischen Führer hatten also nicht zu viel versprochen, wenn sie sagten, ^in der Gegend, durch welche sie führen, werde man an nichts Not- wendigem Mangel leiden" (Pol. III 44, 7). Die Leute konnten übri- gens so gut als der römische Soldat ihren eisernen Bestand auf mehr als einen halben Monat (Cic. Tusc. II 16, 37. Lamprid. Vita Alex. Sev. 47, 1. Ammian XXVII 9, 12) bei sich führen, autserdem begleitete sie eine grofse Menge Saumtiere, beladen mit Lebens- mitteln; trotzdem verschweigt Polybius 60, 3 f. nicht, dafs Mangel an Lebensmitteln eintrat und die Leibespflege notlitt Wichtiger war die Sorge für den Unterhalt der 12000 Tiere, einschliefslich der Elefanten, die im wesentlichen auf die vorhandenen Weiden resp. die gefüllten Heuschober angewiesen waren. Diese konnte nur die Cenisroute in hinreichendem Mafse gewähren: den Futter- reichtum der Maurienne bezeugt obige Schilderung, der Cenis vollends steht in diesem Punkt unerreicht dar. Die beiden Einwürfe streiten also nicht gegen, sondern für die Cenisroute. Vom strategischen Gesichtspunkt räumt man allgemein die Vorzüge der Cenisroute ein. „Der Montcenis", sagt der neutrale Öhlmann, „erfüllt am meisten die Bedingung westöstlicher Richtung und ist darum zum Pafs ersten Ba.ngs geschaffen". Liegen doch Isöremündung, Maurienne und Turin fast unter demselben Breiten- grad, eine Wahrnehmung, die sich schon bei Strabo findet Ins- besondere konnte es zwischen Allobrogern und Taurinern, den beiden Hauptvölkem, die nach Polybius durch die von Hannibal über- schrittenen Alpen getrennt sind, keine kürzere und bequemere Ver- bindung geben als die Cenisroute. Stand Hannibal einmal an der Isöre und gelangte er nach Polybius in 8 Tagmärschen von Allobro- gern zu den Taurinern, so war die Cenisroute nicht blof s die kürzeste, sondern die einzig mögliche. Hennebert räumt diese Eigenschaften rückhaltlos ein: „Die Maurienne durchschneidet die Alpenkette am Punkt ihrer geringsten Breite. Die Verbindung von Are- und Dora- thal bildet in Ansehung ihrer Kürze eine Kommunikationslinie, deren Bedeutung nicht zu verkennen ist." Dennoch glaubt er der Cenisroute — 174 — verschiedene strategische Mängel vorwerfen zu können: „Sie bietet ihre Flanke den obem Abschnitten der Thäler der Durance und Ro- manche, deren sämtliche Steige sie bedrohen. Endlich haben Mau- rienne und Tarentaise den Übelstand, dafs sie nur ein Mittel bieten, um in die Ebenen Italiens zu gelangen, nur ein Thal und eine einzige StraTse." Nun aber enthalten unsere Quellen nichts, das gegen den ersten dieser beiden Punkte spräche; beweisen doch die beiden Angriffe der Barbaren, dals sie die ihnen gebotenen Vorteile des Geländes in dem angedeuteten Sinn wohl auszunützen verstanden. Polyb. 50, 4 (Liv. 32, 8) reflektiert sogar in seiner Weise, dafs die Feinde diese Vorteile noch mehr sich hätten zu nutze machen können, wenn sie die Sache heimlicher betrieben hätten. Übrigens wird es kein Alpenthal geben, wo nicht ähnliche Verhältnisse anzu- treffen wären. Die Behauptung jedoch, dafs die Maurienne nur einen Ausgang nach Italien biete, ist thatsächlich unrichtig. Ver- schiedene Pässe führen sowohl nach BrianQon als in die Tarentaise, zwei weitere ins Thal der Stura von Lanza. Über einen dieser, den Col de FAutaret, läfst Albanis Beaumont Hannibal nach Italien ge- langen. Ernster als die Bedenken militärischer Natur scheinen die- jenigen, welche von seiten der Historiker geltend gemacht worden sind. „Keine Inschrift, kein Fund, keine Nachricht giebt uns Kunde von antiker Benutzung des Passes" (Leutz, Aus Kunst und Leben p. 116). Der Mangel an Inschriften ist zuzugeben, allein dieses Los teilt der Cenis mit der grofsen Mehrzahl der vormals römischen Pässe. Eine Hauptausnahme bildet der Poeninus, wo systematisch ausgeführte Nachgrabungen, die durch den zu Gebote stehenden winzigen Kaum aufserordentlich erleichtert wurden, manches Inter- essante zu Tage gefördert haben. ^) Wie der Poeninus, so hatte auch der Cenis seinen Juppitertempel (zu unterscheiden von dem Heiligtum auf der Roccia Melone). Über diesen Tempel berichtet der Chronist von Novalese unter dem Jahr 773 : In quo {monte Oemino) olim tem- plum ad*honorem cuiusdam cacodei scilicet lovis ex quadris lapidi- 1) Altere Funde an Votivinschriften werden im Bibliotheksaal des Hospiz' gezeigt; über jüngere Nachgrabungen berichtet von Duhn (Heidelb.Jahrbb. IT.) — 175 — bus plumbo et ferro vaMe connexis mirae pulchritudinis quondam constructum fuerat Die Einzelheiten dieser Notiz, der nur dogmatisch e Befangenheit ihren Wert absprechen wird, beweisen, dals dieser Tempel vom ältesten Gewährsmann wirklich geschaut worden ist Es fehlt also nicht an alten hochwichtigen Funden, und der Boden, der frei- lich nie gepflügt wird, dürfte, zumal am Nordufer des Sees, noch manches interessante Stück bergen.^) Die Behauptung, dafs keine Nachricht uns von antiker Benutzung des Passes Kunde gebe, stützt sich wohl auf Ranke, der in den Analekten zur Welt- geschichte III 2 sich also äufsert: „Es ist durch kein Zeugnis zu erweisen, dafs dieser Pals im Altertum benutzt oder auch nur be- kannt gewesen sei", ist aber trotzdem unhaltbar und soll durch fol- gende indirekte und direkte Zeugnisse widerlegt werden. Als gesicherte Thatsache darf gelten, dafs die obere Mau- rienne samt der Pafsebene des Cenis im Besitz der MeduUer waren, die laut Inschrift des arcus Segusinus eine der vierzehn civitates des regnum CoUii resp. der italischen Provinz Alpes CotHae bil- deten. Beschränkt doch Ptolemaeus III 1 den Namen „kottische Alpen" auf die Maurienne, die in der Vita Tygris geradezu vallis Cottiana heifst'-^) Auch Ammian rechnet jenes praecelsum iK^um, worunter nur der Cenis verstanden werden kann, zu den kottischen Alpen, und Gregor von Tours (540 — 92) bezeugt in der Gloria mar- tyrum 13 f., dafs der locus Mauriennensis einst zur Kirche von Turin gehörte.^) Da die älteste kirchliche Einteilung zweifellos mit der politischen sich deckte, so hat Longnon (Giogr. de la Gaule au Viöme siöele) mit Recht geschlossen, dafs von allen westlichen Alpen- 1) Eine Menge Bruchsteine, die hier an der Verbindung der beiden Ceniswege zu langen Mauern aufgeschichtet sind, dürften grofsenteils von alten Gebäuden herrühren. 2) Trotzdem rechnet Hirschfeld CIL XII die Maurienne zu der gallischen Provinz Alpes Graiae, Longnon zu Ligurien. Auch die Geographen lassen sich neuerdings dazu herbei, die Maurienne von den kottischen Alpen aus- zuschliefsen, während die ältere Anschauung, nach der sich die letztem bis zur Tarentaise erstreckten (cf. Pilot, Hist. de Grenoble etc. 1829), historisch allein begründet ist. 3) Mit Pingonius, Böcking u. a. ist ulso anzunehmen, dafs Turin seit Konstantin Hauptstadt der Prov. Alpes Cotüae war. — 176 — thälem die Maurienne am längsten Gallien vollständig fremd und eng mit Italien verbunden geblieben ist. Man könnte hinzufügen, dafs der Besitz dieses Thals für Italien von ähnlicher Bedeutung gewesen sein mufs, wie später der Be- sitz des Susathales für die Franken. Jedenfalls kann von einer hermetischen Abschliefsung der Maurienne gegen Italien, die nach Desjardins bestanden haben soll, keine Rede sein, vielmehr mufs seit den frühsten Zeiten eine Verbindung mit dem Susathal existiert haben. Diese Hauptverbindung ging um so gewisser über den Cenis, als die beiden andern Pässe, die noch in Betracht kommen können, Col du Ciapier und Col de Fr6jus, 400 — 500 m höher und dazu wesentlich beschwerlicher und gefährlicher sind als die Pafshöhe des Grotsen Cenis. — Schon der ältere Cato scheint den Cenisweg gekannt zu haben. Ich beziehe darauf die Notiz bei Gellius Noct Att II 22, 29 : Nam cum (if. Cato in libris originum) de Hispanis scriheret, qui citra Hiberum colunt, verba haec posuit: Sunt in his Alpinist) regionibus ferrariae, argentifodinae pul- cherrimae, mons ex sale mero magnus; quantum demas, tantum adcrescit Ventus Cercius, cum loquare, buccam implet, armatum hominem, plaustrum oneratum percellit^) Hier weist alles auf den 1) Nach den Römern waren die Ostgoten Heiren der Maurienne, die sie 536 an die Fi-anken abtraten. Letztere bemächtigten sich von hier aus bald auch des Susa- sowie des Aostathales (Vita Tygris, Fredegar Chron. 45, Galiia Christ. XVI). 2) Der Beisatz Alpinis findet sich in allen altern Ausgaben sowie im Pariser Codex hinter Hispanis, weshalb er von den neuern Herausgebern als sinnlos gestrichen wird, während ich annehme, dafs er durch nachträgliche Ein- fügung eine Zeile hinaufgerückt wurde. Die Einführung des Citats läfst er- kennen, dafs die dem siebenten Buch der Origines entnommene Stelle einem gelegentlichen Exkurs angehört, in welchem Cato die Alpengegend erwähnt, durch welche der alte Landweg von Spanien nach Italien führte. Die spa- nischen Erz- und Silberbergwerke befinden sich nicht diesseits, sondern jen- seits des Ebro Strabo III 147 f. , desgleichen das Salz von Egelaste Plin. III 4 XXXI 39; der „aus Gallien wehende'^ Circius Nordwest (Vitruv I 6 Lucan I 407 Suet. Claud. 17 Plin. II 16 Diod. V 26 Veget. IV 38) kann jedenfalls für Spanien nicht in Betracht kommen. 3) Silius III 625 : Aut mrsum immani stridens avulsa procella Nudatis rapit arma viris, volvensque pei^ orbem Contorto rotat in nubes siihlimia flatu. — 177 — Cenis und die Maurienne: 1. die Eisen- und Silberbergwerke, an denen diese Gegend vor allen andern reich ist; erinnern doch selbst die Namen der Orte Ferrera und Argentine an Catos ferrariae und argentifodinae] 2. der Salzberg fichaillon, der dem Italiener, welcher kein Steinsalz besitzt, besonders imponiert haben mochte. Dem ventus Cerdvs, unter dem gewöhnlich der proven^alische Mistral zu verstehen ist, entspricht der silianische Corus resp. die Tormenta des Cenis, die nach Schanz für unvorsichtige Wanderer immer Unheil im Gefolge hat — Dals die Cenisroute im zweiten und ersten vorchristlichen Jahrhundert thatsächlich benutzt worden ist, erfahren wir durch Artemidor und Cicero. Artemidor, der, wohl auf Grund wirklich ausgeführter Ver- messungen, die genausten bis auf das einzelne Stadium bestimm- ten Maise zu geben vermag, berechnet nach Plin. II 244 und Aga- themerus die Entfernung Roma Alpes usqtie ad Seingomagum vicum auf 4152 Stadien = 519 Meilen, Scingomago per Galliam ad Pyre- naeos montes lUibirim auf 3650 Stadien — 456 Meilen.^) Ist Scingomagus^^ Segusio Ausgangspunkt, so können nur Genövre- und Cenisroute in Vergleich kommen. Die Länge der erstem beträgt von Segusio bis lUibiris nach den Itineraren 376 Meilen, bleibt also um 80 Meilen hinter dem Ansatz Artemidors zurück. Auf dem Cenisweg sind es von Segusio zur IsÄremündung 196 Meilen, weitere 106 Mei- len nach Tarasco, 154 nach Illibiris, zusammen 456 Meilen, eine Ziffer, die genau derjenigen Artemidors entspricht Dals Artemidor diese Route eingeschlagen hat, folgt auch aus Strabo IV 185, dem- 1) Die Ziffern liegen hier allerdings im argen. Bei Agathemerus ist an der betreffenden Stelle eine Lücke, die 0. Maller (Geogr. Graeci minores II 477 f.) durch die Zahl 3747 aosf üllt, indem er aus der Gresamtsumme der Ent- fernung vom Ganges bis Gades 71560 St die übrigen Teilsummen abzieht Auch die plinianischen Codices bieten die verschiedenen Ziffern 456 (Variante 453), 566 (555), 851. — 456 ist die Ziffer des besten Codex (von Detleffsen in seine Pliniusausgabe aufgenommen); 566 (555) entspricht der Länge der Poe- ninusroute von Aosta über Lyon (Tab. Peut) , 351) der Route vom Varus über Aquae Sextiae und Arelate (Tab. Peut) cf. Strabo IV 178: vom Aphrodision bis Varus 2800 St » 350 Meilen. Die in den frühem Ausgaben gegebene Zahl 927 Meilen entstammt einer Konjektur Harduins resp. des Tennulius (C. Müller a. a. 0.). Oslander, Der fiannibalweg. 12 — 178 — zufolge er über die zwischen Is^remündang und Arausio gelegene Stadt Aeria (nach Holder bei BoU^ne oder Malauc^ne) gekommen sein muls. Reduzieren wir die für den Alpenzug berechneten ca. 1200 „Itinerarstadien" Polybs auf 120 Vollmeilen, so beträgt nach Polybius die Entfernung von Illibiris bis Scingomagus ebenfalls 456 Meilen. — Cicero berechnet in der 81 v. Chr. gehaltenen Bede für P. Quinctius XXV 79 die Entfernung Borna trans Alpes in Segusianos bei Lyon cf. Caes. BG. 1 10 (in den Codd. Sehusior nos, Sehuginos etc.) auf 700 Meilen. Diese Entfernung trifft nur für die kürzeste Boute d. h. die Cenisroute zu: denn von Rom bis Scingomagus sind es nach Artemidor 519 Meilen, von hier bis Lyon thatsächlich ca. 180 Meilen. *) Alle andern Routen sind ca. 100 Meilen länger. — Ukert verweist noch auf ein hübsches arithmetisches Problem der Anthologia Graeca (Jacobi III p. 185), nach welchem die Entfernung von Gades bis Rom, so- wie die Länge von sieben in Bruchzahlen angegebenen Teilstrecken aus einer Bekannten zu berechnen ist Als Gesamtsumme ergiebt sich 15000 (polybianische) Stadien; ein Zwölftel, also 1250 Sta- dien ««= 150 Meilen, kommt auf die Strecke „vom Beginn der Alpen bis zum Eridanus'^. Auch diese runde Zahl kann sich nur auf die Cenisroute beziehen, denn für die noch in Betracht kommende Genövreroute berechnet Strabo IV 179 vom „Beginn des Alpen- abstiegs" bis Ocelum 198 Meilen, wozu noch 18 — 20 Meilen, Ent- fernung von Ocelum zum Po resp. Turin, hinzukommen. Gehen wir zu den direkten Zeugnissen über. De Wijne schreibt in Quaest crit. de hello Punico II : De via ducente ad montem Cenis sermo essenequit, quoniam Strabo in enumeratione quattuor per Alpes viarum de ea silet — ein Satz, der, gläubig aufgenom- men, sprachlich und sachlich gleich anfechtbar ist. Als die von Strabo aufgezählten Strafsen will er nur die Ligurer-, Vocontier-, Ceutronen- und Poeninusstrafse anerkennen. Nun ist es aber gerade Strabo, der IV 203 f. nicht nur deutlich genug von einem fünften 1) Das französische Kursbuch rechnet von Lyon über St. Andre-le-Gaz nach Chambery 107, von hier nach Modane 98 km; von Modane bis Susa sind ea nach Bädeker auf der neuen Strafse 65 km , zusammen 270 km » ca. ISO Meilen. — 179 — Übergang Kunde giebt, sondern diesen auch in direkte Beziehung zu den Taurinern setzt und demgemäfs nach IV 209 (cf. p. 40) als den eigentlichen Übergangspafs Hannibals angesehen wissen will. Die Stelle ist so wichtig, dafs ich sie in der Hauptsache ausschreibe und möglichst wortgetreu tibersetze. Merd dk Oi^oxovTiovg ^Laövioi aal Tgizögioi Ttal f^er^ a^roi^g MädovXlot, oi7t€Q Tctg 'öiprjloTdrag ixovai %OQV(pdg' tö yovv öq- ^icbraTOv adrßv 'öxpog OTadUov inardv ix€iv (paal Tijv dvdßaaiv, Tidv&ivde TtdXiv (Chrestom. Strab. bei C. Müller II 529 ff. xal Toeoü- Tov a'Sd'ig) Tjjy iftl roifg ÖQOvg toi)g Tfjg UraXlag xaTdßaaiv. Nach Erwähnung des „grofsen Sees" und der Flüsse Druentias, Durias, Padus heifst es weiter: lUTt^gyLeivrai d' olMidovXXoL (.idXiOTa tfjg avf,ißoli]g TOV *'laaQog Ttqdg tdv ^Podavöv, int dk d^dteqa fiiqr] td TtQÖg T'ijv ^IraXlav x€yiXif,iiva rfjg i.€x^€loi]g ÖQSivfjg TavqtvoL tb otnovoL ^iyvaTiY,dv id^vog xal älloi Aiyveg ' toijtcjv d^ ia%l y,al fj Toif ^Ideövvov Xeyo^ivtj y^ y,al tov KottLov. „Hinter den Vocontiem (kommen) die Iconier und Tricorier und hinter ihnen die Meduller, welche die höchsten Gipfel besitzen;- jedenfalls, sagt man, hat ihre (der Meduller) höchste Erhebung einen Aufstieg von 100 Stadien und von hier wieder einen ebenso langen Abstieg zu den Grenzen Italiens... Die Meduller liegen aber ziemlich genau über (d. h. östlich von) der Vereinigung von Isöre und Rhone. Auf der anderen italischen Abdachung des ge- nannten Berglandes wohnen aber die Tauriner, ein ligurisches Volk, und andere Ligurer; zu ihnen gehört auch das sogenannte Ideonnus und Cottiusland".0 Diese Stelle ist schon seit alter Zeit gründlich mifsver- standen worden: Desjardins zählt nicht weniger als sechs im- 1) Die Partikel yoüv ist zugleich bestätigend und einschränkend; aus derPafs- hohe soll die Gipfelhohe erschlossen werden. Das ogS^uoturov v-kpaq, formell und materiell mit Ammians i)raece^9um iugum zusammenfallend, ist keine scoQVipi], sondern eine zum Wohnsitz geeignete Erhebung, cf . Strabo IV 185 : Äegia T(p ovtt, iprialv ÄQXffiLöwQoq^ aegia 6ia xo i