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Allein diese Wegbarkeit ist nicht von jeher so ge wertet und aus- genützt worden wie in unserer Zeit, wo neben den be- stehenden 30 grossen nord-südlichen Alpenstrassen selbst die Eisenbahn bereits an 6 Punkten das Hochgebirge durchbrochen hat. Die moderne Kriegführung tut dem- gemäss im Ernstfall bei Alpenübergängen viel leichter als die Kriegführung vergangener Jahrhunderte, da noch keine dieser Kunststrassen, geschweige denn Schienen- wege zur Verfügung standen. Denn auch die genannten Kunststrassen sind fast durchweg neueren Datums. Den Anstoss zur Umwandlung der alten Saumpfade in dauerhafte Fahrstrassen mit den nötigen Kunstbauten wie hochaufgetürmten Terrassen, zahlreichen Brücken, langen Felsgalerien und Zufluchtshäusern gegen Unwet- ter und Lawinen gab erst Napoleon I. In den Jahren 1800 bis 1806 baute er vorbildlich die Simplonstrasse und von 1803 bis 1811 die Strasse über den Mont Cenis. Im Jahre 1802 war durch ihn ferner der Umbau der 3 alten, schlechten Alpensträsschen über den Mont Genfcvre, den Hesselmeyer, Hannibal. 1 280432 Col di Tenda und den Kleinen St. Bernhard in Kunststras- sen angeordnet worden. Die genannten 3 Wege waren, wenn auch für ihre Zeit ganz respektabel und deshalb gerne benützt, doch ähnlich der alten, seit 1772 bestehenden Brennerstrasse für den eigentlichen Wagenverkehr eben durchaus nicht genügend. Auch die Col-di-Tenda-Strasse stammte aus derselben Zeit wie die Strasse über den Brenner, insofern sie in den Jahren 1773/82 angelegt worden war. So waren also in der vornapoleonischen Zeit eigentlich nur 4 Pässe, 1 in den Ostalpen und 3 in den Westalpen, mit schmalen Fahrwegen versehen ge- wesen. In den Zentralalpen fehlte es aber bis ins 19« Jahrhundert herein vollständig selbst an solchen beschei- denen Fahrsträsschen. Aller Verkehr vollzog sich auf den alten Saumpfaden. Erst i. J. 1823 wird die Strasse über den Bernhard fertig, im folgenden Jahre (1824) die Splügenstrasse, im nächsten Jahr (1825) diejenige über das Stilfserjoch, das Jahr darauf (1826) die Strasse über den Julier, erst i. J. 1830 die Grosse St. Gotthard-Strasse, i. J. 1839 die Strasse über den Malojapass und i. J. 1866 die Furkastrasse 1 ). Es war also vom rein militärischen Standpunkt aus betrachtet mit der Zugänglichkeit der Alpen in vornapo- leonischer Zeit nicht eben weit her, und es kann deshalb nicht wundernehmen, wenn kriegerische Bewegungen mit grossen Truppenmassen in den Alpen und über die Alpen bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein, da eigentlich bloss der Säumer und das Maultier über das *) Die durchschnittliche Bauzeit für eine solche Heerstrasse betrug jeweils 6 Jahre. - 3 - Hochgebirge stiegen, als kühne Wagnisse zu den grössten Seltenheiten gehören. Tatsächlich sind denn auch solche militärische Al- penübergänge in historischer Zeit nur ganz ausnahms- weise und von ganz besonders kühnen Feldherrn riskiert und forciert worden, als es galt, durch eine überlegene Kriegskunst den Gegner auf einer Seite zu überraschen und zu überrumpeln, wo er es nicht ahnen würde und ihn durch einen solch ganz unerwarteten Stoss vollstän- dig zu verwirren. Dabei macht man die Beobachtung, dass diese we- nigen strategischen Alpenübergänge dreimal einem Geg- ner galten, der in Oberitalien stand, also von Nord nach Süd ausgeführt werden mussten (Hannibal, Prinz Eugen, Napoleon), während nur ein Uebergang in der umgekehr- ten Richtung von Süd nach Nord stattfand, allerdings um seinen Zweck nicht zu erreichen (Suworow). Der letzte, uns zeitlich noch am nächsten stehende dieser berühmt gewordenen strategischen Alpenübergänge war, wie soeben kurz angedeutet, derjenige des damals 31jährigen Napoleons I., der im Mai des Jahres 1800 über den Grossen St. Bernhard erfolgte. Ihm unmittel- bar d. h. um 8 Monate voraus ging derjenige des damals 70jährigen Suworow in der 3. Dekade des September 1799: zuerst in siegreicher Offensive über den St. Gott- hard und Lukmanier und dann über Kinzigkulm ins Muottatal hinüber, von da ab aber in fluchtartiger De- fensive über den Pragelpass ins Klöntal nach Glarus und von hier aus wieder südlich über Elm und den Panixer- Pass nach Ilanz ins Vorderrheintal und nach Chur. Ich muss mir versagen, auf den Zweck und die Einzelheiten 1* — 4 — dieser unglücklichen, von unsäglichen Opfern an Men- schenleben begleiteten Kreuz- und Quer- und Kletterzüge Suworows des näheren hier einzugehen, jenes russischen Marschall Vorwärts, dem wohl einige österreichische Ge- neralstabsoffiziere, aber unter ihnen kein Gneisenau zur Seite stand. Nur soviel sei bemerkt, dass dieser Alpen- zug ein warnendes Beispiel war, dass ohne gründliche Erkundung des Geländes und ohne ausgiebige Vorsorge für das Verpflegungswesen solche Uebergänge nicht ge- wagt werden können. Es ist zwar nirgends gesagt, dass Napoleon sich die Lehren, die sich aus dem verunglückten Unternehmen Suworows ergaben, zu Nutze gemacht habe. Trotzdem wird man nicht fehlgehen, wenn man dies annimmt. Napoleon konnte sich der Mitwelt auch hierin als der grössere Meister der Feldherrnkunst zeigen, indem er seinen Alpenübergang viel umfassender vorbereitete, über das Gelände ganz genaue Erkundigungen einzog und schon dadurch, sowie aber namentlich auch durch eine ganz vorzügliche Verpflegung seiner Leute sich vor den grossen unnötigen Verlusten namentlich an Menschen- leben schützte, die bei Suworow weit über 5000 Mann betrugen (d. h. mehr als 25 %). Europa erlebte also zwei- mal hintereinander im kurzen Verlauf von acht Monaten das interessante Schauspiel eines strategischen Alpenüber- ganges. Vergleiche zwischen beiden anzustellen, war nur zu natürlich. Nach dem ganz und gar missglückten Ver- such Suworows, konnte man anfänglich glauben, werde man sichs in militärischen Kreisen wohl überlegen, so bald wieder mit einem Heer die Alpen zu überschreiten. Und siehe! Napoleon überrascht das noch kritisierende Eu- — 5 — ropa mit einem glatt und wie programmmässig verlau- fenen Alpenübergang, dem kaum ein Maultier, sondern nur einige Pferde mit ihren Reitern, aber auch nicht ein Infanterist zum Opfer fiel! Hiegegen konnten die ver- schiedenen Beschädigungen an den auseinandergenom- menen Geschützteilen und den wohlverpackten Geschütz- rohren nicht in die Wagschale kommen. Doch auch hier würde es zu weit führen, auf die Einzelheiten ein- zugehen. Ich muss mich darauf beschränken, nur die wichtigsten Merkmale hervorzuheben. Der Erkundung der Wege und der Sorge für das Verpflegungswesen wurde schon gedacht. Es kommt hinzu die vollständige Ge- heimhaltung des Aufmarsches und des Abmarsches in die Alpen. Ueber den Marsch selbst ist zu sagen, dass man stets vor 2 Uhr morgens aufbrach, um dem Zeit- punkt zuvorzukommen, wo die Tagessonne die Schnee- massen schmelzen Hess. Jeden Tag konnte nur eine Di- vision marschieren, so dass der Uebergang des Gros, bei dem auch Napoleon sich befand, und das aus 6 Divisio- nen bestand, 6 Tage in Anspruch nahm und vom 15. bis 20. Mai dauerte. Das Gros marschierte über den Grossen St. Bernhard, und so spricht man auch vom Ueber- gang Napoleons über den Grossen St. Bern- hard. Wäre jedoch die gesamte Streitmacht, aus der diese sog. Reservearmee (zum Unterschied von der Rhein- armee unter Moreau und der italienischen Armee unter Massena) bestand, etwa 35000 Mann, lediglich über ein und denselben Pass marschiert, so hätte der Uebergang sich erheblich verzögert. Deshalb hatte eine Seitenabtei- lung den Mt. Genfcvre und den Mt. Cenis und eine Ver- bindungsabteilung den Kleinen St. Bernhard zu benut- — 6 — zen. Erst in der Ebene von Ivrea fand dann am 25. Mai 1800 die Vereinigung sämtlicher Streitkräfte statt, und mit 29000 Mann derselben bestand Napoleon am 11. Juni die Entscheidungsschlacht von Mar eng o. Seine Idee, durch einen überraschend kühnen Vor- stoss nach Italien der Zweiten Koalition, die ein Zusam- menwirken der Oesterreicher in Italien mit der englischen Flotte und eine Invasion Südfrankreichs von Toulon aus geplant hatte, das Konzept gründlich zu verrücken und die Sache Frankreichs, das nach seinen Niederlagen in Deutschland und Italien (1799) einen ehrenvollen Frie- den brauchte, wieder ins Gleichgewicht zu bringen, ist in ihrer Erfassung und Durchführung gleich genial. Die einzige Möglichkeit, diesen Stoss in den Rücken der Feinde auszuführen, war, da der Seeweg verschlossen war, der Landweg. Dieser aber Hess, so wie die Oester- reicher standen, nichts anderes übrig, als einen Alpen- übergang. Wollte man denselben nicht riskieren, so musste man auf den Stoss verzichten und eine feindliche Invasion in Frankreich in Kauf nehmen, von der nicht abzusehen war, welche Folgen sie für Frankreich und seinen Ersten Konsul möglicherweise gehabt hätte. Des- halb geht es wohl nicht an, wie dies schon geschehen ist, in diesem strategischen Alpenübergang Napoleons le- diglich den grossartigen Theaterkoup eines politisierenden Generals zu erblicken. Als Suworow seinen Alpenübergang plante, trennte ihn eine Pause von fast 98 Jahren oder rund ein Jahr- hundert von den Erfahrungen, die sich der damals 38- jährige Prinz Eugen von Savoyen durch seinen Ueber- gang über die Tridentiner Alpen in der 3. Dekade des — 7 — Maimonats des Jähret 1701 gesammelt hatte, wobei es allerdings sehr fraglich ist, ob Suworow die Literatur, die es zu seiner Zeit über dieses militärische Ereignis gab, eingesehen hatte oder nicht. Aber selbst angenommen, Suworow, der, hierin kein Blücher, ein belesener Mann war, hätte diese Literatur teilweise gekannt: das wich- tigste gerade auch über den Alpenübergang des Prinzen ist erst lange nach Suworow in dem in der Fussnote ge- nannten Generalstabswerk veröffentlicht und verwertet worden 1 ). Eine Darstellung des Uebergangs über die Tridentinischen Alpen auf Grund dieses Werkes wäre fast eines besonderen Vortrags wert: ich muss mich aber hier ganz kurz fassen und kann bloss soviel berichten, dass der strategische U ebergang des Prin- zen denjenigen Napoleons an Kühnheit undSchwierigkeitweit übertri f f t, nicht etwa bloss wegen der beschränkteren Mittel, die dem Prinzen zu Gebote standen, und des Hemmschuhes, den Hof- kriegsrat und Hofkammer in Wien schon vom ersten Augenblick der Mobilmachung an dem Prinzen und sei- nem kleinen Heer von 32000 Mann in den Weg legten, sondern vor allem deshalb, weil Prinz Eugen seinen Al- penübergang sozusagen im unmittelbaren Angesicht der französischen Aufstellung (Etsch — MonteBaldo — Garda- see) derart durchführte, dass sein Gegner Catinat we- der eine Silbe von dem Vorhaben erfuhr, das sich vor seiner Nase abspielte, noch den Abmarsch der Kaiser- *) Nach dem Ausweis des österreichischen Generalstabswerks über den „Spanischen Successions-Krieg" (1876) S. 513 f. kom- men hier ungefähr 9 Werke in Betracht, die in der Zeit von 1702 bis 1791 über den Prinzen Eugen erschienen waren. - 8 — liehen rechtzeitig bemerkte, und zweitens weil Prinz Eu- gen sein Heer tatsächlich auf Wegen fuhren musste, die noch kein Mensch betrat. Mehrere Tausend Soldaten und Bauern aus der Umgebung von Rovereto und Ala stellten in der kurzen Frist von 4 bis 5 bezw. 9 Tagen 4 Uebergänge fertig (durch die Val Comparsa und die Val Fredda nach Breonio und durch die Val Arsa und das Terragnolo über den Campo Grosso nach Schio), die es dem Prinzen ermöglichten, die von ihm geplante Um- gehung der fast unüberwindlichen Aufnahmestellung des Gegners derart zu vollziehen, dass er plötzlich und un- erwartet im Rücken Catinats weiter unten an der Etsch zwischen Legnago und Carpi auftauchte und am letzte- ren Ort den Etschübergang, der ihm oberhalb nie gelin- gen konnte, fast spielend vollzog, ein Strategem, das Ca- tinat durch sein Unerwartetes und Unerhörtes dermassen verblüffte, dass er von da an dem Prinzen alles mögliche zutraute und vor ihm ohne Schwertstreich bis an den Oglio zurückwich, um dann am 24. August 1701 durch Villeroy im Oberbefehl ersetzt zu werden. Aber auch Villeroy hatte kein Glück. Eine Woche, nachdem er seinen Oberbefehl angetreten hatte, griff ihn Prinz Eugen am 1. September 1701 bei C h i a r i an, und Villeroy ver- liert den Tag. Allerdings hatte nun mit diesem Gefecht der Feldzug von 1701 seinen Höhepunkt erreicht. Die Franzosen bringen es nach wie vor zu keiner Offen- sive mehr, aber auch die Entschlusskraft des Prinzen scheint gelähmt. Ein Marengo wie später Napoleon sollte dem Prinzen nach seinem kühnen Alpenübergang nicht beschieden sein, wie er es wohl gehofft hatte und zuversichtlich hatte hoffen dürfen. Der glänzenden — 9 — strategischen Umgehung der feindlichen Anmarschlinie und dem darauffolgenden strategischen Durchbruch bei Carpi (Catinat hatte statt des westlichen Vorstosses über die Etsch einen südöstlichen Abmarsch der Kaiserlichen an die Adria erwartet), war keine Schlacht gefolgt, die den Feldzug entschieden hätte. Der Prinz, von Wien im Stich gelassen, konnte keine offene Feldschlacht mehr wagen. Die Oesterreicher konnten von Glück sagen, wenn Vil- leroy seine eigene numerische Ueberlegenheit nicht aus- nützte aus heilsamem Respekt vor der überragenden Per- sönlichkeit ihres Prinzen Eugenio. IL So bleibt denn als das einzig Denkwürdige und Historische von diesem Feldzug des Jahres 1701 der stra- tegische Alpenübergang des Prinzen Eugen von Savoyen bestehen: die wirklich grossartige Leistung einer gross- artigen Initiative, für die damalige Welt um so grossar- tiger, als seit den Tagen eines Hannibal nichts derar- tiges mehr gesehen und erlebt worden war. Denn was an Alpenüberschreitungen während dieses langen Zeitraums von 19 Jahrhunderten (von 218 vor Chr. bis 1701 nach Chr.) vorausgegangen war, das entbehrt des strate- gischen Moments aber auch vollständig und vollzieht sich alles in dem bescheidenen Rahmen einfacher Durch- märsche herüber und hinüber. So die Alpenübergänge der Landsknechtsführer oder der Kaiser des Mittelalters auf ihren Römerzügen; oder die Einfälle der wan- dernden Germanen; so auch die Märsche römi- scher Feldherrn auf ihre Kriegsschauplätze am Rhein und an die Donau. Wissenswert hievon ist hoch- — 10 — stens die zahlenmässige Erhebung über die beliebtesten Routen. So hat man z. B. nachgezählt, dass die deut- schen Kaiser des Mittelalters den Brenner 66mal, den Gr. Bernhard 20mal, den Septimer 17mal, den Mt. Cenis 13- mal, die Kärntner Alpen 11 mal, den Kleinen St. Bernhard 4mal, den Lukmanier 2mal und den Mt. Gen&vre lmal passiert haben. Nur das haben diese Alpenübergänge mit den drei von uns zur Sprache gebrachten strategischen Ueber- gängen der neueren Kriegsgeschichte gemein, dass wir über sie, was den eingeschlagenen Weg betrifft, zuver- lässig unterrichtet sind. Hier gibt es keine Streitfragen. Alles ist genau überliefert und steht aktenmässig fest. Anders mit jenem Alpenübergang, der die Ueberschreit- barkeit der Alpen für reguläre Kriegsheere überhaupt erst der erstaunten Welt erwiesen und bewiesen hat : mit dem Alpenübergang H a n n i b a 1 s , dem Problem, dem wir uns nunmehr zuwenden. III. Es war also nicht erst der genialen Energie eines Prinzen Eugen oder Napoleon vorbehalten, zwei wichtige europäische Kriege durch zwei strategische Alpenüber- gänge zu eröffnen und damit zu zeigen, dass man, um grosse Erfolge zu erreichen, etwas Grosses wagen müsse (M o 1 1 k e), sondern bahnbrechend und auch nach der Seite der wohlerwogenen planmässigen Vorbereitung des kühnen Wagnisses vorbildlich ist ihnen hier der Mann des Altertums vorangegangen. Und dieser Afrikaner, da- mals ungefähr ein Dreissiger, bewegte sich in den Alpen, wie wenn er hier zu Hause wäre. Er wirkt nicht bloss — 11 — als Bahnbrecher auf dem Gebiete alpiner Strategie, son- dern zugleich auch als Pionier auf dem Gebiet alpiner Ingenieurkunst, ja er kann sogar, wenn man so will, als Vorläufer unseres modernen Alpensports betrachtet wer- den. Hat doch dieser Südländer aus dem heissen Afrika den Kulturmenschen, die zu beiden Seiten am Fuss der Alpen sassen, die Schrecken des Hochgebirgs zu nehmen und ihnen erstmals zu zeigen verstanden, dass man den bisher so gefürchteten Kampf mit der Natur der Hoch- alpen nicht bloss wagen, sondern auch siegreich bestehen könne. Die Alpenübergänge des Prinzen Eugen und Na- poleons bleiben in ihrer Art gewiss historische Ereig- nisse: Hannibals Alpenübergang als eine nach allen Seiten hin schöpferische Tat muss als ein welthistorisches, als ein epochemachendes Ereignis bezeichnet werden. Die Alten rechneten ihn denn auch unter die Weltwunder: in portento prope maiores habuere Alpis ab Hannibale exsuperatas (Plin. N. H. 36, 2). Aber wunderbar: der Pass, auf dem dieses Weltwunder sich abspielte, ist bis auf den heutigen Tag unbekannt. Während die Wissenschaft die beiden Vorfragen, warum Karthago den Kampf um die Vorherrschaft im Mittelmeer nicht zu Wasser, son- dern zu Lande auszufechten suchte, und warum Hanni- bal diesen Entscheidungskrieg nun gerade mit dem ge- nialen Alpenmarsch begonnen habe, längst beantwortet und dahin entschieden hat, dass Karthago nach dem er- sten punischen Krieg als Seemacht gestrichen war, und also bloss noch von einem glücklichen Landkrieg sich etwas versprechen konnte, sowie dass Hannibal hiebei den Plan einer weitausholenden Umgehung und ungeahn- ten Ueberraschung des Gegners zu Grunde legen musste, — 12 — wenn er zu seinem Zweck kommen wollte — während also dies alles klar gemacht ist, ist die Frage nach dem Alpenweg, den Hannibal hiebei eingeschlagen, noch heute eine offene trotz oder wegen der nachgerade fast unübersehbaren Literatur, die sich um diese Frage auf- getürmt hat. Nachdem schon das Altertum, wie man aus Livius entnehmen kann, eine Literatur über diesen Gegenstand gehabt hat, füllt die blosse Aufzählung der neueren Literatur über dieses Problem bis herunter zum Jahr 1900 mehr als einen Druckbogen. Und schon sind wiederum zwei neue Monographien auf dem Plan er- schienen: die eine hat einen französischen Militär zum Verfasser, es ist das Buch von A n z a n »Annibal dans les Alpes«, erschienen 1902, die andere ist das Buch von Konrad Lehmann, G.-O.-L. in Steglitz, betitelt : »Die Angriffe der 3 Barkiden auf Italien«, erschienen 1905. Anzans Buch kenne ich nur aus Lehmann. Er plädiert aus militärischen Erwägungen, wie dies auch Napoleon I. tat, ganz entschieden für den Mt. Cenis, Lehmann hin- gegen ebenso energisch aus philologischen Gründen für den Kleinen St. Bernhard. Nach Lehmanns Geständnis gibt es kein historisches Faktum, das so vielfach unter- sucht ist, und dessen Untersuchung zu so verschiedenen und so wunderlichen Ansichten geführt hat, wie eben Hannibals Alpenübergang, weshalb z. B. Desjardins i. J. 1876 die Diskussion hierüber als »6ternelle«, sagen wir, als eine »Seeschlange« bezeichnete: ich sage obgleich dies nach Lehmanns eigenem Geständnis sich so verhält, so schmeichelt er sich dennoch »mit der Zuversicht, den Alpenweg ermittelt« (S. 143) und »die vielumstrittene Frage endgültig gelöst zu haben« (Vorwort), so dass also — 13 — unter dem »ungeheuren Wirrsal von wertvollen und wert- losen Produkten«, die durch diese »Riesenkontroverse« hervorgerufen worden sind (S. 4), seine Arbeit sich uns als das wertvollste Produkt darstellen würde. Und da es für Lehmann unbestreitbar feststeht, sozusagen bom- bensicher ist, dass Hannibal bloss über den Kleinen St. Bernhard gekommen sein kann, und er allen gegen- teiligen Ansichten, darunter namentlich auch die Mont Cenistheorie als gröbliche Verkennung und Verirrung ad absurdum führt, so könnte ich mich ganz kurz fassen und sagen: Lehmann locutus est, causa finita est. Nun scheinen aber gewisse Anzeichen dafür zu spre- chen, dass K. Lehmann gar zu zuversichtlich ins Feld gezogen ist. Seine Geschosse gehen zu hoch. Es ist Selbsttäuschung, wenn er glaubt, die Gegengründe der anderen überzeugend widerlegt zu haben, und deshalb will ich versuchen, die Hauptpunkte, auf die es bei dieser Streitfrage in erster Linie ankommt, nochmals kurz an- zuführen. Das Material ist ja glücklicherweise schon so durchgesiebt, und, was die Quellen selbst betrifft, von Haus aus eigentlich so kurz beisammen, dass man sich eher darüber wundern muss, wie sich im Lauf der Zeit ein solcher Rattenkönig von abweichenden Meinungen ansetzen konnte, der einem L. v. Ranke und neuer- dings wieder (1891) dem belgischen Forscher Garofalo ganz im Gegensatz zu K. Lehmann den verzweifelten Aus- ruf abnötigte: »Die Lösung dieser Frage erscheint mir vollständig ausgeschlossen, niemals wird es gelingen her- auszubringen, welchen Weg der grosse Karthager einge- schlagen hat« (cette question m'a paru comptetement insoluble . . . on ne pourra jamsüs connaitre quelle voie — 14 — a suivie le grand Carthaginois). Vielleicht ist die Sache doch nicht ganz so schlimm und verzweifelt. Beginnen wir mit der nächstliegenden Frage: Was wussten die Alten selbst überhaupt von den Alpen? 1 ) Vor Hannibal bestand nur schattenhafte Kunde, so bei H e r o d o t (f ca. 424 v. Chr.), so noch bei Erato- s t h e n e s (f ca. 194 v. Chr.) Nur Hannibals Uebergang beleuchtet dazwischenhinein ihre Grösse und ihre Schrek- ken. Nach Hannibals Zeit überliess man die Alpen wie- der sich selbst und ihren Bewohnern. Diese freilich konnten einzig und allein eine genaue Kenntnis der Al- pen gehabt, sie nur, wie Kelten und Rätier, die ältesten Wege über die Alpen geschaffen haben. Aber von dieser praktischen Kenntnis drang verzweifelt wenig unter das gelehrte und gebildete griechisch-römische Publikum. P o 1 y b i u s z. B. (f 116 v. Chr.) hatte eine höchst un- vollkommene Vorstellung von dem Bogenzug der Alpen, so wichtig er auch mit seinen diesbezüglichen Reisen und Kenntnissen tut. Auch macht er in Bezug auf die Topo- graphie ganz unzulängliche Angaben, und diejenigen An- gaben, die ihm z. B. anlässlich von Hannibals Alpen- übergang in seinen Quellen nicht gleich verständlich wa- ren oder die er mit seinen eigenen falschen Terrainvor- stellungen nicht vereinigen konnte, hat er einfach unterdrückt, wie er denn die Westalpen von Massilia aus erst lange nachdem er den 2. punischen Krieg niederge- schrieben und veröffentlicht hatte, bereist hat 2 ), ohne sich 2 ) Ich verweise hier namentlich auf den Artikel „Alpes" von Part seh bei Pauly-Wissowa R.E. 2 ) Die Abfassung der betreffenden Abschnitte in seinem Geschichts- werk fällt nachgewiesenermassen in die Zeit seines römischen Aufenthalts — 15 — übrigens bewogen zu fühlen, seine Irrtümer in einer »zweiten vollständig umgearbeiteten Auflage« auszumer- zen. Auch fragt man sich mit Recht, wie Polybius, der sich seinen Lesern als Alpenkenner vorstellt, ihnen fast gar keine geographischen Namen mitteilen kann? Erst von der Kaiserzeit an wird die Kenntnis der Geographie der Alpen etwas zuverlässiger. So übersah man z. B. erst jetzt den Bogenzug der Alpen und ihre Richtungsänderung »an der Wurzel des Tales der Salas- ser« d. h. vom Mt. Blancmassiv an. Und trotzdem hat auch hier »die Stubengeographie, wie sie in Strabo (f 24 n. Chr.) vertreten ist, der Nachwelt nur ein ver- kümmertes, durch grobe Irrtümer entstelltes Bild von der damaligen antiken Anschauung des Hochgebirgs über- liefert«. Was dann näherhin die Alpenpässe selbst betrifft, so sind auch hier die Nachrichten der Alten sehr unvollkommen. Und namentlich hieraus wird mit Recht geschlossen werden dürfen, dass die Alpen dem Verkehrs- leben des Mittelmeers lange Zeit entrückt gewesen sind, und dass es weit über das Ziel hinausgeschossen war, wenn man z. B. die transalpine Bronzekultur auf Rechnung eines etruskischen Tauschhan- dels über die Alpen gesetzt hat. Auch die vorrömi- schen Münzfunde in den transalpinen Gegenden sind überaus spärlich, und der älteste Bernstein- handel in die zisalpinen Länder geschah auf dem Weg des Imports von Massilia her. So spricht alles mehr für eine Umgehung als für eine Uebersteigung der A 1- (166 — 150), spätestens aber 146 ; seine Alpenreise dagegen erst ins Jahr 133. Vergl. auch 0. Cuntz „Polybius und sein Werk" (1902) S. 77 ff. — 16 — p e n in vorhannibalischer Zeit, und zwar geschah dieser Fernverkehr und Warenaustausch teils im äussersten Westen, teils im äussersten Osten. Die Pässe der eigent- lichen West- und Zentralalpen mied dieser Verkehr, wo- durch freilich ein Nahverkehr über diese Teile der Al- pen nicht in Abrede gestellt sein soll. Wie endlich die Völkerzüge der ältesten Zeit nach Oberitalien vor sich gingen, darüber ist nur ganz unsichere Kunde erhalten. Jedenfalls steht soviel fest, dass für den Fernverkehr über die eigentlichen Hochalpen erst Hannibal den Bann ge- brochen hat. Und auch darum ist sein Uebergang wahr- haft epochemachend. Doch welche Pässe kommen nun für ihn in Betracht? Nach dem Zeitalter Hannibals kennt zunächst Polybius nur 4 Pässe: den ligurischen längs der Küste (über Mo- naco); den bei den Taurinern (Dora Riparia); den bei den Salassern (Dora Baltea); und den rätischen Pass, also wohl den Brenner. Varro sodann (f 28 v. Chr.) kennt 5 Pässe : den ligurischen ; den Hannibals ; den des Pompejus; den Hasdrubals; und den über die Graischen Alpen. Den Brenner kennt er eigentümlicherweise nicht, wenigstens erwähnt er ihn so wenig, wie den zu seiner Zeit längst bekannten Birnbaumerwaldpass (Alpis Ocra von Aquileja nach Laibach: Aquileja gegründet 181 v. Chr.). Er nennt also bloss die ihm geläufigen Westalpenpässe. Von diesen war nun der auch von Polybius genannte liguri- sche Pass längst vor Hannibal dem Verkehr dienstbar ge- macht, ward doch der Bau dieser ligurischen Küstenstrasse dem Herakles zugeschrieben. Dieser Pass vermittelte den uralten Umgehungsverkehr im Westen. Der von Pom- pejus erschlossene Passweg sodann gilt allgemein als der — 17 — über den Mt. Genfcvre. Hierüber nachher noch ein Wort. Von Hasdrubal nimmt man an, er sei über einen der bei- den Bernharde gezogen. Da nun die Alpis Graia, die bei Varro von dem Pass des Hasdrubal unterschieden wird, der Kleine St. Bernhard ist, so muss Varro mit dem Pass des Hasdrubal den Grossen St. Bernhard gemeint haben. Einer von diesen beiden Bernharden ist auch bei Polybius gemeint, wo er von dem »Pass bei den Salassern« spricht. Ob »Kleiner« oder »Grosser«, das bleibt in dubio, wie es auch zweifelhaft ist, ob der Tau- rinerpass des Polybius der Mt. Cenis oder der Mt. Gen^vre ist, wenn auch der Umstand, dass erst Pompejus den Mt. Genfcvre erschlossen haben will, indirekt für den Mt. Cenis sprechen würde. Aber auch die Mt. Genfcvrestrasse, wie auch die ligurische Küstenstrasse wurde erst seit Augu- stus sorgfaltig ausgebaut d. h. für Saumtiere und not- dürftigen Wagenverkehr passabler gemacht. Ueberhaupt haben erst von der letzten Zeit der Republik an römische Heere häufiger und regelmässiger die Alpen überschritten, und sind dann in ihrem Interesse die Alpenpässe plan- mässig erschlossen worden. Diese alten Römerwege wech- selten in ihrer Breite zwischen 1,5 m und 3,5 m. Als der bequemste unter ihnen galt die schon genannte, anno 3 v. Chr. chaussierte Mt. Genfcvrestrasse, die glat- teste Verbindung zwischen der Poebene einerseits und der Provence und Spanien andrerseits. Bei Brian^on (Brigantio) zweigte von dieser Strasse eine zweite nicht minder wichtige Strasse über den Col du Lautaret nach Grenoble (Gratianopolis, Cularo), und bei Gap (Vapincum) eine dritte Hauptstrasse ab, die nach Valence (Valentia) führte. Ferner wurde von Augustus fahrbar gemacht der Hesselmeyer, Hannibal. 2 — 18 — alte Passweg über die Alpis Graia (d. i. die Felsige) oder über den Kleinen St. Bernhard. Er führte — im Nahverkehr jedenfalls schon früh begangen — von den Salassern im Aostatal zu den Ceutronen in der Taran- taise. Ebenso alt war der Passweg über den Grossen St. Bernhard oder die Alpis Poenina, besser Pennina d. i. die Gezackte (von penna 1 ) die Feder, einem dem Altitalischen gemeinsamen Keltenwort, das in den Apen- ninen Italiens ebenso wiederkehrt wie im Bennevis Schott- lands oder in der »Finne« auf dem rechten Ufer der unteren Unstrut zwischen Wiehe und Kosen, (wohlgemerkt aber nicht im» Hohen Venn«; denn dieses Venn bedeutet »Moor« vergl. Finnland). Auch dieser Passweg führte durch das Gebiet der Salasser, wurde aber erst durch die unter Augustus erfolgte Vernichtung dieses Alpenstammes für den friedlichen Verkehr völlig gesichert. Dass auch ein Weg zum S i m p 1 o n und zum St. Gotthard schon in der römischen Kaiserzeit existiert hat, sei der Voll- ständigkeit halber angeführt. Doch wird von Partsch darauf aufmerksam gemacht, dass sich dann der Strassen- bau nur auf die Talsohle des italienischen Abhangs be- schränkt haben müsse. Römisch waren auch schon die beiden Strassen vom Comersee nach Chur über den S p 1 ü g e n (Cuneus aureus) und über den J u 1 i e r. Die R e s c h e n s c h e i d e c k ist die via Claudia Augusta, und vom Brenner war schon die Rede. Er war zwar ein ur- alter Weg für die östliche Umgehung des Hochgebirgs, den Römern aber erst in der Kaiserzeit mehr vertraut, wie ihnen auch erst nach Christi Geburt der nach Bre- genz (Brigantium) führende Fernpass bekannt gewor- *) Verwandt damit pinna, die Mauerspitze oder Zinne. — 19 — den ist. Dagegen war schon ziemlich lange vor Christi Ge- burt bekannt und zugleich als das östliche Ende der Alpen richtig erkannt die Alpis Julia oder Alpis Ocra, der schon genannte Birnbaumerwaldpass, der namentlich seit der Unterwerfung Pannoniens (9 v. Chr.) eine der belebtesten Pass- und Poststrassen wurde. Wie aber, fragen wir nach diesem Rundgang noch- mals, war es nun mit Hannibal? Welchen Pass wird er benützt haben? Natürlich nur einen solchen, der schon von den keltischen Heerzügen her und durch den Nahverkehr der Alpenkelten unter sich diesen bekannt war, und der bewohnte Täler voraussetzte. Eine starke Gebirgsbevölkerung war ja schon damals in den Alpen vorhanden. Soviel wenigstens kann man dem Polybius, der dies erwähnt (III, 48 ; 7 : uXstaxwv dvfrpumwv cpoXov xax* aöxas ohtstv au(ißaLvec tolc, "AAtcscs), nachsprechen. Da es nun die Insubrer und Bojer sind, mit denen sich Hannibal ins Benehmen gesetzt hatte, und die seinen vorausgeschick- ten Generalstabsoffizieren an die Hand gegangen waren — diese Offiziere haben sonach den Weg 2mal hin- und lmal zurückgemacht — so kann es sich selbstverständ- lich nur um eine Route in den Westalpen handeln. Dar- über sind denn auch alle einig, die sich mit dem Pro- blem befasst haben. Aber welcher Pass in den West- alpen es nun gewesen, gerade darüber gehen die Mei- nungen und zwar gleich sechsfach auseinander. Für den Mt. Genfcvre haben sich, um nur die wichtigsten Namen zu nennen, 14 Gelehrte ausgesprochen: im 18. Jahrhundert ausser de Thou und d'Anville insbesondere Gibbon (1763), und im 19. Jahrhundert Letronne (1819), Zeerleder (1822), Beichard (1831), Bauchenstein (1864), 2* — 20 — Desjardins, Neumann und Linke (1876), Dübi(1884), Partsch (1894), Fuchs (1897) und Marindin (1899). Fast ebensoviele Forscher haben sich auf den Mt. Cenis vereinigt: im 18. Jahrhundert Grosley (1764), Lalande (1769) und Saussure (1796); im 19. Jahrhundert: Beaumont (1806), Mannert (1823), Lauranza(1826), Ukert (1832), Ellis (1853), Ball(1863), Maissiat (1874) und Nissen (1883) ; im laufenden Jahrhun- dert Osiander (1900) und Änzan (1902). Für den Kleinen St. Bernhard haben sich eigentlich gleichviel For- scher entschieden wie für den Mt. Cenis, nämlich im 18. Jahrhundert: Breval (1726); im 19. Jahrhundert: Melville (1828), Wickham und Gramer (1820), Zander (1828), Schanz (1855), Law (1866), ausserdem insbesondere Namen wie Niebuhr und Mommsen, Kiepert und v. Duhn. Ihnen hat sich also im laufenden Jahrhundert angeschlossen K. Leh- mann (1905). Für den Grossen St. Bernhard haben sich bloss 3 Verteidiger eingestellt: Clüver schon i. J. 1615, Whitaker i. J. 1794 und Du Rivaz i. J. 1813. Für den Col du Ciapier, also eigentlich auch für die Mt. Cenisroute der Franzose Perrier i. J. 1887 und für den Col de Vars und den Argentifcre d. h. für eine Monte- Viso-Theorie oder eine Route durch das Tal der rechten Stura, also für eine noch südlichere Route als die Mt. Genfcvreroute Douglas-Freshfield i. J. 1883. Wenn man also die Sache nach Stimmenmehrheit entscheiden wollte, so kämen als unter sich so ziemlich gleich- wertig in Betracht die Projekte über den Mt. Genfcvre, den Mt. Cenis und den Kleinen St. Bernhard (14 : 13 : 12), und auszuscheiden hätten die 3 andern Projekte, näm- lich das über den Grossen St. Bernhard, das über den Col du Ciapier und dasjenige über den Col de Vars — 21 — (3:1: 1). Aber auch wenn man nicht so mechanisch verfahrt, so sieht man doch, dass es sich im wesentlichen um 3 konkurrierende Strecken handelt: 1. um die Strecke Grenoble-Kl.St.Bernhard oder durch die Tarantaise : wo- bei man Hannibal ausschliesslich im Isfcretal marschieren lässt; 2. um die Strecke Grenoble-Mt.Cenis oder durch die Maurienne : hier lässt man Hannibal vom oberen Isfcre- tal ins Arctal abzweigen ; 3. um die Strecke Grenoble-Mt. Genfcvre oder durch die obere Dauphin6 : hierbei lässt man Hannibal vom Is^retal ins Tal des Drac und von diesem ins obere Durancetal ziehen. Wer hat nun Recht? Was sagen vor allem die Quellen, die in uns ein solches »La- byrinth von Widersprüchen erzeugt« (Nissen) haben? IV. Auch unter den Quellen lassen sich im wesentlichen 3 Hauptgruppen und 1 Nebengruppe unterscheiden: 1. Die Ueberlieferung des römischen Analisten Caelius A n t i p a t e r ; 2. die Ueberlieferung des Geschichtschrei- bers Polybius; 3. die Ueberlieferung des T i t u s L i- v i u s und 4. die Vulgärtradition. Nach Antipater ergäbe sich der Kleine St. Bern- hard; nach Polybius der M t. C e n i s ; nach Livius teils der M t. C e n i s und teils der Mt. Genfcvre; nach der Vulgärtradition der Grosse St. Bernhard. Caelius Antipater nennt wenigstens seinen Pass mit Namen : das Cremonis iugum. Dies wäre der Pass, der an der T§te de Cramont vorbei führt, eben der Kleine St. Bernhard. Polybius und Livius nennen keine Namen. Die Beschreibung des Marsches und des Geländes, wie sie Polybius gibt, passt, wenn man ihn gelten lässt und nicht als blossen Rhetorohistoriker nimmt, nur auf den Mt. — 22 — Cenis. Livius lehnt auf Grund seiner Forschungen speziell die Vulgärtradition und den Pass, den Antipater überliefert, ausdrücklich ab, ohne seinerseits einen eigenen Pass zu nennen, sondern bloss zu betonen, und hierin deckt er sich wieder mit Polybius, dass Hannibal seinen Abstieg ins Tal der Tauriner d. h. nach Turin bewerkstelligt habe. Dies ist und bleibt auch der Angelpunkt des ganzen Pro- blems, und in dieses Ziel Turin münden alle Hypo- thesen über die von Hannibal eingeschlagenen Routen schliesslich einmütig ein. Bloss darüber stritt man sich offenbar schon im Altertum, und darüber streitet man sich noch heute, durch welches der beiden Täler nun Hannibal in die Poebene und nach Turin hinabge- stiegen sei, ob weitausholend durch das Tal der Dora B a 1 1 e a d. h. das Tal der alten Salasser oder unmittel- bar durch das Tal der Dora Riparia d. h. das Tal der alten Tauriner, und ob er dann über den Grossen oder über den Kleinen St. Bernhard ins Tal von Aosta (Augusta Salassorum), oder ob er über den Mt. Cenis oder über den Mt. Genfcvre ins Tal von Susa (Segusio) hinab- gestiegen sei? Dass der Grosse St. Bernhard auszuscheiden hat, ist eigentlich natürlich. Die Anmarschstrasse vom unteren Rhonetal in die Poebene bei Turin führt niemals über diesen Pass. Er hätte bloss in Betracht kommen können, wenn Hannibal ähnlich wie Napoleon von Nordwesten hergekommen wäre. Sodann wäre auf dieser Route die Passierung des Seebeckens des Genfersees für Hannibal unvermeidlich gewesen, und diese Tatsache wäre sicher- lich nicht vergessen worden. Wenn je, so ist hier ein argumentum ex silentio sicher am Platz; es ist hier kein — 23 — Trugschluss, sondern nur zu begründet und berechtigt. Es kommen aber zu diesen beiden Gründen noch zwei wei- tere hinzu, auf die Livius seine Zeitgenossen aufmerksam gemacht hat. Erstlich belehrte er sie, dass es falsch sei, die Bezeichnung Poeninus (dies ist der Name der Alten für den Grossen St. Bernhard) mit den Puniern und mit Hannibals Alpenübergang in Zusammenhang zu bringen. Denn die Alpis Poenina habe nichts mit den Puniern zu tun, sondern verdanke ihre Benennung einer Gottheit, dem (Jupiter oder Summus) Poeninus (korrekter Penni- nus; s. o.), der auf der Passhöhe ein Heiligtum habe. Allerdings was nun Poeninus — diese Schreibart hat sich konstant erhalten und kehrt auch auf Inschriften der Kaiserzeit wieder — etymologisch bedeute, das konnte Livius nicht angeben. Aber doch war ihm soviel klar, dass der Anklang an Poenus lediglich ein äusserlicher sei, und dass das Wesen des Poeninus mit den Puniern rein nichts zu schaffen habe, ähnlich wie etwa • bei uns die Bezeichnungen »Engelberg« oder »englischer Gruss« nicht mit dem Begriff »Engländer«, sondern mit dem Begriff »Engel« in Zusammenhang gebracht sein wollen. Dass Livius aber überhaupt die Fehlerquelle der Vulgär- tradition aufdeckte — wenn er letztere auch nicht damit beseitigte, ist nicht seine Schuld — macht ihm alle Ehre, umsomehr als die Etymologie damals noch in den Win- deln steckte. Er verrät damit eine kritische Ader, die sich aber sonst infolge der ihm wie der ganzen antiken Historie überhaupt anhaftenden rhetorisierenden und dra- matisierenden Manier leider zu wenig betätigt hat. Alle historischen Talente bei den Alten sind ja dadurch ver- kümmert, dass sie eigentlich Tragödien in Prosa schrei- — 24 — • ben mussten. Sodann hat Livius noch einen zweiten Anlauf genommen, die Streitfrage mit kritischen Mitteln zu lösen. Er hat sei's selbst sei's durch Bekannte eine Umfrage bei den, wie er sie nennt, »halbgermanischen« Umwohnern des Passwegs auf dem Poeninus angestellt, und das Ergebnis dieser Umfrage war, dass auch in der Ueberlieferung dieses Bergvolkes von einem früher durch ihr Gebiet erfolgten Alpentibergang eines grossen Kriegs- heeres mit Saumtieren, Pferden und Elephanten nichts bekannt sei. Derartiges aber musste, wenn es der Fall war, unweigerlich im Volksbewusstsein und im Gedächt- nis der Leute haften bleiben. Man sieht, und auch noch andere Belege sprechen dafür, Livius hat diese Frage des hannibalischen Alpenüberganges besonders studiert, des- sen 200jährige Wiederkehr gerade in seine Zeit (genau in sein 40. Lebensjahr) gefallen ist, ein Anlass, der gewiss, denn damals war man noch nicht so raschlebig wie heut- zutage, viele alte Erinnerungen Wiederaufleben Hess. Nun lehnt aber Livius ausser dem Grossen auch den Kleinen St. Bernhard ab, den Caelius Antipater, ein Zeit- genosse des 3. punischen Kriegs, drei Generationen nach dem Alpenübergang Hannibals ausdrücklich als den Pass bezeichnet hat, über den Hannibal gekommen sei. Wenn Livius dies dem Antipater gegenüber tat, den er doch sonst fleissig eingesehen hat, so ist dies zunächst ein- mal auffällig. Denn Antipater, der Begründer der histo- rischen Monographie bei den Römern, der speziell eine Geschichte des 2. punischen Kriegs in sieben Büchern geschrieben hat, hatte für sein Werk gerade auch die mündliche Ueberlieferung benutzt und derselben einen so grossen Wert beigelegt, dass er sich nicht scheute, ihr — 25 — « auch da zu folgen, wo sie den schriftlichen Berichten widersprach. Allerdings ist nicht auszumachen, ob er nun gerade in unserem Fall sich auf die mündliche Ueberlieferung stützte, und ob ihn Livius gerade deshalb abkanzelt im Zusammenhang mit seinem kritischen Ver- halten der Vulgärtradition überhaupt gegenüber. Anti- pater kann nämlich seine Angaben im vorliegenden Fall ebenso wohl auch seinen literarischen Quellen verdankt haben, an denen er keinen Mangel hatte. Er schöpfte aus den Annalen des Fabius Piktor, eines hervorragen- den Zeitgenossen des 2. punischen Kriegs, und vielleicht auch aus den Memoiren des Scipio Afrikanus des Aeltern, des Siegers von Zama. Ausserdem aber benützte er, und das ist vor allem wichtig und im Auge zu behalten, planmässig den punischen Geschichtsschreiber S i 1 e n , der, ein gelehrter Grieche, den Hannibal auch auf seinem Alpenzug wie überhaupt während des ganzen italieni- schen Feldzugs begleitete. Darum ist Antipater in dieser Frage ein nicht zu unterschätzender Autor, weshalb denn auch die Verfechter der Kleinen St. Bernhardroute kei- neswegs zu tadeln sind, wenn sie trotz des Widerspruchs von Livius an der Angabe Antipaters festhalten. Denn, sagen sie sich, was Livius ausser seinen beiden negativen Angaben, dass es weder der Grosse noch der Kleine St. .Bernhard gewesen sei, Positives in der Sache beibringt, ist bloss der Abstieg bei den Taurinern, und im übrigen eine allgemein gehaltene, wenn auch mit lebhaftem De- tail versehene Schilderung des Aufstiegs und Abstiegs, die, weil sie jeder Ortsangabe entbehrt, rein rhetorisch wirkt und schliesslich auf jedes Alpental im Gebiete der Is£re und der beiden Doraflüsse anwendbar ist. Und — 26 — ganz ebenso verfährt Polybius, und längst ist man sich darüber einig, dass für diese Partie des 2. punischen Kriegs Livius entweder der Uebersetzer des Polybius ist, und dies in einer Weise, dass es scheint, als sei er nicht einmal auf die karthagischen Quellen zurückgegangen, sondern habe bloss, wo er den polybianischen Bericht vervollständigen wollte, wie er dies auch selbst angibt, noch einige andere namentlich auch römische Quellen benutzt, so ausser dem schon genannten Antipater die noch griechisch schreibenden Annalisten Fabius Piktor und Cincius Alimentus, zwei Zeitgenossen des 2. puni- schen Kriegs, von denen der letztere den Hannibal sogar persönlich gekannt und gesprochen hat; denn er war in dessen Kriegsgefangenschaft geraten. Dieser Cincius Ali- mentus ist es denn auch, auf den sich Livius als auf den Kronzeugen beruft, wenn er sagt, dass Hannibal nicht im Tal der Dora Baltea, also nicht über den Kleinen St. Bernhard, sondern im Tal der Dora Riparia, also über den Mt. Gen^vre oder über den Mt. Cenis in die Poebene herabgestiegen sei ; denn dem Alimentus habe esHannibal selbst gesagt (ex ipso autem audisse Hannibale) dass nämlich Hannibal so und so viele Verluste gehabt und sodann, dass er Tau- rinis in Italiam degressum (esse). Deshalb ist es zunächst begreiflich, warum Livius es nicht verstehen kann, wie Antipater vom Tal von Aosta als von dem- jenigen redet, durch das Hannibal seinen Abstieg bewerk- stelligt habe. Hannibal musste doch in eigener Sache dem Livius als der kompetenteste Richter und Zeuge in einer Person erscheinen, und zudem versichert Livius, kein Mensch sei darüber auch im Zweifel — id cum — 27 — inter inter omnes constet — dass nur das Tal von Susa, d. h. das bei den Taurinern in die Poebene mündende Tal der Dora Baltea, das Tal des Abstiegs gewesen sei (Liv. XXI, 38). So steht hier Zeugnis gegen Zeugnis. Von Antipater wissen wir, dass er ein karthagisches Quellen- werk benutzt hat, von Livius wissen wir, dass er sich durch den Mund des Alimentus gleichfalls auf eine kar- thagische Quelle, auf eine authentische Mitteilung Hanni- bals selbst, beruft. Wer hat nun Recht? Indem wir die Entscheidung hierüber vorerst noch aussetzen, wenden wir uns der weiteren Frage zu: ob, unter der Voraus- setzung, dass nun Livius dem Antipater gegenüber wirk- lich Recht habe, der Mt. Cenis oder der Mt. Gen^vre in Betracht zu kommen habe? Livius hat die karthagischen Quellen zweifelsohne nicht selber eingesehen. Unter den Gewährsmännern, die er nennt, figuriert weder der Name Silens noch der des Sosylus. Er schliesst sich für die Schilderung des Alpenaufstiegs wie gesagt so ziemlich an Polybius an, der sich ihm schon durch seine römer- freundliche Gesinnung empfahl, sowie durch die Ver- sicherung, dass er über den Alpenzug mit guter Zuver- sicht — eufrapaws — referieren könne, insofern er sich nicht bloss auf Berichte von Zeitgenossen stütze, son- dern unmittelbar auch die Darstellungen solcher wieder- gebe, die »mitdabeigewesen« seien (nap 1 auxwv x&v ^apaie- TeuXOTiov xolq xatpocs), und zu allem hin noch das in Be- tracht kommende Gelände selbst bereist und besichtigt habe (Polyb. III 48). Was es mit dieser Studienreise Polybs in den Westalpen auf sich hat, ist schon vorhin (S. 4 f.) berührt worden. Die angebliche Verwertung ihrer Ergebnisse ist also eitel Geflunker. Was sodann die Be- — 28 — richte der Zeitgenossen und Kriegsteilnehmer betrifft, so können hier sowohl römische als karthagische Quel- len in Betracht kommen. Da die letzteren griechisch geschrieben waren, und Polybius auch gelegentlich einige Seitenhiebe auf diese griechisch -karthagischen »seichten Schwätzer« und »Sensationshistoriker« (Polyb. III, 20. 47) austeilt, andererseits aber auch verschiedene Angaben, namentlich solche über die Dauer des Marsches und die Länge des zurückgelegten Wegs bietet, nur aus dem Be- reich des karthagischen Hauptquartiers stammen können, so wird man ohne weiteres annehmen müssen, dass Po- lybius dieselben karthagischen Quellen wie Antipater be- nutzt habe. Dass aber, wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist, ist ebenso klar. Und so kann Antipater, denke ich, da aushelfen uud ergänzend einspringen, wo Polybius-Livius eine Lücke haben und umgekehrt. Ei- gentümlich ist nun, dass Polybius-Livius über den eigent- lichen Alpenübergang nur Zeit- und Mass-, aber weder Orts- noch Passangaben machen, während das einzige Fragment, durch das Antipaters Geschichte des 2. puni- schen Kriegs bezüglich des Abschnittes des Alpenzugs noch zu uns spricht, gerade eine topographische Notiz ist, die den Rückschluss erlaubt, dass in der karthagi- schen Darstellung jedenfalls topographische Angaben ge- macht waren, und dass Antipater seine karthagische Vor- lage namentlich auch nach der topographischen Seite hin exzerpiert hat, also gerade nach derjenigen Seite hin, nach der sich Polybius so ziemlich alles geschenkt hat. Anderseits ist nicht recht einzusehen, warum z. B. die Verfechter der Mt. Genävreroute diese Zahlen des Poly- bius anfechten und bekritteln. Woher wollen sie wissen, — 29 — dass Polybius die diesbezüglichen Angaben der kartha- gischen Quelle unrichtig wiedergegeben oder missverstan- den habe? Wenn diese Zahlen zu ihrer Hypothese nicht stimmen, so wäre das noch kein Grund, den Polybius anzuklagen. Im Gegenteil, dieser Widerspruch hätte sie vorsichtiger machen sollen. Andere wie z.B. Oslander, überhaupt einer der verdientesten Forscher in dieser Frage 1 ), haben die Zahlen des Polybius als zutreffend befunden. Oslander hat unserm Problem ein mehrjäh- riges Studium gewidmet, hat vor allem das nachgeholt, was Polybius wenigstens in seinem Werk versäumt hat, eine gründliche Autopsie, indem er, ein passionierter Alpinist, das in Betracht kommende Gelände mehrmals zu Fuss bereiste, letztmals i. J. 1899, wo er die Routen über den Grossen und Kleinen St. Bernhard, den Gros- sen und Kleinen Mt. Cenis, den Mt. Gen&vre und Mt. Lautaret der Reihe nach durchwandernd untersucht hat. Hiebei kam ihm namentlich zu statten, dass er durch Vermittlung des württembergischen 2 ) Ministeriums des Aeussern und des Reichskanzleramts von der französi- schen sowohl wie von der italienischen Regierung die Ermächtigung zu »freier Circulation« erhalten hatte. Oslander also hat nachgerechnet, dass die 1200 Stadien, die Hannibal vom Verlassen des Rhonetals bis zum Ein- treffen in der Poebene nach Polybius zurückgelegt hat, stimmen. Des näheren verhält sich dies folgendermas- sen. Der Alpenmarsch im engeren Sinn endete mit dem *) Vgl. sein Buch „Der Hannibalweg" (Berlin) 1900, auf das im folgenden verschiedenemal Bezug genommen ist. 2 ) Dr. Wilhelm Osiander starb im Jahr 1904 als Professor am k. Real- gymnasium in Stuttgart. — 30 — quinto decimo die (Liv. XXI, 38), beanspruchte also 15 Tage. Nun erhielt die karthagische Armee jeweils nach 3 Marschtagen 1 Rasttag, macht in 15 Tagen 12 Marsch- tage und 3 Rasttage. 12 eigentliche Marschtage gibt aber auch der Epiker Silius Italicus (III, 554) an, der unter Do- mitian und Nerva ein Epos über den 2. punischen Krieg dichtete (XVII Bücher Punica), ein Beweis, dass dieser Silius aus guter Quelle geschöpft haben muss. In diesem Fall kommen auf einen durchschnittlichen Marschtag 100 Stadien oder 17,75 km, genau die Kilometerzahl, die wir auch die römischen und die anderen Heere in schwierigerem Gelände zurücklegen sehen. Mit dieser Rechnung stimmt aber auch die Angabe des Polybius, wornach Hannibal von der Is^remündung bis zum Be- ginn des Anstiegs ca. 800 Stadien gebraucht habe. Diese 800 Stadien sind 8 Marschtage, und diese involvieren 2 Rasttage, so dass der betreffende Marsch 10 Tage in An- spruch genommen hat. Nun gab Hannibal vor dem unmittelbaren Anstieg noch 4 Tage Vorbereitungszeit. Dies macht zusammen 14 Tage. 14 Tage Anmarsch und 15 Tage Ueber- und Hinabmarsch geben zusammen 29 Tage (= rund 1 Monat) von Valence bis Turin. Nun dauerte der ganze Zug von Neukarthago an bis zur An- kunft in der Poebene 5 Monate, bleiben von Neukar- thago bis Valence 4 Monate. Im April — primo vere — ist Hannibal von Spanien aufgebrochen. Somit stand er im August bei Valence und im September in Turin. Am 21. Dezember fand das Gefecht an der Trebia statt. Zwi- schen diesem Gefecht und der Ankunft in der Poebene lag ein Zwischenraum von 3 Monaten. Somit ergäbe sich für die Ankunft in Italien der 21. September, für — 31 — den Aufbruch in Spanien der 21 /April 218. Damit stimmt zeitlich die Angabe, dass Hannibal beim Aufbruch von der Passhöhe vom Neuschnee überrascht wurde. Solche verfrühte Schneefalle kommen häufig genug schon Mitte, ja Anfang September, manchmal vorübergehend schon im August in den Hoch- und selbst in den Voralpen auch des Westalpengebiets vor. Jedenfalls hat Hannibal mit dieser meteorologischen Möglichkeit gerechnet, wie er ja seinen Alpenzug bis ins einzelnste vorbereitete, und somit darnach trachtete, die Zentralkette noch vor Ende September zu passieren. Nun sind »Michaelis« und »Bar- tholomäi« uralte Termine für den Abzug der Herden aus den höchsten und höheren Alpen. Bartholomäi ist der 24. August, Michaelis aber der 29. September. Beide Termine liegen 5 Wochen auseinander. Der 29. September ist aber der Zeitpunkt, wo nach durchschnittlicher Erfahrung der erste Schnee die höheren Matten bedeckt, und der Win- ter im Hochgebirge seinen Einzug hält. Hannibal muss also, sagen wir anachronistisch, vor Michaelis vom Schnee überrascht, also einige Tage vor Michaelis die Zentralkette bereits passiert gehabt und zum Abstieg sich angeschickt gehabt haben, also ungefähr Mitte September. In diesem Fall kam er, da der Abstieg 5 Tage in An- spruch nahm (Oslander S. 142 ff.), am 20. September ins Gebiet der Tauriner. Womit sich die Kette wieder schliesst. Wenn Polybius-Livius sagen, Hannibal habe die Zentralkette überschritten, als das Siebengestirn, die im Dichtermund und Volksmund der Alten so beliebten Plejaden, schon im Untergang begriffen gewesen sei, so ist dies offenbar rhetorisch-poetische Ausschmückung. Denn der Frühuntergang der Plejaden fallt in die Zeit — 32 — um »Simonis und Judä« (28. Oktober), mit andern Wor- ten in eine Jahreszeit, wo man auf den Alpen längst nicht mehr vom Neuschnee überrascht zu werden pflegt. Diese 1200 Stadien nun, die für den Mt. Cenis stimmen, passen dann nicht, wenn man Hannibal über den Mt. Gen^vre ziehen lässt. Vielmehr ergibt sich in diesem Fall eine Differenz von ca. 250 Stadien (Oslander S. 7 ff. 77). Es kommt aber noch hinzu, dass Livius sagt, Hannibal habe nach seinem Rhoneübergang, der ober- halb von Orange (Arausio) stattfand, n i c h t »den direk- teren und näheren« Weg zu den Alpen eingeschlagen, sondern den weiteren, der ihn zunächst dem Innern Galliens zuführte. Der direktere und nähere Weg wäre aber vom Standpunkt der Zeit des Livius aus gerade derjenige gewesen, von dem Pompejus im Jahre 74 sich rühmte, dass er ihn anno 77 erschlossen habe, indem er sagt (Sallust. Fragm. Ep. Cn. Pompei ad senatum 4): »iter aliud atque Hannibal nobis opportunius patefeci«. Dass dies aber der Mt. Genävre war, oder die sog. Ma- tronenstrasse, wird allgemein angenommen. Matronen- strasse hiess der Pass von dem Beinamen der Juno (Ma- trona), vorher hiess die Passhöhe Druantium nach der Durancequelle. Gen^vre heisst der Pass heutzutage nach dem französischen Dorf gleichen Namens, das am süd- lichen Plateaurand des 2054 m hohen Berges liegt (Osian- der S. 68/69). Wenn also Pompejus den Mt. Gen^vre ausdrücklich als den Pass bezeichnet, über den Hannibal nicht marschiert sei, so befindet er sich, soweit jene 1200 Stadien in Betracht kämen, im Einklang mit den kar- thagischen Quellen, wie sie bei Polybius zu Tage treten. Es hätten also nach dem Gesagten jedenfalls Gr. St. — 33 — Bernhard und Mt. Gen^vre aus der Zahl der vorgeschlage- nen Pässe auszuscheiden. Nun hat sich aber Livius mit seiner Angabe, Hannibal habe die direkte, südlicher gelegene Route eben über den Mt. Genävre, absichtlich gemieden, dadurch selber in Widerspruch gesetzt, dass er den Hanni- bal trotzdem mit der Durance in Zusammenhang bringt. Oslander hat den Widerspruch dadurch zu heben ge- glaubt, dass er meinte, Druentia sei bald gleich Durance und bald gleich Drac. Letzteren Fluss musste Hannibal überschreiten, wenn er »per extremam oram Vocontiorum agri tetendit« d. h. am Nordsaum des Vokontiergebiets hin marschierte. Denn an der Nordecke dieses Kantons fällt der Drac in die Isäre. Allein es geht, wie mir Herr Univ.-Prof. Dr. Voretzsch sagt, nach den Lautgesetzen des Provenzalischen nicht an, dass aus Druentia Drac abge- leitet werde 1 ). Der Widerspruch bleibt also, dass Livius den Hannibal tatsächlich vom Is^retal ins Durancetal marschieren lässt, und also im besten Zug ist, ihn über den Mt. Gen^vre zu schicken, obwohl er ihn diesen Weg eigentlich nicht machen lassen will, und obwohl das, was er nachher von dem Aufenthalt auf der Passhöhe erzählt, ! bloss auf den Mt. Cenis passt: nämlich 1) das zweitägige I Biwak des grossen Heeres mit Elephanten, Pferden und ' Maultieren auf der Passebene, und 2) die Möglichkeit der Fernsicht auf die Poebene. Das zweitägige Biwak setzt I ausreichende Weideplätze und Wasserquellen und Holz- *) Durance und Drance ist provenzalisch Durenco = Durenso mit Metathesis von Dru zu Dur in dem lateinischen Druentia. Es kann aber nicht gleichzeitig fast im selben Dialektgebiet aus „Druentia" ein „Durance" und ein „Drac" entstanden sein. Ein Drac setzte eher ein Drarcum oder auch Dracum bezw. Dragum oder Dragrum voraus. Hesselmeyer Hannibal. 3 — 34 — Vorräte voraus ganz abgesehen von dem nötigen Platz. Dies trifft bloss bei der »zwischen dem 3500 m hohen Grossen und dem 2900 m hohen Kl. Cenis nach Südost streichenden Passebene«, der Medullerhöhe der Alten, zu, die in ihrer Art nach Oslander (S. 134) ein Unikum ist. Einzigartig ist schon ihre grossartige Ausdehnung (ca. 9,6 qkm); einzigartig ihr Reichtum an den saftigsten Fut- terkräutern, die Tausenden von Tieren herrliche Weide bieten ; einzigartig ihr wunderschöner, forellenberühmter See (heute noch 2,5 qkm), an dessen Westufer de Saus- sure noch 1787 einen Hain von Birken und Erlen, ja sogar einige Lärchenstrünke entdeckte. Holz war also je- denfalls auch in den Tagen Hannibals daselbst zu finden. Und wie heute in der Ebene 3 Orte liegen und 1 Kaserne steht, die das ganze Jahr hindurch bewohnt sind, so musste auch damals unter normalen Verhältnissen der Aufenthalt für ermüdete Truppen eine Erholung und ein Vergnügen sein, in das dann um so bitterer der Tropfen Wermut fiel, als man am 3. Morgen des Aufenthaltes im Schnee aufwachte. Dieser Witterungsumschlag bewirkte aber eine wunderbar durchsichtige Luft, die ohnehin schon zur Herbstzeit dort droben am reinsten ist. Und so ist die Erzählung, Hannibal habe dann seinen ent- täuschten Leuten oder wenigstens einigen Offizieren und Gemeinen durch den Anblick Italiens wieder Mut ge- macht, um so ansprechender, als zugegebenermassen im ganzen Gebiet der Westalpen allerdings nur am Monte Viso und am Mt. Cenis die Möglichkeit der Fernsicht auf die Poebene möglich ist: »Hannibal in promontorio quo- dam unde longe ac late prospectus erat . . . militibus Italiam ostentat subiectosque Alpinis montibus Circum- — 35 — padanos campos« (Liv. XXI, 35). So haben schon im Jahre 1845 ein Engländer, dann 1874 die Franzosen Maissiat und Marindin und i. J. 1899 Osiander einen solchen Punkt entdeckt, von wo aus die Möglichkeit der Fern- sicht allerdings nur mit dem Feldstecher und auch dann nur selten und nur unter den günstigsten meteorologi- schen Bedingungen eintritt. Obwohl nun Osiander diese Erzählung des Livius (und Polybius III, 54) für den Kar- dinalpunkt der Mt. Cenistheorie und gleichsam für die Probe auf das Exempel ansieht, so macht sie doch einen stark rhetorisch-pathetischen Eindruck, kurz den Eindruck desKnalleffekts^.Sinonä vero b benetrovato,und dies um so mehr, als es sich wirklich herausgestellt hat, dass die Möglichkeit vorhanden war. Aber sollte es sich schon im Altertum herumgesprochen haben, dass man nur vom Mons Vesulus und einem bestimmten günstig gelegenen Hochpunkte am Rande der Medullerhöhe aus unter Um- ständen (ohne Fernglas?) ein Stück der Poebene erblicken könne? Und sollte auch hier Hannibal tatsächlich der glückliche erste Entdecker dieser Fernsicht geworden sein? Wir vermögen es nicht zu entscheiden, möchten aber auch so nicht diesen Umstand zum entscheidenden ma- chen. Es genügt zunächst auch die andere Tatsache, dass nur die Passebene des Mt. Cenis die Möglichkeit eines ausgedehnten Biwaks bietet und geboten hat, und dass somit allerdings, da der Mt. Genävre nicht in Be- tracht kommen kann, nur der Mt. Cenis derjenige Pass gewesen sein kann, über den Hannibal einen Abstieg zu den Taurinern ins Tal der Dora Riparia bewerkstelligte. l ) Moses 1 Blick in das gelobte Land! 3* — 36 — Ich sage ausdrücklich nicht »seinen«, sondern »einen« Abstieg. Denn ich habe die grössten Bedenken dagegen, dass man Hannibal auf Grund der mehr als lückenhaften und nach der kriegstechnischen und gene- ralstäblerischen Seite hin ganz und gar unbefriedigenden Ueberlieferung immer nur einen einzigen Passweg ziehen lässt. Mir scheint die Kardinalfrage nicht mit Oslander bei der Mt.-Cenisfernsicht, sondern wo ganz anders zu liegen, nämlich in dem Umstand, ob es denn nach den Regeln der Truppenführung und den Grundsätzen der Marschverpflegungsorganisation Hannibal überhaupt mög- lich war, in der genannten Zeit von 29 bezw. 15 Tagen mit einem Heere von 46000 Mann (andere berechnen 36000 Mann) mit Einschluss des Trosses, der Reiterei, der Saumtiere und Elephanten, alles in feldmarschmäs- siger Ausrüstung, den Alpenauf- und abstieg je durch ein einziges Engtal zu bewerkstelligen? Schon die Ueber- gänge des Prinzen Eugen und Napoleons weisen darauf hin, dass die vereinzelte Notiz des Antipater mit dem Kleinen St. Bernhard, die ja auch auf die karthagischen Quellen zurückgeht, zu denken geben sollte, ja es scheint, als sollte der Stein, den die Baumeister mit Livius ver- worfen haben, zum Eckstein der ganzen Frage werden. So wenig sich auch Polybius-Livius die Mühe ge- nommen haben, sich und ihren Lesern ein klares, mili- tärisch-technisches Bild des Alpenzugs zu verschaffen, wie wir es z. B. von den von uns zur Sprache gebrachten Alpenübergängen aus der neueren Kriegsgeschichte in unserer Geschichtsliteratur haben, so haben sie doch — 37 — durch Bemerkungen allgemeinerer Natur, sowie durch die mitgeteilten Zahlen uns die Möglichkeit an die Hand gegeben, die Analogie zu Hilfe zu nehmen, ein Auskunfts- mittel, das im vorliegenden Fall um so weniger bedenk- lich, ja um so mehr berechtigt und geboten erscheint, als die Gesetze der Strategie und die Natur der Alpen immer dieselben waren. Polybius berichtet (III, 47), wie Hannibal seinen Alpen- übergang wohl vorbereitet und dabei, setzen wir hinzu als geborener Stratege, eine unnachahmliche Vereinigung von Berechnung und Kühnheit gezeigt habe. Er hat alle einschlägigen Faktoren, auch die der unberechenbaren Zwischenfalle zuvor aufs eingehendste erwogen, Land und Leute genau sondiert (III, 34) und insbesondere — und darin erkennen wir den grossen Heermeister wieder — die Verpflegungsfrage nach allen Seiten erörtert (IX, 24) und darauf Bedacht genommen, rasch und rechtzeitig bei noch guter Jahreszeit über die Alpen zu kommen, die Kräfte der Truppen zu erhalten und für die grosse Aktion in Italien aufzusparen (vergl. auch Oslander S. 15 f.). So sehen wir, wie er den Auf- und Abstieg gerade in der Jahreszeit bewerkstelligte, wo man in den Alpentälern und Alpendörfern die Futtervorräte und Bodenerzeugnisse einheimste. Gelegentlich erfahren wir auch, wie er vor dem Aufstieg seine Leute mit Steigeisen und beschlagenen Schuhen (bnoSiaet) und entsprechender wärmerer Kleidung versehen Hess (Polyb. III, 49). Aus diesen wenigen Zügen ergibt sich auch der weitere Gedanke, dass Hannibal nicht aufs geratewohl in und über die Alpen gezogen ist, um eben auf irgend eine Weise nach Oberitalien zu gelangen, sondern dass er mit den Insubrern und Bojern bereits — 38 — vorher den nächsten Feldzugsplan besprochen hatte. Die Dirigierung der Truppen erfolgte so, dass die Hauptmacht der Karthager die Tauriner im Rücken fasste. Die Tat- sache, dass das Heer nach ganz kurzer Erholungspause sofort wieder schlagfertig dastand, beweist, dass Hannibal gut und ohne zu grosse Verluste über die Alpen gekom- men ist. Er brachte sogar seine afrikanischen Elephanten, wenn auch nicht vollzählig, so doch in der Mehrzahl durch. Den Alten wollte dies nicht recht in den Kopf. Sie wussten eben nicht, dass schon das Mammut über die Alpen gegangen war l ), und dass, wo die Pferde durch- kommen, seltsamerweise auch die viel dickeren Elephan- ten durchkommen, wie dies die Engländer in Indien und Abessinien erfahren haben. Im übrigen haben wir keine genauen Verlustlisten. Bei Livius heisst es bloss: »alii super alios et iumenta et homines occidere« (XXI, 35). Aber Livius will damit un- geheure Verluste andeuten, wie er auch dem Scipio in seiner Truppenansprache vor dem Treffen am Ticinus in den Mund legt, es seien von den Karthagern auf dem Alpenübergang beinahe mehr umgekommen, als noch am Leben seien, nämlich zwei Drittel, und das gebliebene Drittel seien keine menschlichen Gestalten mehr, sondern nur noch Schatten : ausgemergelt, ausgehungert, zerschun- den, mit erfrorenen Zehen und Fingern, und die Reiter mit abgetriebenen Pferden. Aber auch das ist lauter Rhetorik, die sich durch die unmittelbar folgenden Zeit- x ) Dessen aufgefundene Zähne hielt man lange für diejenigen der zu Grunde gegangenen Elephanten Hannibals! — Nach einer freundlichen Mitteilung von Herrn Univ.-Prof. Dr. Koken. — 39 — ereignisse von selbst widerlegt. Mit einem solchen Heer von Invaliden erkämpft man nicht Sieg auf Sieg wie Hannibal. Nach Appian (VII, 4) hatte Hannibal ca. 46000 Mann und 37 Elephanten mitgenommen, also ein Heer, das die Heere Napoleons (35000) und des Prinzen Eugen (32000) noch um 11000 bezw. 14000 übertraf, aber doch wie diese sich in dem Rahmen zwischen 30000 und 50000 Mann bewegte. Hätte Hannibal 2 / 3 eingebüsst, so hätte er ca. 30000 Mann verloren (eine horrende Ziffer) und hätte mit dem kläglichen Rest von 15000 Mann, die alle ein Bild geboten hätten, wie die Ueberreste der Grossen Armee von anno 1812, die einleitenden Schlach- ten geschlagen? Credat Iudaeus Apella! Livius hat diese Zahlen zwar von Cincius Alimentus übernommen, und der will sie wieder von Hannibal selbst bekommen ha- ben. Sollte dies je so sein, so hat eben Hannibal dem Alimentus einen Bären aufgebunden. Hannibal war ja nicht auf der Flucht wie Suworow und auch nicht mehr in so vorgerückter Jahreszeit wie dieser im Hochgebirge. Suworow verlor 25 % , wie sollte Hannibal, der bei gutem Wetter und guter Verpflegung und von den Römern un- behelligt bis auf die Zentralkette kam, beim Abstieg 66% verloren haben? Hätte Hannibal derartig schlimme Er- fahrungen gemacht, dann hätte er sicherlich nicht im Mai 217 seinen Bruder Hasdrubal, einen anerkannt sehr tüchtigen Feldherrn, mit einem gleich starken Heer als er es 11 Jahre vorher gehabt und gleichfalls mit Ele- phanten (15), über die Alpen ziehen lassen. Dennesmusste ihm alles darauf ankommen, dass dieses Heer möglichst vollständig in Italien eintreffe und nicht durch grosse Verluste seinem Zweck verloren gehe, Hannibal Luft zu — 40 — machen. Es ist denn auch nirgends die Rede, dass Has- drubal nennenswerte Verluste bei seinem Uebergang 1 ) erlitten hätte. Die Sache war schon nichts neues und ungewöhnliches mehr, und so verband sich in der Phan- tasie des Publikums beim Gedanken an diesen Ueber- gang nicht mehr das Gruseln wie beim Gedanken an den wie ein Phänomen wirkenden Uebergang von Hannibal. Mit Suworow also können wir Hannibal auf seinem Alpenübergang nicht vergleichen, wohl aber mit Napo- leon und Prinz Eugen. Sie haben wie auch Friedrich der Grosse mit Hannibal die strategische Begabung, die Raschheit der Bewegungen, die Uebersicht über das Ganze und über die Teile, die kühne Initiative und die Kunst in der Behandlung der Menschen und Mannschaf- ten gemein. Nun waren aber, wie wir gesehen haben, Napoleon und Prinz Eugen sich darüber klar gewesen, dass zur Ueberschreitung der Alpen, wenn dieselbe nicht in eine endlose Bummelei ausarten sollte, für Heere von ihren Ziffern schon wegen des Verpflegungswesens ein Pass niemals ausreicht, ganz abgesehen von der nötigen Seitendeckung. Und so sehen wir Napoleon mit dem Gros über den Grossen St. Bernhard und mit Sei- tenabteilungen über den Kleinen St. Bernhard und den Mt. Cenis ziehen, den Prinzen Eugen aber, wie er sein Heer in 4 gesonderten Kolonnen durch 4 Schluchten in und über das Gebirge steigen lässt. Die engen und steilen Pfade, wo nicht in der üb- *) Hasdrubals Anmarschstrasse war eine etwas andere als diejenige Han- nibals. Er kam direkt von Lyon her, nachdem er in der weiteren Umge- bung von Lyon überwintert und im Saonegebiet Werbungen vorgenommen hatte. Er muss deshalb die beiden Bernhardpässe benutzt haben. — 41 — liehen Kolonnenbreite marschiert werden kann, und dazu die zerstreut wohnende, im allgemeinen nicht zu dichte Bevölkerung eines Gebirgstales und seine daraus resul- tierende verminderte Fähigkeit, grosse Truppenmassen aufzunehmen und zu nähren, zwingen den Feldherrn wie von selbst, wenn er rasch vorankommen und in dem so wichtigen Verpflegungswesen nicht zu sehr behindert sein will, sein Heer bei einem solchen Alpenübergang ent- sprechend zu teilen. Sollte Hannibal unter anderen lo- gischen und physischen Gesetzen gestanden sein? Er und seine Soldaten waren doch keine Götter. Hannibal musste also unter ähnlichen Verhältnissen ähnlich und unter gleichen Verhältnissen gleich handeln wie ein Na- poleon oder Prinz Eugen. Die Natur der Alpentäler und die Gesetze der militärischen Vorwärtsbewegung durch Gebirgsschluchten haben ihm zu lieb sich nicht geändert. Nun betrug aber die Marschlänge bei Napoleons Alpen- zug in der Luftlinie von Villeneuve bis Ivrea 130 km. Hiezu brauchte er mit 35000 Mann 11 Tage. Er ist rasch und glatt und ohne besondere Hindernisse vorwärts ge- kommen. Prinz Eugen, der ganz singulare Hindernisse zu überwinden hatte, brauchte von Rovoreto bis Schio bezw. Breonio d. h. zu 35 km in der Luftlinie mit 32000 Mann 6 Tage. Er hätte im Vergleich mit der Leistung Napoleons höchstens 3 Tage brauchen sollen. Hätte Napoleon nur 1 Pass benützt, so hätte er wahr- scheinlich 15 Tage gebraucht, Prinz Eugen aber sogar mindestens 20 Tage ! Hannibal nun, der die Strecke von Grenoble bis Turin, in der Luftlinie 150 km, mit 46000 Mann in 16 Tagen zurücklegte, sollte dabei bloss 1 Pass be- nutzt haben? Er brauchte vielmehr, wenn wir an ihn den x — 42 — Massstab eines nicht getrennt marschierenden Napoleons anlegen, in diesem Fall nicht bloss 16 Tage, sondern 22 Tage, oder wenn wir ihn gar mit Prinz Eugens Verhält- nissen messen und diesen dabei auch bloss über 1 Pass marschieren lassen, nicht nur 22 Tage, sondern sogar 123 Tage! Daraus geht doch wohl zur Genüge hervor, dass die 16 Tage von Grenoble nach Turin zum aller- mindesten auch 3 Pässe voraussetzen, wenn Napoleon zu einer kürzeren Strecke mit weniger Truppen in 11 Tagen 3 Pässe benutzen musste, von einem Vergleich mit Prinz Eugens Uebergang hiebei ganz abgesehen. Polybius und Livius, aber auch Antipater haben, so wie ihre Nachrichten lauten, bei ihren Exzerpten diesen Punkt vollständig über- sehen. Sie lassen Hannibal auf dem Papier nur über 1 Pass marschieren. Allerdings geht aus den Darstellungen des Livius und Polybius hervor, dass sie über den Marsch bis Grenoble unbewusst zwei verschiedenartige Darstellungen geben; und man hat auch, so schon Fuchs und Oslan- der, mit Recht darauf hingewiesen, dass diese beiden Dar- stellungen sich nicht ausschliessen, sondern sich gegen- seitig ergänzen. Polybius beschäftigt sich mehr mit der Reiterei, Livius mehr mit der Infanterie, und es unter- liegt wohl keinem Zweifel, dass schon bis Grenoble ge- trennt marschiert worden war. Allein wenn man schon im breiteren Gelände das Heer trennen musste, dann noch viel mehr im eigentlichen Gebirgs- und Hochge- birgsgelände. Oslander hat eine abermalige Gabelung nur für die unmittelbare Ueberschreitung der Zentral- kette nachgewiesen; darnach zieht Hannibal über den Grossen und den Kleinen Mt. Cenis und vereinigt die bei- den Heersäulen wieder auf der schon genannten Meduller- — 43 — höhe. Ich glaube aber, dass man weiter gehen muss. Ich glaube, dass die durch die Isere getrennten Heerhau- fen getrennt blieben, namentlich auch als es galt, die Zentralkette zu überschreiten. Die eine Kolonne, die auf dem linken Is^reufer marschierte, sagen wir das Gros unter Hannibal, überschritt nachher in 2 getrennten Ab- teilungen die Zentralkette über die beiden Mt. Cenispässe, die andere Kolonne, die auf dem rechten Is^reufer als Sei- tendetachement marschierte, vermutlich in der Hauptsache aus der Reiterei bestehend, blieb auf dem rechten Is£re- ufer und zweigte nicht ins Arctal ab, sondern überschritt der Is£re aufwärts folgend die Zentralkette über den ebenso bequemen Kleinen St. Bernhard. Die Ueberlie- ferung hat diese Tatsache in der Notiz des Antipater, Hannibal sei über das Gremonis iugum marschiert, zufäl- liger- aber glücklicherweise festgehalten. Dass das Gros unter Hannibal die Route über den Mt. Cenis einschlug, ergibt sich aus der Absicht, die Tau- riner, die mit den Freunden Hannibals, den Insubrern von Mailand, in Fehde lagen, mit den Römern aber ver- bündet waren, im Rücken zu fassen und gleich einen entscheidenden Schlag gegen sie zu führen und sich so gleich zu Beginn der Operationen in Italien in gehörigen Respekt zu setzen. Darum hat sich auch Napoleon I. mit Bezug auf die bekannte Liviusstelle stets energisch für die Mt. Cenisroute erklärt, denn Hannibal habe ja keine kürzere Route einschlagen können. Im übrigen urteilt er von seinen Erfahrungen aus über den Alpenmarsch Han- nibals zu rosig, wenn er sagt, Hannibal sei über den Mt. Cenis so bequem marschiert, wie ein Tourist, und die über- mässigen Schwierigkeiten von Hannibals Uebergang in das — 44 — Reich der Fabel verweist als Uebertreibungen von Laien. Hierin dürfte Napoleon nur teilweise recht haben, wie er sich überhaupt mit den Einzelheiten nicht näher abge- geben hat. Denn sonst müsste er gerade auch die Verpfle- gungsfrage bei Hannibal eingehender gewürdigt haben, sowie die Tatsache, dass Hannibal, von Insubrern und Bojern geführt, darauf aufmerksam gemacht worden sein musste, dass als Fühlung zwischen der Hauptkolonne, die im Tal der Dora Riparia, also von Westen her, an die Tauriner gelangte, und zwischen den Insubrern von Mailand eine östliche Seitenkolonne notwendig war. Diese aber musste durch das Tal der Dora Baltea die Poebene zu gewinnen suchen, und somit einen andern Pass zum Uebergang über das Gebirge wählen. Dies aber kann wie gesagt nur der von Antipater genannte Kleine St. Bernhard gewesen sein. Antipater kann diese Angabe nicht aus den Fingern gesogen, sondern er kann sie nur aus Silen gezogen haben. So blind waltet der Zufall nicht, dass Antipater willkürlich, nur um eben einen Na- men zu nennen, auf das Cremonis iugum verfallen wäre. Wir können also feststellen, dass in der karthagi- schen Ueberlieferung selbst, wie sie bei Polybius-Livius und bei Antipater äusserlich getrennt vorliegt, eine innere Einheit bestand, wornach Hannibal in beide Täler, ins Tal von Susa und ins Tal von Aosta, herabgestiegen und also jedenfalls 2, wo nicht 3 Uebergänge benutzt hat, 2 für das Gros, 1 für die Seitenkolonne. Aus Gründen der Verpflegungsrticksichten hat sich einst M o m m s e n (1854) nach Wickham und Cramer (1820) für den Kleinen St. Bernhard entschieden, weil er mit den genannten Forschern annahm, die Tarantaise habe — 45 — damals mehr Subsistenzmittel gewährt, als die Maurienne. Allein die Maurienne hat dieselben damals verhältnis- mässig ebenso gewährt wie heutzutage, wo sie, reich an Weiden, einer grossen Anzahl Herden Unterhalt gewährt, im Süden sogar den besten Wein Savoyens erzeugt und Roggen, Weizen und Mandeln hervorbringt, ja noch beim höchsten Dorf Bonneval (1829 m) Gerste, Haber und Roggen trägt (Oslander S. 172 f.). Allein, wie gesagt, für einen raschen Vormarsch — und darum war es Hanni- bal zu tun — genügte zur Marschverpflegung von min- destens 12000 Vierfüsslern, darunter 37 gefrässigen Ele- phanten, und 46000 Menschen nur ein einziges Hochge- birgstal für die Anabasis und Katabasis nicht. Gab es ja doch schon beim Gros selbst in dieser Beziehung Schwie- rigkeiten (Polyb. LX, 3). Deshalb und aus taktisch-stra- tegischen Gründen hat Hannibal getrennt marschieren müssen. Ich nahm an, dass die Seitenkolonne, die über das Cremonis iugum marschierte, der Hauptsache nach aus Reiterei bestand , den nachherigen Siegern am Ticinus. Denn diese Kolonne konnte, im Gebiet der Insubrer angelangt, am frühesten den Tessin überschrei- ten und die Poübergänge im Isubrergebiet vor den Rö- mern sichern und gleichzeitig durch Seitendetachements die Verbindung nach Westen mit dem Gros bei Turin herstellen. Als Führer dieser Seitenkolonne denke ich mir Hannibals Bruder, den Reitergeneral Mago. Und so wäre also Hannibal mit dem Gros in 2 Kolonnen x ) über den Grossen und Kleinen Mt. Cenis, Mago 2 ) aber über *) Nehmen wir an zu je 18 000 Mann. 2 ) Geben wir ihm 10 000 Mann. — 46 — den Kleinen St. Bernhard gezogen, Hannibal im Tal der Tauriner, wie er selbst sagt, in die Poebene abgestiegen, Mago dagegen durch das Tal der Salasser. VI. Wenn man die Literatur über dieses Problem auch nur zum Teil liest, so fallt einem stets die starke Ani- mosität auf, mit der die Vertreter der verschiedenen Passtheorien sich bekämpfen. Begreiflich! Denn keine ist sich ihrer Sache ganz sicher. Gegenwärtig bekämpfen sich namentlich erbittert die sog. Mt. Cenis- und Kleine St. Bernhardspartei. Jede er- klärt die gegnerische Route für eine Unmöglichkeit! Die einen schwören auf Polybius-Livius , die anderen auf Antipater. Keine der Parteien scheint sich eingehender mit den strategischen Alpenübergängen der neueren JKriegsgeschichte abgegeben zu haben. Denn sonst hätten sie die taktischen, geographischen und ökonomischen Momente, die hier hereinspielen und massgebend sind für jedes Zeitalter, mehr erwogen und sich sagen müssen, dass man sich überhaupt nicht bloss für eine einzige Route ausschliesslich festlegen kann. Ich behaupte zwar nicht, dass mit meiner Auffassung der Sachlage die streitenden Parteien einverstanden sein werden. Die rein philologische Methode widerstrebt einem solchen Vergleichsweg, den die militärische Praxis billigt, ja gebieterisch fordert. Ich sage nur so viel, dass weder Oslander noch vor allem Lehmann das letzte Wort in dieser Sache gesprochen haben. Die Ent- scheidung liegt immer wieder bei den karthagi- schen Quellen oder mit anderen Worten teils in An •"• . • • ••• • • • • • • • noch unentdeckten alten Bibliothekschätzen, teils und vorwiegend in den ägyptischen Papyrusrollen. So hat erst jüngst Ulrich W i 1 c k e n einen solchen Papyrusfund gemacht (Hermes (1906) S. 103 ff.), der des- halb sogar die Aufmerksamkeit der Tagespresse wachge- rufen hat. Er betrifft ein Fragment aus dem verloren gegangenen Werk eines der beiden Leibhistoriographen des Hannibal, des schon genannten Sosylus aus Sparta, das den Titel führte »Leben und Taten des Hannibal«. .Aus diesem Fragment ergibt sich in einem konkreten Fall, der vor dem Beginn des Aufbruchs Hannibals nach Italien spielt, eine von Polybius-Livius abweichende Darstellung. Vielleicht kommt auch noch einmal der Tag, wo auch der Schleier, der noch über dem Alpen- übergang Hannibals liegt, gelüftet und hier endlich ein- mal das erlösende Wort gesprochen wird. Es würde da- mit eine Streitfrage aus der Welt geschafft, die mitunter schon den Charakter einer rabies philologorum angenom- men hat. Sollte diese Entscheidung zu Gunsten meiner Auf- fassung vom Alpenübergang Hannibals ausfallen und so die Kluft, durch die annoch die Mt. Cenis- und die St. Bernhardtheorie voneinander getrennt sind, überbrückt werden, so wäre das ein weiterer Beitrag zu der alten Erfahrungstatsache, dass auch im Streit wissenschaft- licher Parteien und Probleme oftmals der Satz gilt: duobus litigantibus tertius gaudet. 48 — Von demselben Verfasser sind früher erschienen: Die Ursprünge der Stadt Pergamos in Kleinasien. Tübingen 1885. VII. 46 S. gr. 8°. Die Pelasgerfrage und ihre Lösbarkeit. Tübingen 1890. XIV n. 162 S. gr. 8°. Ferner : Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht an den mittleren Klassen der höhe- ren Lehranstalten Württembergs. Stuttgart und Bamberg 1897. 368 S. Neubeuarbeitung von Ruthardts Chronik der Weltgeschichte. Stuttgart 1900. 766 S. YC1921S5 I KROWBD LOAN DEPT. LDSlA-SOm-^ 1 Berkeley z. tf¥ DNIWRSITY OF CALIFORNIA LIBRARY