ÜHIV.ÖF Toronto llBRARy y /^^^f ZEITSCHRIFT des Vereins für Volkskunde. Begründet von Karl Weinhold. Unter Mitwirkung von Johannes Bolte herausgegeben von Fritz Boehm. 24. Jahrgang. Mit 38 Abbildungen im Text. BERLIN. REHREND & C'\ 1914. ^^ / .ih Inhalt. III Inhalt. Abhandlungen und grössere Mitteilungen. Suite Volkskundliches aus den Kräutcrbiicheni des IG. Jahrliuiulerts. Von Heinrich Marzell 1— l'.i Hianzischc Märchen (1—2. Von Samuel Graf •2ti— ;',1 Hausinschrifteu aus Nord- und Mitteldeutschland. Von August Andrae ^mit zwei Abbildungen} 31 — 47 Die Windsheimer Handschrift des Liedes 'Von Sankt Martins Freuden'. Von August Gebhardt und Elias Oechsler 17 — .34 Volksglauben und Volksnieinungen aus Schleswig-Holstein, III (8. Haus und Herd, 9. Arbeit und Mahlzeit, 10. Zeiten, 11. Wetter, 12. Tiere;. Von Heinrich Carstens f <>5 — G2 Maltesische Legenden von der Sibylla. Von Bertha Ilg Go— 71 Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. Von Alfred Martin (mit zwei Abbildungen) 113—134. 22.3-23!) Le Medecin des Pauvres. Von Oskar Ebermann 134— IG^ Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. Von Athanassios Buturas . 1G2 175 Misshandhing eines Gespenstes. Von Albert Hellwig 175—182 Zur Volkskunde Argentiniens, 1. Volksrätsel aus dem La Plata-Gebiete, Von Robert Lehmann-Nitsche 24U-2.35 Eine alte Greifswalder Lokalsage. Von Alfred Haas 256— 2G4 Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. Von Berthold Kohlbach 2G5-271 Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde, I. Hungerberg, Honigberg und ähn- liches. IL Weinberg, Wiuterberg, Venusberg. Von Wilhelm Schoof . . 272 — 2'.»2 Die Entstehung des Berliner Volkstrachtenmuseums, jetzt Königliclie Sammlung für deutsche Volkskunde. Von Georg Minden (mit einer Abbildung) . . 3;'>7-3r.i Die Entwickelung der Königliciieu Sammlung für deutsche Volkskunde seit dem Jahre 1904. Von Karl Brunner 349 DW Das Landcsmuscum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Von Franz Wein itz 'mit drei Abbildungen) 3G1 — 3G7 Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. Von Wilhelm Pessler ;>G7— 387 Der Oberinnvicrtler. Von Hugo von Preen i^mit sieben Abbildungen .... 387-109 Die sogenannten Apostel-Bienenstöcke von Höfel. Von Franz Treichel (mit einer Abbildung) 109—411 Kleine Mitteilungen. über Tiroler Baueridiochzeiten und Primizon, IL Von Oswald Menghin . . 71— 7G Aus den Reiseberichten des Freiherru Augustin von Mörsperg. \'on Fritz B ehrend (mit einer Abbildung) 77 — 80 Zum Bahrrecht. Von Oskar Philipp 80—81 Zur Wanderung der Scliwankstoffe 0"~''> ^^n Johaimes Bolte 81— 88 Der Schwank vom Zeichondisput in Litauen und Holland. Von Wilhelm Caland und Johannes Bolte 88— 90 IV Inhalt. Sei c Naclibarreiiiie aus Obersachsen. Von (.'urt Müller 90— 5)4. 18o— 188 Nachtrag zu den Igel.sagen. Von (jrt';za Ilöheirn 94 Ein Hclgoländcr Brautscliinuck. Von Max Höfler (mit einer Abbildung) . . . 94— 95 Weihnachtsliciler aus Mähreu. X'on Doniitiiis 8tratil 188- 190 Die kluge Königstochter, ein polnisches Märchen. Von Otto Knoop 191 — 192 Acker und Garten im Aberglauben des Is(>rgebirges. Von Wilhelm MüUer- liüdersdorf 193—194 Doppeldeutige Volksrätsel aus Schleswig-Holstein. Von Arthur Witt . . . . 194—195 Noch ein Vorschlag zur lexikalischen Anordnung von \'olksmelodien. Von Cottlieb Brandsch 19(j-199 Auffrischung alter Fastnachtsfeiern in der Rlieinpfalz. Von Ludwig Fränkel 199 Vernageln. Von Max Höfler i^mit einer Abbildung) 200 201 Das kaudinische Joch. Von Tlieodor Zachariae 201 — 20(i Zur Pflege der A^'olkskunde in Italien. Von Fritz Boehni 20G— 210 Zur Geschichte des Aberglaubens in der Obergrafschaft Katzcnelnbogen. Von Wilhelm Müller 293-üOö Misshandlung eines Hexenmeisters. Von Albert Hellwig 305)— 305 Gebäcke und Gebildbrote Pollweck und Osterwolf). Von Max Höfler (mit 18 Abbildungen) 305—309 Beigaben unter Rainsteinen. Von Oskar Philipp 310-311 Jungfrauenvprsteigerung im oberen Nahetal. Von Ludwig Fränkel 311 Tschuwaschische Sagen vom Igel als Ratgeber. Von Walter Anderson. . . 312-315 Drei Kunstlieder im Volksmundc. Von Otto Stückrath 315-317 Zum Schwank vom Zeichendisput. Von Johanne.s Hertel 317-318 Nachtrag zu S. 281. Von Wilhelm Schoof 319 Nochmals das Soldatenlied: Hurra, die Schanze vier. Von Johannes Bolte . 319 Zum Rübenzagel. Von Georg Hüsing 320 - 32fi Der 'Weiberbraten' von Berghausen bei Speyer. Von Ludwig Fräukel . . . 411—413 Braunschweigische Sagen, I Von Otto Schütte 414-420 Rätsel der Königin von Saba in Indien. Von Theodor Zachariae 421-424 Aus Hermann Kestners Volksliedersammlung. Von Johannes Eolte 424 Bücheranzeigen. Knortz, K. Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart (F. Boehin 9r. Bin Gorion, M. J. Die Sagen der Juden (I. Scheftelowitz .... 97-99. 332 Laconibe, M. Essai sur la Coutume Poiteviue du Mariage au dcbut du XV. siccle (J. Kohler) 99 — 100 Seiler, F. Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts, Teil 1 H. Michel) 210-211 Hörmann, K. Herdengeläutc und seine Bestandteile E.Hahn) . 211-212 Thurnwaid, R. Forschungen auf den Salomoinsehi und dem Bismarck- Archipcl, Bd. 1 und :'> (S. Feist) 213—214 Thall>itzer, W. The Ammassalik Eskimo (S. Feist) 214—210 Müll.'r, C. Altgermanische Meeresherrschaft (A. Gebhardt) 216-217 Schoof, W. Die Schwälmer Mundart (0. Philipp) 32(5—327 Graber, G. Sagen aus Kärnten J. Bolte 327 328 Scyfarth, C. Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens y. Boehm) 328- 329 Aarne, A. Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung. — Übersicht der Märciienliteratur. — Die 'l'iere auf df r WanderKchaft. - Der (lersprachen- kundige Mann (J. Bolte) ;}30 . ;',3o Schulz- Minden, W. Das Germanische Haus in vorgeschichtlicher Zeit (R Miclke) .^ 332-333 Inhalt. ^ V Seite Bolte, J. und Polivka, G. Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, neu bearbeitet, Bd. 1 (F. v. der Leyen) 425 427 Hausrath, A. und Marx, A. Griechische Märchen (F. Boehni) 427—428 Ackermann, A. Der Seelenglaube bei Shakespeare (H. Schelenz) 428 — 431 Notizen (L. Bechstein, F. Gramer, A. Haas. A. Hilka, W. Hotz, Gross-Berliner Kalender, E. Mai, H. Marzell, J. Mink. G. Pitre, Chr. Eauck, G. Schiero- hofer, R. Schlegel, J. H. Schwalm, C. Sganzini, A. Stenzel, .T. Vicuna Cifuentes, Vorschläge zur psychologischen Untersuchung primitiver Menschen, A. Wrede, Zeitschrift für Kolonialsprachen. — A. Abt. F. Bahl- mann, 0. Böckel, P. Borchardt, K. Braun, E. Fehrle, P. Grafiunder, G. Hegi, B. Kubier, H. Marzell, W. Müller-Rüdersdorf, W. Pessler, S. R. Steinmetz, C. H. Stratz, Ch. Wageiiacr-J. Fritz, A. Wirth. — A. Hell- wig, Th Imme, R. Kleinpaul, R. Kühnau, E. Lemke, Quickboru-Bücher, B. Sarasin, B. Schmidt, G. Steinhausen, A. v. Weissembach. — K. Ahnert, G. Amalti, S. Debenedetti, A. van Gennep, B. Geyer, P. Herrmann, J. Klapper, E. F. Knuchel, 1). v. Kralik, A. Leskien, H. Marzell, E. Mogk, A. Nägele, L. Neubaur, G. Pitre, J. Pommer, W. S. Reymont, E. Samtei-, P. Sartori, F. Vogt) 100-106. 217—221. 334-336. 431-436 Victor Chauvin f. Von J. Bolte 106-107 Zum Bericht über den Marburger Verbaudstag. Von J. Bolte 112 Max Höflcr f. Von M. Roediger 437 Berichtigungen und Mitteilungen 112, 224. 336. 440 Aus den Sitzungsprotokollen des Vereins für Volkskunde. Von K. Brunner 1 0,s -112. 22 1 - 224. 437 - 440 Register 441-448 A olkskundliches aus den Kräiiterbüchern des 16. Jahrhunderts. Von Heinrich Marzell. Eine wichtige, bis jetzt noch wenig gewürdigte Quelle zur älteren deutschen Volkskunde sind die dickleibigen 'Kräuterbücher' des 16. Jahr- liunderts. Sie bringen, je nach der Persönlichkeit des Verfassers, mehr oder weniger reichlichen Stoff über Pflanzenaberglauben, Volksbräuche, volksmedizinische Verwendung der Kräuter und über volkstümliche Pflanzennamen. Was vor dem Ki. Jahrhundert in Deutschland über Pflanzenkunde erschien, — es sei nur an die sieben Bücher 'De Vegeta- bilibus" All)erts des CTrossen (Albertus Magnus) und das 'Buch der Natur' des Domherrn Konrad v. Megenberg (schrieb um 1349) erinnert — ent- hält nur selir wenig auf deutsche Volkskunde Bezügliches, obwohl doch diese beiden Schriftsteller schon Ansätze zu einer selbständigen Natur- beobachtung zeigten. Andere naturwissenschaftliche Autoren kommen schon deswegen nicht in Betracht, weil sie zumeist die antiken Natur- forscher (besonders Theophrast, Dioskorides und Pliuius) einfach kopierten. Eine Ausnahme macht nur die 'Physika' der hl. Hildegard (gest. 1179 als Äbtissin im Kloster auf dem Ruprechtsberg bei Bingen). Die zwei über Pflanzen handelnden Bücher des genannten Werkes enthalten einiges Volksbotanische. Mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts beginnt in Deutschland eine neue Ära der botanischen Forschung. ^Man macht sich, wenn auch nur schwer und zögernd, von dem Wahne frei, dass die in den antiken Schriften erwähnten Pflanzen auch alle in Deutschland vorkommen müssten und umgekehrt, dass alle in der deutschen Heimat wachsenden Kräuter auch in den Büchern der Griechen und Römer zu finden seien. Statt die Zeit nutzlos mit der Frage zu vergeuden, welche Pflanze denn eigent- lich unter dem lateinischen oder griechischen Namen zu verstehen sei, geht man hinaus in die freie Natur, sammidt die einJHMmischcn Pflanzen und bildet sie, wenn auch oft noch in sehr rohen Holzschnitten, in dicken Zeitschr. (1.Verüin.s f. Volkskunde. 1914. Heft 1. J 2 Marzell: Folianten ab. Freilich sieht man noch immer ehrfurchtsvoll in den Schriften der Alten nach, und noch immer ist ein grosser Teil des Inhalts dieser Kräuterbücher aus Plinius und Dioskorides übernommen. Dies gilt auch, wie wir unten sehen werden, von einem guten Teil des Pfianzen- aberglaubens, so dass es nötig wird, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob ein echt deutscher Volksglaube oder ein aus der Antike übernommener Aberglaube zugrunde liegt. Aber man kann sich denken, dass diese alten Kräuterkundigen auf ihren botanischen Wanderungen mit manchem Wurzelgräber, manch altem Weiblein oder auch mit Hirten und Bauern zusammentrafen und von diesen Leuten allerlei Abergläubisches erfuhren, das sie dann ab und zu auch in ihre Kräuterbücher aufnahmen, teils weil sie es für bare Münze nahmen, teils aber auch um es zu verspotten und sich darüber zu entrüsten. Die folgenden Zeilen beschränken sich fast ausschliesslich auf die Kräuterbücher der 'Väter der deutschen Botanik', wie sie ein Geschichtsschreiber der Botanik, Kurt Sprengel, genannt hat. Es sind dies Otto Brunfels^) (geb. um 1500 zu Mainz, gest. 1534 als Stadtarzt zu Bern), Hieronymus Bock^) ['Tragus' nennt er sich in den lateinischen Ausgaben seiner Werke] (geb. 1495 zu Heiderbach im Zwei- brückschen, gest. 1554 zu Hornbach im Wasgau) und Leonhard Fuchs^) (geb. 1501 zu Wemding in Bayern, gest. 1566 als Professor in Tübingen). Auch die Kräuterbücher des Italieners P. A. Mattioli*) (gest. 1577) und des Pfälzers I. Th. Tabernaemontanus^) (geb. in Bergzabern, gest. 1590 zu Heidelberg) enthalten einiges Volkskundliche. Nur weniges bringt der 'Gart der Gesundheit' (Ortus sanitatis), dessen Strassburger Ausgabe von 1507^) hier benutzt ist. Es ist dies eine Art botanisches Volksbuch» 1) Contrafayt Kreuterbuch. Nach rechter vollkommener Art / vnnd Beschreibungen der Alten / besst / berümpten ärtzt / vormals in Teutscher spracli / der maszen nye ge- sehen / noch im Track auszgangen. 1532. In Straszburg bey Hans Schotten. — Ander Theyl des .... Krcuterbuches 1537. 2) New Kreutter Buch von underscheydt, würckung und namen der kreutter so in Teutschen landen wachsen. Beschriben durch Hieronymum Bock aus langwiriger und gewisser erfarung. Gedruckt zu Straßburg durch Wendel Rihel. 1539. — Auch die (.dritte' Ausgabe von 1551 habe ich an einigen Stellen benutzt. 3) New Kreutterbuch / in welchem nit allein die gantz histori / das ist / namen / gestalt / statt vnd zeit der wachsung / natur / krafft und würckung /des meysten thejis der kreutter so in Teutschen und anderen landen wachsen / mit dem besten vleiss be- schrieben .... Getruckt zu Basell durch Michael Isingrin. 1543. 4) New Kräuterbuch mit den allerschönsten und artlichsten Figuren aller Gewechss durch Georgium Handsch verdeutscht. Gedruckt zu Prag durch Georgen Melantrich von Aucntin. löfiö. 5) New Kreuterbuch. Mit schönen, künstlichen und lieblichen Figuren und Conter- leyten aller Gewächss der Kreuter. . . . Frankf. am Mayn. 1588. (J) In diesem Buch ist der Herbary : oder krüterbuch : genant der gart der gesunt- heit . . . [auf der letzten Seite :J Getruckt und llyßlichen besehen mit meer iiguren artlychet gesetzt durch Joanncm Prüss buchtruckcr zum Tliiergarten. In dem jar da man zalt nacli der Geburt Christi Tusentfünühundertundsyben. Volkskundliches aus den Kräuterbüchein des IG. Jahrhunderts. 3 Jessen erster Druck vom Jahre 1485 Jatiert ist^). Das meiste unJ Jas wertvollste Material bringt zweifelsohne Hieronymus Bock, Jessen Kränter- buch Jäher hier besonJers berücksichtigt wirJ. Dass Jieser Botaniker nicht selten unmittelbar aus Jem Volke schöpfte, geht aus mehreren Stellen seines Werkes hervor. So sagt er z. B. von Jer 'Eberwurtz' (Carlinn): „Man gibt Jieser wurtzel zu so yemans sie bei im trag / unJ mit eym anJern über feit gehe / Jemselben sol Jie krafft ent- zogen werJen Jurch Jise wurtzel / glaubs wer do wil / ich finJs nirgens geschriben" (2, 79a). Auch Paracelsus kennt d^s Mittel, wenn er vom 'Carduus angelicus' (Carlina) erzählt: „Der diser Wurzel geniessen will, der muß allein mit großer Arbeit hinder jhr Krafft kommen, dann ohne große Mühe tut sie nichts. Ich hab erst- mahl gesehen, daß ein Mann im Elsaß getragen hat von Rufach gen Sultz auff drey Centner schwer ein lange Meilwegs Wein in einem Vass auf sich gebunden und 12 Mann zu jhm genommen; hat die 12 alle müde gegangen das sie jhm nicht haben mögen folgen und schwach hernach gegangen etlich Tag hernach gar geschwecht gelegen" (Bücher u. Schriften des edlen hochgelehrten und bewehrten Philosophi und Medici Philippi Theophrasti Bombast v. Hohenheim Paracelsi ge- nannt .... an Tag geben durch J. Huserum. Frankf, a. M. 1603. 8, 57). „In die Gebisse [der Pferde] stecke oder knüpffe man etwas von Chamaeleonte nigro oder Eberwurtz, sonderlich die in ihrer Vollkommenheit und Balsamischer Zeit als zwischen der zwei Frauentagen umb den Herbst gegraben sey. Sintemal die- selbe einem anderen Menschen oder Roß magnetisch und sichtbarlich seine starcke Kräffte und gute Natur entzeucht oder benimbt . . . (Staricius J., Neu vermehrter Heldenschatz (1682), S. «7). Ähnlich zitiert Reichelt, Amuleta (1692), S. 238 nach Helmontius: „radix Carlinae plena succo et viribus evulsa gestata et mumiae con- temperata tanquam fermento ex homine, cuius umbram quis premit, vires et robur naturale in se trahit." Schliesslich erscheint das Rezept auch in des „Albertus Magnus bewährte u. approb. sympathetische u. natürl. egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh." 20. Aufl. Toledo [natürlich fingierter Verlagsort; wohl aus dem 'bekannten' Verlag E. Bartels, Weissensee b. Berlin], 4. Teil, S. 5: „Wie man einem Pferde seine Stärke benehmen und einem Menschen einpflanzen kann. Man nehme den Samen eines Hengstes, der in einer Stutterei leicht zu erhalten und vermische denselben mit guter Erde. In diese pflanze man schwarze Eber- wurz und lasse es aufwachsen. Ein Mensch, der hievon gegessen hat, auch davon bei sich trägt, und sich eine Zeitlang in einem Stalle, wo starke Pferde befindlich sind, aufhält und darin schläft, benimmt den Pferden von ihrer Kraft und eignet sie sich zu. Die genannte Wurzel muss aber bald nach dem neuen Mond ein- gepflanzt und 2 oder 3 Tage vor dem darauf folgenden neuen Mond wieder ge- nommen werden. — Auf gleiche Art kann auch andern Thieren die Kraft ge- nommen und dem Menschen oder einem andern Thier eingepflanzt werden." Höfler, Volksmed. Botanik der Germanen (1908), S. 110 vermutet hinter diesem alten Aberglauben mit Recht einen Marenzauber. An mehreren Stellen seines Kräuterbuches macht sich Bock über Jen Aberglauben seiner Zeit lustig oJer eifert gegen ihn. Von Jer 1) Vgl. näheres über dieses Werk und die Kräntcrbüclicr iiborliaupt Ernst H. F. Meyer, Geschichte der Botanik, 4. Band. Königsberg 1857. 1* 4 Marzell: 'Mansstreu' (Mannstreu-Distel, Eryngiuni campestre) meint er ironisch: .,Etlicli liaben jr sn])erstition mit diser wnrtzel / vermeynen wann sie sollich wurtzel hei jnen tragen / sie wollen Yeneri und Sappho gefallen. ich acht etlich mästen eyn centner haben, wer nit zuvil. wanns helffen wolt" (2, 85a). Ähnlich auch bei Brunfels (15;5l'), S. i>S;'.. Die Quelle ist Plinins liist. nat. 2-J, -JO: Porteutosum est, quod de ea [von der Pflanze •centum capita', die auf Eryngium gedeutet wurde] traditur, radicem eius alterutrius sexus similitudinem reierre, raro invento, set si viris contigerit mas, amabiles iieri: ob lioc et Phaonem Lesbium dilectum a Sappho, multa circa hoc non Magorum solum vanitate, sed etiam Pythagoricorum." Vgl. auch Reichelt, Amulette (1(>92). S. (IG'.» und Frank. Signatur, dass ist grundtliche und warhafftige Beschreibung der von gott und der natur gebildeten und gezeichneten gewachsen (PbOstock l(;iS), S. 128. Der Aberglaube, der mit dem Farn und seinem 'Samen' getrieben wurde, gibt Bock ganz besonders Gelegenheit, sich über Aberglauben überhaupt auszulassen. Es ist hier nicht der Ort, näher auf den Faru- aberglauben, der in früheren Zeiten eine sehr weite Verbreitung hatte, einzugehen. Der Mittelpunkt dieses Aberglaubens bestand darin, dass man den zauberkräftigeu 'Farnsamen' (der Farn bringt als Kryptogame keine Samen hervor; als solche betrachtete man die Sporen auf der Unterseite der Wedel) nur zur Mitternachtstnnde der Johannisnacht unter mancherlei Beschwörungen gewinnen zu können glaubte. Bock lässt sich die Mühe nicht verdriessen, selbst in der dohannisuacht auf die Suche nach dem 'Farnsamen' zu gehen, um zu erfahren, welche Bewandtnis es damit habe. „Alle lerer schreiben Farnkraut trag weder blumen noch saraen / yedoch so hab ich zum viertenmal auff S, Johansnacht / dem Samen nachgangen ; und morgens frü ehe der tag anbrach schwartzen kleynen samen / wie Magsamen [Mohnsamen] / auff düchern und breytten wulkraut blettern auff gehaben /vnder eyneni stock mehr dann under auderen/ etwan under hunderten nit eyn körnlin funden / dagegen hab ich widerumb under eynem stock mehr dann hundert körnlin funden. Zu solchem handel hab ich keyn segen kevn beschwerung noch Caracter (wie etliche darmit handeln) gebraucht / sunder on alle superstition / dem samen nachgangen / und funden / doch eyn jar mehr dann das ander / bin etwan auch vergebens hinauss gegangen. Wann ich den samen hab wollen holen / bin ich nit alleyn gangen etwan zwen zu mir genoraen und nachts in derselben gegent (do nit überlauffens war) eyn gross fewer ge- macht / und über nacht also lassen brennen. Wie nun solchs zugehe oder was für eyn geheymnüss die natur darmit gemeyn / ist mir verborgen. Das hab ich wollen anzeygen / sintemal alle lerer den Farn on samen be- schreiben" (1, Kilb). Weiter unten sagt er von den 'Samen des Walt- farns": ,,denselbigen sanilen etliche alte weiber / schreien das auss für Fareusamen / ich geschweig was sie sunst mit treiben" (1, 162a). Nochmals kommt dann Bock auf HANS OVDEN ANNO 1618 < Von zwei Krokodilen (flügellosen Drachen) eingefasste, über den Fenstern befindliche Inschrift; das Haus stammt also aus dem ersten Jahre des Dreissig- jährigen Krieges. Dieser Krokodilinschrift gegenüber 2. Auf dem Hofe des Gasthaus „Goldener Hirsch": HANNS [s. Abb. 1, 2J PoESSEN Zu beachten ist die eigentümlich mit Eicheln verzierte Fünf. 3. Jin bem xav als man nad) d^rift rnfers iievn geburt ^ 111 ^ c£i£at gbcuc ohne gobt B K 'ohne' = ihn; heute nur noch sichtbar von Wyl an, der verputzte und verschalte Anfang ist, hier und da berichtigt, nach Mithoff, Kunstdenkmale 1, 90; 16. Jahrh. Früher soll an der Stelle ein Kloster gestanden haben; im Keller staunt man noch über den mächtigen Grundpfeiler, auf dem vermutlich der Klosterturm geruht hat. 23. Eckhaus Tiefenthal-Burgstrasse wurde nun auch die obere Inschrift ent- ziffert (vgl. meine 'Hausinschriften' Globus 1906 S. 186 ff.): Höbe . bydj . ror . beti . fairen. Pheit . roiib . den . rnbc . a&^na . fragen 38 Andrae: Also das alte berühmte Sprichwort: Hüte dich vor den Katzen, die vorne lecken nnd hinten kratzen, das u. a. beim Anekdotenerzähler Abraham a Santa Clara, bei Hans Sachs und schon in Luthers „Tischreden" vorkommt. Das Sprich- wort wurde nochmals als Hausinschrift vorgefunden in Wiedenbrück (Westfalen) an einem mächtigen Hause am Markt und wiederum als oberste Reihe (ein- reihig) : 24. HOIT DICH VOR DE KATZEN DE VOR DICKEN VND ACHTER KRATZEN Am Ende der zweiten und untersten Reihe steht die Jahreszahl 163Ö. Von den vielen Inschriften des altertümlichen Städtchens wurden noch folgende aufge- zeichnet: 25. HELPGODT AVS NODT APGVNSTT IST GRODT 16 4u 26. Über dem Türeingange eines anderen sehr interessanten Hauses (ein- reihig): GADES . WORT . BLIFT . IN EVIF . HEIT .1.5.6 7 Unter den zwei kleinen Penstern links die Mahnung: 27. HALTET . FREDE . VPPE . DÖSER . STEDE. Dazu drollige Schnitzereien, Narrenköpfe, einer mit ausgestreckter Zunge. Leider ist viel verwischt, verwittert und verputzt. Die erste Inschrift begegnete nochmals lateinisch: 28. VERBVM . DEI . MANET . IN ETERNVM . A . DO . 1 5 8 3 [darunter zwei Hausmarken, s. Abb. 28a und b.] 29. Braunschweig (einreihig): ANNO . 1 665 . AVF . GOTT . BAVWE . ICH . VND . TRAVWE . IHME . FEST . DAS . ER . DIH . SEINEN . NICHT . VERLEST. Harzgegend. 30. Goslar, Abzuchtstrasse (einreihig): (Sott bcr alle btng üermagF, 23etjüte bi§ l^au)g 311 Hadjt vni> üagf. (Et^i woüe ung and} geicibcn. Wan wiv ron Ijtnett fdjeiben. IG. bis 17. Jahrhundert. 3L Glockengiesserstrasse (einreihig); a) (Sott ber .Ejerr bcroar bilg.I^aus: 2lud} aü btc bar gel^n <£in inib au3 I]eimttparnfcn. ^ . 6 . 6 . (i b) Wev (Sott »ertraiyt . l^at ir>ol gebatrt : im fjtinniel Dub aiiff <£rbcn : IVev ftdj rcrlcft <^iiff 3cfum (Jlt^rift : bcrfclb . tpirb feiig tucrbcn : 2tnno : \605 . Weiter unten, rechts von der Haustür: c) (Sott bei- fjerr betuare . . . (^wie ola). Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 39 Dicht neben diesem Hause steht Haus 'Bartoidt. bethman", das Stammhaus der Familie des Reichskanzlers, über dessen Inschrift und andere s. meine 'Haus- inschriften aus Goslar', oben 15, 42S — 438. Die altehrwürdige, verlassene, halb verfallene, jetzt zum Trocknen von Kräutern benutzte Zementmühle (Lohmühle) im 'Klapperhagen' am Abzuchtgewüsser trägt am Balken eingeschnitzt die Jahreszahl 1544. 32. Osterode, Gasthof zur Ratswage: bat fin nidjt . alle . teger be bc bornc blafen Bogenförmig auf einem Spruchbande; Hörn, dasselbe oben noch einmal ver- kleinert, halbe Rosette und Kopf ganz oben im Giebel, unter dem die alte Wage an Ketten aufgehängt gesehen wird, während der Haken, woran sie einst hing, noch in einem Balken sitzt; es soll dort früher die Wolle gewogen worden sein. Der hintere Teil der Diele ist mit Kieseln mosaikartig ausgelegt. Der Wirt brachte das Hörn mit dem Hirten, der das Vieh austrieb, zusammen. Nach einem Artikel in 'Niedersachsen' vom 15. Juni 1912: 'Aus Osterodes Vorzeit" stammt das Haus, ursprünglich ein Hochzeitshaus, aus dem Jahre 1G53. 33. Herzberg (Flecken, Kreis Osterode): a) ANNO WER GODT VER lt;66 TRA'VVET HADT WOL CtEBA^VET M • Y • E • H • Mit vielen Verzierungen: Rosette, Früchte, Vögel, Kopf, der Zunge aus- streckt, Kopf, der mit breitem Munde die Zähne zeigt, Hammer, Winkeleisen. b) Dersage ntdjt V €vaw (Sott 2lIIeinn . D Sein (Snabe iinb ürao M 3ft ciüe ITiorgen • neu I lüer (Sott rcrtratpuct ♦ A ^at rooll (Scbamet ♦ [Die fetten Buchstaben V D M I A sind je mit einem Kreis umgeben.] Einreihig. Vor und hinter der Schrift Verzierungen; die lateinischen grossen Buchstaben ergeben natürlich den bekannten Sinnspruch Friedrichs des Weisen (Lobe, Wahlsprüche der Kurfürsten und Herzöge von Sachsen 1878 S. 4): Verbum Domini Manet In Aeternum. Weiter unten steht noch in viel kleinerer Schrift: c) Dev ganzen Welt prad^t mug oergehn yücin (Sottes lUort rotrt erotg [tclni. d) OPC) LA^>ET /RTIFICE.M. «Tut siubcr e) ORA ET L.\BORA £a§ (SCDC Sorgen 15 94 Tut ist Abkürzung von Timothcus. An der andern Seite liest man: f) S So abcneurlid? gcl^ts rff (Erben ♦ D Das einer oftt suni Haren muß tuerbn P Pen man cinr meint er bab bas (Slücf N So wcni>t bas glürf ftd? balb surücf Q ^IPann evnr meint es fei mit it^m au§ C So fompt il|m balb bas (Slürf 3U bang N [Die fetten Buchstaben S D P N Q C N sind je mit einem Kreis umgeben.] 40 Andrae: Eine Reihe; die Auflösung dieser lateinischen Majuskeln ergibt ebenso sicher die weitverbreitete Inschrift (in Lemgo u. a.): Si Deus Pro Nobis Quis Contra Nos (Römer 8, 31). Auch die dritte Seite des Hauses, wo jetzt der Eingang ist, enthielt eine solche, jetzt bis auf wenige Spuren unleserlich gewordene Inschrift mit lat. Majuskeln. Hier läge also der interessante Fall von der Einfügung einer Inschrift in eine Inschrift vor. Das Ganze war arg verfallen und ist nun so wieder hergestellt, allerdings stellenweise nach Gutdünken. 34. Duderstadt (Eichsfeld; einreihig): IN GOTTES MANNT STEH ICH GEGRÜNDET ♦ OB ES GLEICH VIEL miDER FINDET ♦ JEDER GÖNNE MIR DAS MEINE WIE ICH GÖNNE .IHM DAS SEINE 35. Überm Eingangstor: GOTTES . SEEGEN r: NEIDER SIEHE . 7 . MACHET REICH . OHN . UIELE . MUHE . I • C • S • ANNO 1 723 M • E • S • Sollinggegend. 36. üslar (einreihig): a) WIL TV RICHTEN MICH VNDT DIE MEINEN SO BESIEHE ZVVOR DICH VNDT DIE DEINEN VNDT KOMB DARNACH AVIEDER ZV MIHR SO WIL ICH ANTWORDT GEBEN DIHR. Über der Haustür: b) ZV GOTT ALLEIN DIE HOFNUNG MEIN o MORITZ ♦ WILCKE MARGRETA ♦ RICKEN ♦ ANNO ♦ I 6 Z 9 ♦ 37. Dassel: IT 82 ZUR HERBERGE SOLL DiES HAUS UND NICHT ZUR lElMAT DINEN DiEWEIL MEIN \ATERLANT DES HIÄELS WOLNUNG IST LAS IN DER lERBERG HIE GOTT UNSERE BLÄTTER GRÜIEN UND RICHTE UNSER lERZ HIN WO DU SELBER BIST Hübsche poetische Inschrift des ehemaligen 'Rauschenplattschen Hofes', der späteren 'zweiten alten Pfarre', in dem über dem Eingang befindlichen grossen Rauschenplattschen Familienwappen, das noch ein Spruchband mit Anfangsbuch- staben der Namen, zwei Hirsche, ein Jagdhorn und Blätter, eben die 'Rausche- blätter', aufweist, die in schöner poetischer Beziehung zu dem Familiennamen Hausinschriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 41 stehen. Ähnliches werden wir noch in Jena lesen (nr. 51). Weitere Inschriften aus der Sollinggegend finden sich in meinen 'Hausinschriften aus dem Kreise Einbeck', Einbeck 1898 und in 'Niedersachsen' vom 15. Nov. 1908, S. 58ff. Wer ra-Weser-Diemel gegen d. 88. Witzenhausen (Werra), Thiermannsches Haus (einreihig): CONTVLIT HAVD lACILFS SVMTUS WIDEKINDVS IN .ED MEINHARTVS : DEVS HAS VICIBVS SERVARE MEMENTO: [Hausmarke, s. Abb. 1, 38] IN DO- MINO CONFIDO : PS : XI : AO DNI 1579 Altes Patrizierhaus mit vielen Schnitzereien. Kopfzerbrechen macht anfangs das dritte Wort, das eine sinnlose Buchstabenumstellung und weiter nichts als 'facilis' (oder 'facile') ist. Der erste Hexameter besagt: Es ist dem Erbauer nicht leicht geworden, die Mittel zum Baue zusammenzubringen (Aed ist zu ergänzen: Aedes); der zweite: Gott möge diese Wohnung vor Schicksalsschlägen bewahren. Über der Tür befindet sich nochmals das Hausmarkenwappen mit Gründungs- inschrift darunter. 39. Hedemünden (Werra; einreihig'): a) WER VIEL FRAGT NACH NEVEN MERN . DER SCHWATZT NACH VND LEVGT GERN . SOLCHE LEVT THV MEIDEN . WILT DV NICHT FALN IN LEIDEN? LEID MEID SCHWEIG . VND VERTRAG . DEIN NOT NIEMAND KLAG . AN GOT NICHT VERZAG . GLUCK KOMPT ALLE TAG . GEDVLT VBBRWINDET VIELES S Den ersten Teil der Inschrift kannten wir bereits von früher aus Hannover (vgl. Globus 89, 188), von Leid bis Tag ist wieder ein Wort Luthers. Die In- schrift der andern Seite ist stark verwittert und verwischt, doch wurde sie noch einigermassen entziffert: b) ^ürdjte (Sott Dnb tjalt [eine g,eQebot . . . ANNO • ) -5 • 9 • o • l^at lianf l^euntngf mit (Softes t^iilff e Püt (\(ijon häufen 3immern laffeu vnb bauen?) Zum Glück sind Jahreszahl und Erbauername erhalten. Auch fanden wir in diesem Städtchen das uns schon von früher aus Dorf Volksen (Leinegegend) bekannte und als 'Liebesknoten' ausgegebene Zeichen wieder (vgl. Globus 89, S. 183) an einem Hause aus dem Jahre 1755 zwischen den Namen des Paares, und es könnte wiederum als solcher gelten. Dennoch glauben wir heute besser diese krntenartige Verschlingung, den Knoten, ins Gebiet des Aber- und Volks- glaubens verweisen zu müssen, wonach er, an einem Hause angebracht, dieses vor Schaden, vor Behexung bewahren könne, ein z. B. in Süddeutschland ver- breiteter Glaube. Hedemünden reicht dem Süden schon so die Hand, und an einem andern Hause aus dem Jahre 1747 findet sich diese Verschlingung zweimal, und zwar nur hinter je einem Spruche! Von Liebesknoten kann also hier keine Rede sein. 40. Adelebsen (Kr. Uslar): G n CHRISTOPH AVGVSTAS AMALI A HERMEN GOTTES GUTE VND TREW d IST ALLE MORGEN NEW JM| ANNO 'z X 0 1(14;) s-^ ^2 Andrae : mit altertümlicher Haustür; ein älteres Haus an der Stelle angeblich im 30jährigen Kriege niedergebrannt; wie man sieht, ist dies neue gleich nach Schluss des Krieges wieder aufgebaut. Vgl. nr. 33b. 41. Bodenfelde (Weser), altes Bauernhaus: WOR.M£X BEK HEREIN FRVCB.TET BAR IST KE';>'S ARMOET ;>SA>AS AM 40 CAP})^ V DM p E ANNO DOMN> 1588 PVRGE^ BODEKER D-C Der Bibelhinweis kann sich nicht auf das Vorhergehende beziehen, da im ganzen Propheten Jesaias nichts Ähnliches steht, muss also auf das Nachfolgende, V-DM-IE-'gehen; das ist nichts anderes als die oben S. 39 als Wahlspruch des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des AVeisen angeführten Worte: Verbum Domini Manet In Eternum, die zuerst bei Jesaia 40, 8 erscheinen. Ebenso in nr. G2. 42. Dorf Wehrden (Weser), altes Bauernhaus: DIS HVS STEHET IN GOTTES ^^N ER WOLLE ES BEWAREN VOR FEVR VN) BRANT HEINRICH GADEKEN VND ILSABE CATARIM REMERS IIIHVHTE ANNO 169G DEN 26 NOVEMBER Die zweite P^eihe gegen Ende lückenhaft und unsicher; das Monogramm Christi zeigt die katholische Gegend an. Vgl. nr. 63. 43. Rinteln (einreihig): a) (£[aic .\"I 2UIc btncf is rorgenrf lief . (Softes wovt bitft ewu} f 3'" i^^^ bo mcn fcfjrcf . 1565 • I^eft fjans Pebber mibe ~slfabet fiii (El^eltfe tjüffrautre but bus bäumen laten 2 <5obt fi loff . vnbe <£tjre Die Inschrift geht wieder auf den 8. Vers des uns schon bekannten Kapitels zurück. Weiter steht u. a. noch an dem altehrwürdigen Hause am Kirchplatze, die wichtige Stelle aus Hiob 19, 2.3: b) 3(f ipett bat m\n crlöfcr Icrct . . . und das ebenso wichtige neutestaraentliche Seitenstück E\^. Joh. 3, 16.- c) 21Ifo bett gobt be uielt geleut . . . Die Inschrift aus Hiob wurde früher schon gefunden in Hannover und Hel- singör (Dänemark); siehe darüber meine 'Hausinschriften aus Dänemark' (Globus 84). An einem Häuschen fiel noch auf (einreihig): 44. €IN . LEVENT . ID . SI . WO . GVT . IDT . WOLLE . SO .WART . IDT . EIN . KLEIN. TIDT . ABER . EIN . GVDT . NAME . BLIFT . EWICH 16. bis 17. Jahrhundert. Am Markt noch: Si deus pro nobis . . anno 1659, die uns schon bekannte Inschrift (nr. 33). 45. Stadtoldendorf: S)er §erv bixvd] bcv Gngcliriiav Seinen ein 9Snb ?(u§. cjang Sen)at)r: ?ln ©ottee Segen ift 5iae§ gelegen .y. 662 Jürgen Sa^j^en ©attrina öünecn Haiisin Schriften aus Nord- und Mitteldeutschland. 43 Ungefähr aus derselben Zeit, zweite Hälfte 17. Jh., stammt noch diese charakteristische Inschrift: -KJ. MANGER REDET V02s\nR QU T DER SELBST NICHTS GVTS IM ESRZEMA T Hl.V DAS VOR SE2ER STR Tl\OE GESCHiBEN m.S' ER SEN EBTAG HETTE GETR'BE:^R JWDE sich ZmMAH BEDEMENS lER M'^fWE 3EN:R EHtE KRENKEN Zieht sich in einer Reihe am Hause hin, ein alter Balken mit nur wenig Schrift ist bei der neuen Türaniage verschwunden. Die vielen Buchstaben- zusammenziehungen sind eine Folge der E-auraknappheit. Qvat = Böses, Schlechtes; Str = Stirn; der Langstrich von E in Ebtag soll zugleich L bedeuten. Andere Inschriften aus der Wesergegend s. Niedersachsen 1908, 58. 47. Heimarshausen (a. Diemel): MARTIN ALLE DIE MICH KENNEN . DEN GEBE ILSEBEfT GODEKEN GOTT WAS SIE Mim GÖNNEN. FRIBERG ANNO 1683 die überaus weit verbreitete Inschrift. Ebenso verbreitet ist 48. lUer auff (Sott trauet bcr liatt rroll gebauroctt Svlli §anS Anno 1585 mit Hammer, Kneifzangen, Bohrer (Zimmermannswerkzeugen) und Hufeisen, dem ünheilabwehrer und Glücksbringer. 49. 3'" ^5l)^ 3ar fjabc 3* f^cnrtdj Kiman Mt I^us latcn Surocn lUer auff (Sobt rortruroet ber befft roall (Scburoet —. — s Ein Haus aus d. J. 1694 'den 10. ivli' fällt noch auf durch viele Inschriften (so PS 38, 23) und Schnitzereien, Ranken- und Blattwerk in Drachen- und Schlangenköpfe auslaufend. Vgl. den Göttinger Deutschen Boten 1913, 10. Januar. Thüringen. 50. Altenburg: • AUXILIVM MEVM A DOMINO ANNO 1554 Die mit kleinen Verzierungen durchsetzte Inschrift befand sich vor Er- neuerung des Giebels bei der Tür des Hauses, das im Innern noch alte Bauart aufweist. 51. Jena: a Der ticrr b '^tOes ?\a\i^ betaute bcinen €tnc öerberg tft aug linb Drumb 'i>ind bev ÜAM H^^^ Altes Patrizierhaus; angeblich Stammhaus des jetzt ausgestorbenen Geschlechtes Adler von Adlerfels (feld), deshalb oben ein Adler mit Ring im Schnabel. Niedriger thront die Jungfrau mit dem Jesuskinde. Elf von den Buchstaben der Inschrift sind vergoldet, und zwar nur sog. Zahlenbuchstaben, die deshalb auch sofort an ein Chronogramm denken lassen. Ich stelle nun so zusammen: VIC = GOO, L = 50, DI = 501, VI = 6, VCV = 505 ergibt die Jahreszahl 1662, die sehr gut für das Haus passt, das keinen älteren Eindruck macht. Bringt man allerdings das nicht vergoldete und deshalb auch wohl auszuscheidende M von Curam (= 1000) mit in Rechnung und zählt einfach zusammen, so ergibt sich 1773. Die mächtige, vom Verderben freie Jungfrau nehme dieses Haus in ihren Schutz, lautet die Inschrift und erinnert somit inhaltlich an die lateinische aus Witzenhausen (nr. o8). Be- achtenswert ist noch der altertümliche Hof mit Holzgalerie. 65. FAX INTRANTIB9 SALVS EXEVNTIBVS. Üaüßent Secf^sl^ünbert .^el^enbtn 3ar (San^ Dadi vnb (Smefir eingriffen mar Don neu)cn mihx Erbauet ebn (Sott gnai) rnb fegn roeitr molle gbn Gebhardt-Oechsler: Die Windsheimer Ilamlschrift. 47 an einer anderen Stelle die Jahreszahl 1684; dann Wappen mit Adler, Einhorn, Pelikan, Anker u. a. m. Alte Schlossmühle an der Eger, der aus Schillers 'Wallenstein' bekannten Kaiserburg gegenüber, zu der sie auch gehört hat. Abb. 2. Zum Schluss bringen wir noch die Abbildung eines Kamins (Abb. 2) mit Inschrift, der sich in der Küche des Klasingschen Hauses in Lemgo (^Lippe) be- findet. Zwei Seitenstücke dazu, Kamin aus Biesterfeld (Ostfriesland) und aus Seedeich (Oldenburg) siehe Globus 89, 186. Göt tingen . Die Windsheimer Handschrift des Liedes 'Von Sankt Martins Freuden. Von August Gebhardt und Elias Oechsler. Das Trinklied 'Von Sand Marteins Freuden' oder 'Von Saut Marteins Geselleschaft', das allgemein dem sogen. 31önch von Salz- burg zugeschrieben wird, war bisher nur aus der Lambach-Wiener Hand- schrift der Hofbibliothek Nr. 4696, 4fco aus der ersten Hälfte des 15. Jahr- hunderts und der gleich alten, gerade an dieser Stelle sehr stark ver- witterten Tegernsee- Münchener Hs. Cgm. 715, 4^0 bekannt, in welch letztere noch ein in Freising erworbenes nur Str. 1 und Tenor enthaltendes Bruchstück eingeklebt ist, endlich in alemannischer, teilweise recht ver- derbter Fassung des 15. Jahrhunderts aus dem Berliner Mscr. germ. fol. 1035. 48 Gebhardt-Oechsler: Gedruckt ist der Text nach der Lambacher Handschrift von Haupt und Hoffmann in den Altdeutschen Blättern 2, 314 (Leipzig 1840), so- dann von F. Arn. Mayer und Heinr. Rietsch in den Acta Germanica 4, 511 (Berlin 189ß) und zuletzt hiernach bei Wilhelm Jürgensen, Martinslieder, Breslau 1910, als Nr. 104, wo auch die Anmerkung zu Nr. 104 die nötigen Nachweise bringt. Den Berliner Text bringt Johannes Bolte, Alemannia 26, 74f.i). Der Abdruck, den K[arl] S[imrock] auf S. 1 — 5 des Büchleins 'Mar- tinslieder hin und wieder In Deutschland gesungen Von Alten und von Jungen ... in Druck gegeben säuberlich durch Anseriuum Gänserich, Bonn [1846]' mit der sehr richtigen Bemerkung 'Hier und da unverständ- lich' geliefert hat, beruht jedenfalls auf demjenigen in den altdeutschen Blättern; kann aber, weil ohne Quellenangabe und Anmerkungen, nicht als Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen gebraucht werden. Die Melodie zum ganzen Liede ist nach der Lambacher Hs. in den Altdeutschen Blättern 2 auf einem vor Seite 311 eingefügten Blatte abge- druckt, aber leider in moderne Noten umgesetzt, während sie in den alten Zeichen, aber mit einer kleinen Korrektur und in Beschränkung auf die Tenorstrophe bei Franz M. Böhme, Altdeutsches Liederbuch (Leipzig 1877) 5. 322 als Nr. 349 gedruckt ist"). Nun sind aber unlängst in der Stadtbibliothek zu Windsheim von den beiden Deckeln einer Papierhandschrift aus dem 1525 aufgehobenen Augustiner kloster daselbst, enthaltend Sermones sacri de tempore hiemali, die zwei Hälften eines Doppelblattes losgelöst worden, die ebenfalls dieses Lied, aber ohne Überschrift, enthalten. Die Bruchstücke sind uns von dem Entdecker, Herrn stud. bist, et germ. Friedrich Horn- schnch freundlichst zur Veröffentlichung überlassen worden. Da sowohl der Wortlaut des Textes als auch die Melodie von der Überlieferung in der Lambacher und der Münchener Handschrift etwas abweicht, der Text übrigens an einigen Stellen besser zur Melodie passt, so lassen wir zunächst den buchstaben- und zeichengetreuen Abdruck des Textes, jedoch mit Auflösung der Abkürzungen, und der Melodie nach der Windsheimer Hs. folgen und fügen einige Anmerkungen zu beiden hinzu. Vorauszuschicken sind folgende Angaben. Die Handschrift ist im allgemeinen wohl erhalten und gut lesbar. Nur von dem durch die übrigen Hss. völlig gesicherten Worte un- verczeit 1, 1 sind einige Buchstaben und Buchstabenteile, sowie die darüber stehenden Noten ^ cd — ^ durch eine von einem Be- schlägnagel verursachte Lücke zu Verlust gegangen. Ein paar Noten sind 1) Nicht 27, 74ff., wie bei Jürgensen Anna, zu Nr. 104 verdruckt ist. 2) Die bibliographischen Nachweise hat uns zum grossen Teile Herr Professor Johannes Bolte geliefert, dem dafür der wärmste Dank ausgesi^rochen sei. Die Windsheimer Handschrift. 49 — wahrscheinlicli gelegentlich der Lostrennung der Blätter vom Deckel mittels warmen Wassers — etwas verblasst, aber noch recht gut zu er- kennen. Das Wort, das an der Stelle des vast der übrigen Hss. in Strophe 3, 7 steht, ist durch Fliessen des grossen Anfangsbuchstaben un- kenntlich geworden. Ich lese es für Soent. Aber was heisst das^)? Strophe 4, 1 zeigt der Text eine starktonige Silbe zu wenig. Es ist ganz sicher das Wort naht der übrigen Hss. versehentlich ausgeblieben, und wir haben es daher, wenn auch in eckigen Klammern, in den unten folgenden Textabdruck eingesetzt. Das Bruchstück besteht jetzt aus zwei nicht oder nicht mehr zu- sammenhängenden Blättern aus Papier in mittlerem Folio, von denen eines als Wasserzeichen eine heraldische Lilie trägt, ganz ähnlich derjenigen, die Charles Moise Briquet"j aus Würzburger und Nürnberger Urkunden nachweist, und ist von einer Hand des 15./16. Jahrhunderts beschrieben. Der nicht von unserem Martinslied eingenommene Raum auf Blatt I sowie beide Rückseiten enthalten — anscheinend vou der gleichen Hand — lateinisch-kirchliche Texte in Kurrentschrift mit Melodien, beides durch starke Abkürzungen und viele Ligaturen schier unleserlich. An ein paar Stellen der Ränder finden sich kaum lesbare Einträge; wie es scheint, rechnerische Notizen. Der Text des Martinsliedes ist auf den beiden Blättern so verteilt, dass auf Blatt I unten die in der Wiener und den Münchener Handschriften als 'Der Tenor' bezeichnete und zwischen die erste und zweite der vier gleich gebauten Strophen eingeschobene ungleiche Strophe Seyt wille- kumen steht bis zu den Worten g — ^^g , während der Schluss, trüncklein ein daz 1^. -ci~—s— von den Worten :^ — an, auf Blatt H, ebenfalls unten, folgt. vns Auf Blatt H oben steht zunächst Strophe 1 mit darüber gesetzter Melodie^ dann folgen die übrigen drei Strophen wie Prosa, nicht abgesetzt; nur dass vor Str. 3 und 4 jedesmal das Zeichen ^ steht. Sollte aus dem Umstände, dass die Tenorstrophe in der Windsheimer Handschrift ganz für sich, in der Berliner am Ende, in den übrigen aber zwischen Str. 1 und 2 steht, nicht der Schluss zu ziehen sein, dass sie den Refrain bildete, der nach jeder der vier unter sich gleichen Strophen gesungen wurde? Der Text und die Melodie der Windsheimer Handschrift lauton wie folfft: 1) Sollte es etwa aus zu end entstellt sein und bedeuten 'endlich', 'also'? 2) Briquet, Les Filigranes, Paris und Leipzig 1907, 2, Nr. (i836. 6837. Zeitscbr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 1. 50 Gebhardt-Oechsler : Windsheimer Handschrift. ^ j KII3 „ 1. Wol-auf lie - ben ge - sei - len vn-ver-czeit seit ge-meyt in der frew-den m zÜ—cr- cleit, last sor - gen vnd auch leyt vns hat frew - den pracht Mar-tein der mil- -e ig e- ;==zi^^^^^5=^^£=---=?=^ =0— B-0— "i-^ de man ge - seyt — "wir vnd vnß genossen die grossen die cley - nen ge - may - nen sül - len sein be - rayt die - weil vns die 4 -I 4 _a — a- -g — ^ — ^ — s- fla - sehen die kan - dein auz den vassen gu - ten wein her treyt geuz aus schenck ein. Seyt wil - le - ku - men her Mer - teyn liber ._- — fi) — © 2j -j — ( 1 ^ Q g ^ g <^ & O Q- zarter trawter herre mein schenck ein vns den wein sunder pein daz wir ymmer selick müssen sein schenck vns ein guts trüncklein 2 — -si — g n -^ — S — -- — S r— I H" ein, daz vns vn - ser wen - ge - lein wer - den veyn. Seyt wil - le- kumen her Mer - tein. 1) Hier ist in der Handschrift eine Lücke: diese wurde, da die beiden ersten Vers- zeilen genau mit der Münchener Handschrift übereinstimmen, nach letzterer ergänzt. 2) Diese Note ist in der Handschrift radiert, aber noch lesbar. Die Windsheimer Handschrift. 51 I. Wol auf lieben gesellen unverczeit^) seit gemeyt in der frewden cleit last sorgen vnd auch leyt Vns hat frewden pracht Martein der milde man geseyt wir vnd vnß genossen die grossen die cleynen gemaynen stillen sein berayt die weil vns die Haschen die kandeln auz den vassen guten wein her treyt geuz auz schenck ein II. Wir") suUen vns frewen seyt die schrift guter gift die vns allen trift mit großen bechern schifft keker truncke stift zu beyden packen sam der pfeyft auz weyten nassen krawsen das pawsen vnd nyphen vnd snyphen das vns die lebs entsliphen wie nü her epel her^) dyetel vnd her trepel vb ir nun zugrift geuz auz schenck ein III. Wer nü wolle sein sand Merteins gast sorgen laßt sey im als ein past er zyh unmaßen vast wenn er wöU gen rast er sweb als vor dem wind ein ast Soent so wöU wir trincken daz hincken die lungen die czungen k vnd vmb die wend gen tasten Nu raych her den becher vnd laz vns aber zechen ob du icht mer hast geuß auz schenck ein i: IV. Das sand Merteins [naht]*) noch werd volbracht heint zu naht so hab ich gedacht daz hie vns werd gemacht vnd auch hy her bracht i alles daz vnß hercze lacht nü schib wir ein die gense die üense die kesten die besten n vnd den küien wein trag her bey vieren die küten und die piren ob sie gepraten sein, geuß auz schenck ein. i; [Tenor ] Seyt willekumen her mertein über zarter trawter herre mein schenck ein vns^) den wein sunder pein s daz wir ymmer selick müßen sein schenck vns ein guts truncklein ein daz vns vnser wengelein werden veyn Seyt willekumen her mertein. i' Anmerkungen. A. Zur Melodie. Die Melodie zu dem Liede 'Von sand Marteins frewden' darf als eine ur- sprüngliche, als eine Originalmelodie bezeichnet werden. Eigentliche Anklänge an alte weltliche oder kirchliche Weisen sind — von einzelnen motivischen Ge- staltungen abgesehen — soweit mir die einschUigige Literatur bekannt, nicht zu 1; Das letzte Wort teilweise ausgerissen. — 2) Nach Wir noch ein zweites wir über der Zeile eingetragen. — 3) Das erste li aus v korrigiert. — A' Naht fehlt. — 5 s aus d korrigiert. 4* 52 Gebhardt-Oechsler: finden. Die Melodie verdient Beachtung; sie erhebt sich an vielen Stellen zu geradezu wirkungsvollen Steigerungen, insbesondere in ihrem zweiten Teil bei der Textstelle: 'seyt willekumen', und diese musikalische Steigerung ist auch vor- waltend bis zum Schlüsse der Melodie, der, wenngleich die Windsheimer Hand- schrift die Textworte: 'Seyt willekumen' wiederholt, wohl bei der Textstelle 'Wangelein werden veyn' angenommen werden darf. (Vgl. in dieser Beziehung die anderen Handschriften.) Da es mir möglich war, Einblick in die der Münchener und der Wiener Bibliothek gehörigen Handschriften des gleichen Liedes zu nehmen und die drei Handschriften zu vergleichen, vermag ich zu konstatieren, dass diese in der alten Fassung der Melodie im ganzen übereinstimmen, wenn- gleich sich an einzelnen Stellen teils kleinere, teils auch erheblichere Ab- weichungen zeigen. Über die dem alten Liede zugrunde liegende Tonart be- merke ich: die Melodie steht in der Hauptsache in der phrygischen Tonart. Es mag auf den ersten Blick befremdend wirken, dass der Erfinder der Melodie bei Vertonung des Textes zum phrygischen Modus griff, da doch jedem Kenner des alten Tonartensystems bekannt ist, dass diese Tonart wegen ihres tiefsinnigen, geheimnisvollen und düsteren Wesens sich zunächst zum Ausdruck der Klage eignet und in diesem Sinne in der alten Zeit auch Verwendung fand. Allein es sind bei unserer Melodie auch die tonartlichen Wendungen, die Beziehungen zu anderen, meist heiteren Charakter tragenden Tonarten des alten Systems, also die Modulationen in frischere Tonarten in Betracht zu ziehen. Und in dieser Be- ziehung sind Modulationsrichtungen nach Tonarten, die freudigen Charakter tragen (jonisch, selbst lydisch), deutlich erkennbar. Auch das Gebiet des dorischen Modus wird berührt; dieser alte Modus trägt aber keineswegs düsteren Moll- charakter, sondern ist „ein durch vorwaltendes Dur verklärtes Moll von grosser Kraft." In der richtigen Verkettung der Tonarten liegt hiernach die Möglichkeit, der phrygischen Tonart ein freundlicheres Gepräge aufzudrücken, und so konnte sie sich sogar auch zum feierlichen Lobgesang, zum Te Deum laudamus, erheben. ß. Zum Texte. Das Schema des Strophenbaues und der Reimstellung ist also für die vier gleichen Strophen, wenn wir die Zahl der Hebungen, mit folgendem ^ klingenden, ausserdem stumpfen Reim, mit a, b, c, d den Reim selbst, mit K ein sog. Korn, d. h. einen durch die einzelnen Strophen gehenden Reim und durch vorgesetztes A einen notwendigen Auftakt in klingenden Zeilen bezeichnen: 5 a 4 a 3(w) 2 a 3 ^ b 2 - d 3 a A 1 - b 3 w d 8 a A 1 ^ c 3 a 3 a A 1 - c 2 K Bei Zeile 11 findet sich keine volle Übereinstimmung: in Str. 1 hat sie den Reim a, in 3 ebenfalls a, aber durch unbetontes -en zum klingenden Reim verändert, wenn nicht statt tasten die Inftnitivform der Würzburgnr Mundart tast einzusetzen ist^); in Str. 2 bringt sie den vorhergehenden Reim c nochmals, und in der vierten reimt sie, gleich der Zeile 14 (diese anstatt des Reimes a) auf den Kehrreim. 1) Vgl. ZfdMda. 5, 14Gf. (1910). Die Windsheimer Handschrift. 53 Für die Tenorstrophe — den Refrain — ist das Scheraa: 4a 5 a la la la 4 a oder wie die früheren Herausgeber lasen: 4a 4a 2a 4a 3a 1 a 4a 4a la 4a Abgesehen von der elften Zeile der gleichen Strophen, bei der keine durch- gehende Gleichförmigkeit beabsichtigt zu sein scheint, lassen sich Abweichungen der Windsheimer Hs. von den übrigen leicht bessern. Str. 1, 5 wäre vielleicht — trotz der Übereinstimmung aller Hss. — reiner Reim herzustellen durch Änderung von bracht in berait, d. i. bereitet. Str. 2, 9 — 12 scheint mir die Windsheimer Hs. die richtige Lesart zu haben. Einmal kann ich mir unter nymphen, entsliraphen sowie hier unter schimphen sprachlich nichts vorstellen, während mir nyphen und snyphen sog. überverschobene Formen zu sein scheinen, das erstere zu nippen, das andere mit Ablaut zu schnappen, und entsliphen ist selbstverständlich nichts anderes als ungenaue Schreibung für entslüpfen. Ferner aber fügt sich Z. 12 mit dem konsekutiven daz besser an das Vorhergehende an als mit dem und der Lam- bacher Hs., während Z. 10 das Umgekehrte der Fall ist. Die drei Wörter pawsen 'bauschen', d. i. Aufblähen (des Mundes oder des Leibes?), nyphen und snyphen sind wohl substantivische Infinitive, abhängig von schift, d. i. schiftet 'austeilt'. Endlich fügt sich auch die alte starke Pluralform lebs, mhd. lefse 'Lippen' besser ins Versmass als die von Lamb. eingeführte zweisilbige schwache. Str. 3, 11 scheint mir gleichfalls die Windsheimer Lesart mit ihrem gen statt gent besser: der Infinitiv ist noch abhängig von dem vorhergehenden so well wir. Ebenso gefältt mir 4, 6 die Lesart der Windsheimer Hs. sowohl des Sinnes wie auch des Metrums wegen besser — nur ist der für den veraltenden Genitiv des eingesetzte Akk. daz sicher eine Neuerung des Schreibers. Str. 4, 11 ist vielleicht die richtige Lesung herzustellen durch Aufnahme des Artikels den aus Windsh. und der Konjunktion auch aus Lamb. und auch den külen wein ist entschieden der elften Zeile der übrigen Strophen metrisch am ähnlichsten. Dagegen scheint mir 2, 6 Windsh. abgeändert zu haben: es hat hier die fränkische Überlieferung das mitteldeutsch ausschliesslich übliche Wort backen für das ihr ungewöhnliche oberdeutsche wangen eingesetzt, wogegen mir freilich umgekehrt das sam in Windsh. ursprünglicher vorkommt als das als in Lamb. Str. 4, 7/8 sind mir so, wie sämtliche Hss. überliefern, unverständlich, und es ist vielleicht, wenn auch gegen alle Handschriften, mit Simrock flense und gense umzustellen. Das ein die flense der Windsheimer Hs. dürfte dann wohl ein früher Beleg für die heute in und um Würzburg, Rothenburg o. Taub. usw. übliche Ausdrucksweise sein nei n Mund '(hinein) in den Mund', ^^ Gebhardt-Oechsler: Die Windsheimer Handschrift. Denn so viel ist sicher: unsere Niederschrift ist fränkisch. Dafür zeugen ausser dem Fundort und dem Wasserzeichen (vgl. oben S. 49) sprachlich das Nebeneinander von ie und i für mhd. ie, z. B. Tenor i über gegen lieben 1, i, schib wir 4, r, zyh 3, 4, hy 4, 5 neben hie 4, 4 und die "Wiedergabe von mhd. uo durch einfaches u, von üe durch einfaches ü, z.B. guten 1, i4, guter 2, a, o-uts Tenor ?; külen 4, n, müßen Tenor e, sowie das ö in wolle, wöll 7. Auch dasvnßgenossenl,7 scheint mir die fränkische Gestalt des Possessivums zu enthalten^). Sprachlich wäre noch zu bemerken, was die früheren Herausgeber übersehen zu haben scheinen, dass 2, 6 der Dichter wohl noch sprach pfift, was der Reim erfordert und wie es die alemannische Mundart der Berliner Hs. auch bietet -;. A.US mhd. phifet war zunächst durch oberdeutsche Synkope pfift geworden, und vor der Konsonantenverbindung ft war i zu i verkürzt, also nicht diphthongiert worden. Erst die spätere Überlieferung hat dann das analogische ei eingeführt. Sollte etwa die Rasur der letzten Note über dem Worte willekumen — vgl. oben S. 50 — anzeigen, dass der Schreiber der Windsheimer Hs. die Lautgruppe kumen noch nach mhd. Weise mit 'Verschleifung' als eine Silbe empfand? Was noch bezüglich der Textgestalt das Verhältnis der Windsheimer zu den übrigen Handschriften anlangt, so scheint mir der Windsheimer Text am nächsten zu stehen dem Bruchstück des 14. Jahrhunderts, das aus dem Besitze des Frei- singer Antiquars Motzler stammte und in Cgm. 715 eingeklebt ist. Auch dieses liest 1, T vnß genossen. Der vermeintliche schwache Akkus, vns allen der Windsh. Hs. 2, s geht vielleicht auf eine Vorlage zurück, die gleich dem Frei- singer Bruchstück las: vns al an trift. Endlich teilt Windsh. mit Preis, die Lesart Tenors: schenck vns ein guts trüncklein ein, wo die früheren Herausgeber nach der Lambacher und, soweit der gerade hier arg beschädigte Zustand erkennen lässt, auch der Tegernseer Handschrift lesen: schenckh vns ein / ein guetes trunckchelein. Dagegen liest allerdings das Freisinger Bruchstück in Tenor e mit der Tegernsee -Münchener Handschrift ir .... müesset, während die Lambach- Wiener Ir . . . müesset aus wir . . . müessen korrigiert hat. Fassen wir das Ergebnis dieser textlich -sprachlichen Anmerkungen zusammen, so scheint mir der Windsheimer Text trotz seines geringsten Alters dennoch an allen Stellen, mit einziger Ausnahme von Strophe 2 Zeile 6, den Vorzug vor den anderen Fassungen zu verdienen. Erlangen. 1) Paul, Mhd. Gramm., § 151 Anm. 2) Sonst konnte Boltes Textabdruck nach dieser Handschrift mit ihrer meist sehr sorglos entstellten Textgestaltung nichts erbringen. Carstens: Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 55 Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig- Holstein. Von Heinrich Carstens f. (Vgl. oben 20, 382. 23, 277.^ 8. Haus und Herd. 1. AVer im Alter anfängt, ein Haus zu bauen, niuss bald sterben (Gegend von Husum). — 2. Von einem Bauplatz muss man zuerst die Fruchterde ent- fernen, bevor man ein Haus darauf baut (Nindorf b. Hohenwestedt). — 3. In die neue Wohnung wird zuerst Salz und Brot getragen (allgemein). — 4. Kommt ein Kind zum ersten Male in ein Haus, so muss man ihm ein Geschenk, etwa ein Stück Brot oder Backwerk geben (Peddring in Dithm.). — 5. Bei jedem Besuch in einem Hause muss man sich nach erhaltener Aufforderung setzen; sonst nimmt man den Kindern des Hauses die Ruhe fort (Süderstapel in Stapel hol m). In Dithmarschen heisst es: Setzt man sich nach erhaltener Aufforderung nicht, so nimmt man dem Hause die Ruhe fort. — 6. Wird zu Möbeln 'windbraken' Holz, d. i. Holz vom Winde abgebrochen, verarbeitet, so knacken diese (Drage in Stapelholm). — 7. Wenn die Uhr schlägt, darf man den Mund nicht verziehen, da der dann so stehen bleibt (Dahrenwurth bei Lunden). — 8. Ein Funke am Licht bedeutet für die nächste Zeit einen Brief (Dithm.). — 9. Hat das Licht einen hellen Kopf, so kommt Besuch (Norderdithra.). — 10. Wenn die Lampe flackert, gibt es einen Brief (Kellinghusen a. d. Stör). — 11. Wenn bei einem Zündholz zwei Mann die Pfeife anzünden können, so leben sie noch ein Jahr zu- sammen (Dithm.). — 12. Die Pfeife darf man nicht bei einem Licht anzünden (Dithm.). — lo. Wenn ein Messer niederfällt und senkrecht im Fussboden stecken bleibt, so gibt es Besuch (Kuden bei Burg). — 14. Fallen beim Öffnen der Ofentür Kohlen aus dem Ofen und rauchen, so kommt Herrenbesuch (Angeln). — lö. Eine Bettstelle muss mit dem Fussende nach der Tür hin stehen (Lübeck). — 16. Stets muss man sich rücklings ins Bett legen (Angeln). — 17. Fasst man einen Schlafenden, der im Schlafe spricht, an die grosse Zehe, so gibt er auf jede an ihn gerichtete Frage Antwort (Schwienhusen bei Delve). — 18. Wenn das Schüssel- wasser (Wasser zum Schüssel-aufwaschen) kocht, ist eine heimliche Braut im Hause (Dithmarschen). 9. Arbeit und Mahlzeit. 1. Das angeschnittene Brotende darf nicht nach dem Fenster und nicht nach der Tür hinzeigen; dann geht die Nahrung (der Segen) fort (Osdorf bei Gettorf im Dänischenwohld). — 2. Der Knust darf nicht aufgegessen werden, bevor ein neues Brot wieder im Hause ist (Osdorf im Dänischenwohld). — 3. Der Knust darf nicht weggegeben werden (Feddring in Dithm.). — 4. En ölen Knust holt Hus (Schütze, Holsteinisches Idiotikon 2, 309). — 5. Den ersten Knust vom Brote 5(5 Carstens: nennt man Tachknust, den letzten Brummknust (Drage in Stapelholm). — 6. Ein Brot darf man nicht auf den Rücken legen (Osdorf). — 7. Ist im Brote ein Loch, so hat der Bäcker seine 'Seele' da hinein gebacken (allgemein). — 8. Auf das Brot macht man ein Kreuz (Dithm.). — 9. Beim Ansäuern muss man drei Kreuze, mindestens doch ein Kreuz auf den Teig machen; sonst kommen die Hexen dabei (Dithm., Stapelholm). — 10. Ist das Brot an der Seite gerissen, so gibt es Arbeit (Sehestedt in Südschleswig). — 11. Ist das Weissbrot an der Seite aus- gelaufen, so werden Gäste kommen und mit davon essen (Schwienhusen bei Delve in Dithm.). — 12. Hat das Brot einen Mund, so werden Gäste mit davon essen (Feddring in Dithm.). — 13. Sobald das Brot in den Ofen geschoben, muss man den Tisch, worauf es gelegen, rasch rein waschen (Feddring), — 14. Ist das Brot in den Ofen geschoben, so muss man laut aufjauchzen, in die Hände klatschen und sprechen: 'Nu lach, Kathrin!' Dann gerät es (Dahrenwurth bei Lunden), — 15. Ist das Brot in den Ofen geschoben, so spreche man: 'Uns Härgott segn' dat Brot in'n Ab'nd' (Ofen). Oder: „Dat Brot is in'n Ab'nd, Uns Härgott is dar bab'n: ün all, de dar vun ät, Dat de eni nicht vergät." (Osdorf bei Gettorf im Dänischenwohld) — 16. Die Brotkrumen vom Tische darf man nicht an die Erde schütten (Lunden). — 17. "Wem die Zähne weitläufig stehen, muss sein Brot auch weitläufig (d. i. weit in der Fremde) suchen (Drage in Stapelholm). — 18. Kommt während des Butterns jemand dazu und sagt: 'Dat is en schön Vatt Melk' oder: 'Das is en schön Stück Botter', so muss man ihm gleich erwidern: 'W^enn din grot Muul ni weer, so weer et noch beeter'. Unter- lässt man dies, so läuft man Gefahr, dass die Butter überrufen wird. Man buttere dann, so lange man will, die Butter schäumt und stinkt, oder gibt weniger, als sonst (Schütze 1, 144). — 19. Kann man nicht buttern, so muss man 'raden'; hilft das nicht, so — verrichte man seine Notdurft ins Butterfass und werfe alles durcheinandergerührt in die Schweinedranktonne (Schütze 2, 144. 3, 269). — 20. Die Butter darf man nicht übermässig loben (överropen); sie gedeiht nicht (Schütze 3, 306). — 21. Man stelle das Butterfass nicht unter einen Balken (Lunden). — 22. Auf der Stelle, wo das Butterfass stehen soll, mache man ein Kreuz (Drage in Stapelholm). — 23. Man lege unter das Butterfass, wenn man nicht abbuttern kann, einen Sargnagel (Feddringen in Dithm.). — 24. Ist das Butterfass behext, so fahre man mit einer glühenden Stange in dasselbe; dann brennt man die Hexe (Drage). — 25. Um die Butter vor dem Behexen zu schützen, binde man einen Zwirnsfaden, und zwar unter dem Eisenband, um die 'Karrn'. Die Hexen zählen jedesmal die Bänder, und wenn dann ein Band mehr um das Fass ist, so haben sie die Gewalt über dasselbe verloren (Lunden). — 26. Das Dreschen des Korns am Sonnabend bringt Segen (Schütze 2, 241). — 27. Am Weihnachtsabend muss gedroschen werden und dem Vieh, damit es fürs folgende Jahr gedeihe, von dem gedroschenen Stroh etwas gegeben w^erden (Schütze 2, 241). — 28. Beim Bierbrauen muss man ein Kreuz von Holz über den Gärkühel anbringen und auf jedes Ende etwas Salz legen, so kann keiner den Gest rauben und das Bier kann nicht verrufen werden (Schütze 2, 29). — 29. Wenn gebraut werden soll, so stellen Brauer einen Querbaum in ihre Tür, damit niemand, der sich unrein weiss, ins Haus laufe und den Brau verderbe (Schütze 4, 43). — 30. Was an 'drögen Dagen', nämlich am Mittwoch, Freitag Volksglauben und Volksmeinungen aus Schleswig-Holstein. 57 und Sonnabend gesät oder gepflanzt wird, gedeihet nicht (Schütze 2, 201). — 31. Was an einem hochheiligen Tage, als am Stillfreitag, am 1. Ostertag usw. gesät oder gepflanzt wird, gedeiht nicht (Lehe bei Lunden). — 32. Was zwischen Weihnacht und heil, drei König gesponnen wird, missrät (Schütze 4, 171). — 33. Gesponnen und gewaschen darf in den Zwölften nicht werden (Dithm.). — 34. Was abends nach Uhr 12 gesponnen wird, gerät nicht (Wilster Marsch. Schütze 4, 171). — 35. Wenn eine Näherin sich beim Nähen eines Kleidungs- stücks in die Finger sticht, so dass das Blut danach fliesst, so wird diejenige, die das Kleid tragen wird, Glück darin haben (Lunden). — 36. Wenn ein Mädchen sich beim Nähen ihres Hemdes sticht, so dass Blut fliesst, so wird sie in dem Hemde geküsst werden (Schwienhusen bei Delve). — 37. Beim Einschlachten darf man keinen wunden Pinger haben; dann verdirbt das Fleisch (Süderstapel in Stapelholm). — 38. Beim Eieressen muss man ja die Schalen entzweischlagen, damit keine Hexen darin wohnen (Schütze 3, 194). — 39. Saftausdrücken darf nur eine gesunde Person; sonst kann der Saft nicht aufbewahrt werden (Süder- stapel in Stapelholm). — 40. Den Kehricht darf man nicht über die TürschvAclle hinwegfegen; sonst fegt man das Brot hinaus (Süderstapel; Stadt Schleswig). — 41. Beim Ausfegen darf man niemanden anfegen, da man der Person dann das Glück wegfegt (Marne in Süderdithm.). — 42. Beim Lichtziehen muss gelogen werden (Schütze 3, 33; Heimat 12, 67). — 43. Wer beim Bettzeugrecken und Zusammenlegen desselben die Mitte nicht treffen kann, heiratet einen Witmann (Stadt Schleswig). — 44. Wenn es beim Zeugrecken und Zusammenlegen genau einläuft, d. h. die Enden genau zusammentreffen, so heiratet die betreffende Person einen Witwer (Stadt Schleswig). — 45. Dem Fischer darf man, wenn er auf den Fang ausfährt, kein Glück wünschen (Delve in Dithm.). — 46. Wer beim Essen des Federviehs den Brustknochen bekömmt, fasst das eine Ende an, während sein Tischnachbar das andere anfasst, und indem nun beide sich etwas wünschen, zieht ein jeder an seinem Ende; derjenige nun, der, wenn es auseinanderreisst, das grösste Ende erhält, dessen Wunsch geht in Erfüllung (Kellinghusen a. d. Stör). — 47. Liegt ein Messer auf dem Rücken, so gibt es Nahrungssorgen oder einen scharfen Tag (Osdorf bei Gettorf im Dänischenwohld). — 4, 36n\ 2) Patent vom (i. Dezember 1774 (k. k. Theresianisches Gesetzbuch 7, 135). 76 Menghin, Behrend: Oben wurde erwähnt, dass der volkstümliche Gesang in der Meraner Gegend bei solchen Gelegenheiten nicht mehr gepflegt wird. Die Regensburger und andere Quartette haben ihn ganz verdrängt. Es ist aber nicht überall in Tirol so. Besonders im Puster- und Eisacktale blüht die Sitte noch, sowohl die Ein- ladungen zur Primiz ganz nach den bei der Hochzeit üblichen Formen vor- zunehmen, — Kohl veröffentlicht drei solcher Reimreden ^) — als auch während der Tafel eigens für den Tag gedichtete Lieder abzusingen. Kohl bringt ein geistliches Tafellied aus dem Eisacktale und eines aus Hochfilzen-Pillersee bei"). Ich verdanke die Handschrift eines solchen aus Reischach bei Bruneck wiederum der Liebenswürdigkeit P. Gaudentius Kochs. Es ist eigens für die Primiz, die zugleich mit der Hochzeit eines Bruders stattfand, gedichtet und sehr charakteristisch für die Gefühle, die das Volk einem solchen Feste entgegenbringt. Für Sprache und Wiedergabe gilt hier dasselbe wie beim oben abgedruckten Brautbegehren. Tafellied zur Primitz des H. H. Georg Kronbichler. 1, Komt her, ihr geladenen Gäste, Du ganze versammelte Schaar, Heut zu diesen freudvollen Feste "Wie keines in Reischach nie war, Primitz und Hochzeit-Tag zugleich, 0 wie freudenreich Heut für alle gleich, Ein Tag wie noch keiner nie War bei uns allhier Noch nie. Und der Vater feurt Den Geburt Tag heut Und das Namensfest Auf das allerbest. So wie durch acht und siebzig Jahr Nie kein Namenstag So schön war"). 2. Du JörgP), du hast das errungen. Nach döu du dich lange gesehnt Und uns ist es auch nun gelungen, Dich Priester des Höchsten zu nenn, Des ist für dich a Himmelsglück Das dir Gott geschickt Und für uns a Glück In der Gmeuude in und aus, Freud in jeden Haus, lu und aus, 0 welch große Freud Ist in der Gemeind, Wenn ein Nachbars*) Sohn Priester werden kan, Ist für die Gemeind a Zier Immer für und für, Eine Zier. Wien. 3. Dir Vater vergun mir*^) die Freude, Die dir durch die Söhne zu Theil, Der eine in den Priester Kleide, Der Menschheit zum Wohle und Heil, Der andr als Baur in der Gemeind, Allen gut gemeint, Hat sich heut vereint Mit der Moidlan, seiner Braut, Die ihn anvertraut Als Braut Und die Moidl thuit') Als was recht und guit®), Schaugl, £0 wie sie kan, Geht ihn an die Hand. Regiert in Hause nach Gebühr Immer für und für Nach Gebühr. 4. Geschwister, Verwandte und Freunde, Die ihr da versammelt hier seid, Ihr Nachbarn der Reischinger Gmeinde Denkt oft zurück an diese Freud Und danket Gott für diese Tag Und die große Gnad, Welche er uns hat Erwiesen uns zur größten Freud, Danket ihn allzeit. Nicht bloß heut. Diese Freiidenzeit Ins Gedächtnis schreibt. Diesen Freudentag, Der in Reischach war Im neunzehnhundert dritten Jahr, Da im Juli war Zwölfter Tag. Oswald Menghin. 1) Kohl S. 186. — 2) Kohl S. 87. — 3) Der Vater war also 78 Jahre alt. — 4) Georg, der Primiziant. — 5) Nachbar hier in dem Südtirol vielfach gebräuchlichen Sinn 'Gemeinde- genosse'. — 6) Vergönnen wir. — 7) Pustertaler Ma. für tut. — 8 gut. Kleine Mitteilungen. 77 Aus den Reiseberichten des Freiherrn Augustin von Slörsperg. Eine lange als verschollen geltende Chronik, über die zum erstenmal wieder Professor ^V agner in den Preussischen Jahrbüchern 73, 484: (1893) Kunde geben konnte, ist jüngst in den Besitz der neubegründeten Landesbibliothek zu Sonders- hausen gelangt und bildet ihren wertvollsten Schatz. Es ist: „Ein schönne lustige vnd warhafftige Erzellung vonn dem hochloblichen vnd Ritterlichen Sant Johan Ordens . . . . zue dem andere, was sich -bey meinen Zeitten in 14. Jaren von anno 1573 anfangent Namhafftigs vnd wirdigs zue wasser vnd land zuegetragen, zum dritten nach abzug von Malta was Ich nachgentz für lustige vnd fürneme Reisen durch ettliche Königreich in Europa . . . verricht vnd gesehen hab, dz alles In Kürtze In drey bücher, hie ein ander nach sovil möglichen durch mich Augustin Freiherr zu Mörsperg vnd Beffort, dises Ordens Ritter vnd commenden zu Sant Johan Dorlesheim, Bassell, Keraendorf vnd Rexingen, ordentlich be- schryben . . ." Der Freiherr von Mörsperg war ein tapferer und menschlicher Ordensritter, von schier ungebändigter Neubegier, vieler Menschen Städte und ihre Landsart kennen zu lernen; vor 1606 muss er noch im rüstigen Alter gestorben sein. Dem Historiker bleibt die Frage zu lösen, wie viele seiner Reisen in nordische Länder: Dänemark, Schweden, Norwegen, England und Schottland dem persönlichen Wunsch oder dem sachlichen Ordensinteresse entsprangen; beides wird sich miteinander verbunden haben, möchte ich zunächst annehmen. Der Freiherr beobachtet gut und weiss mit einem trockenen Humor zu erzählen, wenn auch seine Prosa zer- hackt ist. Starken Eindruck hat auf ihn der Hof der Königin Elisabeth gemacht; er bemerkt aber nüchtern-drastisch, dass man der gewaltsam jugendlichen, präch- tigen Königin anmerke, sie sei kein 'heurigs Häslein' mehr. — Wie schade, dass der Freiherr nicht genug englisch verstand; so flüchtet er aus den kurz gestreiften Theatern Londons zu den Hunden, Bären und Eseln und beobachtet bei den Tierkämpfen das erregt anteilnehmende Volk. Besonderen Wert verleihen der Handschrift die überaus zahlreichen, gut aus- geführten Bilder oft in Blattgrösse. Freilich, so sehr der Reisende auch den Schein zu erwecken sucht, als habe er die Menschen und Trachten an Ort und Stelle 'abreissen' lassen, so ist das ein naiver Täuschungsversuch; für die grössto Zahl der Trachtenbilder konnte mir ein Kenner wie Dr. Doege an unserem Kunst- gewerbemuseum binnen kurzem die Vorbilder älterer Reisewerke vor Augen führen; immerhin mögen einige (wie das Bild Bl. 187 ^ 'Wie die frauwen vnd megt zue Hamburg Im Karren ziehen miessen' und die bildliche Darstellung des Rattenfängers von Hameln, die wir unten bringen) bisher unbekannt sein. Kritische Betrachtung wird auf jeden Fall geboten sein; denn gleich am Eingang begegnet uns ein eingeklebter Stich mit der Unterschrift 'Augustin Freiherr zu Mörsperg\ Wir freuen uns, den kühnen Reisenden vor uns zu haben, und suchen Gesicht und Schicksal in Einklang zu bringen. Eine lateinische Umschrift, die früher überklebt war, kündet uns aber, dass der stattliche Ritter 'summus Caesarei exercitus Imperator illustrissimus princeps Carolus Mansfoldus coraes' sei; oder, sagen wir vorsichtiger, ihn vorstellen solle. Immerhin richtig gefasst, bleibt das Buch ein Kleinod. Mögen sich die Gönner finden, welche die vollständige Wiedergabe ermöglichen! Auch für die Volkskunde wird manches dabei abfallen; als Proben hebe ich folgende Teile heraus: 78 Behrend : I. Vom Rattenfänger zu Hameln^). Von der Stat Hamblen In Westfalen vnd von den 130 Kindern, so sich da verloren haben. Von Cassell wider fortzogen vff Minden, so 2 Meil, zuo Pfert nach, von Cassell laufet auch ein Wasser die Fulda genant, by Minden oberhalb in die Weser, können auch kleine schiff drauf faren. Zue Minden vff ein schiff gesessen vnd auf der Weser gefaren biß gen Hamblen, In Westfalen an Braunschwig, dohin ich dan Vorhabens vphar, so man Rechnet zu wasser 12. Mcil, jn drythalb dagen verriebt vnd vff der Weser durch- zogen oder für vber, nämlich [Hier fehlen zwei Zeilen]. Hamblen ein feyne Statt, dem hertzogen von Braunschwig zuestendig, an der Weser. Dieweil ich dan allerhant abenthür von disem Ortt gehört, jch selber es sehen vnd hören wolt, vnd nämlich mier nit allein von den fürnempsten des Rhatts vnd prediger, sonder menniglich bestettet whartt, das vor 308. Jar, do man zeit 1284, vff Johanni vnd paulj Tag dohin komen sei ein pfiffer vnd spilman, mit einem bundten Kleidt von vil färben jn dise Statt, so vil wunders gedriben haben soll mit syner pfiffen, damit er jhnen vff ein kleine zeytt alle Ratten vnd meuß, durch 1) Augustin von Mörsperg-, Reisebuch Reise 1592) Bl. l!)ob. — Vgl. Grimm, Deutsche Sagen ^ nr. 245. Dörries, Zs. des histor. Vereins f. Niedersachsen 1880, 169. Meinardus, Der historische Kern der Hameler Rattenfängersage (ebd. 1882, 25G). Jostes, Der Ratteu- fänger von Hameln (1896). Meissel, Die Sage vom Rattenfänger von Hameln (1907). Gutch, Folklore 3, 227. Bode, Des Knaben Wunderhorn 1909 S. 511. Schmidt, Studien zur vgl. Litg. 8, 125. Kleine Mitteilungen. 79 sein pfiffen für die Stadt hiuaußer jn denn wasser fluß die Weser gefiert vnd bracht, dem sie all nachzogen, also vf ein schiffly gehalten uf dem wasser, biß sie all erseufft vnd vmbkoramen seint, deren ein vnsegliche wuest da gewesen sein soll. Vnd aber jme die Stat ein schlechte besoldung oder Vererung vmb ein gar geringers, ja ein spott gegen jrem Versprechen nach, so 30 golt gülden, geben wellen, das er nit annemen wollen. Sondern bald darnach an einem Sontag, dieweil man In der Kirchen gewesen, sein pfiffen wider braucht vnd hören lassen, do jme ein große menge Kinder, so do zu hauß bliben waren, nämlich 130 Kinder von ettlichen straßen in der Stat, dardurch er pfiffen gieng, mit jme hinauß fhuerett für die Statt ettlich lOü Schrit gegen einem Bergly Calvariä genant, welches bergly sich aufgethon, dorin der pfiffer mitsampt seinen Rindern zogen, mit allenn sammen, biß auf eins, so vff der Strassen vnderwegs ligen bliben, aber Erstumet gewesen, also nur zeigen vnd nit hören können, vnd gedeut, wo die andern hinkommen seint, also solche Kinder mit grossem schrecken vnd klagen Jaraer[lich] verloren worden, das niemantz mer von jhnen gehortt hatt, wo sie hinkommen. Vnd solches factum die Statt jn jerem Ratsbuch geschrieben befindet vf Jar vnd dag, das die fürnempsten Ratsherrn vnd auch geistlichen mir das gezeuget war sein, vnd aber diser actus vf Johanni et pauli anno 1-284 sich begeben vnd wenig zuvor zu jhnen körnen. Dise geschieht ist an gar vilen ortten jn der Statt, Rathauß, Kirchen biß jn den Wirtsheusern nit allein abgemalt, sondern jn vil glaßfenstern gar artlich gemacht. Vnd hab hieneben, wie ich gesehen jn glaß fenstern, abmalen lassen. Also von der Zeit an hatt die Stat vnd Rhatt jn allen jeren schreyben zue Endt gebraucht, nämlich noch Cristus geburtt vnd was es den gewesen, vnd doran gesetzt: vnd nach vnser lieben Kinder außfartt, vnd auch so lang es dan geweßt, vnd noch erst vor wenig Jaren by menschen gedencken solcher brauch abgang wider [!]. Vnd noch vf diße stundt laßt man kein seittenspyl durch solche Straßen passieren by hocher straff, das hab jch gesehen. 2. Von einer dänischen Bauernhochzeit. Von einer wunderbarlichen bauren hochtzeit jn Dennemarck gegen Nort- wegen zue, dahin jch geladen wart vnd kam. Anno 1592. Vff eynen Sontag ward Jacob Krabbe von eynem seyner Riehen Bauren geladen, vff ein Hochzeit, vff ein groß dennemarckisch dorff jme zuestendig, dahin er mich dan auch mit namb, erstlich zum kirchgang, volgentz zue der mittag Maltzeit. Da waren seltzam zue sehen die Ceremonien vnd gebreuch, wie klei- dungen. Dan die Hochzeitterin sonderlich [hatte] ein Rock vnd Kleidt'), blau- farb, vnd vberall mit kleinen silbern, auch vergulten blechly, von allerhant buech- staben, blumen, rosen, sterncn vnd zeichen vberzogen, wie hie vornne abgerißen, jtem ein breitte gürtel rott, auch also von allerhant Sachen, vnd wie schellen formiert, auch klingten vmblegt, den Kopf wunderbarlich zugericht; jn summa es glitzet gar fast. In einem iedera langen Haus'O von holtz gebaut, do die fenster oben jm dach, stuenden . 3 . langer disch, vberlegt mit proviant, vf einander gebigt vnd 1 Am Rande steht: Notta. Jedes dorf oder gemein haben ein solch kleid für jere Hochtzeiterin. 2) Am Rande: Dennemarckhisch aucli Nortwegischc Hochtzeit vnder den Baureu. 30 Behrend, Philipp, Bolte: zusamengelegt, von brott oder langen kuchen, darzwischen von gedortten brot- würsten, schuncken, gedigenen^) gensen, huner, Caponen, allerhant gereucht fleisch, vnd auch wilpret vnd fisch, aber nichtz kocht, sonder wie man es auß dem rauch oder kemmern herab nimpt, vf ein halb elen hoch, vf einander gelegt, vnd [war] gleich wol ein provision Verbanden, das ein fendly knecht, ein dag oder zwee genuegsamb hatten gehabt. Do kam nichtz warmbs vf den disch, biß schier zuem lesten kam haber kerne ^) auch von körn vnd reiß, aber alles vf ein weiß kocht, in lautter butter wie jn erden schißlen, wart eim jeden gast ein schißel voll, mit 4 oder 5. flnger hoch mit butter vberschwembt. Das fleischwerck wie auch fisch- werck von Laxen, Hechten, braxmen, vnd allerhant sortten, gleich wie das fleisch gedort, aß man also, schneyd jm ein jeder ein stuck ronder, wa jrae gefellig, bestreichs mit butter, vnd aß (zecht) dahin. Die gewonheit vnd hunger war in disem ort ein guetter koch. Dise provision lag vf ein ander ein halb elen hoch durch den disch außen, das kommerlich 4. oder 5. finger platz mer vf beiden selten whar vf dem disch. Was das gedrenck [anlanget], war guet starck hier, so man dranck nit auß glesern, sonder auß schisslen, nepfen, döpfen, kantten^), krügen, helfen, kublen, vnd allerhant geschir; aber die gemalten schisslen war der großt bracht, vnd groß gemalt leffell mit langen stilen. Das Haus oder Zimmer, dan doselbsten jedes Hauß ein sonder zimer ist, whar zimlich hell, wiewol es keine fenster vf der seitten [hatte], sonder oben jm dach ettlich wenig, do dorzue jrs Junckern Wappen jnstuent, vnd ein Zimer [hat] selten vber "2. fenster, aber den gantzen dag die son, die dorüber und dorin scheint, vnd dergleichen Heusser jn Nortvvegen vnd Schweden gewinlich seint. Große Ehr nach jerera brauch geschah vnß von disen leutten, aber mit hungrigen bauch wie auch durstig zogen wier vf den abent darvon, vf seiner Heußer eins gegen Nortwegen, zue flußhalm genant 2. meil, alda wier vnß er- quickten wider mit vnser gewonlicher proviant, vnd allein mier zue gefallen die seltzamen brauch diser lantzartt sehen wellen laßen; dan diser Erlich von Adel mier vil freintschafft vnd Ehr andhatt. üross-Lichterfelde. Fritz Behrend. Zum Bahrrecht. Die bisher veröffentlichten Belege über Ausübung des Bahrrechts auf deutschem Boden beziehen sich meines Wissens nur auf den Süden, vgl. diese Zeitschrift 6, 208; Zs. f. dt. Altertum 39, 6 ff.; Elsässische Monatsschrift f. Gesch. u. Volks- kunde 1, 238 ff. und 436 ff. (1910). Auch das Bildchen 'Bahrprobe' bei Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur^ (1913) S. 328, stammt aus Ober- deutschland: es ist entnommen aus Diebold Schillings Schweizerchronik (1507 — 13) in der Bürgerbibliothek zu Luzern. Für Mitteldeutschland kannte ich aus der mir zugänglichen Literatur bisher kein Beispiel. Erst ein kürzlich erschienenes Buch*) machte mich darauf auf- 1) Gediegen - geräuchert, gedönt. 2) Haberkerne = Hafergrütze. 3) Kanten = Kannen. 4) Edm. Wauer, Geschichte der Industriedörfer Eibau und Neueibau (Dresden 191B) S. 1(50 f. Kleine Mitteilungen. 81 merksam, dass bereits vor zehn Jahren Aug. Weise in seinen Geschichtsbildern von Ebersbach ^) und Umgegend aus älterer Zeit (Ebersbach 1904) S. 79, folgende Stelle aus dem zweiten Löbauer Rügenbuch abgedruckt hat: „Dornstags den 18. December 1557 ist von den königl.^_) Gerichten alhier zur Löbau ein peinlich Halsgericht vnd dingk gehalten, durch den Pronbothen publicirt vnd außgeschrien, darauf Brosig Windisch mit gebürlicher protestation ihm nahmen Christoff Webers, seyner Bruder vnd Freundschaft vorgetreten vnd gebethen, den ermordeten zu be- sichtigen. Dorauff ßoviel erschienen, daß ehr einen todtlichen schos vnter der rechten Achsel gehabt, daß ihm der Odem außgegangen vnd also davon hat sterben müssen. Dorauff ehr geklagt, daß Ihme Jurge Panewitz von der Eibe^) solchen schaden zugefügt vnd vom leben wider got, gleich vnd recht zum Tode bracht habe. Als aber Jurge Panewitz solches nicht geständig ist, ist er zur Leiche gefurt vnd dieselbe anrühren müssen vnd als er sie zum drittenmal angerührt, ist aus der wunden schwarze Jauche gelauffen." — Dies Zeugnis erscheint mir namentlich deshalb wertvoll, weil die Gegend, aus der es stammt, dem Deutschtum erst verhältnismässig spät gewonnen wurde, im wesentlichen erst im 13. Jahrh. Im Zusammenhang hiermit sei daran erinnert, dass der Brauch ausserhalb Deutschlands nicht nur in Nordfrankreich*) geübt wurde, dessen Bevölkerung ja einen starken germanischen Einschlag hat, sondern auch in England bekannt war. In Shakespeares Richard III. (I, 2) ruft Anna am offnen Sarge Heinrichs VI. in Gegenwart des Mörders^): 0, gentlemen! see, see! dcad Heury's wounds Open their congeal'd mouths, and bleed afresh! Hierbei verweist Nie. Delius*^) auf des Dichters Landsmann Michael Drayton (aus Warwickshire, 1563 — 1631), der in einem seiner Sonette folgende Stelle hat: If the vile actor of the heinous deed Near the dead body happily be brought, Oft 't has been proved the breathless corse will bleed. Dresden. Oskar Philipp. Zur Wanderung der Schwankstoffe. I. Münchhausens Entenjagd. Unter den neun Geschichten, die Bürger 1786 seiner Verdeutschung von Raspes englischem 'Münchhausen' einfügte, um sie zwei Jahre später um weitere fünf Nummern zu vermehren, ist eine der eindrucksvollsten die Luftfahrt des ingeniösen Barons mit den listig gefangenen Enten, die im Schornsteine seines eignen Hauses ein überraschend glückliches Ende nimmt. An den von Müller- Fraureuth'') und Grisebach^j nachgewiesenen älteren Parallelen kann man die 1) Südwestlich von Löbau, Oberlausitz. 2) Löbau gehörte damals, wie überhaupt die Oberlausitz, zum Königreich Böhmen. 3) Dorf Eibau, nordwestlich von Zittau. 4) Oben 6, 208; Zs. f. dt. Altert. 39, G. 5) Die Stelle erwähnt schon Bieger in seiner Schulausgabe des Nibelungenlieds ^ (Leipzig 1908) S. 65. 6^ Shakspere's Werke« i;i876) 1, 994. 7) Müller-Fraureuth, Die deutschen Lügendichtungen 1881 S. 70. 136. 8) Wunderbare Reisen des Freyherru von Münchhausen hsg. von Grisebach 1890 S. 16 und XXXVL Zeitschr. d. Vereins t. Volkskunde. 1914. lieft 1. li 82 Bolte: Entstehung dieses Lügenschwankes aus geringen Anfängen studieren. Im Volks- buch vom Eulenspiegel (1515 cap. 8) foppt der Held einen geizigen Bauern, indem er dessen Hühnern Fäden, an denen Brotstückchen angebunden sind, hin- wirft, und ergötzt sich daran, daß die Hühner danach schnappen und sich um das Luder ziehen, d. h, Strebekatze spielen'). Bleibt es hier bei einem blossen Schabernack, so zieht in dem 1579 erschienenen französischen Schwankbuche 'La nouvelle fabrique des excellens traits de verite' von Philippe d'Alcripe^) ein schlauer Vogelsteller Nicolas des Murs aus einer ähnlichen List besondern Vorteil; er wirft den Kranichen eine an eine Angelschnur gebundene Bohne hin, die vom ersten verschluckt bald unverdaut hinten herauskommt, vom zweiten aufgerafft wird und so fort, bis Nicolas alle Vögel packt und heimträgt, wenn sie auch anfangs mit ihm in die Höhe flattern (combien qu'il fut enleve assez haut de terre). Diese Entführung durch die Luft ist in der Jagdgeschichte des Vincentius Ladislaus beim Herzog Heinrich Julius von Braunschweig^) und in einigen späteren von MüUer-Praureuth zitierten Schwankbüchern zur Hauptsache geworden: ein Schütz, der zwölf Kraniche mit einem Schrotschuss verwundet und eilig in den Gürtel gesteckt hat, wird von den sich wieder erholenden Vögeln in die Ferne ent- führt. In einer neuerdings aufgezeichneten brandenburgischen Sage*) sind es nicht Kraniche, sondern Wildgänse, die von dem aus einem lecken Fass auf den Weg geflossenen Spiritus trinken und betäubt daliegen. Ein Schneider kommt des Weges und steckt die gefundenen Gänse mit den Hälsen in seinen Gürtel. Allmählich aber erwachen diese aus ihrem Rausch, regen die Flügel und tragen den Schneider durch die Luft davon. Münchhausens Abenteuer entspricht am meisten der französischen Jagd- geschichte, die nach Grisebach auch Bürgers Vorlage bildete. Wenn man aber die nachstehende Geschichte vom Entenfange durch einen Bindfaden mit einem Speckköder liest, die dem ersten Teile von Bürgers Erzählung auffällig gleicht, wird man mindestens zugeben müssen, dass Philippe d'Alcripe nicht die einzige Quelle Bürgers war. Ich entnehme sie einem bisher kaum beachteten Abenteuer- romane, der sowohl als Nachahmung von Grimmeishausens Rriegsschilderungen als durch die eingelegten galanten Lieder^) interessiert: Der verkehrte doch wiederbekehrte | Soldat, 1 Adrian Wurmfeld | von Orsoy, ] . . . Durch Crispinum Ij Vgl. über dies Spiel Bolte-Seelmann, Niederdeutsche Schauspiele 1895 S. *31. Zs. f. Volkskunde 17, 244. Alemannia 35, 126. 2) Neudruck, Paris 1853 S. 66. Übernommen von Du Moulinet, Facecieux devis 1612p. 78. 3) Heinrich Julius von Braunschweig, Schauspiele hsg. von Holland 1855 S. 536 (1594) = Goedeke, Schwanke des 16. Jahrh. 1879 S. 69. — Dagegen fehlt in der Enten- geschichte der Zimmerischen Chronik 3, 568 = Goedeke S. 71 der Flug durch die Luft. 4) Graffunder, Nachtrag zu den Sagen der Mark Brandenburg (Progr. Berlin 1912 nr. 99) S. 20 'Der Schneider von Petersdorf'. Der Herausgeber vergleicht damit Lokis Abenteuer mit dem Adlerriesen Thjazi (Herrmann, Nord. Mythologie 1903 S. 439). 5) S. 8 ein Tabakslied: 'Hab ich schon itzund nichts dann dieses dürre Kraut' (5 Str.). — S. 12 ein March-Liedgen: 'Frisch auff, frisch auff, Soldaten-Blut, Frisch auff, erhebe deinen Muth' (4 Str.; ähnlich Kopp, Ältere Liedersammlungen 1906 S. 87). — S. 15 ein Liebeslied: 'Schwartzes Mädgen, meine Freude' (6 Str. Chr. Weise, Überflüssige Gedanken 2, 52. 1674). — S. 17: 'Gesteh es nur, mein Kind, und lächle nicht zu viel' (7 Str. — Aus Clodius hsl. Liederbuch von 1669 nr. 65 bei Blümml, Futilitates 3, 41. 1908 und bei Hoffmannswaldau, Gedichte 1, 33. 1695). — S. 18: 'Soldaten-Manier Erfordert nicht hier' (2 Str.). Kleine Mitteilungen. 83 Bonifacium | Von Düsseldorp |1 Gedruckt im Jahr 1675. (39 S. 4 ». _ Berlin Pb 11080). Hier steht auf S. 20 folgendes Abenteuer des Helden: Als er sich einmahls zu Fusse in das Holtz geschlichen, ein Wildpret zu suchen, hat er einen grossen Teich angetroifen, auff welchem sich sehr viel wilde Endten befunden^ weil er aher keine Schrot-büchse nicht bey sich, und mit seinem Carbiner nicht viel würde außgerichtet haben, als brauchte er diese List. Er nahm einen Knaul Bindfaden^ machte unten ein Stückgen Speck sehr fest an, und ließ es auff dem Wasser hin schwimmen^ er aber versteckte sich in dem Schliff und laurte, biß die Endten deß Specks gewahr worden, da schwuramon sie mit grossem Geschrey darauff [21] zu. Die erste, auß Beysorg, die andern möchte ihrs wegrauben, verschluckte den Speck sehr geitzig, und worgte sich wegen deß Bindfadens so starck ab, biß der glatte Speck ihr durch den hintersten fahr, welchen flugs eine andere erschnappte, der es wie der ersten ergieng, woraufi auch die dritte herbey kam, mit welcher sichs gleichfalls nicht anders ereignete, also daß Adrian auff einem Zug drey Enden an einem Bindfaden hinter einander herauß ziehen und ihnen die Hälse umbdrehen konte. Ähnlich lautet eine klein russische Erzählung- 'Wie ein Jäger Gänse ohne einen Schuss eingefangen' ^;. 2. Die misslungene Ehestiftung Friedrich Wilhelms I. Über den Ruhm Friedrichs des Grossen beim niederen Volke erzählt der Turnvater F. L. Jahn 2) im Jahre 1800: 'Im Vaterlande und Auslande wurden nun bald alle Begebenheiten, welche Volks- sagen fortpflanzten, auf den großen König übergetragen. So wie im Orient noch jetzt alles Merkwürdige, die größten Denkmäler und wichtigsten Unternehmungen Alexander, dem großen Eroberer, zugeschrieben werden, so wurde in Preußen und Deutschland fast alles Vergangene dem großen König angedichtet. Auf Eeisen durch Preußen und Deutschland habe ich in verschiedenen Ländern die Volkssage erzählen gehört, welche der treffliche Bürger in seinem Abt von St. Gallen verewigt hat»). In Preußen und an- grenzenden Landen ist der Kaiser aus diesem lustigen Märchen verschwunden, Friedrich der Große ist an seine Stelle gekommen, aber der Geistliche und Schäferknecht haben sich behauptet.' Diese Beobachtung Jahns lässt sich, wie hoffentlich nächstens ein besonderer Aufsatz in diesen Blättern genauer schildern wird, auch aus späterer Zeit vielfach belegen. In geringerem Masse als die Gestalt Friedrichs IL hat die seines Vaters, des strengen und sparsamen Königs Friedrich Wilhelm I , sich im Andenken des Volkes fortgepflanzt und dessen Phantasie beschäftigt. Immerhin hat seine Lieb- haberei für die 'langen Kerls' seiner Garde mindestens in einem Falle eine ähn- liche Anekdotenübertragung wie die von Jahn beschriebene veranlasst. In einem lesenswerten Aufsatze machte E. Damköhler*) darauf aufmerksam, dass sich in dem umfänglichen Romane Herzog Anton Ulrichs von Hiaunschweig 'Die römische Octavia' eine Episode finde, die auffällig mit einer Begebenheit aus dem 1) Tarasevskyj, Hnatjuk und Krauss, Das Geschlechtleben des ukrainischen Bauern- volkes 1, 55 nr. 83 (190'.»). 2) Über die Beförderung des Patriotismus im Preussischen Reiche (unter dem Pseudonym 0. C. C. Höpffner gedruckt Halle 1800) S. 7 = Jahn, Werke 1, 4 (Hof 1884). 3) Vgl. Oesterley zu Pauli, Schimpf und Ernst nr. 55. R. Köhler, Kl. Schriften 1, 82. 267. 492. Grimm, KHM. nr. 152 'Das Hirtenbüblein'. Eine Monographie wird von Dr. W. Anderson in Kasan vorbereitet. 4) Zeitschrift für den deutschen Unterricht 22, 595—599 'Anekdotenübertragung' (1908). 6* 84 Bolte: Leben des preussischen Königs übereinstimme. In der unvollendeten letzten, siebenbändigen Bearbeitung der Oetavia, die in den Jahren 1712—1714 erschien, berichtet der Gesandte Vatinius über Julius Vindex, den römischen Statthalter in Aquitanien, (5, G3) folgendes: Es hatte Julius Vindex sich fürgenommen, unter seine Leib-Wache lauter grosse starkke ansehnliche Kerls zu nehmen, und war damit nicht vergnügt, daß die für ihre Persohn und bey selbiger Zeit solcher gestalt angeschaffet wurden, besondern er wolte auch diese grossen Arth auf die Nachkommen fortgepflantzet wissen; daher musten alle diese grosse Soldaten sich mit den grossesten Weibs-Bildern, die man nur im Lande ausfinden konte, vereidigen, daß sonder eintzige Ein- noch Wiederrede öffters Leuthe zu- sammen kamen, die sich vorhin nie gesehen hatten, auch die geringste Zuneigung einer zu dem andern in sich nicht entfunden. Gleich wie nun zu dieser Musterung sich sehr viele Zuschauer, so mehrentheils iu Land-Volcke bestunden, einfanden, also muste es sich auch so fügen, daß Julius Vindex unter denen Weibes-Leuthen eine überaus grosse Dirne erblickte, die ihm gleich so für käme, daß sie sich für einen seiner Soldaten schickte. Er erkiesete demnach eineu darzu, der unferne von dar unter deu damahUgen Obristen Aelius Gracilis eingelagert war, an welchen Obristen danu sofort ein schrifftlicher Befehl ergienge, daß er vorerwehnten Sol- daten mit derjenigen, die ihn diesen Befehl zubringen würde, gleich solte trauen lassen. Diese Dirne nun, welcher solches nicht anstünde, muste zwar gehorsahmen und mit den Befehl fortwandern; unterwegens aber traffe sie eine alte Frau an, welcher sie den Brief gäbe, mit Bitte selbigen an ihrer statt den Aelius Gracilis zu überbringen. Die guthertzige Alte an nichtes arges gedenckend, Hesse sich mit diesem Schreiben gantz gutwillig beladen, welches sie auch dem Aelius Gracilis sofort überbrachte, der den Befehl des Julius Vindex ersehend, nicht wüste, wie er daran war, und es dahin aus- deutend, als wann diesem Soldaten zu sonderbahrer Straffe dis alte Weib solte gegeben werden, forschete er nicht ferners nach, wie es hierum bewand, besondern aus der Er- fahrung wol wissend, daß Julius Vindex ohne einige Wiederrede gehorchet wolte seyn, Hesse er die Alte in eine Neben-Kammer treten und den Soldaten auch zu sich fordern, deme er bedeutete, daß zufolge des erhaltenen schrifftlichen Befehls er ihn sogleich eine Frau solte geben lassen. Der Soldat aus schuldigem Gehorsam war hiezu sofort bereit, mit Verlangen erwartend diejenige zu sehen, so man ihme bestimmet, worauf dann Aelius Gracilis das alte Weib zum Vorschein kommen Hesse. Man kan sich leicht einbilden, wie dieser junge Kerl bey Ansichtigung derselben, wie nicht weniger die Alte bestürzt müsse seyn geworden; massen die, als ihr dieser Fürtrag auch geschähe, fast sinnloß bHebe, daß sie einen so jungen Menschen nehmen solte, der unmügHch wohl mit ihr würde hausen können. Ihrer beider Wiederreden halöe aber nichtes, weil der gemessene Befehl des Stadthalters da war, sondern es muste sofort ein Druide erscheinen, der die gewöhnHchen Gebräuche bey der Hochzeit solte verrichten. Die Verzweifflung demnach, so den gezwungenen Bräutigam und die gezwungene Braut darauf überfiele, verursachte, daß sie an statt sich die ehHche Hand zu geben, sich beiderseits einander in die Haare fielen und mit allen Kräfften sich zur wehre setzeten. Da dann der starcke Soldat die schwache Frau dergestalt zurichtete, daß, ehe man diese Gewaltthätigkeiten steuren konte, sie von Eyfer, Schrecken und von ihres Bräutigams plumpen Umfahungen nicht allein ohnmächtig wurde, sondern auch darauf so schwehrlich befiele, daß unumgängHch die Vertrauung aufgeschoben muste werden. Einige Tage nach der verrichteten Musterung bekäme Julius Vindex von dem Aelius GraciHs hievon Bericht, der also lautete: Daß, so gerne er auch dem Befehl des Stadt- haiters sofort woUen ein Genügen thun, die WiedersetzHchkeit der beiden Persohnen dennoch so groß gewesen wäre, daß er noch zur Zeit damit inhalten müssen. Juhus Vindex, der aus diesem Bericht nicht erfahren, daß ein Irrthum in der Persohn für- gegangen, ergrimmete dergestalt auf den Soldaten, daß der an Händen und Füßen ge- schlossen, sofort ins Lager gebracht muste werden, da man seines Ungehorsams halber ihn zum Tode verdammete und sogleich auf den Richtplatz führte, allwo er getödtet Kleine Mitteilungen. 85 solte -R-erden. Die Neugierigkeit brachte daselbst viel Volck zusammen, unter denen sich dann auch nebst andern die grosse Dirne befunde, so dieses Spiel angerichtet, die, den jungen frischen Soldaten ersehend, deme man sie bestimmet gehabt, in sich ein Mit- leiden empfände und, um ihn vom Tode zu retten, alles bekannte, wie sie es damit an- gefangen. So sehr des Julius Vindex Zorn zuvor entbrandt gewesen, so sehr verwandelte sich derselbe hierauf in ein gnädiges Urtheil, daß sowohl der Dirne ihr Fürwitz, als dem Soldaten sein Ungehorsam vergeben und sie beide darauf mit einander verehlicht wurden. Die entsprechende Geschichte über den preussischen Soldaten, für die Dam- köhler nur K. F. Beckers Weltgeschichte 7, 274 (1886) als Beleg anfuhrt, ist oft erzählt und bearbeitet worden^); ich setze sie nach dem ältesten mir bekannten Bericht in dem 11. Bande der 'Karakterzüge aus dem Leben König Friedrich Wilhelm I.' (Berlin 1797) S. 98—104 her: Einst befand sich der König auf einen Spatzierritt in der Nachbarschaft von Pots- dam, als ihm auf dem Wege ein wohlgewachsenes Mädgen entgegen kam. Ihre ansehn- liche Leibesgestalt fiel ihm gleich in die Augen. Er wandte sich zu den ihn begleitenden Generaladjutanten von Derschau^) und sagte zu ihm: Nicht wahr, das wäre so ein Mädgen für MackdoU? (Dies war ein Irrländer, der bei den groi3en Grenadiers stand, und welcher dem Könige sehr gefiel, indem er ein schöner Kerl war.) Derschau wagte es nicht zu widersprechen und gab dem Monarchen geradehin Beytall. Wo willst du hin? fragte hierauf der König dem [!J Mädgen. Diese, welche ihn nicht kannte, antwortete ganz schüchtern: Nach Potsdam, lieber Herr. — So? fuhr der König fort, willst du mir wohl einen Gefallen thun und etwas an den Kommandanten da zu [!] bestellen? — Warum nicht, antwortete das Mädgen. Sogleich mußte Derschau ein Blatt Papier aus der Brief- tasche geben, worauf der König schrieb: Sobald Überbringerin dieses zu euch kömmt, so laßt sie ohne Verzug und Widerrede dem Mackdoll antrauen. Dies Blatt schlug der König zusammen, gab es dem Mädgen und band es ihr recht ernstlich ein, es ja sogleich abzugeben, welches sie zuversichtlich versprach. Hierauf schenkte er ihr einen Gulden und verließ sie, mit sich selbst vergnügt, ein gutes Werk gestiftet zu haben, und zu- frieden, daß sein Mackdoll eine so gute Frau bekommen würde. Inzwischen dachte das Mädgen nach, was das wohl zu bedeuten haben möchte. Ein Gulden für den kleinen Dienst schien ihr zu viel, und da sie etwas blöde war und nicht lesen konnte, so sann sie nach, wie sie sich dieser ihr verdrießlichen Kommission ent- ledigen könnte. Indem sie darauf dachte, begegnete ihr kurz vor Potsdam ein altes Weib, welches sie anredete und ihr sagte, sie hätte eine Bestellung bei einem Officier in Potsdam, der der Kommandant hieße; da sie aber nicht gerne bei Oi'ticiere ginge, weil die Herren nicht immer mit den Mädgen gut umgingen, so wollte sie ihr einige Groschen geben, wenn sie die Mühe übernähme und dies Billet an den Kommandanten abgeben wollte. Das Weib versicherte, daß sie diesen Kommandanten wohl kenne, daher sie keine Bedenklichkeit fände, für diese kleine Mühe einige Groschen zu verdienen, und versprach alles wohl auszurichten. Das Mädgen gab ihr mit Freuden das Billet nebst einigen Groschen, und darauf schieden sie. Sogleich ging das Weib zum Kommandanten, der das Billet durchlas, fand, daß es*) mit des Königs Hand geschrieben war, sähe aber mit Verwunderung das Weib von oben bis unten an und konnte nicht begreifen, wie der Monarch zu dieser Idee ge- 1) Fr. Förster, Friedrich Wilhelm 1. König von Preußen 2, oüO (Potsdam 1835); A. Streckfuß, 500 Jahre Berliner Geschichte 1880 S. 310; Julius v. Voß, Berlin 1724 (Lust- spiele für das kgl. Hoftheater zu Berlin 1824. J. Hahn, J. v. Voß 1910 S. 130) usw. 2) Der Generaladjutant CR. v. Derschau, Major, später Oberst beim Forcadischen Infanterie -Regiment, ITiJS Kommandeur des späteren Regiments Prinz von Preußen, t 1742, war ein Liebling des Königs (Beneckendorf 1, 89, 2, 37. AUg. dt. Biographic 5, (i7). 3' er] Druck. 86 Bolte: kommen wäre, mit einem solchen abgelebten Gerippe einen so schönen Kerl, als der Grenadier war, zu verheirathen. Inzwischen beschloß er zu gehorsamen. Mackdoll mußte erscheinen, ein Prediger gleichfalls, und nachdem er ihnen des Königs Willen be- kannt gemacht hatte, befahl er die Trauung vorzunehmen. Mackdoll wollte unsinnig werden und protestirte dagegen aus allen Kräften. Das half aber zu nichts, da ihm der der Kommandant die Ordre des Königs vorzeigte und sagte, daß dawider nichts einzu- wenden sey: er müsse sich fügen. Nach der vollzogenen Kopulation, die sehr unruhig herging, ließ der Kommandant das neue Paar in Mackdolls Quartier eskortiren, weil letzterer von nichts wissen wollte und seiner neuen Gattin, die ebenfalls nicht begreifen konnte, wie ihr geschehen und ganz stumm geworden war, eine nicht geringe Anzahl Rippenstösse beibrachte, die sie nicht verdient hatte. Kaum war der König auf den Abend zurückgekommen, als er nachfragen ließ, ob der Kommandant seine Ordres vollzogen habe und Mackdoll kopuliren lassen. Dieser ließ zurück melden, er hätte Sr. Majestät Befehl zwar gehorsamst beobachtet, allein er befürchte, daß ein Unglück entstehen werde, weil sich das Paar unmöglich für einander schicke. Der Kerl ist ein Narr, sagte der König lächelnd, sie werden sich wohl an ein- ander gewöhnen. In der Abendgesellschaft sprach er noch viel von der gestifteten Heirath und versicherte, daß man seinem Beispiele, stets Gutes zu thun, wo man könne, nachzuahmen sehr wohl thun würde. Am folgenden Tage ganz früh trat Mackdoll den Monarchen an und beklagte sich gegen ihn heftig, daß man ihn mit Gewalt und wider seinen Willen mit einem so häß- lichen alten Thiere zusammengebracht und auf dessen Befehl kopulirt hätte. Der König wunderte sich über diesen Ausdruck sehr und erwiederte, er müsse keine Augen im Kopfe haben, um das artige Mädgen zu sehn, das er selbst für ihn gewählet hätte und von dem er zuverlässig glaube, daß er mit ihr glücklich sein werde, wozu er denn noch übrigens alles weiter beitragen wolle. Mackdoll wußte gar nicht mehr, was er sagen und vorbringen sollte, um sein Unglück zu schildern; so unzusammenhängend und wun- derbar war ihm alles, was mit ihm vorgegangen war. Inzwischen nahm er nochmals alle seine rednerische Kräfte zusammen, beschrieb dem Könige das alte Weib, so gut er konnte, indem er gebrochenes Deutsch sprach, und fragte, ob er wohl mit einem solchen Geschöpfe glücklich seyn könnte; lieber wolle er sich ersäufen als das Ungeheuer länger um sich leiden. Der König wüste nun auch nicht aus der Sache klug zu werden und befahl, den Kommandanten sowohl als die neue Frau eiligst vor ihm zu bringen. Als sie gekommen waren und der König die letztere erblickte, wußte er gar nicht,- was er zu diesem allen sagen sollte, und schwieg einige Minuten ganz ernsthaft still Mackdoll rief nun aus: Nun, Ew. Majestäten, sehen Sie nun das schöne Thier! Mit der soll ich leben! Lieber todtl — Hierauf erzählte der Kommandant dem Könige, wie alles geschehen sei, und dieser merkte nun wohl, daß das Mädgen ihn, den Kommandanten und am meisten den armen Mackdoll hintergangen habe. Er schalt heftig darauf und verlangte, dass man die H . . . aufsuchen sollte; die sich aber nirgend finden lassen wollte. Mackdolls Ehe ward sogleich für null und nichtig erkläret, und dieser erhielt ein Ge- schenk, um alles wieder zu vergessen. Über die enge Verwandtschaft dieser beiden Anekdoten kann kein Zweifel herrschen, ebensowenig darüber, dass die Lösung bei Anton Ulrich durch den Jähzorn des Statthalters, der den armen Ehemann wider Willen zum Tode ver- urteilt, und durch das Schuldbekenntnis der reuigen Dirne bedeutend romanhafter und effektvoller wirkt als der zahme 'Schluss der Potsdamer Geschichte, wo der König die Ehe aufhebt und den bedauernswerten Soldaten durch ein Geschenk tröstet. Nun hat Damköhler (Zs. f. dt. Unterricht 22, 598) darauf hingewiesen, dass die Erzählung noch nicht in der vorhergehenden sechsbändigen Ausgabe der Octavia von 1711 steht und somit vom Herzog 1712 oder 1713 hinzugefügt sein muss^), dass ferner Friedrich Wilhelm I. am 25. Februar 1713 den preussischen 1) Über die bis zu seinem Lebensende währende Arbeit des Herzogs Anton Ulrich Kleine Mitteilungen. 87 Thron bestieg und möglicherweise ein Vorfall aus den ersten Monaten seiner Regierung den Anlass zu jener Einschaltung in den Roman lieferte^). Diese Möglichkeit jedoch erscheint an sich wenig glaublich und verliert noch mehr an Wahrscheinlichkeit, wenn man das älteste Zeugnis für die Potsdamer Geschichte näher ins Auge fasst. Die 11. Sammlung der 'Karakterzüge' nämlich ist nicht wie die voraufgehenden 10 Bände von dem Präsidenten K. F. v. Beneckendorf (f 1788), sondern von einem wenig gebildeten, breit erzählenden Anonymus ver- fasst, der in der Vorrede S. 4f. selber bekennt: 'Um diese Sammlungen nicht allein zu vermehren, zu ergänzen und vollständiger zu machen, hat man alles auf- gesucht, was dazu dienen kann .... Und wenn es auch seyn sollte, daß eine oder die andere Anekdote nicht ganz so der Wahrheit gemäss vorgetragen wäre, als es bey näherer Kenntniß mit ächten Quellen hätte seyn können, so thut dies zur Sache wenig oder nichts, indem sie doch immer in den [!] Ton abgefaßt ist, in welchem sie sich bis jetzt von Mund zu Mund erhalten hat, und also wird sie stets eine Art von Eigenthümlichkeit behalten, welche sie der Aufbewahrung werth macht.' — Es ist also nach dem eigenen Geständnis des Verfassers eine trübe Quelle, aus der die späteren Berichterstatter wie Friedrich Förster, K. F. Becker usw. geschöpft haben, und trotz der bestimmt auftretenden Personennamen V. Derschau und MacDoll werden wir ihr so wenig Glauben schenken, als etwa der Anekdote vom BrotlöfTel, den der alte Ziethen an der Tafel Friedrichs des Grossen improvisierte^). Entweder stammt die Potsdamer Geschichte aus der Römischen Octavia oder aus einer noch unbekannten älteren Vorlage für diese ^) ab und ist später auf den durch eine Vorliebe für hochgewachsene Soldaten be- kannten Friedrich Wilhelm I. übertragen worden. 3. 'Hast du denn mehr?' Vor einigen Jahren ging eine Geschichte durch die Zeitungen, die dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg bei einem Aufenthalte auf einem mecklen- burgischen Rittergute begegnet sein sollte, als er frühmorgens allein umher- wandelnd, sich mit einem Hütejungen unterhielt. Genau dieselbe Geschichte finde ich jetzt bei einem vergessenen oldenburgischen Schriftsteller G. A. von Halem wieder, der sie vor mehr als hundert Jahren in seinen Schriften 1, 269 — 275 (Münster 1803) von einem alten Herzoge von Baiern erzählt. Bei einer Unter- haltung über den Ausspruch des Sokrates, Genügsamkeit sei der natürlichste Reich- tum, berichtet der Herzog folgendes Erlebnis (S. 274): an seinem grossen Eomane vgl. Zimmermann, Braunschweigisches Magazin 7, 90. 102 (1901); auch Bolte, Zs. f. vgl. Literaturgeschichte 3, 454. 1) Dass Anton Ulrich vielfach Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Per- sonen einflocht, ist bekannt: doch existiert gerade zur 'Gesandtschaft des Vatinius' (4. Aus- gabe 1712 5, 57—67) kein Schlüssel: s. Zimmermauu, Br;iuuschweigisches Magazin 7, 108. Es gab aber auch vor dem preussischen Könige Fürsten, die auf eine Garde von Riesen ausserordentlichen Wert legteu und dadurch dem brauuschweigischen Herzoge Anlass zu einem kleinen Stichelschwanke geben konnten. 2) Vgl. darüber Bolte, Forschungen zur braudeuburgisch- preussischen Geschichte 11, 204 (1898). 3) Vielleicht deuten auf eine solche gedruckte Quelle die Schlussworte des Vatinius bei Anton Ulrich: 'Des damahls berühmten Petronius seine nunmehr bekannte Schrifft Eustion hat diese Begebenheit gar artig ausgefnhret . . . gleichwie ich bey meinem Herrn, den Calpurnius Piso, selbige nachdem mit meiner großen Belustigung gelesen.' 88 Bolte, Caland: Icli traf auf dem Felde, nahe bei der Wildbahn, einen Bauernknaben, der die Schafe hütete. Er kannte mich nicht. Ich liess mich mit ihm in ein Gespräch ein. 'Wie viel Lohn bekommst du?' — 'Ich habe Kost und Kleidung.' — 'Was mehr?' — 'Sonst nichts.' — 'Ei,' erwiderte ich, 'das ist doch zu wenig.' Der Knabe sah mich an von oben bis unten; dann fragte er schnell: 'Hast du denn mehr?' Die Frage machte mich stumm. So viel Wahrheit in vier Worten hatte ich noch nie gehört. Glaubt ihr's wohl, dass ich nicht das Herz hatte, dem genügsamen Buben Avas zu schenken? Ich ritt meines Weges. Berlin. Johannes Bolte. Der Schwank vom Zeichendisput in Litauen und Holland. Im 31. Heft rler Mitteilungen der Litauischen literarischen Gesellschaft (1912) werden von den verschiedensten Dialekten des Litauischen von Dr. A. Doritsch eine Menge Proben mitgeteilt. Eine von diesen, in der Mundart von Wisborienen abgefasst, lautet in möglichst wortgetreuer Übersetzung wie folgt: Ein gewisser Spanier war einmal in Gesellschaft eines Fürsten in der Stadt London angekommen. Nach dem Mittagessen fragte er den Fürsten, ob nicht in dieser Stadt jemand zu finden wäre, der die Geberdensprache zu reden verstände. „Freilich nicht hier," antwortete der Fürst, „sondern (wohl) in Glasgow." „Gut," antwortete der spanische Professor, „dann werde ich (dahin) reisen." Da bedachte der Fürst mit Schrecken, was er jetzt machen sollte; da depeschierte er sofort nach Glasgow an die Studenten der Universität, dass ein Professor Soundso dort- hin auf Reisen sei, der die Geberdensprache reden wolle. Da erschraken auch jene, und (unmittelbar) nachdem die Depesche eingelaufen, war auch dieser Spanier da. Als er fragte, ob der Professor (da) war, der die Geberdensprache zu reden verstand, antworteten sie: „Er ist nicht zu Hause, er ist verreist." Da antwortete der Spanier: „Ich werde warten, wenn auch drei Tage; ich will mich mit ihm unterhalten." In der Stadt gab es nun einen gewissen Fleischer, der nur ein Auge hatte, Nilsen mit Namen. Die Studenten bestellten diesen zu sich (und fragten ihn), ob er es nicht übernehmen wolle, mit dem spanischen Professor die Geberdensprache zu reden. Als er es übernommen hatte, kleideten sie ihn in die Professoren-Toga, und als sie fertig waren und der Fleischer ein Stück Brot in der Tasche hatte, wie die Fleischer, wenn sie die Schenke besuchen, beim Schnaps davon einen Bissen zu nehmen lieben — jetzt als der Fleischer fertig war, riefen sie den Spanier und sagten ihm, dass der Professor schon von der Reise zurück- gekehrt war. Da begab sich der Spanier auf den Rasen, wo jener Professor war. Beim Eintreten verbeugte sich der Spanier, und der Fleischer ver- beugte sich dreimal so viel mehr. Da steckte der Spanier einen Finger empor, der Fleischer aber steckte zwei empor. Der Spanier steckte drei Finger empor, der Fleischer aber, die ganze Faust zusammenkneifend, hielt ihm dieselbe vor. Der Spanier nahm eine Apfelsine aus seiner Tasche und hielt ihm dieselbe vor. Der Fleischer nahm das Stück Brot aus seiner Tasche und hielt ihm dasselbe vor. Jetzt hatten die beiden alles ausgeredet, und als alles erledigt war, verbeugte sich der Spanier, und der Fleischer verbeugte sich wiederum seinerseits. Als der Spanier jetzt in das Universitätsgebäude hereinkam, da fragten ihn die Studenten, wie er sich mit dem Professor unterhalten hätte. Da antwortete jener: „Pracht- voll! Solch einen Menschen habe ich weder in Spanien noch anderswo angetroffen wie in Glasgow: ich steckte ihm einen Finger empor, da steckte er mir zwei Kleine Mitteiluiigeu. 89 empor; ich steckte ihm drei empor, da hielt er mir die ganze Faust vor; ich zeigte ihm eine Apfelsine, da nahm er ein Stück Brot aus der Tasche und hielt es mir vor." Der spanische Professor entfernte sich. Jetzt riefen sie den Fleischer zu sich. Der Fleischer nun antwortete ihnen: „Wenn ich mit ihm auf der Strasse zu reden bekommen hätte, würde er Prügel bekommen haben. Er steckte einen Finger empor und zeigte, dass ich nur ein Auge habe; ich steckte ihm zwei Finger empor und zeigte, dass ich mit dem einen Auge soviel sehe wie er mit den zwei; aber er steckte wieder drei Finger empor und zeigte mir, dass wir beide nur drei Augen hätten. Es ist sein Glück, dass wir uns nicht auf der Strasse getroffen haben." In dieser hübschen Geschichte vermissen wir etwas, nämlich erstens die Deutung der Geberden von seiten des spanischen Professors und zweitens den Schlussteil der Deutung der vom Fleischer ausgeführten Gesten. Dieselbe Geschichte nun, aber vollständig, ist in Holland bekannt. Mein Kollege und Freund Dr. S. D. van Veen, Professor der Theologie an der hiesigen Universität, erzählte sie mir einst in der folgenden Weise. Er hatte schon als Student die Geschichte von jemandem erzählen gehört, konnte sich aber seines Gewährsmannes nicht mehr entsinnen. Ein indischer Prinz kam nach Holland und wollte auch die Leidener Universität besuchen. Die Studenten wollten ihm alle Ehre erweisen und zu gleicher Zeit einen guten Eindruck ihrer Universität beibringen. Als Bauern ver- kleidet reisten sie ihm entgegen. In einem Dorfe redeten einige von ihnen den Prinzen auf Lateinisch, in einem zweiten einige andere auf Griechisch, in einem dritten wieder einige auf Hebräisch an. Da war der Prinz ausserordentlich er- staunt. „Wenn schon die Bauern in diesem Lande so gebildet sind, wie müssen da erst die Leidener sein," sagte er, ,,und dann wird es dort unter den gelehrten Professoren wohl auch einen geben, der die Geberdensprache zu reden versteht." „Gewiss," wurde ihm geantwortet. „Dem möchte ich wohl gerne einmal be- gegnen," sagte der Prinz wieder, „ich selber habe nämlich auch ein besonderes Studium dieser Sprache gemacht." Man versprach nun, ihm Gelegenheit zu geben, sich auch in dieser Sprache zu unterhalten. Nun hatten die Studenten einen ge- wissen einäugigen Kees als ihr Faktotum in ihrem Dienste; dieser wurde von den Studenten gerufen, und nachdem man ihn als Professor gekleidet hatte, wurde er beauftragt, sich genau nach den Vorschriften zu betragen: er solle einem Herrn begegnen, dürfe aber kein Wort reden, sondern nur Geberden machen. Jetzt wurde dem orientalischen Prinzen mitgeteilt, dass der Professor der Ge- berdensprache bereit sei, ein Kolloquium mit ihm zu halten. Als sich die beiden zur bestimmten Zeit und am bestimmten Orte eingefunden hatten, verbeugte man sich gegenseitig, und der Prinz steckte einen Finger empor, worauf Kees zwei erhob. Darauf steckte der Prinz drei Finger empor, Kees aber zeigte ihm die geballte Faust. Der Prinz hielt dem Kees eine Apfelsine vor. Kees aber holte ein Stück Brot aus seiner Tasche und zeigte ihm dasselbe. Als die Unterredung damit beendet war, bezeugte der Prinz den Studenten seine grosse Zufriedenheit über den in der Geberdensprache so überaus erfahrenen Professor. „Denn," so sagte er, ,,wir haben eine tiefsinnige Unterredung über theologische Sachen ge- führt. Ich sagte ihm: „Es gibt nur einen einzigen Gott: Allah," da antwortete er, indem er zwei Finger empor hob: „Und dennoch glaubet ihr, dass Mohammed der Prophet als zweiter neben ihm steht." Da erhob ich drei Finger und sagte damit: „Aber ihr Christen glaubt auch an die Dreieinigkheit." Da erhob er die geballte Faust und besagte damit: ,,Und diese drei sind Eins" (1. Joh. 5, 7). 90 Caland, Bolte, Müller: Da holte ich eine Apfelsine aus der Tasche hervor und versicherte ihm damit, dass wir doch denselben Gott erkennen, der die Welt geschaffen und alles so schön gemacht hat; er seinerseits zeigte mir ein Stück Brot, damit andeutend: „Der Mensch lebt nicht allein von Brot, sondern von einem jeglichen M^orte Gottes" (Luk. 4,- 4). — Nachher wurde aber der Kees von den Studenten befragt, was er denn eigentlich mit dem fremden Herrn gemacht habe. „Der verfluchte Kerl!" antwortete Kees. „Er hat angefangen mich tief zu beleidigen, indem er, einen Pinger emporsteckend, sagte: „Nur ein Auge hast du." Ich erwiderte un- mittelbar, zwei Pinger in die Höhe steckend: „Und ich sehe mit meinem einen Auge gerade so viel wie du mit den zwei." Er aber steckte drei Pinger empor, wo- mit er offenbar sagen wollte: „Wir beide haben aber doch nur drei Augen." Da wurde ich böse und zeigte ihm meine geballte Paust. Er aber wollte mich ver- söhnen, indem er mir eine Apfelsine darbot. Da sagte ich, ein Stück Brot aus meiner Tasche nehmend: „Kerl, friss du Brot," und damit kehrte ich ihm den Rücken." — Vielleicht ist diesem oder jenem Leser dieser Zeitschrift der Ursprung dieser Geschichte bekannt, wodurch es möglich wird zu erklären, wie dieselbe in so weit voneinander entfernten Ländern wie Litauen und Holland gleichlautend ge- funden wird. Utrecht. Wilhelm Caland. Die vorstehende Geschichte von der Disputation durch Zeichen zwischen einem Gelehrten und einem üngelehrten wird schon im 13. Jahrhundert von dem Juristen Accursius, im 14. von Giovanni Sercambi und Juan Ruiz, im 15. von Hans Rosenblüt, im 16. von Francois Rabelais und Beroalde de Verville erzählt, von vielen andern zu schweigen; vgl. R. Köhler, Kleinere Schriften 2, 479 (1900) und dazu etwa Toldo, Revue des etudes Rabelaisiennes 1, 23 (1903); Spina, Die alttschechische Schelraenzunft Prantova prava 1909 S. 172; Chauvin, Bibliographie des ouvrages arabes 8, 125; Revue des traditions pop. 26, 178. — Die litauische Passung des Schwankes zeigt deutliche Abhängigkeit von einem englischen Volks- buche 'George Buchanan the king's fool', das J. Napier (Polk-lore Record 3, 127. 1880) nach einem um 1830 zu Glasgow erschienenen Drucke besprochen hat; hier disputiert ein spanischer Professor in Aberdeen mit einem Schuhmacher. Viel- leicht bildete eine englische Grammatik, eine Zeitung oder ein Kalender die Brücke für die Übertragung des Schwankes nach dem Osten; doch kann natürlich auch mündliche Übertragung stattgefunden haben. Johannes Bolte. Nachbarreirae aus Obersachsen. Die Dorfgenossen unserer alten Dörfer bildeten seit altersher eine innige Lebensgemeinschaft, die in Preud und Leid zusammenhielt. Dass innerhalb einer solchen die Eigenart des Einzelnen, besonders dessen Eigentümlichkeiten und Sonderbarkeiten allen klar vor Augen lagen, ist natürlich. An diesen Eigenheiten hat von jeher der Kritische und Spottsüchtige unter den 'Nachbarn' seine Zunge gewetzt und sie in Spitznamen und Spottreimen der Öffentlichkeit und Allgemeinheit möglichst drastisch ins Ohr gerufen und diese öffentliche Kritik in Umlauf gesetzt. Kleine Mitteilungen. 91 Während die Kinder in ihren persönlichen Spottreimen an die Vornamen an- knüpfen und diese selbst möglichst verunglimpfen, bedienen sich die Erwachsenen der Familiennamen oder der traditionellen Beinamen. Neben Reimen, die auf einzelne bestimmte Personen gemünzt sind, erregen besonderes volkskundliches Interesse die sogenannten 'Nachbarreime', längere volkspoetische Gebilde, in denen in einer Art Kettenreimen die Bewohner des ganzen Dorfes oder einer Strasse durchgehechelt werden. Die Volkspoesie ist ja auch sonst reich an ähnlichen Erscheinungen in den Kettenreimen, Kettenpredigten, Zählgeschichten, Klöppel- reimen usw., das Volk liebt es, rhythmische und gereimte Sätze mit einer festen gegebenen Reihe zu verknüpfen. So sind auch die Reihereime in vielen Dörfern unserer mittel- und norddeutschen Gebiete sehr beliebt und verbreitet. 1896 hat bereits Andree oben 6, 'öGlf. auf diese Bauernspottverse hingewiesen, ebenso in seiner 'Braunschweiger Volkskunde' S. 459 f., wo er sie als Nachbarreime und Bauernreihereime bezeichnet, betont, dass sie sehr alt sein müssten^). Sie haften häufig mehr am Hofnamen als am Namen etwaiger neuer Besitzer, werden aber durch neue Zusätze für Zugezogene vermehrt. Selbst in alten Städten, wie Braun- schweig, sind sie nachweisbar, so heisst es in einer 'dat schichtspeeV genannten Reimchronik von 1492 über die Braunschweiger Bürger: Hans Scheppenstidde de goltsmedt Hinrik Wetenborne nastredt, Hinrik Myddendorp de güde was in der herschop by mode, Hinrik Scrader, Hennigh Reymbolt, Hans Pitik was tomalen stolt usw. (Z. f. Vk. G, 369.) Noch um 1840 gab es in einigen Braunschweiger Strassen ähnliche Nachbar- reime, so in der Wilhelmstrasse: Daubert de lert, Glindemann de smert, Stockmann kikt an de wand, Schwartz is in de ganse Welt bekannt, Graf Schulenburg wont in de midde, Schreiber hat ne gue stidde, Kuhlmann, de de Anzeigen dräggt, Michel, de dat Dach besläggt, [Winter?] de hat fülen kese, Meyer is darum böse. Hecht, de vele kinner hat, Gemmeke frett sik nimmer satt. (Braunschw. Vk. S. 460f.) Man erkennt schon aus diesen wenigen städtischen Beispielen, denen Andree viele andere aus niederdeutschen Dörfern anreiht, die eigenartige ähnliche Form und die volkskundliche Bedeutung des Inhalts. Aus meinen umfangreichen Samm- lungen zum Kinder- und Volkslied im Königreiche Sachsen seien folgende ver- wandte Erscheinungen aus diesem Gebiete angeführt und dann einige Parallelen aus verschiedenen Gebieten angeschlossen. A. Spottreime gegen Einzelne. 1. Busa, ty ko^ana dusa ta sukna je t'i kuSa. (Wendisch: Busch, du lederne Seele, der Rock ist dir zu kurz.) (Radibor, sächs. Oberlausitz) ^). 1) Vgl. auch W. Seelmann, Nachbarreime (Jahrbuch für niederdeutsche Sprach- forschung :'>G, 65 — 74). 2) Die wendischen Reime stammen aus der Sammlung Pilks im Archiv d. Ver. f. Sächs. Volksk. zu Leipzig. 92 Müller: 2. Bennewitz, Bennewitz hascht en Floh, Bennewitz, Bennewitz kriegt'n nich, Bennewitz, Bennewitz ärgert sich. (Eosswein. Dähnhardt, Volkstümliches aus Sachsen 2, 148.) 3. Baldauf gieh ne Dorf nauf, klaub Zeppln (Gebäck in Zopfform) auf, schmier Butter drauf, 's schmeckt gut. (Kleinrückerswalde i. Erzg.) 4. Stille, stille, sonst kimmt der Burthels Hille, Hat e Sack voll Steene, die wirft dreh alle a de Beene. (Hertigswalde b. Sebnitz.) 5. Boßler Lob (= Gottlob) hot Sopp verschott mitten offn Wäg, kimmt der Gelner (Gelenauer) Ehregott, dar frißt se mitn dräk. (Ehrenfriedersdorf i. Erzg.) 6. Bäle mit dr weißen Fahle (= Falbe, Pferd). (Lawalde, Oberlaus.) 7. Eichelgruß hot e Löchel in Fuß, steckt 6 Eöhrl rei, nahn kimmt Wasserbrei. (Thalheim i. Erzg.) Spottreim eines Kuhjungen, der an der Haustüre seines Herrn angeschrieben gefunden wurde, als jener ausgerissen war: 8. Gute Nacht, Günther, bei dir is nischt 'n Sommer, viel wenger'n Winter, bei dir is weiter nischt wie Fleh und Drack, gute Nacht, der Kuhjung is wag. (Dänkritz i. Erzg.) Auf eine Wirkmagd: 9. Franziska Gabler heiß ich, schön bin ich, das weiß ich, schön bin ich von Angesicht, dreizehn, vierzehn zähl ich nicht. Geh ich in Gesellschaft mite, ei, so mach ich große Schritte, doch der Gang verändert nicht und de Flieh sind mir gemeen, ich ho a ganzes Nest derheem. (Dittersbach b. Ostritz.) 10. Günzels Wilhelm bläst Posaune, wenn an Dürfe is wos lus, huttr ober schlechte Laune, wird de Äberlippe grüß. (Herwigsdorf b. Zittau.) 11. Hantus sedzi w sacku zomi ma kaz kacku. (Hantusch sitzt im Nestchen, eine Frau hat er wie ne Ente). (Radibor b. Bautzen.) 12. Handrika ma wjela bozu zonu ma kaz staru kozu. (Handrik hat viele Holunder, eine Frau hat er wie ne alte Ziege.) (Radibor b. Bautzen.) 13. Härtelmaus gecht de junge Hihner aus, gecht se bis of Wiesental, kriegt en Dreier überalL (Ehrenfriedersdorf i. Erzg.) 14. Hentschel Bentschel Besenbinder, du verfluchter Rattenschinder. (Cunewalde, Oberlaus.) 15. Herrmanns Schimmel war imgefall'n, se hurtens bis a Rummeah (Rumburg i. B.) knall'n. (Ebersbach, Oberlaus.) 16. Klonkemichel, Klonkemichel, heirot net, nahm das alle dicke fette Sauleder net. Gald hot se wühl, schie sieht se net, Klonkemichel, Klonkemichel, heirot net. (Thalheim i. Erzg.) Kleine Mitteilungen. 93 17. Kodn Fitzfud'n, zieh übr dn Teich, drei Mützen, drei Spitzen, is Kodn sei Reich. (Östl. Erzgeb.) 18. Kümmelandrcs, Kümmelandies, wo bist de gewest? Bi drin meiner Wies' rümgehupft, ho mr weng Kümmel zamgezupft. Kümmelandres, Kümmelandres, wo bist de gewest. Dieser Reim ist schon traditionell geworden in mehreren Orten des Vogt- lands. 19. Hüller Lieb hat's Geld vertan mit de Mäd im Stalle, hat ersch uf de Scharz gezählt, hat gesät, 's is alle. (Hainichen.) Der Name wechselt bei diesem traditionell gewordenen Reime. '20. Fritzens Lobs Lirche (?) ließ an Bumbs (Leibwind) a de Kirche, ließ an Bumbs as Butterfaß, Sapperlot, wie knallte das. (Oderwitz, Oberlaus.) Auch hier ist ein sonst traditioneller Reim aus einer Scherzgeschichte auf eine bestimmte Person gemünzt worden, ebenso wird häufig derselbe Spottreim auf Personen gleichen Familiennamens bezogen. 21. Meier schlacht ein Kalb, und Jedermann nimmts halb. (Mühlbach.) 22. MüUersch Auguste, wenn de nich willst, da mußte. (Hainichen.) 23. Mlynkowa, ricata, tajka dolha whota. (Müllerin großarschige, so eine langbeinige). (Radibor.) 24. Moritz Schwenke ging in die Schenke und huppt über die Bänke, was ist das für eine Mengenke (= Verwirrung). (Mühlbach.) 25. Natus, Tatus, beio konja, w^;itke psy so za nim konja. (Natusch, Tatusch [hast] ein weißes Pferd, alle Hunde laufen ihm nach). (Radibor.) 26. Nudelmüller vu Breetenburn ging uffs Siessen Kuchen schnurrn (= betteln). (Oderwitz,) 27. Pippigslob, Pippigslob, gehste de mit in de Pflaume? Ich ka net miet, ich ka net miet, ho an biesen Daume. (E. Werdau.) 28. Recklebäck, mir schmeckts heit net, wenn ich ner Reckele*) hätt'. (Netzschkau i. Vogtl.) 29. Die Schniebsen in der Bude saß und verfaulte Griebsche aß. (Löbau.) 30. Sattler Karlie Brotwurscht und Brüh, Sattlerkar Hannel, Brotwurscht und Sammel. (Zschorlau i. Erzg.) 31. Stocke hoppe, friß de Soppe mit e Toppe. (Kaiiienz.) 32. Schießelbeen, Schießelbeen gieht an Dürfe runter, hot a schienes Röckel a und a bloes drunter. (Eibau, Oberlaus.) 33. Schubertlob, Schubertlob, geh nur in de Pflaume! Ka net miet gieh, ho en biesen Daume. Schubertlob, Schubertlob, geh nur in de Schuten! Ka net miet gieh, ho en biesen Pfuten. (Zschorlau i. Erzg.) 1) Reckele, ein Roggengebäck. 94 Müller, Röheim, Höfler: 34. Viertelland hat den Finger verbrannt of dr kalten Ofenbank. (Affalter i. Erzg.) 35. Schmiedeheckel hots Feuer an Säckel, hots Feuer am Loche de ganze Woche. (Friedersdorf b. Löbau.) Leipzig. Curt Müller. (Schluss folgt.) Nachtrag zu den Igelsagen. (Oben 23, 407 f.) Nach Drucklegung meines Aufsatzes finde ich noch folgende Fassung: k) Aus Neu-Süd-Wales. Wathi-wathi und Wonghibonstämme. Das wenige Essen, welches vorhanden war, wurde dem Ameisenigel zur Auf- bewahrung anvertraut, alle anderen waren auf der Suche nach neuen Vorräten. Sie hatten jedoch wenig Glück, und am Nachmittag bei ihrer Rückkehr fanden sie, dass der Ameisenigel die Vorräte allein verzehrt hatte und danach einge- schlafen war. Hierüber erzürnten sie sich so sehr, dass sie alle Speere, die im Lager aufzutreiben waren, in den schlafenden Ameisenigel stiessen. Die Stacheln sind noch heute sichtbar und erklären die Wahrheit der Geschichte*). Die Gefrässigkeit des Tieres wird hier betont wie in Fassung g. In etwas abweichender Form, als Antropophagie, kommt derselbe Zug auch in den Passungen e und h vor. Zu S, 414 Antn. 2 sei ferner noch auf folgende Werke verwiesen: L. E. Threlkeld, An Australian Language as spoken by the Awabakal (1892) S. 41); E. V. Palmer, Nineteenth Century 1906 Aug. Nr. 354 S. 319: A. Oldfield, Transactions of the Ethnological Society 1865 S. 258; J. W. Gregory, The Dead Heart of Australia (1906) S. 209-221: C. Lum- holtz, Au Pays des Cannibales (1890) S. 311. Budapest. Geza Röheim. Ein Helgoländer Brautschmuck. Der Güte der Frau John Suhr Witwe in Hamburg verdankt der Unterzeichnete beifolgende Abbildung eines Helgoländer Brautschmuckes 'Dat Hatje' (das Herzchen) genannt, aus der Mitte des 17. Jahrhunderts (1660); Material Silber; Zweidrittel der natürlichen Grösse. Oben in der Mitte das Brautpaar, darüber die Braut- krone von Engeln gehalten. Das Anhängsel zeigt links die Rückseite des Lootsenzeichens mit Namenszug Christian V. mit Krone; rechts das Lootsen- zeichen Nr. 60 (Lootse mit Senkblei und Rettungsring), weiter unten zwei Engel mit Palmzweigen, und zwei Schellfische. In der Mitte das mit Ornament um- 1) A. L. P. Cameron, Traditions and Folklore of the Aborigines of New South Wales. (Science of Man 1903) S. 48. Kleine Mitteilungen. 95 o-ebene Herz. Unten an einem Anker hängend das Lootsenboot mit zwei Glücks- engeln. Auf der Rückseite in Prunkschrift C H — A R 1660. Auf dem Lootsen- boot nochmals die Zahl 1660. Bei der Seltenheit des Schmuckes dürfte die Abbildung das Interesse der Freunde der Volkskunde erwecken. Bad Tölz. Max Höflor. 96 Boehm, Scheftelowitz: Bücheranzeigen. Karl Knortz, Amerikanischer Aberglaube der Gegenwart. Ein Beitrag zur Volkskunde. Leipzig, Th. Gerstenberg 1913. 156 S. 8°. geb. 3 Mk. Unter 'amerikanischem Aberglauben' versteht der Verf., wie aus dem Inhalt des Buches hervorgeht, im allgemeinen den der weissen Bevölkerung der Ver- einigten Staaten, wenn er auch bisweilen die Bewohner von Kanada, die Neger und Indianer, z. T. sogar die Südamerikas in den Kreis seiner Darstellung zieht. Reiches Material über alle möglichen Äusserungen des Aberglaubens im alltäg- lichen Leben und an Festtagen hat der durch zahlreiche Schriften über volkskund- liche Gegenstände bekannte Verfasser zusammengestellt, teils aus eigenen Samm- lungen, teils aus gedruckten Quellen. Dankenswert sind die an verschiedenen Stellen (S. 13. 53. 130. 152) beigebrachten Züge aus dem Seemannsaberglauben. Auch Sagenhaftes (Spukhäuser, Geisterschiffe, Teufelssagen) und Volksbräuche, wie das aus Deutschland (Pfalz, Kurhessen) nach Pennsylvanien mitgewanderte 'Elfentritschen' (S. 102) finden wir mitgeteilt. Von einem einheitlichen Bilde kann bei dem bunten Völkergemisch Amerikas natürlich noch viel weniger die Rede sein als etwa in Deutschland. Fast in jedem Falle kann man feststellen, dass die aufgezählten Volksmeinungen und -brauche denen der verschiedenen Vaterländer, wie Englands und Deutschlands, genau entsprechen. Der Verf. will davon ab- sehen, „Untersuchungen über die Herkunft oder Vergleiche mit ähnlichen Er- scheinungen bei anderen Völkern zu liefern" (S. 8), tritt aber doch häufig aus dieser Zurückhaltung heraus; bisweilen sind seine Erklärungen rationalistisch ge- färbt und wenig ansprechend, so S. 11: „Wer ein Waisenkind aufnimmt, hat Glück; warum auch nicht? Er ist unstreitig ein gutmütiger und wohltätiger Mann, dem niemand so leicht eine Gefälligkeit abschlägt." Das bekannte Rezept, einen Vogel zu fangen, indem man ihm Salz .auf den Schwanz streut (S. 57), gehört doch wohl mehr zu den Neckereien, als zum Aberglauben, dasselbe gilt von dem Mittel, ein durchgehendes Pferd dadurch zum Stillstehen zu bringen, dass man es in das Ohr beisst (S. 130). Weit unerfreulicher als solche kleinen Anstösse sind die zahlreichen Wiederholungen innerhalb des Werkes. Von den zukunftkündenden körperlichen Empfindungen (Jucken, Brennen) ist zuerst S. 21, dann wieder S. 143 die Rede, von Liebesorakeln S. 25 und S. 144 f., vom Verschütten des Salzes S. 56 und S. 139 u. a. m. Der Mangel einer festen Gliederung des Stoffes wird noch verstärkt durch das Fehlen einer Inhaltsangabe oder eines Wortregisters. Viele Leser hätten gewiss gern anstatt der heftig gegen die Kirche polemisierenden Einleitung ein solches Hilfsmittel gesehen. Es ist zu bedauern, dass durch diese methodischen Mängel die Benutzung des inhaltreichen Buches sehr erschwert wird. Berlin-Pankow. Fritz Boehm. Bücheranzeigen. 97 Micha Josef Bin Goriou, Die Sagen der Juden, bearbeitet. Bd. I: Von der Urzeit. Frankfurt a. M., Rütten & Loening 1913. XVI, 378 S. 8°. Geheftet 6 Mk. Der Verfasser will die in den Midrasch-Werken enthaltenen Sagen, die sich an die Bibel anknüpfen, nach der Reihenfolge der biblischen Geschichte ordnen. Der hier vorliegende erste Band, der die Sagen der Urzeit enthält, zeugt von grosser Sachkenntnis. Wer sich mit der vergleichenden Sagen- und Volks- kunde befasst, der wird hier manches interessante Material finden und dafür dem Verfasser Dank wissen. An einzelnen Beispielen werde ich dieses darzulegen suchen: S. 14: Die Fabel von dem Eisen, bei dessen Erschaffung die Bäume zu zittern begannen, ist bereits B. Talm. Sanhedrin 89 b erwähnt und kommt schon in der syrischen Version der Abikar-Erzählung vor (Conybear, Rendel Harris, Smith Lewis, Story of Ahikar 1898 S. 70 nebst Übers. S. 82). Durch David Friedländer, Der Philosoph der Welt, Berlin 1860 S. 36 ist diese Fabel in die deutsche Literatur aufgenommen und findet sich in vielen Schullesebüchern. In der Friedländerschen Bearbeitung lautet sie: „Aus einer Eisenschraiede fuhr ein mit neugehämmerten Äxten beladener Wagen durch den nahe gelegenen Wald. Die Sonne glänzte mit dem Stahle, und die Bäume des Waldes erzitterten ob der Erscheinung: „Wer wird vor ihnen bestehen? Diese Eisen fällen uns alle!" So klagte ihr Angstgeräusch. Aber eine bejahrte Eiche rief ihnen zu: Fürchtet nichts! Solange keiner von euch diesen Ästen Stiele leiht, kann euch ihre Schärfe nichts schaden." — S. 44: 'Der Ozean ruht auf den Flossen des Leviatans'. Nach Pirqe des R. Eliezer c. 9 ruht die Grundlage der Erde zwischen den beiden Flossen des Leviatan. Da diese Anschauung in der jüdischen Literatur erst spät auf- taucht, so könnte sie wohl von den Arabern entlehnt sein. Denn die Moham- medaner glauben, dass die ganze Welt auf einem gewaltigen Fisch ruht (Dieterici, Rechtsstreit zwischen Mensch und Tier S. 2;^7 Anm. 8; derselbe, Chrestomathie Ottomane 1JS54 S. 58. Über den Leviatan vgl. Scheftelowitz, Arch. f. Rel.-Wiss. 14, 6). Diese Anschauung hat sich weit verbreitet, so bei Firdusi, >"<ähnäme (vg\. v. Schack, Firdusi 18G.T S. 160), in Burma (H. J. Wehrli, Beitrag zur Ethnologie der Chingpaw von Ober-Burma, Leiden 1904 S. 51), auf den Carolinen (A. Bastian, Die mikro- nesischen Kolonien 18 '9 S. 112); in Japan verursacht dieser gewaltige Fisch, so oft er sich bewegt, Erdbeben (B. H. Chamberlain, Things Japanese, London 1902 S. 127). In Indonesien glaubt man, dass eine gewaltige Schlange die Trägerin der Erde sei, die, wenn sie sich bewegt, Erdbeben hervorruft (Globus 42, 45; G5, 95 f., A. Bastian, Indonesien 4, 22). — S. 85 (vgl. S. 287): 'Mann und Weib waren zu Anfang ein Fleisch und zwei Angesichter; dann zersägte der Herr den Leib in zwei Leiber und machte einem jeden einen Rücken' (Midr. Ber. R. VIII, 1). Auch nach Midr. Jalqut zu Gen. § 20 hat Gott den Adam ursprünglich als ein Mann- weib (das mit dem griechischen Wort dvÖQoyvvrjg übersetzt wird) geschaffen. Diese Sage entstammt meines Erachtens aus dem Griechischen. Plato erzählt in seinem Symposion, dass der Urmensch einen hermaphroditischen Körper hatte; hierauf habe ihn Zeus in zwei Hälften geteilt. Darum hat jede Hälfte Sehnsucht nach ihrer andern Hälfte. Im Altindischen ist diese Sage gleichfalls zu belegen. So heisst es im Catapatha Brähmana: 'Der Atman war im Anfang allein da, einem Manne gleich; „er schaute um sich und sah nichts anders als sich selbst, er sprach das erste Wort: 'Ich bin", daher kommt der Name: 'Ich' ... Er fürchtete sich, Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 1. 7 98 Scheftelowitz, Kohler: deshalb fürchtet sich, wer allein ist. Da gedachte er; Da nichts ist als ich, wovor fürchte ich mich denn?" Da verschwand seine Furcht. Wovor hätte er sich auch fürchten sollen? Vor einem Zweiten empfindet man Furcht. Er fühlte sich auch nicht zufrieden; deshalb fühlt sich nicht zufrieden, wer allein ist. Er be- gehrte nach einem Zweiten; er umfasste in sich die Wesenheit von Weib und Mann, die sich umschlungen halten. Er spaltete diese seine Wesenheit in zwei Teile; daraus wurden Gatte und Gattin; deshalb sind wir jeder gleichsam eine Hälfte, sagt Yäjiiavalkya, deshalb wird diese Lücke durch das Weib ausgefüllt. Er vereinte sich mit ihr; so wurden Menschen erzeugt.' — S. 116: 'In der Stunde, da der Mensch schläft, steigt die Seele empor und schöpft ihr Leben von oben.' (Ber. R. P. 14.) Dieselbe Auffassung findet sich auch Debärim Rabbfi Par ö (zu c. 20, 10): 'Alle heidnischen Völker erzürnen Gott; während sie aber schlafen, steigen alle Seelen zu ihm empor.' Im Midr. Tehillim 11, 6 heisst es: 'Schläft der Mensch, so geht seine Seele hinaus und schweift in der Welt umher, und das sind die Träume, die der Mensch sieht.' Diese primitive Anschauung vermag ich für die verschiedensten Völker der fünf Erdteile nachzuweisen. — S. 1901".: Das Hahnenkrähen verscheucht die bösen Geister (Wajiqrä R. P. 5). Diese Anschauung ist weit verbreitet. Sie findet sich z. B. im altchristlichen Glauben, vgl. Aurelius Clem. Prudentius, Hymnus ad galli cantum 10: Ferunt vagantes daemonas laetos tenebris noctium gallo canente exterritos sparsim tiniere et cedere. Gemäss dem deutschen Volksglauben weichen beim Hahnenkrähen die nächtlichen Gespenster und der Teufel (A. Wuttke, Deutscher Volksaberglaube ^ § 156; Siebs, oben .3, 383; R. Eisel, Sagenbuch des Voigtlandes 1871 S. 7ff.; Ch. Schneller, Märchen und Sagen in Wälschtirol 1867 S. 13). Derselbe Glaube findet sich bei den Schweden (oben 10, "201), den Zigeunern (H. v. Wlislocki, Aus dem Innern Leben der Zigeuner 1892 S. 135) und den Russen (A. Bastian, Rechtsverhältnisse S. 2S0). Weiteres Material bei Scheftelowitz, Huhnopfer l!» 14 S. 51 f. — S. 320: Die Auffassung, dass der Dämon eine katzenähnliche Gestalt annimmt, die in der aus einem mittel- alterlichen kabbalistischen Werke entnommenen Sage enthalten ist, taucht zuerst in Sefer Hasidim auf (vgl. Sefer Hasidim § 465, Sulzbach 5445), also um 1200 n. Chr. und ist entlehnt. Im deutschen Mittelalter verwandelten sich Hexen in Katzen, weshalb sie auch Wetterkatzen genannt wurden. (Schindler, Abergl. d. Mittelalters 1858 S. 28; G. Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters 3 ^ 1912 S. 32). Nach dem deutschen Volksglauben nehmen die Hexen nachts die Gestalt von Katzen an (A. Wuttke, Deutscher Volksabergl. ^ § 217. 402; J. W. Wolf, Nieder- ländische Sagen 1843 Nr. 240. 293. 561). Die galizischen Juden lassen darum keine Katze in das Zimmer einer Wöchnerin ein. Auch nach dem russischen Volksglauben verwandeln sich Hexen oft in Katzen (Globus 18, 171). Diesel-be Anschauung treffen wir bei den Zigeunern (v. Wlislocki a. a. 0. S. 115). Dämonen erscheinen häufig in Gestalt von Katzen bei den Malaien (Skeat und Bladgen, Malay Magie 1900 S. 191 398), den Imeretiern im Kaukasus (Globus SO, 306), den Japanern (Globus 32, 124 f.), den Chinesen (R. P\ Johnston, Lion and Dragon in Northern China 1910 S. 293 f.), den Mohammedanern Ägyptens (E. W. Laiie, Sitten und Gebräuche der heutigen Ägypter, übers, v. Zenker 2, 35), den Indern und Persern (Crooke, Natives of North. India p. 198. 256; Bundehes c. 32). Nach dem Glauben der Eingeborenen von Madagaskar wird ein Sünder nach seinem Tode eine Katze, weshalb dieses Tier ängstlich gemieden wird (J. Sibree, Madagaskar 1870 S. 244. 378). — S. 348: Die Anschauung, dass der ganze Luftraum von un- zähligen Geistern erfüllt ist, kommt bereits B. T. Berfiköt 6a, Midr. Debärim Bücheranzeigen. 99 R. P. 4 (zu c. 10, 1) vor. Sie findet sich im primitiven Glauben der ver- schiedensten Völker. So bevölkern nach griechischer Anschauung böse Geister den Luftraum, weshalb sie deoioi heissen und noch heute in Griechenland die Ge- spenster (.h'oiy.a genannt werden (Kroll, Rhein. Mus. 1897, S. 345). Auch nach dem Glauben der Grönländer und der Sundanesen ist die ganze Welt von un- sichtbaren Geistern erfüllt (Globus 19, -23; 44, 301). Noch M. Luther sagt: „Es sind viele Teufel um uns, die uns alle Stunden wohl könnten töten" (M. Luthers sämtl. Schriften 3, 1561). Cölna. Rhein. IsidorScheftelowitz. Maurice Lacombe, Essai siir la Coutume Poitevine du Mariage au debut du XY. siecle d'apres le vieux 'Coustumier de Poictou'. Paris, M. Champion 1910. Dieses Werk handelt von der Coutume von Poictou aus dem Jahre 1417 und ihren rechtlichen Bestimmungen, einer coutume, welche die Grundlage bot für die späteren offiziellen Coutumes von 1514 und 1559. Die Ehe war in dieser Zeit eine Ehe mit priesterlicher Einsegnung (beneisson des nopces); der altkanonische gratianische Standpunkt war völlig verlassen, die Mitwirkung der Kirche gesichert. Die Vermögensfolge der Ehe war die Güter- gemeinschaft des beweglichen Vermögens und der Errungenschaft, dieselbe wie heutzutage nach dem Code Napoleon: diese Art des Güterrechts war schon damals in Frankreich weit verbreitet. Die Frau aber hatte, wenn die Gemeinschaft ver- schuldet war, bei ihrer Auflösung nicht wie heutzutage die freie Möglichkeit des Verzichts; dieses Recht stand bis in die Mitte des IG. Jahrhunderts nur der femme noble zu, picht der roturiere: der Adel war damals durch vornehme Allüren, allerdings auch durch Kriege und durch Züge in das Ausland stark verschuldet, und die Adelswitwe sollte vom Konkurs gerettet werden — die bürgerliche Frau war selten in solcher Bedrängnis, und war dies der Fall, so überliess man sie ihrem Schicksal. Bei dem Verzicht auf die Gütergemeinschaft herrschte der Brauch, dass die Frau bei Beerdigung des Mannes ihre Geldbörse in das Grab warf und dann nicht mehr in das Heim zurückkehrte, ein Brauch, der im Grand Coutumier de France von Ableiges (herausgegeben von Laboulaye und Dareste p. 376) geschildert wird. Im übrigen hatte die Frau Anspruch auf ein Wittum von Eindrittel oder der Hälfte des Vermögens des Mannes, aber in der Art, dass sie nicht Eigentum, sondern blosse lebenslängliche Nutzniessung erwarb. Das Verhältnis der ehelichen Kinder zu dem Hausvermögen war in der Art geregelt, dass der Hausvater nicht von der gesetzlichen Teilung abweichen durfte: er durfte nicht 'lieb Kind' machen, also keinem Kinde mehr als den gesetzlichen Teil zuwenden, und dieser Teil war nicht mathematisch gleich, denn es be- stand ein droit d'ainesse des ältesten Sohnes und betreffendenfalls der ältesten Tochter. Doch war folgendes möglich: der Vater konnte einem Kinde etwas zuwenden, was bei der Erbteilung angerechnet werden musste; war dies mehr als sein Teil, so konnte das Kind auf die Erbschaft verzichten und das Zugewendete behalten, jedoch nicht über den Betrag der quotitö disponible hinaus. Dies ist das in den französischen Rechten viel verbreitete System der Egalite imparfaite, über 100 Notizen, welches ich in dem Kollationsrecht in den französischen Coutumes (Fest- gabe für Gneist 1888 S. 206) eingehend gehandelt habe. Uneheliche Kinder waren von der väterlichen Erbschaft ausgeschlossen, beerbten aber die Mutter wie eheliche. Von besonderem Werte für uns ist neben den juristischen Erörterungen der Abdruck der wesentlichen einschlagenden Bestimmung des Rechtsbuchs von 1417. Berlin. Josef Kohler. Notizen. L. Bechstein, Thüringens Sagenschatz I.Band: Sagen von Eisenach und der Wart- burg, dem Hörselberg, Reinhardsbrunn und der Ruhl, neu bsg. von Arthur Richter- Heimbach. Quedlinburg, H. Schwanecke (1913). "210 S. 8 ° geb. 2 Mk. — Die hier ver- einigten Sagen sind zumeist aus den beiden ersten Bänden des zuletzt 1862 erschienenen Bechsteinschen Werkes entnommen; aber die Ordnung ist zum Teil verändert, und die anderweitigen Quellen sind nirgends angegeben. [J. B.] Franz Gramer, Deutschland in römischer Zeit. Berlin und Leipzig, G. J.Göschen 1912. 165 S. 23 Abb. kl. 8 «. 0,90 Mk. (Sammlung Göschen Nr. 633). - Der Hauptteil des sehr nützlichen Buches ist rein geschichtlich und gibt in Kap. 1—16 eine Darstellung der römisch-germanischen Beziehungen in Krieg und Frieden von den ältesten Zeiten bis zum Zusammenbruch des weströmischen Reiches. Besonders ausführlich und mit steter Berücksichtigung der neusten Ausgrabungen und Funde werden die römischen Waffen- plätze und Stützpunkte, der Limes usw. behandelt. Volkskundlichen Inhalt bieten zum Teil die Kapitel 17—20, in denen von den römischen Handelsbeziehungen, von Kunst- gewerbe und Handwerk, von der interessanten Mischkultur im Mosellande und von mannigfaltigen Kultureinflüssen auf deutschem Boden die Rede ist. [F. B.] Alfred Haas, De Fir(d)kopp in der pommerschen Volkssage. (Monatsblätter, hsg. V. d. Ges f. Pommersche Geschichte und Altertumskunde 1913, H. 9 S. 1.36 — 140). — In einer Anzahl norddeutscher Ortssagen wird erzählt, dass Ortschaften, die heutzutage durch breite Flüsse oder Meeresarme getrennt sind, in früheren Zeiten durch Wasserläufe ge- schieden wurden, die so schmal waren, dass man sie auf einem ins Wasser geworfenen 'Pferdekopf' (Perdekopp, Pärkopp) überschreiten konnte. H. Handelmann hatte oben 16, 397 nr. 134 a diesen Sagenzug auf eine missverständliche oder absichtlich witzige Deutung des slawischen Percop = Kanal, Meerenge zurückgeführt. Haas, der diese Erklärung in seinen Rügenschen Sagen 4. Aufl. S. 175 abgelehnt hatte, widerruft sich in dem vor- liegenden Aufsatz, da ihm eine Fassung der Sage von der Insel Vilm bekannt geworden ist, in der mit 'Pirkopp' zwar nicht ein Graben selbst, wohl aber ein zu dessen Überschreitung dienender Stein bezeichnet wird und von einem Pferdeschädel überhaupt nicht die Rede ist. Als Entsprechung führt er ausserdem die volkstümliche Deutung der rügenschen Bezeichnung 'Perd' (sl. perd = das Vordere, Vorgebirge) als 'Pferd' an, die durch die Gestalt der so benannten Höhenrücken erklärt wird. [F. B.] A. Haas, Das Riesenschiff in der pommerschen Volkssage (Pommersche Heimat 3, 2). — Die Sage von einem in alter Zeit die Ostsee befahrenden Schiffe von ungeheurer Aus- dehnung, mit tausend Masten usw. ist an der Ostseeküste vielfach anzutreffen. Zu zwei schon früher von ihm veröffentlichten Fassungen fügt der verdiente Sammler pommerscher Überlieferungen hier eine dritte von K. Rosenow jüngst mitgeteilte, in der das Schiff den Namen 'Nackelfragar' trägt, der mit dem 'Naglfar' des nordischen Mythus identisch wäre. Es würde sich um ein interessantes Überlebsei handeln, wenn man die von Rosenow angegebene Quelle als unbedingt rein und unbeeinflusst ansehen dürfte. Sollte sein alter Kapitäo den Namen doch nicht vielleicht von irgendeiner Seite her gehört und in sein 'Garn' miteingesponnen haben? [F. B.] Notizen. 101 Historia septem sapientum 1: Eine bisher unbekannte lateinische Übersetzung einer orientalischen Fassung der Sieben weisen Meister (Mischle Sendabar) hsg. und erklärtvonA.Hllka, Heidelberg, C. Winter 1912. XXV, 35 S. 1,20 Mk. — II: Johannis de Alta Silva Dolopathos sive De rege et septem sapientibus, nach den festländischen Handschrilten kritisch hsg. von A. Hilka. Ebd. 1913. XIV, 112 S. 2.20 Mk. (Sammlung mittellateinischer Texte 4— 5\ — Die für die mittelalterliche Novellistik bedeutsame Ge- schichte des indischen Sindibad-Buches erhält durch Hilkas beide Publikationeu erwünschte Förderung. Bekanntlich ist die im 13. Jahrhundert entstandene hebräische Bearbeitung dieses Romans von den sieben weisen Meistern, Mischle Sendabar, deshalb besonders wichtig, weil sie die Brücke von den orientalischen Fassungen zu den abendländischen ge- bildet zu haben scheint. Sie beruht auf einer verlorenen arabischen Vorlage und enthält 21 Novellen, die in die bekannte Rahmenerzählung von dem durch die ehebrecherische Stiefmutter verleumdeten Prinzen eingelegt sind, darunter aber mehrere neue. Der hebräische Text ist zwar dreimal, von Sengelmann, Carmoly und Cassel, herausgegeben worden, bedarf aber, wie die von Hilka aus einer Berliner Hs. vom Jahre 1407 hervor- gezogene lateinische t'bersetzung zeigt, durchaus noch einer kritischen Behandlung. Aller- dings ist in der lateinischen Version die Einleitung gekürzt, aber verschiedene Einzel- heiten, z. B. der Feuertod der schuldigen Königin, stimmen näher zu den occidentalen Bearbeitungen. Auf die Abweichungen von Cassels Text und von den übrigen Fassungen der Sieben weisen Meister hat H. durch Sperrdruck und kurze Fussnoten hingewiesen und eine Tabelle über die Novellen der sämtlichen orientalischen Fassungen hinzugefügt. — Mit der kritischen Ausgabe des Dolopathos führt Hilka den von G.Paris und Stude- mund gehegten Plan aus, Oesterleys mangelhaften Druck vom Jahre 1S73 zu ersetzen. Ausser der Luxemburger Hs. des 13. Jahrhunderts benutzt er noch fünf jüngere Hss. aus dem 15. Jahrhundert und liefert auch Nachweise für die antiken und christlichen Zitate des lothringischen Mönchs von Haute-Seille, der die orientalische Rahmenerzählung mit einem christlichen Schluss versehen und neue Novellen eingeflochten hat: doch erzählt jeder Weise nur eine, nicht zwei Geschichten, während die Erzähhingen der Königin bei Johannes ganz fortgefallen sind. [J. B.] Wilhelm Hotz, Die Flurnamen der Grafschaft Schlitz (Flurnamenbuch des Gross- herzogtums Hessen, hsg. im Auftrag der hessischen Vereinigung für Volkskunde von J. R. Dieterich und 0. Schulte, Heft 1. Provinz Oberhessen Bd. V, Kreis Lauterbach, Heft 1). Darmstadt, Grossherzoglich hessischer Staatsverlag 1912. XLIV, 67 S. 8°. — W. Hotz, durch dessen Sammlertätigkeit dieses erste Heft der hessischen Flumamen- sammlung entstanden ist, hat dessen Erscheinen nicht mehr erleben können (f 14. Juni 1910), die abschliessenden Arbeiten sind von Prof. Alles geleistet worden. Mit Hilfe von Fragebogen, deren Bearbeitung sich besonders Lehrer und Geistliche haben angelegen sein lassen, werden die Flurnamen der einzelnen Gemarkimgen des Schlitzerlandes in übersichtlicher Anordnung mitgeteilt. Vorbildlich ist die Reichhaltigkeit der Angaben, es werden möglichst bei jedem Gewann die durch Hofrat Kofier in Darmstadt festgestellten offiziellen Namen, die daneben vorkommenden alten, historischen Bezeichnungen, mund- artliche Formen und volkstümliche Erklärungen beigebracht. Besonders die letzte Rubrik enthält mancherlei Interessantes aus Volkssage und Ortsgeschichte. Sehr hübsch und lehn-eich ist das neben anderen Beigaben in der Einleitung enthaltene ausführliche 'Gespräch über hessische Ortsbezeichnungen und vom Wert ihrer Sammlung' von Dieterich zwischen dem 'Sammler' und einem Lehrer. [F. B.] Gross - Berliner Kalender 1914. Herausgegeben von E. Friedel, Berlin, K. Siegisraund. :'.6S S. 8 ". Geb. 2 Mk. — Zum zweiten Male ist das schmucke Kalender- buch erschienen, herausgegeben von unserem unermüdlichen Stadtältesten unter redak- tioneller Beiliilfe von Dr. H. Brendicke und gefüllt mit einer reichen Anzahl von kurzen, äusserst belehrenden Aufsätzen aus der Feder von Männern, deren Namen im geistigen und kommunalen Leben unserer Reichshauptstadt zum grossen Teil an erster Stelle stehen, wie Ludw. Hoffmann, Reicke, Holtze, Lindenberg, Silberglcit usw. Die meisten Beiträge beschäftigen sich naturgemäss mit der Geschichte und den modernen Problemen Berlins, doch fällt auch für die Volkskunde etwas ab. So bringt Jülicher (S. 253f.) eine Fort- 102 Notizen. setiung seiner im 1. Jahrgang begonnenen 'Atemzüge der Berliner Volksseele', Pfeffer- kuchenpoesie und allerlei Blüten der Berliner Denk- und Mundart, von denen freilich viele schon aus H. G. Meyers 'Richtigem Berliner" bekannt sind. Etwas störend wirkt die inkonsequente Wiedergabe der Mundart ('breete Schnauze' [S. 260] sagt kein echter Berliner), auch sind die S. 262 aus den 'Lustigen Blättern' mitgeteilten Wendungen auf keinen Fall als 'zu den Äusserungen der Berliner Volksseele unentbehrlich gehörend' zu bezeichnen. Volkskundlich von Interesse sind ferner die Beiträge von A. Förster 'Innungsschicksale' und die kleine Schlussplauderei von Elisabeth Lemke über 'Märkisches Fischerei- gerät'. Es .ist nicht zu bezweifeln, dass dies mit vorzüglichen Text- und Einschalt- bildern geschmückte Berliner Jahrbuch denselben Erfolg haben wird wie der erste Jahr- gang. [F. B.] E. Mai, Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Mönch Felix auf textkritischer Grund- lage philologisch untersucht und erklärt (Acta Germanica, Neue Reihe, Heft 4). Berlin, Mayer & Müller 1912. VIII, 515 S. 8 «. 15 Mk. — Vorliegende, gründlich gelehrte Arbeit, die dem 380 Verse umfassenden mhd. Gedicht mit allen denkbaren Mitteln der Philologie Erkenntnisse abzugewinnen, ja abzutrotzen weiss, hat auch schöne Resultate und Beobachtungen gezeitigt, die der Volkskunde zugute kommen. Einen Ausschnitt seiner Forschungen legte Erich Mai bereits in der 1903 erschienenen Berliner Dissertation vor, die einer Anregung Karl Weinholds entsprang und auch Max Roediger als zuhtäri guato zu danken hatte. Den rein germanistischen Fragen, denen Mai mit seltener Hingabe Jahre hindurch seinen Scharfsinn zugewandt hat, ist hier nicht nachzugehen: sie haben eine Besprechung und Kritik u. a, durch Privatdozenten Dr. Ludwig Pfannmüller in der Deutschen Literaturzeitung 1913 Nr. 20 Sp. 1250—53 gefunden. — Wie oft begegnen wir nicht in unseren Volksbüchern und Volksballaden grauen Mönchen. Die Nachweise Mais belehren uns, wie die Bezeichnung der Orden zu den verschiedenen Zeiten geschwankt hat: „ . . bereits im 14. Jahrhundert wurden die Mitglieder beider Orden — der Zister- zienser und der Franziskaner — als Graumönche charakterisiert, trotzdem eine Ver- wechslung (wenigstens für Fremdlinge in den jeweiligen Ortsverhältnissen) keineswegs ausgeschlossen war. Das eigentliche Konkurrenzjahrhundert aber ist . . . das 15., während das 16. den Franziskanern zu fast unbestrittener Alleinherrschaft in Nord- und Ostmittel- deutschland verhalf . . . Vielmehr gehört, wenn auch nicht gleich das 12., so doch das für den Mönch Felix in Betracht kommende 13. Jahrhundert den Zisterziensern" (S. 79ff.). Überzeugend ist die Beweisführung, dass ein Angehöriger eines thüringischen Zisterzienser- Klosters des 13. Jahrhunderts als Dichter des M. F. zu gelten habe: wir lernen die Dichtung geradezu als ein Mittel zisterziensischer Heiligung und Propaganda auffassen; literarhistorisch fällt so auf die häufig als bäurisch beleumundeten Zisterzienser ein besseres Licht. Höchst fesselnde Erörterungen bringt die Besprechung des 'Mönches von Heister- bach', einer Ballade Wolfgang Müllers von Königswinter, die, zuerst 1841 in Simrocks Rheinsagen ^ erschienen, einen dem Mönch Felix aufs nächste verwandten Stoff behandelt. So bestechend auch die Hypothese erscheint, dass Müllers Mönch von Heisterbach niemals in Heisterbach gewandelt habe, sondern nur vom Dichter dorthin lokalisiert sei, mit Recht macht Mai, mit Hilfe von älteren Reisehandbüchern die Frage klärend, doch bei der Feststellung halt, ..dass schon für die dreissiger Jahre des l!i. Jahrhunderts eine Heisterbacher Lokalsage existiert", deren Held zwar nicht über dem Gesang eines engelischen Vögleins drei Jahrhunderte vergisst, sondern über seiner eigenen dämonisch ge- steigerten Spekulierwut. „Die Spur des Heisterbachers verliert sich im Dunkeln." Die Darlegung des stofflichen Problems (ein verwandtes behandelte 1910 Michael Huber in der 'Wanderlegende von den Siebenschläfern') veranlasst Mai zu einer schnellen Übersicht über die räumlich weit getrennten, ältesten Fassungen und legt von seiner Gelehrsamkeit und Umsicht günstigstes Zeugnis ab. [Fritz Behrend.] Heinrich März eil, Die Klette im Volksglauben (Naturwissenschaftliche Wochen- schrift hsg. von H. Potonie, N. F. 12, 2, S. 23—26). Die Klette spielt im Volksglauben eine Avenig hervortretende, aber doch in manchen Punkten interessante Rolle. Besonders ausführlich behandelt der Verf. die in einigen Krankheitsbeschwörungen vorkommenden Anrufungen der Klette. Hieraus zu folgern, dass die Klette als Verkörperung eines Haus- Notizen. 103 dämons galt, geht wohl zu weit. Auch der S. 25 mitgeteilte albanesische Brauch, gegen die Bedrängungen durch einen Waldgeist in Wein getauclites Brot auf eine Klette mit grossen Blättern zu legen, kann diese Annahme kaum stützen; die breiten Klettenblätter sind eben besonders dazu geeignet, die Opfergabe darauf zu legen. Im übrigen dürften in dem Aufsatz wohl alle wichtigeren Notizeu über die volkskundliche Bedeutung der Klette zusammengestellt sein; nachzutragen wäre noch Wuttke * §523 (Weichselzopf durch Klettensamen erzeugt, Ostpreussen). [F. B.] J. Mink, Vorschläge für eine zukünftige Benennung der Fleischstücke vom Kinde im Fleischergewerbe des Deutschen Eeiches. Leipzig 1912. 66 S. 4 ". — Die Schrift erfüllt ohne Zweifel einen dringenden Wunsch der Fachkreise des Fleischergewerbes. Denn da auch diese sonst mehr bodensässigen Kreise, ebenso wie die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reichs vielmehr umher und durcheinander kommen, wurden die vielfach hier so besonders ausgebildeten Dialekt- und Lokalbezeichnungen im Gewerbe wahrscheinlich ebenso störend empfunden, wie anderswo. Steht doch der norddeutsche Reisende häufig vor einer österreichischen Speisekarte wie vor einem Buch mit sieben Siegeln, und um- gekehrt ist es nicht anders. Nuu haben wir es als Volkskundler sicher zu bedauern, wenn manch gute alte Bezeichnung hier jetzt dem Aussterben überantwortet wird, um so mehr ist aber es da zu begrüssen, dass hier alle Bezeichnungen noch einmal zusammengefasst werden. So ist von Fachseite eine Menge Sprachgut für den künftigen Forscher auf- bewahrt und deshalb habe ich auch hier auf dieses Schriftcheu hinweisen wollen. |Ed. Hahn.] G. Pitre, The swallow book; the story of the swallow told in legends, fahles, folk songs, proverbs, omens and riddes of many lands gathered; rendered into english and arranged for the use of our boys and girls by Ada Walker Camehl. New York, Ameri- can book Company. (1912). 158 S. 8 ". — Die behenden, zierlichen und zutraulich in der Nähe menschlicher Behausungen nistenden Schwalben haben Denken und Glauben des Volkes oft beschäftigt. Es war daher eiu hübscher Gedanke des Altmeisters der italienischen Volkskunde, für seine Enkelin ein Büchlein zusammenzustellen, das die Lebensgewohnheiten der Schwalbe und die von ihr handelnden Märchen, Legenden, aber- gläubischen Vorstellungen, Sprichwörter, Lieder sowie ihre Verwendung in der Volks- medizin aus reicher Kenntnis der europäischen und aussereuropäischen f'berlieferungen beleuchtet. Da es ein Kinderbuch sein soll, ist der gelehrte Anstrich und der z. B. in Paulus Cassels Schriftchen 'Die Schwalbe und ihre Heimkehr' (Berlin 1866) hervor- tretende Notenballast vermieden. Der englischen Übersetzung sind viele hübsche Zeich- nungen beigegeben. [J. B.] Chr. Ranck, Kulturgeschichte des deutschen Bauernhauses. Zweite Auflage. (Aus Natur und Geisteswelt Nr. 22;i.) Leipzig, Teubner 1913. VI, 88 S, 71 Abb. 1,25 Mk. — Rancks Kulturgeschichte des deutschen Bauernhauses ist in der zweiten Auflage im wesent- lichen unverändert geblieben. Gegen die Darstellung der Entwicklung lässt sich ebenso- wenig einwenden wie gegen die landschaftliche Gruppierung, die der Verfasser eng an die Zweiteilung in das ober- und niederdeutsche Haus anschliesst. Dadurch wird die Aufmerksamkeit nie von den Hauptsachen abgelenkt. Bei einer neuen Auflage würde wohl auch das ostdeutsche Vorhallenhaus etwas Berücksichtigung finden müssen, für das heute bereits ein umfangreicheres ^Material vorliegt, als Meitzen und Henning zur Ver- fügung stand. Nicht völlig gerecht wird Ranck dem nordischen Hause, das der Verfasser in seine Entwicklung einbezieht. Vereinzelt erweckt seine Darstellung Widerspruch. So seine Ausführung über den Skot, der keineswegs im Norden allgemein verbreitet ist. Auch das Sparrendach ist nicht, wie man nach R. annehmen könnte, gemein-nordisch, sondern kommt nur in einem grösseren, aber von Niederdeutschland beeinllussten Gebiet vor. Die angeführte Literatur, in der man manches wichtige deutsche Werk (von Dachler, Eigl, NordhofiF, Lindner, Rhamm u. a.) vermisst, zeigt allerdings, dass dem Ver- fasser das nordische Haus nur unvollkommen vertraut ist. Ohne die Kenntnis der Schriften von Eilert Sund, Feilberg, Gudmundsson, Hylten-Cavallius, Lauridsen, Ni- colaissen wird man ein klares Bild über die Entwicklung nicht gewinnen. Es soll dies den Wert der Ranckschen Arbeit nicht herabsetzen, sondern nur hinweisen auf 104 Notizen. die Schwierigkeit, die deutsche Entwicklung mit der nordischen in Beziehung zu setzen [Robert Mielke] G. Schierghofer, Altbayerns Umritte und Leonhardifahrten. München, Bayerland- Verlag 1913. XII, 73 S. 2.50 Mk. — Die besonders in Bayern üblichen, aber auch in Schwaben, Belgien, Frankreich und sonst nachweisbaren Umritte sind eigentlich Wall- fahrten zu Ehren eines Heiligen, von dem der Bauer für sich und seine Haustiere Segen und Gedeihen erhofft. Nachdem Andree, Höfler u. a. mehrfach auf diesen Brauch hin- gewiesen liatten, hat sich der Vf. daran gemacht, durch fleissige Umfragen und Studien dessen Art und Ausdehnung genau festzustellen. Er ordnet die Nachrichten über die einzelneu Orte nach dem Kalender: denn es gibt fast keinen Monat, indem nicht irgendwo in Bayern ein Umritt gehalten wurde oder noch wird. So ziehen zu Ostern in Traun- stein und St. Georgen zu Ehren des heiligen Georg die Bauern mit ihren Pferden hinter den ebenfalls beritteneu Geistlichen, Engeln und Kriegern in römischer oder mittelalter- licher Tracht einher: andere Umritte finden zu Pfingsten, Martini und Stefani statt; be- sonders aber am G. November, dem Feste des h. Leonhard. Über den heidnischen Ursprung solcher Bräuche äussert sich der Vf. S. 11 mit löblicher Vorsicht. Das hübsche Büchlein, das die Liebe zu heimatlichen Bräuchen wecken und pflegen will, ist mit trefflichen Ab- bildungen von Klemens Thomas geziert. [J. B.J Richard Schlegel, Uhrumschriften, gesammelt und herausgegeben. Berlin, B. Poetschki 1913. 22 S. kl. 8^. 0,80 Mk. — Inschriften auf Uhren sind bisher unseres Wissens in grösserer Menge nicht zusammengetragen worden. Verwiesen sei auf die un- nötigerweise in novellistische Form gekleidete Studie über Inschriften auf Sonnenuhren von M. L. V. in Korrbl. f. d. höh. Schulen Württembergs 19, 48 -T)! und die Nachträge von Nestle ebda. S. 208, sowie auf die Behandlung zweier antiker Sonnenuhrinschriften im Musee Beige 17, 145 f. Die vorliegende Sammlung enthält ungefähr neunzig Sprüche. Leider fehlen fast ausnahmslos Angaben über Ort und Zeit der Inschriften sowie bei den literarischen die genaueren Bezeichnungen der Stellen. Zu 'horas nou numero nisi serenas' (S. 21) vgl. oben 15, 429; ich glaube die Worte auch in Sanssouci gelesen zu haben. Manche dieser Sinnsprüche, wie der bekannte 'Vulnerant omnes, ultima necat', sind übrigens nichts anderes als Rätsel. [F. B.] Joh. H. Schwalm, 'Schwälmer Wees' (Schwälmer Weizen). Das Schwälmerleben im eigenen Sprichwort, Kassel, F. Scheel 1913. GGS. kl. 8 ». 1,20 Mk. — Der Vf. hat seine ursprünglich im 'Hessenland' veröffentlichten Sammlungen in einem mit hübschen Zeichnungen von J. Happ gezierten Büchlein vereinigt. Der Begriff 'Sprichwort' ist von ihm im weitesten Sinne gefasst, da er auch bildliche Redewendungen, Neckereien, Wetter- regeln u. dgl. bringt. Die Kapitelüberschriften (Kindheit, Wie die Zucht, so die Frucht, Berufswahl, Scherz und Ernst, Liebeszeit und Ehestandslebcu, Tages-, Jahres- und Lebens- arbeit) lassen die Art der Anordnung erkennen. Etwas schwerfällig wird die Darstellung dadurch, dass der Vf. es für nötig gehalten hat, jedes Sprichwort wörtlich ins Schrift- deutsch zu übertragen, selbst wenn ein Missverständnis ausgeschlossen ist. Auch darf man doch voraussetzen, dass den Lesern die Bedeutung des Wortes 'Ferkel' bekannt ist S. 35). Die Redensart 'Schlecht wie Galgenholz' ist sicherlich älter, als die dafür an- geführte ätiologische Sage (S. 37), vgl. patibulum-patibulus, auch das .-ravovayiy.w H'/.ov in dem von Preisendanz Hess. Bl. f. Vkde. 12, 1391. veröffentlichten Diebeszauber gehört in diesen Gedankenkreis. Die Redensart 'Bann de Gugguk reift, muss m"r sich of de Reck leeng" erklärt der Vf.: Wenn der K. ruft, muss [= darf] man sich auf den Rücken legen [weil dann der Boden warm ist]. Das 'darf scheint mir etwas willkürlich ein- geschoben. Sollte es sich nicht um einen unbewussten Stärkungs- oder Fruchtbarkeits- ritus handeln? s. Dieterich, Mutter Erde"-' S. 8f.) — Die Sammlung bedeutet nicht nur einen Beitrag zur Kenntnis der Schwälmer Denkart, wie der Vf. es im Untertitel aus- drückt, sondern auch für die Kenntnis der hessischen Mundart. [F. B.] Carlo Sganzini, Die Fortschritte der Völkerpsychologie von Lazarus bis Wundt. (Neue Berner Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte lisg. von Richard Herbertz, 2). Bern, A. Francke 1913. 247 S. kl. 8°. 4 Mk. — Ein vortreffliches Buch, das alle Richtungen der Völkeipsychologie von Lazarus und Steinthal bis zu Wundt Notizen. 105 Revue passieren lässt und kritiscJi mustert. Auch Grenzgebiete wie Soziologie und Massenpsychologie werden gebührend berücksichtigt. Die Einleitung orientiert umsichtig über die IJntstehung der Völkerpsychologie, wobei nur wieder die alte Fabel vom 'un- geschichtlichen Sinn' des 18. Jahrhunderts aufHCtischt wird. Sehr ausführlich behandelt der Vf. Wuudts monumentales Werk, obwohl er gegen Grundlagen, Aufbau und Aus- führuEg höchst beachtenswerte Einwände vorzubringen weiss. Dagegen werden Stein- thals Verdienste zwar zutreffend, aber etwas summarisch gewürdigt; auch hätte noch sein methodisch wichtiger Aufsatz im 1. Bande unserer Zeitschrift (1891 S. 10 — 17) herangezogen werden können: er stellt zudem das letzte Wort dar, das dieser feine und tiefe Geist in Sachen der Völkerp>ychologie gesprochen hat. Ungern vermisst man ein Register. [H. Michel.] A. Stenzel, Das Riesenbett im Sachsenwalde (Wissenschaft und Technik, Beilage zu Jsr. 8 der 'Astronomischen Korrespondenz', 7. Jahrg. 1910). — Ausführliche Be- schreibung des Dasseudorfer Hünengrabes und Mitteilung einer darauf bezüglichen Volks- sage. [F. B.] Julio Vicuj^ia Cifuentes, Romances populäres y vulgares, recogidos de la tradiciim oral chilena. Santiago de Chile, Imprenta Barcelona 1912. XXXIII, 581 S. 8" (Riblio- teca de escritores de Chile 7). — Zum ersten Male erhalten wir durch die vorliegende dankenswerte Arbeit einen tieferen Einblick in das Leben des spanischen Volksliedes in Chile. 16G Texte hat der Vf. in zwölf Jahren aus dem Volksmunde aufgezeichnet, die, da in dieser Summe auch blosse Varianten mitgezählt sind, 83 Romanzen angehören. Durch Heranziehung der spanischen Volksliedliteratur Hess sich feststellen, dass der grössere Teil davon durch mündliche Fortpflanzung oder durch tliegende Blätter (pliegos sueltos) im Laufe des 1(5. bis 19. Jahrhunderts aus dem Mutterlande eingeführt worden ist Eine Reihe anderer Lieder gibt sich durch Inhalt und Ausdruck als einheimisches Gewäch.s zu erkennen, z. B. nr. 101 'Atahualpas Tod', 144 'das Erdbeben in Chile' u. a. Auch zeigen nach S. XXII die chileniscben Melodien, von denen wegen der unüberwindlichen Scheu der Sänger vor dem Phonographen leider keine Proben mitgeteilt werden konnten, einen lebhafteren Charakter als die in Spanien üblichen. Unter den geistlichen Stoffen begegnen Legenden von der Jungfrau Maria, von Magdalena und Katharina (nr. Si-i), der auf die mittelalterliche Yisio Fulberti zurückgehende Streit von Seele und Leib (136), die dem Leontius- und Don Juan-Drama zugrunde liegende Sage von dem zu Gast geladenen Totenschädel (.")0: vgl. Zs. f. vergl. Litgesch. 13, 389. Studien zur vergl. Litgesch. 9, 190): aus den weltlichen Stücken hebe ich hervor die ovidische Fabel von Procne und Philo- mela, hier Bianca Flor und Fiiomena genannt -24—34), die von ihrem unkeuschen Vater verfolgte Delgadina (8—14), den heimkehrenden Gatten (lö 23. 41-45. 160; vgl. oben 12, 59) und Mambrü d.i. Marlborough (68-70; vgl. Erk-Röhme, Liederhort nr. 325), um von den bekannten spanischen Nationalhelden, dem Cid, Bernardo del Carpio, dem Grafen Alarcos, zu schweigen. Wenn der Herausgeber über das Schwinden der alten Lieder klagt, die vielfach nur bruchstückweise zu erlangen sind, wenn verschiedene Romanzen nur als Kinderspiele fortleben (S. 155. 170. 176. 178. 54:')) oder gar in Prosaerzählungen umge- gewandelt sind (nr. 150—152), so sehen wir darin eine Wiederholung von Erfahrungen, die auch anderwärts von den Sammlern der Volksdichtung gemacht wurden. [J. B.] Vorschläge zur psychologischen UntersucJiung primitiver Menschen gesammelt und herausgegeben vom Institut für angewandte Psychologie und psychologische Sammelforschung. I.Teil. 124 S. — Ethno-psychologische Studien an Südseevölkern auf dem Bismarck- Archipel und den Salomo-Insoln von Richard Thurnwald. Mit 21 Tafeln. 163 S. (Beihefte zur Zeitschrift für angewandte Psychologie und psycliülogische Sammelforschung hsg von William Steni und Otto Lipmanu, 5 und 6). Leipzig, J. A. Barth li>12 und 1913. 4 Mk. und 9 Mk. — Es ist erfreulich, dass die zum Teil sehr fein ausgebildeten Methoden der experimentellen Psychologie, die lange Zeit in stark esoterischer Weise gehandhabt wurden, nun auch auf Wissensgebieten Anwendung finden, wo sie mit Nutzen verwertet werden und in Zukunft wichtige Ergebnisse liefern können. Sprachwissenschaft, Rechtswissenschaft, Pädagogik, Ästhetik u. a. sind bereits mit Hilfe der psychologischen Forschung nicht unbeträchtlich gefördert worden, und es 1 06 Notizen. ist mir gar nicht zweifelhaft, class auch die Völkerkunde aus Untersuchuno^en dieser Art reichen Gewinn ziehen, ja vielleicht auf eine höhere Stufe ihrer Entwicklung als Wissen Schaft gelangen wird. Aber auch für die Volkskunde ist diese Forscliungsweise mit ge- wissen Einschränkungen und Änderungen verwendbar: mit vollem Recht fordert Thurn- wald neben der Analyse der zeitgenössischen Fremdvölker eine nach ähnlichen Grund- sätzen auszuführende Zergliederung der modernen europäischen Völker in ihren ver- schiedenen Schichten. Eine methodische Anleitung zu derlei Forschungen bieten die 'Vor- schläge', zu denen ausser Thurnwald auch Tschermak, Guttmann, Lipmann, Stern, Vier- kandt und Meinhof sachkundige Beiträge geliefert haben. Thurnwald, dem diese Unter- suchungen vor allem am Herzen liegen, hat sich dann dadurch kein geringes Verdienst erworben, dass er die neuen Methoden auf seiner Eeise nach den melanesischen Südsee- Inseln an den Bewohnern des Bismarck-Archipels und der Salomo-Inselu praktisch erprobt hat. Er darf mit seinen Resultaten zufrieden sein. Für die Fruchtbarkeit der ethno- psychologischen Fragestellungen legt sein Buch beredtes Zeugnis ab. Die Mitteilungen über die Sprache und die Zeichnungen der behandelten Völker seien besonders hervor- gehoben; auch was S. 39 ff. über die Fortpflanzung von Berichten gesagt wird, ist sehr beachtenswert und sollte von Märchen-, Sagen- und Volksliedforschern nicht übersehen werden. [H. Michel.] A. Wrede, Eifeler Baueruleben in Sitte und Brauch (Sonderabzug aus der Eifel- festschrift 1913, S. 392—423). Mit acht Abbildungen. Gr. 8 ». — Teils auf eigenen Beobachtungen, teils auf früheren Veröffentlichungen fussend, gibt der Verfasser eine kurze Übersicht über Glaube und Brauch der bäuerlichen Bevölkerung der Eifel bei Geburt, Hochzeit, Tod und anderen wichtigen Lebensereignissen und -abschnitten, ihre Wohnstätte, Tracht, Feste usw. Volksglaube und -brauch deckt sich fast durchgehends mit dem aus dem übrigen Deutschland bekannten; als besonders bemerkenswert seien hervorgehoben die fast orgiastisch anmutenden Weiberumzüge nach der Kindtaufe (S. 402) und das wohl auf alte Frühlingsriten zurückgehende Anzünden der 'Burg' am Sonntag luvocavit (8.417); die Verbände der Burschen und Mädchen spielen auch in der Eifel im Leben der Dorfgemeinde eine sehr wichtige Rolle (S. 404 f.). Sehr gut gelungene Abbildungen nach Photographien schmücken die übersichtliche und reichhaltige Zusammenstellung. [F. B.] Zeitschrift für Kolonialsprachen hsg. von C. Meinhof 3, 3 (Berlin, D. Reimer 1913); 0. Dempwolff, Beiträge zur Kenntnis der Sprachen in Deutsch-Ostafrika, C. G. Selig- manu, Pive melanesian vocabularies from British New-Guinea. H. Rehse, Die Sprache der Baziba in Deutsch-Ostafrika. W. Bourquin, Adverb und adverbiale Umschreibung im Kafir. G. Schürle und M. Klamroth, Afrikanische Liebeslieder. — 4, 1 (ebd. 1913): J. Irle, Herero-Sprichwörter. S. H. Ray, The languages of the papuan Golf district. W. Bourquin, Adverb im Kafir. [J. B.] Victor Chauvin f. Am 19. November 1913 verstarb infolge eines Schlaganfalles, der den zur Universität Schreitenden auf der Strasse traf, der Lütticher Universitätsprofessor Dr. Victor Chauvin, in dem wir nicht nur einen Forscher von seltener, erfolg- reicher Arbeitskraft, sondern auch einen hochgeschätzten Mitarbeiter unserer Zeit- schrift betrauern. Chauvin, der am 26. Dezember 1844 zu Lüttich geboren wurde, entstammte einer französischen Familie, die zeitweise auch in Deutschland heimisch war; er selber jedoch blieb seiner Vaterstadt, die er nur zu kürzeren Reisen verliess, zeit- lebens treu. In Lüttich besuchte er das königliche Athenäum, an welchem Felix Liebrecht als Lehrer angestellt war, das Lehrerseminar (Ecole normale des huma- Victor Chauvin j. 107 nites), studierte auf der Universität die Rechte und wirkte bis 1872 als Advokat^). Zugleich über widmete er sich unter Burggraffs Leitung so eifrig dem Studium des Hebräischen und Arabischen, dass er 1872 als Charge de cours und nach kurzer bibliothekarischer Tätigkeit 1878 als ordentlicher Professor der orientalischen Sprachen angestellt wurde. Über die Grammatik hin zog es ihn bald hin zu den Realien; er las über moslemisches Recht und ältere Geschichte des Orients, übertrug auch Dozys Geschichte des Islam ins Französische (1879). Sein Haupt- werk aber ward die nach langjähriger Vorbereitung 1892 ans Licht tretende 'Bibliographie des ouvrages arabes ou relatifs aux Arabes publiös dans l'Europe chretienne de 1810 ä 1885', von welcher bis 1909 elf Bände erschienen sind. Hier schreitet Chauvin über die Aufgabe einer sämtliche Ausgaben und Über- setzungen beschreibenden und die einschlägigen Zeitschriftenartikel buchenden Bibliographie weit hinaus, um Inhalt und Charakter der behandelten Schriftwerke mit wirklicher Sachkenntnis und Ausführlichkeit darzulegen. Seine Arbeit, die sich etwa mit Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung ver- gleichen lässt, gibt von dem Fabelvverke Kalilah und Dimnah, von Locimans Fabeln, der Barlaamlegende, der 1001 Nacht, dem Romane Syntipas, den Erzählungen des Petrus Alphonsus usw. genaue Analysen und verfolgt die Geschichte der einzelnen Novellenmotive in erstaunlich reichhaltigen Anmerkungen durch die ^\'eltliteratur. Aus langjährigen, ausdauernden Studien erbaut sich hier eine sichere Grundlage für die orientalische Literaturgeschichte und für die "Würdigung der Vermittler- rolle zwischen Orient und Occident, die den Arabern im Mittelalter zugefallen ist. Der hohe Wert dieses leider noch nicht vollendeten Werkes ist von der Pariser Akademie wie von der deutschen morgenländischen Gesellschaft durch Erteilung von Preisen und Druckunterstützungen wiederholt anerkannt worden. Aus der langen Reihe seiner übrigen Werke stehen uns seine Aufsätze zur Volkskunde am nächsten, die in der Wallonia (z. B. 1900—1901 La parabole des trois anneaux; 1902 Les souliers uses), in den Annales de l'academie d'archeologie de Belgique (1902: Le jet des pierres au pelerinage de la Mecque), in den Memoires de la soc. des sciences du Hainaut (1902: La legende egyptienne de Bonaparte), in der Revue des traditions populaires (KJ: Le reve du tresor sur le pont. 16: Les obstacles raagiques), in unserer Zeitschrift: (12: Felix Liebrecht; 14: Wunderbare Ver- setzungen unbeweglicher Dinge; 15: Die rechtliche Stellung der wiedererwachten Toten; 21: Les contes populaires dans le livre des rois de Perdausi) u.a. ver- öffentlicht wurden. Sie zeigen alle ebenso Chauvins treue Sorgfalt im kleinen wie seinen auf die grossen Zusammenhänge gerichteten Blick. Eifrig wirkte er als Mitglied der Gesellschaft für wallonische Literatur und widmete sich als Stadtrat verschiedenen Aufgaben der Wohlfahrtspflege. Was er hier in engeren Kreisen wirkte, entzieht sich naturgeraäss dem Blicke der Fernerstohenden. Deutlich aber steht von einem Berliner Besuche her sein freundliches Lächeln, die aus seinen blauen Augen strahlende lebendige Frische und der elastische Gang der kaum mittelgrossen Gestalt vor meinem Gedächtnis. Ehre seinem Andenken! Berlin. Johannes Bolte. 1) Für diese Lebensnachricliten habe ich dem Sohne des Verewigten, Herrn Hermann Chauvin, Repetenten, am Institut ]\Iontefiore in Lüttich, zu danken. 108 Brunner: Aus den Sitziings- Protokollen des Vereins für Volkskunde. Freitag, den 24. Oktober 1913. Der Vorsitzende Geh. Rat Prof. Dr. Roediger teilte eine Einladung zur Eröffnung des Landesmuseums für sächsische Volks- kunst in Dresden mit, die der'Perien wegen leider nicht rechtzeitig zur Kenntnis der Vereinsmitglieder gebracht werden konnte. Hr. Dr. Paul Przygodda sprach über typische Erscheinungen in Charakteren und Motiven der Grimmschen Märchen. In den Vorreden zu verschiedenen Auflagen der Märchen hat Wilhelm Grimm abweichende Auffassungen über das Wesen des Märchens kundgegeben. Ursprünglich hielt er sie für autochthon, aber schon in der dritten Auflage hat er diese Auffassung widerrufen. Typische Motive und Charaktere, besonders auch Tierfabeln weisen auf den Zusammenhang des deutschen Märchens mit dem in- dischen hin. In älteren Auflagen hat W. Grimm auch mehr den mythischen Gehalt der Märchen betont. Die in neuerer Zeit bekannter gewordenen afrikanischen Märchen klingen zwar oft mit den deutschen zusammen, sind jedoch durch eigen- tümliche Auffassung wieder verschieden. Die gegenwärtige Märchenforschung arbeitet im Sinne der Kombination, und von der Leyen hat die Grimmschen Märchen in diesem Sinne neu geordnet. Betont wird die künstlerische Vorstufe des Märchens: Traumerlebnisse werden zu Märchen umgestaltet, und primitive Anschauungen sowie kulturelle Einflüsse werden als Hauptbestandteile des Volks- märchens nachgewiesen. Solche primitiven Anschauungen z. B. von der Seele sind der Glaube an verwunschene Menschen, singende Knochen, Namenzauber und dergleichen. Auf die weitere Ausgestaltung der ethischen Begriffe hat später das Christentum eingewirkt. Im 16. Jahrh. sind viele Motive aus dem damals blühenden Handwerk ins Märchen eingedrungen. Ebenso sind die Spuren be- merkenswerter Perioden der deutschen Geschichte und Kulturgeschichte in den Märchen nachzuweisen. Tierfabeln stammen vielfach aus dem Altertum, Schild- bürger- und Schwabenstreiche, gemütvolle Erzählungen von Christus und seinen Jüngern gehören auch bestimmten Zeitaltern an. Manche Zeitalter haben gewisse Ähnlichkeit miteinander, und daher ist die Einordnung gewisser Märchen schwierig. Der Redner erklärte sich gegen den Neudruck der Grimmschen Märchen in anderer Ordnung und hält die ursprüngliche, deren Absicht Abwechselung war, für unantastbar. — Hr. Prof. Dr. J. Bolte erwähnte, dass schon Jakob Grimm versucht habe, die Märchen nach Jahrhunderten zu ordnen; eine andere An- ordnung, nach Stoffen, habe Dr. Aarne getroffen; eine Schwierigkeit, Aufschluss über bestimmte Märchenstoffe zu erhalten, liege darin, dass die einzelnen Märchen- forscher die Motive verschieden bezeichneten. Der Vorsitzende legte den neu- gedruckten 1. Band Anmerkungen zu den Grimmschen Märchen' vor, der von Bolte und Polivka (Leipzig 1913) herausgegeben ist. Er bemerkte noch gegen v. d. Leyens Auffassung, dass nicht immer erst die literarische Verarbeitung den Märchen ihre Form gegeben habe. — Hr. Prof. Bolte berichtete dann über die Tagung des Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde in Marburg (s. oben Protokolle. 10^ 23, 440). — Hr. Rittergutsbesitzer Treichel verlas ein noch ungedrucktes Epi- gramm von Justinus Kerner, in dem Korse und Korsett miteinander in Beziehung gebracht werden. Er legte dann ein Tonfragment vor, das er für ein Bruchstück eines primitiven Leuchters hält, und eine aus einem Stücke Holz gearbeitete Streichholzbüchse aus Westpreussen, die er der Sammlung für deutsche Volks- kunde überwies. Freitag-, den 28. November 1913. Vorsitz Geh. Rat Roediger. Hr. Prof. Dr. Boite widmete dem verstorbenen Mitarbeiter an unserer Zeitschrift. Prof. Dr. Viktor Chauvin in Lüttich, warme Worte ehrenden Gedächtnisses. — Der Vorsitzende legte die neu erschienene volkskundliche Bibliographie vor, die als erweiterte Fortsetzung der bisherigen 'Zeitschriftenschau' von A. Abt unter dem Titel: Die volkskundliche Literatur des Jahres TJll bearbeitet ist und den Vereins- mitgliedern zu erraässigtem Preise geliefert werden kann. Für eine in Aussicht genommene Änderung der Satzung erbat und erhielt er von der Versammlung Aufschub der Beratung bis zur Januarsitzung. Dann sprach Frl. Elisabeth Lemke über 'Glück' und anderes Neujahrsgebäck, worüber sie selbst wie folgt berichtet: „Unter Hinweis auf die Zusammengehörigkeit von Weihnachten, Neujahr und Dreikönigstag kamen (durch 12 Blätter mit Abbildungen unterstützt) die in diese Zeit fallenden Kult- bzw. Heilgebäcke zur Erörterung. Einen grossen Anteil an diesen zum Teil in ferne Zeit zurückreichenden Gebacken haben die in dieselben Tage fallenden Totengedenkfeiern, die allerdings schon lange nicht mehr an die Winter- sonnenwende gebunden sind, sondern von der Kirche auf andere Tage verlegt wurden. Ausser der Treue und Furcht, mit denen man der Verstorbenen gedenkt (das Umherschwärmen der Seelen ist noch immer nicht vergessen), spricht die Furcht vor Dämonen mit; die Gesundheit bei Menschen und Haustieren wird durch mancherlei Gebäck 'gesichert'; es werden Menschen, Tiere. Sterne usw. ge- backen. Zum sog 'Glückgreifen' in der Sylvesternacht gehören neun Figuren: 1. Ring, 2. Mann und Frau, 3. Kind, 4. Geld, 5. Brot, <>. Kreuz (oder Glück oder Engel), 7. Tod, 8. Himmelsleiter, 9. Himmelsschlüssel; dreimal kann man je drei der Teller aufheben, unter denen dies Gebäck geborgen ist, das allemal anders geordnet wurde. Es kamen ferner zur Schilderung: Fieberbrötchen, Neujahr- backen, Glück für die Tiere, Neujahrshündlein (allerlei Dinge), Howölfel, Neu- jahrsbaum, Drei Könige (am Sylvester gebacken und bis zum 6. Januar auf- bewahrt) usw. In einer Gegend Ostpreussens setzte man am Sylvesterabend ein gebackenes Neujahrsbäumchen und gefüllte Salzfässer für die Toten hin. Auch streut man vor dem 'für die Toten geheizten Ofen' Asche, um Fussspuren sehen zu können." Dazu teilte Hr. Pastor Jahn mit, dass in Züllchow bei Stettin der Ausdruck 'Wolf für ein Weihnachtsgebäck allgemein sei. Der Vorsitzende er- wähnte, auch in Sachsen sei die Bezeichnung 'Hoch-Neujahr' für den Epiphanias- tag noch üblich. — Hr. Dr. Antti Aarne hielt darauf einen Vortrag über die Veränderungen in den Märchen. Die Ursachen dieser Veränderungen sind selten zufällig. Es kommt häufig vor, dass eine Person des Märchens in der Weiter- erzählung vergessen wurde, was dann weitere Änderungen erforderlich machte. Andrerseits ist Erweiterung der Stoffe sehr allgemein, besonders am Anfange oder Ende des Märchens. Oft werden auch verschiedene Märchen zu einem Ganzen vereinigt. Ferner sind Vervielfältigungen von Daten, Personen usw. häufig. Sehr gewöhnlich sind Dubletten oder Analogieformen in den Märchen. Verall- gemeinerungen oder Vertauschung an Stelle eines bestimmten Zuges im Märchen sind weitere Ursachen der Veränderung. Lösungen der Handlung und Verbin- dung der Personen zu anderen sind ebenfalls nicht selten. In den anthropo- HO Brunner: morphischen Märchen ist die Verwandlung eines Menschen- in ein Tierabenteuer selten, während Vermenschlichungen von Tieren häufig vorkommen. In alte Teufelsraärchen sind später oft Tiere hineingekommen. Veränderung der Gegend bringt naturgemäss Akklimatisierungsversuche hervor, was an dem verbreiteten Märchen von der Einkehr in ein Gasthaus gut erkennbar ist. Dieser Grund zur Veränderung der Märchen spielt überhaupt eine grosse Rolle. Von grösster Wichtigkeit ist es, dass alle Veränderungen nach bestimmten Gesetzen erfolgen. Hr. Prof. Bolte wies darauf hin, dass der gehörte Vortrag das Ergebnis langer gründlicher Studien auf dem Gebiete der vergleichenden Märchenforschung sei. Er erinnerte dann an die von Ulr. Jahn beobachtete Tatsache, dass einer seiner Gewährsmänner, der als Husar gedient hatte, alle Helden seiner Märchen als Husaren auftreten Hess. Auch begabte Erzähler bilden, wie Bunker nach- wies, im Laufe der Zeit ihre Märchen um, und Volkslieblingen wie Eulen- spiegel oder dem alten Fritz werden viele ältere Geschichten angehängt. In jüngerer Zeit macht sich eine Neigung des Volks bemerkbar, eine glückliche Lösung des Märchens herbeizuführen, während die Urform öfter einen tragischen Ausgang bietet. Freitag, den 19. Dezember 1913. Der Vorsitzende, Geh. Rat Roediger, beantragt mit Rücksicht auf das Programm des Abends die Verschiebung der Vorstandsneuwahl auf die Januarsitzung, wogegen sich kein Widerspruch erhebt. Hr. Musikdirektor Karl Heck er hielt dann einen Vortrag über das deutsche, ins- besondere das rheinische Volkslied, welcher durch eine Anzahl von Volkslieder- vorträgen des 1'). bis 19. Jahrhunderts, trefflich ausgeführt vom Chor des Kgl. Lehrerseminars in Köpenick, erläutert wurde. Am Klavier begleitete mit Anmut Frl. Dora Becker. Der Redner führte aus, dass die Geschichte der Entstehung des Volksliedes noch nicht geschrieben sei. Seit Herder, Goethe und Uhland ist CS aber von den Literaturforschern vielfach behandelt worden, nach Hoffraann von Fallersleben in neuerer Zeit besonders durch M. Priedlaender und John Meier. Im Gegensatz zum Kunstliede bringt das Volkslied typische, allgemeine Erlebnisse zur Darstellung, nicht subjektive Empfindungen. In sprunghaftem Stile wird Selbst- verständliches übergangen. Text und Melodie sind miteinander verwachsen. Daher der unvergängliche Zauber der Jugend im Volksliede. Im fortgesetzten Gebrauch schwanden allmählich alle Ecken und Härten des Liedes. Man ordnet die Volks- liedersammlungen zweckmässig nach dem Stoffe, den sie behandeln. In Deutsch- land sind Kriegslieder häufig im Volksmunde anzutreffen, besonders zahlreich in der Rheinebene. Dagegen wurden Balladen, die aus der Mythologie und Tier- sage schöpfen, durch kirchliche Einflüsse verdrängt, während Liebeslieder in Balladenform sehr zahlreich sind. Nach dem Abklingen des Minnegesanges und der Marienhymnen kam im 15. Jahrhundert das A^olkslied auf, im 16. Jahrhundert waren sie noch zahlreicher vorhanden, aber im Zeitalter des Dreissigjährigen Krieges gingen viele Volkslieder unter. Im 18. Jahrhundert kam der noch heute nicht überwundene Bildungsdünkel auf und drängte das Volkslied zurück. Aller- dings setzte nun bald die mit Herder beginnende Gegenströmung ein und führte für das Volkslied eine neue Ära herbei, bei der aber die Melodie vernachlässigt wurde. Erst Erk widmete auch ihr die nötige Aufmerksamkeit, ausserdem Böhme, Liliencron u. a. Am Rhein sammelte zuerst Hoffmann von Fallersleben Volks- lieder. Sein 'Liederhort' wird in der Berliner Kgl. Bibliothek aufbewahrt, welche überhaupt die meisten hsl. Volksliedersammlungen enthält. W. von Zuccalmaglio sammelte über 600 Volkslieder, änderte aber leider sein Material nach Gutdünken um. Auch Kretschmer und Simrock sammelten Volkslieder des Rheingebietes, Protokolle. 111 wenn auch nicht erschöpfend. Der Redner selbst hat etwa seit 1870 im ganzen Rheinlande Volkslieder mit besonderer Berücksichtigung der Melodie gesammelt und beabsichtigt nahezu lOOO zu veröffentlichen, von denen viele Variationen, bis zu "20, vorliegen. Die Notierung der Melodien ist schwieriger als die der Texte, und es gehört dazu viel Erfahrung und musikalische Begabung. Grossen Reiz geben den Melodien die oft wechselnden Taktarten. Zu einer umfassenden Dar- stellung des deutschen Volksliedes müssten noch mehr Sammlungen, besonders auch der Melodien, in allen deutschen Gauen veranstaltet werden»). Der Vor- sitzende dankte Hrn. Becker für die willkommenen Belehrungen über das deutsche Volkslied und die musterhaften Vorträge des von ihm geleiteten Chores. Er sprach die Hoffnung aus, dass die aus der trefflichen Schule des Hrn. Vor- tragenden hervorgehenden jungen Lehrer mit ganz besonderem Verständnis sich in Zukunft die Pflege des Volksliedes, zumal auf dem Lande angelegen sein lassen werden. Freitag, den 23. Januar 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Rat Roediger, erstattete den Jahresbericht und der Schatzmeister Hr. Treichel den Kassen- bericht. Dann wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt. Er besteht also aus den Herren Roediger, Bolte, Brunner, Mielke, Treichel, Minden und Sökeland. Der gleichfalls neugewählte Ausschuss setzt sich wie folgt zusammen: Friedel als Obmann, Schulze-Veltrup, Boehm, Behrend, Hahn, Ludwig, Samter, Maurer, Lemke, Heusler, Simon, Ebermann. Auf Antrag des Vorstandes stimmte die Versammlung einer Änderung der Satzung zu, welche neugedruckt und den Mitgliedern über- sandt werden soll. Darauf hielt Hr. Prof. Dr. Ernst Samter einen Vortrag über Pteligion und Sittlichkeit bei den Griechen. Die Götter haben nach griechischer Anschauung die Welt und die Menschen nicht erschaffen, aber sie regieren sie. Dass sie immer gerecht regieren, kann nicht behauptet werden. Die homerischen Götter ergreifen bekanntlich in den Kämpfen der Griechen und Trojaner sehr energisch Partei. Durch Opfer an die Gottheit glaubte man sozusagen einen Kontrakt zwischen Gott und Mensch festzusetzen. Die Gunst der Götter beruht keineswegs nur auf guten Taten; das gilt auch für spätere Formen des griechischen Volksglaubens. Auch in die Mysterien ist erst später ein sittliches Moment ein- getreten. Natürlich gab es auch Gegner der unethischen Anschauungen des Volks- glaubens. So hat besonders Xenophanes (6. bis 5. Jahrhundert) scharf diese un- sittlichen Auffassungen der Dichter über die Gottheit kritisiert. Er gelangte so zu einer mono- oder pantheistischen Religionsanschauung, die viele geistig hoch- stehende Griechen mit ihm teilten. Hesiod gibt in seiner Theogonie und seinen 'Werken und Tagen', die eine Art von Bauernkalender sind, eine weniger poetische als moralisierende Götterlehre. So spricht er z. B. von einer segensreichen Eris, die zu Fleiss und Arbeit anreizt. Ähnliche Vorstellungen von gerechter göttlicher Regierung hegte auch Solon. Er spricht auch von dem Erbe des Bösen, d. h. der Strafe an den Nachkommen. Herodot dagegen schreibt den Göttern mensch- liche Schwächen zu, z. B. den Neid, der es dem Menschen verwehrt, zu glücklich zu sein. Auch Pindar spricht ähnlich, ferner urteilen so die sieben Weisen in 1) Es kamen folgende Volkslieder zum Vortrag: 15. Jahrhundert: Ich fahr dahin. Innsbruck, ich muss dich lassen. IG. Jahrhundert: Es ist eine Ros' entsprungen. 18. Jahr- hundert: Drei Lilien. 0 Strassburg, du wunderschöne Stadt. 18. bis 19. Jahrhundert: Jetzt gang i ans Brünnele. l'J. Jahrhundert: Ich liabe den Frühling gesehen. Zu Strass- burg auf der langen Brück. Weh, dass wir scheiden müssen. 112 Brunner: Protokolle. — Zum Marburger Verbandstag. — Berichtigung. ihren Sprüchen an dem Heiligtume von Delphi. Unter den grossen Tragikern hat Aeschylus in vielem am alten Glauben festgehalten, aber seine Vorstellungen über die Gottheit sind doch weit über den Volksglauben hinausgewachsen. Mass- halten ist ihm eine Notwendigkeit für den Menschen, denn Zeus ist ein scharfer Richter der Cberhebung. Eine Forderung der Gerechtigkeit ist Strafe, auch an Kindern und Kindeskindern. Aber die Sünden der Väter sind nur Mithelfer der bösen Tat, zum Entschluss ist der Mensch frei. Zeus ist ihm der Gott schlechthin; seine Weisheit und Güte preist er in fast alttestamentlicher Kraft und Majestät. Im Chor des 'Agamemnon' gibt er seiner Anschauung über die Macht des Zeus ge- waltigen Ausdruck. Bei Sophokles findet sich ähnliche Frömmigkeit, doch steht sie dem Volksglauben näher als bei Aeschylus. Zu seinen religiösen Forderungen gehört auch die Erfüllung äusserlicher Vorschriften, und er hält noch fest am Alten, auch zuweilen itn Gegensatze zum Geiste seiner Zeit. Sein Philoktet muss wie Odysseus nach dem Willen der Gottheit schuldlos leiden. Der Mensch hat sich eben dem unbegreiflichen Willen der Gottheit zu unterwerfen, und als Trost bleibt ihm nur die Ergebung in den Willen der Gottheit. Eine Hoffnung auf Lohn im Jenseits wird nicht gegeben. Im Gegensatze dazu spricht aber Aeschylus von einem Gerichte im Jenseits. Auch Pindar weist auf diese Gerechtigkeit hin und entwirft von ihr ein blumenreiches Bild. Aber dem Volksglauben waren solche Anschauungen fremd. Im »i. Jahrhundert lehrten die Orphiker, die Schüler des Thrakers Orpheus, dass in der Ekstase des Dionysoskultes Vereinigung mit der Gottheit erfolge. Es war eine Erlösungsreligion mit Vorstellungen von Seelen- wanderung und körperlicher Askese, z. B. Enthaltung vom Fleischgenuss. Aber eine sittliche Umwandlung war ursprünglich nicht verlangt. Unter dem Schutze des Pisistratos hingen die attischen Bauern des <>. Jahrhunderts dieser Sekte an. Bei Pindar finden sich Erinnerungen an diese Anschauung von Seelenwanderungen wieder; aber stärker wirkte die orphische Lehre auf die Philosophen, besonders Plato ein. Manches ging auch in das Christentum über. Der Vorsitzende legte zum Schlüsse einen neu erschienenen Leitfaden zur Märchenforschung von Dr. A. Aarne vor. Berlin. Karl Brunner. Zum Bericht über den Marburger Verbandstag (oben 23, 441) sei hier eine Berichtigung nachgetragen. Der geschäftsfiihrende Ausschuss bestand und besteht aus den Herren John Meier (Freiburg), A Götze (Freiburg). Hoffniann-Krayer (Basel) und I.auffer (Hamburg). Dagegen gehören die Herren Fehrle (Heidell)erg) und Helm (Giessen) mit Hepdlug, Jostes, Spamer und Wünsch der Kommission für die Sammlung der Segen- und Zauberformeln an. (J. B.) Berichtigung. Oben 23, S. 424, Z. 9 von unten ist statt 'Streitberg' zu lesen: 'Helm". //3 Gescliiclite der Tanzkrankheit in Dentschland. Von Alfred Martin. (Mit 3 Abbildungen.) Im Jahre 1832 Hess der Berliner Geschichtsforscher und Arzt Hecker^) eine Monographie über die 'Tanzwut' erscheinen, die von Dubois^) ins Französische übersetzt und 1865 von dem Berliner Professor August Hirsch^) nochmals und mit Zusätzen herausgegeben wurde. Die Autorität Heckers auf dem Gebiet der grossen Volkskrankheiten des Mittelalters hat bewirkt, dass die Grundzüge seiner Darstellung bis heute massgebend gewesen sind^) und Berichtigungen sowie einige neu hinzugekommene Ergebnisse fast unberücksichtigt blieben. Ich bin bei keiner Arbeit auf soviel unkritisch zusammengetragenen Stoff, auf so wenig Ausnutzen der den Autoren zu Gebote stehenden Quellen und des von ihnen selbst mitgeteilten Stoffes gestossen als bei der Geschichte der Tanzkrankheit. 1. Der Veitstanz in Strassburg 1518. Am schärfsten umschrieben steht die Strassburger Veitstanzepidemie, wie ich gleich vorwegnehmen will, vom Jahre 1518 da. Die grossen Medizinhistoriker Hecker, Hirsch und Häser legen sie ins Jahr 1418. In einer Anmerkung zu Königshovens Elsässer Chronik sagt der Herausgeber Schilt er 1698, dass mau von der Strassburger Tanzplage in Chron. M. S. Argent. p. 318 folgende Reime finde: 1) J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth. Berlin 1832. Abdruck mit Zusätzen von Hirsch in: Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, Historisch -pathologische Unter- suchungen von J. F. C. Hecker, Gesammelt und in erweiterter Bearbeitung heraus- gegeben von Dr. August Hirsch. Berlin 18G5. S. M:') — 192. — 2) Memoire sur la choree epidemique du moyen age; par le docteur J. F. C. Hecker (Traduit de l'allemand par M. Ferdinand Dubois). Annales d'Hygiene publique et de medicine legale, 12. Bd. Paris 1834. — ?>) H. Hasser, Lehrbuch der Gesch. der Medizin und der epid. Krank- heiten, 3. Bearbeitung. 3. Bd. Gesch. d. epid. Krankh. Jena 1882; 0. v. Hovorka und A. Kroiifeld, Vergleichende Volksmedizin, 2. Brl. Stuttgart 1909. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 8 114 Martin: ^St. Veits Tantz Au. 1418. Viel hundert fingen zu Straßburg an Zu tantzen und springen, Fraw und Mann, An oifnen Mark, (lassen und Strassen. Taor und Naclit ihren viel nicht assen, Biß jn das Wüten wieder gelag. St. Vits Tantz ward genant die Plag"^). Was Schilter weiter mitteilt, ist ohne Angabe eines Jahrhunderts. Da Heckers 3Iitteilungeu nur auf denen von Schilter beruhen, ging die Jahreszahl 1418 in die spätere Literatur über. Bei einer gelegentlichen Durchsicht der Chronica neuer Geschichten des Nürnberger Chronisten Wilhelm Rem fiel mir auf, dass dort die Epidemie 1518 datiert ist. Es heisst da: „Wie zu Straspurg vil leut sant Veitz tantz ankam. Anno dni. 1518 im Summer da kam es zu Straspurg fast vil leutt sant Veitz tantz an, daß ain tag wol bei 15 menschen ankam.es weret fast lang, also verbott man das tantzen und pfeiffen und paugkenschlagen"^). Zunächst glaubte ich an einen Druckfehler, zumal der Herausgeber der Chronik Roth unter den Hinweisen auf andere Quellen auch eine von Häser veröffentlichte und bei diesem 1418 datierte Ratsverordnung anführt. Als ich mich dann mit den weiteren Quellen beschäftigte, gab es Überraschungen. Die Epidemie von 1518 steht nach dem mir vorliegenden Stoff" fest. Längere Zeit glaubte ich an eine zweite, im Jahre 1418, einmal wegen der Stelle bei Schilter, dann wegen des Ratsbeschlusses von 1418 bei Häser, und drittens, weil 1418 Tanzkranke im obern Deutschland erwähnt w^erden. In Zürich kommen sie in diesem Jahre nach Yö gelin ^) in den Rats- und Richtbüchern vor. Er niacht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie in den Züricher Chroniken, die sonst Kleinigkeiten berichten, nicht erwähnt werden, und nimmt deshalb Veitstänzer an, die von Zabern im Elsass kamen, denn dorthin hatte Strassburg seine Kranken geschickt. Die Jahreszahl über den Versen bei Schilter konnte nicht nach- geprüft werden. Wie mir die Strassburger Landesbibliothek mitteilt, ist die angeführte Chronik beim Bibliotheksbrande 1870 zugrunde gegangen. Ich glaube, es geschah schon früher, da keiner der Schriftsteller vor 1870, die nach handschriftlichem Stoff suchten, ausser Schilter ihrer gedenkt. 1) Die älteste teutsche so wol allgemeine als insonderheit elsassischc und Straß- burgische Chrouike, von Jacob von Königshoven, Priestern in Straßburg, von Anfang der Welt biß ins Jahr nach Christi Geburth MCCCLXXXVI beschrieben. Anjetzo zum ersten mal heraus und mit historischen Anmerkungen in Truck gegeben von D. Joliann Schiltern. Straßburg 1698. Anmerkung: Vom Veitz-Tantz S. 1085 - 10i)U. — 2) Wilhelm Rem, Chronika newer Geschichten. Bearb. von Friedrich Roth, Chroniken der deutschen Städte 25. Bd. Leipzig 18%. — 3) Salomon Vögelin, Gesciiichte der Wasserkirche in Zürich. Zürich 1848 (Xeujahrsblatt hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 18-47— 48;. Geschicilte der Tanzkrankheit in Deutschland. 115 Die bei Häser wörtlich abgedruckte Ratsverordnung findet sich schon bei Schilter und ist dort datiert „Veneris post Magdalene etc. XYIII". Das Original (Anlage 11) liegt noch im Archiv der Stadt Strassburg (GUP 200) und hat auch nur etc. XVIII. Nach der Charakteristik der Schriftzüge ist 1518 anzunehmen. Auch ein ausserdem von Schilter mit- geteiltes KatsprotokoU (Anlage I), das nicht datiert ist, gehört demselben Jahre an; das geht aus den dort mitgeteilten Namen der Magistrats- personen hervor (Angabe des Archivs der Stadt Strassburg). 1836 gab nun Boersch^) eine französisch geschriebene grössere Arbeit über die Sterblichkeit in Strassburg heraus und bringt richtig die Yeits- tanzepidemie beim 16. Jahrhundert. In einer Anmerkung schreibt er aber, dass die verschiedenen Chronisten sich mit dem Jahre 1518 geirrt hätten. Nach seinen letzten Forschungen stehe es ausser Zweifel, dass, wie Schilter angibt, 1418 richtig sei, auch Hecker sage das; er bedaure, dass er wegen des vorgeschrittenen Druckes die betreffende Stelle nicht mehr berichtigen könne. Und doch hat er noch geändert, nämlich in die fran- zösische Übersetzung der erwähnten Ratsverordnung das Yierzehn- hundert eingesetzt, wodurch ans dem 18. Jahre 1418 wurde. Den deutschen Originaltext bringt er noch richtig mit etc. XVIII. Darauf hat Häser ^) dem deutschen Originaltext das 14 . . hinzugefügt (er gibt keine Quelle an. zitiert aber an anderer Stelle Boersch), und so entstand in der Rats- verfügung die gefälschte Jahreszahl 1418. Damit war für die Medizin- historiker die Strassburger Veitstanzepidemie abermals und nun doppelt begründet auf 14:18 festgelegt. Von elsässischen Schriftstellern nehmen Grandidier^), Hermann^), Glöckler») das Jahr 1418 an, Krieger*^), Witkowski^), Adam^) löl8, Boersch, wie erwähnt, zuerst 1518, dann 1418, StrobeP) und Fischer'«) 1418 und 1518. Beiläufig sei bemerkt, dass Holländer") ohne Quelle die falsche Jahreszahl 1438 bringt. Wesentlich falsche Schilderungen der Epidemie geben Grandidier und Strubel a. a, 0., welche Vorkommnisse einer früheren Tanzplage, die im 14. Jahr- hundert vorzugsweise in Niederdeutschland herrschte, für die Strassburger an- geben. Die Schilderung der Strassburger Epidemie, wie sie die bekannteren ärztlichen Geschichtsschreiber (Hecker, Hirsch, Häser und die, welche aus ihnen schöpfen) geben, gründet sich auf Schilter und auf das, was 1) Charles Boersch, Essai sur la niortalitc a, Strasbourg. Strassburg 1S3G. — 2) Lehrbuch o, '.}. — 3) Ph. A. Grandidier, Oeuvres historiques inedits," 4. Bd. Colmar 186(1. — 4) Jean-Fred. Hermann, Notices historiques etc. sur la ville de Strasbourg, 2. Bd. Strassburg 181'.». — 5) L. Glöckler, Gesch. des Bistums Strassburg. Strassburg 1879. — 6) J. Krieger, Beiträge zur Gesch. der Volksseuchen etc. von Strassburg, 1. Heft. Strassburg 1879. — 7) L. Witkowski in Laehrs Allg. Zs. f. Psychiatrie 35. Berlin 1879. — 8) A. Adam, Sankt Veit bei Zabern oder der hohle Stein. Zubern 1879. — 9) A. W. Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses, 3. Teil. Strassburg 1843. — 10) Dagobert Fischer, Das alte Zabern. Zabern 18G8. — 11) E. Holländer, Die Medizin in der klass. Malerei, Stuttgart 1903. 116 Martin: Boerschi) zusammengetragen hat, der die Angaben aus der (1870 ver- brannten)'') handschriftlichen Chronik von Schadaeus (Oseas Schad, 17. Jahrhundert)') und den im 17. Jahrhundert gedruckten von Gold- meyer und Kleinlawel vermehrte. Nach Schadaeus fing eine Frau 1518 acht Tage vor [Häser sagt falsch nach] Maria Magdalenentag [22. Juli] zu tanzen an. Sie tanzte vier ganze Tage. Der Magistrat Hess sie zur Kapelle des heiligen Veit nach Zabern führen, und sie blieb ruhig. Darauf begannen noch mehrere bei den Stadtställen zu tanzen, und im Verlauf von vier Tagen waren es 34 Personen, Männer und Frauen. Der Magistrat verbot Trommeln und Pfeifen, und man führte die Tänzer nach St. Yeit, aber in wenigen Tagen vermehrte sich die Zahl auf mehr als 200. Die Chroniken von Gold- meyer und Kleinlauel fügen hinzu, dass die Kranken Tag und Nacht tanzten, bis sie erschöpft und ohnmächtig umfielen, und viele unter ihnen konnten sich nicht erheben und starben. Soweit Boersch a. a. O. Ähnlich ist die Schilderung in Duntzenheims Chronik. Nach ihr ging die Tollheit von einer Frau aus, welche zuerst vier Tage in einem- fort tanzte; wenige Tage darauf waren es schon vierunddreissig, und in der vierten Woche — darin weicht sie von der Schadschen ab — stieg die Zahl auf mehr als zweihundert^). Kleinlawel bringt unter Vitsdantz 1518 die Verse: „Ein Seltzam sucht ist zu der zeit Vnder dem Volck vmbf>angen, Dan viel Leut auß Vnsiunigkeit Zu Dantzen angefangen. Welches sie allzeit Tag und Nacht Ohn vnter laß getrieben, Biß das sie fielen in ohnmacht, Viel sind Todt drüber blieben"^). Die Goldmeyersche Chronik erwähnt nach Angabe der Strassburger Landes- universität den Veitstanz von 1518 nicht. Aus den sogenannten Brantschen Annalen, die Auszüge aus den Ratsproto- kollen sind, führe ich noch an: „1518. Als diss jars um Margarethen ['22. Juli] ein schwäre erschreckliche krankheit mit St. Vitstanz erhub, also dass uff fünfzig personen damit behafft tag und nacht tantzeten dass jämmerlich zu sehen war, wurden dieselben alle in der Stattcosten verwahrt und zn dem lieben heil. St. Vit im Hohenstein bei Zabern geführt und fast erledigt [vollständig frei von der Krankheit]. Da setzten unsere herren ufl" und lissen ein gebot üssgon, daß nie- mand tantzen soll bis Michaelis [29. September] in der ganzen Statt und burgban, bei 30 seh pf. und kein beucken [Pauken] schlagen; wol möchte man boy braut- läuften und ersten messen mit saitenspiel tantzen nach eines jeden conscienz'"^). 1) Essai 1836. — 2) Haeser a. a. 0. — 3) Desgl. — 4) Fragments de diverses vieilles chroniques, nr. 3981. iMitt. d. Ges. f. Erhaltung der gesch. Denkm. des Elsass, 2. Folge, Bd. 18). Strassburg 1897. — 5) Kleinlawel, Strassburgische Chronik. Strassbg. 1625. — 6) Jac. Wencker, Extractus ex protocollis Dom. XXI vulgo Sebastian Brants Annalen, nr. 3443 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15;. Strassbg. 1892. Geschichte der TaDzkrankheit in Deutschland. 117 Die Bürger, welche Kranke in ihren Familien hatten, mußten die Kosten zum heiligen Veit nach Zabern tragen, für die Armen übernahm sie der Rat. Der Transport geschah auf drei dreispännigen Wagen, nicht auch zu Fuß, wie Hecker und Häser angeben, auch wurden die Kranken nicht hingeschleppt, wie Holländer schreibt; aus allem geht hervor, daß sie gern die Wallfahrt machten. Die Knechte hatten der Kranken zu warten und bei ihnen zu bleiben. Wenn sie Zabern nahten, sollte einer vorausreiten und drei oder vier Priester mit Rat des Dechanten von Zabern bestellen, um jeder Rotte gesondert nacheinander gesungene Ämter zu halten. Nach jedem Amt sollten die armen Leute um den Altar geführt werden und jeder Kranke 1 Pfennig opfern; wo ihn der Kranke nicht hatte, mußte es der Führer für ihn tun. Was vom Almosengeld, das den armen Leuten mitgegeben war, übrig blieb, sollte in den Opferstock gelegt werden. (Beschlüsse Freitag nach Marie Magdalene, Anlage I und IL) Nach dem einem Ratsprotokoll waren die Kranken nach St. Yit, nach dem anderen in der Wiedergabe bei Schilter nach St. Vit zuni Roten- stein, nach den ßrantschen Annalen im Hohenstein zu schicken. Es muss zum Hohlenstein heissen. Schilter hat falsch gelesen, es steht im Original Holenstein (Anlage II, zu der die bei Schilter als Überschrift zu Anlage I gegebenen Worte gehören). Hecker und Häser schreiben sogar zu den Kapellen des heiligen Veit zu Zabern und Rotenstein. Der Veitsberg, gewöhnlich Vixberg genannt, liegt nach Fischer 399 m über dem Meere, westlich hinter Zabern mit einer Felsenhöhle, nach der der Berg einst der Hohlestein genannt wurde. (Unter diesem Namen kommt er öfter im Stadt- archiv zu Zabern vor.) Diese ist 4 m hoch, 7 m breit, 13 >ii tief. Zu ihr führt ein schmaler ansteigender Pfad'). In Wenckers handschriftlicher Chronik von 1637 heisst es, die Kranken seien nach St. Veit zum hellensteg hinter Zabern ge- schickt worden^). Mit diesem Hellensteg ist sicher der zur Höhle ansteigende Steg gemeint, der also auch dem Kultort den Namen gab. Die Grotte war als Kapelle eingerichtet, in ihr nahm man das Grab des hl. Veit an (Sankt Fitts Grab under dem Felsen). Diese 'untere Kapelle' (1654) heisst sonderbarerweise 1.H2 'Sant Trügen Kapelle', 1601 und später Aurelien- kapelle. Die eigentliche Veitskapelle lag oberhalb der Höhle. 17.")8 wurde die Kirche vom Kardinal von Rohan visitiert, der verfügte, dass die wurmstichigen und zersprungenen St. Veitsstatuen wegzunehmen seien. Kr verbot ausdrücklich, in dieser Kapelle fernerhin eiserne Kröten, Fratzenbilder von Menschen und andere abergläubische Figuren auszustellen und in der unterhalb der St. Veitskapelle erbauten Aurelienkapelle Messe zu lesen; die dortigen Statuen sollten hinvveggenoramen werden. Der Pfarrer von Zabern wurde mit der Aus- führung beauftragt, um jeden Aberglauben zu verhindern^). In der Revolutions- zeit ging das ganze Gebiet in Privatbesitz über und wurde dann als Meierei be- wirtschaftet. Die Kapelle zerstörte und verbaute der Käufer. Aber 1818 wurde die Grotte wieder zum Kultus eingerichtet und der Altar dorthin geschafft*). Heute ist auch hier kein Gottesdienst mohr^). 1 Fischer, Das alte Zabern 18G8, — li Schnegans, Auszüge aus Wenckers Manusc. Chronik von 1G37, nr. 3007 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15). Strassbg. 1892. — :]) Adam, St. Veit 1879. — 4 Fischer 18GS. — 5' Adam a. a. 0. 118 Martin: Am Ostermontage und am 15. Juni, dem Veitstage, kamen auf dem Berg zahlreiche Wallfahrer zusammen. Die Bewohner der unteren Ortschaften zogen in Prozession hinauf. Zu den Reliquien pilgerten an Veitstanz und fallender Sucht (Epilepsie) Leidende. Manche Epileptiker stellten ihre Stöcke an den Weg in der Meinung, dass, wer den Stock wegnehme, auch die Krankheit mit fort- nehme. Hysterische und unfruchtbare Frauen opferten eiserne Kröten. Der Heilige wurde auch bei Viehseuchen angerufen^). Der letzte Pächter von St. Veit, ein 86jähriger Mann, versicherte, wie Adam 1897 schreibt, dass er zu seiner Zeit noch Kröten bringen sah. Das Zaberner Museum besitzt übrigens solche Opfer- bilder^). Es geht aus diesen Angaben hervor, dass die eisernen Kröten von un- fruchtbaren Frauen geopfert wurden. Das erklärt sich aus dem Volksglauben, die Gebärmutter sei eine Kröte. Ich kann deswegen Glöckler') nicht zustimmen, wenn er behauptet, die Strassbur^er Veitstänzer wären nach St. Veit gepilgert, um dort als Sinnbilder ihrer Krankheit •eiserne Fröschen' zu opfern. Fischer hat aus der Lage des Berges und den abgemeisselten Flächen der Höhle auf einen druidischen Kultort geschlossen, der Einbau der Kapelle soll nach Adam die Abglättungen erklären. Nach dem bisher Mitgeteilten ist die Strassburger Yeitstanzepidemie nur von medizinischem, allenfalls noch von theologischem Interesse. Die Krauken wurden der damaligen Anschauung entsprechend behandelt, als Geisteskranke der Fürbitte der Kirche anheimgestellt und durch gottes- dienstliche Handlungen in der Kapelle ihres Krankheitspatrons geheilt. Volkskundliche Besonderheiten kamen dabei nicht vor. Ein eigentlicher Yeitstanzaberglaube tritt uns — nach den bisherigen Darstellungen — erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts entgegen. Und doch lassen sich die Bräuche von den sagenhaften Anfängen bis zum 17. Jahrhundert nachweisen, auch im Strassburger Veitstanze, nur sind sie da sonderbarer- weise nicht bekannt geworden. Die Heilweise in St. Veit war nämlich eine andere als die bisher geschilderte — was dort geschehen sollte und was in Wirklichkeit ge- schah, ist zweierlei — , und ausserdem hatte der Rat von Strassburg in Strassburg selbst die Kranken auf zwei andere Arten zu heilen gesucht, aber ohne Erfolg. Das ist den grossen Literaten der Geschichte der Medizin unbekannt geblieben. Nach den schon erwähnten sogenannten Annalen des Sebastian Braut (der von 1458 — 1521 lebte und seit 1503 Ratsschreiber war)*), die nicht von Brant, sondern später von Wencker aus den Ratsprotokollen aus- gezogen und vor ihrer Vernichtung beim Brande 1870 von anderen teil- weise abgeschrieben waren "), wurde in mehreren Sitzungen des Rats der 21 von Yeitstänzern gesprochen. Die Ärzte erklärten es für eine natür- liche Krankheit, die von hitzigem Geblüt komme. Indessen 'die armen 1) Fischer a. a. 0. — 2) Adam a. a. 0. — 3) Gesch. d. Bistums Strassbg. 18T'.\ — 4) Witkowski, Allg. Z. f. Psychiatrie 1879. — 5i Annales de Sebastian Brant, ur. 4398 (Mitt. d. ües. f. Erhaltg. d. gcsch. Denkm. d. Elsass, 2. Folge, Bd. 19;. Strassbg. 1899. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. IJt) leute' wünschten, dass man für sie Messe lese usw. Der Rat schickte deswegen zu dem bischöflichen Vikarius, der antwortete: „Dass dis im unnot zu sin dünkt, sondern diwyl die Artz anzeigen, daß es eine natür- lich krankheit sy, daß man auch natürlich mittel mit in versuche, aber domit nit nichts beschehe, woll er alle Predikanten beschickhen und in bevelhen, daß sie öffentlich in cancellis ermaneten zu betten und an- zurieffen, daß er sin gnad und barmherzigkeit uns sende ^)." Was der Rat ausserdem tat, geht aus folgenden Berichten hervor. Die sogenannte Imlinsche Familienchronik der Strassburger Landes- bibliothek bringt als Zeugnis eines Zeitgenossen: „Anno 1518 jar 8 tag vor S. maria magdalena hub ein frauw an zu dantzen, vnd dan[a]ch weren woll 6 tag da leiss sey meinw y [gnädigen Herrn] nach St. Vit gehn Zabern füren da war sey still, vnd die will sey noch uff dem weg da fing noch mehr an zu dantzen bei dem y [Magistrats-] stall also daz in 4 tagen bey 34 frauw vnd man waren, da verbatten meinw y [gnädigen Herrn] die drummeln vnd pfiffen vnd fürt ein teil uff die gewererstub [Zunftstube der Gerber] die and uff die Zimraerleutstub, vnd an dem and tag da leiss man sey alle nach S. Vit füren vnd da dantz, und in 4 Wochen wurden Ir mehr denn 400 Dantzer" '"*). In der handschriftlichen Chronik des Daniel Specklin, der 1536 in Strassburg geboren wurde, also seine Nachrichten noch von älteren Leuten haben kann, die den Tanz erlebten, heisst es: „1518. Da erhub sich ein dantz von iungen und alten leutten, die tantzten tag und nacht, dass sie nieder fielen, also dass über 100 zu Strassburg auff einmal tanzten. Da gab man in etliche zunftstuben ein, auch auff dem Ross- und Kornmarckt macht man gerüst und bestellte eigene leutt umb lohn, die mussten stets mit ihnen, tanzten mit trummen und pfeiffen; es half alles nichts. Viel tanzten sich zu tode. Do schickte man sie hinder Zabern zu St. Veit, zum holen stein, auf waegen; da gab man ihnen creuzle und rothe schuh, und macht mess über sie. An den schuhen war unten und oben creutz mit dem chrisam [geweihtem, mit Balsam gemischtem SalböP)] gemacht und mit weywasser besprengt in St. Veits nahmen, das halff ihn vast [sehr| allen. Und kam solches viel leuth an, denen man St. Veitstantz fluchte, lieft' auch viel schelmenwerk mit unter'"*). Wencker hat diesem Bericht 1637 hinzu2:efüo't, dass man den Tänzern die Zimmerleut- und Gerberstub gab, viel nach St. Veit schickte, andere selbst dahin liefen und 'also dantzend vor dem bild niederfielen'. 1) Seb. Brantl899. — 2; Witkowski a. a. 0. — 3 M. Lexer, Mhd. Haiulwörterbuch. Leipzig 1ST2. — 4) R. Reuss, Les coUectanees de Daniel Specklin, architecte de la ville de Strasbourg, nr. 221(; Mitt., 2. Folge, Bd. 14 . Strassbg. ISS'J. 120 Martin: Wegen der dortigen Behandlung habe man die Krankheit S. Vitstanz genannt^). Hermann schreibt 1819 ohne Quellenangabe, dass die allgemeine Meinung war, wenn man in St. Veit um den Altar tanze, werde man von der ungeregelten Leidenschaft des Tanzes geheilt^). Hieraus geht hervor, dass der Tanz nicht nur die Krankheit selbst war, sondern man ihn auch als Heilmittel benutzte, der Rat öffentliche Tanzplätze auf Zunftstuben und Märkten errichtete, Musik stellte, den Kranken gesunde Mittänzer gab, dass bis zur Bewusstlosigkeit getanzt wurde. Mit deren Eintritt glaubte man die Krankheit beseitigt. Viele starben dabei, den andern halfs nicht. Ich möchte hier daran erinnern, dass man bis in den Anfang des 19. Jahr- hunderts erregte Geisteskranke in besonderen Apparaten schüttelte, drehte, bis Schwächezustände eintraten, eine scheinbare Beruhigung sich einstellte. Und bei St. Veit gings anders her, als man bisher annahm, vor allem anders, als Hecker annahm (und Hirsch hat die Stelle übernommen), wenn er schreibt: „Nach vollbrachtem Gottesdienst führte man sie in feierlichem Umzüge um den Altar, Hess sie von ihrem Almosen ein geringes opfern, und viele mögen durch Andacht und die Heiligkeit des Orts von trost- losem Irrwahn genesen sein. Man beachte hier wohl, dass sich in dieser Zeit die Tanzwut au den Altären des Heiligen nicht erneute, dass man von diesem nur Hilfe flehte und von seiner Wundertätigkeit die Genesung hoffte, welche ausser dem Bereich menschlicher Einsicht lag", und damit der Strassburger Epidemie eine Ausnahmestellung zuweist. In Wirklich- keit tanzte man auch in St. Veit zu Heilzwecken (neben der Messe, die gelesen wurde) um den Altar in besondern, geweihten roten Schuhen, die unten und oben ein mit geweihtem Ol gemachtes Kreuz trugen, doch wohl, um auf die tanzenden Beine einzuwirken. Die selbst hinliefen, fielen tanzend vor dem Bild des Heiligen nieder, nach meiner Meinung ohne gottesdienstliche Handlung, weil keine Priester auf St. Veit wohnten (die deswegen der Rat für die von ihm hingeschickten Krauken aus Zabern kommen Hess). Das half. In der aus der Specklinschen Chronik mitgeteilten Stelle wird die vermeintliche Ursache des Veitstanzes wenigstens für viele von den Tänzern angegeben. Man hatte ihnen St. Veitstanz geflucht. 'Gott geb dir Sankt Veit' oder 'Dass dich Sankt Veit ankäme', waren damals sehr gebräuchliche Verwünschungsformeln ^). Die letztere Formel kommt bei elsässer Schriftstellern des 15. und IG. Jahrhunderts häufig vor*), und im Rottweiler Stadtrecht heisst es 1485: 1) Schnegans 1892. — 2) Notices historiques, Strassburg 1811). — ;>; Adam 18;»7. — 4) Fischer 1868. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 121 „Item welcher den andern unzüchtigklich schultet oder fluchet, den ritten [das Fieber] sant Vitstantz oder derglychen wort, der sol verfallen sin .3 sh. h. )." Ich habe noch weiter von der Strassburger Epidemie zu berichten, denn waren auch die nach St. Veit Geschickten geheilt, so kamen neue Fälle vor. In den Brantschen Annalen heisst es weiter: „5a Mariae Magdalenae. Item als etlich frauen und knaben den bössen dantz tantzen, soll die termeu(?) abstellen und heimlich seitenspiel haben ^)." Was mit termen gemeint ist, weiss man nicht. Nach diesem Beschluss wurde aber nicht mehr zu Heilzwecken öffentlich mit Musik getanzt, sondern es sollte heimlich geschehen. Weiter heisst es in den Annalen: „Darnach ufp 4a post Laureutii [10. August] ist erkannt den zünfften zedel zu schicken dass jedermann sin kiud und die sinen verwart und die bruderschafFten ir brüder in ihren kosten undersuchten oder zu den heyligen schickten." Im Stadtarchiv zu Strassburg finden sich sechs gleichlautende, undatierte Be- kanntmachungen, die wohl zum Verteilen an die Zünfte bestimmt waren: „Aissich yetzt die kranckheit des dantzens wider erhept unnd zu besorgen von tag zu tag meren möcht, do habent unser herren rete und XXI. erkandt, das eyner yeden bruderschafft buchssenmeistere, die jhennen so inn irer bruderschafft sindt und mit solcher krankheit beladen werden, versorgen, und versehen, das die nyder ge- tüschet oder zu dem heiligen santViten gefürt werden, und inen keynerley seytten oder fröydenspiel gebrachen, cleynötter oder hübsche cleyder uff oder anthün, ouch sie nirgent lossen, uff den gassen louffen, dann welche brüderschafft oder buchssen- meistere solchs verbrechent, die wöUent unser herren darumb straffen, unnd ir ernstliche hut darufif setzen, des wiß sich menglich zu halten." (Archiv der Stadt Strassburg G U P 200.) Hier wurde nun die ursprünglich vom Rat angewandte ]\Iethode, durch Musik und Tanz zu heilen, gänzlich verboten, dafür sollten die Kranken niedergetuscht oder nach St. Veit geschickt werden. Dann finden wir wieder Kranke, wahrscheinlich Arme, und, im Gegen- satz zu früher, im Spital. Im Anschluss an deren Sendung nach St. Veit brachte der dankbare Rat dem Heiligen ein gewaltiges Opfer dar, nach- dem er noch vorher beschlossen hatte, die Leichtfertigen eine Zeit lang aus der Stadt zu weisen: .,Item die verordneten herren bringen an des tantzens halb. Erk, in Unser Frauen capell mittwuch ein herrlich amt halten, porro erkant die tantzent im Spittal zu dem heiligen schicken und ein opfer von der ganzen Statt wegen dem heiligen bringen. Die leichtfertigen der Statt ein zitlang verwisen, darauf die hh. bedacht des opfers halb zu St. Viten." „Herren bringen ihren bedacht des opffers halben zu St. Viten, dass man ein wäccen bild eines centners schwer mit dem 1 Greiner, Das älteste Recht der Stadt Rottweil. Stuttgart 1900. — 2) Wencker, Extractus 1892. l<22 Martin: rentmeister oder kornmeister zu St. Viten schicke für ein opffer, oder aber das- selbig wächseriii bild auf einen altar im Münster stelle und da ehre bis die neu capell ausgemacht, dann einen altar in derselben capellen in St. Viten ehren weyhen lassen. Erkt. den zentner wachs zu einer kerzen machen und zu dem lieben heyligen mit dem Rentmeister schicken, und ein singent erlich ampt und 3 neben messen lassen lesen von wegen des ganzen Raths und gemeiner Statt wegen. Dienstag post Adolphi ['2\l September] ')." Die Krankheit hielt trotzdem noch an, nnd der Rat drohte energischer mit Strafen: „Als dann die kranckheit mit dem dantzen sich leider nit enden will, do haben unser herren rät und XXI erkant daz ein jeder burger sin kind, der massen behafft, und gesind die daz vermögen, inn iren husern behalten und zutuschen soll: wo aber ein dienstknecht also behafft wurt, sollen die brüderschaftmeister sins hantwercks, inn der bruderschaft costen, denselben verwaren oder zu dem heiligen Sant Viten ('dem heiligen Sant Viten' durchgestrichen und dafür steht 'den heiligen, wo inen geliebt') schicken, domit sie nit also öfflich uff der gassen, zu beswernis anderer menschen, sich des dantzens annemen, dann welcher den sinen nit also verwaret, den wollen unser herren darumb heffteklich straffen.'" (Archiv der Stadt Strassburg G Ö P 200.) Ob sämtliche Schriftstücke zeitlich so aufeinander folgen, weiss ich nicht. Jedenfalls heisst es in dem einen 'zu den heyligen' und im letzten deutlich 'zu den heiligen, wo inen geliebt', nachdem vorher der heilige A^eit bei Zabern allein an der Stelle gestanden hatte. (Über andere Heilige in der Nähe siehe später unter Tanzkrankheit nach 1518.) Das werden wohl die letzten Schriftstücke gewesen sein. Dass die einzelnen Katsmitglieder den heiligen Veit bei Zabern verschieden bewerteten, geht aus den stark voneinander abweichenden Vorschlägen zur Ehrung des Heiligen hervor. Das Zutrauen war nicht mehr das alte, und Wencker sagt 1637: 'Da maus anfing aus Gottes wort zu widerlegen, liss alles nach^).' Er setzt Gottes Wort dem heiligen Veit entgegen und meint wohl den Einfluss der Reformation. Der Strassburger Veitstanz begann demnach acht Tage vor Maria Magdalentag ('iL'. Juli), also am 15. Juli, und dauerte weit länger, als man bisher annahm, mindestens bis nach Adolphi, dem 29. September löliS. Anlagen zum StrassburiS^er Veitstanz. I. „Vff Fritag post Marie Magdalene in presentia Herrn Gladi Bocklin, Caspar Hoffraeisters vnd Martin Berlin als verordent Herren ist geratslagt der armen menschen halb so izt dantzen. Haben sy anfenglich gcradtslagt die Burger so kind daby haben zu beschicken vnd sagen, das sy jr kind versorgen by jn haben oder aber nach anzall costen mittheilen. 1^ Wencker, Extractus 1892. - 2) Schnegans 1802. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 125 Staden Jerg daruff beschickt vnd jra solchs furgehalten, sagt, er sy selber ein armer dienstknecht, sy in sym vermugen nit jn zu jra zu halten und nemen, bit aber jn by den andern zu behalten, oder zu dem Heiligen zu füren, wil er nach sym vermiegen nach miner Herren erkantnus vnd willen leben. Sin mume hab auch dem knaben, sim son XV. ß gesamlet, die haben die uff der Zimmerlüt Stuben hinder sich genomen. Wither geradtslagt die armen personen in dry huffen theilen vnd nach ein- ander zu dem Heiligen schicken, vnd so es sin mag dry gesungen Empter singen lassen, so nit, eins singen vnd zwey lesen lassen, von eim Ambt XVJII Pfenning geben für eins, darzu 1. pfenning zu pfrymen') vnd 1. pfenning zu opfern dem Heiligen geben, vnd 1. pfenning in stock für das opffer. Balthasar Burgawer der Lermeistcr hinder den Barfußen beschickt vnd jm solchs ouch furgehalten. Sagt, sin Son Bernhart hab zugesehen und hüt morgen angefangen dantzen, do er jm die kindt solt helfl'en vnderwisen; hab er jn ge- dutzset bitz nachmittag, nach den zweyen hab er zu dem dantz geweit, hab jn dohin müssen füren. Erbüt sich nachmals sin costen so uff sin Son godt ußzu- richten, dan er dhein Prauw noch gesind hab, könne ouch von sin lerkinden nit wichen. Antheng Silinger der Wagener Apolonigen Hußwürt so dantzt, uff der Zimer- lut Stuben befragt, Er sy uß der Erne kommen, sy sin frauw in der stuben ge- standen vnd uffgehüpfft, hat sy dryer gefragt, wie jr sy, vnd geachtet, sy wer abermals, als sy dan vormals ouch gewesen, von Sanct Martzolff [Epilepsie] be- laden, vnd nider gedutscht vnd nach die armen lüte mit einer Sackpfiffen kommen, sy sy uffgewust vnd jn nachgelouffen, wol gern sin frauw do hinfüren, sy sonst ein arme mensch. Item Hanß Eckart von Brüssel got dem Almusen noch, hat ein Dochter by dantz, genant Apolonia, Sagt, er sy ein armer alter gebrochner Man, wil aber gern die dochter hin zum Heiligen füren, wen es min Herren wellen, vnd als er ein armer s wacher man, haben jm die Herren miner Herren meynung gesagt vnd er- laubt heim zu gon. Karle Schansleben [Lesart zweifelhaft] sins sons halb beschickt, sagt er sy ein armer gesel, sy mer schuldig, dan er in lip und gut hat. Dem Schaffner im spital gesagt, gerust zu sin mit dry pferden und 1 wagen und warten uff die subent ure uff bescheidt. Dem Schaffner uf unser frauenhus'-') gerust zu sin mit 2 wegen und in jden dry pferd. Dilchin und Heintz zum ersten huffen, Peter von Rixingen zum andern huffen und Pantaleon zum dritten huffen zu ritten verordnet. Hans Wagner zum ersten, Jacob Buckenheim zum andern und Barthel Schryner zum dritten huffen. Und denselben bevelch geben zu handeln lut ingelipter instruction." Strassburgcr Stadtarchiv G U P 200, Bei Schilter unvollständig und mit sinn- störenden Fehlern. II. „Instruction der armen dantzen[den] Personen so zu Sant Vit ge- schickt. Veneris post Magdalene etc. XVIH. Gedencken angfenglich die armen menschen in den dryen huffen, wie sy dan gerodt [soll wohl heisscn: „in Rotten eingeteilt"] werden, zu behalten. 1 Bedeutung von 'pfrymen' ist unklar. Vgl. Scherz, Glossarium: Brinckmeyer, Glossarium diplomaticum etc. — 2 Das Frauenhaus oder Stift Unser Frauen Werk diente zur Bauuntcrhaltun«- des Münsters. 124 Martin: Vnd das die knecht so uff die armen lüt bescheiden, derselbigen warten vnd by jn bliben. Vnd so sy gon Zabern nohen, der ein zu Zabern in ryten vnd do dry oder vier Priester mit rat des Dechans zu Zabern, bestellen, die do ider Rotten in- sonders noch einander gesungen empter halten. Vnd wann je ein Ambt einer rotten gesungen, sollen dieselbigen armen lüt in derselbigen rotten umb den Altar gefürt werden, vnd ein iedes kranckes mensch ein pfennig pfrymen, desglichen dornach ouch opfern, vnd so ein person nit so geschickt wer, das es solchs thun mecht, sol der jhin so es umb den altar fürt, für jn darlegen. Vnd also demnach je ein Kot nach der andern also vrabgefürt und gehalten werden. Vnd wan die dry empter also volbracht, sollen sy Erlich nach rat des Dechans usgericht werden. Daryn jdes armes mensch 1 pfennig in den stock geben, vnd solchs von dem almusen gelt, so den armen lüten geben ist, ußrichten. Vnd was uberig blibt in den stock ouch stossen." Auf der Rückseite: „üantzende arme personen sozuSanctVit zum Holenstein geschickt." Strassburger Stadtarchiv G U P 200. Bei Schilter unvollständig und mit Lese- fehlern, dann aus Schilter bei Boersch und bei Häser (über deren Abänderungen siehe oben). 2. Die Tauzkrankheit nach 1518. Dieselbe Methode des Niedertanzens mit Ausschluss der Hilfe eines Heiligen, wie sie anfänglich der Strassburger Rat gebrauchte, wandte einige Zeit später die Stadt Basel an. Der dortige Professor Felix Plater, der 1536 geboren wurde ^), erzählt in seinen Observationen unter St. Yits Dantz: „Als ich noch ein Knabe war, wurde eine an dieser schrecklichen Krankheit leidende Frau aus dem niedern Volk der Aschenvorstadt hier zu Basel zu einem Hause zum Rupff [in seiner Praxis medica sagt er 'an einen öffentlichen Ort'"'^)], nicht weit vom Hause des Vaters, von den Stadtdienern geführt, welchem Weibe die Obrigkeit, wie ich in meiner Praxis^) bemerkt habe, einige starke Männer bestimmte, welche abwechselnd (wenn einer müde geworden, folgte der andere) mit ihr Tage und Nächte tanzten, was beinahe den Zeitraum eines Monats unter dem Zuschauen vieler mit seltener Unterbrechung dauerte, obgleich die Haut ihrer Fasse abgerieben war. Und wenngleich sie bisweilen, um Speise zu nehmen und vom Schlaf ergriffen, zu sitzen gezwungen war, bewegte sich dennoch durch unruhige Haltung und Be- wegung zeitweise nichtsdestoweniger der Körper wie tanzend, bis sie nach Verlust ihrer Kräfte, sodass sie nicht einmal mehr stehen konnte, mit dem Tanz aufzuhören genötigt war und ins Hospital gebracht wurde, wo sie gekräftigt und allmählich wieder gesund geworden ist'')." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) 1) J. Pagel, Einführung- in die Gesch. d. Medizin. Berlin 1898.— 2 Felicis Plateri praxeos medicae opus. Basel KIGG. — )1; Observationum Felicis Plateri quondam archiatri et profess. Basil. libri tres. Basel 1680. Geschichte der Tanzkraiikheit in Deutschland. 125 Grossi) bringt in seiner Basler Chronik einen Auszug dieses Berichtes unter Zugrundelegung der ersten Ausgabe der Observationen, während ich eine spätere benutzte. Dem Grossschen Auszug nach sollen die von der Obrigkeit verordneten Männer in roten Kleidern und mit weissen Federn auf dem Hute getanzt haben. Es wäre nachzuprüfen, ob das bei Plater ursprünglich stand oder von Gross hinzu- gefügt ist, weil auch zu St. Veit bei Zabern die rote Farbe (rote Schuhe) eine Rolle spielte. Während Gross richtig angibt, dass der Tanz in der Kindheit Platers geschah, und bemerkt, den Bericht habe er aus den 1614 ausgegangenen Observationen genommen, verlegt Böhme^) unter Hinweis auf Gross den Tanz ins Jahr 1615. Wir müssen ihn am Anfang der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts annehmen. Ich lasse nun die Berichte folgen, bei denen Heilige in Frage kommen. Philipp Camerarius (geb. 1537 in Tübingen, seit 1573 Rats- konsulent in Nürnberg, hier 1624 gestorben)^) schreibt 1610, als er von Tanzkrankheiten im allgemeinen gesprochen hat: „Aber damit wir nicht zu viel Beispiele bringen, ich denke an die bei uns, die nicht vor langem [vielleicht die Strassburger oder die nachher geschilderten in Schwaben] geschah und die im untern Deutschland [hier ist die Epidemie im 14. Jahrhundert gemeint], die einstmals stattfand, die durch eine Raserei, welche das Volk die Krankheit des heiligen Veit oder Modestus [Lehrer des hl. Veit], wir in unserer Gelehrtensprache Veitstanz nennen, Verwirrung brachten ... Es wird wirklich noch jetzt eine Kapelle auf einem Berge bei der Stadt Ravensburg in Schwaben gezeigt, auf welchem eine berühmte Burg [die Stammburg der Weifen] erbaut ist, der nach St. Veit heutigen Tags genannt wird [heute heisst der Berg nicht mehr Veitsberg, sondern Veitsburg], weil in einzelnen Jahren vor nicht so langem die Schar der Tanzenden gleichsam jenem Heiligen Opfer brachte, mit dessen Hilfe gesund" wurde und gewohnt war, hierher mit Tanzen Zuflucht zu nehmen. Aber da der Zutritt verhindert wurde und jene Kapelle zu anderem Gebrauch bestimmt wurde, hörte der Zulauf bis jetzt auf*)." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) Ziemliche Verwirrung hat eine Beschreibung von Schenk von Grafen- berg^) gegeben. Er lebte von 1530 bis 1598 und war Stadtarzt seiner Vaterstadt Freiburg im Breisgau*). Er berichtet zunächst, dass 'nach der Erinnerung unserer Väter' damals lange und heftig eine furchtbare Art des Wahnsinns sowohl anderswo als besonders in Deutschland wütete. Und dann beschreibt er deutlich und ziemlich eingehend die Epidemie im 14. Jahrhundert und kürzer den Strassburger Veitstanz, ohne allerdings Ort und Zeit zu nennen. Er trägt auch Nachrichten, die wir vom Tarantismus haben (z. B. das blinde Hineinstürzen in Gewässer), in den deutschen Veitstanz hinein. 1) Joh. Gross, Kurtze Basier Chronik. Basel 1614. — 2) Franz M. Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland. Leipzig: 1886. — o) Allg. Deutsche Biographie 3. J^eipzig 187(). 4) Ph. Camerarius, Operae horariim subcisivanim, sive meditationes historicae. Centuria altera. Frankfurt KlOl. — 5) Joannis Schenckii a Grafenberg observationum medicariim variarum libri VII. Frankfurt 1665. — 6) Hecker-Hirsch a. a. 0. ■^2Q Martin: Da Hecker^) die Vorgänge für das IG. und den Ausgang des 15. Jahr- hunderts gelten lässt, den Strassburger Veitstanz auf 1418 festsetzt und ihn anders, als er wirklich war, schildert, so gibt er uns von der im Laufe der Zeit geschehenen Änderung im Wesen der Tanzkrankheit ein falsches Bild. Leider ersieht man bei Schenk den Übergang von der Zeit der Yäter zu seiner Zeit nicht deutlich. Durch 'neuere Beispiele' ist belegt, „dass schwangere Frauen, den übergrossen Leib mit erweitertem Gurt umspannt, auf- und niederwärts ohne Schaden für die Frucht in auffallenden Sprüngen unter den andern dahinliefen. Die Unsrigen ver- sichern, dass dies [Tanzen] auch durch Musikinstrumente so in Bewegung gesetzt und hervorgerufen werde, dass der Magistrat aus öffentlichen Mitteln nicht sowohl Pauker und andere Musiker beordert hat, als auch einige sehr starke Leute, welche die Tänze durch Führen der Rasenden solange, bis die Wut ausgetobt hatte, aus- trieben. Die Unsrigen wurden auch beobachtet, wie sie oft ihre eigenen Kleider zerrissen. Aber die mit Rot Bekleideten halten sie für so feindlich, dass sie die schon von weitem Erblickten anzufallen und feindlich anzugreifen sich bemühten, wenn sie nicht gehindert wurden. Daher ist es ernstlich zu vermeiden, dass jemand mit Rotem bekleidet sich erblicken lässt und eine weitere Gelegenheit zur Raserei bietet. Einen Grund zu dieser Antipathie kann niemand leicht nennen. Die Reicheren führen auf eigene Kosten Begleiter, welche aufpassen, dass nicht andern oder ihnen selbst eine Gefahr zustosse, welche gleichsam als Tanzführer die Reigen der rasenden Genossen leiten." Dann kommt wieder eine Stelle aus der Epidemie des 14. Jahr- hunderts. Und weiter sagt er, es sei auch sicher, dass die meisten vom Veitstanz so geschwächt und von gebrochenen Kräften sind, dass sie oft kaum durch belebende Mittel wiederhergestellt werden können. Schliesslich berichtet er Lokales:' „Die Unsrigen nehmen auch zu heiligen Helfern, zum heiligen Veit oder zu Johannes dem Täufer ihre Zuflucht in der Hofl'nung, die Gesundheit zu er- langen. Die, welche in unserm Breisgau und der Nachbarschaft dieser Raserei unterworfen sind, kommen alljährlich am Vorfeste Johannes des Täufers an zwei Heiligtümern, das eine ist in Blessen, dem heiligen Veit geweiht und Breisacher Herrschaft, das andere sehr nahe bei W äsen weil er, aber diesseits des Rheins gelegen und dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht, zusammen, wo die eilig Herbeigeeilten sich nach deutschem Reigen [also zum deutschen Tanz, der später Allemande genannt wurde] ordnen, sei es, dass sie durch ein abzuleistendes Gelübde gehalten werden, sei es, weil sie von jenen Heiligen Hilfe zur Unterdrückung ihrer Raserei erhoffen. Und worüber man sich wundert, sie gehen allgemein in jenem Monat, welcher dem Feste des heiligen Johannes vorausgeht, sehr traurig, furchtsam, ängstlich, nur mit ge- drücktem Geist einher und spüren am ganzen Körper rupfende und gleichsam hüpfende Schmerzen wie Vorspiele und Zündstoff dieses Übels. Sie sind davon überzeugt, dass sie im übrigen nie beruhigt und befreit werden würden, wenn sie nicht durch Tanzen bei der Stätte des Heiligen diese Krankheit herausschütten könnten, indem der Erfolg 1) Hecker-Hirsch a. a. 0, Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 127 die Sache bestätigt. Freilich werden sie nach Vollendung dieser jährlichen Tanzereien, welche sie vorzüglich im Zeitraum von drei Stunden vor- nehmen, in der Regel von dieser Raserei im selben Jahr frei gesehen^)". (Über- setzung aus dem Lateinischen.) Horstius^) (geb. 1578 in Torgau, von 1608 — 1G22 Professor in Giessen, später Stadtphysikus in Ulm, wo er 1636 starb, ^) schreibt: „Ich entsinne mich, im vorigen Frühjahr mit einigen Frauen gesprochen zu haben, welche alljährlich die St. Veitskapelle, die in Drefelhausen ist, nicht weit von Geislingen bei Weissenstein im Ulmer Gebiet in Rechberger Herrschaft, besuchen und dort Tag und Nacht mit verwirrten Sinnen tanzen, bis sie in Ekstase zusammenbrechen, auf welche Weise sie wieder hergestellt erscheinen, dass sie ein ganzes Jahr hindurch wenig oder nichts spüren bis zum nächsten Mai, wo sie durch Unruhe der Glieder gequält werden, wie sie berichten, dass sie wieder gezwungen werden, sich um die Zeit des heiligen Veits festes zu dem genannten Ort des Tanzes wegen zu begeben, wie eine von diesen Frauen 20 und mehr, eine andere 32 Jahre hindurch dort jährlich getanzt haben soll . . . Ich habe ein ehrbares Mädchen kennen gelernt, die Tochter eines Kaufmanns in dieser Gemeinde, welche schon einige Jahre hindurch zur Frühjahrs- zeit mit einer allerdings leichten Geistesstörung an einer ähnlichen Affektion leidet, dass sie unruhig bald dies, bald das Glied zu bewegen gezwungen wird, indem öfter auch die Zunge und das Sprachvermögen unterbrochen ist, die von einer Stelle zur andern bald hierhin, bald dorthin bewegt wird, was durch einige ^^'ochen in einzelnen Jahren Tag und Nacht anhält. Ich fürchte sehr, dass hier noch etwas Schwereres zu erwarten ist. Obgleich ich von einigen Autoren weiss, dass sie am Veitstanz nichts Konvulsivisches zugeben wollen, im Gegensatz zu den arabischen Autoren, insofern ihnen eine geistige Erkrankung vorzuliegen scheint, wodurch der perverse Drang und das Verlangen nach Tanz entsteht, so stelle ich nichtsdestoweniger, wenn jenen Frauen, mit welchen ich über die Sache im vergangenen Frühling geredet habe, Glauben beizumessen ist, fest, dass hier konvulsivische Bewegungen statthaben, zumal sie versicherten, dass sie während mehrerer Wochen, ehe sie zur St. Veitskapelle kamen, an spannenden Schmerzen aller Glieder zusammen mit von selbst eingetretener Mattigkeit und Schwere des Kopfes gelitten hätten, worin sie verblieben wären, bis sie zum gewohnten Tanzort hinzutretend das Musikinstrument gehört, das für sie ge- schlagen wurde, wo sie mehr und mehr im Geiste verwirrt (vielleicht durch das hinzutretende seelische Einwirken der stärkeren Einbildung, die Hoffnung auf Genesung) zu tanzen gezwungen wurden". (Übersetzung aus dem Latei- nischen). Als neu kommt jetzt liinzu, dass auch Johannes der Täufer Krank- lieitspatron war, und vor allem, dass nicht nur eigentliche Tanzkranke zur Heilung tanzten, sondern auch sonst anscheinend Güesimde, die an ge- wissen Tagen tanzten, am Johannistag (24. Juni) und am Veitstage (15. Juni), worüber später noch berichtet wird, um von allerlei un- angenehmen Empfindungen in den Muskeln und seelischer Verstimmung 1) Schenck a. a. 0. — 2) Gregorii Horstii observationum medicinalium singularium libri quatuor. Ulm 1625. — 3) Hirsch, Biogr. Lexikon der hervorragenden Ärzte 3. Wien und Leipzig 188(i. 128 Martin: befreit zu werden. Diese krankhaften Veränderungen stellten sich aber erst ein, wenn der Tanztag herannahte. Sind die eigentlichen Tänzer Leute, die die Zwangshandlung des Tanzens vornehmen, so haben wir es hier mit Krauken zu tun, die unter dem Zwangsgedanken stehen, am Johannis- oder Veitstag tanzen zu müssen. Von der Zwangsidee zur Zwangshandlung ist nur ein kleiner Schritt und die Krankheit in beiden Fällen dieselbe, der Veitstanz. Das möchte ich Wicke ^) gegenüber hervorheben, der meint, dass die zu den Kapellen wallfahrenden Kranken keine Veitstänzer waren (siehe später Brueghels Bild, das das Gegenteil beweist), der Veitstanz sei hier nur Heilmittel gewesen. In Italien, namentlich in Apulien [dem Stammlande des hl. Veit], haben wir eine Parallele des Veitstanzes im Tarantismus. Die ersten Nachrichten darüber stammen aus dem 15. Jahrhundert, es wird aber da schon von ihm als einem bekannten Übel gesprochen. Die von der Tarantel Gebissenen, oder die sich gebissen glaubten, verfielen gewöhnlich in Trübsinn und waren wie betäubt, ihres Verstandes kaum mächtig. Bei den ersten Tönen der Musik sprangen sie aber jauchzend vor Freude auf und tanzten ohne Unterlass so lange, bis sie erschöpft und halb leblos niedersanken. Es bestand der Glaube, jedes Jahr wieder tanzen zu müssen, und so wurde die Heilung der 'Tarantati' ein wahres Volksfest, das man mit un- geduldiger Freude erwartete. Man nannte die Zeit des Tanzes und des Spiels — die Sommermonate — im 17. Jahrhundert den kleinen Karneval der Frauen, weil diese meist ergriffen waren ^). Was war überhaupt der Veitstanz für eine Krankheit, und wer waren die Veitstänzer? Der Veitstanz als Krankheit, mit dem wir es zu tun haben, ist eine Hysterie. Er heisst auch der grosse Veitstanz und führt den wissen- schaftlichen Namen Chorea hysterica rhythmica^). Sicher fanden sich unter den Veitstänzern auch ausgesprochen Geisteskranke: Maniakalische (im heutigen Sinne) mit grossem Bewegungsdrang und froher Stimmung, chronisch Verrückte, die infolge von Wahnideen tanzten, Katatoniker mit dauernd wiederholten Bewegungen einzelner Körperteile. Das waren wohl die Kranken, die in Strassburg den Tanz begannen, denen es Hysterische nachmachten, und vor allem waren sie es, die sich zu Tode tanzten. Selbst die Tollwut fasste die Anschauung der Zeit als eine Art Veits- tanz auf. Der berühmte Züricher Naturforscher und Arzt Conrad Gessner schreibt 1551: „Aus dem Biss eines tollwütigen Hundes wird bisweilen anteneatmos (der Name ist verderbt), eine Art der Wut, an die Gariopontus (gest. 1056*) I. H erinnert; die Unsrigen nennen sie gewöhn- lich St. Veitstanz")". Baglio (Diss. de Tarantel, c. 12) erwähnt, dass, wer 1) E. C. Wicke, Versuch einer Monographie des j;rossen Veitstanzes. Leipzig 1844. — 2) Hecker a. a. 0. - 3) H. Eichhorst, Handb. d. spez. Patholo^jie''' ;5, 2. Berlin und Wien 1907. — 4) Hecker a. a. 0. — 5) Coiuradi Gesneri historiae animaliuin üb. I. Zürich 1551. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 129 vom tollen Hunde gebissen, vor dem 40. Tage sich zu der Stadt des hl. Yeit begibt und dort aufrichtig betet, durch die Fürbitte dieses Heiligen bald befreit werde, wie jeder in Apulien wisse ^). Die Kranken, welche am Veits- oder Johannistage zu den Kapellen jener Heiligen wallfahrteten, waren nur zum kleinsten Teile eigentliche Yeitstänzer (denn die gingen hin, wenn sie krank waren, ohne sich an den Tag des Heiligen zu halten). Es waren an der Zwangsidee des Veitstanzes Leidende, sonstige Hysterische (besonders mit hysterischen Krämpfen), Kranke, die am kleinen Veitstanz, der sogenannten Syden- h am sehen Chorea, litten (wie das Mädchen, bei der Horstius vermutet, dass etwas Schwereres vorliegt), allerlei Schwachsinnige, vor allem Epileptiker, und andere Kranke, bei denen unnatürliche Muskelbewegungen das Krankheitsbild beherrschten. Ausser in den drei letzten Berichten haben wir das bei der Be- schreibung der Wallfahrt zum hl. Veit bei Zabern gesehen, vor allem tritt es heute noch in der Springprozession von Echternach zutage, die ursprünglich weiter nichts als ein Heiltanz der genannten Krankheiten ist. Die Prozession findet alljährlich am dritten Pfingstfeiertage zu Echternach im Luxemburgischen zu Ehren des hl. Willibrord statt. Angetreten wird an der Sauerbrücke. Der Klerus stimmt die Willi- brorduslitanei ('Hl. Willibrord, bitte für uns') an und eröffnet den Zug. 300 bis 1000 Sänger schliessen sich ihm an. Hinter sie reiht sich die Echternacher Stadtmusik und spielt die Springmelodie [welcher der Volks- mund den Text 'Adam hatte sieben Söhne' untergelegt hat, der aber nicht gesungen wird]. Die Leute verbinden sich untereinander mit Tüchern, die aus der Nähe gekommenen Marxweiler gar mit Regen- schirmen, und nun wird nach der Musik gesprungen, zwei Schritte vor, einen schräg rückwärts. Die Ordnung wird durch die Stadtkapläne auf- recht gehalten. Im Zuge befinden sich mehrere Musikkapellen oder wenigstens Trommler und Pfeifer. Er bewegt sich durch die Strassen die Ortschaft hindurch. Aber anstatt in die Basilika zu gehen, springt man die r>2 Stufen des Petersberges zur Pfarrkirche hinauf, zur Evan- gelienseite der Pfarrkirche hinein, um das Grab des Heiligen, wo ge- wöhnlich zwei Geistliche den Pilgern ihre Devotionalien anrühren, zur Türe der Epistelseite wieder hinaus, um mit dreimaligem Umspringen des grossen Holzkreuzes auf dem ehemaligen Friedhofe die Prozession zu beenden. Die Länge des zurückgelegten Weges beträgt 1'225 Schritt, die Dauer ist zwei bis drei Stunden. Die meisten Wallfahrer tragen einen schweren Kummer auf dem Herzen, da meist ein wegen fallender Sucht oder 'Wilvertskrankheit' 1^ R. J. Camerarii et Th. Ch. Scharf Dissert. de Alysso clavo, Tübingen 1709. Albrecht v. Hallers Sammlung akad. Streitschriften, in einen vollständigen Auszug ge- bracht und mit Anmerkungen versehen v. Lorenz Grell. 1. Bd. Helmstedt 1779. Zeitschr. (I.Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 9 130 Martin: [Epilepsie] gemachtes Gelübde sie hierhergeführt. Unter 10 000 Mit- springeru, von denen viele von Kindheit an mit der Fallsucht und anderen epileptischen Krankheiten behaftet sind, die aber selbst im Arm ihrer Verwandten raitspringen wollen, kommt es vor, dass einer oder der andere wieder einen Anfall seiner Krankheit erleidet oder in Ohnmacht fällt. So selten aber geschieht dies, dass mein Gewährsmann Keiners^), der sieben Jahre die Ordnung der Prozession mit überwachte, kaum jedes Jahr ein bis zwei Fälle gesehen hat. Man frage nur den ersten besten Springer, sagt er, entweder verdankt er selbst dem hl. Apostel die Ge- sundheit und kommt aus Dank alljährlich zu springen, oder er springt, weil er sich für einen Bruder, ein Kind usw. zu springen vor- genommen hat. Reiners sagt, dass viele der Springer mit Fallsucht [Epilepsie] und anderen epileptischen Krankheiten behaftet sind. Unter diesen sind die oben genannten Bewegungskrankheiteu zu verstehen. Vom Springen gegen Veitstanz und auch gegen Schwachsinn ist mir berichtet worden. Die Prozession ist also der Heiltanz, wie wir ihn kennen. Keiners will allerdings in der Prozession eine Buss- und Sühneandacht sehen und im Springen mit Musik ein sehr mühevolles Gebet. Wenn Leute, wie ich erzählen hörte, den stark mit Steinen beschwerten Korb auf dem Rücken, mühe- voll mit blaurotem Gesicht springen, so ist das sicher eine Bussübung. Das kann später hinzugekommen sein, wie dies bei dem Schritt rückwärts, der die Prozession so sehr erschwert, der Fall ist, obwohl ja bei manchen Tänzen nicht nur vor-, sondern auch rückwärts gegangen wird. Die von Reiners herangezogene Parallele, nach der eine Königin von Prankreich gelobte, beim Gelingen eines Unternehmens einen Pilger nach Jerusalem zu Puss zu senden, der immer drei Schritte vor und einen rückwärts ginge, beweist deshalb nichts. 1842 sprang man einen Schritt rechts, einen links und einen vorwärts^). Man sprang auch drei vor, einen zurück oder fünf vor und zwei zurück^). Reiners selbst sagt, dass die Prozession, 1786 unterdrückt, nach dem Tode Josephs II. wieder gehalten wurde, aber ein anderer Sprung in Übung kam, indem man nunmehr einen Schritt schräg zurücksprang. Wie's vorher war, gibt er nicht an, wahrscheinlich war doch der Rücksprung weg- geblieben. Übrigens tanzten schon zur Zeit Schenk von Grafen bergs*) Leute im Veitstanz mit, die durch ein abzuleistendes Gelübde dazu gelialten waren. Auch die von ihm berichtete kurze Dauer des Tanzes von drei Stunden und das Auf- rechterhalten der Ordnung durch Reigenführer erinnert sehr an die Echternacher Prozession. Noch einige Angaben nach anderen Quellen über die Springprozession. Sie begann auf der Brücke, die die luxemburg-preussische Grenze bildet^). Ij Adam Reiners, Die Springprozession zu Echternach, Haffners Frankfurter Zeit- gemässe Broschüren, N. F 5. Frankfurt a. M. 1884. - 2 Hecker a. a. 0. — 3) Paul Richer, L'art et la medecine. Paris (o. J.;. — 4) Observ. medic. 1665. — 5) Hecker a. a. 0. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 131 M. Majerus, Richter in Luxemburg, berichtet aus eigener Anschauung, dass man für sich, für andere, Angehörige, Freunde, sogar für Tiere springt. Wer zu alt, zu krank ist, bezahlt Echternacher Burschen, die für 12 — 20 Sous springen, häufig für mehrere Pilger und Pilgerinnen. Man sieht nicht selten epileptische Krämpfe 0- Ich weiss, dass gebildete Leute für ihr schwachsinniges Kind springen li essen. Der Übernahme durch bezahlte Leute ist nichts Auffallendes. Sie kam auch bei anderen Heilverfahren vor Im kalten Bad auf der Rischi-Alp hinter der Eck in Unterwaiden (Schwendi-Kaltbad), das bis ins 19. Jahrhundert schwer zugänglich war, bestand vormals, wne Ziegler 1799 schreibt, die Sitte, Leute für Geld zu dingen, um sich für einige Minuten ins kalte Bad zu setzen für Rechnung und Frommen irgend eines Kranken, welcher diese Verrichtung an dem wilden, sehr entlegenen Orte selbst nicht übernehmen wollte oder konnte^). Die Springprozession wird von der nicht unbedeutenden Anzahl namhafter Geschichtsschreiber der Echternacher Benediktinerabtei, die oft bis in kleinste Einzelheiten die Erlebnisse der Abtei berichten, nicht erwähnt. Selbst der Abt ßertels (gest. 1607) spricht von den unbedeutendsten Dingen, über Volkssitten, religiöse Feste, sogar von dem religiösen Tanz auf dem Johannisberg bei Luxem- burg, erwähnt sie aber mit keiner Silbe ^). Die erste schriftliche Nachricht von der Echternacher Springprozession gibt der triersche Historiker Brower (gest. 1617), der als gangbare Er- zählung mitteilt, dass seine Zeitgenossen als Knaben von den ältesten Leuten gehört hätten, bei jeweiliger Unterlassung des Gelöbnisses der Votiv-Springprozession habe das Vieh in den Ställen zu tanzen an- gefangen und nicht eher abgelassen, bis die Springprozession abgehalten war*), also der Abwehrtanz gegen Bewegungskrankheiten. Dass man auch für derartige Erkrankungen des Viehs in Echternach springt, wurde oben erwähnt. Weiteres über Echternach folgt im nächsten Abschnitt. Aus dem Jahre 1564: besitzen wir eine Abbildung von Tanzkranken auf einer Handzeichnung in der Albertina zu Wieu von Pieter Brueghel d. Ä. Romdahl hat sie veröffentlicht (siehe Abb. 1) und sie für eins der bedeutendsten Werke des Meisters erklärt. Es ist eine grössere (ein wenig mit Weiss gehöhte) Federzeichnung auf blaugrauem Papier, die von Brueghel eigenhändig mit einer Unterschrift versehen ist^). Sie lautet: dit sin dye pelgerommen die up sint Jans dach buyten bruessel de muelebeec danssen moeten ende als sy ouer een brugge gedanst oft gesprongen hebben dan sin sy genesen vor een heel Jaer van sint Jans siechte . bruegel • M • ccccc • Ixiiij . 1~^ Richer a. a. 0. — 2) A. Martin, Deutsches Badewesen in verjjangenen Tagen, Jena 190G. — 3) Reiners a. a. 0. — 4) Ebenda. — 5"^ Axel L. Romdahl, Jahrb. der kunsthist. Sammlungen des Allerh. Kaiserhauses 24, 3. Wien und Leipzig 1905. 9* 132 Martin: 's Rijks Prentenkabinet in Amsterdam besitzt eine Zeichnung, die sich im Bild beinahe mit der in der Albertina deckt. Sie trägt rechts unten die (falsche?) =-< • <-l er C CS B CS « j- CO S 2- cn CJ13 CT • s. < C» O CD D i-ä CS Ci CD tÖ -^ Signatur ^brueghel', und die Unterschrift ist durch eine horizontale Linie von der Komposition getrennt (wie das vielfach auf Stichen vorkommt). In der mir mit- geteilten Unterschrift fehlt hinter 'buyten bruessel' die nähere Ortsangabe 'de Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 133 muelebeec'. Das Bild ist in dem zweibändigen Handzeichnungswerke des Amster- damer Kupferstichkabinetts auf Tafel 22 von E. W. Mo es herausgegeben worden. (Mitteilung des Kupferstichkabinetts in Amsterdam). Nach Romdahl ist es 1569 (nicht 1564 wie das in der Albertina) datiert. 1642 hat Hondius die Brueghelsche Zeichnung in drei Stichen (im Spiegel- bild) reproduziert. Zwei davon sind bei Holländer^) und Richer^) (die linke Tanz- gruppe) und bei Hovorka und Kronfeld ^) (die rechte Tanzgruppe) abgebildet; sie zeigen weit mehr und zum Teil andere Zeichnung als das Original (siehe Abb. 2 u. 3). Romdahl sieht in den dargestellten Frauen Fallsüchtige [Epileptiker]; Richer, der Umrisszeichnungeu des Bildes ohne die Unterschrift bringt, behauptet, ßrueghel habe die Echteruacher Springprozession gezeichnet^). Abb. 2 und 3. Stiche von Hondius von 1642 nach Brueghel. (A.US Spemanns historischem Medizinal[abrciss]kalender.' Uns illustriert die Abbildung das, was wir bereits von anderen Orten wissen. Romdahl nennt den Ort des Vorgangs Molenbeck Siut Jans in der Nähe von Brüssel. Die dortige Kirche wird also dem hl. Johannes geweiht sein. An seinem Tage tanzen dort Frauen in geordnetem Zuge unter Öackpfeifenbegleitung, jede mit zwei gesunden Mittänzern. Wo die Kräfte versagen, stützen die Mittänzer. Die Prozession musste auf jeden Fall über die Brücke hinwog, dann trat Gesundung ein auf ein Jahr. Die Frauen waren also erst kurz vor St. Johannestag krank ge- worden. Ihr Zustand gleicht dem der Frauen, von denen Schenk von Grafenberg und Horstius berichten. 1) Die Medizin in der klass. Malerei. — 2) L'art et la medecine. 3^ Vgl. Volksmed. 2. 134 Ebermann: Im Hintergrunde sehen wir eine Kirche, die auf dem Hondiusschen Stiche fehlt. Auffallend sind zwei neben dem Zuge vorwärtsstürmende Personen, ein Mann und eine Frau, die jeder in den Händen vorsichtig eine Schale halten. Von den Tänzerinnen hat eine den Mund weit ge- öffnet, sie ringt nach Atem oder schreit, eine andere sinkt ermattet um, bei einer dritten treten Krämpfe auf, die den ganzen Körper verzerren. Hier gesellt sich zu den krankhaften rhythmischen Bewegungen des Tanzes, dem Charakteristikum des grossen Veitstanzes, noch ein weiteres hysterisches Zeichen, der hysterische oder hystero-epileptische Krampf. Von ihm werden wir später noch hören. Man beachte auch die Mittänzer, wie sie überanstrengt sind und teils mit sorgenvollen Gesichtern die Kranken unterstützen. Bei den Musikanten sieht man fast den Schweiss an den Haaren herunterlaufen. Das Original charakterisiert dies alles viel feiner als der Stich. Bad-Nauheim. (Schluss folgt.) Le Medecin des Pauvres. Von Oskar Ebermann. Die Kommission für Sammlung der deutschen Zauber- und Segens- sprüche hat in dankenswerter Weise auch die Erforschung der Entwicklung der volkstümlichen Segensbücher mit in ihr Arbeitsprogramm einbezogen. ■Gerade diese Untersuchungen werden aber voraussichtlich auf besondere Schwierigkeiten stossen. Die Zauberbücher geben nur in seltenen Fällen Ort und Jahr ihrer Entstehung richtig an, suchen .vielmehr auf die gläubigen Benutzer durch Angabe eines frühen Erscheinungsjahres und «ines entlegenen Druckortes Eindruck zu machen. Die Bibliotheken haben diesen interessanten Zweig volkstümlicher Literatur leider wenig oder gar nicht beachtet, so dass Material aus älterer Zeit nur mit grossen Schwierig- keiten aus Privatbesitz zu erlanoren ist. Schliesslich — und das ist für die Untersuchung das Wichtigste — haben diese Bücher zwar den Titel meist mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit bewahrt, dagegen ist zuweilen der Inhalt stark verändert worden, so dass Bücher gleichen Titels ge- legentlich inhaltlich kaum etwas miteinander gemein haben. So gibt es neben Ausgaben des Albertus Magnus, die in vier Teilen fast ausschliess- lich Segenssprüche enthalten, auch solche, in denen keine einzige derartige Formel vorhanden ist. Le Medecin des Pauvres. I35 Wie in Deutschland, so werden auch in Frankreich Zauberbücher noch massenhaft durch gewissenlose Buchhändler vertrieben, und Hefte wie "La poule noire aux ceufs d'or', 'Le Grand Grimoire', 'Cla- vicule de Salomon', 'La baguette divinatoire', 'Le dragon rouge*, 'Les raerveilleux Secrets du Petit Albert', 'L'enchiri- dion du Pape Leon III', 'Curiosites infernales et occultes' u. a. sind in Paris bei den Bouquinisten der Seinequais stets zu billigen Preisen zu haben. Auf der Suche nach derartigen Heften wurde ich im Jahre 1904 von dem nunmehr verstorbenen, um die französische Volkskunde hoch- verdienten Emile Rolland auf ein in Frankreich weitverbreitetes Heftchen 'Le Medecin des Pauvres' aufmerksam gemacht. Von den 17 in der Bibliographie de la France bis zum Jahre 1001 angeführten Heften enthält die Bibliotheque Nationale 15, so dass sich der Entwicklungsgang eines solchen Segensheftes — denn um ein solches handelt es sich — für den Verlauf des letzten Jahrhunderts einigermassen übersehen lässt. Ich gebe zunächst eine Übersicht in zeitlicher Reihenfolge, wobei die einzelneu Hefte durch den Erscheinungsort unterschieden werden. 1. Valence, de Timprimerie de J.-F. loland. 4 p. 18'21. 2. Coulommiers, Impr. de Brodard. 8 p. 18'27. 3. St.-Quentin, Impr. de Cottenest. 8 p. 1828, 4. Epinal, Impr. de Faguier. 8°, d'une demi-feuille. (Bibliogr, de la France 1832.) 5. Doudeville, chez Patin. Impr. de Delamarre, 12°, d'un tiers de feuille. 1 833. 6. Paris, Librairie populaire des villes et campagnes, 18 p, 12°. 1848. (Nisard 2, 78.) 7. Laon, Typ. Ern. Marechal, rue Chätelaine, 16. 8 p. 8**. 1850. 8. Rouen, Imp. veuve A. Surville, rue des Bons-Enfants, 46. (Stem- pel der Bibl. Nation, vom J. 1851.) 9. Chälons-sur-Saöne, Typ. Montalan. 16 p. 16". 1857. 10. Troyes, chez Baudot. Imp. Libraire. Rue du Temple, 30. 11p. 12«. 1858. 11. Paris, Impr. de Gosse et J. Dumaine, rue Christine, 2. 8 p. 8^ 1862. 12. Paris, Impr. Prissette, passage Kuszner, 17. — Maison passage du Caire, 17. 8 p. 8°. 1863. 13. Beaune, Autographie Boutton. 1868. 14. Argenteuil, Typogr. Worms. Henry, Lithographe ä Argenteuil. 8 p. 8°. 1868. 15. Mäcon, Impr. Protat. 24 p. 16°. 1868. 16. Macon, Impr. Romand. 64 p. 16°. 1875. 17. Orleans, Impr. Morand, rue Baunier, 47. (Stempel der Bibl. Nation, vom Jahre 1896.) 136 Ebermann: Ferner werden in der Revue des traditions populaires (7, 243) zwei Hefte erwähnt unter dem Titel 'Medecine des Pauvres', und zwar: 18. Paris, chez Moronval, rue Galande. 12 p. 32 ^ 19. Youziers, par Auguste Lapie. Schliesslich sind wegen der Ähnlichkeit des Titels noch zu er- wähnen: 20. Le Medecin des Pauvres. Dans les Communes rurales des Basses-Pyrenees, par M. Blandin, Pau, 1852. (Eine Wohltätigkeitsschrift, die mit den übrigen Heften nichts gemein hat als den Titel.) 21. Le Medecin du Yillage. Contenant un choix de Moyens simples et efficaces pour la guerison de plus de cent Maladies. Amiens, 1851. (Enthält Rezepte.) Diese Aufzählung ist sicher sehr lückenhaft*), denn viele Auflagen des Heftes werden wegen ihres geringen Umfanges der Statistik entgangen sein, und dann fehlen alle diejenigen, die auf französischem Sprachgebiete ausserhalb Frankreichs erschienen sind^). Ich lasse nunmehr den Inhalt der einzelnen Hefte, soweit ich ihrer habhaft werden konnte, in der Weise folgen, dass ich jeder Formel ein Varianten Verzeichnis beigebe. Yon der obigen Reihenfolge bin ich ge- zwungen abzuweichen. I. Le Medecin des Pauvres. (Oben Nr. S.) Titelbild. Christus regnat. Christus imperat. J.-C. regne. J.-C. comraande. Christus vincit. J.-C. est vainqueur. En Dieu la confiance. 1. Friere pour arreter le mal de dents. Sainte Apolline assise sur la pierre de marbre, Notre-Seigneur, passant par lä, lui dit: Apolline, que fais-tu lä? Je suis ici pour mon chef, pour mon sang et pour mon mal de dents. Apolline, retourne-toi; si c'est une goutte de sang, eile tombera; si c'est un ver, il mourra. — Dites cinq Pater et cinq Ave Maria en l'honneur et en Tintention des cinq plaies de N.-S.-J.-C, et faites le signe de croix sur la joue avec le doigt, en face du mal que vous ressentez, disant: Dieu t'a gueri; et en tres peu de temps vous serez gueri. Vgl. Ch. Nisard, Histoire des livres pop. 2, 76; Aug. Hock, Croyances et re- medes pop. (3. Aufl.) S. 42; Meyrac, Traditions, coutumes etc. des Ardennes S. 179 nr. 95; Reinsberg-Düringsfeld, Calendrier beige 1, 108 Anm. 1; Sauve, Folk-Lore des Hautes-Vosges S. 35; G. Vicaire, Etudes sur la poesie pop. S. 73; Melusine 3, 1) Nisard 2, 78 f. erwähnt noch eine Auflage aus Montereau, 12 p. 12". o, J. und druckt daraus einige Formeln ab, die in den unten angeführten Heften nicht ent- halten bind. 2) Vgl. Hock, Croy. pop. S. 42; Monseur, Folkl. wallon S. 23; Wallonia 5, 112. Le Medeciu des Pauvres. 137 114 nr. 10a: Rev. celt. 6, 73 nr. 8; Rev. des trad. pop. 1, 3G; 0ns Volksleven 12, 97; J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Mytbol. 1, 260 nr. 34. — Spanisch: Nisard, Hist. des livres pop. 1864 2, 82; F.-R. Marin, Cantos pop. espanoles (Sevilla 1882) 1, 445 nr. 1063 — 64. — Der Name derApollonia ist in diese Formel eingedrungen wegen der Beziehung auf das Martyrium dieser Heiligen. In den älteren, lateinischen Fassungen dieses Segens wird statt ihrer Petrus genannt. Vgl. dazu: R. Köhler, Kl. Sehr. 3, 544 ff.; 0. Ebermann, Blut- u. Wundsegen S. 19 f.; Fr. Hälsig, Der Zauberspruch bei den Germanen S. 79ff.; H. Affre, Lettres ä mes neveux (Ville- franche 1858) 2, 73; Derselbe, Dictionnaire des institutions etc. duRourge (Rodez 1903) S. 388. 2. Friere pour arreter le sang de teile coupure que ce soit et de toute sorte de plaie. Dieu est ne la nuit de Noel, ä minuit; Dieu est mort; Dieu est ressuscite; Dieu a commande que le sang s'arrete, que la plaie se ferme, que la douleur se passe, et que cela n'entre ni en matiere, ni en senteur, ni en chair pourrie, comme ont fait les cinq plaies de N.-S.-J.-C. NATUS EST CHRISTUS; MORTÜUS EST ET RESUR- REXIT CHRISTUS. — On repete trois fois ces mots latins, et, a chaque fois, on soufl'le, en forme de croix, sur la plaie, en nommant le nom de la personne, disant: Dieu t'a gueri. Ainsi soit-il. On commencera ensuite la neuvaine u jeun, ä l'intention des cinq plaies de N.-S.-J.-C. Vgl. Hock, Croyances pop. S. 43; Sauve, F.-L. des Hautes-Vosges S. 230^ Melusine 3, 114 nr. 9a; Schweiz. Arch. 10,53; Rev. des trad. pop. 1,39. Die französische formelhafte Einleitung und der entsprechende lateinische Schluss sind nicht diesem Segen eigentümlich, sondern werden auch oft anderen Formeln vorausgeschickt oder angehängt, z. ß. Melus. 6, 282. — Vgl. den deutschen Segen gegen Seuchen und Geschwülste (1460) in Mitt. d. Schles. Ges. f. Vk. Heft 18, 24. Die Worte sind schon früh in deutsche Reime gebracht worden: ZfdA. 4, 577 (1405) oder in anderer Weise Germania 26, 230. Vermutlich hat sich daraus der Typus der Segen von den drei glückseligen Stunden entwickelt; vgl. Ebermann, Bl. u. W. S. 71 ff. — Der Teil des Segens, der den Wunsch ausdrückt, dass die Wunde sich nicht verschlimmern möge, geht auf eine lat. Formel zurück. Vgl. Ebermann, Bl. u. W. S. 52 f.; Hälsig a. a. 0. S.85ff. 3. Oraison pour guerir les rhumatismes ou douleurs quelconques. Sainte Anne, qui enfanta la Vierge Marie, la Vierge Marie qui enfanta Jesus-Christ, Dieu te benisse et te guerisse, pauvre creature, N de renouure, blessure, rompure, d'entraves et de toutes sortes d'infirmites quelconques, en l'honneur de Dieu et de la Vierge Marie, de Saint Come et Saint Damien. Amen. — Dites trois Pater et trois Ave pendant neuf jours, tous les matins a jeun, en l'honneur des angoisses qu'a souffertes N.-S.-J.-C. sur le calvaire. Vgl. Sauve a. a. 0. S. 266; J.-B. Thiers, Traite des superst. (3. Aufl.) 1,412; Rev. des trad. pop. 1,36; 1,37 nr. 8; 19,488. — Die zahlreichen lateinischen Varianten dieser Formel, die ursprünglich ihrem Inhalt entsprechend als Segen zur Erleichterung der Geburt Verwendung fand, lassen sich bis in das 10. Jahrh. zurückverfolgen. Vgl. ZfdA. 52, 171; Hälsig, Der Zauberspruch bei d. Germ. S. 96ff.; Ad. Franz, Die kirchl. Benediktionen im Ma. 2, 198f. 4. Friere pour la teigne. Paul, qui est assis sur la pierre de marbre, N.-S. passant par lä lui dit: Paul, que fais-tu lä? Je suis ici pour guerir le mal de mon chef. Paul, leve-toi et va trouver sainte Anne; qu'elle te donne teile huile quelconque, tu t'en graisseras 138 Ebermann: legerement ä jeun, une fois le jour et pendant un an et un jour. Celui qui le fera n'aura jamais ni rogne, ni gale ni teigne, ni rage. — II faut repeter cette oraison pendant un an et un jour, sans y manquer, tous le matins, ä jeun, et, au bout de ce teraps. vous serez radicalement gueri et exempt de tous ces maux pour la vie. Vgl. Hock a. a. 0. S. 44; Monseur, Folklore wallon S. 28; Rev. des trad. pop. 1, 37 nr. 11. Ähnlich auch Sauvo a. a. 0. S. 350: Saint Pierre sur le pont de Dieu s'assit. — Notre-Dame de Caly vint et lui dit: — Pierre, que fais-tu lä? — Dame, c'est pour le mal de mon chef que je me suis mis lä. — Saint Pierre, tu te leveras, — A Saint- Agie tu t'en iras; — Tu prendras le saint onguent — Des plaies mortelles de Notre-Seigneur, — Tu t'en graisseras, — Et trois fois tu diras: — „Jesus, Maria." — J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1, 2»J1 Nr. 39. 5. Oraison pour couper et guerir toutes sortes de fievres. , Quand J.-C. porta sa croix, il lui survint un juif nomme Marc-Antoine, qui lui dit: „Jesus, tu trembles?" Jesus lui dit: „Je ne tremble ni ne frissonne." Et celui qui dans son coeur ces paroles prononcera, jamais fievre ni frisson n'aura. Dieu commande aux fievres tierces, fievres quartes, fievres intermittentes, fievres purpureuses, de se retirer du corps de cette personne. JESUS, MARIA., JESUS! II faut faire une neuvaine ä jeun, ä l'intention de la personne, en memoire des souffrances qu'a endurees N.-S.-J.-C. sur le calvaire. Vgl. A. Meyrac, Traditions, coutumes etc. des Ardennes S. 179 nr. 96; Sauve a. a. 0. S. 269; Melus. 3, 111 nr. 4; Rev. d. trad. pop. 1, 36 nr. 6; 18, 298. — Ähnlich: Rolland, Faune pop. 5, 106; Mel. 3, 197; Schw. Arch. 14,259 (18. Jh.); Thiers, Traite 1,412: Hock. Croy. pop. 1,412. — Engl.: W. Henderson, Notes on the Folk Lore of the Northern Counties of England S. 137.— In deutschen Fieber- segen ist das Motiv des Zitterns vor dem Kreuz seit dem 15. Jh. nachweisbar: ZfdA. 17, 429; Alem. 25, 266 (16. Jh.); J.W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1,257 Nr. 17. — Cechisch: Grohmann, Abergl. etc. S. 164 nr. 1157. 6. Oraison pour guerir promptement la colique. Mettez le grand doigt de la raain droite sur le nombril, et dites: Marie qui etes Marie, ou colique, passion qui etes entre mon foie et mon coeur, entre ma rate et mon poumon, arrete, au nom du Pere, du Fils et du Saint-Esprit. Dites trois Pater et trois Ave, et nommez le nom de la personne, disant: Dieu t'a gueri. Ainsi soit-il. Vgl. Meyrac a. a. 0. S. 175 nr. 68: Monseur, Folkl. wallon S. 23; Rev. des trad. pop. 1, 36 nr. 7; 19, 488; Musee Neiichätelois 34, 57. Es hat den Anschein, als ob im Anfang dieser Formel Maria angerufen würde, indessen hat ursprünglich dafür zweifellos ein Ausdruck gestanden, der dem lateinischen matrix entspricht. Es begegnen in Segen die Formen amarry, matrice, mare, maire, mere u. a. Auch marris ist zu belegen in der Bedeutung 'Maladie de la matrice.' (La Curne de St.-Palaye, Dict. de l'ancien langage frano. 7, 291). Demnach entspricht unsere Formel genau den zahlreichen deutschen Segen für die Bermutter. Diesen liegt die Anschauung zugrunde, dass die Kolik dadurch entsteht, dass die Gebärmutter gegen das Herz aufsteigt (vgl. M. Höfler, Deutsches Krankheitsnamen-Buch S. 427). Die aufsteigende Gebärmutter wird in den Segen aufgefordert anzuhalten und an den ihr von Gott bestimmten Platz zurückzukehren. Dieselbe Vorstellung finden wir in mehreren französischen Koliksegen. Vgl. Schweiz. Arch. 10, 49 nr. 58; 12, 104 nr. 43. — Die folgende Formel findet sich bei Le Medecin des Pauvres. 139 M. L. Joubert, La premiere et seconde partie des erreurs populaires, touchant la Medecine et le regime de sante. Rouen 1601. Conjuration de l'amarry delouee, en langue Angenoise. Mayre mayris, que as cinquanto dos rasits, Et uno raays que l'on non dits: Tiro te das coustas, A qui non son pas tas estas. Tiro te de las esquinas. A qui non son pas tas esinas. Tiro te del son de ventre: A qui non te podes estendre. Mais bouto te u Fambonnil. La ou la Vierge (Marie) portet son (car) fil. Cric, croe, Mairo torno tel al loc. Pater noster. Ave Maria. Faut reiterer cela par trois fois. C'est ä dire en Franoois. Amarry merasse, qui as cinquante et deux racines, Et une plus que l'on ne dit, Tire toy aux costez: Ce ne sont pas lä tes estres, ou places. Tire toy vers l'eschine: Yci ne sont pas tes aises. Tire toy au fond du ventre: Yci tu ne te peux estendre. Mais boute toy au nombril, La oü la vierge (Marie) porta son (eher) fils. Cric, croc, maire retourne ä ton lieu. Pater noster etc. 7. Oraison pour guerir et arreter toutes sortes de brülures. Par trois fois differentes, vous soufflerez dessus eri forme de croix et direz: Feu de Dieu, perds ta chaleur-comme Judas perdit sa couleur-quand il trahit N.-S.-au Jardin des Olives; et nommez le nom de la personne, disant: Dieu t'a gueri par sa puissance; sans oublier la neuvaine ä l'intention des cinq plaies de N.-S.-J.-C. Ainsi soit-il. Vgl. Hock, Croyances pop. S. 130; Sauve, Folk-Lore des Hautes-Vosges S. 215; Thiers, Traite des superst. 1,409; Melus. 1, 400; 3, 112; Musee Neuchätelois 34, 56; Rev. de l'Avranchin 2, 364; Rev. d. trad. pop. 1, 38; 15, 380; 18, 298; 19, 489; Schweizer Arch. 12, 102. — In deutschen Segen ist mir das Motiv nur einmal be- gegnet: Gegen das wilde Feuer. Feuer, feuer, feuer, verliere deine hitz, wie der Judas seine färb verloren hat, als er den herrn Jesum Christum verrathen hat. ZfdA. 7, 536 nr. 14. 8. Oraison pour l'epine. Pointe sur pointe. — Mon Dieu guerissez cette pointe comme saint Cöme et Saint Damien ont gueri les cinq plaies de N.-S.-J.-C. au Jardin des Olives. NATUS EST CHRISTUS, MORTUUS EST ET RESURREXIT CHRISTUS. — 240 Eberinanü: Apres que vous aurez dit cette oraison, vous prendrez un linge d'homme, blanc de lessive, que vous couperez long et large comine le doigt, puis vous le mettrez en croix sur l'epine, et ensuite vous l'envelopperez comme il est dit; ensuite le souffrant fera une neuvaine a, jeun, a l'intention des souffrances qu'a endurees N.-S.-J.-C. sur le calvaire. Vgl. Hock a. a. 0. S. 478; Rev. d. trad. pop. 1, 38 nr. 15; Musee Neuchät. 35, 68; J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1, 'Hil nr. 41. 9. Oraisons ä saint Antoine de Padoue, pour les pestes et autres besoins que nous avons chaque jour. Pere et patron, saint Antoine de Padoue, Qui vous invoque au besoin evident, Peril de raort et de calamites, Remedie ä mort subite et peste, En terre et mer, en foudre et tempete. Pour retrouver toutes choses perdues, Des bonnes sont par vous defendues, Et bien souvant aux pauvres innocents Faites gagner proces tous contents; Jeunes et vieux, qui ä vous ont recours, A leurs besoins vous donnez tous secours. Priez pour nous, qu'en sortant de ce monde, Dans le ciel, en joie et paix durable, Toujours en repos delectable. Ainsi soit-il. Dieses verdorbene Stück besteht offensichtlich aus zwei Gebeten, so dass die Mehrzahl 'oraisons' in der Überschrift gerechtfertigt ist. Zeile 6 ist die Über- schrift des zweiten Gebetes; zu diesem vgl. Rev. d. trad. pop. 12, 511: Saint-Antoine de Padoue Qui etes si bon et si doux Et qui faites qu'on retrouve toujours tout, Faites que je retrouve (l'objet perdu). Nisard, Bist, des livres pop. 2, 54 zitiert: Prieres et oraisons en l'honneur de saint Antoine de Padoue, pour les ämes devotes qui les diront ou qui les porteront sur elles dans toutes leurs necessites, raaladies, adversites et perils, 32"; 23 pages. Toulouse, Ronnemaison et Fages. o. J. — Der Grund, weshalb Antonius Ver- lorenes wiederfindet: Nisard 2, 55. 10. Friere pour dissiper les mauvais esprits. Chaque raatin, ä votre lever. — 0 Pere tout-puissant, Mere la plus tendre des meres, ö exemple admirable des sentiments et de la tendresse de toutes les meres; 6 Fils, la fleur de tous les fils, 6 femme de toutes les femmes; ärae, esprit, harmonie; 6 nombre de toutes choses, conservez-nous, protegez-nous, et soyez- nous propice en tous temps et en tous lieux. Puis vous direz par trois fois: Mon Dieu, j'espere en vous, le Fils et le Saint- Esprit, et en moi. Ainsi soit-il. 11. C'est ici la mesure de la plaie du cote de N.-S.-J.-C. (Stilisierte Abbildung einer Wände.) Laquelle fut apportee de Constantinople ä l'empereur Charlemagne. dans un coffre d'or, comme relique tres-precieuse. Elle a teile vertu, que celui qui la Le Medecin des Pauvres. 141 portera sur soi, avec respect et devotion, bravera tout danger, ne perira ni en feu ni en eau, ni en bataille, et aura bonheur et victoire sur tous ses ennemis; et celui qui toujours la portera, de mauvaise raort ne mourra. Vgl. Ch. Nisard, Hist. des livres pop. 2, 5. Das beinahe wörtlich gleich- lautende Zitat stammt aus: Le Trepassement de la Sainte Vierge, contenant les litanies et plusieurs oraisons; ensenible la plaie du cote de Notre-Seigneur; 36 pag. 24°. Epinal, Pellerin, s. dat. — Thiers, Traite 1, 312: Haec est mensura plagae quae erat in latere Christi delata Constantinopoli etc. 12. L'oraison suivante a ete trouvee sur le sepulchre de Notre-Dame, en la vallee de Josaphat, et a tant de vertus et de proprietes, que celui qui la lira ou la fera lire une fois le jour, ou qui la portera sur soi en bonne intention et devotion, ne peut perir ni par le feu, ni par l'eau, ni en bataille; il aura bonheur et victoire sur ses ennemis; on ne peut lui faire ni dommage ni gene; et a tant d'avantages, que si une personne etait tombee en peche mortel, Dieu lui donnera la grace de s'en relever avant sa mort; eile verra la vierge Marie ä son aide et reconfort. Oraison precieuse pour dissiper les nuages, en la repetant trois fois, comme ayant trois proprietes differentes. 0 glorieuse vierge Marie, Mere de Dieu, dame des anges, benigne et pure esperance et reconfort de toute bonne creature; Plaise a vous, dame et mere et mere des anges, nous garder le corps et l'äme. Nous prions votre precieux fils qu'il veuille nous garder de tout peril et de tout danger, de l'ennemi, d'enfer et de tentation, par les merites de son amere passion; fasse cesser raortalite, guerre, et conserve les fruits de la terre, afin que nous puissions vivre en concorde. 0 mere de Dieu, pleine de misericorde, ayez pitie des pauvres pecheurs et gardez-nous de l'infernal tourment et menez-nous au royaume Celeste oü nous nous trouverons tous devant Dieu, le pere tout-puissant, ä qui ä genoux nous demanderons pardon; et lui plaise nous pardonner comme ä la Madeleine et au bon larron, lorsqu'il demanda pardon sur l'arbre de la croix. Une ferame en travail d'enfant, en mettant la dite Oraison sur eile, sera d'abord delivree. 13. Oraison pour guerir le mal d'yeux. Bienheureux saint Jean passant par ici, trois vierges sur son chemin, leur dit: „Que faites-vous lä?" „Nous guerissons de la maille." Guerissez, vierges; guerissez l'oeil ou les yeux de N . . . Puis faisant le signe de la croix et soufflant dans Toeil, on dit: „Maille, feu, grief ou que ce soit ongle, graine ou araignee, Dieu te commande de pas avoir plus de puissance sur cet oeil, que les Juifs, le jour de Paques, sur le corps de N.-S.-J.-C; puis on fait encore un signe de croix en soufflant dans les yeux de la personne, disant: Dieu t'a gueri; sans oublier la neuvaine ä l'intention de la bienheureuse sainte Ciaire. Vgl. Hock a. a. 0. S. 44; Sauve a. a. 0. S. 188; Melus. 3, 113 nr. Sa; Rev. d. trad. pop. 19, 49; 22, 453; Schw. Arch. 14, 260; J. W. Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 1, 260 nr. 36; Enchiridion du pape Leon III nr. 7 (arg verstümmelter Über- rest). — Die Segen von den drei Frauen werden auch in Deutschland häufig gegen Augenleiden gebraucht, z. B.: Bartsch, Mekl. 2, 11; das. S. 358 ff.: Curtze, Volks- überlieferungen aus . . . Waldeck S. 424; Engelien und Lahn, Der Volksmund in derMark Brandenburg S. 153; K. MüUenhoff, Sagen usw. S. 516; Alem. 16,56; Ndd. Korrespbl. 21, 23; ZfdPh. 6, 160; oben 7, 54; Zs. f. rhein. u. westf. Vk. 1, 217. — Dasselbe Motiv zum Stillen von Blutungen: Ebermann, Bl. u. W. S. 80ff. ]42 Ebermann: 14. Friere pour guerir les tranchees des chevaux. Cheval noir ou gris (car il faut distinguer la couleur du poil de la bete), appartenant ä N., si tu as Jes avives, de quelque couleur quelles soient, ou tranchees, ou rouges, ou trente-six sortes d'autres maux, en cas qu'ils y soient, Dieu te guerisse et le bienheureux saint Eloi; Au nom du Pere, du Fils et du Saint-Esprit. Ainsi soit-il. Et vous direz cinq Pater et cinq Ave pour remercier Dieu de sa grace. Vgl. Hock a. a. 0. S. 476; Volkskunde (ndl.) 7, 139; Rev. d. trad. pop. 19, 490. 15. Lettre miraculeuseraent trouvee dans un lieu nomme Arois, ä trois lieues de Saint-Marcel, ecrite en lettres d'or par la main de notre Sauveur et redempteur Jesus-Christ. Umfangreicher Himmelsbrief, abgedruckt Wallonia 5, 112. — Über Himmels- briefe ygl. Hess. Bl. f. Vk. 8 (1909) 81 ff.; Mitt. d. Schles. Ges. f. Vk. Heft 19. 45ff.; Wiener Akademie (philos.-hist. Kl.) 1901, wo eine umfassende Bearbeitung der H. in Aussicht gestellt wird. 16. Oraisons au saint-sepulchre de N.-S. Jesus-Christ. Lange Gebete ohne volkskundliches Interesse. 17. Saint Roch, qui ne fut jamais invoque en vain dans les contagions, n'aquit (!) a Montpellier en 1284. Ayant perdu ses parents ä Tage de vingt ans, il distribua ses biens aux pauvres; deguise en pelerin, il prit le chemin de Rome, en passant par Aqua. Cependant il apprit que la peste y faisait de grands ravages; il s'offrit pour soigner les pestiferes qu on transportait a l'hopital. A peine fut-il parmi les malades, que la peste disparut de l'hopital et de toute la ville; le fleau ayant passe ä Cesane, il y va, et sa presence fait cesser la maladie: la contagion ayant penetre dans Rome, ce fut un motif pour presser notre saint d'y aller. A son arrivee le mal cessa encore. De la il se rendit ä Plaisance, ou une maladie epidemique desolait toute la ville; il y signala sa charite. 11 fut attaque lui-meme d'une fievre ardente et d'une douleur cruelle dans la cuisse gauche, ce qui l'obligea a se retirer dans une hutte au fond d'un bois jusqu'a sa guerison. l\ retourna dans son pays ou il mourut en odeur de saint, apres avoir re^u pieusement les sacraments de l'eglise. Apres sa mort on trouva ces mots ecrits pres de son corps: Ceux qui, frappes de la peste, invoqueront mon serviteur Roch seront gueris. Seigneur, qui avez glorieusement recompense les vertus de saint Roch en rendant sa protection si puissante et si salutaire pour les pestiferes, exaucez dans votre grande misericorde les voeux ardents de votre peuple afflige, qui implore aujourd'hui avec confiance la protection de votre illustre serviteur: daignez preter l'oreille ä nos humbles supplications et nous accorder, par les merites de saint Roch, d'etre preserves de toute maladie, des epidemies et surtout du peche, le plus grand de tous les maux; nous vous en prions par Jesus-Christ, notre seigneur, notre refuge, notre consolateur. Ainsi soit-il. ORAISON. Jesus-Christ, fils du Dieu vivant, ayez pitie de moi; Sauveur du monde, sauvez- moi; Vierge sainte, priez pour moi votre eher fils bienaime; Reine des anges et des bienheureux, aidez-moi; et a. l'heure de ma mort, oü mon äme sortira de mon Corps, priez pour moi votre eher fils, afin qu'il daigne me pardonner mes peches. Rouen, imp. veuve A. Surville, rue des Bons-Enfants, 46. — Stempel der Bibl. nat. von 1851. Le Medecin des Pauvres. 143- II. Le Medecin des Pauvres ou recueil de prieres et oraisons precieuses contre le Mal de Dents, les Cöupures, les Rhumatismes, les Fievres, la Teigne^ la Colique, les Brülures, les Mauvais Esprits etc. (Ohne Angabe des Jahres; Stempel der Bibliothek von 1896. Am Schlüsse Orleans. — Imp. Morand, rue Baunier, 47). — (Oben nr. 17.) 1. Oraison pour toutes sortes de brülures. Par trois fois differentes, vous soufflerez dessus en forme de croix et vous direz ä saint Laurent: Sur un brasier ardent, — vous retourniez et n'etiez pas souffrant, — faites-moi la grace — que cette ardeur se passe, — feu de Dieu, perds ta chaleur — comme Judas perdit sa couleur, — quand pour sa passion juive, — il trahit Jesus au jardin des Olives, — et apres avoir nomme la personne vous ajouterez: Dieu t'a gueri par sa puissance. — Sans oublier la neuvaine a l'intention des cinq plaies de N.-S. Jesus-Christ. Ainsi soit-il. Der hl. Laurentius wird mit Beziehung auf sein Martyrium in deutschen und niederländischen Formeln gegen Brandwunden angerufen, z. B. Frischbier, Bexenspr. und Zauberb. S. 40; Ganzlin, Sächsische Zauberformeln. Progr. Realsch. Bitterfeld 1902. S. 9; Alera. 22, 122; 25, 127; Hess. Bl. 1, 17; 2, 18;Mitt. d. schles. Ges. f.Vk. Heft 6, 31; Pfarrhaus 16, 104: Schweiz. Arch. 4, 322; 7, 48; oben 7, 65—66 nr. 4a — c; Zs. f. rh. u. wf. Vk. 2, 286; 6, 289; 8, 77; Verdam, Over Bezwerings- formulieren S. 26 und 32; Biekorf4, 176; 0ns Volksleven 6,58. — Zur zweiten Hälfte unseres Segens vgl. oben S. 139 nr. 7. 2. Oraisons pour les epines et echures et pour le bourbillon des clous et furoncles. Doux Jesus, la couronne d'epines qui fut posee sur votre front n'y laissa que trous de gloire, pourtant l'epine est raalfaisante, mais oü regne la foi, eile n'est qu'innocente: j'espere en vous et vous prie ä mains jointes, que vous retiriez cette pointe; mon Dieu, commandez qu'elle sorte, et pour tout dire, ouvrez la porte (nommez la personne) per Christum natura mortuum resurrectum et vivum in aeternum exi spina aut vermiculuni. Cette oraison dite, vous prendrez du linge d'homme, blanc de lessive, vous en taillerez deux morceaux que vous poserez en croix sur l'epine, et en ayant soin d'en envelopper le doigt, avant comme apres l'oraison, vous soufflerez trois fois sur l'epine, sur le clou ou le furoncle, le patient fera une neuvaine a jeun en memoire des souffrances de Jesus-Christ sur le Calvaire. 3. Priere pour arreter la rage de dents, pour guerir un mal de tete ou un mal d'oreilles. Der Segen entspricht dem ersten des vorigen Heftes (S. 136), ist aber vrie die ersten fünf Formeln des vorliegenden Heftes durchgereimt; er ist abgedruckt bei Nisard, Hist. des livres pop. 2, 76 und R. Köhler 3, 548. 4. Oraison pour mal d'aventure et panaris. Apres avoir plonge le doigt dans l'eau bouillante, couvrez-le d'un linge que vous aurez fuit toucher a une relique de saint et dites: qui bout, qui bat, qui cuit sous cette peau" — m'ote sorameil et repos. — C'est germe venu de Satan — qui me cause un si grand tourment, — j'ai croyance et mon äme est pure, — soulage- moi, Saint Bonaventure. On recitera cette priere jusqu'ä ce que guerison s'ensuive. — Vgl. Nisard 2, 76. 144 Ebermann: 5. Oraison pour le mal d'yeux. Le bienheuieux saint Jean, — s'en allait cheminant et meditant, — trois vierges il vit qui lui passaient devant, — que faites-vous seant purete et lumiere. Nous guerissons de souffrir et mal voir. — Vierges guerissez l'oeil ou les yeux de (on nomme la personne en lui soufflant dans l'oeil) et l'on dit en faisant le signe •de la croix: mal-orbit, dragon, taie, feu gregeois, ongle, graine, pouron, araignee ou poussiere, ongle ou paille de fer. Dieu te commande de n'avoir pas plus de puissance sur cet oeil que les juifs apres l'Ascension sur le corps de Notre Seigneur Jesus Christ. On fait un second signe de croix en soufflant de nouveau dans l'ceil du malade, et l'on dit: Dieu t'a gueri. Si le mal persiste, on fait une neuvaine a l'intention des bienheureuses sainte Ciaire et sainte Luce. — Vgl. oben S. 141 nr. 13. 6. Oraison contre le cholera, le typhus, la suette, la scarlatine, la veröle, et toute espece de contagion. Umfangreiches Gebet ohne volkskundliches Interesse. 7. Oraison a la vraie croix. Elle doit etre recitee avec grande devotion par le malade et par les personnes qui l'assistent. 1. — Sainte vraie croix arrosee du sang du juste. 2. — Bois sacre qui fut orne du corps de Dieu ä l'heure supreme de la Passion. 3. — Relique precieuse et sans pareille, defends mon corps de mal engence de putridite et de souffrance. 4. — Et donne ä mon äme allegeance. 5. — Par les larmes des saintes ferames. 6. — Par ton signe glorieux. 7. — Par la couronne d'epines. 8. — Que mort ne me surprenne et me mette au cercueil que confesse et administre. Ainsi soit-il. 8. Oraison contre la maladie des pommes de terre. Abgedruckt bei Nisard 2, 77. 9. Oraison pour la femme qui est en mal d'enfant, afin d'obtenir prompte et heureuse delivrance. La femme enceinte doit toujours avoir sur eile cette oraison, et quand vien- dront les douleurs, eile devra la lire ou se faire lire, et la repetera a mesure qu'on la lui lira. Anne a enfante Marie; Marie le Sauveur; Elisabeth, saint Jean-ßaptiste; Marie Jacobe, Jacques de Galice; ainsi pauvre femme qui soulTre enfantera comme elles enfanterent, sans qu'il y eüt trace de vives douleurs; au nom du divin Sauveur, enfant qui est dans le ventre, male ou femelle, viens au bapteme oü t'appellent Jean et Jesus, viens au bapteme te laver et te purifier, que l'eau efface le peche. Femme qui enfante est en angoisse et en tristesse parce qu'elle craint deux morts en ce moment; mais est-elle delivree eile n'a memoire de la torture et tout est joie en eile, car l'homme est ne en ce monde et Jesus triompfiant fera repandre sur son chef l'eau de misericorde. Jesus de Nazareth, roi des Juifs, ayez pitie de nous; Jesus le commencement et la fin ne nous abandonnez pas; Jesus, regnez et soulagez, Jesus fermez la plaie. Ainsi soit-il. Le Medecin des Pauvres. 145 On recitera cinq Pater et cinq Ave, en memoire des cinq plaies de Notre Seigneur, et ä chaque etoile marquee ci-dessus (?), on devra faire le signe de la croix. Zum Anfang dieser Formel vgl. S. 140 nr. 3. 10. Oraison contre les crouelles, scrofules, humeurs froides et mauvaises humeurs. Jesus qui avez gueri le lepreux, delivrez votre serviteur du vilain mal qui l'afflige. Grand saint Louis, vous qui touchiez les scrofuleux et les renvoyiez sains et purs en leur logis, faites descendre votre esprit sur le pauvre monde, et que toutes plaies soient fermees. Bienheureux saint Maclou, soulagez ceux qui vous venerent et renouvelez en leur faveur le miracle de Reims. On repetera cette oraison soir et matin, la veille de toutes les grandes fetes et apres avoir recite cinq Pater et cinq Ave, on dira trois fois: Mon Dieu, je vous offre mes aCfections comme Job sur son fumier vous offrit les siennes. Mon Dieu, j'eleve mon äme ä vous comme Job elevait la sienne. Mon Dieu, ayez pitie de moi. 11. Oraisons ä saint Hubert, contre les betes enragees, scorpions, basilice, et autres animaux venimeux. 0 grand saint Hubert, veillez sur nous, et qu'aucune bete enragee ou veni- meuse ne puisse nuire ä nous, ä nos parents, amis ou connaissances. — Ö grand saint Hubert, preservez-nous de tous dangers par les champs, par les chemins, par les bois, par les vallees, par les monts et en autres lieux. — 0 grand saint Hubert, preservez aussi toutes les betes de notre maison, et qu'aucune d'elles ne soit atteinte ou mordue. — 0 grand saint Hubert, guerissez-nous, soufflez de votre esprit sur la plaie et sur le venin, que la plaie se forme et que le venin se dissipe. — Ce dernier verset ne doit etre prononce que quand la personne a ete mordue. Apres avoir bien lave avec de l'eau et du sei la plaie faite par la morsure, sur etendue de laquelle on appliquera en appuyant forteraent a plusieurs reprises une grosse clef de fer rougie au feu; pendant qu'on fera cette Operation, on recitera le Miserere. Über die Anrufung des heiligen Hubertus zum Schutz gegen den Biss toller Hunde vgl. die ausgezeichnete Monographie von H. Gaidoz, La Rage et St.-Hubert. Paris 1887 (Bibliotheca Mythica L), worin jedoch das vorliegende Gebet nicht enthalten ist. Ähnliche Anrufungen des hl. Hubert s. Wallonia •>, 100 f.; E. Rolland, Faune pop. 11, 69. — Über den im Schluss unserer Formel erwähnten Hubertus- schlüssel vgl. Gaidoz a. a. 0. S. 126 ff.; Thiers, Traite des superst. 1, 371 ; P. Lebrun, Histoire critique des pratiques superst. Paris 1702, p. 358; oben 11, 207 und 342. 12. Oraison aux deux Genevieves pour obtenir que tous les troupeaux soient preserves des loups et de toutes mauvaises maladies. Sainte Genevieve de Paris vous qui gardiez les brebis comme jadis Joseph a garde les troupeaux de Pharaon en Egypte, donnez votre houlette au berger pour que le loup ni aucune mechante bete ne le puisse approcher. — Sainte Genevieve de Brabaut, dont Jesus et votre bon ange garderent votre biche de tout peril et votre personne de la fureur de Golo, veillez sur les brebis du Bon Pasteur et defendez-les du loup devorant. — Jesus notre doux sauveur, qui naquites dans la Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 10 146 Ebermann : creche de Bethleem, ne souffrez pas, nous vous en conjurons, que mal arrive a aucun des animaux qui furent les premiers temoins de votre venue en ce monde. Sainte Genevieve de Paris, intercedez pour nous. Sainte Genevieve de Brabant, priez pour nous. Le troupeau dont le berger portera sur lui cette oraison, qu'il devra reciter soir et matin, ne sera jamais attaque. Eine dem ersten Teil unseres Gebetes ähnliche Formel verzeichnet Sauve, F.-L. des Hautes-Vosges S. 15. Daher Rolland, F. pop. 8, 85. — Andere Formeln zum Schutze des Viehes gegen Wölfe sind im Französischen recht häufig, vgl. z. B. Rolland, Faune pop. 1, 124ff. u. 8, 84ff. 13. Oraison contre toutes sortes de charmes, enchantements, sortileges, visions, illusions, possessions, obsessions, empechements, maleftces de mariage, et tout ce qui peut arriver par le malefice des sorciers, ou par l'incursion des diables et aussi tres profitable contre toutes sortes de malheur qui peut etre donne vent aux chevaux, juments, boeufs, moutons, brebis, et autres especes d'animaux. Lange Beschwörung ohne volkskundliches Interesse. 14. Friere pour l'hydropsie, les päles couleurs et les boules d'eau dans la tete. Mon Dieu, ordonnez ä l'eau de se retirer de mon sang, comme vous retirätes autrefois les eaux du deluge et l'eau du Jourdain. Mon Dieu, changez en sang l'eau de mon corps, comme vous changez en vin l'eau des cruches aux noces de Cana. Mon Dieu, ne me refusez pas ce miracle, et qu'il s'opere enfin, per Dominum nostrum Jesum Christum. Nr. 15—19 entsprechen Heft I nr. 2— G; 20—21 entsprechen I, 9—10. 22. Oraison precieuse pour la parfaite guerison du charbon. 0 Jesus, mon Sauveur, vrai Dieu et vrai homme, je crois fermement que vous avez repandu votre sang pour nous; je crois dans l'Eucharistie, avoir souffert pour nous, repandu votre sang precieux de votre gräce et ne m'oubliez pas dans votre sainte gräce pour ma maladie dont j'implore notre saint patron, intercedez pour nous. Ainsi soit-il. — Au pied de l'autel, il faut interceder le patron de l'endroit oü est le malade, et ensuite vous prendrez du lierre le plus proche de la terre, du savon qui n'a point servi, vous le battrez le tout ensemble avec de la jeune creme, vous appliquerez cela avec l'oraison et on est promptement gueri. Nr. 23 entspricht I, 14; nr. 24 entspricht I, 12. III. Auf dem Titelblatt eine Darstellung der Kreuzigung, umrahmt von einer Dornenkrone. Darunter 'Christus regnat' etc. wie bei Heft I. Am Schluss: A Va- lence, de l'imprimerie de J.-F. Joland. Erscheinungsjahr 1821. (Oben Nr. 1.) Das Heft enthält vier Formeln, die mit geringen Abweichungen den nr. 1 — 2 und 4—5 des Heftes I gleichen. An die vierte Formel schliesst sich eine Er- mahnung an Väter und Mütter, die Kinder zu gottesfürchtigen Menschen zu er- ziehen, die so schliesst: Portons sur nous le Saint-Suaire de Notre Sauveur Jesus Christ,' cette image sainte et salutaire sera en tout lieu notre appui; eile met les Chretiens a l'abri du feu du ciel et du tonnerre; portons les armes du Seigneur,. pour nous preserver de malheur. Le Medecin des Pauvres. 147 Journee-Pratique. Chretien, Souvieus-toi que tu as aujourd'hui : ün Dieu ä glorifier, ün Jesus ä imiter, La Vierge et les Saints a prier, Les bons Anges a honorer, Une äme ä sauver, Un Corps ä mortifler, Des vertus a demander, Des mechans ä expier, Un Paradis ä gagner, Un enfer ä eviter, Une eternite a mediter, Un temps a menager, ün prochain a edifler, Un monde a apprehender, Des demons ä combattre. Des passions a abattre, Peut-etre la mort a souffrir. Et le jugement a subir. IV. Das Titelbild zeigt Gott Vater umgeben von Wolken und Sternen. Darunter: Laissez dire et faites le bien. Quiconque me meprisera plus tard s'en repentira. Christus regnat usw. 8 Seiten. Am Schluss: Imprimerie de Brodard, a Couloramiers. (Oben Nr. 2.) Inhalt: Nr. 1—10 wie Heft I, 1—10. Nr. 11 wie Heft H, 22. Nr. 12 wie II, 24. Nr. 13 wie 11, 5. Nr. 14 wie 11, 23. Nr. 15 wie I, 15. V. St.-Quentin. Impr. de Cottenest, 1828. (Oben Nr. 3.) — Der Inhalt ist derselbe wie der des vorigen Heftes, nur steht an Stelle von Nr. 15 folgendes Gebet: Oraison a Notre-Dame des affliges. — 0 Dieu, infiniment misericordieux, qui ne voulez pas que le pecheur perisse, mais qu'il se convertisse, et qu'il vive, accordez-nous par Tintercession de Notre-Dame des Affliges, consolatrice des malheureux, secours de tous nos maux, tant de l'äme que du corps; nous vous supplions, avec une parfaite resignation a sa sainte volonte. Par Jesus-Christ, notre Seigneur. VI. Titelblatt ähnlich den übrigen. Chälons-sur-Saöne, typ. Montalan, 1857. 16 Seiten. (Oben Nr. 9.) 1. Priere pour guerir de l'enflure. Dieu et la bonne Sainte Notre Dame se promenant parmi les champs ren- contrerent le bienheureux St.-Pierre qui gardait son troupeau, et lui dirent: Bien- heureux St.-Pierre que fais-tu la? — Mon bon grand Dieu et ma bonne Sainte Notre Dame, je garde mon troupeau qui est attaque de l'entlure; je crois que j'ai mal garde et qu'il en perira. — Dieu et la bonne Sainte Notre Dame lui repondi- rent: Mon bienheureux Saint-Pierre, va-t-en, et pendant que tu t'en iras et que tu reviendras, ta bete se guerira. 10* 148 Ebermann: 2. Remede contre la rage. Vous prendrez quatre oeufs frais et du jour, vous enoterez les germes. Vous prendrez des verses pilees, que vous trouverez sous l'ecorce d'un vieux ebene abbatu depuis 7 ä 8 mois; vous ferez secher cette poudre et apres l'avoir tamisee, vous en prendrez une pleine cuillere que vous mettrez dans l'omelette. Vous fricasserez l'omelette avec de l'huile de noix pure. Vous la luangerez sans crainte et vous serez gueri pour la vie. — Nota: Ce remede est celui de madame Morange, de la commune d'Ige. S. Friere pour les cochons malades. Quand vous voyez votre cochon malade, jetez-le ä terre, et mettez-lui dans la gueule un morceau de bois, de crainte qu'il vous morde. Mettez ensuite votre main sous le gueuloyon, et votre cochon sera gueri du poil du loi(?), du rouge et du charbon. Continuez de tenir votre main sous le gueuloyon, jusqu'u ce que la priere soit achevee, en disant: Ronfe, saute a la moelle, ce qui est a la moelle saute aux os, ce qui est aux os saute a la chair, ce qui est a la chair saute ä la peau, ce qui est ä la peau saute au poil, ce qui est au poil saute a bas, je te souhaite, et dire trois fois sur le cochon, au nom du Pere, du Fils et du St. Esprit et ne pas ajouter: Ainsi soit-il. Saignez votre cochon ä la gueule ou ä la queue et il sera gueri. Das stufenweise von innen nach aussen Zaubern dieser F'ormel, das dem Rück- wärtszaubern ähnlich ist, habe ich sonst in französischen Segen nicht gefunden, dagegen ist es in deutschen Formeln nicht selten. So lautet ein Segen 'für die wilden Geschoss oder bösen Luft', der im Jahre lfil7 aufgezeichnet ist, folgender- massen: 'Wilde schoss, ich gebeut dir aus dem Markh in das Bain, wilde Ge- schoss, ich gebeut dir aus dem Bain in das Flaisch, w. G. i. g. d. aus dem Flaisch in das Bluot (die Anfangsbuchstaben werden bei jedem folgendem Satze wieder- holt), aus dem Bluot in die Haut, aus der Haut in das Haar, aus dem Haar in die Erden, neun Claffter tief!' Mones Anzeiger 6 (1837) 470 nr. 27. Daselbst noch zwei andere Lesarten. Vgl. ferner: Alemannia 15, 123 (1650); Germ. 26, 235 nr. 33; 31, 345 nr. 2; oben 11, 84; Zföst. Vk. 6, 6; ZdVfrh. u. wf. Vk. 2, 29G; 8, 68 nr.9; 8, 70 nr. 21; Hovorka u. Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin 2, 864. Vgl. auch M. S. Dkm. 1, 17 Nr. 5. 4. Remede pour la fievre. Prenez trois cuillerees de miel et trois verres d'eau, prenez aussi trois petits bouquets de saule, faites reduire le tout a un verre, et donnez le au malade qui sera bientot gueri. 5. Recette pour detruire les mouches qui tourmentent les animaux. Prenez des feuilles de noyer, faites-les bouillir ou tremper, frottez avec un Chiffon votre betail, et jamais mouche ou taon ne le tourmentera. — Pour detruire les mouches des raaisons, prenez du sucre avec du poivre, reduisez le tout en poudre et faites-en un melange que vous deposerez sur une assiette. Le mouches tres avides de ce remede, l'avaleront et periront infailliblement. 6. Priere pour guerir la matrice. Monsieur de St.-Jean, madame St.-Jean et le fils St.-Jean, j'espere que vous guerirez cette personne, comme je crois que la Ste-Vierge est la mere de notre Sauveur, Jesus-Christ. Au nom du Pere etc. Le Medecin des Pauvres. 149 7. Friere pour le scorbut. Chancre blanc, chancre rouge, chancre noir et toutes sortes de chancres ma- lins, je referme le scorbut dedans, je te jure et je te conjure de t'en aller aussi vite devant moi que la rosee s'en va devant le soleil le jour de la St. -Jean, en soutflant pendant trois matins de suite dans la bouche de la personne avant le soleil leve. — Vgl. Melus. 3, 116 nr. 15; Rev. d. trad. pop. 7, 243; 7, 247 nr. 17; Schweiz. Arch. 12, 104; 14, 2G5. — Der Wunsch, dass die Krankheit so schnell verschwinden möge, wie der Tau vor der Sonne, ist ein in französischen Segen häufig wiederkehrendes formelhaftes Elen\ent. 8. Recette pour avoir de beaux bwufs exempts de maladie pendant un an. Prenez une fourche de noisetier que vous couperez au lever du soleil, et arrangerez promptement le matin de la premiere Notre-Dame. Vous entrerez ensuite dans l'ecurie et vous direz trois fois: Bonjour mes boeufs, mes boeufs mangeront, boiront, y tireront et y seront victorieux comme moi. Donnez ä manger ä vos bceufs avec la fourche que vous avez coupee. Cinq Pater et cinq Ave a l'honneur de St.-Thomas. Au nom etc. 9. Friere pour les convulsions. Dieu y a part et la Sainte Vierge aussi. St. -Jean de Bresi, convulsion, va-t-en d'ici, nous ne t'avons pas ete querir. 10. Friere pour faire rendre le lait. Achetez un pot neuf, allez sous votre vache, et tirez la premiere fois du lait dans le furnier, disant: Rendez ä Cesar ce qui est ä Cesar. Tirez ensuite dans le pot: rendez a Cesar ce qui appartient ä Cesar; tirez enfin dans le furnier: rendez ä Cesar ce qui appartient ä Cesar. Apportez votre lait a la maison et passez le pot derriere la cremaillere d'une main et reprenez le de l'autre. Alors vous rous mettez ä genoux devant votre pot, et vous dites: Dieu est ne la nuit de Noel ä minuit, puis benissant le pot vous repetez: Au nom etc. Jetez dans le feu tout le lait qui est dans le pot, et Jamals sortilege n'aura pouvoir sur votre lait. — Zu dem Durchziehen der Milch hinter dem Kesselhaken vgl. Schweiz. Arch. 12, 119 nr. 4. — Milch auf den Mist giessen als Schutz gegen Milchhexen vgl. Mitt. u. Umfragen z. bayrischen Vk. 1910 S. 36. 11. Moyen de degonfler subitement le betail. Four degonfler un boeuf, une vache ou un mouton, ouvrez-lui promptement la gueulo, faites un petit cornet du surot, et soufflez-lui trois fois dans la gorge. Aussitöt qu'ils ont recu du vent de chretien, ils sont promptement gueris. 12. Pour l'accouchement des femmes. Prenez un poulet tout vif, que vous ouvrez. Otez-lui le coeur, et mettez le sur la poele pour le faire griller pendant une minute. Faites-le prendre par la personne souffrante dans du vin et du bouillon, et dites: Ste-Notre-Dame, prenez pitie de cet accouchement, et abbattez tranchees contre tranchees. Au nom etc. 13. Four regogner. Vous dites: Veine ä l'aise, veine a l'aise, veine ä l'aise, va de l'cndroit oü tu etais, que ce soit de la droite ou de la gauche. Au nom de la Sainte-Vierge et au nom du patron de la personne. Dire trois fois, au nom etc. 1'50 Ebermann: 14. Pour le sang. Demandez le prenom de la personne, et dites trois Notre-Dame pour le sang. La premiere Notre-Dame dit, en repetant le prenom: Jaques ou Pierre perd tout son sang, au nom etc.; la seconde Notre-Dame dit: mon Dieu nous le guerissons, au nom etc.; la troisieme repond: Mon Dieu, il est gueri au nom etc. 15. Conjuration de la colique. On doit dire: colique cordee, colique tranchee, colique tranchee rouge, colique tranchee noire, colique tranchee jaune, colique tranchee verte, colique tranchee bleue, colique tranchee grise, colique tranchee blanche, colique tranchee qui est venue, ou qui a ete donnee, je te renvoie comme tu est venue ou donnee. — Coli- que tranchee ou cordee, je te decorde, colique tranchee je te deboucle, colique cordee qui es dans les entrailles, je te detranche. — Colique tranchee cordee que Dieu te tranche, comme je te tranche. VII. Le Medecin des Pauvres ou Recueil de Prieres pour le soulagement aux maux d'estomac, Charbon, Pustule, Fievres, Plaies, Flux de sang, Hydropsie, Rhu- matismes, Asthmes, Etouffements, Rompures, Convulsions des enfants, Cholera, Typhus, Scarlatine, Suette, Veröle, Piqüres ou Morsures, Maux de dents, mauvaises Humeurs, Gales, Dartres etc. — Das Titelbild zeigt den im Tempel lehrenden Jesus. — A Troyes, chez Baudot, Imp. Libraire; rueduTemple, 30. (Oben Nr. 10.) Preface. Loin de nous ces idees de malefices et enchantements, de semblables croyances ne peuvent qu'irriter le Seigneur. — Que l'on accepte donc cette nouvelle edition du Medecin des Pauvres comme seule digne de l'homme pieux et de bon sens, ce petit livre nous rapprochera de Dieu et pourra nous en attirer toutes les gräces, s'il y a foi et piete dans la recitation de ces prieres. — Sur terre il n'y a jamais eu que Dieu visible ou invisible et l'homme; croire aux reveiiants est absurde, on a pendant des siecles abuse de la faiblesse des intelligences, on a fait jouer des pantins, ou on a fait parier ou gemir dans l'ombre; tout cet echafaudage d'une sorcellerie organisee aurait pu etre souvent renversee par la simple balle d'un pistolet; un enfant de notre epoque eut fait, avec son sabre de fer-blanc, fuir ces re- venants qui tromperent si longtemps la credulite publique. 1. Oraison pour demander la guerison du mal caduque, de la danse de saint Gui, et des maux d'estomac. Le malade dira ou bien l'on dira ü son Intention la priere que voici: Comme David avec sa harpe guerit le roi Saul, Dieu, guerissez le cerveau du pauvre en son affliction; bienheureux saint Gui, intercedez pour celui qui a perdu son guide et la liberte de son mouvement. 2. entspricht Heft 11 nr. 22. Nr. 3 entspricht I nr. 5. 4. Priere pour arreter le sang d'une coupure ou d'une plaie, le flux de sang etc. Dieu est ne la nuit de Noel a minuit, Dieu est mort, Dieu est ressuscite, Dieu a commande au sang de s'arreter, le sang ne coula plus, ä la marque des clous; il dit de s'efl'acer et cette marque disparut, sta sanguis, ut sanguis Christi, ut sanguis Christi, sta sanguis. On repete cinq fois ces mots latins en memoire Le Medecin des Pauvres. 151 des cinq plaies de Jesus, 6 Seigneur nous vous supplions pour celle de . . . (dire le nora du malade}, 5. wie II, 14. 6. Oraison pour demander guerison des rhumatismes, fraicheurs, douleurs, rhumes, toux, asthmes, coquetuches, etouffements, nouures, rompures, blessures et aütres infirmites. Par la bienheureuse sainte Anne, mere de la vierge Marie qui enfenta Jesus, par les merites de la Passion, par les miracles de la croix de salut, nous prions Dieu de guerir (on nomrae la personne) comme par ta gräce saint Come et saint Damien ont gueri les plaies du Maitre divin. 7. Oraison pour demander guerison des convulsions des enfants et des entorses. 0 mon Dieu, nous supportons tout pour l'amour de vous, cependant des que nous vous en supplions, repandez sur nous votre benediction, dissipez ces maux qui nous assiegent. 0 mon Dieu, daignerez-vous guerir (dire le nom du malade). On recite ensuite cinq Pater et cinq Ave. Nr. 8 wie 11, 6. — 9 wie II, 2. — 10 wie I, 1. — H wie II, 10. — 12 wie 1, 4. — 13 wie II, 12. — 14 ähnlich II, 21, aber kürzer. 15. Oraison pour demander la guerison de la pierre, des retentions d'urine et des maux de reins. Mon Dieu qui lites tomber les rochers de Jericho, brisez les pierres qui fönt souffrir votre serviteur, et que par l'efficacite des rocbs de hirim et thumim por- tees par le grand-pretre Melchisedec en l'arche d'alliance, elles eclatent en poussiere et ne puissent se reformer. Amen. Abgedruckt bei Nisard, Hist. des livres pop. 2, 80. 16. Oraison ä saint Antoine de Padoue, pour quand on est dans le besoin ou qu'on implore quelques objets perdus ou voles. Grand Saint que partout on loue, Vertueux saint Antoine adore ä Padoue, Daigne nous preserver de calamites, De fievres, tourments, lepre et- infirmites. Pais que nous ne soyons frappes de mort subite. Et ne soyons atteints des maux que l'on evite; Jeunes et vieux, en toi s'ils ont recours Esperent tous d'avoir ton bon secours. En terre en raer, prie que toutes tempetes Se detournent et fuient loin nos tetes. Aux bons et innocents, prie pour gain en proces, Aux travailleurs procure bon succes. A qui te prie, rends-toi si favorable, Que tu voudras nous etre secourable, Nous t'invoquons, daigne nous ecouter. Et de tout ton pouvoir au moins nous proteger, Pour retrouver toutes choses perdues, Pais que nos voeux de Dieu soient entendus; Pour que l'objet cherche, si cache nous soit-il, Nous puissions retrouver bientöt. Ainsi soit il. Vgl. oben Heft I, 9. 152 Ebermann: 17 wie II, 11. 18. Precieuse oraison pour demander la preservation de tous maux et dangers 0 glorieuse Vierge Marie, raere de Dieu, plaise ä vous, dame et mere des anges, nous garder le corps et l'ärae! Nous prions votre precieux fils, qu'il nous reuille garder de tout peril et danger. 0 mere de Dieu, pleine de raisericorde, ayez pitie des pauvres pecheurs, et nous menez au royaume Celeste oü nous nous trouverons tous devant Dieu, le pere tout-puissant. Maria virgo, ora pro nobis, Jesus gloria coeli, exaudi nos. Vni. Titelblatt wie gewöhnlich, ohne Bild. Laon, Typ. Ern. Marechal, rue Chätelaine, 16. — 1850. — 8 Seiten. 8°. (Oben nr. 17.) 1. Friere de saint Bernard a la sainte Vierge. — Gebet um Erhörung. 2. Friere ä Saint Roch. — Gebet um Abwendung der Fest. 3. Friere ä saint Sebastien. — Gebet um Befreiung von ansteckenden Krankheiten. Nr. 4— 13 wie IV, 2—11. — 14 wie I, 13. 15. Four guerir le chancre. Chancre blanc, chancre rouge, chancre douloureux, eteins ton feu et ta rougeur comme Judas a perdu sa couleur quand il a trahi Notre Seigneur. — Vous dites l'oraison trois fois, vous soufflez en croix sur la bouche de la personne et vous trouvez une parfaite guerison. — Vgl. VI, 7 und I, 7. 16 wie 11, 24. — 17 wie I, 14. 18. Oraison pour guerir l'entorse. Vous dites trois fois: Et te, super ante, super ante te, puis vous soufflez en croix sur l'entorse et ä la fin de chaque oraison, vous ferez la raeme chose pour un faux ecart u un cheval. Diese letzte Formel ist in der auf dem Titelblatt verzeichneten Inhaltsangabe nicht enthalten. — Die anscheinend sinnlosen lateinischen Worte dieser Formel finden sich — mit geringen Änderungen — nicht selten. Vgl. Vicaire, Etudes S. 68; Melus. 1, 499; Rev. des trad. pop. 7, 247; 17, 413; 19, 489; 21, 3U7; 22, 4.31; 23,268; Schweiz. Arch. 10, 52. Auch wenn in der niederländischen 'Volkskunde' 7, 140 gegen Fussverrenkung beim Fferd die "Worte empfohlen werden: aule, aulele, super aule, so sind diese Worte zweifellos durch A^erlesen aus unserer Formel entstanden. IX. Paris. — Imprimerie de Gosse et I. Dumaine, Rue Christine, 2. — 1862. — 8 Seiten. 8". (Oben nr. 11). Nr. 1 — 13 entsprechen denselben Nummern in Heft IV, wo auch diese Formeln durch einen auf nr. 13 folgenden Strich als besonderer Abschnitt ge- kennzeichnet sind. Aber nr. 9 des vorliegenden Heftes stimmt im Wortlaut nicht mit der entsprechenden Formel von IV, sondern von I überein. 14. Oraison pour le Tonnerre, u saint Donat, eveque et martyr. Langes Gebet ohne besonderes Interesse. 15 wie I, 15. Le Medecia des Paovres. 153 X. Paris. — Imprimerie Prissette, passage Kuszner, 17. — Maison passage du Caire, 17. — 1863. — S Seiten. S». (Oben nr. 12.) Wortgetreuer Abdruck von Heft IX. XI. Beaune. — Autographie Boutton. 1868. (Oben nr. 13.) Diese schriftliche Vervielfältigung stimmt inhaltlich mit Heft IV überein; am Schluss ist hinzugefügt: Priere pour reraettre les Entorses, les Hernies et les Cassures. Les quatre Evangelistes St.-Jean, St.-Luc, St.-Mathieu et St.-Marc sont ici presents pour remettre cassures et demetures, faire le signe de la croix sur le mal en disant trois fois ces paroles. — Pendant la neuvaine dire cinq Pater et cinq Ave, a jeun. Xn. Argenteuil, Typographie Worms. Henry, Lithographe a Argenteuil. (Oben nr. 14.) Nr. 1 — 8 stimmen überein mit den entsprechenden Nummern von Heft IV. 9. Oraison pour nous preserver des ennemis qui nous environnent, comme ennemis ou allies, et qui nous persecutent. Fils de Dieu vivant, ayez pitie de moi! que la puissance de Dieu paraisse, que l'ennemi se dissipe, et que tous ceux qui me haissent fuient de moi et de ma presence, comme la fumee se dissipe par les vents, comme la cire fond au feu! De meme que les pecheurs perissent en la presence de Dieu, et que Jesus soit eleve et rejoui en la presence de Dieu! Gloire soit au Pere etc. 10 wie I, 11. — 11 wie II, 24. — 12 wie I, 13. — 13 wie I, 15. Am Schluss: Vu et perrais d'imprimer, Sans, le 8 septembre 1817 (!). Signe Ferrand, sous-prefet. Xm. Mäcon, imp. Protat. — 1868. — 24 Seiten. 16°. (Oben nr. 15). 1 wie I, 1. — 2 wie I, 6. — 3 wie I, 2. — 4 wie I, 3. — 5 wie I, 7. — 6-7 wie I, 8—9. — 8 wie I, 4. — 9 wie I, 5. — 10 wie I, 10. — 11 wie II, 22 — . 12 wie I, 12. — 13 wie I, 14. — 14 wie I, 13. — 15 wie I, 15. 16. Priere pour le mal de dents. On offre neuf Pater et neuf Ave Maria pendant neuf jours, ä l'honneur de la mort et de la passion de notre Seigneur Jesus-Christ, pour le repos des ames dans le Purgatoiro; ä l'honneur de sainte Appoline et de saint Lazare. On se met un doigt sur la dent, en disant: Dent malade que tu guerisses selon la volonte de Notre Seigneur Jesus-Christ et de la Tres-Sainte Vierge. Et, faisant trois signes de croix, on repete trois fois: Au nom etc. 17. Priere pour guerir l'entorse. Ante, au nom du Pere, du Fils et du Saint- Esprit. Ante te, au nom etc. Per super ante te, au nom etc. Ainsi soit-il. — Vgl. Heft VIII, 18. 18. Contre la colique. On prend un morceau de pain que Ton met sur la main, en disant: Pain, je te benis, que Dieu et la Sainte Vierge tc benissent aussi. Au nom etc. On omet Ainsi soit-il. — En repetant ainsi trois fois les memes mots: Au nom etc. La derniere fois on ajoute Ainsi soit-il, en disant: Que Dieu tc guerisse vite, s'il lui plait; ensuite vous donnez le morceau de pain au malade. 3^54 Ebermann: 19. Friere pour guerir l'entorse. Entorse, detorse, veines nerfs, veines sautees, tressautees, je prie Dieu et la bonne Notre-Dame de Mars d'y remettre dans l'endroit oü eile etait. Au nom etc. 20. Friere pour la brülure. Notre Seigneur Jesus- Christ, un jour se promenant avec Saint Simon, rencontrerent une personne qui souffrait beaucoup; Saint Simon lui dit: Seigneur, voilä une personne qui souffre bien. Jesus-Christ lui repondit: Si tu voulais, Simon, tu la guerirais bien. Seigneur, je n'ai pas celte puissance. Simon, approche d'elle, tu souffleras trois fois sur la brülure et eile sera guerie. Au nom etc. 21. Four la guerison des bestiaux. Saint Fierre et saint Jean, s'en allant parmi les champs, rencontrerent un berger. Berger gardes-tu bien? Non, pas trop, j'ai une bete qui est bien malade, peut-etre qu'elle en va perir. Non, berger (en pronogant le nom de la bete), que ce qui est a la gorge saute au pansigot; ce qui est au pansigot saute ä la moelle; ce qui est a la moelle saute aux os; ce qui est aux os saute a la chair; ce qui est ä la chair saute au poil; ce qui est au poil saute a bas. Au nom etc. Vgl. Heft VI, 3. ~ Ähnlich Melusine 3, 115 nr. 14; Rev. des trad. pop. 25, 390. — Schweiz. Arch. 12, 108 nr. 58. 22. Friere contre la morsure de la vipere, Saint Simon s'en va ä la chasse; il a chasse, lui et ses chiens, trois jours et trois nuits, sans rien trouver qu'une mauvaise bete venimeuse de plusieurs Couleurs, qui Ta raordu lui et ses chiens; Saint Simon a fait un si haut cri que Notre Seigneur Jesus-Christ l'a entendu et lui a dit: Simon, qu'as-tu donc? Mon Seigneur, j'ai chasse trois jours et trois nuits sans avoir trouve qu'une mauvaise bete venimeuse de plusieurs couleurs qui m'a mordu moi et mes chiens. Notre Seigneur Jesus-Christ lui a dit: Va-t-en, Simon, tu prendras neuf feuilles de ronces et de la graisse de porcelin, et tu frotteras la plaie de chaque feuille jusqu'a neuf, en mettant un morceau de graisse dessus, tu gueriras toi et tes chiens et la bete en perira. Au nom etc. Vgl, Holland, Faune pop. 11, 68—69; Vicaire, Foes. pop. S. 159. 23. Four guerir l'erisipele. On prend trois cuillerees d'huile de noix et trois cuillerees d'eau qu'on bat bien ensemble, et l'on s'en frotte la plaie avec une plume plusieurs fois, et on est gueri. ' 24. Friere pour guerir la matrice. La Sainte Vierge s'en va promener de bon matin, et rencontre son fils Jesus. Bonjour mon fils. Bonjour ma mere; oü allez-vous ma mere? Je m'en vais guerir la fille d'un tel, qui est derangee de la matrice. Retournez-vous-en, ma mere, vous prendrez de la graisse de porcelin et vous lui en frotterez les flaues et les cotes, en disant que Dieu et la bonne Notre-Darae de Mars la remettent dans l'endroit oü eile etait. Au nom etc. XIV. Macon. — Imp. Romand. — 1S75. — 64 Seiten. IG". (Oben nr. 16.) 1 — 4 volkstümliche abergläubische Vorschriften. 5. Friere pour faire degonfler les bestiaux. 11 faut prononcer ces mots: Fierre ronde, la mere de Dieu te commande que la gonflure de la vache blanche (on indique la couleur de la bete) fonde comme Le Medecin des Pauvres. 155 le sei dans l'onde, au secours de St.-Antoine de Berry, puis reciter trois Pater et trois Ave Maria an l'honneur de St.-Antoine de Berry; si on ne peut pas voir la bete, on dit: quel poil que oa soit. 6. Friere pour empectier le sang ä couler. Notre Seigneur Jesus-Christ est ne le jour de Noel, Jesus-Christ a ete circoncis le jour de la circoncision, Jesus-Christ est mort le Vendredi-Saint, Jesus- (]hrist est monte au Ciel le jour de l'Ascension, Jesus-Christ a envoye le Saint- Esprit a ses apötres le jour de la Pentecote; Jesus-Christ commande que le sang s'arrete. A chaque verset on fait le signe de la croix. 7. Priere ä Saint-Hubert. Saint-Hubert a des vertus et bienheureux toutes choses, nous defend de l'ennemi et le serpent, toute bete sauvage ne puissent nous approcher de cinquante-deux pieds et derai, moi et (hier bricht die stark verstünamelte Formel plötzlich ab.) 8. Priere pour arreter le mal en buvant dans les rivieres, fontaines ou ruisseaux. Voilä de l'eau, c'est le Bon Dieu qui l'a faite. La bonne Vierge a bu, eile n'a pas pris de mal, ni moi non plus, s'il plait ä Dieu. Au nom etc. 9. Priere pour l'entorse. Entorse maudite, entorse rentre dans ton endroit comme Jesus-Christ aux Oliviers. Au nom etc. 10 — \o. Anweisungen. 14. Remede par les prieres et oraisons du pape Leon. Sagaroth + Aspanidore + paatia + vra jodion + Samacron -f- Fondon Aspargon Alamar Bourgavis Veniat. Serebonis, on ajoute le verbe qui a ete fait chaire et habite parmi nous. In meinem Exemplar des Enchiridion du Pape Leon III ist diese Formel nicht enthalten. 15. Pour les brülures de feu. Notre St.-Pere sauva par une voix cet enfant d'un brasier ardent; prenez du sang de porc, frottez-en trois fois le sang de votre corps et le feu sera dehors. — Diese Formel steht vollständig bei Nisard, Hist. d. livres pop. 1, 188: Notre Saint- Pere s'en va une voie, trouve un enfant qui crie: Pere, qu'a cet enfant? II est chu en braise ardente. Prenez du sang de porc et trois fascines de votre corps, et le feu en sera dehors. 16. Entorse. Dites, ce que Dieu a fait est bien fait, os desosse, veine noire, nerf foule, entresaute, que Dieu et la bonne Notre-Dame de Mars le remette dans l'endroit oü 11 etait. Au nom etc. — Repeter trois fois les raots suivants: forcure, blessurc, foulure, sang, humeur, chaud et froid, ne fais pas plus de mal que la Sainte- Vierge n'en a pas fait quand eile a marche sur terre. 17. Contre la maille. Entspricht I, 13. 18. Pour hv piquüre de la couleuvre. Martin sen va a la chasse avec son chien, il a rencontre N.-S. J.-C. qui lui dit: j'en ai bien le sujet de l'etre. — N.-S.: Pourquoi donc Martin'? — Mon chien 156 Ebermann: a ete pique ä mort. N.-S. lui dit: Martin, retourne ä ta maison, tu prendras des feuilles de l'angiles (?), de la graisse de porcelin, tu en frotteras de haut en bas, la couleuvre en perira, ton chien en guerira et toi aussi. Wie in vielen anderen Formeln dieses Heftes, so ist auch in dieser der "Wortlaut arg entstellt. Hinter 'dit' ist etwa einzuschieben: Martin, pourquoi es-tu si triste? — Vgl. Heft XHI, 22. 19. Friere pour les dartres. Dites: dartres rouges de neuf racines, de neuf ä huit, de huit a sept, de sept a six, ... de une ä rien, dites: que toutes se passent, comme elles sont venues; dites une neuvaine de dix jours ou de dix-huit jours, et 5 Pater et 5 Ave Maria. Vgl. Melus. 9, 210; Rev. Celt. 3, 203 nr. 908; 6, 70 nr. 4; Rev. des trad. pop. 1, 37; 25, 392. — Das in dieser Formel empfohlene Rückwärtszaubern scheint über ganz Europa verbreitet zu sein, was sich aus der lateinischen Herkunft der Formel — sie wird zuerst von Marcellus erwähnt — erklärt. Vgl. P. Drechsler, Das Rückwärtszaubern im Volksglauben (Mitt. d. Schles. Ges. f. Vkd. Heft 7, 45 ff.); Hälsig, Zauberspruch bei d. Germ. S. 103 ff. 20. Pour les vers. Notre-Seigneur s'en va avec St.-Pierre faire une neuvaine, soit dans un champ, il trouve trois vers, un blanc, un rouge et un noir. Vers rongeurs, je vous defends de ne plus gäter le sang de N. Dites trois Pater etc. Verwandte Wurmsegen sind in Deutschland ungemein häufig, vgl. z. B. Hälsig, Germ. Zauberspr. S. 92 ff. 21. Anweisung. 22. Contre l'hydropisie. (Adresser une priere fervente a, St.-Eutroque). 23. Contre la goutte. Dites neuf mois (!) ä jeun: terra, pastem, tenere, satene, falerene, salenes, monetes, his, hirco, pedibus; puis, baisez la terre et crachez dessus, frottez d'une goutte, les membres atteints, avec de la colle volatile pendant sept jours. 24. Anweisung. 25. Pour le mal caduc. Soufflez dans l'oreille droite, dites ces paroles: Jaspare, fers, migraine, thus, malechiar, balthazard, ou ronce, il restera une heute pour le guerir, il faut avoir trois clous de la longueur du petit doigt, enfoncez-les profondement au lieu de sa premiere chute, sur chacun d'eux nommez le nom de la personne. Cinq Pater etc. In dieser Formel sind noch die verstümmelten Überreste des Dreikönigssegens erkennbar, der folgendermassen lautet: Gaspar fert myrrham, thus Melchior, Balthasar aurum. Haec tria qui secum portabit nomina Regum Solvitur a morbo Christi pietate caduco. Vgl. H. Affre, Dictionnaire . . du Rourgue S. 387; H. Affre, Lettres ä mes neveux 2, 71; Reinsberg-Düringsfeld. Cal. Beige 1, 22; Rolland, Faune pop. 4, 198 nr. 58; Thiers, Traite 1, 107; Melus. 3, 115; Wallonia 5, 186ff. — Hälsig, Germ. Zauberspr. S. 98. 26—30. Anweisungen: Contre mal caduc. 31—32 desgl. contre mal de tete. Le Medecin des Pauvres. 157 83. Pour la teigne. Dites pendant dix jours ce qui suit: Saint Pierre sur le pont de Dieu s'assit. Notre-Dame de Calais vint et lui dit: Pierre que fais-tu lä? — A, dame, c'est pour le mal de mon chef que je suis mis lä. — Pierre tu te leveras; ä saint Oyer, tu t'en vas, tu prendras du saint onguent des plaies mortelles de Notre- Seigneur, tu t'en graisseras, tu diras trois fois: Jesus, Maria etc. Vgl. Heft I, 4. 32. Pour le flux de ventre. II faut boire ä jeun, trois jours de suite, du plantin des pies et dire ce qui suit: je suis au tres-saint Jardin des Oliviers, j'ai rencontre sainte Elisabeth; eile me parla du flux de son ventre; je lui ai deniande gräce pour le mien et eile m'a ordonne de dire trois Pater etc. 33. Pour le flux de sang. Huvez deux onces de jus d'ortie (sa fleur rouge) et dites: Omnia, peruvie, Marianne, Elisabeth, peruvis, Joannem, Maria, Antem, Christini in nomine, Jesum cessit, sanguis ad hoc omelo ou ab hoc famula. — Der verstümmelte lateinische Text wird etwa so zu lesen sein: Anna peperit Mariam, Elisabeth peperit Joannem, Maria autem Christum. In nomine Jesu cesset (?) sanguis ab hoc famulo vel ab hac famula. 34. Pour la colique. On dit: Colique passez, colique fache, colique, vat-t-en comme Judas a trahi Notre Seigneur au Jardin des Olives et faites le signe de la croix. Vous serez gueri. 35. Pour la colique. Saint Blaise, serviteur de Dieu, je te coromande de faire descendre la matrice et le ventre de N. Au nom etc. — Vgl. Schw. Arch. 10, 49 und 58; 12, 104 nr. 43. Oben Heft I, (3. 36. Pour les hemorroides. (Ohne Interesse.) 37. Pour arreter le sang. Au sang d'Adam ne la mit au sang, es-tu lä? 6 sang, arrete-toi! aussitot bände, il faut le voir. Die Formel ist unheilbar verdorben. War sie vielleicht verwandt mit dem Blutsegen 'in sanguine Adae orta est mors' etc.? Vgl. Ebermann, Blut- und Wunds. S. 78 ff. 38. Pour arreter le sang. (Ohne Interesse.) 39. Pour la coupure. — Das Auflegen von Spinngewebe wird empfohlen. Vgl. dazu Hovorka-Kronfeld, Vergleiehende Volksmedizin 2, 3.")8. 40—41. Anweisungen. 42. Pour le mal de dents. On offre neuf Pater et neuf Ave Maria pendant neuf jours en l'honneur de la sainte mort et la passion de Notre Seigneur Jesus-Christ pour le repos des ämes du purgatoire, en l'honneur de sainte Brigitte, sainte Appoline et saint Laurent. On se met le doigt sur la dent en disant: Dent, je veux Que tu 158 Ebermarm: guerisses comrae les plaies de N. S. J.-C. et les maux de la sainte Vierge vous a gueri par la permission de Dieu. On fait le signe de Ja croix en disant: Äu iiom etc. 43. Contre le mal de dents. (5 mal Pat. nost. ; 5 mal le Salue Marie.) 44. Pour le mal d'yeux. Saint Jean traversant la mer Rouge rencontra Notre Seigneur qui lui dit: Saint Jean, ou allez-vous? Monseigneur, je vais chercher la guerison pour mes yeux, soit pour les rougeurs, soit pour la chaleur. Saint Jean, retourne-toi, car il ne reste aueun mal. Au nom etc. 45. Pour les meurtrissures des yeux. (Anweisung.) 46. Pour les paillettes de fer dans les yeux. Dites ou faites dire l'oraison suivante, adressee ä sainte Ciaire, vierge dont on celebre la fete le 13 aoüt: Bienheureuse sainte Ciaire qui etes morte dans les sentiments de piete si pure et si mere que Dieu a voulu que vous soyez calomniee, faites que, par votre efficace intercession, j'obtienne la prompte guerison des maux que j'endure. Durant cette priere, tu te seras procure un fort aimant. Tu le feras mettre sur les paupieres ouvertes, tandis une personne promenera l'aimant tant pres que possible. Si la priere ä sainte Ciaire a ete fervente, tu seras bientot gueri. A defaut d'aimant, on racle un morceau de papier blanc, de maniere que d'un cöte il forme une pointe, qu'avec cette pointe, la personne remuant la paillette bien doucement vers le coin de l'oeil, on l'enleve. 47. Pour les yeux. Verstümmeltes Bruchstück von I, 13. 48. Dieu est venu au raonde pour nous racheter de nos peches. II a jeüne pendant trois ans et trois jours. II a ete vendu aux Juifs trente deniers. Fievres tierces, fievres quartes, fievres de quelle qualite qu'elles soient ne puissent demeurer sur mon corps, ä l'arbre de la croix, oü il a repandu son sang juste pour nos peches. Etc. 49. Pour les fievres. (Ähnlich I, 5.) 50 — 52. Anweisungen. 53. Pour se debarrer. Je me barre, je me debarre, au nom du Pere et du Pils et du bardebarre et contredebarre, au nom du Saint-Esprit. Trois Pater etc. 54 — 55. Anweisungen: Pour les ecrouelles und Pour les envies des enfants. 56. Oraison pour guerir toutes sortes de maladies. (Lateinisches Gebet.) 57. Pour les betes a cornes. (Anweisung.) 58. Pour les betes a cornes. II faut arracher 7 brins de crin de la queue de la bete, disant a chaque brin: Venin, sens respire (?) ne sont plus. Les tordre ä gauche et les mettre dans l'oreille gauche de la bete. 59. Pour les sorts. (Anweisung.) 60. Pour lever le sort qui est dans une ecurie. (Anweisung.) 61. Pour lever toutes sortes de sorts. Prenez un coeur de mouton et le percer de clous, le suspendre ä la cheminee, disant: Restia clasta, avarro, chasta, castadia, dara, N . . . II faut dire ces memes Le. Medecin des Pauvres. 159" paroles sur le corps: II nye et bovuite (!). Un jour ne passera pas que le sorcier qui a jete le sort, s'il en a ete jete, ne vienne presser le laisser le coeur, parce qu'il sent de grandes douleurs au sien, celui qui demandera d'oter le sortilege, et il demandera quelques animaux pour lui jeter, ce que tu pourras lui aecorder, sinon il crevera par le miliard du coq';(le milieu^du corps?), et dites la priere des Commandements de Dieu et de l'Eglise. G2— 65. Pour les sorts. (Anweisungen.) 66. Pour le lait caille. (Anweisung.) 67. Pour rompre tout uialfaisant. Prenez une tasse de sei, plus ou moins, selon la quantite des animaux malfaisants. Prononcez dessus: Herego, gomet, hum guerdon visseront deliberont. Paites trois tours autour des animaux en commencant du cöte du soleil levant et continuant suivant le cours de cet astre, les animaux devant vous et faites les memes paroles, disant: Delivrez-moi, Seigneur, s'il vous plait, Seigneur de tous les maux, et ä l'avenir ayez recours a Dieu dans toutes vos entreprises. Dieu soit loue. Von der verstümmelten lateinischen (?) Formel werden Melus. 18, 301 und 305 zwei ähnliche, gleichfalls verdorbene Lesarten mitgeteilt. 68. Oraison merveilleuse pour faire raarcher une voiture qu'un cheval ne peut pas bouger. Chostia, Sacra, vego, cavrum. En deposant le grand Putiphar des embarras tout pour l'enchantement et caractere qui ont ete. Dites-lui et celebrer sur le corps de nies vifs chevaux. Apres cela, vous reciterez le verbe: Que le Seigneur soit avec vous etc. Die Eingangsworte der Formel haben vermutlich gelautet: 'Hostia sacra veho carrum', der Rest ist rettungslos verdorben. 69. Pour faire perir les chenilles. II faut ecrire sur un morceau de papier ce qui suit et entourer Tarbre et dites: Christus regnat, Christus imperat, Christus vincit, Christus, vobis (Christus) imperat ibi acciderunt qui Operator. Gloire ä Dieu. 70. Pour la grele, Dites: Uno, apotre un abe, un apotre, coro me. Que Dieu nous garde de la grele, de l'orage du ciel, temps, deux apotres, deux sobe(?), deux apotres cou- ronnes. Que Dieu nous garde de la grele, de l'orage, du mauvais temps. Que Dieu nous garde de l'orage du ciel, tempete du ciel. Continuez jusqu'ä douze fois apotres, etc. 71. Puur arreter le feu du ciel. II faut prendre un oeuf du jour de Noel et le jeter contre le feu du ciel, en disant: Que Dieu t'arrete, commc Judas arreta Jesus-Christ au Jardin des Oliviers. 72. Pour arreter le feu d'une raaison. Qu'il arrete, qu'il arrete, qu'il arrete. J'espere en Dieu; il confondra tout pour sa gloire dans reternite qui lui appartient. In te domine speravi, non con- fundo in aeternum. Dieu de bonte, protegez-moi. Dieu de misericorde. 160 Ebermann: 73. Pour tirer un bon numero. Seigneur, qui n'avez pas voulu que votre robe fut dechiree, raais jetee au sort, faites-moi la gräce de m'acquitter aujourd'hui que je suis exempt. Seigneur, exemptez-moi, s'il vous plait. 74. Pour ses ennemis. In nomine patris . . . amen. Jn nomine domini Jesus-Christi crusifl, sigo (sie!) qui me odini perti osesimo quinipe me regati benedicit custodiat possidiat hac horate, et die in semper ut in super una voluntate sua seraper fiat. Amen. 75. Pour deposseder. (3 Seiten.) 76. Grande Oraison. (S'/o Seiten.) 77. Pour dompter les animaux. (Kurze Anweisung.) Amen. Über die Entstehung dieser Hefte ist bisher nichts bekannt. Zwar lässt sich der Titel in ähnlicher Form weiter zurückverfolgen, aber wenn Nisard (Hist. des livres pop. 2, 79) behauptet: 'C'est un tres-mince extrait d'un livre celebre: La Medecine et la Chirurgie des pauvres, par Dom Nicolas- Alexandre, Paris 1714, in — 12; souvent reimprime', so ist diese Angabe irrig. Herrn Prof. Dr. J. Bolte, der die Güte hatte, diese Angabe nachzuprüfen, verdanke ich darüber folgende freundliche Mit- teilung: 'Barbier, Dictionnaire des ouvrages anonymes, 1875 (3, 100) zitiert drei Werke ähnlichen Titels: 1. [Dom Nicolas Alexandre,] La medecine et la Chirurgie des pauvres, qui contiennent des remedes choisis, faciles ä preparer & sans depense, pour la pluspart des maladies internes & externes qui attaquent le Corps humain. Par ^*^. Paris 1714. — Ferner Paris 1740. 1753. 1758. Rouen 1818. Avignon 1820. Lyon 1822. Avignon 1823. 1835. Paris 1869. Avignon 1868. 2. Phil. Hecquet, La medecine, la Chirurgie et la pharmacie des pauvres. Paris 1740 u. ö. 3. Dube, Le medecin et Chirurgien des pauvres. Paris 1669. Diese drei Werke enthalten nur wirkliche Heilmittel, aber keine Wundsegen, Krankheitsbesprechungen und Gebete, und kommen daher als Quelle unserer Hefte nicht in Betracht'. Es ist auch von vornherein unwahrscheinlich, dass diese Heftchen Auszüge aus umfangreichen Büchern darstellen, näher liegt die Annahme, dass sie zusammengestellt sind aus Flugblättern ähnlichen Inhaltes. Solche sind schon im Anfang des 16. Jahrhunderts sicher bezeugt: 'Nicol. Le Rouge Fimprimeur a Troyes (wird am 26. Juni 1521 bestraft, weil) . , . il a imprime depuis, en grande qualite (quantite?), un papier sur lequel il y avait une croix, avec certaines oraisons ecrites en latin et en franeois et qui sont super- stitieuses'. (Rev. des trad. pop. 6, 691). Le Medecin des Pauvres. 161 Ein Vergleich des Inhaltes der verschiedenen Hefte zeigt, dass «eine bestimmte Zahl von Formeln sich durch die meisten von ihnen hindurchzieht. Es sind das besonders die Formeln 1 — 8 des Heftes I, die nur in VI und XIV ganz fehlen. Sie finden sich in der gleichen Keihenfolge wie in I auch in IV, V, VIII, IX, X, XI und besonders auch in XII, das am Ende eine Druckerlaubnis vom Jahre 1817 anführt. Die- selben Formeln sind auch, wie sich aus den Anmerkungen ergibt, am häufigsten aus dem Volksmunde aufgezeichnet worden, in ihnen werden wir mithin den ältesten geschlossenen Kern unserer Hefte erblicken dürfen. Auch die in I vorhandenen Gebete wiederholen sich in mehreren Auflagen. Trotz dieser mannigfachen Übereinstimmungen, die die Ab- hängigkeit der verschiedenen Auflagen von den früheren gewährleisten, ist es selten, dass ein Heft dem anderen so vollkommen gleicht, dass es als einfacher Abdruck desselben angesehen werden muss. In dem vor- liegenden Material ist das nur bei IX und X der Fall. Sonst haben sich die Herausgeber bemüht, durch Auslassungen, Umstellungen und besonders durch Hinzufügung neuer Formeln ihrer Auflage eine gewisse Selbständig- keit zu o;eben. Zuweilen sind auch besondere Gründe für die Änderungen massgebend gewesen. So werden im Vorwort zu Heft VII die in früheren Heften gleichen Titels enthaltenen abergläubischen Vorstellungen aus- drücklich verworfen, und die Formeln dieses Heftes nähern sich deshalb dem kirchlichen Gebet. Heft VI versucht offenbar, sich den Bedürfnissen ländlicher Benutzer anzupassen, und dass der Medecin des Pauvres auf dem Lande sich einer sehr grossen Verbreitung erfreut, wird mehrfach hervorgehoben^). Heft XIV hat gegenüber den übrigen bedeutend an Umfang gewonnen, was darauf zurückzuführen ist, dass — in sehr ver- stümmelter Gestalt — lateinische Formeln anscheinend aus einer Fassung des Enchiridion du Pape Leon III darin abgedruckt sind. Der ver- wahrloste Zustand, in dem sich die lateinischen wie auch die französischen Segen dieses Heftes befinden, lässt vermuten, dass die Vorlage, nach der es gedruckt wurde, durch handschriftliche Verbreitung unter einfachen Leuten zustande gekommen ist. Zuweilen scheint auch der Titel der Hefte geändert worden zu sein, denn Monseur (a. a. 0.) berichtet von dem Medecin des Pauvres: 'II a ete edite tres souvent dans ce siecle; nous en connaissons une cdition de Huy et deus (!) de Nivelles, dont Tuue sous le titre ordinaire, l'autre sous celui de Les heureux secrets, tresor des menages (V2 pages sans date ni nom d'imprimeur)\ Indessen ist hier noch die Möglichkeit gegeben, dass es sich um ein Heft ähnlichen Inhaltes gehandelt hat, das aber nicht in unmittelbarer Abhängigkeit von dem Medecin des Pauvres stand, denn 1 Monseur, Folkl. wallon S. 23; Hock, Croy. pop. S. 42. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 11 162 Buturas: wenn wir in diesem wohl das Hauptarsenal der französischen Segensprecher vor uns haben^ so ist die Zahl der anderweitig veröffentlichten Segen, die in unserem Material nicht enthalten sind, doch so bedeutend, dass wir annehmen müssen, dass noch andere, ähnliche volkstümliche Segens- bücher vorhanden sind. Abschliessend mag noch bemerkt werden, dass die hier gemachten Feststellungen nicht ohne weiteres auf die entsprechenden deutschen Ter- hältnisse übertragen werden dürfen. Vielmehr scheint hier, soweit ich das Material zu übersehen vermag, der wörtliche Abdruck älterer Segens- bücher im allgemeinen bis heute noch die Regel zu sein. Berlin -Haiensee. Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter'). Von Athanassios Buturas. Yorbemerkungen. Die Erforschung des Lebens, der Sprache und der Überlieferungen der Neugriechen beweist, dass sie alle geistigen, sittlichen und kulturellen Vorzüge ihrer Vorfahren, der Altgriechen, geerbt haben und sie allmählich auch in die Tat umsetzen. Trotz der grossen Last einer Überlieferung- von Jahrtausenden und nationaler Missgeschicke trifft man bei dem neu- griechischen Volke auf Schritt und Tritt denselben fröhlichen Geist in den Einrichtungen des sozialen Lebens, eine ähnliche Beweglichkeit und Kraft in der Gestaltung der sprachlichen Elemente und eine ebenso grosse Phantasie in Metaphern und Vergleichungen wie sie für die Altgriecheu charakteristisch sind^). Gerade wie der seinen Nachbarvölkern kulturell überlegene, das Schöne in der Natur verstehende und Harmonie in die 1) Diese Abhandlung ist als Supplement der vor Jahren von Prof. S. Lampros unter den Titel 'EOvixal vßQFig veröffentlichten zu betrachten, welcher gründlicher den Spott bei den Altgriechen und den Byzantinern untersucht hat. Ein grosser Teil des Materials derselben stammt aus dem Nachlasse meines in dem letzten Kriege gefallenen Freundes Dr. K. Gunaris, der in den vor Jahren mit dem Preis der Fhoocixi] 'Eraioeia zu Athen gekrönten und seitdem unediert gebliebenen Sammlungen sprachlichen und volkskundlichen Materials aus den neugriechischen Idiomen viele darauf bezügliche Be- merkungen gemacht hat. Ausserdem sind auch die unedierten volkskundliclien Samm- lungen des 'Ekhpnxo? o(povv 'sie sterben nicht (wie die Menschen), sondern sie verrecken (wie die Tiere)'. Sie werden ebenso wie Judas als verräterisch und intrigant betrachtet; dies wird durch den sprichwörtlichen Ausdruck 'der Hebräer wird ausgehen, um Nüsse zu verkaufen' ausgedrückt, was von Leuten ge- sagt wird, die kein Geheimnis behalten können. Sie werden als unge- tauft, schmutzig und schlecht riechend angesehen, wie aus dem sprich- wörtlichen Ausdruck 'schlecht riecht der Jude und auch sein guter Anzug' hervorgeht. Sie werden als die feigsten Menschen verspottet, man sagt von einem Feigling rge/uei oäv 'Eßgaloq 'er zittert wie ein Jude'. Trotzdem glaubt man, dass sie, wenn sie vereinigt sind, keine Gelegenheit unter- lassen, ihre Härte gegen die Christen zu zeigen, und besonders werden als solche die Juden aus Saloniki betrachtet, wie der spöttische Ausdruck Ealovixibg 'EßgaTog bezeugt. Ihre Unfähigkeit, etwas Mannhaftes zu denken, wird durch den sprichwörtlichen Ausdruck 'der Jude auch hat eine Salbe' verspottet. Ihr einziger Gedanke ist das Geld, und diese Nebenbedeutung hat das Wort 'EßQolog im Neugriechischen. Um Geld zu verdienen, werden sie als jeder Lüge und Schmutzigkeit fähig betrachtet, gerade wie ihr Vorfahre Judas. Besonders beim Verkaufen wird vor ihrem Geiz und ihrem Wucher gewarnt, welche Eigenschaften durch den sprichwörtlichen Ausdruck eßgauxa naCdgia 'jüdische Verhandlungen' verspottet werden. Diese Eio-enschaften bedeuten im Neugriechischen die aus ihren türkischen Benennungen re/ovvTijg und Toicpomi^g entstandenen Wörter yeyovvTid, xoi(povrt]g, Toi(povrm. Endlich werden sie als Lärmmacher verspottet, und diese Bedeutung haben die sprichwörtlichen Ausdrücke odi' 'Eßgaun y.dvsTe oder odv XaXdaXoi xdvere 'sie machen's wie Juden (oder Chaldäer)', was auch die Benennung roKpovrrjg bedeutet. Dieselbe Nebenbedeutung hat das Wort ydßqa 'Synagoge' in den sprichwörtlichen Ausdrücken fc-r5fö elvai xdßga 'hier ist es zu lärmend', wie auch der Name ihres Geistlichen Xaxdfxrjg. VI. Türken. Seine Eroberer unterschied das neugriechisclie Volk von sich hauptsächlich hinsichtlich der Religion. Deswegen umfasste es unter dem Namen Tovqxoi alle mohammedanischen Völker und hauptsäch- lich die zwei grösseren, die Araber und die Perser. Die oben erwähnten Benennungen der Araber IJagaxip'oi und 'Ayagrjvot werden deswegen auch für die Türken gebraucht. Als Hauptkennzeichen der Türken betrachteten die Griechen ihren Fanatismus gegen die christliche Religion und be- Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 169 schimpften sie deswegen mit oxvÄbd 'Hunde' oder Zy.vVMTouQy.oi 'Hunde- türken'. Auf ihre Wildheit und Härte deutet die Benennung des scharfen Essigs durch lovgxog im Neugriechischen. Als wildeste unter diesen werden die Kurden, die Zirkassier (= TosgyJCoi) und die in Kreta lebenden Türken (= TovQxoxoijxeg) angesehen. Berüchtigt wegen ihrer Grobheit aber sind die Geschlechter der KoviagT^deg und riovQovxi]deg, woraus das Wort yiovQovx7]g im Neugriechischen entstanden ist, welches 'ungeschickt' be- deutet. Besonders hat das neugriechische Volk die Härte und Willkür der türkischen Soldaten schmerzlich empfunden, und deswegen sind auch die Namen von verschiedenen Armeeabteilungen unvergesslich in dem Be- wusstsein des Volkes haften geblieben. So sind die Wörter yeviroaoog und yeriToaQiojiidg nach den Janitscharen jetzt gleichbedeutend mit 'Roh- heit', d.rCou:rcddeg nach den Azapen werden in Kreta die bösen Geister ge- nannt, vTafjg nach den Dais bedeutet einen Arroganten, vTelfjg nach den Delis einen Tollen, und ßaoißov'Qovxog, ßaoißovCovxiopidg nach den Baschi- bosuks ist gleichbedeutend mit Ruine. Die verschiedenen Fehler der Türken kennzeichnen die Griechen durch die türkischen Fremdwörter jjLovQT&ii^g, /ouvzovrrjg, dQjuovT7]g, juJiovgjLiäg u. a. Ihre Schwelgerei wird auch sprichwörtlich erwähnt. Besonders aber wird ihre Religion verabscheut und als grosser Eid gilt Tovgxog (oder 3Iovxajn£^i]g} vd ne&dvco 'wenn ich mein Versprechen nicht halte, so will ich als ein Türke (oder Mo- hammedaner) sterben'. Sie werden deswegen ebenso wie die Juden ver- spottet, dass sie 'nicht sterben, sondern verrecken', und als ämoroi 'Un- gläubige' und oxarö T//g Mexxag 'Mist von Mekka' beschimpft. Sie werden ausserdem mit dem Spottnamen yovQovvojuvT}]g 'Schweinsnasler' benannt wegen der Volksüberlieferung, dass die Absicht Mohammeds, den Moses nachzuahmen und mit List aus versteckten Schläuchen Wasser hervor- springen zu lassen, durch die Schweine vereitelt wurde, die mit ihren Rüsseln die Schläuche durchbohrten, und das Wasser während der Nacht zum Auslaufen brachten. Der türkische Geistliche aber, der yorCag, spielt in dem Bewusstsein des Volkes immer eine lächerliche Rolle. Endlich werden die Türken von jeher vom Volke stark verachtet und immer nur als provisorische Eroberer des Byzantinischen Reiches betrachtet, die aus- schliesslich deswegen dazu gekommen sind, weil 'es Gottes W^ille war, dass Konstantinopel (provisorisch) türkisch würde', wie ein Volksgedicht sagt. Das Volk hält unerschütterlich an dem Glauben fest, dass früher oder später die Türken von den Griechen wieder aus Konstantinopel, Brussa und Ikonium nach der Köxxivrj Mif/jd 'Roter Apfelbaum (= Persien)' verjagt werden, weil es ihm prophezeit wurde, dass 'nach Jahren diese Städte wieder in unsere Hände fallen werden', wie dasselbe Volksgedicht besagt. 170 Buturas: 2. 0 riechen. I. Nationalnamen der Griechen. Infolge der in verschiedenen Epochen erfolgten Veränderung der Religions- und Lebensauffassungen der griechischen Nation wurden auch ihre Nationalnamen gewechselt und haben Anlass zum Spott gegeben. Es ist bekannt, dass nach dem Verfall des Klassizismus und dem Siege des Christentums die Kirche dem Namen ^'EÄb]v die üble Bedeutung 'Heide' gegeben hat und dass die Griechen ihren Nationalnameu gegen die Bezeichnung ihrer römischen Staatsange- hörigkeit ausgewechselt haben und sich seitdem 'PcojLiaToi nannten. Während der ganzen byzantinischen Periode, als die griechische Gesellschaft ihr theokratisches Zeitalter durchlief und im Mittelpunkt ihrer sozialen Fragen die Religionsangelegenheiten standen, wurde der Nationalname *'E/M]veg der einer anderen Religionsauffassung huldigenden Vorfahren ver- mieden und verspottet, wenigstens von der Kernmasse der griechischen Nation, während einige ferngelegene Zweige eine Ausnahme machten, wie z. B. Pontus, wo der alte Nationalname immer seinen Glanz be- wahrt hat. Als sich nun nach den Freiheitskämpfen der Brennpunkt der sozialen Ideen verschob und den Griechen wieder der Glanz der alten Hellas vor- zuschweben begann, nahmen sie den alten Nationalnamen wieder an. Und da der bisherige Nationalname 'PcojuaToi — "Pcojliioi einerseits der fremden römischen Herrschaft seinen Ursprung verdankte und anderseits an die lange Türkenherrschaft und die nationalen Leiden der Griechen erinnerte, nahm er allmählich eine üble Nebenbedeutung an und bezeichnet jetzt spottweise jede schlechte Gewohnheit und jede Unordnung in dem neu- errichteten griechischen Staat und der neubelebten griechischen Gesell- schaft. Ebenso hat auch der Name der byzantinischen Griechen BvCavTiroi, deren Kultur von den jüngeren Gelehrten zu Unrecht nach den jetzigen Kulturzuständen beurteilt und folglich als rückständig betrachtet wurde, eine üble Nebenbedeutung angenommen und drückt Rückständigkeit, eitle Zeremonien und komplizierte bureaukratische Organisation im Staats- wesen aus. IL Öffentliches und privates Leben. Auch die Lebensweise der Neugriechen gab Anlass zu allgemeinem oder gegenseitigem Spott. Da wegen der langen Sklaverei unter den Türken und der langen Dauer des Befreiungskrieges die finanzielle Lage ebenso des Staates wie auch der einzelnen lange Zeit nicht eben günstig und blühend sein konnte, gab sie Veranlassung zu allgemeiner Verspottung der Armut des Staates durch Wo)Qoxd)OTaiva 'krätzige Frau Konstantins' wie auch des Adels, welcher, wie seine Titel, in Griechenland nicht anerkannt ist, durch xi)cooox6in)ig 'krätziger Graf, XijuoxovrÖQog 'hungriger Graf und /Modoy.6(fT}]g Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 171 'der von grossem Hunger gepeinigte Lord"^). Mit der Armut ist gewöhn- lich auch die Unreinlichkeit verbunden, weswegen die Griechen sich selbst mit dem Spottnamen ipeiQooy.oTOJvi]? 'Läusemörder' verspotten. Nur in Maue werden die Bewohner in zwei Klassen geteilt, in Adelige, die Nix/Jüvoi, und ünadelige, die (Pafxeym heissen. Bevor sich ein erheblicher Teil des Landes der Schiffahrt, dem Handel und der Industrie zuwandte, was ebenso für den Staat wie für die einzelnen eine Quelle finanzieller Hebung und Veränderung der sozialen Verhältnisse war, beschäftigten sich die Bewohner Griechenlands hauptsächlich mit Landwirtschaft und Vieh- zucht, und die Bergbewohner unterschieden sich scharf von den auf dem flachen Lande Wohnenden. Die Bergbewohner, stolz auf ihre Selbst- benennuug ßovv})om, welche die Nebenbedeutung der 'Stärke, Gesundheit und Willenskraft' hat, betrachteten die anderen als schwächlich und un- gesund, und diese Nebenbedeutung hat das Wort xa/umpiog im Neu- griechischen, wie auch das Wort roojisAog = xojzeÄog in Messenien, womit von den Bauern spöttisch die in der Stadt Lebenden bezeichnet werden. So halten die Bewohner der Berge Pindos und Olymp die Thessalier für geistig niedriger stehend als sie selbst. Die Bewohner der Berge von Olympia verspotten die Bewohner der Triphyllia als schw^erfällig und faul unter dem Spottnamen fj,7iaxavidg}]deg. Die Bewohner von Levadia werden von den Bergbewohnern jLmaxohßadheg, die Bewohner von Naxos von den Bewohnern der Insel Tenos ^ujiaxova^icüzeg genannt. Ausserdem verspotten die Bergleute die anderen als nicht so reine Griechen wie sie selbst, weil sie sich angeblich mit den Türken, mit welchen sie verkehrten, ver- mischten, weswegen sie auch als tovqxöojioqoi 'Türkenprodukte' verspottet werden. Anderseits verspotten die Bewohner der Städte und der Ebene die Bergleute als arm, ungehobelt und grob und nennen sie spöttisch ß)Ayoi. Die Bewohner von Triphyllia nennen ihrerseits die Berg- bewohner von Olympia oxaojueveg (pregveg 'zersprungene Ferse' wegen ihrer harten Lebensart. Die Armut der Bergleute von Arkadien wird ver- spottet durch den sprichw^örtlichen Ausdruck TreJra Aohav'nixi]. Kaojgkixi] ij'f-Tga 'Hunger von Doliana und Laus von Kastri (sind berühmt)', ebenso wie die Altgriechen ÄijuodojQisig spöttisch gebrauchten. Die Bewohner des Dorfes Kalamion in Attika, die sich von Feigenbrot nähren, werden mit dem Spottnamen ofvjxouatö' gehöhnt. Endlich hat auch die verschieden- artige Traclit manchmal Anlass zu gegenseitigem Spott gegeben. So wird die ßgdxa der Inselbewohner verspottet und werden diese von den Be- wohnern des Festlandes spöttisch ßQnxocpoooi genannt, wie diese umgekehrt die (fovciavüla der anderen verspotten und sie 'AgßariTeg 'Albanesen' nennen. Die Peloponnesier verspotten die Rumelioten durch .laboxanoxeg V Dieses Wort hat als erstes Kompositionso:lied den Namen ?.öo8o^ 'Lord' mit An- spielung auf Xooda 'grosser Hunger, auf welches das zweite Kompositionsglied sich bezieht. 172 Buturas: wegen der >ian6xa 'bäuerlicher Mantel' und letztere wieder die ersteren durch xaroov/iia wegen der spitzigen Kapuze, die sie an ihrem Mantel haben. III. Eigenschaften. Die Einfälle verschiedener barbarischer Völker und dann die lange Knechtschaft unter den Türken hatten als Ergebnis die Vernachlässigung der Wissenschaften und des Unterrichts und infolge- dessen die ehemals in grossem Umfange anzutreffende Verbreitung von Unwissenheit bei dem Volke. Selbst die Geistlichen, die immer mehr oder weniger gebildet waren und für die Bildung des Volkes sorgten, wurden oft als ungebildet verspottet. So verspottet ein Sprichwort die Geistlichen, die nicht lesen konnten, durch äßißXog jiajiäg jiieydlog rpevTrjg 'Ein Pfarrer, der keine Bücher kennt, ist ein grosser Lügner'. Viele Ver- höhnungen gibt es für Geistliche, welche das Evangelium missverstanden oder das für jedes Fest geeignete Stück nicht finden konnten oder den Tag, wann diese gefeiert werden sollten, nicht wussten. Die Mediziner wurden verspottet mit der Benennung y.oiinoyiavvm]?, was den Unwissenden und zugleich den Betrüger bedeutet. Als Folge der Unwissenheit ward die Dummheit verspottet, die in unbestimmter Weise verschiedenen Pro- vinzialen zugeschrieben wurde, welche einst angeblich den Mond aus dem Ziehbrunnen durch einen Haken zu ziehen versuchten oder Salz säten oder eine Sardine in einen Käfig setzten, damit sie singe. Besonders sind die Chioten Ziel derartigen Spottes, wie auch das Sprichwort 'Alle Chioten sind Narren, der eine weniger und der andere mehr' be- zeugt. Eine weitere Folge der Vernachlässigung der allgemeinen Bildung waren verschiedene schlechte Eigenschaften, die jetzt manchen Landsleuten spottweise zugeschrieben werden. So werden die Bewohner des Peloponnes als Lügner und charakterschwach verspottet, welche Nebenbedeutung auch ihr Name McoQaijrjg 'Peloponnesier' hat. Die Bewohner von Naxos werden als Diebe verspottet und Kkeqpta^iöjreg 'diebische Naxioten' genannt. Fast in jeder Provinz gibt es ein oder mehrere Dörfer, deren Bewohner wegen verschiedener schlechter Eigenschaften verspottet werden. Die Athener und die Bewohner von "Agra werden als schlimm gebrandmarkt durch den sprichwörtlichen Ausdruck 'Gott behüte dich vor einem Juden aus Saloniki, einem Türken aus Euböa und einem Griechen aus Athen (oder Arta)'. Die Bewohner von Kravara werden als Bettler verspottet, und das Wort KQaßßagiTt]g hat diese Nebenbedeutung in der Sprache bekommen. Be- sonders werden in dieser Beziehung die Kreter, die Manioten und die Bewohner von Kephallonia verspottet, indem die Volksüberlieferung zu erzählen weiss, dass 'der Teufel drei Kinder hatte, deren eines sich in Mane, das andere in Kreta und das dritte in Kephallonia nieder- liess'. IV. Sprache. Besonders aber stammen die gegenseitigen Ver- spottungen der Neugriechen aus der mundartlichen Einteilung der neu- Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. 173 griechischen Sprache. Diese Einteilung hat sich ganz natürlich vollzogen, und diejenigen irren sich stark, welche sie als eine Folge der nationalen Verhängnisse und die Mundarten als durch fremden Einfluss verdorben be- trachten. Die nationalen Missgeschicke und besonders die Knechtschaft unter den Türken haben bloss dazu beigetragen, die schnellere Yervoll- ständigung, Bereicherung und Verbreitung der Gemeinsprache (Koivf']) zu hemmen. Diese Tatsache ist auch die Hauptursache der jetzigen Doppel- sprachigkeit in Griechenland, weil die Gelehrten des 17., 18. und 19. Jahr- hunderts deswegen eine Schriftsprache aus der gelehrten Überlieferung einführten und die gesprochene Gemeinsprache vernachlässigten. Diese existierte immer beim Volke, und es ist ein Irrtum, die Spielereien in der Baßvhovia des K. BvCdvriog ernst zu nehmen. Sie will nicht zum Ausdruck bringen, dass es nach dem Befreiungskrieg in Griechenland keine Gemeinsprache gab, sondern verspottet nur in grösserem Umfange die Idiomatismen, wie dies jetzt noch manchmal hie und da verschiedene Komiker in Griechenland tun. Diese Abweichungen von der üblichen Norm verspottet das Volk ebenfalls, entweder allgemein oder speziell. Das Volk, das seine Schriftsprache leicht zu verstehen wünscht, duldet keine übertriebene Archaisierung derselben noch die Anwendung einer solchen im gewöhnlichen Gespräch und verspottet beides als "EkXiiviKovQEs 'tiefes und unverständliches Altgriechisch'. Da es seine Schriftsprache zu achten gelernt und in dieser seine ganze Bildung gewonnen hat, kann es nicht verstehen, was die Anhänger der Volkssprache wollen und verspottet sie mit der Benennung uaXhaQol 'die Haarigen'. Diejenigen, die in einem grossen Zentrum ihre Ortsmundart sprechen und sich den Regeln der gemeiugriechischen Sprache nicht anpassen, werden als jiuooyhooooi 'Halb- spracliige" verspottet. Diejenigen, welche unverständlich oder gebrochen sprechen, werden verspottet als ZxaQnad^ubxixa 'die Sprache der Insel Karpathos (die sehr idiomatisch ist)' oder als "Eßgaiixa 'Hebräisch' oder Kd'tCiy.a 'Chinesisch' oder 'AQßavlvrixa 'Albanisch' oder 'AkajujtovQveCixa 'ganz verwirrt' sprechend. Diejenigen, welche grob und unfein sprechen, werden mit ßldxog (s. oben) verspottet, diejenigen endlich, welche eine schreiende Sprechweise haben, mit 'EßgaTog oder XaXdaiog (vgl. oben). Viel ausgedehnter sind die speziellen Verulkungen verschiedener Orte. So wurden die Athener von verschiedenen Gelehrten und Reisenden wegen ihrer stark idiomatischen Sprechweise getadelt. Das Idiom von Kastellorizo wird von den Nachbarn, den Bewohnern von Division als juio)] judä 'halbe Sprache' verspottet im Gegensatz zu dem ihrigen, das fiJiovTouv fjida 'ganze Sprache' ist. Fast in jeder Provinz werden ein oder mehrere Dörfer Ziel des Spottes wegen ihrer ungewöhnlichen Sprechweise. Allgemein wird verspottet die Sprechweise der Lesbier, Kyprioten, Kreter, Tzakoner, Pontier und Kappadokier. Die nördlichen Griechen, welche die unbetonten Vokale u und i ausfallen lassen, werden j^'j'4 Buturas: Neugriechische Spottnamen und Schimpfwörter. als unverständlich sprechend verlacht durch den Ausdruck txXm nlb = 7iovl(b rn^lo 'ich verkaufe Lehm', wo beide Wörter nach dem Ausfall der Vokale gleich lauten; ebenso die Bewohner von Tenos, deren Mund- art im Gegensatz zu denen der naheliegenden Inseln des Ägäischen Meeres den nördlichen Sprachgesetzen folgt, von ihren Nachbarn durch nanäq doi 1} ji?Mo 'bist du ein Geistlicher oder ein Füllen', was als von einem Tenier gesprochen gemeint ist. Wegen der häufigen Anwendung des Suffixes -ük für Hypokoristika in Lesbos werden die Lesbier spöttisch juojQÜXm xal jiaiöelha genannt. Die Zakynthier werden verspottet wegen des Suffixes -ta, das sie ohne Synizesis ausspreclien, ebenso die Mainoten, die deswegen scherzhaft naiöia xal jroidia genannt werden. Ebenso wurden die Athener, die das Suffix -ea einst ohne Synizesis aussprachen, ver- spottet durch ägm xal nlajea. Die Anwendung des alten Suffixes -ovoi und -aoi statt des modernen -ovv und -av wird verspottet besonders bei den Mainoten durch av ig^ovoi xal (pegovoiv änb xeivo jtov xQcbyovoiv oi Xiovgoi xal jTfjöovoi /<>/ ocooovoi xal egd^ovoi' jiid av qpeQovm änb xeTvo jtov jQiooiv Ol d&QCOTioi xal Cotoi raXcog vä Iq&ovoi. Die Epiroteu und West- makedonier werden verspottet wegen des Suffixes der ersten und zweiten Person Pluralis -a/Auv, -axav statt des gemeinen -a/iie, -are. Diejenigen, welche tö statt x aussprechen, werden spöttisch roeroegijöeg und roojieXoi genannt. Ebenso wird die häufige Anwendung mancher Wörter oder Aus- drücke in verschiedenen Orten Griechenlands verspottet, so wegen der häufigen Anwendung von öge (ovge) 'du, höre' in Rumelien und Epiros diese Provinzen als rÖTiog xov öge 'Ort des ore'. Solche häufigen An- wendungen, über die man sich lustig macht, sind für Korfu ym^^^^ 'nun', für Zakynthos /tdT?a iJ.ov 'meine Augen', für Attika xovfijcdge 'mein Pate', für Olympia xaU 'mein Guter', für Chios ö/owobg '0 weh' und evro 'dies ist', für die ägäischen Inseln und besonders für Kreta elvta 'was", für Pontes 'xl 'nein'. Die ausserordentlich häufige Anwendung des Eigen- namen Nioviog in Zakynthos hat dazu beigetragen, dass spöttisch jeder Zakynthier Nm'iog genannt wird. Das häufige Vorkommen der Eigen- namen navrelrig in Chios, Nixifpag in Syme und Mavolrjg in Kreta wird verspottet durch das Sprichwort ötiov Zvjumxbg Nix)']rag xf onov XmTijg IlavreArjg xf ojiov KgrjTixbg Mava'ürjg 'wenn du jemanden aus Syme triffst, der wird Nixijrag heissen, wie der aus Chios üavreXfjg und der aus Kreta Mavökr]g\ Hierher gehören auch manche Verspottungen, die durch eine Art von Volksetymologie zu anderen gleichlautenden Wörtern entstanden sind, wie auch die Altgriechen den Namen 'O^oXag aus öCm 'riechen' und den Namen Ahw?^oi aus ahco 'verlangen' herleiteten. So sind spöttisch Äegog mit ?Jga 'Schmutz', Nd^og mit ävd^iog 'unfähig', AißgaTog mit big 'EßgaXog 'zweimal Jude', Xaoicorrjg mit iaoo}.dgY]g 'Faulenzer', Zy\xovvi mit Hellwig: Misshandlung eines Gespenstes. 175 C)]T0J 'verlange', IJägog mit TiaiQvw 'nehme', Tijvog mit divco 'gebe' in Zu- sammenhang gebracht worden, weshalb auch folgender Spottvers auf die Geizhälze entstanden ist: Jh> eljuai äjtb vip' Tfjvo, ynl vä divco, eJjLiai anb rijv nÖLQo, ym vä ^rdgcü 'ich bin nicht aus Tenos, damit ich (etwas) gebe^ ich bin aus Faros, damit ich (immer) nehme'. Athen. Misshandlung eines Gespenstes. Von Albert Hellwig. Der Gespensterglaube gehört zu denjenigen Formen des kriminellen Aberglaubens, mit welchen sich der Kriminalist verhältnismässig selten zu befassen hat, wenn man von den Frozesseu gegen betrügerische Medien absieht, da es sich hierbei um eine moderne Form des Aberglaubens handelt, die zwar mit dem alten Volksglauben an Gespenster gewisse Be- rührungspunkte hat, sich aber immerhin wesentlich von ihr unterscheidet. Ahnlich wie der Hexenglaube kann auch der Gespensterglaube in verschiedener Form vor das Forum des Kriminalisten kommen. Einmal ist es nämlich möglich und kommt auch vor, dass der Gespensterglaube von Betrügern, Dieben, selbst Falschmünzern usw. benutzt wird, um ihrem unsauberen Handwerk ungefährdet nachgehen zu können; und auf der andern Seite begehen die Gespenstergläubigen selbst infolge ihres Aber- glaubens Handlungen, die sie mit dem Strafgesetz in Konflikt bringen. Ein derartiger Fall, in welchem sich drei Gespenstergläubige wegen ge- fährlicher Körperverletzung zu verantworten hatten, beschäftigte das Schöffengericht zu Wasungen am 13. Februar 1907. Der Angeklagte Wilhelm Bach wurde durch das Schöffengericht freigesprochen, die beiden andern Angeklagten dagegen verurteilt, und zwar Adolf Bach wegen gefährlicher Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis und Schellenberger wegen Beihilfe dazu zu einer Woche Gefängnis; beide auch zur Zahlung einer Busse von 445,25 Mark an den Verletzten. Gegen dieses Urteil legten die beiden Verurteilten Berufung ein und beantragten ihre Freisprechung. Durch Urteil vom 11. Juli 1907 sprach die 1. Strafkammer des Landgerichts Meiningen — Nr. 1 46/07 (37/07) — Schellenberger frei, verwarf aber die Berufung des Adolf Bach. Über diesen sehr interessanten Fall habe ich vor Jahren schon auf Grund von Zeitungsberichten über die Hauptverhandlung berichtet^). Ich 1) A. Hellwig, Ist Misshandlung eines Gespenstes strafbar? Archiv f. Krirainal- anthropologie und Kriminalistik ol, lOöff. 176 Hellwig: knüpfte daran einige Bemerkungen über die juristisclie Seite der Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Abergläubischer, der ein Ge- spenst, an das er glaubt, misshandelt, wegen vorsätzlicher Körperverletzung bestraft werden kann. Die gleiche Frage hat im Anschluss an diesen Fall auch Professor Reichel^) erörtert. Leider ist es mir nicht möglich gewesen, die Akten zur Einsicht zu erhalten, dagegen war der Herr Oberstaatsanwalt so liebenswürdig, mir eine Abschrift des Urteils der Strafkammer zugehen zu lassen^). Ich muss mich deshalb darauf beschränken, an Stelle einer aktenmässigen Dar- stellung in folgendem nur den Auszug aus dem Urteil der Strafkammer zu veröffentlichen; ich hoffe, dass dies aber auch genügen wird, um die volkskundlich besonders interessanten Begleitumstände zu erkennen, und um es uns zu ermöglichen, die juristische Frage, die sich an diesen, meines Wissens bisher einzigartigen Fall anknüpft, auf sicherer Grund- lage zu erörtern. „Auf Grund des eidlichen glaubwürdigen Zeugnisses des Landwirts Bern- hard Günkel in Wasungen, der glaubhaften Angaben und des Gutachtens des praktischen Arztes Meyer daselbst und des Augenscheins an der vom Zeugen Günkel vorgelegten Laterne und an der von demselben vorgelegten Mütze in Ver- bindung mit einigen Angaben des als Zeugen vernommenen Wilhelm Bock und der beiden anderen Angeklagten ist folgender Sachverhalt für erwiesen zu er- achten. Am Abend des 31. Dezember 1906 waren die drei Angeklagten, der Ziegelei- arbeiter König von Wasungen und mehrere Familienangehörige der Angeklagten Bach in der Wohnung des Vaters der letzteren beisammen. Während der Unter- haltung kam das Gespräch auf Gespenster- und Geistergeschichten, wobei die An- geklagten bemerkten, dass sie nicht an Gespenster und Geister glaubten. Dies veranlasste den König, eine eigene Wahrnehmung mitzuteilen; er erzählte, auch im Wasunger Friedhof spuke ein Geist, jedesmal in der Neujahrsnacht um Mitter- nacht erscheine dort in der Nähe ein Licht und gehe um; das habe schon der frühere Turmwächter vor Jahren gesehen, und er habe es in den letzten Neujahrs- nächten selbst wahrgenommen. Dies bestritten die Angeklagten, insbesondere Adolf Bach, so dass König schliesslich zur Bekräftigung seiner Mitteilung erklärte, er wolle ihm — Adolf Bach — 20 Liter Bier bezahlen, wenn das, was er gesagt habe, nicht wahr wäre. Darauf beschlossen die drei Angeklagten und noch ein Bruder und zwei Schwestern der Bachs, vor Mitternacht auf den Friedhof zugehen, um zu sehen, ob sich dort in der Nähe wirklich ein Licht zeigen würde. Kurz vor 12 Uhr, bei klarem Mondscheine, dessen Helligkeit durch die Schneedecke der Landschaft noch gesteigert wurde, begaben sich denn auch die genannten sechs Personen, und zwar Adolf Bach mit einem Taschenrevolver, Wilhelm Bach mit einem Stocke und der dritte Bach mit einem schweren scharfen Säbel versehen, nach dem P'riedhof. Als sie am Zaun angekommen, bemerkten sie auf dem hinter dem Friedhof gelegenen Gebäude Licht. Die beiden Schwestern der Bachs gingen infolgedessen wieder auf die Landstrasse, die in der Nähe des Friedhofes vor- 1) Arch. f. Kriminalanthropologie u. Kriminalstatistik 29, 344: f. — 2) Inzwischen sind mir die Akten doch noch zugänglich gewesen; über ihren weiteren Inhalt werde ich im Arch. f. Kriminalanthropologie berichten. Misshandlung eines Gespenstes. 177 überführt, zurück, die drei Gebrüder Bach und Schellenberger dagegen über- schritten den Friedhof, stiegen über die Mauer ins Feld und gingen nach dem Lichte zu. Als sie noch ein Stück davon entfernt waren, riefen sie: y|Hoh! Hohl'" und Adolf Bach gab aus dem Taschenrevolver zwei Schüsse in die Luft ab. Da sich daraufhin niemand vernehmen Hess, gingen sie weiter auf das Licht zu. Dieses befand sich in dem von einer Hecke umschlossenen Garten des Zeugen Günkel und kam von einer mit einem farblosen, die Flamme nach allen Seiten durchleuchten lassenden, bauchigen Glaszylinder versehenen sogenannten Sturm- laterne her. Diese trug Günkel in der an der Körperseite herabhängenden linken Hand. Günkel war nämlich infolge eines alten Aberglaubens, dass Rreuzdorn- zweige, schweigend in der Neujahrsnacht um 12 Uhr herum gebrochen und nach Hause gebracht, gut gegen Krankheiten von Menschen und Vieh seien, in herge- brachter Weise in seinen Garten gegangen und hatte, als es 12 Uhr geschlagen hatte, Kreuzdornzweige gebrochen, um sie nach Hause zu bringen; die Laterne hatte er trotz des hellen Mondscheines mitgenommen, um beim Brechen der Zweige in die Kreuzdornhecken zu leuchten, damit er sich nicht an den Dornen verletze. Bekleidet war er mit einem dunklen Anzüge und einer Arbeitsschürze, und auf dem Kopfe trug er eine dunkelgrüne Mütze, vermummt war er nicht. Da infolge des Läutens der Glocken in den umliegenden Ortschaften und der Neu- jahrsrufe, die er aus der Stadt hörte, eine feierliche Stimmung über ihn ge- kommen war, verweilte er, nachdem er die Zweige gebrochen hatte, noch einige Zeit in seinem Garten. Plötzlich hörte er zweimal Schiessen und Leutestimmen, insbesondere „höh höh" rufen, und bemerkte aus der Richtung, aus der die Stimmen herkamen, mehrere Personen über das vor seinem Garten gelegene Feld kommen. Er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern hörte weiter auf das Läuten der Glocken. Plötzlich sah er ganz nahe vor sich einige männliche Per- sonen auftauchen und erhielt unmittelbar darauf, ohne dass jemand etwas zu ihm gesagt hatte oder er etwas hat sagen können, zwei bis drei starke Hiebe über den Kopf. Infolgedessen stürzte er zusammen. Daliegend rief er: „Was schlagt ihr mich denn!" und hielt zum Schutze gegen weitere Hiebe seinen linken Arm mit der Laterne empor. In dieser Lage erhielt er weiter noch mehrere Hiebe auf den linken Arm, die linke Hand und auf den Kopf. Dann wurde von ihm abgelassen. Aber als er nun den davonlaufenden Personen nachrief : „Ich kenne euch!" drehte sich einer von ihnen um, kam einige Schritte zurück und sagte: „Wenn du nicht ruhig bist, so steche ich dich tot!^ — Die Personen, die an Günkel herange- kommen waren, waren die drei Angeklagten, die durch eine Lücke in der Hecke neben dem Tor in den Garten eingedrungen waren. Der dritte der Gebrüder Bach war nicht mit in den Garten gegangen, vielmehr vor der Hecke stehen- geblieben. Von ihm hatte sich vorher Schellenberger den Säbel, den er mitge- nommen hatte, geben lassen. Kaum waren die Angeklagten in den Garten ge- kommen, als der Angeklagte Adolf Bach, der einige Schritte voraus war, zu Schellenberger zurückging und ihm mit den Worten: „Gib doch mal das Ding her, ich will mal sehen, ob's ein Mensch oder ein Geist ist", den Säbel aus der Hand nahm. Mit diesem ging nun Adolf Bach auf den Träger des Lichtes los und schlug auf ihn ein, Hess auch auf den von ihm gehörten Ruf des, wie er sah, hach den ersten Schlägen hingestürzten Laternenträgers: „Was schlagt ihr mich denn?" sich nicht abbringen, noch weiter auf ihn loszuschlagen. Er war es auch, der nach dem Rufe Günkels: „Ich kenne euch!" sich umwandte und die obengenannte Drohung ausstiess. — Durch die Schläge mit dem Säbel wurden Zeitschr. d. Vereins f. Volkskiinrlc. 19U. Heft 2. 12 178 Hellwig: nach Durchtrennung der Mütze und des linken Rockärmels an verschiedenen Stellen dem Günkel folgende Verletzun^-en beigebracht: a) Durch drei Schläge wurde auf dem Hinterkopf an drei Stellen die Kopf- haut oberflächlich durchtrennt. b) Durch einen über die rechte Gesichtsseite geführten Hieb wurden Haut und Muskeln vom Schläfenbein zur Mitte der Backe bis auf den Knochen durch- schlagen. c) Durch drei über den hinteren Vorderarm geführte Schläge wurden die Muskeln auf der Streckseite gleichfalls bis auf den Knochen durchtrennt, durch einen von ihnen wurde das Ellenbogengelenk freigelegt und durch einen andern die Ellenschlagader durchschnitten. d) Durch einen Hieb über die linke Hand wurde das mittlere Gelenk des kleinen B''ingers durchtrennt bis auf die Kapsel. e) Durch einige flache Schläge wurden auf dem linken Oberarm einige un- blutige, aber blutunterlaufene Muskelschwellungen verursacht. Sämtliche Wunden sind wieder gut geheilt und vernarbt, nur der verletzte kleine Finger bleibt dauernd steif, so dass er zum Arbeiten nicht mehr ordentlich verwendet, insbesondere nicht zum umfassen von Gegenständen gebraucht werden kann. — Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Angeklagte Adolf Bach, als er auf Günkel in der geschilderten Weise losschlug, gewusst hat, dass er in dem Träger des Lichts einen Menschen vor sich hatte. Denn es war sehr hell, wie der Angeklagte selbst in der Hauptversammlung erklärt hat, „beinahe so hell wie jetzt," also fast tageshell, so dass er in dem Laternenträger, der gewöhnliche dunkle Kleidung trug, sich also von dem schneebedeckten Boden scharf abhob, einen Menschen hatte erkennen müssen. Diese Wahrnehmung hat er um so mehr machen müssen, als er sah, dass infolge der ersten zwei bis drei Schläge der Laternenträger zu Boden fiel, und erhörte, dass dieser rief: „Was schlagt ihr mich denn!" Auch aus der von ihm ausgestossenen Drohung: „Wenn du nicht ruhig bist, erschlage ich dich!" geht klar hervor, dass er gewusst hatte, einen Menschen zu schlagen. Die Angaben des Angeklagten Adolf Bach, er habe, weil die Laterne, die seiner Meinung nach eine Blendlaterne gewesen sei, ihm von deren Träger in Gesichtshöhe entgegengehalten und er dadurch geblendet worden sei, nicht er- kennen können, wer die Laterne gehalten habe, ob ein Mensch oder ein Geist, und er habe das letztere angenommen, da auf seinen Anruf: „Bist du ein Mensch oder ein Geist? Bist du ein Mensch, so antworte," keine Antwort erfolgt sei; diese Angaben erscheinen daher ganz unglaubwürdig. Hiernach ist festzustellen, dass der Angeklagte Adolf Bach zu Wasungen am 1. Januar 1907 den Landwirt Günkel daselbst vorsätzlich mittels einer Waffe körper- Jich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt hat. Nicht dagegen ist festzustellen, dass der Angeklagte Schellenberger dem Adolf Bach zur Begehung der Körperverletzung durch die Tat wissentlich Hilfe geleistet hätte, indem er diesem zum Zwecke der Misshandlung den Säbel gegeben hätte, wie ihm durch Anklage und Eröffnungsbeschluss zur Last gelegt ist und wie das Schöffengericht für erwiesen erachtet hat. Denn nach den übereinstimmenden Angaben der Angeklagten Adolf Bach und Schellenberger und nach den von ihnen dem Gericht vorgeführten Bewegungen, die ersterer gemacht hat, um den Säbel in seinen Besitz zu bekommen, hat Schellenberger dem Bach den Säbel nicht gegeben, sondern dieser hat nach der Hand des ersteren gegriffen, den Säbelgriff erfasst und mit der oben angeführten Misshandlunsf eines Gespenstes. 179 Bemerkung den Säbel mit einem Ruck weggenommen, ohne dass Schellenberger eine hinreichende Bewegung gemacht hat. Es ist daher der Angeklagte Schellenberger freizusprechen, und mithin das angefochtene Urteil, soweit es ihn betrifft, aufzuheben. Dagegen ist der Ange- klagte Adolf Bach auf Grund des § 223 a StGB, zu verurteilen, wie dies das Schöffengericht getan hat. Die von diesem ausgesprochene Strafe erscheint mit Rücksicht auf die Roheit der Tat, die erheblichen, beinahe lebensgefährlichen Verletzungen und auch die Vorstrafen des Angeklagten wegen gleicher Vergehen keineswegs zu hoch, vielmehr gering. Da der Verletzte in gesetzlicher Weise die Zuerkennung einer Busse beantragt hat, hat ihm das Schöffengericht eine solche auf Grund des § 231 StGB, mit Recht zugesprochen. Gegen den zugesprochenen Betrag von 444 Mark 25 Pfennig hat der Angeklagte für den Fall seiner Ver- urteilung zur Strafe keine Einwendung erhoben, und besteht gegen ihn auch aus den im angefochtenen Urteil angeführten Gründen, die das Berufungsgericht auf Grund derselben Feststellungen zu den seinen macht, kein Bedenken. Die Be- rufung des Adolf Bach ist daher zu verwerfen." Mit einigen Bemerkungen sei es gestattet, auf die volkskundliche und juristische Seite dieses Prozesses noch ein wenig näher einzu- gehen : Was zunächst das volkskundlich Interessante anbetrifft, so können wir vor allem darauf hinweisen, dass der Prozess ein neuer Beleg dafür ist, dass der Gespensterglaube, auch wenn man von seiner modernen Form, dem Spiritismus, absieht, im Volke noch lebendig ist. Wenn die drei Angeklagten auch erklärt hatten, sie glaubten nicht an Gespenster und Geister, und wenn auch das Gericht offenbar davon ausgegangen ist, dass sie den Misshandelten für ein Gespenst nicht ge- halten haben, so steht doch jedenfalls fest, dass König des festen Glaubens war, es gebe Gespenster und Geister. Es will mir sogar scheinen, als seien auch die Angeklagten vom Gespensterglauben keineswegs frei ge- wesen. Es wäre sonst kaum verständlich gewesen, weshalb sie sich sämt- lich bewaffnet hätten, als sie um mitternächtliche Stunde zusammen den Friedhof aufsuchten. Man könnte allerdings gerade die Mitnahme von Waffen dafür anführen, dass die Angeklagten an Gespenster nicht ge- glaubt hätten; doch würde dies fehlgehen, da auch sonst uns aus dem Volksglauben bekannt ist, dass man Gespenster, trotzdem sie keine Menschen von Fleisch und Blut sind, doch auf recht irdische Weise durch Waffengewalt vertreiben kann. Für die Annahme, dass die. Angeklagten den Günkel für ein Gespenst gehalten haben, spricht auch, dass sie ihn vorher angerufen haben und angeblich gerade aus seinem Schweigen den Schluss gezogen haben, dass es ein Gespenst sei. Man glaubt in der Tat, dass Geister auf derartige Anrufe sich schweigend verhalten. Dass Günkel von einem derartigen Anruf nichts gehört haben will und sicher- lich auch nichts gehört hat, kann die Angabe der Angeklagten m. E. nicht entkräften, da Günkel einmal seine Aufmerksamkeit auf ganz etwas 12* 180 Hellwig: anderes lenkte, die Äusserung der Augeklagten also auch aus diesem Grunde leicht überhört haben kann, und da ausserdem ja gerade die Glocken läuteten. Wenn Günkel auch nach den Feststellungen des Urteils in seiner Kleidung nicht dem entsprach, wie man sich ein Gespenst vorzustellen pflegt, so ist damit doch nicht ausgeschlossen, dass er von den Angeklagten für ein Gespenst gehalten worden ist. Denn es kommt nach dem Volks- glauben auch vor, dass der Teufel, Dämon oder Gespenster Menschen- gestalt annehmen. Endlich spricht gegen die Angeklagten nicht unbedingt die Äusserung, die sie auf die Bemerkung Günkels hin taten, er kenne sie und werde sie anzeigen; denn diese Äusserung ist erst erfolgt, nach- dem die Misshandlungen schon beendet waren. Wenn es nun auch mög- lich, ja sogar wahrscheinlich ist, dass sie nach erfolgter Misshandlung des Günkel diesen erkannten, so ist damit natürlich noch nicht dargetan, dass sie auch schon im Momente der Misshandlung sich bewusst waren, einen Menschen vor sich zu haben, nicht ein Gespenst. Aus diesen Gründen scheint es mir — soweit man auf Grund des mir ja allein zur Verfügung stehenden Urteils sich über diese Frage ein Urteil überhaupt bilden kann — keineswegs als ausgeschlossen, dass Günkel von den Angeklagten im Momente der Körperverletzung für ein Gespenst gehalten wurde. Interessant ist andererseits vom volkskundlichen Standpunkt aus, dass Günkel nach altem Volksglauben alljährlich in der Neujahrsnacht still- schweigend sich Kreuzdornzweige holte, in dem Glauben, dass diese bei allerlei Krankheiten dienlich seien. Was nun die juristische Betrachtung anbelangt, so ist es für sie von ganz wesentlicher Bedeutung, ob wir mit dem Urteil davon aus- gehen, dass die Angeklagten zur Zeit der Körperverletzung gewusst haben, dass sie auf einen Menschen losschlugen oder ob man es für wahrscheinlich oder doch für nicht widerlegt erachtet, dass sie den Günkel zur Zeit der Misshandlung für ein Gespenst gehalten haben. Geht man von der ersten Voraussetzung aus, so liegt die Sache einfach, da dann daran nicht zu zweifeln ist, dass es sich um eine vor- sätzliche Körperverletzung handelt. Dies ist auch der Standpunkt des Urteils. Schwieriger ist die Frage, wenn man davon ausgeht, dass die Ange- klagten des Glaubens waren, ein Gespenst zu misshandeln. Wie ich schon früher ausgeführt habe, kann in derartigen Fällen m. E. von einer vorsätzlichen Körperverletzung gar keine Rede sein, da diese nur dann vorliegen kann, wenn sich der Täter bewusst ist, dass er einen Menschen misshandelt. Glaubt man aber an Gespenster, so ist man der Über- zeugung, dass dies Menschen jedenfalls nicht seien. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, dass Handlungen, welche der Abergläubische als Angriti' Misshan dlung eines Gespenstes. 181 auf Gespenster auffasst, als Körperverletzungen in seinem Vorsatz nicht aufgenommen werden. Es handelt sich in solchen Fällen zwar objektiv um Körperverletzungen, doch kann dem Abergläubischen gemäss § 59 StGB, diese Körperverletzung nicht zugerechnet werden, da er sich dessen nicht bewusst gewesen ist, dass er einen Menschen verletzte. Nach dieser Richtung hin unterscheiden sich die Misshandlungen an- geblicher Gespenster wesentlich von den Misshandluugen angeblicher Hexen. Während bei ersteren, wie bemerkt, eine vorsätzliche Körper- verletzung nicht in Frage kommen kann, ist sie bei Misshaudlungen von Hexen stets gegeben. Im Gegensatz nämlich zu Gespenstern werden die Hexen und Zauberer im Volksglauben auch für Menschen gehalten, aller- dings für Menschen, die besonderer Zauberkräfte teilhaftig sind; dadurch scheiden die Hexen und Zauberer aber noch nicht aus der Kategorie der Irdischen aus und werden noch nicht zu überirdischen Erscheinungen, wie es Gespenster und Geister nach dem Volksglauben und dem ihm analogen Glauben der Spiritisten sind. Wenn wir mithin, von jeuer Voraussetzung ausgehend, eine vorsätz- liche Körperverletzung der Angeklagten nicht für gegeben erachteten, so würde damit doch noch nicht gesagt sein, dass die Tat der Ange- klagten strafrechtlich überhaupt gleichgültig wäre. Es kommt nämlich in Frage, ob in der Misshandlung eines Gespenstes nicht eine fahr- lässige Körperverletzung liegt. Soviel lässt sich jedenfalls sagen, dass unter Umständen ein Abergläubischer, der ein Gespenst misshandelt oder ein Gespenst tötet, sich wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahr- lässiger Tötung wird verantworten müssen; andererseits kann man sagen, dass nicht in allen derartigen Fällen eine dem Abergläubischen zuzu- rechnende Fahrlässigkeit gegeben sein wird. Wann der Abergläubische wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung wird be- straft werden können und wann dies nicht der Fall ist, wird auf die Um- stände des einzelnen Falles ankommen. Es ist dabei zu berücksichtigen, dass der Abergläubische bei Anwendung der gehörigen Sorgfalt hätte er- kennen können, dass er es im konkreten Falle mit einem Gespenst nicht zu tun hatte. Ob in dem vorliegenden Falle die Augeklagten fahrlässig gehan- delt haben, lässt sich auf Grund der festgestellten Tatsachen schwer entscheiden. Wenn man davon ausgeht, dass sie gespenstergläubisch waren, wenn man berücksichtigt, dass sie von König erfahren hatten, schon mehrere Jahre habe sich in der Xeujahrsnacht das Gespenst mit einem Lichte gezeigt, wenn man bedenkt, dass sie auch diesmal wieder das Licht sahen, wenn man beachtet, dass sie W^arnungsschüsse abgaben, und dass sie ihrer wohl kaum widerlegten Angabe nach das Gespenst zu- nächst anriefen, eine Antwort nicht erhielten und daraus gemäss ihrem Aberglauben entnehmen mussten, dass es sich tatsächlich um ein Gespenst 182 Hellwig: Misshandlung eines Gespenstes. handle, so wird man kaum sagen können, dass sie bei Anwendung ge- höriger Sorgfalt hätten erkennen müssen, dass Günkel ein Mensch und nicht ein Gespenst sei. Wenn man allerdings andererseits bedenkt, dass heller Mondschein war, dass Günkel nichts Gespensterhaftes an sich hatte und dass auf ihn auch dann noch losgeschlagen wurde, als er zu schreien begann, so wird es wiederum zweifelhaft, ob die Ange- klagten nicht hätten erkennen können, dass sie einen Menschen miss- handelten und nicht ein Gespenst; das, was an konkreten Tatsachen uns bekannt ist, lässt m. E. also eine hinreichend sichere Beantwortung dieser Frage für den konkreten Fall nicht zu. Im allgemeinen aber möchte ich noch bemerken, dass der Gespeusterglaube an sich m. E. niemals als ein fahrlässiges Verhalten des Betreffenden angesehen werden darf. Denn wenn es auch uns, die wir nicht abergläubisch sind, so scheinen will, als müsse doch jeder nicht gerade geistesschwache Mensch bei Anwendung gehöriger Sorgfalt sich davon überzeugen können, dass es Gespenster nicht gäbe, so ist in Wirklichkeit die Sache doch nicht so einfach, was auch derjenige, der mit der Macht des Aberglaubens und mit seinen psychologischen Vorbedingungen nicht hinreichend vertraut ist, doch dar- aus wird ersehen können, dass sich der Aberglaube, insbesondere auch der Gespensterglaube, keineswegs auf die ungebildeten Kreise beschränkt; auch zahlreiche akademisch Gebildete, selbst Gelehrte von Weltruf, zählen oder zählten zu den Anhängern des Spiritismus und Okkultismus. Wenn selbst solche Persönlichkeiten, denen man im allgemeinen doch eine hin- hinreichende Urteilsfähigkeit wird zutrauen müssen, sich aus dem Banne des Aberglaubens nicht vermocht haben freizumachen, so wird man es ungebildeten Leuten sicherlich nicht zum Vorwurf machen dürfen, wenn es ihnen nicht gelingt, die Unhaltbarkeit ihrer abergläubischen Vor- stellungen zu erkennen. Dessen muss man sich immer bewusst bleiben, wenn es sich darum handelt, die Handlungsweise eines Abergläubischen strafrechtlich zu bewerten. Berlin -Friedenau. Müller; Kleine Mitteilungen. Igg Kleine Mitteilungen. Naclibarreime aus Obersachsen. (Vgl. 24, 90—94.) B. Nachbarreime gegen mehrere Personen. oG. Bei Richtern homse e böses Haus, da treibt dr Wind de Schoben (Strohdach) naus. Renger hat ein böses Kind, und durch die Schoben pfeift der Wind. (Haiuewalde b. Zittau.) 37. Dreimal drei is nenne, Schimch (= Schönbach) ging a de Scheune, Hohlfeld trieb die Pferde aus, Schimch dar macht an Narren draus. (Sohland a. d. Spree.) 38. Kowarjowa konja kowa, Smisowa tarn na nju wola. (Die Schmiedin beschlägt die Pferde, die Schmeißin ruft ihr zu.) (Radibor.) 39. Solta jedze z haza, do kholow so Zmaza prindze podla Wrobelec, Wrobl praji: Solta, twoja ric je zoltal (Schulze kommt aus Lohse, versudelt sich die Hose, kommt bei Sperlingsdamm vorbei. Sperling sagt: Schulze, ei, dein Hinterer ist gelbe.) (Radibor.) 40. Grahl wohnt im Winkel, und Liebsheim sieht kein Finkel (= kein bisschen), (Mühlbach.) 41. An Kratschen (Kretscham, Wirtshaus) schlachten se a Kalb, Olbert dar uemmt's holb, Rudolph nemmt's Gekriese, der Poster spricht: 's schmeckt biese. (Jonsdorf, Oberlausitz.) 42. Rätz's Hanne is schneid'g, Heng's (= Hennigs) Honne is geiz'g, Kaisers hon a engs Schüppel (Schuppen), Woiners Klenns (Wagners Kleines) hon ka Hühnertippel. (Cunewalde, Oberlaus.) 43. Der Kaiser leeft am Bachrand rim, der König der fährt Apun rim, der Herzog der is abgebrannt, und seine Frau is fortgerannt, (Großschönau, Oberlaus.) 44. An Hübel schlachtens a Kolb, Zimmer nimmts holb, Schramms nahms Geschlinke und hangs 'n Bücken an de Klinke. Schubert Armt nimmts Gekriese, Wondlers Korle spricht: 's schmeckt biese. Filvs hon a enges Gassei, Ochsefriedeis hon ka Ziegefassel. (Cunewalde,) 134 Müller: 45. N Schlacht a Kolb, 0 dar nimmts holb, P nimmts Gekriese, Q spricht: 's schmeckt biese. K nimmt de Plauze und heb's 'n im de Schnauze. (Oberlaus.) 46. Genau so, nur 4. — und hebt se Gottin im de Schnauze. (Oberkunnersdorf, Oberlaus.) 47. Alberschlobel Schlacht an Hund, der gab dr Frölch'n o a Pfund. Müllerschuster kriegts Gegriese, Schneiderschgottlieb sagt: "s schmeckt biese. Jahnlobl kriegt de Plauze, der hieb se Siegfriedn im de Schnauze. (Ebersdorf, Oberlaus.) 48. Fahrig schlacht e Kalb, der Pastor der kriegt's halb, Ulbricht kriegt's Gekröse, und Schlegel der is böse. (Hermsdorf b. Rochlitz.) 49. Wauer aus dem Grunde, Beiger mäst't de Hunde, Hase hat e buch Haus, Grafs Friedel schaßt zum Fenster naus. usw. (Forts, unbekannt). (Bischdorf b. Löbau.) 50. Dokters schlachten e Kalb, Körners kriegens halb, Kartens kriegens Gekröse, Hahns sind darum böse, de Kretschmarn guckt zum Fenster raus, Stocks denken, 's is ne Fledermaus. (Kehren.) 51. Der Goldschmied schlacht a Kalb, Eger nimmt's halb, Schneider nimmt's Geschlinke, hängt's ba Micheln a de Klinke, Köhler guckt zum Fenster raus. Dreßler treibt de Froe ims Haus. (Spitzkunnersdorf, Oberlaus.) 52. Bei Benndorfs an der Ecke, Dietels flicken Säcke, Grauls ham e großes Haus, Kretschmar macht sich garnichts draus. Bühnau hat ein'n großen Garten, Vogtländer müssen die Kinder warten, Staude hat e schlechtes Haus, bei Kretschmarn guckt der Kobold raus. (Brandis b. Leipzig,) 53. Der Hartmann is e grober Maa, der alte Tülle Kerling hat e Buckeln dra, und der Fritschaugust der führt en großen Rang, und bei der Pollackmathilde da stehts an Schrank. Der Gräßler der bot de Habergritzenmühl und der gibt den Bettlern net viel. (Rittersgrün i. Erzg.) Auf Bewohner von Glauchauer Strassen: 54. Mätersch schlachten e Kalb, Werncrsch kriegens halb, der Hertsch der kriegt's Gekriese, der Landgraf wird sehr biese, der Ebersbach guckt zum Fenster naus, bei Heinzes is großer Kaffeeschmaus. Der Erler hat ne Metze, der Braune hat ue Petze (Hündin), der Blei verkauft gute backue Birn, der Blechschmidt aber Helfenzwirn, (Glauchau,) 55. Bei Salgern schlachten se e Kolb. bei Puschen nahm se's holb, bei Friedrichen nahm se's Geschlinke, se hängs bei Bairigen a de Klinke, der Schuster wuUts ne leiden, do müßt's Korle wegschneiden, Ben Vurstande hatten se's Gekriese, dr Bäcker soite 's schmeckt biese. (Ebersbach b. Löbau.) Kleine Mitteilungen. 185 Auf die Häusler des Ortsteils Schneidenbach bei Sohland a. d. Spr. 56. Fischer schlacht't e Kalb, dr Bäcker nahm''s halb, Hans Aden nahms Gekröse, Liebsch sagt: das schmeckt böse. Eckardt der bäckt Haferbrot, Christophe hat keene Not, Schmarrn weist den Weg, Schulze frißt den Dreck, Eisert sitzt auf dem Berge, Thonig niest auf die Quärge, Wemmanns Jahns is e alter Man, Haarig is der Kapphahn. (Sohland a. d. Spr. Pilks Sammlung.) 57. Horsts schlachten e Kalb, Wingers kriegen's halb, Richters kriegen's Gekriese, Secherminne wird biese, Vogts Vater hat en dicken Bauch, Obenaus guckt zum Bornloch raus, Obenaus is e braver Mann, Baßchensbauer mag die Frau nich hau, Hyns ham en grüßen Huf, Wendchens Vater gieht seegen (= pissen) druff, Kaichens backen weißes Brut, Schmiederhasens schlän die alten Weiber tut, mir wohn'n an der Ecke, der alte Kunze flickt de Säcke. (Priestewitz b. Meißen.) 58. Mibs (Möbius) wohnt an der Ecke, Gastschuster der tlickt Säcke, Dietrich guckt zum Fenster raus, der Schmieder macht sich garnischt draus. Sammig hat an lächr'gen Hut, Teich'n schmeckt der Tabak gut, Haub'l'd hat viel Kinger, Biehme is der Läuseschlinger, Schuster schlät den Uchsen tut, Glambrich spricht: Guttschwerenut. (Churschütz b. Lommatzsch, um 1870 bek.V « 59. Großenernst wohnt in der Ecke, Schulzenmelcher flickt de Säcke, Hanschrist säuft den Kaffee aus, Quaaslob guckt zum Fenster raus. Moosdorf hat ne schiene Schäcke (Kuh), Großenlob der sitzt im Drecke, Soms hom e schie Gescherre, Klugenfriedrich wird de Fro nich herre. Jakobs schlachten e Kalb, Ebers kriegens halb, Ehrlichs lob's Gekriese, Heimeremil wird drieber biese. (Terpitz b. Kohren.) 60. Vogtsgottlieb schlacht a Kalb, Schreiber nimmt's halb. Schenker nimmt's Gekriese, Palmer spricht: 's schmeckt biese. Schimbch is a ormer Mon, Klix dar kreucht zur Froe ro, Barth das is dar Baseubinder . , . ? ba Hinliche treiben se 'n Teifel ins Haus, ha Grunerten beißen se de Tischecke o, ba Hantsche schreit der Kikerikihohn, Wahrgüttier (Güttier am Wehre) is a aler Mun, Wolf dos is a bieser Hohn . . . ? ba Wulfe gihts gor feine zu, ba Ritge stuppen se de Mäuselöcher zu, Ritg dos is a Bohnorbeiter, Weise is der Eirichtemon, ba Richtern lussen se'u Zug arbei, a dr Ziegelei lussen se de Siffliche (Süffel) rei. (Neufriedersdorf b. Löbau.) 61. Sachsens wohn'n in der Ecke, Schönfelds flicken Säcke, Schlegels backen Weißbrot, Strobel hat die Kindernot, Petzold hat en großen Hund, Ae verliert den Hosenbund, Scheibe hat ene große Scheune, Wickert guckt zun Fenster raus, die Krebsen hat e großes Haus, de Külni' macht sicli nichts daraus. 62. Dr Montag hot no viel zu Iiufen, be Kerns do is de Kotz ersuff'n, be Neugartners hon se keene Kinder, Mälzer is a Weibcrscliiuder, be Eiselts is dr weise Rot, be Herrmanns is dr Advukat, be Karassürs is a enges Gassei, Gokschtrauguk ho kee Ziegenfassel. (Weigsdorf, Bez. Bautzen.) 186 Müller: 63. Wolf is dr Hundebauer, und Blaasche is dr Grußbauer, und Donath is dr Hasenbauer, und Winkler hat a Grußpferd, und Liebscher dar is ganz aalt . . . ? Gitterschgirge hot zwee weiße Schimmel, un Baschehansgörge fährt an Himmel, Grohe hot a grüß Haus, bei Richter gucken de Meise zun Fenster raus. (Niederfriedersdorf, Oberlaus.) G4. Köhler is der Tagewähler, Baukelts Junge wird immer schlechter, ba Eisoltn da is miserabel, ba Mühlu assen se all mit dr Gabel, ba Exnern assen se lauter Quark, Gulich dar is gor ne stark, bau Schuster roochen se lauter Schwartel, Clemense die hau a schie Gartel, der Mitterbäcke bäckt schie Brut und Tietze dar sieht aus wie dr Tud. (Spitzkunnersdorf, Oberlaus.) 65. Streubel schläft bis um sieben, Seidel frißt ne Eübe, Sonntagens kochen Ebernbrei, Pöge schläft bei'n Pferden ei, Wagner hat zwee große Ochsen . . . ? Hankens fahrn bis nach Mutschen, Richter muß aufm Arsche rutschen, Zimmermann hat ein großes Haus, die Schön guckt zum Fenster raus, Niese der is garnich dumm. Kern der mahlt das ganze Korn, Brinschwitz fährt mit'n Luftballon, Lehmanns hab'n en kleenen Jung'n. (Kühren, Bez. Grimma.) 66. In der Uchsenmühle gihts klipp klapp, bein Fleescher gihts schnipp schnapp, bei Bernerts werd der Quark ni sauer, der Zimmer is a grußer Bauer. Gritzners sinn de Hihnerspitze, bei Bienertsherrmann is de Frau nischt nitze, de Guttermiene hot drackgc Beene, bei Bars do is der Monn alleene, der Brachmann is e Distlkupp, der Mendenhelf is recht grub. (Dorfhain. Bruchstück.) 67. Hampels Christoph dar hot dn Hut uf dr Seite, dr Erbrhampel hot de Frau uf dr Weide, de Katherin macht grüße Bissen, Wenchs Guttlieb will vill wissen, Rudolfs Korle gibt mit der Flinte aus, dr ale Rudolf fällt mit der Fro as Haus, ba Tim han se ock ene Könne, ba Fehlern hon se ene schine Honne. (Eibau, Oberlaus.) 68. A wohnt in der Ecke, B's flicken Säcke, C's backen Weißbrot, D hat keene Not, E hat en klen Garten, F muß de Kinder warten, G hat kee Taubenhaus, H guckt zum Fenster raus, I hat en grauen Bart, J . . . ? K hat Ratten in der Kammer, L scblät sie mit'n Hammer. M is e guter Mann, N hat graue Hosen an, O's haben viele Kinner, P haben bloß drei Hinner, Q hat ne gelbe Kuh, R hat de Fenster zu, S hat bloß enen Burn, T geht Kuchen schnurrn, U bläst das Nachtwächterhorn, V hat ene klene Scheune. W hat nur drei Schweine, X bringt das Bauchgurt im. (Kühren, Bez. Grimma.) 60. Kicßlings in der Ecke, Teichgräbers ilicken Säcke, Vetters backen Weißbrot, de Reimern schlägt den Teifel tot, Pretschmanns schlachten e Kalb, Günthers kriegen's halb. Kleine Mitteilungen. Igj Prosts kriegen's Gekröse, Kießigs sind drüber böse, Rothens ham en großen Garten, Dögens müssen Kinder warten, Fleckeis is e braver Mann, Neider will de Frau nich ham, Kärtchens ham e Tuch verlorn, Antrags ham de Ohrn erfrorn. De Gindeln hat e großes Haus, de Merkein guckt zum Fenster raus. (Stockhausen b. Döbeln.) 70. Der Müller is der Mehldieb, Bruchelt hat seine Fraa lieb, Schoke wohnt ufm Bärge, Schöne macht spitze Quarge, Funke is der ale Vater, N is der Bankhader, Uhlemann wohnt in der Gasse, Grusche hat keene reen Fasse, de Kretzschmarn tut gern Schweine schlachten, Gruschen Karl tut nach Gelde trachten, Pietzsch hat ene schwarze Pfütze, Rabe is uf der Walt nischt nütze, Lehnert is e Lügenmaul, Leuschner Lieb is lang und faul, Fischer der hat weite Hosen, Rilker hot s'n aufgebloseu, Graf hat ene scheene Fraa, der Schmied spielt gerne Kuntra, Weißig hat en kahlen Kupp, Kühne is e Hundsfutt, Löwe is der Hengstreiter, Hermann is der Hackschschneider, Rückert der wohnt ganz alleene, bei Hilligs is de Stube nich reene, Krausgen Lieb hat keene Kinder, Beger is der Pferdeschiuder, Beckert hat nur eene Kuh, Pretzschens machens Falltor zu, Rumpelts ham e Wachtelhaus, bei Mendens guckt der ? raus, der Schäfer treibt de Schafe aus, der Schulmeester prügelt de Kinder aus. (Sachsdorf b. Wilsdruff. Mitt. f. Sachs. Volksk. 1910 S. 195 f.) 71. Geisel ime der Ecke, Peschel flickt de Säcke, Philipp Schlacht ne schöne Kuh, Gläsche gibt neu Taler zu, de Dämmigen kriegt's Gemüse, dadrüber werd de Schneidern biese, Kost guckt zum Fenster raus, Franke macht sich garnischt draus. Scheller in der Zippelmütze, Heibig is ooch garnischt nütze. (Riemsdorf b. Meißen. Dähnhardt, Volkstüml. aus Sachsen 2, 145.) 72. Grenkel wohnt in der Ecke, Ohmich flickt Säcke, Kaiser hat en schönes Haus, Höde guckt zum Fenster raus, Platz scjilacht en Kalb, Naumann kriegt's halb, Albrecht kriegt's Gekröse, Lamprecht ist darüber böse, Thomas hat zwei schöne Schimmel, Kurth der denkt, er ist im Himmel, Berger der trinkt Bier und Wein, Richter denkt, das muß so sein, die Krausen hat en schönen Mann, die Schüttgen möcht en gerne han, bei Otten sin de Läden krumm, bei Mains is 's Mädchen dumm, bei Kuhnerts führt ne Straße naus. Metzlers wohn' im Spittelhaus. (Luppa bei Dahlen. Dähnhardt a. a. 0. 2, 147.) 73. Altemanns wohn' in der Ecke, Straubens flicken Säcke, Hamann hat eene schöne Katze, Klemm leckt de Tatze, der Schmidt hat e hohes Haus, Ulbricht guckt zum Fenster raus, Kerbachs backen Weißbrot, Lippmann schlät den Teifel tot, Höpner trinkt gern e Gläschen Wein, Hübler spricht: es muß so sein. Bartheis haben hohe Tor'n, Gelljig is im Backofen erfrorn, Goldammer denkt, er hat 'ne schöne Frau, Schubert spricht: se is nich ennen Teifel wert. Scheunert . . . ?, Jäbel guckt in de Kaffeekanne, Langes haben Wanzen, Frankens können schön tanzen. (Schraalbach b. Roßwein, Dähnhardt a. a. 0. 2, 146.) 188 Müller, Stratil: Parallelen ausserhalb Sachsens i): 74. Lammert Schlacht e Schwien, Heckert kriegt Trichin, N kriegt en Knocheu, Winks habens gerochen, Graupener kriegt en Schwanz, Zimmermann der hält Tanz, Leser kriegt de Darm, Petzold schlägt den Lärm, Krüger kriegt en Schinken, Dutke kriegt de Wurst, Fries kriegt en großen Durst. (Sondersliausen.) Leipzig. Curt Müller. Weihnachtslieder aus Mähren. [Über die Entstehung des dramatischen Weihnachtsliedes aus lateinischen Hymnen und seine verschiedenen Gattungen s. K. Weinhold, Weihnacht-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien, Wien 1875: F. Vogt, Die schlesischen Weihnachtspiele, Leipzig 1901; vgl. auch Häuften oben 4, 29. Die beiden hier mitgeteilten Lieder ent- sprechen zum Teil wörtlich den von Weinhold S. 34f. und S. 104f. aus Schlesien auf- gezeichneten. Das erste wird, wie Herr Stratil angibt, noch jetzt in mehreren Varianten von verkleideten Burschen und Mädchen gesungen, die zur Weihnachtszeit von Haus zu Haus ziehen und auch in den Nachbardörfern auftreten.] I. Weihnachtslied aus Stachenwald bei Fulnek. Gabriel: Gelobt sei Jesus Christus! Ein' schön' guten Abend geh euch Gott, ich bin ein ausgesandter Bot', bin ausgesandt aus Engelland, der Engel Gabriel werd' ich genannt, den Zepter trag' ich in meiner Hand, den hat mir Gottes Sohn ernannt, die Krön' trag' ich auf meinem Haupt, die hat mir Gottes Sohn erlaubt. Wer reicht dem König einen Stuhl, darauf soll sitzen Gottes Sohn? Der heiige Christ ist auch mit mir, er steht schon draußen vor der Tür, er steht schon draußen, er will schon rein zu diesen kleinen Kindelein. (Hinausrufend): 0 heiiger Christ, geh' doch herein, laß hören deine Stimme fein. Christkind: Gelobt sei Jesus Christus! Ein' schön' guten Abend, ihr lieben Leut', die ihr allhier versammelt seid, ich komm' herein getreten, will schauen, ob die Kinder fleißig beten. Wenn eure Kinder fleißig beten und singen, werd' ich ihnen Äpfel und Nüsse bringen, wenn sie aber nicht fleißig beten und singen, wird die Ruf um sie herumspringen. Der heiige Josef ist auch mit mir, er steht schon draußen vor der Tür. er steht schon draußen, er will schon rein zu diesen kleinen Kindelein. (Hiuausrufend): Ach Josef, liebster Josef mein, geh' doch herein zum Kindelein. Josef: „Gelobt sei Jesus Christus! Ich komm' herein geschritten mit höflichen Tritten, ich bin der Pflegevater übers kleine Kind, das man in der Krippe findt!" Christkind: „Ach Josef, liebster Josef mein, erzähl' mir was von'n Kindelein!" 1) Beisp. a. d. Grafschaft Glatz oben 9, 446; Vierteljahrsschr. f. d. Gesch. d. Grafsch. Glatz 9, 17. Niederlausitz: Niederlaus. Mitt. 5, i;579ff. — Böhmerwald: Das deutsche Volkslied 7, 62, — Gegend von Braunschweig: oben 6, 367 f.; Andree, Braunschweiger Volkskunde S, 459 ff. Kleine Mitteilungen. 189 Josef: „Ich möcht' darüber wohl überzeugen [!], kann aber nicht mehr stille schweigen; wenn die Kinder aus der Schule gehn, bleiben sie auf allen Gassen stehn, Blätter aus den Büchern reißen und in alle Winkel schmeißen: solche Possen treiben sie. Christkind: , Blätter aus den Büchern reißen und in alle Winkel schmeißen. Solche Possen treiben sie? Ei hätt' ich dies zuvor gehört, 80 war* ich hier nicht eingekehrt, so will ich mich bedenken und will den Kindern gar nichts schenken," Josef: „Ei, lieber Ohrist, sei nicht so hart, die Kinder sind nicht nach deiner Art, die Kinder werden insgemein den Eltern wieder gehorsam sein." Christkind: „So will ich mich bedenken und will den Kindern etwas schenken. (Zu Gabriel): Ei Engel, liebster Engel mein, reich' her mir doch das Körbelein, ich will ihn' geben diese Gab', die ich vom hohen Himmel hab'. Draußen hab' ich Schlitten und Wagen, d'rauf hab' ich köstliche Gaben für junge Mädel und junge Knaben." Alle: Laufet ihr Hirtlein, laufet alle zugleich, nehmet Schalmeien und Pfeifen mit euch, laufet alle zumal mit freudenreichem Schall zum Kindelein, zum Krippelein; zu Betlehem im Stall, ein Kindelein gesehen [!], wie ein Engel so schön, dabei auch ein alter Vater tut steh'n, eine Jungfrau so zart, nach englischer Art, das tut mich erbarmen gottsjämmerlich hart; der Weg ist uns mit Rosen gebaut, wir wollen uns wieder gegen Himmel umschaun. Der Himmel ist ein schönes Haus, Gottes Segen wohnt in eurem Haus, wir danken euch für diese Gaben, die wir von euch ererbet haben, und lebet alle recht froh beisammen, wir geh'n jetzt wieder in Gottes Namen. 2. Christkindlsingen aus Waltersdorf bei Fulnek. Laufer: Ein" schön" guten Abend geh' euch Gott, Ich bin ein ausgesandter Bot'. Von Gott bin ich daher gesandt. Der Laufer, der werd ich genannt. Die heiligen Engel schicken mich herein, Sie wer"n wohl auch nicht weit mehr sein. Ach, ihr heiligen Engel, tretet doch herein Und laßt eure Stimme hören fein, (Er läutet.) Zwei Engel: Ein" schön' guten Abend geh' euch Gott, Wir sind zwei ausgesandte Bot', Von Gott sind wir daher gesandt. Die heiligen Engeln werden wir genannt. Das Zepter tragen wir in unser' Hand, Die Krön' tragen wir auf unserem Haupt, Die hat uns Gottes Sohn erlaubt. Der kleine Christ schickt uns herein, Er wird vielleicht nicht weit mehr sein, (Lauter läutet, das Christkind tritt ein.) Christkind: Ich komm' herein getreten, Komm' sehn, ob die Kinder fleißig beten und singen, Und wenn dieKinderfleißig beten und singen, So will ich ihnen eine Gabe bringen. (Zum ersten Engel): „Ach Gabriel, du Engel mein. Sag, wie verhalten sich die Kindelein?" Gabriel: „Ach Christ, wenn ich dir sagen soll. Die Welt ist böser Kinder voll. Die Kinder tun nichts als schelten und lügen, Die Eltern bis in den Tod betrügen." Christkind: „Ach hätt' ich diese Eed zuvor gehört. So wären wir nicht eingekehrt." Die zwei Engel: „Ach kleiner Christ, sei nicht so hart, Die Kinder sind wohl nicht nach deiner Art 190 Stratil, Knoop: Und auch nicht nach deinen Sitten, Drum wollen wir um eine Gabe bitten." Christkind: „Und wenn mich die Engelein so schön bitten, So will ich ihn' eine Gabe schicken. Draußen hab ich Eoß' und Wagen, Drauf hab ich gar köstliche Gaben. Wohl für die kleinen Mädelein Und für die kleinen Knäbelein." (Maria und Josef tretea auf.) Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein. Komm rein und wieg das Kindelein!" Josef: „Ach soll ich denn schon wieder wiege, Ich konn doch ka(u)m dau Pockel biege. Hulei, Hulei, Hulei." Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein, Wie soll dem Kind der Name sein? Josef (macht eiue Kniebeuge und sagt): „Jesus soll der Name sein," Maria: „Nun so sei es, Josef mein, Jesus soll der Name sein. Ach Josef, liebster Josef mein. Wer kocht dem Kind das Papelein?" Josef: „Josef kocht das Papelein." Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein, Was hat das Kind für Windelein?" Josef: „Schneeweiße Windelein, schneeweiße Windelein." Maria: „Nun so sei es, Josef mein, Schweeweiße Windelein. Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein. Was hat das Kind für Schnürelein?" Josef: „Rosarote Schnürelein." Maria: „Nun so sei es, Josef mein, Rosenrote Schnürelein. Ach Josef, liebster Josef mein. Was hat das Kind für Dienerlein?" Josef: „Ochs und Esel soUn die Diener sein." Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein. Was hat das Kind für Wiegelein?" Josef: „Die Krippe soll die Wiege sein." Maria: „Ach Josef, liebster Josef mein, Wo werden wir denn kehren ein?" Josef: „Im Stalle werden wir kehren ein!" Alle: Habt Dank, habt Dank, ihr Eltern mein, Daß ihr uns habt gelassen ein Zu euren Kindern groß und klein. Gloria, Gloria; uns ist der Weg auf fiosen gebaut, Wir wollen gegen Himmel naufschauen. Gelobt sei Jesus Christus. Das Ganze im singenden Ton nach folgenden Melodien: -- Nj = — -r-P- Ein' schön' gut'n A-bend geb euch Gott, ich bin ein aus - ge - sandter Bo', Von Gott bin ich da- her ge-sandt, der Lau-fer, der werd ich ge-nannt usw. cB=3 Ach Jo - sef, lieb- ster Jo - sef mein, Komm rein und wieg das Kin - de - lein usw. Das Christkind singt nicht, es spricht nur. Die AntM'orten Josefs sind mürrisch, brummig und im Dialekt. Fulnek (Mähren). Do mit ins Stratil. Kleine Mitteilungen. 191 Die kluge Königstochter, ein polnisches Märchen. Es war einmal eine Königstochter, die war sehr gescheit. Sie war des Königs einziges Kind. Da nun ein Königreich einen König haben muss, so musste sie sich, um Königin zu worden, verheiraten. Doch weil sie selbst so klug und gescheit war, wollte sie auch keinen dummen Mann heiraten; wenigstens sollte er eben so gescheit sein wie sie selbst. Da kamen nun jeden Tag viele Freier, um sich der Königstochter vorzustellen; aber sobald sie gar klug zu fragen anfing, wussten sie nichts zu antworten und mussten beschämt von dannen ziehen. In demselben Königreich lebten auch drei Brüder. Die beiden älteren waren klug, ja man sagte sogar von ihnen, sie wüssten, wo der Teufel seine Jungen habe. Das wussten sie zwar nicht, sondern die Leute redeten es nur so. Der jüngere war dumm. Wenigstens sagten es dieselben Leute, und man glaubte es ihnen. In AVirklichkeit aber war er nicht so dumm. Diese Brüder hörten auch von der klugen Königstochter, und die beiden älteren beschlossen, ihr Glück zu ver- suchen. Sie zogen sich schöne Kleider an und machten sich auf die Reise zum Schlosse. Als der Dumme das sah, ging er mit. Zwar lachten ihn die älteren Brüder aus und trieben ihn fort, aber er ging doch hinter ihnen her, und schliesslich mussten sie ihn gehen lassen. So von ungefähr lag auf dem Wege ein toter Spatz. Die beiden Älteren zogen vorbei, ohne ihn anzusehen; der Jüngere aber blieb stehen, rief die beiden andern zurück und zeigte ihnen, was er gefunden hatte. Sie sahen sich den Spatz an und gingen dann ärgerlich weiter. Der Dumme aber steckte den Spatz in seine Tasche. Nicht weit waren sie gegangen, da sah der Jüngere einen Keil liegen, und wieder rief er die Brüder zurück und zeigte ihnen seinen Fund, den er glückstrahlend in der Hand hielt. Da wurden sie gar böse und prügelten ihn durch. Als er nun noch einen Reifen und einen Dreckhaufen fand, da rief er die Brüder nicht erst zurück, sondern steckte diese Dinge stillschweigend in seine Tasche und folgte den Voranschreitenden. Sie kamen nun vor das Schloss. Die beiden älteren Brüder, die zugleich angekommen waren, wurden auch zugleich vorgelassen. Die Königstochter bewill- kommnete sie freundlich, aber sie wussten nicht viel zu sagen, obwohl sie sich auf eine schöne Rede vorbereitet hatten; und als sie gar anfingen, vom Wetter zu reden, da mussten sie das Gemach verlassen. Jetzt kam der Dumme an die Reihe. Als er in das erwärmte Gemach trat, rief er: „Holde Königstochter, wie warm habt Ihr es hier!" „Im Hintern ist's noch wärmer," antwortete darauf die Königstochter. ,,Da kann ich wohl meinen Spatz darin braten?" sagte der Dumme. „Ja, aber es wäre schade um das schöne Fett, das herauslaufen würde," erwiderte die Königstochter. „Dafür habe ich gesorgt," sagte darauf der Dumme; „hier hab ich einen Keil zum Zustopfen mit- gebracht." „0," rief da die Königstochter, „davon" könnte aber der Hintere platzen!" ,, Keine Sorge," war die Antwort, „ich habe einen Reifen mitgebracht, der das Platzen verhindern wird." „Ja, aber wo bleibt denn der Dreck?" fragte die Königstochter. Kaum war die Frage gestellt, da griff der Dumme in seine Tasche, nahm den mitgebrachten Dreckhaufen heraus und, klatsch, lag dieser auf dem Fussboden. Infolge seiner Schiagfertigkeit gefiel der Dumme der Königs- tochter, und sie wollte ihn schon am nächsten Tage heiraten. Aber damit war der Minister, der auch gern König werden wollte, nicht ein- verstanden, und als er am Abend dem Dummen eine Stube zum Nachtquartier 192 Knoop, Müller-Küdersdorf: anweisen sollte, führte er ihn anstatt in ein Zimmer in den Zwinger, in dem ein Löwe gehalten wurde, und machte das Tor zu. So, glaubte er, werde der Löwe den Dummen auffressen. Aber dieser hatte sich wohl vorgesehen; denn er hatte sich, um sich während der Nacht die Zeit zu vertreiben, mehrere Nüsse, einen Stein, einen Stubben, ein Beil, eine Geige, eine Peitsche und eine Schere mit- genommen. Als er den Löwen bemerkte, der sich zum Sprunge duckte, warf er ihm eine Nuss hin; denn er glaubte, der Löwe habe Hunger. Der Löwe frass sie auf und verlangte mehr davon, denn die Nuss schmeckte ihm. Er warf ihm eine zweite hin, und wieder wurde sie verzehrt. Dann warf er ihm den Stein hin und sagte: ,,Die Nuss kannst du dir selbst aufknacken!" Der Löwe suchte den Stein zu zerbeissen, aber er konnte es nicht; und da der Dumme vorhin so leicht jede Nuss aufgeknackt hatte, so glaubte der Löwe an eine grosse Stärke des Menschen und trat näher zu ihm, um ihn sich ordentlich anzusehen. Jetzt nahm der Dumme die Geige und spielte dem Löwen ein lustiges Stück vor. Dem Löwen gefiel das, und er wollte das Spielen auch erlernen. Der Dumme gab ihm den Bogen in die Tatze, und der Löwe versuchte zu spielen; aber es gelang ihm nicht. Da sagte der Dumme: „Mit solchen ungeschickten Krallen kannst du es zu nichts bringen." Und nun spaltete er mit dem Beile den Stubben und bedeutete dem Löwen, seine Tatze in den Spalt zu legen. Der Löwe ahnte nichts Böses und legte seine Tatze in den Spalt hinein. Darauf hatte der Dumme nur gewartet. Schnell zog er das Beil heraus, und nun sass der Löwe fest und konnte ihm nichts mehr anhaben. Jetzt schnitt er ihm auf dem Rücken die Haare ganz kurz, nahm dann die Peitsche und gerbte ihm damit ordentlich das Pell, so dass er laut brüllen musste. Darauf legte er sich hin und schlief bis zum Morgen. Als es Tag wurde, kam der Minister an das Tor, klopfte an und rief den Dummen, um sich zu überzeugen, ob der Löwe ihn schon gefressen habe. Da aber brüllte der in den Stubben eingeklemmte Löwe und rief: „Cicho, kpie! Ci dupe okrzojq, Kantorem wykrzoja Jak mnie."') Als der Minister das vernahm, eilte er schnell davon. Der Dumme aber ver- liess unversehrt den Zwinger, ging in das Rönigsschloss und hielt Hochzeit mit der Königstochter. Aufgezeichnet von Herrn Lehrer A. Szulczewski in Brudzyn bei Janowitz. Über - S. 76. a=^- :i— S. 105. -N — ^- -^-0- 5-1- - — j s 5 i 0—^^f^ ß- S. 217, 41. 198 Brandsch, Fränkel: :£=g=:iv=i_li^=:ip=f=f=:rsilz^?=f: S. 12. Aus dem Schluss des Verzeichnisses: S. 52. S. 115. S. 73. S. 98. Wo einer Melodie mehrere Seitenzahlen beigefügt sind, da ist ersichtlich, dass dieselbe Melodie zu verschiedenen Texten wiederkehrt; Seitenzahlen in Klammern bezeichnen eine nahe verwandte Melodie oder ein Melodiefragment usw. Der nächstliegende Einwand, der gegen diese Art der Registrierung der Melodienanfänge am Schluss der Liedersammlungen erhoben werden wird, ist buch- händlerisch-praktischer Natur. Eine Notenzeile in dem gebräuchlichen Fünflinien- system ist bei engem Druck ungefähr vier- bis fünfmal so breit als eine klein- gedruckte Textzeile; dementsprechend würden sich auch Umfang und Kosten eines Melodienregisters etwa vier- bis fünfmal so hoch stellen als die des Textregisters zu derselben Sammlung. Darf dieser Gesichtspunkt entscheidend ins Gewicht fallen gegenüber der grossen Ersparnis von Kraft und Zeit, die für die Melodien- forschung aus der Einführung von Melodienverzeichnissen in obiger Art erwachsen würde? Alle anderen Einwände, die sich etwa noch geltend machen Hessen und die zum Teil schon (von Zoder gegen Pommer) geltend gemacht worden sind, treffen meines Erachtens die Textverzeichnisse der Lieder genau ebenso wie die Melodien- verzeichnisse. Wird auf die grosse Variabilität der Melodienanfänge hingewiesen, so darf ich wohl entgegnen, dass die Textanfänge nicht minder veränderlich sind. Ein und dasselbe Lied (vom Wettstreit zwischen Wasser und Wein) wird bei- spielsweise in Siebenbürgen allein mit folgenden verschiedenen Textanfängen ge- sungen: 'Es waren zwei Gesellen fein', 'Merkt auf, ihr Christen und Leute', 'Hört zu, ihr Christen und Leute', 'Ich sing ein Liedchen hübsch und fein'. Dazu kommen aus Deutschland folgende Varianten: 'Wir woU'n eins singen so hübsch und so fein' (Ditfurth, Fränkische Volksl. 2, nr. 352), 'Ich weiss mir ein Liedlein hübsch und fein' (A. Bender, Oberschefflenzer Volkslieder nr. 142), 'Jetzt lasst uns mal singen' (Becker, Rheinischer Volksliederborn nr. 27). Zieht man noch in Betracht, dass ein und dasselbe Lied hier mit der ersten, dort aber mit der zweiten oder dritten Strophe begonnen wird, so wird man nicht sagen können, dass die Mannigfaltigkeit in der Variation bei den Melodieanfängen eine grössere sei als bei den Textanfängen. Ein genaues Melodienregister wird eben nach Möglichkeit ebenso wie ein genaues Textregister alle in der betreffenden Sammlung Kleine Mitteilungen. 199 enthaltenen Varianten, auch wenn sie nur zum Vergleich herangezogen werden, aufnehmen. In ähnlicher Weise erledigt sich ein anderer irgendwo laut ge- wordener Einwand gegen eine Registrierung der Melodie an fange, dass nämlich zuweilen nicht der Anfang, sondern eine später auftretende Wendung der Melodie sich durch ihre charakteristische Form dem Gedächtnis am festesten einpräge, einfach durch den Hinweis auf dieselbe Möglichkeit auch bezüglich der Liedertexte. Alles in allem sollte man meinen, dass die hier in Vorschlag gebrachte Methode der Registrierung schon infolge ihrer, ich möchte sagen, Selbstverständ- lichkeit nach Analogie der Textregister sich in kurzem allenthalben einbürgern müsste. Kleinscheuern b. Hermannstadt (Siebenbürgen). Gottlieb Brandsch. Auffrischung alter Fastnachtsfeiern in der Rheinpfalz. Zwei alte volkstümliche Bräuche wurden heuer bei Fastnachtsschluss hier zu Lande mit Eifer neu belebt: ein christlicher aus dem 17. Jahrhundert und ein wesentlich älterer wohl aus altgermanischer Zeit. Auf den lustigen Paschings- dienstag, den 24. Februar, fiel diesmal in Wattenheim der Matthias- oder Viehdienstag, ein örtlicher Buss- und Bettag der zwei christlichen Konfessionen, der mit vormittägigem Gottesdienst in beiden Pfarrkirchen, namentlich aber seitens der Katholiken gefeiert wird, wozu sich dann eine grössere Anzahl beicht- hörender Geistlichen und viele Beichtkinder aus den Nachbarorten einfinden. Die Einwohner Wattenheims, besonders die bäuerlichen, halten ernst an diesem Buss- tage fest, der der Überlieferung zufolge zur Erinnerung an ein ausgedehntes Rind- viehsterben eingesetzt wurde, als dieses die Altvordern einst in arge Not ver- setzte. Wahrscheinlich reicht dieser Feiertag bis zum Ausgange des sogenannten orleanischen (Pfälzer Raub-) Kriegs oder gar des 30jährigen zurück. Eine einzige milchende Kuh soll damals übriggeblieben sein. Darum hat das Rindvieh am Matthiastag Ruhe. Es wird nicht eingespannt, ja kommt überhaupt nicht vor den Stall, da dies Unheil bringen könnte. Die Viehbesitzer fasten da oft bis nach dem Frühgottesdienste, und oft wird auch dann erst dem Vieh das Morgenfutter, und zwar früher zuerst Brot und Salz, gegeben. Indem die Wattenheimer an diesem Feiertage neuerdings festhalten, hatten sie das deutliche Bewusstsein, einen ehr- würdigen Akt der Pietät gegen ihre frommen Ahnen zu erfüllen. — Und an dem- selben Datum abends VgT Uhr flammte auf dem Felsen des sagenurasponnenen Brunholdisstuhles in der vorderen Haardt ein mächtiges Fastnachtsfeuer auf, das über eine Stunde lang weit in die Rheinebene hinausleuchtete. Schon in frühen Zeiten wurden hier Holzreiser und Zasseln in der Fastnacht auf- geschichtet und angezündet. Alt und jung tanzte vergnügt im Kreise um die Flammen, und Feuerräder wurden weit in die Ebene hinausgerollt. Dieser Brauch wurde noch um 1820 betätigt, obwohl eine Visitationsordnung des Pfalzgrafen Johann von Zweibrücken vom 12. Dezember 1579 ausdrücklich verbot „Haifeuer am Rhein, Redder schieben, Braten heischen, verbutzen und dergleichen Fast- nachtsspiel und Gauckelwerk." So lebt jetzt nach längerer Zeit dieser Brauch, der zweifellos in gar altem Herkommen fusst, wieder auf. Die uralte Thingstätte an der vorderpfälzischen Heidenmauer übt augenscheinlich noch ihre starke Anziehungs- kraft aus. Ludwigshafen a. Rh. Lutiwig Fränkel. 200 Höfler, Zachariae: Yernageln. (Mit einer Abbildung.) Die beiden hier abgebildeten alten, eng aneinanderstehenden Föhrenbäume be- finden sich nahe dem Punkte, an dem sich die Grenzen der Gemeinden Tirschen- reuth, Gumpen und Hohenwald treffen, im Gemeindewald Tirschenreuth, Kr. Ober- pfalz, fern von Verkehrsstrassen. Die eine Föhre trägt ein aus Bretterholz aus- gesägtes, vor drei bis vier Jahren renoviertes Kruzifix mit darunter befindlichem Marien- und Fegefeuerbild (in einem Stück). Beide Bäume sind nahe am Erd- boden, an der Stelle, an der sie ursprünglich sich berührten, durch Axthiebe der Rinde entblösst, und zwar jeder Baum ziemlich bis zur gleichen Höhe — etwa IV2™ vom Erdboden — auf beiden Seiten (auf der Rückseite also ebenso wie auf der Vorderseite). Während die Behauung auf den beiden Vorderseiten und auf der Rückseite mit Gesicht gegen den Baum auf der rechten Seite alt und wettergrau ist, ist auf der linken Rückseite eine erst einige Wochen alte, frische Behauung vorgenommen worden. Die Axtspuren sind deutlich zu erkennen, die Holzteile sind entfernt. Soweit der Baum von Rinde entblösst ist, sind etwa 120 Hufschmiedenägel und Nägel mit kleinerem Kopf (sog. Zimmermannsnägel) eingeschlagen (auf dem Bilde als schwarze Punkte sichtbar). Auch in der Rinde Kleine Mitteilungen. 201 sind, soweit sichtbar, etwa 30 Nägel eingeschlagen; manche werden von der Rinde überwachsen sein (dies zu verhindern wohl die Behauung). An der frischen Hauptstelle befindet sich kein Nagel, doch sind Nagelspuren (Löcher) älteren Ursprungs sichtbar. Der Baum (und'jdas Bild) haben keinen Namen; etwa 2 km entfernt befindet sich ein wundertätiges Marienbild 'Maria -Weiher', zu dem Einheimische und Aus- wärtige (Böhmen) mit Wachsopfern wallfahrten. Über den Gebrauch des Nageleinschlagens konnten hiesige, mit der Bevölkerung vertraute Persönlichkeiten keinen Aufschluss geben. Die Tatsache ist überhaupt sonst hier unbekannt. (Mitteilung von Herrn Daxenberger in Tirschenreuth vom 9. Juni 1909.) Es ist ein 'Stock im Eisen', wie das einstmals so hochgehaltene Wahrzeichen Wiens hiess; die Krankheiten wurden so insgeheim in den frischen rindenlosen Holzstock 'vernagelt', namentlich in der Nähe von Kultquellen. Bad Tölz. Max Höfler. Das kaudinische Joch. Am Schluss meines Aufsatzes über Scheingeburt^) oben 20, 141 — 181 habe ich den Durchzug eines kriegsgefangenen Heeres durch das sogenannte iugum, gr. ^v/6v oder :ivh] 'Torweg', behandelt und dieses Durchziehen oder 'Durch- kriechen' im Anschluss an eine Bemerkung Frazers in seinem Golden Bough als eine Reinigungszeremonie bezeichnet. Zum Vergleich mit dem iugum habe ich die porta triumphalis und das tigillum sororium herangezogen (S. 177 A. 4 und S. lyO). Der Durchzug eines heimkehrenden Heeres durch die porta triumphalis kann ebenfalls als eine Reinigungszeremonie betrachtet werden, als eine Zeremonie, die die Reinigung des Heeres von der Befleckung des Krieges und zugleich die Zurückführung des Heeres aus dem Kriegszustand in den Friedens- zustand bezweckte. Die von mir a. a. 0. zitierten Äusserungen^) von Alfred V. Domaszewski in seinen Abhandlungen zur römischen Religion S. 222 f. waren es, die mich zu dieser Auffassung bestimmten, und ich bedaure nur, dass ich mich früher mit einem blossen Hinweis auf die porta triumphalis begnügt und meine Auffassung des Brauches nicht genauer formuliert habe. Nachtragen möchte ich hier einen Verweis auf die Bemerkungen von Arnold van Gennep über den römischen Triumphbogen^) in seinem Buche Les rites de passage, Paris 1909 p. 28, und auf den ausgezeichneten Artikel 'Door' in der Encyclopaedia of Religion and Ethics 4, 846—852. 1) Zum indischen Hiranyagarbha-Ritus (S. 159 ff.) hätte ich auf den Aufsatz von Emil Schmidt: Die Wiedergeburt der Herrscher von Travaucore, Globus 63, 21fif., verweisen sollen. Man sehe jetzt auch Frazer, Totemism and Exogamy 1, 32. 4, 208 ff. 2) Die Ausführungen Domaszewskis (die sich in erster Linie auf den Durchzug des Heeres durch die Porta (Jarmentalis beziehen sind kritisiert worden von Wissowa, Deutsche Literaturzeitung 1909 Sp. SfloiJf. und von Deubner, Archiv für Religionswissenschaft 13, 502. 3) Cette meme ovolution, du portique inagique au monument, semble avoir ete Celle de l'arc de triomphe romain, le triomphateur ayant d'abord, par une serie de rites, ä se separer du monde cnnemi, pour pouvoir rentrer par son passage sous l'arc dans le monde romain, le rite d'agrogation etant ici le sacrifice ä Jupiter Capitolin et aux divinites protectrices de la citti. — Vgl. S. 30 Anmerkung. 202 Zachariae : Über das tigillum sororium, den 'Schwesterbalken', habe ich auf S. 180 meines Aufsatzes gehandelt, im Anschluss an die Ausführungen von W. F. Otto im Rheinischen Museum für Philologie 64, 466 ff. Dabei habe ich mich leider einer Unterlassungssünde schuldig gemacht. Ich hätte auch auf Roschers Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 2, 21 verweiset sollen^). 'Wie alt dieses bis ins 5. Jahrh. nachweisbare Heiligtum (das tigillum) war', schreibt Röscher hier, 'ersieht man aus der Legende, wonach die Errichtung des Tigillum und der beiden Ahäre auf die Sühne des von dem letzten Horatier begangenen Schwestermords bezogen wurde. Zum Verständnis der Legende erinnere ich an die von Grimm DM. ^ 1118 erörterte Sitte, einen verderblichen Zauber (Fluch) dadurch zu lösen, dass man durch gespaltene Bäume, durch Erd- und Felsen- höhlen hindurchging oder -kroch'. Röscher fasst also das Durchgehen unter dem heiligen Schwesterbalken als ein 'Durchkriechen' auf, das zur Entsühnung vorgenommen wurde. Und so schreibt denn auch Wissowa in der zweiten Auflage seines Buches über die Religion und den Kultus der Römer 1912 S. 104, dass das Durchgehen unter dem Balken 'eine Sühnzeremonie gewesen sein mag'; zum Durchgehen durch ein enges Tor oder einen Spalt als Reinigungs- zeremonie verweist er, wie W. P. Otto a. a. ü., auf Frazer, The golden bough 2 3, 399ff. (in der 3. Auflage: 7, 2, 175ff.). Sonst wüsste ich dem, was ich in meiner Abhandlung namentlich über die ursprüngliche Bedeutung des Jochganges gesagt habe — wobei mein Bestreben war, den Weg für Prazers Erklärung zu ebnen — , nichts hinzuzufügen. Wenn ich dennoch hier noch einmal auf den Gegenstand zurückkomme, so geschieht es, um meine Befriedigung darüber auszudrücken, dass Frazer in der dritten Auf- lage des Golden Bough 7, 2, 193ff. (1913) seine Erklärung des Jochganges wieder- holt und, übrigens ohne meine Abhandlung zu kennen, nunmehr auch das Tigillum sororium und die Porta triumphalis zum Vergleich mit dem Jugum herangezogen hat. Da ich bei den Lesern einer Zeitschrift für Volkskunde Interesse für Frazers Ansichten voraussetzen darf, so erlaube ich mir ausführlich mitzuteilen, was Frazer a. a. 0. über den Schwesterbalken und die Triumphpforte bemerkt hat. Zunächst weise ich darauf hin, dass Frazer seine Vermutung, der Jochgang sei ursprünglich eine Reinigungszeremonie gewesen, nicht, wie in der 2. Auf- lage des Golden Bough, in eine Anmerkung versteckt, sondern jetzt in den Text gesetzt hat-). An seine Erklärung des Jochganges schliesst Frazer S. 194 die folgenden, in der 2. Auflage noch fehlenden Bemerkungen: This conjectural explanation of the ceremony is coufirmed by the tradition that Ihe Roman Horatius was similarly obliged by bis feliow-countrymen to pass under a yoke as a form of purification for the murder of Ms sister. The yoke by passing under which he cleansed himself from his sister's blood was still to be seen in Rome when Livy was writing his history under the emperor Augustus. It was an ancient wooden beam spanning a narrow lane in an old quarter of the city, the two ends of the beam being built into the masonry of the walls on either side; it went by the name of the Sister's Beam, and whenever the wood decayed and threatened to fall, the veuerable monument, 1) Das Zitat ist gegeben worden von Fowler, Classical Review 27, 50 und fast gleich- zeitig von Frazer, Golden Bough ^ 7, 2, 194. 2) Im Wortlaut besteht zwischen dem, was Frazer ^ 3, 40G Anm. und neuerdings in der 3. Auflage 7, 2, 193 f. sagt, kaum ein Unterschied. In der 3. Auflage steht am Rande der Seite die folgende Inhaltsangabe: The ancient Roman custom of passing enemies under a yoke was probably in origin a ceremony of purification rather than of degradation. Kleine Mitteilungen. 203 which carried back the thoughts of passers-by to the kingly age of Rome, was repaired at the public expense^). If our Interpretation of these customs is right, it was the ghost of his murdered sister whom the Roman hero gave the slip to by passing under the yoke; and it may have been the angry ghosts of slaughtered Romans from whom the enemy's soldiers were b'elieved to be delivered when they marched under the yoke before being dismissed by their merciful conquerors to their homes. In a former part of this work we saw that homicides in general and victorious warriors in particular are offen obliged to perform a variety of ceremonies for the pur- pose of ridding them of the dangerous ghosts of their victims^). If the ceremony of passing under the yoke was primarily designed, as I have suggested, to free the soldiers from the angry ghosts of the men whom they had slain, we should expect to find that the victorious Romans themselves observed a similar ceremony after a battle for a similar purpose. Was this the original meaning of passing under a triumphal arch? In other words, may not the triumphal arch have been for the Victors what the yoke was for the vanquished, a barrier to protect them against the pursuit of the spirits of the slain? That the Romans feit the need of purification from the taint of bloodshed after a battle appears from the opinion of Masurius, mentioned by Pliny, that the laurel woru by soldiers in a triumphal procession was intended to purge them from the slaughter of the enemy"). A special gate, the Porta Triumphalis, was reserved for the entrance of a victorious army into Rome*); and it would be in accordance with ancient religious views if this distinction was originally not so rauch an honour conferred as a precaution enforced to prevent the ordinary gates from being polluted by the passage of thousands of blood-guilty men. Es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass Frazer im Rechte ist, wenn er das iugum und das tigillum auf eine Stufe stellt. Die Entscheidung darüber, ob er mit seiner Ansicht über die ursprüngliche Bedeutung des Durchzugs durch die porta triumphalis das Richtige getroffen hat, wird wesentlich von der Beant- wortung der Frage abhängen: Fühlten die Römer wirklich 'die Notwendigkeit der Reinigung von dem Makel des Blutvergiessens nach einer Schlacht', hielten sie eine Entsühnung der heimkehrenden Krieger — und zugleich ihrer Streitrosse, Waffen usf. — für nötig? Man hat diese Frage meist im bejahenden Sinne be- antwortet; und, wie ich meine, mit vollem Recht. Ich verweise nur auf die Er- örterungen von W. Warde Fowler in seiner Vorlesung über die Lustration^) und auf die von Ludwig Deubner (der die Kriegsbräuche der neuseeländischen Maori heranzieht) in seinem Vortrag Zur Entwicklungsgeschichte der altrömischen Religion«^). Soweit meine Kenntnis der einschlägigen Literatur reicht, hat nur 1) In der Anmerkung zitiert Frazer die klassischen Stelleu, wo das Tigillum sororium erwähnt wird, und ausserdem beruft er sich auf Roschers Lexikon der Mythologie 2, -21 und auf Wissowa, Religion und Kultus der Römer ^ S, 104. 2) Frazer zitiert: 'Taboo and the Periis of the Soul', pp. 165 sqq. Gemeint ist der zweite, mir jetzt nicht zugängliche Teil der 3. Auflage des Golden Bough. In der 2. Auflage entspricht: 1, 331—341, eine Stelle, worauf ich in meiner Abhandlung über Scheingeburt oben 20, IHO'^ bereits verwiesen habe. 3} Frazer zitiert: Plinius u. h. 15, 135 'Quia suffimeutum sit caedis-hostium et pur- gatio.' — Vgl. die oben 20, 180^ von mir angeführte Stelle Festus p. 117, 13 Laureati milites sequebantur currum triiimphantis, ut quasi purgati a caede humana mtrarent ürbem. 4) Frazer zitiert: Cicero, in Pisonem 23, 55; Josephus, Bellum Judaicum T, 5, 4. 5) Die Anthropologie und die Klassiker, sechs Vorlesungen .... übersetzt von Johann Hoops, Heidelberg 1910 S. 205. 223. 0) Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Literatur 14, 324 ff. 204 Zachariae: J. S. Reid die oben gestellte Frage mit Entschiedenheit verneint. 'It can hardly be supposed', schreibt er, 'that the Romans ever regarded the triumph as in any way a lustral ceremony. The lustratio is a means of putting away guilt and winning favour from the gods; but an army which has ji'st been vouchsafed a victory in answer to vows has ample proof that the cour.tenance of heaven has been secured, and the shedding of blood in a iustum bellum did not, to the Roman mind, call for purification' (The Journal of Roman Studies 2, 46). Ich sehe aber nicht ein, weshalb wir den Römern einen Glauben ab- sprechen sollen, den wir bei anderen Völkern reich genug vertreten finden. Wie weit verbreitet die Anschauung war und noch ist, dass Krieger, die Blut ver- gossen haben, entsühnt werden müssen, hat ja Frazer im Golden Bough ^ 1, 331 ff. unter der Überschrift 'Manslayers tabooed' gezeigt und mit vielen Beispielen belegt. Zu der von Frazer S. 335 und auch von Fowler (Die Anthropologie und die Klassiker S. 223) zitierten Stelle Numeri 31, 19f. (Lagert euch ausserhalb des Lagers sieben Tage, jeder, der Menschen getötet oder Erschlagene angerührt hat, und entsündigt euch am dritten und siebenten Tage, ihr samt euren Ge- fangenen. Alle Kleider sowie alle Geräte von Leder, Ziegenhaar und Holz müsst ihr entsündigen) vergleiche man auch die Kapitel 'Verunreinigung durch Leichen' und 'Rückkehr in den profanen Stand' in Friedrich Schwallys Semitischen Rriegsaltertümern 1, 66 f. 106 ff. sowie Robertson Smiths Lectures on the Religion of the Semites^ 491. Zum Schluss muss ich noch auf ein merkwürdiges Zusammentreffen hinweisen. Die von mir mitgeteilten und besprochenen Ausführungen Frazers über das iugum, das tigillum und die porta triuraphalis waren von ihm niedergeschrieben aber noch nicht dem Druck übergeben, da erschien ein Artikel von W. Warde Fowler mit der Überschrift Passing under the yoke in der Classical Review 27 (1913), 48 — 51. Ähnlich wie ich selbst vor vier Jahren, so geht dieser Autor von Frazers Vermutung über den Jochgang (Golden Bough ^ 3, 406) aus und zeigt, dass das Durchgehen unter dem Schwesterbalken und der Durchzug durch die Triumph- pforte mit dem Jochgang auf eine Stufe gestellt, dass alle drei Bräuche auf den- selben Grundgedanken zurückgeführt werden können. Merkwürdig ist dieses Zusammentreffen von Frazers und Fowlers Ansichten allerdings; 'the closeness of the coincidence between our views is a welcome confirmation of their truth', bemerkt Frazer im Golden Bough ^ 7, 2, 195, Anra. 4. Im übrigen habe ich nicht die Absicht, alle die Gründe hier zu wiederholen, mit denen Fowler seine Auf- fassung gestützt hat. Doch will ich besonders hinweisen auf die Bemerkungen Fowlers über die älteste Form der porta triumphalis und das herausheben, was er am Schluss seines Artikels über die Bedeutung des Jochganges sagt. Was für einen Zweck hatte man wohl im Auge — so fragt er — , wenn man die Kriegs- gefangenen dieselbe Zeremonie durchmachen liess, wie den Mörder (z. B., der Sage nach, den Horatier) oder das siegreiche Heer? Nach Frazer wollte man die Gefangenen, ehe man sie nach Hause entliess, von ihren 'malignant and hostile^) powers' befreien. 'I do not see', bemerkt Fowler hierzu, 'that we can find a better explanation, though I might put it somewhat differently. They had to be brought out of one status into another; they must not be any longer the same beings they were before the deditio; just as in historical times the dediticius passed out of his former status into a new one, and became absorbed in the body politic of the conqueror, to be henceforward harmless.' Oben 20, 179 1) 'Some uncanny powers' sagt Frazer in der 3. Auflage des Golden Bough 7, 2, 194. Kleine Mitteilungen. 205 hatte ich die Vermutung ausgesprochen, dass das Durchgehen unterm Joch die Zurückführung der Kriegsgefangenen in ihre frühere Stellung bezweckte. Aber das sollte nur eine Vermutung sein. Denn da das 'Durchkriechen' den verschiedensten Zwecken dient, so kann man allerdings über den ursprüng- lichen Sinn des Jochganges verschiedene Ansichten aufstellen. Aber damit scheint mir Frazer durchaus das Richtige getroffen zu haben, dass er die gewöhnliche Annahme, der Jochgang sei eine Zeremonie der Erniedrigung oder Demütigung gewesen, zurückgewiesen hat. Das möchte ich besonders betonen. Wer dem genialen englischen Forscher nicht beizupflichten vermag, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als zur 'Symbolik' seine Zuflucht zu nehmen. Schon Livius be- hauptet an der Stelle, wo er das iugum zum ersten Male erwähnt (3, "28: Sieg der Römer über die Aequer), dass die Kriegsgefangenen unter dem Joch davon- ziehen mussten, 'ut exprimatur confessio subactam domitamque essegentem'; und H. Nissen gibt in seiner Beurteilung des Jochganges der Römer bei Caudium allerdings zu, es sei kein besonderer Schimpf gewesen, den C. Pontius den ge- fangenen Legionen antat, wenn er sie das Joch passieren liess; aber dann fügt er hinzu: die Symbolik deutet an, dass sich die Römer als kriegsgefangen und nur durch Gnade in Freiheit gesetzt bekannten^). Ähnlich erklärt Henri Gaidoz in seinem Buche über das Durchkriechen") den Jochgang für einen Unterwerfungs- ritus (rite de soumission). Er geht aus von dem Rasen gang, der als ein Heil- ritus und auch als ein Zeichen der Unterwerfung vorkommt (oben 20, 148f.; 177), erinnert an das Werfen auf die Erde, an Ausdrücke wie Mordre la poussiere ou la terre, Ins Gras beissen usf., und unter den Belegen teilt er mit, was Baber in seinen Denkwürdigkeiten von den Afghanen erzählt^). Als Kaber Afghanistan erobert hatte, und als die Afghanen einsahen, dass weiterer Wieder- stand vergeblich sein würde, da erschienen ihre Gesandten vor Baber, Gras im Munde haltend. Das sollte bedeuten: Wir gehören dir, wir sind dein Vieh*). 'C'est ainsi', bemerkt Gaidoz dazu, 'que ce rite de soumission etait compris: c'est un rite representatif d'asservissement, oü l'homme asservi est ravale au rang de betail, rite identique, par l'intention, a celui des Romains quand ils faisaient passer l'ennemi vaincu sous le joug, c'est-a-dire l'assi- milaient a une bete de labour'. Aber jenes torartige Gerüst oder Gestell, 1) Gegen diese Erklärung habe ich mich bereits oben 20, 179 ausgesprochen. So wendet sich auch Schwally bei der Besprechung von gewissen Bundschliessungsriten (vgl. oben '20, 150 ff.) mit Entschiedenheit gegen die symbolische Theorie. 'Wenn auch bereits sehr früh aus diesen Riten ein symbolischer Sinn lierausgefühlt wurde, so niuss derselbe doch schon um deswillen sekundär sein, weil religiöse Motive immer älter sind als symbolische' (Semitische Kriegsaltertümer 1, 54f.). Ich verweise noch auf die treffenden Bemerkungen von W. Kroll in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 1905, 243 f. und von P. Sartori, Sitte und Brauch 1, 15 f. 2) Un vieux rite medical 1S92 p. 83. Ich habe mich zwar schon früher über die von Gaidoz hier vorgetragene Ansicht geäussert, halte es aber für erspriesslich, hier noch einmal darauf zurückzukommen; ist doch Un vieux rite mödical ein seltenes, durchaus nicht allgemein zugängliches Buch. Übrigens vergleiche man auch den Artikel 'La soumission par le symbole de l'herbe', den Gaidoz in seiner Melusine 9, 33—34 ver- öffentlicht hat (mir jetzt nicht zugänglich). 3) Ich benutze hier auch eine Mitteilung von G. A. Grierson, Indian Antiquary 20 (1891), 338 f. 4) Zu diesem Ausdruck vergleiche man R. Pischel (der übrigens den von Gaidoz aus Babers Denkwürdigkeiten beigebrachten Beleg nicht kennt) in seiner Abhandlung über die Redensart 'Ins Gras beissen', Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1908, S. 448. 206 Zachariae, Boehm: unter dem besiegte Feinde hindurchgeben mussten, ebe sie nacb Hause entlassen wurden, ist wohl einem Joch ähnlich und wird geradezu Joch genannt, aber es ist darum kein Joch im eigentlichen, gewöhnlichen Sinne des Wortes; es ist nichts weiter als ein 'extemporised arch', um Powlers sehr glücklichen Ausdruck zu gebrauchen (Classical Review 27, 48). Einen solchen Bogen mit drei Speeren zu bilden, von denen zwei in die Erde gesteckt und einer quer darüber gebunden wurde, lag draussen im Felde nahe genug. Sehr wenig unterscheidet sich das Gestell, das die Römer iugum nannten, von dem, das die Tartaren errichteten (duas hastas ponunt iuxta ignes, et unam cordam in summitate hastarum) und unter dem sie nach einem Todesfalle hindurchschritten, um sich zu reinigen; und dieses Gestell wiederum ist sehr nahe verwandt dem Bogen — oder dem 'Joch', wie es Oldenberg nennt — , unter dem in Indien die Angehörigen eines Ver- storbenen, wenn sie von der Verbrennungsstätte zurückkehrten, hindurchgehen mussten: zwei Äste eines heiligen Baumes werden in den Boden geschlagen und oben mit einer dünnen Schnur zusammengebunden (oben 17, 470; 20, 180 f.). Halle a. S. Theodor Zachariae. Zur Pflege der Tolkskunde in Italien. Unter den mannigfaltigen Veranstaltungen, mit denen im Jahre 1911 das 50jährige Jubiläum des Königreichs Italien gefeiert wurde, stand die auf der Piazza d'Armi in Rom errichtete 'Mostra Etnografica' an einer der ersten Stellen. Sie war der 'Etnografia Italiana', der italienischen Volkskunde, gewidmet und zerfiel, wenn man von dem üblichen Vergnügungspark u. dgl. absieht, in zwei Hauptteile: Einmal waren die historischen Provinzen des Königreichs durch besondere Gebäude vertreten, die jedesmal in der für ihre Gegend charakteristischen Bauart errichtet waren und in ihrem Inneren in ebenfalls charakteristischem Rahmen Sonderausstellungen der bezeichnenden Industrie-, Handwerks- und Heim- arbeitserzeugnisse enthielten, zum Teil diese sogar (Flechtereien, Gewebe u. dgl.) vor den Augen der Besucher entstehen Hessen. Neben vielem Interessanten und Hübschen gab es hier auch manche Geschmacklosigkeiten, so Wiedergaben von Teilen des Dogenpalastes in Venedig, des Palazzo Vecchio in Florenz, die bei der selbstverständlichen Verkleinerung der Masse und der ünechtheit des Materials unschön wirkten. — Den zweiten Teil der Ausstellung bildete eine in einem besonderen, würdigen Gebäude untergebrachte Sammlung von Volkstrachten, Handarbeiten, Geräten und anderen volkskundlichen Gegenständen, die wegen der Fülle des aus ganz Italien zusammengebrachten Materials und dessen wissen- schaftlicher Anordnung einen vorzüglichen Eindruck machte und sehr interessant und lehrreich war. Besonders reichlich waren die Gruppen der volkstümlichen Drucke, Flugblätter usw. sowie der Amulette beschickt. Den Kern dieser Sammlungen bildete das von Dr. Lamberta Loria am 20. September 1906 in Florenz begründete Museo di Etnografia Italiana. Dieser Gelehrte, der mit unermüdlichem Fleisse und selbstloser, unerschütterlicher Begeisterung für die Belebung der volkskundlichen Studien in Italien tätig ge- wesen ist, wurde im Jahre 1855 zu Alexandria in Ägypten geboren, von wo sich sein Vater bald nach Pisa begab. Hier genoss L. seine Ausbildung, die 1881 mit der Erwerbung der Doktorwürde ihren Abschluss fand. Ursprünglich Mathematiker, Kleine Mitteilungen. 207 wandte er sich allmählich der Völkerkunde zu und machte mehrere grosse wissen- schaftliche Reisen, 1883 nach Lappland, Russland, dem Kaukasus und Turkestan, 1886 nach Indien, 1889 und 1891—1898 nach Neu-Guinea, von wo er bemerkens- werte zoologische, ethnographische und kraniologische Sammlungen heimbrachte, 1905 nach Erythrea. Auf dieser letzten Auslandsreise reifte in ihm der Entschluss, sich für den Rest seines Lebens der Ethnographie seines Heimatlandes zu widmen, wofür er in einem seiner Reisebegleiter, Aldobrandino Mocchi, einen von gleichen Plänen erfüllten Mitarbeiter fand. Mocchi hatte sich bereits im Laufe der Zeit eine kleine Sammlung volkskundlicher Gegenstände angelegt, die den Grundstock des bald darauf von Loria begründeten Museums bildete. Dieser befand sich selbst in einer finanziell günstigen Lage, so dass er seine ganze Zeit und einen grossen Teil seiner Mittel dem neuen Unternehmen widmen konnte, ausserdem gewann er in dem Grafen Bastogi einen hochherzigen Förderer seiner Sache, der ihm die pekuniäre Sicherung des neuen Museums gewährleistete. Dieses wurde in Florenz in Privaträumen untergebracht und umfasste schon ein Jahr nach seiner Begründung etwa 2000 Gegenstände, die von Loria und Mocchi gründlich katalogisiert waren. Im Jahre 1908 Hessen unverschuldete finanzielle Verluste des Grafen Bastogi den Fortbestand des Museums ernstlich gefährdet erscheinen. Da eröffnete sich eine neue, glänzende Aussicht für Lorias Pläne, indem er von dem offiziellen Komitee zur Vorbereitung der Jubiläumsveranstaltungen in Rom den Auftrag erhielt, seine Museum ssammlungen 1911 auf der Mostra Etnografica auszustellen, und zu deren Vervollständigung mit reichlichen Geldmitteln versehen wurde. Er begann nun eine rastlose Tätigkeit, reiste in ganz Italien umher, um zu sammeln, und vor allem, um sammelnde Mitarbeiter in allen Volksschichten zu gewinnen. Ein besonders tätiger Helfer bei diesen Vorbereitungen war ihm sein Freund Prof. Francesco Baldasse roni. Um das durch ihn neu erweckte Interesse an volkskundlicher Sammel- und Porschungstätigkeit dauernd wachzuhalten und ihm einen literarischen Mittelpunkt zu geben, gründete Loria am I.Juli 1910 die Gesellschaft für italienische Volkskunde, Societä d.i Etnografia Italiana deren Vorsitz er übernahm und deren Organ, die Zeitschrift 'Lares', von der später noch ausführlicher berichtet werden soll, er herausgab. Lorias vorbereitende Tätigkeit war von bestem Erfolge gewesen. Der Katalog der Volkskunde-Ausstellung (Bergamo, Istituto Italiano di Arti Grafiche 1911), verfasst zum grössten Teil von Baldasseroni und erschienen leider erst eine Woche vor Schluss der Ausstellung (s. Lares 1, 1 S. 103 f.). umfasst gegen 40000 Gegenstände. Vom 19. bis U. Oktober 1911 tagte in Rom der erste Kongress für italienische Volkskunde unter Lorias Leitung. Die Verhandlungen sind unter dem Titel 'Atti del primo Congresso di Etnografia Italiana' als stattlicher Band erschienen (Perugia, Unione Tipogr. Coop. 1912). Da es unmöglich ist, an dieser Stelle über jeden Vortrag ausführlicher zu berichten, so seien nur die Haupt- themata und -vortragenden genannt: Es berichteten H. Schuchardt über 'Sachen und Wörter' (der Vortrag wurde in Abwesenheit des Verfassers von Baldasseroni verlesen), A. de Gubernatis über die Geschichte in der Ethnologie, C Puini über Trauerbräuche, R. Corso über Hochzeitsbräuche, A. Baragiola über das Bauern- haus, G. Bellucci über Amulette, F. Novati über volkstümliche Drucke, A. Niceforo über Sondersprachen und ähnliches, A. Andriulli über die albanesischen Siedlungen in Italien u. a. m. Loria hegte die nicht unbegründete Hoffnung, dass die mit so grosser Mühe zusammenaiebrachte Sammlung auch nach dem Schluss der Ausstellung erhalten 208 Boehm: bleiben, vomStaate übernommen und zu einem Nationalmuseum für italienische Volkskunde ausgestaltet werden würde; in der Schlusssitzung des Kongresses am 24, Oktober wurde eine dahingehende Entschliessung einstimmig angenommen und der Vorstand beauftragt, dem Unterrichtsministerium davon Mitteilung zu machen. Dieselbe Sitzung brachte eine auch für weitere Kreise interessante Besprechung der Frage, nach welchen Grundsätzen das zukünftige Nationalmuseum gestaltet werden solle, ob die Gegenstände nach stofflichen oder nach geographischen Gruppen angeordnet werden sollten. Beide Standpunkte wurden von ihren Ver- tretern lebhaft verteidigt, Baldasseroni trat sehr energisch für die Aufstellung nach Materien ein, während das geographische Prinzip besonders von Prof. Pigorini empfohlen wurde, in dessen Sinne auch schliesslich eine Tagesordnung beschlossen wurde. Die Bemühungen Lorias schienen dem Ziele nahe, und schon teilte er seinen Freunden mit, dass bald, mit finanzieller Unterstützung der Stadtverwaltung von Rom, das neue Museum in der Hauptstadt, voraussichtlich in der Valle Giulia, erstehen werde. Da riss ihn am 4. April 1912 der Tod mitten aus seiner Tätigkeit heraus, zur tiefsten Betrübnis der ihm nahestehenden Forscher und aller für die Volkskunde Italiens Interessierten. Die Societä, deren Vorsitz nach Lorias Tod an Prof. Francesco Novati überging, sieht jetzt ihre vornehmste Aufgabe darin, den Plan ihres Begründers zu verwirklichen. Wie mir Herr Dr. Giovanni Ferri, der Schriftführer der Gesellschaft, mitzuteilen die Freundlichkeit hatte (am 2, März d. J.), sind die Aussichten auf Erfolg zurzeit nicht ungünstig, indem der Staat zunächst die provisorische Aufbewahrung der Sammlungen Lorias, die im Palazzo delle Belle Arti in Valle Giulia untergebracht worden sind, übernommen hat. Herrn Dr. Ferri danke ich an dieser Stelle für diese und andere freundliche Auskünfte aufs verbindlichste. Hoffen wir, dass die Bemühungen der Societä, die auch unserem Vereine alsbald nach ihrer Begründung als dauerndes Mitglied beigetreten ist. bald zum Erfolge führen. Italien bietet bei der Mannigfaltigkeit seiner Bewohner in Mund- art, Sitte, Tracht usw. ein so unendliches reiches Gebiet für die Forschung, dass die Errichtung eines grossen Museums in Rom als eines Zentralpunktes der ge- samten volkskundlichen Forscher- und Sammeltätigkeit, nicht nur in Italien sondern allenthalben nur mit der grössten Sympathie begrüsst werden kann. Unter den Namen der Männer, die hier als die Hauptträger der neuen volks- kundlichen Bewegung in Italien genannt wurden, wird man vielleicht den des Altmeisters der italienischen Volkskunde, Giuseppe Pitres, mit Verwunderung vermisst haben. Sind doch die Verdienste dieses Gelehrten um die italienische Volkskunde so hoch, dass es in jeder Beziehung zu bedauern wäre, wenn er dem von Loria begonnenen Werke gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstände. Zum Glücke ist dies keineswegs der Fall, wenn auch traurige Umstände eine aktive Beteiligung Pitres unmöglich machen. Loria, der mit Pitre nahe befreundet war, bat ihn, für das erste Heft der Lares um eine Besprechung des Buches von R. Pettazzoni über die primitive Religion in Sardinien, da er der Ansicht war, dass 'die Erstlingsnuramer einer Zeitschrift, die die Volkskunde unseres Volkes behandelt, irgend einen Beitrag von Giuseppe Pitre enthalten müsse' (Lares 1, 1 S. 8). Leider erklärte sich Pitre in einem wehmütigen Brief an Loria für ausser- stande, diese Bitte zu erfüllen. Er stehe, so schreibt er, noch immer unter dem niederdrückenden Eindruck des unsäglichen Unglücksschlages, der ihn getroffen [der Tod seines Sohnes], und lebe nur noch, um den Wunsch seines angebeteten Sohnes, die Vollendung der 'Biblioteca delle tradizioni popolari siciliane', zu Kleine Mitteilungen. 209 erfüllen. Für Zeitschriften zu schreiben fühle er sich geistig und physisch unfähig. An dem Kongresse nahm er aus denselben Gründen nicht teil, wenn sich auch sein Name auf dem 'Elenco degli inscritti al Congresso' befindet. Auf ein herz- liches und seine Verdienste hervorhebendes Begrüssungstelegramm von der Er- öffnungssitzung antwortete Pitre ebenso herzlich und wünschte dem 'weisen und patriotischen Werk' Lorias besten Erfolg. Dass diese Wünsche des verehrungs- würdigen Meisters die neue Bewegung begleiten, darf man gewiss als ein glück- liches Omen betrachten. Eines der Hauptverdienste Pitres um die italienische A^olkskunde war die Herausgabe des 'Archivio per lo studio delle tradizioni popolari'. Leider hat diese Zeitschrift, wohl aus den oben von Pitre selbst bezeichneten Gründen, mit dem 2. Hefte des 24. Bandes, das im Frühjahr 1910 ausgegeben wurde, ihr Er- scheinen eingestellt, was jeder, der sich mit der italienischen Volkskunde be- schäftigt, tief bedauern wird. Die Aufgabe, ein ganz Italien umfassendes Organ volkskundlicher Wissenschaft zu bieten, hat nun die Societä di Etnografia Italiana mit der Zeitschrift 'Lares' übernommen, deren erster stattlicher und schön ausgestatteter Band im Jahre 1912 erschien (267 S., bei E. Loescher & Co. [W. Regenberg] in Rom). Vom 2. Bande liegt mir das erste, nach Lorias Tod von Prof. Francesco Novati herausgegebene Heft vor, das zweite dürfte nach einer Nachricht von Herrn Dr. Ferri auch schon erschienen sein, ist mir aber noch nicht zugegangen. — Den Namen der Laren, der altitalischen Haus- und Flurgottheiten, wählte man, einer Anregung Novatis folgend, im Hinblick auf das Ziel der neuen Zeitschrift, die Ursprünge und Entwicklungen der Überlieferungen und Bräuche und des äusseren Lebens des italienischen Volkes zu erforschen. Sie, die das Leben der Vorfahren von der Wiege bis zum Grabe begleiteten und verehrt wurden, wo nur eine menschliche Ansiedlung sich erhob, sollen auch auf dem Wege der heutigen Erforschung des Volkslebens in allen seinen Äusserungen schützend und segnend voranschweben. Auch in bezug auf die Lares verbietet es sich, im Rahmen dieser kurzen Mitteilungen auf die einzelnen Aufsätze näher einzugehen. Der 1. Band wird durch einen programmatischen Artikel von Loria eingeleitet, in dem er zunächst von der Entstehung der Societa und der Ausstellung spricht und der Hoffnung Ausdruck gibt, dass das Nationalmuseum bald errichtet werde. Dann erläutert er den Begriff der Etnografia Italiana als einer Wissenschaft, die sowohl die geistige wie die materielle Kultur des italienischen Volkes umfasse; das letztgenannte Gebiet sei bis jetzt ziemlich vernachlässigt, jedenfalls nicht genügend in organischem Zusammenhang mit dem ersten, dem der 'Polkloristen', betrachtet worden. Die Behauptung, dass es die hier definierte Wissenschaft bis jetzt in Italien überhaupt nicht gegeben habe, klingt zwar kühn, ist aber ohne Zweifel schwer zu bestreiten, da es eben an einer Zentralorganisation gefehlt hat, die die Ergebnisse der verschiedenen Wissensgebiete, die ein einzelner kaum noch zu umfassen vermag, sammelte und durch eine Zeitschrift wie durch Kongresse u. dgl. einen Austausch der Meinungen und Resultate ermöglichte. Pitres Archivio war fast ausschliesslich der Folklore im engeren Sinne gewidmet; Pitre selbst be- zeichnet bekanntlich seine Wissenschaft als Demopsicoiogia und versteht darunter das Studium des moralischen und materiellen Lebens der zivilisierten, nicht- zivilisierten und wilden Völker, zieht also die Grenzen ausserordentlich weit. — Es folgt eine Übersicht über die Verhandlungen des Kongresses von Mocchi, eine Abhandlung von Baldasseroni über die Frage der Anordnung in dem zukünftigen Museum, in der er seinen oben gekennzeichneten Standpunkt — Aufstellung nach Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 14 210 Michel, Hahn: Materien — verteidigt. Dann eine Reihe von Aufsätzen, deren Titel hier folgen: A. Baragiola, Una leggenda di Pormazza; R. Pettazzoni, Sopravvivenze del rombo in Italia; L. Salvalorelli, Andrew Lang; G. Nicasi, Le credenze religiöse delle popolazioni dell' Alta Valle del Tevere; G. A. di Cesarö, II valore occulto di superstizioni ecc.; A. Solmi, Sulla interpretazione dei riti nuziali; A. Baragiola, A proposito di una pubblicazione di Ewald Paul; A. Balladoro, Una leggenda della morte; L. Loria, L' Etnografia strumento di politica interna e coloniale. Den Schluss machen Bücherbesprechungen, bibliographische Notizen, Anfragen und Antworten. — Das erste Heft des zweiten Bandes bringt zunächst einen Nachruf aufljoria von Baldasseroni mit zwei Porträts des Verstorbenen, dann Abhandlungen von F. Novati, La raccolta di stampe popolari italiane della biblioteca di Fr. Reina; A. Levi. Contributi della Societa di Etnografia Italiana allo studio del diritto e della coscienza giuridica popolare; G. B. de Gasperi, Appunti sulle abitazioni temporanee della Majella. Es folgen einige kurze Mitteilungen, Besprechungen usw., wie im ersten Bande. Der Bezugspreis der Zeitschrift (jährlich 16 Bogen mit 16 Tafeln) beträgt für das Ausland 17 Lire; einzelne Hefte werden für 7 Lire abgegeben. Der erste Band ist mit einer schönen Wiedergabe der Larenstatuette aus der Ambrosiana geschmückt und trägt als Motto das uralte 'Enos Lares iuvate!', die Bitte um Segen und Gedeihen. Dass diese Bitte in Erfüllung gehe und die von Loria mit soviel Liebe ins Leben gerufene und geförderte Bewegung weitere Portschritte mache und schöne Früchte trage, ist gewiss der Wunsch aller volks- kundlich Interessierten und Tätigen. Berlin-Pankow. Fritz Boehm. Bticheranzeigen. Friedrich Seiler, Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts. I. Teil. Die Zeit bis zur Einführung des Christen- tums. Dritte gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage. Halle, Waisenhaus 1913. XL, 268 S. 8". 4,60 Mk. Dass dies vortreffliche Werk, auf das ich in dieser Zeitschrift schon mehrfach empfehlend hingewiesen habe (oben 21, 431 f. 23, 208 f.), nach verhältnismässig kurzer Zeit in 3. Auflage erscheinen kann, dazu darf man den Verfasser, die Verlagsbuchhandlung, aber auch das Publikum aufrichtig beglückwünschen. Der vorliegende 1. Band ist gegen die 2. Auflage, die 1905 erschien, um ungefähr das Doppelte gewachsen. Seiler hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht und ist den Forschungen des letzten Jahrzehnts mit grosser Gewissenhaftigkeit gefolgt: namentlich die Arbeiten von Schrader, Hoops, Hirt, Meringer, Gramer, Feist und zuletzt noch Kauffnianns 'Deutsche Altertumskunde' haben ihm zahlreiche An- regungen geboten und wichtiges Material vermittelt. Vermisst habe ich die Heranziehung des lehrreichen und scharfsinnigen Buches von Gradmann: 'Der Getreidebau im deutschen und römischen Altertum' (Jena 1909). Sehr erweitert, Bücheranzeigen. 211 zum Teil neu geschrieben wurden die Kapitel über Obstzucht und Gartenbau, Jagd und Fischfang, Handwerk, Hauswirtschaft und Körperpflege. Überall geht Wortforschung mit Sachforschung Hand in Hand; das Urteil ist vorsichtig und unbefangen, die Darstellung schlicht und prunklos. Seinen Standpunkt den Fremd- wörtern gegenüber hat der Vf. mit Recht festgehalten; es fällt ihm nicht schwer, die stumpfen Argumente seiner Gegner zu widerlegen. Der blinde Chauvinismus, der sich zur Zeit bei dem gesteigerten Nationalgefühl auch in die Wissenschaft eindrängt, wird von Seiler kühl zurückgewiesen. ^Die Aneignung der römischen Zivilisation ist es, die unserem Volke Bestand und Dauer verliehen hat" (S. 255). „Wir müssen zugestehen, mag es uns auch leid sein, dass es eine originelle deutsche Kultur nicht gegeben hat und nicht geben konnte, dass wir, was wir ge- worden sind, andern, früher als wir entwickelten Völkern verdanken" (S. 256). Leipzig. Hermann Michel. Konrad Hörmann, Herdengeläute und seine Bestandteile. Hessische Blätter für Volkskunde Bd. XII Heft 1—2. Leipzig, B. G. Teubner 1913. 99 S. Der Verfasser hatte schon früher über ein eigenartiges Gerät, den Schellen- bogen, an dem die Kuhglocke hängt, gearbeitet, das, seit wir anfangen, auch das deutsche Volk und seine Geräte, Trachten, Wohnung, Gebräuche usw. als einen Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung zu betrachten, die Aufmerksam- keit der Forscher erregt hatte. Nun hat ihn der Erfolg seiner damaligen Arbeiten veranlasst, der Musik unserer Herden, ihrer Verbreitung und Bedeutung diese schöne eingehende und mit einer Anzahl interessanter Bilder auf 13 Tafeln ge- schmückte Arbeit zu widmen, zu der wir uns und den Verfasser beglückwünschen können. Als ein eigenartiges aber doch nicht unwichtiges Ergebnis ist dabei festzustellen, dass eigentlich nur die germanische AVeit Anspruch auf das richtig abgestimmte Herdengeläute hat. Wir begegnen freilich schon auf altägyptischen Darstellungen Rindern, besonders auch Ochsen, zu deren reichem Schmuck Gebilde gehören, die unseren Glocken verzweifelt ähnlich sehen, aber auch wenn wir in Afrika heute noch oft Glocken, und zwar ganz kunstgerechte, vom afrikanischen Eisenschmied mit seiner altbewährten Kunst hergestellte, lautklingende Glocken vorfinden, so haben wir hier doch das, was wir unter dem deutschen Ausdruck Geläut verstehen, keineswegs anzunehmen. Es handelt sich hier vielmehr einmal um einen Schmuck, und das ist wohl auch die Hauptabsicht bei dem ägyptischen Behang, andererseits handelt es sich um ein klingendes Instrument, das ja auch dem Schmuck dienen kann, ähnlich wie die afrikanischen Glockenspeere oder die zahlreichen Glocken und Schellen, die der Afrikaner in seinen Schmuck, be- sonders in seinen Tanzschmuck einzieht, endlich ist auch noch an die Glocke als Amulett zu denken. Natürlich ist aber die Glocke nicht nur ein Schmuckgerät mit musikalischer Nebenbedeutung, sondern es kommt auch in P>age, dass der Klang der Schelle oder Glocke das Auffinden des Tiers in unübersichtlichem Gelände bedeutend erleichtern kann, und in dieser Bedeutung kommt es wirklich auch an der ersten beglaubigten Stelle vor. Hier handelt es sich um ein Leittier, das durch seine Schelle das Auffinden der ganzen Herde erleichtern soll. Solche für den Menschen wie für die übrigen Tiere der Herde nützlichen und wichtigen Leitschellen finden wir ausserordentlich weit verbreitet, bei den Kamelkarawanen Asiens, wie bei den Maultierzügen des romanischen Amerikas. Das ist aber natürlich etwas ziemlich 14* 910 Hahn, Feist: anderes als das in sich melodisch abgestimmte Geläut unserer Rinderherden, das in den Harzer Sommerfrischen vielfach der Kuhherde den Scherznamen der Orts- kapelle eingetragen hat. Hier handelt es sich um ein echtes Erzeugnis des ger- manischen Volksgeistes, das, wenn es, wie es sein sollte, mit richtigem Musiksinn zusammengestellt ist, entschieden ein reizvolles, den Genuss erhöhendes Stück der Landschaft bildet. H. ist auch auf die schwierige und auch technisch wichtige Einteilung der Rollen, Schellen und ihre sonstige Ausgestaltung eingegangen und kommt dabei zu interessanten Schlüssen. Für die Volkskunde wäre es vielleicht zu empfehlen, dass irgend ein musikalischer Sachverständiger, der Naturgefühl und Liebe zu den Tieren verbindet, sich einmal der Stimmung der Glocken annimmt und für die Harmonie unseres Herdengeläutes sorgt, soweit es noch vorhanden ist oder mit der neuen Richtung gegen zuviel Stallfütterung wieder auftritt. Volkskundlich, besonders aber im Interesse der Wohlfahrtspflege ist mir ein sehr bezeichnender Umstand aufgefallen, der uns zugleich als Muster dafür gelten kann, mit welch naiver und doch sachlich zweckentsprechender Klugheit unser Volk mitunter seine Gebräuche ausgestaltet: Die erste literarische Erwähnung der Schelle ist, wie gesagt, eine Stelle, in der eine empfindliche Schädigung des Nachbarn zugleich mit der Entwendung eines vielleicht beneideten Geräts beim Diebstahl der Schelle des Leittiers zusammengeht. Hirten sind vielfach Jungvolk, und Jugend hat keine Tugend. Gleichwohl war das gegenseitige Entwenden der Viehglocken, wenn es zum Sport wurde, doch sicher oft mit ärgerlichen Störungen des Viehtriebs verknüpft. Da war es denn eine nützliche und einfache Einrichtung, wenn mit dem Amt des Hirten auch die Beschaffung des Geläuts verbunden wurde und so eine feste Kaste, die ein grosses Gebiet in einem engeren Verbände unter ihrer Obhut hatte, das Eigentum an diesem gefährdeten Besitz in wenigen festen Händen vereinigte. Für die Volkskunde sehr wesentlich ist dann noch die Rolle, welche die Viehglocken in dem Gebiet des schwäbischen und bayerischen Stammes in weiterem Sinne in jenen jetzt überall nur in Überlebseln und in zersprengten und dem Volke trotz aller Wichtigkeit, ja Heiligkeit selbst unverständlichen Resten erhaltenen Bräuchen spielen, die in dem Berchtenlaufen, in den Fastnachts- und Frühlings- bräuchen, dem Glöcklerlaufen usw. erhalten sind und bei denen die Herden- glocken als Teile der herkömmlichen Kostüme Schmuck und musikalische Begleitung hergeben müssen. Weil die romanische Welt das Herdengeläute in unserem Sinne nicht gekannt hat, ist es natürlich ganz ausgeschlossen, dass, wie kurze Zeit eine jetzt wohl schon überwundene Richtung behaupten wollte, hier Reste vorliegen sollten, die auf ursprünglich römische Gebräuche zurückgingen, es wird sich vielmehr wirklich, wie die ältere Zeit das angenommen hatte, um Reste einer echt germanischen Acker- und Fruchtbarkeits-Religion gehandelt haben. Es ist jedenfalls sehr zu hoffen, dass Th. von der Goltz in seiner 'Geschichte der Deutschen Landwirt- schaft' (Berlin 1902—03) als der letzte behauptet hat, vor den Römern könne von deutscher Landwirtschaft nicht die Rede sein. Die vorgeschichtlichen Funde widerlegen eine solche Behauptung auf das allerschärfste. und diese Arbeit beweist ja auch, wie in der Herdenwirtschaft das germanische Volk schon in ältester Zeit weit von Rom abführende Wege gewandert war. Dem Verfasser der gründlichen, fleissigen und vielfach so anregenden Arbeit ist jedenfalls eine baldige Vollendung des noch ausstehenden Teils von Herzen zu wünschen. Berlin. Eduard Hahn. Bücheranzeigen. 213 Richard Thurnwald, Forschungen auf den Salomoinseln und dem Bismarck- Archipel. I. Lieder und Sagen aus Buin. III. Volk, Staat und Wirt- schaft. Mit Unterstützung der Baessler-Stiftung herausgegeben im Auf- trage der Generalverwaltung der kgl. Museen zu Berlin. Anhang zu Band I: Die Musik auf den Salomo- Inseln von E. M. Hornbostel. Band I mit 14 Tafeln, 3 Karten uud 42 Notenbeispielen; Band III mit 1 Lichtdrucktafel und 70 Stammtafeln. Berlin, Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) 1913. XX, 538 S., YIII, 92 S. 32 und 18 Mk. Nach der Veröffentlichung von verschiedenen Einzelaufsätzen in ethnologischen, rechtswissenschaftlichen und kolonialen Zeitschriften über die Ergebnisse seiner Forschungsreisen in der Südsee während der Jahre 1906 — 1909 gibt uns Vf. in dem I. Bande des vorUegenden, musterhaft ausgestatteten Werkes nunmehr eine grosse Sammlung von Liedern und Sagen aus Buin, dem südöstlichen Ende der Insel Bugainville. Sie ist eingeteilt in L Männerlieder, a) Politische Lieder (in weitestem Sinne), b) Preundschaftslieder, c) das Verhältnis zum anderen Geschlecht. II. Frauenlieder, a) zur Jünglingsweihe, b) gelegentlich der Heirat, c) Liebes- lieder, d) Schmählieder. III. Sagen, a) Tod und Krankheit, b) kosmische und atmosphärische Erscheinungen, c) die Erscheinungen des Erdbildes, d) Pflanzen und Tiere, e) Kultur- und Heilbringersagen, f) Vorbedeutungen, Verbote, Zauber. Im ganzen werden 139 Stücke mitgeteilt. Der Anhang über die Musik ist auf dem Material des Phonogramm-Archivs des psychologischen Instituts der Universität Berlin aufgebaut und umfasst ausser einer Beschreibung der Musikinstrumente und Melodien nebst 42 Notenbeispielen auch eine kurze musikwissenschaftliche und ethnologische Betrachtung. Die Lieder werden im Originaltext mit Interlinearversion und einer freien Übersetzung mitgeteilt, und zu jedem wird eine Erläuterung über Herkunft, Ver- anlassung, Inhalt usw. des Liedes gegeben. Die Entstehung und Abfassung der Lieder kann manchen Wink für den Literaturforscher abgeben, der dem Ursprung unseres Volksgesangs in älterer und neuerer Zeit nachgehen will. Ich weise auf das Abfassen eines Liedes im Auftrage eines Bestellers, auf das Zusammenwirken mehrerer Autoren, auf die Anspielungen mannigfacher Art u. dgl. mehr hin. Wenn die Lieder die Beziehungen von Mensch zu Mensch darstellen, so geben die Sagen diejenigen zur Natur wieder. Hier werden nur in vier Fällen die Urtexte geboten, für die übrigen Sagen schien dem Vf. die Übersetzung zu genügen. Doch fügt er den einzelnen Sagen seine Bemerkungen bei. Auf die Mitteilung einzelner Stücke oder auch nur den Hinweis auf ihren Inhalt muss ich hier verzichten; die Auswahl könnte nur rein willkürlich sein. Nur auf einen Punkt möchte ich aufmerksam machen: die Belehrung, die Sprach- forscher aus den Beobachtungen und Mitteilungen des Vfs. über die abweichenden Sprachformen der älteren und jüngeren Generation in den Liedern und Sagen ziehen können. Die Mühe, die ihre Aufzeichnung den Vf. kostete, kann jemand nachfühlen, der nur einmal versucht hat, primitive Menschen (selbst Europäer) auch nur zur Mitteilung einzelner Wörter ihrer Sprache zu veranlassen. Der 3. Band bringt das soziologische Material, für dessen Verarbeitung Vf. durch vorhergehende vergleichende Studien geschult war. Den Hauptinhalt bilden 70 Stammtafeln, denen die Erläuterungen aus buchtechnischen Gründen voran- gestellt sind. Sie gliedern sich in I. Lebensabschnitte, a) Pubertät, b) Heirat, 214 Feist: c) Tod; IL Wirtschaft und Staat; III. Begebenheiten; IV. Statistik zu den Stamm- tafeln. — Auch bei diesem Band muss ich es mir leider versagen, auf die hoch- interessanten Einzelheiten einzugehen (Heiratsformen, Totenverbrennung und Be- stattung, Kampfesweise im Krieg, Strafen usw.), die eine Fundgrube für den Folkloristen bilden. Ausführliche Register erleichtern bei beiden Bänden die Auffindung der be- handelten Materien. Berlin. Sigmund Feist. William Thalbitzer, The Ammassalik Eskimo. Contribiitions to the Ethnology of the East Greenland Natives. Part I. (Meddelelser cm Grön- land, vol. XXXIX.) Published at the Expense of the Carlsberg Fund. Copenhagen, Bianco Lund 1914. XIX, 755 S. Lex. 398 Abbildungen. 1 Karte. Alle Kolonien besitzenden Völker betrachten es als dringende Aufgabe, von dem schwindenden kulturellen Eigenbesitz der primitiven Völker durch Sammlungen und Publikationen der Nachwelt wenigstens das noch jetzt Vorhandene zu retten. Denn es gibt keine Gegend, wohin die europäische Kultur nicht unheilbringend einzieht, und die Folge ihres Vordringens ist die Vernichtung der Eigenart der mit ihr in Berührung kommenden Völker und leider auch nicht selten der Unter- gang ganzer Rassen. Wenn die in vorliegendem Werk behandelten Eskimos auch eine Sonderstellung einnehmen, was ihren kulturellen Besitz angeht, so sind doch durch die Tätigkeit der Missionen ihre religiösen Vorstellungen und überlieferten Gebräuche im Schwinden begriffen, und deren Sammlung ist daher ein höchst ver- dienstliches Unternehmen. Die Eskimokultur nämlich ist durch ihre unübertreff- liche Anpassung an die klimatischen Verhältnisse gegen den europäischen Einfluss geschützt; ja, es müssen sich sogar die Europäer ihr unterwerfen (in Kleidung, Wohnung, Bootsbau usw.). Thalbitzer hat in seinem Werk die Ergebnisse dreier dänischer Expeditionen verarbeitet: 1. die des Kapitäns Holm, des Entdeckers der Ammassalik-Eskimo (1883—1885), 2. die des Kapitäns Amdrup (1898—1900) und 3. seine eigene (1905 — 1906). Holm hatte über seine ethnographischen Ergebnisse bereits in dem Werke: 'Den Ostgrwnlandiske Expedition (1888—1889)' berichtet, und der Inhalt dieses Buches ist in Thalbitzers Publikation ebenso wie Amdrups ethnographische Sammlung verarbeitet und ergänzt worden. Ausserdem hat Holm seine Mithilfe bei der Abfassung und Fertigstellung des vorliegenden Buches geboten. Die englische Übersetzung wurde von den Herren G. Grove und zum kleineren Teil von H. M. Kyle angefertigt. Das Buch zerfällt in 7 Hauptteile: 1. Ethnologische Skizze der Ammassalik- Eskimos von G. Holm, 2. Beiträge zur Anthropologie der Ostgrönländer von Sören Hansen, 3. Listen der Einwohner der Ostküste von Grönland aus dem Jahre 1884 von Joh. Hansen, 4. der ostgrönländische Dialekt, 5. Legenden und Erzählungen von Ammassalik von G. Holm, 6. Anmerkungen dazu von H. Rink, 7. ethno- graphische Sammlungen aus Ostgrönland, beschrieben von W. Thalbitzer. Über den Inhalt des Werkes eingehend zu berichten ist bei seinem Umfang und dem für die Anzeige zur Verfügung stehenden Raum nicht möglich. Ich Bücheranzeigen. 215 kann nur einige besonders bemerkenswerte Punkte hervorheben. Die anthropo- logischen Messungen waren nur an den Lebenden möglich, da die Ammassalik die Gewohnheit haben, ihre Toten in das Meer zu werfen! Der kälteste Monat ist Februar mit einer Durchschnittstemperatur von - 10,8° C, der wärmste der Juli mit + 6,2 ° C. Einmal während eines Föhnsturms wurden 25,2 ° C im Juli notiert; andererseits als niedrigste Temperatur —30,7 ° C im Februar. Abrupte Temperaturschwankungen sind nichts Seltenes. 61 mal im Jahre wurde Nordlicht beobachtet. Das Treibeis verschwindet Anfang bis Ende August von der Küste, die bis in den November eisfrei bleibt. Ausser Weidengestrüpp und Zwergbirken gibt es keine Bäume auf der Insel; dagegen gibt es im Frühjahr ziemlich viel Heidekraut und Moosarten, auch sonstige Pflanzen (Beerenarten), wenn der Schnee geschmolzen ist. Der Name Ammassalik (Angmagsalik) wird von den Eingeborenen aus einem abergläubischen Grunde nicht mehr gebraucht. Der Fjord heisst jetzt Kulusuk. Sie selbst nennen sich inik oder tcäk 'Mensch'. Sie sind mittelgross, schlank, schwarzhaarig. Die Männer schneiden ihr Haar so wenig wie die Frauen; das der ersteren ist indes länger, auch haben sie gut entwickelte Barte. Bei Neugeborenen findet sich der sog. Mongolenfleck. Die Frauen sind nahezu alle tatuiert, die Männer seltener. Die Winterwohnung wird aus Rasen und Steinen auf abschüssigem Boden nahe dem Meere erbaut; Fenster und Eingangsweg liegen nach dem Meer, die Wände liegen zum Teil unter der Erde. Das Haus ist einräumig, 24 bis 25 Fuss lang und 12 bis 16 Fuss breit, je nach der Zahl der zusammenwohnenden Familien. Die grösste Höhe ist 6V2 Fuss. Das Firstdach ruht auf Pfosten. Zum Schlafen erhält jede Familie einen entsprechenden Raum auf der im hinteren Teil des Hauses befindlichen erhöhten Plattform. Feuer wird durch Drehen von Hölzern erzeugt. Da oft mehrere Familien und Generationen ein Haus teilen, so ist es nötig, dass das soziale Leben durch eine autoritative Persönlichkeit und bestimmte Satzungen geregelt wird. Wenn man die Sommerzelte bezieht, lebt nur die Grossfamilie zusammen. Familienbande sind bedingt durch Blutsverwandtschaft; die Heirat ist infolgedessen kein sehr festes Band, zumal solange noch keine Kinder da sind. Wenn eine Frau schwanger ist, muss sie ihre Speisen selbst kochen und so noch zwei Monate nach der Geburt. Männer mit zwei Ehefrauen kommen vor, was erklärlich ist, wenn man den Prozentsatz der Frauen (114) zu den Männern (100) im Auge behält. Diebstahl und Mord sind nicht ungewöhnlich und werden oft zugegeben; sie bleiben häufig straflos. Aus dem Glauben der Ammassaliks ist hervorzuheben, dass der Mensch ihrer Ansicht nach aus drei Teilen besteht: Körper, Seele und Name. Dass man dem Namen eine Sonderexistenz beilegt, ist für die vergleichende ethnologische Forschung von Bedeutung. Die Seele wird körperlich gedacht, von der Grösse eines Fingor- glieds, einer Hand, eines Sperlings. Ein Mensch kann auch verschiedene Seelen haben, die in den Körperteilen ihren Sitz haben. Auch den Namen stellt man sich körperlich vor, er ist so gross wie der Mensch. Ein Ammassalik scheut sich, seinen eigenen Namen auszusprechen. In ihrem Geisterglauben, ihrem Amulett- und Zauberwesen usw. stehen sie auf der Stufe sehr primitiver Völker. Die vorangehenden Bemerkungen sind einzelne aus dem ersten Teil des Werkes entnommene Züge. Es würde den Rahmen einer Anzeige weit überschreiten, wenn ich die übrigen Teile in der gleichen Weise berücksichtigen wollte. Ich erwähne daher aus ihrem reichen Inhalt nur noch einzelne Punkte: Das Wort- 216 Feist, Gebliardt: Verzeichnis des Ammassalik-Dialekts auf zelin Seiten (213—223) gibt den Vor- stellungsinhalt des Eskimostammes übersichtlich wieder. Charakteristisch darin ist z. B., dass drei verschiedene Wörter für Eis vorhanden sind, die 'Landeis', 'junges Eis' und 'kalbendes Eis' bedeuten. Eine ganze Menge Ausdrücke sind auch für die "Winde vorhanden. Die im VI. Teil enthaltenen Sagen der Ammassalik- Eskimos sind von G. Holm mit Hilfe eines Dolmetschers (Johann Petersen) aus dem Munde der Erzähler aufgezeichnet worden. Die Stoffe spiegeln naturgemäss die Lebensbedingungen der Eskimos wieder; sie drehen sich hauptsächlich um Jagd- erlebnisse; aber auch Mondsagen und schaurige Erzählungen, wie das irrtümliche Verspeisen eigener Verwandten, fehlen nicht. Den Hauptinhalt des Werkes bildet die eingehende Schilderung der ethno- graphischen Sammlungen durch W. Thalbitzer (S. 31)9 — 753). Ein auch nur einigermassen vollständiger Bericht über diesen Teil des Werkes würde ein kleines Buch werden. Ich kann also nur auf das Original verweisen. Ausser der Be- schreibung der Objekte enthält Thalbitzers Beitrag auch geschichtliche Reminiszenzen der Eskimos über ihre eigene Vergangenheit und ihr erstes Zusammentreffen mit Europäern. Eine genaue Karte des Ammassalik-Gebietes ist dem Werke bei- gegeben, das als eine Musterleistung bezeichnet werden darf und eine reiche Quelle der Belehrung für den Ethnographen bilden wird. Berlin. Sigmund Feist. Conrad Müller, Altgermauische Meeresherrschaft. Gotha, F. A. Perthes 1914. XII, 487 S. 8". Mit 13 Bildtafeln und 2 Karten [sowie einer Umschlagszeichnung]. Geh. 10, geb. 11,50 Mk. Angeregt durch die Erfolge, die das neugeeinte Deutsche Reich zur See er- rungen hat, unternimmt es der Verfasser, alles quellenmässig zusammenzustellen, was wir von den Seefahrten germanischer Völker bis ums Jahr 1200 und von der Gründung von Staaten an den von ihnen befahrenen Küsten wissen, mit Einschluss der Geschichte des altrussischen Warägerstaates und derjenigen des erst auf dem Umweg über die französische Normandie gegründeten Normannenstaats in Unter- italien und der Vorentdeckung Amerikas durch die von Grönland aus hinüber- gekommenen Isländer. Bildet den Beschluss des Buches ein Abschnitt über See- heldentum in der altdeutschen, angelsächsischen, kirchlichen und altnordischen Dichtung, so wird es eingeleitet durch drei sozusagen vorgeschichtliche Ab- schnitte, von denen der 1. die Urzeit, vorgeschichtliche Funde, Einüuss des Nord- meeres auf die Germanen in anthropogeographischer Hinsicht, der 111. die ge- schichtlichen Anfänge, wie z. B. die Reisen des Pytheas, den altgermanischen Bootsbau und den alten Bernsteinhandel, der für uns wichtigste zweite 'See- mythische Niederschläge' behandelt. Hier bespricht Müller nicht nur die nieder- rheinischen Inschriften mit dem Namen der Nehalennia, nicht nur die Zeugnisse dos altisländischen Schrifttums für Verehrung Odins, Thors, der Frigg und Freyja durch Seefahrende und den Bericht des Tacitus über das Nerthus-Eiland der Ingwäonen, sondern auch alles, was ältere und spätere Überlieferung und junger Seemannsglaube uns über Schiffsbestattungen, Tierdämonie ^), Meerriesen, See-Eiben 1) Die auf Tafel V abgebildeten gespenstischen Wale sind übrigens nicht, wie man nach den unvollständigen Ursprungsbezeichnungen glauben könnte, zum ersten Male bei K. v. Gesner zu sehen, sondern schon bei Claus Magnus, Historia de gentibus Septen- trionalibus, Rom 1555, Bücheranzeigen. — Notizen. 217 und Klabautermann, über Wunderschiffe und Schiffsbeseelungen wissen und ahnen lassen. Es versteht sich von selbst, dass der Verfasser eines so reichhaltigen Werkes nicht bei allen Punkten auf die Quellen zurückgehen kann, wo er ent- gegenstehende Ansichten anderer bekämpft, sondern sich vielfach auf eigene und fremde Vorarbeiten stützen muss, die vollständig in der Bibliographie am Schlüsse nachgewiesen sind. Aus dieser ersieht man, dass ihm leider einige, wenn auch im ganzen wenig wichtige Arbeiten entgangen sind, und sie gibt auch die Er- klärung dafür, dass seine Quellenzitate, teilweise aus recht veralteten Ausgaben entnommen, oft recht wenig gleichmässig gestaltet sind, z. B. was die Wiedergabe der Namen oder die Schreibung des fremdsprachlichen Textes anlangt. Auch die Gestaltung des deutschen Textes ist nicht immer so glatt wie zu wünschen wäre (Satzungetürae, regelmässig wie statt als beim Komparativ). Doch wir wollen darüber und über gelegentliche kleine Missverständnisse der Quellen nicht mit dem Verfasser rechten, der uns ein so lehrreiches und für alle Kreise der Gebildeten verständliches und belehrendes Buch beschert hat, dessen Lesbarkeit dadurch besonders erhöht ist, dass die gelehrten Hinweise ohne Unterbrechung des Textes am Schlüsse vereinigt sind. Mit gerechtem Stolze sehen wir an uns vorüberziehen, was unsere und unserer nächsten Stammesverwandten Vorfahren zur See geleistet und errungen haben, und mit Wehmut stellen wir uns vor, was sie hätten erringen und vor allem erhalten können, wenn die vielen planlos verzettelten Einzelunternehmungen nach einheit- lichen Zielen und unter einheitlicher Führung wären unternommen worden. Erlangen. August Gebhardt. Notizen. A. Abt, Die volkskundliche Literatur des Jahres 1911. Ein Wegweiser, im Auf- trage der Hessischen Vereinigung für Volkskunde und mit Unterstützung der dem Ver- band deutscher Vereine für Volkskunde angehörenden Vereine herausgegeben. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner 1913. VI, 134 S. 8°. Geh. 5 Mk. — üas Wiedererscheinen der Zeitschriftenschau der Hessischen Blätter für Volkskunde in veränderter Gestalt nach sechsjähriger Pause ist sicher von allen Freunden der Volkskunde mit grosser Be- friedigung begrüsst worden. Ist es doch heute kaum noch möglich, ohne einen solchen Wegweiser durch das unübersehbare Gebiet der Veröffentlichungen an das erwünschte Ziel zu gelangen. Daher danken wir dem Herausgeber und seineu Mitarbeitern für die geleistete Arbeit, die bei 2259 Nummern gewiss nicht klein war. Verschiedene Mängel dieses ersten Bandes, den der Verf. selbst mehr als Muster und Probe denu als ab- gerundetes Werk bezeichnet, werden hoffentlich in den folgenden Jahrgängen abgestellt Averden. Dass auf der Marburger Verbandstagung beschlossen wurde, künftig die Ab- teilungen 'Mundarten' und 'Indogermanisch' auf das volkskundlich Wertvolle zu be- schränken s. oben 23, 441), ist sehr erfreulich. Vielleicht lässt sich auch in den Notizen über nichtdeutsche Volkskunde grössere Beschränkung üben; hier Vollständigkeit erzielen wollen, hiesse ja doch den gegebenen Kahmen sprengen. Die auf diese Weise gemachten Ersparnisse an Arbeit und Raum müssten der Anlegung eines Sachregisters zugute kommen, dessen Fehlen der grösste Mangel des Buches ist. Auch die Liste der exzerpierten Zeitschriften ist noch ergänzungsbedürftig, so fehlen 'Unser Egerland' und 'Schweizer Archiv für Volkskunde'. Bei nr. 1426 (Storck, Totenspruch) fehlt die Ergänzung von Roediger, oben 21, 281. [F. B.] P. Bahlmann, Ruhrtal-Sagen von der rheinisch -westfälischen Grenze. Münster, F. Coppenrath 1913. 62 S. 8". 0,60 Mk. — Da die mündliche Überlieferung an Sagen 218 Notizen. nichts 'mehr hergab, musste B. sich darauf beschränken, die Literatur von Cäsarius von Heisterbach bis auf Müller von Königswinter und H. Kämpchen auszuziehen und den Ertrag zu buchen. [J. B.] 0. Bö ekel, Psychologie der Volksdichtung. Zweite verbesserte Auflage. Leipzig und Berlin, B. G.Teubner 1913. VI, 419 S. 8°. Geh. 7 Mk., gebd. 8 Mk. — "Wir freuen uns, das stoffreiche und anregende Buch in Neuauflage vorliegen zu sehen. Der Grundcharakter ist der gleiche geblieben, so dass die Ausführungen Beuschels zur ersten Auflage (oben 17, 116 ff.) grösstenteils auch für die zweite gelten, z. B. geht der Verf. auch hier nicht auf die Umgestaltungen von Kunstliedern im Volksmunde um, aus denen man für die Psychologie des Volksliedes soviel lernen kann. Auch B.s Anschauung vom Optimismus des Volks- liedes ist die gleiche geblieben. Mehrere Einzelbemerkungen Pteuschels sind berück- sichtigt worden, so der Hinweis auf 0. Weisers Aufsatz über die Umschreibung des Be- griffes 'niemals' (S. 198). Bei der Behandlung der Spottlieder vermisst man die Zitierung von A. Kellers Buch über die Handwerker im Volkshumor (Leipzig 1912). Zum Kutschke- lied (S. 318 f.) ist die Mitteilung oben 22, 288 nachzutragen. Über die Zukunft des Volks- gesanges kann man vielleicht heute bei dem nicht gering anzuschlagenden Einfluss der Wandervogel- und ähnlicher Bewegungen, dem Wiederaufkommen des Lauten- und Gitarren- spieles noch hoffnungsvoller denken, als der Vf. (S. 403 ff.; 406). Wir wünschendem Bache, aus dem soviel ehrliche Liebe zum Volke und zur Natur spricht, auch künftig eine recht weite Verbreitung. [F. B.] P. Borchardt, Bibliographie de l'Angola. Brüssel und Leipzig, Misch & Thron [1913]. IV, 61 S. 8'^. 3 Fr. — Diese äusserst reichhaltige Bibliographie der portugiesischen Kolonie in Südwestafrika bildet das zweite Heft der unten näher beschriebenen biblio- graphischen Monographieen des Solvay-Institutes s. die Notiz Steinmetz). Die Abteilung 'Anthrophologie et ethnographie' (S. 42—44) wird auch für die vergleichende Volkskunde als wertvolles Hilfsmittel begrüsst werden. [F. B.] R. Braun, Handwerk hat goldenen Boden (Jungdeutsche Bücherei Bd. 7). Langen- salza, J. Beltz 1914. VIII, 150 S. gr. 8". Gebd. 3 Mk. — Im Auftrage des Arbeits- ausschusses für Jugendpflege im Regierungsbezirk Merseburg gibt E. H. Bethge diese Sammlung volkstümlicher Jugendbücher heraus, deren jüngste Erscheinung hier vorliegt. Die Bände sind sehr hübsch ausgestattet, enthalten viele Bilder auf Kunstdruckpapier und erscheinen zu dem Einheitspreise von 3 Mk. Bd. 1—4 und 6 sind geschichtlichen Inhalts, während der vorliegende und der unten angezeigte fünfte von MüUer-Rüdersdorf einzelne Stände und Lebensformen unseres Volkes zum Gegenstande haben. Aus der deutschen Literatur von Hans Sachs bis Dehmel sind hier Stücke ausgewählt, die die Entwicklung des Handwerks behandeln, sein Lob singen und allerlei Ernstes und Heiteres aus dem Handwerkerleben schildern. Dass hierzu viel volkskundliches Material verwendet wird, ist selbstverständlich; neben hierher gehörigen Auszügen aus der Literatur finden wir auch Volkslieder, Sprüche u. dgl. Das geschickt zusammengestellte Buch ist wohl geeignet, die Freude am Handwerk und die Achtung vor dem Handwerk zu erhöhen und zu ver- breiten. Sehr brauchbar ist es auch für die Zwecke des Schul- und Fortbildungsunter- richtes sowie für volkstümliche Vorträge und Unterhaltungsabende; dasselbe gilt für den von Müller-Rüdersdorf herausgegebenen Band. [F. B.] E. Pehrle, Segen und Zauber aus Baden (Sonderabdruck aus 'Badische Heimat, Zeitschrift für Volkskunde, ländliche Wohlfahrtspflege, Heimat- und Denkmalschutz". Karlsruhe, G. Braun. [1914] 1. Jahrg. I.Heft). Felirle bespricht nach einer kurzen Einleitung über das Wesen des Aberglaubens drei handschriftliche Rezepte aus badischen Orten. Das erste enthält ein aus mehreren pilanzlichen und anderen Stoffen bestehendes Mittel gegen die 'bösen Leute, dan)it sie dem Vieh keinen Schaden thun können", das zweite einen Segen gegen Augenkrankheit, das dritte einen solchen gegen das 'Nachtwesen". Die einzelnen Bestandteile und Anweisungen werden erläutert und mit Parallelen aus der Antike und älterer deutscher Zeit belegt. Den Schluss bildet eine Aufforderung an die Leser dieser neuen Zeitschrift, sich an der vom Verbände deutscher Vereine für Volks- kunde veranstalteten Sammlung der deutschen Segen- und Beschwörungsformeln zu be- teiligen. [F. B.] Notizen. 219 P. Graffunder, Nachtrag zu den Sagen der Mark Brandenburg (Programm des Kgl. Prinz -Heinrich -Gymnasiums zu Berlin- Schöneberg 1912). 4". 30 S. — Die kleine Arbeit bringt zehn aus dem Yolksmunde aufgezeichnete brandenburgische Sagen, teils be- kannte in nener Form, teils ungedi'uckte. Es sind: 1. Der Förster Bürens (Spuren dieser Sage aus dem Blumental bei Strausberg); 2. Die schwarze Dame aus den Müggelbergen: 3. Die Prinzessin von den Rauener Steinen; 4. Die weisse Frau vom Trebuser Fliess (Flammen umtanzen hier den Hügel, den die weisse Frau bewohnt); ö. Der Schneider von Petersdorf (schwankhaft): 6. Die untergegangene Stadt im Scharmützelsee; 7. Der Krebs an der Kette im Waschbanksee; 8. Das Hufeisen an der Marienkirche zu Frankfurt a. 0.; 9. Der Rabe mit dem Ring (Fürstenwalde ; 10. Die Wettfahrt mit dem Teufel (Rauener Berge). Allen Sagen folgen ausführliche sagenvergleichende Anmerkungen, voll weiter Umschau und waghalsigem Kombinationsdrang, beherrscht von dem Streben, in möglichst ferne Vorzeit hinabzudringeu. [H. Lehre.] G. Hegi, Aus den Schweizerlanden. Naturhistorisch -geographische Plaudereien. Zürich, Orell Füssli [1914]. 128 S. 8«. Mit 32 Abbildungen. Geh. 2 Mk., gebd. 3 Mk. — Der sechste von den neun Aufsätzen, die das hübsch ausgestattete Büchlein enthält, schildert Züge aus dem Volksleben des obersten Tösstales (Kt. Zürich) nach persönlichen Erinnerungen des Verfassers, u. a. das 'Bächteln' am 2. Januar, bei welcher Gelegenheit wieder einmal von einer 'deutsch-heidnischen Göttin Berchta' die Rede ist, der sogar ein männliches 'Götterwesen' Berchthold beigegeben wird, das 'mit Wuotau identisch' sein soll. Ferner Knabenumzüge und allerlei andere Festbräuche, Hochzeits- und Totensitten, Brand- und Blutsegen u. a. Manche Angaben ergänzen Hoffmann-Krayers Darstellung der Schweizer Feste und Bräuche (s. oben 23, 213). Den Schluss bilden Nachrichten über Volksdichter und hervorragende Männer des Tösstales. Hingewiesen sei auch auf den ersten Artikel 'Der Schweizerische Nationalpark' (im Ofenpassgebiet). [F. B.] B. Kubier, Antinoupolis, aus dem alten Städteleben. Leipzig, A. Deichert (W. Scholli 1914. Mit Titelbild. 46 S. 8 -. 1 Mk. — Das auf einen Vortrag zurückgehende, geschmackvoll ausgestattete Büchlein des Erlanger Rechtslehrers schildert in gemeinverständlicher Fassung die Gründung, Lage, Verfassung, Entwicklung, Bauart usw. der Stadt Antinoupolis, die Kaiser Hadrian zur Erinnerung an den Tod seines Lieblings Antinous am Nil errichtete. Grundlage der Darstellung sind vorwiegend die an Ort und Stelle gefundenen Papyri, die zwar hier weniger zahlreich vorliegen als für Hermupolis, Oxyrhyuchos und Arsinoe, aber doch die Zeichnung eines recht lebendigen Bildes ermöglichen. Auch für den volks- kundlich Interessierten, der meist allmählich gewordenen, uralten Sitten und Einrichtungen gegenübersteht, wird die hier gebotene flotte Schilderung einer künstlichen, mit Para- graphen vom Tage des ersten Spatenstichs an überreich gesegneten Stadtkultur eine au- genehme und lehrreiche Lektüre bilden. [F. B.] H. Marzell, Volksbotanik 1905— 1908 (Sonderabdruck aus 'Just, Botanischer Jahres- bericht' 39 [für das Jahr 1911] 1. Abteilung). Berlin 1913. — Eine umfassende Übersicht der in dem oben genannten Zeitraum erschienenen Werke und Zeitschriftenartikel über die Pflanzen im Aberglauben, in Sage, im Volksbrauch und Volkssitte, volkstümliche Pflanzennamen: berücksichtigt sind in erster Linie die Länder deutscher Zunge. Das 106 Nummern aufweisende Verzeichnis macht nach des Verfassers Angabe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, dürfte aber wohl nur wenige Lücken haben; so möchten wir hinzu- fügen: J. Bolte, Der Nussbaum zu Benevent, oben 19, 312—314, und 0. Schell, Der Donnerbesen in Natur, Kunst und Volksglauben, oben 19, 429-432. Sehr dankenswert sind die den wichtigeren Erscheinungen beigegebenen kurzen Inhaltsangaben und Hin- weise auf Rezensionen. — Derselbe, Der Nussbaum im deutschen Volksglauben (Sonder- abdruck aus 'Naturwissenschaftliche Wochenschrift' N. F. 12 Nr. 45 S. 713f.). — Der Verf. weist nach, dass der Nussbaum trotz seiner fremden Herkunft (vielleicht gerade des- wegen?) in unserem Volksglauben eine ziemlich bedeutende Stellung einnimmt. Vielfach werden ihm allerlei schädliche Wirkungen zugeschrieben, doch schützt sein Holz auch vor Blitzschlag, seine Blätter, Früchte usw. werden in der Volksmedizin verwendet, in Rede- wendungen und Rätseln kommt er häufig vor. — Derselbe, Zur Volksbotanik des Fichtelgebirges in alter und neuer Zeit (Sonderabdruck aus 'Heimatbilder aus Ober- 220 Notizen. franken' 2, 2). — Aus einem 1716 anonym in Leipzig erschienenen Buch 'Ausführliche Beschreibung des Fichtel-Berges', als dessen Verfasser Marzell den Wunsiedeler Bürger- meister Joh. Chr. Pachelbl (1642— 172G) festgestellt hat, werden zahlreiche Angaben über die Verwendung von allerlei Pflanzen in Volksmedizin und Aberglauben mitgeteilt und Entsprechungen aus anderen Quellen beigebracht. Pachelbls Buch ist, wie der Vf. bemerkt, auch sonst eine reichhaltige und bisher fast unbenutzte Quelle füi- Volksbräuche u. dgl. Den Schluss machen Mitteilungen über Pflanzenaberglauben heutiger Zeit, die Frl. D. Zernott auf Anregung des Verf. in der Gegend um Gefrees (Bez. -Amt Berneck) gesammelt hat. [F. B.] W. Müller-Rüdersdorf, Der Erde golduer Segeu. Ein Preis deutscher Landwelt und deutschen Bauerntums (Juugdeutsche Bücherei Bd. 5). Langensalza, J. Beltz 1914. VIII, 171 S. gr. 8". Gebd. 3 Mk. — Wie in dem oben angezeigten Buch von R. Braun der Handwerker, so ist hier der Bauer und seine Tätigkeit der Gegenstand der aus deutscher Prosa und Poesie zusammengestellten Darstellung. Auch hier finden wir viele Beiträge aus volkskundlichem Gebiete, Wetterregeln, Hausinschriften, Dorfneckereien, ländliche Feste usw. Für schnelleres Zurechtfinden müssten bei etwaiger Neuauflage im Inhaltsverzeichnis neben die einzelnen Stücke die Namen der Verfasser gesetzt werden, wie das in der Braunschen Sammlung der Fall ist. Im übrigen gilt auch für diesen Band des verdienstvollen Unternehmens das dort Gesagte. [F. B.] W. Pessler, Hausgeographie der Wilster Marsch, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde 20, 401 ff. — In der Wilstermarsch gehen zwei Bauernhaustjpen neben- einander her. Der eine, 'Barghus', ist friesisch, der andere, 'Husmannshus", ist sächsisch. Trotzdem kommen keine Übergangsformen vor. Äusserlich haben beide Typen sich an- geglichen durch Betonung der Querrichtung des Wohnendes vermittels Seitenflügel mit niedrigerem eigenen First. Das Sachsenhaus ist ferner durch die Abart mit Durchgangs- diele vertreten, wobei eine Angleichung auch an den Grundriss des Friesenhauses entsteht. Bei vorwiegendem Ackerbau ist Neigung zum altsächsischen Haustypus, bei vorwiegender Weidewirtschaft Bevorzugung des friesischen festgestellt! [K. Brunner.] S. R. Steinmetz, Essai d'une Bibliographie systematique de TEthnologie jusqu'ä l'annee 1911 (Monographies bibliographiques publiees par l'Intermediaire Sociologique, Nr. I). Brüssel und Leipzig, Misch & Thron [1913] IV, 196 S. 8 «. 7 Fr. — Das Institut de Sociologie Solvay in Brüssel beabsichtigt eine Reihe von bibliographischen Einzelschriften herauszugeben, denen von Spezialforschern im Bereich der Soziologie zu privatem Gebrauch angelegte Literatursammlungen zugrunde gelegt werden sollen. Dem Grundsatze folgend, dass die Ethnologie im vergleichenden theoretischen Studium der Naturvölker ihre Aufgabe hat im Gegensatz zu der reinen Beschreibung der Ethnographie, hat der Verf. 'systematische Dar- stellungen bestimmter Gegenstände, die ein ganzes Volk oder sogar eine Völkergruppe betreffen, ausgeschlossen, wenn die reine Darstellung die Absicht schien und nicht die theoretische Verwertung'. Selbstverständlich sind diese Grenzen fliessend, und so wird man in dem Buche manches vergebens suchen und manches wider Erwarten finden, je nach der per- sönlichen Auffassung. So ist mir z. B. unklar, weshalb Seligmann, Der böse Blick, auf- geführt wh-d, dagegen Elworthy, The Evil Eye (1895), und Valletta, La Jettatura (1882), fehlen. Auch konnte wohl, um nur noch eiuige Beispiele hinzuzufügen, de Gubernatis, Zoological Mythology undJMythologie des Plantes aufgenommen werden, ebenso Dieterichs Mutter Erde, Böttichers Baumkult, Mannhardts Korndämonen und Roggenwolf; Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, beschränkt sich doch ebenfalls nicht auf reine Beschreibung. Der Begriff der 'Naturvölker' wird auch nicht immer strenge innegehalten, wie z. B. die Aufnahme von Hopf, Orakeltiere, oder Giraud-Teulon, La mere chez certains peuples de Tantiquite, zeigt. Zu Sartoris Aufsatze über die Totenmünze (Archiv f. Relw. 1899) ist desselben Verfassers Artikel über Ersatzmitgaben an Tote hinzuzufügen (ebda. 1900). Sehr vermisst man ein Sachregister; zwar stehen zwischen den Verfassernamen des Registers einige sachliche Stichworte; diese genügen jedoch keineswegs, ebensowenig wie das ziemlich ausfülirliche Inhaltsverzeichnis. Immerhin ist diese umfangreiche Bibliographie sicher dazu angetan, ein dankenswertes Hilfsmittel auch für die volkskundlichc Forschung zu werden. [F. B.] Notizen. — Brunner: Protokolle. 221 C. H. Stratz, Die Darstellung des menschlichen Körpers in der Kunst. 3. und 4. Tausend. Berlin, J. Springer 1913. Mit 252 Textfiguren. X, 322 S. 8 ". Gebd. 12 Mk. — Das überaus interessante und prachtvoll ausgestattete Buch ist zum überwiegenden Teile der naturwissenschaftlichen Kunstbetrachtung gewidmet, doch ist ein kurzer Hinweis darauf auch an dieser Stelle gerechfertigt, da die Ausführungen des Verf. über primitive und vorgeschichtliche Kunst mit den beigegebenen Abbildungen auch den Volkskundler interessieren dürften. Auch das sehr eingehende 2. Kapitel 'Der natürliche und künst- lerische Kanon des Menschen' bietet für typologische Untersuchungen auf volkskundlichem Gebiete ein zuverlässiges Hilfsmittel. [F. B.] Die Historie van Christoffel Wageuaer, Discipel van D. Johannes Faustus, naar den Utrechtschen Druck van Eejnder Wylicx uit het Jaar 1597 uitgegeven door Josef Fritz. Leiden, E. J. Brill 1913. 24(> S. S" (Nederlandsche Volksboeken opnieuw uit- gegeveu vanwege de Maatschappij der nederlandsche Letterkunde te Leiden 12). — 1593, sechs Jahre nachdem das Volksbuch vom Doktor Faust zu Frankfurt herausgekommen war, erschien ein als zweiter Teil dieser Historie bezeichnetes Büchlein, das die wunder- baren Schicksale seines Famulus Christoph Wagner behandelt. Wagner greift, nachdem er Fausts hinterlassenes Vermögen verzehrt hat, zur Zauberei, schliesst mit dem Teufel Auerhan einen Pakt und durchlebt eine Eeihe ähnlicher Abenteuer wie Faust, lässt sich auch nach Lappland imd Amerika führen und nimmt endlich das gleiche klägliche Ende wie sein Meister. Von dieser in Abdrücken, Bearbeitungen und Dramatisierungen bis ins 19. Jahrhundert fortlebenden Nachahmung der Fausthistorie hat Fritz, ein Schüler Minors, 1910 eine kritische Ausgabe veranstaltet. Jetzt legt er uns auch die niederländische Übersetzung, die 1597 bei Eeynder Wylicx zu Utrech+.'''erschien, in einem sorgfältigen Neudrucke vor, dem er Worterklärungen unter dem Töxte und Untersuchungen über die späteren Ausgaben und das Verhältnis zur deutschen Vorlage beigefügt hat. Der Über- setzer meidet alle gelehrten oder für seine niederländischen Leser schwerer verständlichen Anspielungen und kürzt so seine Vorlage fast um Vu- Sein sich von aller konfessionellen Polemik ängstlich fernhaltendes Volksbuch ward wiederholt gedruckt und um 1730 durch einen eifrigen Katholiken, wohl einen Antwerpener Franziskaner, umgearbeitet, der die Eeisekapitel durch Einführung bekannterer Lokalitäten ersetzt imd seinem Hass gegen die Hugenotten in La Eochelle Ausdruck verleiht. Auch für diese Bearbeitung hat Fritz umsichtig die benutzten Quellen nachgewiesen und eine Anzahl von Proben abgedruckt. [J. B.] A. Wirth, Tod und Grab in der schottisch-englichen Volksballade, eine Studie zum Volkslied. Progr. Bernburg 1914 (ur. 982). 48 S. 4 ". — Eine sorgsame Durchmusterung von Childs grosser Sammlung englischer Balladen auf folgende Motive hin: Todes- ursachen, Vorzeichen, Scheintod, Tod und Trauer, Geisterleben, Grab, Eache. [J. B.] Aus den Sitzunas-ProtokoUen des Vereins für Volkskunde. Freitag, den 27. Februar 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Roediger, widmete den verstorbenen langjährigen Vereinsniitgliedern, Prof. Dr. Joh. Franke. Bonn, und Prof. Dr. Paul Bartels, Königsberg i. Pr., Worte ehrenden Gedächtnisses. Hr. Prediger und Schuldirigent A. Levy sprach über altisraelitische Volks- und Familienfeste. Zum Verständnis einer Dichtung ist Kenntnis ihrer Umwelt notwendig. Das gilt auch für die zahlreichen poetischen Teile der Bibel. In den Schriften des Alten Testamentes lernt man die Israeliten 222 Bnmner: nur sozusagen im Staatskleide kennen. Die Art, wie Volksfeste gefeiert wurden, gibt ein besseres Bild von der Volksseele. Die uralten israelitischen Volksfeste wurden später durch die 'Halacha' religionsgesetzlich festgelegt. Die religiösen Feste nahmen auch oft den Namen der Volksfeste an. Bei dem zum späteren Versöhnungsfeste gewordenen echten alten Volksfeste trug man nur geliehene Kleider, damit Arm und Reich sich durcheinander mischen sollten und Standes- unterschiede das allgemeine Pest nicht störten. Schon zur Zeit der Richter fand in Siloh zur Erinnerung an Jephtas Tochter ein Jungfrauen fest statt. In die Nähe der vorgeschriebenen Kultusfeste traten andere Volksfeste und wurden deshalb mit ihnen verschmolzen. Im Herbst fand ein Wasseropfer mit nächtlichem Lichter- glanz zur Verehrung der Quelle Siloah statt. Aber auch im Frühling wurde ein nächtliches Fest gefeiert. Reife Gerste wurde feierlich geschnitten und so die Ernte eingeleitet. Beide F'este waren echte Volksfeste ohne Standesunterschiede, welche sich an religiöse Pestgebote nur anlehnten. Da bei der fortschreitenden Güterzerschlagung das Korn um die Ernte- und Saatzeit knapp wurde, so sparte man und säete mit Tränen, wie es in der Bibel heisst. Die Erstlingsopfer der Ernte wurden auf Wallfahrten nach Jerusalem gebracht, und am Ende der Ernte feierte man ein ausgelassenes allgemeines Volksfest am letzten Tage des Hütten- festes, bei dem der Ruf 'Hosianna = Hilf doch' erklang. Das Purimfest, das Fest der Zweige, ist der jüdische Fasching, ein Frühlingsfest, verbunden mit Hin- richtung einer Hamanfigur, ^ihnlich unserm Winter- oder Tod-Austreiben. Auch Familienfeste wurden durch Teilnahme aller ohne Standesunterschiede zu Volks- festen, wie bei dem Festzuge mit dem acht Tage alten Knaben zum Tempel. Ebenso nahm jedermann an den Hochzeitsfeiern teil, da es für allgemein mensch- liche Pflicht galt, Brautleute zu erfreuen. Der Bräutigam wurde als König, kurz als Salomo, bezeichnet. Als Symbol friedlichen Beisammenseins wurde ein Hahn und eine Henne vor dem Brautpaare in das Ehegemach eingelassen. Während sieben Tagen wurde in Tanz und Spiel die Hochzeit gefeiert. Ausschreitungen waren selten. Die Tänze wurden von Männern ausgeführt, wozu die Frauen musizierten. Diese Schilderungen jüdischer Volksfeste stammen aus einer Zeit, in der das Volk bereits ein politisches Scheinleben zu führen gezwungen worden war. Im Anschlüsse an diesen Vortrag legte der Unterzeichnete eine Anzahl jüdischer Kultusgeräte aus der Sammlung des Hrn. Schlachthofsdirektor Werner in Stolp vor. Hr. Direktor Dr. Minden wies auf seine Besprechung über die Thorah- Wimpel (oben 3, 205) hin. Hr. Levy bemerkte noch, dass die bei der Sabbatfeier gewöhnlich gebrauchten Psom- oder Gewürzbüchsen aus Silberfiligran gearbeitet zu sein pflegen. Die Tinte, mit welcher die Thorahrollen und die Gebetsriemen nur mit Gänsefedern beschrieben werden, ist von bestimmter und vorgeschriebener Zusammensetzung. Auf eine Anfrage über die Herkunft der als Schild Davids bezeichneten Figur des Hexagramms erwiderte er, dass sie aus dem 13. Jahrhundert zuerst bekannt sei. Freitag-, den 27. März 1914. Der Vorsitzende, Geh. Rat Prof. Dr. Roediger, wies auf den vom Verbände deutscher Vereine für Volkskunde versandten 'Aufruf zur Sammlung' der deutschen Segen- und Beschwörungsformeln' hin und forderte die Mitglieder des Vereins zur Mitarbeit auf. Abdrücke des Aufrufes sind noch vorhanden. Er legte ferner ein neu erschienenes Buch von Prof. Dr. E. Samter: Die Religion der Griechen vor (aus Teubners Sammlung 'Aus Natur und Geisteswelt'). Hr. Prof. Rob. Mielke sprach mit Vorführung zahlreicher Licht- bilder über die Entstehung unserer Dorfformen. Die Gründe für die Gestaltung der Dorfformen liegen in den Wirtschaftsweisen. Die Einzelhöfe an der Weser Protokolle. 223 und in Priesland z. B. deuten auf alte Viehwirtschaft hin. Mit dem Überwiegen des Ackerbaues stellte sich die Notwendigkeit einer bestimmten Grösse des Areals heraus. Schon zu Caesars Zeit war bei den Germanen Hufenverteilung vorhanden. Die nordische Grosshufe ist wahrscheinlich auch in Deutschland, z. ß. in den "Wesermarschen, in Braunschweig, Thüringen usw. in Geltung gewesen. Die Königs- oder Marschenhufe taucht in der östlichen Kolonisation auf. Dagegen haben die Weiler im Westen römische Plureinteilung in rechteckiger Form. In Schonen und Seeland sind zwei alte Dorfformen, By oder Haufendorf und Torp oder Rundlingsdorf, zu unterscheiden. Eine weitere Dorfform des Nordens war das Fortadorf mit 8 bis 12 Haupthöfen, in Kreuzform angelegt. Eine spätere, im 13. Jahrhundert in Schweden und Norwegen beendete Regulierung der bereits unter König Erich planmässig angelegten Dörfer geht auf die Sonnenlage zurück, wodurch das Strassendorf entstand. In Deutschland sind die alten Verhältnisse unklarer. Das Strassendorf ist bei uns das Normaldorf. Die ehemals als slawisch angesehenen Runddörfer sind oft nur Angerdörfer und können nicht als völkisch bedingt angesehen werden. Ihnen ist die 8 -Zahl der Gehöfte eigentümlich. Der nordische Rundling hat sich in Holstein, Lübeck und Mecklenburg-Strelitz erhalten. Jünger als die Rundlinge sind die Kietze, welche man immer den Slawen zuschreibt. Es sind Strassendörfer ohne Ackerflur, und sie treten nur in ehemals slawischem Kolonialgebiete auf. In der an den Vortrag sich anschliessenden Be- sprechung erörterte Hr. F. Treichel seine Auffassung des Achterzug-Pfluges, der nach Mielke einer bezeugten Bespannung mit 8 Ochsen bedurfte, als eines Pfluges mit hintereinander gehenden Zugtieren. Ferner erklärte er die vom Redner erwähnte, Swinslag genannte, bestimmte Art der Hufenverteilung als Weide auf der Stoppel. Derselbe sprach dann über die Bedeutung und den Ursprung seines Familiennamens. Er führte aus, dass im Alemannischen 'treichlen' soviel bedeute wie eine Glocke anschlagen. Die Glocke heisst Treichle. Daher trägt eine Familie dieses Namens in dem durch Viehzucht hervorragenden Allgäu eine Glocke im Wappen. Bei dem schweizerischen volkstümlichen Umzüge des sog. Klausens am St. Nikolaustage, einem alten Fruchtbarkeitsritus, werden von den Burschen Glocken, Treichlen, benutzt. Freitag, den 24. April 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Rat Roediger, legte ein eben erschienenes Buch von Elisabeth Lemke: Asphodelos und anderes aus Natur und Volkskunde, I. (Allenstein 11)14) vor. Der Unterzeichnete sprach über das schlesische Bauernhaus unter Vorführung von 21 Lichtbildern. Der Vortrag ist oben 23, 337 ff. abgedruckt. Dann hielt Hr. Professor Guth- knecht einen Vortrag über die Tracht der Germanen, unter Vorlegung zahlreicher eigenhändiger Skizzen nach antiken Vorlagen. Er wies darauf hin, dass die Zeugnisse der alten Schriftsteller, besonders des Caesar und Tacitus, die einzigen und im grossen und ganzen auch zuverlässigen Quellen für die Kenntnis der primitiven Volkstracht der Germanen seien. Zwischen Galliern und Germanen habe kein bedeutenderer Unterschied in der Tracht bestanden. In dem von Caesar erwähnten 'reno' erblickte er einen Pelzumhang von Skapulierform und verwarf die Ableitung des Namens vom Rentier. In den prähistorischen Funden sehen wir Gürtel, Fibeln und Haken bereits eine grosse Rolle spielen, so dass Schlüsse auf einen grossen Reichtum in der Tracht berechtigt erscheinen. Auch zeigt der Schnitt der Frauentracht des Nordens in der älteren Bronzezeit bereits eine hohe Entwicklung, nicht minder die spätere Männerhose, wie wir sie z. B. aus dem Thorsberger Moorfunde (3. bis 4. Jahrh. n. Chr.) kennen lernen. Wenn trotzdem zur römischen Kaiserzeit am Rhein noch nackte Germanen lebten, so 224 Brunner: Protokolle. — Berichtigung. muss man annehmen, dass die nördlichen Germanen schon früher eine höhere Kulturstufe erreichten als die westlichen. Immerhin ist bei Tacitus bereits gegen- über Caesars Angaben ein gewisser Kulturfortschritt in der germanischen Tracht zu erkennen. In der Prauentracht ist das kurze Kleid urwüchsiger als das lange. Die Marc Aureissäule zeigt bereits einen gewissen Kleiderluxus der Markomannen, Freitag, den 22. Mai 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geheimrat Roediger, legte die ersten Nummern einer von Wolfgang Schultz unter Mitwirkung anderer namhafter Gelehrten neu herausgegebenen Monatsschrift für vergleichende Mythen- forschung'Mitra' vor. Hr. Rittergutsbesitzer Fr. Treichel machte unter Vorlegung von Abbildungen Mitteilung von eigentümlich in Menschenform gestalteten Bienen- stöcken aus Höfel in Schlesien, die unter dem Namen 'Apostel bienenstöcke' bekannt sind und einem in slawischen Gebieten öfter auftretenden Typus angehören. Näheres darüber wird eins der nächsten Hefte dieser Zeitschrift bringen. Hr. Direktor Dr. Minden zeigte eine volkstümliche Stickerei, Darstellung der männ- lichen und weiblichen Hochzeitstracht aus Nuoro in Sardinien, welche er der Kgl. Sammlung für deutsche Volkskunde überwies. Dann hielt Hr. Dr. Robert Peli ssier einen durch Lichtbilder und phonographische Darbietungen erläuterten Vortrag über seine Reisen zu den finnisch-ugrischen Völkerschaften Russlands, insbesondere den Wotjaken, Permjaken, Syrjänen und Mordwinen. Unter ihnen lebt zerstreut der mohammedanische Stamm der Tataren, welcher sich auch in kultureller Beziehung von den finnisch-ugrischen Bevölkerungen unterscheidet und von der russischen Regierung privilegiert wird. Der Vortrag soll ausführlich später in dieser Zeitschrift veröffentlicht werden. Berlin. Karl Brunner. Berichtigung. Von befreundeter Seite werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass mir bei der Besprechung der so verdienstlichen Arbeit über den 'Mönch Felix' von Dr. Erich Mai (im vorigen Heft dieser Zeitschrift S. 102) ein Versehen mit unter- gelaufen ist. Erich * Mai hat auch die Anregung zu seinen ergebnisreichen Forschungen durch Herrn Geheimrat Dr. Max Roediger erhalten. Ich bedaure meine unrichtige Angabe und gebe die Worte wieder, die Mai seinerzeit seiner Dissertation vorausschickte: „Bevor ich die folgende Einleitung eröffne, kann ich nicht umhin, der reichen und nie verdrossenen Förderung zu gedenken, die mir dabei durch Herrn Professor Dr. Max Roediger hierselbst zuteil geworden. Nicht nur, dass er die erste Anregung zu einer kritischen Ausgabe des Pelixgedichtes gegeben, er hat mir im Verein mit dem inzwischen verstorbenen Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Weinhold auch die Handschriften zugänglich gemacht, mich mit Nachweisen unterstützt, mich mehr als drei Jahre hindurch kritisch be- raten. Ich sage ihm, Otfrieds Wort vom zuhtäri guato billig erneuernd, meinen herzlichen Dank." Gross-Lichterfelde. Fritz Behrend. .>^' GescMclite der Tanzkrankheit in Dentschland. Von Alfred Blartin. (Vgl. S. 113-134.) Die Tanzkrankheit vor 1518. Betrachten wir die Tanzkrankheit vor der Strassburger Epidemie zeitlich rückwärtsschreitend, so stossen wir zunächst in Zürich auf Tänzer in der Kirche und in der Yorhalle der Kirche. Nach den Rats- und Richtbüchern sagt 1452 ein Hans Schiltknecht vor Gericht aus: „Es habe sich gefügt, daß ein armer Mensch au St. Yits Tag uf dem Helmhaus [in der Vorhalle der Wasserkirche] habe getanzet; also sei er auch da gestanden, und habe zugesehen, da habe der arme Mann ihn angerufen, daß er ihm in seinen Nöthen zu Hülfe käme, also habe er ihm durch Gottes und seiner lieben Mutter Willen in seinen Nöthen geholfen, und da er also mit ihm getanzet, haben vier Gesellen seiner gespottet" ^). In den Rats- und Richtbüchern findet sich beim Jahr 1418 [oder 1428, siehe später] die Stelle: Heini Murer sagt vor Gericht, 'daß es sich gefügt, daß er in der Wasserkilchen stund und den armen Frowen zulugte, die da tanzeten; da käme Heini Harnischmacher und wollte den Frowen eine Wite [Weite, Raum] machen, daß der Luft zu ihnen ginge, und stieß die Leute hinter sich' "). Salomon Vögelin, der die Stellen mitteilt, setzt den Vorgang ins Jahr 1418, später bezieht er sich auf die Rats- und Richtbücher von 1418 und 1419. In den Usterischen Manuskripten der Stadtbibliothek Zürich (Msc. U 55) fand ich die Angabe 1428. Auf meine Anfrage teilte mir das Züricher Staatsarchiv mit, dass sich in ßd. VI, 204 (wo die Stelle S. 137 steht) Jahre und Jahresbruchstücke der Rats- und Richtbücher von 1418, 1419, 1428 I und II finden, der Passus zwischen 1428 und 141'S steht und eher zu 1428 in die I.Jahreshälfte zu gehören * li Salomon Vögelin, Gesch. der Wasserkirche in Zürich. Zürich 1848 (Neujahrsblatt hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 1.S47 — 48). 2) Ebenda. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. lieft 3. 15 996 Martin: scheint. Vögelin hatte, wie oben S. 114 erwähnt, in der Annahme, die Strass- burger Epidemie habe 1418 stattgefunden, gemeint, die Tänzer seien von Strass- burg über Zabern nach Zürich gelangt. Die Wasserkirche galt vor der Reformation — die sie gerade des- wegen schloss — als heiligste Kirche der Stadt. Sie war die älteste Kapelle und galt als Reichsboden. Dort hatten die heiligen Märtyrer Felix und Regula an der später vielbenutzten heiligen Heilquelle ihr Leben gefristet und waren gefangen worden. Die alte Kirche hatte fünf Altäre^), vielleicht war einer dem hl. Veit geweiht, denn ohne Grund wurde am Veitstage dort nicht getanzt. Im vorhergehenden Jahrhundert finden wir eine grosse Epidemie in Köln, Aachen, Utrecht, Mastricht, Lüttich, Tongern und Metz, die sich in benachbarte Gebiete ausbreitete. Die Tänzer zogen von einem Ort zum andern. Eine Kölner Chronik sagt vom Jahre 1374: „In dem seluen iair stonde eyn groisse kranckheit vp vnder den mynschen, ind was doch niet vill me gesyen dese selue kranckheit vur off nae ind quam van natuerlichen Ursachen as die meyster schrijuen, ind noemen Sij maniam, dat is raserie off' unsynnicheit. Ind vill lüde beyde man ind frauwen junck ind alt hadden die kranckheit. Ind gyngen vyss [aus] huyss ind hoff, dat deden ouch junge meyde, die verliessen yr alderen, vrunde ind maege ind lantschaff. Disse vurß mynschen zo etzlichen tzijden as Sij die kranckheit anstiesse, so hadden Sij eyn wonderlich bewegung yrre lychamen. Sij gauen vyss kryschende vnd grusame stymme, ind mit den wurpen Sij sich haestlich up die erden, vnd gyngen liggen up yren rugge, ind beyde man ind vrauwen moist men vmb yren buych ind vmp lenden gurdelen vnd kneuelen mit twelen [Tüchern] vnd mit starcken breyden benden, asso stijff vnd harte als men mochte. Item asso gegurt mit den twelen dantzten Sij in kyrchen ind in clusen ind vp allen gewijeden steden. As Sij dantzten, so sprungen Sij allit vp ind rieffen: Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. Item die ghene die die kranckheit hadden wurden gemeynlichen gesunt bynnen V V. dagen. Zom lesten geschiede vill bouerie vnd droch dae mit. Eyn deyll naemen sich an, dat Sij kranck weren, vp dat Sij mochten gelt dae durch bedelen. Die anderen vinsden sich kranck, vp dat Sij mochten vnkuyschheit bedrijuen mit den vrauwen. jnd gyngen durch alle lant ind dreuen vill bouerie. Doch zo lesten brach idt vyss ind wurden verdreuen vyss den landen. Die selue dentzer quamen ouch zo Coellen tusschen [zwischen] tzwen vnser lieuven frauwen missen Assumptio- nis ind Natiuitatis." (Die Chronica van der hilliger Stat van Coellen, Coellen 1499, Bl. 277 = Die Chroniken der deutschen Städte 14, 715. 1S77. Abdruck bei Hecker-Hirsch S. 189, Anhang IV) 2). Es trat in Köln, wie in Strassburg, der Tanz als Krankheit auf. Auffallend war die kreischende und grausame Stimme der Kranken und, 1) Salomon Vögelin a. a. 0. 2) J. F. C. Hecker, Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, hsg. v. A. Hirsch. Berlin 1S65. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 227 •was dem Berichterstatter am meisten in die Augen fiel, die Bewegung ihrer Körper, Schreiend warfen sie sich auf die Erde und 'gingen liegend auf •dem Rücken'. Der Arzt weiss, dass die Verrenkungen auf dem Breughelschen Bilde (oben S. 13'2) und das Hin- und Herwerfen der auf dem Rücken Liegenden mit plötzlichen sprenkelartigen Krümmungen der Wirbelsäule, auch des ganzen Körpers, nur verschiedene Ausdrücke desselben hysterischen Krankseins sind. Wenn sie tanzten, hatten sie den Bauch mit breiten ■Ourten oder Tüchern umwunden, die durch Knebel straff angezogen waren. So tanzten sie in Kirchen, Klausen und auf allen geweihten Stätten, wie wir aus dem Vorhergehenden wissen, sicherlich zu Heilzwecken, und beim Aufspringen feuerten sie sich in einem Tanzliede (das in früheren Zeiten die Instrumentalmusik vertrat) unter Anrufung ihres Krankheits- patrons an: Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. Wie in Strassburg, gab's zuletzt Betrüger unter ihnen, und das enge Zusammen- leben wurde auch von Lüstlingen ausgenutzt. Da vertrieb man sie, die wahrhaft Kranken waren gewöhnlich in V V [?] Tagen gesund geworden. Dieser einfache Bericht weicht in der Schilderung der Krankheit und Krankheitsheilung von solchen der späteren Zeit nicht wesentlich ab. Dass die Leute den Heiltanz vollführten, ist nicht zu bezweifeln, ja es scheint der Tanz selbst anfänglich nur zu Heilzwecken vorgenommen zu sein und die Krankheit, die man damit heilen wollte, in der abnormen Stimme, dem Zubodenwerfen und den konvulsivischen Bewegungen be- standen zu haben; denn das vollführten sie, 'als sie die Krankheit -anstieß', dann erst Hessen sie sich gürten^) und tanzten an geweihten Stätten, wo sie meist geheilt wurden. Diese bis dahin unbekannte Krankheit nannten die Meister (der Arznei) Manie, das ist Raserei und Unsinnigkeit. Erst später kamen, wie der Chronikenschreiber meint, Betrüger und anderes Gesindel hinzu, sicherlich aber auch geistig- Minderwertige, die mit dem Tanz angesteckt wurden und nun als Tanz- kranke tanzten. Ein zweiter zeitgenössischer deutscher Bericht steht in der Limburger ■Chronik (angefangen 1347): „An. 13472) 2u mittem Sommer da erhub sich ein wunderlich ding auf Erd- reich, vnd sonderlich in Teutschen landen, auf dem Rein vnd auf der Mosel, also daß leut anhüben zu dantzen vnd zu rasen, vnd stunden je zwey gen ein, vnd dantzeten auf einer stett einen halben tag, vnd in dem Dantz da fielen Sie etwan 1) Trithcmius schreibt, allerdings erst im IG. Jahrhundert: Zuerst auf die Erde fallend schäumten sie, danach aufstehend tanzten sie bis zur Entkräftung, wenn sie nicht durch ein sehr starkes Band von anderen zusammengeschnürt wurden (nisi fortissima ligatura per alios stringerentur). (Chronicon Spanheimense. Frankf. KiOl.) Dabei möchte ich daran erinnern, dass meines Wissens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Heilmethode der Epilepsie im Zusammenschnüren einzelner Glieder bestand, vielleicht geht sie auf einen alten Volksbrauch zurück. 2) Druck- oder Schreibfehler für 1;m4. Die Stelle steht nach 1373 und vor 1375. 15* 228 Martin : dick [oft] nider, vnd liesen sich mit füssen tretten auf jhren leib. Davon namen sie sich an, daß sie genesen weren, vnd liefen von einer Statt zu der anderen, vnd von einer Kirchen zu der anderen, vnd hüben gelt auf von den leuten, wo es jhnen mocht gewerden. Vnd wurd des dings also viel, daß man zu Cöln in der Statt mehr dann fünffhundert Dentzer fand. Vnd fand man, daß es ein Ketzerey was, vnd geschach umb gelts willen, daß jhr ein theil Prauw vnd Man in vn- keuschheit mochten kommen vnd die volnbringen. Vnd fand man da zu Cöln mehr dann hundert Prauwen vnd Dienstmägd, die nit ehrliche menner hatten. Die wurden alle in der Dentzerey kindertragend, vnd wann daß Sie Dantzeten, so bunden vnd knebelten sie sich hart vmb den leib, daß Sie desto geringer weren. Hierauf sprachen ein theils Meister, sonderlich der Guten Artzt, daß ein theil wurden dantzend, die von heiser Natur weren, vnd von andern gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren was wenig, denen das geschach. Die Meister von der heiligen Schrift die beschworen der Dentzer ein theils, die meinten daß Sie be- sessen weren von dem bösen Geist. Also nam es ein betrogen end, vnd werete wol Sechzehen wochen in dissen Landen oder in der maaß. Auch nahmen die vorgenante Dentzer Man vnd Prauwen sich an, daß Sie kein rot sehen möchten. Vnd war ein eitel teuscherey vnd ist verbotschaft gewest an Xystum [Christum] nach meinem beduncken"^). (Auch bei Hecker-Hirsch a. a. 0. abgedruckt, aber nach der Ausgabe von C. D. Vogel. Marburg 1828). Hier treten die Krauken von vornherein als Tänzer auf — es wird auch ihre Tanzart angegeben, sie 'stunden je zwey gen ein' — und tanzten oft bis zum Umsinken, Hessen sich dann mit Füssen treten und glaubten sich nun geheilt. Es war also in der Hauptsache die Heilart, die wir vornehmlich von Strassburg und Basel her kennen. Auch vom Tanz in den Kirchen spricht der Bericht. Das Umgürten des Bauches geschah nach ihm nur, um in der Schwangerschaft dünner zu erscheinen und sie zu verdecken (vgl. oben S. 125 f. den Bericht Schenks von Grafenberg). Der Chronist hält die meisten Tänzer für Betrüger, wenige für wirklich Kranke, von denen die guten Ärzte sagten, dass sie heisser Natur wären (siehe oben S. 118 diese Angabe auch bei der Strassburger Epidemie) und andere Gebrechen hätten. Im Gegensatz zu den Ärzten — und an- scheinend auch zum Chronisten — nahmen die Geistlichen Besessenheit an und beschworen sie. Ganz anders lauten die Berichte niederländischer Geistlicher. Sie schildern die Kranken, durch ihre Brille gesehen, nur als Besessene, und als solche wurden diese von ihnen dort auch behandelt, besonders wo das durch die Plage verbitterte Volk der Geistlichkeit gefährlich zu werden anfing. Die Berichte sind kulturgeschichtlich besonders interessant, weil sie zeigen, welche ]\Iacht die Suggestion hat. Die Krauken glaubten schliesslich selbst, dass sie von Teufeln besessen seien, und die Geist- lichen holten Aussagen aus ihnen heraus, die sie wünschten und die ihnen 1) Die Limburger Chronik des Johannes, nach J. Fr. Fausts Fasti Limpurgenses hs B. , 1000 lettische Rätsel. Mitau 1881. 3 Um den Leser ticht zu verwirren, sind die Lösungen der angeführten Beispiele fortgelassen, falls das Gegenteil nicht unbedingt nötig war. 16'= 244 Lehmann-Nitsche: I. In der biomorphen Gruppe wird uns von einem Wesen berichtet, das allen seinen Eigentümlichkeiten nach ein lebendes ist, ohne dass wir jedoch wüssten, ob es Tier oder Mensch (oder Pflanze) ist; z. B.: 'Wenn es nach dem Walde geht, schaut es rückwärts nach Hause; wenn es nach Hause kommt, schaut es rückwärts zum Walde' (B. 832). Wir hören also von einem Wesen, das geht, also leben muss. In B. 508: 'Ein Arm von Holz, Krallen von Eisen' charakterisieren Arm und Krallen das Ding (nicht etwa die Lösung, die bei der Klassifizierung ja gar nicht in Frage kommt!) als einen Organismus, der nur eben nicht genauer bezeichnet ist (was in den folgenden Gruppen der Fall ist). Das gleiche gilt von B. 328: 'Vorne hat es den Rücken, hinten den Bauch'. In W. 308 sind die Gelenke, in W. 337 a das Gehen, in W. 230 Kopf und Bauch, in W. 307 die Rippen, in W. 360 die Beine und das Gehen die typischen ablenkenden Elemente, wonach das Rätsel in die biomorphe Gruppe gehört. Die hinlenkenden Elemente derselben sind nicht immer klar aus- geprägt, und die volkstümlich gewordenen Kunsträtsel erschweren, wenig- stens für das spanische Sprachgebiet, die Systematik. Immerhin kann man folgende Abteilungen des hinlenkenden Elementes unterscheiden, die manchmal kombiniert sind: 1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise usw. — Ad. Riopl. 6: 'In der Höhe lebt es, in der Höhe hält es sich auf usw.' 2. Die verschiedenen Lebensalter. (Sehr zahlreich im spani- schen Rätsel.) — B. 419: 'Was wird zweimal geboren?' In den A. R. finden sich Beispiele von Kombination mit Geschlechts- und Farben- wechsel während des Wachstums, in den beiden hier angezogenen Samm- lungen hin und wieder auch Beispiele für solchen Wechsel, aber in anderer Verbindung, z. B. B. 785: 'Schwarz geht's in die Badstube, rot kommt es heraus' (mit der vierten Abteilung kombiniert). 3. Normale morphologische Elemente. — B. 412: 'Ein kurzer Körper, ein langer Schwanz'. W. 307, auch W. 230 gehören ebenfalls hierher. 4. Normale physiologische Elemente. Von diesen ist nament- lich die Bewegung, sei es einfache, sei es fortwährende, sei es Hin- und Herbewegung, beliebt; aber wir fi^nden auch Hören usw. — Beispiele für Bewegung. B. 41: 'Sich wickelnd und windend geht's hinauf und ver- knotet sich'. W. 315 — 316 und 283 behandeln das Gehen und Sehen. B. 296 ist typisch für hin und her usw.: 'Es steigt den Berg hinauf und schleppt sich wieder herab'. B. 832 wurde schon zitiert. In B. 148 geht etwas Tag und Nacht, ohne bis an das Ende gelangen zu können. — Singen und Weinen finden sich bei W. 300a, 301a und 306; Essen bei B. 93. 5. Normale morphologische und physiologische Elemente in Kombination. Diese Abteilung ist kompliziert und unscharf; ich zitiere Zur Volkskunde Argentiniens. 245 aus den A. E.. das Rätsel von der Geige: 'Man kratzt mir den Nabel, und ich sterbe vor Lust'. 6. Abnorme morphologische Elemente. Äusserst interessante Formen von ganz besonderem Reiz. Die Abnormität ist von dreierlei Art: a) Der betr. Körperteil ist aus einem StofPe gebildet, der ilim nicht zukommt; ich wählte für diese Unterabteilung die Bezeichnung Terato plasie. Die Beispiele sind sehr zahlreich: B. 508 ('Ein Arm von Holz, Krallen von Eisen"), B. 657 ('Die Zähne von Eisen, der Leib von Holz, der Rücken von Strick'). — Bei Unterabteilung b) (Heterotopie) sitzt der fragliche Körperteil an einer Stelle, die einem anderen zukommt: B. 784 ('Es hat die Knochen aus- wendig, das Fleisch inwendig'), B. 328 ('Yorue hat es den Rücken, hinten den Bauch'); ebenso W. UOO, das Rätsel vom Kohl, der das Herz im Kopfe hat. — Unterabteilung c) schliesslich (Teratomorphie) umfasst die Fülle richtiger Monstra, Missbildungen durch fehlende oder durch exzessive Entwicklung des betr. Körperteils; B. 559 z. B. hat zwar Kopf, Milch, Schwanz, aber keine Haare, Brüste, Füsse; B. 497 hat zwar zwei Fusssohleu, aber sechs Schienbeine. W. 424b — e ist das bekannte Rätsel vom Reiter mit seinem Pferd: 2 Köpfe, 6 Füsse (Beine), 4 Augen; im übrigen ist das Wesen normal mit 2 Armen und 10 Zehen. Ganz ähnlich W. 360, eine Variante des vorigen, und W. 327 (ein Wesen ohne Kopf und Darm usw.),. ferner W. 295 (ein Wesen ohne Kopf und Rücken), W. 175b (ohne Blut, Leber, Lunge). — Gelegentlich finden sich Kombi- nationen zwischen a, b und c. 7. Abnorme physiologische Elemente. Ebenfalls sehr bunte Rätselbilder. Der betr. Körperteil hat entweder eine Funktion, die einem anderen zukommt (Unterabteilung a) Heterophysiologie) oder die Funktion, von der die Rede, ist ganz unmöglich, da ja die dazu nötigen Organe fehlen (b) Teratophysiologie, beides Ausdrücke, die nicht schön klingen, aber jedenfalls zutreffend sind. — Beispiele für Unter- abteilung a): W. 243a ist typisch: 'Hinnen frett't, vor schitt't'. Zahl- reichere Fälle ergaben sich für Unterabteilung b), z. B. B. 265 ('Was springt und geht ohne Füsse?'), B. 321 ('Was läuft ohne Füsse?'); W. 362 (Laufen ohne Beine), W. 363 (Fressen ohne Maul), W. 90 (Lasten tragen ohne Rücken), W. 280 (Auf dem Kopfe gehen). 8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente n Kombination. In den Ad. Riopl. nicht vertreten, wohl aber bei W. 387 (Drei Beine, Fett fressen, ohne fett zu werden). Während die bisher betrachteten Fälle der biomorphen Gruppe Wesen einer einzigen Art, sei es in Einzahl, sei es in Mehrzahl, auf- führen, man also von Mono- resp. Poly-Biomorphie sprechen kann, machte ein einziges Rätsel der Ad. Riopl. (Nr. 199) die Aufstellung einer zweiten, dieser entgegengesetzten Untergruppe nötig; in diesem vereinzelten Falle 246 Lehmann-Nitsche: treten zwei verschiedenartige Wesen auf, die mit einander kämpfen und dadurch als lebende charakterisiert werden; ich nannte diese Untergruppe alloio-biomorph. Weder bei B. noch bei W. fanden sich Beispiele dafür. II. Die zoomorphe Gruppe ist ohne weiteres dadurch gekennzeichnet, dass das ablenkende Element ein Tier ist ; in den Ad. Riopl. treten Tiere ohne weitere Benennung, Haus- und wilde Tiere auf. Die hinlenkenden Elemente lassen sich in genau der gleichen Weise klassifizieren, wie bei der biomorphen Gruppe, aber nicht für alle Abteilungen finden sich in den zwei hier benutzten Sammlungen Beispiele. 1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise usw. — B. 565 ist typisch: 'Ein Bär hockt am Feldende' ; ebenso B. 245: 'Ein Huhn, das auf einem Bein hockt', und B. 304: 'Ein Hund im Schneehaufen'; auch B. 518 gehört hierher: 'Voriges Jahr ist das Ochslein geschlachtet, noch ist das Maul offen'; sowie B. 243 — 246, wo eine graublaue Kuh (Ziege) die Niederung (Boden, Hümpel) leckt (nagt). — In B. 266 erfährt man nur, dass es sich um ein Tier handeln muss, da das Fell verkauft (der Kopf gegessen) wird; das Fleisch, heisst es weiter, frisst kein Hund, kein Wolf. Das letzte Rätsel kann als 'unvollständiger Zoomorphismus' an- gesprochen werden, im (iegensatz zu den übrigen, wo die Tiere wirklich genannt werden ('vollständiger Zoomorphismus'). Fälle von unvollständigem Zoomorphismus kamen in den Ad. Riopl. nicht vor. 2. Die verschiedenen Lebensalter. Kein typisches Beispiel, höchstens B. 253: 'Eine Sau gebiert ihre Ferkel'. 3. Normale morphologische Elemente. — Kein Beispiel. 4. Normale physiologische Elemente. Für die Bewegung lässt sich anführen B. 68, wo ein Marder, B. 69, wo ein Reh springt; für Hin- und Herbewegung B. 25 und 67, wo eine Wachtel hin und her fliegt; B 66, wo der Hecht hin und her schiesst; allerdings sind diese Rätsel gemischt, denn der zweite Bestandteil gehört in die poikilomorphe Gruppe: in B. 66 und 69 gefriert die Düna, in B. 25 und 67 der See. Nur B. 68 ('Ein Marder springt, die Spuren gefrieren') wäre typisch, falls dieses Rätsel nicht eine korrumpierte Variante der vorigen ist. 5. Normale morphologische und physiologische Elemente in Kombination. Es war kein typisches Beispiel bei B. und W. aufzufinden. 6. Abnorme morphologische Elemente. a) Beispiele für Teratoplasie. B. 13: 'Eine eiserne Stute, ein flächserner Schweif; ganz ebenso B. 14 und 15 und W. 266a: 'Isern Pierd mit'n höltern Swanz', und W. 268: 'Höltern Pierd mit'n isern Stiert'. B. 856-858: Hunde (Hasen, Füchse) mit weissem Blut. — b) Beispiele für Heterotopie. W. 174, ein Tier (Vogel) mit den Knochen über dem Fleisch; eine biomorphe Variante dieses Rätsels (B. 784) wurde bereits mitgeteilt. — c) Beispiele für Teratomorphismus. B. 561 (Öchslein mit neun Häuten), Zur Volkskunde Argentiniens. 247 B. 596 (Gans mit vier Schnäbeln), B. 828 (Lämmchen mit fünf Füssen), B. 999 (Bock mit einem Auge). — B. 504 ('Ein Pferd von Hede mit drei Füssen') ist ein Beispiel von der Kombination a -f- c. v 7. Abnorme physiologische Elemente. Nur Beispiele für b), Teratophysiologie. B. .374: Ein Hund, dem beim Bellen die Zähne ausfallen. 8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente in Kombination. B. 959: Ein Vogel, ohne Füsse, Schnabel, Flügel, verzehrt den Baum, auf dem er sitzt. W. 104 behandelt einen Vogel, dessen Flügel im Feuer gewachsen sind und der gleich sieben Ochsen frisst. Die eben betrachteten Abteilungen sind mono- oder polyzoomorph ; es gibt in den Ad. Riopl. aber auch zwei alloiozoomorphe Fälle, wo im gleichen Rätsel verschiedene Tiere auftreten; ähnlich ist B. 663: 'Ein weisses Schäflein im Leibe eines schwarzen Ochsen', oder einfacher B. 662: 'Ein Schafbock im Leibe eines Ochsen'; ferner B. 279: 'Ein Floh geht hinein, ein Schwan kommt heraus.' III. Die anthropomorphe Gruppe braucht keine Erklärung; höchstens, dass zunächst unvollständiger Anthropomorphismus auftritt, indem das Rätsel nicht direkt von Menschen spricht, sondern Sachen aufführt, die nur einem solchen zukommen können. Beispiele dafür sehr zahlreich bei B., z. B. B. 155 ('Die Füsse von Stein, der Rumpf von Holz, die Mütze auf dem Haupte von Stroh'; also unvollständiger A. [Mütze !j mit teratoplastischen hinlenkenden Elementen). B. 228 ('Wer sagt alles aus ohne Zunge?') und B. 56 ('Es spricht alle Sprachen'); nur der Mensch spricht. B. 605: 'Er tanzte, er tanzte — bis er sich erhängte'; nur der Mensch kann eigentlich tanzen. In W. 477 ist von einem Gesichte die Rede; nur der Mensch hat ein solches im eigentlichen Sinne. Die Fälle von vollständigem Anthropomorphismus liessen sich, in Mono- und Polyanthropomorphismus gesondert, bequem abmachen. Für den Monoanthropomorphismus wurden wieder genau jene acht Unterabteilungen nachgewiesen, nämlich: 1. Allgemeine Angaben über die Lebensweise, usw. Die Rätsel sind recht zahlreich, und zunächst finden sich keine besonders auf- fallenden Merkmale der Lebensweise (Unterabteilung a.). W. 320a, der "Mann, der auf dem Dache sitzt und eine helle Tabakpfeife raucht, ist ein typisches Beispiel dafür. Auch W. 293a und 216 a können angezogen werden, sowie B. 34 ('Ein grosser, langer Mann hockt in der Hütte') und B. 98 ('Ein klein klein Männchen, der ganzen Welt Richter'). — Einzel- heiten der Kleidung sind in Unterabteilung b) zusammengefasst; die Bei- spiele sind massenhaft, man vgl. B. 696 ('Ein Bettler geht des Weges, Flick auf Flick und kein Nadelstich'); B. 273 ('Ein kleines kleines 248 Lehmann-Nitsche: Weibchen, hundert Tücher um den Kopf); B. 642 ('Ein Fräulein sitzt in der Ecke, eine goldene Mütze auf dem Kopfe'); B. 509 (Männchen mit knöcherneui Pelz); B. 128 (Männchen mit grünem Kleid und schwarzem Gürtelchen); B. 96 (grosse, lange Jungfer mit grüner Schürze). Die beiden letzten Rätsel sind typische Formen. W. 184, 204a, 204c, 177, 178, 195, 198, 24 mag nachlesen, wer noch mehr schöne Beispiele haben will. — Für die Unterabteilung c). Schwarze, Hess sich nur ein Fall aus B. nachweisen, B. 113: 'Ein Schwarzer tanzt, ein Schwarzer springt, des Schwarzen Spur ist nicht zu sehen'. — Unterabteilung d), Tote, fehlt bei B. und W., dagegen kommt e), der Teufel, vor, und zwar B. 47: 'Der Teufel steht auf dem Acker, eiserne Schuh an den Füssen'. Wossidlos Sammlung liefert noch eine Unterabteilung e), Riesen, ich meine W. 512: 'Am Markt steht ein grosser Riese, er schaut weit in die Welt hinaus'. 2. Die verschiedenen Lebensalter. W. 78: 'Als ich klein war usw.; als ich gross war usw.; als ich tot war usw.' 3. Normale morphologische Elemente. B. 368 (= 763): 'Ein klein klein Männchen, Bart in die Höhe' ist kein g-utes Beispiel. In W. 232 ist der Bauch das hinlenkende Element. 4. Normale physiologische Elemente. Bewegung, und zwar recht ausreichend, macht sich die Frau Bohne bei W. 30, und reden, viel reden tut der Mann bei W, 318 a. 5. Normale morphologische und physiologische Elemente in Kombination. Keine guten Beispiele nachzuweisen. 6. Abnorme morphologische Elemente. Beispiele für Tera- toplasie sind B. 201 (Gesicht von Knochen, Bart von Fleisch); für Hete- rotopie B. 763 (Mann mit dem Bauch nach hinten), solche für Terato- morphismus B. 873 (weisses Herz) und W. 110 (zahllose Beine); vgl. auch W. 109. 7. Abnorme physiologische Elemente. Beispiele für wunder- same Funktionen bietet W. 388; da wacht ein Mann alle Nacht, ohne müde zu werden; oder W. 87a, wo ein Weib ohne Füsse und Hände laufen und schlagen muss. 8. Abnorme morphologische und physiologische Elemente in Kombination. Keine Beispiele. B. Die Fälle von Polyanthropomorphismus konnten in folgende Unterabteilungen zerlegt werden. 1. Die betr. Individuen sind nicht miteinander verwandt." Die Weiterteilung ist nun sehr einfach, insofern es sich um 2, 3 usw. Personen handelt. Zwei Personen erscheinen bei B. 187: 'Der Herr trägt seinen Knecht'; Wossidlos Gesprächsrätsel zwischen Bach und Wiese u. ä. gehören auch hierher, siehe W. 1 — 6. — Drei Personen werden auf- gezählt bei B. 204: 'Der Eine sagt: Gott wird den Tag senden, man wird zu essen bekommen; der Zweite sagt: (lott wird die Nacht senden, Zur Volkskunde Argentiniens: 249 man wird zu schlafen bekommen; der Dritte: mir gilt der Tag und die Nacht gleich'. — Vier Personen sind die 'vier Prediger unter einer Mütze' Bielensteins (Nr. 203). — 'Fünf Nackte bauen ein Haus' (B. 17) und die fünf Flohjäger Wossidlos (Nr. 28) sind ein auch sonst beliebtes Rätselbild. — Yiele Personen sind die 32 Gesellchen in einem Ställchen (W. 42f.), die dreihundert Männer bei B. 680; ohne genauere Angabe der Zahl: der Herr mit seinen Dienern bei B. 524 und das Regiment Soldaten bei W. 52. 2. Die betr. Individuen sind miteinander verwandt. Die Einteilung bezieht sich auf die verschiedenen Verwandtschaftsgrade und auf die Generationen. Nicht in den Ad. Riopl., wohl aber bei W. 498 bis 499 erscheint ein Ehepaar; bei B. 727—729 und W. 148c Vater und Sohn, bei B. 190 Mutter und Kinder, bei W. 136 und B. 6 Vater, Mutter und Kinder, also zwei Generationen; drei Generationen bei W. 411; vier Generationen in einem Falle der Ad. Riopl. Geschwister erscheinen bei W. 150c (zwei Brüder), bei B. 242 (fünf Brüder), bei B. 64, 137 und 261 (zwei Schwestern), bei B. 391 (sieben Schwestern), bei B. 537 (Bruder und Schwester). IV. Die phytomorphe Gruppe ist verhältnismässig spärlich. Zu un- vollständigem Phytomorphismus gehören die Fälle, wo das Rätselbild von Blumen, Früchten, Zweigen u. dgl. spricht, z. B. W. 340 (eine Blume), W. 31 (eine gelbe Blume), B. 353 (ein Blatt), B. 74 (zwei Bohnen). Vollständiger Phytomorphismus erscheint bei B. 334 und 644 (Eichbaum), 931 (Espe). V. In der poikilomorphen Gruppe wurde alles das untergebracht, was nun noch übrig blieb, also alle die mannigfaltigen Realien, die in so vielen Rätseln uns beim Lösen in Verzweiflung bringen. Auch hier liess sich als Untergruppe VA Mono- und Polypoikilo- morphismus aufstellen, wenn nämlich ein Ding derselben Art, sei es in einem oder mehreren Exemplaren, auftritt. Die spezielle Einteilung ist folgende: 1. Allgemeine Angaben usw. über den Gegenstand, den uns das Rätsel vorsetzt. W. 210, B. 441, 442 schildern ein Haus; B. 354 ein Brett; B. 465 ein Beil. 2. Das Rätselbild wechselt je nach den Umständen, Zeiten usw. Die bei W. und B. vorhandenen Fälle sind nicht rein wie in den Ad. Riopl., wo es z. B. heisst (Nr. 542): 'Am Tage Wurst, nachts Fahne', denn bei B. 252 (Am Tage Fassband, nachts Schlange) ist die eine Hälfte des Rätsels zoomorph, bei B. 268 (Im Sommer Tanne, im Winter Milch) phytomorph. 250 Lehmann-Nitsche: 3. Ein Gegenstand in Wiederholung; die Stellung ist charakteristisch ('übereinander'). — B. 977: 'Tönnchen auf Tönnchen, oben Mäuseschmutz'. Als Untergruppe VB erscheint der Alloiopoikilomorphismus, d. h. Dinge verschiedener Art, sei es in Einzahl, sei es in Mehrzahl, spielen ihre Rolle im Rätselbilde. Folgende Abteilungen konnten unter- schieden werden: 1. Verschiedene Dinge in Aufzählung; die Lösung ist ein Gegenstand. B. 70: 'Eine rote Flasche, ein weisser Kork' (Himbeere); B. 212 — 214 ist das bekannte weitverbreitete Rätsel von der Kuh, das ich nach der Variante B. 214 zitiere: 'Zwei Stösser, zwei Schüttler, vier, die auf der Erde humpeln, ein Neunter, der im Kriege Schutz gibt'; die zahllosen mecklenburgischen Fassungen sehe man bei W. 165 nach. 2. Verschiedene Dinge in Aufzählung; die Lösung ist ein Komplex zusammengehörender Gegenstände. Es werden da zwei, drei oder vier verschiedene Dinge aufgezählt, z. B. B. 288: 'Ein Katzen- schwanz, der über ein Meer sich streckt'; B. 20: 'Mit fünf Balken wird ein Wohnhaus gebaut". Drei verschiedene Gegenstände figurieren bei W. 122 (Wanderstab, Erde, Kraut); B. 131 mk Wiese, Schafen und Hirten passt nicht recht hierher, da zoo- und anthropomorphe Elemente miteinbezogen sind. Vier verschiedene Gegenstände erscheinen öfters in den Ad. Riopl., z. B. Nr. 560 (Feld, Samen, Stier, Kalb). Man kann mit Recht den Vorwurf erheben, auf einmal sei die Lösung berücksichtigt worden; dann vereinige man einfach Abteilung 1 und 2 zu einer einzigen; es ist sowieso manchmal schwer, sie auseinander zu halten. 3. Verschiedene Dinge in Aufzählung, deren Stellung charakteristisch ist. Übereinander, aufeinander sind Tönnchen, Fässer (B. 392), tote Heringe (B. 77 und 553); ineinander die Dinge bei B. 38 ('Ein Nussgesträuch, in dem Nussgesträuch ein Tannenwald, in dem Tannenwald ein See . . .'), womit der Übergang zu fortgesetzter Teilung gegeben ist, wie sie charakteristisch ist für das internationale Rätsel vom Jahr (W. 35) und das ebenfalls häufige vom Menschen, das bei B. 825 sogar zehn Stufen aufweist: Zwei Pfosten, auf den P. ein Sack, auf dem S. ein Block, auf dem B. zwei Stangen, auf den St. eine Mühle von Knochen, auf der M. zwei fliessende Bäche, usf. 4. Verschiedene Dinge in Tätigkeit. Zwei erscheinen in der Rätselgruppe von der Katze und dem Fleisch, vom Wildschwein und der Eichel u. ä., siehe W. 16 und 17, sowie B. 258 — 259; hier sind die beiden Figuren des Rätsels: Griese und Pummel, Himmelhoch und Ruuchdiert, Hocker und Gehängtes usw. — Drei und vier Figuren, je nach den Varianten, erscheinen in dem bekannten Rätsel vom Einbein, Zweibein, Dreibein, Vierbein, W. 15. Zur Volkskunde Argentiniens. 251 VI. Die vergleichende Gruppe ist im spanischen Rätsel sehr ent- wickelt. Wir erkennen ohne weiteres die vier Bestandteile, aus denen sich ein typisches Rätsel zusammensetzt: das oder die charakterisierenden Elemente; das oder die vergleichenden Elemente; die Versicherung, dass es sich doch nicht darum handelt, was der Vergleich soeben aussagte; und schliesslich ein oder mehrere beschreibende Elemente. Diese vier Bestandteile sind durchaus nicht immer gleichmässig ausgebildet, und je nach dem ergeben sich zahlreiche Abteilungen; z. B. fehlt ein Beispiel für die einfachste Kombination: ein charakterisierendes Element, ein ver- gleichendes Element, die entsprechende Versicherung, ein beschreibendes Element. W. 370a ist nicht ganz typisch, da das beschreibende Element an erster Stelle steht und das charakterisierende Element ('sieht was') ohne den Vergleich nicht bestehen kann. Die für die Ad. Riopl. geltende Einteilung ist folgende: 1. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes Element, die Versicherung. Bei B. und MV. kein Beispiel. 2. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes Element, ein beschreibendes Element. — W. 225: 'Lütt as 'ne Muus, bewacht 't ganz Huus'. Ebenso W. 226. 3. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes Element, zwei beschreibende Elemente. 4. Ein charakterisierendes Element, ein vergleichendes Element, drei beschreibende Elemente. 5. Zwei charakterisierende Elemente, ein vergleichendes Element. 6. Zwei charakterisierende Elemente, eine Versicherung. Für 3 bis 6 finden sich bei B. und W. keine Beispiele. 7a. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende Elemente, zwei Versicherungen. — B. 385: 'Es wiehert wie ein Hengst, ist aber kein Hengst; es tanzt wie eine Jungfer, ist aber keine Jungfer'. Ebenso B. 751 — 752, 758. 7b. Zwei vergleichende Elemente, zwei Versicherungen. Kein Beispiel. 7c. Zwei charakterisierende Elemente, zwei Versiehe. rungen. — W. 369: 'Witt is't [wie ein Ei] An keen Ei is't, Bläder hetft [wie ein Baum] un keen Boom is't'. Die fehlenden vergleichenden Ele- mente sind in eckigen Klammern zugefügt. 7d. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende Elemente. B. 706: 'Es wiehert wie eine Stute und tanzt wie eine Jungfer' (Lösung: die Elster; die Lösung des unter 7a mitgeteilten Rätsels ist das auf den Tisch geworfene Silbergeld!). Ebenso B. 595 und 843. 8a. Zwei charakterisierende Elemente, zwei Versiche- rungen, zwei beschreibende Elemente. Kein Beispiel bei B. und \^ . 252 Lehmann -Kitsche : 8b. Zwei charakterisierende Elemente, zwei vergleichende Elemente, zwei beschreibende Elemente. Kein Beispiel bei B. und W. 9. Drei charakterisierende Elemente, drei Versicherungen. Kein Beispiel bei B. und W. Dagegen finden sich hier Typen, welche in den Ad. Riopl. nicht vertreten sind und die am besten jetzt ohne be- sondere Numerierung aufgeführt werden: Das vollständige Modell (drei charakterisierende Elemente, drei ver- gleichende Elemente, drei Versicherungen) ist öfters vertreten, z. B. B. 606, B. 753, B. 755 und W. 218e; das letztere lautet: 'Grün wie Gras und doch kein Gras, weiss wie Schnee und doch kein Schnee, töppel a'sn Höhning und doch keen Höhning'. Bei W. 370b ist die stets gleich- lautende Versicherung nur einmal abgegeben. Drei charakterisierende Elemente nebst den entsprechenden drei Ver- gleichen finden sich auch öfters, z. B. B. 754, B. 827, B. 964; B. 299 lautet: 'Grün wie Gras, weiss wie Schnee, rot wie Blut'. Bei B. 55 ist noch ein beschreibendes Element zugefügt: 'Es bellt wie ein Hund, brüllt wie ein Ochse, singt wie eine Nachtigall; so lange es ruft, hat es keinen Mund'. Fahren wir nun mit der Einteilung der Ad. Riopl. weiter fort: 10. Vier charakterisierende Elemente, vier Versicherungen. Bei B. und W. nicht vertreten. 11. Vier charakterisierende Elemente, vier vergleichende Elemente. W. 217b (grün wie Gras, weiss wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Teer) gehört hierher, obwohl es mit reimergänzendem Bei- werk und einem Schlussrahmen verziert ist. Fünf charakterisierende Elemente mit den dazu gehörenden fünf Ver- gleichen finden sich nicht in den Ad. Riopl., wohl aber bei B. 707: 'Gefleckt wie ein Specht, weiss wie ein Schwan, schwarz wie ein Rabe, wiehert wie ein Pferd, tanzt wie eine Jungfer'. VII. Die beschreibende Gruppe liefert zahlreiche Beispiele, aus denen sich ohne weiteres ihre Form ergibt. Unterschieden wurden Rätsel mit: 1. Zwei Eigenschaften, z. B. B. 544: 'Oben glatt, unten durch- furcht'. Ebenso B. 247, B. 475—476 (= W. 392), W. 206a. 2. Drei Eigenschaften, z. B. W. 2r2a: 'Hoch erhoben, krumm gebogen, wunderlich erschaffen' (ausserdem Schlussformel); bei B. 164 sind drei negative Eigenschaften als charakteristisch aufgeführt: 'Ein Mensch ist's nicht, ein Gespenst ist's nicht, mit der Hand fassen kann man es nicht'. 3. Viele Eigenschaften; man suche W. 440, W. 414, W. 205, W. 171 a, W. 393 selber auf; in B. 710 erscheinen vier Eigenschaften: Zur Volkskunde Argentiniens. 253 'Es tauzt polnisch, spricht französisch und ist halb weiss, halb schwarz'; in B. 333 eine ganze Menge: 'Dünn ist's und lang, mit rundem Kopfe, dem Menschen zur Qual, dem Diebe zum Schrecken'. 4. Eigenschaften, je nach den Umständen wechselnd, zeigen eine ganze Anzahl Rätsel, z. B. B. 310: 'Nachts reich, Tages arm'; Tag und Nacht bestimmen auch die Eigenschaften bei B. 165 und 816, ebenso bei W. 95; die vier Jahreszeiten bei W. 343; auf dem Dache und unten bei W. 334 und 335; auf dem Tische und unten bei B. 421. In den Ad. Riopl. fanden sich als bestimmende Umstände Feld — Haus bzw. Oben — Unten besonders häufig. Till. Die erzählende Gruppe gehört nicht mehr zu den eigent- lichen Rätseln Charakteristisch für sie ist die vorhergehende Geschichte, in welche das Rätsel eingehüllt wird; hierher gehören die sog. Hals- lösungsrätsel, z. B. W. 980. XI. Die arithmetische Gruppe leitet weiter zu den uneigentlichen Rätseln. 1. Wirkliche Rechenaufgaben finden sich gelegentlich, z. B. bei ^\ 898 — 900; der Text ist zu lang zum Wiederabdruck. 2. Scherzhafte Rechnerei entspricht eher dem Charakter des Rätsels, z.B. W. 879, W. 465; W. 878 lautet: 'Wat is swerer, 'n pund Feddern oder 'n pund Bli?' X. Die Verwaudtschaftsgruppe steht der vorhergehenden innerlich nahe. 1. Verwandtschaft im allgemeinen wird öfters behandelt, z.B. bei W. 982: 'Seine Mutter ist meine Mutter ihr einziges Kind'; s. a. W. 983. 2. Seinesgleichen ist im spanischen Rätsel behandelt (Der Bauer sieht's fortwährend, der liebe Gott (Papst) nie, der König selten, u. dgl.); man erkennt gleichzeitig, wie für die uneigentlichen Rätsel die Lösung immer mehr und mehr von Wichtigkeit wird. 3. Verwandtschaft mit Verteilung von Gegenständen streift schon stark an die eigentliche Scherzfrage; W. 901 und W. 902 sind einschlägige Beispiele; das letzte der beiden Rätsel handelt von den zwei Vätern und zwei Söhnen, die drei Hasen schössen, und jede der ge- nannten Personen trug einen ganzen nach Hause. XI. Die kryptomorphe Gruppe wurde so bezeichnet, weil das Lösungswort teilweise oder ganz im Rätsel versteckt ist; der Reichtum an Formen im spanischen Rätsel ist sehr gross und veranlasste eine detaillierte Klassifizierung, während in Mecklenburg und Kurland die Beispiele äusserst spärlich sind. 254 Lehmann-Nitsche: Im unvollständigen Kryptomorphismus ist ein Teil des Lösungs- wortes im Kätsel enthalten, sei es als ein, sei es als zwei Worte des- selben. Im vollständigen Kryptomorphismus ist das ganze Lösungswort versteckt, und zwar: 1. Als Teil eines Buchstabens (Punkt auf dem i). 2. Als ganzer Buchstabe: W. 470—474 und W. 838: 'Wat 'steit in de Midd von Woren?' (Lösung: De r). 8. Als Teil eines Wortes, das im Rätsel vorkommt. 4. Als ein ganzes Wort, das im Rätsel vorkommt. Dieses Wort hat doppelte Bedeutung oder nicht; in letztem Falle wird direkt die Lösung mitgenannt, um den Hörer zu verblüffen, was auch gelingt, z. B. Ad. Riopl. 757: 'Spitzen vorne, Augen hinten; die Schere ist's, dumm du bist, wenn du die Lösung nicht kannst finden'; die Lösung ist tatsächlich die Schere. Bei W. fanden sich nur Beispiele für jene erste Art, wo das versteckte Wort zweierlei bedeutet, z. B. W. 951—961; W. 907a lautet: 'Is wech, blifft wech, un ward alldag bruukt' (Der Weg). 5. Als ein ganzes Wort, das im Rätsel vorkommt, und Teil eines anderen, mag dieser Teil nun unmittelbar vorhergehen, unmittelbar folgen oder getrennt sein. 6. Als zwei ganze Worte, die im Rätsel vorkommen; sie folgen entweder aufeinander oder sind voneinander getrennt. 7. Als drei ganze Worte, die im Rätsel vorkommen. Für keine dieser Unterabteilungen fanden sich bei B. oder W. Bei- spiele. XII. Die homouyme Gruppe ist von der Lösung ebenfalls be- einflusst. Zwei Typen Hessen sich unterscheiden: 1. Die Lösung ist ein homonymes Wort, das Rätsel be- schäftigt sich mit beiden Bedeutungen desselben. W. 905—906 sind wenige Beispiele aus Mecklenburg für diese im Spanischen zahlreiche Form, ebenso W. 522, das bekannte Rätsel vom Wacholder: 'Der Ge- liebte lag und schlief, die Geliebte kam uud rief, und das Wort womit sie rief, so hiess der Busch, an dem er schlief. 2. Eine oder mehrere Eigentümlichkeiten des Lösungs- wortes sind durch homonyme Yerben charakterisiert. Als Beispiel finde ich höchstens W. 922: 'Vier Mann spälen de ganze Nacht un keener verliert wat' ('Dat sünd Muskanten'). XIII. Die Scherzgruppe wurde in den Ad. Riopl. nicht weiter analysiert und das nicht übermässig zahlreiche Material nach äusserlichen Gesichtspunkten angeordnet. Für eine Einteilung nach inneren Motiven, Zur Volkskunde Argentiniens. 255 wie sie Petsch skizzierend versuchte, erschien der Stoff nicht ausreichend; vielleicht entschliesst sich einmal Petsch zu einer übersichtlichen Dar- stellung der Scherzrätsel. Ich sehe daher ab, auch nur eins der häufigen Beispiele, namentlich aus der Mecklenburgischen Sammlung, hier anzugeben. XIV. Die doktrinäre Gruppe gehört kaum noch zum Rätsel; es handelt sich um vielfach schulmeisterliche Examensfragen, die der Hörer entweder beantworten kann oder nicht. Sie lassen sich als zoologische, botanische, geschichtliche Fragen leicht gruppieren; zu den ersteren gehört z. B. Nr. 976 der Ad. RiopL: 'Welcher Vogel legt das grösste Ei?' Jedes Schulkind wird dabei den Strauss nennen. Eine vierte Abteilung, all- gemeine Sentenzen, sind durch B. 142 vertreten: 'Was läuft schneller als der Wind?' Es sind des Menschen Gedanken. XV. Als künstliche Gruppe wurden Charaden, Logogriphe und Akrosticha zusammengefasst, die im spanischen Sprachgebiet gewiss zum Teil volkstümlich geworden sind, offenbar nicht in Mecklenburg und Kurland. XVI. Die erotische Gruppe wurde, wie gesagt, nicht in den Ad. Riopl. publiziert, obwohl sie beim Volke, wie bekannt, gar nicht etwa eine besondere Stellung einnimmt. Eingeleitet wird sie durch Rätsel, die harmlos sind, während die Lösuno- ins sexuelle Gebiet gehört. Nur aus diesem rein formalen Grunde wurden die betreffenden Rätsel aus den vorhergehenden Gruppen, in die sie gehören, weggelassen. Die zweite Abteilung sind die mehr oder weniger obszönen Rätsel mit harmloser Lösung. Drittens kommen dazu noch Scherzfragen. Mit Petsch bin ich der Meinung, dass Abteilung zwei und drei eine besondere Gruppe bilden, obwohl auch sie in den vorher skizzierten Gruppen untergebracht werden können. AVossidlos Sammlung wimmelt von Beispielen aus Mecklenburg. Man kann die einzelnen Rätsel leicht nach dem Gegenstand der Anspielung im speziellen klassifizieren. 'Se acabö el cuento' heisst es hier zu Lande, wenn jemand seine Geschichte zu Ende erzählt hat. La Plata. 256 Haas: Eine alte Greifswalder Lokalsage. Von Alfred Haas. Vor dem ehemaligen Mühlentor zu Greifswald, zwischen der Wolgaster und Anklamer Landstrasse, erhob sich im Mittelalter eine der heiligen Gertrud geweihte Kapelle, die in den Stadtbüchern zum ersten Male im Jahre 1363 erwähnt wird; sie lag hier, wie wir weiter hören, hinter einem alten Wirtshause an der Kreuzung des Weges nach Eldena und nach Koitenhagen, das im Volksmunde den Namen 'Scharfe Schere' führte — angeblich, weil der Wirt seine Gäste vormals sehr 'übersetzte' (d. i. über- vorteilte). Die Kapelle, welche 70 Fuss lang und 35 Fuss breit war, hatte an der Westseite einen viereckigen Turm, der auf dem Lubinschen Stadtbilde von Greifswald aus den Jahren 1610 — 1618 westlich von dem St. Georgshospital sichtbar ist. Auf dem Hochaltar der Kapelle stand das Bild der heiligen Gertrud, „in farbiger, vergoldeter Plastik in Holz ausgeführt, in der einen Hand einen Palmenzweig, eine Lilie oder einen Krummstab, in der anderen das Modell eines Spitales tragend"; dem Bild gegenüber war auf einer Empore ein Orgelwerk aufgestellt. Neben der Kapelle lag im Süden eine Herberge und in der Nähe noch ein Küster- haus und ein Katen, und alle diese Gebäude waren umgeben von einem zu der Kapelle gehörigen Friedhofe, der sich bis in die Nähe der An- klamer Landstrasse erstreckte. Der Friedhof war wieder von einer massiven, durch Strebepfeiler gestützten Steinmauer umschlossen. In unmittelbarer Nähe der St. Gertrudkapelle stand ferner eine Wind- mühle, welche in den Stadtbüchern seit 1385 als molendinum venti extra valvam Molendinorum proximum ecclesie beate Gertrudis erwähnt wird. Ob sie ursprünglich zum Besitztum der Kapelle gehört hat oder freies Eigentum der Müller gewesen ist, ist nicht überliefert. Im Jahre 1447 ging die Mühle in den Besitz des Grauen Klosters über. Nichtsdesto- weniger hiess sie nach wie vor wegen ihrer Lage in der Nähe der Kapelle die St.-Gertrudsmühle. Im Verlaufe des Dreissigjährigen Krieges, und zwar im Jahre 1631, wurde die Kapelle mit ihren Nebengebäuden und die steinerne Ring- mauer und ebenso die Windmühle gänzlich zerstört. Doch wurde später das Küsterhaus und der Katen auf dem Friedhofe wieder aufgebaut. Die Mühle aber ward nicht wiederhergestellt; ihre Trümmerstätte wird aber noch 1739 als 'Mühlenberg mit Lehmgruben' in den städtischen Akten angeführt. (Nach Pyl, Greifswalder Kirchen 3, 1301flF. und A. v. Balthasar, Jus eccles. past. 2, 1.) Eine alte Greifswalder Lokalsage. 257 So etwa sind die Örtliehkeiten beschaffen, an die eine über 400 Jahre alte Greifswalder Lokalsage, nämlich die Sage von dem Wettlauf um das Opfergeld und von der gegen den Wind laufenden Mühle, anknüpft. Dass die Sage tatsächlich so alt ist und nicht erst, wie Pyl a. a. 0. S. 1305 f. vermutet, zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges ent- standen ist, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass die älteste Fassung, in welcher die Sage überliefert ist, aus dem Reformationszeitalter stammt. Die Sage liegt uns aber auch noch in zahlreichen anderen Quellenschriften des 16., 17. und 18. Jahrhunderts vor; denn sie gehörte zu den Stadtmerkwürdigkeiten von Greifswald; jeder Fremde, der dorthin kam, musste die Geschichte gehört und ihre Örtlichkeit besichtigt haben. Daher findet sich die Sage auch in zahlreichen älteren Reisewerken, die die Stadt Greifswald beschreiben, erwähnt. Bin Dutzend dieser älteren Schriftwerke ist bereits bei A. von Balthasar a. a. O. S. 12 zusammen- gestellt; ihre Zahl ist aber noch weit grösser; mir sind aus der älteren Zeit noch sieben weitere Werke und aus der Zeit nach Balthasar noch sechs neuere Werke bekannt geworden, welche die Sage enthalten, I. Die früheste Aufzeichnung der Sage^) findet sich bei Thomas Kantzow in dessen erster hochdeutscher Bearbeitung der Chronik von Pommern (ed. Gaebel 2, 260f. = ed. Böhmer S. 289 f.) und lautet: Es ist auch ein seltzam Dinck zum Gripswalde, das ich umb des willen mus anzeio-en: Es ist eine Capelle vor der Stat, St Gerdruden geheissen; dazu ist, wie es pflegt, von den Burgern ein Furstender (Vorsteher) gewest, welcher ein mal, do es da Kirchwey gewest, das Opffer auffgenhomen hat. Und do das Polck alle wegk wahr und des Opffers ein gutter Hauffe wahr, solle er es auff das Altar gelegt haben und St. Gerdruden Bilde haben genhomen und es hinten in die Capelle gesetzt und zu ime gesagt, er wolte mit ime wettlawffen, wer ersten zum Altar kheme, das derselbig solte das Opffer haben; und hat angehaben zu lauffen. So ist ime das Bilde zuuor gekhomen und auff dem Altar gestanden, ehe ehr hin- gekhomen. So hab er sich aus Geitze desselbigen nichts entsatzt und hat auch den ersten Bescheid nicht halten wollen und das Bilde noch einmal hingepracht und mit ime gelauffen, da es ime abermal zuuorgekhomen. Das hab er nicht than wollen und das Bild zum dritten Mal hingepracht. Do sey das Bild still gestanden und hat nicht wollen lauffen, und ist der Furstender ersten zum Altar gekhomen und hab das Opffer hingenhomen, als hette ers mit guttem Fug ge- wunnen; und in kurtzcn Tagen sol er darnach gestorben sein und auff St. Ger- druden Kirchhoff begraben sein worden. So solle ine der böse Geist in der Nacht aus dem Grabe geholet und von dem Kirchhofe weggefhuret haben, welchs ein Moller von der nehisten Wintmulen gesehen und des Morgens angezeigt hat. So hat man noch gesehen, wie der Totte an die Capellenthur gegriffen, das er sich vor dem bösen Geiste aufhalten wolte, und wie der böse Geist darnach mit ime den Kirchhoff entlanges ge- 1) [Doch vgl. J. Agricöla, 750 Sprüchwörtter 1558 (zuerst 1529) nr. oäG 'Er hat mit S. Gereimt ein Wettlauü" gethan' (in Sachsen); dazu Wesselski, Bebeis Schwanke 1907 1,142 und Wauder, Deutsches Sprichwörterlexikon 1, 1576.] Zeitsehr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. lieft 3. 1"7 258 Haas: Sprüngen und das Gras versengt und tieffe Fusstapffen in die Erde getretten. Das sey nhu so geschehen oder nicht, pleib in seinen Weerden. Aber das ist noch diessen hewtigen Tag, das man solliche Fusstapffen sieht und das auch kein Gras darinne wechst, und seint in so vielen Jaren die Loecher nicht zu- gewachssen. Wir finden hier bereits fast alle wesentlichen Züge der Sage vor: den dreimaligen Wettlauf um das Opfergeld, die Nichtbeteiligung des Bildes beim dritten Laufen, die Entführung des verstorbenen Vorstehers durch den Teufel, die Spuren an der Kapellentür und die von keiner Grasnarbe bedeckten Fusstapfen auf dem Friedhofe; auch zu der Mühle ist eine, wenn auch rein äusserliche Beziehung vorhanden, indem der Müller der Entführung zuschaut und am anderen Morgen Anzeige darüber erstattet. Dagegen findet sich noch nicht der Zug, dass der Vorsteher vom Teufel auf die Windmühlenflügel gebunden und vermittelst derselben linksum herumgeschwungen wird, worauf die Mühle die Eigentümlichkeit behielt, gegen den Wind zu laufen. 11. Aus dem Ende des 16. Jahrhunderts liegen mir zwei Berichte vor. Der erste von beiden stammt von dem fahrenden Schüler Michael Franck, der in den Jahren 1585 — 1592 von Frankfurt a. 0. aus nach Wien, Dänemark, durch die sächsischen Länder und nach Italien reiste, und auf dieser Reise im Mai 1590 auch nach Greifswald kam. Über seineu dortigen Aufenthalt berichtet er u. a. (Balt. Stud. 30, 77) wie folgt: Wie man von Ancolam in die Stadt (Grippeswalde) ziehet, da stehet ein kleines Kirchlein auf einem Berge für der Stadt, darinnen sich diese denkwürdige Historien zugetragen hat: in dieser Kirchen siehet man im Dache ein Loch hin- durch, welches, weil man es schon vielmahl versucht, nicht zudecken kan, durch welches Loch der Teufel einen gottlosen Menschen soll hindurch und hinaus ge- führet haben und seinen Braten geholet haben. Waß dieß für ein gottloser Mensch ist gewesen, daran Gott ein solch schreckliches Exempel statuiret, kan man wohl erachten, daß er ein vermessener, gottloser Mensch, der Gott und sein Wort verachtet und dem bösen Feinde sich gäntzlich ergeben haben muß. An den Mauern neben dem Dache werden auch noch die Krallen gesehen, die er zum Gedächtniß hinter ihnen verlassen, die er gerizzet haben soll, als er ihn hinweggeführet. Behüte Gott für solcher Auffarth! In diesem Bericht fehlt der Wettlauf; es ist vielmehr nur von einem gottlosen Menschen die Rede, den der Teufel holt. Beachtenswert ist dabei, dass der Gottlose durch das Kirchendach entführt wird und dass das dadurch entstandene Loch sich seitdem nicht mehr zudecken lässt. Dieses unverdeckbare Loch im Kirchendach ist dem Berichterstatter offenbar die Hauptsache gewesen, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass er das Loch mit eigenen Augen gesehen hat. Das Loch war aber offenbar ein aus katholischer Zeit stammender Abzugskanal für Kerzen- qualm und Weihrauchduft, wie solche Dachöffnungen auch an anderen Kirchen ehemals nicht nur vorhanden gewesen sind, sondern auch zu Eine alte Greifswaldcr Lokalsage. 259 ähnlichen Sagenbildungen Aulass gegeben haben. So findet sich im Deckengewölbe der St. Stephanskirche zu Gartz a. 0. ein runder Deckel, angeblich ein Scheffel, der dort eingemauert sein soll zur Erinnerung daran, dass einmal ein Bauer mit einem falschen Getreidemass betroffen wurde (Pom. A^kde. 3, 163). In der Sakristei der St. Marienkirche zu Stargard i. Pom. befindet sich an dem Deckengewölbe ein Loch, welches der Sage nach nicht zugemauert werden kann, nachdem der Teufel einst einen gottlosen Pastor durch dieses Loch entführt und zur Hölle hinab- geholt hat (Pom. Ykde. 5, 99). Vgl. auch noch Liebrecht, Zur Volks- kunde S. 42H. . III. Im Jahre 1593 verfasste der Greif swalder Rektor Lukas Takke eine allerdings erst im Jahre 1607 gehaltene Rede De Urbe Pomeranorum Gryphiswaldensi, die uns im Auszug erhalten ist (Dähnert, Pom. Bibl. 2, 219 und 7. Jahresber. der Geogr. Ges. zu Greifswald S. 142ff.). Darin heisst es u. a. : Gertrudis fanum nunc pene collapsum antiquo ablati quondam a Diabolo cuiusdam illius fani Provisoris seu Diaconi, fraudulenter cum Divae Gertrudis imagine sive statua propter certam aliquam pecuniae summam cursu certantis, miraculo apud exteras etiam gentes huc usque claret. Also auch hier ist das antiquum miraculum des betrügerischen Wett- laufes und der Entführung durch den Teufel. ISTeu ist, dass der Entführte möglicherweise ein Geistlicher (Diaconus) gewesen sein soll. Auch ist bemerkenswert, dass Takke die Bekanntschaft der Sage apud exteras etiam gentes ausdrücklich hervorhebt, wobei man nicht sowohl an das Ausland, als vielmehr an nichtpommersche deutsche Volksstämme zu denken hat. IV. Wesentliche Abweichungen von den bisherigen Fassungen der Sage bringt die folgende Quelle, Zacharias Rivander (Bachmann), der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelebt und die zu Magde- burg 1602 veröffentlichte 'Pestchronika' verfasst hat. Da mir die Original- quelle nicht zugänglich ist, zitiere ich nach dem Abdruck bei Jahn, Volks- sagen Nr. 334. Dort heisst es: Zu Gribßwalde, im Lande zu Pommern, saget man bestendig vnd fürwar, stieg ein Dieb in die Kirche, darinnen stand ein Bild Nikolai, vnd im Gottes- kasten solt viel Geld verschlossen liegen. Der Dieb sprach: „Herr Nikolae, ist das Geld mein oder dein? Wir wollen darumb in die Wette lauffcn; kompstu ehe und schneller zum Geldstock denn ich, so sey das Geld dein, sonst sol es mein sein!" Nikolae das Bild liell' vnd kam zum ersten an die Geldstat. Sie lieffen beyde noch einmal vnd zum dritten mal; Sankt Nikiaus vberwand vnd vberlieir den Dieb. Der Dieb sprach: „Mein Nickel, du hast das Geld ge- wonnen, du kanst es aber nicht vorzehren, denn du bist Holtz; ich wil dauon einen guten Muth haben vnnd es mit guten Gesellen vorschlcmraen." Dieser Mensch ist nach wenig tagen gestorben; seinen todten Leib führet der Teuffei IT* 260 Haas: wider aus dem Grabe in die Kirche, warff jn des Nachts aufP eine Windmüle vor der Stadt; von derselben sagt man, sie solle vnrecht vmbgehen vnd linck mahlen. Diss Teuffelisch Gespenst sei war oder anders, so hab ichs doch warlich gelesen. Hier haben wir an Stelle des Kirchenvorstehers einen Dieb, an Stelle der St. Gertrud den St. Nikolaus und an Stelle des Opfergeldes das im Gotteskasten verschlossene Geld. Beim Wettlauf läuft das Bild auch das dritte Mal mit. Neu ist die Absicht des Diebes, das Geld mit guten Gesellen zu verbringen, und neu ist vor allem die Einführung der linksum gehenden Windmühle bei der Bestrafung des Diebes. Von den Fuss- tapfen und den Spuren am Gebäude findet sich nichts. Auf die Wendung am Schluss: „Es sei wahr oder falsch, so habe ich es doch wahrlich gelesen", lege ich kein besonderes Gewicht; sie macht den Eindruck, als ob sie formelhaft ist; auch oben bei Kantzow findet sich eine ähnliche Wendung, und weiter unten kehrt sie bei Mikrälius nochmals wieder. Ob Kivander der erste gewesen ist, der an Stelle der St. Gertrud den St. Nikolaus eingesetzt hat, kann ich nicht sagen; jedenfalls findet sich der St. Nikolaus nach A. von Balthasar auch noch in der Fassung der Sage bei dem gleichaltrigen Michel Sachse, Alphab. bist, oder Christi. Zeitvertreib er, 4. Theil S. 383. Die Bestrafung auf der linksum gehenden Mühle findet sich auch bei Mich. Heberer, Aegyptiaca servitus, Heidel- berg 0. J. (1610) und darnach bei Matth. Merian, Topogr. Electoratus Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae (Franckfurt 1652) S. 65. [Bei H. Sachs, Fabeln 5, 165 nr. 707 würfelt ein Landsknecht mit S. Niclas.] y. Eine kurz zusammengedrängte Darstellung der Sage gibt Joh. Mikrälius, Altes Pommerland (Stettin 1640) 6, 573. Was sich bey der Capelle S. Gerdrut vor der Stadt / so jetzund mit Wällen zur Vestung verschüttet ist/ vnd vorhin grosse Wallfahrten gehabt hat /mit einem Provisorn zugetragen / den wegen böser Verwaltung des Opffer Geldes / darumb er mit dem Marienbilde in die Wette gelauffen / der böse Feind aus dem Grabe geholet / vnd daß Graß versenget / vnd tieffe Pußstapffen in die Erde getreten / die noch da gestanden / vnd mit Grase nieraaln bewachsen sind / biß die gantze Kirche vnnd Kirchhoff verschüttet ist /davon ist zu jederzeit von den Bürgern viele sagens gewesen / vnd ein alt geschriebenes Chronicon gedencket dessen auch: Drumb habe Ich es nicht wollen verbey gehen: Ein jeder halte davon / was er wolle. Das von Mikrälius angezogene handschriftliche Chronicon ist ver- mutlich Th. Kantzows Chronik von Pommern, doch mag Mikrälius auch aus der mündlichen Überlieferung geschöpft haben; jedenfalls berichtet er zuerst (und nach ihm nur noch Merian) von den Wallfahrten, die in katholischer Zeit zur St. Gertrudkapelle unternommen worden sind. Das von ihm angeführte 'Marienbild' .findet sich in keiner anderen Quelle wieder (ausser bei dem fast wörtlich mit ihm übereinstimmenden Merian) und beruht vermutlich auf einer Flüchtigkeit oder einem Versehen (etwa statt 'Heiligenbild' oder ähnlich). Eine alte Greifswalder Lokalsage. 261 Tl. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts finden wir die Sage in zwei topographischen Werken, nämlich bei Martin Zeiller, Descriptio Regnorum Sv. Imp. (mir nur aus A. von Balthasar bekannt) und bei Merlan. Der letztere schöpft die Sage nach seiner eigenen Angabe aus Joh. Mikrälius und Mich. Heberer. Es folgt Johannes Prätorius, der die Sage in seinen Anthro- podemus Plutonicus d. i. eine Neue Weltbeschreibung etc., 1 (Magdeburg 1666) S. 200 f. aufgenommen hat. Es ist die Fassung mit dem St. Nikolaus und der links umlaufenden Mühle, wie sie sich bei Rivander und Heberer findet. Aus Prätorius haben die Brüder Grimm (Deutsche Sagen Nr. 133) den ersten Teil der Sage geschöpft, während der zweite Teil von Jakob Grimm aus Mikrälius nachgetragen ist. In den Schluss des 17. und den Anfang des 18. Jahrhunderts gehören vier Fassungen der Sage, die ich nur aus A. von Balthasars Zitat kenne: Melchior Eppen, Gerechte Strafe und Rache Gottes wider die Prediger- und Schul-Peinde, S. 185 (der Verfasser war ein geborener Greifswalder und starb gegen Ende des 17. Jahrhunderts als Pastor in Wolgast); Caspar Schneider, Gründlicher und genau durchsuchter Oder-Strohm, S. 360 (der Verfasser starb 1720 als Bürgermeister in Dommitsch); Joh. Heinrich Hävecker, Christerbauliche Abend - Gespräche, S. 83 (der Verfasser war Pastor und hat 1640 — 1722 gelebt); Georg Michael Pfefferkorn, Pleißnische Ehrenkränze oder Leichenreden, (1701) S. 308 (der Verfasser hat von 1646 — 1732 gelebt). Vn. Aus dem Jahre 1736 erhalten wir sodann eine mannigfach ab- weichende Fassung der Sage durch den Bürgermeister von Plathe Amandus Carl Vanselow in seinem wenig bekannten 'Versuch zu einem Promptuario exemplorum Pomeraniae oder Vorrath von allerhand merckwürdigen Geschichten, so sich in Pommern zugetragen', Iste Sammlung, Franckfurt a. O. 1736, S. 205 ff. Als Quelle gibt der Verfasser den „gewesenen Fürstl. Eisenachischen Cantzler Georg. Mundus von Rodach in Tract. de Muuer. Honor. et Oner., L. 9 cap. 30 S. 404" an. Die Sage geht hier unter der Überschrift 'Die bestrafften Kirchen- Räuber' und lautet so: Es ist ausserhalb der Stadt Greiffswalde, auf einem Kirchhoffe mit Mauren umgeben, eine feine Kirche, darinn noch jederzeit geprediget wird, und werden zu Zeiten, wie es auch an andern Orthen gebräuchlich, vornehme Leuthe darinn begraben. Nun hat sichs zugetragen, dass in dieser Stadt ein vornehmer Mann redlichen Ansehens, deme man wegen seiner vermeinten Redlichkeit das Ein- kommen des Allmosen und der Spitale vertrauet und anbefohlen, A. 1438 ver- storben, den man auch in dieser Kirche begraben. Dieweil er sich aber wieder- rechtlich mit den Allmosen bereichert, dasselbe bestohlen und also nicht die Menschen, sondern Gott betrogen, hat der allmächtige Gott aus gerechtem Urtheil dem Teuffei verhänget und zugelassen, daß er diesen heyligen Dieb aus dem Grabe genommen, zu der Kirchen hinaus über den Kirchhoff — darauff er etliche 262 Haas: - Fusst-apffen hinterlassen — auff eine Wind-Mühle, negst dabey, getragen und auff den Flügeln durch sein Gespenst wieder "Wind herum geführet, der nachmals mit dem todten Leichnam verschwunden ist, daß niemand wissen kan, wo einig Haar von ihm hinkommen sey. Damit aber dieser schrecklichen Historie nicht vergessen werden könne, so läufft durch den Willen Gottes, allen Menschen zur Warnung, die gedachte Wind- Mühle noch heutiges Tages wieder Wind, da doch andre Wind-Mühlen, so aller- negst auf 20 Schritt darbey stehen, mit dem ordentlichen Winde ihren rechten Lauff haben und behalten. Auff solche augenscheinliche Straffe und erschrecklich Urtheii Gottes ist die gantze Stadt bestürtzet worden, und hat E. E. Rath zum Gedächtniß dieser un- erhörten Geschichte an der Kirchen nebst der Kirchen-Thüren, daraus die Wunder geschehen, einen Stein an der Wand ausserhalb, darauff die gantze Geschichte in alter Sächsischer oder Pommerscher Sprache eingehauen, auffrichten lassen, allen Christen-Menschen zur Warnung und Exempel. Welches Gedächtniß ich mit Schrecken und Verwunderung angesehen, denn die Wind-Mühle noch auff diesen Tag wieder Wind läufft. So sind die Fuß-Tapffen auff dem Kirch-Hoffe gemacht, nicht eben zu machen oder auszufüllen, sondern fallen stetigs ohngefehr eines Werck-Schuhes tieff wieder ein, damit sie immerzu mögen gesehen w^erden. Über diesen Augen-Schein gibt ferner die bey der Kirch-Thür zuvor gemeldete steinerne Platten schrifftlichen und ausführlichen Bericht jedermänniglich in- und aus- ländischen zu sehen und zu lesen. In diesem Bericht ist die Kirche nicht näher bezeichnet, was auf- fallen muss, da der Berichterstatter an Ort und Stelle gewiesen sein will. Es fehlt ferner der Wettlauf. Neu ist dagegen die Nachricht von dem neben der Kirchentür aufgerichteten Stein und von dem im Jahre 1438 erfolgten Tode des unredlichen Vorstehers. Nach Pyl (a. a. 0. S. 1309) hatten immer je zwei Provisoren das Vermögen der St. Gertrudkapelle zu verwalten; als solche fungierten von 1382—1432 Dietrich Schlutow und Nikolaus Witte L, 1472 Bernhard Wildeshusen und Nikolaus Witte IL, 1486 Hans Buweman und Augustin Kronort usw. Die Namen der Provi- soren von 1438 sind nicht überliefert. Was die Bestattung auf dem St. Gertrudenkirchhof betrifft, so wurden hier ursprünglich nur die in der Herberge verstorbenen heimatlosen Wanderer, zugleich aber auch die an gefährlichen Epidemien Gestorbenen begraben; in der Folge jedoch, als die Reformation den Kultus und die Bestimmung der Kapelle wesentlich veränderte, ging der Friedhof als Eigentum an das Graue Kloster über und diente seitdem zur Bestattung der im Armenhause oder auch sonst mittellos verstorbenen Personen; daher hiess er auch der Armen-Kirchhof. Nach dem Dreissigjährigen Kriege verzichtete das Kloster auf den Kirchhof zugunsten der Stadt, und diese überliess den Platz sodann der Garnison unter dem Namen 'Soldatenkirchhof (Pyl a. a. 0. S. 1304 f.). VIII. Die nächste Quelle ist 'Herrn Georg von Fürst, eines be- rühmten Cavaliers aus Schlesien, curieuse Reisen durch Europa, in welcher allerhand Merkwürdigkeiten zu finden', Sorau 1739, abgedruckt in Monats- Eine alte Greifswalcler Lokalsage. 263 blatt 1909 S. 65 ff. Die Reise selb'st muss der berühmte Kavalier mehr als hundert Jahre vor ihrer Drucklegung unternommen haben; denn wenn er schreibt: „Vor dem Tore fanden wir einen Kirchhof, wobei eine kleine Kirche steht," und „die Mühle muss noch bis auf diesen Tag wider den Wind herumgehen," so passt das nur auf die Zeit vor 1631. Der Wett- lauf fehlt bei Georg von Fürst; das einzig Neue ist, dass die Fusstapfen, welche tief in die Erde getreten waren, „ziemlich weit voneinander ge- sehen wurden." IX. Als letzte Quelle ist der schon mehrfach zitierte A. von Bal- thasar, Jus eccl. past. II S. 11 zu nennen. Er weist zunächst auf „die alte Leo-ende hin, welche allhier zu Greifswald umbs Jahr 1438 mit einem Vorsteher, der in der St. Gertrudts Kirche den Kirchen-Kasten bestehlen wollen, soll paßiret seyn", berichtet sodann den Wettlauf nach Mikrälius und fährt dann fort: Die Tradition ist noch dabey, daß der Teufel sich mit dem Leichnam auf einer nahe dabey befindlichen Mühle gesetzt und daselbst ein groß Geschrey er- reget habe. Von der Zeit an die Mühle allemahl verkehrt und wider den Wind gegangen; daß sie auch daher den Nahmen der 'verkehrten Mühle' bekommen. Es ist diese Geschichte in einem alten deutschen Gedichte vom gedachten Jahre beschrieben ... Es hat einer, Nahmens Matthias Lajus, von welchem aber nicht bekannt, wer er gewesen, diese Geschichte sogar in Kupfer stechen lassen und dieses Kupferstich denen Herzogen in Pommern und dem Magistrat zu Greifswald dediciret. X. Das von Balthasar erwähnte deutsche Gedicht vom Jahre 1438 scheint verschollen zu sein. Dagegen ist die Sage in neuerer Zeit wieder in Verse gebracht worden von Ed. Hellm. Freyberg, Pomm. Sagen in Balladen und Romanzen (Pasewalk 1836) S. 32-35. Der Dichter hat dabei die von Kantzow überlieferte Fassung der Sage benutzt. Aus Freyberg und Mikrälius hat J. D. H. Temme, Die Volkssagen von Pommern und Rügen (Berlin 1840) Nr. 118 die Greifswalder Sage geschöpft. Jahn wirft Temme vor, dieser habe die Sage 'ausgeschmückt'; dieser Vorwurf scheint mir aber doch nicht berechtigt zu sein; einige geringe Ausschmückungen des Sagenstoffes finden sich bei Freyberg, wie z. B., dass das Bild Tränen geweint habe, und das ist von Temme mit übernommen worden; dem Dichter aber wird man solche Ausschmückung wohl kaum verargen dürfen. Überschauen wir zum Schluss noch einmal die Quellenschriften, in denen die Greifswalder Sage überliefert ist, so ergeben sich zwei bzw. drei Gruppen der Überlieferung. Zur ersten Gruppe rechne ich alle die- jenigen, die den Wettlauf mit dem Gertrudenbilde, die Entführung des Verstorbenen durch den Teufel, die Hinterlassung der Fusstapfen und 264 Haas: Eine alte Greifswalder Lokalsage. der Spuren an der Kirche berichten, aber der linksum gehenden Mühle noch nicht gedenken. Diese Quellen stehen zueinander in folgendem Ab- hängigkeitsverhältnis: Erste Gruppe Merlan v. Balthasar (1. Teil) (1. Teil) Grimm (2. Teil) Freyberg Temme Zur zweiten Gruppe zähle ich diejenigen Quellen, welche von dem Wettlauf mit dem St. Nikolausbilde und von der Bestrafung auf der linksum gehenden Mühle berichten: Zweite Gruppe Heberer Gs- von Fürst Prätorius (?) Jahn Merlan (2. Teil) Grimm (1. Teil) Zur dritten Gruppe rechne ich alle übrigen Quellenwerke, welche weitere Einzelheiten berichten, ohne dass wir deren Quelle kennen: Pranck mit der Entführung durch das unverd eckbare Loch im Kirchen- dach, von Rodach-Vanselow und v. Balthasar mit der Angabe des Jahres 1438, von Rodach-Vanselow mit der Nachricht von der Aufrichtung des Steines und endlich v. Balthasar mit der Erwähnung des deutschen Gedichtes. Stettin. Kohlbach: Das Zopfgebäck im jüdischen Eitus. 265 Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. Von Berthold Kohlbach. I. Ritus des Brotpaares (Lechern mischne). „Und es war am sechsten Tage, da wurden zwei Portionen gesammelt, zwei Ömer für je eine Person Sechs Tage dürfet ihr es (das Manna) sammeln, am siebenten Tage jedoch ist Sabbat; da ist es nicht vorhanden." (Exodus 16, 22 u. 26.) Diese Verordnung ist die Quelle des zumal in den jüdischen Häusern des Abendlandes so charakteristischen Brotpaares in Zopfform bei Sabbat- und Festmählern. Das Brotpaar in Laib form (Kikkar) und als Zopf gebäck (Barches) sind Symbole gesonderter Kulturkreise im Judentum e. Während ersteres auch heute noch bei den sogenannten sepharedischen (= fränkischen)^) Juden im Orient das 'lechem mischne' der Schrift vertritt, gehört das Zopfgebäck bei den sog. aschkenasischen (deutschen) Juden zum Weihe- ritus (Kiddusch) von Sabbat und Festtagen; es ist auch hier keine religiöse Vorschrift, denn es darf die Benediktion auch über zwei Brödchen (Wasser- semmeln) gesprochen werden; es ist ein durch Jahrhunderte geweihter Brauch, an dem zumal die jüdische Frau liebevoll hängt und festhält. Am Freitagabende oder am Vorabende des Festtages werden auf dem feierlich gedeckten Tisch auf den Ehrenplatz des Wirtes zwei Gebildbrote in Zopfform gelegt; eine Serviette oder ein zu diesem Zwecke dienendes Deckchen verhüllt die 'Barches' bis nach Beendigung des Segensspruches, welcher den Weiheritus beschliesst; das eine Brot wird angeschnitten, das zweite bleibt für die Mittagstafel des Sabbat- oder Feiertages, am Versöhnuugsfest für das Abendmahl nach dem Fasttage. Die Zeremonie ist eine höchst dürftige; der Wirt spricht beim Anschneiden: „Gepriesen seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der du Brot hervorbringst aus dem Erdreiche," bricht jedem der Tischgenossen — Männern und Frauen — einen Bissen ab, den jeder einzelne mit demselben Segens- spruche begleitet. Ist ein würdiger Gast zugegen, wird auch vor ihn ein besonderes Brotpaar gelegt. Am Pesachfeste vertritt die Stelle der 'Barches' die ungesäuerte Brotscheibe (Mazzäh); bei dem Abendmahle an 1) Franken werden die in den Balkanländern lebenden Juden genannt, weil im Orient die aus Europa stammenden Juden 'Europäer' i^frengi) genannt wurden; in Ungarn heissen sie auch 'Spagniolen', 266 Kohlbach: den zwei ersten Abenden (Szeder) sind wohl drei solche Brote vorhanden, doch vertreten sie nicht das 'Lechem mischne', sondern jedes einzelne hat eine besondere Verwendung; Symbol des Festes ist bloss eines, über das ausser dem oben angeführten noch der folgende Segensspruch gesagt wird: „Gepriesen seist du Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns den Genuss der Mazzäh verordnet hat" ^). Soweit über die Zeremonie. Was die Form des Lechem mischne betrifft, finden wir in den Quellen keine besonderen Angaben. Der Talmud erwähnt keine besondere Form für diese Kultbrote. Rabbi Abba tradiert: Am Sabbat ist jeder ver- pflichtet, zwei Brotlaibe (kikroth) anzuschneiden, weil es in der Schrift heisst: lechem mischne (Brotpaar) Sabbat 117 b. Auch der Schulchan arüch, der allgemein gültige Ritualkodex des rabbinischen Judentums, gibt uns keine nähere Aufklärung. Ein kurzes, aus bloss vier Punkten be- stehendes Kapitel in der Abteilung I (Orach chajjim = Pfad des Lebens), § 274, behandelt das Anschneiden des Sabbatbrotes und § 271, 9 wird ge- fordert, dass das Brot (pasz) auf einem Tischtuche, mit einem Deckchen (mappa) verhüllt, liege. Man könnte glauben, der Söhar, das Hauptwerk aller Mystik im Judentume, werde sich dieses Ritus bemächtigt haben und ihn verherrlichen. Mit nichten! Der Sohar gefällt sich in der Aus- schmückung der drei Sabbatmahlzeiten, d. i. am Freitagabend, am Sabbat- mittag und Sabbatnachmittag (schalesch-szüdesz im Jargon), welch letztere in polnisch-orthodoxen Kreisen mit der grössten Observanz gefeiert wird, da sie als Abschiedsfest des Sabbatkönigs (melavve d' malkö) aufgefasst wird und gewöhnlich im Lehrhause in Gegenwart des Rabbis abgehalten wird^). Ferner spricht er von den im Stiftszelte und später im Heilig- tume zu Jerusalem aufliegenden 'Schaubroten' (Lechem happonim), wünscht, dass jedes einzelne Schaubrot viergestaltig sei, um das Traum- gesicht des Propheten Ezechiel (1,6) zu symbolisieren. Sonst aber klingt es ganz nüchtern: „Es ist Pflicht, zwölf Brote auf den Sabbattisch zu geben, je vier für eine Mahlzeit"^). Trotz dieser Nüchternheit in den Quellenschriften bildet die Be- reitung der Barches den besonderen Stolz der gesetzestreuen Jüdin Mittel- und Nordeuropas; im Orient gilt bei den sepharedischen Juden 1) Auf den Darstellungen des heiligen Abendmahls sehen wir auch bloss ein Brot: die Form befremde uns nicht; die sepharedischen Juden, so z. B. in Temesvar, backen die ungesäuerten Brote in Laibform und nennen sie: 'bojüsz'; die Bedeutung des Wortes konnte ich nicht ermitteln. 2" Vor Jahren sah ich polnisch-orthodoxe Juden in Budapest (Simonyi'sches Haus, VII. Königsgasse) in der Synagoge nach dem Nachmittagsgottesdienst (Mincha) die dritte Mahlzeit: Fische und Barches essen. Es wird auch heute dies der Fall sein. 3) Suhar ed. Lublin 1894, 3, 489. — Ob diese Zahl eingehalten wird, ist mir hier in Ungarn nicht bekannt. Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. 267 gewöhnliches Brot als Lechem mischne (mündliche Angabe des Faelascha- forschers Faitlovich), Der Grossrabbiner in Saloniki Jakob Meir schreibt mir, dass bei den türkischen Juden das Sabbatbrot keinen besonderen Namen führe. „Bloss in den Häusern der Vornehmen wird es aus feinem Mehle bereitet, mit Ei bestrichen und mit Mohn bestreut; weil der Teig- ein besserer ist, gärt er mehr, so dass das Backwerk hohl ist ... ." Bei den Juden in Persien heisst es 'challah' (= Fladen, vgl. E. N. Adler, Jews in many lands, pag. 179). Interessant ist, dass auch in slawischen oder einst slawischen Gegenden das Brotpaar 'challah' heisst, so in manchen Gegenden Oberungarns (Zemplener Komitat, wo sehr viel polnische Juden eingewandert sind), in Königsberg und Graudenz, wie Höfler im Archiv für Anthropologie (Neue Folge 4, 130) mitteilt^). Was nun d^ie Form der Challah und der Barches betrifft, so ist die Challah oblong, fladenförmig, wie das Opferbrot auf dem Altar in Jerusalem, das schlechthin als 'Schaubrot' übersetzte lechem happönim^) (Exodus 25,30; 35,13; 39,36; in Leviticus 24,5 heissen sie ja challöth) gewesen sein mochte. Weder challöth, noch uggöth, lechem usw. deuten auf die Form, bloss kikkar bedeutet: Laib. Das Zopfgebäck (Barches) hingegen hat gewöhnlich die längliche Zopfform; bloss an den Sabbat- und Feier- tagen von Neujahr (Rösch haschänah) bis zum Feste der Weidenruten (Hoschana rabba) hat das Backwerk die Form einer runden Frisur, und zwar nach der landläufigen Auslegung in jüdischen Kreisen deshalb, damit die Rundung des Zopfes dem Wunsche die symbolische Fassung gebe: Möge das neue Jahr so ohne alle Scharten und Ecken sein, wie die Kreisform. Ich vermute, es ist eher das Symbol des sich erneuernden Jahreszyklus, des sich schliessenden Kreises^). Das Zopfgebäck wird mit Eidotter bestrichen und mit Mohn bestreut; das erstere geschieht wohl darum, dass das Flechtwerk glänzend, nicht matt sei; das letztere ist wahrscheinlich nicht jüdischen Ursprungs, da ja — wie allgemein bekannt ist — der Mohn im griechisch - römischen Rituale eine grosse Rolle spielt. (Höfler, Das Haaropfer in Teigform, 1) Er liest irrtümlich Kalle = Braut) und hält es für ein ßrautopfer: Kaf ohne dägesch wird von den nichtsepharedischen Juden 'ch' gelesen. 2) Eine merkwürdige Darstellung des lechem happonim sah ich in der Justina- Kirche zu Padua; auf einem der Chorstülile ist es in Ziegelform geschnitzt; die obere Fläche zieren drei Augen, die Vorderflächc vier Augen, eine Anlehnung an die pänim = Gesicht. — Ich vermute darin ein Teigopfer für jeden Stamm und wäre geneigt, es mit 'Gebildbrot' zu übersetzen. Von Woche zu Woche, am Sabbate musste es Gott vor- gelegt werden als 'Feueropfer', doch wurde es nicht verbrannt, sondern von den Priestern genossen. i^Vgl. als Hauptstelle Leviticus 24,5—9. 3) In diesen Festwochen wird das Zopfbrot in Honig getunkt und so genossen; als Ursache wird angegeben: das neue Jahr werde ein 'glückliches und süsses'. Ich glaube, der Genuss des Honigs zu Neujahr hängt mit dem chthonischen Kult zusammen, der im späteren Judentume verschwunden ist. Auffallend ist bloss der Genuss von Lebkuchen lekach) bei den polnischen Juden. 268 Kohlbach : Archiv für Anthropologie a. a. 0.). Besonders reich verziert sind die Barches zu Ehren des Torafestes, des jüdischen Faschings (Pürim),- bei Hochzeits-, Circuracisions- und Erstgeburtlöse (Pidjön habben)-Mahlzeiten; das Zopfgebäck ziert eine schmale Teigflechte, auf ihr sind Rosetten und Schneckengewinde aus Teig angebracht; unter der Flechte stilisierte Hände aus Teig und andere Zieraten. Bei diesen Gelegenheiten gilt's nicht mehr, das Brotpaar der Bibel zu vertreten; es wird bloss ein Zopfbrot gebacken. n. Namen und Ursprung des Zopfgebäckes (Barches). Barches! Ein sonderbares Wort; es klingt hebräisch, und zwar als im Jargon verderbter Plural des Wortes: berächa (= Segen). Es ficht uns dabei gar nicht an, dass es in manchen Gegenden berches heisst; dem Jargon können wir ja soviel Sprachverderbnis zuschreiben. Und wir sind gar bald mit der Etymologie fertig: Barches ist ein Backwerk, bei dessen Genuss viele Segenssprüche rezitiert werden. Das klingt recht plausibel, ist aber, wie wir wissen, grundfalsch, da wir beim Anschneiden bloss einen einzigen Segensspruch hersagen. Ferner spricht auch gegen die Abstammung des Namens aus dem Hebräischen, dass er bei den Juden nicht allgemein ist, in den gemeingültigen Codices, wie in der Mischna, im Talmud, Schulchan ärüch usw. nicht vorkommt. Nun gilt allgemein, dass barches, berchis mit dem deutschen Perchten- brot identisch ist^). Ich verhalte mich dieser Erklärung gegenüber skeptisch, weil ich weder um den Königssee, also um Berchtesgaden herum, noch im Salzburgischen den Namen berchis für Gebildbrote gehört habe; meinen Zweifel bestärkt Prof. Dr. Schermann, Direktor des königl. ethnographischen Museums in München, der mir u. a. schreibt: „Obwohl ich von vornherein an keinen Zusammenhang mit dem Perchtakult glaube, habe ich eigens noch Frau Prof. Marie Andree befragt und mir von ihr bestätigen lassen, dass dieser Kult keinerlei Zopfbackwerke kenne.'' Wir haben es hier mit einem Survival, einem Überrest altjüdischen Brauches zu tun, der, von griechisch-römischen Juden in germanische Länder verpflanzt, seinen alten Namen challah verloren hat und für das Gebildbrot den germanisch-heidnischen, der Göttin Berchta entlehnten Namen riD"12 (statt 'bercht' volksetymologisch: berchesz gelesen) ange- nommen hat. Die sog. Sephardim lebten jahrhundertelang auf der pyrenäischen Halbinsel und im Maghreb inmitten von Muhammedanern, seit der Yer- 1) Vgl. Grünbaum in Zisch, d. deutschen morgenländ. Gesellschaft 31, 348 und be- sonders Max Höfler oben 9, 444; 11, 193-'J01; 12, 88-89; 198-203; 430-432; 13, 391 bis 398; 14, 257-278; 434; 15, 312-321; IG, G5, 76; ferner im Archiv für Anthropologie a. a. 0. und im Globus 80, 6. Das Zopfgebäck im jüdischen Ritus. 269 treibung aus Spanien und Portugal (Ende des 15. Jahrhunderts) wieder zumeist unter Moslimeu in der Türkei, Vorderasien und Ägypten. Selbst die in der Provence und Nordspanieu unter Christen lebenden Juden mussten die einstige Challah als Opfer vergessen haben und sie bloss als Vertretung des lechem mischne auffassen, weil ja weder das romanische Christentum, noch der Islam das Haaropfer als Ersatz für das Frauen- opfer der Heidenzeit kannten. Anders verhält es sich mit den mittel- europäischen Juden, den sog. Aschkenäsim; diese lebten schon damals in den römischen Kolonien, als die meisten germanischen Stämme noch Heiden waren und die germanischen Frauen der Friichtbarkeitsgöttin ihre Zöpfe zum Opfer brachten; dieses Haaropfer ersetzte nach An- nahme des Christentums das Zopfbrot. Die Jüdin fürchtete auch — trotz des offiziellen Monotheismus — den Geburtsdämou und brachte ihm vor der Trauung ihre Zöpfe zum Opfer, was das spätere Judentum nach Analogie des Kultes der Dea Syriaca als Keuschheitssymbol (zeniüth) auffasst. Das Abschneiden des Haares blieb im orthodoxen Judentum bis heute eine condicio sine qua non der Ehefrau; als Opfer jedoch verlor die challah ihre Bedeutung, und der Begriff des Haaropfers verband sich mit dem Brotpaare, das im sog. deutschen Judentume (deutsch-böhmisch- polnisch-ungarisch) Zopfform hat. Höchst wahrscheinlich haben wir es bei dieser Übernahme auch mit Gefühlskundgebungen zu tun, wenn die jüdische Frau mit solcher Liebe und Geduld ihre 'lieben Barches' geflochten und verziert hat. Was sie zu Ehren des Sabbat- und Festtages nicht mit ihrer eigenen Frisur tun konnte, denn sie war ja kurzgeschnitten unter dem 'Haarband'^), das tat sie mit den Teigzöpfen. Sie machte die schönsten Frisuren; „die aus- gezeichnetsten Zopfformen stellen die jüdischen Backformen auf. Diese haben die eigentliche Zopfform — Haar-Zopftypus — am meisten zum Ausdruck gebracht." (Höfler.) Als altjüdisches, das Haaropfer ersetzendes Teiggebilde erwähnte ich die challah, die aber in diesem Sinne bei den unter nicht-germanischen Völkern lebenden Juden in Vergessenheit geraten ist, doch in der Tradition, in der Mi seh na noch fortlebt. Weo-en dreier Verg-ehuno-en — so heisst es in der Mischna Sabbat (H, 6 und Sabbat 22 a) — sterben die Frauen im Kindbette, weil sie nicht genau auf die Menstruation, die Challah und das Lichterzünden (am Freitagabend) achten. Menstruation (nidda) und damit verbundene Vor- sichtsmassreyeln gehören in den Kreis der Heilkunde und der Volks- 1) Das Haarband ist eine den Schädel bedeckende, eng anliegende Haube aus Seide; gewöhnlich war vorne ein breites braunes Atlas- oder Seidenband mit einer Naht in der Mitte, einer Nachahmung des in der Mitte gescheitelten Haares. 270 Kohlbach: medizin. Vom Lichteranzünden sprach ich in Anlehnung an diese Mischna in meinem Aufsatz 'Feuer und Licht im Judentume' (oben 23, 247 ff.). Challah bedeutet heute im Ritus — abgesehen von der Benennung für das Brotpaar — eine Abgabe vom Teige auf Grund von Numeri 15, 19 — 211). Die jüdische Wirtin wirft den Zipfel der Barches oder vor der Formung des Teiges ein Stück davon ins Feuer, weil jetzt der Opferkult aufgehoben ist und keine Priesterkaste da ist, um die vor- schriftsmässige Abgabe vor Jahve zu verbrennen oder dem kohen (Priester) zum Genüsse zu übermitteln. Alle diese Abgaben sind nämlich dem Laien verboten. Nun soll die Frau für die Nichtbeachtung dieser Challah -Verordnung verantwortlich sein, wo doch dieses Gebot eigentlich den Mann betrifft? Mit nichten! Die Barches, im Hebräischen Challah, nunmehr mit dem lechem mischne verschmolzen, sind ein der Göttin der Fruchtbarkeit dar- gebrachtes Frauenopfer auf Grund des Grundsatzes: in sacris simulata pro veris accipi und mögen mit dem althebräischen Teräfim-Kult verbunden sein^). Die Frau war dem Geburtsdämon etwas schuldig; sie schnitt sich vor der Trauung die Zöpfe ab, um sich in der schweren Stunde seine Gnade zu sichern. Wir finden diese Sitte besonders im Kulte der Dea Syriaca und des Adonis, wie Höfler (Archiv für Anthropologie a. a. 0.) ausführt: „Beim syrischen Adonisfeste mussten die Weiber entweder ihre Haare abschneiden, oder den Fremden sich preisgeben"; — das unbezopfte „unter die Haube gebrachte Haupt" war ein Zeichen der Keuschheit. Auch die Bibel kennt ein Opfer der Kindbetterin, aber erst nach der Entbindung (Leviticus 12). Dass es ein Sühneopfer gewesen ist, erhärtet der Ausdruck: vechipper olehü ha-köhen („und es entsühne sie der Priester" oder wie Nachmani die Stelle erläutert: er bringe das Sühnegeld ihrer Seele . . . denn Gott heilt den Körper und bewirkt Wunder). Der beleidigte Dämon konnte nicht bloss das Leben der Wöchnerin, sondern auch das der Kinder gefährden. Die Jüdin war gewohnt, seit Jahrhunderten sich das Haar abschneiden zu lassen; sie folgte jedoch nicht dem Beispiele, welches die Griechin ihr gegeben hatte, die sich 1) Das Wort „challah" betrachte ich als Apposition vou „ariszothechem" : „und es sei, so ihr esset von der Frucht des Bodens, hebet ab eine Abgabe für Jahve. Das erste Stück von eurem Challahteige hebet ab . . . (Numeri 15, 19). Ich verstehe unter challah Kuchen, wie z. B. Lev. 24, 5 usw. denn 1. war diese Abgabe Pflicht des Mannes; die Frau konnte sie nur mit seiner Einwilligung bringen. (Schulchan ärüch, Jöre dea § 328 1 u. 2.) — 2. Ist dieser Ritus heute nicht wichtig; selbst Bedienstete können ihn besorgen (Mose Isseries zweite Note zu § 328, 3), und 3. gilt das Gebot der Challah-Abgabe nur für Palästina. (Schulchan ärüch, Jöre dea § 322, 2. und 3.) 2) S. Rubin, Kabbala und Agada in mythologischer, symbolischer und mystischer Personifikation in der Natur (Wien 1895) S. 32f. Das Zopfgebäck im jüdischen Eitus. 271 die Zöpfe vor jeder Entbindung hat neuerdings abschneiden lassen (Höfler a. a. 0. S. 141). Sie übernahm freudig den Opferkult ihrer germanischen Leidensgefährtin; die Challah verlor ihre einfache Brot- form, und es wurde aus ihr das Zopfgebäck sowohl für Sabbat- und Festtage, als auch — was weit wichtiger ist — bei Hochzeiten, Circunicisions- Feiern und bei dem Lösefest der Erstgeborenen. Die Mutter bringt jeden Freitagabend — der Freitag ist Venus ge- weiht — und an den mit dem Familienleben verbundenen, zumal das Kind betrejffenden Festmählern ihr Opfer dar, bäckt das Zopfgebäck, von dem sie eine Abgabe ins Feuer geworfen hat. Die Opferfreudigkeit der Mutter soll Anerkennung finden: Von den sonst so verschlossenen Re- dakteuren und Glossatoren der jüdischen Ritualcodices wird ein ganz un- gewohnter Ton angeschlagen. Dort, wo wir es am wenigsten erwarteten, zu den Paragraphen über das Anschneiden des Brotpaares (Schulchan- arüch: Orach-chajim § 274) bemerkt Abraham Gumbinner: „Es schickt sich, der Mutter am Freitagabend die Hand zu küssen". Die Jüdin von heute ahnt kaum, warum sie 'Barches' bäckt und weshalb sie diese bis nach der Einsegnung des Sabbats (Kiddusch) ver- hüllt. Eben derselbe Abraham Gumbinner bemerkt zu Orach-chajim § 180: „Das Brot muss während des Kiddusch verhüllt werden, damit es sich nicht schäme". Was ist dies anderes, als die Personifizierung des Gebildbrotes? Wie man das kurzgeschnittene Haar der keusch- frommen Grossmutter nicht sehen durfte, so verhüllten auch ihre 'lichtigen barchesl' ihre Zöpfe. Im Alltagsleben verliert ja selbst das Heiligste die Weihe; was die Opfernde selbst, weil's ihr zur Gewohnheit wurde, unbewusst verrichtet, das fühlte noch der Poet, der lange in der Provinz unter dem Volke gelebt hat: Frau Judiths Rabenhaare sind Gold und Güter wert, Still weinend mit den Händen sie durch die Flechten fährt, Dann greift sie nach der Scheere, ein rascher, scharfer Schnitt — „Sie priesen meine Locken — sieh hier, ich schnitt sie ab, . , , . 0 künde mir, du Frommer, du Mann mit Seherblick: Wächst nie heran ein Kind mir als höchstes Mutterglück?'' Josef Kiss, Judith Simon^). Budapest. 1) Josef Kiss (^sprich: Kisch), — Aus dem Ungarischen übersetzt von Ladislaus Neugebauer in Maximilian Berns Deklamatorium (Reclam, Leipzig) S. 219, 272 Schoof: Beiträge zur volkstümliclien Namenkunde. Von Wilhelm Schoof. 1. Hungerberg, Houigberg und ähnliches. In der Gemarkung Schweinheim (Unterfranken) sprudelt an einem Hügel unterhalb eines Heiligenbildes ein Brünnlein hervor, dessen Quelle sich lange Jahre nicht mehr gezeigt hat und daher im Yolksmunde das Hungerbrünnchen genannt wird. Eine halbe Stunde mainaufwärts, oberhalb Obernau, befindet sich ein trockener Graben, welcher der Hungergraben genannt wird. Wenn aus dem Gebüsch des Grabens eine Quelle hervorbricht, so deutet das nach einem alten Volksglauben auf ein Hungerjahr.' Im Jahre 1816 ist die Quelle zum letztenmal geflossen. Da kostete das Laib Brot einen Gulden^). Ähnliches berichtet Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben (Frei- burg 1861) 1, 141 ff., 249 u. ö. über etwa 20 Hungerbrunnen in Schwaben^). So bricht der Hungerbrunnen zwischen Altheim und Heldenfingen nur bei anhaltendem Regenwetter oder nach nassen, milden Wintern hervor. Sein Erscheinen gilt als ein günstiges Zeichen für die Fruchtbarkeit des Landes. Der Huugerbrunnen bei Friediugen befindet sich auf der Gemarkungs- grenze gegen Upflamör am Fusse eines Berges unter einer Eiche und steht als Verkündiger von Teuerung und Hungersnot bei den Anwohnern in grossem Ansehen. Solche Sagen finden sich in allen Gegenden Deutschlands verbreitet. Als Beispiel für Hessen mag das Hungertal im Burgwald dienen, eine nordöstlich vom Christenberg gelegene, sich nach Münchhausen zu erstreckende Bergschlucht. Dieses Tal bringt die Volks- sage mit der Eroberung der alten heidnischen Kesterburg (dem heutigen Christenberg) in Verbindung, weil hier während der Belagerung eine be- drängte Christenschar verhungert sei. In der Neuzeit wird das Hungertal mit den Notzuständen im Dreissigjährigen oder im Siebenjährigen Krieg in Beziehung gebracht, als die Bewohner der umliegenden Ortschaften in dieses Tal geflüchtet und dort verhungert seien'). 1) Der Sagenschatz des Bayerulandes, 1. Unterfranken (Würzburg 1877) S. 55. — 2) Vgl. auch Grimm, Myth.» 1, 557; Sagen nr. 105; Runge, Quellkult S. 10; Schambach- MüUer, Niedersächs. Sagen S. 59 u. a. m. — 3) Kolbe, Der Christenberg im Burgwald (Marburg 1895) S. 23. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 273 Da, wie man sieht, die letzten Bedrängnisse und geschichtlichen Ereignisse die früheren im Gedächtnis zurückdrängen, so wurde der Name einem neueren Ereignis zuliebe oft abermals umgedeutet, auf das der lautliche Gleichklang hindeutete. So wird der Hungerberg bei Münsingen auch Hunnenberg genannt, weil auf ihm einst Attila gelagert haben solP). Vgl. hierzu Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 429: ^Heune, Hunne, auch Unger; Hunnenlant, auch Ungerlant'. Es ist nun interessant zu sehen, wie die zugrunde liegenden laut- lichen Bestandteile dieser sehr zahlreichen Flurnamen von der sagenhaften ümdeutung des Volkes so überwuchert worden sind, dass vielfach selbst die Sprachgelehrten sich mit der nächstliegenden volksetymologischen Deutung zufrieden gaben, ohne irgendwie auf den Ursprung des Wortes ein- zugehen. So sagt Müller^) bei der Erklärung des Namens Hungerborn: ^,Hungerborne sind Quellen, die vermöge einer Eigentümlichkeit ihres Grundwasserstandes in sehr trocknen (Hunger-)Jahren stärker als ge- wöhnlich fliessen*^. Eine ähnliche Erklärung geben Miedel^): „Hunger von Orten, die bei der Dürre austrocknen: Hungerau, Hungerbach, Hungerberg, Hungerbrunnen", Wieris*): „Hungerborn, Bezeichnung für eine Quelle, die im Sommer versiegt" und Beck*): „der Hungerberg, jedenfalls wegen des unfruchtbaren Bodens; schliesslich mag auch an Hungen, d. i. abgestandene Bäume gedacht werden". Bück") kommt des Rätsels Lösung näher, wenn er die „zahllosen Hungerbrunnen und Hungerbäche" als solche deutet, die nur in Hungerjahren (nassen Jahr- gängen) fliessen, und wenn er vermutet, dass manche wohl auch umge- deutet sind und früher anders lauteten. Noch näher rückt er der Wahr- iheit, wenn er weiter sagt: „Hunger — in vielen Flurnamen; von einer alten Gepflogenheit der Hirten, das Vieh zu gewissen Zeiten in einen umzäunten Ort zusammenzutreiben, den man Stelli oder Hungerplatz hiess. Angeblich so, weil das Vieh hier nichts zu fressen bekam. So müssen die vielen Hungerbühle, Hungerbäume usw. verstanden werden. So verstehen es die Hirten in Oberschwaben jetzt noch. Dazu stimmt auch, dass die Hungerberge häufig bei den alten Weidegründen liegen". Diese Darstellung Bucks ist zweifellos richtig bis auf die sprachliche Deutung. Er übersieht, dass bei dem Wort Hunger eine Volksetymologie mit hineinspielt, nachdem die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dem Volksbewusstsein frühzeitig verloren gegangen war. Erschwert wird die 1) Birlinger a. a. 0. 1, 249. — 2) Die Ortsnamen im Regierungsbezirk Trier. Jahres- bericht der Gesellsch. für nützl. Forsch. 2, 50. — 3) Oberschwcäbische Orts- und Flur- namen (Memmingen, 190G) S. 14. — 4) Die Flurnamen des Herzogtums Braunschweig (Braunschweig 1910) 1, 38. — 5) Die Ortsnamen des Pegnitztales und des Gräfenberg- Erlanger Landes (Nürnberg 1909) S.99. — 6) Oberdeutsches Flurnamenbuch i Stuttgart 1880) S. 119. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1014. Heft 3. 18 274 Schoof: Aufdeckung des alten Sinnes durch die Tatsache, dass der lautliche Gleichklang des angedeuteten Wortes zufällig demselben Vorstellungs- kreis angehört, aus welchem das alte Wort hervorgegangen ist. Dieses Wort ist ahd. untarön^), mhd. undern, altsächs. undorn, das in Bayern, Franken, am Rhein, im Westerwald, in Friesland und den Niederlanden, ferner in Oberhessen, im nördlichen Teil der Grafschaft Ziegenhain, in der Gegend der untern Schwalm und Eder bis über Gudensberg hinaus an die Grenze der niederdeutschen Bezirke noch vor- kommt. Es wird meistens von dem Ruhen und der Ruhestätte des Schäfers und der Schafe, seltener noch von dem Ruhen des Kuh- und Schweinehirten gebraucht^). Im übertragenen Sinn bezeichnet es dann auch die Zeit^), vornehmlich von 11—4 Uhr, d. h. die Zeit zwischen Mittag- und Vesperbrot, während welcher Hirte und Herdenvieh der Mittagsruhe pflegt, auf der sogenannten Unnerstatt*), Ungerstatt oder Hungerstatt oder dem Hungerplatz, der meist im Freien unter uralten, schattigen Bäumen (den Hungerbäumen oder Honigbäumen) sich befindet, aber auch eingezäunt sein kann. Endlich bezeichnet der substantivische Infinitiv auch den Dünger oder den Mist, den das Vieh (vornehmlich Schafe) zur Zeit seiner Mittagsruhe auf dem Hungerplatz zurücklässt (im Gegensatz zum Perrich, dem bei der Nachtruhe zurückbleibenden Mist). Da in der rheinfränkischen Mundart nd vielfach in ng, aber auch infolge von Assimilation in nn übergeht, so finden sich in der hessischen Mundart Bildungen wie unnern, ünnern, onnern neben ungern und ongern, in der Hersfelder bis zur Fuldaer Gegend unter abermaliger Angleichung des r an das n auch Bildungen wie onnen (vgl. hersfeldisch: da onnen = um 4 Uhr) und unnen. Als dann bei zunehmendem Ackerbau und der festen Besiedelung der Gegend die Erinnerung an die alte ger- manische Weidewirtschaft in ihren Einzelheiten dem Volksbewusstsein mehr und mehr entschwand, versuchte man, dem alten unverstandenen Namen einen neuen Inhalt zu geben, ihn sinnvoll wieder zu beleben, und so wurde unter Mithilfe der Volksetymologie aus einer Ungerstatt eine Hungerstatt, aus einem Unner- oder Unnergrund ein Hinnergrund, hochdeutsch Hühnergrund, ja vielfach sogar durch Missverständnis oder 1) Schade, Altd. Wb. 2, 1052. Die Behauptung Schades, dass das Wort im eigent- lichen Hessen nicht vorkommt, ist nicht richtig. Vgl. ferner Hess. Bl. f. Volksk. 11, 112; Vilmar, Idiot. S. 423; Pfister, Nachtr. S. 307f.; Crecelius, Oberhess. Wb. S. 842; Kehrein, Volksspr, u. Volkssitte in Nassau S. 417; Schmidt, Westerw. Idiot. S. 128; Schmeller, Bajr. Wb. 1, 87 u. a. m. — 2) So findet sich 1574 aus der Wetterau bezeugt; 'dass sie daselbst auf dem Rein undt Anwendt geundert und ir Kesebrot gessen' (Landau, Einige sprachliche Beiträge, Ztschr. f. hess. Gesch. 6, 215). — 3) Daher noch vielfach Idiotismen wie Unnerskirch (Nachmittagsgottesdienst), Unnernbrod (Vieruhrbrod), Unnem- trunk (Bier, welches dem Personal nachmittags zum Vesperbrot gereicht wird) u. ä. Vgl. Vilmar a. a. 0. S. 423. — 4) So findet sich im Kellerwald eine Oberurfer und eine Dens- berger Unnerstatt (Vilmar a. a. 0. S. 423), bei Langenschwalbach eine Gemarkung öwwe der unner (Crecelius a. a. 0. S. 842), bei Obergrenzebach eine Ungerstatt usw. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 275 bewusste Verdrehung von Katasterlandmessern Hintergrund, wobei die Komposition Hinner als mundartliche Form für hinter, aufgefasst wurde. Wie weit hier die volkstümliche und amtliche Umdeutung manchmal geht, dafür einige Beispiele. Ganz einsam an der alten Heeresstrasse von Mainz nach Limburg an der Lahn steht an der Nordseite der Libbacher Haide die Hüner- oder Hünenkirche, in deren Nähe der Hüner- oder Hunenberg ist. 1525 wird sie die Kirche unserer lieben Frauen zum Honerberg, später die Hühnerkirche am Hühnerberg genannt^), während das Volk dafür richtig Hoinjerberg, Hoinjerkirche spricht. Da die westerwäldische Volkssprache statt hühner hoiner gebraucht, glaubten die Landmesser eine hochdeutsche Übersetzung zu geben, indem sie die Namen als Hühnerberg oder Hühnerkirche auf die Karten übertrugen. In der Gemarkung Sandlofs, Grafschaft Schlitz, befindet sich ein Flur- name, der im Volksmund Hengerspitz, in den Katastern Hühnerspitz lautet^). Obwohl mir urkundliche Belege nicht zur Hand sind, steckt darin, wie es den Anschein hat, eine ältere Form Unner- bzw. Hunger- spitz'), d. h. Äcker in einer Landspitze oder auf einem spitz zulaufenden Berge, auf welchem sich ehemals die Gemeindehute befand, wo das Herdenvieh seine Unnerstatt hatte. Es liegt hier volkstümliche und amtliche Umdeutung vor, indem das Volk mit Hungerspitz nichts an- fangen konnte und daraus Hengerspitz, d. i. Hinterspitze machte, weil die Acker zufällig hinter dem Kirchhof lagen, und indem der Land- messer wiederum Henger als mundartliche Wiedergabe für neuhochd. 'Hühner' auffasste. So wurde hier eine Zufälligkeit, nämlich die ört- liche Lage der Flur, als Einschlag benutzt und damit der Name in einen ganz anderen Vorstellungskreis hineingebracht, auf den vielleicht der lautliche Gleichklang (huuger und henger) nicht ohne Einfluss war. Der lautliche Gleichklang gewisser Worte spielt bei der Umdeutung überhaupt eine nicht geringe Rolle. Hungk bedeutet in der hessischen Mundart so"*iel wie Honig. Ein Acker, auf dem früher vor der Urbar- machung das Gemeindevieh 'unnerte' oder 'ungerte', d. h. Mittagsrast hielt, heisst in der Gemarkung Bernshausen, Grafschaft Schlitz*), im Volksmund Hunkaker, im Messbuch von 1584 aber Honigacker. Hunk- acker aber lautet, wo nd nicht zu ng wird, Hundacker®), Hunenacker, Hünenacker, Hüneracker u. ä. m. Wie aus dem Schindberg der Ur- kunden, dem Schengbärk der Mundart ein 'Schönberg', so wurde hieraus ein 'Honigacker'. So erklären sich zahlreiche Flurnamen in Hessen sowohl wie in Nassau, z. B. Honigberg, Honigfeld, Honigbaum (d. h. der 1) Kehrein a. a. 0. S. 217 u. 300. — 2) Hotz, Die Flurnamen der Grafschaft Schlitz S. 38. — 3^ Zu 'spitz' vgl. Bück a. a. 0. S.264. Es findet sich u. a. in dem Namen der Kirchspitze bei Marburg, 1625 zu der spitzen kirchen. — 4) Hotz a. a. 0. S. 18. — 5) Vgl. dazu meine Abhandlung über den Namen 'Himdsrück' in 'Hessenland' 1912 S. 347 ff. ; Hess. Bl. f. Volksk. 9, 225 ff.; Zs. f. rhein.-westf. Volksk. 11, 93 ff. 18* 276 Schoof: alte schattige Baum, unter welchem das Gemeindevieh 'unterte'), Honig- born, Honigrück, Honigstück, Honigwies, Honigheck, Honiggewann usw., welche nach dem Glauben des Volkes (nomen est omen!) sich durch be- sondere Fruchtbarkeit auszeichnen. Es ist jedoch noch eine zweite Er- klärung möglich. Neben Hungerberg, Hunenberg u. ä. findet sich eine volkstümliche Bildung Hungerich 1), Hunich, Hünich ^), aus älterem Hunger- (ber)ich, Hun(enber)ich, Hün(enber)ich entstanden, so dass Honigwiese aus Hünichwiese umgedeutet und die Wiese am Hungerberg bedeuten würde. Wie aus dem Undern- bzw. Unnernberg ein Undersberg (z. B. der Undersberg bei Salzburg, der im 16. Jahrhundert noch Underberg, auch Wunderberg^) heisst), Hungerberg, Hühnerberg und Honigberg werden konnte, so wurde aus älterem Hungersteinau (Kr. Schlüchtern) Hinter- steiuau, aus Hungerwiesen, Hungerberg, Hungerbach offiziell Hinter- wiesen, Hinterberg, Hinterbach (zwischen Hainzeil und Schletzenhausen), aus Hungerliede (bei Niedei'schmalkalden)*) offiziell Hinterliede, aus Hungerbuche (zwischen Sickels und Johannesberg, Kr. Fulda) offiziell Hinterbuche usw. Ähnlich auch Hintergrund (östlich von Licherode) und Hinterberg im Lohner Holz (südöstlich davon jetzt entsprechend ein Vorderberg). Weiter geht die Umgestaltung von Hungerberg zu Hummelberg, wie Bück a. a. O. S. 118 bestätigt, indem er sagt: „Doch kenne ich mehrere Hummelberge, die früher anders hiessen, einer z. B. 1490 Hungerberg". So dürften vielleicht auch die ebenda angeführten Namen Hummelweide aus Hungerweide, [in der] Hummelsklingen (klinge = Graben, Schlucht) aus Jlungersklingen umgedeutet sein. Ob bei der Umdeutung das schwäbische Wort Hummel, das soviel wie 'Zuchtstier' bedeutet, und die Erinnerung an ehemalige Rinderweiden mitgewirkt hat, oder ob das Wort Hummel = Biene mit hiueinspielt und damit nur ein weiteres Glied in der Kette der Entwicklung von Hungerberg und Honigberg ^) zu Hummel- berg gegeben ist, wie dies bei den nassauischen Flurnamen*) in der Hummel, Hummelweg, Hummelwies, Hummelkeller, Hommelstruth der Fall zu sein scheint'), lässt sich ohne urkundliche Belege nicht ohne weiteres entscheiden. Nur soviel steht fest, dass auch hier die Entwick- lung noch nicht halt gemacht hat. sondern dass diese Namen zuweilen eine nochmalige Umdeutung amtlicherseits erfahren haben. So findet sich neben dem volkstümlichen Flurnamen uffr Hummelslieden in der Ge- markung Schlitz**) 1521 urkundlich uffr Homanslieden, ebenso neben 1) Z. B. HuDgrigwolf, Hunnigstock, Hunnigwies (Kehrein a. a. 0. S. 464). — 2) Z. B. das Hiinich bei Treischfeld. - 3) Vgl. Grimm, Myth. » 1,536; Schmeller, Bayr. Wtb. 1, 116. — 4) Dsgl. am Nordabhang des Hunsrücks bei Eschwege. — 5) Vgl. der Honig 1366, Flurname in Ulm (Bück a. a. 0. S. 114) u. ä. — 6) Kehrein a. a. 0. S. 461/62. — 7) Ähnlich in Hessen in der Hummeln 1.551, Gemarkung Veckerhagen (Gieselwerdersches Saalbuch von 1551), die Hummelskuppe bei Rückers, Kr. Hünfeld, der Hummelskopf bei Diethershan, Kr. Hünfeld usw. — 8) Hot« a. a. O. S. 5. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 277 Humelsgrond 1521 Homansgrundt, während ein Kataster von 1584 in der Homels Heyde aufführt, dem die volkstümliche Form in der Hummels- heide entsprechen dürfte. Zu den bewussten oder willkürlichen Umgestaltungen von altem Sprachgut zählt auch die vermeintliche Übertragung ins Hoch- deutsche. Sie gehört in das Kapitel der offiziellen oder, wie Wundt*) sagt, der gelehrten Umdeutuug. Hierher gehören Namen wie Unterfeld, Unterndorf (bei Betziesdorf), Unternstadt (bei Bracht), das Unterfeld (bei Niederwalgern), der Unterkopf (bei Oberwalgern), Unternberg (bei Winnen), der Untergrund (bei Gehau), der Unterteich (bei Wasenberg), die Unterau (bei Gungelshausen) usw. Ygl. Kehrein a. a. 0. 3, 586. So wird die urkundlich bezeugte Form in der Underaw (1584) im Schlitzer Volksmund an den Begriff 'unter' an- gelehnt und dementsprechend zu Engerau, in der Katastersprache zu 'Vorderau'. Ähnlich wird ein altes Unterfeld, d. h. ein Feld, wo das Gemeindevieh in alter Zeit zu 'untern' pflegte, zu einem 'Unterfeld' (im Gegensatz zu einem 'Oberfeld'), ja sogar zu einem 'Niederfeld' (z. B. bei Hümme). Vielleicht dürften auch Flurnamen wie Ruhborn (z. B. im Lohner Holz), Ruhbach (bei Ebsdorf), Ruhlaub 2) (z. B. bei Oberbeisheim), Ruhleib (z. B. im Forst Elberberg-Ziegenhagen) und Ruhstatt (öfter) sowie Ruhstattsgehege sich als 'hochdeutsche' Verballhornisierungen entpuppen. Ursprünglich hat sich die Bezeichnung noch erhalten in 'das alte Under', Wald bei Schönbach, und im Untern, Gemarkung bei Ebsdorf, während sie in Namen wie das Unterstefeld (bei Steina, Caldern, Cölbe), auf der Unterstebach (bei Lohra), das Unterstebruch (bei WoUmar) superlativische und in Namen wie der Ungernzeif (bei Sachsenhausen, Kr. Ziegenhain) und die Ungerbornswiesen (bei Wiera) dialektische Färbung ange- nommen hat. In allen diesen Fällen ist die ursprüngliche Bedeutung dem Volks- bewusstsein verloren gegangen. Altes, nicht mehr verstandenes Sprachgut ist infolge von Lautvermengung oder äusserer, oft rein zufälliger Ein- wirkung an neue Begriffe, die entweder demselben oder einem ganz anderen Vorstellungskreis entspringen, angelehnt und umgedeutet worden, teils unbewusst (volkstümliche Auffassung), teils bewusst (gelehrte Auf- fassung). Auf die volkstümliche Umgestaltung hat bei der schier uner- schöpflichen Phantasie des Volkes auch die Sage einen nicht geringen Einfluss. Denn diese ist nach Regell ^) nichts anderes als ein poetischer Versuch, den abgestorbenen Namen sinnvoll wieder zu beleben und 'nur 1) Völkerpsychologie V, 573 ff. — 2) Nach Vesper, Der Kreis Homberg (Marburg 1908) S. 117, ein kronenreicher Baum, unter dem die Herden ausruhten, oder eine baum- schattige Trift. — 3) Paul Regell, Etymologische Sagen aus dem Riesengebirge (Germanist. Abhandl. Heft XII. Beiträge zur Volkskunde, Festschrift für Karl Weinhold. Breslau 1896). 278 Schoof: selten ist dabei die Dichtung rein aus dem Namen herausgesponnen, viel- mehr sind meist geschichtliche Erinnerungen, die um die Örtlichkeit schweben, als Einschlag benutzt'. So erklären sich sowohl die am Ein- gang mitgeteilten Sagen über die zahllosen Hungerbrunnen und Hungerbäche, die sich überall in ähnlicher Weise wiederfinden, als auch die sogenannten Hünen- oder Riesensagen (Hünenburg, Hünenring, Hünstein, Hünengräber), zuweilen mit Anlehnung an geschichtliche Er- innerungen (Hunnenberg, Hunnenburg neben Hungerberg und Hunger- burg). Vgl. dazu oben S. 273 das über den Hungerberg bei Münsingen Gesagte. Die Entwicklung von Hungerberg zu Hunnenberg wurde, wie auch schon oben angedeutet, durch die Auffassung von der Identität der Hunnen und Ungarn, des Hunnenlands und Ungarnlands begünstigt, während die Entwicklung von Hühnerkirche zu Hünenkirche'), Hühner- graben zu Hünengrab(en), Hühnerberg zu Hünenberg und Hunnenberg sich leicht ergab. Vgl. J. Hoops, 'Hunnen und Hünen' (Germanist. Ab- handlungen, Hermann Paul dargebracht, Strassb. 1902 S. 178 ff.)- Vielfach berühren sich auch die mit Hünen — Hunnen — zusammengesetzten Namen mit solchen wie Hundsbach, Hundswinkel, Hundsrück, Hundsburg u.a. So ist nach Kolbe'') der Name der Hundsburg im Burgwald aus Hünen- burg entstanden, und am Abhang des Berges, auf dem die Burg stand, befinden sich noch heute Hünengräber. Nach einer Volkssage hätten dort einst Riesen gewohnt, welche in die Täler herabgekommen wären und den Ackerleuten die Pflugscharen zerbrochen hätten. Die Hünen oder Riesen aber sind nach der Volksauffassung identisch mit den Heiden, und so spielt hierein zugleich der Kampf zwischen Christentum und Heidentum. Der Name hat aber ebensowenig wie der der Hünenburg bei Spangeu- berg (1540 Hueueburg), Felsberg und Melsuugen^) und der Hunnenburg bei Niederbeisheim und bei Rossberg mit den Hünen oder Huunen, wie Arnold und Kehrein*) annehmen möchten, etwas zu tun, wie überhaupt das Heranziehen von germanischer Sage und Mythologie'*) zur Erklärung von Orts- und Flurnamen nach dem heutigen Stand der Namenforschung als ein methodischer Fehlgriff angesehen werden muss, der nur irreführt und niemals zu dem innersten Kern der ursprünglichen Namensform hin- zuleiten imstande ist. Ich habe mich dazu an anderer Stelle bereits geäussert') und hoffe darauf in anderm Zusammenhang noch näher ein- zugehen. Wenn wir das Gesagte noch einmal zusammenfassen, so ergeben sieh an der Hand der gesammelten Belege^) folgende Schichten: 1) Kehrein a. a. 0. S. 300. — 2) Der Christenberg im Burgwald ^Marburg 1895) S. 17. — 3) Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen S. 477. — 4) A. a. 0. S. 297, 300, 464 u. ö. — 5) Vgl. dazu Kehrein a. a. 0. S. 298. — 6; Ztsch. für den deutschen Unterricht 1912, S. 904 ff. — 7) Nach der kurhessischen Generalstabskarte in 40 Blättern 1 : 50000 (hrsg. vom Bureau des kurf. hess. Generalstabes 1840-1855) und nach einer handschriftlichen Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 279 1. Die ursprüngliche Namensform ist, zuweilen in dialektischer Färbung, erhalten geblieben. Beispiele: Unerhecke (nö. von Welkers, Kr. Fulda), Undernstatt (bei Oberurf und bei Densberg im Kellerwald). 2. Die ursprüngliche Namensform ist lautlich und begrifflich an neu- hochdeutsch 'unter' angelehnt: Understätte (bei Dagobertshausen, Kr. Mel- sungen, nahe an der Beise), Unterfeld, in der Nähe ein Mittelfeld (zwischen Dagobertshausen und Malsfeld), desgl. zwischen Friedlos und Reilos, Kr. Hersfeld, südlich von Fritzlar, nördlich von Wanfried, bei Gittersdorf, Kr. Hersfeld (dicht dabei ein Weinberg, d. h. Weideberg), bei Holzhausen (Reinhardswald), das untere Feld bei Edelzell (in der Nähe ein Mittel- feld), Unterau bei Heinebach (Kr. Rotenburg) und Dankmarshausen (dicht dabei ein Weinberg)^), nördlicher Teil der Au, während der südliche jetzt Oberau heisst, Unterberg und Uuterbeerberg, nördlich von Brotterode. Beweis für die Augleichung an 'unter' bilden Dialektübertragungen wie Engerau u. a. 3. Es findet willkürliche Übertragung in den synonymen Wortschatz von nhd. 'unter' statt: Niederfeld (bei Hümme), Vorderau (Grafschaft Schlitz). 4. Es findet sinngemässe Übersetzung des ursprünglichen Ausdrucks in den entsprechenden neuhochdeutschen Ausdruck statt: Ruhestatt, Ruhe- born, Ruhlaub, Ruhleib. 5. Es findet Neu Schöpfung statt infolge von Wortvermengung und Ideenassoziation: a) Underberg :> Wunderberg ^) (bei Salzburg), b) mundartlich Ungerberg > Hungerberg ("z. B. bei Niederaula, bei Wabern und öfters im Kreis Hünfeld), vgl. auch die Hungerburg über Innsbruck, analog Hungertal (z. B. bei Todenhausen und bei Müuchhausen, Kr. Marburg), Hungergraben (z. B. bei Halsdorf, Kr. Kirchhain), Hunger- born und Hungersborn (bei Sieleu, Kr. Hofgeismar, bei Ehlen, Kr. Wolf- hagen ^), bei Frankershausen am Meissner), Hungerbach (bei Sielen, Kr. Hofgeismar), Hungerstück (bei Unterstoppel, Kr. Hünfeld), Hunger- rain und Hungerhecke (bei Grossentaft, Kr. Hünfeld), vielleicht auch Hungershausen <: Hungershusen 1275 (Wüstung bei Kleinalmerode, vgl. am Hungershäuser Berg) und mhd. hungebluome, das Kehrein a. a. O. S. 464 nicht erklären kann. c) mundartlich Ungerburg > Ungarburg und, infolge der vermeint- lichen Identität von Unsjarland und Hunnenland, > Hunnenburg, Hunen- Sammlung: Flur- und Waldnamen der Kreise Frankenberg-, Kirchhain, lAIarburg, Ziegen- hain, gesammelt durch die Ortsvorsteher auf Veranlassung von Edgar Mühlhause etwa 1861/62 (Marburger Staatsarchiv). — 1) Vgl. hierzu die Bemerkung Bucks a. a. 0. S. 119, wonach die Hungerberge häufig bei den alten Weidegründen liegen. — 2) Vgl. dazu die analogen Umbildungen Venusberg < Weinberg d. h. Weidenberg, z. B. am Altvater, der mehrere 'Weinberge' hat, Simonsberg < Senneberg, hohe Sonne < hohe Senne usw.; unten S, 281 f. — 3) Gegenüber auf der Südseite des Sommerbergs ein Silberborn. 280 Schoof: bürg, Hünenburg, z. B. Hunnenburg und Hunnenburgsfeld mit altem römischen Kastell bei Butzbach, Hunnenburg, Wiesen bei Mardorf (Kreis Kirchhain), Huneburg bei Wasungen, Hunnentriesch (zwischen Körnbach und Leimbach, Kr. Hünfeld), Hünenburg (zwischen Eiterhagen und Röhren- furth, Kr, Melsungen), Hünenstein mit Honiggraben (bei Obermelsungen), Hünstein mit Hünhof und Hüntränke bei Gladenbach^), ferner zwischen Frankenau und Löhlbach, Hünberg mit Hünborn, Hünstrasse und Hünich zwischen Grossen taft und Soisdorf, Kr. Hünfeld usw. d) Hunnenbach > Hundebach, indem 'Hunde' als vermeintliche hoch- deutsche Übersetzung von Hunne angesehen wurde, z. B. Hundebach in der Bunstruth, Hundekoppe, "Wiese bei Löhlbach, Kr. Frankenberg, Hundewiesen, am rechten Ufer der Fulda, Connefeld gegenüber, Hunde- berg bei Oberrosphe, Kr. Marburg, Hundsbrunnen nw. von Kissingen, auf dem Hundsbusch bei Grossseelheim, Kr. Kirchhain, Hundsbrücke, Waldort am Heiligenberg, Hundsberg bei Burghasungen, Hundsfeld bei Hammelburg usw. Es findet hier Berührung mit den aus hunt 'Hundschaft, Unterabteilung eines Gaues' gebildeten Namen statt. e) Hünenberg, Hünenburg > Hühnerberg und Hühnerburg, wahr- scheinlich infolge willkürlicher Umdeutung, vielleicht auch mit begriff- licher Nebenassoziation infolge volkstümlicher und amtlicher Umdeutung zugleich, wofür die grosse Zahl von Belegen spricht. Beispiele: Hühner- berg (südlich von Mecklar, im Habichtswald, bei Sontra, bei Hergers- hausen, zwischen Rothenkirchen und Burghaun, zwischen Laudefeld und Metzebach, bei Melnau), Hühnerkopf^) (zwischen Hausen und Ersrode, Kr. Rotenburg, im Forst Wildeck, zwischen Langenbieber und Dipperz, zwischen Ronshausen und Machtlos, Kr. Rotenburg), Hünerburg (westlich von Beuern, Kr. Melsungen), Hühnerküppel (östlich von Fulda), Hühner- feld (östlich von Lutterberg, Kr. Kassel), Hühnerbalz ^) (westlich von Zusehen, Kr. Fritzlar, bei Frankenau, Kr. Frankeuberg [aufm Hühnerbalz], nördlich von Holzheim, Kr. Hersfeld), Hühnerdreck (bei Amöneburg), die Hühnerecker (bei Röllshausen, Kr. Ziegenhain), Hühnerbachstal (bei Josbach, Kr. Kirchhain), Hühnerhecke (bei Frankenau), Hühner Hütte*) (zwischen Bottendorf und Bringhausen, Kr. Frankenberg), Hühnergrund (zwischen AUmershausen und Hof Hälgans, Kr. Hersfeld), Hühnerkirche usw. f) Hünberg > Huhnberg, wohl infolge willkürlicher Umbildung. Beispiele: das Huhnloch (bei Sindersfeld), wobei loch im Sinne von lucus 'Wald' steht, der Huhnscheid (bei Ellershausen, Kr. Frankenberg), die 1) Vgl. Bork, Streifzüge durch den Kreis Biedenkopf (Marb. 1884) S. 49. — 2) Auch Hühnerkropf (z. B. bei Thalau). — 3) Vgl. dazu meine Abhandlung über den Namen Hundsrück (Hessenland, 1912, S. 383 u. 384). Als Grundbedeutung des Flurnamens Pfalz ist 'Pfahlburg, Pfahlbezirk', mlat. palantium anzunehmen, nicht, wie die herrschende An- nahme vielfach ist, lat. palatium. Vgl. auch Kluge, Etjmol. Wtb. (Strassb. 1883) S. 251. — 4) Hütte hier wahrscheinlich umgedeutet aus Hute wie in Hüttenbach, Hüttental, Hütten- grund u. a. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde, 281 Huhnsmühle (ebenda), der Huhnspfad (bei Frankenau) usw. Es findet sich hier vielfach Lautvermengung mit germanisch hün 'hoch'. 6. Es findet falsche Dialektübertragung infolge von missverstandener Auffassung des mundartlichen Ausdrucks statt: a) Hühner, mundartlich Hiner, wird zu hochdeutsch Hinter, wahr- scheinlich durch offizielle Umgestaltung, vielfach auch infolge begrifflicher Nebenwirkung: Auch Hunger, mundartlich honger, hat durch Anklang an mundartliches henger (= hinter) Anteil an dieser Umdeutung, wie Hunger- steinau > Hintersteinau beweist. Beispiele: Hintergrund (öfter), Hinter- berg ^) (im Lohner Holz bei Fritzlar), Hinterfeld (bei Wolf hagen), Hinter- bach, auch Hinternbach (bei Bauerbach, Kr. Marburg, bei Lohra), Hinderhain (bei Bellnhausen, Kr. Marburg), Hinterloh (bei Heskem, Kreis Marburg), Hinterwiese (bei Itzenhain, Kr. Ziegenhain), Hinterbergswiese (bei Zella, Kr. Ziegenhain), der Hintersprung (bei Todenhausen, Kreis Marburg), Hinterliede (am Nordabhang vom Hunsrück bei Eschwege), Hinternest (südlich von Steckeishausen), das Hiuterscheid (bei Roda, Kr. Frankenberg) usw. b) Mundartliches Hungk = Honig gibt Anlass zu der Umdeutung von Hungkacker in Honigacker. Der Volksglaube von der Fruchtbarkeit des Bodens im Gegensatz zu dem höher gelegenen Hungeracker mit un- fruchtbarem Boden erleichtert solche Umbildungen. Beispiele: Houigberg (bei Eschwege, Connefeld, bei Wipperode ^), Kr. Eschwege), Honigbreite') (im Solling), Honigbach bei Rosental, Honigacker (bei Burgholz, Kreis Kirchhain, und bei Bürgel, Kr. Marburg), Honigweg*) (östlich von Peters- berg, Kr. Fulda), Honigholz (zwischen Balhorn und Sand, Kr. Wolfhagen), der Honigbeerengarten (bei Alleudorf, Kr. Kirchhain), Honiggrund (bei Rosental), Honigwiesengrund') (bei Einhausen, Kr. Marburg) usw. Vgl. unten den Nachtrag S. 319. 2. Weinberg, Winterberg, Yenusberg. Wie Arnold in seinem Werke 'Ansiedlungen und Wanderungen Deutscher Stämme' (Marburg 1881) ausführt, waren die Germauen beim Eintritt in die Geschichte noch viel mehr ein Jäger- und Hirtenvolk als ein ackerbautreibender Stamm. Bis der Ackerbau vorwiegend ihre Lebens- beschäftigung wurde, hat es noch Jahrhunderte gedauert, wahrscheinlich bis zu den Klöster- und Städtegründungen, die einen gesteigerten Acker- bau nicht bloss verlangten, sondern zugleich auch lohnender und leichter 1) Südlich davon ein Vorderberp, ähnlich wie dem Hungeracker ein Honigacker, dem Winterberg ein Sommerberg, dem Hungerborn ein Silber- oder Goldborn, dem Höllen- grund ein Himmelreich gegenüber zu liegen pflegt. — 2) Dicht dabei eine Feldflur der Weinberg. — 3) Vgl. dazu Hungerbreite. — 4) Dicht dabei Gemarkung die Hutvveide. — 5) uff dem Honigbaum (Rachelshäuser Saalbuch von 1551). 282 Schoof: gestalteten. Arnold nimmt an, dass die alte Weidewirtschaft bis zum Ende des 5. Jahrhunderts fortgedauert hat: eine überwiegend nomadische Viehzucht mit ausgedehnten Weidegründen, eine Weidewirtschaft, bei welcher an erster Stelle die Schweine, an zweiter die Pferde, an dritter die Rinder und Schafe kamen. Dass die Weideplätze — Bergeshänge wie Talgründe — in grosser Zahl und über weite Gebiete verbreitet gewesen sein müssen, darauf lässt die reiche Synonymik für den Begriff' 'Weide' und für die damit in engem Zusammenhang stehenden Bezeichnungen schliessen, die uns ein Stück Kulturgeschichte erschliesst und, teilweise bis zur Unkenntlichkeit ent- stellt, noch heute in den Flurnamen fortlebt. Als die Weidegründe mit der veränderten Kultur und der fort- schreitenden Besiedelung immer mehr beschränkt wurden und dem Acker- bau Platz machen mussten, begannen damit auch die Namen, welche altes Weidegut bezeichneten, mehr und mehr zu schwinden und den folgenden, in neuen Kulturverhältnissen aufgewachsenen Generationen unverständlich zu werden. Die Folge davon war, dass die Erinnerung an die frühere Verwertung des Bodens im Volke erlosch, und dass die N^amen, welche noch daran hafteten als Zeugen einer früheren Kulturperiode, dem Volke unverständlich wurden, weil sie keinen Sinn ergaben, der zu der Nutzung des Bodens passte. Daher fielen diese Namen meist volksetymologischen ümdeutungen zum Opfer, indem das unverständlich gewordene Wort infolge von Laut- und BegrifPsassoziation an ähnliche Begriffe und Worte ange- lehnt wurde, die nach der volkstümlichen Auffassung in einen äusseren, oft rein zufälligen Zusammenhang mit der Örtlichkeit gebracht werden konnten. So finden sich Anlehnungen des alten, der lebendigen Volks- sprache entfremdeten Namens an die Tierwelt, an mythologische Gestalten, Sagen, geschichtliche Legenden, neuere Kulturverhältnisse, Rechtsleben usw. Nicht selten ist ein Name mehrfach umgedeutet worden (ältere und neuere Schicht), und zwar besonders dann, wenn Ereignisse eintraten, welche die Volksphantasie so stark beschäftigten, dass sie ihren Nieder- schlag in Namen fanden, die bisher ähnlich klangen wie die aus dem Vorstellungskreis des Volkes. Es darf daher als eine grundlegende Regel der Flurnamenforschung angesehen werden, dass Örtlichkeiten, welche nach rein äusseren, zu- fälligen Merkmalen benannt sind, in der Regel aus einer älteren Namens- schicht umgedeutet worden sind und dass der Namenforscher nicht ohne weiteres den Sinn, den das naive Sprachempfinden des Laien mit einem Namen verbindet, als massgebend für die Deutung eines Namens ansehen darf. Ein interessantes Beispiel hierfür bietet uns das ahd. win, winne, got. vinja, pascuum, Weide, Weideplatz. Wir können hier folgende Schichten der Umdeutung; wahrnehmen: Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 283 1. Die ursprüngliche Form blieb erhalten, 2. Es trat Lautvermengunor mit ahd. win 'Wein' und ahd. weida 'Weideplatz, Futterplatz' ein. 3. Es trat Vermengung (lautlich und begrifflich) mit ahd. wint 'Wind' und ahd. wintar 'Winter' ein. 4. Es fand dialektische Angleichung statt (Wenge, Wiuge). 5. Es fand Dialektübertragung ins Hochdeutsche statt (Wenigen). 6. Es fand Angleichung (begrifflich und lautlich) an ahd. wentan 'umwenden, roden' statt. 7. Es fand Angleichung an ahd. swendan bzw. firswenden 'ver- schwinden machen, vertilgen, ausrotten' (exstirpare) statt. 8. Es fand Umdeutung aus einem ganz andern Vorstellungskreis statt: a) unter dem Einfluss von örtlichen Nebenumstäuden, b) unter dem Einfluss von geschichtlichen Legenden, c) unter dem Einfluss von Sage und Mythologie. Die ursprüngliche Form winne mit der sinnverwandten Form wunna findet sich in Hessen^) erhalten in Namen wie die Winne, Heide am Wald bei Viesebeck im Amt Wolfhagen, ebenso Hof bei Schmalkalden, Winneu, Dorf bei Marburg, ebenda die Winnerhöh, Winnerod, Dorf bei Grünberg, die Winnewiese beim Winnenhof im Fuldischen, fast ganz im Wald, die Winneliete, abhängiges Feld beim Hof Winnen nächst Herren- breitungen, Winneberg, Winnebach usw.; in Nassau^): Winnhöll, Winn- auerberg, Winning; in Thüringen'): die Wonne, Wiesenland nach Ohrdruf hin, das von der Wonne, einem Zufluss der Ohra, durchflössen wird, die Wunn, Wiesen in der Flur Wechmar (Amtsgerichtsbezirk Ohrdruf), 1641 uf der Wonne, der Winneweg; in Oberdeutschland, wo nach Bück, Obd. Flurnamenbuch (Stuttg. 1880) S. 305 wunn unzähligemal in Urkunden vorkommt, ist Himmelwune (1250) Name eines Klosters. Zu Winne neben Wonne vgl. Senne ('Rinderweide', mhd. senidi) neben Sonne, z. B. Hohe Sonne (in Thüringen), Sonneberg, Sonneborn, Sonnenthal usw. Auch das Winnefeld im Teutoburger Walde gehört hierher. Während die unveränderte Form sich noch verhältnismässig selten findet — denn nur da erhielt sich in der Regel der Name, wo die Lage den Anbau entweder gar nicht oder erst spät vorteilhaft erscheinen Hess — sind die ümdeutungen äusserst zahlreich, besonders, wenn wir noch die Fälle hinzunehmen, deren Aufhellung zunächst zweifelhaft bleiben muss. Hierher gehören die ümdeutungen von ahd. win zu win 'Wein', während der kurze ahd. Selbstlauter sich als kurzes i hätte erhalten müssen (wie in Winne- berg). Hier ist es, zumal in Gegenden, die von alters her durch den Wein- bau berühmt gewesen sind, nicht immer mehr sicher zu ergründen, welche 1) Arnold a. a. 0. S. 539. — 2) Kehrein, Volkssprache und Volkssitte 3, 624. 3) Gerbing, Die Flurnamen des Herzogtums Gotha, S. 218 u. 250. 284 Schoof: Bedeutung früher der Boden, der heute mit Weinberg bezeichnet wird, gehabt haben wird. Denn auch in rauhem Klima, das sich wenig zum Weinbau eignete, ist, wie geschichtlich nachgewiesen werden kann, zu- weilen Weinbau getrieben worden, u. a. z. B. im Fuldatal (vgl. die Strassenbezeichnung am Weinberg in Kassel und Hersfeld) und im oberen Lahntal (z. B. der Weinberg bei Marburg). Solche Namen, die ziemlich sicher auf die Weidezucht zurückgehen, sind in Hessen: der Weinbusch, Heide auf der Höhe des Meissner, nahe dabei der Weinkeller, das Wein- feld am Wald bei Zimmersrode, der Weingraben am sog. Hanrödchen bei Eltmannshausen, ehedem, wie Arnold annimmt, sicherlich Wald und Weide, ferner bei Frohnhausen, der Weingarten bei Treisbach, Anzefahr, die Weinäcker (d. h. die Flächen, die früher als Weidetrift, später als Äcker dienten) bei Kirchheim, Lohra, Ropperhausen, die Weinwiesen bei Rosen- tal, die Weineiche bei Wollmar, am Weinberg, Feld bei Frankenau, bei Niederweimar, der Weinsberg bei Wollmar, im Weinberger Grund bei Speckswinkel, der Weimarberg ^) bei Schmalkalden, der Weimarkopf ^) bei Cölbe im Lahnwald, die Weinerswiesen^) und die Weinergarten ^) bei Rüdigheim, das Weinbergsfeld bei Haigenhausen, ferner bei Schorbach und bei Bockendorf, der Weingrund bei Haarhausen, ferner bei Hof Wüstefeld, die Weindelle, Wiesen im Wald unter dem Knüll, gegen 1400 Fuss hoch im Efzetal, der Weingärtner bei Wetter (vielleicht ent- stellt aus Weingartenberg), der Weidemersbodenkopf bei Wollmar (wohl aus Weidenbergsbodenkopf), der Weinersgrund, Feld und Wiese bei Hof Ellingerode (wohl aus Weinbergsgrund infolge von Dissimilation), ebenso das Weineroth, Feld bei Schwarzenborn am Knüll, die Weinstrasse (öfters in Hessen und Thüringen), die Triebgasse zur Weide, ähnlich wie Yieh- weg, Kuhweg, Rennweg oder Rennstieg, Königsweg^) u. a. m. Von hier aus geht die Umdeutung von win zu win und Weinberg weiter zu Weiberberg, Weberberg u. ä. durch Assimilation des n an b und des g an b und meist durch tautologische Bildung, z. B. in Hessen: die Weiberwand, Wald bei Dodenhausen (Kr. Frankenberg), das Weibers- grundfeld bei Moischeid, am Webersberg bei Oberjpssa, der Weibern- acker bei Cappel (Kr. Marburg); in Nassau^): Weiber, ma. Weiwer, aufm Weibern, Weibrich, ma. Weiwerch, Weiberbirken, Weibergärten, Weiber- rain, Weiberwies, Weibersberg, Weibertswies, Weibelwies usw., doch scheint bei den beiden letzten Namen noch ein drittes Wort vorausgesetzt zu werden. Vgl. den Flurnamen Waibel bei Caldern (Kr. Marburg). Weiter findet sich in Nassau: Weberseich, Weberskopf, Weberswies, Weber- 1) Über Weimar, Cyriaxweimar, Weimartal, Weimarswiesen usw. habe ich in dem Ueitrag zur Deutung des Namens Marburg (Hessenland 1914, S. 102£f.) gehandelt. Vgl. auch Arnold a. a. 0. S. 537/38, dessen Deutung jedoch nicht mehr haltbar ist. — 2) Vgl. meine Abhandlung über den Namen Altkönig in Ztsch. f. d. dtsch. Unterricht 1914, S. 499ff. — 3) Kehrein a. a. 0. 3, 600; 594. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 285 heck, Weberrain. Es ist möglich, dass sich an solche Weiberberge allerlei Sagen von wilden Weibern und Hexen anknüpfen, wie ja auch die zahl- reichen Hexenberge und Hexentanzplätze auf Umdeutungen alter, miss- verstandener Flur- und Waldnamen zurückgehen, wie ich demnächst nach- weisen werde. Aber die Umdeutung alter Namen wie Weinberg ist, scheint es, damit noch nicht erschöpft. Es kommen noch Dialektübertragungen hinzu. Da die Mundart den intervokalischen Guttural von schd. Waagen meist elidiert, also Waan, Wään u. ä. spricht, entstand bei ortsfremden Leuten Yer- wechsluDg mit dem mundartlichen Ausdruck für Wein. So erklären sich vermutlich in Hessen Namen wie der Wagenberg, Wald bei Neu- stadt, das Wagenackersfeld bei Yiermünden, die Wagnershöh (< Weinershöh, Weinbergshöh) bei Somplar; in Nassau: Wagenberg, Wagenkehr, W^agen- lück. Wagnerwies, Wagnershahn (= Weinbergshagen), Goldwagen usw. Ygl. auch Bück a.a.O. S. 291: Wagenbreche, Wagenlucke, Wagenhard. So er- klärt sich auch die wiederholt aufgestellte Hypothese Weinstrasse = Wagen- strasse, d. h. die Strasse, auf welcher die (Wein)fuhrwerke ihren Weg hatten. Das schliesst nicht aus, dass Weinstrassen, welche später beliebte Verkehrsstrassen wurden, ursprünglich als Triebwege für das Weidevieh angelegt worden sind. Ähnliche Bedeutungsübertragungen finden sich in der Flurnamengebung öfters (vgl. Richplatz zu Richtplatz, Gerichts- platz u. a. m.). Die Umdeutung von altem win zu Wein wurde sehr begünstigt durch das sinnverwandte ahd. weida 'Bodenfläche zum Beweiden mit Yieh', das später an die Stelle des immer seltener werdenden Wortes Winne trat und es heute ganz ersetzt hat. In Flurnamen findet es sich verhältnis- mässig selten, in Hessen: auf dem Weidenstrauch, Wald bei Lohra, die Weidenschiesser bei Ebsdorf, zum Weiden vor dem Weidenküppel bei Frankenau, der Weideacker bei Dilschhausen, der Weidenberg bei Rotenburg usw. Aus Weidenberg konnte durch Elision im Yolks- mund auch Weinberg werden, und so mag bei der Umdeutung Win- berg— Weinberg auch der Anklang an Weidenberg mitgewirkt haben, d. h. begriffliche und lautliche Assoziation zugleich. Es konnte zudem auch der Fall eintreten, dass als Weideberge alte Weinberge benutzt wurden, auf denen sich der Weinbau nicht lohnte, und umgekehrt konnten ehemalige Weideberge später als Weinberge urbar gemacht werden. Es wirkten also hier eine Reihe von Faktoren mit, die uns die grosse Zahl von 'Weinbergen' begreiflich machen. Da bei dem allmählichen Übergang von der germanischen Weidewirt- schaft zum Ackerbau und zur Rodung der Feldmark zuerst das frucht- bare, an den Flussläufen gelegene Flachland, erst später das abhängig ge- legene Feld und zuletzt erst, als die Besiedelung immer dichter wurde, das nach dem "VValde zu gelegene, weniger ergiebige Land auf den Höhen 286 Schoof: in Anspruch genommen wurde, so dienten die auf den Berghalden nahe dem Walde gelegenen, meist rauhem Winde ausgesetzten Triescher und Bergwiesen zahlreichen Viehherden als Weideplatz. Als dann auch diese Weidehänge gerodet und in Äcker verwandelt werden mussten, ging den nachfolgenden Generationen die Erinnerung an die frühere Verwertung des Bodens verloren, und die Folge davon war, dass die Bezeichnungen, die noch am Boden hafteten, unverständlich und den neueren Kultur- verhältnissen entsprechend umgestaltet wurden. So wurde aus einem Win- berg, der keinen Sinn mehr ergab, ein Windberg gedeutet, weil der Acker infolge seiner den Winden ausgesetzten Lage dürftigen Boden hatte. Diese ümdeutung zu wind, ventus, wurde noch dadurch unterstützt, dass eine Weiterbildung winithi, winidi neben win, winne bestand (vgl. unten Windenberg, Windeberg), und von hier aus ging die ümdeutung noch weiter zu Winter, ohne Zweifel, um damit anzudeuten, dass solche Ge- markungsteile in rauher, unfruchtbarer Gegend lagen, wo der Ertrag kaum die aufgewandte Mühe lohnte und die Abgaben nur schwer oder gar nicht aufzubringen waren, wie denn auch die meisten auf solchen Plätzen ent- standenen Siedlungen später wieder eingegangen sind. Wir haben es hier zweifellos mit einer volkstümlichen, nicht mit einer gelehrten ümdeutung zu tun. Die Erinnerung an die eigentliche begriffliche Beziehung war dem Volksbewusstsein entschwunden, an deren Stelle trat eine neue Hauptvor- stellung, die sich auch auf die Erwerbstätigkeit des Volkes bezog, aber sich aus dem Anbau des Landes, als der späteren Erwerbsquelle des Volkes, ergab. Es wurde also hier, um mit Wundt (Völkerpsychologie, Bd. 1 'Die Sprache') zu reden, eine dem Gegenstand adäquate Vorstellung geweckt. Auf diese Weise erklären sich hessische Flurnamen wie die Windbetten, Windfell ^) bei Bernsdorf (Kr. Marburg), WindfalP) bei Bracht, die lange Winde bei Gruben, die Windmühle bei Anzefahr (in der Nähe der Wein- garten), das Wündefeld bei Kansbach, das Winterfeld (öfters), Winter- berg, öfters, u. a. Dorf im Sauerland, ein Berg (616 Meter) im Kellerwald und im Vogelsberg, Wintertal, Wintersgrund bei Löhlbach und Viermünden, der Wintersbach bei Rörshain, das Winterstück bei Bürgein (in derselben Gemarkung das Winzefeld), die Winterwiese bei Schönstadt, die Wiuter- seite^), öfters, meist gegenüber einer Sommerseite, die von der Morgen- sonne bestrahlt wird, der Winterstrauch, Wald bei Rauschenberg, die Winterecke, das Winterrück bei Rotenburg, die Winterliete bei Alten- hasungen, der Winterscheid, Wald bei dem gleichnamigen Dorfe, Winter- liede, Winteracker, Grafschaft Schlitz 3), Winterbaum*) ebendort (vgl. dazu die ähnliche Bedeutungsentwicklung von Hungerbaum), Winterkasten, Berg (322 Meter) bei Hoheneiche und Rücken des Habichtswaldes, jetzt ver- 1) Wahrscheinlich entstellt aus Wiiulfeld. — 2) seite - Lage, Erstreckung. Nach Kehrein 3, 553 gibt es im Nassauischen auch eine Windseite. — 3) Hotz, Die Flurnamen der Grafschaft Schlitz, S. 60 u. ö. — 4) In einem Schlitzer Messbuch von 1584. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 287 drängt durch den Namen Karlsberg. Ähnlich in Nassau i): Windbach, "Wind- busch, Windeck, Windfeld, Windhahn, Windlück, Windmauer, Windmühl, Windrain, Windscheid, Windseit, Winterort, Winterbach, Winterbaum, Winterbirnbaum (wahrscheinlich entstellt aus Winterbergbaum), Winterhof, Winterloch usw.; in Thüringen^): Winterbach, Winterstein usw. Nach Bück a. a. O. S. 203 ist Winterhalde = Nordhalde, kalte, von der Sonne abgewendete Lage. (Schon im 9. Jahrhundert beliebte Differenzierung.) Ausserdem findet sich die Umdeutung in einigen hessischen Ortsnamen: Windecken aus älterem Wunnecken (1277), Winterscheid') (1265 Winter- sceith) bei Treysa und Wüstung daselbst, auf der Nordseite der Wasser- scheide zwischen Lahn und Fulda, Winterbüren, Hof bei Immenhausen (1143 Winthereburen, 1160 Wintirburen, 1163 Winterburen) nach Arnold S. 365 von der Lage an der Nordseite des Berges, Windefeld, Wüstung bei Gieselwerder. Vgl. auch den rheinischen Ortsnamen Königswinter und dazu meine Abhandlung über Altkönig a. a. 0. S. 499, ferner Ober- winter, Wintrich an der Mosel usw. Nach einer im Kheinfränkischen weitverbreiteten Kegel wird nd in der Mitte und am Ende eines Wortes zu ng (Linde zu Leng, Linden- bach zu Lingelbach). So findet sich statt Hundruck in Urkunden auch Hungruck und ebenso statt Winnebach, Windebach, Wendebach (zu winidi) dialektisch Wingebach, Wengebach. Die mundartliche Form geht zuweilen in die Schrift- oder Kanzleisprache über, und so er- klären sich die hessischen Flurnamen das Wengefeld bei Hüttenrode (in der gleichen Gemarkung der Winterberg) und bei Sarnau, die Wengels- eiche bei Loshausen (in der gleichen Gemarkung das Wendelsfeld), der Wengebach bei Unterhaun (mit dem Hof Wendebach), der Wengeberg oder Wendeberg, heute Wehneberg*) bei Hersfeld, der Wengeberg bei Melsungen usw. Vgl. auch nassauisch^) Wenge, Wenche, Wenggarten, Wengewis, Wenk usw.; thüringisch*): Wingethal, ma. Wingeddal, am Wengenbach, am Wendenberg, ma. offn Wengenbärge, im Windebach, ma. Wingbach, Wingenbach, über den Wingenberg (1641) usw. Da neben Windeberg, Wendeberg auch Windelsberg, Wendelberg'). Wendelsfeld vorkommt, wahrscheinlich aus älterem Windenberg infolge von Dissimilation und mit personalem Genetiv-s aus falscher Analogie, so bildeten sich unter dialektischem Einfluss auch Formen wie die Winkel-* wiesen, z. B. Gemarkung Kosental, zum Winkeln; Gemarkung Mardorf (in 1) Kehreiu a. a. 0. S. 624. — 2) Gerbing a. a. 0. S. 326; 344 u. ö. — 3) Winter- scheid bedeutet also eine Grenzscheide, einer Höhe entlanglaufend, die früher als Weide- platz gedient hatte und erst spät, infolge der hohen Lage, zum Anbau bestimmt wurde. — 4) In einer Hersf. Urk. v. 1422 auch Silberberg genannt, mit dem Zusatz 'sonst Wende- berg genannt', etwa 1200 der Windiberch, 1182 Windeberg, 1317, 1428, 1435 Wendeberg. — 5) Kehrein S. 604. — 6) Gerbing S. 25; 35; 46; 323 u. ö. — 7) Auch Wenelsberg findet, sich, z. B. in der Gemarkung Althattendorf. 288 Schoof: der gleichen Gemarkung der Windelsberg), de.r Winkelsgrund Gemarkung Schiffelbach, der Winkel Gemarkung Cyriaxweimar (vgl. dazu den Orts- namen Weimar aus älterem* Win -mark) und Gemarkung Ockershausen (in derselben Gemarkung die Weinstrasse und die Weimersche Koppe); ebenso nassauisch^): auf den Winkeln, Winkelchen, Dachswinkel, Kräh- winkel, Schäferswinkel, Scheisswinkel (vgl. Winterscheid), Todtenwinkel, Winkelau, Winkelbäume (vgl. Winterbaum), Winkelberg, Winkelgarten, Winkelheck, Winkelstrut, Winkelweg, Winkelwies, Winkelsberg, Winkels- graben, Winkelsrain, Winkfeld, Winkerfeld usw.; thüringisch''): der End- winkel, 1400 in dem Entenwynkel, Flur Sonneborn, im Windebach oder Winkelbach, Flur Sundhausen, ma. der Wingebach, 1372 in dem Winden- bach, 1641 uf den Wingenbach, in der Winkelbache, ja sogar ein Wing- ferborn, 1477 der Windeborn; oberdeutsch^): Hungerwinkel*) (760), Farnu- winkel (804), Rosswinkel, Haseuwinkel (auch in Hessen öfters als Flur- namen vorkommend), Hirschwinkel, Krähwinkel') (vgl. hessisch Specks- winkel) u. a. m. Nach Bück a. a. O. ist Winkel ein uraltes Grundwort. In den Bestimmungswörtern stecken gleichfalls uralte Volksetymologien. Da nun dialektisch wing, weng s. v. a. Schriftdeutsch 'wenig' be- deutet, fassten die Kartographen oder Katasterbeamten die Form Wingerode als Wenigenrode d. h. kleine, dürftige Rodung^) (vgl. ahd. wenag 'bejammernswert, elend, dürftig', Weigand, Dtsch. Wb. ^ S. 1241) auf und übersetzten so nach ihrem Gutdünken die Namen vielfach ins Hochdeutsche. So wurde aus Winnebruch, Gemarkung Rauschenberg, durch Vermittlung der dialektischen Form Wingebruch, ein Wenigenbruch, aus Winderode Wincherode (wie Windenbach zu Winchen- bach), und dieses wird heute hartnäckig als Wenigenrode erklärt, trotzdem, die dicht dabei liegende Flur der Wintergrund deutlich auf winne, 'Weide', hinweist. Ebenso wird Wenigenrode bei Romrod (14. und 15. Jahrhun- dert Wenigenrode, Wenigerode, Wingerode) und Wüstung bei Lichtenau (1457 Wenyngenrade) von Arnold S. 450 als Kleinrode gedeutet, und die Wüstung Wenigenrode, Vorburg von Amöneburg, bereits im V6. Jahrhun- dert mit parvum castrum übersetzt. Vgl. auch Wenigenhain (1254 Win- jenhain), Wüstung bei Bernhausen. Es soll nicht geleugnet werden dass einige mit Wenig- zusammengesetzte Ortsnamen tatsächlich ihre Namen dem Begriff parvus 'klein, unbedeutend' verdanken, wie es z. B. bei dem Namen der Wenigenburg bei Amöneburg der Fall sein kann. Da aber andererseits Wenig auch den Begriff 'dürftig, elend, unbedeutend' in sich schliesst und die hierher gehörigen Ortsnamen erst spät bezeugt und fast sämtlich wieder eingegangen sind, ist die Wahrscheinlichkeit 1) Kehrein S. 624. — 2) Gerbing S. 25; 163. — 3) Bück S. 302. — 4) Vgl. dazu den ersten Teil dieses Aufsatzes. — 5) Nach Bück 1060 als Chrauwinchil bezeugt. — 6) So z.B. 1361: das wenge grindel neben das grosse grindel (Wcnck, Hess. Urkundenbuch 3). Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 289 noch grösser, dass wir es mit ähnlichen Umdeutungen wie bei Winneberg, Windeberg zu Winterberg zu tun haben, weil sie in rauher, unwirtlicher Oegend au Stellen, die früher als Weidegut gedient hatten, gegründet waren, wo der Ertrag des Bodens kaum die Mühe des Anbaues verlohnte. Es wurde also hier wie bei Winterberg und ähnlichen Umbildungen (vgl. z. B. Hundsacker, Hungeracker) durch die Umdeutuns: Wingbero-, Wingerode eine dem Gegenstand adäquate Vorstellung mit Beziehung auf die Ertragsfähigkeit des Bodens geweckt, nur mit dem Unterschied, dass Wenigenberg (das dann vielleicht noch weiter zu Wenigenburg umgebildet wurde unter dem Einfluss der nahegelegenen Amöneburg) eine gelehrte oder amtliche Umdeutung (Dialektübertragung), keine volkstümliche ist, wahrscheinlich durch gelehrte Schreiber aus den Klöstern veranlasst. Eine ebenfalls dem Gegenstand adäquate Vorstellung wird durch die Anlehnung an ahd. wentan, mhd. wenden 'umwenden, umkehren' im Sinne von 'roden' erzeugt. Dazu kam noch Vermengung mit ahd. wenti f., mhd. wende f. 'Grenze, Himmelsgegend' und ahd. giwant 'Flur, Feld- fläche', mhd. wende 'Ackerstreifen, schmales Feld'*). Auch hier finden sich dialektische Bildungen wie Wengeberg, Wengebach, Wengefeld, die sich nahe mit den oben erwähnten an 'wenig' angeglichenen Benennuno-en berühren, neben Wendebach, Wendeberg, Wenderoth, Wendefeld auch Wendelberg, Wendelbach u. dgl. Schwieriger sind die Fälle nachzuweisen, in welchen Angleichung an ahd. swendan bzw. spätahd. firswenden 'schwinden machen' und 'ver- schwinden machen, vertilgen, vernichten' stattgefunden hat. Es wird durch diese Anlehnung eine ganz ähnliche Vorstellung hervorgerufen wie durch die Anlehnung an ahd. wentan mit der gemeinsamen Grundbedeutung 'aus- tilgen, roden, urbar machen'. Die Umdeutung findet sich sowohl in Namen, in welchen das alte winid Grundwort, wie auch in Namen, in welchen winid Bestimmungswort ist: Brauerschwend bei Alsfeld (1273 Brunwartis- geschwende), Ertzschwinden, Wüstung bei Schmalkalden (16. Jahrhundert), Rüdenschwinden bei Fladungen, Hauptschweuda, ma. Heedschweng, am Knüll: 1317 Eizingeswinden, 1371 Eytzichiswende, Eizichiswinden, Heintz Schwende 1419, Heidtschwenge 1530, Hietz Schwenda, Hirtz Schwenda etwa 1600, Heiweswenge 1647, Heischwedt 1747, Hauptschweuda etwa 1780. Arnold S. 572 befindet sich daher im Irrtum, wenn er diese Namen direkt von swandjan, swendan ableitet und vermutet, dass die Orte von Hersfelder Mönchen, die aus Schwaben stammten, angelegt worden seien, weil das Wort swendan besonders in Schwaben und der Schweiz häufig vorkomme. Während die lautliche Augleichuiiff an 1) Müller, Die Ortsnamen im Reg.-Bez. Trier Jahresb. der Gesellsch. f. nützl. Forsch. 1909) S. 45 und Bück S. 292; vgl. auch Anwand, Anwander = Ackerstreifen, der auf den Nachbar oder einen Feldweg stösst, öde bleibt oder nach dem Ackern um- gegraben wird (ebd.). Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 3. 19 290 Schoof: 'schwenden' sich ungezwungen aus dem Genetiv- s des Bestimmungswortes- durch Silbenvertauschung ergibt (vgl. Gotz-wende zu Got-swende, Eiziches- winden zu Eiziche-swinden, Brunwartis-wende zu Brunwarti-swende und von da zu Brunwartisgeschwende)i), ist die lautliche Angleichuug bei den Namen, in welchen 'schwenden' das Bestimmungswort ist, durch falsche Analogiewirkung unter dem Einfluss begrifflicher Nebenwirkung (schwen- den im Sinne von 'roden') zu erklären: Schwengeberg in der Nähe von Nidenstein, Schwengenberg, am Wald zwischen Dankerode un4 Stolzhausen, Schwengelberg im Wald oberhalb Asbach bei Schmalkalden, Schwingelfeld am Wald bei Rückers unweit Hünfeld und Schwingelhecke ebendort oberhalb des Schwingelfelds, Schwantfeld bei Harmutsachsen, die Schwant, Waldort bei Hasselbach im Amt Lichtenau usw. Die letzte Gruppe von Umdeutungen entstammt einem ganz anderen Torstellungskreise. Es werden nicht dem Gegenstand adäquate, sondern zufällige Nebenbegriffe erzeugt, die mit der Hauptvorstellung nur zufällig oder vorübergehend in irgendeine Beziehung gebracht werden können. Solche Nebenvorstellungen können geweckt werden durch örtliche Ver- hältnisse: ahd. giwant 'Flur, Feldfläche bestimmter Richtung, Acker- komplex, der dieselbe Länge oder Richtung hat', das bei der Umdeutung von Winne(berg) zu Wende(berg) mitwirkte, war nicht ohne Einfluss bei der Anlehnung von Winne, Winde, Wende ^) zu Wand, Gewand, Wange-, Wanne-, Wandel-, Wander- u. ä., wobei ausserdem noch ahd. wanc, campus, 'Feld, Ebene', wanne 'sanft gewölbte Anhöhe' und wand 'Grenze, Flur' lautlich und begrifflich ineinander gingen. Solche Umdeutungen, durch Vermengung mit einem oder mehreren dieser Wörter entstanden, sind z. B. die Wand, Wald bei Sarnau (in der Nähe die Gemarkungsteile das Wengel und das Wengefeld), die Weiberwand (aus Weinberg-, Winberg — wand, also tautologisch), Wald bei Dodenhausen, Kr. Frankenberg, die Zimerswand, Ziemerswand (vielleicht aus Ziegenbergswand), Kührasenwand, das Wändchen, die Walmeröder Wand, die Steinwaud, die Schäferwand, die Herfaerwand usw. Bei allen diesen ist die Erinnerung an ehemalige Huteplätze oder spätere Rodungen längst erloschen, es ist nur der zufällige Nebenbegrift 'Abhang, steil wie eine Wand abfallende Berglehne' erhalten geblieben und an die Stelle der einstigen Hauptvorstellung getreten. Ganz ähnlich vollzieht sich der Vorgang bei den Flurnamen in der Wann(e), auf der Wanne, z. B. bei Niederwetter, Ockershausen, Speckswinkel, Wehrda (Kr. Marburg), Wannenfeld, Wannkopf (z. B. bei Marburg) usw. Auch hier keine Spur mehr von der einstigen Grundbedeutung, die Umdeutung 1) Vgl. dazu die ähnlichen Bildungen Angespann (neben Anspann), Ungedanken, Gedankeuspiel, Ungewitter (neben Wetterhöh, Wetterau) usw. — 2} Meist in der Kollektiv- form: das Gewende (z.B. bei Willershausen, Roda), die Gewendswiesen (z.B. bei Betzies- dorf), das Gewengsfeld (z. B. bei Heimbach), aber auch das Wengefeld, das Wengel (z. B. bei Sarnau) u. ä. m. Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. 291 schreitet über den Begriff 'sanft gewölbte Anhöhe' weiter zu dem Be- griff 'wannenartige Yertiefung, Schlucht' (ganz ähnlich wie bei Kessels- graben, Kesselsgrund). Weitere Umdeutungen, durch zufällige örtliche oder persönliche Nebenumstände hervorgerufen, finden sich wahrscheinlich in den Flurnamen Wangenroth bei Immichenhain (in der gleichen Ge- markung die Wann und die Wannäcker), auf fetten Boden schliessen lassend, Wanderhecke bei Ebsdorf, Wandelwiese (öfters), Wandeläcker, Wandelbach, Wandelgut, Wandelberg usw. Bei Wauderhecke hat dial. waanern 'gespenstisch drohen, geisterhaft umhergehen'^), also irgendeine zufällige Gespenstersage, bestimmend mitgewirkt, bei Wandelwiese die gelegentliche Tatsache, dass zwei Besitzer abwechselnd, etwa ein um das andere Jahr, die Nutzniessung hatten. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Umdeutung von altem winid zu Winde, Windel (berg), Winkel (wiese), über die bereits oben das Nähere gesagt worden ist. Auch hier wirkten örtliche Nebenumstände, Lage in einer winkelförmigen Gegend, die z. B. durch zwei in einem Winkel auf- einanderstossende Berge gebildet werden konnte, bestimmend auf die Um- deutung ein. Vgl. Winkelacker, Reh-, Hasen-, Speckswinkel usw. Ausser örtlichen und persönlichen Nebenumständen wirken auch ge- schichtliche oder mythologische Legenden auf die Namensumdeutung ein, und zwar oft so bestimmt, dass selbst die wissenschaftliche Namenforschung sich bis zum heutigen Tage noch oft genug durch solche Märchen täuschen lässt und über der schimmernden Hülle den eigentlichen Kern viel- fach übersieht. So muss die Persönlichkeit Karls des Grossen immer wieder dazu herhalten, um die Sachsen oder Wenden massenhaft in Be- ziehung zu Ortsnamen zu bringen, die man bisher nicht hat deuten können, obwohl diese Yolksstämme in den seltensten Fällen etwas mit der Ent- stehung solcher Orte zu tun haben. Mit Recht betont schon Arnold S. 538, dass angesiedelte Wenden unmöglich den zahlreichen Berg-, Bach-, Feld- und Waldnamen, die an den Namen dieses Volksstammes anklingen, noch in so später Zeit und so oft den Namen gegeben haben können. Selbst seine Annahme, dass dies nur in einzelnen Fällen geschehen sein mag, muss mit Vorsicht und gelindem Zweifel hingenommen werden, solange nicht geschichtliche Beweise in jedem einzelnen Fall vorhanden sind. So soll angeblich auch der Wendeberg bei Hersfeld, heute meist Wehneberg ge- nannt, einer Kolonie von Wenden seinen Namen verdanken, während er 1182 als Windeberg, etwa 1200 als Windiberch in fine civitatis Hersfeldensis und erst im 14. und 15. Jahrhundert als Wendeberg urkundlich bezeugt wird und nach seiner Lage und seinen Bodenverhältnissen deutlich auf seine ehemalige Bestimmung als Weideberg hinweist, ganz abgesehen davon, dass die Namen der in der Nähe liegenden Gemarkungen allein 1) Vgl. Viliiiar, Idiotikon von Kurhessen S. 72 f. 292 Schoof: Beiträge zur volkstümlichen Namenkunde. schon die Vermutung bestätigen. So heisst die entgegengesetzte Seite des Bergrückens nach Rohrbach hin noch heute gleichfalls Wenneberg, was auf gemeinsame Hute der um den Wehneberg gelegenen Ortschaften schliessen lässt. Nicht besser steht es mit den Umdeutungen, die durch mythologische oder, in der Zeit des Christentums, durch kirchliche Gestalten (Heilige) hervorgerufen wurden. Auch hier ist die Wissenschaft bei der Namens- erklärung vielfach noch im Rückstand und zu wenig geneigt, der Sache auf den Grund zu gehen. So stand bis 1881 in der Flur Loshausen eine Eiche, die die Wendelseiche, ma. Wengelseech, hiess, weil an ihrer Stelle früher eine Kapelle des St. Wendel stand, welche zur Zeit der Reformation noch benutzt worden sein soll. Die 1572 urkundlich bezeugten Namen derselben Gemarkung Wendelsberg, das Wendelsberger Feld, lassen es jedoch im Zusammenhang mit den obigen Ausführungen als wahrschein- lich gelten, dass die Kapelle erst in Anlehnung an den Wendelsberg, der irrtümlich als ein Berg des St. Wendel aufgefasst wurde, dem Schutzheiligen Wendel geweiht wurde. Ähnlich verhält es sich mit den zahlreichen Marien- und Johannisbergen, die ähnlichen Umdeutungen ihre Namen verdanken. So wenig wie das Hollental (Höllental) am Meissner ursprüng- lich etwas mit der mythologischen Frau Holle oder die Donareiche bei Geismar mit Donar zu tun hat, ebensowenig hat der Venusberg am Altvater ^) mit der Göttin der Liebe etwas zu schaffen, sondern ist ein uralter Weidenberg, genau so wie der Underberg bei Salzburg, der im 16. Jahrhundert zu einem Wunderberg gestempelt wurde, an welchen sich dann ähnliche mythische Legenden knüpften wie an den Hörselberg in Thüringen, den Brocken im Harz, den Meissner in Hessen, den Altkönig im Taunus usw. Näheres in meinen Ausführungen über Volksetymologie und Sageubildung. So haben wir an der Hand des altdeutschen Wortes winne ein reiches Stück Kulturgeschichte kennen gelernt, einen interessanten Blick in die germanische Volksseele tun können. Hier offenbart sich uns Volks- kunde wie ein reichlich sprudelnder, nie versiegender Quell. Hersfeld. (Fortsetzung folgt.) 1) Vgl. auch Bück S. 287: Venusmühle, beim Volk Veuismühle, Venusberg bei Essendorf, früher Venersberg, desgl. bei Eyb (Ansbach), früher Veniberg und Venibuck. Keine einzige Urkunde deutet nach Bück auf Venus, sondern diese Formen sind sämtlich Kanzleistubenerfindungen. Vgl. Grimm, Myth. » 1,524; 536; 548. Müller: Kleine Mitteilungen. 293 Kleine Mitteilungen. Zur Geschichte des Aberglaubens in der Obergrafschaft Katzenelnbogeu. Im achten Band der Zeitschrift für Kulturgeschichte S. 287 — 324 hat Prof. D. Dr. Wilhelm D^iehl einen Aufsatz reröffentlicht, in dem er an der Hand der hessischen Kirchenvisitationsakten von 1628 schildert, in welchem Umfang der Aberglaube in dem damaligen hessischen Gebiet, der Ober- und Niedergrafschaft Katzenelnbogeu geherrscht hat. Auf Grund eines hochinteressanten authentischen Materials zeigte sich, dass die abergläubischen Bräuche und Sitten in den süd- lichen und nördlichen Teilen des landgräflich hessischen Territoriums in ganz verschiedenem Grad verbreitet waren. Während die südlichen Teile nur ver- einzelte Fälle darboten, so in den Orten Rossdorf, Gundernhausen, Pfungstadt, Hahn u. a., hatten verschiedene Orte der Niedergrafschaft eine geradezu unheim- liche Zahl von Zauberern und Segensprechern aufzuweisen. Diehl sagt am Schlüsse seiner Abhandlung: „Fassen wir alles zusammen, so werden wir behaupten dürfen, dass die Visitationsakten von 1628 für ein Gebiet, dessen Aberglaube noch verhältnismässig wenig erforscht ist, wertvolle Beiträge darbieten und dass es dringend zu wünschen ist, dass die noch vorhandenen Reste zum Zweck einer Vergleichung von sonst und jetzt gesammelt werden möchten." Die nachstehenden Zeilen wollen eine Ergänzung der von Diehl angedeuteten Lücke beibringen, indem sie über die Tätigkeit einer Kräuterfrau und Segen- sprecherin aus dem kleinen Dorfe Malchen an der Bergstrasse berichten, die wegen ihres 'teuffelischen segens und warsagens, auch artzens' 1612, also 16 Jahre vor Entstehung der von Diehl bearbeiteten Kirchenvisitationsakten, mit den Be- hörden in Konflikt geraten ist. Die Persönlichkeit, um die es sich bei den hier zu schildernden Vorkomm- nissen handelt, Margareta, Witwe von Wennig Bergsträßer zu Malchen, ist eine 'alte fast abgelebte fraue', wie die Akten von ihr sagen, deren gesamte, viele Jahre lang geübte Zauberei, so sehr sie auch zu missbilligen war, wohl kaum jemandem etwas geschadet oder genützt haben dürfte. Gleichwohl war es auf die Dauer nicht angängig, dass man dem Treiben der Alten stillschweigend zusah. Nachdem schon ein Jahr früher einmal in einer Diebstahlssache straf- gerichtlich gegen sie vorgegangen worden war, sollte es 1612 zu einer neuen Untersuchung gegen sie kommen. Kaum aber hatte der landgräflich hessische Keller Anthonius Saarbrück zu Zwingenberg a. d. B. das letzte Wort gegen die weise Frau von Malchen ausgesprochen und ihr das ärgerliche Treiben ernstlich verboten, da kam es nur wenige Tage später zu einem erneuten Zwischenfall. An dieser Stelle nun setzen die im Gr. Haus- und Staatsarchiv zu Darmstadt ver- wahrten Untersuchungsakten, denen wir uns möglichst eng anschliessen werden, ein. Den Beginn macht ein Bericht, den der Keller Ant. Saarbrück am 24. Juli 294 Müller: 1612 an seine vorgesetzte Behörde, die Regierung zu Darrastadt erstattete. Dieses Schreiben, das sich auf eine Reihe von Zeugenaussagen über die jüngste Tätigkeit der Margareta Bergsträßer stützt, hat folgenden Wortlaut: „Auf fürstlicher hessischer cantzley zu Darmbstatt bevelch habe ich anheut von dem hessischen Schultheißen zue Malchen Ewald Geyern entgegen Margrethen, Wennig Bergstroßers vpittiben daselbsten, ihres ietzigen thuns und wandels halben bericht eingenommen: Derselbige zeigt an, nachdem am nehern montag den 20. dießes ich gedachte Margrethen ihrer bißhero viel jar lang verübten teuffelischen Segens und warsagens, auch artzens halben zu rede gesetzt und sich deßen gentzlichen zu enthalten verbotten, so habe sie deßen ungeachtet am nehern mitt- wochen den 22. dießes sich deßelbeo wieder undernommen und einem mann vom Hain bey Pfungstatt mit einem pferde bey sich gehabt, Wennig Weicker genant, deme sie rath seiner schwachen mutter halben mitgetheilet. Wie aber solches fürgangen, wieße er nicht. Doch habe der pfarrherr zu Nider Berbach sie uff solchen tag, als er geprediget in beysein des Schultheißen und Hans Franckens des senicrs fürgefordert und examinirt, was gedachter mann vom Hain mit dem pferd bey ihr zu thun gehabt, ob sie ihme rath ertheilet. Habe sie daruff geandworttet, es were wol solcher mann bey ihr geweßen, sie hette ihnen aber zum pfarrherr nacher Bickenbach gewießen. Als aber der pfarr- herr zu Niederberbach sie des verbotts, so der Keller zu Zwingenbergk ihr sich solcher sachen gentzlich zu müßigen, angelegt, erinnert und ernstlichen zu wißen begert, ob sie ermeltem mann vom Hain ichtwas gerathen und was er ihr in einem Körblein, so er gebracht, gegeben, habe sie gesagt, sie hette ihme etzliche kreuter, als rosamarin, isop und maioran zu nehmen und einen tranck daraus zu sieden und denselben trincken zu laßen geheißen, darfür er ihr ein virtheil eyer auß dem Körblein gegeben hette. Ob nun aber auch segen und andere ungebührliche mittel sie hierzu gebraucht, darvon habe sie nichts ge- stehen wollen. Welches alles auch Hans Pranck zu Malchen berichtet und darbey auch dießes angezeiget, wie sie dabevor sich des urin besichtigens gebraucht und vorm jähr ungefehr, als er bey Hanß Reißman zu Malchen eine neue egen zur körn saat entlehnet, seye ihme dieselbig gestolen worden und endlichen an tag kommen, das ermelte Margretha dieselb in ihrem stubenofen zu esche verbrendt habe, derowegen sie auch vorm jar uf der centh zu Zwingenbergk ge- strafft worden, warzu und welchem ende sie solch eschen gebraucht habe, wird sie am besten wißen. Sonsten könten sie nicht wißen, ob sie auch mit andern verbottenen dingen als zaubereyen und dergleichen unthaten umbgehe, sintemaln solche thaten in geheim verübt werden. Doch habe er Hans Pranck und Erbaldt Luckhaupt, welcher ob specificirten bericht auch durchaus erholet, dabevor von ihrem eygenen mann Wennigen Bergstroßer gehöret, daß er selbsten gesagt, sein fraw könte zaubern etc. Ob nun solchem also, das könten sie für ihre person nicht wissen. Ferner sagten sie, es hette auch newlicher zeit Peter Lehn rathsperson alihier zu Zwingenbergk bey gedachter Margreth seiner lamigkeit halben raths gefragt, was sie aber ihme gerathen, das wissen sie nicht. Hierauff hab ich ermelten Peter Lehn so baldt vor mich erfordert und deßwegen zu rede gesetzt. Zeigt an, er were in ein lamigkeit gerathen und ihme von Michel Spießen zu Wallersteden, welcher gleicher weis einer lamigkeit halben gedachte Margreth umb hulff und rath ersucht gehabt und ihme geholffen, gerathen, das er ihr ein stück von seinem leib schicken solte, würde sie ihme beholffen sein. Darauff habe er ihr sein hempt, so er acht tag lang an seinem leib gehabt durch seinen Kleine Mitteilungen. 295 •söhn geschickt, welches sie genommen und damit uf beseits gangen. Was aber «ie damit gethan, habe sein sehn nicht vermercken können. Seye aber bald -wieder zu seinem söhn kommen und gesagt, es komme solche lamigkeit ron einem trunck, den er gethan hero und hette ihme etzliche kreuter, als isop, «alvei, hirtzzungen und roßmarin gegeben, die er gesotten und ge- ■truncken, auch damit seine lame beine gewaschen. Habe ihr ein gülden ge- geben, aber ihnen nichts geholffen. Deßgleichen sagt er, were hiebevor Jacob Reußen allhier dienstbub, Jörg genandt, welcher an seinem gantzen leib krafftloß geweßen, bey obgedachter Margreth geweßen und ihme verhelffen laßen, welchen ich gleicher gestalt er- fordert und derentwegen befragt, sagt, er were ungefehr vorm vierthel jar an seinem leib, an armen und fußen gantz krafftloß geweßen. Sey er zu gemelter frawen gehn Malchen gangen und ihme helffen laßen. Hette sie ihnen an seinem leib Yon dem kopff an biß zun fußen mit ihren henden angetastet und ■etzliche wortt heimlichen über ihn gemurmelt, auch drey eyer und pulver in dreyen kleinen döttergen zugestelt, die er des morgens -geßen und daruff die krafft seines leibs wieder bekommen, also daß er innerhalb acht tagen wieder arbeiten können. Habe ihr hierfür einen halben ^uldten gegeben. So ist auch Wennig Weicker vom Hain bey Pfungstatt fürgefordert und deshalben, das er am mittwochen den 22. julij zu Malchen bey des Berg- strößers wittiben geweßen und rath gesucht, zu rede gesetzt worden. Zeigt an, es betten die leuth, welche er nicht nahmhaftig machen können, seiner mutter, welche umb die brüst großen schmertzen gehabt, gerathen, sie sollte ihr hembd von ihrem leib gedachter wittiben schicken, würde sie die Schwachheit erkennen und ihr wieder verhelffen. Da habe seine mutter ihnen dahin gehn Malchen geschickt und er der frawen seiner mutter gelegenheit angedeutet und das hembd zugestelt. Sie hette aber daruff gesagt, er sollte gehn Bickenbach zum pfarrherrn gehen und ihme verhelffen laßen, doch endlichen das hembd ge- nohmmen, in ihr stuben allein gangen und über ein kleine weyl wieder- kommen und die schwacheit angezeigt, auch ihme in dreyen döttergen pulver gegeben und gesagt, sein mutter soltte es in dreyen eyern in- nehme n, so werde es beßer mit ihr werden. Habe ihr darfur weitter nichts, dann ein vierthel eyer verehrt und seiner mutter das pulver bracht, so sie ein- genommen und mit ihr beßer worden. Hans Krichbaum von Oberberbach ist der trohewortt halben, welche Leonhard Franck außgegoßen haben solle, verhöret worden. Zeigt an, er habe Madern Roßens fraw, so mit seiner hausfrawen geschwistern kinder seyen, zu mehrmalen gewarnet, von ihrem bößen wandel abzustehen und des Leonhard Pranckens müßig zu gehen, denn er offtmals gesehen, das sie beide, wann ettwan eines oder das ander im feld geweßen, einander nachgegangen und zusammen kommen. Sie hette aber ihme gantz betrohenlichen ins gesiebt gesagt, wenn er sein maul nicht halten würde, solte Leonhard Franck ihme seinen kopff zerschlagen und ein wehr in leib stoßen, wie denn zween schäfers buben gehört haben, das sie solches dem Leonharden befohlen hette. Daruff er es dem Leonharden fürgerückt, habe er gestanden, das es die Schmidtin ihme befohlen habe, aber von ihme seyen sonderlichen keine drohewortt, so viel ihme wissend, gehört worden." Das Antwortschreiben der Darmstädter Regierung, das auf diesen Bericht hin erging, war auf das entschiedenste bestrebt, dem Treiben der Margareta Bergsträßer ein Ende zu machen. Die Verfügung, in welcher die sofortige per- 296 Müller: sönliche Vernehmung der Missetäterin, ihre gleichzeitige Verhaftung und Haus- suchung angeordnet wird, lautet folgenderniassen : „Ehrbar guter freundt, wir haben ewer schreiben neben dem uberschickten Walbronnischen register entpfangen, verlesen, dieweilen den darob vernommen das, obwohl uf unsern euch zugeschickten befelch ihr Wennig Bergstroßer wittiben zu Malchen sich des segensprechens, wahrsagens und verbottenen übernatürlichen artzneyens sich gentzlich zu enthalten ernstlich undersagt, sie dem auch also nach zu kommen versprochen, das sie sich doch solcher verbottener eure gleichsamb den andern tag nach entpfangenem verbott wieder unter- fangen. Wan den solchs Gottes gebott und der darin wohlbegründten Kirchen- ordtnung zue wieder und pillich gestrafft wirdt, so befehlen in namen u. g. f. und hern L. Ludwigs zu Hessen etc. wir euch vor uns g. gesinnende, das ihr ge- dachte wittib demnehisten vor euch kommen lasset und von ihr, wie lang sie solche verbottene euren gebraucht und wehme sie darmit geholffen, wehr auch recht und hiilffe bey ihr gesucht, erkundiget und sie daruff drey tag lang in die betzencammer hinsetzet. Inmittelst in ihrer behausung vleissige nachsuchung thut, ob ihr etwas von verdechtigen materien oder ander anzeige finden moget und uns darvon berichtet. Soll daruff fernere gepuerliche verordtnung vorgenommen werden und wir seindt euch mit günstigem willen wohl gewogen. Datum Darmbstadt den 26. julij anno 1612. Canzler und rhäte doselbst." Sofort nach dem Empfang dieser Verfügung ging der Keller an ihre Aus- führung. Bei der am 1. August 1612 vorgenommenen Haussuchung fanden sich in einem Schränklein und einer Truhe in der Stube der inzwischen verhafteten Angeschuldigten folgende Stücke vor: „1. Ein stein gleich wie ein donneraxt, so in der mitt ein rund loch hat, ist grawlicht, vorn gleich wie ein schneidig axt und binden stumpf. 2. In dreyen lädelein viel pulver aus gekreudig gestoßen und darbey etzliche kleine düttergen voll pulver. 3. Etzlich gekreudig in einem glaß und in einem ducb. 4. Ein gestreiffte ohl haut. 5. Viel kleine kotturffen und gläßer, darinnen etzliche verdechtige getränck und urin, darfur man es angesehen, geweßen. 6. Zwen häfen, darin auch verdechtig geschmir geweßen, etzlich weiß hunds- treck salva reverentia zu meldten." Ausserdem enthielt das Schränklein und die Truhe noch eine grosse Anzahl von Geldstücken aller Sorten, vom Goldgulden bis zum halben Batzen herab, die, nachdem man sie gezählt hatte, den ansehnlichen Betrag von 129 Gulden 18 Albus ergaben. Das Geld wurde von den amtierenden Personen „in zwen seckeln und einer sewblaßen verpitschirt, auch weil es abwesend der verhafften wittiben in ihrem haus nicht wol verwarth geweßen, zur kellnerey Zwingenberg gebracht und biß uf fernem bevelch reponirt." Am gleichen Tage fand auch die verantwortliche Vernehmung der Margareta Bergsträßer statt. Hierbei wurde folgendes zu Protokoll genommen: „Erstüchen sagt sie, sie hette ihre artzneykunst von ihrem mann selig erlernet und gehe sonsten mit nichts anders umb, als mit kreutern. Wolte auch hierbey anfangs nicht gestehen, das sie mit segen umbgehe, biß zuletzt, daß sie deßen ernstlichen erinnert, das sie auch segnerey gebrauchet, eingestanden und bißweylen dießen segen gebrauchet: Kleine Mitteilungen. 297 'Du liegest allhier Und weißest nicht was du bist, Drum helffe dir Gott und der heilige Christ. Im nahmen Gottes, des vatters, des sohnes und des heiligen geistes.' Das andre ist sie befragt worden, ob sie auch auf ersuch ung der leuth in erkennung der Schwachheiten, ettwan christallen, glaß, stein oder ettwas anders gebrauchet. Hat sie hiervon nichts gestehen wollen. Dargegen sie befragt worden, warzu dann sie den stein, so einer donneraxt gleich seye und ihr fürgetzeigt worden, gebrauchet hette. Antwortet sie, solcher stein were ein dpnner- axt, wiße nicht wer das loch darin gemacht. Ihr mann hette denselben zu den pferdten, so böße schleuch gehabt, gebrauchet und die böße schleuche damit bt3strichen. Wie denn auch sie zu den weibern, so böße brüst gehabt, solchen stein, damit sie die brüst creutzweis mit sprechung: 'Im nahmen Gottes des vatters, des sohns und des h. geistes' in gleichem zu den pferdten an bößen schleuchen gebrauchet habe. Das dritte, das pulver in dreyen underschiedlichen lädelein seye aus barb- winckelkraut, peterwurtz und dann einem schmalen kraut, so sie jetztmal nicht benennen wollen. Und sagt, dasselbe habe ein roth blümlein und trage schottergen, stehe und wachße im newen wege zu Malchen hinder ihrem hauß, und gebe sie solch pulver, denen sie ihr urin, salva reverentia zu schreyben, besehe und unden ufm boden trübe, als wie hefen befinde, in dreyen kleinen düttergen in dreyen eyern ein. So sagt sie vors dritte, das die wurtzel, so sie in einem ledlin gehabt und ihrem bericht nach peterwurtz sein solle, den leuthen so das fieber hetten, ohne segensprechen (quod non creditur) anhenge und dieselbe jars im maio grabe. Bremer und zum vierten sagt sie, daß das kreutig, so in einem glaß geweßen^ wildtblumen wehren, und brauche sie dieselbe den leuthen, denen ein hande oder fuß verstaucht were, lege sie in warmer maybutter auf. So mache sie zum fünften ein schmaltz aus den rothen Schnecken, nehme dieselben und henge sie in ein tuch an die sonn, so dreuffe das schmaltz herab in ein undergesetztes gefeß, welches schmaltz sie zur lämigkeit gebrauche. Das geschmier das sechste in zweyen häfen, sey oly drauß von dem nußoly, darmit schmier sie die wunden an menschen und viehe, wann die fliegen solche wunden, sonderlich an vieh beschmeißen, damit keine maden darauß er- wachßen mögen. Das obgemelte pulver, sagt sie, gebe sie auch den jungen schwachen kindern in einem dottgen zu dreyen malen in dem breylein ein und werden darvon gesundt. Ist vors siebende eingestendig, das zu vielen mahlen die leuth ihr die urin zu besichten und daraus die Schwachheit zu erkennen gebracht hetten, wie denn in ihrem hauß viel kutturfen und andere gläßer befunden und in fünff under- schiedlichen gläßern noch urin vorhanden geweßen, welche ihr fürgestellt und zu wißen begert worden, wer ihr solch wasser zugebracht hette. Hat sie anfangs niemanden kennen wollen, biß zuletzt, da sie ernstlichen hierzu ermahnet worden, nach benennthe angetzeigt: Als erstlichen berichtet sie das in einem glaß das wasser ist gar schwartz, des spitalnieisters zu Hoffheim, Wilhelmen 298 Müller : Buchen geweßen und ihr ungefehr vor 2 oder 3 monaten durch ein frawe seinet- wegen gebracht worden sey. Habe ihme daruff gemeltes pulver in dreyen dottergen, dieselbe in dreyen eyern einzunehmen geschickt und darbey einen tranck von 3 roßmarein, 3 majoran und drey ysopen stücken in einer echtmas wein zu sieden und zu trincken zugerichtet, welcher dranck durch alle glieder des menschen gehe und helffe. So were der urin in einem andern glaß von dem Wülckern zu Diepurgk ihr zugeschickt, deme sie gleicherweiß wie negst gesagt verholffen. Von uberigen urinien in den andern gläßern hat sie nicht berichten wollen, von weme sie ihr gebracht seyen, mit furwendung, es sey ihr vergeßen. Zum achten hat sie auch under andern salva reverentia zu melden in ihren artzneyen weißen hundstreck gebrauchet, darmit sie die schwache kinder uf fewer kolen bereuche. Wie wol nun fürs neunde sie in abreden sein wollen, das ihr die leuth, so in ihren Schwachheiten bey ihr rath gesucht, einige stück oder hempt von ihrem leib, daran die Schwachheit zu erkennen gebracht hetten, so ist doch sie deßen so baldt durch Peter Lehn, Bürgern und des Raths zu Zwingenbergk, welcher sie auch seiner läraigkeit halber, darmit er noch behafft ist, raths befragt hat, ubertzeuget, sagt es ihr in faciem, das er von Michel Spießen zu Wallersteden, so gleicherweis lahm geweßen, berichtet worden, er habe ihr sein hempt von seinem leib geschickt, welches sie angenommen und darob die Schwachheit erkandt, auch ihme daruff geholfen. Als hette er, Peter, ihr gleichfalls sein hembd durch seinen söhn geschickt und damit allein uf beseits gangen. Was sie aber darmit gethan, hette sein söhn nicht vermercken können. Sie denn daruff zu seinem söhn gesagt, er hette einen trunck in wein gethan, dahero die lämigkeit kommen und es were ihm besser geweßen, er hette darfür wasser getruncken gehabt. Hette aber sonsten nicht berichten wollen, von weme oder woher ihme solcher trunck were beygehalten worden. Auff solchen ihren bericht were er Selbsten zum zweyten mal bey ihr zu Malchen geweßen und ihres raths gepflogen. Habe ihme darauff selbst gesagt, es seye ihme solche lämigkeit durch einen trunck herkommen und ihme drey dottergen obberurtes pulvers, solche in dreyen eyern des morgens früe inzunehmen gegeben und darbey einen tranck von ysopen, salbey, hirtzzungen und roßmarein in wein zu sieden und zu trincken bevohlen. Aber es habe ihnen nichts geholffen. Welches alles sie auff solche antzeige nicht verneinen können, sondern eingestehen müßen. Ebenmeßig hat Jacob Reußen dienstbub am 24 julij jüngsthin, so sie raths befragt, berichtet, daß sie ihnen an seinem gantzen leib betastet und heimlichen darbey etzliche worth, so er nicht verstehen können über ihnen hero gemurmelt habe. Deßgleichen berichtet auch Balthasar Werckli ein meurer zu Zwingenbergk, das er uniengsten von wegen seines bruders Christian Wercklies haus- frawen, welche im haupt jrr und fast sinnloß geweßen, sie raths gesucht hette. Habe ihme daruff vielbemeltes pulvers drey dottergen voll inzunehmen ge- geben und ihme darfur ein halben fl. zu lohn abgeheischen. Habe ihr seines behalts umb 3 batzen verehret. So hat auch ihr Peter Krapp der bawbecker zu Zwingenbergk ins angesicht gesagt, daß sie vor IV2 jare uf sein erfordern zu ihme naher Zwingenbergk kommen und ihme seine schwacheiten, so er im leib gehabt mit Zurichtung eines drancks von dreyen roßmarin, dreyen jsopen, dreyen quendlin und dreyen Kleine Mitteilungen. 299 majoranstücken und denen Zustellungen des pulvers obberürts in dreyen dottergen und einem dötgen voll geweihets saltz geholffen. Und obgleich sie zuvorhin, ob sie andern mehr zu Zwingenbergk verholfen habe, befragt geweßen und nichts bekennen noch berichten wollen, jedoch ist sie auff solch beschehene confrontation dießes alles eingestendig geweßen. Die ohlhaut, so in ihrem hauß befunden, belangend, sagt sie ihr mann hette darauß hoßenbendell machen wollen. Ob nun aber dießes also war sey, wird dißmals au seinen orth gestellet. Als sie auch zum uberfluß befragt worden, zu was ende sie die hembder der schwachen leuth gebrauche, hat sie daruff nichts sagen wollen, allein daß sie gestanden, die leuthe hettens ihr gebracht, w^elche aber sie nicht wie der Schmied zu Obern Berbach, deme die leuthe auch kleider in ihren kranckheiten brächten und von ihme nicht wiedergegeben würden, behielte, sondern den leuthen wieder zustellete. Darob denn unschwer und leichtlich abzunehmen, daß sie über solche hembder auch ihr unchristliche segen oder andere verbottene mittel ge- brauchen thut, nicht zweivelnde, da sie deßwegen mit mehrerem ernst befragt werden solte, sie endtlichen die beschaffenheit werde antzeigen müßen. Wie sie dann auch anderer mehr sachen halben, so nicht weniger verdacht zaubereyen uf sich haben, in specie befragt worden und nemblichen, ob nicht war, daß sie vorm jar ein newe egen ufm feld, so Hans Reißman zu Malchen zu- gehörig geweßen, diebisch entfrembdet und in ihrem ofen zu eschen verbrandt hette. Hat sie es, ohngeachtet deßwegen uf der centh ihr 5 Pfund heller ihrem selbst berichten nach zur straff erkanndt, nicht, daß sie es gethan, gestendig sein wollen, sondern wendet vor. es seye ihr mit solcher straff unrecht geschehen, da doch deßen sie niehmals könn überwießen werden. So ist sie auch vermöge des gemeinen geschreyes der zaubereyen offendtlichen im verdacht, wie sie dann sich solte haben hören laßen, da man mit ihr also werde fortfahren, so weren auch andere mehr zu Malchen und zu Zwingenbergk, die auch vort müsten. Entzlichen ist sie auch befragt worden, ob sie nicht einen guthen vor rat h an geldt hette und daßelbe, wo nicht alles, jedoch das mehrer theil von denen leuthen, so sie in ihren Schwachheiten raths ersucht, verehrt worden were. Hat sie geandtwortet, sie wüste nicht, wie viel sie daheim in ihrer arcken hette. eins theyls betten ihr die leuthe verehrt und sie wol gehalten, auch ihr vetter der marckmeister zu Darmbstatt ihr newlich 12 fl. in sechs dutten gegeben, sowie ge- dachter ihr vetter ihr auch umb 100 fl., so sie ihme geliehen und dabevor nach ihres mans todt ihr zu theyl worden weren, schuldig. Fernere verdechtige umbstende hat dißfals von ihr nicht erkundiget werden mögen.'' Folgenden Tags, am 2. August 1612, sandte der Keller Anthonius Saarbrück die Protokolle an die fürstliche Regierung nach Darmstadt. In seinem Begleit- schreiben gibt er seiner persönlichen Ansicht über die Angelegenheit ausführ- lichen Ausdruck, und diesen Bemerkungen entnehmen wir noch folgendes: „Was nun gegen ihr ferner für zu nehmen sein mochte, daß stehe bey Ewern •Gestrengen, Ernvesten und Großgünstigen, hochvernünftigem bedencken und ist zwar meines erachtens dieser frawen verbrech nicht allein nicht gering, sondern auch sehr verdächtig anderer mehr hoch straffbarlicher sachen, wie uß ihrem bekentnis unschwer abzunehmen und in der verheer ab ihrer persohn geberden, reden und antwort, besonderlich deren verbrendten egen halben beschehener Verneinung vermerckt worden ist. Und dieweil sie eine alte und fast ab- 300 MüUer: gelebte fraue ist, so wehre nötig, waß gegen sie ferner in einem oder ander wege furzunehmen, daß es fürderlich beschehen möchte. Es ist gestern ihr vetter der marckmeister zu Darmbstad allhier bej mir gewesen und begeret, ihnen zu ihr zu laßen, zu hören, was ihr gelegenheit sein möge. Ich habs aber noch zur zeit bedenckens gehabt, den aditum zu willigen, sondern zuvorderst die eingenohmene gelegenheit E. G. H. und G. zu schreiben wollen. Ohne ist auch nicht, so viel ich bißhero gehöret, daß sie fast von jederman deren zeubereien verdächtig gehalten würdt und da derhalben wider sie eine In- quisition angestellet und etzliche uß der gemeinde zu Malchen, auch hiesgen ort derwegen verhöret werden sollen, mochte vielleicht der verdacht verificirt werden und andere mehr ins spiel gerathen. Wie sie dann sich solte haben ver- nehmen laßen, da man mit ihr also procediren werde, so müsten auch andere mehr vort. Alß aber ich dieses ihr furgehalten, hatte sie es nicht gestehen wollen. Gedachter marckmeister hat sich erbotten vor sie burgeschaft zu leisten und sie zu sich in sein hauß zu nehmen und aufsieht zu haben, damit sie sich inskünftig fernem artzens, segens und dergleichen gentzlich enthalten solte. Stehet also dießes wohl zu bedencken. Und da sie dies mals der haften uf be- melte bürgschaft wider erlaßen werden solte, so konde man ihr ihres Verbrechens halben von dem inventirten gelt, welches sie durch solch ihr unzimbliches artzen und segen erobert, wohl eine zimbliche summe abnehmen und dem fisco heimweyßen, doch E. G. E. H. und G. hiermit nichts vorgeschrieben. So bin ich auch vor dem pfarhern zu Niderbernbach vor geweßen, berichtet, daß Madern Roß zu Oberbernbach derae gleichfals sein lange zeit ver- übtes artzen und segen bey Vermeidung hoher straffe verbotten worden, seither sich deß artzens und segens widerumb undemohramen und also solchen gesellen fast unmeglichen ist, sich deßen gentzlich zu enthalten. Stehet also zu bedencken, ob nicht auch solcher gestalt gegen ihme mit gefenglicher Verhaftung und nach- suchung in seinem hauß verfharen werden selten. Erwarten hierauf E. G. H. und G. großgünstigen bevelchs. Sonsten werde ich auch berichtet, daß gedachtes Maderns fraue und Leonhard Franck zu Oberbernbach, so itzo flüchtig seind, mit einander zu Eychen bey Gernßheim sich verhalten soln und da deme also, konden sie der ends wohl nider- geworffen und auf begeren gegen einen reverß versehentlich in unseres gnädigen fürsten und herru haft gebracht werden." Was die Darmstädter Regierung auf diese Vorschläge geantwortet hat, ist dem Wortlaut nach nicht bekannt. Soviel steht aber fest, daß Margareta Berg- sträßer spätestens am 10. August 1612 nach ordnungsmässig geleisteter Bürgschaft aus dem Gefängnis entlassen und nach ihrem Heimatsort Malchen zurückgebracht worden ist. Hiermit sind wir am Schluss der Akten angekommen, soweit sich deren Inhalt auf Margareta Bergsträßer bezieht. Wir stehen nun vor der Frage, welches das Ergebnis der Untersuchung war, die ja für die Angeschuldigte glimpflich genug verlaufen ist. Wenn wir die Zeugenaussagen, das teilweise Geständnis und das Ergebnis der Haussuchung noch einmal an uns vorüberziehen lassen, so läßt sich ein ziemlich sicheres Bild gewinnen, wieweit der Vorwurf von dem „teuffelischen segen und warsagen, auch artzen" gegen Margareta Bergsträßer begründet war. Zunächst ist gleichsam als Milderungsgrund hervorzuheben, dass das Treiben der Malchener Kräuterfrau durchaus nicht als isolierte Erscheinung dasteht, sondern dass die Untersuchung zum mindesten den Verdacht ähnlicher Handlungen noch auf verschiedene andere Personen geworfen hat. Von ihrem eigenen Manne hat Kleine Mitteilungen. 301 Margaretu Bergsträßer die Arzneikunst und den Gebrauch der Donneraxt erlernt. Möglich also, dass das Ehepaar dereinst gemeinsam praktiziert hatte. Auf ganz ähnliche Art wie sie, kurierte auch Madern Roß, der Schmied aus Ober-Beerbach. Freilich hat sich jener bei seiner lichtscheuen Tätigkeit mit dem Besehen der Leibwäsche und der Kleidungsstücke seiner Patienten allein nicht begnügen können, sondern die vertrauensvoll übergebenen Stücke einfach für seine Zwecke zurück- behalten, wodurch er seine Anhänger nicht nur auf feine Art betrogen, sondern auch noch fremdes Eigentum in grober Weise unterschlagen hat. Als Wennig Weicker vom Hain, dem heutigen Hahn bei Pfungstadt, wegen seiner kranken Mutter zu Margareta Bergsträßer kam, will sie ihn zum Pfarrer nach Bickenbach geschickt haben. Dass der dortige Pfarrer der abergläubisch gesinnten Patientin als Jünger Christi helfen sollte, ist nur schwer zu glauben. Er stand offenbar ebenfalls im Geruch der Zauberei. Die Tätigkeit der Margareta Bergsträßer setzt sich aus einer grösseren Reihe einzelner Gepflogenheiten zusammen. Sieht man von dem ihr wohl nur fälschlich zur Last gelegten Kristallensehen und dem nicht bewiesenen Gebrauch der Aalhaut ab, so bleibt im wesentlichen noch folgendes Bild ihres abergläubischen Treibens übrig. Neben dem Segensprechen („Du liegest allhier" usw.) erscheint sie des Gebrauchs der Donneraxt bei Pferdekrankheiten und brustleidenden Frauen über- führt. Kräuter hat sie nicht nur als Pulver, sondern auch zu Tränken und bei Abwaschungen verwenden lassen. Erwiesen ist das Besehen von Wäschestücken, ferner von Urin, so bei dem Spitalmeister Wilhelm Buchen zu Hofheim (heute Philippshospital bei Goddelau) und einem Patienten von Dieburg. Was den Gebrauch der Peterwurz bei Fieber betrifft, so gestand sie, dass sie dieses Gewächs den Leuten „ohne segensprechen anhenge und dieselbe jars im majo grabe." Wildblumen hat sie verordnet, wenn jemand die Hand oder den Fuss verstaucht hatte, und zwar legte sie dieselben „in warmer maibutter" auf. „Schmaltz aus den rothen Schnecken" sollte bei Lahmheit helfen und Öl bei Fliegenstichen be- wirken, dass weder bei Mensch noch Vieh Maden entstünden. Endlich hat sie „weißen hundstreck gebrauchet, darmit sie die schwache kinder uf fewer kolen bereuche." Wichtig ist, dass Margareta Bergsträßer ihr Tun möglichst geheim hielt und den Segen niemals in Gegenwart eines Zeugen hersagte, es sei denn so, dass die Worte nicht verstanden werden konnten. Es sind im ganzen acht Einzelfälle, deren Margareta Bergsträßer als überführt anzusehen ist: 1. Die Mutter Wennig Weickers aus Hain (Hahn) bei Pfungstadt, an Brust- schmerzen und Schwäche leidend, hatte ihr Hemd geschickt. Margareta Berg- sträßer gebrauchte daraufhin den Segen, verordnete Pulver und empfing für ihre Tätigkeit ein Viertel Eier. Der Zustand der Kranken hat sich angeblich gebessert. 2. Michel Spieß zu Wallerstädten (Kreis Gross-Gerau) hat Margareta Berg- sträßer wegen Lahmheit um Rat befragt. Sie hat ihm geholfen, nachdem er ihr sein Hemd geschickt. Befriedigt von diesem Erfolg hat Michel Spieß den Peter Lehn aus Zwingenberg, der mit demselben Leiden behaftet war, zu der Malchener weisen Frau gesandt. 3. Peter Lehn, Bürger und Ratsperson aus Zwingenberg, liess Margareta Bergsträßer erst durch seinen Sohn konsultieren und kam dann persönlich. Nachdem der Segen über das Hemd gesprochen war, musste der Patient den Kräutertrank und das Pulver einnehmen und seine lahmen Beine abwaschen. Die Kur hat nichts geholfen. Peter Lehn hat seine Lahmheit behalten, und der dafür ent- richtete Gulden war zum Fenster hinausgeworfen. 302 Müller, Hellwig: 4. Dienstbub Jörg bei Jacob Reußen in Zwingenberg war am ganzen Leib, an Armen und Füssen kraftlos. Diesen Kranken hat Margareta Bergsträßer an seinem Leib von Kopf bis zu Füssen betastet, etliche Worte heimlich über ihn gemurmelt, die der Patient nicht verstehen konnte und ihm Pulver verordnet. Die Kur kostete V2 A- und hat dem Kranken geholfen. 5. Bei Wilhelm Buchen, Spitalmeister zu Hofheim, der an Schwachheit litt, hat Margareta Bergsträßer den Urin besichtigt, der ihr durch eine Frau überbracht worden war. Ob das verordnete Pulver und der Trank Erfolg hatten, wird nicht berichtet. 6. Bei Wülcker von Dieburg, an Schwachheit leidend, hat Margareta Bergsträßer den Urin besichtigt. Resultat unbekannt. 7. Die Frau Christian Wercklis zu Zwingenberg war ^im haupt irr und fast sinnlos". In diesem Fall wurde Pulver verordnet und dafür Y2 A- gefordert. Ergebnis der Kur unbekannt. 8. Endlich ist Peter Krapp, dem Baubecker zu Zwingenberg, wegen seiner Schwachheit im Leib der übliche Trank verordnet worden. Auch hier fehlen Einzelheiten und Angaben über die Wirkung. Die eben hervorgehobenen acht Einzelfälle zeigen deutlich, dass Margareta Bergsträßer bei leichteren Krankheiten entweder nur den Trank, 'welcher durch alle Glieder des Menschen gehe und helfe', oder nur ihr Pulver, bei schwereren Leiden dagegen beide Mittel zugleich anzuwenden pflegte. Es ist nicht un- interessant, etwas näher auf die Zusammensetzung dieser Medikamente einzugehen. Bezüglich des Pulvers erklärte Margareta Bergsträßer selbst, dass sie Patienten, deren Urin trüb sei, ein Gemisch 'in dreyen kleinen düttergen in dreyen eyern' eingebe, das aus 'barbwinckelkraut, peterwurtz und dann einem schmalen kraut' bestehe, das sie aber nicht nannte, sondern nur nach einigen Merkmalen beschrieb. Dem Dienstbub Jörg hat sie 'drey eyer und puIver in dreyen kleinen döttergen zugestelt, die er des morgens geßen' und ähnlich lauten die Verordnungen bei andern Kranken. Was den Trank anbetrifft, so wurde Wennig Weicker empfohlen etliche Kräuter, nämlich Rosmarin, Ysop und Majoran zu nehmen, einen Trank daraus zu sieden und ihn seiner Mutter zum Trinken zu geben. Ähnlich sollte Peter Lehn ver- fahren, der auf ihren Rat Ysop, Salbei, Hirtszungen [= Hirschzungen, Scolopendrium off., s. H. Marzell, Die Tiere in dt. Pflanzennamen 1913, S. 39] und Rosmarin gesotten und getrunken, auch seine lahmen Beine damit gewaschen, ja selbst noch das Pulver, aber alles ohne Erfolg, eingenommen hat. Die gleichzeitige Anwendung des Pulvers und des Trankes wurde endlich auch bei Peter Krapp zu Zwingen- berg und dem Hofheimer Spitalmeister verschrieben. Dem ersteren hat sie durch 'Zurichtung eines drancks von dreyen roßmarin, dreyen jsopen, dreyen quendlin und dreyen majoranstücken' sowie durch Pulver 'in dreyen döttergen und einem dötgen voll geweihets saltz' geholfen. Letzterer aber bekam 'ein pulver in dreyen döttergen, dieselbe in dreyen eyern einzunehmen' geschickt, dazu 'einen tranck von 3 roßmarein, 3 majoran und 3 ysopen stücken in einer echtmas wein zu sieden und zu trincken zugerichtet'. Als Ergebnis des gesamten Untersuchungsmaterials darf man sagen, dass Margareta Bergsträßer, wie dies auch sonst regelmässig der Fall war, Spezialistin für nur wenige, ganz besonders geartete Krankheiten gewesen ist. Nur ein ein- ziges Vorkommnis, der angebliche Diebstahl der Egge, fällt ausserhalb des ge- wonnenen Rahmens. Hans Frank zu Malchen hatte von Hans Reißen (Reißman) daselbst eine neue Egge zur Kornsaat entlehnt. Nachdem diese aber dem Ent- leiher abhanden gekommen war, kam Margareta Bergsträßer in den Verdacht, das Kleine Mitteilungen. 30S Gerät gestohlen und in ihrem Stubenofen zu Asche verbrannt zu haben. Schon 1611 ist die Beschuldigte deswegen auf der Zent zu Zwingenberg mit 5 Pfund Heller bestraft worden. Nach wie vor hat sie diese Tat in Abrede gestellt, mit der festen Behauptung, dass sie zu Unrecht bestraft worden sei und niemals eines solchen Delikts überführt werden könne. Möglich also, dass in diesem Punkt eine ungerechtfertigte Verurteilung untergelaufen war. "Wie dem aber auch sein mag, so erscheint das sonstige Beweismaterial schwer belastend für Margareta Bergsträßer. Wenn sie gleichwohl wegen ihres Tun und Treibens gelind davon gekommen ist, so hatte sie diese Behandlung wohl in erster Linie dem ver- ständigen Verhalten der landgräflich hessischen Regierung zu danken. Denn wenngleich nicht immer, so hat man sich dort zur Zeit der Hexenverbrennungen doch im ganzen weiser Zurückhaltung beflissen und nach Möglichkeit verhindert, dass — um ein naheliegendes Bild zu gebrauchen — die Flammen der Scheiter- haufen benachbarter Territorien auf das landgräfliche Gebiet überschlugen. Auch der vorstehende Fall bestätigt diese weise Politik, die solche abergläubische Ver- irrungen des menschlichen Denkens lieber mit Nachsicht ertrug, als sie mittels gewaltsamer Schreckensmassregeln, die für alle Zeiten einen unauslöschlichen Makel zurückgelassen hätten, auszutilgen. Darmstadt. Wilhelm Müller. Misshandlung eines Hexenmeisters. Der Hexenglaube war Anlass einer Misshandlung, welche am 6. April 1909 ihre Sühne vor dem Schöffengericht Saarburg fand. Es handelt sich um das Strafverfahren gegen Susanna und Katharina Peters. Für die liebenswürdige Übersendung der Akten D. 25/09 bin ich dem Herrn Vorsitzenden des Schöffen- gerichts zu besonderem Danke verpflichtet. Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagten wegen Beleidigung zu je 10 Mk. Geldstrafe und wegen gefährlicher Körperverletzung zu je 14 Tagen Ge- fängnis, sprach sie dagegen von der Anklage der Bedrohung frei. Der Sachverhalt ergibt sich aus den folgenden Urteilsgründen: Am 21. Februar d. J. kam die Angeklagte Katharina Peters in die Wohnung des Zeugen Meyer und forderte ihn auf, am nächsten Tage zu ihnen nach Serrig zu kommen, um ihnen ein Stück Vieh abzukaufen. Als Meyer am nächsten Tage in die Wohnung des Vaters der Angeklagten kam, traf er nur diese beiden An- geklagten an; ihr Vater war nach ihrer Angabe im Weinberg beschäftigt. Da sie erklärten, das Handelsgeschäft könne auch ohne den Vater geschlossen werden, folgte Meyer den Angeklagten auf deren Aufforderung in den Viehstall. Er fragte, was mit dem dort befindlichen, sehr schlecht aussehenden Vieh geschehen sei, worauf die Katharina Peters mit einer Heugabel, die mitangeklagte Susanna Peters mit einer Mistgabel auf ihn losgingen, indem beide schrien, er und sein Sohn habe das Vieh behext. Sie schlugen und stachen auf den Zeugen los, der sich nur mit Mühe durch Vorhalten des Armes vor dem Angriff" schützen konnte. Beide Angeklagte hieben und stachen mehrmals in den Arm. Der Arm schwoll kurz darauf so an, dass Meyer, der sich nach der Tat in ein Wirtshaus begeben hatte, den Arm nicht in die Tasche stecken konnte, um seine Geldbörse heraus- zuholen. Die Stiche waren ungefährlich, jedoch dauerte es 14 Tage, bis sie ge- heilt waren. Meyer erhielt auch noch Schläge auf den Kopf, die jedoch durch die Kopfbedeckung abgeschwächt wurden. Die Katharina Peters rief ihrer 304 Hellwig, Höfler: Schwester Susanna zu: „Stech' ihn tot!" Letztere rief: „Wenn der Vater da wäre, würde er ihn totschiessen." Erst als der Zeuge Meyer in die Tasche griff und drohte, mit einem Revolver zu schiessen, liessen die Angeklagten von ihm ab. Dieser Sachverhalt ist durch das glaubwürdige, eidliche Zeugnis der Zeugen Meyer und Wagner sowie das Attest des praktischen Arztes Dr. Getto als er- wiesen erachtet worden. Die Behauptung, Meyer habe das Vieh verhext, d. h. einen nach Ansicht der Angeklagten möglichen, absichtlichen, übernatürlichen Einfluss auf dasselbe zum Nachteil seiner Gesundheit ausgeübt, enthält eine Beleidigung. Der erforderliche Strafantrag ist gestellt. Die bei der Körperverletzung benutzten Werkzeuge sind in der Art ihrer Anwendung gefährlich im Sinne des § 223 a St. G. B. Von der Anklage der Bedrohung waren beide Angeklagte freizusprechen, da hierfür Belastendes sich aus der Hauptverhandlung nicht ergeben hat. Die Unbescholtenheit der Angeklagten, ihre offenbare geistige Minderwertig- keit, sowie der Umstand, dass sie wohl tatsächlich an die Möglichkeit des Hexens glaubten, hatten es angemessen erscheinen lassen, ihnen bei der gefährlichen Körperverletzung mildernde Umstände zuzubilligen. Jedoch habe sich das Gericht im Hinblick auf die Verschlagenheit, mit der sie den Verletzten zwecks Aus- führung der Tat in den Stall zu locken verstanden hatten, und unter Berücksichti- gung der Erheblichkeit der Verletzungen nicht in der Lage gesehen, auf eine Geldstrafe zu erkennen. Aus denselben Erwägungen, welche für die Zubilligung mildernder Umstände massgebend gewesen seien, wäre auch bezüglich der Be- leidigung eine geringe Geldstrafe angemessen gewesen. Gegen dieses Urteil legte der Amtsanwalt Berufung ein, weil ihm das Straf- mass zu niedrig war. Die zweite Strafkammer zu Trier wies durch Urteil vom 18. Juni 1909 (2 N 5(3/09) die Berufung des Amtsanwaltes zurück. In den sehr knappen Urteilsgründen wurde lediglich ausgeführt, dass die tatsächlichen Fest- stellungen und die rechtliche Würdigung durch das Schöffengericht vollkommen zutreffend seien und dass auch das Strafmass aus den von dem Schöffengericht angeführten Gründen angemessen erscheint. Hervorgehoben mag werden, dass auch vor der Strafkammer Susanna Peters immer noch in Abrede stellte, den Meyer geschlagen zu haben, während Katharina Peters jetzt wenigstens zugab, ihn einmal mit dem Stock der Heugabel auf den Arm geschlagen zu haben. Das Urteil der Strafkammer wurde rechtskräftig. Beide Verurteilten reichten 'nunmehr ein Gnadengesuch ein, in welchem sie um Erlass der Strafe baten. Dieses von dem Gemeindevorsteher und dem Pfarrer befürwortete Gnadengesuch führte schliesslich dazu, dass durch Allerhöchsten Erlass dem Antrage des Justiz- ministers entsprechend die erkannte 14tägige Gefängnisstrafe in eine Geldstrafe von 30 Mk. umgewandelt wurde. Mit dem Vorsitzenden des Schöffengerichtes, welcher seinerzeit es ausdrück- lich abgelehnt hatte, die bedingte Begnadigung der Angeklagten zu empfehlen, bin auch ich der Meinung, dass es besser gewesen wäre, wenn dem Gnadengesuch nicht entsprochen worden wäre. Es ist allerdings richtig und auch von mir wiederholt betont worden, dass der Hexenglaube bei der Beurteilung von Straftaten, welche von Abergläubischen gegen angebliche Hexen und Hexenmeister begangen werden, in hohem Grade als strafmildernd in Betracht gezogen werden muss. In vorliegendem Falle war aber nicht nur zu berücksichtigen, dass sich die Angeklagten einer objektiv recht •erheblichen gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht hatten, auf welche Kleine Mitteilungen. 305 das Gesetz, wenn nicht gerade infolge des Hexenglaubens der Angeklagten ihnen mildernde Umstände zugebilligt worden wären, eine zweimonatliche Gefängnisstrafe als Mindeststrafe androht, sondern dass auch nach der sub- jektiven Seite hin das Verhalten der Angeklagten keineswegs als besonders milde zu beurteilen erscheint: sie haben nicht nur in hinterlistiger Weise den Meyer in den Stall gelockt und ihn dort hinterrücks überfallen, sie haben nicht nur dabei Äusserungen getan, aus welchen man annehmen kann, dass sie ihn am liebsten totgeschlagen hätten, sondern sie haben auch von Anfang an die Tat in frecher Weise vollkommen in Abrede gestellt und sich sogar nicht ge- scheut, den von ihnen hinterlistig Überfallenen in niederträchtiger Weise zu be- schuldigen, er habe sich die — in Wirklichkeit von ihnen beigebrachten — er- heblichen Verletzungen selbst beigebracht, um sie zu Unrecht zu beschuldigen und hineinzulegen. Auch in ihrem Gnadengesuch suchen sie das Verhalten des Meyer, welcher nach der Angabe des Schöffenrichters ein durchaus anständiger, an- gesehener Mann ist, als betrügerisch und verwerflich hinzustellen und behaupten im direkten Gegensatz zu den klaren Ergebnissen der Beweisaufnahme in I. und II. Instanz, Meyer habe sich des Hausfriedensbruches schuldig gemacht, indem er auf ihre Aufforderung hin den Stall nicht verlassen habe, während er in Wirk- lichkeit doch von ihnen in den Stall hineingelockt war und sich mit Mühe nur durch die Flucht ihren Misshandlungen hatte entziehen können. Bei dieser Sach- lage wäre es meines Erachtens viel eher angebracht gewesen, gegen die beiden Angeklagten noch nachträglich weitere Anklage wegen Verleumdung und wissent- lich falscher Anschuldigung zu erheben, als ihnen die selbst bei Berücksichtigung aller mildernden Umstände noch eher zu geringe als zu hohe Strafe von zwei Wochen Gefängnis in eine Geldstrafe von 30 Mk. umzuwandeln. Berlin-Friedenau. Alfred Hellwig. Gebäcke und Gebildbrote. (Pollweck und Osterwolf.) (Mit 18 Abbildungen.' In jüngster Zeit werden verschiedene Versuche gemacht, die Gebäckformen auch auf romanischem Sprachgebiete in den Kreis volkskundlicher Forschung zu ziehen; zwei solche Arbeiten liegen gegenwärtig vor^). Über eine derselben wollen wir uns hier äussern, die andere einer späteren Besprechung vorbehaltend. Die Pemmatologie, die Lehre von den Gebildbroten, greift Celos auf, um an der Hand von einigen Hotel- oder Bäckerladenbroten aus Venedig, bzw. aus deren Formen deren symbolischen Hintergrund zu erforschen, wobei der Wunsch leicht Vater des Gedankens werden kann. 1) Georges Celos (Paris), Le paiu brie en Venetie. Ouvrage contenant 26 figures dessinees par l'auteur d'apres les documents originaux. Paris, Jouve et Cie. 1912. 119 S. 2 Fr. — Karl Bauer (Elberfeld), Gobäckbezeichnungen im Gallo-Romanischen. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der pliilos. Fakultät der Grossherzogl. Hess. Ludwigs-Universität zu Giessen i'Darinstadt 1913). Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 3. 20 •606 Höfler: Wir haben schon in unserer Abhandlung 1905 'Volkstümliche Gebäckformen' (Archiv f. Anthropologie, Neue Folge 3, 310) uns über die Grundlagen zur Pemmato- logie ausgesprochen und darin folgende Prämissen aufgestellt: a) eine möglichst 6a Gb Abb. 1. Paiii pliallique aus Caen im Profil. — Abb. 2. Ausgerolltft Form aus Caen. — Abb. 3. Pain phallique aus Caen. — Abb. 4. Pain pballique mit vier Phallen. — Abb. 5. Pain phallique mit zwei Phallen. — Abb. Ga und 6b. Pain phallique aus Caen. grosse Materialsammlung; b) Darstellung des volkskundlichen Bodens, auf dem das Gcbildbrot volksüblich ist, d. h. Rücksicht auf Ort, Zeit, Volksbrauch, Volks- namen, Kulturzustand, Geschichte. Solange man z. B. bei der Deutung der volks- üblichen 'Brctzel' nur die (Ring- oder Rad-) Form berücksichtigte, waren Fehl- Kleine Mitteilungen. 307 Schlüsse sehr naheliegend; so geht es auch C. mit den von ihm als satyrischer oder tierischer Penis aufgefassten 'Volutes', die wir unter 'Schneckengebäck' (oben 13, 391) als Teile des Hakenkreuzes deuteten, und zwar auf Grund obiger if. \s. Abb. 7—8. Italienisches Brot. — Abb. 9—11. Brot aus Caen. — Abb. 12—13. Brot aus Paris. — Abb. 14. Osterwolf oder Pollweck. — Abb. 15. Längsseite von Abb. 14. — Abb. 16—18. Maisbrot aus Malcesine am Gardasee (nach Prof. R. Andree). Voraussetzungen. Wie ein Bücker (auch in der Antike) dazu kommen sollte, den ganz aussergewöhnlichen, volutenartigen, fast pathologischen Satyren-Phallus, den wir nur aus ganz wenigen Vasen- und Obeliskenbildern kennen, zum Vorwurf •eines Volute-Gebäckes zu machen, ist unfassbar. Bei solchen Gebäcksymbolen liält sich doch das Volk sehr, fast zu sehr an das Reale, Normale und Her- 20* 308 Höfler: gebrachte, durch die Tradition Geheiligte. Das Schneckengebäck (Volute) knüpft sich vor allem an die Neujahrszeit an und hat seine formelle Parallele in dem Hakenkreuz (Schmuck und Apotropaion, Glückwunschzeichen, auch Schicksals- zeichen), das mit der sexuellen Fruchtbarkeit keinen direkten, formellen Zusammen- hang hatte, noch hat. Leider kümmern sich die Franzosen zu wenig um deutsche Arbeiten, die schon längst ihnen vorauseilen. In der Zeitschrift 'Pro Alesia' (2, 210, oben 19, 243)) steht z. B. eine Abhandlung 'Le pain d'Alesia'; in dieser gelingt es dem Verfasser, ohne die eigentliche reale Form dieses Brotes überhaupt sichergestellt zu haben, das er nur aus der Literatur kennt, dasselbe in formelle Verbindung zu bringen: a) mit dem englischen Hot-Cross-Bun, b) dem Agapebrote der ersten Christen, c) dem kel- tischen Sonnenrade, d) dem Mondhorn, e) der Krone, f) dem Hakenkreuze, g) den sizilianischen niylloi (Spaltgebäcke) — diese Vielseitigkeit eines einzigen Lokal- gebäckes in Alesia übertrifft alles Dagewesene; überhaupt besteht für den An- fänger in der Pemmatologie die Neigung, aus wenigen und ganz lokalen Varietäten zu weitgehende Folgerungen zu ziehen. Man weiss, wie launenhaft die Gebild- brote der Italiener sind, die in ihre, der Knusprigkeit zuliebe gemachten viel- fachen Einkerbungen auch lustige und luftige Schnörkelbildungen der ver- schiedensten Art bringen; eine Volute (Schneckenwindung) auf einem italienischen Gebildbrote gibt aber doch nicht gleich die Berechtigung, an einen 'gäteau. phallique en volute' oder an eine 'forme de galette phallique' zu denken, bloss weil ein Venetianer Hotelbäcker eine solche Form kombinierte und ohne allen Zusammenhang mit irgendeinem lokalen, die sexuale Fruchtbarkeit betonenden Hintergrund, der an gewissen Kultorten, wo solche Gebäcke nachweisbar, seit langer Zeit schon üblich waren, leicht gegeben wäre, z. B. an Wallfahrtsorten, Badeorten mit römisch-heidnischer Tradition usw. Unser Schlangenbrot, das aus altrömischen Heiltempelorten (Bäder) stammen dürfte, kann verschiedene Formen, annehmen; aber hierbei ein 'pain phallique' (wie Celos p. 73 fig. 22) anzunehmen, kann nur derjenige versuchen, der wenig oder keine Schlangenbrote gesehen hat oder der jedes Gebäck nur durch die Phallusbrille anschaut; ja sogar die mexi- kanische Phallusform wird als ein Beweis herbeigeholt. Der Güte des Herrn C., mit dem Ref. sich auch schon brieflich ausgesprochen hatte, verdanken wir vorstehende Photographien von 'pains phalliques' aus Caen (Normandie) und Paris. Dass hier in diesen Formen (Abb. 1 — 6b) eine Phallusform den Urtypus gebildet haben kann, erscheint als möglich, wenn wir die Formen scheraatisch aneinanderreihen (Abb. 7 — 15). Ist dieser zwei- bis vierfach phallische T3-PUS richtig, dann haben wir auch eine Erklärung für ein bisher nicht genügend gedeutetes deutsches Gebildbrot (Abb. 14, 15), welches im Schwarzwald 'Pollweck' heisst und in Stralsund 'Osterwolf. Die Parallelen 13 und 14 sprechen für Ge- meinsamkeit des Urtypus. Die Priorität der Deutung solcher Gebildbrote als phallischer Gebilde gehört übrigens dann dem mir freundschaftlich so nahe ver- trauten Professor Andree, welcher mir unterm 3. Juli 1909 schrieb: „Nach Gebildbroten haben wir uns in Gedanken an Sie fleissig umgesehen. Nur in Malcesine am Garda-See glaube ich phallisch geformtes Maisbrot gesehen zu haben. Es war regelmässig so gestaltet (Fig. 16, 17, 18). Näheres konnte ich nicht erfahren. Dieses Brot findet sich auch weiter in Oberitalien (schmeckt gut), aber die Formen wechseln da etwas." Demnach hätten wir also ein aus Italien ursprünglich stammendes (die vielen Variationen sprechen für längere Tradition daselbst) phallisches Gebildbrot, das nach Paris und in die Normandia (Caen) gelangte. Wenn es im Schwarzwald " Kleine Mitteilungen. 309 ^Pollweck' heisst, so will dieser Name nur sagen, dass es aus Pollmehl hergestellt wurde und im Volksbrauche den einheimischen (ebenfalls phallischen) 'Wecken' ersetzte; wie es aber in den Schwarzwald kam, das ist wohl kaum mehr fest- zustellen, vermutlich durch den Fremdenverkehr in Baden-Baden. In unserer Abhandlung 'Der Wecken' in K. Vollmöllers Festschrift (Erlangen, F. Junge 1908) haben wir diesen Pollweck unter Abb. 73 abgebildet (die anderen 'Pollweck'-Abbildungen 63 usw. stellen auch Wecken und Spaltgebäcke dar, weil sie aus gröberem Pollenmehl [= erster Mehllauf] hergestellt werden; also ähn- lich wie 'pain brie' und 'brioche'^) nur vom gebrechlichen Mürbteige). Der Name 'Osterwolf in Stralsund verlangt eine Wiederholung unserer Deutung, die wir schon in unserem Aufsatz 'Ostergebäcke' (Zeitschrift für österr. Volkskunde, Supplement-Heft 4 zu Band 12 S. 58 Abb. 40, 43, 45, 47) aufgestellt hatten. Wir hielten damals dafür, dass Osterwolf nur der Name sei für verschieden- artig geformte Osterbrote, die dem Osterwolf, d. h. dem Korn- oder Vegetations- Geiste (Saatwolf) gehörten; auch wenn die Deutung von C. nun sich bestätigt, was höchst wahrscheinlich ist, dann widerspräche auch die phallische Brotform dieser Deutung nicht, weil Fruchtbarkeitssymbole auch als Opfergaben an den Korngeist figurieren können; damals allerdings (1906) waren die zweifachen bzw. vier- fachen Brotreihen noch nicht als phallisch gedeutet; C. verdient hier die Priorität. Da nun die launenhaft variierenden italienischen Formen heute nur ein Alltags- brot ohne weiteren gegenwärtigen volkskundlichen Hintergrund sind, so könnte vielleicht gerade der deutsche Osterwolf einen solchen bieten. 1451 ist der 'vvultf van den bekkern' eine österliche Spende oder Deputat an den Zollkontrolleur des Greifswalder Rates (s. Ostergebäcke S. 58). 1558 ist 'ein grot wolff tom nien Jare' eine Neujahrsabgabe in Stralsund; damit ist der Oster- wolf oder Wolf ein Neujahrsgebäck oder eine Spende, die dem Roggenwolf früher vielleicht unter anderer Form gegeben wurde und dann unter diesem Namen 'Wolf auf Neujahr (Ostern ist ein kirchliches Neujahr) in besserer importierter Form und Art zum Deputatgeschenk (Präbende) sich umwandelte. Das Volk blieb bei dieser pflichtgemässen Abgabe unter dem hergebrachten Namen, auch wenn die Form sich geändert hatte. Diese Erklärung ist gewiss richtiger als die absurde Deutung Fenrirs oder Höllen- wolf (!) u. a. Da nun auch in der Normandie (Caen) dieses Gebildbrot sich findet und gerade wieder in der Normandie der 'Loup vert', 'un enorme pain benit ä plusieurs etages' (Mannhardt, Wald- u. Feldk. '2, 315) allerdings in der Sommer-Sonnen- wendzeit sich erhielt, so haben wir wohl das Recht Loup vert und Osterwolf als volkskundlich gleichwertig zu betrachten, d. h. als ein Korngeist-Opfer oder Deputat an den Empfängersubstitut. Erst durch den volkskundlichen Hintergrund erhalten die Gebildbrote die richtige Wertschätzung. Herrn Dr. Celos sei hier bester Dank für Überlassung der Photographien ausgesprochen. 1) Körting, Latein-roman. Wörterbuch » (1907) S. 187 Nr. 1573 stellt franz. brier und brioche zum Stamm brik und erklärt brioche als einen Kuchen, dessen zäher Teig tüchtig geschlagen wurde, Schlagkuchen; also die Teigart, nicht die Form wird damit benannt. Bad Tölz. Max Höfler. 310 Philipp, Fränkel: Beigaben unter Bainsteinen. Bei meinen Forschungen über die Flurnamen des Erzgebirges fand ich vor etlichen Jahren in einem das Amt Schiettau betreffenden Schriftstück des Kgl. Hauptstaatsarchivs Dresden (Loc. 34208, Grünhain Nr. 4) über eine Berainung vom Jahre 1764 die Angabe, man habe unter jeden Rainstein 'Kohlen, Glaß und Eyer Schaalen geleget', sie 'auch sonst mit denen gewöhnlichen Zeichen verwahret'. Kürzlich stiess ich in Akten des Amtsgerichts Crimmitschau auf ein paar weitere Belege für den alten Brauch, Rainsteine durch solche 'Zeugen' zu sichern. Bei einer 'Versteinung' in der Döbitz^) im Jahre 1673 wurden die Steine 'mit Zeugen 3 Kieselsteinen, Kohlen vnd Glas' gesetzt. Fast genau so lauten zwei Einträge vom gleichen Jahre über zwei Berainungen im Dorfe Wahlen^); der eine besagt: 'Notandum. Alle vorher beschriebene Steine haben zu Zeugen, drey Kieselsteinel, Kohlen und Glaß' der andere '3 Kiesel Steine, Kohlen vnd Glaß'. Dagegen hat man 1701 bei einer Berainung auf Crimmitschauer Flur 'den Ersten Lagstein mit zweyen Kleinen Küselsteinen zu deßen Zeugen sezen laßen . . . "Welche Steine alle [neun] zusammen gleich wie der erste, mit zweyen Beygelegten Küsel Steinen Bemerckt zu befinden'. Als Beigaben erscheinen also in der Crimmitschauer Gegend 1673 drei Kieselsteine, Kohlen und Glas, 1701 nur noch zwei Kieselsteine, bei Schiettau im Erzgebirge 1764 wieder drei 'Zeugen', nur sind hier die Kieselsteine durch Eierschalen ersetzt. Was ist das Ursprüngliche? Jakob Grimms Deutsche Rechtsaltertümer* 2, 72 bieten nur zwei Belege, überdies den einen ohne Ortsangabe, den anderen ohne Jahreszahl. Ich bin daher auf die Quellen zurückgegangen. Die erste Stelle betrifft eine Grenzirrung V. J. 1535 zwischen Allendorf ^) einerseits und Holzhausen*) und Leidenhoven andererseits und lautet: „Und soll ein jeder stein Ehien hoch hoben erden gesatzt und mit Kreutzer beben auch unden in der Erd gehauen seyn, auch bei einem jeglichen drei kleine Stein und Kohlen gethan und gelegt, auch wie Margsteins Recht und Gewohnheit ist, gesetzt .... werden" 5). Der zweite Beleg stammt aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts^) und betrifft Rügen: „Thut ein Part vp Steine, Böhme, Graven, dat idt Scheiden sin schölen, . . . men moth Kahlen, Glaß edder samraelde Steine vnder dem Scheidelsteine, an dem Böhme Tekenn, vnd vnder dem Graven settede Steine befinden". In Hessen wie auf Rügen genügten also damals zwei 'Zeugen', in jedem Falle werden Kohlen (natürlich Holzkohlen) unter den Stein gelegt. Ich frage wieder: Was ist das Ursprüngliche, ein Zeuge, zwei oder drei? Hatten die Beigaben irgendwelche symbolische Bedeutung? Wozu dreierlei, wo doch e i n Zeuge, meinetwegen Glasscherben, genügt, eine Grenzveränderung nachzuweisen, nämlich dann nach- zuweisen, wenn der Frevler den alten Brauch nicht kennt, den Rainstein also ohne die Beigaben aushebt und versetzt. Dass man sich gelegentlich, wie 1701 1) Ehemals Vorwerk zam Rittergut Schweinsburg, südlich der Stadt Crimmitschau,^ links der Pleisse; der Name 'Deebsgut' erinnert noch daran. 2) Unmittelbar südlich Gr., rechts der Pleisse, seit 1891 in die Stadt einverleibt. 3) An der Lumda, nordöstlich Giessen. 4) Beide südöstlich Marburg (Messen-Nassau). 5) Carl Georg von Zangen, Beiträge zum Deutschen Recht 1 (1788), 215. 6) M. von Normanns, Wendisch -rügianischer Landgebrauch (nach dem Vorwort etwa 1529/46 verfasst), 1777 S. 193. Kleine Mitteilungen. 311 in Crimmitschau, auf eine Art Beigaben beschränkt hat, das bestätigt mir ein Jurist meiner Bekanntschaft, der um 1880 bei einem Grenzstreit zweier Nachbarn in Connewitz südl. Leipzig als Referendar der Aushebung eines Rainsteins bei- wohnte: damals wurde unter dem Steine nur ein Häufchen Glasscherben gefunden. Ehe sich auf die oben hingeworfenen Fragen eine befriedigende Antwort ergibt, wird es noch mancher Beobachtungen im einzelnen bedürfen. Wenn diese Zeilen dazu anregen, so ist ihr Zweck erfüllt. Dresden. Oskar Philipp. Jungfraueiiversteigerung im oberen Nahetal. Seltsam berührt auf deutschem Boden, überhaupt bei einem Kulturvolk, heut- zutage das Portleben (oder Neuauftreten) einer Sitte, wie man sie sonst nur bei un- oder halbzivilisierten Stämmen antreffen mag, in Europa wohl höchstens in entlegenen slawischen oder romanischen Landschaften. Wenigstens finde ich für diese Sitte, die Versteigerung junger Mädchen, bei ihrem äusserst ge- diegenen neuesten Darsteller und Erklärer, Albert Becker^), innerhalb seines reichhaltigen Parallelenvorrats (auf den hier einfach verwiesen sei) keinen Beleg, der einen allgemeinen, internationalen Grundsatz unterlegte. Zu den von Becker ge- sammelten und gruppierten Beispielen aus der Pfalz, dem Rheinland usw., die er literarisch - poetisch treffend durch Herodot, Logau, Schumann -Hörn ('Der Rose Pilgerfahrt') stützt, füge ich ein neues aus der südlichen Rheinprovinz, also gerade aus dem bei Becker besonders ins Auge gefassten Grenzgebiete jener Sitte. In dem dicht bei dem berühmten Badeort Kreuznach gelegenen Dörf- chen Rüdesheim werden in der Woche vor dem Kirchweihtag die jugendlichen Tänzerinnen regelrecht öffentlich versteigert. Am festgesetzten Tage versammeln sich die Üorfschönen in dem Tanzlokal, wo die Kirmesbursohen ihrer harren. Ist die ganze tanzlustige Jugend des Dorfes beisammon, so tritt ein Ausrufer vor und verliest die Namen aller anwesenden Mädchen. Jeder Bursche bietet nun in heissem Wettbewerb auf diejenige Maid, die er sich für die Kirmestage als Tänzerin wünscht. Die Angebote sind gar verschieden, Schönheit, Jugend und Fertigkeit in der edlen Tanzkunst fallen vornehmlich ins Gewicht. Bei manchem schlauen Burschen ist indes auch das Vermögen der Jungfrau für sein Gebot in erster Linie ausschlaggebend. Denn nicht selten entwickelt sich, wie ja auch sonst öfters, aus den gemeinsam verlebten Kirmesstunden ein Bund fürs Leben. Über die Versteigerung vom Mai 1914 entnehme ich einem verlässlichen Zeitungs- bericht folgende Angaben: „Diesmal wurden einzelne Tänzerinnen schon für den gewiss billigen Preis von 20 Pfg. erstanden. Einzelne besonders zugkräftige 'Nummern' kamen aber auch auf 4 — 6 Mk. zu stehen, da sich jetzt auch in wachsender Zahl die Kurgäste des durch seine Radiumfunde bekannten Badeortes Kreuznach des Scherzes halber zu den seltsamen Veranstaltungen einfinden und wohl auch mitbieten." Ludwigshafen a. Rh. Ludwig PränkeL V) Frauenreclitliches in Brauch und Sitte. Ein Beitrag zur vergleichenden Volks- kunde (Kaiserslautern, H. Kayser 1914) S. 9—13 und Anm. 4—7. — [Vgl. oben 17, 97. 233. 18, 101 'Mailehen'.] 312 Anderson: Tschuwaschische Sagen vom Igel als Ratgeber. Vor kurzem hat Geza Röheim in dieser Zeitschrift (23, 407 — 409) im Anschluss an Dähnhardt (Natursagen 1,42 f.; 127—132; 338; 3, 8f.; 488f.; 4,269) sechs Fassungen der Sage vom Igel als Ratgeber veröffentlicht, darunter auch zwei tschuwaschische. In der überaus reichhaltigen Sammlung handschriftlicher Materialien zur tschuwaschischen Volkskunde, welche sich im Besitze des Herrn Mag. theol. N. V. Nikölskij in Kasan befindet^), kommt die betreffende Sage nicht weniger als fünfmal vor. Mit gütiger Erlaubnis des Sammlers veröffentliche ich hier sämt- liche Passungen in vollständiger Übersetzung. In zwei Fassungen bezieht sich der Ratschlag des Igels aufs Pflügen. 1. Bd. 65, 420. Gouv. Kasan, Kreis Civilsk, "Wolost ,Sibylga, Dorf Jus- kasy. Zeit der Aufzeichnung: 1911. Gewährsmann: der Bauer Ivan Grigörjev Razumov. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. „Darüber, wie der Igel (die Menschen) pflügen gelehrt hat, habe ich folgendes gehört. Gott verfertigte den Pflug und stellte ihn auf; der Pflug war ganz von Eisen. Alle Tiere versammelten sich. Der Igel kam erst nach den anderen. Als er durch die Tür trat, fiel er hin, und die übrigen Tiere lachten. Der Igel ärgerte sich, ging hinaus und entfernte sich, indem er mäkär-mäkär machte^). Gott sagte: „Geht hin und hört, was er spricht." Der Igel sprach: „Sie lachen, haben aber den Pflug ganz aus Eisen gemacht: wer kann damit arbeiten? Man muss ihn aus Holz machen, nur die Pflugschar muss man aus Eisen machen"." Die zweite Fassung besteht leider nur aus wenigen Worten: 2. Bd. 1, 231. Gouv. Kasan, Kreis Jadrin, Wolost ,Sumatovo, Dorf Jur- mikekina. Zeit der Aufzeichnung: Sommer 1904. Gewährsmann: der Zögling des Kasaner geistlichen Seminars Ivan Dmitrijevic Niki'tin. Originaltext in tschu- waschischer Sprache. „. . . . Ich habe gehört, dass der Igel den Menschen pflügen gelehrt hat." In der dritten und vierten Fassung ist vom Pflügen nicht die Rede, dagegen hat sich die Igelsage hier mit einer in Russland auch sonst sehr verbreiteten Er- zählung verbunden — mit dem legendenartigen Schwank vom Soldaten, der den Tod überlistete und einsperrte^). 3. Bd. 100, 47 — 50. Gouv. Samara, Kreis Bugulma, Wolost Timäsevo, Kirchdorf Jemetkino. Zeit der Aufzeichnung: August 1913. Gewährsmann: der Volksschullehrer Nikifor Solencöv. Originaltext in russischer Sprache. 1) Antti Aarne, Übersicht der Märchenliteratur, Hamina 1914 i^= FF Communi- cations Nr. 14), S.62f. — Vgl. auch W, Anderson, Die Meleagrossage bei den Tschu- waschen, Philologus 78, 159 f. 2) Tonmalerei. 3) Vgl. z.B. A. N. Afanäsjev, Narödnyja rüsskija legendy, Moskau 1859, S. 53— 71 Nr. 16 'Der Soldat und der Tod' und dazu Anni. S. 154-162. Tschuwaschisch: Nikölskij Bd. 3, 475-477; Bd. 7, 511; Bd. 73, 525 (die Sonne findet den Esrel); Bd. 90, 246 f. (die Sonne weiss es nicht, der Mond findet ihn); Bd. 96, 141-149 ^ein Frosch sagt, wo Esrel begraben liegt); Bd. 102, 136-138. - Vgl. auch Bd. 3, 649-651: der Tod wird vom Sol- daten nur betrogen (muss neun Jahre lang statt Menschen Eichen nagen), aber nicht ein- gesperrt. Auch in meiner eigenen handschriftlichen tschuwaschischen Märchensammlung (43 Erzählungen, in meinem Auftrage von dem Seminaristen Vasilij Petrov im öonv. Ka- san, Kreis Jadrin au Igezeicbnet) findet sich der betreffende Schwank: S. 86— 89 Nr. 24 (verbunden mit den Märchentypen Aarne Nr. ;530 und 332). Kleine Mitteilungen. 313 „Warum jetzt auch junge Menschen sterben, ohne das Greisen- alter erreicht zu haben. Die Tschuwaschen erzählen, dass früher alle Menschen erst in hohem Alter zu sterben pflegten. Der Todesengel EsreP) (der nach ihrer Vorstellung die Gestalt eines menschlichen Gerippes mit einer Sense^) hat) Hess alle jungen Menschen in Ruhe, bis sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten. Dann, wenn die Greise sich der Zeit ihres Todes näherten, teilte Esrel ihnen mit, wann ihre Stunde schlagen werde, damit sie sich dazu vorbereiteten. Es war einmal ein alter Tschuwasche. Die Zeit seines Todes kam heran. Esrel teilte ihm -mit, wann er sterben werde. Der Greis war noch rüstig und hatte keine Lust zu sterben. Er war klug und schlau. Er machte sich einen Sarg mit einem Schloss daran. Als Esrel zu ihm kam, um seine Seele zu holen, da sagte er zu ihm: „Esrel, sieh dir den Sarg ordentlich an, ob er für mich passt." Hier- auf sagte er: „Lege dich in den Sarg, zeige mir, wie ich mich hineinlegen soll." Als Esrel in den Sarg gekrochen war, schlug der Greis den Deckel zu und schloss den Sarg ab, dann legte er eiserne Reifen herum und trug ihn auf den Kirchhof. Dort vergrub er den Sarg, kehrte nach Hause zurück und begann ruhig weiter- zuleben. Seit jener Zeit hörten die Greise auf zu sterben. Sie lebten bis ins höchste Alter hinein, verloren ihre letzten Kräfte, starben aber nicht. Und es kam eine Zeit, wo es mehr sabbelnde Greise gab, als junge Menschen. Man musste die Greise pflegen, und man musste arbeiten, um Nahrung herbeizuschaffen. Es wurde unmöglich zu leben. Da versammelten sich alle Menschen und fingen an zu beratschlagen, was man tun solle. Sie beschlossen, den Esrel irgendwo wieder aufzufinden und zu befreien, damit er wieder die Menschen töte. Aber niemand konnte sagen, wo sich Esrel befand. Man rief alle Tiere und Vögel zu- sammen und begann sie auszufragen, aber auch von ihnen sagte niemand etwas Bestimmtes. Alle waren in Verlegenheit. Man untersuchte, ob alle Tiere und Vögel da seien. Es erwies sich, dass der Igel in der Versammlung fehlte. Man schickte nach ihm. Die Abgesandten brachten den Jgel. In der Versammlung begannen einige Tiere und Vögel über ihn zu lachen, indem sie sprachen: „Kann denn der Igel irgendwas wissen?" Als man ihn jedoch über den Esrel fragte, da sagte er, er selbst habe ihn nicht gesehen, wohl aber wahrscheinlich der Mond. Man fragte den Mond. Der sprach: „Ja, ich habe den Esrel gesehen. Ein Greis hat ihn um Mitternacht auf dem Kirchhof begraben." Die Menschen gruben den Esrel aus und sagten: „Esrel, komm hervor und töte jetzt sowohl die Alten als auch die Jungen, denn der Menschen sind sehr viele geworden." Deshalb sterben jetzt nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen." 4. Bd. 101, 82—85. Gouv. Kasan, Kreis Svijazsk, Wolost Ivanovskoje, Dorf Mälyja Memi. Zeit der Aufzeichnung: 1913. Gewährsmann: der Bauer Po- likärp Eokejev. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. „Warum die Schwalbe einen gegabelten Schwanz hat. Vorzeiten hatten alle Lebewesen der Welt von Esrel zu leiden. Was ihm einfiel, das tat er; er achtete nicht, ob jemand jung oder alt war: er tötete alle. Da versammelten sich einmal die Menschen und hielten Rat, wie sie diesen Esrel verderben sollten. Sie beschlossen den Esrel zu fangen, in ein Pass zu stecken, Reifen herumzulegen und das Pass ins Meer zu werfen. Bei einer günstigen Gelegenheit fingen sie wirklich diesen Esrel, steckten ihn, wie beschlossen war, in ein Pass und warfen 1) D. h. Asraiil: die Tschuwaschen sowohl Christen als Heiden) haben den Namen von den muhammedanischen Tataren entlehnt. 2) Russischer Einfluss. 314 Anderson, Stückrath: es ins Meer. Das Fass wurde von den Wellen fortgetrieben. Als Esrel einge- sperrt war, waren alle Menschen und übrigen Lebewesen zufrieden [?] *). Niemand fürchtete sich vor dem Tode, denn es gab keinen Tod ausser Esrel. So verging viel Zeit. Die Greise alterten, wurden hinfällig und lagen da, ohne herumgehen zu können. So litten alle Lebewesen auf Erden. Niemanden erreichte der Tod. Da sprachen die Menschen: „Es wäre besser, zu sterben, als in diesem Elend und in dieser Hinfälligkeit zu leben." Man versammelte alle Lebewesen der Erde und fragte jeden, der da kam: „Hast du nicht Esrels Fass gesehen?" Niemand wusste, wo es sich befand. Da fing man an nachzuzählen, wer gekommen war und wer nicht. Alle hatten sich versammelt, nur der Igel fehlte. Da schickte man den Raben aus, um den Igel zu rufen. Der Rabe holte ihn. Der Igel kam, indem er läkär-läkär machte^). Darüber brachen alle in Gelächter aus. Als sie so lachten, verwies es ihnen der Igel, indem er umkehrte und sagte: „Ihr wisst es nicht, und doch lacht ihr mich aus!" Die Schlange ging hinter ihm drein. Sie wollte ihn fragen und die Sache irgendwie erfahren. In ihrer Schlauheit stellte sie sich, als ob sie die Partei des Igels ergrifTe, und erfuhr es von ihm durch List. (Sie wollte sich unter den übrigen Lebewesen einen berühmten Namen machen.) Als nun der Igel der Schlange mitteilte, wo Esrel lag, da belauschte die Schwalbe ihr Gespräch. Der Igel sagte der Schlange zum Schluss: „Merke dir, Freund, sag es niemand; man hat mich ausgelacht, deshalb habe ich es ver- heimlicht." Da schrie die Schwalbe: „Ich weiss, wo Esrel liegt, hört mich an!" Als die Schlange das vernahm, sagte sie: „Ich will die Schwalbe verschlingen" und kroch eilends an sie heran. Obwohl sie eilte, konnte sie sie nicht ganz ver- schlucken, sondern verschlang nur ihre Schwanzspitze. Die Schwalbe flog fort, indem sie das Mittelstück ihres Schwanzes zurückliess; dann sagte sie: „Esrel liegt auf einer Insel im Meer. Geht und holt ihn!" Alle Lebewesen lobten die Schwalbe und schickten nach Esrel. Man zog Esrel aus dem Fasse hervor; seine Seele hatte ihn beinahe verlassen. Einstimmig sprachen alle zu ihm: „Wie du früher Alte und Junge schonungslos getötet hast, so soll es auch in Zukunft geschehen." Mit diesen Worten' gaben sie Esrel die Freiheit wieder. Seit jener Zeit schont Esrel niemand, sondern tötet alle der Reihe nach. Von jener Schwalbe mit dem gegabelten Schwanz haben auch die übrigen Schwalben eine solche Gestalt be- kommen." Der Schluss der vierten Fassung ist aus der Sage von Noah, der Schlange, der Mücke und der Schwalbe entlehnt: Dähnhardt, Natursagen 1, 281 f.; 332 — 334; 356 f. 3) (vgl. 1, 143—145; 2, 126 f.; 250—252; 3, 54, 95; 457 f.). In der fünften Fassung fehlt zufälligerweise gerade das Motiv des Ratgebens, doch hat das in Anbetracht der Ähnlichkeit mit der ersten Röheiraschen Fassung (oben 23, 407) nichts zu bedeuten. 5. Bd. 105, 368 — 370. Gouv. Samara, Kreis ßuguruslän, Wolost und Kirch- dorf Staro-Gai'ikino. Zeit der Aufzeichnung: 1913. Gewährsmann: der Volks- schullehrer Nikolaj Bogdanov. Originaltext in tschuwaschischer Sprache. „Woher der böse Wind im Menschen stammt. Als Gott den Menschen erschaffen hatte, brachte er alle Lebewesen zu Adam, damit dieser sie benenne. 1) Im Originaltext ein nicht ganz verständliches Wort: tänä^a. 2) Tonmalerei. 3) Tschuwaschisch: Nikoiskij Bd. 100, 50—52; verbunden mit der Erzählung, wie der Teufel den Körper des ersten Menschen beschmutzt (Dähnhardt, Natursagen 1, 95 - 110) Bd. 62, 255. Kleine Mitteiluno:en. 315 Da gab Adam allen Vierfüsslern Namen; hierauf benannte er die fliegenden Vögel; nur der Igel war nicht erschienen, um einen Namen zu erhalten. Alle warteten auf ihn und sprachen: „Wie wird wohl der Name dieses Igels lauten?" Nachdem man lange gewartet hatte, kam jener Igel herbei. Er musste nun zu Adam in die Stube kommen, um benannt zu werden. Als der Igel durch die Tür trat, stolperte er und Hess einen Wind fahren: „satart!" Als Adam und die Tiere das hörten, brachen sie über den Igel in Lachen aus. Der Igel ärgerte sich darüber, dass er ausgelacht wurde, und sagte: „Weil ihr so über mich gelacht habt, sollt ihr auch selbst hinfort Wind fahren lassen!" So verwünschte er sie. Darum müssen seitdem der Mensch und die Tiere bösen Wind von sich geben." Kasan. Walter Anderson. Drei Kunstlieder im Yolksmundei). I. V. Döring, Der Abendbesuch. 1. Der Sternleia Heer am Himmel blinkt, 4. Lösch aus des Lämpchens hellen Schein Mein Liebchen mir am Fenster winkt; Mir glänzen deine Äugelein, Ach! Liebchen, sieh! ich komme! Herzliebchen, über alles. 2. Der Mond mir leuchtet auf den Weg, 5. Nicht feuerrot die Wange sei; Durch Stock und Stein und hohen Steg, Der Liebe heiiger Schwur ist treu. Zu deiner kleinen Hütte. Ist deiner Unschuld Bürge. 3. Die Arme weiß breit' aus nach mir, G. Nach einem kurzen halben Jahr Es schleich' der Riegel an der Thür Sind wir, wills Gott! ein liebes Paar: Mir aufzumachen, leise. 0 Himmel! welche Freude! 7. Dann dürfen wir bei Sonnenglanz, Bei Spiel und Fest und Weihetanz Uns lieben, sehn und küssen. Musen-Almanach für 1781, herausgegeben von Voss und Goekingk (Hamburg bey Carl Ernst Bohn) S. 82 „Der Abendbesuch". Dieselbe Dichtung im Volksmunde. L Der Sterne Heer am Himmel blinkt, 4. Nun lösche aus dein Lämpelein, Mein Liebchen mir am Fenster winkt, Denn deiner Äuglein heller Schein :,: Feinsliebchen, sieh, ich komme! :,: :,: Ist heller als die Sonne. :,: 2. Der Mond erleuchtet meinen Weg Und Stock und Stein und Berg und Steg :,: Zu deiner kleinen Hütte. :,: 3. Die Arme breit' ich aus nach dir Und schleich' mich leise an die Tür, :,: Mach' auf, mach' auf, Feinsliebchen! :, 5. Die Wange braucht nicht rot zu sein. Der Liebe Schwur ist immer neu, :,: Sie ist der Unschuld Bürde. (!) :,: 6. Ach, warte nur ein halbes Jahr, Dann sind wir schon ein Liebespaar, :,: 0 Himmel, welche Freude! :,: 1) Vgl. oben 23, 391. 316 Stückrath : 7. Dann dürfen wir im Sonnenschein Uns unsrer treuen Liebe freun • :,: Und immerdar uns küssen! :,: Mündlich aus Bretthausen im Oberwesterwald 1905. (Ein ganz ähnlicher Text aus der Liederhandschrift des Studenten Friedrich Rolle 1846/47 ward von mir in den Hess. Bl. für Volksk. 9, 93 nr. 115 ver- öffentlicht). n. Gottlie^ Leon, An Lottchen. 1. Holde Sittsamkeit, Lieb' und Freundlichkeit Schmükt mein Lottchen nur; Ein so hold Gesicht Hat kein Mädchen nicht Auf der ganzen Flur. 2. Bey den Erlen hier Hat der Engel mir Sanft die Hand gedrükt. Und so schön und klar. Als ihr Aug da war, Hab' ich's nie erblikt. 3. Gott! und wie mir da Wie mir da geschah, Könnt' ich sagen das! Ach, ein süßer Schmerz, Schlich sich in mein Herz, Und mein Aug war naß. 4. Nun geh' ich so gern Bey dem Abendstern Durch den Erlenhayn, Und mir ist's so weh. Wenn ich sie nicht seh': Soll das Liebe seyn? Wienerischer Musenalmanach auf das Jahr 1785, herausgegeben von J. F. Ratschky und A. Blumauer (Wien, bey Rudolph Gräffer) S. 105 „An Lottchen. 1778." — Über den Yf. (geb. 1757, gest. 1832) vgl. Goedeke, Grundriss ^ 6, 533. Dieselbe Dichtung im Volksmunde. 1. An der Gartentür Hat mein Mädchen mir Sanft die Hand gedrückt. Ei wie ward mir da, Als mir das geschah, Als mein Mädchen mir Sanft die Hand gedrückt! 2. Mädchen, komm mal raus. Sieh den Blumenstrauss, Komm und riech' mal dran! Ach, so schön und klar. Wie dein Auge war. Als du Mädchen mir Sanft die Hand gedrückt. Aus Elz, Westerwald, vom alten Bürgermeister Schmidt. Literatur: Baselland, Niederlausitz, Altmark, Thüringen, Aargau (Volkslieder aus dem Kanton Aargau, gesammelt von Sigmund Grolimund, Basel 1911 nr. 79), Wiedensahl (Busch, Ut 61er Welt; München 1910 S. 131 nr. 10). m. Die Zufriedenheit mit dem, was man hat. 1. Seyd fröhlich, genießet die Freuden im Leben, Genießet sie heiter, Gott hat sie gegeben; Nicht alle sind Fürsten, nicht alle sind reich. Wir alle sind Menschen, wir alle sind gleich. 2. Gesund und zufrieden ist Reichthum genug, Wer immer so denket, der handelt recht klug. Nicht Reichthum macht glücklich, zufrieden macht reich. Wir alle sind Menschen, wir alle sind gleich. Kleine Mitteilungen. 317 3. Laßt Große, laßt Reiche mit Gütern sich sehn, Sie sind doch nur Menschen, und müssen vergehn. Was nützt so viel Reichthum, was nützt so viel Geld, Wenn's Leben sich endet, hört's auf in der Welt. Fünfte Sammlung zweckmäßiger Lieder zum Singen für Mädchen auf Spazier- gängen, in Gesellschaften und bei andern frohen Veranlassungen (Mühlhausen 1824) S. 75 nr. 50. Ohne Angabe des Verfassers. Dieselbe Dichtung im Volksmunde. 1. Seid munter und fröhlich, ihr Zimmermannsgesellen, Geniesset das Leben und lasst euch nicht prellen! Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich, Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 2. Wir haben den Kaiser, den König gesehen, Sie tragen goldne Kronen und müssen vergehen; Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich. Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 3. Zufrieden-, Gesundheit, so muss es uns gehen, Dann kann uns kein Unglück, kein Leiden geschehen, Denn nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich. Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 4. Der Reiche lebt glücklich in seinem Palaste, Der Arme verschmachtet in seinem Moraste, Doch nicht Reichtum machet glücklich, die Zufriedenheit und die macht reich, Und wir alle sein wir Brüder, und wir alle sein gleich. 5. An einem schönen Abend sass ich einsam im Garten Und ich wollte meinen Herzallerliebsten erwarten, Und ich spielt auf meiner Harfe, und ich sang auch dazu: Ei wo bleibst du, mein geliebter Tiroleresbu' ? Mündlich aus Rod a. d. Weil im Taunus 1910. Literatur: Erk-Böhme, Liederhort 3, 433 nr, 1614, Schlesien (Hoffmann- Richter, Schlesische Volkslieder, Leipzig 1842 nr. 303; Deutsches Volksgesangbuch von Hoffmann von Pallersieben, Leipzig 1848 S. 1 1 nr. 11), Mosel und Saar (Köhler-Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar nr. 327), Nassau (Wolfram, Nassauische Volkslieder, Berlin 1894 S. 328 nr. 378), Vogelsberg (Hess. Bl. f. Volksk. 9, 105 nr. 151; kontaminiert mit E.Elmars „Tief unter der Erd'"). — John Meier, Kunstlieder im Volksmunde 1906 S. 81 nr. 524 nennt noch Sauter, Volks- lieder 1811 S. 13. Biebrich a. Rh. Otto Stückrath. Zum Schwank vom Zeich endisput. (Vgl. oben S. SSff.) An der angeführten Stelle hatW. Caland eine litauische und eine holländische Fassung des weitverbreiteten Schwankes gegeben, und Bolte hat die zugehörigen Literaturangaben beigefügt. Soweit der Unterzeichnete die Quellen übersehen kann, scheint aus der indischen Literatur noch kein Beleg für den Schwank beige- bracht zu sein, obwohl Reinhold Köhler auf Grund des gerade in Indien häufigen Motivs von der Zeichensprache indischen Ursprung vermutete. Wie so oft, liefert 318 Flertel, Schoof, Bolte^: uns die Literatur der Jaina (und zwar die der Svetämbara von Gujarät)') eine gute Fassung. Hemavijaya nämlich berichtet in der 43. Geschichte seines Kathära- tnäkara, einer wichtigen Erzählungssammlung, die ich bald in deutscher Übersetzung herauszugeben hoffe, von einem berühmten Gelehrten, der an den Hof des Königs Bhöja von Dhärä kommt. Von diesem Gelehrten heisst es im Verlauf der Geschichte: „Eines Tages hatte derselbe Lust, mit des Königs Gelehrten zu disputieren, und bat den König um die Erlaubnis, es zu tun. Der König sah unter seinen Gelehrten keinen, der einen Wortstreit mit jenem hätte wagen dürfen, und darum sagte er heimlich zu seinem Minister: „Spüre irgendeinen Menschen auf, Minister, dem das Glück hold ist, damit er im Streite mit jenem den Sieg erringe!" Der Minister Hess sichs gesagt sein, und als er in der Stadt umherschlenderte, sah er einen einäugigen Ölmüller namens Ränika, dem das Öl aus der Ferne zu- geflogen kam, so dass er es nur in sein Ölfass zu schöpfen brauchte. Da dachte der Minister: „Dem Mann ist das Glück ganz sicher hold", führte ihn vor den König und erzählte diesem, welche Bewandtnis es mit dem Müller hatte. Da sich der Müller die Fähigkeit zutraute, die Disputation zu bestehen, ward ihm durch himmlische Seidengewänder, Goldschmuck u. dgl. das Aussehen eines Brahmanen gegeben, und als er in der Hofversammlung stand, trat auch jener Gelehrte ein mit dem Wunsche, zu disputieren. Er trat Ränika gegenüber und zeigte ihm einen seiner Finger. Ränika hielt ihm zwei Finger entgegen, worauf ihm der Gelehrte alle fünf Pinger zeigte, die er ausgestreckt aneinander legte. Darauf zeigte ihm der andere eine Faust, worauf der Gelehrte sagte: „Er hat ge- wonnen, und ich habe verloren. Er ist ein grosser Gelehrter!" Dann verneigte er sich vor ihm und ging nach Hause. Da den König nun die Neugier plagte, was die beiden wohl miteinander ge- sprochen hätten, fragte er den Gelehrten: „Wonach hast du ihn denn gefragt, und was hat er dir geantwortet?" Der Gelehrte erwiderte: „Vernimm! Indem ich ihm einen Finger zeigte, fragte ich ihn: „Es gibt doch nur eine Seele?" Da zeigte er mir zwei Finger, um mir zu sagen, dass es zwei Seelen gibt, eine erlöste und eine noch in der Seelenwanderung begriffene. Nun zeigte ich ihm fünf Finger, um anzudeuten, dass es in der Welt fünf Elemente gibt. Darauf wies er mir seine Faust, womit er sagen wollte, dass sie nur vereinigt wirksam sind. Da nun des Königs Gelehrter jedesmal berichtigte, was ich gesagt hatte, so hat er mich besiegt. Und weil er meine Gedanken erraten hat, so ist er ein grosser Gelehrter, dem man Ehre erweisen muss." — Als der Gelehrte so gesprochen hatte, kehrte er, vom König ehrenvoll entlassen, nach seiner Heimatstadt zurück. Darauf fragte der König auch Ränika: „Wonach hat dich jener gefragt, und was hast du ihm geantwortet?" Der Ölmüller sagte: „Majestät! Er zeigte mir einen Finger, um mir zu sagen: „Das eine Auge, das du noch hast, drücke ich dir aus." Da zeigte ich ihm zwei Finger, um ihm anzudeuten, dass ich ihm beide Augen ausdrücken wolle. Darauf zeigte er mir seine flache Hand, was heissen sollte: „Ich geb' dir eine Schelle, dass du umfällst!" Darauf zeigte ich ihm meine Faust, um ihm zu sagen: „Ich schlag' dich mit der Faust zu Boden!" Als der König das gehört hatte, dachte er: „Das Glück muss einem hold sein; dann hat er überall Erfolg", und überhäufte Ränika mit Ehren." Döbeln. Johannes Hertel. 1) Auf die grosse Wichtigkeit dieser bisher fast ganz vernachlässigten Literatur hat Vf. in seinem Aufsatz 'Die Erzählungsliteratur der Jaina' hingewiesen in der Münchener Zeitschrift 'Geist des Ostens' 1913, S. 178. 247. 313ff. Kleine Mitteilungen. 319 Nachtrag zu S. 281. In der Zeitschrift 'Heimatbilder aus Oberfranken' 1. Jahrg. (1913), Heft 2, S. 68f., versucht Frhr. von Guttenberg unter der Überschrift 'Die Hühner- und Hunger- fluren' eine Erklärung des Bestimmungswortes hunger aus hunter. Hunter sei aus huntern, hontern, ze den hohon teren 'zu den hohen Bäumen', 'zum Hochwald' entstanden. Abgesehen davon, dass sich in Hessen eine Reihe von Hungerfluren nachweisen lässt, die nicht hochgelegen und nicht mit Hochwald bewachsen sind oder gewesen sind, weist die von Guttenberg S. 73 angezogene Stelle aus einer Urkunde vom Jahre 1418 'an der hunterleiten gen dem windischen Hawg' wegen des folgenden 'windischen' deutlich auf die Weidezucht und auf Ableitung von ahd. untaron, das auch in Oberfranken üblich gewesen sein rauss (vgl. Schmeller, Bayr. Wörterb. 1, 116) und vielleicht noch heute dort volksüblich ist. Die Schreibung hunterleiten, welche die Mittelstufe in der Umdeutung zu Hunger- leiten .oder Hühnerleiten bildet, beweist, dass die Kanzleien im 15. Jh. das Wort nicht mehr verstanden. Hersfeld. Wilhelm Schoof. Nochmals das Soldatenlied: Hurra, die Schanze vier. Da das oben 22, 286 mitgeteilte treffliche Lied auf die Erstürmung der Düppeler Schanze nr. 4 vielfach Interesse erregt hat und auch jüngst von P. Lorentzen in der Kieler Monatsschrift 'Die Heimat' 24, 101 nebst einigen andern Stücken aus Hüdigs Liederbuche ^) abgedruckt worden ist, hat Herr Otto Schell in Elberfeld weitere Nachfrage gehalten, um womöglich den Verfasser zu ermitteln. Dass die Angabe, der im Liede selber genannte Leutnant Loebbecke habe es gedichtet, keinen Glauben verdiene, ward schon oben 23,171 ausgesprochen. Unsicher klingt auch die Meldung der Witwe Jachert, ihr Mann, der Betriebssekretür Gerhard Jachert (geb. zu Immigrath bei Düsseldorf, gest. 21. Februar 1913 in Elberfeld) sei der Verfasser; von ihm habe der Leutnant v. Rappard (gefallen 1870 bei Spichern) sich das Lied aufschreiben lassen und ihm dafür seine Photographie geschenkt. Tatsache ist allerdings, dass Jachert ab und zu Gedichte für eine Zeitung lieferte. Ein von ihm öfter rezitiertes Lied begann: Was steh ich hier auf blankem [?] Wehr, Was fällt der Schnee so dichte! Vor mir das grosse, weite Meer, Vor mir die Schanze von Düppel. Ein andres: Hier, Kamerad, will ich dir meine Pfeife schenken. — Für glaub- würdig aber hält Herr Schell die bestimmte Versicherung des Kaufmanns Herrn Eduard Fudickar in Elberfeld, der Landwehrleutnant Bernau habe unser Lied 1864 gedichtet. Dieser stand in der 11. Kompagnie des 53. Regiments und wurde, wie die von Hauptmann Richter verfasste Regimentsgeschichte berichtet, für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde durch den Roten Adlerorden mit Schwertern ausgezeichnet. 1) Es sind die Lieder: 'Heute war der grosse Tag', 'Horch, der Kanonendonner brüllt' und 'Auf Düppels fernen Höhen'. Berlin. Johannes Bolte. 320 - Hüsing: Zum Rübenzagel. I. Die Schnitzfigur. Jedermann, der einmal im schlesischen Riesengebirge gewesen ist, kennt die zum Verkaufe überall ausgebotenen kleinen Figuren vom Berggeiste des Riesen- gebirges. Man kauft sie als Andenken, nimmt sie mit, verschenkt sie oder stellt sie selbst auf ein Wandbrett der eigenen Wohnung, wo sie als unangenehme Staubfänger bald sehr lästig werden, und wenn sie dann durch Abbrechen einer Hand, des Stabes oder Hutes mit ihrer Staubkruste recht unansehnlich geworden sind, wandern sie eines Tages in den Ofen. Man könnte jeden Augenblick einen Ersatz dafür haben, denn jährlich wandern ja Hunderte und Tausende neu in die Schaufenster der Läden ein; also ist das Ding wertlos, und Ersatz — will man gar nicht; man hat an dem Arger über das staubige, oft noch stark riechende kleine Ungeheuer genug. Das ist der Grund, weshalb man, wenigstens im Pamilienbesitze, kaum ein solches Stück antreffen kann, das auch nur zehn Jahre alt wäre. Und doch besteht die Gefahr, dass die kleine Figur, die doch immerhin in eine Reise ins Riesengebirge so viel Farbe hineintrug, von der Bildüäche ver- schwinde, und mit ihr zweifellos wieder ein Stückchen volkstümlicher Eigenart der schlesischen Berge. Ein heftiger Angriff ist vor etwa acht Jahren von der staatlichen Holzschnitz- schule in Warmbrunn ausgegangen, und zwar von deren Leiter Prof. Walde, der wenige Jahre darauf starb. Dieser Mann hatte nichts Eiligeres zu tun, als der schlesischen Holzschnitzerei, die zu heben er berufen worden war, so wirkungsvoll an den Leib zu gehen, dass sie von nun an wohl sachte hinsterben wird, wenn überhaupt noch schlesische Schnitzer an der Arbeit sind. Walde verschrieb als Lehrer an seiner Anstalt Holzbildhauer aus Tirol, der Schweiz und Gott weiss woher, lauter tüchtige Menschen in ihrem Fache, und eröffnete nun seinen Kriegs- zug gegen die bodenständige Schnitzerei damit, das er 'neue Rübezahl-Typen' er- fand, d. h. er setzte das Phantasiebild des Meisters Schwind, der offenbar nie einen echten Rübenzagel gesehen hatte, in Plastik um. Und nun war es ein Gnom in braunem Mantel, mit brauner Kapuze, blossen Füssen in Nachtpantoffeln. Der Gedanke, dass es hier zuerst einmal zu lernen gab, dass er von den 'Wald- sachenarbeitern' erst" hätte lernen müssen, worauf es bei der Figur ankam, die doch ein völlig fester Typus war, dieser Gedanke kam Walde gar nicht. Die Schnitzer und die Verkäufer stellten ihm immer wieder vor, dass ja doch niemand seine Figuren werde kaufen wollen, weil sie eben falsch waren, denn das sehe doch jeder, dass das gar kein Rübenzagel sei, aber das half nichts. .41s wirklich niemand die neue Puppe kaufen mochte, träumte Walde noch immer von einem 'Massenartikel', und da die Schnitzschule keine genügenden Einnahmen erzielte, so versuchte er sie in eine förmliche Fabrik umzugestalten. Die alten Schnitzer hatten bei ihm neues Handwerkszeug und allerhand neue Verfahren kennen gelernt, hatten als förmliche Fabrikarbeiter nach seinen Mustern gearbeitet, Sie waren dazu durch Versprechungen bewogen worden, die ihnen nun nicht gehalten wurden, z. T. ohne Schuld Waldes. Sie wollten, nachdem ihre 'Lehrzeit' um war, nun wieder als freie Menschen ihr Gewerbe ausüben, aber — da verbot ihnen Walde, das auszuüben, was sie bei ihm gelernt hatten, denn er hatte sich so verwirt- schaftet, dass er seiner 'Fabrik' die Konkurrenz vom Leibe halten musste. Die Schnitzer aber waren dadurch in übelste Lage geraten, dass sie ihren früheren Auftraggebern nichts mehr hatten liefern können und nun auch keine Aufträge Kleine Mitteilungen. 321 tnehr bekamen und in ihrem Trotze auch nicht die Hand zum Vergleiche bieten "wollten. So traf ich die Verhältnisse an, als ich einen längeren Sommeraufenthalt im Jahre 1906 dazu benutzte, der Geschichte dieser Schnitzfigur einmal nachzugehen. Meine Nachfragen in Hirschberger und Warmbrunner Geschäften führten mich schliesslich übereinstimmend auf eine erste Spur, die sich freilich nicht weit ver- folgen liess. Man wies mich nach dem Hause Nr. 244 zu Herischdorf, wo der 'Waldsachenarbeiter' Friedrich Wendrich wohnte, der Sohn des 1902 im Alter von 77 Jahren verstorbenen Ehrenfried Wendrich, der mir einheitlich als der erste Schnitzer bezeichnet wurde, der solche Figuren für den Verkauf angefertigt hatte. Er war, wie ich von seinem Sohne erfuhr, 1824 (oder 1825?) zu Reibnitz geboren und hatte beim Knochenarbeiter Bergmann 'gelernt'. Im übrigen berichtete Fried- rich Wendrich, um 1848 herum habe der Buchbinder Liedel aus Warrabrunn eine solche Figur von der Leipziger Messe heimgebracht. Der Verfertiger war ein Student, der die Figur verkauft hatte, aus begreiflichen Gründen. Und das brachte den Buchbinder auf den Gedanken, solche 'Manndl' anfertigen zu lassen, gleichfalls zum Verkaufe. Die lieferte ihm also Ehrenfried Wendrich, dem bald auch sein Sohn Friedrich dabei half. Der Hauptkunde war oder wurde das Geschäft von Zelder in Hirschberg, und für Herrn Zelder hatte auch Friedrich Wendrich die Figuren weiter gefertigt, bis — die Schnitzschule eröffnet wurde und er sich mit Zelder überwarf. Unter diesen Umständen war meine erste Aufgabe, das vorige Einvernehmen wiederherzustellen, und Herr Zelder jun. ging auch darauf ein, dass ich den ^kranken Schnitzer veranlasste, wieder einige 20 Figuren, und zwar diesmal ganz im alten Stile anzufertigen und dem Geschäfte anzubieten, und daraufhin er- klärte sich auch Herr Wendrich einverstanden es zu tun, da das ja doch eigent- lich eine Bestellung bei ihm sei. Wirklich hatte ich dann die Freude, später die neue Mannschaft bei Zelder vorzufinden; sie haben also beide Wort gehalten, und so kann ich denn verbürgen, dass damals etwa iO Exemplare bei Zelder zu kaufen waren, die wohl auch ihre Räufer und Nachfolger gefunden haben. Das waren also Figuren im alten Stile. Auch vor Waldes Zeit hatte sich nämlich die Figur allmählich etwas verändert, verfeinert vor allem, und die vielen 'Nachahmer' waren ebenfalls an ihrem Stile erkennbar; es gab drei Hauptstiltypen, deren einer aus Agnetendorf kam. Auch in Heüschdorf selbst wurde mir ein Schnitzer Brucks genannt ~ ob ich den Namen richtig schreibe, weiss ich nicht. Man stritt damals allgemein, ob der Holzschnitzer, der die kleinen Tierfigürchen gefertigt hatte, von denen man heute in den Museen zu Hirschberg, Breslau und Liegnitz Proben finden kann, Hempel oder Harapel geheissen habe; der Vorname war Benjamin, er lebte in Warrabrunn. Auch ich habe mir von Friedrich Wendrich eine Anzahl solcher Figuren an- ifertigen lassen, und unter anderem findet man im Liegnitzer Museum einen solchen Rübenzagel nebst mehreren von anderer Herkunft, darunter einen böhmischen, der etwa an einen 'Wallensteiner' erinnert. Alte 'Originale' besass auch Fr. Wendrich nicht mehr, doch versicherte er mir, die neu gefertigten seien genau wie die alten, nur seien diese mit Farben angemalt gewesen, die er nicht mehr bekomme, weil sie giftig seien. Auf meine Frage, ob es wohl auch vor 1848 solche Figuren gegeben habe, gab mir Herr Wendrich die Auskunft, soviel er wisse, habe es in den Bauden immer welche gegeben, kleine und grosse, nur habe man sie vorher nicht verkauft. Herr .Zelder sen. gab mir die gleiche Auskunft, halte auch die Liebenswürdigkeit, zu Zeitachr. d. Veroias f. Volkskuude. 19U. Heft 3. 21 322 Hüsing- veranlassen, dass Herr Prof. Dr. Rosenberg in Hirschberg während meiner Ab- wesenheit eine ausserordentliche Zusammenkunft der Vorstandsmitglieder des Riesengebirgsvereines ansetzte, bei der ich den Herren berichten konnte, was ich bisher erfahren hatte, was ich erfahren wollte und welcher Gedanke mich dabei leitete. Es waren überwiegend ältere Herren; man war einstimmig der Meinung, die Figur sei schon lange vor 184S bekannt gewesen, sei aber viel einfacher ge- wesen und habe keinen Tirolerhut ^) gehabt, ja überhaupt keinen Hut, und sei noch roher und unförmiger gewesen als die Wendrichsche. Aber niemand konnte an- geben, wo man ein überhaupt älteres Original finden könnte. Auch wurde ange- geben, in der Schwarzschlagbaude und in der Zennickerbaude seien früher solche Figuren gewesen, ich hatte aber den Eindruck, als ob diese Erinnerungen nicht allzu sicher seien. Seitdem bin ich. nicht mehr ins Riesengebirge gekommen und habe auch keinerlei Nachrichten mehr erhalten. Es scheint mir geboten, diese Zeilen zu ver- öffentlichen, damit jemand, der Gelegenheit dazu hat, die Sache weiter verfolgen kann, ehe sich zu viele Augen schliessen. Ich fürchte sehr, dass schon heute nur schwer mehr das erkundet werden könnte, was ich damals erfuhr. Für heute will ich mich damit begnügen, durch das Vorstehende womöglich eine Anregung zu geben für solche, die etwa längere Zeit im Riesengebirge verweilen können, und ich füge nur hinzu, in welcher Richtung mir die Frage von Bedeutung scheint, ohne diesmal näher darauf einzugehen. Da möchte ich denn zunächst darauf aufmerksam machen, dass, soweit mir bekannt, die Rübenzagel-Figur etwas einzig Dastehendes ist. Durch Zufall erfuhr ich später, dass der Reisende (und Sohn vom Hause) einer Fabrik für 'Andenken', der auch den Rübenzagel vertrieb, mit dieser Figur auch im Harze Geschäfte machen wollte. Aber man lehnte das dort ab, da man den Rübenzagel nicht kenne. Endlich erklärte ein findiger Kopf, für den Harz müsse der Herr den 'wilden Mann' machen. Und so erkundigte sich der Herr, wie der aussehe, und machte nun den wilden Mann für den Harz, — er hat es mir selber erzählt. Ist dieser wilde Mann dort noch am Leben, dann dürfte er in den ersten Jahren dieses- Jahrhunderts entstanden sein. Mit dem Rübenzagel aber scheint es doch eine andere Bewandtnis zu haben. Ich vermute, die Figur ist ursprünglich nichts als ein Alraun-Männchen, worauf mir die ganze eigentümlich proportionierte steife Gestalt zu deuten scheint wie nicht minder der Name Rübenzagel. Ist die Figur heute ihrem Kerne nach aus Holz, so scheint mir doch ihre Besetzung mit Augen^) und Haaren usw. dar- auf hinzuweisen, dass ihr Kern früher aus weicherem Stoffe war, in den man die Zutaten hineinstopfen konnte. Der Glaube an den Rübenzagel scheint ferner eigentlich nur auf Kräuterklauber — man denke an die späteren Laboranten! — und Erzsucher beschränkt gewesen zu sein, was wieder für den Alraun spräche. Trotz der Sage vom Entstehen des Alraunes glaube ich aber nicht, dass das Wort 'Zagel' hier 'penis' bedeute. Zur Begründung schliesse ich noch die folgen- den Ausführungen an. 1) Eine Art der Figuren trägt den Zillertaler spitzen, grünen Filzhut. 2) So gerade bei der Form, die den Zillertaler Hut trägt und einen vom Wendrichschen stark abweichenden Typus aufweist. Sie wird mir, abgesehen von dem Hute, von ver- schiedenen älteren Breslauern als der in ihrer Jugend üblichen am nächsten stehend be- zeichnet; sie ist klein und schlank und erinnert stark an ein Wurzelmännchen. Kleine Mitteilungen. 323 2. Der Name Rübenzagel. Immer wieder taucht die Behauptung auf, der oder jener habe im schlesischen Riesengebirge noch eine volkstümliche Überlieferung vom 'Rübezahl' vorgefunden. So hat Richard Loewe in dieser Zeitschrift 18, 1 — 24. 151 — 160 mehrere Belege bei- gebracht, die wohl die glaubwürdigsten sind, die bisher veröffentlicht wurden, da sie sich noch der Form Rübenzäl bedienen. Wo das nicht mehr der Fall ist, müssen wir die Überlieferung von vornherein als unbeglaubigt ausschalten, denn das Fehlen des n ohne Ersatz des en durch a ist der bündige Beweis dafür, dass in irgendeiner Weise literarischer Einfluss tätig war: eine Form 'Rübezäl' ist in Schlesien vollkommen undenkbar. Die nasalis sonans gibt in schlesischer Mundart nur a, nie e! In 25 Jahren ist mir nur eine Ausnahme aufgestossen, und das ist eine scheinbare: die Formen 'dar Uve, eim Uve, eia Uve, Uvebank, Uverihr' und die Mehrzahl 'de Iwe' die Verkleinerungsform 'Iwlä' sind auf eine Form ohne n, also 'der Ofe' zurückzuführen, neben der auch eine mit n erhalten ist ('eim üwa, eiä Uwä, Uwätöp, Uwabanklä')^). Wo eine Form 'Rübezäl' gebraucht wird, ist die Überlieferung jedenfalls un- bedingt abzulehnen, denn damit ist die 'literarische' Beeinflussung, wie sie durch die Fremden und durch die Schule sich vollzieht, bewiesen, und niemand kann wissen, wie weit sie geht und ob auch nur eine Spur urwüchsiger Überlieferung vorliege. Nun meint Loewe (S. 158), dass Leute, die nicht lesen und schreiben konnten, sich nach denen, die es konnten, gerichtet hätten. Das mag der Fall sein, und da heute die Zahl der Analphabeten auch im Gebirge sehr gering ist, könnte es in früherer Zeit stärker gewirkt haben, als wir uns das heute vor- stellen; die falsche Namenform könnte schon vor 100 Jahren sich so weit verbreitet haben, dass sie heute schon in Verbindung mit echter Überlieferung auftritt. Ist das der Fall, dann dürfen wir wohl sagen: wir kommen zu spät. Aber auch in Fällen, wo der Erzähler noch die Form 'Rübenzäl' oder 'Rüba- zäl' brauchte, kann ich nicht ohne weiteres auf echte Überlieferung schliessen. Richard Loewe ist sich über das oben erwähnte schlesische Lautgesetz gar nicht klar geworden, da er die Vermutung ausspricht (S. 158), das a der Mittelsilbe be- ruhe wohl auf Angleichung an das ü der letzten Silbe. Nichts von alledem, son- dern jegliche nasalis sonans wird zu a, mag sie stehen, wo sie wolle. Die Formen 'ihn' und 'ihnen' werden zu n und u(n) verkürzt und geben beide in der Mundart ein ä. Aus 'einer' (Dat. sg. f.) wird 'arr' (beinahe zweisilbig), und daneben steht noch die gekürzte Form 'enner'; diese Form verhält sich zu 'Rübenzäl' ('Rübnzäi') wie 'arr' zu 'Rübäzäl', und auch dieses Verhältnis ist Richard Loewe nicht klar geworden, ja, er denkt sich offenbar das a erst aus e entstanden und dieses aus en verschliffen. In Wahrheit ist a die Mundart, en (u) die verschriftdeutschte Form, e eine widerliche Verballhornung, die Musäus — neben der richtigen Form — schon bei Prätorius vorfand und die er offenbar bevorzugte, weil sie ihm volks- tümlicher klang. Eine Form 'Rübezäl' kann aber nicht älter sein, als der Einfluss von Musäus I Der Scblesier hat schon wegen seiner 'Mehrsprachigkeit' ein feines natürliches Gefühl für das ihm selbstverständlich nicht zum Bewusstsein kommende Gesetz von der Vertretung der nasalis sonans. Mehrsprachig ist er nämlich, weil er mit seinesgleichen die Mundart, dem Fremden gegenüber aber eine ganze Reihe von Schattierungen zwischen Schriftsprache und Mundart gebraucht. Dabei geht 1^ Ob ein ähnlicher Fall beim Worte für 'Weizen' noch vorliege, kann ich nicht entscheiden. 21* 324 Hüsing: die 'schriftsprachliche' Form nicht selten daneben, obgleich sie *lautgesetzlich' ge- bildet ist. So entstehen recht interessante Formen. Nicht nur, dass z. B. 'egal' in 'eingal' umgesetzt wird nach Analogie von 'efach' zu 'einfach', sondern das Gefühl für die vollere Form neben der verschliffenen gestaltet auch deutsche Wörter um. So macht die Mundart aus 'wir' ein h^, aber in dem trotzigen Satze: 'Doas mach bj, wie br ber wulln' = 'Das machen wir, wie wir wir wollen', wird das br an der betonten Stelle zu her gedehnt, das man sich etwa von einem Faust- schlage auf den Tisch begleitet denken mag; 'bj wulln' ist 'volumus', soll noch ein 'nos' dazu gesetzt werden, so tritt noch 'ber' dazwischen. (Eine ähnliche Er- scheinung kennt ja auch das Bayerische mit seinem 'ös', obgleich die .Verkürzung 's' bereits an der Verbalform festsitzt.) Was macht man nun mit einem schlesischen 'schriftsprachlichen' Satze 'es hat's ihn noch'? Das ist aus mundartlichem "s höt's ii nö' verschriftdeutscht, und zwar gesetzmässig, aber — falsch. Nehmen wir vor- weg, dass das 's' hinter 'höt' ein Schmarotzer ist, einerlei, ob er aus der Frage- form 'hot's ä nö (= hat es ihrer noch?)' entstanden sei, oder ob das geneti- vische 'es' auch vor dem Genetive 'ä' noch beibehalten wurde — 'es hat' steht bekanntlich gleich 'es gibt' — so bleibt doch die falsche Verschriftdeutschung von 'ä' in 'ihn' übrig. Sie erklärt sich daraus, dass das 'a' in diesem Falle aus 'ar' verschliffen ist, während der Sprecher im ä unbewusst die nasalis sonans sucht und als einzig mögliche schriftdeutsche Form dann ein 'ihn' findet. Diese Beispiele mögen zeigen, weshalb ich dem schlesischen Gebirgler durch- aus die Fähigkeit zutraue, ein unsinniges 'Rübezäl' in ein vernunfthaftes 'Rüben- zäl' oder 'Rübazfd' umzusetzen, auch wenn die Überlieferung dieser Form schon erloschen war. Und darum kann ich auch im Auftreten solcher Formen keinen Beweis dafür erblicken, dass noch volkstümliche Überlieferung vorliege. Was wir hier brauchten, das wäre eine Feststellung, bis in welche Zeit hin- ein die alte Form 'Rübenzagel' oder 'Rübenzäl' als in Schlesien erhalten nach- weisbar sein mag. Es reicht aber zu diesem Zwecke nicht aus, dass man Bücher und Zeitschriften studiert, sondern hier muss sich die dingliche Völkerkunde mit der gedanklichen verbinden. Man müsste die Reiseandenken sammeln und prüfen, ob sich auf ihnen der Name Rübenzagel findet. Ich kenne ihn z. B. auf einem Glase^), das die Aufschrift trägt: 'Gute Freund überal, besonders umb den Rübenzäl'. Aus dem Stile solcher Gläser muss die Zeit bestimmbar sein, und ausser Gläsern wird noch manch anderer Gegenstand in Betracht kommen. Jedenfalls hat noch lange nach Prätorius in Schlesien die Form Rübenzäl gegolten. Ob noch bis ins 19. Jahrhundert? Diese Frage dürfte wichtig sein für die Abschätzung, ob wir im Gebirge noch alte Überlieferung mit richtiger Namenform erwarten können oder nicht. Im übrigen muss ich es rühmen, dass Richard Loewe überhaupt Rücksicht auf die Namenform genommen hat. Es ist der erste Fall, der mir bekanntwird! Selbst bei Philo vom Walde hatte ich zu verzeichnen, dass er ganz bestimmt alte Überlieferung gefunden haben wollte und erst stutzig wurde, als ich ihm die Frage vorlegte, mit welcher Namenform ihm der Berggeist dabei benannt worden sei. Philo verstand diesen Wink und gab zu, dass das allerdings sehr bedenklich sei — natürlich hatte sein Gewährsmann die Form des Musäus gebraucht. Vergeblich habe ich mich bemüht, bei Zacher ein Körnchen Verständnis für diese Frage zu finden. Er stritt rundweg ab, dass die Etymologie 'Rüben-Schwanz' 1) Zur Zeit dem Liegnitzer Museum zur Ausstellung überwiesen. Kleine Mitteilungen. 325 überhaupt zu beachten sei; 'Zäl, Zagel' sei zwar sicher 'Schwanz', aber Pflanzen- namen würden damit nicht gebildet, und so habe der Name auch schwerlich etwas mit 'Rübe' zu tun. Der Hinweis auf den schlesischen Ausdruck 'Katzenzagel' für Schachtelhalm verfing nicht; ich hatte betont, wie vorzüglich dieser Name die Pflanze i^ennzeichne gegenüber der durch Pfarrer Kneipp allgemein verbreiteten unglücklichen Bezeichnung 'Zinnkraut'; aber Zacher lachte: der Schachtelhalm habe doch wahrlich nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Katzenschwanze, und die Erklärung werde wohl auch falsch sein. Glücklicherweise kam ich auf den Ge- danken zu fragen, wie denn nach seiner Erinnerung ein Schachtelhalm aussehe, und ich bekam die Antwort: 'wie ein kleiner Tannenbaum'. Ich erzähle diese kleine Erfahrung, denn ich habe nachmals gemerkt, wie verbreitet dieses Miss- verständnis ist: man kennt wohl diese, nicht aber die so völlig abweichende frucht- tragende Form der Pflanze, die mit ihren dunklen Ringeln in der Tat verblüffend an den Schwanz der Katze erinnert. An der Richtigkeit dieser Etymologie ist jedenfalls kein Zweifel möglich! Aber Katzenzagel ist nicht der einzige Pflanzenname dieser Art. Es gibt auch einen Mäusezagel. Auf unseren Äckern wächst ein Pflänzchen, das dem Vergissmeinnicht (Myosotis) so ähnlich sieht, dass man es auch 'Ackervergiss- meinnicht' nennt; und diese Myosotis in kleinerem Massstabe führt in den Lehr- büchern den Namen 'Mäusezahn', obgleich der botanische Name Myosurus, d. h. Mäuseschwanz, Mäusezäl lautet. In den schlesischen Vorbergen, z. B. im Bolken- hainer Kreise, heisst die Pflanze aber noch richtig 'Mäusezäl'! Daraus ist also die unsinnige Form 'Mäusezahn' zurechtgestümmelt worden von einem gedankenlosen Lehrbuchverfertiger, der weder Deutsch noch Griechisch konnte. Und wenn es so weiter geht, dann wird wohl in ein bis zwei Geschlechterfolgen die richtige Namenform ausgerottet sein, und der Unsinn 'Mäusezahn' hat gesiegt, unsere Schul- bildung ist um eine Sinnlosigkeit reicher! Sollte es nicht eine sehr dankens- werte Aufgabe unserer Vereine für Volkskunde sein, bei den zu- ständigen Behörden dahin zu wirken, dass derartige Verballhor- nungen unserer Pflanzennamen wieder richtiggestellt werden? Das Pflänzlein sieht nun auch nicht gerade aus wie ein Mäuseschwanz; die kleinen blauen Blütchen im Graugrünen wirken aber in einiger Entfernung so aus- gesprochen grau, dass man begreift, wie die Vorstellung einer Maus sich auf- drängen konnte, und zwar so, dass man auch den Schwanz zu sehen meint. Es scheint beinahe, als ob 'Zagel' überhaupt soviel wie Staude bedeuten könnte, doch werden wir damit vorsichtig sein müssen. Wir haben ja noch einen weiteren Pflanzennamen, der heute auf ' — zahn' endigt und von dem sich vermuten lässt, dass das ursprünglich ein '—zäl' war. Freilich wird in uns heute die Vorstellung eines 'Löwenzagels' kaum geweckt, wenn wir das Leontodum Taraxacum an- sehen, dessen botanischer Name es ausserdem als 'Löwenzahn' bezeichnet. In- dessen, so sieht ein Löwenzahn nicht aus, und es ist wohl zu schliessen, dass der Name Leontodum bereits eine Übersetzung aus einer irgendwie verstümmelten Form darstelle. Ob aus einem deutschen Namen? Bisher habe ich bei den Bo- tanikern vergebens nachgefragt! Die Antwort lautete stets, damit beschäftige sich zurzeit kein Botaniker. Vielleicht könnten diese Zeilen dazu beitragen, dass wir von Seiten eines Botanikers doch noch einmal eine Antwort auf diese Frage er- hielten? Ist nämlich der nicht mehr junge Name Leontodum die Übersetzung eines noch etwas älteren 'Löwenzahn', das aus nochmals älterem 'Löwenzäl' ver- dreht wäre, dann dürfen wir uns entsinnen, dass unsere alten Kräuterbücher den Löwen goldgelb malen und ihm einen Schweif geben, der den Beschreibungen 326 Philipp, Bolte: gemäss als Quaste gezeichnet ist, auf der sich dann die goldgelbe Farbe so recht breitmachen kann — mit anderen Worten: so, wie die Blume aussieht, hat man sich früher tatsächlich den Löwenschwanz vorgestellt! Es dürfte also wohl lohnen, nachzuprüfen. Das sind aber nicht die einzigen Bezeichnungen dieser Art, und es ist auf- fallend, dass gerade in allerlei Literatur, die von unserem Rübenzagel erzählt, auch die Pflanzennamen Schwalbenzagel (in der Form 'Schwallenzagel'), Rosszäl und Hundezäl auftauchen, übrigens so, dass daraus kein Schluss auf die gemeinte Pflanze gezogen werden kann. Leider habe ich mir die Stellen nicht gebucht, doch sind sie auch kaum von Belang; worauf es ankäme, das wäre, die Namen in anderem Zusammenhange wiederzuönden, aus dem sich ergäbe, welche Pflanzen in Betracht kommen. Könnte der Schwalbenzagel etwa der Sauerampfer sein? — [Weiteres über mit zagel zusammengesetzte Pflanzennamen s. bei H. Marzell, Die Tiere in deutschen Pflanzennamen 1913, S. 54—59. Katzenzagel heissen nach M. noch andere Pflanzen, z. B. Achillea, Fumaria, Melampyrum und Nepeta.] Wien. Georg Hüsing. Bücheranzeigen. Wilhelm Schoof, Die Schwälmer Mundart. Ein Beitrag zur hessischen Mund- artenforschung (Sonderdruck aus der Zeitschrift für deutsche Mundarten, Jahrg. 1913-1914). Halle a. S , Waisenhaus 1914. 94 S. Geh. 2,40 Mk. Die vorliegende Schrift, deren Verfasser den Lesern der Zeitschr. für (hoch-) deutsche Mundarten seit 1905 als rühriger Forscher auf dem Gebiete der hessischen Mundarten und Ortsnamen bekannt ist (s. auch den Aufsatz oben S. 272 f.), zerfällt in zwei Hauptteile (S. 11—65 Laut-, S. 66—91 Flexionslehre), die eingerahmt werden von einer Einleitung und Sprachproben. Der Einleitung nach umfasst die Schwalm den Teil des Kreises Ziegenhain im Regierungsbezirk Kassel, der von der Schwalm und deren Zuflüssen durchströmt wird. Zugrunde liegt der Unter- suchung die Mundart der beiden Dörfer Zella und Loshausen im Mittelpunkt der 'engern' Schwalm, die rund 100 Quadratkilometer und etwa 8000 Einwohner hat. Zur weitern Schwalm rechnet man eine Reihe Dörfer ringsum, deren Boden, zu- mal an den Abhängen des Knüllgebirges, minder fruchtbar ist. Je mehr sich diese Siedlungen von ihrem Mittelpunkt entfernen, desto mehr schwindet die Schwälmer Eigenart in Tracht und Sprache. Der Hauptverkehr geht nach Niederhessen, be- sonders Kassel. Ihre kleineren Einkäufe decken die Schwälmer in den Städtchen Treysa, Ziegenhain und Neukirchen, die südlichen Dörfer in Alsfeld im Gross- herzogtum Hessen. Gemäss diesen vier Verkehrs gebieten unterscheidet der Verf. vier Schichten der Mundarten, vertreten durch Loshausen, Florshain, Willings- hausen und Hauptgeschwenda. Durch die 1908 eröffnete Bahnlinie Treysa— Hers- feld— Bebra sind die alten Verkehrsgrenzen vielfach verschoben worden, zumal nach Hersfeld zu. Möchte die geplante Bahn Ziegenhain— Alsfeld das Wesen der Mundart nicht so stark verwischen, wie Schoof fürchtet! Jedenfalls dürfen wir ihm aufrichtig dankbar sein, dass er noch rechtzeitig eine so reiche Ernte eingebracht hat! Weiter handelt die Einleitung vom Einfluss der alten Amts- und Pfarrei- Bücheranzeigen. 327 grenzen und der Gaugrenze: Die westliche Hälfte des Schwälmer Ländchens ge- hörte zum Oberlahngau, die östliche zum fränkischen Hessengau. So ist die Mundart „eine interessante Grenzmundart zwischen Ober- und Niederhessisch . . . Es überwiegt darin das Oberhessische, welches in den Dörfern der engern Schwalm ausschliesslich vorherrscht." Nicht so ergiebig für die Volkskunde wie die Einleitung und die erste Sprach- probe 'Unsere Kirmes' (S. 91/92) ist naturgemäss der rein sprachliche Teil. Zur Kennzeichnung der Mundart hebe ich hervor: i (ü) > e, z. B. sleera Schlitten, heba hüpfen; u > o: sdomp stumpf; hinsichtlich der Diphthongierung der mhd. i, ü, ü steht die Mundart auf hochdeutscher Stufe, ausgenommen — Ich > ich (strichen > sdrica) — ür bleibt (trürec > druuric), u > ii in zwei Fällen, z. B. miurare > miirar Maurer; mhd. — iuw > auw, z. B. nauw neu. Beim Kon- sonantismus fällt auf das echt hessische — r — < dental : broora Braten, sn§iro schneiden, keral Kittel. Ferner — n + dental > m: gafoioa gefunden; — agen > üän: hagen > hääia Hain; germ. p bleibt un verschoben: pets Pfütze, pluk Pflug, tsab9 Zapfen, somp Sumpf. In der Flexionslehre ist sehr anziehend der Abschnitt über die teils starken, teils schwachen Genitive bei Familiennamen: mit Falgs Hanerc und Falga Hanerc unterscheidet man zwei verschiedene Heinrich Falk; das Zahlwort zwei hat seine drei Geschlechter bewahrt: tswii jäwa (Jungen), tswoo lf§iw (Kühe), tsw§g keio (Kinder). Bei Einzelheiten kann man hie und da andrer Meinung sein. So fällt auf — neben manchem Druckfehler (§ 9 Oberweiler statt — aula!) z. B. § 94 „ha^uso ( run", 251 aber „ruowa > rauw", so müsste wenigstens gesagt sein, dass rauw die häufigere und ältere Form ist. Oft verniisst man bei seitnern Ausdrücken die Erklärung: dass z.B. § 27 „bätsal < mhd. bezel" Haube, Mütze bedeutet, ist wohl nur dem Einheimischen selbstverständlich. Dass ältere Sprachstufen häufig aus Urkunden belegt sind, z. B. der md. Wechsel u>o seitdem 14. Jahrhundert (S. 28/29), verdient durchaus Anerkennung, nicht minder die eingestreuten Bauernsprüche, Auszählreime, Kinderliedchen, Flur- namen, wodurch die Arbeit belebt wird. Alles in allem eine gediegene, von Hin- gebung an die Sache zeugende Darstellung einer anziehenden Mundart. Möchte der Verfasser recht bald Müsse finden, uns die verheissene Syntax, Wortbildung, Namenkunde (Familien-, Flurnamen) und das Wörterbuch zu bescheren! Wir sehen ihrem Erscheinen mit Spannung entgegen. Dresden. Oskar Philipp. <3ieorg Graber, Sagen aus Käruteu, gesammelt und herausgegeben. Leipzig, Th. Weicher 1914. XL, 512 S. gr. 8°. Geb. 5 Mk. Als 1887 J. Rappold 12.3 'Sagen aus Kärnten', die er lediglich gedruckten Quellen entlehnt hatte, zu einem netten Bändchen vereinigte, regte er zur Samm- lung dessen an, was noch als ungehobener Schatz im Munde der Alten und in 328 Bolte, Boehm: Abgeschlossenheit Lebenden ruhe. Dieser Wunsch ist jetzt in Erfüllung gegangen; Prof. Georg Graber in Klagenfurt bietet in dem vorliegenden stattlichen Buchfr 613 Kärntner Volkssagen, von denen er etwa sechs -Siebentel selber zusammen- gebracht hat. Über die Art seiner Sammeltätigkeit, die Zeit und die Orte seiner Aufzeichnungen berichtet er S. VIII leider nur summarisch; doch ist die im ganzen einfache, allzu romantischer Ausschmückung bare Darstellung und die über die hauptsächlichen Sagenzüge orientierende und auf die neueren wissenschaftlichen Forschungen verweisende Einleitung zu loben. Unter den in 18 Gruppen ge- teilten Sagen gewahren wir neben den allgemein verbreiteten Erzählungen von. Wassergeistern, von der wilden Jagd, vergrabenen Schätzen, Geisterspuk, Hexen und Teufel auch die für das Gebirgsland charakteristischen Bergwerkssagen, die schatzgrabenden Venediger, die schlafenden Helden, ferner die hadischen Leute (Riesen) und saugen Frauen, Kirchengründungssagen und Legenden. Von ge- schichtlichen Ereignissen haben sich besonders die Türken- und die Franzosen- kriege im Gedächtnis fortgepflanzt, auch Margareta Maultasch lebt noch als ein wildes Mannweib in der Erinnerung des Volkes. — Von einzelnen Sagen hebe ich aus der reichen Fülle hervor das nur den Wasser- und Waldgeistern bekannte Geheimnis, was das Kreuz in der Nuss bedeute (nr. 13. 24. 82. 94); ferner nr. 18 der Ahornbaum am Millstätter See (Bolte- Polivka, Anmerkungen zu Grimm KHM. 1, 272); nr. 37 Selbertän (Polyphem); nr. 54 der Wechselbalg (Grimm, KHM. nr. 39, 3); nr. 56 — 57 das Riesenspielzeug (Grimm, DS. nr. 17); nr. 60 Flachses Qual (Bolte-Poh'vka 1, 222); nr. 64 St. Julianus (V. Schumann, Nachtbüchlein nr. 14: Frey, Gartengesellschaft 1896 S. 280); nr. 90 Waldmann und Mensch (Grimm, KHM. nr. 72); nr. 96 Erdbeeren im Winter (Bolte-Poh'vka 1, 100); nr. 108 der Tote als Hochzeitsgast (R. Köhler, Kl. Schriften 2, 226); nr. 166—169 der Traum vom Schatz auf der Brücke (oben 19, 289); nr. 170 die einander mordenden Schatzfinder (Montanus, Schwankbücher S. 564); nr. 199, 201 das Schlangenkrönlein (Grimm, KHM. nr. 105); nr. 208 der Hausgeist und Bär (R. Köhler 1, 72); nr. 228 'Ich falle' (Bolte-Poh'vka 1, 30); nr. 237 Lenorensage (E. Schmidt, Charakteristiken 12, 189); nr. 244 Muttertränen (Grimm, KHM. nr. 109); nr. 245—248 Totenmette (Grimm, KHM. nr. 208); nr. 253 Quittung aus der Hölle (R.Köhler 1,133): nr. 258 Tod und Tödin (oben 22, 56" Gedicht von Tschabuschnigg); nr. 264 die Scheintote (oben 20, 362); nr. 352 Hildegard (Gesta Romanorum c. 249); nr. 390 Bauer und Teufel (Grimm, KHM. nr. 189; oben 8, 21); nr. 427 das boden- lose Schaff (H. Sachs, Fabeln ed. Goetze 2, 532. 4, 502); nr. 428-429 der Schmied von Rumpelbach (Grimm, KHM. nr. 82); nr. 431 Namen erraten (Bolte-Poh'vka 1, 490); nr. 468 der Teufel in der Kirche (Zs. f. vgl. Litgsch. 11, 249); nr. 537 der Mann im Pflug (Grimm, DS. nr. 537); nr. 585-586 Blaubart (Bolte-Poh'vka 1, 400); nr. 588 das mutige Mädchen (Bolte-Poh'vka 1, 373). Dem verdienstlichen Buche ist in Kärnten und ausserhalb Kärntens Verbreitung zu wünschen. Berlin. Johannes Bolte. Carly Seyfarth, Aberglaube und Zauberei in der Volksmedizin Sachsens. Ein Beitrag zur Volkskunde des Königreichs Sachsen. Leipzigv W. Heims 1913. XXIII, 818 S. 8°. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. Der Stoff dieses äusserst reichhaltigen Buches, welches das Königreich Sachsen mit Ausnahme der Lausitz, das angrenzende Sachsen-Altenburg und BücheraDzeigen. 32^ Reuss j. L. berücksichtigt, ist zum grösseren Teile aus der gedruckten volkskund- lichen Literatur, besonders der das bezeichnete Gebiet betreffenden, zusammen- gestellt; ein neun Seiten langes Quellenverzeichnis beweist, wie fleissig der Verf. gearbeitet hat. Was ältere Schriften anbetrifft, so wurde ausser der Chemnitzer Rockenphilosophie und Werken des Prätorius das bisher weniger bekannte Buch von Chr. Lehmann, Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meissnischen Ober-Ertzgebirge, Leipzig 1G99, häufig herangezogen, und der Verf. hat hiermit offenbar einen guten Griff getan. Die gedruckten Zauber- und Rezeptbücher mit erdichtetem Druckort und -jähr, die auch in Sachsen im Umlauf waren und noch sind, werden mit Recht nur selten angeführt, dagegen- hat der Verf. handschriftliche Rezeptsammlungen benutzt, da sie, selbst wenn sie aus gedruckten Büchern abgeschrieben sind, immerhin unter dem sächsischen Volke verbreitete Ansichten wiedergeben. — Eine zweite Quelle bilden die im Archiv des Vereins für sächsische Volkskunde aufbewahrten Einsendungen und Sammlungen volksmedizinischen Inhalts, deren Benutzung dem Verf. durch E. Mogk ermöglicht wurde. Von ihm und K. Weule ging der Anstoss zu der ganzen Arbeit aus, deren erster Teil auch als Leipziger Dissertation erschienen ist. Um dies handschriftliche Material zu ergänzen, erliess der Verf. in Zeitschriften und Zeitungen Sachsens Aufrufe zur Einsendung von Beiträgen, d'ie einen bemerkens- werten Erfolg hatten (gegen 50 Mitteilungen), wenn man bedenkt, ein wie trauriges Ergebnis oft ähnliche Aufrufe gehabt haben. Ausserdem stellten ihm Kenner des behandelten Gebietes umfangreichere Sammlungen an Aufzeichnungen zur Ver- fügung. — Endlich sammelte der Verfasser einen Teil des Stoffes selbst auf Wanderungen im sächsischen Mittelgebirge, vor allem auch im Erzgebirge. Man sieht, dass S. wohl ausgerüstet an seine Arbeit gegangen ist, und die Art, wie er den gewaltigen Stoff angeordnet und verarbeitet hat, verdient höchste Anerkennung. Er behandelt zunächst die Anschauungen des Volkes von der Ent- stehung der Krankheiten (durch Krankheitsdämonen, dämonische Menschen und als Strafe Gottes), wobei er sich jeder Schablone enthält und die vielen mit- einander verschlungenen Wurzeln aufzeigt, denen die Volksmeinung entwächst. Den Hauptteil bildet dann die Erörterung der verschiedenen Heilmethoden durch gesprochene und geschriebene Worte (hier reiche Zusammenstellungen von Segen, Sator-, Abracadabra- und ähnlichen Formeln), Handlungen (z. B. Übertragung, Durch- kriechen, Messen) und Dinge (z. B. Wasser, Teile von Menschen- und Tierkörpern, Pflanzen). Ein ausführliches Register macht den Schluss. Für jede Angabe ist in den Fussnoten die genaue Quellenangabe zu finden. Selbstverständlich ist der größte Teil der mitgeteilten Anschauungen nicht auf Sachsen beschränkt, aber eben die Heraushebung dieses Einzelgebietes hat es dem Verf. möglich gemacht, immer aus eigener, genauer Kenntnis der Quellen zu schöpfen und so etwas wirklich Zuverlässiges zu bieten; die Mängel, die z. B. dem vielbenutzten Werke von v. Hovorka und Kronfeld anhaften, zeigen ja, wie selbst bei zwei Verfassern eine ganz einwandfreie Darstellung kaum noch möglich ist, wenn das behandelte Gebiet zu umfangreich wird. Für keinen Teil Deutsch- lands dürfte es zurzeit eine so reichhaltige Darstellung der Volksmedizin geben, wie sie S. für Sachsen geliefert hat, und sein Buch darf man getrost mit unent- behrlichen Werken, wie z. B. Wuttke-Meyer und neuerdings Sartori, in eine Reihe stellen. Berlin-Pankow. Fritz Boehm. :330 liolte: Antti Aarne, Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung. Hamina 1913. IV, 87 S. (F. F. Communications ed. by J. Bolte, K. Krohn, A. Olrik, C. W. V. Sydow nr. 13). — Übersicht der Märchenliteratur. Hamina 1914. IV, 76 S. (F. F. Communications nr. 14). — Die Tiere auf derW^ander- schaft, eine Märchenstudie. Hamina 1913. V, 174 S. (F. F. Communi- cations nr. 11), — Der tiersprachenkundige Mann und seine neugierige Frau, eine vergleichende Märchenstudie. Hamina 1914. IV, 83 S. (F. F. Communications nr. 15). Gern hätte ich an dieser Stelle über alle wichtigeren Erscheinungen der letzten Jahre auf dem Gebiete der Märchenforschung einen kurzen Bericht erstattet; da mir jedoch die Müsse dazu geraubt ist, möchte ich wenigstens auf einige Schriften des tiberaus eifrigen finnischen Forschers Aarne hinweisen, die besonders als Ein- führung in diese junge Wissenschaft allgemeineres Interesse verdienen. Schon 1910 hat Aarne ein nutzbringendes Verzeichnis sämtlicher ihm bekannter Märchen- typen in systematischer Anordnung veröffentlicht (s. oben 21, 181). Jetzt bietet er Studierenden und Mitforschern einen praktischen Leitfaden dar, der zumeist aus seinen eigenen Erfahrungen geschöpft ist und nicht bloss gute Kenntnis des ausgebreiteten Materials dartut, sondern auch eine nüchterne, gesunde Anschauung der Probleme, die er auf klare und einfache Weise zu formulieren weiss. In knapper Form bespricht er die hauptsächlichen Theorien über den Ursprung der Märchen, die arische der Brüder Grimm, die man auch die mythologische nennen könnte, die indische Benfeys und die anthropologische Tylors und Längs, um sie alle zu verwerfen und sich der von seinem Lehrer Kaarle Krohn entwickelten Ansicht an- zuschliessen. Er sucht den Ursprung der Märchen nicht mit den englischen An- thropologen in der Urzeit, sondern mit Benfey in geschichtlicher Zeit; und während Adeline Rittershaus ursprünglich nur Einzelmotive annimmt, die später willkürlich gemischt und zu einem Ganzen verbunden wurden, ist ihm jedes Märchen ursprüng- lich eine feste Erzählung, die nur einmal an einer bestimmten Stelle und zu einer bestimmten Zeit entstanden ist. Wenn sich darin Gebräuche und Anschauungen einer primitiven Kulturstufe finden, so folgt daraus nicht, dass das ganze Märchen dieser Periode entstammt. Die Märchen sind Dichtungen, hervorgegangen aus der bewussten Absicht, die Hörer durch diese Spiele der Einbildungskraft zu erheitern. Sie sind in verschiedenen, Gegenden entstanden, nicht nur in Indien, sondern auch in Nord- und Südeuropa; ihre Herkunft muss durch die Spezialuntersuchung in jedem einzelnen Falle ermittelt werden. Sehr verschieden ist ihr Alter; so hat, wie ich einschalten möchte, F. v. d. Leyen in seiner Jubiläumsausgabe der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen (Jena, E. Diederichs 1912) den inter- essanten Versuch gemacht, die 203 Nummern nach den Jahrhunderten ihrer Ent- stehung in neun Gruppen zu ordnen. Die neueren Märchen sind zumeist Schwanke. Die Verbreitung der Märchen geschah bis in die jüngste Vergangenheit weitaus mehr durch mündliche Überlieferung als durch die Literatur. — Das zweite Kapitel zählt die psychologischen Ursachen (A. nennt sie mit Olrik 'Gesetze') der Ver- änderungen von Märchen auf: der Erzähler vergisst einen Zug, schiebt am Anfang oder Schluss einen verwandten Stoff ein, verbindet verschiedene Märchen zu einem Ganzen usw. Bei der Vervielfältigung spielt die Dreizahl und die Analogie eine Rolle, eine Tiergeschichte wird zu einem Menschenabenteuer, ein Märchen wird zur Ich-Erzählung, es wird in einem andern Lande akklimatisiert, in einer andern Zeit modernisiert. — Drittens erläutert der Vf die von Krohn an den in ver- Büclieranzeigen. 331 schiedenen Gegenden Pinnlands aufgezeichneten Versionen der Kalevalalieder und an den Tiermärchen erprobte historisch-geographische Methode, die auch er in einer Reihe von Monographien über Märchenstoffe angewandt hat. Die Varianten werden in eine geographische und, soweit möglich, historische Ordnung gebracht; die Erzählung wird in Hauptteile und diese in Einzelzüge zerlegt, das ganze Material für jeden Zug durchmustert und die Urform sowie der Weg des wandern- den Märchens, der auch für die Völkerpsychologie und die Geschichte der Kultur von Bedeutung ist, festgestellt. Ältere literarische Fassungen sind natürlich wichtig, aber doch erst Beweismittel zweiten Ranges, da sie wieder auf mündlichen Er- zählungen beruhen. Vom Orient nach Europa und umgekehrt führen zwei Wege, durch Russland und über die Balkanhalbinsel. In Finnland lässt sich das Zu- sammentreffen zweier Märchenströme, aus Skandinavien und aus Russland, nach- weisen. — In den letzten beiden Kapiteln gibt A. Winke für die von den jungen Märchenforschern zu befolgende Technik, schildert die Tätigkeit des internationalen Bundes 'Folklore Fellows', in dessen Schriften die oben verzeichneten Schriften erschienen sind, die Krohnsche Anordnung und Bezeichnung der Völker und er- läutert seine Lehren an ausgewählten Beispielen. Eine notwendige Ergänzung dieses Leitfadens bildet die 'Übersicht der Märchenliteratur' des Orients und Occidents, die zwar als Anleitung iixv Studierende bestimmt ist, aber auch den Pachgenossen manches Neue bieten wird. Denn der Vf. gibt keine blosse Bibliographie, sondern eine sorgfältige Auswahl des Wertvollen, die auf eignem Studium und auf Auskünften berufener Kenner der verschiedenen Literaturen beruht; er charakterisiert den Inhalt der Sammlungen und geht auf Streitfragen, wie z. B. auf die über die Quellen des mongolischen SiddhI-Kür, ein. Natürlich wird hie und da eine Berichtigung oder ein Nachtrag gemacht werden können; auch darf man an die Anordnung keinen allzu strengen Massstab anlegen. Gleichzeitig mit dem Leitfaden hat A. zwei Monographien über bekannte Märchen erscheinen lassen, die als lebendige Illustration seiner Theorie dienen können. Für 'die Wanderung der Tiere', von der er mehrere hundert Varianten, darunter nahezu hundert ungedruckte aus Finnland, zusammengebracht hat, unterscheidet er eine asiatische und eine europäische Fassung. In jener gehen ein Ei, ein Skorpion, eine Nadel und ein Mörser auf die Reise, verstecken sich in einem Hause, quälen nachts die Hausbesitzerin und bringen sie schliesslich ums Leben; in dieser sind nur Haustiere die Wanderer und ihre Gegner im Wald- hause Wölfe, die erst in späteren Aufzeichnungen durch Räuber ersetzt werden. Die Urform stammt aus Süd- oder Ostasien und muss vor dem 12. Jahrhundert durch mündliche Vermittlung auf dem südlichen Wege nach Europa gekommen sein, wo sie im lateinischen Epos Ysengrimus, bei H. Sachs und Rollenhagen Aufnahme fand. Im 19. Jahrhundert ist sie durch Grimms 'Bremer Stadtmusikanten' bis nach Finnland gedrungen. — Auch bei dem Märchen von der Tiersprache, die der Held von einer dankbaren Schlange lernt, und von seiner neugierigen Frau, die er auf den Rat des Hahnes straft, scheiden sich deutlich eine orientalische wohl abgerundete Form und eine westliche Fassung, die schon im 13. Jahrhundert bekannt war, in der aber einige Züge durch fremden Einfluss eine ganz andere Gestalt bekommen haben. Benfey erklärt die indische Gestalt für die ursprüng- liche, während W. Klinger (1909) sie aus der altgriechischen Literatur ableiten will. A. pflichtet der Ansicht Benfeys bei und erklärt sich gegen die Ansicht T. d. Leyens, der eine allmähliche Entwicklung der indischen Geschichte aus zwei Motiven, der Kenntnis der Ameisensprache und dem Lachen des Königs, an- 332 Bolte, Scheftelowitz, Mielke: nimmt. 'Soweit wir das Märchen kennen, kennen wir es als eine vollständige Erzählung oder als ein davon abgetrenntes Bruchstück.' Berlin. Johannes Bolte. Micha Josef Bin Gorion, Die Sagen der Juden, gesammelt und bearbeitet. Bd. II: Die Erzväter. Frankfurt a. M. Rütten & Loening 1914. XV, 446 S. 8». Geh. 7 Mk , geb. 8,50, 11 und 35 Mk. Während der erste Band: 'Von der Urzeit' die Sagen zu den ersten neun Kapiteln der Genesis behandelt (s. oben S. 97), enthält der zweite die Sagen von der Ausbreitung der Völker nach der Sintflut und von den Erzvätern; sie erstrecken sich auf die Kapitel 10 — 28 des ersten Buches Mosis. Die Übersetzung dieses zweiten Bandes hat vor dem ersten Bande insofern den Vorzug, als sie dem deutschen Sprachgeiste mehr angepasst ist. Auch in diesem Bande kann der ver- gleichende Religioiisforscher manches interessante Material finden. S. 26 wird die aus Sefer Hajjäsär entnommene Sage 'Stern Abrahams' behandelt, gemäss welcher die Weisen und Wahrsager gleich bei der Geburt Abrahams im Osten einen eigentümlich grossen Stern gesehen haben, der durch den Himmel lief und vier Sterne von den vier Himmelsrichtungen verschlang. Über diesen astrologi-^ sehen Aberglauben, der im Altertum weit verbreitet war, vgl. Scheftelowitz, Arch. f. Religionswissenschaft 14, 42 f.; Voigt, Die Geschichte Jesu und die Astrologie,. Leipzig 1911. — S. 209: 'Der Raub der Tubaistöchter', eine Sage, die ebenfalls im Sefer Hajjfisär erzählt wird und zum Teil an Richter c. 21 anklingt, ist eine Bearbeitung der römischen Sage von dem Raube der Sabinerinnen (Livius 1, 9). Schon der Umstand, dass die Jünglinge die Mädchen aus der Stadt Sabina rauben, weist darauf hin. — S. 213: Die griechische Sage von dem Prokrustes- Bett ist gleichfalls in die altjüdische Literatur eingedrungen. Bereits im Bab, Talm. Sanhedrin 109b wird sie erwähnt: Die sittenlosen Einwohner der Stadt Sodom hatten ein Bett, auf das sie jeden Fremden, der in dieser Stadt über- nachten wollte, hineinlegten. War der Fremde länger als das Bett, so kürzten sie dessen Füsse, war er aber kürzer als das Bett, so reckten sie seine Glieder aus und marterten so die Fremden zu Tode. Auf diese Talmudlegende spielt auch ein von Mose Ben Qalonymus verfasstes Gebet an, das sich im Malizör des 8. Pesalitages unter Saliarit- Gebeten befindet und mit den Worten: 'Mä mö'il räsä' beTiläw' beginnt. — S. 327: "Abraham hätte an seinem Halse eine grosse Perle getragen, und jeder Kranke, der darauf sah, sei alsbald geheilt worden'. Die Perle galt bei vielen Völkern als Amulett, so bei den alten Indern (Atharva- veda IV 10, Iff.), den Tschi-Negern und den Dajaks (vgl. Scheftelowitz, Schlingen- und Netzmotiv im Glauben und Brauch der Völker 1912, S. 30. 48), bei den Albaniern, Griechen und Ungarn (vgl. Zachariae, Wiener Ztschr. f. d. Kunde d. Morgenl. 17, 223 f.). Cöln a. Rh. Isidor Scheftelowitz. IValtlier Schulz-Minden, Das Germanische Haus in vorgeschichtlicher Zeit. Mit 48 Textabbildungen (Mannus-Bibliothek, herausgegeben v. G.Kossinna, Nr. 11). Würzburg, C. Kabitzsch 1913. VIII, 125 S. 8°. 4 Mk. (Sub- skriptionspreis 3,20 Mk.) Bücheranzeigen. 333 Seit sich die Ausgrabungstechnik an den Limes-Untersuchungen ausserordent- lich vervollkommnet hat, war eine systematische Ausdehnung der Hausforschung in die Vorgeschichte hinein mit Bestimmtheit zu erwarten. Von den zum Teil älteren skandinavischen Arbeiten abgesehen, haben gerade die letzten zehn Jahre Ergebnisse gebracht, die dringend einluden, sie mit den ethnographischen Forschungen in Beziehung zu setzen. Dr. Schulz-Minden hat sich dieser Aufgabe mit Hingabe und erfreulichem Erfolge unterzogen, wenn er sich auch aus guten Gründen auf die germanischen Reste beschränkte. Dass er sich als Schüler Kossinnas bekennt und die P'orschungen dieses vielbefehdeten Archäologen zum Ausgangspunkt nimmt, wird zwar nicht überall gutgeheissen werden, gibt ihm aber eine feste geographische Unterlage für seine Untersuchung. Sehr glücklich ist meines Erachtens die Methode, von den zeitlich jüngsten Formen auszugehen und das Haus der römischen und der La-Tene-Zeit zuerst zu behandeln. Es wird dadurch einerseits eine Brücke zu den literarischen Quellen geschlagen, anderer- seits aber die Möglichkeit gewonnen, die unbestimmten Verhältnisse der älteren Zeit von festen Richtpunkten aus zu durchleuchten. Der Verfasser kommt auf diese Weise ungezwungen über die frühe Eisen- und Bronzezeit, die er einheitlich zusammenfasst, in die Steinzeit. Auch er gelangt auf dem archäologischen Wege zu der Annahme eines nordeuropäischen bzw. germanischen Dachhauses, das kaum noch abzulehnen sein wird. Merkwürdigerweise hat er dabei das vertiefte Haus unbeachtet gelassen, das nicht nur einzelne Eigentümlichkeiten des späteren Hauses erklärt und daher nicht ohne Einwirkung auf die spätere Gestaltung des altnordischen Hauses geblieben sein kann, sondern dessen alte Vorherrschaft im Norden noch durch Beispiele aus den letzten Jahrhunderten bezeugt ist. Auch das Fehlen einer gemeingermanischen Bezeichnung für Wand und das spätere Auf- kommen der vom Verfasser mit Recht herangezogenen Flechtwand bei den Nord- und Westgermanen (S. 89) dürfte um so mehr mit dem Herauswachsen des ver- tieften Hauses aus der Erde zusammenhängen, als solche Flechtwände zur Be- kleidung der Erdwände in Schottland tatsächlich belegt sind (Proceedings of the Society of Antiquaries of Scotland 1902 S. 75; 1903 S. o6). Die rätselhaften Steinhäufungen von Biesdorf (1908) sind sicher keine Herdstellen, da sie in der Regel nur 1 — 2 Meter weit auseinanderliegen. Sehr mit Recht steht Verf. den Darstellungen der Markussäule in Rom misstrauisch gegenüber, die sich trotz der Autorität von Domaszewski und Petersen schwerlich als Abbildungen germanischer Häuser verteidigen lassen. Nicht ganz verständlich ist die Annahme einer Längs- laube bei dem Hause von Rings (S. 19 und 27), das Verf. richtig als ein Dach- haus ansieht, bei dessen Breite von 13 Metern eine 4 Meter weit vorgerückte Längslaube schlechterdings unmöglich ist. So zurückhaltend der Verfasser auch bei Verwertung der Hausurnen (S. 60) ist, so befremdet doch der aus ihnen ge- wonnene Schluss auf das gleichzeitige Vorkommen von Rund- und Viereckbau. Haben die Urnen vielfach eine runde Gestalt, so ist diese wohl weniger eine Nachbildung bestimmter Häuser als eine aus der Technik bedingte Anlehnung an die Topfform. Bis jetzt ist wenigstens in zweifellos germanischen Gebieten das gleichzeitige Vorkommen beider Haustypen archäologisch noch nicht nachgewiesen, obwohl es im Westen und auf altgriechischem Boden kaum zu bezweifeln ist. Diese sachlichen Ergänzungen sollen keine Herabminderung des Buches sein, das in seiner Anlage und Durchführung eine sehr wertvolle Bereicherung ist. Berlin-Halensee. Robert Mielke. 334 Notizen. Notizen. A. Hellwig, Ritualmord und ßlutaberglaube. Minden i. W., J. C. C. Bruns [1914}.. 174 S. 8°. Geb. 2 Mk. — Der durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der kriminellen Psychologie und Volkskunde bekannte Verfasser gibt zunächst einen Überblick über die hauptsächlichsten gegen die Juden gerichteten Ritualmordbeschuldigungen uDd -prozesse seit dem Jahre 1475 bis zu dem in letzter Zeit viel besprochenen Kiewer Fall im Jahre 1913; darauf weist er aus dem Pentateuch und der jüdischen Ritualliteratur nach, dass einerseits von einer rituellen Verwendung des Menschenblutes nirgends die Rede ist, andererseits aber die Vorschriften über den Blutgenuss und die Auffassungen vom Wesen des Blutes als Sitzes der Seele derartige sind, dass aus ihnen abergläubische Vorstellungen über die Verwendung von Menschenblut wohl erwachsen konnten. In der darauf fol- genden kriminalpsychologischen Betrachtung der Ritualmordprozesse kommt H. zu dem. Ergebnis, dass die belastenden Zeugenaussagen entweder bewusste Unwahrheiten oder — und zum grösseren Teile — unbewusste Aussagefälschungen darstellen. Auch die Gut- achten von Sachverständigen, die für die Existenz des Ritualmordes sprechen, erweisen sich ihm bei näherer Betrachtung als nicht beweiskräftig, dasselbe gilt für die Ge- ständnisse. Dass trotz alledem die Ritualmordbeschuldigungen nicht aufhören, liegt, ab- gesehen von der allgemein verbreiteten Anschauung von der übernatürlichen Kraft des Blutes, auch an dem Misstrauen, mit dem allgemein fremden Rassen, Andersgläubigen, Sektierern usw. begegnet wird; wurden doch bekanntlich auch christliche Sekten des Kiudermordes beschuldigt. Das 3. Kapitel ist dem Blutaberglauben im allgemeinen ge- widmet, dessen all«:emeine, auf Christen wie Juden wie Heiden sich erstreckende Ver- breitung mit vielen Beispielen bewiesen wird und der überall auf der Erde zu Straftaten und Morden das Motiv gewesen ist; auch bei den Juden ist er zugleich mit vielen anderen abergläubischen Vorstellungen, die sie zum Teil von anderen Völkern übernommen haben,, nachzuweisen. Der Verf. kommt zu folgendem Endergebnis (S. 156f.): 'Ebensowenig, wie man daran zweifeln kann, dass ein abergläubischer Christ auch heutigen Tages unter Umständen noch einen Mord aus Blutaberglauben begehen kann, ebensowenig lässt sich in Abrede stellen, dass auch ein abergläubischer Jude einen Mord aus Blutaberglauben verüben kann.' Man darf Avohl sagen, dass H.s Buch das Bedeutendste und Reichhaltigste ist, was bisher über die immer wieder auftauchende Ritualmordfrage geschrieben ist. Stracks Schrift 'Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit (;;i892. 5.-7. Aufl. 1900\ aus der H. viele seiner Angaben entnommen hat, wird von ihm an Reichhaltigkeit des Materials bedeutend übertroffen. Neu und wichtig ht besonders die Behandlung der Frage vom kriminalpsychologischen Standpunkte aus und anerkennenswert die Ruhe und Unparteilichkeit, mit der der Verf. das heikle Thema behandelt, das so oft der Gegen- stand hetzerischer und unwissenschaftlicher Schriftstellerei gewesen ist. [F. B.] Th. Imme, Vosskühlers Pitt. Eine Geschichte aus dem Altessener Kinderleben. Essen, G. D. Baedeker 1914. IV, G5 S. 8'\ 0,40 Mk. — Im Rahmen einer einfachen Erzählung stellt der Verf. allerlei Meinungen, Gebräuche, Sprichwörter, Reime u. dgl. zusammen, wie sie dereinst das Leben eines Essener Kindes von der Geburt bis zum Ein- tritt in die Lehre begleiteten. Von wissenschaftlicher Bedeutung ist das Buch nicht, da gediuckte Quellen nicht angegeben Averden; von solchen abgesehen, konnte sich der Verf. der Beihilfe einer alten Essenerin erfreuen, er selbst ist kein Essener von Geburt. Wesentlich Neues wird nicht geboten, immerhin wird das Büchlein in dem kleinen Kreis, für den es wohl bestimmt ist, mit Interesse gelesen werden. [F. B.] R. Kleinpaul, Volkspsychologie. Das Seelenleben im Spiegel der Sprache.. Berlin und Leipzig, G. J. Göschen 1914. VII, 211 S. 8°. Geh. 4.60 Mk., geb. 5,50 Mk. — Der Verf. unterscheidet die 'Volkspsychologie' als Psychologie der durchschnittlichen Einzelnen von der Völkerpsychologie als der Lehre vom Denken der Kollektivseele — eine nötige, aber oft schwer durchzuführende Unterscheidung. Seine eigene Aufgabe sucht er zu lösen, indem er die Metaphern, zu denen die volkstümliche Vorstellung (wie übrigens die gelehrte auch!) notwendig greift, in einer Folge inhaltlicher Gruppen zu- sammenstellt: 'Das Gemüt und die Schimäre der Gemütsbewegungen', 'Arbeit, die der Notizen. 335- Seele gegeben wird' u. dgl. Das wäre nun alles schön und gut, wenn die Etymologien sicherer wären und wenn vor allem der vielbelesene und witzige Verf. seinem Hang zum Kombinieren und zum "Witzeln nicht gar so unbedingt nachgeben wollte. Es macht aber nicht jedem Vergnügen, Überschriften zu lesen, wie (S. 97): 'Rechter Sinn und Irrsinn. Der Luftballon, das Delirium, die Verrücktheit. Die Gerechtigkeit'. Schliesslich sollte doch auch die populärste Darstellung in einem anderen Stil geschrieben sein als eine Humoreske von Hartleben! [Richard M. Meyer.] R. Kühn au. Sagen aus Schlesien (mit Einschluss Österreichisch-Schlesiens) ge- sammelt und hsg. Berlin-Friedenau, H. Eichblatt [19 W]. XVI, 182 S. 8° mit Abbildungen. 2,50 Mk. (Eichblatts Deutscher Sagenschatz Bd. 4). — Für den schlesischen Band des nützlichen Eichblattschen Sammelwerkes war Kühnau, der kürzlich ein vierbändiges Corpus der schlesischen Sagen vollendet hat (oben 23, 210), sicherlich der geeignetste Bearbeiter. Er hat für weitere Kreise die besten und bezeichnendsten Stücke jenes grossen Werkes ausgewählt und auch vou den dort übergangenen Rübezahlsagen und geschichtlichen Erzählungen einige hinzugetan. Die Anordnung der 223 Nummern schliesst sich im all- gemeinen den früheren Bänden an; das Vorwort berichtet über die älteren schlesischen SagensammluDgen seit Prätorius 'Daemonologia Rubiuzalii' ;^1662\ [J. B.] Elisabeth Lemke, Asphodelos und anderes aus Natur- und Volkskunde, 1. Teil. Alienstein, Harich 1914. VIII, 219 S. — Die als treffliche Kennerin des Volkstums ihrer ostpreussischen Heimat bekannte Verfasserin, die seitdem durch ausgedehnte Reisen und Studien ihren Beobachtungskreis erweiterte, legt uns eine Sammlung ihrer in Zeitschriften und Zeitungen zerstreuten Aufsätze vor. In diesen Skizzen und Vorträgen geht sie nicht darauf aus, ihren Gegenstand systematisch und erschöpfend zu behandeln, sie besitzt aber die nicht gering zu schätzende Gabe, durch Mitteilung persönlicher Eindrücke und Lese- früchte auch in Fernerstehenden das Interesse an unserer Wissenschaft anzuregen. Und sollte ein allzu kritisch gestimmter Leser an dem frischen Plaudertone oder dem mit raschen Übergängen hierhin und dorthin springenden. Wichtiges und Nebensächliches neben- einander setzenden, obwohl keineswegs geistreichelnden Stile etwas auszusetzen haben, so wird auch der ernste Forscher hier ausgedehnte Kenntnis, gewissenhafte Quellenzitate und manche ihm neue und wertvolle Tatsache entdecken. So bietet der erste Aufsatz über den Asphodelos, aus dessen Wurzeln in Frankreich, Italien und Spanien ein Brannt- wein (porrazzo, cardillioni, gamon) hergestellt wird, ein hübsches Bild persönlicher Forschung. Es folgen Artikel über den Wacholder, die Rose, den Birnbaum, die Pimpinelle, den Judenbaum (Cercis Siliquastrum\ den Kaffee, ferner über einige Tiere: Mäuse und Ratten, den Raben, die Krähe, die Gans, Frösche und Kröten, den Karpfen, Houig und Wachs, und endlich über die rote Farbe; einige davon werden den Besuchern unserer monatlichen Versammlungen das Andenken an dort gehörte Vorträge erneuern. [J. B.| Quickborn-Bücher, herausgegeben vom Quickborn, Vereinigung von Freunden der niederdeutschen Sprache und Literatur in Hamburg, e. V. 3. Band: Schnack und Schnurren von Friedrich Wilhelm Lyra, hsg. v. G. Kiihlmann. Gl S. — 5. Band: Fink- warder Speeldeel, zwei plattdeutsche Einakter von Gorch Fock und Hinrich Wriede. 65 S. Hamburg, A. Janssen 1913-1914; je 50 Pf. — Lyras 1844 erschienenes Werk 'Plattdeutsche Briefe, Erzählungen und Gedichte' ist nur wenig bekannt geworden, obwohl es als Fundgrube für Ausdrücke, Wendungen, Sprichwörter wie auch für volkstümliche Gebräuche u. dgl. keineswegs zu verachten ist. So ist es erfreulich, dass in dem vor- liegenden Bändchen dem Publikum eine die wichtigsten Stücke jenes Buches enthaltende Auswahl in lesbarer Form geboten wird. Der Herausgeber hat die lästige Briefform des Urbildes aufgegeben und das Schrift system Lyras, der eine möglichst lautgetreue Wieder- gabe anstrebte, wesentlich vereinfacht und gut daran getan. Auch so bietet Lyras Sprache, die Osnabiücker Mundart, wie sie im Anfang des 19. Jahrhunderts gesprochen wurde, dem etwa nur an Reuter und Groth gewöhnten Laien genug der Schwierigkeiten. Viellficht könnte aus diesem Grunde bei einem Neudruck das Wörterverzeichnis erweitert werden, das jedenfalls tür Fernerstchende zurzeit nicht ausreicht. Doch wird der, der sich in die Schnurren Lyras hineinliest, sicher reich belohnt werden durch die Fülle des hier gebotenen urwüchsigen Sprachtums und die humorvolle Darstellungsweise des Ver- 336 Notizen. fassers, der auch sachlich Tiel Interessantes einflicht. — Das 5. Bändchen enthält einen Einakter ernsten Inhalts 'Cili Cohrs' von G. Fock und ein heiteres Spiel aus dem Finken- werderer Dorfleben 'Leejje Lud' von H. Wriede; beide Verfasser sind bereits früher mit mundartlichen Dichtungen hervorgetreten. Die Absicht des Quickhorn-Vereines, mit diesen beiden Stücken literarisch wertvolle Erzeugnisse für läebhaberaulführungen in platt- deutschen Vereinen zu bieten, ist lobenswert, und in der Tat sind die beiden Einakter durchaus zu diesem Zwecke geeignet. [F. B.] F. Sarasin, über die Aufgälben des \Yeltnaturschufzes (Denkschrift gelesen an Wiegestöcke). Ebenda S. 190. Gniedelsteine, Bötzettel und Talisman aus Lenzen a. d. Elbe. Ebenda S. 202. E. Bracht, Volkstümliches von den Nordfriesischen Inseln. Bd. 1, Heft 6 (1900) S.226. — F. Weinitz, Zur älteren Volkskunde des Grossherzogtums Baden. Ebenda S. 265. Marie Eysn, Das Gadelraachen, eine Hausindustrie im Berchtesgadnerlande. Bd. 1, Heft 7 1901) S. 289. — R. Mielke, Bauernschmuck. Ebenda S. 296 und Bd. 2, Heft 1 ,1903) S. 25. E. Lemke, Aus den auf Tod und Begräbnis sich beziehenden Sammlungen des Museums. Bd. 2, Heft 1 (1903) S. 40. — A. Treichel, Marianne von Zoppot. Ebenda S. 52. A. Voss, Verzeichnis von volkskundlicheu Sammlangen und Museen in Deutschland und den Nachbarländern. Bd. 2, Heft 3 (1905) S. 79. — K. Brunner, Handspinnerei und volkstümliche Seilergeräte. Ebenda S. 118. — F. Weinitz, Die Kunst auf dem Lande. Ebenda S. 125. H. von Preen, Eine Wallfahrtswanderung im oberen Innviertel mit Berücksichtigung der Löffelopferung. Bd. 2, Heft 4 ,1906 S. 168. — H.Förster, Die Frauenkopf- tracht der Vierlande. Ebenda S. 187. — H. Müller-Brauel, Mitteilungen zur Bardowiker Trachtenkunde. Ebenda S. 201. Die späteren Hefte erschienen gleichzeitig in der 'Zeitschrift des Vereins für Volkskunde'. Weinitz: Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden. 361 Abb. 1. Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Von Franz Weinitz. (Mit drei Abbildungen.) Auf der zweiten gemeinsamen Tagung für Denkmalspflege und Heimatschutz, im September des vorigen Jahres in Dresden abgehalten, hat wohl mancher Teilnehmer, gleich mir, die Gelegenheit wahrgenommen, das erst vor kurzem eröffnete Landesmuseum für Sächsische Volkskunst zu besuchen. Ich konnte den Besuch in diesem Frühjahre unter der freundlichen Führung des Hofrats und Professors O. Seyffert, des Vor- sitzenden des Vereins für Sächsische Volkskunde in Dresden, wiederholen und will nun versuchen, in Kürze eine Schilderung des Hauses und seines Inhaltes zu geben. Das Museum befindet sich im Jägerhofe auf der Neustadt, Aster- strasse 1, hinter dem leider recht unschönen modernen Bau des Finanz- ministeriums, welcher der Brühischen Terrasse gegenüber sich auf dem rechten Eibufer erhebt. Der alte Jägerhof war, wie Aulagen dieser Art zu sein pflegen, ein Durcheinander von Gebäuden und Höfen, von denen ein- zelne bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückgingen. Manches wurde später niedergerissen, und neue Bauten (1720 — 1740) erhoben sich und veränderten so das ursprüngliche Bild, bis dann nach 1870 — das Militär, das hier gelegen, bezog seine neuen Kasernen — mit dem 362 Weinitz: völligen Abbruch begonnen wurde. Auch der künstlerischste Bauteil, ein Eenaissancebau aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts, war schon bedroht und sollte der Spitzhacke ausgeliefert werden, als es dem Einsprüche verständiger und kunstbegeisterter Männer gelang, das Gebäude zu retten und für eine Sammlung von Gegenständen sächsischer Volkskunst zur Verfügung zu stellen. Was Hofrat Seyffert viele Jahre hindurch, immer im Hinblick auf ein künftiges Museum, mit Eifer und Glück gesammelt, fand nun ein sicheres, der Allgemeinheit zugängliches Heim. Einem solchen Eifer fehlte dann auch nicht die Beihilfe des Staates, der Stadt und vieler Privatpersonen. Die Erkenntnis wurde allgemein, dass mit diesem Museum für das Studium der Kulturgeschichte des Königreichs Sachsen die wichtigste Stätte geschaffen sei. Der Jägerhof (Abb. 1) stellt sich dank der geschickten und ver- ständigen Erneuerung als ein schmucker Bau dar, der von Nord nach Süd gerichtet ist und drei Treppentürme auf der Ostseite hat. Ein zierlicher Renaissancegiebel als südlicher Abschluss erfreut durch seine anmutige Form das Auge. Die Zahl 1617, oben am Giebel, zeigt an, in welches Jahr die Vollendung dieses Gebäudes zu setzen ist. Das Erdgeschoss, wo in alter Zeit die Meute der englischen Doggen untergebracht war, wird gebildet aus zwei langen, gewölbten, durch Pfeiler voneinander ge- schiedenen Schiffen, und man bewahrt gern das Bild in der Erinnerung, das sich einem bietet, wenn man vom Vorräume — der Eingang ist von der Südseite her — hinunter schaut bis zum entgegengesetzten Ende des OstschifFes. Im westlichen Schiffe sind durch Trennungswände zwischen Pfeiler und Wand einige Räume geschaffen, die zu Stuben eingerichtet worden sind. Im ersten Stocke befindet sich nur ein einziger Raum, der frühere Jagdsaal, der die für seinen jetzigen Zweck nötigen Veränderungen — Einbauten und Stuben — erfahren hat. Das Dachgeschoss, der Boden- raum, enthält eine reichhaltige Sammlung von Bauernmöbeln, die, nach der Zeitfolge geordnet, für Studienzwecke zugänglich sind. Es ist ein frohes, farbiges Bild, das uns hier überall geboten wird. An der langen Wand unten im Erdgeschoss finden wir Bauernmöbel, Brot- und Kleiderschränke aus verschiedenen Gegenden, Krüge, Teller, Holz- und Eisengerät aufgestellt. Gegenüber dieser Wand aber sind drei Stuben aufgebaut: eine Stube aus der Dresdener Gegend mit vielem bäuerlichen Zinn und einem festlich gedeckten Tische für eine Tauf- gesellschaft hergerichtet (Abb. 2); eine Lau sitz er Stube mit bemaltem und geschnitztem Himmelbette (1833), mit Schrank und Kachelofen; eine kleinbürgerliche Wohnstube mit Sofa und Kaffeetisch, Glasschrank, gelbem Stückofen, mit Ölbildern und einem Kronleuchter, den eine kunst- fertige Hand mit Perlenstickereien verziert hat. In den anderen Räumen hier unten, die nicht 'Stuben' sind, finden wir ausgezeichnete Beispiele von Truhen, Wiegen, Himmelbetten und anderem Hausrat. Unter den Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden. 363 Töpfer- und Glaswaren — darunter sind auch fremde, die in Sachsen Heimatrecht erworben haben — fallen die schönen, grossen Teller mit dem sächsischen Kurwappen besonders auf. Dazu kommen zwei Teller- «chränke, der eine aus Wallroda bei Radeberg, der andere aus der Lausitz (1805). Auch der dörflichen Friedhofskunst, die in der jüngsten Zeit mit Recht wieder zu Ehren gekommen ist, hat der Schöpfer des Museums zwei Räume zur Verfügung gestellt. Natürlich ist die Dresdener Heidegegend nicht vergessen worden. Ihre Dörfer haben Zinngefässe und Waldzeichen hergegeben, und auf das fröhliche Jagen im Moritzburger Forste weisen die Jagdlappen hin. Am Ende der Halle, also nach Norden hinaus, hat sich der Vorstand des Vereins ein gemütliches Sitzungszimmer eingerichtet, und somit darf man sicher sein, dass der gute Geist des Hauses auch auf seine fernere Tätigkeit bestimmend ein- wirken wird. Im Obergeschosse, das wir über die Wendeltreppe des letzten Treppenturmes erreichen, sehen wir Arbeiten aus der jüngsten Zeit aus- gestellt, die unter dem Einflüsse und der Einwirkung des sächsischen Heimatschutzes entstanden sind. Das Alte in zweckentsprechender Weise wieder aufleben zu lassen, ist das Bestreben und Bemühen des Vereins. Der Erfolg ist ihm, wie man hier sehen kann (Bergmannsleuchter, Spiel- zeug und anderes mehr), nicht versagt geblieben. Was auf Volks- belustigungen (Kasperltheater), Sitten und Gebräuche Bezug hat, kommt hier oben gleichfalls gut zur Schau, und dankbar ist es zu begrüssen, dass die Privilegierte Scheibenschützengesellschaft in Dresden zwei grosse Scheiben (1794 und 1816), das Modell des Vogels auf der Dresdener Vogelwiese, Originalstücke desselben, Rüstung und Winde aber die Privilegierte Bogenschützengilde in Dresden gespendet haben. Die Dresdener Vogelwiese, das Oktoberfest in München und der 'Dom' in Hamburg, diese drei Volksfeste im wahren Sinne des Wortes sind es, die — wenn auch etwas verkümmert gegen die früheren' Zeiten — den Massenfrohsinn der unteren deutschen Volksschichten bis in unsere Tage hinein gerettet haben. Das Erzgebirge ist erst in jüngster Zeit das Reiseziel auch ferner wohnender Naturfreunde geworden. Es hat eine alte, bisher wenig be- achtete Kultur, Die Weihnachtspyramiden und -berge, auch Krippen ge- nannt, die 'Bergwerke' und so manches andere, das mit der dortigen Hausindustrie (Klöppelarbeiten), mit dem Bergbau zusammenhängt, wird uns hier im Museum in auserlesenen Stücken vorgeführt. Und nun die Volkstrachten: die Altenburger, die evangelischen und katholischen Wenden, die Bewohner des Meissnischen Hochlandes, die Vogtländer, die aus der Dresdener Heide, all das Schmucke und Schöne und Gediegene ihrer Tracht, hier ist es zusammengebracht, hier bietet es dem Besucher eine, vielleicht unerwartete, Augenweide. Wer im Königreiche viel 364 Weinitz: K Das Landesmuseum für Sächsisclie Volkskunst in Dresden. 365 366 Weinitz: Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden. herumgekommen, wird manches bekannte und ihm liebe Stück hier wiederfinden. Reihenschankzeichen grüssen ihn von den Wänden, und den grossen Königsvogel, den der glückliche Schütze an der Giebelseite seines Hauses annagelt — ich entsinne mich solcher Siegeszeichen aus dem Tale unter dem Oybin — kann er hier aus nächster Nähe bestaunen. Das alles führt uns so recht zu Gemüte, dass jetzt noch wie einst ein fröhlicher Sinn im Volke lebt und sauren Wochen frohe Feste folgen. Hier oben warten aber auch noch vier Stuben darauf, dass wir ihnen Beachtung schenken. Das ist die Vogtländische Hutzen(Spinn)- stube, die ihrer fünf Besucherinnen harrt. Ein Raum, ausstaffiert mit Himmelbett, Kleiderschrank, Ofen und der nach ihrem Äusseren so ge- nannten 'Schürzenuhr'. In der Lausitzer Weberstube herrscht die Armut, blau ist sie getüncht, am Ofen das Wandtellerbrett. Der alte Webstuhl dient zum Stoffweben. Sehr reizvoll ist und die Wohlhaben- heit ihres Besitzers spiegelt wider die Grossschönauer Daraast- weberstube (Abb. 3). Da drinnen sieht's wohnlich aus, und freundlich scheint die liebe Sonne hinein. Ein grosser Damastwebstuhl, der bis 1830 im Gebrauch war und jüngst geschickt wiederhergestellt wurde, ein prächtiger alter Ofen mit blauer Bemalung, die Ofenbank mit der soge- nannten Hölle, der Tisch in der Ecke mit Krügen, die Bilder an den Wänden, die kunstvoll bemalte Wiege — alles dieses legt Zeugnis ab dafür, dass es dem fleissigen und geschickten Damastweber dort im Süd- ostzipfel des Königreichs ganz gut ging. Die sächsische Wendei, in der Oberlausitz, tritt uns entgegen in der Wendischen Woche nstube, deren Bett mit weissen Linnen dicht verhängt ist. An seiner Stirnseite, gleichsam als Schutz, steht der grosse Kleiderschrank. Der Wandanstrich ist gelb mit blauer Borte. Was der Museumsbestand sonst noch an kleinerem Gerät, an Zinn- krügen und -tellern, Handmühlen, Beleuchtungsgegenständen, Holz- schnitzereien, Schränken und' Truhen besitzt, ist, soweit es nicht im Bodenräume sich befindet, hier im Obergeschosse an der Fensterseite und in dem grossen Ausstellungsschranke aufgestellt. Abbildungen alter Bauernhäuser aus dem Königreiche und seinen Grenzgebieten — durch Modelle solcher Häuser zeichnet sich ja gerade unsere Berliner Königliche Sammlung für deutsche Volkskunde aus! — sind auch hier, wie nicht anders zu erwarten, in guter Auswahl aufgehängt. Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst hat vor manchen ähn- lichen Museen vor allem das voraus, dass es in einem Gebäude unter- gebracht ist, wie es sich ein besseres wohl kaum wünschen konnte. Welche Freude und welche Genugtuung muss es nicht seinem Schöpfer, Hofrat Seyffert, bereitet haben, die Gegenstände in diese weiten, lichten Räume einzuordnen, den Forderungen der Wissenschaft und des Ge- schmackes entsprechend! Und sollte er nicht jetzt schon, wenn auch Pessler: Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. 3G7 kaum ein Jahr verflossen, seitdem er seine Sammlung der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat, an sich des Dichterwortes Wahrheit erfahren haben: „Segen ist der Mühe Preis"? Berlin. Aufgaben der deutschen Sach-Geographie, Von Wilhelm Pessler. Die deutsche Sach-Geographie umfasst räumlich das gesamte deutsche Sprachgebiet, inhaltlich die gegenständliche Volkskunde, metho- disch die geographische Verbreitung der volkskundlichen Sachen. Sie ist also einerseits ein Teil der Sach-Forschung, welche ausser ihr die Sach- Beschreibung und die Sach-Geschichte enthält, andrerseits ein Teil der Ethno-Geographie, welche die vier Hauptteile Körper, Geist, Sprache und Sache des Menschen in ihrer geographischen Verbreitung erforscht. In die Sach-Geographie gehört das jetzige und ehemalige Besitztum des Volkes. Eine zeitliche Grenze lässt sich hier eigentlich nicht ziehen; aus praktischen Gründen werden hingegen die vorgeschichtlichen Funde von einer eigenen Wissenschaft, der Prähistorie, behandelt und in eigenen Museen oder Museumsabteilungen gesammelt. Auch eine räumliche Beschränkung ist schwierig, aus Gründen der Zweckmässigkeit aber an- zuraten. Wenn auch die Ausgangspunkte mancher Sachwellen ausserhalb des Deutschtums liegen und andrerseits der deutsche Einfluss weit darüber hinausgestrahlt hat, so ist das deutsche Sprachgebiet doch als Pahnien für unsere Forschung festzuhalten. Für einen Teil Deutschlands hat Wolfram (als Vertreter der Gesellschaft für lothringische Geschichte und Altertums- kunde, Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 1904) methodisch wichtige Winke gegeben. Er fordert hier systematische Zusammenstellung der Forschungsergebnisse aus den Teilen Deutschlands, die nicht unmittelbar dem römischen Herrschafts- bereich angehörten. Sein Ziel ist die Erkenntnis, „wie sich bei Berührung zweier Völker die beiderseitigen Kulturen durchdrungen und beeinflusst haben." Als Mittel empfiehlt er die Zusammenfassung aller Funde aus dem freien Germanien, die als 'materielle Erinnerung an den römischen Einfluss' gelten können. Im Anschluss an diesen Vortrag betonte Höfer die Notwendigkeit, die nur römisch scheinenden Einflüsse, wie z. B. kel- tische Urnen und Fibeln, von den echtrömischen scharf zu trennen und als letztere besonders die Münzen, Bronze-, Silber- und Goldgeräte, Glas- becher, Statuetten und die echtrömischen Tongefässe ins Auge zu fassen; 368 Pessler: auch der römische Einfluss auf die Gebräuche sei nicht zu vergessen, z. B. die Sitte, dem Toten eine Münze beizulegen, die schon im 2. Jahrhundert im Mansfeldischen bestanden habe, wo ein Brandgrab in Oberwiederstädt dies ausweise. Später, und zwar schon im 5. Jahrhundert, habe der vom Rhein ausgehende Einfluss schon fränkischen Charakter angenommen. Wie auch hier der ethnologische Gesichtspunkt überall der ausschlag- gebende ist, so wird er auch in der übrigen deutschen Sach-Geographie, soweit sie spätere Jahrhunderte und die Jetztzeit behandelt, wichtiger sein als der rein verkehrs-geographische. Mit Recht nennt Otto Lau ff er (Museumskunde 2, 12) die volkskundlichen Realien „die äusserlich sicht- baren Beweise für eine grosse Reihe von Kulturwellen, die sich in früherer Zeit über die betreffende Landschaft ergossen haben"; wenn er sie für um so wertvoller hält, je typischer sie sind, so ist dem in vollem Masse bei- zustimmen. Diejenigen Sachen, welche ausser der Yerkehrsbeziehung auch ein Zeichen von fortgesetzter Lebens- und sogar Blutsgemeinschaft sind, werden Zeugnisse nicht nur von Sachwellen, sondern auch von Volkstumswellen, Bei der Verbreitung verhalten sich in der Sach-Geographie der Gegenstand und seine Form zueinander ähnlich wie bei der Sprach-Geo- graphie das Wort und seine Lautgestaltung: bei beiden haben wir ent- weder den Gegensatz von Gebieten, wo der Gegenstand oder das Wort vorhanden ist, und solchen, wo er sich überhaupt nicht findet (z. B. die friesischen Bettpfannen und das Wort Schreiner), oder den Gegensatz von Landschaften, wo die Sache und das Wort so geformt ist, und Landschaften, wo beide anders geformt sind (z. B. das Fenster in seinen vier verschiedenen Formen und Fipe = Pfeife). Die Landkarten sind in der zusammenfassenden Sach-Geographie möglichst in gleichem Massstabe zu zeichnen, damit der Vergleich er- leichtert wird; es ist zweckdienlich, wenn sie ausser dem Flussnetz recht viele bekannte Ortschaften als Merkpunkte enthalten. An Reichhaltigkeit der sachlichen Kultur wird es Deutschland voraussichtlich mit jedem anderen Volke aufnehmen können, wie ja das deutsche Volk auch in körperlicher, geistiger und sprachlicher Hinsicht zu den mannigfaltigsten der Welt gehört. Die Forschung ist um so leichter, je kleiner das Gebiet eines Volkes ist; sie ist aber um so wichtiger, von je grösserer Bedeutung das betreffende Volk für die Weltgeschichte ist. Die ungeheure Menge von einzelnen Sachen, welche in der Volks- kunde zu behandeln sind, teilen wir der Übersicht halber in verschiedene Gruppen: 1. Die Nahrung. Verschiedenartig, wie die Landschaft, das Klima und die Bevölkerung Deutschlands, sind auch seine Esswaren. Gleich das notwendigste Nahrungs- Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. 369 mittel, das Brot, ist sach-geographisch von grosser Bedeutung, sowohl was seinen Stoff, wie seine Form anbelangt. Vom Material des Brotes scheint der Dinkel ethnologisch das wichtigste zu sein; hat man doch sogar die Grenzen des Gebiets, wo er das Hauptbrotkorn ist, mit den alten Alemannen- grenzen in Beziehung bringen wollen. Allerdings findet er sich beim Brotbacken auch weit darüber hinaus als Beimischung zu anderem Ge- treide. Die Formen des Brotes sind sowohl beim täglichen Hausbrot wie beim Feinbrot und beim Festgebäck verschieden. Von Formen des Haus- brotes seien hier die süddeutschen kreisrunden Laibe und länglichen Kipfe angeführt, das 'Kastenbrot' Norddeutschlands, das Prem- oder Präbenbrot in Osnabrück (aus Weizenmehl mit Milch angemengt) in der Form eines liegenden Zylinders mit zwei Wülsten, der spitz-elliptische Bauernstuten (aus Roggen) im Osnabrückschen und das gleichgeformte Weizenkorinthenbrot aus derselben Gegend, die Kastenform des Pumper- nickels. Die Verbreitung der Salzstangen scheint neueren Datums zu sein. Ganz auszuscheiden von der Forschung sind die wohlschmeckenden Salzstangen, die in Lüneburg und Rosslau neuerdings gebacken werden. Der Vorgang des Völkermuseums in Bremen, die typischen Formen des täglichen Gebrauchbrotes vereinigt in einem grossen Schauschranke aus- zustellen, verdient gewiss Nachahmung. Ein volkstümlich wichtiges Fein- brot sind die Zwiebäcke, welche in sehr mannigfacher Form vorkommen. Ich führe hier nur die länglichen, schmalen, beiderseitig ebenen Zwiebäcke an, die man in Fürstenau (bei Quakenbrück) und Umgegend findet. Nächst den Zwiebäcken wichtig sind die Kringel (z. B. die Harburger Krengel) und Brezeln. Bekannt ist der Bremer 'Klaben' und der Hildesheimer Pumpernickel, der etwas ganz anderes ist als der westfälische. Unter dem Festgebäck hat der Krapfen bereits von berufener Seite Beachtung ge- funden. Untersuchungen über die Stollen und andere aus besonderem Anlass gebackene Kuchen und die süddeutschen Fastenbrezen haben sich anzuschliesseu. Die Kartoffel erscheint in mannigfacher Form auf dem Tische, z.B. als Kartotfelpufifer, der in Nordwestdeutschland anders gestaltet ist als in Oberfranken; hierher gehört auch der Pickert aus der Umgegend von Melle, ein Kartoffelreibekuchen, der dem Puffer ähnlich ist, jedoch ohne Fett gebacken wird. Die Suppen sind ebenfalls sehr verschieden. Eine Frage, die hier z. B. zu lösen wäre, ist die Feststellung der Endgrenze der süssen Suppen Norddeutschlands. Die Klösse haben offenbar schon seit langer Zeit im Volksleben eine grosse Rolle gespielt. So erwähnt Gustav Freytag ihr Vorkommen in Thüringen und schreibt ilmen beinahe die Bedeutung eines Volkstums- merkmals zu, wenn er sagt („Die Ahnen" L Ingo, Kap. 5: In den Wald- lauben) „...., dann zogen die Vandalen ihre Mienen kraus und summten Zeitschr. d. Veruius f. Volkskunde. 19U. Heft 4. 24 370 Pessler: ein höhnendes Wort, das sie erfunden hatten, weil die Tliüringe bei ihren Mahlzeiten runde Ballen aus Teig von Weizenmehl vor vielem andern hochachteten." Die 'Thüringer Klösse' sind ja heute noch bekannt genug, doch bestehen sie jetzt in der Hauptsache, ebenso wie die Oberländer Klösse Oberfrankens, aus Kartoffeln mit einem Kern von gerösteten Brot- würfelu. Die in Bayern vorkommenden Leberknödel und Weckklösse werden sich vielleicht durch geographische Abgrenzung als ethnologisch wichtig erweisen. Die Bremer Klösse (im alten Herzogtum Bremen) oder Kehdinger Klösse (Land Kehdingen, eine Eibmarsch im Lande Bremen) bedürfen, gleich allen andern Klössen, einer fetten Sauce, um geniessbar zu sein. Von Mehlspeisen, soweit sie nicht zu den Klössen gehören, sind die in Alemannien so häufigen 'Spätzle' zu beachten. — Vielleicht erweist sich auch Hirsebrei und Buchweizenpfannkuchen als wichtig. — Die süsse Brotauflage ist bekanntlich am Niederrhein das Apfelkraut, sonst vielfach das Zwetschgenmus; vom Sünteltale erzählte man mir, dass mau dort 'Stipsel' zum Brot geniesse: ein aus Zuckerrüben gekochter Saft, in den das trockene Brot hineingetunkt 'hiueingestippt' wird; die Ostgrenze dieses Stipselgebiets zwischen Deister und Süntel soll bei der Stadt Münder liegen. Wieweit die rote Grütze eine Speise der Skandinavier und Nieder- deutschen ist, wäre noch festzustellen. Butter und Käse sind nach Zusammensetzung und Form sehr ver- schieden. Der norddeutschen gesalzenen Butter steht die süddeutsche un- gesalzene gegenüber. Die grosse Mannigfaltigkeit in Art und Form der Käse ist zu bekannt, als dass sie hier besonderer Erwähnung bedürfte. Von Käsegerichten nenne ich hier den norddeutschen Kochkäse und die Allgäuer 'Käsespatzen'. Die grosse Mannigfaltigkeit in der Wurstbereitung in deutschen Gauen ist bekannt, aber unsres Wissens leider noch nicht Gegenstand einer Monographie geworden, obwohl die Ergebnisse wahrscheinlich von grösster Bedeutung sein würden. Hier seien nur zwei Beispiele angeführt, die ich freundlicher Mitteilung verdanke. Erstens zeigt die Zusammen- setzung der Blutwurst eine Verschiedenheit zwischen einem nördlichen und einem südlichen Gebiet; im nördlichen Bezirk wird sie mit Mehl ver- setzt, im südlichen nicht; die Grenze soll ungefähr von Northeim in Han- nover bis zur Saalemündung laufen. Zweitens handelt es sich um den Unterschied zwischen Grützwurst und Weisswurst; bei der ersteren wird das minderwertige Fleisch mit Gerstengrütze gemischt, bei der letzteren mit Weissbrot. Die Scheidelinie, welche diese beiden Gebiete trennt, soll mit der oben genannten Linie Northeim — Saalemündung übereinstimmen. Auch die Zusammensetzung des Mahls ist nicht überall dieselbe; z. B. soll in Österreich der Salat nicht zum Saftbraten, sondern nur zum trocknen Braten genossen werden. Aufgaben der deutschon Sach-Geographie. 37 j Unter den volkstümlichen Getränken ist der Deutsche seit alters besonders dem Bier zugetan. Aus der grossen Anzahl der verschiedenen Biere (z. B. Berliner Weisse, Leipziger Gose, Braunschweiger Mumme, Hannoverscher Broyhan, die verschiedenen bayrischen Biere usw.) kommen für die volkskundliche Sach-Geographie nur diejenigen in Betracht, welche altes Erbgut bestimmter Volksgemeinschaften sind. Es ist nicht unmöf- lieh, dass auch die alten Grenzen zwischen hellem und dunklem Bier von mehr als verkehrsgeographischer Bedeutung sind. Für die volkstümlichen Esswareu und Getränke gibt es unseres Wissens überhaupt noch keine Landkarten; denn von dergleichen Karten, wie sie die 'Weinkarte von Europa' darstellt, w^elche die ver- schiedenen weinproduzierenden Länder und Ortschaften angibt, z. B. Bomst in der Provinz Posen, welches den jetzigen nördlichsten Weinbau- ort der Erde darstellt, müssen wir natürlich absehen. Die nächste Auf- gabe der volkskundlicheu Nahrungsmittelforschung ist, das bisher Er- arbeitete aus der Literatur zusammenzufassen und in Karten darzustellen, welche allerdings grosse Lücken aufweisen werden. Sodann muss im grossen Massstabe, sei es durch Aussendung von Yolkskundeforschern, sei es durch Fragebogen, die Yerbreitung des Brotes, z. B. die Grenzen des Schwarzbrotes und der Wurst, sowohl nach Zusammensetzung wie nach Form, festgelegt werden. Mit dem Beginn der Arbeit darf hier nicht lange gezögert werden, weil auch auf dem Gebiet der Esswaren die volks- tümlichen Überlieferungen einer starken Verdrängung und Vermischung ausgesetzt sind. 2. Die Kleidung. Anstatt die Behauptung aufzustellen, dass die Hausformen und Volks- trachten durchaus nicht ethnisch bedingt seien, hätte man sich einesteils aus den bisher erschienenen Haustypenkarten von den Beziehungen zum Stammestum überzeugen und andernteils selbst eine Trachtenkarte ent- werfen sollen, durch welche die zweite Hälfte jener Behauptung bewiesen wird. Selbstverständlich sind die Faktoren bei Kleidung und Haus zu mannigfaltig, als dass man sie rein geographisch auf Boden und Klima, oder rein ethnologisch auf das Volkstum, oder rein kulturgeschichtlich auf bestimmte Vorbilder höherstehender Volksschichten zurückführen könnte. Erschwert wird die Forschung dadurch, dass in vielen Bezirken ältere Zeugnisse fehlen, so dass die Frage nach dem Ursprung der Tracht sich nicht überall endgültig lösen lässt. Soviel steht fest, dass ein starker Einfluss der Modeströmungen stattgefunden hat. Ein weiterer Missstand ist das von Jahr zu Jahr schneller vor sich gehende Verschwinden der Trachten, wodurch der Trachtenforscher sich genötigt sieht, auf die nicht immer zuverlässige Auskunft alter Ortsbewohner zurückzugreifen. Endlich genügen die Trachteusammlungen vieler Museen, so erfreulich 24* 3 7 "2 Pessler: sie an sich sind, doch in vielen Punkten nicht den Anforderungen einer wissenschaftlichen Trachtenkunde, indem bei manchen Trachten nur die Landschaft und nicht das Dorf, bei anderen nicht die genaue Jahreszahl, bei weiteren nicht der Anlass des Tragens und der Stand des Trägers angegeben ist; es ist sogar vorgekommen, dass bei einer Keihe von Mützen, welche mit den zugehörigen Notizen von einem Freunde der heimischen Volkskunde geschenkt waren, nach einiger Zeit zum Entsetzen des Geschenkgebers die Zettel mit den Notizen von den Mützen entfernt waren, wodurch dieselben an volkskundlichem Wert ungeheuer eingebüsst haben. Dass bei der musealen Aufstellung von Trachten keine Trachten- teile aus verschiedenen Kirchspielen zu einer Trachtenfigur vereinigt werden dürfen, bevor endgültig feststeht, dass diese Kirchspiele zu ein und derselben Trachtengruppe gehören, ist selbstverständlich. Bei der Behandlung ist am besten Tracht und Schmuck zu trennen. Bei der Tracht empfiehlt es sich, ganze Tracht und Trachtenteile für sich zu behandeln. Für die wissenschaftliche Forschung scheint es mir wesent- lich, den grossen Unterschied zwischen Trachten-Art und Trachten- Gruppe, der unseres Wissens bisher noch nicht genügend hervorgehoben ist, zu betonen. Beide Begriffe, Trachten-Art sowohl wie Trachten- Gruppe, gehen auf Verschiedenheit in der Tracht, jedoch äussern sich diese Ver- schiedenheiten auf grundsätzlich voneinander abweichenden Gebieten: die Trachten-Art bezieht sich auf die Mannigfaltigkeit der Tracht, je nach Konfession, zeitlichem Anlass, Stand, Geschlecht und Alter; die Trachten- Gruppe umfasst die rein örtlichen Unterschiede. Als Trachten- Arten können wir also ansehen: nach dem Geschlecht Männer- und Frauentrachten, nach dem Stande Bauern- und Fischer- trachten, die z. B. in Blankeoese nebeneinander vorkommen sollen, nach dem Alter Kinder-, Jugend-, Erwachsenen- und Greisentracht, nach dem zeitlichen Anlass Tracht für die Taufe (Täufling und Paten), die Kon- firmation, die Hochzeit (Brautleute, Brautführer und Brautjungfern), den Todesfall (Totenhemd, Trauertrachten in verschiedenen Abstufungen), den Alltag und den Feiertag (Arbeitsanzug, gewöhnliche Werktagstracht, Sonntagskirchentracht, Sonntagsausgehtracht, Frühmessentracht, Abend- mahls- oder Kommunionstracht), nach der Konfession evangelische und katholische Trachten. Innerhalb jeder Trachten-Art ist sowohl der Bestand wie die örtliche Gruppierung festzustellen. Der Bestand der Volkstrachten muss zunächst überall aufgenommen werden, d. h. es muss festgestellt werden, wo über- haupt jetzt noch oder nachweislich vor kurzer Zeit volkstümliche Kleidung getragen wird oder wurde, und zwar ist die Anzahl der männlichen und weiblichen Träger für früher und jetzt in jedem einzelnen Kirchspiel festzustellen. Nun gibt es Bezirke, wo die Alltagstracht ganz ausgestorben ist, die Kirchentracht nur noch von den Frauen getragen wird, wieder Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. 373 andere Gegenden, wo nur noch zum Abendmahl eine volkstümliche Kleidung angelegt wird. Es ist also für die verschiedenen Trachten- Arten die Anzahl der Träger, d. h. der Bestand, durchaus verschieden. Infolgedessen rauss die Aufnahme des Bestandes für die einzelnen Trachten- Arten gesondert erfolgen. DieTrachten-Gruppe, welche die lokalen Unterschiede umfasst, findet sich in jeder einzelnen Trachten-Art. Ob sich diese örtliche Gh-uppierung in der einen Trachten-Art mit der in der anderen Trachten- Art (z.B. die Grenzen in der Brauttracht und die in der Männer-Sonntagstracht) deckt, ist bisher noch nicht festgestellt. Die Volkstrachtenforschung hat also jede einzelne Trachten-Art in ihrer geographischen Verbreitung für sich ins Auge zu fassen, das ist eine Auflösung der gesamten Tracht in Einzeltrachten, ein Verfahren, für das die Sprachforschung längst ein entsprechendes Vorbild gegeben hat. Die kartographische Darstellung ist in der Trachtenforschung bisher leider noch nicht viel angewandt worden. Uns sind nur die beiden vortrefflichen Karten von .lustig über die Trachten-Gruppen bei Marburg und die von Holsten-Bremer über den Bestand und den Umfang der Volkstracht im pommerschen Weizacker bekannt, letztere mit starker ethnologischer Tendenz. Für die weitere Forschung möchte ich für jede einzelne Trachten-Art ein besonderes Kartenblatt empfehlen, das oben in einer Karte den Bestand (auch mit Jahreszahlen des Aussterbens der Tracht) und in einer Karte darunter die geographische Gruppierung zeigt. So hat man auf ein und derselben Tafel oben ein Bild von der ehemaligen und jetzigen Geltung, unten von der landschaftlichen Mannigfaltigkeit. Vergleichen wir weiterhin nur die oberen Karten auf den verscliiedenen Blättern miteinander, so ergibt sich unmittelbar, welcher zeitliche Anlass, welches Alter und welche Konfession noch am meisten von städtischer Kleidung unbeeinflusst geblieben ist. Vergleicht man dagegen die unteren Karten auf allen Blättern miteinander, so werden bestimmte Grenzen wiederkehren und bei Heranziehung von Volkstums-, Territorial-, Kon- fessions- und Verkehrsgrenzen sich mit einigen von diesen als identisch erweisen. — Bei beschränktem Platze ist es auch möglich, Bestand und Gruppierung auf einer Karte darzustellen, indem man ersteren durch schwarz schraffierten Untergrund, letztere durch farbige Linien angibt. Eigentlich sollten auch die Trachten-Teile, wie es in der Sprach- forschung für die einzelnen Laute schon geschehen ist und wie man es in der Hausforschung für die einzelnen Hausteile plant, sämtlicli für sich behandelt werden. Da aber dieses wissenschaftliche Prinzip wohl auf unüberwindliche praktische Hindernisse stossen wird, so wird der Trachtenforscher, allerdings mit Bedauern, vorläufig nur die wichtigsten Trachtenstücke als Einzelobjekte tür die kartographische Darstellung ins Auge fassen können. So würde es z. B. sehr interessieren, genauere Angaben über die Holzschuhe, die Mützenformen und die Trauerfarben 374 Pessler: in ihrer Verbreitung zu besitzen. Von anderen Einzelheiten wären ge- legentlich die Hüftkissen im Frauenleibchen, die sich bei Marburg finden, oder die Art der Strumpfbänder in Hessen, welche im Kreise Biedenkopf mit einem Puschel, in der Schwalm flach mit einer Erbreiterung am Schluss endigen, zu erwähnen. Es wäre nicht uninteressant, einmal für einen kleinen Bezirk der geographischen Trachtenforschung ein ganz ge- naues Schema zugrunde zu legen, damit man sich wenigstens, ehe es zu spät ist, an einem Punkte in deutschen Gauen, ein vollständig genaues Bild von Trachten-Verbreitung machen kann. Ich denke mir dieses folgenderraassen: Der Forschung liegt ein grosses Blatt zugrunde, dessen Spalten ausgefüllt werden müssen. Die 1. Spalte enthält sämtliche Kirch- spiele der Gegend und hat die Überschrift: Ortschaft; alle übrigen Spalten haben die Überschrift: Trachtenteile, und zwar z. B. die ersten acht die Gesamtüberschrift: Rock, die folgenden zehn die Gesamtüberschrift: Taille. Als Einzelmerkmale des Rockes wären dann folgende in den einzelnen Spalten zu behandeln: 1. Stoff. 2. Farbe. 3. Länge (ob laug, halblang, kurz oder sehr kurz). 4. Form vorn (ob glatt oder etwas angehalten). 5. Form hinten (einmal oder mehrmals gekraust oder mit dichten Falten, plissiert). 6. Verschluss. 7. Aussenstoss (aus welchem Stoff, von welcher Farbe, welcher Breite und welchem Muster). 8. Ob allein oder mit Taille verbunden. Bei der Taille könnte man folgende Kennzeichen ins Auge fassen: 1. Stoff (wenn von der gleichen Art wie der Rock, so ist das besonders anzugeben). 2. Farbe. 3. Länge. 4. Form vorn (glatt, in Falten gezogen, ausgeschnitten, tief ausgeschnitten, Miederform, zu schnüren, mit langem Schnipp, mit Schnipp vorn und hinten). 5. Form hinten. 6. Verschluss. 7. Besatz (Verstoss). 8. Ob mit dem Rock in eins gearbeitet. 9. Ob Brustlatz dazu getragen. 10. Andere Besonder- lieiten. Es ist gewiss nicht unnütz, diese Einzelheiten in einer besonders interessanten Trachteugegend zu erforschen, z. B. in der schaumburgischen, welche trotz ihres geringen Umfanges drei verschiedene Trachtengruppen aufweist. Innerhalb der östlichen (östlich von Sachsenhagen bis zur hannoverschen Grenze) gibt es noch Unterschiede hinsichtlich des Aussen- stosses am Rock, welcher wiederum im östlichen Teile dieser Ostgruppe schlicht violett, im westlichen Teile dagegen mit Samt gemustert ist. Der Schmuck des Landvolkes hat nicht den gleichen geographischen Wert wie die übrige Volkstracht, weil er hinsichtlich seiner Entstehung- lange nicht so lokal gebunden ist. Während bei den Kleidungsstücken der Verfertiger wenigstens im Kirchspiel, oft auch in der einzelnen Ort- schaft selbst ansässig ist und Stoff und Muster nur zum Teil von auswärts l)ezogen werden, so entsteht selbstverständlich der Schmuck, soweit er ') 3gg Pessler: Aufgaben der deutschen Sach-Geographie. vielleicht geographisch betrachtet werden; einmal scheint sie als eine Art Musikinstrument bei Hausrichten zu dienen, auf der andern Seite ist sie das bekannte Lärmsignal. 10. Die sach-geogi-aphische Forschung in ethnologisch besonders wichtigen Bezirken. Die Erforschung der volkskundlichen Realien gewinnt besondere Be- deutung einerseits in Grenz- und Mischgebieten, einerlei, ob deren ethno- logische Verhältnisse von vornherein klar sind oder nicht, andererseits in Yolkstumsinselu, die nach Gründungszeit und Ausdehnung genau bekannt sind, und dieses beides aus ganz verschiedenen Gründen. Die ersteren^ die Grenzzonen, in denen zwei Elemente sich begegnen, sich örtlich mischen und sich daneben zu neuen Formen vereinigen, beanspruchen selbstverständlich grosses Interesse; eine wichtige Forderung für die Zu- kunft scheint mir hier, die sich begegnenden Typen alle beide, jeden für sich bis tief in das andere Gebiet hinein, zu verfolgen, indem mau z. B. nicht nur den mitteldeutschen Bauelementen im grossen Gebiet des Sachsen- haustypus, sondern auch dem altsächsischen Baueinfluss nach Mitteldeutsch- land hinein nachgeht bis dorthin, wo auch nicht mehr das geringste Kenn- zeichen von ihm zu finden ist. Der Kartographie erwächst durch die Darstellung dieser Verhältnisse eine besonders dankbare Aufgabe. — Eine o-anz andere Seite der Volkstumswissenschaft wird durch die Untersuchung jener Stammeseinschlüsse und -ausschlüsse berührt, welche in neuerer Zeit durch Übersiedelung entstanden sind, deren Zugehörigkeit zu einem be- stimmten Volkstum also genau bekannt ist. Hier ist möglichst der ge- samte sachliche Besitzstand der eingewanderten Bevölkerung im ganzen Umfang der Sprachinsel festzustellen und dann sowohl mit dem des um- wohnenden Stammes wie mit dem in der alten Heimat der Kolonisten o-enau zu vergleichen. Wir haben dann in diesem Falle einmal die Ge- legenheit, auf ethnologische Rückschlüsse von der Sache auf das Volkstum verzichten zu können und beide Elemente als bekannte miteinander in Beziehung zu bringen. Vielleicht nimmt sich in dieser Hinsicht die Sach- forschung einmal folgender Bezirke an: die 1732 gegründeten Kolonien der Salzburger Protestanten in Ostpreussen; die seit zwei Jahrhunderten bestehenden V^aldenser Kolonien im westlichen Württemberg; die nieder- deutschen Kolonien in den jütischen Gebieten Nordschleswigs. 11. Die Bedeutung der deutschen Sach-Geographie für die deutschen Yolkskundemuseen. Die Erforschung der sachlichen Volkskunde vom geographischen Stand- punkte aus hat für alle Volkskundemuseen einen doppelten Wert, nämlich einen wissenschaftlichen und einen praktischen. In rein wissenschaft- licher Hinsicht gibt die Sach-Geographie erstens räumliche und völkische V. Preen: Der Oberinnviertier. 3S7 und damit ursächliche Zusammenhänge, und ferner ein übersichtliches Bild des Tatbestandes. Beides wird durch Landkarten zum bedeutend schärferen Ausdruck gebracht, und darin beruht der ungeheure wissenschaftliche \Yert der Landkarte. Die praktische Bedeutung der Sach-Geographie für die Museen liegt vorwiegend in zwei Punkten; denn einmal hängt die erschöpfende Aus- wahl aller typischen Formen für die museale Vorführung in Modellen, Abbildungen usw. selbstverständlich unmittelbar von dem jeweiligen Stande der sach-geographischen Forschung ab; andererseits vermitteln die im Museum ausgehängten geographischen Karten ein besseres Verständnis der Modelle und sind auch, für sich betrachtet, höchst anziehende Studien- objekte für den Museumsbesucher. Hannover. Der Oberinnviertler. Von Hugo V. Preen. (Mit 7 Abbildungen^).) Dem Besucher der Königlichen Sammlung für deutsche Volkskunde in Berlin dürfte meine Sammlung aus dem oberen Innviertel nicht un- bekannt sein. Die dort aufgestellten Gegenstände stammen fast alle aus einem von Salzach, Inn und Kobernausener Wald eingeschlossenen Stück Land, im Mittelalter Mattiggau genannt. Ich glaube nicht fehlgegriffen zu haben, wenn ich über die Charaktereigenschaften der aus bajuwarischen Bewohnern dieses seit über hundert Jahren unter österreichischer Herr- schaft bestehenden, vom Weltgetriebe entfernten Landstriches einiges be- richte und diese Arbeit als erwünschte Ergänzung und gleichsam Illustration meiner Sammlung betrachte. Es handelt sich hier um ein Völkchen, das uns schon im Mittelalter durch das Epos 'Meier Helmbrecht' bekannt ist. Die älteste Fassung spielt in unserer Gegend, und wer sie aufmerksam gelesen, Land und Leute sich angesehen hat, muss zugeben, dass dies Volk noch genau dasselbe ist mit seinen guten und schlechten Eigen- schaften, wie es in dem Gedicht uns geschildert wird. Wenn der Leser für dies Land, seine Bewohner, seine landschaftlichen Keize, seine kulturelle und geschichtliche Vergangenheit etwas übrig hat, tut er gut, sich Braunau am Inn als Ausgangspunkt zu seineu Wande- rungen zu wählen. Um nun von da aus das einem Garten gleichende 1) Die Abbildungen 1, P», 4, G und 7 nach Gemälden des Verfassers, 2 und 5 nach Photographien. 25* 3gg V. Preen: Mattigtal und die Gegend lun und Salzach aufwärts bis Burgliausen, der ehemaligen bayerischen Herzogsresidenz, zu durchstreifen, darf man nicht vor den schlechten Verkehrswegen zurückschrecken und sich nicht vor der zum Teil sehr mangelhaften Verpflegung an manchen Orten fürchten. Braunau am Inn, bekannt durch seine gotische Kirche mit herrlichem Turm und die Erschiessung des Nürnberger Buchhändlers J. Ph. Palm 1806, ist wie gemacht als Ausgangspunkt für Ausflüge verschiedener Art. Besonders für Freunde feinerer Naturschönheiten, der Vorgeschichte und Geschichte sind die Spaziergänge in der nächsten Umgebung sehr emp- fehlenswert. Gleich nach Verlassen des alten Festungsstädtchens berühren wir bei meinem Besitztum Osternberg, durch seine grosse Esche bekannt, prähistorischen Boden. An Forellenweihern entlang gehend erreicht man bald die frühere karolingische Pfalz, das spätere Augustiner-Stift Kans- hofen, dessen Sehenswürdigkeiten man vor 2 oder 8 Stunden nicht leicht erledigen kann. Unweit von dieser alten Kulturstätte nehmen die grossen Forste Weilhart und Laach ihren Anfang, die uns eine Menge Gräber aus den verschiedenen Zeitabschnitten und andere Denkmäler aus der vor- und nachrömischen Zeit bewahrt haben. Nicht nur die Salzach- und Inngegend, sondern auch das Mattigtal brachte uns namhafte Funde, unter die in erster Linie der Uttendorfer Goldfund, den ich 1885 einem Hallstattzeitgrab entnahm, zu rechnen ist. Das Land steigt ungefähr 3 Stunden stufenförmig an bis zu dem schwachen Höhenrücken Adenberg, der den Anfang einer bis zu den Salzburger Vorbergen sich hinziehenden Hügelreihe macht und uns einen umfassenden Ausblick gerade auf die Gegend gestattet, von der in diesem Aufsatz die Rede sein soll. Überall, wohin das Auge schweift, sehen wir üppige Felder, darin wie Oasen stattliche, von Obstbäumen eingeschlossene Höfe, ab und zu alte Dorfkirchen mit ihren teils spitzen, teils zwiebeiförmigen Türmen, Gast- häuser, Kapellen, alte Linden, kleine Täler mit üppigen Wiesen und alten Eichen, alles begrenzt gegen den Horizont mit Wäldern und Höhenzügen der Flussläufe Salzach, Inn und Mattig, im Süden überragt von den markigen Linien der Salzburger Alpen. Am westlichen Abhang des Adenbergs liegt das Kirchdorf Gilgenberg am Beginne einer kleinen Schlucht. Den Platz vor der freigelegenen alten Kirche ziert eine alte Linde, unter der in alten Zeiten Recht gesprochen ward. Unweit davon gegen Norden im sog. Revier Gilgenberg hat man die Helmbrechtshöfe und den dazugehörigen im Epos genannten Brunnen zu suchen. Ober- lehrer M. Schlickinger gebührt das Verdienst, die Lage der Helmbrechts- höfe richtiggestellt zu haben. Diese Gegend zog mich von jeher an, nicht nur die Landschaft mit ihrem romantischen Hintergrund, sondern auch ihre Bewohner, deren urwüchsiges Wesen auf Maler und Volks- kundler Eindruck machten. Diese meine Bestrebungen fanden reiche Der Oberinnviertier. 389 Unterstützuug durch den Gasthofbesitzer und Feuerwehrobmann J. Hirsch- linger, dessen Anregung wir es auch zu verdanken haben, dass im Jahre 1882 die ersten Ausgrabungen hallstattzeitlicher Gräber am Gansfuss unter meiner Leitung unternommen werden konnten. Städte und Märkte mit ihren Zerstreuungen üben eine grosse An- ziehungskraft auf den Landbewohner aus, und es sind hauptsächlich die Orte Braunau, Obernberg am Inn, Altheim, Mauerkirchen, Mattighofen und Ried, die der Bauer gerne mit seinem Besuche beehrt. Salzburg und Linz gilt hierzulande schon als eine Reise. Diese Orte, so verschieden sie im Bilde auch wirken, sind doch in ihrer Gesamtanlage dem Muster Salzburgs nachgebildet, wo welsche Baumeister stets ihren Einfluss geltend gemacht haben. Der Hauptplatz der Laudorte gleicht einer breiten Strasse, wo die Märkte abgehalten werden. Vom Platze laufen kleine Gassen mit ländlichen Haustypen aus, die jetzt leider immer mehr ver- schwinden. Die Häuser, teilweise mit Erkern versehen, sind freundlich und behaglich, die Fenster mit Blumen geschmückt. Zum Hauptplatz gehört die Kirche sowie die vielen, in verschiedenen altertümlichen Stil- arten gebauten Gast- und Bräuhäuser, Kaufgewölbe, Brunnen und andere öffentliche und private Gebäude. Das Schulgebäude, das noch vor hundert Jahren in den meisten Dörfern und Märkten aus einem Holzhause länd- lichen Stils bestand, steht jetzt häufig ausserhalb des Ortes. Seine nüchterne Bauart schlägt den heimatlichen Bestrebungen der Neuzeit geradezu ins Gesicht und ist mit dem Bahnhofsgebäude und Neubauten reich gewordener Bürger auf gleiche Linie zu stellen. Wenn ich über den Charakter des Oberinnviertiers hier berichte, muss ich vorausschicken, dass ich hauptsächlich den Bauernstand im Auge habe, denn gerade bei diesem hat sich Art und Sprache der Vorzeit am reinsten bewahrt. Der Bauer lebt auf seinem stattlichen Hofe wie ein König in seiner Residenz. Der Hof, meist im Viereck gebaut, besteht aus vier einzelnen Gebäuden, dem Wohnhaus, Pferdestall, Kuhstall und Scheune, die durch hölzerne Tore abgeschlossen sind. Den Hauptplatz im Hofe nimmt der Misthaufen ein, ein beliebter Sammelplatz der Hühner, Enten und Schweine. Nicht so gut wie diese hat es der Hofhund, der in den seltensten Fällen bei Tag seine Freiheit geniesst, erst am Abend nach Torschluss wird er von seiner Kette befreit. Ausserhalb des Hofvierecks in unmittelbarer Nähe steht das Austraghaus, bestimmt für die alten in Ruhe gesetzten Hofbesitzer. Auch sehen wir häufig das Backhaus ausser- halb und hie und da die Hauskapelle, wenn sie nicht in einer'Nische an der Aussenmauer der Stallung angebracht ist. Vor dem Wohnhause am rückwärtigen Ausgang unweit des Hausgärtchens ist die grosse Bank, der Heimgarten genannt, der Versammlungsort der Hausbewohner und der Nachbarn nach Feierabend. Im Winter spielt sich in der Bauernstube das ganze häusliche Leben ab; da werden am grossen, gediegenen Bauern- 390 V. Preen: tisch unter dem Herrgottswinkel die Mahlzeiten eingenommen, die Hand- arbeiten verrichtet, die Handwerker schlagen in diesem Raum ihre Werk- statt auf, um für Geschirr, Schuhe und Kleider zu sorgen, und abends • i- Spi.xui'v! S'-*J»> Abb. 1. Mäimertracht. Eigentum des Deutschen Schulvereins in Wien. Abb. 2. Bäuerin mit Riegelhaube (Trauertracht). > {/um linj) 1» « 1 i i i^HI^'~'^4BM 1« ■ i ^^&^^äi l^^^^^y^Hj ;•- ■■ ■^, 'S^^^^^H j^^S^ i§i i : ' s«^^^^ \ m ■■', '••• j •j 1 ▼ .M,itiiHth:il und l rngebung 1850 • Abb. 3. Mädchen in Kigentum des Deutschen Abb. 4. BurSchen- l'^inentum des Deutschen Schulvereins in Wien. , , Schulvereins in Wien. Xanztracht. tracht. wird geplauscht, gespielt, gesungen und manchmal der Jugend Tanzstunde erteilt. Bei meinen häufigen Wanderungen ins Innere des Bezirks habe ich noch die herrlichen alten Holzbauten, die aus Fachwerk gezimmerten Scheunen mit den bemoosten Strohdächern, die malerischen Balkone, Der Oberinnviertler. 391 Schrot genanut, die mit ihren gefälligen Formen die Hofseite der Bauten schmückten, gesehen und alles Zierwerk am Gebäude gezeichnet^). Damals hatte ich noch vielfach Gelegenheit, die behaglichen Stuben mit der altertümlichen Ausstattung, dem grossen Stubenofen mit der 'Höll' (warmer Sitz hinter dem Ofen für die Alten) zu bewundern. An diesen schloss sich der Herd in der sogenannten 'Euchel' an, von wo aus auch der rückwärts augebaute, aus einem Lehmgewölbe bestehende Back- ofen geheizt wurde. Alles, was man da an Geräten aus Eisen, Kupfer, Holz und Ton erblickte, machte den Eindruck grösster Gediegenheit, ge- paart mit geschmackvoller Formenge bung. Ein Blick in die Vorrats- kammer zeigt uns den Milchwirtschaftsbetrieb, und einer in die schönen, bemalten Kisten und Truhen in der guten Stube, die sich im oberen Stock befindet, den Reichtum an selbstgesponnener Leinewand, Kleidungs- stücken der Besitzer und Schmuck der Bäuerin. Alles war auf lange Dauer berechnet, die schön ausgenähte lederne Hose, das Prachtstück des Grossvaters, trug der Enkel noch werktags viele Jahre hindurch, und dasselbe gilt bei den weiblichen Bewohnern mit ihren Röcken, von denen die Staatskleider, der seidene Rock, stets ein ganzes Leben aushalten mussten. Jetzt hat der Bauer kein Geld und wohl auch keine Lust, sich auf lange Dauer mit Kleidungsstücken zu versehen. Auch hier ist die Mode, die allmächtige, wenn auch nur dem Bauerngeschmack entsprechend, die unbedingte Herrscherin, und der Bauer bringt es nicht über sich, hier gegen den Strom zu schwimmen. Noch in meiner Jugend bestand die Männertracht aus langem Schossrock mit Silberknöpfeu, langer oder kurzer Lederhose, Sammetweste, breitkrämpigem schwarzen Filzhut mit Quaste, silberner Uhrkette und silberbeschlageuer Pfeife und dem langen Eichen- stock (Abb. 1). An Sonn- und Feiertagen beim Kirchgang versammelte sich alt und jung auf dem die Kirche umgebenden, von einer Mauer eingefriedeten Gottesacker, die Bäuerinnen (Abb. 2) angetan mit der Pelz- haube, Ohrelhaube genannt, darunter das schwarze, seidene Kopftuch, wie es jetzt noch getragen wird, häufig auch mit der sogenannten Linzer Goldhaube, die den Trägerinnen ein stattliches Aussehen gab und prächtig zu den schillernden Seidenkleidern passte. Die Dirndeln, denen das lange, schwarzseidene Kopftuch weit über ihre bunten Kleider reichte (Abb. 3), standen, die Hände über das Gebetbuch und Taschentuch ge- faltet, beiseite, hie und da Blicke zu den in Gruppen geordneten Burschen werfend. Die männliche Jugend in Lederhosen, Rohistiefeln, kurzen grellfarbenen Jankern, bunter Weste und kleinem, kecksitzendem Filzhut, langem Raufstecken, Nelken hinter dem Ohr (Abb. 4), erwiderte die Zeichensprache der ländlichen Schönen. 1) 140 Nummern Bauernhausverzierungen besitzt von mir die Sammlung des Vereins Alt-Braunau. 392 V. Preen: Wenn wir über den Menschenschlag etwas sagen sollen, so ist das nicht so einfach, als man am Anfang glauben mag. Wir finden hier grosse blonde, blauäugige Gestalten mit kräftigen, zum Teil gebogenen Nasen, und daneben wieder gedrungene, dunkle Leute mit braunen Augen und kleinen Nasen (Abb. 5 — 7). Von einem durchgängig schönen Menschen- Abb. 5. Tj'pus eines Mannes in mittleren Jahren. Abb. 6. Älterer Bauer. Abb. 7. Ältere Bäuerin. schlag dürfen wnr nicht reden, was natürlich nicht ausschliesst, dass wirklich schöne und feine Gesichter nicht selten zu finden sind. Vor- herrschend stossen wir auf sogenannte Langgesichter bei mesokephaler Schädelform. In den zu den Flussläufen gehörenden Gebieten ist der schotterige Boden vorherrschend, in den höhergelegenen stark lehmig, und schwere Böden treten an Stelle der sterilen des Flachlandes. In den Tälern finden Der Oberinnviertler. 39,^ wir dank einigermassen guter Pflege die fruchtbarsten Wiesen. Das. Klima weicht von dem in dem Gebirgsvorland nicht ab; Fröste im Mai und im Spätherbst sind unbeliebte Gäste. Die Kälte erreicht selten 18° E., und der Schnee bedeckt kaum zwei Monate lang die Erde. An Fruchtgattungen gedeihen gut: Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Flachs und Buchweizen, der aber selten mehr gebaut wird. Von Mischfrucht nennen wir Kartoffel, Kraut und Rüben. Die Obstzucht ist im Verhältnis zu anderen Ländern zurück, die Äpfel und Birnen werden zu Most und Dörrobst im Haus verarbeitet, der Rest an den Händler verkauft. Die grossen Waldkomplexe Weilhart, Laach und Kobernausserforst sind mit geringen Ausnahmen in Privathänden, nur einzelne Bauern be- sitzen Stücke in diesen Wäldern, die durch Ablösung der Forstrechte ihnen zugesprochen wurden, oder bei Verkauf der ärarischeu Wälder in ihre Hände kamen. Die Jagden sind in erster Linie den Grossgrund- besitzern eigen, dann den Gemeinden, welch letztere sie an grössere Jagdherren verpachten oder auch an jagdlustige Bauern oder Private. Vorherrschend ist die Rindviehzucht, die trotz mangelhafter staat- licher Hilfe gedeiht, aber noch ganz anders betrieben werden könnte. Ausserdem finden wir Pferdezucht und Schweine, vereinzelt Schafe; auch Bienen gehören wie das Kleinvieh zu jeder Hauswirtschaft. Was die Fischzucht anbelangt, so unterscheiden wir die Fluss-, Bach- und Weiherfische. Die Flüsse mit den Altwässern liefern Hechte, Huchen, Aschen, Schleie, Barben usw , die Weiher und Bäche schöne Forellen, die in den herrlichen Wässern prächtig gedeihen. Am häufigsten treffen wir die Brauereien, Ziegeleien, Mühlen, Schmieden (im Mattigtal alte Sensengewerke), Ledereien, Maschinen- reparaturwerke, Torfstiche usw. An grossen Industrien ist gerade unsere Gegend recht arm, dieser Mangel aber bewahrt den Bewohnern ihre Eigenart und stört sie nicht in dem Bewusstsein, die Herren im Lande zu sein. Der Besitz wird in verschiedene Grössenklassen geteilt. Die Schlösser verfügen über ein durchschnittliches Flächenmass von 200 — 400 ha, die Brauereien und Grutsbesitze 50 — 100 ha, Bauernhöfe 20 — 40 ha, Sölden 2 — 3 ha und Häuseln Y2 ^^- ^™ häufigsten ist der sogenannte mittlere Bauer vertreten, der über 15 — 20 Äa verfügt. Um nicht weitschweifig zu werden, gebe ich hier nur kurz das wich- tigste geschichtliche Material, das ich zur Charakteristik der Bewohner für notwendig halte: Die ersten Bewohner der Gegend vom 4. Jahrhundert an gehörten zum norischen Volksstamm, der bis heute noch zum Keltenbereich gerechnet wird. Im Jahre 15 v. Chr. fielen Norikum und damit auch die Gebiete der Salzach, des Inns, der Mattig und der Ache an die Römer. Durch nahezu 500 Jahre haben sie das Land zwischen Inn und Donau beherrscht, Städte und Kolonien gegründet 394 V. Preen: und das Volk für römische Sitte und Kultur gewonnen. Von 454 an erscheint der hl. Severin, und es beginnt unter dem hl. Valentin von Passau aus und unter dem hl. Rupert von Salzburg aus die Christianisierung eines Teiles unserer Gegend. Nach 49ü erfolgen die Einfälle der Alemannen, Thüringer und Heruler. Um 488 verlassen die Römer das Land und überlassen es 490 den Ostgoten. Nach Theoderichs Tode nehmen die Bajuvaren das von letzteren verlassene Land in Besitz. Im Jahre 74o bekriegen Karlmann und Pipin den Herzog Odilo und bemächtigen sich des Landes. Zwei Jahre später wird Odilos Sohn Tassilo von König Karl entthront. Nach den Kämpfen mit den Ungarn erstand das Herzogtum Bayern wieder, und nun begann mit der Wiederkehr der Ruhe kulturelles Leben. Zu gleicher Zeit nahmen auch die sogenannten Landadligen zu, die, ursprünglich freie Bauern, dann fürstliche Dienstmannen wurden. Durch Verleihung der Gerichtsbarkeit an privilegierte Herren und die Abnahme der Zahl der Freien verfiel die alte Gauverfassung und es bildeten sich Komitate, die nachmaligen Landgerichte (1002). — Die Zeit der Reformation ging nicht gerade spurlos an dem Lande vorüber, hinterliess jedoch keine wesentlichen Eindrücke im Volke. Während in den Gegenden um Wels und an der Donau die Folgen des Bauern- aufstandes für Jahrhunderte eine blühende Kultur vernichteten, blieb in unserem Viertel so ziemlich alles beim alten. Da nur wenige der Ketzerei wegen aus- wandern mussten, war man hier nicht genötigt, wie im benachbarten Herzogtum Österreich ob der Enns, Schwaben und Oberpfälzer in den verödeten Landstrecken anzusiedeln. Die Bevölkerung blieb daher bayrisch, obwohl eine Mischung von grossem Vorteil für sie gewesen wäre. Im Jahre 1779 trat Bayern das obere Innviertel an Österreich ab. Leider hatten die unter dem ideal angelegten Kaiser Josef eingeführten freiheitlichen Einrichtungen keine lange Dauer. Erst 1848 wurden durch die Aufhebung der Untertänigkeitsverhältnisse und der Patrimonial- gerichtsbarkeit halbwegs bessere Verhältnisse geschaffen. Im Jahre 1853 begann die Ablösung der Forstrechte, die 1857 beendet ward. Ehe ich den Hauptteil meiner Abhandlung beginne, führe ich J. Wimmer an, dessen Worte auch auf den Innviertler Anwenduug finden^): „Das Abgeschlossensein in Einöden verursachte im Laufe der Zeiten den Ein- druck des Zurückhaltens — Versteckten — Heimlichen, welches sich erst dann ändert, wenn der Gegenstand des Verkehrs ein etwas bestimmterer geworden ist. Gerade in diesem Abgesonderten müssen wir den Haupt- grund seiner Charaktereigenschaften sehen, die ihn von anderen unter- scheiden." Ehe ich ferner auf unseren Bauern näher eingehe, möchte ich noch ein Urteil eines Mannes erwähnen, der am Anfang des 19. Jahr- hunderts in Niederbayern lebte ''^), einem Volksstamm, zu dem auch unsere Leute gehören. Wenn auch stark pessimistisch gesehen, mag doch im grossen und ganzen das Urteil für die damalige Zeit Geltung gehabt haben, und wir sehen daraus, dass sich im Laufe der Zeit der Charakter wesentlich bessern konnte. Er gibt als Charakterfehler an: „Furchtsam- keit, Misstrauen, Falschheit, Ungeselligkeit, abstossendes Wesen, Stolz, 1) J. Wimmer, Die sozialen und volkswirtschaftlichen Zustände im Landgericht Eggenfelden, Niederbayern, 1862. 2) Töni-Herbertsfelden über die Rottaler in Niederbayern. Der Oberinnviertler. 395 Prachtliebe, Wollust, Religiosität im Äiisserlichen ohne festen Glauben und ohne Tugend, denen nur die folgenden guten Eigenschaften gegen- überstanden: Treue, Willigkeit, Friedfertigkeit und Dienstgefälligkeit. Heutzutage bestätigen manche Ausnahmen doch die Regel des besseren Gegenteils." Seine guten Eigenschaften sind ja dieselben seiner Stammes- brüder, der Germanen, die sich durch Ehrlichkeit, Pflichterfüllung, Recht- lichkeit usw. weit über die anderen Nationen erheben. Zum Teil noch Nachkommen der freieigenen Leute, sitzen die jetzigen Hofbesitzer wie Zaunkönige auf ihrem Eigentum, nach wie vor strenge Hausordnung haltend. Die rohen Sitten vergangener Jahrhunderte und die ungleiche Rechtsbehandlung früherer Zeiten haben zum grossen Teil aufgehört, die alles glättende Neuzeit hat auch hier bis in die kleinste Hütte ihren Einfluss geltend gemacht. Das Verhältnis zwischen Brotherrn und Dienendem ist ein anderes geworden, ohne aber die alte äussere Form eingebüsst zu haben. Der Bauer behandelt seine Dienstboten wie Ge- hilfen. 31it dem 'Drangeid' v(,^ird der Dienstvertrag besiegelt, den beide Teile zu halten für recht finden. Die Bauersleute sorgen, so gut es ihnen möglich ist, für ihre Ehalten (Dienstboten). Den Befehl führt der Mann, wenigstens nominell, w^ährend der Frau in der Hauswirtschaft die w^eib- lichen Mitbewohner zu folgen haben. Die Kinder stehen nach Yerlassen der Schule, insofern sie auf dem Hofe beschäftigt werden, im richtigen Dienstverhältnis; nur da, wo der Bauer und die Bäuerin sich sehen lassen, nehmen die Kinder den Platz bei der Familie ein. Die Wohltätigkeit spielt eine grosse Rolle, und es werden oft grosse Anforderungen an den Besitzer von Grund und Boden gestellt, die er auch ohne Murren erfüllt, f^s ist für manchen ein Glück, dass er nicht jeden Kreuzer notiert, den er für Bettelsammlungen für Abgebrannte, kirchliche Zwecke und was noch alles an ihn herantritt, ausgibt, es würden ihm, wenn er die Ge- meinde-, Staats- und Landabgaben dazurechnet, die Haare zu Berge stehen. Unglücksfälle verschiedener Art, wie es das Geschäft mit sich bringt, können die Leute nicht niederdrücken, sie sind es gewohnt und helfen sich mit Humor darüber hinweg. Sehr empfindlich trifft sie der Verlust irgendwelcher Tiere, und man möchte behaupten, fast mehr als das Ab- leben der Bäuerin, wenigstens wird dies durch folgenden boshaften Aus- spruch gekennzeichnet: „Ross verrecken, das gibt Schrecken, Weiber- sterben kein Verderben." So ernst darf man das aber nicht nehmen; wenn der Bauer auch bald nacli dem Tode seiner Frau wieder an Ersatz denkt, so trauert er doch seiner Bäuerin nach und weiss ihre guten Eigen- schaften hervorzuheben. Roheit Tieren gegenüber findet man selten, wie das bei den süd- liclien Völkern, besonders bei den Welschen der Fall ist; sieht man aber trotzdem beim Viehtrieb derartige Dinge, so sind sie meist von den 396 V- P^een: städtischeil Metzgerkuechten ausgeübt worden. — Die bäuerliche Familie hat in ihren Grundzügen viel Ähnlichkeit mit der fürstlichen, beide hei- raten aus iS^ützlichkeitsgründen, selten aus Neigung. Der Bauer, der auf Festigung, Vermehrung des Besitzes und auf Einfluss sieht, sucht sich sein Ehegespons aus den Reihen seinesgleichen, übersieht dabei aber keineswegs die wirtschaftlichen Eigenschaften. Das Sprichwort, nach dem der Bauer freit, heisst: „Was hat sie, was kann sie?" Gar nicht selten sind solche Ehen, die, aus Vernunft geschlossen, sehr glückliche geworden. Für den Bauern ist sein Besitz, die stattliche Hofstatt, das Höchste, um das sich alles dreht, und auf einen schönen 'Zügl', d. h. Viehstand, Wagl und Ross, blank und blitzend aufgeputzt, setzt er seinen Stolz und protzt überall damit. Hat der Bauer voreheliche Kinder, so wird das nicht als Schande empfunden, er sorgt für diese und nimmt sie des öftern auch an Kindes- statt an. Die nicht erbberechtigten Geschwister des Bauern dienen an anderen Orten oder erwerben sich ein kleines Grundstück mit Haus, um selbständig dazustehen; nur ungern verlassen sie die Heimat, weil sie sich nirgend wohler als zu Hause fühlen. Die Nahrung der Bewohner kann man nicht gerade schlecht nennen, sie ist auch nicht besonders üppig. Der Hauptwert wird auf Fett gelegt, und zwar auf gutes Fett, auch sieht man darauf, dass es an der Menge der einzelnen Gerichte nicht fehlt. Am Morgen um 6 Uhr gibt es ein- gekochte Suppen, das Mittagessen um 11 Uhr besteht aus Speck oder Fleischknödeln in der Suppe, dazu kommt Sauerkraut, als Getränk Most. Um 3 Uhr, die sogenannte Brotzeit, je nach der Jahreszeit, Brot mit Rettichen, Salat, Rahnen, Topfenkäse und Most dazu. Abends um 6 Uhr liebt mau sehr im Rohr gebackene Nudeln, 'Buchteln', mit Milch oder Dörrobst, auch an manchen Orten Kartoffeln, die überhaupt eine Haupt- nahrung bilden. Zu allen Gerichten liegt das schwarze, gute, stark ge- säuerte Bauernbrot auf dem Tisch. An Sonn- und Feiertagen spielt die Kaffeesuppe mit viel Frankkaffee zum Frühstück eine Hauptrolle, während mittags Braten oder Geräuchertes und Gebackenes, die landesüblichen Kücheln, auf den Tisch kommen. An den sogenannten Heiligen Zeiten schwelgt die Bevölkerung in den verschiedenen Arten von Schmalz- gebackenem, bestehend aus Hollerstrauben, Brennesselstrauben, Hirn- bafösen, Griessschnitten usw., zudem erhalten sie Bier, welches ihnen auch beim Heuen, Ernten und Dreschen gewährt wird. Zum Schluss noch einiges über die Sitzordnung der Hausbewohner bei den gemeinsamen Mahlzeiten. Den äussersten Platz am Tisch, vom Herrgottswinkel aus nach rechts, nimmt der Bauer ein, links an ihn, zum Herrgottswinkel zu, reihen sich die Knechte an, und links auf der einen freien Bank die Mägde, von denen eine so sitzt, dass sie leicht, ohne jemand zu belästigen, ihren Sitz verlassen kann, um die Speisen aufzutragen. Der Oberinnviertler. 397 Am Herd hantiert die Bäuerin, sie isst nur in den seltensten Fällen mit am Tisch, weil sie am Ofen zu schaffen hat, und verzehrt ihr Mahl auf der Ofenbank. Erhält der Bauer Besuch, so bekommt dieser das, was gerade im Hause ist, aufgetragen, wobei Most oder Flaschenbier nicht fehlen dürfen. Die Bauersleute sitzen abseits und warten darauf, dass sie der Gast einlädt mitzuhalten. Wenn ein Gast, sei er wer er sei, das an- gebotene Essen ablehnt, so gilt das als Beleidigung. Was über Kindererziehung zu sagen ist, besonders über die Be- handlung der Säuglinge, gehört nicht zu dem Erfreulichen; denn hier ist ^iie sogenannte Gute alte Zeit mit all ihrem schädlichen Aberglauben und ihrer Unwissenheit noch in ihrem Recht. Nur selten glückt es dem menschenfreundlichen Arzt, eine vernünftige Art der Kinderbehandlung durchzuführen. Ist ein Kind von Natur nicht aussergewöhnlich kräftig veranlagt, so erliegt es der törichten Behandlungsweise. Die Gevatterin tröstet dann die Mutter mit den Worten: „Es hat es jetzt gut. es ist ein Engerl geworden". Schon sehr früh sehen die Eltern darauf, dass die Kinder in der Hauswirtschaft sich beschäftigen, sie wachsen frisch auf und werden nicht wie die Stadtkinder der Reichen unter einen Glassturz gestellt, sie lernen sich in jeder Lage richtig benehmen und schützen sich selbst vor Gefahr. Dann wird die Volksschule im Dorfe besucht, die heutzutage viel leistet, aber von den Eltern nicht, wie sie es verdient, geschätzt wird. Der Lehrer, dem durch die übermenschenfreundlichen Vorschriften die Hände gebunden sind, hat mit den unbotmässigen Schülern, denen das Lernen und Folgen im Gegensatz zu dem freien Leben auf dem Hofe nur zu schwer fällt, oft seine liebe Not. Mit den Dirndeln ist der Lehrer viel zufriedener, sie fassen schneller auf, lernen schneller als die Burschen, und er braucht nicht so viel von den Eltern Versäumtes nachzuholen. Über die Wahl des Berufes wird nicht viel nachgedacht, der Älteste übernimmt nach der Übergabe den Hof, und die anderen Geschwister treten entweder zu Hause oder sonstwo in den Dienst. Ist einer vom Geistlichen ausersehen, wogen seines 'guten Kopfs" zu studieren, so hat die Ffimilie nichts dagegen, wenn er 'geistlich wird', •denn es bringt ja immerhin den Eltern Ehre und Ansehen. Besonders lieb ist es der Mutter, die in ihrem geistlichen Herrn Sohn einen Für- sprecher im Himmel hat. Auf Familienfeste wird viel gehalten, als da sind Taufen, Firmung, Hochzeiten, Primizen und zu guter Letzt auch die Beerdigungen. Der prak- tische Egoismus der Bauern hat sich auch diese, Taufe, Kommunion und Firmung zunutze gemacht, indem er streng darauf sieht, dass zu Paten nur vermögende und einflussreiche Persönlichkeiten gewählt werden. Bei Hochzeiten entfaltet sich der ganze Stolz der Bauernfamilie, und hier wie auch bei den Beerdigungen wird auf grossen Zuspruch gesehen, da hier- nach das Ansehen der Familie in der Öffentlichkeit beurteilt wird. Be- 398 V. Preen: sonders bei Beerdigungen lässt sich der Bauer durch seinesgleichen nicht gerne in den Schatten stellen und ist sehr unangenehm berührt, wenn die Kosten geringer gestellt werden, als bei den anderen Bauern mit gleichem Besitz. Sein Standesbewusstsein zeigt sich also hier auch wieder in protziger Art. Naht bei den Alten der Zeitpunkt des Abtretens vom Hof, so be- merkt das der erbberechtigte Sohn schon früher, als es den Alten lieb ist^ denn nur ungern geben sie die Zügel der Regierung ans den Händen. Tritt aber der Fall ein, so sorgt schon das ruhebedürftige Ehepaar, ehe es das 'Zuhaus' oder eine im benachbarten Markt gemietete Wohnung bezieht, für einen reichlichen 'Austrag', den der Nachfolger zu leisten hat. Der Bauer denkt in diesen heiklen Angelegenheiten seinen Kindern gegenüber sehr praktisch, fast egoistisch, und es ist nicht zu verwundern^ wenn sich beim Ableben der Eltern in den Leidenskelch der Trauer auch etwas Freude mischt. Die Arbeit bei uns hat ein wesentlich anderes Gesicht als bei manchen anderen deutschen Stämmen. Hier spielt die körperliche Arbeit eine grössere Rolle als die geistige, es liegt dies zum Teil auch in der Beschaffenheit des ländlichen Betriebs. Der Bauer wäre sehr geneigt, in dem Trott weiterzumachen, den seine Vorfahren angeschlagen, w^enn nicht der 'verdammte Fortschritt' wäre, der ihn am Ende doch zwingt mitzu- tun, denn so dumm ist der Bauer nicht, einen Vorteil, den neue Er- rungenschaften bringen, zu verkennen und nicht bei sich einzuführen. Hier gilt auch wieder der Spruch: „Wenn der Bauer nicht muss, rührt er weder Hand noch Fuss." Seine Taglöhner und Bediensteten sind fleissig und sehen im allgemeinen auf die Förderung der Hauswirtschaft, sie freuen sich mit ihm auf das glückliche Einbringen der Ernten und trauern mit ihm bei Misswachs und anderen Unglücksfällen. Die geistige Schwer- fälligkeit und das Sichgehenlassen bringt es aber mit sich, dass der Herr nicht nur für sich, sondern auch für die Dienenden denken muss. Wenn der Bauer seine Befehle gegeben, kann er sicher sein, dass sie pünktlich ausgeführt werden und braucht nicht wie ein Sklavenhalter hinter ihnen mit der Knute zu stehen. Für ein ernstes Wort oder eine Rüge ist der Dienende empfänglich, das ewige Schimpfen, Poltern oder gar spöttische Behandlung verträgt er nicht, ein Verweis in Scherzesform tut öfter Wunder. Trotz dieser guten Eigenschaften ist unser Landvolk kein Ar- beitervolk im wahren Sinne des Worts, wie Slawen und Welsche. Feinde der intensiven Bewirtschaftung der Güter sind die vielen Feiertage und was in ihrem Gefolge ist; von diesen haben nur die Gastwirtschaften einen Nutzen, wohin die Leute ihr Geld tragen, statt es auf Zinsen anzulegen. Ein Ökonom, der von anderen Gegenden her intensiven Wirtschaftsbetrieb gewöhnt ist, wird noch nicht in der Lage sein, mit den hiesigen Kräften Erspriessliches zu leisten. Der Oberinnviertier. 399 Im Handel ist der Bauer zum grossen Teil sehr vorsichtig, ja fast ängstlich, denn er weiss genau, dass der, welcher den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht. Dagegen lacht er sich aber auch ins Fäustchen, wenn er einem als überschlau geltenden Händler ein Schnipp- chen geschlagen und sich dessen im Wirtshause rühmen darf. Im allge- meinen ist er ehrlich, der Handschlag oder das Drangeid, mit welchem er den Kauf g,bschliesst, ist für ihn bindend. Ein sehr schöner Zug, zu- gleich ein echt deutscher, im Charakter des Bauern ist das Festhalten am gegebenen Wort. Hat er einen anständigen Abnehmer seiner Erzeugnisse, so kann dieser sicher sein, dass ihm niemand, auch wenn er mehr bieten würde, zuvorkommt. Man hält auch ganz nach altem Brauch viel auf Gegenseitigkeit. Der Bauer lässt sich nur etwas schenken, wenn er in der Lage ist, sich in gleicher Weise erkenntlich zu zeigen. Im Handel gilt dasselbe ungeschriebene Gesetz der Gegenseitigkeit, das strenge ge- handhabt wird. In den Städten und Märkten tritt die Gegenseitigkeit in übertriebenem Masse in die Erscheinung unter dem Titel 'Kundentrinken', das vielfach jetzt lästig empfunden wird. Die Wirte und Bräuer, zu den angesehenen Leuten gehörig, spielen auf dem Lande eine grosse Rolle. Im Wirtshause wird der Handel geschlossen und der Wirt, häufig auch Bräuer, mit seiner grossen Personal- und Sachkenntnis, tritt als Vermittler auf. Da die Wirte auf den Besuch der Bevölkerung angewiesen sind, gehören sie keiner der politischen Parteien an, sie denken für sich meist freiheitlich, machen aber im öffentlichen Leben keinen Gebrauch davon. Sie kennen fast alle Besucher der Gegend, besonders die Stänkerer, und mit sicherem Takt wissen sie Konflikte zu verhüten oder die Streitenden auf neutrales Gebiet zu verweisen. Sie haben nicht nur der Jugend, sondern auch manchmal den ernsthaften Männern, die bei starkem Bier- genuss handgemein zu werden drohen, zu wehren. Derartige Feindselig- keiten werden von der Bevölkerung nie ernst genommen, werden bald ausgeglichen, und die Streitenden sind nach der Mensur wieder die besten Freunde. Das Nichtnachtragen ist überhaupt eine gute Eigenschaft, selbst dem Wirte nimmt der einmal von ihm an die Luft Gesetzte diese Tat nicht übel. Den Müllern und Bäckern wird eine eigene Moral zuge- schrieben, von der oft scherzweise im Gasthaus in Anwesenheit der oben- genannten die Rede ist, es kommt aber nie vor, dass man diese Vertreter eines einträglichen Berufes, vor 100 Jahren 'unehrliche Leute' genannt, für wahrhafte Spitzbuben hält. Den Behörden gegenüber ist der Bauer misstrauisch, eine Eigenschaft, deren Entstehung noch in der alten Leibeigenschaft zu suchen ist; er hält die Behörden noch vielfach für bestechlich, merkt aber nicht, dass in den deutschen Ländern Österreichs die Bestechlichkeit vollständig aufgehört hat. Kommt der Bauer ins Amt, ist er ziemlich kleinlaut; hat er einen ungünstigen Bescheid erhalten, getraut er sich erst im Wirtshaus oder zu 400 ^- Pieen: Hause zu schimpf eu. Er hat keine Ahnung vom Staatswesen und vom amtlichen Getriebe, ist auch nie über derartiges aufgeklärt worden. Durch diese Unwissenheit ist er gewissenlosen Menschen rein ausgeliefert. Übrigens findet er stets Hilfe bei gewandten Leuten, deren es jetzt doch mehrere in jedem Orte gibt. Er hat ein sehr feines Gefühl für natür- liches Recht, auch hat er Geschick, Beamte, mit denen er in Yerkehr tritt, richtig einzuschätzen. Ist er überzeugt von dem Wohlwollen des Beamten, so trägt er ihm volles Vertrauen entgegen und lässt sich darin nicht wankend machen. Wenn der Beamte diese Stimmung richtig zu würdigen weiss, kann er oft nur mit ein paar verständigen Worten und Zureden das erreichen, wozu ein anderer Berge von Akten verfassen muss. Durch Gepolter und Unnachsichtigkeit, unangebrachte Strenge (Sekkatur) richtet niemand beim Volk etwas aus. Zum Prozessieren ist er sehr geneigt, und es genügt ihm oft eine Kleinigkeit, um einen Rechtsstreit vom Zaun zu brechen. Diese Prozesswut hat schon manchen von Haus und Hof gebracht. Zum Glück nimmt diese Krankheit in neuerer Zeit sehr ab, das beweist das Schwinden der Advokaten auf dem Lande. Unangenehm ist dem Bauer der Gang zum Gericht, er erledigt am liebsten kleine Streitig-keiten, Beleidigunoren ohne o-erichtliche Klage. Auch sucht er sich vor jeder Zeugenaussage, besonders vor einem abzulegenden Eide zu drücken, weil es seinem Wesen widerspricht, durch etwaige ungünstige Aussagen seinem Nebenraenschen zu schaden. Leider muss ich aber hier gestehen, dass Meineide nicht zu den grossen Seltenheiten gehören. Der Landarzt, der von den Gemeinden Beihilfen erhält, geniesst im Verhältnis zu früheren Zeiten grosses Ansehen, kommt im Range gleich hinter dem Pfarrer, ist auch in vielen Fällen der Vertraute eines grossen Teils der Bevölkerung und wirkt, wo er hinkommt, segensreich. Es kommt aber trotzdem noch vor, dass Kranke Wallfahrten unternehmen oder durch Haus- und Zaubermittel, die sogenannte Pfuscher oder An- wender verabreichen, sich behandeln lassen. Erst wenn dadurch nichts erreicht wird, findet der Kranke den Weg zum Arzt, den er als letzten Rettungsanker betrachtet. In vielen Fällen ist es aber schon zu spät, und wenn der Arzt nichts mehr machen kann, dann heisst es gleich: „er kann nichts"; glückt aber eine Kur, hat er für alle Zeiten Oberwasser. Die Tierärzte, besonders die staatlichen, sind selten zu haben, da sie als Sanitätsbehörde fast nur im Auftrage des Staates ihren Beruf ausüben und viele Zeit mit Bureauarbeiten verbringen müssen. Sie werden durch geprüfte Kurschmiede ersetzt, die jetzt die Pfuscher mehr und mehr ver- drängen, übrigens darf man sich unter dem Worte Pfuscher keine un- geschickten Menschen vorstellen; es sind meist Leute mit Anlagen, Er- fahrung und guter Beurteilungsgabe, denen nur die wissenschaftliche Aus- bildung fehlt; sie bedienen sich auf Wunsch der althergebrachten Zauber- formeln, ohne welche sie beim Volke nicht durchdringen. Wir wollen Der Oberinnviertler. ^.qi aber deshalb keinen Stein auf diese Eigenart des Volkes werfen, wieder- holt sich ja ganz dasselbe bei den höheren Ständen. Über die oesund- heitlichen Verhältnisse ist nicht viel Günstiges zu berichten, man steht Neuerungen sehr skeptisch gegenüber und gibt nicht viel auf die heilende Wirkung der Reinlichkeit, des Lichtes und der Luft. Ein Arzt, der nicht Massen von Medizin verschreibt, wird nicht für voll genommen. Die Gemeindegesetzgebung aus dem vorigen Jahrhundert räumt den Gemeinden viel mehr Rechte ein, als denen im Deutschen Reiche. Die Intelligenz unserer Bevölkerung ist aber nicht so hoch, um sich einer so ausnehmend liberalen Verfassung würdig zu erweisen, es entstehen daher eine Menge Missstände, die zu verhindern die Staatsbehörde keine Macht- befugnisse besitzt. Üble Folgen zeigen sich hauptsächlich auf gesundheit- lichem Gebiet, wo ein Zusammenarbeiten der Gemeinden mit dem Staat völlig ausgeschlossen ist; ein' weiterer Übelstand sind die schlechten Strassen. Wir sehen leider, dass der Bauer auf gute Wege keinen grossen Wert legt; er hat noch nicht einsehen gelernt, dass gute Wege Pferde und Wagen schonen, und tröstet sich damit, wenn man ihm dies vorhält: „Der Wagner und der Schmied müssen auch leben." Bei der Bürgermeisterwahl werden verschiedene Gesichtspunkte ins Auge gefasst. In erster Linie denkt man ans Geld und wählt einen Kandidaten, von dem man sicher weiss, dass er sich lieber loskauft als die Wahl annimmt. In zweiter Linie wählen sie — ich will nicht sagen den Dümmsten in der Gemeinde, aber wenigstens einen gutmütigen Menschen, der ihnen nicht unbequem wird. Ist's nun damit auch nichts, so wählen sie einen, von dem sie glauben, dass er die Geschäfte ordent- lich versieht, aber ohne dem Einzelnen wehe zu tun und die Umlagen zu erhöhen. Entpuppt er sich jedoch als eine Persönlichkeit, die sich Achtung verschafft, wird er nach dreijähriger Amtsdauer wieder, und zwar einstimmig gewählt. Die dreijährige Amtsdauer ist übrigens eine der vielen ganz verkehrten Einrichtungen, die der Entwicklung gesunder gemeindlicher Verhältnisse gerade entgegengesetzt wirkt. Zu Gemeinde- schreibern nahm man früher Leute, die ihr Fortkommen in der Welt nicht finden konnten, zur Gemeinde gehörten und folglich auch erhalten werden mussten; auf diese Art sparte man wieder einige Groschen. Dasselbe System galt und gilt noch von den Gemeindedienern und Weg- machern. Handelt es sich darum, irgend etwas Gemeinnütziges durchzuführen, so kommt es sehr darauf an, welche Persönlichkeit der Anreger ist. Stellt es sich heraus, dass einer bei solcher Unternehmung mehr Nutzen als andere ziehen würde, finden sich sofort gewissenlose Querköpfe, die den Neid der Bevölkerung erregen, um einen manchmal für die Gesamt- heit wertvollen Plan zu Fall zu bringen. Zu spät sieht die Bevölkerung dann ein, dass man sie genarrt hat, zieht aber trotzdem keine Lehre Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 4. 26 402 ^' Pr^en: daraus. So ängstlich der Bauer auch ist, lässt er sich doch von Fremden lediglich durch andauerndes Zureden zu allerlei beschwatzen und zum Schluss übers Ohr hauen. Unternimmt einer von seinesgleichen irgend etwas und braucht Beihilfe, so kann er derselben sicher sein, auch wenn der Erfolg des Unternommenen nicht durchaus sicher ist. Bei Bränden ist es auffallend, dass eine neugierige Menge die Un- glücksstätte betrachtet, ohne selbst Hand anzulegen, und gerade gilt das hauptsächlich von der männlichen Jugend, die sich erst herbeilässt zu arbeiten, wenn sie von den Gendarmen dazu gezwungen wird. Es ist das kein schöner Zug der Leute, den ich mir eigentlich nicht recht erklären kann, denn er passt nicht zu dem sonst hilfsbereiten Wesen des Volkes. Der Abgebrannte, meist schlecht versichert (eine Zwangsversicherung für Brand wie für Hagel gibt es bei uns nicht), ist auf öffentliche Sammlung und Materialunterstützung der Besitzenden in der Gemeinde angewiesen, also ganz wie vor Jahrhunderten. Der Bauer ist ein leidenschaftlicher Jäger von Natur aus und sieht gar nicht ein, dass es ein so grosses Verbrechen sein soll, sich einmal einen Hasen, ein Reh oder aus dem Forst einen Hirsch zu holen, ohne vorher zu fragen. Ich habe da oft von den achtbarsten, angesehensten Grundbesitzern und Jagdpächtern die köstlichsten Jagd- und Wilderer- geschichten erzählt bekommen, die darin gipfelten, wie sie dem Forst- personal einen oder den andern Streich gespielt haben. Der Bauer hält das Wildern ebensowenig wie das Schwäi'zen für eine Sünde, will aber durchaus nicht mit den Berufswilddieben, für die kein weidgerechtes Jagen gilt, in eine Linie gestellt werden. Er hält die Begriffe W^ildern und Wildstehlen streng auseinander. Die beliebtesten Vergnügungen^), von denen schon hier und da die Rede war, sind gar mannigfaltige. In früheren Zeiten, vor etwa 40 bis 60 Jahren, genügten die häuslichen Spiele: Mühlfahren, Gesellschaftsspiele, Werfen mit Hufeisen, Plattein genannt, Fastnachtsumzüge, Mummenschanz, Tänze und wie alle diese, dem Volkskundler wohlbekannten Dinge heissen mögen, vollständig. Dazu kamen noch die Hochzeiten, kirchlichen Feste, Preiskegeln, Eisschiessen, letzten Märzenbiere und die Umritte und Fahrten^) an den Tagen Stephani, Georgi, Leonhardi usw. Für Rennen und Wettfahren hatte der Bauer schon seit Jahrhunderten viel übrig, und besonders bei diesen darf der Herr seine Dienstboten nicht zurückhalten. Zu all diesen Unterhaltungen kommen jetzt seit neuerer Zeit noch die Feste, welche die Feuerwehren, Veteranen, Krieger, die Schützen und die Sänger veranstalten. Die Fülle von Unterhaltungen, besonders die neu 1) H. V. Preen, Drischlegspiele aus dem oberen Innviertel. Zeitschr. d. Vereins für Volkskunde 14, 3G1— 376. 2) G. Schierghofer, Altbayerns Umritte. München 1914. Der Oberinnviertler. 403 hinzugetretenen, haben die alten, die Eigenart des Volks charakterisieren- den Mummereien in den Hintergrund gedrängt. Der Bursch auf dem Lande, der Schule entwachsen, wendet sieh gleich dem Dienste zu und beginnt seine Laufbahn als sogenannter Schweinskavalier oder Stallbub, dann steigt er langsam zu den höheren Würden auf. Die ersten Sprünge, die der Bub macht, bestehen in Rauchen, 'zu Menschern gehn' und ab und zu Raufen; damit zeigt er der erstaunten kleinen Welt seiner Heimat an, dass er ein 'Manu' sein will. Der Bursch kennt auch schon alle landesüblichen Lieder und Trutz- gesangeln, auch ist ihm das Tanzen, welches er schon in der Bauern- stube während der langen Winterabende gelernt hat, nicht fremd. Mit ungefähr 16 Jahren wird er in die bäuerliche Verbindung seines Sprengeis, Zeche genannt, bei den Gebildeten heisst man es Burschenschaft, aufge- nommen. Nun beginnt das eigentliche Leben, und es ist ihm im Rahmen der Zeche Gelegenheit gegeben, &ich auszutoben, kurz, er kann mit seiner überschüssigen Kraft machen, was er will. Das Raufen der Burschen einzeln oder in Zechen spielt die Hauptrolle; sie bedienen sich dabei so- genannter erlaubter Waffen, als da sind Stuhlbeine, Latten, Stöcke, Steine, Gläser oder Krüge. Häufig aber wird zu den unerlaubten gegriffen, wie Messer, Ochsenzenn, Schlagringen, Raufeisen, in der Neuzeit sogar Revolver. So kampflustig und mutig, oder besser gesagt wütend, sich die meisten bei Massenkämpfen zeigen, einen widerlichen Eindruck macht das Über- fallen einzelner durch viele; diese begnügen sich nicht damit, dem Opfer einen Denkzettel zu geben, sie gehen in ihrer blinden Wut oft so weit, dass der Geschlagene nicht mehr aufsteht. Wegen Raufhändel eingesperrt zu werden gilt nicht als schimpflich, aber 'gebandelt' vom Gendarmen durch Ortschaften geführt zu werden wird sehr schmerzlich empfunden. Um diesen bittern Gang zu sparen, werden die meisten bei der Festnahme geständig. Anzuerkennen ist, dass niemand seine Mitschuldigen verrät, auch halten die miteinander verfehdeten Zechen, wenn es heisst, einen vor dem Gerichte reinzuwaschen, fest zusammen. Hat sich der Bursch ausgetobt, so hört das Liebeln auf, und an seine Stelle tritt der Schatz. Er rauft seltener, ist verträglicher und nicht mehr so rachedurstig wie in der Sturm- und Drangperiode. Beim Militär hält er strenge Kameradschaft, schaut auf die Staatskrüppel mit Verachtung herab, der Korpsgeist wird ausgeprägter, und vor dem Feinde benimmt er sich musterhaft. Nach seiner Dienstzeit geht er aber heim, und wenn er sich auch nach den schönen Militärjahren wieder tüchtig plagen muss, er zieht doch seine Selbständigkeit den drei Sternen bei den Kaiserlichen vor. Zu Hause wird der Ausgediente gleich Mitglied der verschiedensten Vereine, wo er das militärisch-kameradschaftliche Wesen bei Festlich- keiten fortsetzt. Die Militärjahre sind nicht spurlos au ihm vorüber- gegangen, er hat viel gelernt, viel gesehen und bringt manches Gute heim. 26* 404 V- Preen: Hat er aber in Wien gedient, so möchte ich am liebsten auf die mitge- brachten geistigen Errungenschaften verzichten. Mir macht es immer einen widerlichen Eindruck, wenn ich bei uns die Urlauber und mit ihnen die andern Burschen die ekelhaften, frivol-sentimentalen Wiener Lieder singen höre, die gar nicht zu unserer derbeu, aber natürlichen Bevölkerung passen. Trotz friedlicher Vereinstätigkeit bleibt er treu seiner Zeche, die mit einer anderen Zeche seit urdenklichen Zeiten verfehdet ist, auch wenn der Grund und Anlass zur Fehde schon längst vergessen. Überhaupt sucht der Bursch als echtes Landeskind alles auf, was Leidenschaft erregt^ geistige Getränke, das nationale Kegelspiel 'Anwandeln' und Pferderennen» Begreiflich ist daher auch, dass er gerne und hoch spielt. Beim Kegel- spiel kann man noch seine blauen Wunder sehen, was Spielleidenschaft zuwege bringt. Dieses einfache Spiel wird zum Glücksspiel umgewandelt^ und die Guldenzettel, an Stelle der Kreuzer, fliegen nur so herum. In dieser Leidenschaft geben die Alten den Jungen nichts nach, im Gegenteil sie treiben es noch ärger als jene. Wie wir aus allem hier Gesagten sehen, ist das Völkchen sehr vergnügungssüchtig, es wird jede Gelegen- heit benutzt zum Feiern, und den Schluss bildet regelmässig Rausch, Liebe und Rauferei. Man könnte aber nicht sagen, dass diese Lebens- weise der Arbeit einen Eintrag tut, höchstens leidet der Geldbeutel dar- unter, das Loch in demselben wird wieder verstopft, der Mensch geht mit der Zeit in sich und wird solid und sparsam. Eigentliche unverbesserliche Lumpen und Faulenzer gibt es sehr wenige. Auf ein gutes Feiertags- gewand, ordentliche Wäsche, Uhr mit grossgliedriger Silberkette und Pferdeanhängsel wird gesehen und jetzt in unserer Zeit auf modernere Kleidung, grelle Stoffe und rauhen, grünen Filzhut, geputzt mit einem riesigen Pinsel, Gemsbart genannt. Gelegentlich der Modernisierungswut im Schwarzwalde äusserte einmal der bekannte Schilderer Hansjakob folgendes, was auch für uns Geltung hat: „Alles lass ich mir gefallen bei der ländlichen Jugend, das Trinken, Raufen usw., nur sollen sie nicht das Billardspielen anfangen." Die Dirndeln spielen natürlich im bäuerlichen Jungleben eine grosse Rolle. Gar mancher Streit und mancher Messerstich entsteht auf' mittel- bare Veranlassung des zarten Geschlechts. Das ist ja überall gleich in der Welt, nur das Wie, d. h. die näheren Umstände, sind etwas anders,, sie haben örtliche Färbung. Eine gründliche Kennerin des Volkscharakters, Frau S. Scheibl, hat mir einige Beiträge über das Kapitel 'Dirndeln' ge- geben, die ich hier benutze. Wenn man mit Aufmerksamkeit die blond- zöpfigen, blauäugigen frischen Köpfe der Schulmädeln betrachtet, hat man seine helle Freude an dieser echt germanischen Rasse. Verlassen sie nach Schulschluss das Haus, so beginnt ein fröhliches Scherzen und Necken unter beiderlei Geschlecht, wobei die Buben, was die Schlagfertig- keit betrifft, meist den kürzeren ziehen. Aus der Schule entlassen, be- Der Oberinnviertier. 405 ginnt das Mädchen den Dienst mit der wenig beneidenswerten Stelle eines 'Kucherls', wo es schon Gelegenheit hat, neben der Hauswirtschaft allerlei Erfahrungen jeder Art fürs spätere Leben zu sammeln. Die Kleine wird oft gehänselt von jung und alt, sie gibt je nach ihren Geistesgaben scherzhaft gemeinte, mitunter spitzige, schlagfertige Antworten. Im soge- nannten Heimgarten, den bäuerlichen Gesellschaftsabenden, lernt das Kucherl tanzen, und es entwickelt sich auch da schon manche Liebschaft. Man sieht es nicht gerne, wenn die noch nicht erwachsenen Dirndeln zu einer öffentlichen Musik gehen, es kann ihnen dann passieren, dass man ihnen als Zeichen des Unpassenden ein Glas Wasser mit Kieselsteinen gefüllt auf ihren Platz stellt. Später, wenn das Dirndel erwachsen ist, in die nächste Rangklasse einer Stallmagd, 'Stallmensch', aufrückt, be- ginnen schon die Liebschaften, es wird bei ihm gefensterlt, und es ist stolz auf die Eroberung, die es gemacht. Wenn eine Braut gefragt wird, ob sie noch Jungfrau sei, antwortet sie stolz: „Da müsst i mi schäme, wenn mi no kaner gern ghabt hätt!" Auch die Burschen nehmen es nicht so genau mit der sogenannten Moral, denn es kommt häufig vor, dass der Bräutigam am Tage vor seiner Hochzeit bei seinem alten Schatz die Nacht zubringt. Platonische Liebe ist ein unbekanntes Ding, man weiss nichts Rechtes damit anzufano-en. Ziemlich früh ist die Jugend über alles unterrichtet, man nimmt bei den Unterhaltungen kein Blatt vor den Mund. Dem Fernerstehenden, der derartige Unterhaltungen nicht gewohnt ist, fällt die überaus grosse Derbheit auf, die aber mit den Ge- meinheiten, wie sie in grossen Städten üblich sind, nicht gleichartig ist. Eitel und abergläubisch sind die Dirndeln durch die Bank. Damit das schwarzseidene Kopftuch ordentlich fest auf dem Kopfe sitzt, wird die Nadel, die das Tuch halten soll, durch die Kopfhaut (!) gesteckt. Wer das Kopftuch als altmodisch verschmäht, stülpt sich einen einmal modisch gewesenen Hut mit Federn auf den Kopf und bildet sich weiss Gott was ein. Es gibt nicht leicht einen komischeren Anblick, als wenn man an Sonn- und Feiertagen die Dirndeln mit ihren Hüten, noch dazu schief aufgesetzt, mit den rot erhitzten Gesichtern auf Fahrrädern au sich vorbei- rasen sieht. Zum Glück kann man sagen, und das verdanken wir unseren Bestrebungen, dass das Tragen der Kopftücher in den Bezirken Braunau, Schärding und Ried immer grösseren Umfang annimmt. Abergläubisch sind unsere Dirndeln noch sehr und bleiben es bis in ihr hohes Alter. Die Gebräuche in der Thomasnacht, Bleigiessen, Pan- toffelwerfen, Orakelbefragen und der Glaube an üble Vorbedeutungen sprechen deutlich dafür. Wenn auch die Sitten auf dem Lande für etwas lax gehalten werden, so entbehren sie doch nicht der Katürlichkeit. Sehen wir uns nur einmal ein ländliches Tanzvergnügen an mit seinem hübschen Landlertanz, da werden wir einen grossen Abstand gegenüber dem städtischen Gebaren finden und erstaunt sein, mit welchem Anstand 406 ^- Preen: alles vor sich geht. Mit Vorliebe besuchte ich die läudlichen Unter- haltungen in den Bauernhäusern mit ihrem familiären Charakter und habe mich stets behaglich bei diesen Leuten gefühlt, die nicht mehr vorstellen wollen als sie sind. Hier bekam ich einen Begriff vom Gemütsleben und der vielseitigen Begabung der Leute nicht nur in Musik, sondern auch in der Dichtkunst. Ich war überrascht über die Gabe des Improvisrerens und über das Liedergedächtnis so mancher. Aufgefallen ist mir das An- stimme» ernster, ja trauriger Lieder, wenn die Stimmung recht gemütlich zu nennen war. Was Speidel, der bekannte feinsinnige Wiener Kritiker, in einem kleinen Aufsatz über das Mattigtal und seine Bewohner sagte, ist so treffend, dass ich mich nicht enthalten kann, es hier anzuführen: „Christen sind es, es ist aber diesem Christentum nicht zu trauen, überall sitzt der Heide unter der Haut." Der Volkskundler, der 'Von deutscher Sitt' und Art' [München 1908] von Bronne-r gelesen hat, versteht, was mit diesen wenigen AVorten gesagt sein soll. In Sitten, Gebräuchen und Volksmedizin entdecken wir den alten Natur- und Götterkult wieder, der von der Kirche nicht zer- stört werden konnte. Die Kirche hat mit ihm rechnen müssen, sie hat ihm nur andere Namen gegeben, um sich einigermassen Geltung zu verschaffen. Der Charakter der Bewohner konnte nicht umgemodelt werden, es ist daher der Kirche nur geglückt, ihn sich dienstbar zu machen. Dies ge- schah durch Einrichtungen, für die sich das Volk empfänglich zeigte, als da sind Feiertage, Bittgänge, Prozessionen, Wallfahrten, die Gottesdienste mit ihren Prunkentfaltungen und Kunstgenüssen jeder Art. In früheren Zeiten bemächtigte sich die Kirche des ganzen Geisteslebens und sorgte für die mannigfaltigsten Anregungen. Die Schule, jetzt unabhängig von der Geistlichkeit, bringt neues Leben ins Volk, indem sie die Einseitigkeit forträumte; der Lehrer ist nicht mehr im Dienst des Geistlichen, sondern ihm gleichgestellt, und, so- viel ich bemerkt, ist das Verhältnis zwischen beiden kein schlechtes ge- worden. Er ist in seiner Gegend eine notwendige Persönlichkeit, liebt und pflegt die Musik und sorgt auch für die Weiterbildung der Jugend in praktischen Fächern, kurz, wenn irgend etwas unternommen werden soll, wozu die Kräfte der Bevölkerung nicht ausreichen, muss er oder der Herr Pfarrer einspringen. Trotz alledem ist das Lesebedürfnis des Bauern nicht besonders gross; das ist aber auch begreiflich, wenn man bedenkt, dass nach schwerer Tagesarbeit die Müdigkeit den Bauern über- mannt. AVir finden im Bauernhause nur den Kalender (jetzt den von uns empfohlenen Heimatkalender), die Zeitung des landwirtschaftlichen Vereins, selten eine politische — solche liegen im Gasthaus aus — oder ein Legendenbuch, das von den Frauen oder alten Leuten zum Zeitvertreib gelesen wird. Wie schon gesagt ist Religion eine Art Mode, ein geheiligter Brauch, Der Oberinnviertier. 407 auf dessen Einhaltung die Bevölkerung sieht, um sich das Himmelreich zu verdienen. Die Gebete werden zu den üblichen Zeiten hergeleiert, ohne dass der Geist dabei etwas zu tun hat; die Religion mit ihren Segensmitteln betrachtet der Bauer als eine Melkkuh, die ihm bei guter Behandlung alles gibt, was er von ihr wünscht. .Trotz aller Vorspiegelungen über Ketzer und Andersgläubige hält der Bauer diese auch für Menschen; es kommt jetzt doch selten vor, dass ein Lutherischer, wie sie hierzulande sagen, als Höllenkandidat betrachtet wird. Die ganze Natur des Bauern ist tolerant, nur eins beirrt ihn, wenn jemand, mit dem er verkehren soll, gar nichts glaubt, er sagt dann: „Das ist ein Eiskalter, der glaubt weder an Gott noch an den Teufel." Der Pietismus, wie er häufig bei Protestanten und Sektierern gefunden wird, gehört hier zu den Seltenheiten. Die Betbrüder uud Betschwestern stehen in keinem grossen Ansehen, es sind auch meist Leute, deren Charakter mit ihrer Frömmigkeit nicht im Einklang steht. Den frömmsten Teil der Be- völkerung bilden selbstverständlich die Frauen, diese sorgen auch für die Hausheiligen, schmücken den Herrgottswinkel und kümmern sich um die üblichen geweihten Hausmittel und Segen. Eine Anzahl von Leuten gibt es auch, die sich im Wirtshaus ihrer freiheitlichen Gesinnung rühmen, aber nicht in Anwesenheit des Ortsgeistlichen; sie besuchen gleich den andern die Kirche und machen sonst alles mit, um keinen Anstoss zu erregen. Für Politik haben die Leute nicht viel Verständnis, sie wählen ruhig wie die andern, aus Bequemlichkeit und um sich nicht bei dem frommen Teil der Familie unbeliebt zu machen. Daher kommt es auch, dass ein Teil der Abgeordneten nicht mit dem nötigen Ernst die ländlichen Inter- essen vertritt, sondern lediglich Parteipolitik treibt; denn sie wissen genau, dass die ländliche Intelligenz keine zu genaue Kritik übt. Wenn für unsere ländlichen Bezirke eine Menge der notwendigsten Einrichtungen, die im deutschen Nachbarstaat längst Segen brachten und den allgemeinen Wohlstand förderten, in unseren Vertretungen nicht einmal zur Sprache kamen, so darf die Rückständigkeit unserer Länder nicht allein den Ab- geordneten und dem Staate, sondern auch der Bevölkerung zur Last ge- legt werden. Der Bauer erweist seinem Seelsorger die gebührenden Ehren, auch wenn er weiss, dass die Persönlichkeit des Pfarrers manchmal nicht einwandfrei ist. Die angestammte Würde und der Nimbus, der ihn um- gibt, übt immer einen eigenen Zauber auf das Volk aus. Wir sehen, dass die äusseren Verhältnisse vielfach auf die Ausbildung des Charakters bestimmend wirkten und im Laufe der Zeiten die Eigen- schaften schärften oder milderten. Die isolierte Lage des Landes und die nicht häufige Blutmischung der Bewohner hat viel zur Erhaltung des alten Charakters beig-etrao-en. Die Jahre unter österreichischer Herrschaft 408 V. Preen: Der Oberinnviertler. siud nicht spurlos vorübergegangen; diese Verwaltung hat mit der der Nachbarn auf deutschem Gebiet nicht Schritt gehalten, und diesem Um- stand verdanken wir ein längeres Verbleiben in der Sphäre der 'guten alten Zeit'. Während durch die Gründung des Deutschen Reiches in den altbayerischen Landen frisches Leben, strammere Zucht und Pflicht- erfüllung Eingang fanden, blieben diese Segnungen bei uns aus, und es geschah wenig in volkserzieherischer Hinsicht. So mancher ehrlich Denkende hat mir schon in diesen Punkten recht gegeben. Aber mit dem Deutschen Reiche ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit aller deutschen Stämme entstanden, das auch bei uns allgemeinen Widerhall fand. — Von unserem Volke wäre nur noch zu sagen, dass aus ihm so manche tüchtige Menschen, Dichter, Musiker, bildende Künstler, Ärzte, Beamte, Militärs und Ge- lehrte, aber bisher keine ganz hervorragenden Denker, wie sie uns Deutsch- land geschenkt hat, hervorgegangen sind. Sie alle haben die Heimat nie vergessen und den Imiviertler auch in ihrem Benehmen nie verleugnet. Zum Schluss lasse ich noch einige volkstümliche Redensarten folgen, die von der kurzen treffenden Ausdrucks- und Denkweise des Volkes Zeugnis geben: 1. Beim Lindetfahren (in deu Wald) und Indiestadtgehen weiss man nie, wann man heimkommt. 2. Ich frier um d' Nasen herum, d. h. ich hab kein Geld. H. Wenn der Vater ein Kran (Krähe) ist, wird der Sohn kein Dachel (Dohle). 4. Wer nicht fortgeht, kommt nicht heim. 5. Wo der Teufel nicht selber hinkommt, schickt er ein altes Weib. 6. Ich wünsch dir ein neues Jahr! Darauf die Erwiderung: Und dir das alte, es ist schon gezahlt. 7. Wo Geld ist, ist der Herrgott, wo keins, der Teufel. 8. Zwischen Tag und Nacht ist kein Zaun. 9. Wenn der Himmel einen kleinen (blauen) Flecken kriegt, kriegt der Petrus eine Hose. 10. Haben mein Vater und Mutter sterben müssen, wird's uns wohl auch nicht umbringen müssen. 11. Wie geht's, nichts Neues? Was soll's geben, is eh das Alte das Bessere. 12. Ein Ahnelkind und ein Stubenfarkel sind selten was wordn. 13. Gscheit bleibt gscheit; fällst mit dem Kopf in den Bach, bleiben die Füsse trocken. 14. Warme Füss, kalter Kopf, hint offen, langes Leben zu hoffen. 15. A Gewöhnets is a eisern Pfoad (Gewohnheit ist ein eisern Hemd). 16. Wenn der Vogel recht warm sitzt, fliegt er fort. 17. Das Wissen soll man vor dem Essen gelernt haben. 18. Wer viel einweicht (Wäsche), schweibt (wäscht) viel aus. 19. Wo die Scheuertor alleweil offen sind, is nix drin. 20. Das ist ein alter Spruch gewesen: was unter dem Tisch liegt, gehört dem Besen. 21. Sein tuts was (sagt man bei ganz ausserge wohnlichen Ereignissen). Treichel: Die sogenannten Apostel-Bienenstöcke von Höfel. 409 Gerade zum Schluss gekommen mit dieser Arbeit, höre ich Lärm auf der Landstrasse vor meinem Hause. Aus heiseren Kehlen tönt der Ruf: „Hoch Österreich, hoch Deutschland!" an mein Ohr, Ich eile hinunter und drücke noch allen die Hand, den jungen und älteren Leuten, die zur Fahne eilen und begeistert in den Kampf gegen einen nichtswürdigen Feind, ziehen. Osternberg, im August 1914. Die sogenannten Apostel-Bienenstöcke von Höfel'). Von Franz Treichel. >Mit einer Abbildung:.) Die Imkerei bediente sich als Wohnung für ihre Schützlinge wohl allgemein der uns bekannten Spitzkörbe, die jetzt mehr und mehr bei der fortgeschrittenen Bienenzucht den bequemeren Bienenhäusern ge- wichen sind, welche einen besseren Überblick und eine leichtere Beobachtung der Völker gestatten und bei denen auch das Abräuchern der Bienen fortfällt, wenn man den Honig einheimsen will. Welch ein weiter Schritt gegen die 'Beuten' unserer Vorfahren, die den Schwärm in einer 'Klotz- beute' hielten, einem ausgehöhlten Baumstamm, wie ihn sich wilde Bienen- völker im Walde in Bäumen mit natürlichen Löchern zum Wohnsitz aus- zuwählen pflegen! Jedoch so eigenartige Häuser als Bienenstöcke, wie sie unsere Ab- bildung zeigt, dürften wohl ziemlich selten in der Welt sein. Sie be- finden sich in Höfel, einem schlesischen Dorfe in der Nähe der Bahn- station Flagwitz am Bober, gehören dem Gutsbesitzer Hrn. Vogt und werden von Hrn. Lehrer Werner bewirtschaftet, dem ich meine Angaben verdanke. Der übliche Name dieser Bienenhäuser, die menschliche Figuren dar- stellen, ist nicht zutreffend, denn es sind nicht zwölf an der Zalil, wie man nach den 12 Aposteln vermuten könnte, sondern 18 Bienenstöcke; ferner aber ist überhaupt nur e i n Apostel unter ihnen. Diese Kunstwerke von Immenwohnungen sind in lauger Reihe in einem schuppenartigen Bauwerk aufgestellt, das nach der Vorderseite offen ist, wie jedes Bienenhaus, damit die Tiere ausfliegen können. Die einzelnen Stöcke sind ungefähr 2 m hoch und haben einen Umfang von etwa 1,50 m. Die aus Lindenholz geschnitzten Figuren stellen dar: Aaron, Moses, Simeon, Faulus, Petrus — der einzige Apostel unter ihnen — , Abt, Äbtissin, 1) Nach einem ain 2t. Mai 1914 iin Verein für Volkskunde gehaltenen Vortrage. 410 Treichel: Die sogenannten Apostel-Bienenstöcke von Höfel. Nonne, Prälai, Mönch, Zwerg, Gutsherr mit Gattin, die eine Doppelfigur bilden, sodann 4 Bauersfrauen und 2 Nachtwächter. Jede Figur ist mit einem ihr eigentümlichen Gegenstände ausgestattet. ■ Auf der Abbildung, angefertigt nach einer Ansichtskarte, die ich Hrn. Werner verdanke, kann man leider nicht die ganze Reihe überblicken. Aaron trägt das Mannakrüglein und den blühenden Stab, Moses stützt die Gesetzestafeln an seinen Körper und hält in seiner Linken die auf- gerichtete Schlange, neben ihm steht Simeon mit dem Kinde, dann folgen Paulus und Petrus mit Evangelienbüchern; die zweite Abteilung hinter Abb. 1. der Tragestütze zeigt Abt und Prälat mit Krummstab, sowie einen Mönch mit Rosenkranz und — Bierkrug; es folgt anscheinend noch die Äbtissin, nicht erkennen dagegen lässt sich die erste Figur, die verdeckt ist; die folgende Reihe besteht aus den Bauersfrauen mit Kaffeetassen, Fächern, Wäscherollen u. a. m. Die Nachtwächter tragen einen Spiess, während dem Zwerge ein Schnapsglas beigegeben ist. Die Schlupfbrettchen und -loch er für die Bienen sind an den Figuren deutlich zu erkennen; sie sind in etwas über Kniehöhe angebracht. Über die Herstellung der Bienenstöcke ist sicheres nicht bekannt. Die ältesten Figuren wurden wahrscheinlich ums Jahr 1600 geschnitzt, als das dortige Bauerngut, die sogenannte Scholtisei, im Besitz des Klosters Naumburg a. Bober war. Einige Figuren sind neuerer Herkunft Fräukel: Kleine Mitteilungeu. 411 und nachweislich im Auftrage des ums Jahr 1800 dort lebenden Bienen- vaters Üeberschär in Löwenberg geschnitzt worden. Ich nehme an, dass der Stamm aus 12 Stück bestanden hat und so der Name 'Zwölf- Apostel- Bienenstöcke' entstanden ist. Die meisten der Figuren sind nicht ohne Kunstfertigkeit gearbeitet, wie der Faltenwurf der Gewänder und die Gesichtsbildung zeigt; andere sind dagegen ziemlich plump ausgefallen, was auf mehrere Hersteller schliessen lässt. Einmal drohte dieser seltsamen Gesellschaft Gefahr. Das war im Jahre 1813, als die Franzosen drei Tage lang in Höfel hausten. Doch müssen sie wohl Respekt vor den Figuren gehabt haben; denn während sie an 50 danebenstehende Bienenkörbe Feuer legten, fügten sie den 12 Aposteln kein Leid zu. Leider kann man diese Rücksicht dem Zahn der Zeit nicht nachsagen, da diese Wahrzeichen dortiger Gegend immer mehr verfallen. Trotzdem sind sie, wie gesagt, noch im Gebrauch. Die Erneuerung würde 'eine Stange Gold' kosten, wie mein Gewährsmann hinzusetzte. Die Bienenstockfiguren tragen keinerlei Inschriften, die uns irgend- eine weitere Aufklärung über ihre Entstehung geben könnten. Vergeb- lich erkundigte ich mich, ob eine besondere Begebenheit den Anlass zu ihrer Verfertigung gegeben hätte, irgendein Aberglaube sich daran knüpfe oder Sage und Legende etwas berichteten. Vielleicht verdanken die Figuren einem frommen Gelöbnis ihre Entstehung, falls nicht etwa die dargestellten Personen als die Schützer der Bienen anzusprechen sind. Berlin. Kleine Mitteilungen. Der * Weiberbraten' von Berghausen bei Speyer. Ein originelles Pest mit historischem Hintergrund beging nach achtjähriger Pause zum erstenmal wieder am 9. Mai 1914 die Gemeinde Berghausen bei Speyer a. Rh.: den sog. '"Weiberbraten'. Welche Bewandtnis es damit hat, erkennt man aus der Vorgeschichte des eigenartigen Brauches. Laut der Über- lieferung sollen im Jahre 1706 die 59 Frauen von Berghausen auf ihrem Gange nach der nahen Stadt Speyer, um dort ihre Milch abzusetzen, in dem 'Gutleut- hause', einem Spital, ^ am ehemaligen Gutleuteweg, jetzt Berghäuserstrasse, rechts zunächst dem Wege nach dem Tafelsbrunnen — den Ausbruch einer Feuersbrunst bemerkt und dadurch gelöscht haben, dass sie ihre für den Markt bestimmte Milch auf die Flammen gössen. Aus Dankbarkeit für dieses uneigennützige Eingreifen bestimmte das Pflegeamt des ehemaligen Gutleut-Almosens, dass den Weibern 412 Fränkel: Berghausens alljährlich am Gedächtnistage dieser Begebenheit, am Montag nach dem heiligen Dreikönigsfeste, 15 Pfund Kalbfleisch (oder 14 Pfund Rindfleisch) und 15 Pfund Schweinefleisch, nach anderer Überlieferung IP/o Pfund Rind- und 16^/2 Pfund Schweinefleisch, nebst Brot (und Wein) verabreicht werden. Seit ■der französischen Herrschaft im Anfange des 19. Jahrhunderts wird diese Spende, der sogenannte 'Weiberbraten', in Geld geleistet, und zwar bezahlte alljährlich bis heute das Bürgerhospital Speyer als Rechtsnachfolger des Gutleut-Almosens ans Bürgermeisteramt Berghausen 4 Gulden 45 Kreuzer (umgerechnet seit 1875 in 8 Mk. 14 Pf.). Dieser Betrag langte natürlich nicht im geringsten für das Festmahl der ganzen, auch an Ansprüchen gewachsenen Frauenschar Berghausens — daher zahtt jetzt jede einzelne davon selbst einen bestimmten Beitrag, während die Speyerer pflichtmässige Spende einen Teil der Musikkosten deckt. Eine Stiftungsurkunde besteht nicht, wenigstens ist keine bekannt. Erstmals erscheint diese Ausgabe für die Weiber von Berghausen in der Speyerer Spitalrechnung für das Jahr 1714, und zwar^ als gewöhnliche. Das Fehlen bestimmter Anhaltspunkte für den Ursprung dieser Stiftung ist jedenfalls in dem Verbrennen der bezüglichen Schriftstücke von 1555 bis einschliesslich 1713 (wie auch schon im Dreissigjährigen Krieg) begründet. Der volksmässigen Tradition widerspricht die urkundlich belegte Tatsache, dass jenes Gutleuthaus im Jahre 1706 französische Mordbrenner vollständig ein- äscherten. Erst 1740 gibt ein Speyerer Zins- und Lagerbuch als Ursache der Spende an, dass, „als vor alters das Gutleuthaus in Brand geraten, derselbe durch die Weiber zu Berghausen gelöscht worden sein soll." Da hiernach der Anlass rechtlich kaum sicher galt, so suchte die Spitalverwaltung die finanzielle Last ab- zuwälzen. Die Gemeinde Berghausen verfocht das Recht ihrer Frauen, gab jedoch in dem Streit nicht das vererbte Verlangen an, stellte vielmehr fest, „wenn die- jenigen, so daß Gutleuts-Guts-Aecker in ihrer Gemarkung liegendt ihr Zugvieh ausspanneten, so hätten sie das recht in ihrer Gemarkung zu weyden, wegen welchen man ihnen diese Gebühr zu entrichten hätte, wovon sie auch nicht abstunden sondern sich im widrigen fall an denen fruchten bezahlt machen wollten." Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verweigerte das Speyerer Bürgerhospital die weitere Auszahlung; jedoch verfügte die königl. Regierung der Pfalz unter dem 7. Sep- tember 1821 die fernere Entrichtung. Gymnasiallehrer Dr. Albert Becker in Zweibrücken, der bedeutendste Fachmann der Rheinpfalz auf dem Gebiete der Volkskunde, führt') diesen Brauch auf ein Weiderecht in der Berghausener Gemarkung zurück, das vom Gutleut-Almosen ausgeübt wurde'-*). Auf jeden Fall reicht dieser Brauch jahrhundertelang zurück^). 1) Hessische Blätter für Volkskunde 10, 145ff., Nachtrag ebd. 11, 34 in einem Auf- satze 'Frauem-echt in Brauch und Sitte. Zur Geschichte des Weiberbratens von Berg- hausen bei Speyer'. 2) Teilweise wörtlich übernommen, aber noch sicherer begründet und in den richtigen grösseren Zusammenhang gestellt hat Alb. Becker seine bezüglichen Ausführungen und Auslegungen in sein ungemein ergiebiges fesselndes Büchlein: 'Frauenrechtliches in Brauch und Sitte. Ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde' (Programm des k. Gymnasiums Zweibrücken 1913) und seine 'Beiträge zur Heimatkunde der Pfalz' IV (Kaiserslautern 191.3), S. 21-23; 63 -64 (Anmerkungen 19— 22); 42-43; 71 f. (Anm. 65); 77 (Martin Greifs verherrlichendes Gedicht 'Die Frauen von Berghausen' in dessen 'Neuen Liedern und Mären' (1902) S. 153f., zuerst in der Gartenlaube 1898 Nr. 5, S. 69 — Anhang I). Zur Ent- stehung solcher Sagen verweist A. Becker auf F. Ohlenschlagers akademische Festrede 'Sage und Forschung' (München 1885) und W. L. Hertslet, Der Treppenwitz der Welt- geschichte, 6. Auflage von H. F. Helmolt, S. 17 ff. 3) Von dem altherkömmlichen Verlaufe des Festtages berichtet Ludwig Schandein Kleine Mitteilungen. 41^. Die heurige Feier fand mit allem Pomp statt: sie brachte die ganze kleine Gemeinde auf die Beine, lockte auch eine grosse Anzahl Schaulustige und Neu- gierige aus der näheren und weiteren Umgegend herbei. Ein Umzug leitete das Fest nachmittags VgS Uhr ein. Lustige Musik kündigte den herannahenden Aufzug an. Dann kam stolzen Schritts das „Komitee der Milchfrauen": drei wackere Frauen mit weissen Schürzen, Blumen im Haar und mit bluraengeschmückten blanken Milchkannen. In ihrer Mitte die Fahne, dabei, von zwei weissgekleideten Mädchen geführt, ein blumengezierter Wagen, in dem die älteste Frau des Ortes, die 83jährige Witwe Walburg, sass. Dahinter, gleichfalls festlich geschmückt, das Heer der übrigen Milchfrauen. Unter den flotten Klängen der Kapelle zog der Zug vor eine Reihe freigebiger Häuser, wo den Frauen in ihre blank geputzten zinnernen Milchmasse Wein geschenkt wurde. Während die immer zahlreicher herbeiströmende Weiblichkeit sich daran erquickte, ging das männliche Geschlecht, das sich darum gruppierte, leer aus — so will es der Brauch; denn es ist eben ein ausgesprochenes Frauenfest, wie auch A. Becker das Ganze richtig unter das Prauenrecht rückt. So wurde denn der 'Weiberbraten' selbst, als nach mehr als zweistündigem Umzug sich die Teilnehmerinnen im 'Pfälzer Hof zum Fest- essen versammelten, ohne Männer verzehrt. Freilich, als der Form der Tradition genügt war, holten die Frauen ihre ehelichen Hälften, die geladenen Honoratioren und die Freunde des alten volksmässigen Brauches herein — Ledige bleiben auch da noch ausgeschlossen — , und nun drehte man sich, ganz dem Herkommen ge- mäss, im Tanze, bis die Sonntagssonne zu den Fenstern hereinlugte. J. Rumpf, der in der gelesensten Tageszeitung der Vorderpfalz, dem Ludwigshafener General- Anzeiger, Nr 104 vom 5. Mai 1914, im voraus für das Verständnis des merkwürdigen Brauchs bei der Bevölkerung in einem gut unterrichteten Artikel Stimmung machte, scheint seiner Portdauer gewiss: „Dass dieser Pfälzer Brauch, der einzige seiner Art, nicht verschwindet und das Andenken bei den nachfolgenden Geschlechtern erhalten bleibt, dafür sorgen die Milchfrauen Berghausens, die, mit Recht stolz auf die entschlossene und selbstlose Handlung ihrer Vorgängerinnen, das ewige Ge- dächtnis wahren und gewahrt wissen wollen. Es ist ein besonderes Verdienst Albert Beckers, den Kern des fortlebenden, sichtlich Jahrhunderte alten Brauchs herausgeschält und dann unter den grundsätzlichen Gesichtspunkt des 'Frauen- rechts' gebracht zu haben, innerhalb der Fülle ähnlicher Materialien aus der Rheinpfalz und den Stammes- oder traditionsverwandten Nachbargegenden. Dass die heutigen aktiv wie passiv Beteiligten von Ursprung und Sinn gar keine oder höchstens einzelne eine ganz leise Ahnung haben, mag man mit historischer Nüchternheit aussprechen, sogar bedauern — nach richtiger begründeter Erklärung zu suchen, erwächst der Forschung daher erst zur Pflicht. Weder August Becker, der bekannte Erzähler pfälzischer Herkunft, in seinem (1913 für den Pfälzerwald- verein neu aufgelegten) Buche 'Die Pfalz und die Pfälzer' (S. 152) von 1857 noch W. H. Riehls berühmtes Buch 'Die Pfälzer' (1898) deuten in ihren kulturhistorischea Gemälden die Geschichte vom Weiberbraten an." Ludwigshafen a. Rh. Ludwig Fränkel. in der Zeitschrift „Bavaria" IV 2 S. 388. Die feststellbaren Daten für die Vergangenheit bringt J. Rumpf, ,.Der Weiberbraten zu Berghausen. Nach Akten des Hospitalarchivs zu Speyer", Speyerer Zeitung 90 (1901) Nr. 115/116, meist Rechnungsbelege. Vgl. auch Frankfurter Zeitung vom 24. Mai 1901, 2. Morgenblatt. 414 Schütte: Braunschweigische Sagen*). I. Der wilde Jäger. Wenn es in der Luft 'jif jaf jif jaf tönte und ich meinen Vater danach fragte, so sagte er: Dat is de wille Jäger, Junge, den lat man trecken. (Altvater Bosse in Hötzum.) Der wilde Jäger fliegt kaum haushoch. Dem alten Lohe in Braunschweig (vor zehn Jahren etwa verstorben) ist er öfter begegnet. Einmal hat er mit ihm gesprochen, aber er durfte nicht sagen, was er mit ihm geredet habe, sonst würde Not und Pestilenz über ihn kommen- Ein paar Brüder waren einst in einer Herbstnacht auf dem Felde und trugen die Hürden vor. Da sei, so erzählte der eine, der Jäger Busch über das Feld gekommen. Es habe sich plötzlich über dem Dorfe Hallendorf ein grosses Hunde- gebell erhoben und sei immer näher gekommen, bis es über ihnen durch die Luft gesaust sei. Da habe der Bruder gefragt: „Wer da?" „Jäger Busch" sei ihm aus der Luft geantwortet. Dieser habe vier Pferde vor seinem Wagen gehabt, und viele Hunde seien nebenher gelaufen. li. Der Teufel. a) Der Teufel heisst meistens Gluhswanz, seltener Langswanz und Draken- trecker, oft wird er mit dem Vornamen Martin angeredet, vgl.: Märten, hast noch ein vergetten, Hast noch keine Botter eschettcD. Er hat einen schwarzen, rauhen Schwanz, und wer unter den Freimaurern ist, zu dem kommt er, und er muss sich mit seinem eigenen Blute unterschreiben. b) Wenn der Gluhschwanz durch die Luft zieht und einen trifft, der nicht unter Dach und Fach ist, lässt er auf ihn Schmutz herunterfallen. Ist man aber unter Dach und Fach und ruft ihm 'Halfpart' zu, so gibt er die Hälfte von dem, was er hat, ab. Als es einmal ein Knecht rief, liess er etwas in den 'Alpaul' (= Jauche- pfuhl) fallen. Als der Knecht eine Harke geholt und es herausgefischt hatte, war es eine Pipwurst. (Wedtlenstedt.) Manche Leute konnten den Gluhschwanz auf freiem Felde anhalten. Dann fragten sie ihn, was er auf habe. Er habe Geld geladen, antwortete er. Woher er das geholt habe? „Aus der königlichen Schatzkammer." „Wo bringst du es hin?" Auf diese Frage erhielten sie keine Antwort. Dann riefen sie ihm zu „Märten, half Parten!", und er musste ihnen die Hälfte abgeben. (Hötzum.) c) Wenn der Gluhschwanz in den Schornstein hineinfuhr und man ein Rad vom Wagen abnahm und es verkehrt wieder aufsteckte, so konnte er nicht wieder aus dem Hause heraus, sondern musste erst eine Wand einrennen, um da heraus- zufahren. (Hötzum.) Der Teufel hilft buttern^). Einer Frau in Coppengrave am Hilse gelang das Buttern immer so schnell, dass man es sich nicht erklären konnte. Eines Tages, als ihr Mädchen buttern 1) Vgl. Voges, Sagen aus dem Lande Braunschweig, Braunschweig 1895; Schütte, Braunschweig. Magazin 1898 S. 2:^ und 1899 S. 111 und 117 ff.; ders., oben 11, 338fif. 2) Vgl. Schambach und Müller, Niedersächs. Sagen Nr. 185; Schütte, Braunschweig. Magazin 1898 S. 23. Kleine Mitteilungen. 415 musste, sah dies einen dicken Frosch in dem Schmant sitzen. Da schüttete es ihn aus, nahm den Frosch und warf ihn aus der Tür. Nun musste es immerzu buttern, weil die Butter nicht werden wollte. Als die Frau erschien, fragte sie, was es denn gemacht hatte. Da sah sie schon den Höpper hinter der Tür sitzen, kriegte ihn auf und sagte: Ach, kunim Charlöttchen In meinen Smantpöttchen, Use Mäken ungewetten Hat dik ut en Botterfatte smetten. Der betrogene Teufel. a) Die Pferdejungen neckten den Teufel stets, er konnte ihnen aber nichts anhaben. Da bat er Gott, er mochte sie ihm in die Hand geben. Der liebe Gott, sagte, er solle sie haben, wenn die Eichen kein Laub mehr trügen. Damit er sie nun nicht kriegt, hat der Herrgott gefügt, dass die Eichen immer noch trockenes Laub haben, wenn sie zu grünen anfangen. b) Ein Förster am Elme hatte sich dem Teufel verschrieben; der gewährte ihm grossen Anlauf vom Wilde und gab ihm Freikugeln. So ging ihm kein Schuss fehl, und er lebte herrlich und in Freuden. Es kam aber die Zeit, wo der Vertrag ablief, bei dessen Abschluss er versprochen hatte, des Teufels zu sein, nämlich sobald nach zehn Jahren im Walde das Laub abgefallen sei. Der Teufel stellte sich richtig nach zehn Jahren um Martini ein, um den Förster zu holen. Der aber machte Ausflüchte und meinte, der Teufel irre sich, denn alle Blätter seien noch nicht abgefallen. Sie gingen in den Wald, um nachzusehen, und der Förster behielt Recht: die Dickungen der Eiche und Buche w^aren noch nicht entblättert. Der Satan musste abziehen, nahm sich aber vor, zu rechter Zeit wiederzukommen. Das tat er denn auch um die Osterzeit und wies dem Förster die nun blattlosen Dickungen. Dieser aber führte den Bösen zu einer Buchen- heisterpflanzung aus den Vorjahren, an der zu gleicher Zeit grüne und trockene Blätter zu sehen sind. Die Zeit war also wieder verpasst; der dumme Teufel sah ein, dass er betrogen war, zog grimmig ab und kam nicht wieder. (Gross-Dahlum, vom -f Forstmeister Ziegenmeyer.) c) Opperstund will kein Minsche mehr an en Düwel glöwen, olinges leit e sik aberst öfter seihn un hale düssen un jünnen. Et kämm mal abens in Schummern de Grotendahlsche Föster oppen Räbschen (Dorf Räbke am Elme) Stiege hendal. Da möte ne Ein, blef bi ne stun un bot ne de Dagestit. De Föster bot en ok en guen Abend und blef ok stän. Wildessen dat hei den Frommen en betten hinken sach, as hei ran kämm, kek e na sinen Fäuten. Da word e en Ferfaut gewahr un nu wußte hei Bescheid: dat moßte de Düwel sin. Wenn et ne nu ok en betten isig den Rüggen runder leip, sau harr' e doch keine Furcht, hei was en stämmigen Kercl un namm et mit sessen op. „Tu", sä de Düwel, „wat drögsten da vor en putzig Dings op dincr Schulder?" ^Dat is mine Tabackspipe", sä de Föster un namm sine B^linte in de Hand. ^Hm, roken möchte ik ok wol emal", meine de Düwel. „Da kannste tan komen", antwöre de Föster, un dabi stok e den Düwel de Mündunge int Mul, „säst ok gliks Füer hebben". Dorbi treck e en Hünen op un drücke af. De Düwel pruste, spucke ut un reip: „Fudichkan! De Taback is mik tau starke", un dormidde mak e, dat e weg kämm. (Gross-Dahlum, vom f Forstmeister Ziegenmeyer.) — [Vgl. Bolte-Polivka, Anmerkungen zu den KHM. der Brüder Grimm 2, 530 ^.J 416 Schütte: III. Hexen. Am alten Mai, das ist der zwölfte, ziehen die Hexen nach dem Blocksberge (Lebenstedt.) — Wer sie hat sehn wollen in der Wolpernacht, hat sich müssen auf einen Kreuzweg setzen und Kreuzdornen um sich herumlegen, dann haben sie ihm nichts tun können. (Hötzum.) — Hexen aber, die durch eine Verletzung blutrünstig werden, können einem nichts anhaben. (Volkmarsdorf.) — Schlägt man auf die Türschwelle drei Hufnägel in Dreiecksform, dann kann die Hexe nicht in die Stube (Wedtlenstedt), hängt man ein Pflugrad in den Schweinestall, so geht sie nicht an die Schweine. (Cremlingen.) — Der Stridde (= Dreifuss als Untersatz) durfte über Nacht auf dem Herde nicht stehen bleiben, sondern musste umgestossen werden, dass er auf dem Rücken lag. Sonst kochten die Hexen auf ihm die Nacht. (Hötzum.) IV. Weisse Taube als Seele. In Helmstedt war einem in der Jürgenstrasse wohnenden Bader ein silberner Löffel weggekommen. Der Verdacht, ihn gestohlen zu haben, fiel auf Melusine, des Baders Magd. Vergebens beteuerte diese ihre Unschuld; sie wurde ein- gezogen, gefoltert und zum Tode durch das Schwert verurteilt. Auf einem Hügel vor dem Südertore am Büddenstedter Wege wurde sie geköpft, und als der Kopf fiel, schwebte aus dem Rumpfe eine weisse Taube als Zeichen von Melusinen» Unschuld empor. In der folgenden Nacht sank auf der Richtstätte der Hügel ein, und es entstand eine tiefe Grube, die als Melusinenkuhle noch heute zu sehen ist. Nach Jahr und Tag warf der Wind einen alten Birnbaum in des Baders Garten um; dabei zerfiel ein Elsternnest, und darin fand sich der vermisste Löffel. V. Werwolf und Löwenbär. a) Ein Mann, der sich einen Wolfsriemen umschnallte, wurde zum Werwolf und konnte dann ein ganzes Schaf auffressen. (Hötzum.) b) In den Wiesen bei Stiege, die man das Füllenbruch nennt, mähten an einem warmen Sommertago zwei Männer Gras. Den Mittag rasteten sie, assen und legten sich zum Schlafen nieder. Nach kurzem Schlummer erwachte der eine, vermisste seinen Gefährten und sah, wie dieser, in einen Wolf verwandelt^ ein in den Wiesen weidendes Füllen beschlich, zerriss und frass. Darauf ver- wandelte er sich wieder in einen Menschen und kehrte zur Ruhestätte zurück^). Hier lag der andere entsetzt und stellte sich schlafend. Nach einiger Zeit gingen beide wieder an die Arbeit. Dem Werwolfe ging sie schlecht von der Hand, und bald klagte er über Vollheit im Magen. Da konnte sich der andere nicht enthalten zu sagen: „Wer ein Füllen gefressen hat, muss wohl voll im Leibe sein." Der Werwolf erwiderte: „Hättest du mir das vor einer Stunde gesagt, so wäre dein letztes Brot gebacken gewesen." Inzwischen waren nämlich noch andere Mäher an die Wiesen getreten, die sich dem Werwolfe mit entgegengestellt hätten. Dieser suchte das Weite, und man hat ihn nicht wieder gesehen. c) Menschen verwandeln sich durch einen Verwünschungsriemen in Löwen- bären. Wenn ein Mensch den Riemen umschnallt und dieser nicht wieder auf- geschlagen wird, so ist der Mensch ein Löwenbär. (Lebenstedt.) 1) Vgl. Voges a. a. O. Nr. 107; Schambach u. Müller Nr. 198; Harrys, Volkssagen Niedersachsens Nr. 24. Grimm, D. Sagen Nr. 214. Kleine Mitteilungen. 4^7 VI. Tückeboten. Die Tückeboteii wandten sich stets zu den Betenden. Ein Frachter fuhr einmal bei dem Schöppenstedter Turme, wo es früher bruchig' war, und betete. Da setzten sich alle Tiickeboten auf seinen Wao^en, dass er so schwer wurde, dass sein Pferd kaum weiter konnte. Als sich aber einer gar auf seinen Peitschen- stock setzte, wusste er nicht ein und aus und rief: Donnerwetter! — und weg waren sie alle. (Hötzum.) Vli. Nächtlicher Zauber bei Helmstedt. Der Zimmermeister Koch, ein ruhiger, nüchterner Mann, kehrte eines Abends spät aus dem Weissen Rosse, seiner vor dem Südertore belegenen Stammkneipe, zurück, konnte aber das Tor nicht finden. Die ganze Gegend war verwandelt und ihm unbekannt geworden. Da fiel ihm das einzig in solchem Falle helfende Mittel ein, er setzte sich zu Boden und zog seine Schuhe um, so dass der rechte auf den linken Fuss kam. Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; er fand alles, wie es immer gewesen war, kam durch das Tor und erreichte sein nahe gelegenes Haus. VIII. Versunkene Gebäude. a) Von der alten Strasse von Delligsen nach Kaierde aus, dem Hofe Mittal am Ithberge gegenüber, sieht man zwischen der Strasse und dem Röhnberge ein Wasserloch. Es ist von einer Wiese umgeben, die die Meerwiese genannt wird. -Hier soll eine Kirche versunken sein; die Glocken will man zuweilen im Sommer noch aus dem Wasser heraus läuten hören. b) Im Silberhohl im Bodenburger Holze am Hahnenkampe ist ein Schloss mit einer Prinzessin versunken. (Dorfbeschreibung von Seesen 1757, hand- schriftlich auf der hiesigen Plankammer.) IX. Bannung. a) In einem Hofe in Bortfeld spukte ein Verstorbener. Da holte man einen Pater, und der bannte den Geist in eine Flasche. Diese nahm er und fuhr mit einem Knechte, der sich nicht umgucken durfte, nach dem Bruche und begrub die Flasche unter einer 'Kopheike'. Da ist er nicht wiedergekommen, aber eine Stelle in dem einen Stalle ist noch bedenklich, da dürfen sie kein Vieh hinstellen, sonst wird es krank. bj Hinter der Grasmühle bei Schöningen ist der Kuhteichsberg; dorthin, so erzählte man vor 60 Jahren, hätten die Mönche immer welche gebannt. c) Einen bösen Geist, der sich bei Gross-Twülpstedt zeigte, bannte der Pastor Kemphans, indem er ihn in einen ledernen Sack tat und nach dem Wipperteiche hinter Wendschott trug. X. Unruhe im Grabe. a) Dat Mäken mit der Lüchte. Einst ging ein Mädchen, das schwanger war, mit seinem Bräutigam von Bettmar nach Münstedt, traf aber dort nicht ein, sondern wurde in einer Plachs- rotte ertrunken aufgefunden. Man glaubte, sein Bräutigam habe es ertränkt. Sieht man nun seit der Zeit ein Irrlicht, so heisst es, 'dat Mäken mit der Lüchte' ginge wieder umher. Zeitüchr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft *. 27 418 Schütte: b) Verwünschte Jungfrau. Am Röhnberge bei Delligsen geht eine Jungfrau mit goldenen Eimern. c) Die Jungfrau mit silbernen Schlüsseln. Der Klostergarten von St. Ludgeri bei Helmstedt ist mit einer hohen Mauei* umgeben. An seiner östlichen Seite ist eine Pforte, aus der nachts eine Jungfrau mit einem Bunde silberner Schlüssel kommt. Sie geht den Weg zum Stroh- mühlenteiche, wo sie verschwindet. Die Pforte wird unterdessen von einem ver- zauberten grossen Hunde bewacht. d) Fräulein mit goldenen Eimern. Es war einst ein Schloss bei Coppengrave, an dem Strassborn gelegen, der da fliesst. Jetzt ist es untergegangen, von einem Zauberer verwünscht. Diesen sollte das junge Fräulein, das einen grossen Lieblingshund hatte, heiraten, mochte ihn aber nicht. Der Rand des Schlosses ist noch zu sehen; die Stelle ist schon öfter vollgefahren, doch die Erde verschwindet immer. Alle zehn Jahre erscheint das Fräulein mit goldenen Eimern und schöpft Wasser. Dann geht der Hund neben ihm her und bewacht es; vor dem Stege, wo das Wasser fliesst, stellt er sich auf. Der Zauberer steht vor dem anderen Ende des Steges. Wenn dann Leute kamen, die nach der Mühle in Brunkensen wollten, konnten sie nicht hin- über. Einmal kam eine Frau daher, als die zehn Jahre gerade wieder herum waren. Da sah sie das Fräulein die volle Stunde von 11—12 stehen und den Hund auch; ein Irrlicht stand aber in dem Kreise, in dem sich das junge Mädchen befand, kam auf die Frau zu, und es ging immer: „Huck up!" Da rief sie: „Zum Teufel huck up!", und auf einmal war es so schwer auf ihrer Kiepe, dass sie sie gar nicht mehr tragen konnte. Als die Stunde vorüber war, wollte sie weg über den Steg gehen. Da aber ihre Kiepe so schwer war, sagte sie: „Kriuzdonnerwetter, wat is denn dat up miner Keipen!" Dann wurde sie ordentlich zurückgerissen, und es huckte etwas ab. Als sie nach Hause kam, erzählte sie es. Ein alter Mann aber wollte ihr nicht glauben und sagte: „Wenn ik allet glöwe, dat glöwe ick nich." Sie jedoch erwiderte: „Mik hat et mine Mutter un mine Grossmutter verteilt, un nu is et mik begegnet." Da sagte er: „Wenn ik in tein Jahren noch lewe, will ek er ok hen un seihn, ob et wahr is." Als die zehn Jahre herum waren, ging er nach der Mühle, um sich Roggen schroten zu lassen, und als er zur Stunde dahin kommt, sieht er das Nämliche: Das junge Mädchen geht mit den goldenen Eimern dreimal um das Schloss herum, dann kommt der Hund und steht bei ihr, während sie Wasser schöpft, darauf erscheint auch der Zauberer. Dem Alten steigen die Haare zu Berge, doch bleibt er stehn; als er sich aber nach dem Hunde hin bewegt, kriegt er eine Ohrfeige, dass er die Besinnung verliert. Als er wieder zu sich kommt, sieht er den Hund mit der Jungfrau ver- schwinden, den Zauberer sah er nicht mehr. e) Verwünschte Jungfrau^). Der Berg hinter dem Grünenpläner Kurhause heisst die heilige Au. Dort soll früher ein Kloster gestanden haben, noch ist ein Nonnenteich da. Einst stand hinter dem Kurhause eine alte Eiche. Unter dieser hatte sich einmal ein Kind mit einem Korbe voll Erdbeeren hingesetzt. Da erschien eine Jungfrau und bat um die Erdbeeren. Das Kind aber lief mit seinem Korbe fort. Da klagte die 1) Vgl. Voges Nr. 17; Schambach u. Müller Nr. 115. Kleine Mitteilungen. 419 Jungfrau, dass sie nicht erlöst wäre. Nun könnte sie erst erlöst werden, wenn die jungen Schösslinge der Eiche so dick geworden wären, dass aus dem Holze eine Wiege gemacht werden könne, und das Rind, das darin gewiegt wäre, heran- gewachsen sei. Dies erst könne sie erlösen. f) Fräulein auf der Asse. Auf der Asse zeigte sich oft ein Fräulein in weissem Kleide mit einem Bunde Schlüssel. Wenn einer durchging, winkte es. Ein Förster ging auf das Winken zu, da war das Fräulein, als er dicht bei ihm war, auf einmal verschwunden. Aber an der Buche, an der es gestanden hatte, fand er einen grossen Sack voll Turhölter (= Käse) stehen. Er besah ihn und steckte sich eine Tasche voll. Als er nach Hause kam und den Käse herauskriegen wollte, hatte er lauter Gold- stücke in der Tasche. Da ging er wieder hin und wollte sich noch Käse holen, aber da war der Sack verschwunden. g) Frau ohne Beine. Eine Frau ohne Beine ging hinter der Försterei bei Grünenplan. Sie trug weisse Kleider. Wenn man jedoch in ihre Nähe kam, war sie stets ver- schwunden. h) Die Darmwäschersche, Den Steg, der über die Hille geht, die durch Coppengrave hindurch in die Gleene fliesst, beschreitet nach zehn Uhr abends kein Kind mehr. Hier sitzt nämlich die Darmwäschersche, und zwar kommt sie alle Vierteljahr an den Steg der Hille, um die Gedärme ihres Schwiegersohnes, der sie totgeschlagen hat, zu waschen. i) Mann ohne Kopf. In einem Holze hinter Rautheim, der Grashof geheissen, jetzt urbar gemacht, hörte man abends in der Dämmerung einen Mann ohne Kopf immer 'Hoho' rufen. Im Glüsigwalde zwischen Helmstedt und Harbke ging nachts der Jäger Schickedanz um, trug seinen glühenden Kopf unter dem Arme und erschreckte die Leute. k) Der Bölkhans. Zwischen Gross-Sisbeck und Gross-Twülpstedt war der Kleibusch. In ihm stand ein steinerner Tisch. An diesem sass oft der Bölkhans (Konring) mit einer Feder hinter dem Ohr und schrieb. Vielen huckte er auf und rief: „Hollaho, hierher, hier is de Snee!" (= Grenze) Manchmal rief er sein Hollaho, hoho, hoho so laut, dass in Papenrode die Fenster klingelten. Nun ward dies auch einem Pastor erzählt, und dieser wollte die Leute von ihrem Aberglauben abbringen, von dem auch sein Kutscher erfüllt war. Er Hess diesen also anspannen und setzte sich in den Wagen. Sein Friedrich rausste fahren. Er hatte aber den Leuten gesagt, der da riefe, wäre nicht Konring, sondern ein Vogel. Als sie jedoch in die Gegend kamen, wo sich Konring aufzuhalten pflegte, rief dieser auf einmal in den Kutschwagen hinein. Da erschrak der Pastor und rief: „Friedrich, wende um, es ist ein böser Geist!" 27* ^20 Schütte, Zachariae: 1) Toter kehrt ins Haus zurück. Ein alter Bauer wollte seine Stelle (Grab) im Hofe haben. Nach seinem Tode führte aber sein Sohn seinen Wunsch nicht aus, sondern Hess den Toten nach dem Kirchhofe bringen. Als nun eines Tages der Knecht Flachs in die Rote legen musste, wobei er Strümpfe und Schuh ausgezogen hatte, kam ihm immer etwas an die Beine. Er fasste zu und schnappte einen langen, dicken Fisch. Nun dachte er: „Sollst schnell nach Hause laufen und den Fisch hin- bringen". Als er aber da war, sprang der Fisch weg und sprach: „Nun hast du mich weit genug gebracht"; er habe sich eine Stelle im Hause gewünscht und wolle nun nicht wieder heraus. Unter der Treppe sollten sie ihm eine Stelle aus- mauern und einen Himpten Salz und einen Himpten Asche durcheinandermengen und ihm geben. Den wolle er dann wieder auseinanderlesen und sich damit die Zeit vertreiben. m) Die Pfeife. Der alte Förster Perl in Coppengrave war gestorben. Zwei Tage nach seinem Begräbnisse kam die alte Frau Perl mit den Nachbaren auf ihren Mann zu sprechen und sagte: „Mein Mann hat immer so gern die Pfeife geraucht, und ich habe sie ihm nicht ins Grab gelegt." Als sie die Nacht darauf zwischen elf und zwölf im Bette lag, trat unten einer vor das Fenster und rief dreimal: „Dora, Dora, meine Pfeife!" Sie war darüber so erschrocken, dass sie keinen Laut von sich geben konnte, dachte aber, sie habe geträumt, und blieb ruhig liegen. Die folgende Nacht ging es gerade wieder so los. Als sie aufwachte, dachte sie: „Jetzt kannst du es nicht mehr ertragen", band einen Bindfaden an die Pfeife und Hess sie hinunter. Am andern Morgen war sie froh, dass sie die Pfeife hingegeben hatte. Zu ihrem grossen Erstaunen hing sie aber am Wegweiser. Der Tote hatte sie also nicht mit ins Grab genommen, sondern an den Wegweiser gehängt. n) Die Nachtmütze. Einem Bauern in Coppengrave war die Frau gestorben. Sie hatte vor ihrem Tode ihre Nachtmütze, die man ihr nach dem Tode aufsetzen sollte, in das Ofen- loch gelegt. Das hatte sie aber ihren Angehörigen zu sagen vergessen, und die hatten sie daher der Leiche nicht aufgesetzt. Als sie ein paar Wochen tot war, ging in der Nacht zwischen elf und zwölf dem Mädchen die Kammertür auf, und die Tote erschien in weissem Kittel. Das Mädchen erschrak und konnte kein Wort sagen. Als es am Morgen herunterkam, sagte es seinem Herrn, die Frau sei dagewesen. Er aber erwiderte: „Mädchen, du hast wohl geträumt, weil wir gestern abend davon gesprochen haben. Wenn sie wieder kommt, frag, was sie will!" Die Nacht darauf kam sie richtig wieder und stellte sich vor das Bett. Da fragte das Mädchen: „Fru, wat will se denn?" „Ach", sagte sie, „im Oben- locke da leit meine Nachtmützen." „Na", sagte das Mädchen, „gät man hen, ik will se morgen abend vor de Döre legen." Den Abend blieb das Mädchen lange auf, nahm die Nachtmütze aus dem Ofenloche und legte sie vor die Tür. Am andern Morgen war sie verschwunden, aber seit der Zeit ist die Frau nicht wieder ins Haus gekommen. Braunschweig. Otto Schütte. (Schluss folgt.) Kleine Mitteilungen, 421 Rätsel der Königin von Saba in Indien. In meiner Abhandlung 'Zur Geschichte vom weisen Haikar' oben 17, 172 fl'. habe ich die Rätselfragen und Eätselaufgaben, die dem klugen Mahosadha vom König Vedeha im Mahäummaggajätaka^) zur Lösung vorgelegt werden, aus diesem Jätaka ausgezogen und kurz besprochen. Nur die 15. 'Frage', die Sandstrick- aufgabe^), habe ich a. a. 0. ausführlich behandelt. Indessen beanspruchen mehrere von den andern Aufgaben ein gleiches, wo nicht grösseres Interesse: so vor allem das 'salomonische Urteil' in der 5. Aufgabe, das schon so oft mit der entsprechenden biblischen Erzählung im I.Buch der Könige verglichen worden ist^). Hierher gehören ferner einige Aufgaben, die eine mehr oder weniger grosse Ähnlichkeit mit Rätseln der Königin von Saba aufweisen. Diese Aufgaben will ich hier etwas ausführlicher besprechen, als es in meiner oben angeführten Abhandlung geschehen ist, wo ich mich mit Andeutungen begnügen musste. Zunächst kommt die wohlbekannte und weitverbreitete 8. Aufgabe in Be- tracht: Mahosadha soll zeigen, welches von den beiden Enden eines Stabes die Spitze und welches die "Wurzel ist. Er löst die Aufgabe in der Weise, dass er sich ein Gefäss voll Wasser bringen lässt, an der Mitte des Stabes einen Faden befestigt und an diesem Faden den Stab auf das Wasser hinablässt; das Ende des Stabes, das zuerst im Wasser versinkt, ist das Wurzelende. Eigentümlich ist an dieser Lösung, wie ich beiläufig bemerken möchte, dass der Stab in der Mitte an einen Faden angebunden wird. Dieser Zug findet sich, soweit ich sehe, sonst nicht in der indischen oder in der davon abhängigen Literatur, wohl aber in einigen westlichen Versionen; s. Poh'vka im Archiv für slavische Philologie 27. 617. Wie ich in meiner Abhandlung oben 17, 174 bereits angedeutet habe, wird die Stabaufgabe auch unter den Rätseln der Königin von Saba aufgeführt. Erst jetzt bin ich in der Lage, genauere Angaben zu machen. Die ältesten, übrigens nicht einmal sonderlich alten jüdischen Quellen für die Rätsel der Königin von Saba — der Midrasch zu den Sprüchen und das zweite Targum zum Buche Esther — kennen die Aufgabe allerdings nicht. Dagegen erscheint sie in einer späten, dem 15. Jh. angehörigen Redaktion der Rätsel, die S. Schechter unter dem Titel 'The riddles of Solomon in Rabbinic literature' Folk-Lore 1, 349—358 her- ausgegeben und übersetzt hat. Hier lautet das 19. und letzte Rätsel: 'She [the Queen of Sheba] next ordered the sawn (trunk of a) cedar tree to be brought, and asked him to point out which (end) the root had been and at which the branches. He bade her cast it into the water, when one end sank and the other üoated upon the surlace of the water. That part which sank was the root, and that which remained uppermost was the brauch end'. Die beiden folgenden Aufgaben, die Mahosadha löst, haben die Geschlechts- unterscheidung zum Gegenstand. Im ersten Falle unterscheidet er einen männ- lichen von einem weiblichen Schädel: 'die Nähte (sibba) am Kopfe eines Mannes sind gerade, die am Kopfe eines Weibes sind krumm'. Im zweiten Falle erkennt 1) Zum Mahuummafrgajätaka vgl. jetzt auch M. Winteruitz, Geschichte der indisclien Literatur 2, 1 (1913), S. 111 ff. 2) Zur Sandstrickaufgabe s. auch oben 17, 4(!1 und Folk-Lorc 9, 3G8ff. Die 4. Aufgabe, die Geschichte vom strittigen Garnknäuel, habe ich in der Wiener Zeit- schrift für die Kunde des Morgenlandes 2(3, 418ff. ausführlich behandelt und dort gezeigt, dass die Geschichte auch in den abendländischen Literaturen, bei Etienne de Bourbon, Johannes Pauli, Hans Sachs und anderen vorkommt. 3) Zuletzt von Richard Garbe, Indien und das Cliristentum 1914 S. 25ff. 422 Zachariae: er, welche von zwei Schlangen ein Männchen und welche ein Weibchen ist; die Schlangenmännchen haben nämlich einen dicken Schwanz, die Weibchen einen dünnen; bei jenen ist der Kopf dick, bei diesen lang; jene haben grosse, diese kleine Augen usw. Da liegt es nun nahe, eines der berühmtesten Rätsel der Königin von Saba zu vergleichen^), ein Rätsel, in dem es sich ebenfalls um Ge- schlechtsunterscheidung handelt: das 'Kinderrätsel', das oft besprochen worden ist, ausführlich namentlich von W. Hertz in seiner Abhandlung 'Die Rätsel der Königin von Saba', Zs. für deutsches Altertum 27, 1 — 33, mit Zusätzen wieder abgedruckt in den Gesammelten Abhandlungen von W. Hertz 1905 S. 413 — 455. Im Midrasch zu den Sprüchen wird von der Königin gesagt: 'Sie Hess Knaben und Mädchen kommen, alle von gleichem Aussehen, gleicher Grösse und gleicher Kleidung, und sprach zu Salomo: Sondre mir die Männlichen von den Weib- lichen!' Ähnlich in anderen Quellen. Mit den verschiedenen Lösungen, die dem, Kinderrätsel zuteil geworden sind, kann ich mich hier nicht befassen^); nur darauf sei hingewiesen, dass die Schlangenaufgabe des Jätaka ebenfalls in verschiedener Weise gelöst worden ist (s. Benfey, Kleinere Schriften 3, 174; Schiefner-Ralston, Tibetan Tales p. 165). Und noch eins. Wenn im Jätaka zwei Aufgaben neben- einander stehen, die beide die Geschlechtsunterscheidung zum Gegenstande haben, so tritt uns bei den Rätseln der Königin von Saba eine annähernd gleiche Er- scheinung entgegen. Nachdem berichtet worden ist, wie Salomo das Kinderrätsel löste, heisst es in dem vorhin angeführten Targum weiter: 'Die Königin tat aber noch etwas Ähnliches, indem sie Beschnittne und Unbeschnittne brachte und zu ihm sprach: Sondre mir die Beschnittnen von den Unbeschnittnen!' (A. Wünsche, Die Rätselweisheit bei den Hebräern 1883 S. 16 f.; vgl. Folk-Lore 1, 354. 357). Wir wenden uns zu der 12. Aufgabe, die Mahosadha lösen muss, zu der Edelsteinaufgabe. Wie aus dem KusajAtaka (Nr. 531) bekannt ist, hatte einst Sakka, der Götterkönig, dem Kusa einen wunderbaren Edelstein geschenkt''). Dieser Edelstein wird als 'an acht*) Stellen krumm' (gebogen, gewunden) be- zeichnet; mithin war, wie man annehmen muss, die Höhlung des Steines, durch die ein Faden gezogen war, ebenfalls 'krumm', denn sie folgte naturgemäss den Windungen des Steins. Nun war der Faden zerrissen (zerbrochen; morsch ge- worden), und niemand vermochte, den alten Faden aus dem Stein herauszuziehen 1) Mit dem Kinderrätsel hat Friedr, von der Leyen eine andere indische Scharfsinns- probe in Parallele gesetzt: ein kluger Minister entscheidet, welche von zwei ganz gleichen Stuten die Mutterstute und welche das Fohlen ist (v. d. Leyen, Das Märchen 1911 S. 94; Archiv für das Studium der neueren Sprachen 115, 15. 116, 8). 2) Ausser der Abhandlung von Hertz vergleiche man S. Krauss, Byzantinische Zeit- schrift 11, 12Gf.; M. Gaster, Folk-Lore 1, ISoff.; S. Schechter ebenda S.856f.; Tractatus de diversis historiis Romanorum ed. Hertzstein 1893 S. 59 ff. 3) Jätaka 5, 310, 17. 312, 4. Kraft eines wunderbaren Edelsteins, den der Götter- könig dem siegreichen Kusa um den Hals hängt, wird Kusas Hässlichkeit in göttliche Schönheit verwandelt: s. R. Köhler, Kl. Schriften 1, 523. 526; Schiefner-Ralston, Tib. Tales p. 28. 4) Acht ist eine in Indien, zumal bei den Buddhisten, sehr beliebte Zahl; s. oben 15, 77. 17, 189ff. — Nach der englischen Übersetzung des Jätaka Bd. 6, S. 167 bedeutet der Ausdruck atthasu thanesu variiko 'an acht Stellen krumm' s. v. a. 'octagonaP. Diese Übersetzung kann ich nicht für richtig halten ('achteckig' wäre im Päli: atthamsa, attha- kona). Nur unter der Voraussetzung, dass der Stein und folglich auch das Loch darin 'krumm' waren (man denke an das Gewinde einer Muschel), lässt es sich verstehen, dass das Herausziehen des alten Fadens und das Einfädeln eines neuen so schwierig war. Kleine Mitteilungen. 423 und einen neuen einzufädeln. Aber Mahosadha bringt es zustande: er lässt sich etwas Honig bringen, beschmiert das Loch in dem Stein an beiden Seiten (am Ein- und Ausgang) mit Honig, dreht einen Wollladen, beschmiert ihn an der Spitze (an dem einen Ende) gleichfalls mit Honig und schiebt ihn ein Stück in die eine Öffnung des Steines hinein. Den Stein selbst legt er (mit der anderen Öffnung zu Unterst) an einen Ort, wo Ameisen herauskommen (in einen Ameisen- haufen). Die Ameisen, von dem Duft des Honigs angezogen, kommen aus ihrem Loch heraus, kriechen, indem sie den alten Faden verzehren, in den Edel- stein hinein, fassen den Wollfaden an der mit Honig beschmierten Spitze an und zerren ihn durch die Öffnung hindurch. Diese Aufgabe tritt uns, nebst ihrer Lösung, in sehr ähnlicher Passung unter den Rätselaufgaben entgegen, die die Königin von Saba dem Salomo stellt: aller- dings nicht in der jüdischen Überlieferung, wohl aber in der arabischen, wo die Königin den Namen BalqTs (oder ßilqis) führt. Ich gebe die Zeugnisse in aller Kürze. Meine Quellen sind ausser Hertz, Ges. Abhandlungen S. 420 ff. die Biblischen Legenden der Muselmänner von G. Weil 1845 und die Neuen Beiträge zur semitischen Sagenkunde von M. Grünbaum 1893. Die Korankommentatoren Zamalisarl und (kürzer) Baidäwl erzählen: Balqis schickte dem Salorao 500 Jünglinge, wie Jungfrauen aussehend, und 500 Jung- frauen, wie Jünglinge gekleidet, ferner ein Kästchen, in dem eine unge- bohrte Perle sowie ein krummgebohrter Onyx war, und sprach zu einem der Gesandten: Wenn er ein Prophet ist, so wird er die Jünglinge und Jungfrauen voneinander unterscheiden, die Perle durchbohren und durch den Edelstein einen Faden ziehen können. Salomo, vom Engel Gabriel über alles belehrt, fragte die Gesandten nach dem Kästchen, indem er ihnen zugleich sagte, was es enthielt. Dann Hess er den Holzwurm^) herbeibringen, der die Perle durch- bohrte, während ein weisser Wurm einen Faden, den er in den Mund ge- nommen, durch den Onyx hindurchzog. Darauf löste Salomo die erste Aufgabe, das 'Kinderrätsel' (Grünbaum S. 217f.; vgl. Hertz, Ges. Abhh. S. 423). Nach der Weltchronik des Tabarl^) befragte Salomo mit Bezug auf die un- gebohrte Perle zuerst die Menschen, dann die Dschinnen und zuletzt die Dä- monen, auf deren Rat er den Wurm Arada bringen Hess, der mit einem Faden im Munde die Perle durchbohrte und zugleich den Faden hindurchzog (Griinbaum S. 220. Die Nichterwähnung des krummgebohrten Onyx erklärt sich, wie Grünbaum bemerkt, aus der Lückenhaftigkeit des Textfes. Vgl. Hertz S. 422). Die einander ähnlichen Jünglinge und Jungfrauen, die zu durchbohrende Perle und der krumm gebohrte Onyx werden auch in den Prophetengeschichten des al-Kisäi und des Tha'labi erwähnt (Grünbaum S. 220; Hertz S. 422 f.). Besondere Erwähnung verdient noch die arabische Legende bei Weil S. 260ff. (im Auszug bei Hertz S. 424). Danach durchbohrte Salomo die undurchlöcherte Perle mit dem Stein Sämür^), dessen Kenntnis er dem Dämonen Sachr und einem 1) Nach Baidawi bei Hertz 8.42:') nimmt ein Bobrwurin ein Haar und zieht es durch die Perle; vgl. Tabarl ebenda S. 422. 2) In Bal'amis persischer Überarbeitung von Tabaris Chronik wird nur ein un- durchbohrter Rubin erwähnt. 'Salomo hiess seine Diws einen Diamant holen, um ■den Rubin damit zu durchbohren' i Hertz S. 420). ,">) Dies ist der Stein Schamir, der auch, und zwar gewöhnlich, als Wurm aufge- fasst wird; s. Steinschneider, Hebräische Bibliographie 18, 59 f.; Grünbaum, Neue Beiträge 1893 S. 229f.: Gesammelte Aufsätze 1901 S. 31ff. 42f.: S. Singer, Zs. f. deutsches Alter- tum 35, 178. 183 f. (wo weitere Literaturangaben). 424 Zachariae, Bolte: Kleine Mitteilungen. Raben verdankte (Weil S. 236); nur das Einfädeln des Diamanten, dessen Öffnung alle möglichen Krümmungen machte, setzte ihn in einige Ver- legenheit, bis endlich ein Satan einen Wurm brachte, der sich durchwand und einen seidenen Faden zurückliess. Salomo fragte den "Wurm, womit er ihn für diesen grossen Dienst belohnen könne. Der Wurm erbat sich einen schönen Fruchtbaum zur Wohnung. Salomo wies ihm den Maulbeerbaum an, der von dieser Stunde an für alle Zeiten den Seidenwürmern sicheres Obdach und Nahrung gewährt. — Es liegt somit in der Salomosage und im Jätaka dieselbe Aufgabe vor: es soll durch einen krummdurchbohrten Edelstein ein Faden gezogen werden. Auch die Lösung der Aufgabe wird in fast gleicher Weise, durch kleine Tiere, durch Würmer oder Insekten, herbeigeführt. Nach der Darstellung bei Weil spinnt ein Seiden wurm den Faden selbst; er kriecht durch die Öffnung des Steins und lässt den Faden darin zurück. Im Jätaka werden die Ameisen durch den Duft des Honigs bewogen, in die Öffnung hineinzukriechen. Dieser Zug ist der indischen Fassung der Rätselaufgabe eigentümlich. In der Salomosage wird, ausser dem Ziehen eines Fadens durch eine bereits vorhandene Öffnung, auch die Durchbohrung eines Steines verlangt und von einem Holzwurm ausgeführt. Die Vorstellung, dass ein Stein von einem Wurm (oder Insekt) durchbohrt werden kann, findet sich auch in Indien. Die Höhlungen in dem heiligen Sälagräma-Stein') sollen von Würmern (vajrakTfa), oder von Visnu in der Gestalt eines Wurmes gebohrt worden sein. Halle a. S. Theodor Zachariae. Aus Hermann Kestners Yolksliedersammlung^). i. Vogel im Käfig. (Dänisch mit Melodie bei Berggreeu, Folkesange og Melodier 1^, 200 Nr. 109: 'En eeulig Fugl udi sit Buur\) 1. Ein Vöglein in dem Käfig klagt, Dass Freiheit ihm entrissen. Was nützt ihm seiner Schwingen Macht, Die Bande fest umschliessen! 0 war ich frei und könnte wandern, Anstatt im Kerker hier von Gold Zu nehmen Brot von andern! 2. So froh und frei flog einst ich aus, Nun muss ich Knechtschaft leiden. Ein goldner Kerker ist mein Haus So eng nach allen Seiten. Nur meiner Sehnsucht heisse Träume Ziehn in die weite Welt hinaus Durch schrankenlose Räume. Berlin. Johannes Bolte. 1) Literatur über den Sälagrnma s. oben 15, 92 f. 2) Über H. Kestners (1810—1890) ungedruckte Sammlungen deutscher und aus- ländischer Volkslieder vgl. oben 12, 57. V. der Leyen: Bücheranzeigen. ^'2r> Büclieraiizeififeii. Ö' Anmerkungen zu den Kinder- und Hausniärchen der Brüder Grimm, neu bearbeitet von Johannes Bolte und Georg Polivka. 1, Band (Nr. 1—60). Leipzig, Dieterich (Th. Weicher) 1913. YIII, 556 S. gr. 8°. Geh. 12 Mk., geb. 14 Mk. Von den "Wissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten um Anerkennung und um Gleichberechtigung mit älteren und bewährteren kämpfen, fordert die Märchenforschung ein ganz besonderes Mass von Arbeitskraft und Entsagung, Bescheidenheit und Vorsicht. Das Material kaum einer anderen "Wissenschaft ist so reich, so verstreut über alleLänder und Zeiten, so versteckt in andere Gattungen der Literatur, so schwankend in seinem Wert und so abhängig von der Art der Sammler und Erzähler, so wenig gesichert gegen neue Funde und Überraschungen und so unaufhörlich in- und durcheinandergleitend. Es muss uns wie eine gütige Fügung erscheinen, dass gerade in Deutschland der Märchenforschung sich Ge- lehrte zuwandten, die jene Tugenden der unverdrossenen Arbeit und der selbst- losen Entsagung in vorbildlicher Kraft besassen. Hier seien vor allem Jacob und Wilhelm Grimm und Reinhold Köhler genannt. Die Anmerkungen der Brüder Grimm zu ihren Märchen haben nun Johannes Bolte und Georg Polivka erneut, und sie haben ihr Werk dem Andenken von Reinhold Köhler gewidmet. Der erste Band des langersehnten Buches liegt nun vor! Wir wollen gleich bemerken, dass es im besten Geist der Grimm und Köhler gehalten ist, dass es eine Fülle von Materialien zusammenträgt, die fast die Kraft einzelner zu übersteigen scheint, und dass, auf lange Zeit hinaus, das ganze Werk ein Schatzhaus bleiben wird, aus dem die Märchenforschung sich gesicherte Kenntnisse und Erkenntnisse holen kann. Bolte und Polivka haben in ihren neuen Anmerkungen das Werk und den Wortlaut der Brüder Grimm nach Möglichkeit geschont, auch den Abdruck merk- würdiger abweichender deutscher Fassungen der Märchen wiederholt, ebenso den Abdruck interessanter Fassungen aus früheren Jahrhunderten. Nicht nur die von den Brüdern in allen Auflagen aufgenommenen Märchen sind behandelt, auch solche, die später unterdrückt oder nur auszugsweise wiedergegeben wurden. Die Zahl der Varianten aus deutschen und fremden Ländern ist natürlich, entsprechend dem fast unübersehbaren Zuwachs von Märchenaufzeichnungen und Märchen- sammlungen, den das vergangene Jahrhundert brachte, im Vergleich mit den Hin- weisen der Brüder Grimm, fast in das Beängstigende gestiegen. Doch wird die Übersicht durch eine klare Anordnung und Einteilung überall ermöglicht. Dabei gehen die Verfasser nicht nur den Parallelen des ganzen Märchens oder seinen wesentlichen Motivreihen nach, sondern auch einzelne Motive finden ihre eingehende Behandlung, und diese erstreckt sich, sobald die Materialien vorliegen, bis auf den fernen Osten, bis auf die primitiven Völker, bis auf das klassische Altertum. 426 ^- ). — Einen bisher unbekannten italienischen Dichter aus dem Anfänge des 15 Jahrhunderts hat Debenedetti das lilück gehabt zu entdecken, den Orvietaner Simone Prudenzani, und hat seine Werke nach fünf Hss. des 15. bis 17. Jahr- hunderts sorgsam herausgegeben; es sind 1. eine Sammlung von 18 gereimten Novellen, betitelt 'Lii-er solatii', 2 ein Liber Saporccti, der in Sonettform die sechs Altersstufen des Menschen und den Mundus placitus, blandus, tranquillus und meritorius behandelt, 8. rime varie Auf diese Werke wie auf das Leben des Dichters wird der Herausgeber in einer späteren Schrift näher eingehen; vorläufig hat er drei Stücken der für uns be- sonders interessanten N'ovellensammlung stoffgeschichtliche Untersuchungen gewidmet, nämlich der 10. Novelle 'Violentia', der 12. 'Symunia' und der 15. 'Pertinacia'. Die eine 432 Notizen. behandelt die schon in der Cukasaptati auftretende Geschichte der treulosen Frau des Einäu. — P. gruppiert die in seinen 'Proverbi, motti e scongiuri' (1910) gesammelten Verglejchnngen der sizilischen Volkssprache, die an Zahl die der anderen Gegetiden Italiens weit übertreffen, nach sachlichen Kategorien. Vor- wiegend dienen sie zur Veranschauli' huuir menschlicher Körperbeschaffenheit, Charakter- eigenschaften und Beschäftigunj^en. Bezeichiipnd ist, dass in den Vergleichuugen manche Sitte und mancher Vorfall aus verganirener Zeit fortlebt. [J. B.] J. Po mm er, Das Volkslied in Österreich (S.-A, aus der Zeitschrift 'Das deutsche Volkslied', .lahrg 16, Heft 7). 11 S. Der Bericht, den Poramer als Obmano des Ar- beitsausschusses für das deutsche Volkslied in der Steiermark über dessen Tätigkeit in den Notizen. 435 ersten 77« Jahren seines Bestehens (7. VI. 1905 — 30. IV. 1914) am 10. Mai 1914 in der fünften Sitzung des Ausschusses zu Graz erstattete. Die knappen statistischen Nachweise lassen deutlich die gewaltige bisher geleistete Sammler- und Ordnertätigkeit und den er- freulichen Fortgang des grossen Unternehmens erkennen. Um von den mehr geschäftlichen Mitteilungen abzusehen ^Mitglieder, Arbeitsteilung, Finanzen usw.), heben wir aus den Nachrichten über das bisherige Ergebnis der Sammeltätigkeit und den Stand der Samm- lung folgendes hervor: Ende 1913 lagen 121 Einsendungen mit 8855 Einzelstücken vor (Geistliche und weltliche Volkslieder mit und ohne Weise, Schnaderhüpfel, Jodler, Juchezer und Rufe, Tanzweisen u. a.), die nach einem festen Plan numeriert und eingeordnet wurden. Rechnet man die bis zum Abschluss des Berichts hinzugekommenen Eingänge hinzu, so kommt man auf 147 Einsendungen mit 11052 Stücken! Unter den Sammlern (55 an Zahl) ist der Lehrerstand am zahlreichsten vertreten, doch finden wir auch Handwerker, Tagelöhner, Bauernburschen imd -knechte vertreten. Druckfertig liegt die 1. Abteilung des Tanzbandes mit 3000 steirischen Weisen vor, auch der Jodlerband ist dem Abschluss nahe. Die jetzt eifrig betriebene Ausschöpfung der Archive und Bibliotheken wird einen weiteren Stoffzuwachs ergeben, so dass man bei vorsichtiger Schätzung für die geplante ministerielle Ausgabe steirischer Volksmusik und Volkspoesie auf eine Gesamtzahl von über 20 000 Stücken rechnen kann. So wird sich P.s Hoff- nung erfüllen, dass 'die deutsche Steiermark ihren Platz in der ersten Reihe der an poetisch-musikalischem Volksgut reichsten Länder des österreichischen Kaiserstaates mit Ehren behaupten wird'. [F. ß.] W. S. Reymont, Die polnischen Bauern. 4 Bde. Berechtigte Übersetzung aus dem Polnischen von Jean Paul d'Ardeschah. Jena, E. Diederichs 1912. 1. — 3. Tausend. XXXII, 32L 352. 439. 364 S. 8". Geh. je 2,50 Mk., geb. je 3,50 Mk. — Unter dem Titel 'Der Bauernspiegel' soll bei Diederichs eine Reihe von fremden Bauernromanen er- scheinen, die als Quellen zur zeitgenössischen Völkerkunde gelten können. Das diese Sammlung eröffnende umfangreiche Werk von Reymont, erschienen vor Russlands Nieder- lage gegen Japan und der grossen revolutionären Bewegung im Russischen Reich, wird heute, wo Polen zum Schauplatz der folgenschwersten Ereignisse geworden ist, zweifellos besonderes Interesse erregen. Wie ein gewaltiges Epos schildert der Roman das Leben eines polnischen Dorfes im Kreislauf eines Jahres — die vier Bände sind nach den Jahres- zeiten benannt — bis in die intimsten Einzelheiten, die Taten und Schicksale seiner Be- wohner, besonders des Dorftyrannen Boryna und seines heissblütigen Weibes, typischer Vertreter ihres Volkes. Auf die meisterhafte Charakterschilderung, die politische Be- deutung des Romanes und ähnliches einzugehen, ist hier nicht der Platz, doch darf es wegen des reichen volkskundlichen Inhalts hier nicht unerwähnt bleiben. Ausdrucksweise, Tracht, Arbeit, Sitten, Aberglauben, Bräuche, Feste und andere Äusserungen des Volks- tums werden so ausführlich beschrieben, dass darüber die Handlung des Romans oft ganz in den Hintergrund tritt; so nimmt die Schilderung der Hochzeit Borynas nicht weniger als 74 Seiten in Anspruch, da alle Abschnitte des Festes, besonders die Tänze, mit einer Genauigkeit gescliildert werden, die in einem wissenschaftlich-volkskundlicheu Aufsatz kaum grösser sein könnte. So wird jeder volkskuudlich Interessierte den Roman trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Längen mit grösster Anteilnahme lesen. Die Über- setzung ist nicht immer tadellos, besonders hässlich liest sich die fast regelmässig ge- brauchte Umschreibung des Genetivs von Personennamen durch das dem Nominativ nach- gestellte Possessivum, z. B. 'er sah iu Jagusch ihre himmelblauen Augen'. Die Aus- stattung des Buches ist sehr vornehm, besonders hübsch wirkt die in bäuerlichen Motiven gehaltene Umschlagszeichnung von A. Gramatyka-Ostrowska. |F. B.] E. Samt er, Die Religion der Griechen. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner 1914. VI, 84 S, Mit einem Bilderanhang. Geb. 1,25 :\Ik. (Aus Natur und Geisteswclt nr. 457.) — Die Anschauungen über das Wesen der griechischen Religion sind selbst bei Gebildeten oft so rückständig und verkehrt, dass eine allgemeinverständliche und leicht zugängliche Darstellung dieses für das Verständnis des Altertums wie unserer Zeit so wichtigen Ge- bietes ein dringendes Erfordernis war. Diese Aufgabe zu übernehmen, war Samter, der in seineu Schriften durch reiche Kenntnis des antiken Quellenmaterials und vorsichtige 28* 4,36 Notizen. Anwendung der vergleichenden Methode so viele Äusserungen antiker Religion erläutert und geklärt hat, vorzüglich geeignet. Seine Darstellung geht, wie es heutzutage selbst- verständlich ist, nicht von der in den homerischen Gedichten widergespiegelten religiösen Anschauungswelt, sondern von der Volksreligion aus und gibt nicht eine Schilderung der einzelnen traditionellen Göttergestalten, sondern geht den Wurzeln nach, aus denen diese sich allmählich entwickelten. Die Spuren von Fetischismus und Verehrung tiergestaltiger Götter werden aufgezeigt, der Kult der Verstorbenen und der chthonischen Gottheiten, der Glaube an Vorzeichen und Orakel wird geschildert; die beiden eleusinischen Göttinneu sowie Dionysos und Asklepios sind die einzigen Götterpersönlichkeiten, die behandelt werden, da ihre Kulte die meisten Beziehungen zum Volksglauben haben. Den zweiten Teil bildet die Darstellung der Haupttatsachen des Kultes, wie Tempel, Priester, Opfer und Gebet, ferner Reinigungsgebräuche, häuslicher Kult und Zauberriten. In dem Kapitel 'Religion und Sittlichkeit' gibt S. einen Überblick über die Stellung der grossen Philo- sophen und Dichter zum Volksglauben, im Schlusskapitel wird die orphische Bewegung mit ihi-en weitreichenden Einflüssen geschildert. Das Buch ist in bestem Sinne volks- tümlich geschrieben, nur der Kenner merkt die Fülle des in diese einfache Darstellung verarbeiteten Materials. S. hat seine Aufgabe vortrefflich gelöst und sich damit um die Wissenschaft ein grosses Verdienst erworben. Auch die Freunde deutscher Volkskunde werden das Buch mit lebhaftem Interesse lesen; S. hat mit Recht nur ganz selten Analogien angeführt, der aufmerksame Leser wird überall selbst solche finden können. Ein späterer Band der Sammlung soll die griechische Religion zur Zeit des Hellenismus zum Thema haben; diese Ergänzung des vorliegenden ist sehr wünschenswert und lässt hoffentlich nicht lange auf sich warten. [F. B.] P. Sartori, Sitte und Brauch, 3. Teil: Zeiten und Feste des Jahres, Leipzig, W. Heims 1914. VII, 354 S! 8». 4 Mk. (Handbücher zur Volkskunde Bd. 7-8). — Mit lebhafter Genugtuung begrüssen wir den Schlussband des nutzbringenden Werkes, dessen Reichhaltigkeit und Zuverlässigkeit wir schon oben 20, 348. 22, 216 rühmen konnten. Sartori verfolgt hier die an bestimmte Tage des Jahres geknüpften Feste von der Ad- ventszeit bis Ende November und verzeichnet übersichtlich den Glauben an Vorbedeutun- gen, die zur Erringung der Fruchtbarkeit und zur Abwehr des Unheils geübten Bräuche des Landvolkes, deren Mannigfaltigkeit manchen überraschen wird, die Umzüge und Be- lustigungen, die Regeln über Speisen und Gebäcke, die Spuren des Totenkultes und be- sonderer Opfer. Manche seltsame Sitte, wie z. B. die in Schlesien auftretende, am Jakobi- tage einen geputzten Ziegenbock vom Kirchturme zu stürzen, erhält durch eine Fülle analoger Fälle, die aus angrenzenden und sogar aussereuropäischen Ländern beigebracht werden, Aufklärung. Der Einfluss, der von der christlichen Kirche ausging, wird ge- bührend gewürdigt; gegen die früher so beliebte Ableitung vieler Bräuche aus dem ger- manischen Heidentume übt der Verf. vorsichtige Zurückhaltung; selbst die Ansicht, dass in vielen Weihnachts- und Neujahrsbräuchen Reste eines ehedem um diese Zeit gefeierten Totenfestes zu erkennen seien, will er sich nicht zu eigen machen. Yermoloffs stoffreiches Werk über den landwirtschaftlichen Volkskalender (^1905) ist, soweit ich sehe, nicht be- nutzt. Wie in den früheren Bänden stehen unter dem knappgefassten Texte ausgedehnte Anmerkungen, und ein gutes Literaturverzeichnis folgt. Besonders dankenswert ist das 62 Seiten umfassende Gesamtregister, das die hier aufgespeicherten Schätze aufs bequemste überblicken lässt. [J. B.] F. Vogt, Weihuachtsspiele des schlesischen Volkes, Gesammelt und für die Auf- führung wieder eingerichtet, Leipzig und Berlin, B, G. Teubner 1914. IV, 44 S. 8", Steif geh. 1 Mk. — Die Reste der früher in Schlesien verbreiteten Spiele von der Ein- kehr des Christkindes zu Advent, von der Geburt Christi und vom König Herodes hat der Verf. bekanntlich in seinem umfassenden Werk 'Die schlesischen Weihnachtsspiele' (1900) zusammengestellt und die Entwicklung dieser Volksschauspiele vom Mittelalter bis zur Gegenwart verfolgt. Die an jener Stelle gebotene Wiederherstellung der Texte und Sing- weisen ist seitdem vielfach zu Aufführungen verwendet worden. Das vorliegende Büch- lein enthält die drei Spieltexte mit Singweisen und szenarischen Anweisungen und will der weitereu Neueinführung dieser sinnigen und urwüchsigen Volksschauspiele dienen, [F. B.] Nachruf. — Brunner: Protokolle. 437 Max Hof 1er f. Am 8. Dezember d. J. verschied, 67 Jahre alt, nachdem er seit einiger Zeit ge- kränkelt, in Tölz der älteste Arzt dieses Marktfleckens und des "damit verbundenen Bades Krankenheil, Dr. phil. h. c, Dr. med. Max Höfler, Kgl. bayerischer Hofrat. Sein Vater war der eigentliche Erschliesser von Krankenheil, und er selbst hat als dessen Nachfolger durch lange Jahre Tausenden von Kranken seine reichen Erfahrungen dienstbar gemacht. Seine Landpraxis eröffnete ihm eine genaue Kenntnis der bäuerlichen Zustände und Anschauungen, denen er namentlich in bezug auf die Volksmedizin und Festgebräuche nachging. Über Volksmedizin und Aberglauben in Oberbayern, die volksmedizinische Botanik der Germanen, die volksmedizinische Organotherapie und ihr Verhältnis zum Kultopfer hat er Bücher veröffentlicht, daneben dieses Gebiet in Abhandlungen, die in Zeitschriften er- schienen, gepflegt, noch eifriger aber den Gebacken und Gebildbroten nachgespürt, die sich an kirchliche Festtage und Familienfeiern knüpfen. Unsere Zeitschrift, die Zeitschrift für österreichische Volkskunde und andere enthalten zahlreiche hierauf zielende Untersuchungen, die, gleich den volksmedizinischen Arbeiten, nie blosse Sammlungen bringen, sondern stets der Geschichte und dem Ursprung der Meinungen und Bräuche nachgehen. Als der Münchener Verein für Volkskunst und Volkskunde seine Zeitschrift begann, eröffnete Höfler sie mit einem Volks- kalendarium, das eine reiche Zusammenstellnng des Glaubens und der Bräuche bietet, die das Volk mit den einzelnen Tagen verbindet. Unserm Verein hat er seit seiner Begründung angehört und unsere Zeitschrift vom ersten Band an bis zum vorliegenden mit Beiträgen bedacht. Um so schmerzlicher empfinden wir den Verlust dieses hochverdienten Veteranen der wissenschaftlichen Volkskunde, der auch als Mensch durch seine lautere Gesinnung und liebenswürdige Hilfs- bereitschaft allen, die ihm je persönlich nahegetreten sind, unvergesslich bleiben wird. Berlin. Max Roediger. Aus den Sitziin^s- Protokollen des Vereins für Volkskunde. Freitag-, den 23. Oktober 1914. Der Vorsitzende, Hr. Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Roediger, widmete den verstorbenen Mitgliedern und Freunden des Vereins, Frl. Dr. van der Kop, Baurat Prof. Friedrich Müller und Prof. Dr. Richard M. Meyer herzliche Worte des Gedenkens. An der Kriegsanleihe hat sich der Verein mit Zeichnung von 2000 M. beteiligt. Der Unterzeichnete legte eine Anzahl neuer Erwerbungen aus der Kgl. Sammlung für deutsche Volkskunde vor. Darunter befanden sich eine oberhessische Zunfturkunde der Schuster und Löber (= Lohgerber) aus der ersten Hälfte des 18. Jahrh. mit beigefügten Normalsohlen aus Holz, wie sie in der Zeitschrift des Ferdinandeums in Innsbruck, Jahrg. 1913, beschrieben und abgebildet sind. Eine Anzahl Gewebe, Beiderwande aus Schles- wig-Holstein, weisser Damast, blau-weisses Leinen und bedruckte Stoffe mit volks- tümlichen Darstellungen, besonders aus der biblischen Geschichte, boten Gelegen- ^38 Brunner: heit zu Vergleichen und historisch-technischen Betrachtungen. Aus dem Kreise 'Volksglauben und Brauch' lag ein merkwürdiges, Tunscheere genanntes volkstüm- liches Neujahrsgeschenk aus dem Hümmling vor, über welches sich in der Zeit- schrift 'Niedersachsen' 17, 197 einiges findet. Allerhand Schutzmittel für Mensch und Vieh, wie die von Marie Andree-Eysn in dem Buche 'Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen Alpengebiet' S. 113 — 114 erwähnten Schratlgaderl, Trudenkreuze, Salzstein und Salzkirchl, sowie ein aus Lippe stammendes eisernes Kreuzamulett, aus einem Sargnagel geschmiedet, vervollständigten diese kleine Ausstellung. Der Vorsitzende sprach sodann 'Vom kriegerischen Volkslied': Man muss zwischen volkstümlichem Lied und Volkslied unterscheiden. Das Volks- lied ist ein gesungenes, allen Volkskreisen verständliches Lied, während das volks- tümliche Lied, von bekannten Dichtern herrührend, wohl vom Volke aufgenommen, aber leicht verändert wird. Der Ausgangspunkt einer historischen Betrachtung über das deutsche Volkslied ist des Tacitus Bemerkung über den 'barditus' der Germanen. Über den Inhalt dieser Gesänge ist aber nichts gesagt. Vielleicht handelte es sich nur um einen Kampfruf, der den Römern furchtbar in die Ohren klang. Der Zweck des Kampfrufes ist, den Mut der Krieger und ihre Kraft wirkungsvoll zu äussern. Im 11. Jahrh. heisst dieser Kampfruf das Feldgeschrei. Daraus entwickelten sich kirchliche Gesänge, die sogen. Leisen {y.vcHE i/Jtjoov), wovon das Reutersche 'Läuschen' den letzten Nachklang darstellt. Da die Volkspoesie in alter Zeit nicht aufgezeichnet wurde, begegnen wir ihr erst im 14. Jahrh. Eigentümlich ist ihren Liedern die Sprunghaftigkeit. In der Reformationszeit und im Dreissigjährigen Kriege treten eigentümliche Reimchroniken, Relationen, auf. Historisch-politische Dichtung ist im lö. Jahrh. in der Schweiz besonders beliebt. Dem älteren politischen Liede fehlt das Persönliche. Eine umfassende Volkslyrik entwickelte sich erst mit dem Landsknechtwesen. Solcher Lieder wurden eine Anzahl verlesen. Liebe zum Soldatenberuf findet sich aber erst seit den vierziger Jahren des 19. Jahrh., nachdem körperliche Misshandlungen des Soldaten verboten worden waren. Die Überlegenheit des Soldaten über den Bürger findet im Kriegs- iiede ungeschminkten Ausdruck. Das Trinken spielt im modernen Soldatenliede keine hervorragende Rolle. Das Leid des Soldatenloses wird in älteren Liedern oft beklagt. Der verwundete Krieger fand nicht so hilfsbereite Pflege wie heut. Der arme 'Schwartenhals' des 16. Jahrh. musste oft betteln gehen. In E'riedens- zeiten war das Leben des Soldaten leichter, daher findet die Friedenssehnsucht (Friedenstaube) im kriegerischen Volksliede warme Worte. Nach hoffentlich baldigem ehrenvollen Ende des jetzigen Weltkrieges hofft der Redner nicht auf einen vierzigjährigen, sondern auf Geibels 'Deutschen Frieden'. Hr. Prof. Dr. Bolte wies anschliessend darauf hin, dass das Bild von der durch den Belagerer umworbenen Festung sich jetzt wieder häufig in der Kriegspoesie finde. Hr. Ge- heimrat Dr. Friedlaender gab einige Proben der jetzt üblichen Kriegs- und Sol- datenlieder und ging näher auf die Entstehung des kleinen Kriegsliederbuches von 1914 ein. Freitag, den 27. November 1914. Vorsitz Geh. Rat Roediger. Hr. Prof. Ludwig legte die Nachbildung eines alten Holzschlosses oder Riegels ohne Schlüssel von einer Stalltür im Ostseebade Horst vor, ferner eine Parbenskizze dieses Gebäudes und zwei russische gestickte Handtücher aus Ostpreussen. Hr. F. Treichel zeigte Abbildungen der Mädchentracht von der Kurischen Nehrung u. a. Es entspann sich daraus eine Erörterung über die eigentümlichen Bootswimpel der kurischen Fischer, die mit reicher Schnitzerei und Bemalung ausgestattet sind. Nach Angabe von Frl. Ida Hahn soll die Form oder Farbe der Fahne mit dem Protokolle. 439 Familienbestande des Besitzers veränderlich sein. Wie Dethlefsen in seinen Bauernhäusern und Holzkirehen in Ostpreussen S. 30 — 31 angibt, hat jedes Dorf seine eigenen Farben, während die Schnitzereien der einzelnen Dörfer in einer bestimmten Gruppe von Darstellungen sich bewegen. Der Unterzeichnete legte ein reich beschnitztes Gerät vor von Klammerform, datiert 1782. Es gehört der Kgl. Sammlung für deutsche Volicskunde und war bisher von unbekannter Be- stimmung. Durch Vergleich mit einem sogen. Tenakel und Divisorium aus der hiesigen Buchdruckerei Gebr. Unger konnte festgestellt werden, dass es sich, wie Hr. Maurer vermutete, um ein Buchdruckergerät handelt, welches zum bequemeren Pesthalten und Lesen von Handschriften früher allgemein benutzt wurde. Frl. Elisabeth Lemke sprach sodann über die Kichererbse und berichtet selbst wie folgt über ihren Vortrag: „Nach Erwähnung der Zustände, die auf Sizilien die sogen. 'Sizilianische Vesper' veranlassten, welche Empörung am Ostermontag (30. März) des Jahres 1"282 losbrach und alle Franzosen auf der Insel vernichtete (man erzählt sich, es sollen nur zwei Edelleute übrig geblieben sein), wurde ein- gehend der Erbse gedacht, die dabei eine grosse Rolle spielte: die Kichererbse, Cicer arietinum L., deren Name kein Franzose richtig aussprechen konnte. In der Schriftsprache heisst die Erbse italienisch cece, pl. ceci, in Dialekten ceceri und ciceri. Nach Hehn gehörten die Kichererbsen in Italien zur hauptsächlichsten Mahlzeit der ärmeren Volksklassen, während sie heute diese Rolle in Spanien spielen, wo sie cicercha und garbanzo heissen. Bei den antiken 'Floralien' wurden sie unter das Volk ausgestreut, das sie mit Gelächter aufzufangen suchte. Mög- licherweise stimmt Ciceros Name vom fleissigen Anbau der Erbse, gleichwie die Familiennamen Lentulus, Fabius, Piso entstanden sind; Cicero brachte, als er Quästor wurde, den Göttern ein Weihgeschenk, auf dem sein Name Marcus Tullius und darunter eine Erbse eingegraben waren. In Italien gehören geröstete Kichererbsen (das in Catania beobachtete Rösten wurde ausführlich geschildert), gleich Mandeln, Lupinen, Kürbiskernen usw. zum Näschwerk, das 'Zeitvertreib' (passatempo) genannt wird. Verbreitet ist die Benutzung der gerösteten Kicher- erbsen zur A^ermischung mit Kaffee, was aber wohl sehr oft Geschäftsgeheimnis bleibt. — E. Lemke hat aus verschiedenen Gegenden Italiens, auch von Sizilien und Sardinien, Kichererbsen mitgebracht; aus der in Neapel erstandenen Aussaat gab es gute Erfolge. — Es wurden Proben von Kichererbsen und auch getrocknete Pflanzen vorgelegt; unter den Erbsen befanden sich auch einige, die seinerzeit Prof. Dr. Schweinfurth aus Ägypten gebracht hatte. (Diese wichen in Form, Grösse und Farbe von allen übrigen ab.) Mit dem an Oxalsäure reichen Kraut erbeutet man auf Sardinien Fische. — (Geröstete Kichererbsen aus Palermo wurden zur 'Vernaschung' angeboten, und zum Nachtisch im Restaurant gab es gekochte Kichererbsen aus verschiedenen Gegenden Italiens. Die Zubereitung hatte Frau Geheimrat Friedel gütigst übernommen.)" — Hierzu bemerkte Hr. Dr. F. Boehm, dass die Etymologie des Beinamens Cicero schwierig und dunkel sei. Auch Geh. Rat Roediger wies auf etymologische Schwierigkeiten deutscher Wörter wie Erbse u. a. hin. Wahrscheinlich handle es sich um Lehnwörter aus nicht indo- germanischen Sprachen. Ferner kommt noch als erschwerend der Bedeutungs- wandel der Wörter im Laufe der Zeit hinzu. Hr. Prof. Dr. Ed. Hahn legte eine lange Eisensichel und eine kurze, unsymmetrisch gestielte Harke aus Südtirol vor, die für die Kornernte bestimmt und mit je einer Hand gleichzeitig benutzt werden. Im Anschlüsse an die Beobachtung, dass die Südtiroler das Sternbild der Plejaden als Sichel benennen, erörterte der Redner die Beziehungen der Sternenwelt zu den Geräten des Ackerbaues in den Anschauungen und Bezeichnungen der ver- '440 Brunner: Protokolle. — Berichtigungen. schiedenen Völker alter und neuer Zeit. Näheres darüber ist in den Verhand- lungen des Nürnberger Anthropologenkongresses von 1913 und den Verhandlungen der Berliner anthropologischen Gesellschaft von 1914 enthalten. Bezüglich der T/orgezeigten Sichel bemerkte noch Hr. Geheimrat Fried el, dass solche in der Mark als Rohrsicheln benutzt worden sind und vielfach im Wasser gefunden werden. Berlin. Karl Brunner. Berichtigungen. 1. Zu dem oben S. 223 abgedruckten Sitzungsberichte vom 27. März 1914 möchte ich bemerken, dass ich bei der Besprechung falsch verstanden worden bin und meine Auffassung, betreffend den 'Achterpflug' nicht lautete, dass acht Ochsen hintereinander vor den Pflug gespannt wurden, da diese grosse Anzahl schon an und für sich für einen Pflug zuviel sein dürfte, andererseits auch die Bespannung eines Pfluges mit acht Zugtieren Schwierigkeiten bietet, sondern dass 'Achter- pflug', nicht 'Achterzug-Pflug', einen Pflug bezeichnet, welcher aus zwei Teilen, einem Vorwagen (Vorgelege) und dem eigentlichen Pfluge besteht, d. h. der Pflug geht 'achtern' = hinter dem Vorwagen, welcher zum Anspannen der Zug- tiere diente. — Sodann wollte ich ausdrücken, dass der 'Swin slag' (slag [schwedisch] = Schlag, Art: svin-slag = Schweine-Schlag) dasjenige Feld ist^ auf dem die Schweine weiden. Schlag ist bei uns noch jetzt die Bezeichnung der Ackereinteilung. Berlin. Franz Treichel. 0.ben S. 243 Z. 14 von unten ist hinter 'Pflanzenteil oder' einzufügen: (V). — S. 243 Z. 7 von unten hinter 'bis" heisst es V statt IV. La Plata. Robert Lehmann-Nitsche. 3. Oben S. 268 Anm. 1 ist hinter 'Höfler oben 9, 444' einzufügen: wo über barches gehandelt wird; über Perchtenbrod, Gebildbrote und Barches s. oberi 11, 193—201 usw. Budapest. Berthold Kohlbach. Register. 441 !Eleg*istei\ (Die Namen der Mitarbeiter sind kursiv gedruckt.) Aachen 226. 229 f. Aal 290. 299. Aarne, A. 109. 330. Abdontag 12. Abel 70 f. Abendrot 59. Abenteuerroman 821". Aberglaube 355 f. 405. 431. Amerika 9G. Baden 218. Blut- 334. Hessen 293—303. Isergebirge 193 f. krimi- neller 175— 182. 293-305. 334. 431. Pflanzen- 1—19. 102. 193 f. 294 f. Schleswig- Holstein 55— G2. vgl. Gei- ster, Hexen, Krankheiten. Teufel, Zauber. Abortivum 10. Abraham 332. Abt, A. 109. 217. Achtzahl 422. Ackerbau 382. 393. 489. Ackermann, A. 428f. Acnna de Figueroa, F. 241. Adam 63. 97. Ägypten 164f. 211. AJiasverus 434, Ahnert, K. 431. Albanien 166. Albertus Magnus 1. 3. Alchimie 12 f. d'Alcripe, Ph. 82. Algier 165. Allan 13. Alraunwurzel 17. 322. de Alta Silva, J. 101. Altmai 416. Amalfi, G. 431. Amaranthus 9. Ameisen 26. 30. 423. Amerika: Aberglaube 96. Volksrätsel 240 ff. Ammassalik 214f. Amor und Psyche 428. Amulett 355. Perlen- 332. Pflanzen- 13. 17 f. Anagallis 5. Andersen, TF. Tschuwaschi- sche Sagen vom Igel als Ratgeber 312—315. Andrae, A. Hausinschriften aus Nord- und Mittel- deutschland 31—47. Andree, R. 308. Andree-Eysn,M.268.355f. 385. Angelica 13. Angola 218. Animismus 429. Anna, d. hl. 137. Anthropophyteia 241. Antinoupolis 219. Antirrhinum 5 f. 9. Antonius v. Berry, d. hl. 155. — v. Padua, d. hl. 140. 151. Anton Ulrich, Herzog von Braunschweig 83. 86. Aphrodisiaca 3f. 5. 7. 13. Apollonia, d. hl. 136f. 153. 157. Apostelbienenstöcke 224. 409. Apuleius 428. Arabien 163f. 423. Argentinien: Volksrätsel 240 bis 255. Ariel 429. Armenien 164. Arromunen 166. Artemisia 7. 9. 13. Arzt 400 f. Asche 62. Aschermittwoch 59. Aeschylus 112. Asphodelus 335. Asplenium 15. j Assa foetida 61 f. Aster 18. Augenleiden s. Krankheiten. Ausstellung für italienische Volkskunde 207. Austrag 389. 398. . ' Avemaria 136 ff. Bachmann, Z. 259. ' Bäcker 399. Backhaus 389. -ofeu 391. Baden 218. i Bahlmann, P. 217. Bahrrecht 80 f. Baldasseroni, F. 207. Baldrian 9. Balkanvölker 165 ff. V. Balthasar, Ä. 263. Balqls 423. Bannung 417. Barches 265 ff. Barditus 438. Bartels, A. .356. Basel 124 f. 433. Bauerncharakter 3S9ff. 435. -haus s. Haus. -hochzeil 79. 435. -krieg 394. -prak- tik 12. Polnische — 435. Bäume belebt 97. Bayern: Bevölkerung 394. Umritte 104. Beamte 399 ff. Bechstein, L. 100. Becker, A. 311. 412 f. Becker, K. 110 f. Behexung 62. Behrend, F. Aus den Reise- berichten des Frhrn. A. V. Mörsperg 77—80. Notiz 102. Berichtigung 224. Beiderwand 354. 437. Beifuss 13. 16. Beil 61. Beleuchtung 352. 377. Berghausen 411 f. Berlin 101. 345. 358 f. Berührung heilend 229. Beschwörungen s. Segen. Besen 61. Besessene 229. Besuch: Vorzeichen 55 f. Bett .'>.>, 376. -wärmer 378. Bibliographie von Angola 218. ethnologische 220. volks- kundliche 109. 217. Bielenstein, R. 243 ff. 382. Bienenstöcke 224. 409. Bier 371. Bin Gorion, M. J. 97. 332. Bismarck-Archipel 105. 2i:>f. Blasius, d. hl. 58. 157. Blau s. Farben. ßleigiessen 405. Blitz abgewendet 8 ff. Blocksberg 416. Blut 57. -aberglaube 334. gestillt 137. 150. 155. 157. tabu 203. Bock, H. Iff. Böcke), 0. 218. Boehm, F. 439. Zur Pflege der Volkskunde in Italien 206—210. Bespr. 96. 328 bis 329. 427-428. Notizen 100-106. 217-221. 334 bis 336. 431-437. Bölkhans 419. Balte, J. 108fl'. 160. I25f. 138. Zur Wanderung d. Schwank- stoffe 81-88. Zum Schwank vom Zeichendisput 90. Vic- tor Chauvin t 106 — 107. Zum Bericht über den Mar- burger Verbandstag 112. Nochmals das Soldatenlied: 'Hurra, die Schanze vier" 319. Aus Hermann Kest- ners Volksliedcrsammlung 424. Bespr. 327. 3.!0-332. Notizen 100—106. 217. 221. ■335. 4:U-437. Bootswimpel 438. Borchardt, P. 21 S. Boersch, Ch. 115. Botrychium 12. Brachcndistel 19. 442 Register. Brände 402. Brandenburg: Sagen 219. Brandsch, G. Noch ein Vor- schlag zur lexikalischen An- ordnung von Volksmelodieu 196—199. Brandt, H. 234. Branntwein 61. Brant, Seb. 116. 118. 121. Brauerei 56. Braun, R. 218. Braunau a. Inn 387. Braungart, R. 381. Braunsciiweig: Hausinschrif- ten 38. Herzog 82 f. Nach- barreime 91. Sagen 414 bis 420. Tracht 352. Braut: Schmuck 94f. Vor- zeichen 55. Breisgau 126. Brendicke, H. 101. Brigitta, d. hl. 157. Bronner. F. J. 406. Brot 55 f. 61. 153. 369. 396. Brücke 129 f. 239. Brueghel, P. 131 f. 227. 239. Brunfels, 0. If. Brunholdisstuhl 199. Brunne r, K. 222 f. 437 f. 439. Die Entwickelung der Kgl. Sammlung für deutsche Volkskunde seit dem Jahre 1904 349 360. Sitzungs- berichte 108 -112.221 - 224. 337-440. Brusch, K. 354. Brustknochen 57. Brjonia 17. Buchdruckerei 439. Buchweizen 58. Bückeburg 351. Bügeln 378. Buin 213. Bulgarien 166. Bürger, G. A. 81 f. Burggrafenamt 71 f. Burschenleben 40;>. Butter 13. 56. 297. 370. 415. -milch 57. Biäuras, A. Neugriechische Spottnamen und Schimpf- wörter 162-175. Byzanz 163 ö". 170. Caland, W. Der Scliwank vom Zeichendisput in Litauen und Holland 88-90. Oamehl, A. W. 103. Camerarius, Ph. 125. Carlina 3. 8. Carstens, H. f Volksglauben und Volksmeinungen in Schleswig-Holstein 55 — 62. Castan, L. 339. 341. Celos, G. 305 f. Challah 267 ff. Chauvin, V. 10(;f. Chenopodium 8. Chile: Lied 105. Cicer arietinum 439. Cicero 439. Cichorium 16. Clara, d. hl. 158. Cohn, A. Meyer 339. 345. Cölu a. Rh. 226. Coutumes 99 f. ('ramer, F. 100. Ciispinus Bonifacius 82 f. Cyathus 11. Damköhler, E. 83. 85 f. Dänemark 79 f. Debenedetti, S. 431. Deckengehänge 355. Delphinium 16. Dialekte s. Mundarten. Diehl, W. 293. Dienstantritt 57. 395. -leute 395. 398. Dieterich, A. 357. Dinkel 369. Dioskorides 1. 5. 6. 18. Dolopathos 101. V. Domaszewski. A. 201. Donneraxt 296 f. -würz 8. Dorant s. Oraut. Dorf formen 222. 384 f. Doritsch, A. 8S. Dorn 139. 143. Dost 8 f. Drache 32 f. Drangeid 399. Drayton, M. 81. Dreikönigstag 57. 109. Dreizehn 62. Dreschen 56. 58. 353. Druiden 17. Dunkelheit 57. Duntzenheim 116. Durchkriechen 61. 201 ff. Dürrwurz 8. Ebcrmann, 0. Le Medecin des Pauvres 134-162. Eberraute 13, -würz 3. 8. Echternach 129 ff. 234 ff. Edelstein 422. Efeu 146. Egge 294. 299. 382. Egidius, d. hl. 59. Eheauffassung 396. -recht99f. Ehrenzeichen 433. Ei 57. 59. 148. 295 f. 310. Eiche 11. Eid 400. Eifel 106. Eisen 56. 97. 193. -kraut 16. 18. Elfen 430. Enchiridion Leos III. 155. Engelwurz 13. England: Lied 221. Ente 59. Enzian 14. Epilepsie s. Krankheiten. Epiphanias 109. Eppen, M. 261. Erbse 58. 439. Erdbeben 97. Erde 55. 97. Ernte 194. 382. -fest 224. : Eryngium 4. 19. Erzgebirge 363. Eskimo 214 f. Esrel 313 f. Essen iStadt) 334. Esslinger, C. 355. I Ethnopsychologie 105. Eule 430. Eulenspiegel 82. Eva 66. 70. Evangelisten 153. Exempla 432. i Fabel 427. I Faden 56. 422 f. Fälteln 378. Familie: bäuerliche 396, Feste 397. Farben: blau 16. rot 119. 125 f. 228. Farnkraut 41 12. 15. Fastenzeit 59. Fastnacht 199. Faustsage 221. Fegen 57. Fehrle, E. 218. Feist, S. Bespr. 213-216. Feldformen 382. Fenster 380. Ferri, G. 208. Feste: Familien- 397. Neu- jahr 58. 61. 109. 176 f. 194. 438. Ostern 7. 57 ff. 118. 167. Pfingsten 234. Weih- nachten 56 f. 59. 109. 188 bis 190. 355. 436. vgl. Drei- königstag, Johannistag, Karfreitag usw. Feuererzeugung 352. Fichtelgebirge 219. Fieber s. Krankheiten. Fisch 59. 439. -netz 383. -zucht 393. Fischer 57. 438. Flachs 58. Flechterei 355. 378. Fliege 11. 148. 297. Floralia 439. Flucheu 193. 417. Flurnamen s. Namen. Fock, G. 335. Fowler, W. Warde 202 f. Franck, J. 36. — , M. 258. -, Seb. 16. Frähkel, L. Auffrischung al- ter Fastnachts feiern in der Rheinpfalz 199. Jungfrauen- versteigerung im oberen Nahetal 311. Der 'Weiber- braten' von Berghausen bei Speyer 411-413. Franken 167. 370. Frankreich: Gebäcke 306 ff. Volksmedizin 134 — 162, Frauen: Recht 412 f. Stellung 395. Frazer, J. G. 201 ff. Freimaurer 414. Freitag s. Wochentage. Keffister. 443 Fremclwörterfrage 211. Freyberg, E. H. 263. Frey tag, G. diVJ. Friede!, E. 101. 440. Friedlaender, M. 438. Friedrich d. Gr. 83. Friedrich Wilhelm I. 83 f. « Friesland 350. Fritz, J. 221. Frosch 415. Frost 59. Fachs 26. 28. -schwänz (Pflanze) 0. Fuchs. L. 2. Fulnek 188 f. Funke am Licht 55. V. Fürst. G. 2G2. Fussspur 193. 258 f. ttaidoz, H. 2o5. Galläpfel 11. Gallnswüche 58. Gallwespe 11. Gänsefuss ^^Pflanze) 8. Gart der Gesundheit 7. 9. 17. Gartz a. 0. 259. Gauchheil 5. Gebäcke265ff. 305 ff. 369.396. vgl. Brot. Gebildbrote. Gebärmutter 118. 138f. 148. 1.54. Gebet 417. Oebhardt, A. (und Oechsler, E.) Die Windsheimer Hand- schrift des Liedes "Von Sankt Martins Freuden" 47 bis 54. Bespr. 21G— 217. Gebildbrote 109. 265-271. 305-309. 440. Geburt erleichtert 9. 137. 141. 144. 149. 269. Geisslersekte 233. Geisterglauben 428f. -schiff 9t). KX). —verscheucht 6 f. 17. 98. 140. Geraeindeverfassung 401, van Geunep, A. 201. 432. Genoveva, d. hl. 145. Gentiana 14. Georg, d. hl. 104. Germanen: Haus 332. See- herrschaft 216. Tracht 223 f. Gerste 11. 58. Gertrud, d. hl. 256 ff. Geschlechtskraukliciteu s. Krankheiten. -Unterschei- dung 422. Gespenst gemisshandelt 175 bis 182. vgl. Geister. Getreidebau 382. 39.">. -masse 382. ■ .. '' :\ Vr, ''•/■'';■: ' ' "''^■'^';:;:''V ' ü^^^^^^^^^^^^^^^^^H ' \ ■ s 1 1