herzlichen Dank." Gross-Lichterfelde. Fritz Behrend. .>^' GescMclite der Tanzkrankheit in Dentschland. Von Alfred Blartin. (Vgl. S. 113-134.) Die Tanzkrankheit vor 1518. Betrachten wir die Tanzkrankheit vor der Strassburger Epidemie zeitlich rückwärtsschreitend, so stossen wir zunächst in Zürich auf Tänzer in der Kirche und in der Yorhalle der Kirche. Nach den Rats- und Richtbüchern sagt 1452 ein Hans Schiltknecht vor Gericht aus: „Es habe sich gefügt, daß ein armer Mensch au St. Yits Tag uf dem Helmhaus [in der Vorhalle der Wasserkirche] habe getanzet; also sei er auch da gestanden, und habe zugesehen, da habe der arme Mann ihn angerufen, daß er ihm in seinen Nöthen zu Hülfe käme, also habe er ihm durch Gottes und seiner lieben Mutter Willen in seinen Nöthen geholfen, und da er also mit ihm getanzet, haben vier Gesellen seiner gespottet" ^). In den Rats- und Richtbüchern findet sich beim Jahr 1418 [oder 1428, siehe später] die Stelle: Heini Murer sagt vor Gericht, 'daß es sich gefügt, daß er in der Wasserkilchen stund und den armen Frowen zulugte, die da tanzeten; da käme Heini Harnischmacher und wollte den Frowen eine Wite [Weite, Raum] machen, daß der Luft zu ihnen ginge, und stieß die Leute hinter sich' "). Salomon Vögelin, der die Stellen mitteilt, setzt den Vorgang ins Jahr 1418, später bezieht er sich auf die Rats- und Richtbücher von 1418 und 1419. In den Usterischen Manuskripten der Stadtbibliothek Zürich (Msc. U 55) fand ich die Angabe 1428. Auf meine Anfrage teilte mir das Züricher Staatsarchiv mit, dass sich in ßd. VI, 204 (wo die Stelle S. 137 steht) Jahre und Jahresbruchstücke der Rats- und Richtbücher von 1418, 1419, 1428 I und II finden, der Passus zwischen 1428 und 141'S steht und eher zu 1428 in die I.Jahreshälfte zu gehören * li Salomon Vögelin, Gesch. der Wasserkirche in Zürich. Zürich 1848 (Neujahrsblatt hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 1.S47 — 48). 2) Ebenda. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. lieft 3. 15 996 Martin: scheint. Vögelin hatte, wie oben S. 114 erwähnt, in der Annahme, die Strass- burger Epidemie habe 1418 stattgefunden, gemeint, die Tänzer seien von Strass- burg über Zabern nach Zürich gelangt. Die Wasserkirche galt vor der Reformation — die sie gerade des- wegen schloss — als heiligste Kirche der Stadt. Sie war die älteste Kapelle und galt als Reichsboden. Dort hatten die heiligen Märtyrer Felix und Regula an der später vielbenutzten heiligen Heilquelle ihr Leben gefristet und waren gefangen worden. Die alte Kirche hatte fünf Altäre^), vielleicht war einer dem hl. Veit geweiht, denn ohne Grund wurde am Veitstage dort nicht getanzt. Im vorhergehenden Jahrhundert finden wir eine grosse Epidemie in Köln, Aachen, Utrecht, Mastricht, Lüttich, Tongern und Metz, die sich in benachbarte Gebiete ausbreitete. Die Tänzer zogen von einem Ort zum andern. Eine Kölner Chronik sagt vom Jahre 1374: „In dem seluen iair stonde eyn groisse kranckheit vp vnder den mynschen, ind was doch niet vill me gesyen dese selue kranckheit vur off nae ind quam van natuerlichen Ursachen as die meyster schrijuen, ind noemen Sij maniam, dat is raserie off' unsynnicheit. Ind vill lüde beyde man ind frauwen junck ind alt hadden die kranckheit. Ind gyngen vyss [aus] huyss ind hoff, dat deden ouch junge meyde, die verliessen yr alderen, vrunde ind maege ind lantschaff. Disse vurß mynschen zo etzlichen tzijden as Sij die kranckheit anstiesse, so hadden Sij eyn wonderlich bewegung yrre lychamen. Sij gauen vyss kryschende vnd grusame stymme, ind mit den wurpen Sij sich haestlich up die erden, vnd gyngen liggen up yren rugge, ind beyde man ind vrauwen moist men vmb yren buych ind vmp lenden gurdelen vnd kneuelen mit twelen [Tüchern] vnd mit starcken breyden benden, asso stijff vnd harte als men mochte. Item asso gegurt mit den twelen dantzten Sij in kyrchen ind in clusen ind vp allen gewijeden steden. As Sij dantzten, so sprungen Sij allit vp ind rieffen: Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. Item die ghene die die kranckheit hadden wurden gemeynlichen gesunt bynnen V V. dagen. Zom lesten geschiede vill bouerie vnd droch dae mit. Eyn deyll naemen sich an, dat Sij kranck weren, vp dat Sij mochten gelt dae durch bedelen. Die anderen vinsden sich kranck, vp dat Sij mochten vnkuyschheit bedrijuen mit den vrauwen. jnd gyngen durch alle lant ind dreuen vill bouerie. Doch zo lesten brach idt vyss ind wurden verdreuen vyss den landen. Die selue dentzer quamen ouch zo Coellen tusschen [zwischen] tzwen vnser lieuven frauwen missen Assumptio- nis ind Natiuitatis." (Die Chronica van der hilliger Stat van Coellen, Coellen 1499, Bl. 277 = Die Chroniken der deutschen Städte 14, 715. 1S77. Abdruck bei Hecker-Hirsch S. 189, Anhang IV) 2). Es trat in Köln, wie in Strassburg, der Tanz als Krankheit auf. Auffallend war die kreischende und grausame Stimme der Kranken und, 1) Salomon Vögelin a. a. 0. 2) J. F. C. Hecker, Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, hsg. v. A. Hirsch. Berlin 1S65. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 227 •was dem Berichterstatter am meisten in die Augen fiel, die Bewegung ihrer Körper, Schreiend warfen sie sich auf die Erde und 'gingen liegend auf •dem Rücken'. Der Arzt weiss, dass die Verrenkungen auf dem Breughelschen Bilde (oben S. 13'2) und das Hin- und Herwerfen der auf dem Rücken Liegenden mit plötzlichen sprenkelartigen Krümmungen der Wirbelsäule, auch des ganzen Körpers, nur verschiedene Ausdrücke desselben hysterischen Krankseins sind. Wenn sie tanzten, hatten sie den Bauch mit breiten ■Ourten oder Tüchern umwunden, die durch Knebel straff angezogen waren. So tanzten sie in Kirchen, Klausen und auf allen geweihten Stätten, wie wir aus dem Vorhergehenden wissen, sicherlich zu Heilzwecken, und beim Aufspringen feuerten sie sich in einem Tanzliede (das in früheren Zeiten die Instrumentalmusik vertrat) unter Anrufung ihres Krankheits- patrons an: Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan. Wie in Strassburg, gab's zuletzt Betrüger unter ihnen, und das enge Zusammen- leben wurde auch von Lüstlingen ausgenutzt. Da vertrieb man sie, die wahrhaft Kranken waren gewöhnlich in V V [?] Tagen gesund geworden. Dieser einfache Bericht weicht in der Schilderung der Krankheit und Krankheitsheilung von solchen der späteren Zeit nicht wesentlich ab. Dass die Leute den Heiltanz vollführten, ist nicht zu bezweifeln, ja es scheint der Tanz selbst anfänglich nur zu Heilzwecken vorgenommen zu sein und die Krankheit, die man damit heilen wollte, in der abnormen Stimme, dem Zubodenwerfen und den konvulsivischen Bewegungen be- standen zu haben; denn das vollführten sie, 'als sie die Krankheit -anstieß', dann erst Hessen sie sich gürten^) und tanzten an geweihten Stätten, wo sie meist geheilt wurden. Diese bis dahin unbekannte Krankheit nannten die Meister (der Arznei) Manie, das ist Raserei und Unsinnigkeit. Erst später kamen, wie der Chronikenschreiber meint, Betrüger und anderes Gesindel hinzu, sicherlich aber auch geistig- Minderwertige, die mit dem Tanz angesteckt wurden und nun als Tanz- kranke tanzten. Ein zweiter zeitgenössischer deutscher Bericht steht in der Limburger ■Chronik (angefangen 1347): „An. 13472) 2u mittem Sommer da erhub sich ein wunderlich ding auf Erd- reich, vnd sonderlich in Teutschen landen, auf dem Rein vnd auf der Mosel, also daß leut anhüben zu dantzen vnd zu rasen, vnd stunden je zwey gen ein, vnd dantzeten auf einer stett einen halben tag, vnd in dem Dantz da fielen Sie etwan 1) Trithcmius schreibt, allerdings erst im IG. Jahrhundert: Zuerst auf die Erde fallend schäumten sie, danach aufstehend tanzten sie bis zur Entkräftung, wenn sie nicht durch ein sehr starkes Band von anderen zusammengeschnürt wurden (nisi fortissima ligatura per alios stringerentur). (Chronicon Spanheimense. Frankf. KiOl.) Dabei möchte ich daran erinnern, dass meines Wissens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Heilmethode der Epilepsie im Zusammenschnüren einzelner Glieder bestand, vielleicht geht sie auf einen alten Volksbrauch zurück. 2) Druck- oder Schreibfehler für 1;m4. Die Stelle steht nach 1373 und vor 1375. 15* 228 Martin : dick [oft] nider, vnd liesen sich mit füssen tretten auf jhren leib. Davon namen sie sich an, daß sie genesen weren, vnd liefen von einer Statt zu der anderen, vnd von einer Kirchen zu der anderen, vnd hüben gelt auf von den leuten, wo es jhnen mocht gewerden. Vnd wurd des dings also viel, daß man zu Cöln in der Statt mehr dann fünffhundert Dentzer fand. Vnd fand man, daß es ein Ketzerey was, vnd geschach umb gelts willen, daß jhr ein theil Prauw vnd Man in vn- keuschheit mochten kommen vnd die volnbringen. Vnd fand man da zu Cöln mehr dann hundert Prauwen vnd Dienstmägd, die nit ehrliche menner hatten. Die wurden alle in der Dentzerey kindertragend, vnd wann daß Sie Dantzeten, so bunden vnd knebelten sie sich hart vmb den leib, daß Sie desto geringer weren. Hierauf sprachen ein theils Meister, sonderlich der Guten Artzt, daß ein theil wurden dantzend, die von heiser Natur weren, vnd von andern gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren was wenig, denen das geschach. Die Meister von der heiligen Schrift die beschworen der Dentzer ein theils, die meinten daß Sie be- sessen weren von dem bösen Geist. Also nam es ein betrogen end, vnd werete wol Sechzehen wochen in dissen Landen oder in der maaß. Auch nahmen die vorgenante Dentzer Man vnd Prauwen sich an, daß Sie kein rot sehen möchten. Vnd war ein eitel teuscherey vnd ist verbotschaft gewest an Xystum [Christum] nach meinem beduncken"^). (Auch bei Hecker-Hirsch a. a. 0. abgedruckt, aber nach der Ausgabe von C. D. Vogel. Marburg 1828). Hier treten die Krauken von vornherein als Tänzer auf — es wird auch ihre Tanzart angegeben, sie 'stunden je zwey gen ein' — und tanzten oft bis zum Umsinken, Hessen sich dann mit Füssen treten und glaubten sich nun geheilt. Es war also in der Hauptsache die Heilart, die wir vornehmlich von Strassburg und Basel her kennen. Auch vom Tanz in den Kirchen spricht der Bericht. Das Umgürten des Bauches geschah nach ihm nur, um in der Schwangerschaft dünner zu erscheinen und sie zu verdecken (vgl. oben S. 125 f. den Bericht Schenks von Grafenberg). Der Chronist hält die meisten Tänzer für Betrüger, wenige für wirklich Kranke, von denen die guten Ärzte sagten, dass sie heisser Natur wären (siehe oben S. 118 diese Angabe auch bei der Strassburger Epidemie) und andere Gebrechen hätten. Im Gegensatz zu den Ärzten — und an- scheinend auch zum Chronisten — nahmen die Geistlichen Besessenheit an und beschworen sie. Ganz anders lauten die Berichte niederländischer Geistlicher. Sie schildern die Kranken, durch ihre Brille gesehen, nur als Besessene, und als solche wurden diese von ihnen dort auch behandelt, besonders wo das durch die Plage verbitterte Volk der Geistlichkeit gefährlich zu werden anfing. Die Berichte sind kulturgeschichtlich besonders interessant, weil sie zeigen, welche ]\Iacht die Suggestion hat. Die Krauken glaubten schliesslich selbst, dass sie von Teufeln besessen seien, und die Geist- lichen holten Aussagen aus ihnen heraus, die sie wünschten und die ihnen 1) Die Limburger Chronik des Johannes, nach J. Fr. Fausts Fasti Limpurgenses hs