Helm (Giessen) mit Hepdlug, Jostes, Spamer und Wünsch der Kommission für die Sammlung der Segen- und Zauberformeln an. (J. B.) Berichtigung. Oben 23, S. 424, Z. 9 von unten ist statt 'Streitberg' zu lesen: 'Helm". //3 Gescliiclite der Tanzkrankheit in Dentschland. Von Alfred Martin. (Mit 3 Abbildungen.) Im Jahre 1832 Hess der Berliner Geschichtsforscher und Arzt Hecker^) eine Monographie über die 'Tanzwut' erscheinen, die von Dubois^) ins Französische übersetzt und 1865 von dem Berliner Professor August Hirsch^) nochmals und mit Zusätzen herausgegeben wurde. Die Autorität Heckers auf dem Gebiet der grossen Volkskrankheiten des Mittelalters hat bewirkt, dass die Grundzüge seiner Darstellung bis heute massgebend gewesen sind^) und Berichtigungen sowie einige neu hinzugekommene Ergebnisse fast unberücksichtigt blieben. Ich bin bei keiner Arbeit auf soviel unkritisch zusammengetragenen Stoff, auf so wenig Ausnutzen der den Autoren zu Gebote stehenden Quellen und des von ihnen selbst mitgeteilten Stoffes gestossen als bei der Geschichte der Tanzkrankheit. 1. Der Veitstanz in Strassburg 1518. Am schärfsten umschrieben steht die Strassburger Veitstanzepidemie, wie ich gleich vorwegnehmen will, vom Jahre 1518 da. Die grossen Medizinhistoriker Hecker, Hirsch und Häser legen sie ins Jahr 1418. In einer Anmerkung zu Königshovens Elsässer Chronik sagt der Herausgeber Schilt er 1698, dass mau von der Strassburger Tanzplage in Chron. M. S. Argent. p. 318 folgende Reime finde: 1) J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth. Berlin 1832. Abdruck mit Zusätzen von Hirsch in: Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters, Historisch -pathologische Unter- suchungen von J. F. C. Hecker, Gesammelt und in erweiterter Bearbeitung heraus- gegeben von Dr. August Hirsch. Berlin 18G5. S. M:') — 192. — 2) Memoire sur la choree epidemique du moyen age; par le docteur J. F. C. Hecker (Traduit de l'allemand par M. Ferdinand Dubois). Annales d'Hygiene publique et de medicine legale, 12. Bd. Paris 1834. — ?>) H. Hasser, Lehrbuch der Gesch. der Medizin und der epid. Krank- heiten, 3. Bearbeitung. 3. Bd. Gesch. d. epid. Krankh. Jena 1882; 0. v. Hovorka und A. Kroiifeld, Vergleichende Volksmedizin, 2. Brl. Stuttgart 1909. Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 8 114 Martin: ^St. Veits Tantz Au. 1418. Viel hundert fingen zu Straßburg an Zu tantzen und springen, Fraw und Mann, An oifnen Mark, (lassen und Strassen. Taor und Naclit ihren viel nicht assen, Biß jn das Wüten wieder gelag. St. Vits Tantz ward genant die Plag"^). Was Schilter weiter mitteilt, ist ohne Angabe eines Jahrhunderts. Da Heckers 3Iitteilungeu nur auf denen von Schilter beruhen, ging die Jahreszahl 1418 in die spätere Literatur über. Bei einer gelegentlichen Durchsicht der Chronica neuer Geschichten des Nürnberger Chronisten Wilhelm Rem fiel mir auf, dass dort die Epidemie 1518 datiert ist. Es heisst da: „Wie zu Straspurg vil leut sant Veitz tantz ankam. Anno dni. 1518 im Summer da kam es zu Straspurg fast vil leutt sant Veitz tantz an, daß ain tag wol bei 15 menschen ankam.es weret fast lang, also verbott man das tantzen und pfeiffen und paugkenschlagen"^). Zunächst glaubte ich an einen Druckfehler, zumal der Herausgeber der Chronik Roth unter den Hinweisen auf andere Quellen auch eine von Häser veröffentlichte und bei diesem 1418 datierte Ratsverordnung anführt. Als ich mich dann mit den weiteren Quellen beschäftigte, gab es Überraschungen. Die Epidemie von 1518 steht nach dem mir vorliegenden Stoff" fest. Längere Zeit glaubte ich an eine zweite, im Jahre 1418, einmal wegen der Stelle bei Schilter, dann wegen des Ratsbeschlusses von 1418 bei Häser, und drittens, weil 1418 Tanzkranke im obern Deutschland erwähnt w^erden. In Zürich kommen sie in diesem Jahre nach Yö gelin ^) in den Rats- und Richtbüchern vor. Er niacht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie in den Züricher Chroniken, die sonst Kleinigkeiten berichten, nicht erwähnt werden, und nimmt deshalb Veitstänzer an, die von Zabern im Elsass kamen, denn dorthin hatte Strassburg seine Kranken geschickt. Die Jahreszahl über den Versen bei Schilter konnte nicht nach- geprüft werden. Wie mir die Strassburger Landesbibliothek mitteilt, ist die angeführte Chronik beim Bibliotheksbrande 1870 zugrunde gegangen. Ich glaube, es geschah schon früher, da keiner der Schriftsteller vor 1870, die nach handschriftlichem Stoff suchten, ausser Schilter ihrer gedenkt. 1) Die älteste teutsche so wol allgemeine als insonderheit elsassischc und Straß- burgische Chrouike, von Jacob von Königshoven, Priestern in Straßburg, von Anfang der Welt biß ins Jahr nach Christi Geburth MCCCLXXXVI beschrieben. Anjetzo zum ersten mal heraus und mit historischen Anmerkungen in Truck gegeben von D. Joliann Schiltern. Straßburg 1698. Anmerkung: Vom Veitz-Tantz S. 1085 - 10i)U. — 2) Wilhelm Rem, Chronika newer Geschichten. Bearb. von Friedrich Roth, Chroniken der deutschen Städte 25. Bd. Leipzig 18%. — 3) Salomon Vögelin, Gesciiichte der Wasserkirche in Zürich. Zürich 1848 (Xeujahrsblatt hsg. v. d. Stadtbibliothek in Zürich auf das Jahr 18-47— 48;. Geschicilte der Tanzkrankheit in Deutschland. 115 Die bei Häser wörtlich abgedruckte Ratsverordnung findet sich schon bei Schilter und ist dort datiert „Veneris post Magdalene etc. XYIII". Das Original (Anlage 11) liegt noch im Archiv der Stadt Strassburg (GUP 200) und hat auch nur etc. XVIII. Nach der Charakteristik der Schriftzüge ist 1518 anzunehmen. Auch ein ausserdem von Schilter mit- geteiltes KatsprotokoU (Anlage I), das nicht datiert ist, gehört demselben Jahre an; das geht aus den dort mitgeteilten Namen der Magistrats- personen hervor (Angabe des Archivs der Stadt Strassburg). 1836 gab nun Boersch^) eine französisch geschriebene grössere Arbeit über die Sterblichkeit in Strassburg heraus und bringt richtig die Yeits- tanzepidemie beim 16. Jahrhundert. In einer Anmerkung schreibt er aber, dass die verschiedenen Chronisten sich mit dem Jahre 1518 geirrt hätten. Nach seinen letzten Forschungen stehe es ausser Zweifel, dass, wie Schilter angibt, 1418 richtig sei, auch Hecker sage das; er bedaure, dass er wegen des vorgeschrittenen Druckes die betreffende Stelle nicht mehr berichtigen könne. Und doch hat er noch geändert, nämlich in die fran- zösische Übersetzung der erwähnten Ratsverordnung das Yierzehn- hundert eingesetzt, wodurch ans dem 18. Jahre 1418 wurde. Den deutschen Originaltext bringt er noch richtig mit etc. XVIII. Darauf hat Häser ^) dem deutschen Originaltext das 14 . . hinzugefügt (er gibt keine Quelle an. zitiert aber an anderer Stelle Boersch), und so entstand in der Rats- verfügung die gefälschte Jahreszahl 1418. Damit war für die Medizin- historiker die Strassburger Veitstanzepidemie abermals und nun doppelt begründet auf 14:18 festgelegt. Von elsässischen Schriftstellern nehmen Grandidier^), Hermann^), Glöckler») das Jahr 1418 an, Krieger*^), Witkowski^), Adam^) löl8, Boersch, wie erwähnt, zuerst 1518, dann 1418, StrobeP) und Fischer'«) 1418 und 1518. Beiläufig sei bemerkt, dass Holländer") ohne Quelle die falsche Jahreszahl 1438 bringt. Wesentlich falsche Schilderungen der Epidemie geben Grandidier und Strubel a. a, 0., welche Vorkommnisse einer früheren Tanzplage, die im 14. Jahr- hundert vorzugsweise in Niederdeutschland herrschte, für die Strassburger an- geben. Die Schilderung der Strassburger Epidemie, wie sie die bekannteren ärztlichen Geschichtsschreiber (Hecker, Hirsch, Häser und die, welche aus ihnen schöpfen) geben, gründet sich auf Schilter und auf das, was 1) Charles Boersch, Essai sur la niortalitc a, Strasbourg. Strassburg 1S3G. — 2) Lehrbuch o, '.}. — 3) Ph. A. Grandidier, Oeuvres historiques inedits," 4. Bd. Colmar 186(1. — 4) Jean-Fred. Hermann, Notices historiques etc. sur la ville de Strasbourg, 2. Bd. Strassburg 181'.». — 5) L. Glöckler, Gesch. des Bistums Strassburg. Strassburg 1879. — 6) J. Krieger, Beiträge zur Gesch. der Volksseuchen etc. von Strassburg, 1. Heft. Strassburg 1879. — 7) L. Witkowski in Laehrs Allg. Zs. f. Psychiatrie 35. Berlin 1879. — 8) A. Adam, Sankt Veit bei Zabern oder der hohle Stein. Zubern 1879. — 9) A. W. Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses, 3. Teil. Strassburg 1843. — 10) Dagobert Fischer, Das alte Zabern. Zabern 18G8. — 11) E. Holländer, Die Medizin in der klass. Malerei, Stuttgart 1903. 116 Martin: Boerschi) zusammengetragen hat, der die Angaben aus der (1870 ver- brannten)'') handschriftlichen Chronik von Schadaeus (Oseas Schad, 17. Jahrhundert)') und den im 17. Jahrhundert gedruckten von Gold- meyer und Kleinlawel vermehrte. Nach Schadaeus fing eine Frau 1518 acht Tage vor [Häser sagt falsch nach] Maria Magdalenentag [22. Juli] zu tanzen an. Sie tanzte vier ganze Tage. Der Magistrat Hess sie zur Kapelle des heiligen Veit nach Zabern führen, und sie blieb ruhig. Darauf begannen noch mehrere bei den Stadtställen zu tanzen, und im Verlauf von vier Tagen waren es 34 Personen, Männer und Frauen. Der Magistrat verbot Trommeln und Pfeifen, und man führte die Tänzer nach St. Yeit, aber in wenigen Tagen vermehrte sich die Zahl auf mehr als 200. Die Chroniken von Gold- meyer und Kleinlauel fügen hinzu, dass die Kranken Tag und Nacht tanzten, bis sie erschöpft und ohnmächtig umfielen, und viele unter ihnen konnten sich nicht erheben und starben. Soweit Boersch a. a. O. Ähnlich ist die Schilderung in Duntzenheims Chronik. Nach ihr ging die Tollheit von einer Frau aus, welche zuerst vier Tage in einem- fort tanzte; wenige Tage darauf waren es schon vierunddreissig, und in der vierten Woche — darin weicht sie von der Schadschen ab — stieg die Zahl auf mehr als zweihundert^). Kleinlawel bringt unter Vitsdantz 1518 die Verse: „Ein Seltzam sucht ist zu der zeit Vnder dem Volck vmbf>angen, Dan viel Leut auß Vnsiunigkeit Zu Dantzen angefangen. Welches sie allzeit Tag und Nacht Ohn vnter laß getrieben, Biß das sie fielen in ohnmacht, Viel sind Todt drüber blieben"^). Die Goldmeyersche Chronik erwähnt nach Angabe der Strassburger Landes- universität den Veitstanz von 1518 nicht. Aus den sogenannten Brantschen Annalen, die Auszüge aus den Ratsproto- kollen sind, führe ich noch an: „1518. Als diss jars um Margarethen ['22. Juli] ein schwäre erschreckliche krankheit mit St. Vitstanz erhub, also dass uff fünfzig personen damit behafft tag und nacht tantzeten dass jämmerlich zu sehen war, wurden dieselben alle in der Stattcosten verwahrt und zn dem lieben heil. St. Vit im Hohenstein bei Zabern geführt und fast erledigt [vollständig frei von der Krankheit]. Da setzten unsere herren ufl" und lissen ein gebot üssgon, daß nie- mand tantzen soll bis Michaelis [29. September] in der ganzen Statt und burgban, bei 30 seh pf. und kein beucken [Pauken] schlagen; wol möchte man boy braut- läuften und ersten messen mit saitenspiel tantzen nach eines jeden conscienz'"^). 1) Essai 1836. — 2) Haeser a. a. 0. — 3) Desgl. — 4) Fragments de diverses vieilles chroniques, nr. 3981. iMitt. d. Ges. f. Erhaltung der gesch. Denkm. des Elsass, 2. Folge, Bd. 18). Strassburg 1897. — 5) Kleinlawel, Strassburgische Chronik. Strassbg. 1625. — 6) Jac. Wencker, Extractus ex protocollis Dom. XXI vulgo Sebastian Brants Annalen, nr. 3443 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15;. Strassbg. 1892. Geschichte der TaDzkrankheit in Deutschland. 117 Die Bürger, welche Kranke in ihren Familien hatten, mußten die Kosten zum heiligen Veit nach Zabern tragen, für die Armen übernahm sie der Rat. Der Transport geschah auf drei dreispännigen Wagen, nicht auch zu Fuß, wie Hecker und Häser angeben, auch wurden die Kranken nicht hingeschleppt, wie Holländer schreibt; aus allem geht hervor, daß sie gern die Wallfahrt machten. Die Knechte hatten der Kranken zu warten und bei ihnen zu bleiben. Wenn sie Zabern nahten, sollte einer vorausreiten und drei oder vier Priester mit Rat des Dechanten von Zabern bestellen, um jeder Rotte gesondert nacheinander gesungene Ämter zu halten. Nach jedem Amt sollten die armen Leute um den Altar geführt werden und jeder Kranke 1 Pfennig opfern; wo ihn der Kranke nicht hatte, mußte es der Führer für ihn tun. Was vom Almosengeld, das den armen Leuten mitgegeben war, übrig blieb, sollte in den Opferstock gelegt werden. (Beschlüsse Freitag nach Marie Magdalene, Anlage I und IL) Nach dem einem Ratsprotokoll waren die Kranken nach St. Yit, nach dem anderen in der Wiedergabe bei Schilter nach St. Vit zuni Roten- stein, nach den ßrantschen Annalen im Hohenstein zu schicken. Es muss zum Hohlenstein heissen. Schilter hat falsch gelesen, es steht im Original Holenstein (Anlage II, zu der die bei Schilter als Überschrift zu Anlage I gegebenen Worte gehören). Hecker und Häser schreiben sogar zu den Kapellen des heiligen Veit zu Zabern und Rotenstein. Der Veitsberg, gewöhnlich Vixberg genannt, liegt nach Fischer 399 m über dem Meere, westlich hinter Zabern mit einer Felsenhöhle, nach der der Berg einst der Hohlestein genannt wurde. (Unter diesem Namen kommt er öfter im Stadt- archiv zu Zabern vor.) Diese ist 4 m hoch, 7 m breit, 13 >ii tief. Zu ihr führt ein schmaler ansteigender Pfad'). In Wenckers handschriftlicher Chronik von 1637 heisst es, die Kranken seien nach St. Veit zum hellensteg hinter Zabern ge- schickt worden^). Mit diesem Hellensteg ist sicher der zur Höhle ansteigende Steg gemeint, der also auch dem Kultort den Namen gab. Die Grotte war als Kapelle eingerichtet, in ihr nahm man das Grab des hl. Veit an (Sankt Fitts Grab under dem Felsen). Diese 'untere Kapelle' (1654) heisst sonderbarerweise 1.H2 'Sant Trügen Kapelle', 1601 und später Aurelien- kapelle. Die eigentliche Veitskapelle lag oberhalb der Höhle. 17.")8 wurde die Kirche vom Kardinal von Rohan visitiert, der verfügte, dass die wurmstichigen und zersprungenen St. Veitsstatuen wegzunehmen seien. Kr verbot ausdrücklich, in dieser Kapelle fernerhin eiserne Kröten, Fratzenbilder von Menschen und andere abergläubische Figuren auszustellen und in der unterhalb der St. Veitskapelle erbauten Aurelienkapelle Messe zu lesen; die dortigen Statuen sollten hinvveggenoramen werden. Der Pfarrer von Zabern wurde mit der Aus- führung beauftragt, um jeden Aberglauben zu verhindern^). In der Revolutions- zeit ging das ganze Gebiet in Privatbesitz über und wurde dann als Meierei be- wirtschaftet. Die Kapelle zerstörte und verbaute der Käufer. Aber 1818 wurde die Grotte wieder zum Kultus eingerichtet und der Altar dorthin geschafft*). Heute ist auch hier kein Gottesdienst mohr^). 1 Fischer, Das alte Zabern 18G8, — li Schnegans, Auszüge aus Wenckers Manusc. Chronik von 1G37, nr. 3007 (Mitt. 2. Folge, Bd. 15). Strassbg. 1892. — :]) Adam, St. Veit 1879. — 4 Fischer 18GS. — 5' Adam a. a. 0. 118 Martin: Am Ostermontage und am 15. Juni, dem Veitstage, kamen auf dem Berg zahlreiche Wallfahrer zusammen. Die Bewohner der unteren Ortschaften zogen in Prozession hinauf. Zu den Reliquien pilgerten an Veitstanz und fallender Sucht (Epilepsie) Leidende. Manche Epileptiker stellten ihre Stöcke an den Weg in der Meinung, dass, wer den Stock wegnehme, auch die Krankheit mit fort- nehme. Hysterische und unfruchtbare Frauen opferten eiserne Kröten. Der Heilige wurde auch bei Viehseuchen angerufen^). Der letzte Pächter von St. Veit, ein 86jähriger Mann, versicherte, wie Adam 1897 schreibt, dass er zu seiner Zeit noch Kröten bringen sah. Das Zaberner Museum besitzt übrigens solche Opfer- bilder^). Es geht aus diesen Angaben hervor, dass die eisernen Kröten von un- fruchtbaren Frauen geopfert wurden. Das erklärt sich aus dem Volksglauben, die Gebärmutter sei eine Kröte. Ich kann deswegen Glöckler') nicht zustimmen, wenn er behauptet, die Strassbur^er Veitstänzer wären nach St. Veit gepilgert, um dort als Sinnbilder ihrer Krankheit •eiserne Fröschen' zu opfern. Fischer hat aus der Lage des Berges und den abgemeisselten Flächen der Höhle auf einen druidischen Kultort geschlossen, der Einbau der Kapelle soll nach Adam die Abglättungen erklären. Nach dem bisher Mitgeteilten ist die Strassburger Yeitstanzepidemie nur von medizinischem, allenfalls noch von theologischem Interesse. Die Krauken wurden der damaligen Anschauung entsprechend behandelt, als Geisteskranke der Fürbitte der Kirche anheimgestellt und durch gottes- dienstliche Handlungen in der Kapelle ihres Krankheitspatrons geheilt. Volkskundliche Besonderheiten kamen dabei nicht vor. Ein eigentlicher Yeitstanzaberglaube tritt uns — nach den bisherigen Darstellungen — erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts entgegen. Und doch lassen sich die Bräuche von den sagenhaften Anfängen bis zum 17. Jahrhundert nachweisen, auch im Strassburger Veitstanze, nur sind sie da sonderbarer- weise nicht bekannt geworden. Die Heilweise in St. Veit war nämlich eine andere als die bisher geschilderte — was dort geschehen sollte und was in Wirklichkeit ge- schah, ist zweierlei — , und ausserdem hatte der Rat von Strassburg in Strassburg selbst die Kranken auf zwei andere Arten zu heilen gesucht, aber ohne Erfolg. Das ist den grossen Literaten der Geschichte der Medizin unbekannt geblieben. Nach den schon erwähnten sogenannten Annalen des Sebastian Braut (der von 1458 — 1521 lebte und seit 1503 Ratsschreiber war)*), die nicht von Brant, sondern später von Wencker aus den Ratsprotokollen aus- gezogen und vor ihrer Vernichtung beim Brande 1870 von anderen teil- weise abgeschrieben waren "), wurde in mehreren Sitzungen des Rats der 21 von Yeitstänzern gesprochen. Die Ärzte erklärten es für eine natür- liche Krankheit, die von hitzigem Geblüt komme. Indessen 'die armen 1) Fischer a. a. 0. — 2) Adam a. a. 0. — 3) Gesch. d. Bistums Strassbg. 18T'.\ — 4) Witkowski, Allg. Z. f. Psychiatrie 1879. — 5i Annales de Sebastian Brant, ur. 4398 (Mitt. d. ües. f. Erhaltg. d. gcsch. Denkm. d. Elsass, 2. Folge, Bd. 19;. Strassbg. 1899. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. IJt) leute' wünschten, dass man für sie Messe lese usw. Der Rat schickte deswegen zu dem bischöflichen Vikarius, der antwortete: „Dass dis im unnot zu sin dünkt, sondern diwyl die Artz anzeigen, daß es eine natür- lich krankheit sy, daß man auch natürlich mittel mit in versuche, aber domit nit nichts beschehe, woll er alle Predikanten beschickhen und in bevelhen, daß sie öffentlich in cancellis ermaneten zu betten und an- zurieffen, daß er sin gnad und barmherzigkeit uns sende ^)." Was der Rat ausserdem tat, geht aus folgenden Berichten hervor. Die sogenannte Imlinsche Familienchronik der Strassburger Landes- bibliothek bringt als Zeugnis eines Zeitgenossen: „Anno 1518 jar 8 tag vor S. maria magdalena hub ein frauw an zu dantzen, vnd dan[a]ch weren woll 6 tag da leiss sey meinw y [gnädigen Herrn] nach St. Vit gehn Zabern füren da war sey still, vnd die will sey noch uff dem weg da fing noch mehr an zu dantzen bei dem y [Magistrats-] stall also daz in 4 tagen bey 34 frauw vnd man waren, da verbatten meinw y [gnädigen Herrn] die drummeln vnd pfiffen vnd fürt ein teil uff die gewererstub [Zunftstube der Gerber] die and uff die Zimraerleutstub, vnd an dem and tag da leiss man sey alle nach S. Vit füren vnd da dantz, und in 4 Wochen wurden Ir mehr denn 400 Dantzer" '"*). In der handschriftlichen Chronik des Daniel Specklin, der 1536 in Strassburg geboren wurde, also seine Nachrichten noch von älteren Leuten haben kann, die den Tanz erlebten, heisst es: „1518. Da erhub sich ein dantz von iungen und alten leutten, die tantzten tag und nacht, dass sie nieder fielen, also dass über 100 zu Strassburg auff einmal tanzten. Da gab man in etliche zunftstuben ein, auch auff dem Ross- und Kornmarckt macht man gerüst und bestellte eigene leutt umb lohn, die mussten stets mit ihnen, tanzten mit trummen und pfeiffen; es half alles nichts. Viel tanzten sich zu tode. Do schickte man sie hinder Zabern zu St. Veit, zum holen stein, auf waegen; da gab man ihnen creuzle und rothe schuh, und macht mess über sie. An den schuhen war unten und oben creutz mit dem chrisam [geweihtem, mit Balsam gemischtem SalböP)] gemacht und mit weywasser besprengt in St. Veits nahmen, das halff ihn vast [sehr| allen. Und kam solches viel leuth an, denen man St. Veitstantz fluchte, lieft' auch viel schelmenwerk mit unter'"*). Wencker hat diesem Bericht 1637 hinzu2:efüo't, dass man den Tänzern die Zimmerleut- und Gerberstub gab, viel nach St. Veit schickte, andere selbst dahin liefen und 'also dantzend vor dem bild niederfielen'. 1) Seb. Brantl899. — 2; Witkowski a. a. 0. — 3 M. Lexer, Mhd. Haiulwörterbuch. Leipzig 1ST2. — 4) R. Reuss, Les coUectanees de Daniel Specklin, architecte de la ville de Strasbourg, nr. 221(; Mitt., 2. Folge, Bd. 14 . Strassbg. ISS'J. 120 Martin: Wegen der dortigen Behandlung habe man die Krankheit S. Vitstanz genannt^). Hermann schreibt 1819 ohne Quellenangabe, dass die allgemeine Meinung war, wenn man in St. Veit um den Altar tanze, werde man von der ungeregelten Leidenschaft des Tanzes geheilt^). Hieraus geht hervor, dass der Tanz nicht nur die Krankheit selbst war, sondern man ihn auch als Heilmittel benutzte, der Rat öffentliche Tanzplätze auf Zunftstuben und Märkten errichtete, Musik stellte, den Kranken gesunde Mittänzer gab, dass bis zur Bewusstlosigkeit getanzt wurde. Mit deren Eintritt glaubte man die Krankheit beseitigt. Viele starben dabei, den andern halfs nicht. Ich möchte hier daran erinnern, dass man bis in den Anfang des 19. Jahr- hunderts erregte Geisteskranke in besonderen Apparaten schüttelte, drehte, bis Schwächezustände eintraten, eine scheinbare Beruhigung sich einstellte. Und bei St. Veit gings anders her, als man bisher annahm, vor allem anders, als Hecker annahm (und Hirsch hat die Stelle übernommen), wenn er schreibt: „Nach vollbrachtem Gottesdienst führte man sie in feierlichem Umzüge um den Altar, Hess sie von ihrem Almosen ein geringes opfern, und viele mögen durch Andacht und die Heiligkeit des Orts von trost- losem Irrwahn genesen sein. Man beachte hier wohl, dass sich in dieser Zeit die Tanzwut au den Altären des Heiligen nicht erneute, dass man von diesem nur Hilfe flehte und von seiner Wundertätigkeit die Genesung hoffte, welche ausser dem Bereich menschlicher Einsicht lag", und damit der Strassburger Epidemie eine Ausnahmestellung zuweist. In Wirklich- keit tanzte man auch in St. Veit zu Heilzwecken (neben der Messe, die gelesen wurde) um den Altar in besondern, geweihten roten Schuhen, die unten und oben ein mit geweihtem Ol gemachtes Kreuz trugen, doch wohl, um auf die tanzenden Beine einzuwirken. Die selbst hinliefen, fielen tanzend vor dem Bild des Heiligen nieder, nach meiner Meinung ohne gottesdienstliche Handlung, weil keine Priester auf St. Veit wohnten (die deswegen der Rat für die von ihm hingeschickten Krauken aus Zabern kommen Hess). Das half. In der aus der Specklinschen Chronik mitgeteilten Stelle wird die vermeintliche Ursache des Veitstanzes wenigstens für viele von den Tänzern angegeben. Man hatte ihnen St. Veitstanz geflucht. 'Gott geb dir Sankt Veit' oder 'Dass dich Sankt Veit ankäme', waren damals sehr gebräuchliche Verwünschungsformeln ^). Die letztere Formel kommt bei elsässer Schriftstellern des 15. und IG. Jahrhunderts häufig vor*), und im Rottweiler Stadtrecht heisst es 1485: 1) Schnegans 1892. — 2) Notices historiques, Strassburg 1811). — ;>; Adam 18;»7. — 4) Fischer 1868. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 121 „Item welcher den andern unzüchtigklich schultet oder fluchet, den ritten [das Fieber] sant Vitstantz oder derglychen wort, der sol verfallen sin .3 sh. h. )." Ich habe noch weiter von der Strassburger Epidemie zu berichten, denn waren auch die nach St. Veit Geschickten geheilt, so kamen neue Fälle vor. In den Brantschen Annalen heisst es weiter: „5a Mariae Magdalenae. Item als etlich frauen und knaben den bössen dantz tantzen, soll die termeu(?) abstellen und heimlich seitenspiel haben ^)." Was mit termen gemeint ist, weiss man nicht. Nach diesem Beschluss wurde aber nicht mehr zu Heilzwecken öffentlich mit Musik getanzt, sondern es sollte heimlich geschehen. Weiter heisst es in den Annalen: „Darnach ufp 4a post Laureutii [10. August] ist erkannt den zünfften zedel zu schicken dass jedermann sin kiud und die sinen verwart und die bruderschafFten ir brüder in ihren kosten undersuchten oder zu den heyligen schickten." Im Stadtarchiv zu Strassburg finden sich sechs gleichlautende, undatierte Be- kanntmachungen, die wohl zum Verteilen an die Zünfte bestimmt waren: „Aissich yetzt die kranckheit des dantzens wider erhept unnd zu besorgen von tag zu tag meren möcht, do habent unser herren rete und XXI. erkandt, das eyner yeden bruderschafft buchssenmeistere, die jhennen so inn irer bruderschafft sindt und mit solcher krankheit beladen werden, versorgen, und versehen, das die nyder ge- tüschet oder zu dem heiligen santViten gefürt werden, und inen keynerley seytten oder fröydenspiel gebrachen, cleynötter oder hübsche cleyder uff oder anthün, ouch sie nirgent lossen, uff den gassen louffen, dann welche brüderschafft oder buchssen- meistere solchs verbrechent, die wöUent unser herren darumb straffen, unnd ir ernstliche hut darufif setzen, des wiß sich menglich zu halten." (Archiv der Stadt Strassburg G U P 200.) Hier wurde nun die ursprünglich vom Rat angewandte ]\Iethode, durch Musik und Tanz zu heilen, gänzlich verboten, dafür sollten die Kranken niedergetuscht oder nach St. Veit geschickt werden. Dann finden wir wieder Kranke, wahrscheinlich Arme, und, im Gegen- satz zu früher, im Spital. Im Anschluss an deren Sendung nach St. Veit brachte der dankbare Rat dem Heiligen ein gewaltiges Opfer dar, nach- dem er noch vorher beschlossen hatte, die Leichtfertigen eine Zeit lang aus der Stadt zu weisen: .,Item die verordneten herren bringen an des tantzens halb. Erk, in Unser Frauen capell mittwuch ein herrlich amt halten, porro erkant die tantzent im Spittal zu dem heiligen schicken und ein opfer von der ganzen Statt wegen dem heiligen bringen. Die leichtfertigen der Statt ein zitlang verwisen, darauf die hh. bedacht des opfers halb zu St. Viten." „Herren bringen ihren bedacht des opffers halben zu St. Viten, dass man ein wäccen bild eines centners schwer mit dem 1 Greiner, Das älteste Recht der Stadt Rottweil. Stuttgart 1900. — 2) Wencker, Extractus 1892. l<22 Martin: rentmeister oder kornmeister zu St. Viten schicke für ein opffer, oder aber das- selbig wächseriii bild auf einen altar im Münster stelle und da ehre bis die neu capell ausgemacht, dann einen altar in derselben capellen in St. Viten ehren weyhen lassen. Erkt. den zentner wachs zu einer kerzen machen und zu dem lieben heyligen mit dem Rentmeister schicken, und ein singent erlich ampt und 3 neben messen lassen lesen von wegen des ganzen Raths und gemeiner Statt wegen. Dienstag post Adolphi ['2\l September] ')." Die Krankheit hielt trotzdem noch an, nnd der Rat drohte energischer mit Strafen: „Als dann die kranckheit mit dem dantzen sich leider nit enden will, do haben unser herren rät und XXI erkant daz ein jeder burger sin kind, der massen behafft, und gesind die daz vermögen, inn iren husern behalten und zutuschen soll: wo aber ein dienstknecht also behafft wurt, sollen die brüderschaftmeister sins hantwercks, inn der bruderschaft costen, denselben verwaren oder zu dem heiligen Sant Viten ('dem heiligen Sant Viten' durchgestrichen und dafür steht 'den heiligen, wo inen geliebt') schicken, domit sie nit also öfflich uff der gassen, zu beswernis anderer menschen, sich des dantzens annemen, dann welcher den sinen nit also verwaret, den wollen unser herren darumb heffteklich straffen.'" (Archiv der Stadt Strassburg G Ö P 200.) Ob sämtliche Schriftstücke zeitlich so aufeinander folgen, weiss ich nicht. Jedenfalls heisst es in dem einen 'zu den heyligen' und im letzten deutlich 'zu den heiligen, wo inen geliebt', nachdem vorher der heilige A^eit bei Zabern allein an der Stelle gestanden hatte. (Über andere Heilige in der Nähe siehe später unter Tanzkrankheit nach 1518.) Das werden wohl die letzten Schriftstücke gewesen sein. Dass die einzelnen Katsmitglieder den heiligen Veit bei Zabern verschieden bewerteten, geht aus den stark voneinander abweichenden Vorschlägen zur Ehrung des Heiligen hervor. Das Zutrauen war nicht mehr das alte, und Wencker sagt 1637: 'Da maus anfing aus Gottes wort zu widerlegen, liss alles nach^).' Er setzt Gottes Wort dem heiligen Veit entgegen und meint wohl den Einfluss der Reformation. Der Strassburger Veitstanz begann demnach acht Tage vor Maria Magdalentag ('iL'. Juli), also am 15. Juli, und dauerte weit länger, als man bisher annahm, mindestens bis nach Adolphi, dem 29. September löliS. Anlagen zum StrassburiS^er Veitstanz. I. „Vff Fritag post Marie Magdalene in presentia Herrn Gladi Bocklin, Caspar Hoffraeisters vnd Martin Berlin als verordent Herren ist geratslagt der armen menschen halb so izt dantzen. Haben sy anfenglich gcradtslagt die Burger so kind daby haben zu beschicken vnd sagen, das sy jr kind versorgen by jn haben oder aber nach anzall costen mittheilen. 1^ Wencker, Extractus 1892. - 2) Schnegans 1802. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 125 Staden Jerg daruff beschickt vnd jra solchs furgehalten, sagt, er sy selber ein armer dienstknecht, sy in sym vermugen nit jn zu jra zu halten und nemen, bit aber jn by den andern zu behalten, oder zu dem Heiligen zu füren, wil er nach sym vermiegen nach miner Herren erkantnus vnd willen leben. Sin mume hab auch dem knaben, sim son XV. ß gesamlet, die haben die uff der Zimmerlüt Stuben hinder sich genomen. Wither geradtslagt die armen personen in dry huffen theilen vnd nach ein- ander zu dem Heiligen schicken, vnd so es sin mag dry gesungen Empter singen lassen, so nit, eins singen vnd zwey lesen lassen, von eim Ambt XVJII Pfenning geben für eins, darzu 1. pfenning zu pfrymen') vnd 1. pfenning zu opfern dem Heiligen geben, vnd 1. pfenning in stock für das opffer. Balthasar Burgawer der Lermeistcr hinder den Barfußen beschickt vnd jm solchs ouch furgehalten. Sagt, sin Son Bernhart hab zugesehen und hüt morgen angefangen dantzen, do er jm die kindt solt helfl'en vnderwisen; hab er jn ge- dutzset bitz nachmittag, nach den zweyen hab er zu dem dantz geweit, hab jn dohin müssen füren. Erbüt sich nachmals sin costen so uff sin Son godt ußzu- richten, dan er dhein Prauw noch gesind hab, könne ouch von sin lerkinden nit wichen. Antheng Silinger der Wagener Apolonigen Hußwürt so dantzt, uff der Zimer- lut Stuben befragt, Er sy uß der Erne kommen, sy sin frauw in der stuben ge- standen vnd uffgehüpfft, hat sy dryer gefragt, wie jr sy, vnd geachtet, sy wer abermals, als sy dan vormals ouch gewesen, von Sanct Martzolff [Epilepsie] be- laden, vnd nider gedutscht vnd nach die armen lüte mit einer Sackpfiffen kommen, sy sy uffgewust vnd jn nachgelouffen, wol gern sin frauw do hinfüren, sy sonst ein arme mensch. Item Hanß Eckart von Brüssel got dem Almusen noch, hat ein Dochter by dantz, genant Apolonia, Sagt, er sy ein armer alter gebrochner Man, wil aber gern die dochter hin zum Heiligen füren, wen es min Herren wellen, vnd als er ein armer s wacher man, haben jm die Herren miner Herren meynung gesagt vnd er- laubt heim zu gon. Karle Schansleben [Lesart zweifelhaft] sins sons halb beschickt, sagt er sy ein armer gesel, sy mer schuldig, dan er in lip und gut hat. Dem Schaffner im spital gesagt, gerust zu sin mit dry pferden und 1 wagen und warten uff die subent ure uff bescheidt. Dem Schaffner uf unser frauenhus'-') gerust zu sin mit 2 wegen und in jden dry pferd. Dilchin und Heintz zum ersten huffen, Peter von Rixingen zum andern huffen und Pantaleon zum dritten huffen zu ritten verordnet. Hans Wagner zum ersten, Jacob Buckenheim zum andern und Barthel Schryner zum dritten huffen. Und denselben bevelch geben zu handeln lut ingelipter instruction." Strassburgcr Stadtarchiv G U P 200, Bei Schilter unvollständig und mit sinn- störenden Fehlern. II. „Instruction der armen dantzen[den] Personen so zu Sant Vit ge- schickt. Veneris post Magdalene etc. XVIH. Gedencken angfenglich die armen menschen in den dryen huffen, wie sy dan gerodt [soll wohl heisscn: „in Rotten eingeteilt"] werden, zu behalten. 1 Bedeutung von 'pfrymen' ist unklar. Vgl. Scherz, Glossarium: Brinckmeyer, Glossarium diplomaticum etc. — 2 Das Frauenhaus oder Stift Unser Frauen Werk diente zur Bauuntcrhaltun«- des Münsters. 124 Martin: Vnd das die knecht so uff die armen lüt bescheiden, derselbigen warten vnd by jn bliben. Vnd so sy gon Zabern nohen, der ein zu Zabern in ryten vnd do dry oder vier Priester mit rat des Dechans zu Zabern, bestellen, die do ider Rotten in- sonders noch einander gesungen empter halten. Vnd wann je ein Ambt einer rotten gesungen, sollen dieselbigen armen lüt in derselbigen rotten umb den Altar gefürt werden, vnd ein iedes kranckes mensch ein pfennig pfrymen, desglichen dornach ouch opfern, vnd so ein person nit so geschickt wer, das es solchs thun mecht, sol der jhin so es umb den altar fürt, für jn darlegen. Vnd also demnach je ein Kot nach der andern also vrabgefürt und gehalten werden. Vnd wan die dry empter also volbracht, sollen sy Erlich nach rat des Dechans usgericht werden. Daryn jdes armes mensch 1 pfennig in den stock geben, vnd solchs von dem almusen gelt, so den armen lüten geben ist, ußrichten. Vnd was uberig blibt in den stock ouch stossen." Auf der Rückseite: „üantzende arme personen sozuSanctVit zum Holenstein geschickt." Strassburger Stadtarchiv G U P 200. Bei Schilter unvollständig und mit Lese- fehlern, dann aus Schilter bei Boersch und bei Häser (über deren Abänderungen siehe oben). 2. Die Tauzkrankheit nach 1518. Dieselbe Methode des Niedertanzens mit Ausschluss der Hilfe eines Heiligen, wie sie anfänglich der Strassburger Rat gebrauchte, wandte einige Zeit später die Stadt Basel an. Der dortige Professor Felix Plater, der 1536 geboren wurde ^), erzählt in seinen Observationen unter St. Yits Dantz: „Als ich noch ein Knabe war, wurde eine an dieser schrecklichen Krankheit leidende Frau aus dem niedern Volk der Aschenvorstadt hier zu Basel zu einem Hause zum Rupff [in seiner Praxis medica sagt er 'an einen öffentlichen Ort'"'^)], nicht weit vom Hause des Vaters, von den Stadtdienern geführt, welchem Weibe die Obrigkeit, wie ich in meiner Praxis^) bemerkt habe, einige starke Männer bestimmte, welche abwechselnd (wenn einer müde geworden, folgte der andere) mit ihr Tage und Nächte tanzten, was beinahe den Zeitraum eines Monats unter dem Zuschauen vieler mit seltener Unterbrechung dauerte, obgleich die Haut ihrer Fasse abgerieben war. Und wenngleich sie bisweilen, um Speise zu nehmen und vom Schlaf ergriffen, zu sitzen gezwungen war, bewegte sich dennoch durch unruhige Haltung und Be- wegung zeitweise nichtsdestoweniger der Körper wie tanzend, bis sie nach Verlust ihrer Kräfte, sodass sie nicht einmal mehr stehen konnte, mit dem Tanz aufzuhören genötigt war und ins Hospital gebracht wurde, wo sie gekräftigt und allmählich wieder gesund geworden ist'')." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) 1) J. Pagel, Einführung- in die Gesch. d. Medizin. Berlin 1898.— 2 Felicis Plateri praxeos medicae opus. Basel KIGG. — )1; Observationum Felicis Plateri quondam archiatri et profess. Basil. libri tres. Basel 1680. Geschichte der Tanzkraiikheit in Deutschland. 125 Grossi) bringt in seiner Basler Chronik einen Auszug dieses Berichtes unter Zugrundelegung der ersten Ausgabe der Observationen, während ich eine spätere benutzte. Dem Grossschen Auszug nach sollen die von der Obrigkeit verordneten Männer in roten Kleidern und mit weissen Federn auf dem Hute getanzt haben. Es wäre nachzuprüfen, ob das bei Plater ursprünglich stand oder von Gross hinzu- gefügt ist, weil auch zu St. Veit bei Zabern die rote Farbe (rote Schuhe) eine Rolle spielte. Während Gross richtig angibt, dass der Tanz in der Kindheit Platers geschah, und bemerkt, den Bericht habe er aus den 1614 ausgegangenen Observationen genommen, verlegt Böhme^) unter Hinweis auf Gross den Tanz ins Jahr 1615. Wir müssen ihn am Anfang der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts annehmen. Ich lasse nun die Berichte folgen, bei denen Heilige in Frage kommen. Philipp Camerarius (geb. 1537 in Tübingen, seit 1573 Rats- konsulent in Nürnberg, hier 1624 gestorben)^) schreibt 1610, als er von Tanzkrankheiten im allgemeinen gesprochen hat: „Aber damit wir nicht zu viel Beispiele bringen, ich denke an die bei uns, die nicht vor langem [vielleicht die Strassburger oder die nachher geschilderten in Schwaben] geschah und die im untern Deutschland [hier ist die Epidemie im 14. Jahrhundert gemeint], die einstmals stattfand, die durch eine Raserei, welche das Volk die Krankheit des heiligen Veit oder Modestus [Lehrer des hl. Veit], wir in unserer Gelehrtensprache Veitstanz nennen, Verwirrung brachten ... Es wird wirklich noch jetzt eine Kapelle auf einem Berge bei der Stadt Ravensburg in Schwaben gezeigt, auf welchem eine berühmte Burg [die Stammburg der Weifen] erbaut ist, der nach St. Veit heutigen Tags genannt wird [heute heisst der Berg nicht mehr Veitsberg, sondern Veitsburg], weil in einzelnen Jahren vor nicht so langem die Schar der Tanzenden gleichsam jenem Heiligen Opfer brachte, mit dessen Hilfe gesund" wurde und gewohnt war, hierher mit Tanzen Zuflucht zu nehmen. Aber da der Zutritt verhindert wurde und jene Kapelle zu anderem Gebrauch bestimmt wurde, hörte der Zulauf bis jetzt auf*)." (Übersetzung aus dem Lateinischen.) Ziemliche Verwirrung hat eine Beschreibung von Schenk von Grafen- berg^) gegeben. Er lebte von 1530 bis 1598 und war Stadtarzt seiner Vaterstadt Freiburg im Breisgau*). Er berichtet zunächst, dass 'nach der Erinnerung unserer Väter' damals lange und heftig eine furchtbare Art des Wahnsinns sowohl anderswo als besonders in Deutschland wütete. Und dann beschreibt er deutlich und ziemlich eingehend die Epidemie im 14. Jahrhundert und kürzer den Strassburger Veitstanz, ohne allerdings Ort und Zeit zu nennen. Er trägt auch Nachrichten, die wir vom Tarantismus haben (z. B. das blinde Hineinstürzen in Gewässer), in den deutschen Veitstanz hinein. 1) Joh. Gross, Kurtze Basier Chronik. Basel 1614. — 2) Franz M. Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland. Leipzig: 1886. — o) Allg. Deutsche Biographie 3. J^eipzig 187(). 4) Ph. Camerarius, Operae horariim subcisivanim, sive meditationes historicae. Centuria altera. Frankfurt KlOl. — 5) Joannis Schenckii a Grafenberg observationum medicariim variarum libri VII. Frankfurt 1665. — 6) Hecker-Hirsch a. a. 0. ■^2Q Martin: Da Hecker^) die Vorgänge für das IG. und den Ausgang des 15. Jahr- hunderts gelten lässt, den Strassburger Veitstanz auf 1418 festsetzt und ihn anders, als er wirklich war, schildert, so gibt er uns von der im Laufe der Zeit geschehenen Änderung im Wesen der Tanzkrankheit ein falsches Bild. Leider ersieht man bei Schenk den Übergang von der Zeit der Yäter zu seiner Zeit nicht deutlich. Durch 'neuere Beispiele' ist belegt, „dass schwangere Frauen, den übergrossen Leib mit erweitertem Gurt umspannt, auf- und niederwärts ohne Schaden für die Frucht in auffallenden Sprüngen unter den andern dahinliefen. Die Unsrigen ver- sichern, dass dies [Tanzen] auch durch Musikinstrumente so in Bewegung gesetzt und hervorgerufen werde, dass der Magistrat aus öffentlichen Mitteln nicht sowohl Pauker und andere Musiker beordert hat, als auch einige sehr starke Leute, welche die Tänze durch Führen der Rasenden solange, bis die Wut ausgetobt hatte, aus- trieben. Die Unsrigen wurden auch beobachtet, wie sie oft ihre eigenen Kleider zerrissen. Aber die mit Rot Bekleideten halten sie für so feindlich, dass sie die schon von weitem Erblickten anzufallen und feindlich anzugreifen sich bemühten, wenn sie nicht gehindert wurden. Daher ist es ernstlich zu vermeiden, dass jemand mit Rotem bekleidet sich erblicken lässt und eine weitere Gelegenheit zur Raserei bietet. Einen Grund zu dieser Antipathie kann niemand leicht nennen. Die Reicheren führen auf eigene Kosten Begleiter, welche aufpassen, dass nicht andern oder ihnen selbst eine Gefahr zustosse, welche gleichsam als Tanzführer die Reigen der rasenden Genossen leiten." Dann kommt wieder eine Stelle aus der Epidemie des 14. Jahr- hunderts. Und weiter sagt er, es sei auch sicher, dass die meisten vom Veitstanz so geschwächt und von gebrochenen Kräften sind, dass sie oft kaum durch belebende Mittel wiederhergestellt werden können. Schliesslich berichtet er Lokales:' „Die Unsrigen nehmen auch zu heiligen Helfern, zum heiligen Veit oder zu Johannes dem Täufer ihre Zuflucht in der Hofl'nung, die Gesundheit zu er- langen. Die, welche in unserm Breisgau und der Nachbarschaft dieser Raserei unterworfen sind, kommen alljährlich am Vorfeste Johannes des Täufers an zwei Heiligtümern, das eine ist in Blessen, dem heiligen Veit geweiht und Breisacher Herrschaft, das andere sehr nahe bei W äsen weil er, aber diesseits des Rheins gelegen und dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht, zusammen, wo die eilig Herbeigeeilten sich nach deutschem Reigen [also zum deutschen Tanz, der später Allemande genannt wurde] ordnen, sei es, dass sie durch ein abzuleistendes Gelübde gehalten werden, sei es, weil sie von jenen Heiligen Hilfe zur Unterdrückung ihrer Raserei erhoffen. Und worüber man sich wundert, sie gehen allgemein in jenem Monat, welcher dem Feste des heiligen Johannes vorausgeht, sehr traurig, furchtsam, ängstlich, nur mit ge- drücktem Geist einher und spüren am ganzen Körper rupfende und gleichsam hüpfende Schmerzen wie Vorspiele und Zündstoff dieses Übels. Sie sind davon überzeugt, dass sie im übrigen nie beruhigt und befreit werden würden, wenn sie nicht durch Tanzen bei der Stätte des Heiligen diese Krankheit herausschütten könnten, indem der Erfolg 1) Hecker-Hirsch a. a. 0, Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 127 die Sache bestätigt. Freilich werden sie nach Vollendung dieser jährlichen Tanzereien, welche sie vorzüglich im Zeitraum von drei Stunden vor- nehmen, in der Regel von dieser Raserei im selben Jahr frei gesehen^)". (Über- setzung aus dem Lateinischen.) Horstius^) (geb. 1578 in Torgau, von 1608 — 1G22 Professor in Giessen, später Stadtphysikus in Ulm, wo er 1636 starb, ^) schreibt: „Ich entsinne mich, im vorigen Frühjahr mit einigen Frauen gesprochen zu haben, welche alljährlich die St. Veitskapelle, die in Drefelhausen ist, nicht weit von Geislingen bei Weissenstein im Ulmer Gebiet in Rechberger Herrschaft, besuchen und dort Tag und Nacht mit verwirrten Sinnen tanzen, bis sie in Ekstase zusammenbrechen, auf welche Weise sie wieder hergestellt erscheinen, dass sie ein ganzes Jahr hindurch wenig oder nichts spüren bis zum nächsten Mai, wo sie durch Unruhe der Glieder gequält werden, wie sie berichten, dass sie wieder gezwungen werden, sich um die Zeit des heiligen Veits festes zu dem genannten Ort des Tanzes wegen zu begeben, wie eine von diesen Frauen 20 und mehr, eine andere 32 Jahre hindurch dort jährlich getanzt haben soll . . . Ich habe ein ehrbares Mädchen kennen gelernt, die Tochter eines Kaufmanns in dieser Gemeinde, welche schon einige Jahre hindurch zur Frühjahrs- zeit mit einer allerdings leichten Geistesstörung an einer ähnlichen Affektion leidet, dass sie unruhig bald dies, bald das Glied zu bewegen gezwungen wird, indem öfter auch die Zunge und das Sprachvermögen unterbrochen ist, die von einer Stelle zur andern bald hierhin, bald dorthin bewegt wird, was durch einige ^^'ochen in einzelnen Jahren Tag und Nacht anhält. Ich fürchte sehr, dass hier noch etwas Schwereres zu erwarten ist. Obgleich ich von einigen Autoren weiss, dass sie am Veitstanz nichts Konvulsivisches zugeben wollen, im Gegensatz zu den arabischen Autoren, insofern ihnen eine geistige Erkrankung vorzuliegen scheint, wodurch der perverse Drang und das Verlangen nach Tanz entsteht, so stelle ich nichtsdestoweniger, wenn jenen Frauen, mit welchen ich über die Sache im vergangenen Frühling geredet habe, Glauben beizumessen ist, fest, dass hier konvulsivische Bewegungen statthaben, zumal sie versicherten, dass sie während mehrerer Wochen, ehe sie zur St. Veitskapelle kamen, an spannenden Schmerzen aller Glieder zusammen mit von selbst eingetretener Mattigkeit und Schwere des Kopfes gelitten hätten, worin sie verblieben wären, bis sie zum gewohnten Tanzort hinzutretend das Musikinstrument gehört, das für sie ge- schlagen wurde, wo sie mehr und mehr im Geiste verwirrt (vielleicht durch das hinzutretende seelische Einwirken der stärkeren Einbildung, die Hoffnung auf Genesung) zu tanzen gezwungen wurden". (Übersetzung aus dem Latei- nischen). Als neu kommt jetzt liinzu, dass auch Johannes der Täufer Krank- lieitspatron war, und vor allem, dass nicht nur eigentliche Tanzkranke zur Heilung tanzten, sondern auch sonst anscheinend Güesimde, die an ge- wissen Tagen tanzten, am Johannistag (24. Juni) und am Veitstage (15. Juni), worüber später noch berichtet wird, um von allerlei un- angenehmen Empfindungen in den Muskeln und seelischer Verstimmung 1) Schenck a. a. 0. — 2) Gregorii Horstii observationum medicinalium singularium libri quatuor. Ulm 1625. — 3) Hirsch, Biogr. Lexikon der hervorragenden Ärzte 3. Wien und Leipzig 188(i. 128 Martin: befreit zu werden. Diese krankhaften Veränderungen stellten sich aber erst ein, wenn der Tanztag herannahte. Sind die eigentlichen Tänzer Leute, die die Zwangshandlung des Tanzens vornehmen, so haben wir es hier mit Krauken zu tun, die unter dem Zwangsgedanken stehen, am Johannis- oder Veitstag tanzen zu müssen. Von der Zwangsidee zur Zwangshandlung ist nur ein kleiner Schritt und die Krankheit in beiden Fällen dieselbe, der Veitstanz. Das möchte ich Wicke ^) gegenüber hervorheben, der meint, dass die zu den Kapellen wallfahrenden Kranken keine Veitstänzer waren (siehe später Brueghels Bild, das das Gegenteil beweist), der Veitstanz sei hier nur Heilmittel gewesen. In Italien, namentlich in Apulien [dem Stammlande des hl. Veit], haben wir eine Parallele des Veitstanzes im Tarantismus. Die ersten Nachrichten darüber stammen aus dem 15. Jahrhundert, es wird aber da schon von ihm als einem bekannten Übel gesprochen. Die von der Tarantel Gebissenen, oder die sich gebissen glaubten, verfielen gewöhnlich in Trübsinn und waren wie betäubt, ihres Verstandes kaum mächtig. Bei den ersten Tönen der Musik sprangen sie aber jauchzend vor Freude auf und tanzten ohne Unterlass so lange, bis sie erschöpft und halb leblos niedersanken. Es bestand der Glaube, jedes Jahr wieder tanzen zu müssen, und so wurde die Heilung der 'Tarantati' ein wahres Volksfest, das man mit un- geduldiger Freude erwartete. Man nannte die Zeit des Tanzes und des Spiels — die Sommermonate — im 17. Jahrhundert den kleinen Karneval der Frauen, weil diese meist ergriffen waren ^). Was war überhaupt der Veitstanz für eine Krankheit, und wer waren die Veitstänzer? Der Veitstanz als Krankheit, mit dem wir es zu tun haben, ist eine Hysterie. Er heisst auch der grosse Veitstanz und führt den wissen- schaftlichen Namen Chorea hysterica rhythmica^). Sicher fanden sich unter den Veitstänzern auch ausgesprochen Geisteskranke: Maniakalische (im heutigen Sinne) mit grossem Bewegungsdrang und froher Stimmung, chronisch Verrückte, die infolge von Wahnideen tanzten, Katatoniker mit dauernd wiederholten Bewegungen einzelner Körperteile. Das waren wohl die Kranken, die in Strassburg den Tanz begannen, denen es Hysterische nachmachten, und vor allem waren sie es, die sich zu Tode tanzten. Selbst die Tollwut fasste die Anschauung der Zeit als eine Art Veits- tanz auf. Der berühmte Züricher Naturforscher und Arzt Conrad Gessner schreibt 1551: „Aus dem Biss eines tollwütigen Hundes wird bisweilen anteneatmos (der Name ist verderbt), eine Art der Wut, an die Gariopontus (gest. 1056*) I. H erinnert; die Unsrigen nennen sie gewöhn- lich St. Veitstanz")". Baglio (Diss. de Tarantel, c. 12) erwähnt, dass, wer 1) E. C. Wicke, Versuch einer Monographie des j;rossen Veitstanzes. Leipzig 1844. — 2) Hecker a. a. 0. - 3) H. Eichhorst, Handb. d. spez. Patholo^jie''' ;5, 2. Berlin und Wien 1907. — 4) Hecker a. a. 0. — 5) Coiuradi Gesneri historiae animaliuin üb. I. Zürich 1551. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 129 vom tollen Hunde gebissen, vor dem 40. Tage sich zu der Stadt des hl. Yeit begibt und dort aufrichtig betet, durch die Fürbitte dieses Heiligen bald befreit werde, wie jeder in Apulien wisse ^). Die Kranken, welche am Veits- oder Johannistage zu den Kapellen jener Heiligen wallfahrteten, waren nur zum kleinsten Teile eigentliche Yeitstänzer (denn die gingen hin, wenn sie krank waren, ohne sich an den Tag des Heiligen zu halten). Es waren an der Zwangsidee des Veitstanzes Leidende, sonstige Hysterische (besonders mit hysterischen Krämpfen), Kranke, die am kleinen Veitstanz, der sogenannten Syden- h am sehen Chorea, litten (wie das Mädchen, bei der Horstius vermutet, dass etwas Schwereres vorliegt), allerlei Schwachsinnige, vor allem Epileptiker, und andere Kranke, bei denen unnatürliche Muskelbewegungen das Krankheitsbild beherrschten. Ausser in den drei letzten Berichten haben wir das bei der Be- schreibung der Wallfahrt zum hl. Veit bei Zabern gesehen, vor allem tritt es heute noch in der Springprozession von Echternach zutage, die ursprünglich weiter nichts als ein Heiltanz der genannten Krankheiten ist. Die Prozession findet alljährlich am dritten Pfingstfeiertage zu Echternach im Luxemburgischen zu Ehren des hl. Willibrord statt. Angetreten wird an der Sauerbrücke. Der Klerus stimmt die Willi- brorduslitanei ('Hl. Willibrord, bitte für uns') an und eröffnet den Zug. 300 bis 1000 Sänger schliessen sich ihm an. Hinter sie reiht sich die Echternacher Stadtmusik und spielt die Springmelodie [welcher der Volks- mund den Text 'Adam hatte sieben Söhne' untergelegt hat, der aber nicht gesungen wird]. Die Leute verbinden sich untereinander mit Tüchern, die aus der Nähe gekommenen Marxweiler gar mit Regen- schirmen, und nun wird nach der Musik gesprungen, zwei Schritte vor, einen schräg rückwärts. Die Ordnung wird durch die Stadtkapläne auf- recht gehalten. Im Zuge befinden sich mehrere Musikkapellen oder wenigstens Trommler und Pfeifer. Er bewegt sich durch die Strassen die Ortschaft hindurch. Aber anstatt in die Basilika zu gehen, springt man die r>2 Stufen des Petersberges zur Pfarrkirche hinauf, zur Evan- gelienseite der Pfarrkirche hinein, um das Grab des Heiligen, wo ge- wöhnlich zwei Geistliche den Pilgern ihre Devotionalien anrühren, zur Türe der Epistelseite wieder hinaus, um mit dreimaligem Umspringen des grossen Holzkreuzes auf dem ehemaligen Friedhofe die Prozession zu beenden. Die Länge des zurückgelegten Weges beträgt 1'225 Schritt, die Dauer ist zwei bis drei Stunden. Die meisten Wallfahrer tragen einen schweren Kummer auf dem Herzen, da meist ein wegen fallender Sucht oder 'Wilvertskrankheit' 1^ R. J. Camerarii et Th. Ch. Scharf Dissert. de Alysso clavo, Tübingen 1709. Albrecht v. Hallers Sammlung akad. Streitschriften, in einen vollständigen Auszug ge- bracht und mit Anmerkungen versehen v. Lorenz Grell. 1. Bd. Helmstedt 1779. Zeitschr. (I.Vereins f. Volkskunde. 1914. Heft 2. 9 130 Martin: [Epilepsie] gemachtes Gelübde sie hierhergeführt. Unter 10 000 Mit- springeru, von denen viele von Kindheit an mit der Fallsucht und anderen epileptischen Krankheiten behaftet sind, die aber selbst im Arm ihrer Verwandten raitspringen wollen, kommt es vor, dass einer oder der andere wieder einen Anfall seiner Krankheit erleidet oder in Ohnmacht fällt. So selten aber geschieht dies, dass mein Gewährsmann Keiners^), der sieben Jahre die Ordnung der Prozession mit überwachte, kaum jedes Jahr ein bis zwei Fälle gesehen hat. Man frage nur den ersten besten Springer, sagt er, entweder verdankt er selbst dem hl. Apostel die Ge- sundheit und kommt aus Dank alljährlich zu springen, oder er springt, weil er sich für einen Bruder, ein Kind usw. zu springen vor- genommen hat. Reiners sagt, dass viele der Springer mit Fallsucht [Epilepsie] und anderen epileptischen Krankheiten behaftet sind. Unter diesen sind die oben genannten Bewegungskrankheiteu zu verstehen. Vom Springen gegen Veitstanz und auch gegen Schwachsinn ist mir berichtet worden. Die Prozession ist also der Heiltanz, wie wir ihn kennen. Keiners will allerdings in der Prozession eine Buss- und Sühneandacht sehen und im Springen mit Musik ein sehr mühevolles Gebet. Wenn Leute, wie ich erzählen hörte, den stark mit Steinen beschwerten Korb auf dem Rücken, mühe- voll mit blaurotem Gesicht springen, so ist das sicher eine Bussübung. Das kann später hinzugekommen sein, wie dies bei dem Schritt rückwärts, der die Prozession so sehr erschwert, der Fall ist, obwohl ja bei manchen Tänzen nicht nur vor-, sondern auch rückwärts gegangen wird. Die von Reiners herangezogene Parallele, nach der eine Königin von Prankreich gelobte, beim Gelingen eines Unternehmens einen Pilger nach Jerusalem zu Puss zu senden, der immer drei Schritte vor und einen rückwärts ginge, beweist deshalb nichts. 1842 sprang man einen Schritt rechts, einen links und einen vorwärts^). Man sprang auch drei vor, einen zurück oder fünf vor und zwei zurück^). Reiners selbst sagt, dass die Prozession, 1786 unterdrückt, nach dem Tode Josephs II. wieder gehalten wurde, aber ein anderer Sprung in Übung kam, indem man nunmehr einen Schritt schräg zurücksprang. Wie's vorher war, gibt er nicht an, wahrscheinlich war doch der Rücksprung weg- geblieben. Übrigens tanzten schon zur Zeit Schenk von Grafen bergs*) Leute im Veitstanz mit, die durch ein abzuleistendes Gelübde dazu gelialten waren. Auch die von ihm berichtete kurze Dauer des Tanzes von drei Stunden und das Auf- rechterhalten der Ordnung durch Reigenführer erinnert sehr an die Echternacher Prozession. Noch einige Angaben nach anderen Quellen über die Springprozession. Sie begann auf der Brücke, die die luxemburg-preussische Grenze bildet^). Ij Adam Reiners, Die Springprozession zu Echternach, Haffners Frankfurter Zeit- gemässe Broschüren, N. F 5. Frankfurt a. M. 1884. - 2 Hecker a. a. 0. — 3) Paul Richer, L'art et la medecine. Paris (o. J.;. — 4) Observ. medic. 1665. — 5) Hecker a. a. 0. Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 131 M. Majerus, Richter in Luxemburg, berichtet aus eigener Anschauung, dass man für sich, für andere, Angehörige, Freunde, sogar für Tiere springt. Wer zu alt, zu krank ist, bezahlt Echternacher Burschen, die für 12 — 20 Sous springen, häufig für mehrere Pilger und Pilgerinnen. Man sieht nicht selten epileptische Krämpfe 0- Ich weiss, dass gebildete Leute für ihr schwachsinniges Kind springen li essen. Der Übernahme durch bezahlte Leute ist nichts Auffallendes. Sie kam auch bei anderen Heilverfahren vor Im kalten Bad auf der Rischi-Alp hinter der Eck in Unterwaiden (Schwendi-Kaltbad), das bis ins 19. Jahrhundert schwer zugänglich war, bestand vormals, wne Ziegler 1799 schreibt, die Sitte, Leute für Geld zu dingen, um sich für einige Minuten ins kalte Bad zu setzen für Rechnung und Frommen irgend eines Kranken, welcher diese Verrichtung an dem wilden, sehr entlegenen Orte selbst nicht übernehmen wollte oder konnte^). Die Springprozession wird von der nicht unbedeutenden Anzahl namhafter Geschichtsschreiber der Echternacher Benediktinerabtei, die oft bis in kleinste Einzelheiten die Erlebnisse der Abtei berichten, nicht erwähnt. Selbst der Abt ßertels (gest. 1607) spricht von den unbedeutendsten Dingen, über Volkssitten, religiöse Feste, sogar von dem religiösen Tanz auf dem Johannisberg bei Luxem- burg, erwähnt sie aber mit keiner Silbe ^). Die erste schriftliche Nachricht von der Echternacher Springprozession gibt der triersche Historiker Brower (gest. 1617), der als gangbare Er- zählung mitteilt, dass seine Zeitgenossen als Knaben von den ältesten Leuten gehört hätten, bei jeweiliger Unterlassung des Gelöbnisses der Votiv-Springprozession habe das Vieh in den Ställen zu tanzen an- gefangen und nicht eher abgelassen, bis die Springprozession abgehalten war*), also der Abwehrtanz gegen Bewegungskrankheiten. Dass man auch für derartige Erkrankungen des Viehs in Echternach springt, wurde oben erwähnt. Weiteres über Echternach folgt im nächsten Abschnitt. Aus dem Jahre 1564: besitzen wir eine Abbildung von Tanzkranken auf einer Handzeichnung in der Albertina zu Wieu von Pieter Brueghel d. Ä. Romdahl hat sie veröffentlicht (siehe Abb. 1) und sie für eins der bedeutendsten Werke des Meisters erklärt. Es ist eine grössere (ein wenig mit Weiss gehöhte) Federzeichnung auf blaugrauem Papier, die von Brueghel eigenhändig mit einer Unterschrift versehen ist^). Sie lautet: dit sin dye pelgerommen die up sint Jans dach buyten bruessel de muelebeec danssen moeten ende als sy ouer een brugge gedanst oft gesprongen hebben dan sin sy genesen vor een heel Jaer van sint Jans siechte . bruegel • M • ccccc • Ixiiij . 1~^ Richer a. a. 0. — 2) A. Martin, Deutsches Badewesen in verjjangenen Tagen, Jena 190G. — 3) Reiners a. a. 0. — 4) Ebenda. — 5"^ Axel L. Romdahl, Jahrb. der kunsthist. Sammlungen des Allerh. Kaiserhauses 24, 3. Wien und Leipzig 1905. 9* 132 Martin: 's Rijks Prentenkabinet in Amsterdam besitzt eine Zeichnung, die sich im Bild beinahe mit der in der Albertina deckt. Sie trägt rechts unten die (falsche?) =-< • <-l er C CS B CS « j- CO S 2- cn CJ13 CT • s. < C» O CD D i-ä CS Ci CD tÖ -^ Signatur ^brueghel', und die Unterschrift ist durch eine horizontale Linie von der Komposition getrennt (wie das vielfach auf Stichen vorkommt). In der mir mit- geteilten Unterschrift fehlt hinter 'buyten bruessel' die nähere Ortsangabe 'de Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. 133 muelebeec'. Das Bild ist in dem zweibändigen Handzeichnungswerke des Amster- damer Kupferstichkabinetts auf Tafel 22 von E. W. Mo es herausgegeben worden. (Mitteilung des Kupferstichkabinetts in Amsterdam). Nach Romdahl ist es 1569 (nicht 1564 wie das in der Albertina) datiert. 1642 hat Hondius die Brueghelsche Zeichnung in drei Stichen (im Spiegel- bild) reproduziert. Zwei davon sind bei Holländer^) und Richer^) (die linke Tanz- gruppe) und bei Hovorka und Kronfeld ^) (die rechte Tanzgruppe) abgebildet; sie zeigen weit mehr und zum Teil andere Zeichnung als das Original (siehe Abb. 2 u. 3).