a N RUN ERREGER TERRA LERNEN KERNEIETHELLRLTEA HE CRELDE RAR. 204 NIE TREE RLRSERSOEBENN JENE 7 £ / SR Die Tanzwuth, Volkskrankheit im Mittelalter. Nach den Quellen für Aerzte und gebildete Nichtärzte bearbeitet von Dr. J. F. C. HECKER, Professor an der Friedrich - Wilhelms - Universität zu Berlin, Mitglied der medici- nischen Ober -Examinations- Commission, des Vereins für Heilkunde in Preussen, und gelehrter Gesellschaften in Berlin, Bonn, Dresden, Erlangen, Hanau, Kopen- hagen, London, Lyon, Metz, Neapel, New-York, Philadelphia und Zürich. _ | Berlin, 1832. Verlag von Theod. Christ. Friedr. Enslin. HISTORIOAL “ BEL. 3 EN EN 3 TS SEN LAT ,O! RT ER N BEER: “ IE & vers jige Be 2020727 Z Kite) ] I © 4 2 RR ar Bi} Kay. Seiner Excellenz dem Herrn Freiherrn Alexander v. Humboldt, Königl. wirklichen Geheimen Rathe und Kammerherrn, Ritter des rothen Adleror- dens und des Kais. Russ. St. Annenordens erster Klasse, Offcier der K. Frank. Ehrenlegion, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, des Institut de France etc. etc. widmet diese Abhandlung mit dem Ausdruck innigster Verehrung [d der Dertaffer. br ; An 3 Re Di = IR = * 7 N ® w rn IR 7°: BR ar 972 ine: e Pe I In Be u N N rc < u .. N 1} * K BE ee RE E27 9 12 EEE Kr CE REN 5 ! = er N “ iR ° MAIER Dee Sa. A : F a) > vor dn # Voerwort. Die Erscheinungen, von denen hier die Rede ist, gewähren einen tiefen Blick ın das geistige Wesen der menschlichen Gesellschaft. Sie ge- hören der Geschichte an, und werden so wie sie waren, nie wiederkehren, aber sie zeigen eine verwundbare Stelle des Menschen, den Trieb der Nachahmung, und stehen daher ın sehr naher Beziehung zum menschlichen Ge- sammtleben. Es schien der Mühe werth, Krank- heiten zu beschreiben, die sich auf den Strah- len des Lichtes, auf den Flügeln der Gedan- ken verbreiten, Krankheiten, welche durch sinn- lichen Reiz den Geist erschüttern, und in die Nerven, die VVege seines Willens und seiner Ge- fühle, wunderbar ausstralen; — des Versuches werth diese Krankheiten zwischen die Seuchen zu stellen, die gröberen Ursprungs mehr den Körper als die Seele ergreifen, und alle Leiden- vi schaften und Regungen, welche an das grofse Gebiet der Krankheiten gränzen, bereit in je- dem Augenblicke, diese Gränze zu überschrei- ten. Sollte aus den hier entwickelten Thatsa- chen der ernsten Geschichte ein überzeugender Beweis entnommen werden können, dals die Menschheit in'der Schöpfung die sie umgiebt, an Leib und Seele sich als ein Ganzes regt, so würde der Verfasser hoffen können, seinem Ideale einer grolsartigen Auffassung der Krank- heiten in Zeit und Raum näher gekommen zu sein, und durch die Theilnahme Wahrheit su- chender Zeitgenossen sich ermuthigt fühlen, auf dem betretenen Wege der Forschung wei- ter vorzudringen. Berlin, den 21, September 1832. 1. I. IV. in hält Tanzwuth in Deutschland und den Niederlanden. 1. St. Johannistanz. 2. St. Veitstanz. 3. Ursachen. oh 4. Aeltere Tanzplagen. . B.. Die Aalen, „ui... en 6. Abnahme und Ende der Tanzplage. Tanzwuth in Italien. Tarantismus. 1. Aelteste Spuren. Ursachen. 2. Zunahme. B.. 3. Idiosynkrasieen. Musik. 4. Hysterie. . BZ 5. Abnahme. Tanzwuth in Abyssinien. Tigretier.. . . . %.- >» Sympathie. ET Bu ER An ee ae Seite. 1 - !. Tamzwuth in Deuticdland und den Miederlanden. 1. ST. JOHANNISTANZ. N och waren die Nachwehen des schwarzen Todes nicht verwunden, und die Gräber so vieler Millionen kaum eingesunken, als in Deutschland ein seltsamer Wahn die Gemüther ergriff, und der göttlichen Natur des Menschen hohnsprechend, Leib und Seele in den Zauberkreis höl- lischen Aberglaubens fortrifs. Es war eine Verzückung,. welche den Körper wunderbar durchraste, und länger als zweihundert Jahre das Staunen der Zeitgenossen er- regte, seitdem aber nicht wieder gesehen worden ist. Man nannte sie den Tanz des heiligen Johannes oder des heiligen Veit, bacchantischer Sprünge wegen, mit denen die Kranken im wilden Reigen schreiend und wuthschäumend den Anblick von Besessenen darboten. Sie blieb nicht auf einzelne Orte beschränkt, sondern verbreitete sich, vorbereitet durch die herrschende Sin- - nesart, über ganz Deutschland und die nordwestlich an- gränzenden Länder, durch den Anblick der Leidenden, wie eine dämonische Volkskrankheit. Schon im Jahr 1374 sah man in Aachen Schaaren von Männern und Frauen aus Deutschland ankommen, i 2 die vereint durch gemeinsamen Wahn, in den Strafsen und in den Kirchen dem Volke dies sonderbare Schau- spiel gewährten '). Hand in Hand schlossen sie Kreise, und ihrer Sinne anscheinend nicht mächtig, tanzten sie stundenlang in wilder Raserei, ohne Scheu vor den Um- stehenden, bis sie erschöpft niederfielen; dann klagten sie über grofse Beklemmung und ächzten als stände ihnen der Tod bevor, bis man ihnen den Unterleib mit Tü- chern zusammenschnürte, worauf sie sich erholten und frei blieben bis zum nächsten Anfalle. Diese Einschnü- rung geschah wegen der Trommelsucht, welche sich nach dem krampfhaften Toben einstellte, oft half man aber noch kunstloser mit Faustschlägen und Fufstritten auf den Unterleib. Während des Tanzes hatten sie Erschei- ‚ nungen, sie sahen nicht, sie hörten nicht, ihre Phantasie gaukelte ihnen die Geister vor, deren Namen ?) sie her- vorkrächzten, und späterhin sagten einige aus, sie wären sich so vorgekommen, wie in einen Strom von Blut ge- taucht, und hätten deshalb so hoch springen müssen ®). Andere sahen in ihrer Verzückung den Himmel offen, mit dem thronenden Heiland und der Mutter Gottes, wie denn der Glaube des Zeitalters sich in ihrer Phantasie wundersam und mannigfach ‘spiegelte ?). 1) Odor. Raynald, Annal. ecclesiastic. A. 1374. Lucae 1752. fol. T. VII. p. 252. 2) Joh. Wier’s reichliches Geisterverzeichnifs giebt hier keine Beziehungen. Pseudomonarchia daemonum. Opera omnia, Amstelod. 1660. 4. p. 649. — Raynald führt das Wort Frisckes als einen Geisternamen an, aber sein Irrthum erklärt sich leicht aus Unkunde der Sprache. Denn nach der Kölnischen Chronik sangen die Johan- nistänzer während sie rasten: ‚Here sent Johan, so so, vrisch ind vro, here sent Johan.“ Die Cronica van der hilliger Stat van Coel- len. fol. 277. Coellen, 1499. fol. 3) Cyr. Spangenberg, Adels-Spiegel. Historischer ausf. Be- richt: Was, Adel sey und heifse etc. Schmalkalden, 1591 fol. Fol. 403 b. 4) Petr. de Herentals, im Anhange No. I. 3 Wo die Krankheit vollkommen entwickelt war, da begannen die Anfälle mit fallsüchtigen Zuckungen !). Die Behafteten fielen bewufstlos und schnaubend zu Boden, Schaum trat ihnen vor den Mund, dann sprangen sie auf, und hoben ihren Tanz an mit unheimlichen Verzerrun- gen. Doch trat das Uebel ohne Zweifel sehr verschie- denartig auf, und veränderte sich nach Zeit und Ort, worüber die nichtärztlichen Zeitgenossen die nöthigen Angaben nur unvollständig aufgezeichnet haben, gewohnt mit ihren Begriffen über die Geisterwelt die Beobachtung natürlicher Vorgänge zu verwirren. ‚Nur weniger Monate bedurfte es, um diese dämo- nische Krankheit von Aachen aus, wo sie sich im Juli zeigte, über die benachbarten Niederlande zu verbrei- ten *). In Lüttich, Utrecht, Tongern und vielen anderen belgischen Städten erschienen die Johannistänzer mit Krän- zen im Haare, den Unterleib mit Tüchern umgürtet, um ohne Verzug Erleichterung zu finden, wenn nach dem Rasen die 'Trommelsucht sich einstellte.e Die Einschnü- rung bewirkte man leicht durch das Umdrehen eines ein- gesteckten Stockes, viele zogen aber die Fufstritte und Faustschläge vor, wobei es an Hülfeleistenden nicht fehlte, denn wo dergleichen vorging, da lief das Volk schaaren- weise zusammen, um mit gierigen Blicken sich an dem grauenvollen Schauspiel zu weiden. Endlich erregte die 1) Jo. Trithem., Chronic. Sponheimense A. 1374. Opera historie. Franeof. 1601. fol. p. 332. Hiernach: Abrah. Bzovii An- nal. ecclesiastie. Tom. XIV. Colon. Agripp. 1625. fol. Ann. 1374. (Maniaca passio, $. Johannis choreca.) 2) Jo. Pistorii Rerum familiarumque Belgicarum Chronicon magnum. Francof. 1654. fol. p. 319. Hier heifsen die Behafteten dansatores, chorisantes. S. die ganze hierher gehörige Stelle im Anhang, No. II. — Vergl. Incerti auctoris vetus chronicon Belgi- . eum, Matthaei veteris aevi Analecta. Hag. com. 1738. 4. Tom. 1. p. 51. „Anno MCCCLXXIV gingen die dansers. Gens inpacata cadit, dudum cruciata salvat.“ Mufs heifsen salivat; eine Stelle aus einem verloren gegangenen lateinischen Gedichte. ı* 4 anwachsende Menge der Behafteten nicht weniger Besorg- nifs, als die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkte. In Städten und Dörfern nahmen sie die Gotteshäuser ein, überall wurden ihretwegen Umzüge veranstaltet, Messen gelesen und kirchliche Gesänge angestimmt, überall Ver- wunderung und Entsetzen über die Krankheit, deren teuf- lischen Ursprung niemand bezweifelte In Lüttich nah- men die Priester ihre. Zuflucht zu Beschwörungen, und suchten dem Uebel, das ihnen gefährlich zu werden drohte, mit all'ihrer Macht zu steuern. Denn .oft stiefsen die Besessenen, zu Schaaren vereint, Verwünschungen gegen sie: aus und wollten sie tödten, auch liefs man sich so von ihnen einschüchtern, dafs eine : eigene Verordnung erging, keine anderen als stumpfe Schuhe anzufertigen, weil die Besessenen einen krankhaften Widerwillen :ge- gen die Schuhschnäbel kund gegeben hatten, die bald nach dem grofsen Sterben i. J. 1350 in die Mode ge- kommen waren !). Noch mehr wurden diese durch den Anblick der rothen Farbe aufgeregt, deren Einflufs auf die. erkrankten Nerven eine wunderbare Uebereinstim- mung krampfhafter Uebel mit dem Zustande wüthender Thiere erkennen läfst, bei den Johannistänzern aber mit Bildern ihrer Verzückung wahrscheinlich in Verbindung stand. Auch gab es einige unter ihnen, .die den Anblick 1) Die Limburger Chronik, herausgeg. von €. D. Vogel, Mar- burg 1828. 8. S. 27. Diese Erscheinung ist zu sonderbar, als dafs wir nicht an den „Modenteufel‘“ des Mittelalters erinnern sollten. So ausschweifend die Kleidersucht seit der Mitte. des »vierzehnten Jahr- hunderts war, so grols war der Widerstreit der Modenfeinde, die jede Gelegenheit benutzten, um alle Neuerungen als Teufelswerk zu verschreien. Fanatische Bulspredigten eifriger Priester konnten daher jenen abenteuerlichen Widerwillen der Veitstänzer leicht hervorgeru- fen haben. Auch in der späteren Zeit geschahen wegen eben- so ge- ringlügiger Dinge nicht selten Zeichen und Wunder, und der Wahn- sinn Besessener kehrte sich gegen die Moden. Vergl. Möhsen, Ge- schichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg, S. 498 £. 5 von Weinenden nicht errtagen konnten !). Dafs die Be- hafteten eine Art Sectirer wären, davon glaubten sich die Geistlichen täglich mehr zu überzeugen, deshalb eilten sie mit der Beschwörung, damit das Uebel sich nicht un- ter die höheren Stände verbreitete, denn bis jetzt waren fast nur Arme ergriffen worden, und die wenigen Wohl- habenden und Mönche, die man unter ihnen sah, gehör- ten zu denen, deren Leichtfertigkeit dem Reiz der Neu- heit nicht zu widerstehen vermochte, sollte diese auch von dämonischem Schwindel ausgehen. Wirklich hatten nun auch Behaftete unter dem Einflufs geistlicher Be- schwörungsformel geäufsert, man hätte den Dämonen nur noch einige Wochen Zeit lassen sollen, so würden sie in die Leiber der Vornehmen und Fürsten gefahren sein, ' und durch diese den Clerus vernichtet haben. Reden dieser Art, welche die Besessenen in einem Zustande ver- nehmen liefsen, der mit dem magnetischen Schlafe ver- glichen werden kann, wurden überall geglaubt, und gin- gen mit wunderlichen Zusätzen von Mund zu Mund, de- sto eifriger suchten die Geistlichen jeder gefährlichen Stimmung des Volkes zuvorzukommen, als ob die. beste- hende Ordnung der Dinge von dem Unsinn ernstlich hätte bedroht werden können. Ihre Bemühungen hatten Erfolg, denn im vierzehnten Jahrhundert. war: die Be- ‚schwörung ein mächtiges Heilmittel, oder es fand auch die wahnsinnige Ueberspannung in der von selbst ein- tretenden Erschlaffung ihr Ende, und so sah man nach zehn oder elf Monaten keine Johannistänzer mehr in den belgischen Städten. Doch war. das Uebel zu tief ge- wurzelt, um so leichten Angriffen zu weichen ?). Einen Monat später als in Aachen zeigte sich die 1) Petr. de Herentals, im Anhang Nr. I. 2) Ueber die angewandten Beschwörungsmittel, s. E. G. För- stemann, die christlichen Geifslergesellschaften. Halle 1828. 8. Ss. 232. ! 6 Tanzsucht in Köln, wo die Zahl der Besessenen auf mehr als Fünfhundert anwuchs ?), und um dieselbe Zeit in Metz, wo elfhundert Tänzer die Strafsen angefüllt ha- ben sollen ?). Landleute verliefsen den Pflug, Hand- werker die Werkstätte, Hausfrauen den Heerd, um sich . dem wilden Reigen anzuschlielsen, und die gewerbreiche Stadt wurde der Schauplatz verderblichen Unheils. Heim- liche Begierden wurden aufgeregt, und fanden nur zu bald Gelegenheit zu wilder Befriedigung, auch benutz- ten viele Bettler, von Laster und Elend gedrückt, die willkommene neue Krankheit zu kurzweiligem Erwerb. Mädchen und Knaben entliefen ihren Aeltern, und Dienst- boten ihren Brotherren, um sich an den Tänzen der Be- sessenen zu ergötzen, und das Gift der geistigen An- steckung begierig einzusaugen. Ueber hundert unverhei- rathete Weiber sah man an geweiheten und ungeweihe- ten Stätten umherrasen, und es zeigte sich bald, welche Gluth in ihnen gelöscht worden war, Besessene dieser Art genasen dann auch sehr bald, viele schon innerhalb zehn Tagen, andere blieben jedoch unersättlich, so dafs man sie den schwangern Leib mit Tüchera umgürten und immer wieder und wieder an den Tänzen Theil nehmen sah *), Schaaren versunkener Müfsiggänger, welche die Geberden und die Zuckungen der Kranken trefflich nach- zuahmen verstanden, zogen Unterhalt und Abenteuer su- chend von Ort zu Ort, und verbreiteten das widrige’ Krampfübel wie eine Seuche, denn bei Krankheiten die- ser Art werden Empfängliche eben so leicht von dem Schein wie von der Wirklichkeit ergriffen. Zuletzt ver- jagte man diese Unheil bringenden Gäste, die den Be- 1) Limburger Chronik, $.71. Kölnische Chronik a.a.0. Siehe den Anhang Nr. II. IV. 2) Dans la ville y eut des dansans, Tant grands que petits onze- . eents. Journal de Paris 1785. 3) Schenk v. Grafenberg a. u. a. ©. 7 schwörungen der Priester wie den Heilmitteln der Aerzte gleich unzugänglich waren, doch konnte man in den rhei- nischen Städten erst nach vier Monaten des 'Truges und der Lasterhaftigkeit Herr werden, die das ursprüngliche Uebel so bedenklich vergröfsert hatten. Einmal ins Le- ben gerufen, schlich indessen die Seuche weiter, und fand überreichliche Nahrung in der Sinnesart des vierzehnten und funfzehnten Jahrhunderts, ja auch noch im sechzehn- ten und siebzehnten dauerte sie, wenn auch vermindert, fort als eine stehende Geisteskrankheit, und erregte in Städten, deren Bewohnern sie neu war, eben so wun- derdare als verabscheuungswürdige Auftritte. 2. ST. VEITSTANZ. Strafsburg wurde von der „Tanzplage“ im Jahr 1418 heimgesucht '). Es war noch derselbe Wahnsinn un- ter dem Volke, wie in den niederrheinischen und belegi- schen Städten. Ergriffen vom Anblick der Befallenen, erregten viele Erkrankende Besorgnifs durch wirres und verkehrtes Benehmen, dann folgten sie unaufhaltsam den Schwärmen der Tanzenden, die Tag und Nacht durch die Strafsen zogen, begleitet von aufspielenden Sackpfeifern und zahllosen Neugierigen, denen sich bekümmerte Ael- tern und Verwandte anschlossen, zu sehen, wie es den verurten Ihrigen erginge. Trug und Verworfenheit trie- ben auch in dieser Stadt ihr finsteres Spiel, doch scheint 1) J. v. Königshoven, die alteste teutsche so wol allgemeine als insonderheit Elsassische und Strafsburgische Chronike. Herausgeg. von Schiltern. Sirafsburg 1698. 4. Anm. 21. von Veitz-Tantz. Ss. 1085 £. „Viel hundert fingen zu Stralsburg an Zu tanzen und springen, Frau und Mann, Am offnen Markt, Gassen und Strafsen Tag und Nacht ihrer viel nicht alsen. "Bis ihn das Wüthen wieder gelag. St, Vits Tanz ward genannt die Plag.“ te) wohl der krankhafte Wahn vorgewaltet zu haben. Des- halb konnte nur vorläufig die Religion Hülfe bringen, und in diesem Sinne nahm sich der Stadtrath der Un- glücklichen menschenfreundlich an. Man theilte sie in abgesonderte Haufen, und gab ihnen verantwortliche Auf- seher, damit ihnen kein Leides geschähe, vielleicht auch um die Rohheit unter ihnen zu zügeln.. So wurden sie denn zu Fufls und zu Wagen zu den Kapellen des hei- ' ligen Veit nach Zabern und Rotestein geleitet, wo ihrer Priester warteten, um durch das Hochamt und andere heilige Gebräuche auf ihre verirrten Sinne zu wirken. Nach vollbrachtem Gottesdienst führte man sie in feier- lichem Umzuge um den Altar, liefs sie von ihren Almo- sen ein Geringes opfern, und viele mögen durch Andacht und die Heiligkeit des Ortes von trostlosem Irrwahn ge- nesen sein. Man beachte hier wohl, dafs sich in dieser Zeit die Tanzwuth an den Altären des Heiligen nicht er- neute, dafs man von diesem nur Hülfe flehte, und von seiner Wunderthätigkeit die Genesung hoffte, welche au- {ser dem Bereich menschlicher Einsicht lag. Die Person des heiligen Veit ist hier keinesweges ohne Bedeutung, Er war ein Knabe in Sicilien, der zur Zeit der Diocle- tianischen Christenverfolgungen i. J. 303 zugleich mit Modestus und CGrescentia das Märtyrerthum er- langte '). Seine Legenden sind dunkel, und er wäre 1) Caes. Baron. Annales ecclesiastic. Tom. II. p. 819. Colon. Agripp. 1609. fol. — Vergl. die ausführlicheren Acta Sanetorum Junü (der 15. Juni ist der St. Veits-Tag) Tom. II. p. 1013. Antverp. 1698. fol., aus welchen wir nur hinzufügen wollen, dafs Mazara in Sicilien als der Geburtsort unseres Heiligen angenommen wird, und sein Vater Hylas hiels; däfs er von da mit Crescentia (wahr- scheinlich seiner Amme) und Modestus nach Lucanien auswanderte, und mit beiden unter Diocletian den Märtyrertod erlitt. Alle drei sollen in Florenz begraben worden sein, und es währte nicht lange, so war die Wunderthätigkeit des heiligen Veit, die sich schon bei seinen Lebzeiten kundgegeben haben sollte, in ganz Italien anerkannt. : Die beühmtesten seiner Kapellen waren auf dem nach ihm benann- 9 gewils unter den zahllosen apokryphischen Märtyrern der ersten Jahrhunderte unbeachtet geblieben, wenn ihm nicht die Uebertragung seines Leichnams nach St. Denys und von da nach Corvey i. J. 836 einen höheren Rang ver- liehen hätte. Seit dieser Zeit geschahen begreiflich viele Wunder an seinem neuen Grabe, das zur Befestigung, des römischen Christenthums unter: den Deutschen we- sentliche Dienste leistete, und St. Veit wurde bald un- ter die vierzehn heiligen „Nothhelfer“ oder „Apothe- ker“ *) versetzt. Seine Altäre mehrten sich, das Volk ten Vorgebirge von Sicilien, in Rom und in Polignano, wohin viele Kranke wallfahrteten. Von tollen Hunden Gebissene glaubten an seinen Altären sichere Hülfe zu finden, doch wurde späterhin die Wunderkraft gegen diese Verletzung dem heiligen Veit von St. Hu- bertus, dem Jagdheiligen, streitig gemacht. Schon im J. 672 er- folgte die feierliche Uebertragung seines Leichnams nach Apulien, bald darauf gaben aber die Geistlichen sehr vieler Kirchen und Ka- pellen in Italien vor, im Besitz wunderthätiger Theile seines Körpers zu sein. Im achten Jahrhundert verbreitete sich die Verehrung des wunderthätigen Märtyrerknaben nach Frankreich, und die Kirche von St. Denys erhielt die Vergünstigung, seinen Körper zu besitzen. Auf Befehl des Papstes wurde dieser am 19. März 836 von dem Abt Hil- duwinus von St. Denys dem Abt Warinus von Corvey (gestiftet 822) feierlich übergeben. Auf dem Zuge dahin, der drei Monate währte (bis zum 13. Juni), geschahen viele Wunder, und die späte- ren Aebte von Corvey wuisten Jahrhunderte lang den Glauben an die Wunderheilkraft ihrer Reliquien zu erhalten, die sich auf Krankhei- ten ohne Unterschied, besonders aber auf, dämonische erstreckte. — Vergl. Monachi anonymi Historia translationis 8. Viti. Bei G. H. Pertz, Monumenta Germaniae historica. T. il. Hannov. 1828. fol. p- 576. — Zum Beweise der grofsen Verehrung des heiligen Veit im vierzehnten Jahrhundert kann noch angeführt werden, dafs Karl IV. ihm die Cathedrale in Prag weihete, deren Grund er legte, und seine Erhebung zum Patron von Böhmen zu bewerkstelligen wulste. Ein angeblicher Körper des heiligen Märtyrerknaben wurde zu diesem Zweck aus Parma geholt. Act. Sanctor. a. a. O. 1) Wahrscheinlich verstümmelt aus Apotropaei. Der Ausdruck kommt überall vor, z. B. bei Agricola, Sprüchwörter Nr. 497. Es sind die 90: «lelızaroı, die dii averrunci der Alten. Die vierzehn Heiligen, nach deren Kirche (zwischen Bamberg und Coburg) noch 10 nahete ihnen in allerhand Nöthen mit gläubiger Zuver- sicht, und verehrte ihn als Hülfe spendenden Fürspre- cher. Wie nun aber die Anbetung von dieser Art Hei- ligen aller historischen Beziehungen entkleidet war, wel- che von den Priestern absichtlich verwischt wurden, so trug man sich zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts, vielleicht auch schon im vierzehnten, mit der Legende, St. Veit habe, ehe er sich unter das Schwert gebeugt, zu Gott gebetet, er möge alle, die seinen Abend fasten und seinen Tag feiern würden, vor dem Tanz bewahren, worauf eine Stimme vom Himmel vernonimen worden sei: „Vite, du bist erhöret“ *J. So wurde St. Veit der Schutzheilige der Tanzsüchtigen, wie einst St. Martin von Tours der Nothhelfer der Pockenkranken, der hei- lige Antonius der am „höllischen Feuer“ Leidenden, und die heilige Margaretha die Juno Lucina der Ge- bärenden. 3. URSACHEN. Die Beziehung Johannes des Täufers zur Tanz- wuth des vierzehnten Jahrhunderts ist eine ganz verschie- dene. Er war ursprünglich durchaus nicht der Schutz- heilige der Befallenen, der diesen Befreiung von einem für Teufelswerk gehaltenen Uebel verheifsen hätte, in der Art seiner Verehrung liegt vielmehr ein wichtiger und recht einleuchtender Grund der Entwickelung dieses Uebels. Seit den ältesten Zeiten, vielleicht schon seit dem vierten Jahrhundert, feierte man seinen Tag mit al- lerlei sonderbaren und wilden Gebräuchen, deren ur- sprüngliche mystische Bedeutung bei einzelnen Völkern jetzt alljährlich Tausende wallfahrten, sind folgende: 1) Georgius, 2) Blasius, 3) Erasmus, 4) Vitus, 5) Pantaleon, 6) Christophorus, 7) Dionysius, 8) Cyriacus, 9) Achatius, 10) Eustachius, 11) Aegidius, 12) Margaretha, 13) Catharina, 14) Barbara. : 1) J. Agricola, Sybenhundert und fünffzig Teutscher Sprich- wörter, Nr. 497. Hagenau 1537. 8. fol. 248, 11 durch hinzugefügte heidnische Ueberbleibsel mannigfach entstellt wurde ?). So übertrugen die Deutschen das ih- nen vom heiligen Bonifacius verbotene Anzünden der „Nodfyr,“ einen uralten heidnischen Gebrauch, auf die Feier des St. Johannisfestes, und es hat sich noch bis auf diesen Tag der Glaube erhalten, dafs Menschen und Thiere, die durch diese Flammen oder ihren Rauch hin- durchsprängen, vor Fieber und andern Krankheiten, wie durch eine Art von Feuertaufe, ein ganzes Jahr lang ge- sichert würden ?). Bei dieser heidnisch-christlichen Feier ging es nicht ab ohne bacchantische Tänze, die durch ähnliche Ursachen bei allen rohen Völkern der Erde ver- anlafst worden sind, und ohne wilde Ausschweifungen der gereizten Finbildungskraf. Nun waren es aber nicht blofs die Deutschen, die das Fest Johannes des Täufers mit Ausbrüchen fanatischer Raserei begingen, auch von den südeuropäischen und asiatischen Völkern läfst sich ähnliches nachweisen ?), und es ist mehr als wahrschein- 1) Schon der heil. Augustinus warnte vor Ausschweifungen und unzüchtigen Liedern am St. Johannisfeste: ,‚Nec permittamus so- lemnitatem sanctam cantica Juxuriosa proferendo polluere.“ S. Au- gusti, Denkwürdigkeiten aus der christlichen Archäologie, Bd. 3. S. 166. Leipzig 1820. 8. | 2) Wirthwein, Series chronologie. Epistolarum S. Bonifa- cii ab ann. 716— 755. LVII. Concil Liptinens. p. 131.. XV. De igne fricato de ligno, id est Nodiyr. — Vergl. Joh. Reiskii, Untersu- chung des bei den alten Teutschen gebräuchlichen heidnischen Nord- fyrs, imgleichen des Oster- und Johannis-Feuers. Frankfurt 1696. 8. 3) Der Bischoff Theodoretus von Cyrus in Syrien erichtet, dafs in einigen Städten am Johannisfeste alljährlich grolse Feuer an- gezündet worden, und Männer, Weiber und Kinder hindurchgesprun- gen wären; kleine Kinder hätten ihre Mütter hindurchgetragen. Er hält diese Sitte für einen uralten asiatischen Reinigungsgebrauch, der- gleichen im 2. B. der Könige K. 16. V, 3. von Ahas erwähnt werde. (Quaestiones in IV. Libr. Regum. Interrogat. 47. p. 352. Beati Theodoreti Episcop. Cyri Opera omnia. Ed. Jac. Sirmondi. Lut. Paris. 1642. fol. T. 1.) Zonaras, Balsamon und Photıus sprechen von Johannis-Feuern in Constantinopel, und der erste hält 12 ‘lich, dafs die Griechen einen Theil ihrer Bacchusmyste- rien auf den Tag des auch von den Muhamedanern hoch- gefeierten Tugendpredigers übertragen haben, — eine Verkehrtheit, die sich in menschlichen Angelegenheiten nur allzu oft wiederholt. In wiefern hierbei das Anden- ken an die Todesgeschichte des heiligen Johannes von Einflufs sein konnte, wollen wir gelehrten Theologen zu entscheiden überlassen. Hier bleibt es nur noch von Wichtigkeit anzuführen, dafs noch bis auf diesen Tag in Abyssinien, einem von Europa durchaus abgeschiedenen Lande, wo.das Christenthum in uranfänglicher Einfach- heit sich gegen den Islam bewahrt hat, Johannes als Schutzheiliger der von krankhafter Tanzsucht Befallenen gefeiert wird '). Historischer Zusammenhang läfst sich in diese Bruchstücke aus dem Reiche der Mystik und des Aberglaubens nicht bringen, wenn wir aber bemer- ken, dafs die ersten Tänzer in Aachen mit dem Namen des heiligen Johannes im Munde im Juli erschienen, so liegt die Vermuthung nahe, dafs die wilde Feier des Jo- hannistages i. J. 1374 die Veranlassung zu der geistigen Seuche gegeben habe, die von jetzt an so viele Tausende mit heilloser Verkehrtheit und widrigen Verzerrungen des Körpers heimsuchte. | Dies wird um so wahrscheinlicher, da einige Mo- nate vorher die Rhein- und Maingegenden grofse Un- glücksfälle erlitten hatten. Schon im Februar waren diese beiden Flüsse hoch aus ihren Ufern getreten, die Mauern der Stadt Köln an der Rheinseite stürzten zusammen und sie für Ueberbleibsel alt-griechischer Gebräuche. S. Reiske a.a. O. S. 81. — Wie so verschiedene Völker dazu gekommen sind, die Feuerreinigung auf den Johannistag zu übertragen, ist eine auffallende, und vielleicht nur durch die Analogie mit der Taufe zu erklärende Erscheinung. ö 1) The Life and adventures of Nathaniel Pearce, witten by himself, during a residence in Abyssinia, from the years 1810-10 1819. Edit. by J. J. Halls. I Voll. 8. London 1831. Chapt. IX. p. 290. 13 sehr viele Ortschaften geriethen in das äufserste Elend ?), Hierzu kam der trostlose Zustand des westlichen und südlichen Deutschlands: kein Gesetz, kein Machtspruch konnte den unablässigen Fehden der Burgherrn steuern, und namentlich schienen in Franken die uralten Zeiten des Faustrechts wiedergekehrt zu sein. Sicherheit des Eigenthums war nirgends, freche Willkühr herrschte über- all, verderbte Sinnesart und rohe Kraft fanden nur. hier und da schwachen Widerstand, woher es denn kam, dafs auch die grausamen aber einträglichen Judenverfolgungen noch dies ganze Jahrhundert hindurch an vielen Orten mit hergebrachter Wildheit wiederholt wurden. An Elen- den und Niedergebeugten fehlte es also nirgends im west- lichen Deutschland, am wenigsten in den Rheingegenden, und erwägt man noch aufserdem, dafs unter den Schaa- ren derselben noch viele umherirrten, deren Gewissen von dem Bewulstsein begangener Gräuel während der schwarzen Pest gefoltert wurde, so wird .es begreiflich, wie ihre Verzweiflung sich im Rausche einer hergebrach- ten Raserei Luft zu machen suchte ?). Es ist hieraus 1) Joann. Trithem. Annal. Hirsaugiens. Oper. Tom. II. Hir- saug. 1690. fol. p. 263. A. 1374. — Vergl. die angef. Chronik von Köln, fol. 276. b., worin berichtet wird, dals man mit Schiffen und Flölsen über die Stadtmauern weggefahren sei. 2) Wie es im Mittelalter (um 1280) bei den Johannis-Feuern hergegangen, erfahren wir durch eine Mittheilung des Bischoffs Guil. Durantes von Aquitanien (Rationale divinorum officiorum. L. VII. c. 26. Bei Reiske a. a. O. S. 77.). Knochen, Hörner und aller- hand Unreines wurde herbeigebracht, um es in Dampf aufgehen zu lassen, während Jung und Alt um die Flamme wie besessen herum- tanzte, in ähnlicher Weise wie bei den Palilien, einer altrömischen Feuerlustralion, wobei die daran Theilnehmenden durch ein Stroh- feuer sprangen (Ovid. Met. XIV. 774. Fast. IV. 721.). Andere er- griffen brennende Fackeln und umgingen damit die Felder, in der Meinung sie dadurch vor Schaden zu bewahren, und einige dreheten ein Wagenrad, um die abwärts gehende Bewegung der Sonne vor- zustellen. 14 mit gutem Grunde anzunehmen, dafs die wilde Feier des Johannistages i. J. 1374 ein längst vorbereitetes Uebel nur erst zum Ausbruch gebracht hat, und wollte man weiter forschen, wie ein bis dahin unschädlicher Gebrauch, der wie viele andere nur den Aberglauben unterhalten hatte, in eine so groflse Krankheit ausarten konnte, so liegt es nahe, die ungewöhnliche Spannung der Gemü- ther, und die Folgen von Noth und Mangel in Anschlag zu bringen. Gerade der Unterleib, der bei vielen durch Hunger und schlechte Nahrung geschwächt war, wurde bei den meisten von angstvollem Leiden befallen, und die Trommelsucht deutet dem umsichtigen Arzte auf eine wohl zu beachtende Wurzel des Uebels. 4. AELTERE TANZPLAGEN. Im Uebrigen war die Tanzsucht vom Jahr 1374 keine ganz neue, sondern eine im Mittelalter wohlbekannte Er- scheinung, von der viele Wundergeschichten sich unter dem Volke von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten. Im Jahr 1237 sollen in Erfurt über hundert Kinder von dieser Krankheit plötzlich befallen worden sein, und den Weg nach Arnstadt tanzend und springend zurückgelegt haben. Hier angelangt fielen sie erschöpft zu Boden, und nach dem Bericht einer alten Chronik starben von ihnen viele, nachdem sie von ihren Aeltern zurückgeholt waren,‘und die übrigen blieben bis zu ihrem Tode mit einem anhaltenden Zittern behaftet '). Einen andern Vorfall erzählte man sich von zweihundert Tänzern auf der Moselbrücke in Utrecht i. J. 1278 (den 17. Juni), die nicht eher aufhören wollten zu tanzen, als bis ein Priester den Leib Christi zu einem Kranken vorbeitrüge, und zur Strafe ihres Frevels, als .die Brücke brach, alle 1) J. Chr. Beckmann, Historia des Fürstenthums Anhalt. Zerbst 1710. fol. Th. III. Buch 4. Kap. 4. $. 3. S. 467. 15 ertranken ?), auch war Aehnliches schon i. J. 1021 bei der Klosterkirche von Kolbig unweit Bernburg vorgefal- len. Nach einer oft wiederholten Sage sollten hier in der Christnacht achtzehn Landleute, deren Namen zum Theil noch aufbewahrt sind, durch Tanzen und Lärmen auf dem Kirchhofe den Gottesdienst gestört, und der Prie- ster Ruprecht sie mit dem Fluche beladen haben, ein ganzes Jahr lang unablässig zu tanzen und zu schreien. Diese Verwünschung sei denn auch vollständig in Erfül- lung gegangen, so dafs die Unglücklichen endlich bis an die Kniee in die Erde gesunken, und ohne in der gan- zen Zeit Nahrung genossen zu haben, durch die Fürbitte zweier frommen Bischöfe befreit worden wären. Sie sol- len darauf in einen dreitägigen tiefen Schlaf verfallen und vier von ihnen gestorben sein, die übrigen aber zeit- lebens ein Zittern der Glieder zurückbehalten haben ?). Was an dieser wundersam entstellten Geschichte wahr und was Zusatz frömmelnder Priester gewesen sei, ist nicht der Mühe werth zu ermitteln, genug sie wurde im ganzen Mittelalter geglaubt und mit Erstaunen und Grauen wiedererzählt, trat also irgend eine Veranlassung ein zu wahnsinnigem Toben und wilder Tanzsucht, so verfehlte sie nicht ihre Wirkung auf Menschen, deren Gedanken dem Reiche der Wunder und der Gespensterwelt ange- hörten. Aus dieser, dem Mittelalter so ganz eigenthümlichen Stimmung der Gemüther, welche zum Heile der Mensch- heit seitdem der besseren Gesittung und dem Volksun- terricht gewichen ist, erklärt sich die Entstehung und die lange Fortdauer dieser aufserordentlichen Geisteskrank- 1) Martini Minoritae Flores temporum, in Jo. Georg. Ec- ‚ card, Corpus historiae medii aevi. Lips. 1723. fol. Tom. I. p. 1632. 2) Beckmann a. a. ©. 8. 1. £. S. 465., wo viele andere An- führangen dieses bekannten Vorfalls mitgetheilt sind. Der genannte Priester ist derselbe, der noch jetzt als Knecht Ruprecht im An- denken der Kinder fortlebt. 16 heit. Mit Scheu und Widerwillen bebte der gesunde ' Sinn des Volkes vor der schweren Plage zurück, welche die muthwillig aufbrausende Rohheit in einem längst ver- schollenen Sprüchworte argen Feinden und Widersachern anwünschte '), auch gab sich der Unwille und die Auf- lehnung gegen die Sittenlosigkeit des Zeitalters dadurch zu erkennen, dafs man die unkräftige Taufe von unzüch- tigen Priestern für die Ursache eines so furchtbaren Lei- dens hielt, als hätten unschuldige Kinder noch in späten Jahren die Entweihung der Sacramente durch üppige Pfaffen abbüfsen müssen ?). In wie grofse Gefahr die Priester in den Niederlanden durch diesen Glauben ge- riethen, haben wir bereits erwähnt. Nun suchten sie zwar ihre Versöhnung mit dem aufgebrachten und damals sehr entarteten Volke ®) durch Beschwörungen zu beschleu- nigen, die ihnen noch gröfseres Ansehn verschafften, als vorher, weil sie Tausende von Behafteten sichtbar da- durch herstellten, aber im Allgemeinen blieb das Mifs- trauen, und die heiligen Formeln waren eben so wenig im Stande, den Fortgang des tief gewurzelten Uebels zu hemmen, als späterhin die Gebete und gottesdienstlichen Gebräuche an den Altären des hochverehrten Märtyrers. Es ist daher nur dem Zufall und einem gewissen Wider- willen gegen die dämonische ‚Krankheit zuzuschreiben, wel- 1) „Das dich Sanet Veitstantz ankomme.“ Joh. Agricola, Sybenhundert und fünfftzig Teutscher Sprichwörter. Hagenau 1537. 8. Nr. 497. S. 268. 2) Spangenberg (Adels-Spiegel a.a. O.) äufsert sich hierüber in seiner kräftigen Sprache: „Das ward darnach von etlichen also ge- deutet, als sollten diese Leute nicht recht getauflt, oder doch ihre Tauffe nicht kreffüg sein, weil sie die von solchen Pfaffen empfan- gen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher Un- ehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein auflste- hen gemacht, und alle Pfaffen zu todt Bes hette.‘“ — "Vergl. Anhang Nr. I 3) Bzovii Annal. ecclesiastie. a. a. ©. p. 1468. 17 welche aufser dem Bereiche menschlicher Einsicht zu lie- gen schien, wenn sich aus der zweiten Hälfte des funf- zehnten Jahrhunderts nur wenige und unbedeutende Nach- richten vom Veitstanze erhalten haben. Von ihrer Hef- tigkeit hatte die geistige Seuche durchaus nicht nachge- slassen, dem widersprechen die stark aufgetragenen Be- schreibungen aus dem sechzehnten Jahrhundert, und es berechtigt keine irgend zu ermittelnde Thatsache zu der Annahme, dafs eine von den wesentlichen Erscheinungen der Krankheit, selbst nicht einmal die Trommelsucht der Befallenen zurückgetreten, und das Leiden dadurch ein- facher geworden wäre. Die Aerzte haben sich, so scheint es, im ganzen funfzehnten Jahrhundert durchaus nicht auf die Behandlung der Tanzsüchtigen eingelassen, die nach den herrschenden Begriffen allein den Dienern der Kir- che zukam. Gegen Teufelskrankheiten hatten sie keine Heilmittel, und sprachen sich gleich anfangs einige von ihnen dahin aus, der Tanzplage lägen natürliche Ursa- chen zum Grunde, wie hitziges Temperament und andere mit den Namen der Schule benannte Dinge !), so ka- men diese Ansichten um so weniger in Betracht, als es nicht der Mühe werth schien, die Sorge für Schaaren besessener Landstreicher und Bettler mit eifersüchtigen Priestern zu theilen. 5. DIE AERZTE. | Nur erst zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts unterwarf man den Sanct Veitstanz ärztlicher Unter- suchung, und benahm ihm seinen unheimlichen dämoni- schen Schein. Dies geschah von Paracelsus, dem mächtigen, kaum jetzt erst verstandenen Reformator der Heilkunde, der die Krankheit dem Reiche der Wunder und der Heiligen entziehen, und ihre Ursachen aus seiner Kenntnifs des menschlichen Körpers entwickeln wollte. 1) S. Anhang, Nr. II. IV. 18 „So wollen wir doch nicht zulegen, dafs die Heiligen Krankheiten mögen geben und denselbigen sollen auch nach genennet werden, — als denn viele sind, die grofse Theologey darauff setzen, und sie mehr Gott zulegen, denn der Natur, das ein unnützes Gesprech ist. Uns mifsfelt das geschwetz, hinder welchem kein Wahrzei- chen seind, sondern allein Glauben, das ein unmensch- lichs Ding ist, und die Götter auch nichts darauff halten.“ Das waren die WVorte, die er seinen, für Belehrung die- ser Art noch unempfänglichen Zeitgenossen zurief, als noch überall der Glaube an Bezauberung unerschüttert war, und die Geisterwelt die Gemüther noch in so fe- sten Banden hielt, dafs Tausende nach ihrer eigenen Ueberzeugung dem Teufel zur Beute, und auf das Ge- heifs der Religion wie der (Gesetze unzählige Scheiter- haufen angezündet wurden, durch deren Glut die mensch- liche Gesellschaft gereinigt werden sollte. Paracelsus unterschied drei Arten von Veitstanz: die erste aus Einbildung (Vitista, Chorea imaginativa, aestimativa), womit die ursprüngliche Tanzplage gemeint ist, die zweite aus sinnlicher Begierde „mit Ver- hengung des Willens“ (Chorea lasciva), und die dritte aus körperlichen Ursachen (Chorea naturalis, coacta), welche er sich nach einer abenteuerlichen An- sicht so vorstellte, dafs in gewissen Adern, die für einen innern Kitzel empfänglich wären, und dadurch Lachen hervorbrächten, das Blut durch veränderte Lebensgeister in Aufwallung gebracht würde, wodurch unwillkührliche An- fälle berauschender Freude und Tanzsucht entständen !). Zu dieser Annahme führte ihn ohne Zweifel die zu sei- ner Zeit nicht seltene Beobachtung eines milderen Veits- J) Theophrasti Bombast von Hohenheym, 7. Buch in der Artzney. Von den Krankheiten, die der Vernunft berauben. Tract. I. Cap. 3. p. 491. Tract. II. Cap. 3. p. 501. Opera, Strafsburg 1616. fol. T. 1. 19 tanzes mit unwillkührlichem Lachen, der dem Lachkram- pfe der Neueren zur Seite gestellt werden könnte, wenn dieser mit angenehmer Empfindung und mit ausgelasse- ner Tanzsucht verbunden wäre. Bei diesen Kranken fehlte das Heulen, Schreien und Springen der stärker Behafteten, auch empfanden sie keinen übermäfsigen Drang zum Tanzen, und thaten während der Anfälle willig, was ihnen geheifsen wurde, wiewohl sie ihres Verstandes nicht ganz mächtig waren, ja es fanden sich sogar einige unter ihnen, die nicht einmal tanzten, sondern der innern Un- ruhe, die den Anfällen von dieser Art Nervenübeln vor- auszugehen pflegt, willenlos durch Lachen und rasches Gehen bis zur Ermüdung genügen mulfsten !). Offen- bar steht diese, dem ursprünglichen Uebel schon sehr entfremdete Krankheit dem sogenannten Veitstanze der neueren Zeit ganz nahe, oder fällt vielmehr, bis auf das weniger wesentliche Lachen mit ihm zusammen, eine Mil- derung der Tanzplage war also zu Anfang des sechzehn- ten Jahrhunderts offenbar eingetreten. Ueber die Mittheilung des Veitstanzes durch Sym- pathie äufserte sich Paracelsus in seiner eigenthümnli- chen Sprache überaus geistreich und nicht ohne tiefe Ein- sicht in das Wesen der sinnlichen Eindrücke, welche zum Herzen gehen, dem Sitz der Freude und der Auf- regungen, die den Widerstand der Vernunft überwältigen, und während „alle anderen Qualitäten und Natur“ unter- liegen, den Ergriffenen durch seine anfängliche Verwilli- gung und alles beherrschende Einbildung zum Nachah- men des Gesehenen unaufhaltsam antreiben. Von seiner Behandlung des Veitstanzes kann nichts besseres gesagt werden, als dafs sie dem Zeitalter angemessen war. Ge- gen die erste Art, die oft aus zornwüthiger Aufregung ihren Ursprung nahm, hatte er ein geistiges Mittel, des- 1) Chorea procursiva der Neueren. Bernt, Monographia Cho- reae Sti Viti. Prag 1810. p. 25. | 2% 20 sen Wirksamkeit . bei Erwägung der damaligen Sinnes- art nicht in Abrede zu stellen ist. Der Kranke sollte sein Bildnifs anfertigen, von Wachs oder Harz, und in Gedanken alle seine Schwüre und Versündigungen in dasselbe versenken, „all sein Gemüth und Gedanken die- ser Schwür ohn eynfallung anderer Person allein voll- kommen in das Bild setzen,“ und wenn ihm dies gelun- gen, das Bild verbrennen, so dafs nichts davon übrig bliebe *). Von dem heiligen Veit oder irgend einem andern Nothhelfer war hierbei nicht mehr die Rede, wo- bei in Betracht kommt, dafs jetzt die Zeit der offenen Auflehnung gegen die römische Kirche begonnen hatte, und die Verehrung der Heiligen von vielen als Abgötte- rei und Götzendienst verworfen wurde ?). — Gegen die zweite Art des Veitstanzes; aus sinnlichem Reiz, von wel- cher ungleich mehr Frauen als Männer ergriffen wurden, empfahl Paracelsus harte Behandlung und strenges Fa- sten. Er liefs die Kranken ihrer Freiheit berauben, und einsam an einem unbequemen Orte so lange sitzen, bis die Betrübnils sie zur Besinnung und Reue gebracht hatte; dann erlaubte er ihnen allmählig wieder zu ihrer gewohnten Weise zurückzukehren. Derbe körperliche Züchtigung war nicht ausgeschlossen, doch sollte mit Vor- sicht die zornige Empörung dagegen vermieden werden, weil diese tödten oder die Krankheit verschlimmern 1) Dies Verfahren war nicht seine Erfindung, sondern nur einer gewöhnlichen Art von Bezauberung (durch Wachsbilder, per icuncu- las) nachgeahmt. Die Hexen dachten sich den zu Bezaubernden in einem Wachsbilde, und um ihm Leides zuzufügen durchstachen sie dasselbe mit Nadeln, oder liefsen es am Feuer schmelzen. Die He- xenbücher des Mittelalters sind voll davon; die Leser, welche sich hierüber unterrichten wollen, brauchen jedoch nicht so weit zurück- zugehen. Noch vor 80 Jahren hat der gelehrte und weltberühmte Stahlianer Storch eine Abhandlung über Zauberei geschrieben, die des vierzehnten Jahrhunderts würdig gewesen wäre. Abhandlung von Kinderkrankheiten. Bd. IV. S. 228. Eisenach 1751. 8. 2) S. Agricola a. a. O. S. 269. Nr. 498. 21 könnte, und wo es geeignet schien, da dämpfte Para- celsus den Kitzel der Nerven durch Hineinwerfen in ‚kaltes Wasser. — Auf die Behandlung der dritten Art kommt es hier nicht weiter an. Sie sollte mit allerhand wunderlichen Mitteln der fünften Essenz bewerkstelligt werden, und würde, um hier im rechten Lichte erschei- nen zu können, eine weitere Entwickelung a cher Grundsätze nothwendig machen. 6. ABNAHME UND ENDE DER TANZPLAGE. Um diese Zeit war der Veitstanz schon im Abneh- men, so dafs mildere Formen häufiger, die heftigeren sel- tener vorkamen, und auch von diesen bedeutende Zu- fälle alimählig zurücktraten. Der Trommelsucht in den Anfällen wird von Paracelsus nicht mehr Erwähnung gethan, wiewohl sie noch hin und wieder vorgekommen sein mag. Schenck von Graffenberg aber, ein hoch- berühmter Arzt aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts !), spricht schon so von dieser Krankheit, dafs sie nur noch zu den Zeiten seiner Vorfahren häufig gewesen sei, doch gelten seine Beschreibungen noch von eben diesem Jahrhundert, und von dem Ausgange des funfzehnten ?),. Es wurden vom Veitstanze Menschen jeden Standes und jeder Beschäftigung befallen, beson- ders solche, die eine sitzende Lebenart führten, wie Schu- ster und Schneider; aber auch rüstige Landleute verlie- {sen, wie vom bösen Geiste ergriffen, ihre Feldarbeit, und so sah man die Befallenen bunt durch einander von Zeit zu Zeit an bestimmten Orten zusammenkommen, um ohne Rast bis zum letzten Hauche zu tanzen, wenn sie nicht von den Umstehenden daran verhindert wurden. — 1) Johann Schenck von Graffenberg, geb. 1530, promo- virt 1554, in Tübingen. Die größste Zeit seines Lebens brachte er als Stadt-Physicus zu Freiburg i. B. zu, und starb 1598. 2) Jo. Schenkii a Graffenberg Observationum medicarum rariorum Libri VII. Lugdun. 1643. fol. L. I. Obs. VIII. p. 136. 22 Ihre Wuth und Ausgelassenheit beraubte sie so aller Sinne, dafs sich viele unter ihnen an Ecken und Wänden die Köpfe zerschmetterten, oder sich blindlings in reifsende Ströme stürzten, wo sie ihren Tod fanden. Brüllend und schäumend konnten sie von den Umstehenden nicht anders gebändigt werden, als dafs man sie mit Bänken und Stühlen umstellte, damit sie durch hohe Sprünge ihre Kräfte desto früher aufrieben, worauf sie denn wie ent- seelt zu Boden fielen und sich nur nach und nach wie- der erholten. Doch hatten viele auch damit noch nicht den innern Sturm ausgerast, sondern sie erwachten mit neu belebten Kräften, und mischten sich wieder und wie- der unter ‚die Schaaren der Tanzenden, bis endlich die Krankheit ihres Geistes durch die äufserste Erschöpfung ihres Körpers beschwichtigt wurde, nachdem der mächtige Reiz der leidenden Nerven durch die höchste unwillkühr- liche Anstrengung der Glieder verarbeitet worden war. Die Anfälle selbst waren also auch hier, was sie ihrem Wesen nach in allen Nervenkrankheiten sind, nothwen- dige Krisen eines innern krankhaften Zustandes, der sich von dem Sitze des gestörten Geistes auf die Nerven der Bewegung, und in der frühern Zeit auf die Geflechte des Unterleibes warf, wo sich ein tief eingreifendes Leiden durch Luftabsonderung in den Därmen zu erkennen gab. Bei vielen war die Heilung durch stürmische Anfälle so gründlich und entschieden, dafs sie in die Werkstatt und an den Pflug zurückkehrten, als wäre mit ihnen nichts vorgefallen. Andere dagegen büfsten die Krankheit und ihren Frevel mit einer so gänzlichen Vernichtung der Kräfte, dafs sie durch keine Stärkung ihre vorige Ge- sundheit wiedererlangen konnten. Staunen erregte es un- ter den Aerzten, dafs hochschwangere Frauen von der Krankheit befallen werden konnten, ohne den geringsten Schaden ihrer Leibesfrucht, die sie nur durch Einbinden des Unterleibes sicherten. Fälle dieser Art kamen noch zu Schenck’s Zeiten nicht selten vor. Dafs die Kran- 23 ken von der Musik heftig ergriffen, und ihre Anfälle da- durch erregt und verstärkt wurden, liegt in dem Wesen dieser und ähnlicher Nervenkrankheiten, in denen Ein- drücke durch das Gehör, den geistigsten aller Sinne, hö- her als alle übrigen anzuschlagen sind. Die Obrigkeiten der Städte mietheten deshalb Musiker, um die Anfälle der Veitstänzer desto rascher vorüberzuführen, und lie- {sen kräftige Männer sich unter ihre Haufen mischen, um ihre Erschöpfung recht vollständig zu machen, wovon man so oft gute Erfolge gesehen hatte !); auch verboten sie rothe Kleidung zu tragen, weil die Kranken durch den Anblick dieser Farbe so in Wuth geriethen, dafs sie auf Leute mit rother Kleidung losstürzten, um ihnen Leides anzuthun, wovon sie nur mit Mühe abgehalten werden konnten. Ihre eigenen Kleider zerrissen sie häufig in den Anfällen, auch verübten sie andern Unfug, woher die Wohlhabenden unter ihnen sich von zuverlässigen Aufsehern begleiten liefsen, damit sie sich weder selbst noch anderen Schaden zufügten. Doch war diese wun- derbare Krankheit zu Schenck’s Zeiten schon so weit zurückgewichen, dafs die Wanderungen der Veitstänzer von Stadt zu Stadt längst nicht mehr vorkamen, und die- ser Arzt der Trommelsucht eben so wenig erwähnt, als Paracelsus Auch wurden die meisten Kranken von 1) So erzählt Felix Plater (geb. 1536, F 1614), er erinnere sich noch aus seiner Jugend, dafs die Obrigkeit in Basel einige starke _ Männer beauftragt habe, mit.einem tanzsüchtigen Mädchen zu tanzen, bis sie von ihrer Krankheit genesen sei. Einer löste den andern ab, und so währte diese sonderbare Kur beinahe volle vier Wochen, bis die Kranke ermattet zusammenfiel, und unvermögend zu stehen in ein Hospital gebracht wurde, wo sie genas. Sie war beständig in ihren Kleidern geblieben, und ohne den Schmerz ihrer wundgetanzten Fülse zu achten, hatte sie sich nur von Zeit zu Zeit niedergesetzt, um Nah- rung zu genielsen oder zu schlummern, wobei die hüpfende Bewe- gung des Körpers fortdauerte. Felic. Plateri Praxeos medicae opus. T: L. ec. 3. p. 88. Tom. L Basil. 1656. 4. — Eiusd. Observationn. Basil. 1641. 8. p. 92. 24 den Anfällen nur noch alljährlich heimgesucht, und die Veranlassung dazu lag so ‚entschieden in der damaligen Sinnesart, dafs wenn man ihnen den unbedingten Glau- ben an die magische Gewalt der Heiligen hätte beneh- men können, das ganze Uebel gar nicht mehr in ihnen zu Stande gekommen wäre. Den ganzen Juni hindurch, vor dem Fest des heiligen Johannes, empfanden sie eine unüberwindliche Unruhe und Unbehaglichkeit; sie waren traurig, furchtsam und angstvoll, irrten unstät, von ziehenden Schmerzen getrieben, umher, die plötzlich da oder dort entstanden, und erwarteten sehnlich den Vor- abend des Johannistages, in der zuverlässigen Hoffnung, dafs der Tanz an den Altären dieses Heiligen, oder des heiligen Veit, denn im Breisgau erwartete man von bei- den Hülfe, sie von ihrer Qual befreien würde. Dies ging denn auch in Erfüllung, so dafs sie fortan das ganze Jahr hindurch unangefochten blieben, nachdem sie durch drei- stündiges Tanzen und Toben einer unabweislichen For- derung der Natur genügt hatten. Es wurden um diese Zeit zwei Kapellen im Breisgau von den Veitstänzern besucht, die St. Veits-Kapelle in Biessen bei Breisach und die St. Johannis-Kapelle bei Wasenweiler, und es ist wahrscheinlich, dafs im südwestlichen Deutschland die Krankheit noch bis in das siebzehnte Jahrhundert fortgedauert hat. Doch wurde sie von Jahr zu Jahr seltener, so dafs sie zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts nur hier und da noch in veralteten Formen beobachtet wurde. So hatte G. Horst im Frühjahr 1623 einige Frauen gese- hen, die alljährlich nach der St. Veits-Kapelle in Dre- felhausen bei Weissenstein im Ulmer Gebiete wall- fahrteten, um dort ihre Tanzanfälle eben so abzuwarten, wie nach Schenck’s Bericht die Kranken im Breisgau. Doch genügte ihnen nicht ein dreistündiges Tanzen, son- dern mit gestörtem Geiste, wie Ecstatische, tanzten sie Tag und Nacht, bis sie erschöpft zu Boden stürzten, und 25 ' wieder zu sich gekommen, sich von der peinigenden Un- ruhe und der schmerzhaften Schwere im Körper befreit fühlten, die sie einige Wochen lang vor dem St. Veits- tage ') gequält hatte. Nach diesem Sturm befanden sie sich das ganze Jahr über wohl, und ihr Glaube an die Schutzkraft des Heiligen war so grofs, dafs eine von ih- nen mehr als zwanzigmal sich eingestellt, und eine an- dere schon den zweiunddreifsigsten St. Veitstag an ge- - weiheter Stätte gefeiert hatte. Der eigentliche Tanzanfall wurde hier, wie wahrscheinlich auch anderer Orten, durch Musik angeregt, von welcher sich die Kranken in einen Zustand von Verzückung versetzt fühlten *). Dafs die Musik überhaupt zur Erhaltung des Veitstanzes viel bei- getragen, die Anfälle angeregt, verschlimmert, oder auch wohl gemildert habe, beweisen viele übereinstimmende ' Nachrichten. Schon im vierzehnten Jahrhundert wurden ja die Schwärme der Johannistänzer von Spielleuten mit lärmenden Instrumenten begleitet, die in ihnen den krank- haften Rausch anfachten, und es ist glaublich, dafs durch allzubelebte Melodieen und die schneidenden Töne der Pfeifen und Trompeten bei vielen Kranken eine vielleicht geringe Ecstase zur äufsersten Wuth gesteigert worden sei, wie man dies in der spätern Zeit recht eigentlich beabsichtigte, um die Stärke des Uebels durch die Hef- tigkeit seiner Anfälle zu brechen, — nicht zu gedenken, dafs durch rauschendes Spiel, durch welches dem rohen Haufen ein dämonisches Fest bereitet wurde, die unsee- lige Krankheit weiter und weiter verbreitet werden mulste. Doch bediente man sich auch der sanften Musik, um die Aufregung der Kranken zu beschwichtigen, und es wird als Charakter der den Veitstänzern in dieser Absicht auf- 1) D. 15. Juni. Hier warteten sie also nicht bis zum St. Jo- hannisfeste. 2) Gregor. Horstii Observationum medieinalium singularium Libri. IV. priores. His accessit Epistolarum et Consultationum medi- car. L. I. Ulm. 1628. 4. Epistol. p. 374. 26 gespielten Weisen angegeben, dafs sie von dem schnel- lern zu dem langsamern Takte und von den hohen Tö- nen allmählig zu den tieferen übergegangen wären !). Es ist zu bedauern, dafs nach den Zerstörungen im siebzehn- ten Jahrhundert, und weil diese Angelegenheit so ganz Volkssache war, die von den fremdredenden Gelehrten nur im Vorübergehen gewürdigt wurde, von jener Musik keine Spur auf unsere Zeit gekommen ist. ‘War aber schon zu Anfang dieses Jahrhunderts der Veitstanz im Verschwinden, so wurden die nun folgenden Begeben- heiten seiner Fortdauer durchaus ungünstig. Dreifsigjäh- rige, mit Erbitterung und wechselndem Glück geführte Kämpfe erschütterten das westliche Europa, und wenn auch die unsäglichen Leiden, die sie über Deutschland brachten, während ihrer Dauer, wie in ihren nächsten Folgen dem Reich des Lichtes durchaus nicht förderlich waren, so führten sie doch, wie ein Reinigungsfeuer, die geistige Wiedergeburt der Deutschen allmählig herbei, der Aberglaube kehrte in seiner alten Gestalt nie wie- der,. und das Geisterreich des Mittelalters verlor für im- mer seine einst furchtbare Macht. 1. Tanzwuth in Italien. Tarantismus. Die Wahl eines beliebten Schutzheiligen gereichte den Veitstänzern zum grofisen Vortheil. Denn abgese- hen davon, dafs man geneigt war, sie den biblischen Be- sessenen. gleichzusetzen, sie also für unschuldige Opfer der Macht des Teufels zu halten, wurden sie durch den Namen des grofsen Nothhelfers dem allgemeinen Mitleid empfohlen, und jeder rohen Gesinnung, die ihnen hätte \ ee — — 1) Jo. Bodin. Method. historic. Amstelod. 1650. 12. C. V. pag. 99. — Idem, de Republica. Francofurt. 1591. 8 L.V. ec. 1. " pag. 789, Pr 27 gefährlich werden können, waren somit magische Schran- ken gesetzt. Nicht so glücklich waren andere Wahnsin- nige, die man oft mit schonungloser Grausamkeit behan- delte, wenn irgend die Begriffe des Mittelalters diese ent- schuldigten, oder als eine Pflicht der Religion geboten. Denn nicht zu erwähnen die zahllosen Scheiterhaufen der Hexen, die ja doch auch nur Irre waren, so liefsen die deutschen Heermeister in Preufsen die Irren nicht selten verbrennen, die sich Wehrwölfe zu. sein einbil- deten ) — ein wunderbarer Wahnsinn, der in Grie- chenland vor unsrer Zeitrechnung entstanden, je länger je mehr sich über Europa verbreitete, so dafs er sich aulser den romanischen, auch den deutschen und sarma- tischen Völkern als ein trauriges Erbtheil des Alterthums mittheilte. In der neueren Zeit ist die Lycanthropie — so hiefs dieser Wahnsinn — von der Erde verschwun- den, doch bleibt sie für den Beobachter menschlicher Verirrungen überaus denkwürdig, und erwartet noch einen des Mittelalters wie des Alterthums kundigen Geschicht- schreiber. Für jetzt lassen wir sie unbeachtet, und wen- den uns zu einem in seiner ganzen Erscheinung höchst sonderbaren Uebel, das zu dem Veitstanze in sehr naher Beziehung steht, und durch Vergleichung ganz ähnlicher Thatsachen eine anschauliche Belehrung gewährt. Es ist der Tarantismus, der zuerst in Apulien, von wo er ausging, dann aber auch in den übrigen Länderstrichen Italiens als eine grofse Volkskrankheit einige Jahrhun- derte lang geherrscht hat, gegenwärtig aber wie der Veits- tanz, die Lycanthropie und der Hexenwahn, wenigstens in seiner ursprünglichen Bedeutung verschwunden ist. l. AELTESTE SPUREN. URSACHEN. Die erste Nachricht von dieser seltsamen Krankheit 1) Vgl. Olaus Magnus, de gentibus septentrionalibus. L. XVI. c. 45—47. p. 642. seg. Rom. 1555. fol. 28 giebt der gelehrte Nicolaus Perotti!). Niemand zwei- felte daran, dafs sie durch den Bifs der Tarantel ?), einer in Apulien häufigen Erdspinne, verursacht würde, und die Furcht vor diesem Thiere wurde so allgemein, dafs sein Bifs wahrscheinlich weit öfter vermuthet, oder der Stich eines andern Insects dafür gehalten wurde, als er wirklich statt gefunden hatte. Der Name Taran- tula ist wahrscheinlich derselbe wie Terrantola; so hiefs in Italien der Stellio der alten Römer, eine für giftig gehaltene Eidechse °), mit der die Leichtgläubigkeit ein so wunderliches Spiel trieb, dafs sie in den Vorstel- Jungen des Volkes, fast wie die Schlange in der Mosai- schen Schöpfung, den Begriff von Arglist bezeichnete, wie denn selbst die Rechtsgelehrten einen arglistigen Be- trug „Stellionatus“ nannten *). Perotti versichert ausdrücklich, dieses Thier werde von den Römern Ta- rantula genannt, und da er selbst — einer der gröfsten Schriftgelehrten seines Jahrhunderts — ' Spinnen und Ei- 1) Geb. 1430, T 1480. — Cornucopiae latinae linguae. Basil. 1536. fol. Comment. in primum Martialis Epigramma, p. 51. 52. „Est et alius stellio ex araneorum genere, qui simili modo ascalabo- tes a Graecis dieitur, et colotes, et galeotes, lentiginosus in cavernu- lis dehiscentibus, per aestum terrae habitans.. Hie maiorum nostro- rum temporibus in Italia visus non fuit, nunc frequens in Apulia vi- situr. Aliquando etiam in Tarquinensi et Corniculano agro, et vulgo similiter tarantula vocatur. Morsus eius perraro interemit homi- nem, semistupidum tamen facit, et varie aflieit, tarantulam vulgo appellant. Quidam cantu audito, aut sono, ita excitantur, ut pleni laetitia et semper ridentes saltent, nee nisi de- fatigati et semineces desistant. Alii semper flentes, quasi de- siderio suorum miserabilem vitam agant. Alii visa muliere, libidinis statim ardore incensi, veluti furentes in eam prosiliant. Quidam ri- dendo, quidam flendo moriantur.‘“ 2) Lycosa Tarantula. 3) Matthiol. Commentar. in Dioscorid. L. U. c, 59. p. 363. ‚ Ed. Venet. 1569. fol. 4) Perotti a. a. ©. 29 dechsen seltsam durcheinander wirft, so dafs er die apu- lische Tarantula, die er zur Gattung der Spinnen rech- net, doch mit der Eidechse, @oxaAaßarns *), für gleich- bedeutend nimmt, so kann man sich um so weniger wun- der, dafs das unwissende Landvolk von Apulien die ge- fürchtete Erdspinne mit der fabeihaften Sterneidechse *) verwechselte, und den Namen von dieser auf jene über- trug. Die Ableitung von Tarantula von der Stadt Ta- rent oder dem Flusse Thara in Apulien ?), an dessen Ufern dieses Thier am häufigsten vorkommen, oder we- nigstens sein Bifs die giftigsten Wirkungen haben sollte, scheint keine Gründe für sich zu haben. So viel über den Namen der berühmten Spinne, die, wenn unsere Ver- muthung, wie wir hoffen, die richtige ist, für die verstän- . dige Auffassung der in Rede stehenden Krankheit kein günstiges Vorurtheil fassen läfst. Naturforscher, die der Vorzeit kundig, ihren Scharfsinn nicht in trockener Un- terscheidung der Formen verbrauchen, finden hier noch viel zu untersuchen, und ihre Bemühungen würden man- che recht hinderliche Dunkelheit aufhellen. | Perotti berichtet, in älteren Zeiten habe man die Tarantel, nämlich die Spinne, in Italien nicht gesehen, in seinem Jahrhundert wäre sie aber häufig geworden, besonders in Apulien, wie in einigen anderen Gegenden; er verdient indessen als Naturkundiger kein erhebliches Vertrauen, wiewohl er in Bologna neben anderen Lehren, auch über die Heilkunde Vorlesungen gehalten hatte *). Wenigstens ist er den Beweis seiner Aussage schuldig 1) Wahrscheinlich Lacerta Gecko, so wie die auch von ihm an- - geführten Synonyma »w/lorns und yalswrre. 2) Lacerta Stellio. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, dafs die giftige Beschaffenheit dieses harmlosen Thieres eine reine Erdich- tung des altrömischen Aberglaubens ist. 3) S. Athan. Kircher a. a. ©. 4) Von 1451—58. Tiraboschi, VI, 11. p. 356. 30 geblieben, der in neuerer Zeit keine ähnliche, die Spin- nen betreffende Erscheinung zur Seite steht. Dafs die Tarantel in Italien sich erst eingefunden haben solite, als die ihrem Bisse zugeschriebene Krankheit sich be- merklich machte, ist nimmermehr anzunehmen, wenn selbst noch gröfsere Stürme die Insectenwelt in Bewegung ge- setzt hätten, als die ganz beispiellosen in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, zur Zeit des schwarzen To- des '), denn die Gattung der Spinnen ist für die kosmi- schen Einflüsse, welche die Heuschrecken und andere geflügelte Insecten zu Zeiten wunderbar vermehren und zu Wanderungen nöthigen, wenig oder gar nicht em- pfänglich. Die Zufälle, welche Perotti als Folgen des Taran- telbisses angiebt, stimmen mit den von den Späteren be- schriebenen sehr genau überein. Die Gebissenen verfie- len gewöhnlich in Trübsinn, und waren wie betäubt ih- res Verstandes kaum mächtig. Dieser Zustand aber ver- band sich bei manchen von ihnen wit einer so grofsen Empfänglichkeit für Musik, dafs sie bei den ersten Tö- nen beliebter Melodieen jauchzend vor Freude aufspran- gen und ohne Unterlafs so lange tanzten, bis sie er- schöpft und halb leblos niedersanken. Bei anderen nahm die Krankheit nicht diese heitere Wendung; sie weinten beständig, und wie von Sehnsucht gepeinigt, verbrachten sie ihre Tage kummervoll und in groiser Betrübnifs. Noch andere warfen in krankhaftem Liebesrausch begehr- liche Blicke auf Weiber, und man erzählte von Todes- fällen, die unter Lachen oder Weinen erfolgt sein sollten. So unvollkommen diese Beschreibung ist, so ergiebt sich doch leicht, dafs der Tarantismus, dessen wesentliche Erscheinungen darin enthalten sind, nicht erst um die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts, auf welche Perot- 1) Vergl.: Der schwarze Tod, nach den Quellen bearbeitet vom Verf. Berlin 1832. 8. 3l ti’s Nachricht zurückzuführen ist, entstanden sein kann. Denn dieser Gelehrte spricht davon, wie von einem ganz bekannten Uebel, dessen Nichtbeachtung von älteren Schriftstellern wohl nur dem Mangel an Bildung in Apu- lien zugeschrieben werden muls; denn auf dieses Land blieb dasselbe wahrscheinlich damals noch beschränkt. Ein Nervenübel auf einer so hohen Stufe der Entwicke- lung mufs schon länger vorhanden gewesen sein, und hat ohne allen Zweifel einer eindringenden Vorbereitung durch allgemeine Einflüsse bedurft. Die Zufälle nach dem Bifls giftiger Spinnen waren ‚den Alten wohl bekannt, und hatten die Aufmerksamkeit ihrer besten Beobachter erregt, die sie mit vieler Ueber- ‚ einstimmung beschrieben. Es ist wahrscheinlich, dafs un- ter den nicht wenigen Arten ihres Phalangium ') auch die ‘apulische Tarantel mit angeführt ist, doch läfst sich dies schwerlich mit Gewilsheit behaupten, worauf um so weniger ankommt, da es in Italien nicht die Tarantel al- lein war, die jene Nervenkrankheit erregte, sondern man auch dem Bisse des Scorpions die gleiche Wirkung zu- schrieb. Entfärbung des Gesichtes wie des ganzen Kör- pers, erschwerte Sprache, Zittern der Glieder, Frost, wei- {ser Urin, Traurigkeit, Kopfweh, Thränenflu‘s, Uebelkeit, Erbrechen, gereizter Geschlechtstrieb, Trommelsucht, Ohn- macht, Dysurie, Nachtwachen, Schlafsucht, ja selbst der Tod, werden von ihnen als die Folgen des Bisses gifti- ger Spinnen angegeben, mit geringfügigen Unterschieden bei dieser oder jener Art, wobei wir der sonderbaren Sage gedenken müssen, die sich das ganze Mittelalter 1) Aötius, der zu Ende des sechsten Jahrhunderts schrieb, führt deren aus älteren Werken sechs auf 1) d«ysov, 2) Arzog, 3) uvo- uxsıov, 4) zo@voxoAumıng, bei anderen #epakoxgousns, 5) oxAgoxE- pakov, und 6) oxwArzıor. Tetrabl. IV. Serm. I. c. 18. bei Henr. Steph. — Vergl. Dioscorid. L. VI. ec. 42. — Matthiol. Com- ‚ mentar. in Dioscorid. pag. 1447. — Nicand. Theriac. V. 8. 715. 735. 654. 32 hindurch wiederholt, dafs die Gebissenen durch Stuhl und - Harn, auch in dem Ausgebrochenen, spinnewebartige Stoffe aussondefn sollten. Nirgends findet sich aber vom Tanz eine Erwähnung, weder dafs die Kranken dazu einen un- widerstehlichen Drang empfunden, oder zufällig dadurch genesen wären. Selbst Constantin von Africa, der fünf Jahrhunderte später lebte, als A&tius, und als der gelehrteste Arzt der Schule von Salerno einen so dank- baren Gegenstand gewifs nicht übergangen haben würde, weifs noch nichts von einer so denkwürdigen Wendung jener Vergiftungskrankheit, sondern wiederholt nur die Aussagen seiner griechischen Vorgänger '). Nur erst Gariopontus ?), ein salernitanischer Arzt des elften Jahrhunderts, beschreibt eine Art Wahnsinn, dessen ent- fernte Verwandtschaft mit der Tarantelkrankheit aus ei- ner ganz auffallenden Erscheinung einleuchtet. Die Kran- ken geberdeten sich in ihren plötzlich eintretenden An- fällen wie Wüthende, sprangen empor mit wilden Bewe- gungen der Arme, und lag ihnen ein Schwert zur Hand, so verwundeten sie sich und andere, so dafs man sie sorg- fältig sichern mufste. Sie hörten Stimmen und verschie- denartige Töne, und vernahmen sie in dieser Sinnestäu- schung den Klang beliebter Instrumente, so begannen sie einen krampfhaften Tanz, oder liefen mit äufserster An- stren- 1) „Aranearum multae species sunt. Quae ubi mordent, faciunt multum dolorem, ruborem, frigidum sudorem, et citrinum colorem. Aliquando quasi stranguriae in urina duritiem, et virgae extensionem, intra inguina, et genua, tetinositatem in stomacho. Linguae extensio- nem, ut eorum sermo non possit discern. Vomunt humiditatem quasi araneae telam, et ventris emollitionem similiter.“ ete. — De communibus medico cognitu necessariis locis.. L. VII. c. 22. p. 235. Basil. 1539. fol. 2) Er lebte um die Mitte des elften Jahrhunderts, und war ein jüngerer Zeitgenosse Constantin’s von Afrika. J. Chr. Gotitl. Ackermann, Regimen sanitatis Salerni sive Scholae Salernitanae de conservanda bona valetudine praecepta. Stendal, 1790. 8. p. 38. 33 strengung ihrer Kräfte, bis sie ermüdet waren. Man hielt f diese gefährlichen Irren, die wie es scheint, in nicht ge- ” inger Anzahl vorkamen, für eine Schaar des Teufels; über die Ursachen der Krankheit aber fügt jener dun- kele Salernitaner nichts weiter hinzu, als dafs er, wun- derlich genug, glaubt, sie könne zuweilen durch den Bifs eines tollen Hundes erregt werden. Er nennt sie An- teneasmus, womit ohne Zweifel der Enthusiasmus der griechischen Aerzte gemeint ist '). Wir stellen diese Er- scheinung als einen bedeutsamen Vorläufer des Tarantis- mus auf, in der Ueberzeugung dadurch noch anschauli- cher gemacht zu haben, dafs der Grund der Entwicke- - Jung des letzten in Verhältnissen gelegen haben müsse, welche vom zwölften Jahrhundert bis zu Ende des vier- zehnten hervortraten, denn der Ursprung des Tarantis- mus ist mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zwischen der Mitte und dem Ende dieses Jahrhunderts, mithin als gleich- zeitig mit dem des Veitstanzes (1374) anzunehmen. Der Einflufs des römischen Christenthums, wie es im Mittel- alter mit dem Gepränge von Aufzügen, öffentlichen Buls- 1) Die Stelle ist folgende: Anteneasmon est species maniae pe- riculosa nimium. Irritantur tanquam maniaci, et in se manus injiciunt. Hi subito arripiuntur, cum saltatione manuum et pedum, quia intra aurium cavernas quasi voces diversas sonare falso audiunt, ut sunt diversorum instrumentorum musicae soui, quibus delectantur, ut statim saltent, aut cursum velocem ar- ripiant, subito arripientes gladium percutiunt se aut alios; morsibus se et alios attrectare non dubitant. Hos Latini percussores, alii di- _ eunt daemonis legiones esse, ut dum eos arripiunt, vexent et vulne- “rent. — Diligentia eis imponenda est, quando istos sonos audierint ineludantur, et post accessionis horas phlebotomentur, et venter eis moveatur. Cibos leves accipiant cum calida aqua, ut omnis ventosi- tas, quae in cerebro sonum facit, egeratur. In ipsa accessione si- lentium habeant. Quod si spumam per os ejecerint, vel ex canis rabidi morsu causa fuerit, intra septem dies moriuntur.“ — Garioponti, medici vetustissimi, de morborum causis, accidentibus et curationibus Libri VIN. Basil. 1536. 8. L. I. c. 11. p. 27. 5; 34 übungen und zahllosen Gebräuchen verbunden war, wel- che die Einbildungskraft der Gläubigen mächtig anregten, versetzte ohne Zweifel die Gemüther in eine den Ner- venkrankheiten überaus günstige Stimmung. Waren doch diese unheimlichen Krankheiten, so lange die Christen auf einem mystischen Boden wandelten, von übergrofser Bedeutung, und sieht man sie doch noch in unseren Ta- gen schneller um sich greifen, -wo krankhafter Aberglaube in kleineren Kreisen dieselben Wirkungen hervorbringt, wie einst unter ganzen Völkern. Aber damit noch nicht genug. Alle Länder Europa’s, und Italien vielleicht noch mehr als die übrigen, wurden im Mittelalter von furcht- baren Seuchen heimgesucht, die so rasch auf einander folgten, dafs den erschöpften Völkern nur kurze Erho- lungen zu Theil wurden. Sechzehn Mal von 1119 bis 1340 verheerte die morgenländische Drüsenpest Italien '); Pocken und Masern waren noch mörderischer, als in neuerer Zeit, und kehrten eben so oft wieder, das hei- lige Antonsfeuer war der Schrecken der Städte- und Landbewohner, und der scheufsliche Aussatz, der in Folge der Kreuzzüge sein schleichendes Gift überallhin verbrei- tete, rils zahllose Opfer vom väterlichen Heerd, die ver- bannt aus der menschlichen Gesellschaft, in einsamen Hütten verschmachteten, wohin sie nur das Mitleid mild- thätiger Menschen und ihre Verzweifelung hegleitete. Alle diese Leiden, von denen die neueren Völker kaum noch eine Erinnerung übrig behalten haben, wurden durch den schwarzen Tod ?), der über Italien gränzenloses Elend verbreitete, zum Unglaublichen gesteigert. Die Gemüther geriethen überall in krankhafte Spannung, und 1) J. P. Papon, De la Peste, ou les epoques memorables de ce fleau. Paris, an 8. 8. Tome II. p. 270. (1119. 1126. 1135. 1193. 1225. 1227. 1231. 1234. 1243. 1254. 1288. 1301. 1311. 1316. 1335. 1340.) 2) 1347 bis 1350. 35 wie bei geängsteten Menschen die Sinne reizbarer wer- den, so dafs geringe Ursachen sich zu grofsen Schreck- bildern gestalten, und kleine Erschütterungen des Gemü- thes, die von Gesunden kaum beachtet werden, bei ihnen krankhafte Stürme veranlassen: so bei diesem ganzen, von Natur so beweglichen, und von den Schrecken des Todes so hart bedrängten Volke. Der Bils einer giftigen Spinne, oder vielmehr die krankhafte Furcht vor seinen Folgen, erregte jetzt, was er früher nicht ver- ınochte, eine gewaltige Nervenkrankheit, die sich, wie in Deutschland der Veitstanz, durch Sympathie verbreitete, durch das Fortschreiten an Heftigkeit, und durch ihre lange Dauer an Umfang gewann. So kam es, dafs nach der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts die Furien des Tanzes ihre Geilsel über die geängsteten Sterblichen schwangen, und dafs die Musik, für welche die Bewoh- ner Italiens wahrscheinlich erst um diese Zeit Empfäng- lichkeit und Talent ausbildeten, die ecstatischen Anfälle ‘der Kranken anregen und wiederum das magische Be- schwörungsmittel ihrer Melancholie werden konnte. 2. ZUNAHME. Zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts finden wir den Tarantismus über die Gränzen von Apulien hinaus verbreitet, und die Furcht vor dem Bisse der giftigen Spinne vergröfsert. Nichts geringeres als den Tod er- wartete man von dieser Verletzung, oder waren die Ge- bissenen mit dem Leben davongekommen, so wollte man sie doch seelenkrank und in trostloser Erschlaffung ge- sehen haben. Viele wurden schwachsichtig oder schwer- hörig, einige verloren den Gebrauch der Sprache, und alle waren für gewöhnliche Aufregungen unempfänglich: Nur die Flöte oder die Zither brachte ihnen Hülfe '), 1) Ueber die damals gebräuchlichen Instramente giebt Atha- nasius Kircher genügende Auskunft. Sie unterscheiden sich von 3* P 8 UT TEL 36 so dafs sie wie von einem Zauber erweckt, die Augen aufschlugen und anfangs langsam nach der Musik sich bewegend, durch rascheren Takt zu leidenschäftlichem Tanze fortgerissen wurden. Es fiel allgemein auf, dafs rohe und der Musik unkundige Landleute, als wären .sie in feinen Wendungen des Körpers wohlgeübt, hierbei ungewöhnlichen Anstand zeigten, wie es denn Nerven- krankheiten dieser Art eigenthümlich ist, dafs die Werk- zeuge der Bewegung ihrem gewöhnlichen Zustandeivent- rückt und dem überspannten Geiste völlig unterthan wer- den. Städte und Dörfer ertönten während des Sommers von dem Klange der Pfeifen und Klarinetten und türki- schen Trommeln, überall fanden sich Erkrankte, die von dem Tanz ihr Heil erwarteten. Alexander ab Alexan- dro !), der hiervon erzählt, sah in einem entlegenen Dorfe einen jungen Mann vom Tarantismus mächtig er- griffen. Begierig und starren Blickes horchte er auf den Ton der Trommel, und bewegte sich mit Anstand stär- ker und stärker, bis sein Tanz sich in wilden Sprün- gen zum höchsten Aufwand aller Kräfte steigerte. Als nun während dieser Ueberspannung von Geist und Kör- per die Musik verstummte, fiel er ohnmächtig zusam- men, und lag sinnlos und ohne Regung, bis die Musik ihn mit neuem Zauber zu neuem leidenschaftlichen Tanze aufregte.e. Man war in dieser Zeit allgemein der Ueber- zeugung, das Gift der Tarantel würde durch Musik und Tanz in den ganzen Körper vertheilt und durch die Haut ausgetrieben; bliebe aber auch nur die kleinste Spur da- — den unsrigen nur wenig. Musurgia universalis, sive Ars magna con- soni et dissoni. Romae 1650. fol. Tom. I. p. 477. 1) Genialium dierum Libri VI. Lugdun. Bat. 1673. 8 L.U ec. 17. p. 398. Alex. ab Alexandro, ein ausgezeichneter Neapoli- tanischer Rechtsgelehrter, lebte von 1461 bis 1523. — Der Poly- histor Gaudentius Merula, der um 1536 berühmt wurde, erwähnt . den Tarantismus nur kurz. Memorabilium Gaud. Merulae Norva- . viensis opus etc. Lugdun. 1656. 8. L. II. c. 69. p. 251. 37 von in den Adern zurück, so wäre diese ein fortwähren- der Zunder des Uebels, so dafs die Tanzanfälle durch Musik immer wieder und wieder angeregt werden könn- ten. Dieser Glaube, dem Wahne der Irren ähnlich, die der eingebildeten Ursachen ihrer Krankheit durch künst- liche Veranstaltung entledigt, doch nur kurze Zeit von ihren Vorstellungen verlassen werden, blieb nicht ohne die nachtheiligsten Folgen. Denn durch ihn mufsten die Kranken allmählig von ihrer Unheilbarkeit überzeugt wer- den; nur Linderung, keine Heilung, erwarteten sie von der Musik, und wenn der heifse Sommer die Erinnerun- gen an die vorjährigen Tänze erweckte, so wurden sie, . wie die gleichzeitigen Veitstänzer vor dem St. Veitstage, wiederum trübsinnig und menschenscheu, bis Musik und Tanz die ihnen zu einer Art von wollüstigem Genufs ge- wordene Melancholie verscheuchten. Es liegt am Tage, dafs der Tarantismus unter so be- günstigenden Umständen von Jahr zu Jahr gröfsere Fort- schritte machen mufste. Die Zahl der Behafteten mehrte sich unglaublich, denn wer irgend einmal von der gifti- gen Spinne oder einem Scorpion gebissen worden war, oder auch nur gebissen zu sein glaubte, der .trat alljähr- lich wieder auf, wo die Tarantella lustig ertönte, neu- gierige Weiber drängten sich hinzu, und bekamen die . Krankheit nicht von dem Gifte der Spinne, sondern von dem geistigen Gifte, das sie mit den Augen begierig ein- sogen, und allmählig wurde die Heilung der „Tarantati“ ein wahres Volksfest, das man mit ungeduldiger Freude erwartete. Begreiflich mehrten sich nun auch die Zufälle der sonderbaren Krankheit, ohne dafs hier auf Trug und Täuschung mehr zu geben wäre, als auf das eigene We- ' sen einer fortschreitenden geistigen Seuche. Der berühmte und alles Vertrauens würdige Matthioli !) berichtet 1) Petr. Andr. Matthioli Commentariüi in Dioscorid, Venet.' 1565. fol. L. IL c. 57. p. 362. 38 davon als Augenzeuge. Er sah dieselbe wunderbare Wir- | kung der Musik wie Alexandro, denn wenn die Kran- ken sich auch noch so schmerzvoll und an aller Rettung verzweifelnd auf ihrem Lager wanden, so sprangen sie nach den ersten Tönen von Melodieen, die auf sie Ein- druck machten, — dies thaten aber nur die Tarantellen, die man zu diesem Zwecke setzte — wie begeistert und neubelebt auf, regten sich ihrer Krankheit vergessend, in abgemessenen Bewegungen, und tanzten ohne Ermüdung stundenlang, bis sie bedeckt von erleichterndem Schweilse eine wohlthätige Ermattung fühlten, die sie für einige Zeit oder für ein ganzes Jahr von Trübsinn.und schwerem Krank- heitsgefühl befreite. Alexandro’s Erfahrung über die » Schädlichkeit der Unterbrechung der Musik bestätigte sich allgemein. Verstummten etwa die Klarinetten und Trom- meln während des Tanzes, denn die Kranken’ ermüdeten wohl die rüstigen Spielleute, so liefsen jene die fröhlich bewegten Glieder sinken, fielen wieder krank und er- schöpft zu Boden, und fanden keine andere Erleichte- rung als durch erneuten Tanz. Deshalb sorgte man da- für, dafs die Musik bis zu ihrer Erschöpfung fortdauerte, und bezahite lieber einige Spielleute mehr, damit sie sich einander ablösten, als dafs man die Kranken mitten aus ihrem heilbringenden Tanze in so trauriges Leiden zu- rücksinken liefs. Die Zufälle nach dem Bils der Taran tel beschreibt Matthioli als sehr verschiedenartig. Ei- nige Gebissene verfielen in krankhafte Heiterkeit, so dafs sie lange Zeit wachend und im Zustande übergrofser Reizbarkeit, lachten, tanzten und sangen, andere dagegen wurden schlafsüchtig, die meisten aber fühlten Uebelkeit und litten an Erbrechen, andere zitterten beständig, auch sah man nicht selten völlige Raserei vom Tarantelbifs entstehen, des gewöhnlichen Trübsinnes und untergeord- neter Erscheinungen nicht zu gedenken. 39 3, IDIOSYNKRASIEEN. MUSIE. Unerklärbare Regungen, seltsame Begierden und krank- hafter Sinnenreiz aller Art blieben eben so wenig aus, wie bei dem Veitstanze und ähnlichen grofsen Nerven- übeln. Noch im sechzehnten Jahrhundert sah man die Kranken gern glänzende Schwerter ergreifen, und in den Anfällen mit wilder Bewegung schwingen, als wollten sie Fechterspiele ‚aufführen !). Dies thaten selbst Frauen, mit leidenschaftlichen Geberden der weiblichen Sanftmuth Hohn sprechend ?), und bis in neueren Zeiten die Krank- heit verschwand, war diese Erscheinung, wie überhaupt der Sinnesreiz der Taranteltänzer durch Metallglanz sehr gewöhnlich ?). Der Abscheu vor gewissen Farben, und der ange- nehme Sinnesreiz durch andere zeigte sich bei den reg- samen Italienern viel deutlicher, als bei den schwerer be- weglichen Deutschen im Veitstanz. Die rote Farbe, welche die Veitstänzer verabscheuten, liebten sie allge- mein, so dafs selten ein Kranker gesehen wurde, der nicht zu seiner Ergötzung ein rothes Tuch in der Hand hielt, oder seine Augen an rothen Kleidungsstücken Um- stehender begierig weidete. Andere zogen die gelbe, an- dere die schwarze Farbe vor, was man, wie in dieser Zeit üblich, aus der Verschiedenheit der Temperamente zu erklären suchte *). Noch andere wurden von der 1) Athanas. Kircher, Magnes sive de Arte magnetica Opus. Rom. 1654. fol. p. 589. 2) Joann. Juvenis, De antiquitate et varia Tarentinorum for- tuna Libri VIII. Neapol. 1589. fol. L. II. c. 17. p. 107. Juvenis hat aufser der angedeuteten Angabe fast alles aus Matthioli ent- lehnt. 3) Simon Aloys. Tudecius, Leibarzt der Königin Chri- stine, beobachtete einen solchen Fall im Juli 1656. — Bonet. Me- dieina septentrionalis collatit. Genev. 1684. fol. 4) Epiphan. Ferdinand. Centum historiae seu observationes 40 grünen entzückt, und die Augenzeugen beschreiben die- sen Farbendurst als so auffallend, dafs sie kaum Worte finden können, ihr Erstaunen auszudrücken. Wurden die Kranken der geliebten Farbe 'ansichtig, so stürzten sie, war ihnen der Eindruck noch neu, wie reifsende Thiere auf den gefärbten Gegenstand los, verschlangen ihn mit begehrlichen Blicken, küfsten, herzten, liebkosten ihn auf alle Weise, und allmählig zu sanfteren Empfin- dungen übergehend, nahmen sie den schmachtenden Aus- druck von Verliebten an, und umarmten das ihnen dar- gebotene Tuch mit der innigsten Sehnsucht und mit Thrä- nen in den Augen, als wollten sie sich ganz in den be- rauschenden Sinneseindruck versenken. Als in Tarent die Tanzanfälle eines Capuziners Auf- sehn erregten, verfügte sich der Cardinal Cajetano in das Kloster, um selbst zu sehen, was vorging. Sobald nun der Mönch mitten im Tanze den geistlichen Fürsten in rother Kleidung gewahrte, so hörte er nicht weiter auf die Tarantella der Spielleute, sondern suchte sich mit sonderbaren Bewegungen dem Cardinal zu nähern, als wollte er die Fäden des Purpurgewandes zählen, und durch dessen Duft seine innerste Sehnsucht befriedigen. Die Umstehenden und eigene Ehrfurcht gestatteten ihm nicht die Berührung, und siehe da, er gerieth durch die Nichtbefriedigung seines Sinnesreizes in eine solche Angst und Unruhe, dafs er bald ohnmächtig niedersank, und nicht eher wieder zu sich kam, als bis der Cardinal ihm mitleidig seinen Purpurkragen hinreichte. Diesen fafste er nun mit dem höchsten Entzücken, drückte ihn bald et casus medici. Venet. 1621. fol. Hist. LXXXL p. 259. — Fer- dinando, ein Arzt in Messapia zu Anfang des siebzehnten Jahrhun- derts, hat die Angaben über den Tarantismus seiner Zeit mit vielem Fleilse gesammelt, war selbst Augenzeuge (p. 265.) und ist von allen älteren Schriftstellern über diesen Gegenstand der ausführlichste. a1 an die Brust, bald an Stirn und Wangen, und begann ‚wieder seinen Tanz wie im Liebeswahnsinn !). Durch den Anblick verhafster Farben geriethen die Kranken in die äulserste Wuth, und konnten, wie die Veitstänzer, wenn sie rothe Gegenstände sahen, kaum zu- rückgehalten werden, den Umstehenden die Kleider zu zerreilsen, die ihnen so widerwärtige Empfindungen er- regten ?). Eine andere nicht minder auffallende Erscheinung war die Sehnsucht der Kranken nach dem Meere. Wie die Johannistänzer im vierzehnten Jahrhundert im Geiste den Himmel offen sahen, mit allem Glanze der Heiligen, so fühlten sich die vom Bifs der Tarantel Er- krankten zur unabsehbaren blauen Meeresfläche hingezo- gen, und versenkten sich in deren Anblick. Einige auf- behaltene Gesänge bezeichneten dieses eigenthümliche Sehnen °®), das noch überdies durch sprechende Musik ausgedrückt, und schon von der blofsen Erwähnung des Meeres angeregt wurde. Einige, in denen dieser uner- klärbare Reiz auf das Aeulserste gesteigert war, stürzten sich in blinder Wuth in die blauen Wellen ®), wie hier und da Veitstänzer in reifsende Ströme. Dieser, der furcht- baren Wasserscheu so ganz entgegengesetzte Zustand verrieth sich bei anderen nur ‚durch die Annehmlichkeit, die ihnen der Anblick des klaren Wassers in Gläsern 1) Kircher a. a. ©. p- 588. 89. 2) Ferdinand. p. 259. 3) Z.B. „Allu mari mi portati Se voleti che mi sanati. z Allu mari, alla via: Cosi m’ama la donna mia. Allu mari, allu mari: Mentre campo, t’aggio amari.' Kircher a. a. O. p. 592. — Anhang, Nr. V. 4) Ferdinand. a. a. ©. p. 257. 42 gewährte. Sie trugen im Tanze Gläser voll Wasser mit abenteuerlichen Bewegungen und. wunderlichem Aus- druck ihrer Gefühle umher, oder sie liebten es auch, wenn ihnen inmitten des Tanzplatzes grölsere Gefälse voll Wasser, umgeben mit Schilf und anderen Wasser- gewächsen hingestellt wurden, worin sie Kopf und Arme. mit sichtbarer Lust badeten !). Andere wälzten sich in Erdhaufen, und liefsen ich mit Erleichterung ihres qualvollen Zustandes bis an den Hals begraben, andere Erscheinungen nicht zu erwähnen, die in unendlicher Mannigfaltigkeit verkehrte Regungen der Nerven offenbarten. Dies alles aber a gegen die unvergleich- liche Macht der Töne. Man hatte wohl im Alter- thum den Schmerz des Hüftwehs ?), oder die Wuthan- fälle der Wahnsinnigen ?) durch sanftes Flötenspiel zu mildern, und was unserm Gegenstande näher liegt, auch selbst die Gefahr des Vipernbisses *) durch dasselbe Mit- tel abzuwenden gesucht, doch war dies alles nur in ge- ringer Ausdehnung geschehen. Nach dem Tarantelbifs aber gab es in der Meinung des Volkes keine andere Rettung, als durch Musik, und es kam nicht in Betracht, dafs hier und da bei einem Verletzten durch das Binden des gebissenen Gliedes oder innere Arzneien der schwe- ren Krankheit vorgebaut wurde, oder dafs einzelne kräf- tige Männer den Wirkungen des Giftes ohne alle Heil- mittel widerstanden °). Man erzählte vielmehr, und dies stimint mit dem Wesen einer so gesteigerten Nervenkrank- heit ganz überein, dafs viele von der T'arantel Gebissene 1) Kircher p. 589. 2) Plin. Hist. nat. L. XXVII. c. 2. p. 447. Ed. Hard. 3) Cael. Aurelian. Chron. L. I. e. 5. p- 335. Ed. Amman. 4) Schon Demokrit und Theophrast haben davon gespro- chen. S. Gell. Noct. Attic. L. IV. c. 13. 5) Ferdinand. p. 260. 43 elend umgekommen wären ?), weil die rettende Taran- tella ihnen nicht aufgespielt werden konnte. So war es denn schon zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts üb- lich, dafs während der Sommermonate ganze Schaaren von Spielleuten Italien durchzogen, und — es giebt in alter und neuer Zeit kein ähnliches Beispiel, — in Städten und Dörfern die Heilung der „Tarantati“ im Gro- {sen unternommen wurde. Man nannte diese Zeit des Tanzes und des Spiels den kleinen Carneval der Frauen ?), denn diese waren es vorzüglich, die sich der Sache an- nahmen, so dafs sie im ganzen Lande ihre Sparpfennige zurücklegten, und viele von ihnen ihr Hauswesen ver- nachlässigten, um nur an diesem Feste der Kranken Theil nehmen, und die willkommenen Spielleute belohnen zu können. Man sprach sogar von einer wohlhabenden Frau (Mita Lupa), die ihr ganzes Vermögen zu diesem Zwecke verschwendet hatte ®). | Die Art der Musik selbst stand mit dem Wesen der Krankheit in der genauesten Verbindung, und sie hat auf die Italiener einen so tiefen Eindruck gemacht, dals sie noch gegenwärtig, nachdem jene längst verschwunden ist, die Taarantella als eine eigenthümliche Tanzmusik mit ra- scher werdendem Takte beibehalten haben. Sehr sinnig unterschied man einzelne Arten der Tarantella nach der wahrgenommenen Stimmung der Kranken durch beson- dere Namen, woraus hervorgeht, dafs ıman selbst den Idiosynkrasieen des Gesichtssinnes durch die Töne ent- sprechen wollte. So gab es eine Art Tarantellen, die ‘man „panno rosso“ nannte, eine sehr belebte, leiden- schaftliche Musik, zu welcher wilde, dithyrambische Ge- ——— 0. 1) Bagliv. a. u. a. O. p. 618. — Nach bestimmteren Angaben starben von 1000 Gebissenen doch nur einer oder zwei. Ferdi- nand. p. 255. va B 2) 1 carnevaleito delle donne. Bagliv. p. 617. 3) Ferdinand. p. 254. 260. > 44 sänge gehörten; eine andere „panno verde“ genannt, die mit dem milderen Sinnesreiz durch die grüne Farbe übereinstimmte, mit idyllischen Gesängen von grünen Ge- filden und Wäldern. Eine dritte hiefs „cingue tempi,“ eine vierte „moresca“ — sie wurde zu einem Mohren- tanze gespielt — eine fünfte „catena“ (?), und eine sechste „spallata,“ die langsamste und unbeliebteste von allen, mit ganz passender Bezeichnung, als könnte sie nur schul- terlahmen Tänzern aufgespielt werden !). Denen die das Wasser liebten, pflegte man nach entsprechender Musik Liebeslieder vorzusingen, auch hörten sie gern von Quel- len, rauschenden Wasserfällen, Strömen und dergl. ?). Es ist zu bedauern, dafs hierüber keine weitere Auskunft gegeben werden kann, weil nur kleine Bruchstücke von Liedern und nur sehr wenige Tarantellen aufbewahrt worden sind, die aus dem Anfang des siebzehnten, oder höchstens dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts her- rühren ®). Die Musik hatte fast durchgängig den Klang der türkischen (aria turchesca), und die altherkömmlichen Gesänge der apulischen Landleute, die sich alljährlich mehrten, fügten sich leicht in die abgestofsenen und mun- teren Töne der türkischen Trommel und der Hirtenpfeife. Diese beiden Instrumente waren auf dem Lande die be- liebtesten, aber auch alle anderen ertönten in Städten und Dörfern zu den Tänzen der Kranken und den Ge- sängen der Umstehenden. War den Kranken irgend eine Melodie zuwider, so gaben sie ihr Unbehagen durch ge? waltsame, Abscheu ausdrückende Bewegungen zu erken- nen, auch konnten sie Mifstöne durchaus nicht vertragen, wobei noch überdies zu bemerken ist, dafs ungebildete Landleute, welche Zeit ihres Lebens die Zauberkraft der 1) Ebend. p. 259. — Von träger Musik fühlten sich die Taran teltänzer wie zerschlagen: spezzati, minuzzati. p. 260. 2) A. Kircher.a. a. O. 3) S. im Anhange Nr. V. 45 Harmonieen nicht geahnt hatten, in dieser: Beziehung) ein äufserst scharfes Gehör bekamen, als wären sie in die innersten Geheimnisse der Tonkunst eingeweiht !). Dafs die Kranken durchaus nicht von allen Tarantellen, son- » dern nur immer von der einen oder der andern ange- sprochen wurden, war eine gewöhnliche Erfahrung, wel: che eine grofse Vervielfältigung dieser Tänze veranlafste, wozu denn noch kam, dafs sie auch selbst unter den In- strumenten mit vielem Eigensinn wählten, so dafs einige die schmetternden Töne der Trompete, andere wieder das sanfteste Saitenspiel verlangten ?). Im siebzehnten Jahrhundert, nachdem in Deutschland die Raserei des Veitstanzes schon längst erloschen war, erreichte der Tarantismus in Italien seine gröfste Höhe. Es waren nicht blofs die Eingeborenen dieses Landes, die von dieser Krankheit ergriffen wurden, auch Fremde aller Farben und jeder Herkunft, Neger, Zigeuner, Spa- nier, Albaneser, sah man von ihr befallen werden ?). Kein Alter schützte gegen die Folgen des Tarantelbisses und den Eindruck der gesehenen Anfälle, so dafs selbst neunzigjährige Greise bei dem Klang der Tarantella ihre Krücken hinwarfen, und als strömte ein verjüngender Zaubertrank durch ihre Adern, sich den wildesten Tänzern zugesellten *). Einen fünfjährigen Knaben sah Ferdi- nando nach dem Tarantelbifs von der Tanzwuth ergrif- fen °), und was Verwunderung erregen könnte, wenn nicht eben dieser glaubwürdige Augenzeuge es bestätigte, sogar Schwerhörige waren von dieser Krankheit nicht ausgeschlossen, so gewaltig wirkte der Anblick der Be- 1) Bagliv. a. u. a. ©. p. 623. \ 2) A. Kircher a. a. ©. 3) Ferdinand. p. 262. 4) Namentlich wird dies von einem gAjshrigen Greise aus Ave- trano berichtet. P. 254. 257. 5) Ebend. p. 261. 46 fallenen, auch: ohne erhebliche Anregung durch die Töne !). | | Untergeordnete Nervenzufälle traten während dieses Jahrhunderts in noch gröfserer Anzahl hervor, als früher. Man bemerkte an den meisten Kranken eine auffallende Eiskälte, die nur nach angestrengtem Tanz in die natür- liche Wärme überging ?). Angst und Beklommenheit prefste ihnen kalten Schweifs aus, ihr Harn war weils ®), und sie empfanden einen so grofsen Widerwillen vor allem Kalten, dafs sie das dargebotene Wasser mit Ab- scheu von sich stielsen. Wein dagegen tranken sie alle gern, ohne davon erhitzt oder irgend berauscht zu wer- den ?). . Während der ganzen Zeit der Anfälle, welche einen bis sechs Tage dauerte, fühlten sie Magendruck mit Widerwillen vor allen Speisen; des Fleisches und der Erdschnecken, von denen man glaubte, dafs sie die Anfälle verschlimmerten, pflegten sie sich schon einige Zeit vorher zu enthalten °), und es kann immerhin die- sem Mangel an stärkender Nahrung einiger Antheil an jenem Weindurste zugeschrieben werden, doch war die Nervenkrankheit offenbar überwiegend, und das Fasten wie das Bedürfnifs der Stärkung durch Wein ihre Wir- kung. Stimmlosigkeit, vorübergehende Blindheit °), Schwin- del, völliger Wahnsinn mit Schlaflosigkeit, häufiges Wei- nen ohne äufsere Veranlassung waren gewöhnliche Er- scheinungen. Viele Kranke fanden Erleichterung durch Schaukeln und Wiegen ’), andere verlangten Erregung von Schmerz durch derbe Schläge auf die Fufssohlen, oder sie schlugen sich selbst, nicht zum Schein, sondern um einen heftigen Nervenkitzel zu stillen, und wie bei den Johannistänzern sah man nicht wenigen den Unterleib 1) Ferdinando sah einen Schwerhörigen, der während des Tanzes begierig aufhorchend, den Trommeln und Pfeifen so nah als möglich zu kommen suchte. p. 258. ; 2) Ebend. p. 260. 3) p. 256. 4) p. 260. 5) p. 261. 6) p. 256. 7) p. 258, 77 47 aufschwellen !), desten tiefes Leiden sich ‚bei ande- ven durch lang dauernde Verstopfung, Durchfall und Er- brechen zu erkennen gab *). Diese verloren allmählig Kraft und Farbe; mit rothen Augen, gelbsüchtig und auf- gedunsen schlichen sie umher, und verfielen bald in tiefe Melancholie, die in den ernsten Tönen der Sterbeglocken und in dem Aufenthalt auf Kirchhöfen und in Gräbern Nahrung fand, wie dies von den Lycanthropen in älte- rer Zeit erzählt wird. | Die Vorstellung von den unabwendbaren Folgen des Tarantelbisses übte eine Macht über die Gemüther aus, welcher selbst die Gesundesten und Stärksten sich nicht zu entziehen vermochten. Noch um die Mitte des sech- zehnten Jahrhunderts sah der berühmte Fracastoro den. rüstigen Verwalter seines Landgutes stöhnend und mit den Geberden der äufsersten Verzweiflung in Todeskampf versinken, nachdem ihn ein Insect, von dem er geglaubt . es wäre eine Tarantel, in den Hals gestochen hatte. Hülf- reich bereitete er ihm sogleich einen Trank aus Essig und armenischem Bolus, dei damaligen Hauptmittel ge- gen Pest und alle thierische Versifting, und wie durch ‚ein Wunder war der Sterbende wiederhergestellt und im Besitz seiner Sprache ?®). Hier besiegte das Vertrauen zu dem grofsen Arzte — denn der Bolus, an dessen Heilkraft dieser glaubte, kommt nicht in Betracht, — die tödtliche Einbildung, von der der Kranke schwerlich ohne die Tarantella genesen sein würde Ferdinando kannte Frauen, die dreilsig Jahre hintereinander Anfälle der - Krankheit überstanden und ihre Tänze erneut hatten, so lange hielt sich bei ihnen der Glaube an das nicht vertilgte Tarantelgift, so lange die Seelenkrankheit, der eine körper- liche Anregung längst nicht mehr zum Grunde lag®). Wo- 1) p. 357. 2) p. 256. 3) De Contag. L. III. c. 2. p. 212. Opera Euch, 1591. 4) p. 254. 48 hin wir uns überhaupt wenden, die Seelenkrankheit waltete allenthalben vor, und wurzelte in der Gemüthsstimmung des Zeitalters, welche nur eines Anstofses durch den ge- schehenen Tarantelbifs und die geglaubte Gewilsheit sei- ner höchst traurigen Folgen bedurfte, um in die grofse Nervenkrankheit auszubrechen. Nun gab es auch schon zu Ferdinando’s Zeiten viele, welche die giftigen Wir- kungen des Tarantelbisses geradezu leugneten, indem sie die Krankheit, welche Italien alljährlich in Bewegung setzte, für eine eingebildete Melancholie erklärten ?). Diesen Unglauben mufsten sie indessen theuer büfsen, ‘ wenn der Vorwitz sie verleitete, eigene Versuche anzu- stellen. Denn viele von ihnen erkrankten schwer am Ta- rantismus, und selbst ein vornehmer Prälat, Jo. Bapt. Quinzato, Bischoff von Foligno, der sich wie zum Scherz von einer Tarantel hatte beilsen lassen, konnte nur dadurch geheilt werden, dafs man ihn durch die Taran- tella zum Tanzen nöthigte *). Andere Geistliche aber, welche ihr Ohr der Musik verschliefsen wollten, weil sie das Tanzen ihrem Stande für schimpflich hielten, verfie- len durch den Aufschub der Entscheidung des Uebels in tödtliche Krankheit, und mufsten sich endlich, wollten sie nicht elend hinschmachten, das unwillkommene, aber: einzige Heilmittel gefallen lassen ®). Der Freigeisterei war also das Zeitalter noch so wenig günstig, dafs selbst der entschiedenste Unglaube, unfähig der Erinnerungen des Gesehenen sich zu erwehren, einem verspotteten und an sich geringfügigen Gifte erlag. 4. HYSTERIE. Wie nun aber der Tarantismus in dem einen diese, in dem andern jene Seite des krankhaft erregten Lebens hervortreten liefs, so konnte es auch nicht fehlen, dafs andere Verstimmungen der"Nerven seine Gestalt annah- | men, 1) p. 254. 2) p. 262. 3) p. 261. 49 men, wenn irgend die Umstände einen solchen Uebergang begünstigten. Dies gilt vor allen von der Hysterie, die- ‚sem vielgestalligen und wandelbaren Nervenübel, in wel- chem die Vorstellungen, der Aberglaube und die Thor- heiten aller Zeitalter sich deutlich abgespiegelt haben. Für Hysterische kam der Carnevaletto der Frauen sehr erwünscht, ihre Krankheit erhielt durch ihn, wie in an- deren Zeiten von anderen auffallenden Gewohnheiten, ‚eine eigenthümliche Richtung, und von der Tarantel ver- letzt oder nicht, sie mufsten an den Tänzen der Kran- ken Theil nehmen, an dem grofsen Volksfeste sich zei- gen, an dem sie mit ihren Leiden triumphiren durften. Hierbei ist die Lebensweise der Frauen in Italien zu beachten. Einsam und des schönsten aller Genüsse, des Umganges mit Menschen durch die grausame Sitte be- raubt, schleppten sie sich durch ein kümmerliches Dasein, Heiterkeit und Neigung zu sinnlichen Freuden ging in er- zwungenem Mülsiggange, bei vielen in finsteren Trübsinn ‘über, ihre Einbildungskraft erkrankte, Blässe und Be- klemmung waren die Zeugen ihres tiefern Leidens. Wie hätten sie nicht, in so grofses Elend versunken, aus ihren Gefängnissen heraustreten, und an den Freuden der Mu- sik, die ihnen Linderung brachte, Theil nehmen mögen? Es darf hierbei der Umstand nicht unbeachtet bleiben, der einen tiefen Blick in das psychische Wesen der hy- sterischen Leiden gestattet, dafs viele Bleichsüchtige, wenn sie beim Carnevaletto unter. den Tänzerinnen mit aufge- treten waren, das ganze Jahr über von Krämpfen und Beklemmungen frei blieben !), ohne dafs der körperliche Grund dieser Uebel gehoben wurde. Niemand möchte hiernach ihre Selbsttäuschung so geradehin Betrug nen- nen, und sie als solchen unbedingt verdammen. | Diese zahlreiche Klasse von Kranken trug zur Er- 1) Georg. Baglivi, Diss. de Anatomie, morsu el efleetibus ta- rantulae, p. 616. 17. Opp. Lugdun. 1710. 4. | 4 50 haltung des Uebels gewifs nicht wenig bei, denn- ihre wünderlichen Leiden, in denen Verstellung und Wirk- lichkeit kaum von ihnen selbst, geschweige denn von Aerzten gesondert werden konnten, fanden dieselbe Nach- ahmung wie die Verzerrungen der falschen Veitstänzer. Gewifs sind auch sie es gewesen, die die Zahl der un- tergeordneten Zufälle ins Unendliche vermehrt haben, wie die tägliche Beobachtung Hysterischer annehmen läfst, die über den krankhaften Trieb sich bemerklich zu ma- chen, von dem sittlichen Gesetze abfallen. Gewaltsamer Geschlechtsreiz hatte an ihrem Zustande oft den entschie- densten Antheil. Viele von ihnen entblöfsten sich auf die unsittlichste Weise, rissen sich unter Heulen und Beifsen das Haar aus, und brachte sie die unbefriedigte innere Glut zum Wahnsinn, so beschlofs der Selbstmord das ihnen verhafste Leben, wie es denn gewöhnlich war, dafs diese Unglücklichen sich in die Brunnen stürzten '). Es könnte hiernach scheinen, dafs durch das Trei- ben dieser Art von Besessenen der ursprünglichen Krank- heit so viel Trügliches und Unwahres beigemischt wor- den sei, dafs sie, in eine andere Sphäre hinübergezogen, in sich selbst hätte zerfallen müssen. Dahin kam es aber noch nicht in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhun- derts. Denn zum sichern Beweise der von der Hysterie ungefährdeten Selbstständigkeit des Tarantisınus, erkrank- ten daran an vielen Orten, namentlich in Messapia, we- niger Frauen als Männer, welche auch ihrerseits vom Geschlechtsreiz nicht wenig in Versuchung geführt wurden ?). An anderen Orten, z. B. in Brindisi, war dies Verhältnifs umgekehrt, woran örtliche Verhältnisse, wie in anderen Krankheiten, ihren Antheil gehabt haben mögen; so viel aber geht aus übereinstimmenden Nach- richten hervor, dafs im Ganzen die Weiber keinesweges 1) Ferdinand. p. 257. 2) Ebend. p. 256. 57. 58. öl den Vorzug genossen von der Tarantelkrankheit in grö- fserer Anzahl befallen zu werden. Man erzählt, dafs die Narben des Tarantelbisses bei der alljährlichen Wiederkehr der Anfälle (einige tanzten zweimal jährlich) mifsfarbig geworden seien '), doch feh- len hierüber bestimmtere Angaben guter Beobachter, wel- che dieser Versicherung ihre völlige Unwahrscheinlichkeit benehmen könnten. Es ist hier am Orte zu bemerken, dafs um dieselbe Zeit, als in Italien der Tarantismus seine gröfste Höhe erreichte, auch im fernen Asien der Bifs giftiger Spinnen noch eben so gefürchtet wurde, als seit Menschengeden- ken. Nur traten hier die Zufälle von dieser Verletzung ohne den Zusatz der apulischen Nervenkrankheit hervor, welche, wie in dem’Vorigen anschaulich gemacht worden ist, mehr in der melancholischen Stimmung der Süditalie- ner, als in der Natur des Tarantelgiftes begründet war, das ohne Zweifel nur als der entfernte, und ohne diese Stimmung unwirksame Anlafs zu dieser Krankheit betrach- tet werden kann. Die Perser bedienten sich eines sehr eindringenden Mittels, die Folgen einer solchen Vergif- tung zu beseitigen, indem sie den mit Milch übersättigten Verletzten durch starkes Drehen in einem hängenden Ka- sten zum Brechen nöthigten ?), 5. ABNAHME. Im ganzen siebzehnten Jahrhundert dauerte die Tanz- wuth vom Tarantelbifs mit allen Zusätzen der Selbsttäu- schung und der bei Nervenkrankheiten dieser Art nie ‚ausbleibenden Verstellung fort, allınählig wieder abneh- 'mend, aber noch bis zu Ende dieses Jahrhunderts mit so auffallenden Erscheinungen, dafs Baglivi, einer der 1) Ferdinand. p. 258. 2) Adam Olearius, Vertiehtte Moscowitische Mr Persiani sche Reisebeschreibung. Schleswig 1663. fol. Buch IV. S. 496. 4 * 52 wlürdigsten Aerzte dieser Zeit, durch ihre Bearbeitung der Wissenschaft einen Dienst zu erweisen glaubte *). Er wiederholt im Ganzen die Beobachtungen Ferdinan- do’s, und stützt sich auf die Erfahrungen seines Vaters, eines Arztes in Lecce, der als unverwerflicher Augen- zeuge gelten kann ?). Die unmittelbaren Folgen des Ta- rantelbisses, die Nervenkrankbeit selbst, und die Verir- rungen und Zufälle der Hysterischen bezeichnet er mei- sterhaft, ohne irgend das Bild der Wirklichkeit durch die Täuschungen der Leichtgläubigkeit zu trüben, welche ihm von Späteren mit Unrecht schuld gegeben wor- den ist. In der neuern Zeit endlich ist der T’arantismus mehr und mehr zurückgetreten, nnd nur noch auf einzelne Fälle beschränkt geblieben. Wie hätte er auch im achtzehn- ten Jahrhundert noch unverändert fortdauern mögen, nachdem die Fäden des Mittelalters, an welche seine Er- scheinung sich knüpfte, schon längst zerrissen waren? Verstellung kam häufiger vor, und wo irgend die Krank- heit noch in ihrer reinen Gestalt hervortrat, da war ihre Hauptursache, eine eigen geartete Melancholie, welche ehedem die Stimmung so vieler Tausende gewesen, nur in dem engeren Kreise persönlichen Mifsgeschicks ent- standen. Man könnte mit einigem Rechte behaupten, dafs der Tarantismus der neuesten Zeit zu dem ursprünglichen Uebel sich fast so verhält, wie in einigen Fällen der noch bestehende und gewifls immer vorhanden gewesene Veits- tanz zu der ursprünglichen Tanzwuth der Johannistänzer. 1) Georg. Baglivi, Dissertatio VI. de anatome, morsu et ef- fectibus Tarantulae. (Geschrieben i. J. 1595.) Opera omnia, Lugdun. 1710. 4. p. 599. | 2) Dieser Arzt sah einst, dafs drei Kranke, welche offenbar an bösartigen Fiebern litten, und deren Zufälle die Umstehenden dem Tarantelbils zuschrieben, durch Musik zum Tanzen genöthigt wurden. Der eine starb auf der Stelle, die beiden anderen bald darauf. C. 7. p- 616. 53 Endlich wurde der Tarantismus von den meisten Aerzten und Naturforschern, welche bei dieser Veranlas- sung mit grofser Kurzsichtigkeit und gänzlicher Unkunde der Geschichte zu Werke gegangen sind, ohne weiteres in das Reich der Täuschungen verwiesen und als ein vollendeter Betrug bezeichnet. Sie haben ihre Meinung zu bekräftigen, einige dieser anscheinend günstige Versu- che, jedoch unter ganz ungeeigneten Umständen angestellt, da meistentheils nur kerngesunde Männer dazu gewählt wurden, welche von dem Einflufs des Glaubens an die einst so gefürchtete Nervenkrankheit himmelweit entfernt ‚waren, und aus einzelnen Beispielen von Trug und Ver- stellung, die bei den meisten Nervenkrankheiten vorkom- men, ohne deren Wirklichkeit zweifelhaft zu machen, allzu voreilig auf die ganze grofsartige Erscheinung ge- schlossen, von der sie nicht wufsten, dafs sie nah an vierhundert Jahre bestanden, und dafs ihre Wurzeln bis in das entfernteste Mittelalter reichen. Der Gelehrteste und Scharfsinnigste unter ihnen ist der Neapolitaner Se- rao !); seine Beweisführung gegen die Wirklichkeit des Tarantismus läuft indessen darauf hinaus, dafs er diesen für eine sehr entschiedene Form von Melancholie erklärt, und die Wirkung des Tarantelbisses auf dieselbe mit der An- regung eines laufenden Pferdes durch die Sporen ver- gleicht, also gerade das recht eigentlich bekräftigt, was er ‚zu leugnen sich das Ansehn giebt *). Durch die Erschütte- rung des schon wankenden Glaubens an die Krankheit soll es ihm wirklich gelungen sein, diese seltener zu ma- chen und dem Truge ein Ziel zu seizen ?), doch wird hierdurch eben so wenig die Wirklichkeit derselben zwei- felhaft gemacht, als in neuerer Zeit das Schlafwachen aus 1) Frane. Serao, della Tarantola o vero Falangio di Puglia. Napol. 1742. — Vergl. Thom. Fasani, De vita, muniis et scriptis Franc. Serai etc. Commentarius. Neapol. 1784. 8. p. 76 seq. 2) Ebend. p. 88. 3) p. 89. 54 dem Reiche der natürlichen Erscheinungen durch die oft- malige Enthüllung von Betrug verwiesen worden ist, welche auch ihrerseits die an sich begründeten Wirkun- gen des thierischen Magnetismus seltener gemacht hat. Die übrigen Aerzte und Naturforscher ?), ‘welche sich \ 1) H. Mercurialis de venenis et morbis venenosis. Venet. 1601. 4. L. II. c. 6. p. 39., wiederholt das Mährchen, dals die Gebissenen in den Anfällen das zu thun pflegen, womit sie beschäftigt waren, als sie verletzt wurden, und beweist durch einen ale Fall, dafs man schon im sechzehnten Jahrhundert die Belrüger von den Kran- ken zu unterscheiden wulste. — H. Cardani de subtilitate Libri XXI. Basil. 1560. 8. L. IX. p. 635. Nicht eigentlich durch Musik, sondern durch die Anstrensung beim Tanzen wird die Wirkung des Tarantel- giftes beseitigt. Vergl. J. Caes. Scaliger. exoteric. exereitt. Libri XV. de subtilitate. Francof. 1612. 8. Ex. 185. p- 610. — J.M. Fehr, Anchora sacra vel Scorzonera. Jen. 1666. 8. p. 127. Aus Alexan- der ab Alexandro und einigen Späteren. — Stalpart. van der Wiel, Observatt. rarior. Lugd. Bat. 1687. 8. Cent. I. Obs. C. p. 424. Nach Kirche — Rod,.a Castro, Medicus politicus. Hamburg 1614. 4. L. IV. c. 16. p. 275. Nach Matthioli. — D. Cirillo, Some account of the Tarantula. Philosoph. Transact. Vol. 60. 1770 Bezeichnet den Tarantismus als einen gemeinen Betrug. Eben so: J. A. Unzer, der Arzt, Bd. Il. S. 473. 640. Bd. UI. S. 466. 526. 528. 529. 530. 533. 553., und A. F. Büsching, Eigene Gedan- ken und gesammelte Nachrichten von der Tarantel, welche zur gänz- lichen Vertilgung des Vorurtheils von der Schädlichkeit ihres Bisses, und der Heilung desselben durch Musik, dienlich und hinlänglich sind. Berlin 1772. 8. Ueberaus seichte Kritik. — P. Forest. Observatt. et curatt. medieinal. Libri 30., 31 et 32. Francof. 1509. fol. Ob. XH. p- 41. Aus den Früheren sehr fleilsig compilirt, — Phil. Came- rar. Operae horarum subeisivarum. Francof. 1658. 4. Cent. I. Cap. 81. p. 317. — R. Mead, a mechanical account of poisons. Lon- don 1747. 8. p. 99. Streitet für die Wirklichkeit des Tarantismus mit R. Boyle, An essay of the great effects of even languid and unheeded motion, ete. London 1685. Chap. VL — Desgleichen: J. F. Cartheuser, Fundamenta pathologiae et therapiae, Francof. a. V. 1758. 8. T. I. p. 334. — Th. Willis, de morbis convulsivis. C. VI. p. 492. Opp. Lugdun. 1681. 4. Nach Gassendi, Ferdi- nando, Kircher u. a — *L. Valetta, De Phalangio apulo opu- sculum. Neapol. 1706. — Thom. Cornelio (Professor in Neapel in der Mitte des 17. Jahrh.), Letter ta J. Dodington, concerning pw 55 über den Tarantismus ohne umfassende Kenntnifs ausge- sprochen haben, sind einer Beleuchtung ihrer Ansichten nicht eben würdig, nachdem wir die Thatsache, alles Fremdartigen entkleidet, zu jedermanns een hinge- stellt haben. II. Tanzwuth in Abplflinien. Tigretier. Beide Krankheiten, der Veitstanz und der Tarantis- ınus, waren Ausgeburten ihres Zeitalters. Sie hätten un- ter gleichem Himmelsstrich in anderen Jahrhunderten nie entstehen können, denn die Umstände, welche sie vorbe- reileten, sind zu keiner andern Zeit in gleichem Verhält- nifs zusammengetreten, und die geistigen wie die körper- lichen Stimmungen der Völker, welche von Ursachen, wie die angegebenen abhängen, erneuen sich eben so wenig, wie bei einzelnen Menschen die zurückgelegten Lebens- alter. Um so wichtiger erscheint eine oben nur flüchtig berührte Krankheit in Abyssinien, die der ursprünglichen some observations made of persons pretendiug to be stung by Ta- rantulas. Phil. Teansactions Nr. 83. p. 4066. 1672. Hält den Ta- rantismus für den Veitstanz. — Jos. Lanzoni, De Venenis, C. 57. p. 140. Opp. Lausann. 1738. 4. T. I. Gröfstentheils nach Baglivi. — J. Schenck a. Grafenberg, Observait. medicar. L. VIL Obs. 122. p. 792. T. UI. Ed. Fringof, 1600. 8. War selbst Augenzeuge. — *Wolfg. Senguerd, Traetatus physicus de Tenub, Lordi Bat. 1668. 12. — *Herm. Grube, De ictu Tarantulae et vi musi- ces in eius euratione Conjecturae physico-medicae. Francof. 1679. 8. — Athan. Kircher, Musursia universalis. Rom. 1650. fol. T. H. IX. c. 4. pag. 218. — M. Köhler, in den Svenska Vetens- kaps Academiens Handlingar. 1758. S. 29. — Berliner Samımlun- gen zur Beförderung der Arzneiwissenschaft. Bd. 5. St. 1. S. 55 1772. — Burserii Institutiones medic. pract. Tom III. P. I. Cap. Vi. 8:219. p. 159. ed. Hecker. — J.S. Halle, Gifthistorie. Ber- lin 1786. 8. — Blumenbach, Naturgesch., S. 412. — E.F: Leon- hardt, Diss. de Tarantismo. Berol. 1827. 8 u.v.a. 56 Tanzwuth der Johannistänzer sehr nahe kommt, indem sie eine ganz ähnliche Ecstase darstellt, mit derselben ge- waltigen Wirkung auf die bewegenden Nerven. Sie kommt am häufigsten in dem Lande Tigre vor, heifst danach Tigretier, und ist wahrscheinlich dasselbe Uebel, das in äthiopischer Sprache Astarägaza genannt wird '). Las- sen wir den Augenzeugen Pearce ?) reden, der sich neun Jahre lang in Abyssinien aufgehalten hat: „Der Tigre- tier kommt häufiger bei den Frauen als bei den Män- nern vor, und befällt den Körper wie mit einem hefti- gen Fieber, welches bald in einen schleichenden Zustand übergeht, und eine gänzliche Abmagerung, ja selbst den Tod verursacht, wenn die Verwandten nicht die geeignete Hülfe schaffen können. Während dieser Krankheit wird die Sprache der Befallenen stammelnd, und soll nur von ihren Leidensgefährten verstanden werden können. Sind die Verwandten überzeugt, dafs das Uebel der wahre Ti- gretier ist, so vereinigen sie sich zur gemeinschaftlichen Bestreitung der Kurkosten, und nehmen zuvörderst einen unterrichteten Dofter an, der dem Kranken das Evange- lium St. Johannis ®) vorliest, und ihn eine Woche lang m 00022 1) Dies mag jedoch nur als eine Vermuthung gelten, die in fol- gender Stelle aus Ludolf’s Lexicon Aethiopie. Ed”2. Francof. 1699, fol. p. 142. ihren Grund findet: Astarägaza, de vexatione quadam diabolica aceipitur. Mare. 1, 26. 9, 18. Luc. 9, 39. Graecus habet oragerre, vellicare, discerpere. Sed Aethiopes, teste Grego- rio, pro morbo quodam accipiunt, quo quis perpetuo pe- des agitare et quasi ealeitrare cogitur. Fortassis est saltatio S. Viti, vulgo St. Veitstanz. 2) The life and adventures of Nathaniel Pearce, written by himself, during a residence in Abyssinia, from the years 1810 to 1819. London 1831. 8. Vol. I. Chap. IX. p. 290. 3) Der Evangelist und der Täufer Johannes sind von jeher und bei allen Völkern verwechselt worden, so dafs die Beziehung des letzten zu einer und derselben Erscheinung in so verschiedenen Jahr- hunderten und Himmelsstrichen doch immer sehr wahrscheinlich bleibt. 57 täglich mit kaltem Wasser befeuchtet, ein Verfahren, das oft den Tod zur Folge hat. Die wirksamste Kur erfor- dert einen viel gröfseren Aufwand. Die Verwandten mie- then einen Trupp "Trompeter, Trommelschläger und Pfei- fer, und versehen sich hinreichend mit Branntwein; dann kommen alle jungen Leute, Mädchen und Frauen vor dem Hause des Kranken zusammen, und feiern eine ganz besondere Art von Fest, wie ich im Folgenden mitthei- len werde.“ „Ich wurde einstmals von einem Nachbar zu seiner jungen und von ihm sehr geliebten Frau gerufen, die das Unglück gehabt hatte, von jener Krankheit befallen zu werden. Der Mann war mein alter treuer Gefährte, des- halb besuchte ich die Kranke tagtäglich, sah aber bald, dafs ihr meine Dienste von keinem Nutzen sein konn- ten, wiewohl sie meine Arzneien nicht verweigerte. Sie sprach viel, aber weder ich noch ihre Verwandten konn- ten verstehen was sie sagte. Beim Anblick eines Buches ‚oder eines Priesters drückte sie mit den entschiedensten Geberden ihren Widerwillen aus, und gerieth in den hef- tigsten Kampf, wobei sie ganze Ströme blutiger ') Thrä- nen vergofs. In diesem trostlosen Zustande hatte sie schon volle drei Monate zugebracht, und mit so wenig Nahrung, dafs nicht zu begreifen war, wie sie noch am Leben bleiben konnte. Endlich entschlofs sich ihr Mann, das gewöhnliche Heilmittel anzuwenden, und nachdem er hierzu die nöthigen Anstalten gemacht hatte,: borgte er sich von seinen Nachbaren alles nur irgend herbeizuschaf- fende silberne (zeschmeide, und schmückte damit seine Frau überreichlich aus. “ „An dem Abend, wo die Scene vor sich gehen sollte, setzte ich wich ganz in die Nähe der Kranken, um sie genau zu beobachten, und so sah ich denn, nur etwa zwei Minuten, nachdem die Trompeter angefangen 1) — like blood mingled with water. p. 291. 58 hatten zu spielen, dafs zuerst ihre Schultern, dann der Kopf und die Brust in Bewegung geriethen, und in we- niger als einer Viertelstunde safs sie aufrecht auf ihrem Lager” Die wilden Blicke, die sie, zwischendurch mit einigem Lächeln, um sich warf, verscheuchten mich aus ihrer Nähe, nachdem es mich schon ohnehin in Erstau- nen gesetzt hatte, dafs eine bis zum Gerippe abgemagerte Kranke sich mit solcher Kraft bewegen konnte. Kopf, Hals, Schultern, Hände und Füfse, der ganze Körper be- wegte sich nach dem Takte der Musik, und endlich stand sie aufrecht auf dem Boden. Hierauf begann sie zu tan- zen, und von Zeit zu Zeit zu hüpfen, und endlich sprang sie bei zunehmendem Lärm der Musik und des Gesan- ges der versammelten Menge einigemal wohl an drei Fufs hoch empor. ‘Wenn die Musik nachliefs, so gerieth sie in die gröfste Unruhe, wurde sie aber lauter, so lächelte sie wieder und schien vergnügt, während des ganzen Tan- zes aber gab sie nicht das geringste Zeichen von Ermü- dung, selbst da noch nicht, als die Spielleute schon ganz erschöpft waren. Das äufserste Mifsbehagen verrieth sie aber, wenn diese genöthigt waren, ein wenig auszuruhen und sich zu erfrischen.“ „Am folgenden Tage wurde sie der Gewohnheit ge- mäfs auf den Marktplatz gebracht, wo die Krüge für die Spielleute und Tänzer schon zurechtgesetzt waren. Als die Gesellschaft versammelt und die Musik fertig war, trat sie hervor und fing an zu tanzen, wobei sie die wun- derlichsten Stellungen machte, die. man nur sehen kann. Dies währte so den ganzen Tag; gegen Abend aber liels sie ihren silbernen Schmuck von Hals und Armen und Füfsen abfallen, Stück für Stück, so dafs sie sich in Zeit von drei Stunden aller Ketten und Spangen entledigt hatte, die ein Verwandter aufsammelte, um sie den Eigen- thümern zurückzustellen. Endlich bei Sonnenuntergang lief sie eine Strecke weit mit einer solchen Schnelligkeit, dafs der beste Renner sie nicht hätte einholen können, 59 und stürzte dann zusamınen, wie ein getroffenes Wild. Bald darauf eilte ihr ein junger Mann nach, feuerte eine Luntenflinte über sie ab, schlug sie auf den Rücken mit der flachen Klinge seines langen Messers, und fragte sie nach ihrem Namen, den sie ihm auch ohne weiteres nannte. Man hält dies für ein sicheres Zeichen .der Genesung, . denn die Kranken hören während der ganzen Dauer ihres Uebels nicht. auf ihren. christlichen Namen. Sie wurde nun elend und hinfällig wie sie war, nach Hause geführt, wo ein Priester ihrer wartete, um sie im Namen der Dreieinigkeit zu taufen, als sollte sie dadurch aufs neue unter die Christen aufgenommen werden. Damit war die ganze Kur beendet. Mit anderen Kranken gelingt es aber nicht so leicht, wie mit dieser; bei einigen mufs der Tanz auf dem Marktplatz mehre Tage hintereinander wiederholt werden, und andere sind ganz unheilbar. Ich habe Kranke dieser Art in ihren 'Tanzanfällen mit einer offenen Flasche „Maize“ auf dem Kopfe, die verzerrte- sten Stellungen machen sehen, ohne dafs diese herunter- fiel, oder ein Tropfen davon vergossen worden wäre.“ „Ohne Augenzeuge gewesen zu sein würde ich An- stand genommen haben, von dieser Krankheit zu berich- ten, auch hätte ich sie nicht einmal für möglich gehalten, wenn ich nicht von meiner eigenen Frau ') eines Besse- ren belehrt worden wäre. Zuerst glaubte ich, dafs bei ihr die Peitsche gute Dienste leisten würde, und gab ihr eines Tages ganz im Stillen und unter vier Augen einige Streiche damit, weil ich die feste Ueberzeugung hatte, dafs hier die Sinnesart des weiblichen Geschlechtes im Spiele und die Hoffnung, durch prächtige Kleider, Glanz und Musik Aufsehn zu erregen, die eigentliche Ursache der Krankheit wäre. Aber wie erstaunte ich, als sie bei meiner Kur wie eine Leiche zu Boden fiel! Alle ihre Glieder, selbst die Finger, wurden steif und unbeweglich, 1) Sie war eine geborne Griechin. 60 so dafs ich wirklich glaubte, sie wäre todt, und sofort meinen Leuten im Hause bekannt machte, sie sei in Ohn- macht gefallen, wobei ich ihnen die Ursache dieses ver-. driefslichen Vorfalls verschwieg. Diese hatten aber schon, Spielleute in Bereitschaft, deren Beistand ich in den letz- ten Tagen entschieden verweigert hatte, die sie aber durch Musik bald wieder zu sich brachten. Ich liefs dann ihre Verwandten ihre Heilung auf die vorbeschriebene Art bewerkstelligen, wobei ich nur zu bedauern hatte, dafs eine längere Zeit, als bei der vorigen Kranken darüber hinging, und mir dadurch beträchtlichere Kosten verur- sacht wurden. Eines Tages suchte ich in Gesellschaft eines Gefährten meiner Frau unbemerkt so nahe zu kom- men, dafs ich sie tanzen sehen konnte, ohne mich unter die Gesellschaft zu mischen. WVie ich sie nun so sprin- gen, und mehr wie ein Tbier als wie ein menschliches Wesen sich geberden sah, so äufserte ich zu meinem Begleiter: „Dies ist gewils nicht meine Frau;“ worauf dieser in ein schallendes Gelächter ausbrach, von dem er sich bis zu unserer Rückkehr kaum erholen konnte. Männer werden, wie gesagt, seltener, aber doch zuweilen von dieser argen Krankheit befallen, die in den Provin- zen Amhara und Galla viel weniger häufig vorkommt, als in Tigre.“ So weit der ganz zuverlässige Pearce, dessen le- bendige Beschreibung den Ueberlieferungen der Vorzeit über den Veitstanz und den Tarantismus auch für dieje- nigen Bedeutung giebt, die an ein Erkranken des Geistes und Körpers von der beschriebenen Art nicht glauben wollen, weil auf der gegenwärtigen Bildungsstufe der eu- ropäischen Völker die Veranlassungen dazu nicht mehr vorkommen. Die Glaubwürdigkeit dieses lebenskräftigen und keinesweges ruhmsüchtigen Mannes ist nicht dem lei- sesten Verdachte ausgesetzt, denn er hatte bei seiner ge- ringen Bildung keine Kenntuifs von jenen Erscheinungen, \ 61 und auf jeder Seite seines Werkes spricht sich seine eben so anziehende als anspruchlose Unbefangenheit aus. Vergleichung ist die Mutter der Beobachtung, sie möge auch hier die eine Erscheinung durch die andere, das Vergangene durch das Bestehende erhellen. Will- kühr, Unsicherheit und Einflufs eines sehr rohen Priester- thums sind die mächtigen Ursachen, welche auf die Deut- schen und Italiener im Mittelalter so eingewirkt haben, wie sie auf die Abyssinier unserer Zeit noch fortwährend einwirken. So verschieden also auch diese Völker an Abkunft, Sitte und Gewohnheiten sein mögen, so sind doch die Wirkungen jener Ursachen in Europa und Afrika ganz dieselben, weil sie den Menschen an sich, abgesehen von der Eigenthümlickeit seines Wohnortes, in Anspruch nehmen, und der Zustand der jetzigen Abyssi- nier ist im Gebiete des Aberglaubens ein Spiegel des Zustandes der europäischen Völker im Mittelalter. Sollte diese Behauptung gewagt erscheinen, so möge sie ihre Bekräftigung darin finden, dafs in Abyssinien zwei Rich- tungen des Aberglaubens vorkommen, welche mit Er- scheinungen des Mittelalters, die der Tanzwuth gleichzei- tig waren, ganz genau übereinstimmen. Die Abyssi- nier haben ihre christlichen Geifseler, und es ist unter ihnen der Glaube an einen Zoomor- phismus verbreitet, der ein lebendiges Bild der mittelalterlichen Lycanthropie darstellt. Ihre Geilseler heilsen Zackarys, sie sind zu einer ab- geschlossenen christlichen Brüderschaft vereint, und ma- chen mit gewaltigem Lärm ihre Aufzüge durch Städte und Dörfer, indem sie sich blutig geifseln und mit Mes- sern verwunden !). Sie rühmen sich Abkömmlinge des nn 1) Ebend. p. 289. — Vergl.: Der schwarze Tod vom Verf. Berlin 1832. 8. S. 44. — E.G. Förstemann, Die christlichen Geißslergesellschaften. Halle 1828. 8. 62 heiligen Georg zu sein; gerade in Tigre, dem Vaterlande der abyssinischen Tanzwuth, sind sie am häufigsten, und haben hier in der Nähe von Axum eine eigene, ihrem Schutzheiligen Oun Arvel geweihete Kirche. Hier brennt eine ewige Lampe, von der sie den Glauben zu nähren wissen, dafs sie nicht von Menschen unterhalten werde, auch bewahren sie hier ein Weihwasser, das den von der Tanzwuth Befallenen heilsam sein soll. Der abyssinische Zoomorphismus ist eine nicht minder wichtige Erscheinung, und spricht sich auf eine ganz eigenthümliche Weise aus. Die Eisenarbeiter und Töpfer bilden bei den Abyssiniern eine kastenartige Zunft, in Tigre Tebbib, in Amhara Buda genannt, die in einer gewissen Verachtung steht, und von der Abend- mahlsfeier ausgeschlossen ist, weil man von ihnen glaubt, sie könnten sich in Hyänen und andere reifsende Thiere verwandeln, weshalb sie von jedermann gefürchtet und mit Grauen betrachtet werden. Sie wissen diesen Aber- glauben mit grofser Schlauheit zu unterhalten, weil er sie durch Absonderung in ihrem einträglichen Gewerbe schützt, und während sie übrigens gute Christen sind (nur wenige Juden und Muhamedaner leben unter ihnen) scheinen sie keinen grofsen Werth auf ihre Excommunication zu le- gen. Als Abzeichen tragen sie einen goldenen Ohrring, den man sehr häufig in den Ohren erlegter Hyänen fin- det, ohne dafs man jemals hätte entdecken können, wie sie diese Thiere einfangen, um sie mit dem seltsamen Schmuck zu versehen, der alle Zweifel än der unheimli- chen Natur der Schmiede und Töpfer vernichtet !). Au- {serdem schreibt man den Buda’s auch die Kraft der Bezauberung, vornehmlich der Erregung von Krankhei- ten durch Blicke ?) zu; dennoch leben sie unangefochten 1) Pearce a. a. O. 2) Bei den alten Griechen B«oxnoıs. Dieser Aberglaube findet sich mehr oder weniger ausgebildet bei allen Völkern der Welt, und ist hier und da in Europa noch nicht verschwunden. 63 und werden nicht von eifrigen Priestern auf den Schei- terhaufen gebracht, wie die Wehrwölfe im Mittelalter. IV. Spwpathie. Nachahmung, Mitleidenschaft, Sympathie — dies sind unvollkommene Bezeichnungen für ein gemeinsames Band aller menschlichen Wesen, für einen Trieb, der den Ein- zelnen an die Gesammtheit bindet, der mit gleicher Ge- walt Vernunft und Thorheit, Gutes und Böses umfalst, und den Ruhm der Tugend wie die Strafbarkeit des La- sters verringert. In diesem Triebe giebt es nur Abstu- fungen, keine wesentlichen Verschiedenheiten, von den er- sten geistigen Regungen des Kindes an, welche gröfsten- theils auf Nachahmung beruhen, bis zu dem seelenkran- ken Zustande hinauf, wo der sinnliche Eindruck von ei- nem Nervenübel den Geist fesselt, und durch die Au- gen unmittelbar seinen Weg in die erkrankenden Ge- webe findet, gleichwie der elektrische Schlag von Kör- per zu Körper durch Berührung sich fortpflanzt. Auf dieser höchsten Stufe gesellt sich dem Triebe der Nach- ahmung die Willenlosigkeit hinzu, die sich einfindet, sobald der sinnliche Eindruck Wurzel geschlagen hat, dem Zustande kleiner Thiere vergleichbar, wenn sie durch den Biick der Schlange gelähmt werden. Durch diese geistige Fessel unterscheidet sich die krankhafte Sympa- thie deutlich und bestimmt von allen untergeordneten Stufen jenes Triebes, so nahe verwandt auch die Nach- ahmung einer Krankheit mit der einer blofsen Thorbheit — einer widersinnigen Mode, einer hälslichen Angewöh- nung in Sprache und Haltung — oder auch einer ver- worrenen Denkweise, erscheinen möge, — Nachahmun- . gen, welche selbst in ihrer Richtung auf thörichtes und verderbliches Bestreben, die Selbstständigkeit der Mehr- zahl der Sterblichen in ein sehr zweifelhaftes Licht stel- 64 len, und ihren Verein zu einem gesellschaftlichen Gan- zen anschaulich machen. Der krankhaften Sympathie noch näher als die Nachahmung anlockender Thorheit, wie- wohl häufig mit einer guten Beimischung von der letzten, steht die Verbreitung grofser Leidenschaften, vornehmlich der religiösen und politischen, welche die Völker alter und neuer Zeit so mächtig erschüttert haben, und die „nach anfänglicher Verwilligung *)“ in gänzliche Willen- losigkeit und Seelenkrankheit übergehen können. Es, sei fern von uns, dieser Saite alle Töne entlocken zu wol- len, mit denen sie die innerste Natur der Sterblichen verkündigt, — die Kräfte möchten uns bei einem so grofs- artigen Gegenstande versagen; nur mit der krankhaften Sympathie haben wir es hier zu thun, auf deren Flügeln die Tanzwuth des Mittelalters zu einer wahren Volks- krankheit sich steigerte. Durch Vergleichung sie anschau- lich zu machen, mögen einige hervortretende Beispiele am Schlufs dieser Untersuchung ihre Stelle finden. 1. In einer englischen Spinnerei verfiel ein Mäd- chen in heftige Zuckungen, dem ein anderes aus Muth- willen eine Maus in den Busen gesteckt hatte. Die Kranke litt unter ihren Mitarbeiterinnen, vierundzwanzig Stunden lang ohne Nachlais. Am folgenden Tage ver- fielen drei andere Mädchen in dieselben Krämpfe, und am dritten Tage wieder sechs andere. Dies machte in der ganzen Anstalt, in der an dreihundert Menschen be- schäftigt waren, einen so grofsen Schrecken, dafs die Ar- beit ins Stocken gerieth. Zugleich verbreitete sich das Gerücht, dafs durch einen Ballen Baumwolle eine an- steckende Krankheit in die Anstalt gebracht worden sei, weshalb man am vierten Tage die Hülfe eines Arztes (Dr. Clare) in Anspruch nahm. Bevor dieser noch ankam, hatte sich die Zahl der Kranken wieder um drei ‘ und die Nacht darauf um elf vermehrt, so dafs also nun schon 1) Paracelsus. 6 schon vierundzwanzig von Zuckungen befallen waren. Unter diesen waren einundzwanzig Mädchen, die jüngsten beiden erst zehn Jahre alt, und nur ein Mann, der den Erkrankten mit vieler Theilnahme beigestanden hatte. Drei von den erkrankten Mädchen wohnten eine halbe Stunde, und noch drei andere anderthalb Stunden von dem Orte entfernt, wo die Krankheit ausbrach. Diese drei letzten und noch zwei andere hatten die Kranken gar nicht gesehen, sondern die Krämpfe nur nach der Erzählung des Vorfalls bekommen. Aufser den Zuckun- gen, die von einer Viertelstunde bis zu vierundzwanzig Stunden unausgesetzt fortdauerten, und bei einigen so heftig waren, dafs sie von vier oder fünf Leuten gehal- ten werden mufsten, damit sie sich nicht die Haare aus-, rissen, oder den Kopf an den Wänden zerstiefsen, lit- ten die Kranken noch an Angst, Beklommenheit und Er- stickungszufällen, den gewöhnlichen Merkmalen grofser Nervenaufregung. Die Heilung gelang sehr bald durch Electricität, die Krankheit verbreitete sich seit der An- kunft des Arztes nicht weiter, und schon sechs Tage ') nach dem Ausbruch des Uebels, das unter geeigneten Umständen grofse Fortschritte hätte machen können, wa- ren alle genesen ?), Dieser Vorfall zeichnet, sich dadurch aus, dafs bei den erkrankten Mädchen keine erhebliche Vorbereitung zu Krampfübeln stattfand, wenn man nicht ihr verküm- mertes Leben in den Arbeitssälen einer Spinnerei in An- schlag bringen will. Schwärmerei lag nicht zum Grunde, auch wird nicht bemerkt, dafs die Erkrankten mit ande- ren Nervenkrankheiten schon behaftet gewesen wären. In einem anderen, ganz ähnlichen Falle litten die Behaf- 1) Die Krankheit brach den 15. Februar 1787 aus. 2) Gentleman’s Magazine. 1787. Mart. — F. B. Osiander, Ueber die Entwickelungskrankbeiten in den Blüthenjahren des weib- lichen Geschlechts. Tübing. 1820. Bd. 1. S. 10. 5 66 teten alle an Nervenübeln, welche in ihnen die krank- hafte Sympathie beim Anblick einer von Zuckungen Be- fallenen steigerten. Es kann dieser mithin dem Erkran- ken der- Bau din am Tarantismus füglich zur Seite gesetzt werden. 2. Ein einundzwanzigjähriges durchaus rohes Mäd- chen von starkem Körperbau besuchte am l3ten Januar 1801 eine Kranke im Charitekrankenhause zu Berlin, wo sie früher an Brustentzündung und Starrkrampf behan- delt worden war, und stürzte beim Eintritt unter den heftigsten Zuckungen zusammen. Der Anblick ihrer ge- waltigen Verzerrungen versetzte sogleich sechs andere weibliche Kranke in einen gleichen Zustand, und nach und. nach wurden aufser diesen noch acht von den hef- tigsten Zuckungen befallen. Alle diese Kranken waren in dem Alter von 16 bis zu 25 Jahren, und litten ohne Ausnahme, die eine an Magenkrampf, die andere an Läh- mung, die dritte an Schlafsucht, die vierte an Krämpfen mit Bewulstsein, die fünfte an Starrkrampf, die sechste an Ohnmachten u. s. w. Die Zuckungen, die verschie- dentlich mit Starrkrämpfen abwechselten, waren mit Ver- lust der Sinnesthätigkeit verbunden, und es ging ihnen jedesmal Mattigkeit mit herabendein Schlaf voraus, der nach einer oder zwei Minuten die Anfälle zur Folge hatte, wobei zu bemerken ist, dafs bei allen Kranken ihre früheren Nervenübel, selbst Lähmungen, verschwan- den, nach erfolgter Beseitigung des neuen Leidens aber wieder hervortraten. Die Behandlung, während welcher zwei junge Krankenwärter ähnliche Anfälle erlitten, dauerte im Ganzen vier Monate, sie hatte guten Erfolg, und ge- lang besonders durch Opium, das damalige Lieblings- mittel ?). Nun kann jeder Enthusiasmus, jeder gewaltsame Af- 1) Die Beobachtung ist von Fritze. Hufeland’s Journal der practischen Heilkunde, Bd. XI. 1801. H.. 1. S. 110. 67 fect, jede heftige Leidenschaft zur Verzückung, zur See- lenkrankheit, zur Erschütterung der Nerven führen, vom Sitze des Geistes bis in die feinsten Enden der Mark- fasern. Die ganze Welt ist voll von Bildern so betrü- ‘ bender Zerrüttung, die sich durch Nachahmung unauf- haltsam fortpflanzt, wenn der Geist von der Gewalt des sinnlichen Eindrucks fortgerissen wird, die seine Freiheit vernichtet. Dann wird selbst nicht das eigene Leben ge- schont, sondern wie eine gejagte Heerde Schaafe dem ersten nach sich in den Abgrund stürzt, so eilen ganze Schaaren von Wahn berückter Enthusiasten dem selbst- bereiteten jähen Tode zu — von den pilesischen Jung- frauen bis zu den neueren Selbstmördervereinen !). Von allem enthusiastischen Wahn ist aber der religiöse der fruchtbarste an Krankheiten der Seele wie des Körpers, und diese verbreiten sich wieder von allen am leichte- sten durch Sympathie. Die Kirchengeschichte giebt un- zählige Belege hierzu, doch mögen wir nur in der neue- sten Zeit stehen bleiben. 3. In einer Methodisten - Kapelle zu Redruth rief während des Gottesdienstes ein Mann mit lauter Stimme: „Was soll ich thun, um selig zu werden;“ wobei er die gröfste Unruhe und Besorgnifs über seinen Seelenzustand zu erkennen gab. Einige andere Gemeindeglieder wie- derholten, seinem Beispiele folgend, denselben Ausruf, und schienen kurz darauf an den gröfsten Körperschmer- zen zu leiden. Dieser seltsame Vorfall wurde bald öf- fentlich bekannt, und Hunderte von Menschen, die von Neugierde getrieben, oder aus anderen Gründen ge- kommen waren, um die Erkrankten zu sehen, verfielen in denselben Zustand. Die Kapelle blieb einige Tage und Nächte offen, und von hier aus verbreitete sich die 1) Vergl. J. G. Zimmermann, Ueber die Einsamkeit. Leip- zig 1784. 8. Bd. II. Kap. 6. S. 77. — J. P. Falret, De Thypo- chondrie et du suicide. Paris 1822. 8. u. m. a. ; 5* 65 neue Krankheit mit Blitzesschnelle über die benachbar- ten Städte Camborne, Helston, 'Truro, Penryn und Fal- mouth, so wie über die naheliegenden Dörfer. Während sie so fortschritt, nahm sie in den Orten, wo sie sich frü- her gezeigt hatte, einigermalsen ab, beschränkte sich aber durchaus nur auf die Kapellen der Methodisten. Ueber- all wurde sie nur von jenen Worten angeregt, und er- griff nur Leute von der geringsten Bildung. Die Befal- lenen verriethen die gröfste Angst und verfielen in Zuk- kungen, andere schrieen wie besessen, der Allmächtige werde sogleich seinen Zorn über sie ausschütten, das Geschrei der gequälten Geister erfülle ihre Ohren, und sie sähen die Hölle offen zu ihrem Empfange. Sobald die Geistlichen während ihrer Predigten die Leute so ergriffen sahen, so redeten sie ihnen dringend zu, ihr Sündenbekenntnifs zu verstärken, und bemühten sich eif- rig sie zu überzeugen, dafs sie von Natur Feinde Christi seien, dafs Gottes Zorn deshalb über sie komme, und dafs, wenn der Tod sie in ihren Sünden überrasche, die ewige Qual der Höllenflammen ihr Antheil sein würde. Die überspannte Gemeinde wiederholte dann ihre Worte, und natürlich mufste dies die Wuth der Zuckungsanfälle steigern. Wenn nun die Predigt ihre Wirkungen gethan hatte, so veränderten die Geistlichen den Inhalt ihrer Rede, erinnerten die Verzückten an die Kraft des Hei- landes wie an die Gnade Gottes, und schilderten ihnen mit glühenden Farben die Freuden des Himmels. Hier- auf erfolgte früher oder später eine auffallende Sinnes- änderung; die Verzückten fühlten sich aus dem tiefsten Abgrunde des Elends und der Verzweiflung zur höchsten Glückseligkeit erhoben, und riefen triumphirend aus, dafs ihre Banden gelöset, ihre Sünden vergeben, und sie in _ die wundervolle Freiheit der Kinder Gottes versetzt seien. Ihre ‚Zuckungen dauerten indessen fort, und sie blieben während dieses Zustandes jedem irdischen Gedanken so unzugänglich, dafs sie von krampfhaften Bewegungen ohne 69 Nachlafs erschüttert, und ohne Nahrung zu sich zu neh- men oder auszuruhen, zwei bis drei Tage und Nächte lang in den Kapellen verweilten. Nach einer mäfsigen Berechnung wurden von dieser Verzückung binnen sehr kurzer Zeit an viertausend Menschen befallen. ' Verlauf und Erscheinungen der Anfälle waren im Allgemeinen folgende: Zuerst trat ein Gefühl von Ohn- macht, mit Kälte, und Schwere in der Magengegend ein, bald darauf schrieen die Kranken wie in groflser T'odes- angst, die Weiber fast so wie Gebärende. Dann zeig- ten sich die Zuckungen zuerst in den Augenmuskeln, doch wurden die Augen bald starr und unbeweglich. Jetzt folgte eine höchst‘ widrige Verzerrung des Gesichtes, und nun nahmen die Zuckungen ihre Richtung abwärts, so dafs die Muskeln des Halses und des Stammes ergriffen wurden, wobei die Kranken mit grofser Anstrengung und mit Schluchzen athmeten. Zu gleicher Zeit schüttelten sie sich und zitterten, schrieen entsetzlich und warfen den Kopf von einer Seite zur andern. Bekam das Uebel mehr Gewalt, so ergriff es die Arme, die Kranken schlu- gen sich gegen die Brust, falteten die Hände, und mach- ten die mannigfaltigsten Geberden. Der Beobachter, der von dieser Verzückung Bericht erstattet, bemerkte nie- mals, dafs auch die Schenkel mit ergriffen wurden. In einigen Fällen trat schon nach wenigen Minuten Erschö- pfung ein, gewöhnlich aber dauerte der Anfall weit län- ger, ja man hat ihn selbst siebzig bis achtzig Stunden lang dauern sehen. Viele von denen, die beim Eintritt des Anfalls safsen, beugten während desselben ihren Kör- per rasch vorwärts und rückwärts, mit entsprechenden Be- wegungen der Arme, wie jemand der Holz sägt. An- dere jauchzten, sprangen umher, und zerrten ihren Kör- per in jede nur mögliche Stellung, bis ihre Kräfte sich erschöpft hatten. Gähnen zeigte sich anfangs bei allen; mit zunehmender Heftigkeit des Uebels wurden jedoch Kreislauf und Athmen beschleunigt, so dals auch das Ge 70 sicht ein geschwollenes und aufgetriebenes Ansehn erhielt. Trat Erschöpfung ein, so wurden die Verzückten gewöhn- lich ohnmächtig, und blieben dann bis zu ihrer Erholung in einem starren und bewegungslosen Zustande. Die Krankheit war dem Veitstanze durchaus ähnlich, nur stei- gerten sich die Anfälle zuweilen zu einer aufserordentli- chen Heftigkeit, so dafs einstmals der Berichterstatter eine von den Zuckungen ergriffene Frau vier oder fünf star- ken Männern, die sie halten wollten, widerstehen sah. Ueberhaupt wurden die Kranken, die nie das Bewufst- sein verloren, bei jedem Versuche sie gewaltsam zu be- ruhigen, nur noch wüthender, weshalb man sie meistens gewähren liels, bis die Natur von selbst Erschöpfung herbeiführte. Nach den Anfällen klagten die Behafteten über grölsere oder geringere Ermattung, auch fehlte es nicht an Fällen von Uebergang in andere Krankheiten. So verfielen nicht wenige in Melancholie, die sich jedoch in Folge der religiösen Ecstase durch die Abwesenheit von Furcht und Verzweiflung auszeichnete, und bei einem Kranken soll sogar Hirnentzündung entstanden sein. Kein Geschlecht, kein Alter blieb von diesem epidemischen Nervenübel verschont; fünfjährige Kinder wie achtzigjäh- rige Greise sah man von ihm ergriffen werden, auch wa- ren ihm Männer von kräftigem Körperbau unterwor- fen; am meisten aber erkrankten Mädchen und junge Frauen !). 4. Seit hundert Jahren erhält sich ein ganz ähnli- ches Nervenleiden auf den shetländischen Inseln, das als ein denkwürdiges Beispiel langdauernder sympathischer Fortpflanzung dieser Art von Krankheiten, vielleicht als das einzige gegenwärtiger Zeit, der Aufmerksamkeit der 1) Die Beobachtung ist von J. Cornish. S. Fothergill’s and Want’s medical and physical Journal. Vol. XXXI. 1814. p. 373— 79. Ueberseizt in Nasse’s Zeitschrift für psychische Aerzte. ‘ Bd. I. Leipz. 1818. 8. S. 255. 71 Beobachter empfohlen werden darf. Der Ursprung des Uebels war sehr unbedeutend. Eine epileptische Frau bekam in der Kirche einen Anfall, und war es nun die Spannung der (emüther durch die Andacht, oder mitlei- dige Theilnahme der Zuschauer, die sich in den Anblick der heftigen Zuckungen versenkten, — genug es klagten bald viele Frauen und Kinder über Herzklopfen mit nach- folgender Ohnmacht, die in einen regungslosen, wahr- scheinlich starrsüchtigen Zustand überging. Diese Erschei- nungen dauerten über eine Stunde, und mögen häufig genug wiedergekehrt sein; im Verlaufe der Zeit nahm aber das Uebel eine andere Wendung. Frauen, die jetzt noch damit behaftet sind, fallen plötzlich zu Boden, wer- fen ihre Arme umher, krümmen und winden sich, drehen den Kopf schnell von einer Seite zur andern, und star- ren Blickes erheben sie ein entsetzliches (Geschrei. Wer- den sie von dieser Krankheit während einer öffentlichen Lustbarkeit befallen, so mischen sie sich, wenn die Kräm- pfe vorüber sind, wieder unter die Gesellschaft, und setzen ihre Vergnügungen fort, als wenn nichts vorgefallen wäre. Anfälle dieser Art kamen sonst vorzüglich wäh- rend der heilsen Sommermonate vor, und vor ungefähr funfzig Jahren verging fast kein Sonntag, an dem sich nicht die Krämpfe bemerklich machten, auch wurden sie durch heftige Leidenschaften und religiöse Schwärmerei hervorgerufen; aber wie allen falschen Zeichen von gött- licher Einwirkung, so liefs sich auch ihnen leicht durch veränderte Gemüthsstimmung, besonders durch Erre- gung des Schaamgefühls entgegen arbeiten. Eben des- halb hat aber auch jeder verständige Geistliche die Krank- heit in seiner Gewalt, wenn er mit krankhaften Stimmun- gen überhaupt umzugehen, und seiner Gemeinde die Thor- heit, einer leicht zu besiegenden Sympathie willkührlich nachzugeben, oder Anfälle durch Affectation herbeizufüh- ren, recht anschaulich zu machen weils. Ein einsichts- voller und frommer shetländischer Prediger erzählte dem 72 Arzte, der über diese Krankheit als Augenzeuge berich- tet, da die oftmaligen Störungen des Gottesdienstes durch jene Krampfanfälle ihm in der ersten Zeit seiner Amts- verrichtungen sehr unangenehm gewesen wären, so habe er ihnen durch die Versicherung vorgebaut, es gäbe kein wirksameres Verfahren dagegen, als das Eintauchen in kaltes Wasser; es wären auch Leute von ihm in Bereit- schaft gestellt worden, welche die in der Kirche von Krämpfen Befallenen sogleich in den benachbarten See hätten tragen sollen. Dies Mittel übertraf seine Erwar- tungen, denn die Furcht, aus der Kirche ins Wasser ge- tragen zu werden, wirkte wie ein Zauber, so dafs nicht ein einziger Krampfkranker untergetaucht zu werden brauchte, und die Gemeinde fortan zu den ehrsamsten auf den shetländischen Inseln gehörte. Als jener Arzt dem Gottesdienste in der Kirche von Baliasta auf der Insel Unst beiwohnte, liefs sich ein durchdringender Schrei von einer in Krämpfe verfallenen Frau vernehmen. Der Prediger, Hr. Ingram von Fetlar, hielt sogleich inne, bis die Störerin hinausgebracht war, forderte alle, die einen ähnlichen Anfall zu bekommen fürchteten auf, die Kirche zu verlassen, und liefs sogleich einen Psalm an- stimmen. So wurde die Gemeinde gegen weitere Unter- brechungen geschützt, doch blieb die Wirkung der Sym- pathie nicht aus, denn als der Berichterstatter die Kirche verliefs, so sah er einige Frauen, welche die Furcht vor einer Strafpredigt verjagt hatte, in gewaltigen Zuckungen auf dem Rasen liegen !). An dieser, "ohne Zweifel noch fortbestehenden Krank- heit hatte die Schwärmerei gewils nur einen geringern Antheil, als die Reizbarkeit kränklicher Frauen, welche nur irgend einer Anregung bedarf, um in das herrschende —— m nn 1) Samuel Hibbert, Description of the Shetland Islands, comprising an account of their geology, scenery, antiquities and su- “ perstitions. Edinburgh 1822. 4. p. 399. Nervenleiden auszubrechen. Wo nun aber jene mäch- tige Ursache von Nervenkrankheiten sich geltend macht, da sehen wir auch noch viel gröfsere Erscheinungen sich entwickeln, und es kommt dann auch nur auf den geisti- gen Zustand der Völker an, bei denen sie sich zeigen, ob sie in ihrer Verbreitung enge oder weite Gränzen ‚finden, ob sie in einem kleinen Verein von Ueberspann- ten spurlos wieder verschwinden, oder selbst historische Bedeutung erlangen sollen. 5. Das Erscheinen der Gonvulsionairs in Frank- reich, dessen Bewohner bei der leichtern Beweglichkeit ihres Blutes dem Fanatismus :m Allgemeinen weniger hold gewesen sind, ist in dieser Beziehung beachtenswerth und belehrend. Im Jahr 1727 starb in der Hauptstadt dieses Landes der Diakonus Päris, ein eifriger Gegner der Ul- tramontanen, als die französische Kirche durch die Bulle „Unigenitus“ in Zwiespalt gerathen war. Man besuchte häufig sein Grab auf dem Kirchhofe Saint-Medard, und vier Jahre darauf (im September 1731) verbreitete sich das Gerücht, es geschähen hier Wundexe Kranke verfie- len in Zuckungen und Starrkrämpfe, wälzten sich wie Be- sessene auf dem Boden, warfen Kopf und Glieder ge- waltsam umher, und geriethen in grofse Beklemmung mit unregelmäfsig beschleunigtem Pulsschlage. Ganz Pa- ris nahm Antheil an dieser neuen Begebenheit, und täg- lich strömte eine grofse Volksmenge nach jenem Kirch- hofe, um des wundersamen Schauspiels ansichtig zu wer- den, das die Ultramontanen sofort für ein Werk des Sa- tans, ihre Gegner aber für göttliche Einwirkung erklär- ten. Die Krankheit steigerte sich bald bis zum Schlaf- wachen nervenkranker Weiber, einer damals noch unbe- kannten Erscheinung, wie denn besonders eine Frau Auf- sehn erregte, die mit fest verbundenen Augen, und wie man glaubte vermittelst des Geruches, jede ihr vorgelegte Schrift las, und den Charakter unbekannter Personen er- kannte. Alsbald wurde nun auch die Erde vom Grabe 74 des Geistlichen für wunderthätig gehalten, man. schickte davon vielen entfernten Kranken, damit sie dadurch ge- nesen sollten, und so verbreitete sich das Nervenübel weit über das Gebiet der Hauptstadt hinaus, so dafs man zu einer Zeit über 800 entschiedene Convulsionairs zählte, die sich schwerlich so bedeutend vermehrt haben wür- den, wenn nicht von Ludwig XV. die Schliefsung des Kirchhofes befohlen worden wäre !). Die Krankheit selbst gestaltete sich verschiedenartig, und steigerte durch ihre Zufälle die allgemeine Aufregung. Viele empfanden zugleich mit den Zuckungen heftige Schmerzen, welche den Beistand ihrer Glaubensbrüder erheischten; aus diesem Grunde nannte man sie und die Hülfeleistenden gemeinschaftlich Secouristen. Diese Hülfleistungen waren im Allgemeinen sehr roh, und sie stimmen recht auffallend mit denen überein, die man den Johannistänzern und den am Tarantismus Erkrankten an- gedeihen liefs. Man schlug und stiefs ihnen nämlich ver- schiedene Theile des Körpers mit Steinen, Hämmern, De- gen, Stücken Hialz und dergl., wovon die Vertheidiger dieser wunderlichen Sekte recht auffallende Beispiele er- zählen, zum sichern Beweise, dafs der grobe Schmerz bei dieser Art Nervenkrankheiten als wirksame Ableitung von der Natur gebieterisch gefordert wird. Der Holz- scheite bedienten sich die Secouristen auf ähnliche Weise, wie die Pflasterer ihrer Rammen, und es wird erzählt, dafs einige Krampfsüchtige täglich wohl 6 bis 8000 Stöfse damit ohne Gefahr ausgehalten haben ?). Ein Secourist a ng 1) Bei dieser Gelegenheit trug man sich mit den Versen: „De par le Roi, defense & Dieu De faire miracle en ce lieu.“ 2) Man nannte diese Art von Beistand die „grands secours.“ — Boursier, M&moire theologique sur ce qu’on appelle les secours violens dans les convulsions. Paris 1788. 12. — Viele Convulsio- nairs erkrankten durch diese sonderbaren Mifshandlungen, ein Domi- nikaner starb sogar daran; doch wurden Fälle dieser Ari sorgfältig he 75 heilte ein am Magenkrampf leidendes Madchen mit hef- tigen Faustschlägen auf die Herzgrube, ähnlicher Fälle nicht zu erwähnen, die in grofser Zahl hier und dort vorkamen. Zuweilen wurden die Krampfsüchtigen von den Zuckungen : wie springende Fische emporgeschnellt, und dies fand späterhin so häufige Nachahmung, dafs die Frauen und Mädchen, wenn sie so gewaltige Bewegun- gen erwarteten, und nicht unzüchtig erscheinen wollten, sich mit sackförmig schliefsenden Röcken bekleideten. Erlitten sie beim Niederfallen Quetschungen, so heilte man diese mit Erde vom Grabe des nicht canonisirten Heiligen, gewöhnlich entwickelten sie aber dabei eine grofse Geschicklichkeit, und es ist kaum nöthig zu be- merken, dafs vorzüglich das weibliche Geschlecht sich durch allerhand Sprünge und fast unglaubliche, Windun- gen des Körpers auszeichnete. Einige drehten sich mit unbegreiflicher Schnelligkeit auf den Fülsen, wie man dies von den Derwischen erzählt, andere rannten mit dem Kopf gegen die Wände, oder krümmten den Körper wie 'Seiltänzerinnen, so dafs die Fersen die Schultern be- rührten. Dies alles artetete endlich in offenbaren Wahnsinn aus. In Vernon liefs eine Krampfsüchtige von ehedem ziemlich lockerem Lebenswandel die Männer beichten, anderswo sah man Frauen dieser Sekte Priestern Buls- übungen auferlegen, wobei diese vor ihnen niederknieen mulsten. Andere spielten mit Kinderklappern, oder zo- gen kleine Wagen, und gaben diesen Kindereien sym- bolische Bedeutung !), Eine Krampfsüchtige machte. so- verschwiegen. S. Renault (Pfarrer in Vaux bei Auxerre T 1796.) Le secourisme detruit dans ses fondemens. 1759. 12., und Le My- stere d’iniquite. 1788. 8. 1) Arouet, der Vater Voltaire’s, besuchte in Nantes eine berühmte Krampfsüchtige (Gabrielle Mollet), die er beschäftigt fand, die Schellen von Kinderklappern abzureilsen, um damit die Ver- 76 gar die Pantomime des Bartscheerens, und katechisirte dabei, um dem Wunderthäter Päris nachzuahmen, der während dieser Verrichtung und über Tische zu predigen pflegte. Andere liefsen sich ein Brett quer über den Leib legen, und eine ganze Reihe Männer sich darauf stellen, und wie denn in diesem widrigen Zustande hef- tiger Schmerz eine Art von Wollustgefühl gewährt, so sah man auch Krampfsüchtige, die sich den Busen mit Zangen gewaltsam zwicken liefsen, während andere mit zugebundenen Röcken sich auf den Kopf stellten, und län- gere Zeit so aushielten, als dies Gesunden möglich ist. Der Advokat Pinault, der zu dieser Sekte gehörte, bellte täglich einige Stunden lang wie ein Hund, und auch dies fand Nachahmung unter den Gläubigen. Der Wahnsinn der Convulsionairs dauerte obne Un- terbrechung bis 1790, und hat in diesen neunundfunfzig Jahren betrübendere Erscheinungen hervorgerufen, als die erleuchteten Geister des achtzehnten Jahrhunderts zuge- stehen möchten. Die niedrigste Unsittlichkeit fand in den heimlichen Zusammenkünften der Gläubigen eine sichere Freistätte, und in ihren sinnverwirrenden Andachtübun- gen einen bequemen Deckmantel. Es frommte nicht, dafs die „grands secours“ i. J. 1762 durch eine Parlaments- acte verboten wurden, denn man betrieb dieses Werk von nun an heimlich und mit um so gröfserem Eifer; auch war es vergeblich, dafs einige Aerzte, wie selbst der gallsüchtig fromme Hecquet ') und nach ihm Lorry ?) das Treiben der Convulsionairs aus natürli- chen Ursachen erklärten. Ausgezeichnete Männer aus den gebildeten Ständen, wie der Parlamentsrath Mont- — werfung der Ungläubigen zu bezeichnen Sie sprang zuweilen ins Wasser und bellte wie ein Hund. Sie starb 1748. 1) J. Phil. Heequet (f 1737), Le naturalisme des convulsions. Soleure 1733. 8. 2) De melancholia et morbis melancholicis. Paris 1765. 2 Voll. 8. 2 geron und der Geistliche Lambert (+ 1813) warfen sich zu Vertheidigern dieser Sekte auf, und die zahlrei- chen Schriften, die gewechselt wurden '), befestigten die- selbe durch die ihr beigelegte Wichtigkeit. Endlich er- schütterte die Revolution das Gebäude dieser verderbli- chen Mystik, ohne es jedoch zu zerstören. Denn selbst während der gröfsten Aufregung wurden die heimlichen Zusammenkünfte nicht unterlassen, prophetische Bücher vielgenannter Convulsionairs erschienen noch in der neue- sten Zeit, und: noch vor wenigen Jahren (1828) erhielt ı sich die einst berühmte Sekte, wenn auch ohne Zuckun- gen und den wunderlich rohen Beistand der Glaubens- brüder, der mitten unter den hochgepriesenen Erschei- ‚nungen französischer Aufklärung recht lebhaft an das fin- stere Jahrhundert der Johannistänzer erinnert ?). 6. Aehnliche fanatische Sekten bieten bei allen Völ- kern alter und neuer Zeit dieselben Erscheinungen dar. Die überspannte Andächtelei ist schon an sich, und von dem ärztlichen Standpunkte betrachtet, ein zerrüttender ' Sinnesreiz, der den Menschen aus dem lichten Kreise der freien geistigen Wirksamkeit hinwegzieht, und die ver- derblichsten Regungen recht eigentlich begünstigt. Sinn- liche Triebe mit ziemlich derbem Nervenkitzel finden sich über kurz oder lang ein °), und nur allzuhäufig sind 1) Besonders von 1784 bis 1788. 2) S. Gregoire, Histoire des sectes religieuses.. Tome I. ‚ Chap. 13. p. 127. Paris 1828. 8. — Beachtenswerth sind folgende ’Worte dieses verdienstvollen Gelehrten über den geistigen Zustand seiner Landsleute: „L’esprit public est dans un £tat de fluctuation perseverante; des ames fletries par l’&goisme n’ont que le caractere de la servitude; l’öducation vicice ne forme guere que des &tres degrades; la religion est meconnue ou mal enseignee; la nation presente des symptömes alarmans de sa decr£pi- tude, et pr&sage des malheurs dont on ne peut calculer l’&tendue ni la duree.“ p. 161. | 3) Beweise siehe bei Osiander, Entwickelungskrankheiten, aa. ©. S. 45. 78 Wahnsinn, selbstmörderischer Lebensüberdrufs und un- heilbare Nervenkrankheiten ?!) die Folgen eines verschro- benen und selbst heuchlerischen Bestrebens, das sich im Alterthum in den Versammlungen der Mänaden und Ko- rybanten, so wie bei den Christen und Muhamedanern von jeher unter dem Scheine der Religion geltend zu machen wufste. Die englischen Methodisten übertreffen in einigen ihrer Verzweigungen wo möglich noch die französischen Convulsionairs, vornehmlich können hier noch die zu ih- nen gehörigen Jumpers erwähnt werden, bei denen die Gränzen zwischen religiöser Ecstase und ausgebildeter Nervenkrankheit noch schwerer zu ziehen sind, als in dem oben angegebenen Beispiel, die Sympathie aber viel- leicht noch verderblicher wirkt, als in anderen überspann- ten Vereinen. Die Sekte der Jumpers oder Springer wurde 1760 in Cornwallis von zwei Fanatikern ?) ge- stiftet, welche sich schon damals einen grofsen Anhang zu verschaffen wufsten. Ihre Lehre ist die der Metho- disten überhaupt, und kommt hier nicht weiter in Be- tracht, als dafs. sie ihnen gebietet, während ihrer Andacht- übungen sich in Verzückung zu versetzen, was sie denn auch auf eine höchst seltsame Weise zu bewirken wis- sen. Wenn sie sich nämlich durch gewisse Worte, die nichts weniger als bedeutsam sind, in einen Zustand von andächtigem Rausch versetzt haben, in dem sie ihrer Sinne kaum noch mächtig erscheinen, fangen sie an mit wun- derlichen Geberden zu springen, und wiederholen dies mit dem höchsten Aufwand ihrer Kräfte, bis zur Erschö- pfung, so dafs nicht selten Frauen, die sich dieser An- dachtübungen wie Mänaden befleilsigen, ohnmächtig aus 1) Perfect führt unter 108 Irren elf Fälle von Manie und me- thodistischer Schwärmerei an, von denen neun sich mit Selbst- mord endigten. Annales of insanity. London 1808. 8. 2) Harris Rowland und William Williams, 79 ihrer Mitte weggetragen werden, während die tibrigen 'Gemeindeglieder auf meilenlangen Heimwegen die Vor- übergehenden durch den Anblick einer so dämonischen Raserei erschrecken. Es sind immer nur einige Ver- zückte, die durch ihr Beispiel zum Springen auffordern, dann folgt ihnen der grölste Theil der Versammlung, so dafs diese Zusammenkünfte der Jumpers einige Stunden lang mehr den wildesten Orgien, als Vereinen zu christ- licher Erbauung gleichen '). In den Vereinigten Staaten von Nordamerika beste- hen Methodisten-Gemeinden schon seit etwa sechzig Jah- ren. Die Berichte zuverlässiger Augenzeugen über ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte im Freien (Camp-mee- tings), zu denen von fernher viele Tausende zusammen- strömen ?), ühersteigen in der That allen Glauben. Denn nicht genug, dafs sich hier aller Wahnsinn der französischen Convulsionairs und der englischen Jumpers wiederholt, die Zerrüttung des Geistes und der Nerven erreicht in diesen Zusamenkünften noch höhere Stufen. Man hat "Frauen, der Ecstase und gewaltigen Krämpfen unterlie- gend, Fehlgeburten thun, und andere sich vor aller Welt entkleiden und in die Flüsse springen sehen; zu Hun- derten fallen sie, von Raserei und Krämpfen aufgerieben, in Ohnmacht ?), und von den Nachahmern des Hunde- gebells, die bei den Convulsionairs nur in einzelnen Fällen vollendeter Geisteszerrüttung vorkamen, gewahrt i) John Evans, Sketch of the denominations of the christian world. 13th edition. London 1814. 12. p. 236. — Vergl. Gregoire a. a. OÖ. Tome IV. Chap. 13. p. 483. 2) In Kentucky haben oft Versammlungen von 10 bis 12,000 stattgefunden. Aufserdem sind Virginien, Nord - Carolina, Tennessee und New-York die Schauplätze dieser Zusammenkünfte. Gregoire, Tome IV. p. 496. 3) Ein Reisender sah bei einem grofsen Camp-meeting über 800 Ohnmächtige. Ebend. Nirgends ist Selbstmord aus Daemonomanie häufiger, als in Nordamerika. X. 80 man ganze Schaaren, auf allen Vieren laufend und knur- rend '), als wollten sie auch äufserlich die entsetzliche Herabwürdigung ihrer Menschennatur zu erkennen geben. Die Kinder sind bei den Camp-meetings Zeugen dieser wahnsinnigen Begeisterung, und wie denn ihre weichen Nerven der Sympathie am leichtesten zur Beute werden, so verfallen sie zugleich mit ihren Aeltern in heftige Krämpfe, von deren Bedeutung sie nichts wissen, und viele von ihnen behalten für Zeitlebens irgend eine ge- waltige Nervenkrankheit, die von Schreck und grofser Aufregung entstanden, vor keines Arztes Kunst zurück- weicht ?). Doch nun genug von diesen Ausschweifungen, die noch in unseren Tagen den Quell des Lebens so vieler Tausende trüben, und den Völkern des neunzehnten Jahr- hunderts dasselbe Schreckbild von Zerrüttung des Gei- stes zeigen, wie einst der St. Veitstanz dem finstern Mit- telalter. 3 1) Ebend. p. 498. Dies sind die Barkers, Beller. Noch an- dere krampfsüchtige Methodisten-Sekten giebt es in Nordamerika in grofser Menge. Die der Ehe feindlichen Shakers würden erwähnt worden sein, wenn nicht ihre Verzückungen viel unbedeutender, als die der Jumpers wären. Vergl. Gr&goire, T. V. p. 195., Evans, p. 267. 2) Vergl. Perrin du Lac, Voyages dans les deux Louisianes. Paris 1805. 8. Chap. IX. p. 64. 65. Chap. XVII. p. 128. 129. — Michaud, Voyages ä l’ouest des monts Alleghanys. Paris 1804. 8. p- 212. — John Melish, Travels in the United States of America. Philadelphia 1812. 8. T. I. p. 26. — Lambert, Travels through Canada and the United States. London 1810. 8. T. IH. p. 44. — John Howison, Skeiches of upper Canada. Edinburgh 1822. 8. p. 150. — Edw. Allen Talbot, Cing annees de residence au Ca- nada. Paris 1825. 8. T. II. p. 147. Ft Bi Eu eh, Petri de Herentals, Prioris Floreffiensis Vita Gregorii XI., in Stephan. Baluzii Vitae Paparum Avenionensium. T. 1. Paris 1693. 4. p. 483. Ejus tempore, videlicet A. D. MCCCLXXV mira secta tam virorum quam mulierum venit Aquisgrani de‘ parti- bus Alamanniae, et ascendit usque Hanoniam seu Fran- ciam, cujus talis fuit conditio. Nam homines utriusque sexus illudebantur a daemonio, taliter quod tam in domi- bus quam in plateis et in Ecclesiis se invicem manibus tenentes chorizabant et in altum saltabant, ac quaedam nomina daemoniorum nominabant, videlicet Friskes et similia, nullam cognitionem in hujusmodi chorizatione nec verecundiam sui propter astantes populos habentes. Et in fine hujus chorizationis in tantum circa pectoralia tor- quebantur, quod nisi mappulis lineis a suis amicis per medium ventris fortiter stringerentur, quasi furiose clama- bant se mori. Hi vero in Leodio per conjurationes sum- ptas de illis quae in catechismo ante baptismum fiunt, a daemonio liberabantur, et sanati dicebant, quod videba- tur eis quod in hora hujus chorizationis erant in fluvio sanguinis, et propterea sic in altum saltabant. Vulgus autem apud Leodium dicebat quod hujusmodi plaga populo contigisset eo quod populus male baptizatus erat, maxime a Presbyteribus suas te- nentibus concubinas. Et propter hoc proposuerat vulgus insurgere in clerum, eos occidendo et bona eorum diri- piendo, nisi Deus de remedio providisset per conjuratio- 6* 84 nes praedictas. (Quo viso cessavit tempestas vulgi taliter quod clerus multo plus a populo fuit honoratus. De ista autem chorizatione seu secta talia extant rigmata: Oritur in seculo nova quaedam secta In gestis aut in speculo visa plus nec lecta. Populus tripudiat nimium saltando. Se unus alteri sociat leviter clamando. Frisch friskes cum gaudio clamat uterque sexus Cunctus manutergio et baculo connexus. Capite fert pelleum desuper certum. CGernit Mariae filium et caelum apertum. Deorsum prosternitur. Dudum fit ululatus. Calcato ventre cernitur statim liberatus. Vagatur loca varia pompose vivendo. Mendicat necessaria propriis parcendo. ; Spernit videre rubea et personam flentem. - Ad fidei contraria erigit hic gens mentem. Noctis sub umbraculo ista perpetravit. Cum naturali baculo subtus se calcavit. Clerum habet odio. Non curat sacramenta; Post sunt in Leodio remedia inventa, Hanc nam fraudem qua suggessit sathan est convictus. Conjuratus evanescit. Hinc sit Christus benedictus. EL. Jo. Pistorii Rerum familiarumque Belgiearum Chronicon magnum. Francof. 1654. fol. p. 319. De chorisantibus. Item Anno Dn. MCCCLXXIV. tempore pontificatus venerabilis Domini Joannis de Arckel Episcopi Leodien- sis, in mense Julio in crastino divisionis Apostolorum visi sunt dansatores scilicet chorisantes, qui postea venerunt Trajectum, Leodium, 'Tungrim et alia loca istarum‘ par- tium in mense Septembri. Et coepit haec daemoniaca ee | 85 “ pestis vexare in dietis locis et circumvicinis masculos et foeminas maxime pauperes et levis opiniönis ad magnum omnium terrorem; pauci clericorum vel divitum sunt ve- xati. Serta in capitibus gestabant, circa ventrem mappa cum baculo se stringebant circa umbilicum, ubi post sal- tationem cadentes nimium torquebantur, et ne creparen- tur pedibus conculcabantur, vel contra creporem cum ba- colo ad mappam duriter se ligabant, vel cum pugno se trudi faciebant, rostra calceorum aliqui clamabant se ab- horrere, unde in Leodio fieri tunc vetabantur. Ecclesias chorisando occupabant, et crescebant numerose de mense Septembri et Octobri, processiones fiebant ubique, litaniae et missae speciales. Leodii apud Sanctam crucem scho- laris servitor in vesperis dedicationis, coepit ludere cum thuribulo, et post vesperas fortiter saltare. Evocatus a pluribus, ut diceret Pater noster, noluit, et Credo respon- dit in diabolum. Quod videns capellanus, allata stola conjuravit eum per exorcismum baptizandorum, et statim dixit: Ecce inquit, scholaris recedit cum parva toga et calceis rostratis. Dic, tunc inquit, Pater noster et Credo. At ille utrumque dixit perfecte et curatus est. Apud Har- stallium uno mane ante omnium Sanctorum, multi eorum ibi congregati consilium habuerunt, ut pariter venientes omnes canonicos, presbyteres et clericos Leodienses oc- ciderent. Canonicus quidam parvae mensae minister Si- mon in claustro Leodiensi apud capellam Beatae virgi- nis, in Deo confortatus, scalam projecit in collum unius, dicens Evangelium: In principio erat verbum super ca- put ejus, et per hoc fuit liberatus, et pro miraculo sta- tim fuit pulsatum. Apud S. Bartolomaeum Leodü, prae- sentibus multis, cuidam alii exorcisanti respondit daemon: Ego exibo libenter. Expecta inquit presbyter, volo tibi loqui. Et postquam aliquos alios curasset, dixit illi, lo- quere tu personaliter et responde mihi. Tum solus re- spondit daemon: Nos eramus duo, sed socius meus ne- quior me, ante me exivit, habui tot pati in hoc corpore, ER ER 86 : si essem extra, nunquam intrarem in corpus Christianum. | Cui presbyter: @Quare intrasti corpora talium persona- rum? BRespondit: Clerici et presbyteres dicunt tot pul- chra verba et tot orationes, ut non possemus intrare cor-. pora ipsorum. Si adhuc fuisset expectatum per quinde- nam vel mensem, nos intrassemus corpora divitum, et postea principum, et sic per eos destruxissemus clerum. Et haec fuerunt ibi a multis audita et postea a multis narrata. Haec pestis intra annum satis invaluit, sed po- stea per tres aut quatuor annos Omnino cessavit. | ZEE. Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel. Marburg 1828. 8. S. 71. Anno 1374 zu mitten im Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und sonderlich in Teut- schen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel, also dafs Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stun- den je zwey gegen ein, und tantzeten auff einer Stätte einen halben Tag, und in dem Tantz da fielen sie etwan offt nieder, und liessen sich mit Füssen tretten auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dafs sie genesen wä- ren. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dals man zu Cölln in der Stadt mehr dann fünff hundert Täntzer fand. Und fand man, dafs es eine Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dafs ihr ein Theil Frau und Mann in Unkeuschheit moch- ten kommen, und die vollbringen. Und fand man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die nicht eheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey Kinder-tragend, und wann dafs sie tanizeten, so bunden und knebelten sie sich hart um den Leib, dafs 87 sie desto geringer wären. Hierauff sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dafs ein Theil wur- den tantzend, die von heisser Natur wären, und von an- dern gebrechlichen nätürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das geschahe. Die Meister von der hei- ligen Schrift, die beschwohren der Täntzer ein Theil, die meynten, dafs sie besessen wären von dem bösen Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn Wochen in diesen Landen oder in der Mafs. Auch nahmen die vorgenannten Täntzer Mann ‚und Frauen sich an, dafs sie kein roth sehen möchten. Und war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft ge- wesen an Christum nach meinem Bedünken. un m nn nn EV. Die Chroniea van der hilliger Stat van Coellen. A. d. MCCCLXXIV. fol. 277. Coellen 1499. fol. In dem feluen iair ftonde eyn groiffe kranckheit vp voder den mynichen, ind was doch niet vill me gelyen defe felue kranckheit vur off nae ind quam van natuer- lichen urfachen as die meyfter fchrijuen, ind noemen Sij maniam, dat is raferie off unfynnicheit. Ind vill lude ‚beyde man ind frauwen junck ind alt hadden die kranck- heit. Ind gyngen vyff huyff ind hoff, dat deden ouch junge meyde, die verlieffen yr alderen, vrunde ind maege ind lantfchaff. Diffe vurfs mynfchen zo etzlichen tzijden as Sij die kranckheit anftieffe, fo hadden Sij eyn won- derlich bewegung yrre lychamen. Sij gauen vylf kry- {chende vnd grufame ftymme, ind mit dem wurpen Sij fich haeftlich up die erden, vnd gyngen liggen up yren rugge, ind beyde man ind vrauwen moift men vmb yren buych ind vmp lenden gurdelen vnd kneuelen mit twe- len vnd mit ftarcken breyden benden, aflo ftijff vnd harte als men mochte. 88 Item affo gegurt mit den twelen dantzten Sij in kyr- chen ind in clufen ind vp allen gewijeden fteden. As Sij dantzten, fo fprungen Sij allit vp ind rieffen, Here fent Johan, fo fo, vrifch ind vro here fent Johan. Ä Item die ghene die die kranckheit hadden wurden gemeynlichen gefunt bynnen .VV. dagen. Zom leften ge- {chiede vill bouerie vnd droch dae mit. Eyndeyll nae- men fich an dat Sij kranck weren. vp dat Sij mochten gelt dae durch bedelen. Die anderen vinfden fich kranck vp dat Sij mochten vnkuyfchheit bedrijuen mit den vrau- wen. jnd gyngen durch alle lant ind dreuen vill bouerie. Doch zo leften brach idt vyff ind wurden verdreuen vyff den landen. Die felue dentzer quamen ouch zo Coellen tuffchen tzwen vnser lieuen frauwen mifien Aflum- ptionis ind Natiuitatis. | Gedruckt bei A. W. Schade. go | 89 Musik zum’lanze der'Tarantati .\_ Acta res, EL So \ a &- TE H / de Irte magrnetca-Stonme: 705° z.Jel. Pe. I. MEcderfcll {2 SEIN: Mogenreffer Aosodoca- 7 zerme,; zre gro eretts affeetus Aradlıır ter VO DO60E. IJFemus moduslararteltie: a ee WE Demser-—> r.Secuncus modes — Ka WESEN } Bu [2] w BR ee Emil AU ss Bo. | Tem eg ne fi er 7 O3 Te iD | A at Ta um IC X Sa TEE Ei FB | + 1 N ar Bi, PAIR I in 1% RO ee . re Te dl u ed ER" Le An et e al Vertelader DÄo0E00 7 re PZ 20/7 role, Zr rei rlr : RR PA ehr arrrle, BE re E EEETIEEE Rofa ce la GG arL DrcHu az Age a smorde: IE: ea ers AB so Me MEN Mardedhli-2 de e ftere, e. da Were fort ß Harstser E a2 PIE mic, A a. bitte EEE E+ ar Bee Leler Äec- mecıı- os Brmscden eenserurd der EEE perloren gegangenen- Stro, r- Peer TereRcde ‚vero< on Fıch gererngen: en 077 DR DH el TORE. e CR let zen 7710- an te ET 25 ve RL arte en DIE DI2CE. ü 7A Me Dorarsr, ala Ra RC: | MEERE Re errrfle E ge 174 zrRer 2: Fo GEBE. D. ed SS re Ba a a ANETTE WARE are RER SSL OR ee aa BEE A 2GB an 200 nr I ._ ® te SH GE EEE EEE BERN?) SEI „U EEE ER a | |