^r> fl <36619760320010 <36619760320010 Bayer. Staatsbibliothek Digitized by Google Die Tanzwuth^ eine Volkakrankheit im Mittelalter. t f. Vach den Quellen iQr Aente imd gebildete Nichtarzte bearbeitet ▼on 9mm 9m Tm Om BSCBBRy »Ischen Ober-EzaminAtionj-CommissIon , des Vereine für Heilkunde in PreiiSM% 'Mtd gelehrter Gesellachaften in Berlin, Bonn, Dresden, Erlangen, Hanau, Kofnt^ h^gtBf London, Ljob, Jlletx, Nenpel, llew-Torkf Phündelpliin and Zärieb. Berlin, 183^ Yerlaj; von Theod. Christ Friedr. £nsiiii. Digilized by Google I I N Seiner Exceiieiiz Herrn Freiherrn Alexander Hpmboldt^ Kom^l. wirUiohm M wb lUllb» maA KMumOmn, Ritter ia» i«thm Adlw*iw i»ua und des Kais. R«w. 8t. AsMMnlmis «ntar KImm, Offider i«r K. FffAiB. SkrMksMM, MitflM der Akademie der WiMMudiftllra, dM laititat d« FraiiM etc. «tc. widme l diene Abliaudiuii^ iiiit deoi Äuäch^uck innigster Verehrung Her DcrfaCCor. Digitized by Q^gle Digitized by Google i Vorwort Die Erscheinungen, von ^enen hier die Rede ist, gewähren einen tiefen Blick in das geistige Wesen der menschlichen Gesellschaft. Sie ge- hören der Geschichte an» und werden so wie sie waren, nie wiederkehren, aber> sie zeigen eine verwondbare Stelle des Menschen, den Trieb der Nachahmung, und stehen daher in sehr naher Beziehung zum menschlichen Ge- sammüeben. £s schien der Mühe werth. Krank- heiten zu beschreiben, die sich auf den Strah- len des Lichtes, auf den Flügeln der Gedan- ken verbreiten, Krankheiten, welche durch sinn- lichen Eeiz den Geist erschüttern, und in die Kerven, die Wege seines Willens und seiner Ge- fühle, wunderbar ausstralen; — des Versuches Werth diese Krankheiten zwischen die Seuchen zu stellen, die gröberen Ursprungs mehr den Körper als die Seele ergreifen, und alle Leiden- Digitized by'G^gle VI Schäften und Regungen, welche an das grofse Gebiet der Krankheiten gränzen, bereit in je* dem Augenblicke, diese Gränze zu überschrei- ten. Sollte aus den hier entwickelten Thatsa- chen der ernsten Geschichte ein überzeugender Beweis entnommen werden können, dais die ! Menschheit ia der Schöpfung die sie umgiebt, an Leib und Seele sich als ein Ganzes regt, so würde der Verfasser hoffen können, seinem Ideale einer grofsartigen Auffassung der Krank- heiten in Zeit und Raum näher gekommen ^u sein, und durch die Theilnahme Wahrheit su- chender Zeitgenossen sich ermuthigt fühlen, ' iauf dem betretenen Wege der Forschung wei- ter vorzudringen« • • Berlin, den 21. Se|»iembQr 18^ H. » Digitized by Google Inhalt. / . ■ ■ Seite. I. Tanzwntli in Peats chland and den Niederla nden. 1 1, St. Joliannistanz 1 St. Vi'itfitanz 7 3. LVsaclien. . , . . . . , . . . . . , . Ift 4. Aeltere Tanzplagen 14 6. Die Aerzte 17 6. Abnahme and Ende der Tanzplage 21 IL Tanzwuth in Italien. Ta ran t Ismus 26 1. Aelteste Spureiu Ursachen 27 2. Zunalinip 3S 3. Idiosynkrasieen. Musik 39 4. Hysterie 48 6. Abnahme ^ 61 in. Tanzwath in Abyssinien. Tigretier. ...... 55 IV. ^Sympathie. ^ Anhang 81 4 r ' d by Google Digitized by Qooglel, I 0 ilodi waren die Nachweheii des tschwanEeii Todes nidit verwunden , und die Gräber so Tieler Millionen kaum eingesunken, als in Deutschland ein sellsamer Wahn die Gemüther ergriff, und der göttlichen Katur des Menschen 'hohnsprechend, Leib und Seele in den Zai^erlureis hol- lisdien Aberglaubens fortrifiB. Es war eine Yerzfickung, welche den Körper wunderbar durchraste, und länger als zweihundert Jahre das Staunen der Zeitgenossen er- regte, seitdem aber nicht wieder gesehen worden ist. Man nannte sie den Tanz des heiligen Johannes oder des haiiigen Veit, bacchantischer Sprünge wegen, mit denen die Kranken im wilden Reigen sdireiend und wuthschäumend den Anblick Ton Besesseneri darboten. Sie blieb nicht auf einzelne Orte beschränkt, sondern yerbreitetc sich, vorbereitet durch die herrschende Sin- nesart, über ganz Deutschland und die nordwestlich an- grinzenden Lftnder, dnrdi den Anblick der Leidemden, wie ^eine dämonische Volkskrankheit Schon im Jahr 1374 sah man in Aachen Schaaren von Männern und Fraaen aus^ Deutschland ankommen, 1 Digitized by Google die Tereiiit durdi gemeinsamen Wabn, in den Sfrafsen und in den Kirchen dem Volke dies sonderbare Schau- ♦ spiel gewährten *). Hand in Hand schlössen sie Kreise, und ihrer Sinne anscheinend nicht mächtig, tanzten sie ftnndenlang in nvilder Raserei, ohne Scheu vor den Um- stehenden, bis sie erschöpft niederfielen; dann klagten sie tiber grofse Beklemmung und ächzten als fitSnde ihnen der Tod bevor, bis man ihnen den Unterleib mit Tü- chern zusammenschnürte, worauf sie sich erholten und imi blieben bis znm nichsten Anfalle. Diese Einschnü- rung geschah wegen der Trommebnchl; welche sieb nach dem krampfhaften Toben einstellte, oft half man aber noch kunstloser mit Faustschlägen und Fufstritten auf den Unterleib. Während des Tanzes hatten sie Erschei- nungen, sie sahen nicht, sie hörten nicht, ihre Phantasie gaukelte ihnen die Geister yor, deren Namen ^) sie her- wkrSdizlcn, und spllteittn sagten einige ans, sie wftren sieb so Torgekonnnen, wie in einen Strom von Blut ge- taucht, und hätten deshalb so hoch springen müssen Ander« sahen in ihrer Verzückung den Himmel offen, mt dem thronenden Heiland und der Mutter Gottes, wie denn der Glaube des Zeitaltm sich in ihrer Pbantane wundenam und mannigfach spiegelte *), 1) Odor. Rajnald, AimaL ccelcauslie. A. 1374. Lacae 1758. foL T. m p. 252. 2) Job. Wier's rr-ichliches Geisterverzeichnifs giebt hier keine Bezichaogen. Pseudunionarcliia daemonum. Opera omnia, Anistelod. 1660. 4. p. 649. — Raynald fiibrt das Wort Frisckes als einen Geisternamen an , aber sein Irrtharo erklärt sich leicht aus Unkunde der Sprache. Denn nach der Kölnischen Chronik sangen die Johan- nistlinzer während sie rasten: ^ .«Ilerc sent Johan, so so, Trisch ind vro, here sent Jolian.^* Die Cronica van der iiiliiger Stat van Coel- kn. fol. 277. Coclien, 1499. fol. 3) Cyr. Spangenberg, Adrls-Spiegel. Historischer ausf. Be^ rieht: Was Adel aey und htike etc. Schmalkalden, 1591 fol Fol. 403 b. ' • 4) Peir. ^•'HcrtniaU, in Anhange Dia. L Digitized by Google . Wo die Krankheit ToUkominen entwickelt war, da begannen die Anfälle mit fallsüchtigen Zuckungen Die Behafteten fielen bewufetlos und schnaubend zu Bodeo^ Schaum trat ihnen vor den Mwid, 4aDD sprangen aie md, and koben ihren Taus an nnt onheimüdien Venemm- gen. Doch trat das Uebel olme Zweifel sehr Terscbie^ denartig auf, und veränderte sich nach Zeit und Ort, worüber die nichtärztlichen Zeitgenossen die nöthigen Angaben nur unvollständig aufgezeichnet haben, gewphat mit ibren Begpi^en Aber die Geislerwelt die Benbadhtong natflriiclier Vorgänge zn verwirren» Nur weniger Monate bedurfte es, um diese dSmo* nische Krankhc|t von Aachen aus, wo sie sich im Juli zeigte, über die benachbarten Niederlande zu verbrei* ten ^). In Lütticb, Utreobt, Tongern und väüen anderen belgjsdwn Städten CTsdnenen die Johannisti—wr mit Krite» «en b» Haaire, den Unteileib mit THdiern nmgürtet, um ohne Verzug Erleichterung zu finden, wenn nach dem Rasen die Trommelsucht sich einstellte. Die Einschnü- rang bewirkte man leicht durcb das Umdrehen eines ein- gesteckten Stockee» mlo logen aber die FofiitBilte und AuatscUige toH wobei, es an Hllifelewtenden nidit feblt^^ deim wo dergleichen vorging, da lief das Volk schaaven* weise zusammen, um mit gierigen Blicken sich an dem grauenvollen Schauspiei zu weiden. Endlich erregte die 1) Jo. Trithem., Cbronjc. Sponheiiheilse. A. 1374. Opera bistoric. Francof. 1601. fol. p. 332. Hiernach: Abrah. Bzovii Arv- nal. ecclesiastic. Tom. XIV. Colon. Agripp. Ifö5. foL Ann. 1374. (Ihmaca passio, S. Jobvimis chorca.) * * 2) Jo. "Pistorii Renim (ainiliarumque Belgicaram CbroniCön • magnum. Francof. 1654. foL p. 319. Hier beifeen die Behafteten dansatores, chorisantes. S. die ganze hierher gebl(rige Stelle im Anbang, No. II. — Vergl. Incerti auctoris veta« cTironlcon Belgf-j cam, Mallbaei veteris :ievi Analecta. Hag.' com.' 1738. 4. Tom. I. p. 51. „Anno MCCCLXXTV gingen die dans^tV ' Gens inpacata cadit, dadum chiciata saltat.** MuGs beifsen salivat; efiie Stellf ans einem verlbM' ^{e^iülg«neli latclniicheil Gedichte. 1* Digitized by « 4 aDwadttenfl« Menge der Behafteten nioht weniger Besorg- nifs, als die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkte. In Städten und Dörfern nahmen sie die Gotteshäuser ein, flberali wurden ihretwegen Umzüge Tecanstaltet, Messen gelesen und kirchliche Gesinge angestinmt, Idberali Yer- wnnderang und Entsetzen (iber die Krankheit^ deren teuf- lischen Ursprung niemand bezweifelte. In LÜttich nah- men die Priester ihre Zuflucht zu Beschwörungen, und suchten dem Ucbel, das ihnen giefährlich zu werden drohte, mit all ihrer Macht zu steuern. Denn oft stteisen die Besessenen, zu Schaaren irereint, Verwtlnscfaungen gegen . sie lins und wollten tte Mten, audi liefe man sich so von ihnen einschüchtern, dafs eine eigene Verordnung erging, keine anderen als stumpfe Schuhe anzufertigen, weil die Besessenen einen krankhaften Widerwillen ge- gen die Scfanhschnäbel kund gegeben hatten, die bald nach dem gnoiaen Sterben L J, 1390: in die Mode ge- kommen waren Nooh mehr wurden diese durch den Anblick der rothen Farbe aufgeregt, deren Einflufs auf die erkrankten Nerven eine wunderbare üebereinstim- mongi kaaupiiafller Uebel mit dem Zustande wttthender Thiere ättmaiia Uht, bei den Johannistilnzein aber mk Bildernr.4hrte Venfickung wafarachemlich in Yevbindung stand» .AAch gid> es. einige unter ihnen, die den Anblick 1) Die Lirubnrger Chrouik, herausgeg. von C. D. Vogel, Mar- ■ bürg 1828. 8. S- 27. Diese Erscheinung ist zu sonUerbar, als dafs wir nicht an den „Modenteufel" Uos Mittelaltfrs erinnern sollten. So ausschweifend die Kleidersucht seit der Milte des vierzehnten Jahi*- bundcrts yvkt, so grofs war der Widerstreit der Modenreinde, die j[ede Gelegenheit b^atzten,^ nm alle Neuerangen als Tcu^elswerk za Faoatiw^ babpred igten eifriger Priester konnteo daher iflipBjabcnt^OMdi^eb\1Vide^^ VeitatSnzer )eic6t herrorgera- ffn haken. . An^ in der späteren Zait geschaben wegen Afii ao ge- ri^^rügi^er Dinge i;|iclit seltei^^ Zeiche|i a«4 Wunder,^ und der Wami- swm.l^Cfy Me yr Iw^te sicl^ $egen (ke JHf^eD. Fergl^ Il5hseii, Ge- •diichte im iVisanisdiiiten ui ^ Kf^ '^and^pborg^ S. 4Sß f. , Digitized by Google ▼Oll Wemcndai nicht entagea konnten Dafe die Be- lüfteten eine Art Sectirer wSr^c, daTon glaubten sicli die Geistlichen täglich mehr zu überzeugen, deshalb eilten sie mit der Beschwürung, damit das Uebel sich nicht un* ter die höiieren Stände verbceitete, denn bis Jetzt waren &st imr Anne ergriffen worden, nnd die wenigen Wdbi- habenden .und Mönche, die man unter ihnen sah, gehör» ' ten zu denen, deren Leichtfertigkeit dem Reiz der Neu- heit nicht zu widerstehen vermochte, sollte diese auch ▼ou dämonischem Schwindel ausgehen. Wirklich hatten nun aubh. Behaftete unter dem JEjnüuÜB 'geistlicher Be* adiwörangpformel geäulsert, man hfitte den Mmoncn nnr noch einige Wochen Zdt kseen toHen, 4ö würden de in die Leiber der Vornehmen und Fürsten gefahren sein, und durch diese den Glems Temichtet haben. Keden dieser- Art, welche die Besessenen in einem Zustande ver* nehmen lieden, der mit dem' magnetisebCB- Schlafe ver- gBchen werden kann,- wurden Öberall geglaubt, und gin« gen mit wunderlichen Zusätzen von Mund zu Mund, de- sto eifnger suchten die Geistlichen jeder gefährlichen Stimmung des Volkes zuTorzukommen, als ob die beste- hende Chrdnwi^ der Bioge Ton dem Unsinn ernstlich hStte 'bedroht werden können. Ihre Bemühungen hatten Erfolg, denn im Tierzehnten Jahrhundert war die Be- schwörung ein mächtiges Heilmittel, oder es fand auch die wahnsinnige Ueberspaunung in der von selbst ein- tretenden £rschla£fuBg ihr Ende, und so sah man nach zehb oder elf Monaten, keinei JohanniatSnzer mehr in den belgischen. Städten. Doch' war das Uebel zn tief ge- wurzelt, um so leichten Angriffen zu weichen Einen Monat später als in Aachen zeigte sich die *. » f 1) Petr. de IltTcntals, im Anhang Nr, I. 2) Ueber flie angeArandlen Brsrlnvörnngsraitfel, 8. E. G- Fiir- bUinaan, die cJuriAÜicht'O Geüsiergcsellsdiaflen. Halle 8. S. 232. « ' ; . ■ Ii » I • . . ' * . ' ,.. • ' • . * Digitized by Google 6 Tanzsucht in Kdlo, wo die Zahl der Basettenen auf mehr ak FüDfhuBdcrt anwuchs und Hin dieselbe Zeit im, IKEetZy wo dflumdeit Tänzer die Sürafeea angefilttt ha- ben sollen Landlente Terliefsen den Pflog, Hand- werker die Werkslätte, Hausfrauen den Heerd, um sich dem v^ilden Reigen anzuschliefsen, und die gewerbreiche Stadt wurde der Schauplatz yerderbUchen Unheils. Heim- liche Begierden wurden an%eregt, und fanden nur zn bald Gelegenheit zu wilder , Befriedigung, audi benul^ leu vitiie üettli 1, von Laster und Elend gedrückt, die willkommene neue Krankheit zu kurzweiligem Erwerb. Müdchen und Knaben entliefen ihren Aeltem, und Dienst- boten ihnen Brotheirciiy -oni licb an den Tanzen der Be* Mssenen zu ergötzen, und das Gift der geistigen Ab- steckung begierig einzusaugen. Ueber hundert unverhei- rathete Weiber sah man an geweiheten und ungeweihe- ten Stätten umherrasen, und es zeigte sich bald, welche Gluth in ihnen gelitecht worden war« Besessene dieser Alt genasen daMi aucii sehs bald> viele schon innerhalb zehn Tagen, andere biteben )edodi unersMtlich, eo dafe man sie den schwangern Leib mit Tüchern uingüi tcu und immer wieder und wieder an den Tänzen Theil nehmen sah Schaaren versunkener Mfifsiggänger, weiche die Geberden und die Zuckungen der Kranken tvefflich nacfa- znabmen ventanden, zogen Unteriialt un4 Abenteuer su- chend Ton Ort zu Ort, und rerbreiteten das widrige Krampfübel wie eine Seuche, denn bei Krankheiten die- ser Art werden Empfängliche eben so leicht von dean Scheul wie Ton der Wirklichkeit ergriffen« Zuletzt ver- tagte man diese Unheil bringenden Gaste, die den Be- 1) Lhnburger Chronik, S. 7L KSfaiische Chmik a. «. O. Siehe den Ankang Mr. HL IV. . 2) 1>MI8 Jm iffll^ 7 tBld9sdsBSaBS,..TMit.g|!HiAiqoe petita onw- ccDls. Jeanul de Ems 1785. 3) Schenk Orafeaberg a. *ti.'a. O. < Digitized by Google 7 I sdtvrUniiigcn d«r Priester wie lieo Heiliiiittela der Aente gleich unzugänglich wareo, dodi konnte man in den rhei- nischen Stadien erst nach vier Monaten des Truges und der Lasterhaftigkeit Herr werden, die das ursprüngliche Uebel so bedenklich yergröi'sert hatten. Einmal ins Le- ben gerafen, schlich indessen die Seodie weiter, und &nd fiberreicidiche Nahrang in der Sinnesut des yierzehnten und fbnfzehnten Jahrbnnderts, ja aftich iloeh Im sechzehn- ten und siebzehnten dauerte sie, wenn auch vermindert, fort als eine stehende Geisteskrankheit, und erregte in Städten, deren Bewohnern sie neu war, eben so wi»- derdare als vmbschettongswürdige Aolirittei . - • • • - Strafsburg wurde von der „Tanzplage" im Jahr 1418 heimgesucht £s war noch derselbe Wahnsmn un- ter dem Volke^ wie in dm niederrfaeuiischen und belg^-. sehen Städten. Ergriffen vom Anblick der BefoUeileii, erregten viele Erkrankende Besorgnifs dordi wirres* und- verkehrtes Benehmen, dann folgten sie unaufhaltsam den Schwärmen der Tanzenden, die Tag und Nacht durch die Strafsen zogen, begleitet von aufispielenden Sackpfeifem and zahllosen Neugierigen , denen sich bekürnmarbi Ael« tern and Verwandte anschlössen, za sehen, wkl es den verirrten Ihrigen erginge. Trug und Verworfenheit trie- ben auch in dieser Stadt ihr iiasteres Spiel, doch scheint' 1) J. V. Königshoven, die älteste tcutsclie so wol «llgeineiiie als insonderheit Elsassisclie und Strafsburgisclie Cliranike. Herausgeg. Yon SchilterD. Slrafsburg 169Ö. 4. Aniu. 'IL tou Veitz- ianU. ü. 108p f. . . „Viel h ändert fingen za Strafsbarg an .Zu tanren und springen, Frau und Mann, Am oflncu Markt, Gassen und Strafseo Tag und Nacht ihrer viel nicht alsen. • Bis ihn das Wtithen nieder gelag. SL ViU Tai» ward genannt die Plag.'* " Digitized by Google 8 wohl der kvankiiafte Waba vorgewaltet zu haben. Des- halb konnte nur vorliufig die Religion Hülfe bringen^ und in diesem Sinne nahm gich der Stadtrath der t7n<« glücklichen menschenfreundlich an. Man theilte sie in abgesonderte Haufen, und gab ihnen verantwortliche Auf- seher» damit ihnen kein Leides geschähe , vielleicht aooh um die Rohheit anter ihnen sa zögebi. So worden sie denn zu Fu& nnd za Wagen zu den Kapellen des hei- ligen Veit nach ZaLern und Rotestein geleitet, wo ihrer Priester warteten, um durch das Hochamt und andere heilige Gebräuche auf ihre verirrten Sinne zu wirken; Nadi voUbraehtem Gottesdienst führte man .sie in feier- lichem Umzage um den Altar, liels sie von ihren Almo- sen ein Geringes opfern, nnd viele ikiOgen durch Andacht und die Heiligkeit des Ortes von trostlosem Irrwahn ge- nesen sein. Man beachte hier wohl, dafs sich in dieser Zeit die Tanzwuth an den AltAren des Heiligen nicht er- nente, da(s man von diesem nnr HQlfe flehte , nnd von semer Wonderth&tigkeit die Genesung hoffte, welche an- fser dem Bereich menschlicher Einsicht lag. Die Person des heiligen Veit ist hier keinesweges ohne Bedeutung. £r war ein Knabe in Sicilien, der zur Zeit der Diode- tianischea Ghristenverfolgnngen L J. 303 zugleich mit Modeetva und Crescentia das Märtyrerthum .er- langte ' Seine Lega^den sind «fönkel» und er wäre 1) Caes. Baron. Annales ecciesiastic. Tom. II. p. 819. Colon. Agripp. 1609. fol, — Vergl. die ausfillirlicheren Acta Sanctorum Junli (der 15. Juni ist der St. Veits-Tag) Tora. II. p. 1013. Antverp. 1698. fol., aus welchen wir nur hinzufiigen wollen, dafe Mazara in Sicilien als der Geburtsort unseres Heiligen angenommen wird, und Bein Vater Hylas hiefs; dafs er von da mit Crescentia (wahr- scheinlich seiner Arame) und Modestus nach Lucanien auswanderte, und mit beiden unter Dioclelian den illärtyrertod erlitt. Alle drei sollen in Florenz begraben worden sein, und es wSbrte nicht lange, 80 war die Wundertbätigkeit des heiligen Veit, die sich schon bei seinen Lebzeiten kundgegeben haben sollte, in ganz Italien anerkannt Die beühmtesten seiner Kapellen waren auf dem nach ihm benann- I Digitized by Google geynSa unter den zahllosen apokryphisehen M^jrem der enteil Jahrlumderte unbeacluet geblieben, wenn ihm nidht die Uebertragong Bernes Leidmams «niich St. "Denjs und TOD da nadi Corvey 1 J. 836 einen -höheren Rang ve^ liehen hätte. Seit dieser Zeit geschahen begreiflich viele Wunder an seinem neuen Grabe, das zur Befestigung des römischen Christenthums unter den Deutscheu we- sentliche Dienste leistete, imd. St Veit rrvacd6 Jbald un- ter die vierzehn heiligen. ,,NolhheIfer'' 4>der Apothe- ker'' ^) vefsetst Seine Altlise mehrte skh, das Veft — — — !■ ten Vorgebirge von Sicilien, in Rom und in Polignano, wohin viele Kranke wallfabrtelen. Von tolleti Hunden Gebissene glaubten an seinen Altärtn sichere Hülfe zu finden, doch wurde späterliin die Wunderkraft gegen diese Verletzung dem heiligen Veit von St. Hu- bertus, dem Jngdheiligen, streitig gemacht. Schon im J. 672 er- folgte die feierliche Lebertragung seines Leichnams nach Apulien, bald darauf gaben aber die Geistlichen sehr Tieler Kirchen und Ka-< pellen in Italien vor, im Besitz wunderlhStigsr Tbeile seines Körpers m sein. Im achten Jflhrhondert veihrcitete sich dk Tteehmn^ des wmiderthMtlgeB Ili rt jr e ifaiaben nach Fraakreicfa, und die Kirche von St Deaji erideh die Vergünstigung, sefaiea KVirper n hcitoen. AnF BefeU des Papste» wnide dieser es» 19. H678. Znm Beweise der grofsen Terehimng des. beiligen Veit im vienehnlen Jahifaondeirthsnn nodi aagofiibrt irerden, dab Karl 1?. ihm die Calhednle In Pmg 'weibcite, der^ Gnmd er legte, nnd seine Efiiebnng mm Patron von B5bmen tu beweilsteUigon vralste. Em angebfieher KSrper des heiligen JtSr^rieifaisben wnrde m diesem Zweck ans Parma geholt , Act Sanclor. a. a. 0. • 1) Wahradiefadleh verstfloMneit ans Apotröpp^ Der AnsAradc kommt überall vor, s. B. bei'AgrIcola, SprflchwI^Uer tlr.'49Tt Es sind die -dmi «Ac^m^ko«* die dU averranel: der Alten: Ple-viersebn Heiligen, nach deren Kiffhe .(kwlichea B^vaherg imd Cobiwf ) •och Digitized by Q^Cgle le nahete ihnen in allerhand Nöthen mit gläubiger Zuver- sicht, und Terebite ihn als Hülfe spendenden Fürspre- dier. Wie nan aber die Anbetuag Ton dieser Art Hei- ligen aller iustoiischen BenehaDgen eoftleidet war,, wel- che von den Priesters absiditlidi Terwischt worden, so trug man sich zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, vielleicht auch schon im vierzehnten, mit der Legende, St. Veit habe, ehe er sich unter das Schwert |;ebeugty zn Gott gebetet, er möge alle, die seinien Abend fasten and sonen Tag feiern wfliden, Tor dem Tans bewahren, worauf eine Stimme vom Himmel Ternouimcn worden sei: „Vite, du bist erhöret" '). So wurde St. Veit der Schutzheilige der Tanzsüchtigen, wie einst St Martin Ton Tours der Notblieif^ der Pockenkranken, der hei- lige Antonius der am „höllischen Feaer'' Leidenden» und die heilige Margaretha & Juno Lodna der Ge- bärenden. 3. URSACHEir. Die Beaiehnng Johannes des Täufers nur Tans- wutii des Tienehnten Jahrhunderts ist eine ganz Tersdüe- dene. Er war ursprünglich durchaus nicht der Schatz- heilige der Befallenen, der diesen Befreiung von einem für Teufelswerk gehaltenen Uebel verheifsen hätte, in der Alt seiner Verehrang liegt vielmehr ein wichtiger und redit einlenchtender Grund der Entwickdong dieses Uebeb. Seit den Ältesten Zeiten, vielleicht schon seit dem vierten Jahrhundert, feierte man seinen Tag mit al- lerlei sonderbaren und wilden Gebräuchen, deren ur- ^rOn^^iche mjstisdie Bedeutung bei einzelnen V^kem ■■ ' ■« - " . . t . jcttt aUjShrllch Tmsendtt wrilfchiten, nni folgende : 1) Georgias, %) Blanoi, 3) Erasmas, 4) Vitas, 5) Pantaleon, 6) Christopbonw» 7) Dionjsiaa, 8) Cyriacus, 9) Acbatlua, 10)EMtMhiw, 11) Aegidius, la) lliiginihft, 13) Cathwina, 14) Bnkmttu 1) J. Agrieela, Sybanhnderi wni IMUg Tcnlsdier Sprldi- wMmv Vt. 407. fligsaMi 1S37. a IbL 14a Digitized by Google 11 durch hinzugefügte heidnische Ueberbieibsel mannigfach cDtstelU wurde**). So übertrafen die Deutschen das ih* iken Tom heiligen Bonifacias Terbotene AnzÜndm der MNodfjr,'* einen uralten lieidnlschen Gebrauch, auf die Feier des St. Johannisfestes, und es hat sich noch bis auf diesen Tag der Glaube erhalten, dafs Menschen und Thiere^ die dureb diese FlammeB oder ihren Rauch «Inn« dnrcfaspiingen» tot Fieber und andern -Krankheiten , i«ie dorch eine Art ' Ton Feaertanfe, ein ganzes Jdur lang ge- sichert \7Ürden Bei dieser heidnischrchristlichen Feier ging es nicht ab ohne bacchantische Tänze, die durch ähnliche Ursachen bei allen rohen Völkern der Erde ver-« anlaült worden sind, und ohne wflde Aossiahwei&iBfjeB-dir gerelasten EjAildnnylifaft. Noa- waren ei -aber «dit Mob die Deolsdieii^,. di^' das Fest Jobannes* des Itefeia mit Ausbrüchen fanatischer Raserei begingen, auch von den südeuropäischen und asiatischen Völkern läfst sich iihnliohes nacbmiaea nnd es iist mdir als wahrschein- ■w ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ » .1) Sebni dtr helL Augastiaas wwats.'vor. AnisHiwribugin aad viiiickrt%eB Idedem «m St Manniffutc: „^ec pennittMnns so- lemmüitem iancUni cantiea hmiiioM proferendo m»Uae|«,'' S. Aa- gnsti, DetikwOrdiglceit«! aot der christlicben Arehldog^, M B. S. 166. Leipzig 1820. 8. 2) Wirthwein, Series chroaologic. EpistoUnuD S. Bontta- eS flb ma» 716^9M. LYK Coiidl LipHsMit. p. 13L XV. J)e\^ friiato da Jigno, Id toll IMfyt, * V«^ Jok Riilaki!, Uaten». fjrs, imgleichea des Oster- and JohaniiisoFeiieff. Frsnkfitit 1696. 8. 3) Der Bischoff Theodo retus von Cyrus in Syrien berichtet, dafs in einigen Städten am Johannisfestc aUjShrlich grofse Feuer an- ^czündeL worden, und Männer, Weiber und Kinder hindurchgesprun- gen wären; kleine Kinder hätten ihre Mfiiter hindnrchgetragen. Er hsit diese Sitte för einen uralten asiatischen Reimgongsgebraucb, der- (!;leichen im 2. B. der Könige K. 16. V. 3. von Ahas erwlhnt werde. (Quaestiones in IV. Libr. Regam. Interrogat 47. p. 352. Beati The«4«T«ti fipiacop. Cyri Oper« fimiua. Ed. Jsc: Sirmondi hat FMai lMl. §sl T. l) Zoasrss, Biltatt«D and'PlNtiaal sprechta M. Jilteiito;.raBm.la €oaitAltiBopel, oad dir «mU hill Digitized ^ zen Zeit Nahrung genossen zu haben, durch die Fürbitte ivreier Drommen Bischöle befireit wosdea wttrca. Sie sol- IcB darauf in einen drettägpgen tieCsn Schlaf Terfalkn und vier Ton ihnen gestorben sein, die Übrigen aber zeit- lebens ein Zittern der Glieder zurückbehalten haben Was an dieser wundersam entstellten Geschichte wahr •nnd was Zusatz frümmeluder Priester gewesen sei, ist nicht der MAhe werth zo ermittdhi) gemig sie «wurde im ganzen Bfittelriter geglaubt und-nnt Erstaunen und Granen wiedererzählt, trat also irgend eine Veranlassung ein zu wahnsinnigem Toben und wilder Tanzsucbt, so verfehlte sie nicht ihre Wirkung auf Menschen, deren Gedanken dem Reiche der Wunder und der Geqpcnsterwelt ange- btoen. Ans dieser, dem Mittelalter so ganz eigenthümlichen Stimmung der Gemüther, welche zum Heile der Mensch- heit seitdem der besseren Gesittung und dem Yoiksun- terricht gewichen ist, erklärt sieh die Enlstehmig und die lange Fortd|ner dieser aufesrordentlidien Geisteskrank- 1) ■artlni KaoiilM Fkna tutfonm^ ia Ja: Georg. £e- eacd». 0MpM UütaAm^mMHnL Llp«. in^ IbL ToblI 1689. Beckmann' a. t. O. §. 1. f. S. 465., wo viele atidere An- filhrangen dieses bekannten Vorfalls mitgetlieilt sind. Der genannte Prieitir Ist deraelb«, der noch jetzt als Knecht Ruprecht Im Aa- dcaieB dir Khte ^lilebt ■ • ^ ' ' < / * - • Oiafti: I 16 heit Mit Scheu und Widerwillen bebte der gesunde Sinn des Volkes Tor der schweren Plage zurück, welche nnthwülig anfbnaseiide AoUbeit kt «eai langst Tcr- scboUeneo Spracbfroiie argen Feinden and "Widersaclieni an wünschte ^ ), auch gab sich der Unwille und die Aiif- lehnung gegen die Sittenlosigkeit des Zeitalters dadurch zu erkennen, dah man die unkräftige Taufe von unzüch^ tigen Priestern filr die Ursache eines so furchtbaren Lei- dens hielte als htttten oasdialdige Kinder noch in spSten Jahren die Entwefhnng dar Sacrattiente dorch üppige Pfaffen abbüfsen müssen In wie gröfse Gefahr die Priester in den Niederlanden durch diesen Glauben ge- riethen, haben wir bereits erwähnt Nun suchten sie zwar flire Versdhnnng dem au^dmiGfaieB and damala wAx entarteten Volke * ) dorch Beschwörungen za hescUen- nigen, die ihnen nodi gröCseres Ansehn yersc^afift^, als vorher, weil sie Tausende von Behafteten sichtbar da- durch herstellten, aber im Allgemeinen hlieb das Miüs- trauen, und die heiligen Eormeln waren eben so wenig m Stande^ den Fortgang des tief gewurzclten Uebels zu hemmen, als sfrilterhin die Gebete und gottesdieoetlichen Gebräuche an den Altären des hochverehrten Märtyrers. Es ist daher nur dem Zufall und einem gewissen Wider- willen: gegen die dämonische Krankheit «izuschreiben, wel- . * 1) „Das dich Sanct Veitstantz ankomme." Joh. Agricola, Sybenhuudert und füafilzig TeoUcher Sprichwörter. Hi^eaau 1537. & fir. 497. S. 268. * ^) Spangeaberg (Adds-Spiegd a. a. O.) loftert Bieh Uertber la sefaMrkiiftigintSpiwhe: »Das waid daiaacfa Ton dfidMii also ge- deutet, alf BoUtaa diaae Leote aicbt recht getaofft, oder doch ihre Taaffb sucht kraffU^ sebt. woi ait die von aokkcn P&ffpn empfan- g«D, »die da imYertehampl, mit aniBdbtigett Hören in SfTenÜidier Un> dia finaa4<:r lebleq, darfiber ^aa g^aieine Volle bald ein aofiste- [^..geinacbt, und alle KfidTcn »!• .^dt gKa^bheen heitere — Vexf^ Aohifiu;'!^. I.. . .j . . •.. . . ».. . i, y i. ai) BiotU AnnaL ecdeaiaalie. a. a. .Oj«i^ l468<>. - v.i - - Digitized by Google 17 welcbe aufeer dem Berddie menschlicher Einsicht za lie- gen sdiien, wenn sich ans der zweiten Hfllfte des üao^ zehnten Jahriranderfs mir wenige und «ibedeiiten» In dieser Annahme IQhrte ihn ohne Zweifel 4Ke za ahn M9 2teft iMit seltene Beotwchtong tees mOdesen VbÜ»' 1) Tbeö'pbrasti Bombäsf; von fiobeatiejm, 7. ^adi fai 'der AVählky. toiT Aba^Ub^ai^'dwTeMttnfthekwAb^a. Y Cap. a p. 491. Tnwt IL Cm^ 3. p. 601. Opeia, Stn&hoig iSM. foLT. l . I . Digitized by Google 19 tarne» mil uawnHk • . f. . 2* Digitized by Google 20 sen Wirksaflikeit bei EfwSgong der dannfigen Sännee- art nidit in Abrede m eteUen ist Der Kranke sollte sem BildnÜi aDfertigen, yon Wachs oder Harz, mid in Gedanken alle seine Schwüre und Versündigungen in .dasselbe versenken, ,,all sein Gemüüi und Gedanken die- ser Schwür ohn eynfallim^ anderer Person allein voll- ^OBUDen in des Bild setten,** und wenn ilun dies gelon-' gen, das Bild TiAbrennen, so dA nidits dafoa tfnig bliebe *). Von dem iieiligen Veit oder irgend einem andern Nolhbelfer war hierbei nicht mehr die Rede, wo- bei in Betracht kommt, dafs jetzt die Zeit der offenen Auflehnung gegen die rdmiscbe Kirche begonnen hatte, nnd die Terehmng der Heiligen von Tiden ala AbgOite- Td und GOftendienst Terworfien worde *). — Gegen die zweite Art des Veitstanzes, aus sinnlichem Reiz, von wel- cher ungleich mehr Frauen als Männer ergriffen wurden, empfahl Paracelsus harte Behandlung und strenges Fa- sten. £r liefe die Kranken ihrer Freiheit berauben, nnd einsam an einem unbequemen Orte so lange sNien, bis die Befrfibnife sie zur Besinnung und Reue gebracht hatte; dann erlaubte er ihnen allmählig wieder zu ihrer gewohnten Weise zurückzukehren. Derbe körperliche Züchtigung wmr nicht auBgesdilossen, doch sollte mitVor» siflfat die Mnige Empftrung dagegen Tennieden ireidtn/ weil diese tOdten oder die Kradtbeit tendd&BMMni 1) Bles y^Akn» war nickt seine Eifiadimg, aoadeni nar sbNK gewShnfichen Art fon Benabemiig (duich Wachtbilder, per icancB* hs)' w^kfjtthmL Die Hexen ibditen aidi den in Beiwdbernden ni dnem WeciwbiUe, nad nm üun Leides sozofusen jbr^tadien sie damelbemillldeb, oierBeimiesätt'Feaei^edunelM Dfie Be- aoriMsr des JBttdillm'änd «ril diinni die LeMr, welche slck UerOber nateRiektsn wetten, kcpuben jedoeh «ickt se jwreü sarfldk- sogehen. Neck Tor 90 Jahren hat der gelehrte pnd weUberShiji^ SlahKaner Store h efaie Ahhawrtnng fiber Zanberel geednieben, i» des vienehnten JahriwadfHi wfirdig gevfceen w Sie. Akhnflsig m BaJadBsskbtjfcm. : J|d. HT. & m TUtmmh 17ML a a) 8. Agrteola a. e. O. 8. M. 401 . Digitized by Google kdonte, nDd wo es gedl^iet aditfo» da dUnpfite Para- celaas /den Kitzel der Nerven dardi. Hmeinwerfea in kaltes Wasser. — Auf die B^andlimg der driften Art kommt es hier nicht weiter an. Sie sollte mit allerhand wunderlichen Mitteln der fünften Essenz bewerkstelligt werden, und würde , um hier im rechten Lichte erschei- nen zn können, eine weitere Entfriekelung eigenthitmli- dier Gmndslltze nothwendig macken. Um diese Zeit war der Veitstanz schon im Abneb* . nen, so dad mildere Foimen häufiger, die heftigeren set ' tener yorkamen, und andi von diesen bedeutende Zof feile allmählig zuHldttraten. Der Trommelsucht in den Anfällen wird von Paracelsus nicht mehr Erwähnung gethan, wiewohl sie noch hin und wieder vorgekommen sein mag. Schenck von Graffenberg aber/ ein hocb- berühmter Arzt ans der zweiten Httlfte des sechzehnten Jafarhimderts spricht schon so von dieser Krankheü; dafs sie nur noch zu den Zeiten seiner Vorfahren häufig gewesen sei, doch gelten seine Beschreibungen noch von eben diesem Jahrhundert, und von dem Ausgange des fun&ehnten ^\ £s wurden vom Veitstanze Mensdien Jeden Standes und jeder Beschäftigung befeOen, beson- ders solche, die düß sitzende Lebenart führten, wie Sdiu- ster und Schneider; aber auch rüstige Landleute verlie- isen, wie vom bösen Geiste ergriffen, ihre Feldarbeit . und 80 Befallenen bunt durch einander von Zeit zu Zeit an bestimmten Orten zusammenkommen, um ohne Rast bis zum letzten Haudie zn tanzen,' wenn sie nicht von den Umstehenden daran verhindert wurden. 1) lohann Scheaek voa Graffeaberg, geh. 1^, promo- virt V54j in Tftbmgen. Die grtlsto Zeit mam Lebens hmhie er eb Staili-FliTeleas la Fieiburg i. B. n, slub 1608. 2) Jo. Schenkii a Graffenberg Observationum racdicanuu cariorum Libri m Lugdim. 1643. fol L. I. Obt. Via p. 136. Digitized by Google 22 Ihre Wuth und Aasgelassenheil beraubte sie so aller Sinne, ^ d«f8 ridi ^ele unter ihnen an Enkm nnd Wanden die * Kopfe cerscfametterten, oder sich blindlin^ in reiftende Ströme stürzten, wo sie ihren Tod fanden. Brüllend und schäumend konnten sie von den Umstehenden nicht anders gebändigt irerden, als daCs man sie mit Bänken und Stühlen mnstdite, damit sie dnrdi hohe Sprünge üire Krifte desto früher aiifrid>en, worauf sie denn wie ent- seelt zu Boden fielen und sich nur nach und nach wie- der erholten. Doch liatten viele auch damit noch nicht den innem Sturm ausgerast , sondern sie erwachten mit nett bdlebten Kräften, und mischten sich wieder und wie- • der unter die Schaaren der Tanzenden, bis endlich die Krankheit ihres Geistes dnrdi die SufeerBte Erschöpfung ihres Körpers beschwichtigt wurde, nachdem der mächtige Reiz der leidenden Nerven durch die höchste unwillkühr- liche Anstrengung der Glieder Ter arbeitet worden war. Die Anfälle selbst waren also auch hier, was sie ihrem Weseii nadi in aHen Nerrenkrankhoten smd, notfawen» dige Krisen eines innem krankhaften Zustandes, der sich ' Ton dem Sitze des geslürten Geistes auf die Nerven der Bewegung, und in der frühem Zeit auf die Geflechte des Unterleibes warf, wo sich ein tief eingreifendes Leiden durch Luftabsondemng in den Därmen zu eilennen gab. Bei yielen war iäe Holüng durch stfirmistehe Anfillle so gründlich und entschieden, dafs sie in die Werkstatt und an den Pflug zurückkehrten, als wäre mit ihnen nichts vorgefallen. Andere dagegen büfsten die Krankheit und ihren Frevel mit emer so g|nzlichen Yemiehtung der Kräfte, dafs sie durch kefaie Stäiiung ihre Torige Ge- sundheit wiedererlangen konnten. Staunen erregte es un-- ter den Aerzten, dafs hochschwangere Frauen von der Krankheit befallen werden konnten, ohne den geringsten Schaden ihrer Leibesfrucht,, die sie nur durch Einbinden des Unt^eibes sidberten. Fälle dieser Art kamen nocii zu Schenck's ZäUtk nicht seltai vor. Dab die Ktan* Digitized by Google # 23 ken^ Ton der Musik heftig ergriffen, und ihre Anfälle da- durch erregt und verstärkt wurden, liegt in dem Wesen dieser und ähnlicher Nerrenkrankheiten, in denen Ein* drücke durch das Gehttr, den ^ebtigj^en alier Süm^ hö- •her ab alle übrigen anzusdilagen sind. Die Obrigkeiten der Städte mietheten deshalb Musiker, um die Anfälle der Veitstänzer desto rascher vorüberzuführen, und lie- , fsen kräftige Männer sich unter ihre Haufen mischeu, um ihre Erschöpfung recht ToUatandig zu machen, wovon man so oft gute Erfolge geseheb hatte auch yeibotelt si« rothe Kleidung zn tragen, weil die Kranken durch den Anblick dieser Farbe so in Wulh geriethen, dafs sie auf Leute mit rother Kleidung losstürzten, um ihnen Leides anzuthun, wovon sie nur mit Mühe abgehalten werden konnten. Ihre eigenen Kleider zerrissen sie. häufig in den Anfidlen, audi Terfibten sie andern Unfug, woher die Wohlhabenden unter ihnen sich von zuverlässigen Aufsehern begleiten liefsen, damit sie sich weder selbst noch anderen Schaden zufügten. Doch war diese wun* derbare Krankheit zu S^shenck 's Zeiten sdion so weit zurückgewichen, dafs die Wanderungen der Ycjtstänzef ▼on Stadt zu Stadt längst nidit mdir Torkamen, und die* ser Arzt der Trommelsucht eben so wenig erwähnt, als Paracelstts.. Auch wurden die meisten Kranken von 1) So ertlUt Felix PUter (geb. »»6, f 1614), er erinnere ■kh Bodk Miieiner Jngoid, defa die Obrigkeit hi Basel codge starke MSaner beanftngl habe, mit einem tanuflchtigen Usdchen so tanzen, bb aie von ihrer KranUieit gcäeeen sei Einer iQste den andern ab^ nnd so wdirte diese sonderbare Kur behiabe vville vier Wochen, bis die Kranice ermattet rasammenfisl, mid vnvennSgend sn stehen in ehi Boapital gebraebt wafde» wo sie genas. Sie war bestind% in ihren KUUem geblieben, > nnd oh^ den Sduners ihrer won^etansten Ffilse n achten» hatte sie sidi aar von Zdt an Zeit aiedergesetst, wa Nah« mng n fenieben odi^r sn scUammem, wobei die bfipfende Bewo» gnng'desKarpersfiyrtdinerte. Felic. Plateri Prazeos medicae opns;. L. L e. a. p. Sa Tonk i BasiL 16tMK. 4. — Bioad. Obser? aüonns Baril IML&p. 91 i i Digitized by Gdogle 24 den Anfällen nur noch alljährlich heimgesucht, und- die Veranlassung dazu lag so entschieden in der damaligen^ Sinnesart y dais wenn man ihnen den unbedingten Glau- ben an die taia£;p8Gfae Gewalt der Heiligen hätte beneb- men kitainen, das ganze Uebel gar i^c^ mdir in ihnen sa Stande gekommen wSre. Den ganzen Joni hindanli» vor dem Fest des heiligen Johannes, empfanden sie eine unüberwindliche Unruhe und Unbehaglichkeit ; sie waren traurig, fitrchtsam und angstvoll, irrten unstät, Ton ziehenden Schmerzen getrieben, umher, die pUMzlich da oder dort entstanden, und erwarteten sehnlldi dea Vor- abend des Johannistages, in der zuverlässigen Hoffiiung; dafs der Tanz an den Altären dieses Heiligen, oder des Jieiligen Veit, denn im Breisgau erwartete man von bei- den HfllÜB^ sie von ihrer Qual befreien wQrde^ Dies gpng denn audi in Erlfdlun^ so dalii sie fortan das ganze Jafar hindurch unangefochten blieben, nadidem si^- durch drei- stündiges Tanzen und Toben einer unab weislichen For- derung der Natur genügt hatten. Es wurden um diese Zeit zwei Kapellen im Breisgau von den Yeitstänzem besucht, die St. Vdts-Kapelle in Biessen bei Breisach und die St Johannis-Kapelle bei Wasenweiler, und - ea ist wahrscheinlich, dals im südwestlichen Deutschland die Krankheit noch bis in das siebzehnte Jahrhundert fortgedauert hat Doch wurde sie von Jahr zu Jahr seltener, so dais sie zu Anfang des siebzdmten Jahriiunderts nur hier und - da noch in veralteten Formen beobachtet wurde. So hatte G. Horst im Frühjahr 1623 einige Frauen gese- hen, die alljährlich nach der St Veits -Kapelle in Dre- . feihausen bei Weissenstein im Ulmer Gebiete wall- fahrteten, um dort ihre TanzanfeUe dben so abzuwarten, wie nacb Schenek's Beridit dKe Kranken im^reisgau. Doch genügte ihnen nicht ein dreistündiges Tanzen, son- dern mit gestörtem Geiste, wie Ecstatische, tanzten sie Tag und ]Nacht,.bis sie erschöpft zu Boden stürzteq, und 1 Digitized by Google 25 • wieder n aidi {jekonuncii» mtk Tim der peinigenden Un- mhe and der schmeRliaften Sdiwere im Körper befreit fühlten, die sie einige Wodien lang vor dem $t. Veits- tage ^) gequält hatte. Nach diesem Sturm befanden sie sich das ganze Jahr über wohl, und ihr Glaube an die Schutzkraft des Heiligen war so grofs, daÜB eine Ton ih- nen melir ab iwanrigmal eich ^ngetteUt, and eine an- dere schon den zweianddreilsigBten St Vdfstag an ge- weiheter Stätte gefeiert hatte. Der eigentliche Tanzanfall wurde hier, Tvie wafirscheinlich auch anderer Orten, durch Musik angeregt^ von welcher sieh die Kranken in einen Zustand von Venfickung Terselzt filbiten Dais die Bfasik Uberfaaapt z6r Erbaltong des Veitstanses viel bei- getragen, die AnföUe angeregt, verschlimmert, oder auch wohl gemildert habe, beweisen viele übereinstimmende JNachrichten. Schon im vierzehnten Jahrhundert wurden |a die Schwärme der Johannistfinzer TOn Spielleaten mit ISimenden Instramenten begleite^ die in ihnen den krank- haften Raasch an&chten, and es ist ^ablicl^ dais durch allzttbelebte Melodieen und die schneidenden Töne der Pfeifen und Trompeten bei vielen Kranken eine vielleicht geringe Ecstase zur äufsersten Wuth gesteigert worden sdy wie man dies in der spätem Zeit recht eigentlich beabsichtigte, um die StSrke des Uebels dardi die -Hef- tigkeit seiner Anfalle zubrechen, — nicht xu gedenken, dafs durch rauschendes Spiel, durch welches dem rohen Haufen ein dämonisches Fest bereitet wurde, die unsee- lige Krankheit wdter and weiter verbreitet werden maOite. Dodi bediente man sich aadr der sanften Masik, am die Aufregung der Kranken m besdiwichtigen, and es vrird als Charakter der den Yeitstänzern in dieser Absicht auf- 1 ) D. 15. Joni. Hier warteten sie also nidit hia zum St Jo- hannUfegte. * 2) Gregor. Ho rstii Obserrationnin medicinalmm singnlarinm Libii IV. priores. His accessit Epistolarom et CooBoltatioiuiiii medi- car. L. I. Uhn. im 4. EpittoL p. 374. Digitized by Google % * t 28 gezielten Weisen an%e%ehenf da£i aie von ^em schnei- iBm tu dem langsamem Takte und Ton den hohen TO- ' neu allmShllg zu den tieferen flbergegangen wiren Es ist zu bedanero, dafs nach den ZerstÖnmgen im siebzehn- ten Jahrhundert, und weil diese Angelegenheit so ganz 'Volkssache war, die von den fremdredenden Gelehrten nur im Vorübergehen gewürdigt ivnrd^ von jener Mosik keine Spmr i|nf onsere Zeit gekommen ist VTar aber schon fXL Anfang dieses Jahrhonderfs der Veitstanz im Verschwinden, so wurden die nun folgenden Begeben- , heiten seiner Fortdauer durchaus ungünstig. Dreifsigjäh- fige, mit Erbitterung und wechselndem Glück gefiiiirte Kampfe erschütterten das westliche Europa, und wenn anch d^e unsäglichen Leiden, die sie Über Deuts^land braditen, während ihrer Dauer, wie in ihren nächsten Folgen dem Reich des Lichtes durchaus nicht förderlich waren, so führten sie doch, wie ein Reinigungsfeuer, die ' geistige Wiedergeburt der Deutschen allmfililig lierbei^ der Aberglaube kehrte in seiner alten Gestalt nie wie* der, und das Geisterreich des Mittelallers verlor fiDr im- mer seine einst furchtbare Macht. . Die Wahl eines beliebten Schutzheiligen gereichte den Veitstänzem zum grofsen Vortheil. Denn abgese- hen davon, daüs man geneigt war, sie den bilitischen Be- sessenen gleidizusetzen, sie also ftr unschuldige Opffo* der Macht des Teufels zu hatten, wurden sie dun& den Namen des grofsen Nothhelfers dem allgemeinen Mitleid empfohlen, und jeder rohen Gesinnung, die ihnen hätte 1) Jo. Bodin. Hethod. historic. Amsteba. 1650. 12. C. V. pag. 99. — Idem, da Repoblic«. Fraocofiirt 1591. 8. L. V «. 1. pg. 789. i ^ . , ' . Digitized by Google 27 ^eHilil'lidi- werden kOtmeii, wareü soödt m^ffsA» Sdnran- ken gesetzt. Nicht fPo glfloklidi waren andere Wahnsin- nige, die man oft mit schonungloser Grausamkeit behan* delte, wenn irgend die Begriffe des Mittelalters diese enfc» schuldigte, oder als eine Pflicht der Religion geboten; Denn nidit m erwShnen »die zahllosen Scheiterhanfot der Hexen, die ja doch 'aneh nur Irre waren, so liefeen die deutschen Heermeister in Preufsen die Irren nicht selten yerbrennen, die sich Wehrwölfe zu sein einbil- deten — ein wunderbarer Wahnsinn, der in Grie^ chenland Tor onsrer Zeitrechnung entstanden, je linger je mehr sich über Europa Terbreilete, so dafii er sidi anfser den romanischen, auch den deutschen und sanna- tischen Völkern als ein trauriges Erbtheil des Alterthums mittheilte. In der neueren Zeit ist die Lycanthropie so bidh dieser Wahnsinn Ton der £rde Tersdiwun^ den,- doch bleibt sie f&r den Beobachter mensehüdieir Yeriitiingen Uberanr denkwfirdi^ und erwartet noch einen des Mittelalters wie dfes Alterthums kundigen Geschicht- schreiber. Für jetzt lassen wir sie unbeachtet, und wen- den uns zu einem in seiner ganzen Erscheinung höchst sonderbaren Uebel, das zu dem Veitstänze in sehr naher Besiehung steht, und durdi Vergleidiung gans Idinlidier Thalsachen eine anschauliche Belehrung gewährt. Es ist der Tarantisnius, der zuerst in Apulien, Ton wo er ausging, dann aber auch in den übrigen Länderstrichen Italiens ab eine grolse Voikskrankheit einige Jahrhui^ derte lang gehertscht hat, gegenwärtig aber wie der Yeits^ tanz, die Lycanthropie und der Hexenwahn, wenigstens in seiner ursprünglichen Bedeutung verschwunden ist • » Die erste Haduidit von dieser seUsanen Krankheit ■ • 1- . 1) Vgl. Glans Magnus, de gentibos septentlkaalibllt. L. XVIU. c 4S— 47. p. 642. seq. Rom. 166». foL ' ' - • Digitized by Google 1 9B fllebt der ^d»5. foL L. U. c. 57. p. m Digitized by Google I 38 davon als Augeineoge. Er sah dieselbe mmd^eiiiare'Wip- kung derMosik yne Alexandro, denn wMMi die Kran- ken sich auch noch so scIunerzvoU und an aller Hettung verzweifelnd auf ihrem Lager wanden, so sprangen sie ^ nach den ersten Tönen von Melodieen, die auf sie Ein- druck maditeny — dies thaten aber nor die Tarantellen,' ' m die man zn diesem Zwecke setzte ' — vne begeistert md neubelebt auf, regten sich ihrer Krankheit vergessend, in abgemessenen Bewegungen, und tanzten ohne Erraüdung stundenlang, bis sie bedeckt von erleichterndem Schweifse eine wohlthätige Ermattung^ fühlteo» die sie filr einige Zek oder fOr ein ganzes Jahr von Trfdbsinn und schwerem Krank- h^itsgefühl befreite. Alexandro's Crfahrong Qber ^ie ^ / Schädüchkeit der Unterbrechung der Musik bestätigte sich allgemein. Verstummten etwa die Klarinetten und Trom- meln während des Tanzes^ denn die Kranken ermüdeten wohl die rüstigen Spielleirte, so Helsen jene die fröhlich bewegten Glieder sinken, fielen wieder krank und er- schöpft zu Boden, und fanden keine andere Erleicbte- ■ rung als durch erneuten Tanz. Deshalb sorgte man da- für, dafs die Musik bis zu ihrer Erschöpfung fortdauerte, und bezahlte lieber einige Spielleute mehr, damit sie sich einander ablösten^ al8"ilafs'iAan di« Kranken mitten aus ihrem heilbringenden Tanze in so trauriges Leiden zu- rücksinken liefs. Die Zufälle nach dem Bifs der Taran tel beschreibt Matthioli als sehr verschiedenartig. £^ | nige Gebissene verfielen ip krankhafte Heiterkeit, so dafs sie lange Zeit wadiend und im Zustande Qbergroiser Reizbarkeit,' lachten, tanzten und sangen, andere dagegen . wurden schlafsüchtig, die meisten aber fühlten Uebclkeit , • und li-ten an Erbrechen, andere zitterten beständig, auch ^ sah man nicht selten völlige Raserei vom Tarantelbiüs entstehen, des gewöhnlichen Trübsinnes und unteigeord- neter Erscheinungen nicht zu gedenken. ^ Digitized by Google 3» 3. XDZOSYzrsaASZSExr. mvszx. Unerklärbare Eegungen, seltsame Begierdeii und krank- bafter Sinnenreiz aUer Art blieben eben so wenig aas, wie bei dem Veitstanze and 8bidldien grolsen Nerven* übelD. Noch im sechzehnten Jahrhundert sah man die Kranken gern glänzende Schwerter ergreifen, und in den Anfällen mit wilder Bewegung sdiwingen, als wollten 'sife Fechterspiele aofführen Dies thaten selbst Fraaen, mit leidenschaftlichen G^erden der weiblichen Sanftmath Hohn sprechend und bis in neueren Zeiten die Krank- heit verschwand, war diese Erscheinung, wie überhaupt der Sinnesreiz dei* Taranteitänzer durch Metallglaoz sehr gew^lich ' )• Der Abscheu vor gewissen Fariien, and der ange- nehme Sinnesreiz durch andere zeigte sich bei den reg- samen Italienern viel deutlicher, als bei den schwerer be- weglichen Deutscheu im Veitstanz. Die rothe Farbe, welche die Yeitstänzer verabscheuten, liebten sie allge- mdn, so dais selten ein Kranker gesehen wurde, der nicbt zu seiner 'Ergötzung ein rothes Tudi in der Hand hielt, oder seine Augen an rothen Kleidungsstücken Um- stehender begierig weidete. Andere zogen die gelbe, an- dere die schwarze Farbe vor, was* man, wie in dieser Zeit üblich, aps der Verschiedenheit der Temperamente zu erklären sudite Noch andere wurden von der 1) Athanas. Kircher, jOlagnes sive de Arte magjoetica Oput. Rom. 1654. fol. p. 589. 2) Joann. Jnvenis, De antiquitate et varia Tarentinorum Cor- inna Libri VIU. Keapol. 1589. fol L. II. c. 17. p. 107. Jnvenis hat aulser der «igedeateten Angabe last alles «os Mattbloli eiifr> lehnt. 3) Simon AIojs. Todecius, Leibarzt der Königin Chri- stine, beobachtete einen solchen Fall iro Juli 1656. — Bonet. Ble* didna Mplcntrionalis colhiüt Gcnev. 1684. foL 4) Epiphan. Ferdinand. Centam historiae lea obiervttioneB Digitized by G Ferdiaaad m 3) Z. B. mADb nuri.ml portiü S« Tolid che wi MmtL, Alln maii, aOa via: Con m'aaa la dmuM via. Alla mari, aDa mari: ' Meutre cainpo, t*aggio mnvA.^ .'Kireher a. a. O. p. 592. — Anhang, Nr. V. 4) Ferdinand, a. a. 0. !257. Digitized by Google 42 gewährte; l^ei tragä itt Tanze GA&atk toU Watter mit abenteaerfichen Bewegungen' 'imd wcnd etlfeh e ui Aus- druck ihrer Gefühle umher, oder sie liebten es auch, wenn iham inmitten des Tanzplatzes gröfsere GefaOse ' ▼oU Wasser, umgeben mit Schüf and anderen Wasser^ gewflobsea hingeMellt würden, woiio sie Kopf und Anne mit iichfbarer Lust biadetto * )i Andere wälzten sich in Erdhaufen, und liefsen sich mit Erleichterung ihres qualvollen Zustandes bis an den Hals begraben, andere Erscheinungen nicht zu erwttlmenf die in unendlicher ^Jltannigfaltigkdt t^rkeilrte Regungen der Nerven offenbarten» Dies alles aber Verscliwindet gegen die ü n v e r g 1 ei cb- liehe Macht der Töne. Man hatte wohl im Alter- thum den Schmerz des Hüftwehs oder die Wuthan- fälle der Wahnsinnigen durch sanftes Fidtetispiel zu nildero, and WH» uiiselin Gregenstaihde näher Hegt, aucb seflist die Gefahr : des Viperftbisses durch dasselbe BfÜ^ tel abzuwenden gesucht, doch war dies alles nur in ge- ringer Ausdehnung geschehen. Nach dem Tarantelbifs aber gab es in der Meinung des Volkes keine andere Rettung, als durch Mttstk, und es kam nicht in Betracht dafe hier un^ da bd efa^m-Verleteteii' durch das Binden des gebissenen Gliedes oder innere Arzneien der schwe- ren Krankheit vorgebaut wurde, oder dafs einzelne kräf-, tige Männer den Wirkungen des Giftes ohne alle Heil- mittel widerstanden Man erzübke vielmehr, und dies stimmt mit dem Wesen einer so gesteigerten Nervettkrank« heit ganz fiberein, dafs ynd% wcn4n Tarantel Gebissene 1) Kireher p. 589. 2) Plin. Hirt; mt L. XXVm. c. 9. p. 447. Ed. Hard. 3) Caei. Aarelian. Chron. L. I. c. 5. p. 335. £d. Amman. 4) Schon Deraokrit und Tlieophrast haben davon gespro* eben. S. Gell. Npct Attic. L. lY. c 13. 5) Ferdinand, p. m Digitized by Google 48 dend umgekommen wairen weil die .rettende Taian^ telia ihnen nidit an%e8pidft werden konnte. So war es denn schon eo Anfang des siebxefanten Jahriinnderts tfb- lieh, dafs während der Sommermonate ganze Schaaren von Spieiieulen Italien durchzogen, und — es giebt in alter und neuer Zeit kein ähnliches Beispiel, — in Städten and Dörfern die Heilung der „Tarantati'' im Gro- ssen untemommai^ wurde. Man nannte diese Zeit des Tanzes und des Spiels den kldnen CaftMiral der Frauen denn diese waren es vorzüglich, die sich der Sache an- nahmen, 80 dafs sie im ganzen Lande ihre Sparpfennige xnrücklegten, und viele fon ihn^ ihr Hauswesen ver^ nachlSssigten, am nur an diesem Feste der Kranken Theil nehmen, und die willkonunenen Spielleute belohnen zu können. Man sprach sogar von einer wohlhabenden Frau (M i t a L u p a), die ihr ganzes Vermögen zu diesem Zwecke^ verschwendet halte Die Art d«* Mnsik selbst stand mit dem Wesen der Krankheit In der geuanesten YeriMndang^ imd sie hat auf die Italiener einen so tiefen Eindruck gemacht, dafs sie noch gegenwärtig, nachdem Jene längst verschwunden ist, die Tarantella als eine eigen Ihämliche Tanzmusik mit ra« sdier werdendem Takte beibelialtMi haben. Sehr sinnig ontersdiied man einzelne Arten der * Tarantella naeh der wahrgenommenen Sfhnmnng der Kranken doreh beson- dere Namen, woraus hervorgeht, dafs man selbst den Idiosjnkrasieen des Gesichtssinnes durch die Töne ent- spredien wollte. So gab es eine Art Tarantellen, die man „panno rosso^ nannte, eine sehr belebte^ leiden- sdiaftliche Hnsik, zn welcher wilde» dühyrambische Ge* 1) BagllT. 1. tt. a. O. p. 618. — NaA bcMbimlerai ABgd»«ii •tailiea tob IQjDO Gcbusoi« dodi nnr cfaier oder awd. Ferdi- aand. p. 366. 2) II camevaleito delle donne. Bagliv. p. 617. / 3) Ferdinana. p. 2S4. 260. Digitized by Google 44 aSof^ ^öfflcn; tSm andere ^panno Terde^ genannt die nrit dem nflderen Sinnesreiz dordi ^rüne Farbe iibereinstiinmte, mit idyllischen Gesängen von grünen Ge- iilden und Wäldern. Eine dritte hieCs „ein quo tempi,*' eine vierte „mores ca'' — de wurde zu einem Mohren- » tanze gespiek — eine fünfte „catena^ Q), and eine sechste „spallata»^ die langsamste und .unb(Blieliteste von allen, • mit ganz passender Bezeichnung, als könnte sie nur scbul- terlahmen Tänzern aufgespielt werden *). Denen die das Wasser liebten^ püegte man nach entsprechender Musik liebeslftedor Yonnsingen, auch hörten sie gern von Quel- len, rauschenden Wasserflllen, StrOmen und dergL *)* Es tsf zn bedauern, dafs hierüber keine weitere Anskonft gegeben werden kann, weil nur kleine Bruchstücke von Liedern und nur sehr wenige Tarantellen aufbewahrt worden sind, die aus dem Anfang des siebzehnten, oder höchstens dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts her- rühren ' )• Die Musik hatte fsst. durch^^ängig den Klang der türkischen (aria turchesca), und die aUherkömmlicheu \ Gesänge der apulischen Landleute, die sich all jährlich mehrten, fügten sich leicht in die abgestofsenen und mun- teren Töne der türkischen Trommel and der Hirtenpfeife. Biese beiden Dostromente waren auf dem Lande die be- li^testen, aber auch alle anderen ertönten in StSdten und Dörfern zu den Tänzen der Kranken und den Ge- sängen der Umstehenden. War den Kranken irgend eine Melodie zuwider, so g»ben sie ihr Unbehagen durch ge- waltsame, Abscheu ausdrfipkende Bewegungen za erken-^ nen, auch konnten sie MifstÖne durchaus nicht vertragen, wobei noch überdies zu bemerken ist, dafs ungebildete Laudieute^ welche Zeit ihres Lebens die Zauberkraft der 1) Ebcad. p. 250. — Von tiSger HosSk OÜlai sich die Tann telUliizer wie lendilageii: ipenali, mjffn««**" p. 20(1. 2) A. Kircher a. a. O. 3) . S. im Anhange ISr. V. \ Digitized by Google 4» HannoiiieeD nlclit geahnt hatten, in dieser Beti^ong «te anüserst, scharfes GcAiör bekamen, als wären sie in die inneraten Grebeinmisse der Tonkmiftt eing6f#dht Dafs die Kranken durchaus nicht von allen Tarantellen, son- dern nur immer veii der eioen oder der andern ange- sprochen worden, war eine g^wöhntiche Erfahrung, wel« die eine groise Yervielfillligang dieser Tibize ireianlaffste, wbzn denn noch kam^ dafs sie auch selbst unter den in- vStrunienten mit vielem Eigensinn wählten, so dafs einige die schmetternden Töne der Trompete, andere wieder das sanfteste Saitenspiel verlangten Im siebzehnten Jahrhundert, nachdem in* Deutschland die Baserei des Yatstanzes schon längst eiioschen war, erreichte der Taranfismus in Italien seine gröfste HMie. Es waren nicht J 'ofs die Eingeborenen dieses Landes, die von dieser Krankheit ergriffen wurden, auch Fremde aller Farben und jeder Herkunft, Neger, Zigeoner, Spa^ nier, Albaneser, sah man Ton ihr befisilen weiden *). Kein Alter schützte gegen die Folgen des Tarantelbisses' und den Eindruck der gesehenen Anfälle, so dafs selbst neunzigjährige Greise bei dem Klang der Tarantella ihre Krücken hinwarfen, und als strömte ein verjüngender Zaubertrank durch ihre Adein, sich den wikieste» lilnxem zogeselltosi Einen fün^fshiigen Kaabett sah Ferdi- nando nach dem Tarantelbifs Ton der Tanzwuth ergrif- fen^), qnd was Verwunderung erregen könnte, wenn nicht eben dieser glaubwürdige Augenzeuge es bestätigte, sogar Schwerhörige waren mm dieser Krankheit nkfat ausgesdilossen, so gewihig ymkte der Anblick der 1} Bagliv. a. 0. a. O. p. 623w • . 9) A. Kircher a. a. O. a) Feraiaaad. p. m 4) Namentlich wird dies von einem 94jXbrigen Greise aus Ave- tiano beriehtei P. 254. 257. 5) Ebend. p. 261. Oigitized 46 fallenen, auch oliQie ei:heblicbe Anregpms ^^^^ Tiöne • Unteigeotdnete M^nreDsnfiUia tiaUn wtthrend diam Jahrbunderts io^nofli grö&arer Anzahl herroi^ db frihar. Man bemerkte an den meisten Kranken eine auffallende Eiskälte, die nur nach angestrengtem Tanz in die natür- liche Wärme überging ^). Angst und Beklommenheit pref9te Uman kalten Schweifs aus, ihr Harn, war Weift and tia cn^fandan einen so ^fiien 'WldantilLBB ▼•r allem Kalten, dalii aie das dargabotane Wasser mit Ab- scheu von sich stiefsen. Wein dagegen tranken sie alle gern» ohne davon erhitzt oder irgend berauscht zu wer- d^ Wihrend der ganaen Zeit der Anfälle, welche einen, bis sacha Tage daoeite, lühlteB sie Biagendmck mit Widerwillen vor allen Speisen; 4^ Ileisdiea nnd der Erdschnecken, fbn denen man glaubte, dafs sie die Anfälle verschlimmerten, pflegten sie sich schon einige Zieit vorher .enthalten und es kann immerhin die- sem Mangel an stärkender Nahrang einiger Antheil an^ jenem Weindurste migeadiriaben werden, dodi war die INeryenkrankbeit ofTenbar überwiegend, und das, Fasten wie das Bedürüiifs der Stärkung durch Wein ihre Wir- kung. Stimralosigkeit, vorübergehende Blindheit *), Schwin- dely völliger Wahnsinn mit Sddaflosigkeit, häufiges Wei» nen •hae Aoisere Veranlassung waren gcwöbnUcba Er« acbeinnngcn. Viele Kranke landen 'Erleiditer^g durcb Schaukeln und Wiegen ^), andere verlangten Erregung von Schmerz durch derbe Schläge auf die Fufssohlen, oder sie schlugen sich selbst, nicht zum Schein, sondern um einen heftigen Nervenkitzel zu stillen, und wie bei den Johannistänzeiii sab man nicbt wanigen den UnterUib 1) Ferdinando sah einen Schwerliörigen , der wlbrend des Tanzes begierig aofliorchMid, dea TroBUMin and Ffukm io aab «k möglich zu kommen sacbte. f, M8* 2) Ebend. p. 260. - v 3) p. m 4) p. 200. 6) p. m. 6) IL m 7) p. m Oigitized by aufschwellen desten tiefes Leiden sich bei and^ reo durch lang daocsrode Yerstopfu^ Durchfall und £r« bre^^eu zu erkeoneii Dii«86 Te^orcn ailinftlilis Kraft und Fdrbe; mit rothen Augen, gclbsficfatig und auf- gedunsen schlichen sie umher, und \ cillelen bald in tiefe ' Idelanchplie, die in den ernsten Tönen der Sterbeglocken und* in dem Aufen^ait. auf;Kircbhöfen un4..in Gräbern Nahrung fand, wie ^dias, toq den ;I^^dirpp^ ip. Vij^ei rer Zeit erzählt wird. . ' {• / Die Vorstellung von den unabwendbaren Folgen des Tarantelbisses übte rinc Macht über die Gemüther aus, welcher selbst ^ Gesundesten i^nd Stärksten sich nicht zu entziehen yennochti^.. Noch i|in,diB. JIlittc|.de8,:acph-i zehnten Jahrhunderte sah der b<|rfl|u]i^!F.rf eastQra ;de|| N rüstigen Verwalter seines . Landgutes -stöfanend «id mit den Geberden der äulsersten Verzweiflung in Todeskampf yersinken^ nachdem ihn ein Insect, xon dem er gegl^iubt es wäre eine Tarantal,. in den Hals gestochen hat|^ . Hülf- rddi bereitete er Ihpn sp^eicb eniei| ;Traiik ans und armenischem Bolijis , dem. dannaligeii Hauptnnttel ge- gen Pest und alle thierische Vergiftung, und wie durch ein Wunder w ar der Sterbende wiederhergestellt und im Besitz jBeioer Sprfi«^. jäi^r besiegte 4es Vertrauen zu dem gfQlsea: Arz^e — .der, BploQ^ an dessen Heilkraft ileter glaubte, kommt nicht in BctraehC^ di^ tödtliche Einbildung, Ton der der Kranke schwerlich ohne die Tarantella genesen sein würde. F er din an do kannte Frauen, die dreifsig Jahre bintereipamler Anfälle d^. . Krankheit überstanden und ihre Tftnze erneut hatten^ so lange hielt sich bei ihaeft der 'GWiie an das nicht yertilgte Tarautelgift, so lange die Sedenkrankbeit, der eine körper- liche Anregung längst nii^t mehr, zum Grtu^de lag*)- Wo- • 9} De Contag. L. OL c. 2. p. m Open Logana. 1691. a 4). ?^ Digitized by GÄ)gIe hin wir uns überhaupt wenden, die Seelenkrankheit waltete ' allenthalben vor, und wunehe in der GemflriiMtimmung des- Zeitalten» welche 'irar ebies Anttofses dnrdi den ge- sdiehenen Tarantelbife* und die geglaubte CrSewifeheit sei« ner höchst traurigen Folgen bedurfte, um in die grofse Nervenkrankheit auszubrechen. Nun gab es auch schon zu F e r d i n a n d o 's Zeiten viel^ weldie die giftigen Wir« kun^eb des TarlmteUnsses geradezu leugoeten, indem sie die Krankheit» welche Italien allj&hrlich in Bevi^egnng setzte, för eine eingebildete Melancholie erklärten Diesen Unglauben mofsten Sie indessen theuer büfsen, wenn der Vorwitz sie verleitete, »jcigene Versuche anzu- stellen« Denn yiele von ihnen erkrankten schwer am Ta- iüntisttiusi und selbst ein Tomehmer P^lat» Jo. Bapt^ Quinzato, Bisdioff-Ton Foligno, der 'dch wie zum Scherz von einer Tarantel hatte beifsen lassen, konnte nur dadurch geheilt werden, dafs man ihn durch die Taran- tella zum Tanzen nöthigte Andere Geistliche aber, ' welche ihr Ohr der Musik verschlieisen wollten, weil sie das Tanzen ib^em Stande ftbr schimpflich hielten, verfie- len ■ durch den Aidschnb ^der Entscheidung des Uebels in tödtlichc Krankheit, und mufsten sich endlich, wollten sie nicht elend hinschmachten, das unwillkommene, aber einzige Heilmittel gefallen lassen ^ ). Der Freigeistcrci war also das Zeitalter noch so wenig gOnsti^ dais selbst der entsdiiedenste Unglaube, unfthig der Erinnerungen des Gesehenen' sich zu erwehren, einem verspotteten und an sich geringfügigen Gifte erlag. Wie nun ab«r der Tarantismu» in dem dnen dies^ in dem ander» ^e^ Seite' des krankhaft erregten Lebens hervortreten liefs, so konnte es auch nicht fehlen, dafs andere Verstiomumgen der Nerven seine Gestalt . annah- Ii ■ * ' » men, ' 1 ) p. 854. 2) p. 962. 3) p. M. r Digitized by GoogI( 49 meby wenn irgend die Umstände einen solchen Uebergang begünstigten. Dies gilt Tor allen Ton der Hysterie, die* sem Tielgestaltigen nnd wandelbaren Nervenfibel, in wel- chem die Vorstellungen, der Aberglaube und die Thor- heiten aller Zeitalter sich deutlich abgespiegelt haben. Für Hysterische kam der Carnevaletto der Frauen sehr erwünscht y ilire Krankheit erhielt durch ihn, wie in an- deren Zeiten Ton anderen anffiedlenden Gewohnheiten, eine eigenthümlidie Richtung, und von der Tarantel Ter* letzt oder nicht, sie mufsren an den Tänzen der Kraur ken Theil nehmen, an dem grofsen Volksfeste sich zei« gen, an dem sie mit ihren Leiden triumphiren durften*' Hierbei ist die Lebensweise der Frauen in Italic za beachten. Einsam und des sdiOnsten aller Genfisse, des Umganges mit Menschen dürch die grausame Sitte be- raubt, schleppten sie sich durch ein kümmerliches Dasein, Heiterkeit und Neigung zu sinnlichen Freuden ^iiig in er- zwungenem MüCsiggange^ bei vielen in finsteren Trübsinn liber, ihre Einbildungskraft erkrankte , BiAsse nnd Be- klemmung waren die Zeugen ihres tiefem Leidens. Wie hätten sie nicht, in so grofses Elend versunken, aus ihren ' Gefängnissen heraustreten, und an den Freuden der Mu<* ^ sik, die ihnen Linderung brachte, Theil nelmien mögen? Es darf hieibei der Umstand nicht unbeachtet bleiben» der emen tiefen Blick in das psychische Wesen der hy- sterischen Leiden gestattet, dafs viele Blcichsüchtige, wenn sie beim Carnevaletto unter den Tänzerinnen mit aufge« treten waren, das ganze Jahr über von Krämpfen und Beklemmnngen frei blieben ohne dafs der körperliche Gmnd dieser Uebel gehoben wurde. Niemand möchte btemach ihre Selbsttäuschung so geradehin Betrug nen* nen, und sie als solchen unbedingt verdammen. Diese zahlreiche Klasse von Kranken trug zur £r- 1) Georg. Baglivi, Dim. de Anotome, mono et effectibos t«-. nntuUe, p. 616. 17. Opp. LugJuo. 1710. 4. 4 Digitized by Cibogle 50 haltung cfes üebcls gewifs nicht wenig bei, denn ihre wiinderlicbeo Leiden, \a. denen Verstellung und Wirk- lichkeit kaum von ihnen selbst, geschweige denn von Aerzten gesondert werden konnten, fanden dieselbe Nach- ahmung wie die Verzerrungen der falschen Veilstänzer, Gewifs sind auch sie es gewesen,, die die Zalil der un- tergeordneten Zufälle ins Unendliche vermehrt haben, wie die tägliche Beobachtung Hysterischer annehmen lä£6(^ die Ober den krankhaften Trieb sich bemerklidi zu ma- chen,' von dem sittlichen Gesetze abfallen. Gewaltsamer Geschlechtsreiz hatte au ihrem Zustande oft den entschie- densten Antheil. Viele von ihnen culblöfsten sich auf die unsittlichste Weise, rissen sich unter Heulen und Beifsen das Haar aus, und brachte sie die unbefriedigte innere Glut zum Wahnsum, so beschloß der Selbstmord das ihnen verhafste Leben, wie es denn gewöhnlich war, dafs diese Unglücklichen sich in die Brunnen stürzten '). £s könnte hiernach scheinen, dafs durch das Trei- ' ben dieser Art von Besessenen der ursprüngiiclien Krank- heit so viel TrQgtiches und Unwahres beigemischt wor- den sei, dafs sie, in eine andere Sphflre hinObergezogen, in sich selbst hätte zerfallen müssen. Dt^hin kam es aber noch nicht in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunr derts. Denn zum sichern Beweise der von der Hysterie ungefährdeten SeibststSndigkeit des Tarantismus, erkrank- ten daran an vielen Orten, namentlich in Messapia, we- .nigcr Frauen als Männer, welche auch ihrerseits ' Tom Geschlechtsreiz nicht wenig in Versuchung geführt wurden ^ ). An anderen Orten, z. B. in Brindisi, war dies Verhältniis umgekehrt, woran örtliche Verhältnisse wie in anderen. Krankheiten, ihren AntheU gehabt haben mögen; so viel aber geht aus übereinstimmenden Nach- richten hervor, dafs im Ganzen die Weiber keinesweges 1) Ferdinand, p. 257. 2) Ebcnd. p. 256. 57. 58. Digitized by Google 51 den Vorzug genossen von der Tarantelkrankheit in grö- üserer Anzahl befallen zu werden. Man erzählt, dafs die Narben des Tarantelbisses bei der allj&brlidieii 'Wiederkehr der Anf^le (einige tanzten zweimal ^ührlich) mifefarbig geworden seien docb feb* len hierüber bestimmtere Angaben guter Beobachter, wel- che dieser Versicherung ihre völlige Uawabrscbeiulichkeit benehmen könnten. Es ist bier am Orte zu bemerken, dafs nm dieselbe Zeit, als in Italien der Tarantismos seine grd&te Höbe erreichte, ancb im fernen Asien der Bifs giftiger Spinnen noch eben so gefürchtet wurde, als seit Menschengeden- ken. Nur traten hier die Zufälle von dieser Verletzung ohne den Zusatz der apuliscben Nervenkrankheit hervor, welcbe^ wie in dem Vorigen anscbaolidi geinacht worden ist, me&r in der melancholischen Stimmung der Sflditalie» ner, als in der Natur des Tarantelgiftes begründet war, das ohne Zweifel nur als der entfernte, und ohne diese Stimmung unwirksame Anla£s zu dieser Krankheit betracb* tet werden kann. Die Perser bedienten sieb eines sebr eindringenden Mittels, die Fplgen einer solcben Vergif-* tnng zu beseitigen, indem sie den mit Milch übersättigten Verletzten durch starkes Drehen in einem hängenden Ka- sten zum Brechen nöthigten Im ganzen siebzehnten Jahrhundert dauerte die Tanz- wuth vom Tarantelbifs mit allen Zusätzen der Selbsttäu- schung und der bei Nervenkrankheiten dieser Art nie ausbleibenden Verstellung fort, allinählig wieder abneh« nend, aber nocb bis zu £nde dieses Jabrbunderts mit so auffall^den Erscheinungen, dafs Baglivi, einer der 1) FerdinancL p. 258. 2) Adani OUtrivs, YtniMiDrte llMoowilitclM and PenlMd sehe Reisebesdureibiiiig. ScUetwig 1663. foL Bach IV. S. 486. 4» Digitized by Google 52 würdigsten Aerzle dieser Zeit, durch ihre Bearbeitung der Wissenschaft einen Dienst zu erweisen glaubte * ). Er wiederholt im Ganzen die Beobacbttuigen Ferdinan- do's» und stutzt sich auf .die ErfaimiDgen aones Yaten^ eines Arztes in Lecoe, der als nnyerwerflicher Augen- zeuge gelten kann Die unmittelbaren Folgen des Ta- rautelbisses , die Nervenkrankheit selbst, und die Verir- ruugen und Zufälle der Hysterischen bezeichnet er mei- sterhaft, ohne irgend das Bild der Wirklichkeit durch die Täuschungen der Leichtgläubigkeit zu trfiben» welche flun Ton Späteren mit Unrecht schuld gegeben wor- den ist. In der neuem Zeit endlich ist der Tarantismus mehr und mehr zurückgetreten, nnd nur noch auf einzelne Fälle beschränkt geblieben. Wie hätte er auch im achtzehn- ten. Jahrhundert nodi unverändert fortdauern mögen, nachdem die Fäden des Blittelalters, an welche seine Er- scheinung sich knöpfte, schon längst zerrissen waren? Verstellung kam häufiger vor, und wo irgend die Krank- heit noch in ihrer reinea Gestalt hervortrat, da war ihre Hauptursache, eme dgen geartete Melancholie, welche ehedem die Stimmung so Weier Tausende gewesen, nur in dem engeren Kreise persdniichen MifsgeschiclLs ent- standen. Man könnte mit einigem Rechte behaupten, dafs der Tarantismus der neuesten Zeil zu dem ursprünglichen Uebel sich fast so verhält, wie in einigen Fällen der noch , bestehende und gewifs immer yorhanden gewesene Veits- tanz zu der urBprtiogUchen Tanzwuth der Johannistänzer. 1) Georg. Bagliyi, DiMertatio VI. de anatome, roorsn et ef- fectibus Tarantulae. (Geachriebeu i J. 1595.) Opera omnia, Lugdim. 1710. 4. p. 599. 2) Dieser Arzt sah einst, dars drei Kranke, welche offenbar ao bösartigen Fiebern litten, und deren Zufalle die Umstehenden dem Tarantelbib zuschrieben, durch Motik zum Tanzen genölhigt wurden. Der eine itarb auf der Stelle» die beiden Anderen bald daraii£ C. 7. p. 61& Oigitized by 63 Endlich wurde der Tarantismus von dea meisten Aeneten und Natnrfoncheniy weldie bei dieser Yeranlas- sung mit grofser KimsiGlitigkeit und gfiozlicher Unkimde der Geschichte zu Werke gegangen sind, ohne weiteres in das Reich der Tauschungen verwiesen und als ein ToUendeter Betrug bezeichnet. Sie haben ihre Meinung zu bekräftigeiit dnige dieser anscheinend günstige Versa- die^ jedoch unter ganz ungeeigneten Umstanden angestellt, da meistentheils nur kerngesunde MSnner dazu gewählt wurden, welche von dem Einflufs des Glaubens an die einst so gefürchtete Nerveiiliranklieit biramelweit entfernt waren, und aus einzelnen Beispielen von Trug und Yer- Stellung, die bei den meisten NerFenkrankheiten Torkom- men, ohne deren 'Wirklichkeit zweifelhaft zu madien, allzu voreilig auf die ganze grofsartige Erscheinung ge- schlossen, von der sie nicht v^'ufsten, dafs sie nah au vierhundert Jahre bestanden, und dafs ihre Wurzeln bis in das entfernteste Mittelalter reichen. Der Gelehrteste und Scbarfisinnigste unter ihnen ist der Neapolitaner Se- ra o *); seine Beweisführung gegen die Wirklichkdt des Tarantismus läuft indessen darauf hinaus, dafs er diesen für eine sehr entschiedene Form von Melancholie erklärt, und die Wirkung des Tarantelbisses auf dieselbe mit der An- regung eines laufenden Pferdes durch die Sporen ver- gleicht^ also gerade das recht eigentlich bekräftigt, was er zu leugnen sich das Ansehn giebt ^). Durch die Erschfitte- rung des schon wankenden Glaubens an die Krankheit soll es ihm wirklich gelungen sein, diese seltener zu ma- chen und dem Truge dn Ziel zu setzen doch wird hierdurch eben so w^ig die Wirklichkeit derselben zwei- felhaft gemacht, als in neuerer Zdt das Sddafwachen aus 1) Franc, Serao, dcOa Tanuitola o vero Falangio di VufiM^ NapoL 1742. — Verg^ Thom. Fatani, De vita, rnimiis et aeriptU Fraac Sarai ete. Commentariiia. NeapoL 1784. a p. 76 saq. 2) Eboul p. 88. 3) p. 89. Digitized by Google Ö4 dem Reiche der uatürlichcn Erscfaeiniiogeu durch die oft- malige Enthüllung von Betrag verwiesen ivorden is^ wdche aiidi ihreiseits die an sich begrOndeten Wirkon^ gen des tbierisehen Magnedsmoi seltener gemacht bat Die übrigen Aerzte und Naturforscher v? eiche sich 1) H Mercnrialis de venenis et morbu venenosis. Yenet. 1601. ' 4. L. IL c. 6. p. 39., %%-iederboU das Mährchen, dab die Gebisaeneil • in dan Anrällen da« za thua pHetiirn, \ivoinit aie beschäftigt waren, ala tie verletzt worden, und beweist durch einen mitgelbcilten Fall, dala man schon im sechzehnten Jahrhundert die Belriiger von den Kran- ken 20 unterscheiden wufsle. — H. Cardani de sublililate Libri XXI. ' Basil. 1560. 8. L. IX. \y. 635. INicht eigentlich durch Musik, sondern durch die Ansfrenirunü; beim Tanzen wird die Wirkuns; des Tarantel- giftes beseitigt. Yergl. J. Ca es. Scaliger, exoteric. exercitt. Libri XV. de sublilitate. Francof. 1612. 8. Ex. 183. p. 610. — J. M. Fehr, Ancbora sacra vel Scorzonera. Jen. 1666. b. p. 127. Aus Alexan- der ab Alexandro und einigen SpSteren. — Stalpart. van der Wiel, Ohservalt. rarior. Lugd. Bat. 1687. 8. Cent. I. Obs. C p. 424. ^iach Kirchcr. — Rod. a. Castro, Mcdicus politicus. Hamburg 1614. 4. L. IV. c. 16i p. 275. iNach Matthioli. — D. Cirillo, Some account of the Tarantula. Philosoph. Transacl. Vol. 60. 1770 Bezeichnet den Tarantisiuus als einen gemeinen Betrug. Eben so: J. A. Unzcr, der Arzt, Bd. II. S. 473. 640. Bd. III. S. 466. 526. 528. 529. 530. 533. 553., und A. F. Büsching, Eigene Gedan- ken und geaanimelte Nachrichten von der Tarantel, welche zur gänz- licben YerUlgong dea Vorartheila von der Schädlichkeit ihres Bisses, ond der Heilung deaaeUien dorch Mnaik, dienlich und hinlänglich sind. Beriin 1773. 8. Ui^enuif seichte Kritilc — P. Forest Observatt , et cnratt medidnal. Libri 90., 31 et 32. Francof. 1509. fol. Ob. XU I». 41. Ans den Fiftherta sehr fleÜMg compilirt — PhiL Came- rar. Operae lionram sobdsivarani. Francop 1058. 4. Cent U. Cap. 81. p. 317. B« Heed, a medianieai aeconnt .of poiaons. Lon- don 1747. 8. p. 99. Streitet für die Wirklichkeit des Tafintiaains mit R.' Boyle, An essay of the great effects of even langoid and vnheeded motion, etc. London 1685. Chap. YL — Des^eichen: J. F. Carthenaer, Fnndamenta pathologiae el Iherapiae. Francop a. Y. 1758. 8. T. L p. 334. - Tb. Willis, de morhU convolsivis. C. YIL p. 492. Opp. Lngdnn. 1681. 4. Nach Gassendi, Ferdi- nando, Ki reher n. a. -> *L. Yaletta« De Phabngio apnio op»>, sculum. NeapoL 1706. — Thom. Cornelto .(Professor fai Neapel in der Bitte des 17. Jahifa.). Letter to J. Dodington, conceiiung Digitized by Google • über den Tarantismus ohne umfassende Kenntnifs ausge- sprochen haben,' sind einer Beleachtung ihrer Ansichten Didit eben würdig, naciidem wir die Thatsacbe, alles Fremdartigen entkleidet, zu jedermanns Eänsicfat hinge- stellt haben. HL Vmftx^utii in Zb^ÜMiau Sigminr* ' * Beide Krankheiten, der Veitstanz und der Tarantis- / maSj waren Ausgeburten ihres Zeitalters. Sie hätten un- ter gleichem Himmelsstrich in anderen Jahrhunderten nie entstehen können, denn die Umstände, welche sie vorbe- reiteten, sind zu keiner andern Zeit in gleichem VerhSlt- nifs zusammengetreten, und die geistigen >vie die körper- lichen Stimmungen der Völker, welche vou Ursachen, wie die angegebenen abhängen, erneuen sich eben so weni^ wie bei einzelnen Menschen die zurückgelegten Lebens- ^ ' alter. Um so wichtiger erscheint eine oben nur flüchtig berührte Krankheit in Abjssinien, die der ursprüngiiclien Bome observatioiis raade of persons prelending to be stung by Ta- rarilulas. Phil. Transaclions Nr. 83. p. 4066. 1672. Hält den Ta- rantismus für den Veitstanz. — Jos. Lanzoni, De Venenis, C. 57. p. 140. Opp. Lausann. 1738. 4. T. I. Gröfsteotheils nach Baglivi. — J. Sehende a. Gräfe nberg, Observatt. medicar. L. VII. Obs. 122. p. 792. T. II. Ed. Francof. 1600. 8. War selbst Augenzeuge. — *Wolfg. Senguerd, Tractatus pliysicus de Tarantula. Lugd. Bat. 166 gcnder StdUe tau LadolTs Lexicon Aetiiiopic. Ed. 2. FranooC 1689L foL p. 142* ihfcn Grund findet: Astarägaza, de vozatiane quadam diaholiea acdpitnr. Hare. 1, 26L 9, 18. Lac. 9, 39. Graecna habd TcUicare, diaceipere. ^ed Aethiopes, teste Grego* vio, pro morbo qaodam aeeipiant, qno qaia perpetno pe- des agitare et qnasi calcitrare cogltnr. Fortaiiis est laltatio S. Viti, Tolgo Sft. Veitetans. 2) The lifo «nd adTOBtores of Nathaniel Pearce, writtea hf Unueir, dnriog a reoidenoe In Abjiauiia, firom die Tcait 1810 tu 1819. London 1831. a VoL I Chap. DL p. 299. 3) Der Evangelist und dar TiniSer Johannes sind von jeher nnd hol allen Valkm vemvecfaialt worden, so dab die Beileliang des leisten sn daer und deraelben Encheiming In so vehchiedencn Jahr» hondertea vnd Hunmelaalridien doch Immer sehr wahncheinlieh hieilil. Digitized by Google 67 t8glich tiit kaltem Wasser befeodbtet, ein Veirfiiliren, das oft den Tod zur Folge hat. Die wirksamste Kur erfor- dert einen viel gröfseren Aufwand. Die Verwandten mie- tben einen Trupp Trompeter, Trommelschläger und Pfei- fer, ond Terseben sich hinreichend mit Branntwein; dann kommen alle jungen Leute, Mftddien nnd Frauen vor dem Hause des Kranken zusammen, und feiern eine ganz besondere Art von Fest, >vie ich im Folgenden mitthei- len "werde." „Ich wurde emstmals von einem Nachbar zu seiner jungen und von ihm sehr geliebten Frau gerufen, die das Unglück gehabt hatte, von jener Krankheit befallen zu werden. Der Mann war mein alter treuer Gefährte, des- halb besuchte ich die Kranke tagtäglich, sah aber bald, dafis ihr meine Dienste von keinem Nutzen sein konn- ten, wiewohl sie meine Arzneien nicht verwdgerte. Sie sprach viel, aber weder noch ihre Verwandten konn- ten verstehen was sie sagte. Beim Anblick eines Buches oder eines Priesters drückte sie mit den entschiedensten Geberden ihren Widerwillen aus, und gerieth in den hef« tigsten Kamp^ i^obei sie ganze Ströme blutiger ^) Thro- nen yeigois. In diesem trostlosen Zustande hatte sie schon volle drei Monate zugebracht, und mit so wenig Nahrung, dafs nicht zu begreifen war, wie sie noch am Leben bleiben konnte. Endlich entschlois sich ihr Mann, das gewöhnliche Heilmittel anzuwenden, und nachdem er hierzu die nöthtgen Anstalten gemacht hatte, borgte er sich von sdnen Nachbaren alles nur irgend herbeizuschaf- fende silberne Geschmeide, und schmückte damit seine Frau überreichlich aus.** „An dem Abend, wo die Scene vor sich gehen soUte, setzte ich mich ganz in die Nfihe der Kranken,« um sie genau zu beobachten-, und so sah ich denn, nur etwa zwei Muiuten, nachdem die Trompeter angefangen 1) — hke Uood auBgled with water. p. 291; Digitized by Google 58 hatteo za spielen, dais zuerst ilnre Schnltem, dann der Kopf und die Brust io Bewegung gcriethen, und in we- niger als einer Viertelstunde safs sie aufrecht auf ihrem Lager. Die wilden Bhcke, die sie, zwischendurch mit einigem Läebein, um sich warf, yenchenchten mich aus ihrer Nähe» nachdem es midi schon ohnehin in Erstai»-' nen gesetzt hatte, dais eine bis zum Gerippe abgemagerte Kranke sich mit solcher Kraft bewegen konnte. Kopf, Hals, Schultern, Hände und Füfse, der ganze Körper be- wegte sich nach dem Takte der Musik, und endlich stand de aufrecht auf dem Boden. Hierauf begann sie zu tan»- zen, und yon Zeit zu Zeit zu hüpfen, und endlich sprang sie bei zunehmendem Länii der Musik und des Gesan- ges der versammelten Menge einigeraal wohl an drei Fufs hoch empor. Wenn die Musik nachliefs, so gerieth sie in die gröfete Unruhe, Tmrde sie aber lauter, so lächelte sie wieder und schien Tergntigf, während des ganzen Tan- zes aber gab sie nicht das geringste Zeichen von Ermü- dung, selbst da noch nicht, als die Spielleute schon ganz erschöpft waren. Das äufser8te Mifsbehagen verhetb sie aber, wenn diese genOthigt waren, ein wenig auszuruhen und sich zu erfrischen.'* „Am folgenden Tage wurde sie der Gewohnheit ge- mäfs auf den Marktplatz gebracht, wo die Krüge für die Spielleute und Tänzer schon zurechtgesetzt waren. Ais die Gesellschaft' versammelt und die Musik fertig war, trat sie hervor und fing an zu tanzen, wobei sie die wun- derlichsten Stellungen machte, die man nur sehen kann. Dies währte so den ganzen Tag; gegen Abend aber liefs sie ihren silbernen Schmuck von Hals und Armen und FüCsen abfallen, Stück für Stück» so dafs sie sich in Zeit Yon drei Stunden alier Ketten und Spangen entledigt hatte, die ein Verwandter aufsammelte, um sie den EigeU''- thfimem zurückzustellen. Endlich bei Sonnenuntergang lief sie eine Strecke weit mit einer solchen Schnelligkeit, dais der i)cste üeuner sie nicht hätte einholen können. Digitized by Google 69 imd stürzte dann zusammen, wie dn getrofTeoes Wild. Bald darauf eilt» ihr ein junger Mann nach, feuerte eine Luntenflinte über sie ab, sclilug ^ie auf den Kücken mit der flachen Klinge seines langen Messers, und fragte sie nack ihrem Namen, den sie ilim auch ohne weiteres nannte. Man hält dies für ein sicheres Zeichen der Genesung, denn die Kranken hOren während der ganzen Bauer ihres Uebels nicht auf ihren christlichen Namen. Sie >vurde nun elend und hinfällig wie sie war, nach Hause geführt, wo ein Priester ihrer wartete, um sie im Namen der Dreieimgkeit za taolen, ab sollte sie dadurch au£s neue* unter die Christen aufgenommen werden. Damit war die ganze Kur beendet. Mit anderen Kranken gelingt es aber nicht so leicht, wie mit dieser; bei einigen mufs der Tanz auf dem Marktplatz mehre Tage hintereinander wiederholt werden, und andere sind ganz unheiiliar. Ich habe Kranke dieser Art in ihren Tanzanföllen mit einer offenen Flasche „Maize** auf dem Kopfe, die verzerrte- sten Stellungen machen sehen, ohne dals diese herunter- üel, oder ein Tropfen davon vergossen worden wäre.'' „Ohne Augenzeuge gewesen zu sein würde ich An- stand genoounen haböi, von dieser Krankheit zu berich- ten, auch hätte ich sie nicht einmal fQr möglich gehalten, wenn ich nicht von meiner eigenen Frau ^) eines Besse- ren belehrt worden wäre. Zuerst glaubte ich, dafs bei ihr die Peitsche gute Dienste leisten würde, und gab ihr eines Tages ganz im Stillen und unter vier Augen einige Streidie damit, weil ich die feste Ueberzeugung hatten dafs hier die Sinnesart des weiblichen Geschlechtes im Spiele und die Hoffnung, durch prachtige Kleider, Glanz und Musik Aufsehu zu erregen, die eigentliche Ursache der Krankheit wäre. Aber wie erstaunte ich, als sie bei BWer Kur wie eoie Leiche, zu Boden fiel! Alle ihre Glieder, selbst die Finger, wurden steif und unbeweglich. 1) Sie wir dna geborne Griecliio. Digitized by Google ao dafs ich ivirklidi gilbte, de w8ro fodl, und sofort Leuten im Hause bekannt madif e^ sie sei in Ohn^ macht gefallen, wobei ich ihnen die Ursache dieses ver^ driefslichen Vorfalls verschwieg. Diese hatten aber schon Spielleute in Bereitschaft, deren Beistand ich in den letz- ten Tagen entschieden Terweigert hatte, die sie aber durch Musik bald wieder zu sich brachten. Idi lieCs dann ihre Verwandten ihre Heilung auf die Toribeschriebene Art bewerkstelligen, wobei ich nur zu bedauern hatte, dafs eine längere Zeit, als bei der vorigen Kranken darüber hinging, und mir dadurch beträchtlichere Kosten verur- sacht wurden. £ines Tages suchte ich in Gesellschaft eines Gefilhrtoi meiner Frau unbemerkt so nahe zu kom- men, dafs ich sie tanzen sehen konnte,* ohne mich unter die Gesellschaft zu mischen. \Yie ich sie nun so sprin- gen, und mehr wie ein Thier als wie ein menschliches Wesen sich geberden sah, so äufserte ich zu meinera Begleiter: ,,Dies ist gewifis nicht meine Fran;^ worauf dieser in ein schallendes GelSchter ausbrach, ▼on dfln er sich bis zu unserer Rückkehr kaum erholen konnte. Männer werden, wie gesagt, seltener, aber doch zuweilen von dieser argen Krankheit befallen, die in den Provin- zen Amhara und Galla viel weniger häufig yorkomopt; als in Tigr^*" So weit der ganz zuverlässige Pearce, dessen le- bendige Beschreibung den Ueberlieferungen der Vorzeit über den Veitstanz und den Tarantismus auch für dieje- nigen Bedeutung giebt, die an ein Erkranken des Geistes und K»ähe von Axuin rine eigene, ihrem Schutzheiligen Oun Arvel geweihete Kirche. Hier brennt dne ewige Lampe, Ton der sie den Glauben za nfihren wissen, dafs sie nicht von Menschen unterhalten werd^ auch bewahren sie hier ein Weihwasser, das den von der Tanzwuth Befallenen heilsam sein soll. iJer abyssinische Zo oinorphisinus ist eine nicht minder wichtige Erscheinung, und spricht sich auf eine ganz eigenthfimliche Weise aus. Die Eisenarbeiter und Töpfer bilden bei den Abyssiniem eine kastenartige Zunft, in Tigr^ Tebbib, in Amhara Buda genannt, die in einer gewissen Verachtung sieht, und von der Abend- mahlsfeier ausgeschlossen ist, weil man von ihnen glaubt, sie könnten sich in Hyttnen und andere reifsende Thiere ▼erwandeln, weshalb sie von jedermann gefürchtet und mit Grauen betrachtet werden. Sie wissen diesen Aber- glauben mit grolser Schlauheit zu unterhalten, weil er sie durch Absonderung in ihrem cintriiglicheii Gewerbe schützt, und während sie übrigens gute Christen sind (nur wenige Juden pnd Muhamedaner leben unter ihnefi) scheinen sie keinen grofsen Werth auf ihre Excommunication zu le- gen. Als Abzeichen tragen sie einen goldenen Ohrring^ den mau sehr häufig in den Ohren erlegter Hyänen fin- det, ohne dafs man jemals hätte entdecken können, wie sie diese Thiere einfangen, um sie mit dem seltsamen Schmuck zu versehen, der alle Zweifel an dec unheimli- chen Natur der Schmiede und Töpfer Temichtet An- fserdem schreibt man den Buda's auch die Kraft der Bezauberung, vornehmlich der Erregung von Krankhei- ten durch Blicke ^) zu; dennoch leben sie unangefochten 1) Pearce a. a. O. ^ 2) Bei den alten Griechen ßaaxr\ntc. Dieser Aberglaube findet sieb mehr odrr vvenifjer ausgebildet bei allen Völkern der Welt, imd ist hier und da in Europa noch nicht verschwunden. Oigitized by Googl( 63 and werden nicbt von eifrigen Priestern auf den Schei- terhaufen gebracht, wie die WehrwöUe im Mittelalter. IV. ö 2 lu p a t Ij i f . Nachahmmig, Mitletdenscbaft, Sympathie — dies sind unvollkommene Bezeichnungen für ein gemeinsames Band aller menschlichen Wesen, für einen Trieb, der den Ein- zelnen an die Gesamnitheit bindet, der mit gleicher Ge- walt Vemunflt und Tborbeit, Gutes und Böses umfafet, und den Ruhm der Tugend wie die Strafbarkeit des La- sters verringert. In diesem Triebe ^ebt es nur Abstu- fungen, keine wesentlichen Verschiedenheiten, von den er- sten geistigen Regungen des Kindes an, weiche gröfsten* theüs auf Nachahmung beruhen, bis zu dem seelenkran- ken Zustande hinauf, wo der sinnliche Eindruck Ton ei- nem Nerventtbel den Geist fesselt, und durch die Au- gen unmittelbar seinen Weg in die erkrankenden Ge- webe findet, gleichwie der elektrische Schlag von Kör- per zu Körper durch Berührung sich fortpflanzt. Auf dieser höchsten Stufe gesellt sich dem Triebe der Nach- ahmung die Willenlosigkeit hinzu, die sidi einfindet, sobald der sinnliche Eindruck Wurzel geschlagen bat, dem Zustande kleiner Thiere vergleichbar, wenn sie durch den Blick der Schlange gelähmt werden. Durch diese geistige Fessel unterscheidet sich die krankhaft^ Sympa- thie deutlich und bestimmt yon allen untergeordneten Stufen )enes Triebes, so nahe verwandt auch die Nach^ ahmung einer Krankheit mit der einer blofscn Thorheit — einer widersinnigen Mode, einer häfslichen Angewöh- nung in Sprache und Haltung — oder auch einer ver- worrenen Denkweise, erscheinen möge, — Nachahmun- gen, welche selbst in ihrer Bichtung auf thörichtet und ▼erderbliches Bestreben, die Selbstständigkeit der Mehr- zahl der Sterblichen in ein sehr zweifelhaftes Licht stel- Digitized by Google 64 Uxk, und ihreo Verein m dnem geseUschafdicbeii Gan- zen anschaolidi machen. Der krankhaften Sympathie nbdi näher als die Nachahmung anlockender Thorheit, wie- wohl häufig mit einer guten Beimischung von der letzten, steht die Verbreitung grofser Leidenschaften, vornehmlich der religi^en nnd poUtischeny welche die Völker alter und neuer Zeit so mächtig ersdiüttert haben, nnd die .„nadi anßinglicfaer Verwilh'gung ^y* in gänzliche Willen- losigkeit und Seelenkrankheit übergehen können. £s sei fem von uns, dieser Saite alle Töne entlocken zu woi- len^ mit denen sie die innerste üatur der Sterblichen . Terkfindigl; — die Kräfte möchten uns bei einem so grofis- artigen Gegenstande Tcrsagen; nur mit der krankhaften Sympathie haben wir es hier zu thun, auf deren Flügeln die Tanzwuth des Mittelalters zu einer wahren Volks- krankheit sich steigerte. Durch Yergleichung sie anschau- lidi XU machen 9 mögen einige hervortretende Beispiele am Schluls dieser Untersndiung ihre Stelle finden» 1. In einer englischen Spinnerei verfiel ein Mäd- chen in heftige Zuckungen, dem ein anderes aus Muth- X willen eine Maus in den Busen gesteckt hatte. Die Kranke litt unter ihren Mitarbeiterinnen, vierundzvranzig Stunden lang ohne Nachlais. Am folgenden Tage ver- fielen drei andere Mädchen in dieselben Krämpfe/ nnd am dritten Tage wieder sechs andere. Dies machte in der ganzen Anstalt, in der an dreihundert Menschen be- schäftigt waren, einen so grofsen Schrecken, dafs die Ar- hüt ins Stocken ' gerieth. Zugleich verbreitete sich das ' GerQcht» dals durch einen Ballen Baumwolle eme an- steckende Krankheit in die Anstalt gebracht worden sei, weshalb man am vierten Tage die Hülfe eines Arztes (Dr. Cläre) in Anspruch nahm. Bevor dieser noch ankam, hatte sich die Zahl der Kranken vrieder um dm und die Nacht darauf um elf vennehr^ so dafs also nun schon l) Paraceljias. Digitized by Google 66 sdion TieraDAEwanu^ von Zackungeu befallen warttk Unter diesen waren einnndsmnzig Bfidehen, die jttngrten beiden erst sebn Jahre alt, und nor ein Mann, der den • Erkrankten mit vieler Theilnahme beigestanden hatte. Drei vön den erkrankten Mädchen wohnten eine halbe Stunde, und noch drei andere anderthalb Stunden von dem Orte entfiemt, wo die Krankheit ausbrach* Diese drei letzten nnd noch zwei andere hatten die Kranken gar nicht gesehen, sondern dbe KrSmpfe nur nach der Erzählung des Vorfalls bekommen. Aufscr den Zuckun- gen, die von einer Viertelstunde bis zu vierundzwanzig Stunden unausgesetzt fortdauerten, und bei einigen so heftig waren, dais sie von vier oder fünf Leuten gehal- ten werd^ mulsten, damit sie sich nicht die Haare aus- . rissen , oder den Kopf an den Wänden zerstiefsen, itt- • ten die Kranken noch an Angst, Beklommenheit und Er- stickungszufäUen, den gewöhnlichen Merkmalen grofser Kervenaufregung. Die Heilung gelang sehr bald durch ElectridtSt, die Krankheit verbreitete sich sdt der An- kunft des Arztes nicht weiter, und schon sechs Tage ^) nach dem Ausbruch des Uebels, das unter geeigneten Umständen grofse Fortschritte hätte machen können, wa- len alle genesen Dieser Vorfisii zeichnet sich dadurch aus» dais bei den erkrankten flüdchen kdne erfaeblidie' Torbereitung zu KrampfUbeln stattfand» wenn man ntdit ihr verküm- inertes Leben in den Arbeitssälen einer Spinnerei in An- schlag bringen wilL Schwärmerei lag nicht zum Grunde, auch wird nicht bemerkt, dafis die Erkrankten mit ande- ren Nervenkrankheiten schon behaftet gewesen wären. In einem anderen, ganz Shnlkfaen Falle litten die Behaf» 1) Die Krankheit bmh aea 15. Febniar 1787 ans. 2) GcBtlcman's Magaune. 1787. Kart F. B. Osiande r, Uaber die Ealividttki^afaanklidtMi in den BMlhcafdimi des weih- lidbea GescUcditi. TAbuig. 1898. Bd. 1. & 18. 5 Digitized by Google 66 teten alle an Nervcnübcln, welche in ihnen die kranL- hafte Sympathie beim Anblick einer von Zudkungen Be- fallenen steigerten« Es kamt dieser mitbin dem Erkrath ken der if3r8terisohen am Tarantbmus föglich smr Seile gesetzt werden. 2. Ein einundzwanzi^jährigcs durchaus rohes Mäd- chen von slarkeiu Körperbau besuchte am 13ten Januar 1801 eine Kranke im Cbaritekrankeuhause za Beiün, wo sie frfiher an Brustentxündung und Starrkrampf bieban- delt worden war, und stürzte beim Eintritt unter den heftigsten Ziickuiif^on zusammen. Der Anblick ihrer ge- waltigen Verzerrungen versetzte sogleich sechs andere weibUcbe Kranke in einen gleichen Zustand» und nach und nacb warden auber diesen noch acht ▼vird, die seine Freiheit ▼emichtet* Dann wird seiiiet nicht das eigene Leben ge- idumt, sandem-wie eine gejagte Heerde Schaaie dem erstcta nach sieh in. den Abgrund stürzt, so eüen ganze Schaaren von Wahn berückter Enthusiasten dem selbst- . bereiteten jähen Tode zu — von den miiesischen Jung- franen bis zu den neueren Sclbstmördcrvereinen Von allem- enthusiaslisdien Wahn ist aber der religiöse der fruchtbarste an Krankheiten der Seele wie des KUrperB» und diese verbreiten sich wieder von allen am leichte- sten durch Sympathie. Die Kirchengeschichte giebt uii' zähligc Belege hierzu, doch mögen wir nur in der neue- sten Zeit stehen bleiben. di. In einer Blethodistai-Kapelle zn Redruth rief während des Gottesdienstes ein Bbnn mit lauter Stimmet „Was soll ich thun, um sfellg zu werden;" wobei er die gröfste Unruhe und Bcsorgnifs über seinen Seelenzustand zu erkeunien gab. Einige andere Gemeindeglieder vi'ie- derholten» seinem Beispiele folgend, denselben Ausruf, und schienen kurz darauf an den grOfsten KOrperschmcr- zen zu leiden. Dieser seltsame Vorfall wurde bald Of* fentlich bekannt, und Hunderte von Menschen, die von .Neugierde getrieben, oder aus anderen Gründen ge- kommen waren, um die Erkrankten zu sehen, verfielen in denselben Zustand* Die Kapelle bbeb einige Tage und Nflchte offen, ^und von hier aus Terbreitete sich die 1) Yei^l. J. 6. Zimmermanv« Ueber die EiaMonkeit. Leip- sig 1784. Bd. II. Itap. 6. S. 77. - J. P. Falrel, D« rhypo- cfaoadrA et do saicide. Pafb XWXi, 8. lu a. 5» Digitized by Google 68 neue Kranliheit nnt BIHms^elle fkber die bemidibar* ten Städte Cambornc, Heiston, Truro, Penryn und Fal- moutb, so wie über die naheliegenden Dörfer. Während sie 80 fortschritt, nahm sie in den Orten, wo sie sich frü- her gezeigt hMe^ einigenBaOieii^ ab^ beschränkte sich aber durchaus nur auf die Kapellen der Methodisten, üdber- all wurde sie nur von jenen - Worten angeregt, und er- griff nur Leute von der geringsten Bildung. Die Befal- lenen Terriethen die grö£ste Angst und verfielen in Zuk- kungen» andere schrieen ivie besessen, der Allmächtige werde sogleich seinen Zoni Ober sie aussohfttten, daa Geschn» der gequttltea dreister erfUle ihre Ohteti» . und sie sähen die Hölle offbn zu ihrem -Empfange. 'Sobald die Geistlichen während ihrer Predigten die Leute so ergriffen sahen, so redeten sie ihnen dringend zu, ihr Sündenbekenntnifo m verstärken» und bemühten sich eif- rig sie zu fiherzengeii, dafi» sie von Natur Feinde Cihiistl seien, däfs Gottes -Zorn deshalb tiber sie komme, und dais, wenn der Tod sie in ihren Sünden überrasche, die ewige Qual der HöllenÜaininen ihr Antheil sein würde. Die überspannte Gemeinde wiederholte dann ihre Worte, und natürlich mufste dies die Wnth der Zuckunoanfölle stdgeni. Wenn nun die Predigt ihre Wiikungen gethan hatte, so verinderten die GeistBdien den Inhalt ihrer Rede, erinnerten die Verzückten an die Kraft des Hei- landes wie an die Gnade Gottes, und schilderten ihnen mit glühenden Farben die Freuden des Himmels. Hier- auf erfolgte früher oder später euie aulfollende Shmea^ ' anderung; die Verzückten fühlten sidi aus dem tiefrten Abgrunde des Elends und der Verzweiflung zur höchsten Glückseligkeit erhoben, und riefen triumphirend aus, dafs ihre Banden gelöset, ihre Sünden vergeben, und sie ia die wundervolle Freiheit der Kinder Gottes versetzt seien. Ibre Zuckungen dauerten uidessen fort, und sie blieben wahrend dieses Znstandes Jedem irdischen Gedanken so unzugänglich, dafis sie von krauipfiiafteu Bewegungen oime Digitized by Google 69 Nachlafs erschüttert, und ohne Nahrung zu sich zu neh- men oder auszuruhen, zwei bis drei Tage und Nächte lang in dea Kapellen verweilten. Nach einer mäCsigen BerediuuDg worileii von dtoer Verzückung biimeo ftdur kurzor Zeit an vi^rt aasend Menscheil befallen. Verlauf und Encheinungett der AnföUe wavcn im Aligemeinen folgende: Zuerst trat ein Gefühl von Ohn- macht, mit Kälte, und Schwere in der Magengegend ein, bald darauf schrieen die Kranken wie. in groCser Todea- aiigpt, die Weiber fast so wie GebSrende. Dann sag- ten sidi .die Zudkungen znerstln den Augenmuskeln, dodi worden die Augen bald starr und unbeweglich. Jetzt folgte eine höchst widrige Verzerrung des Gesichtes, und nun nahmen die Zuckungen, ihre Richtung .abwärts, so dals die Muskeln des Halses und des Stammes ei^grilieiBi worden, wobei die Kianken mit grolier Anstrengung und mit ScUuebzen afbmelefi. Zu gleicher , Zeit söhfittelteA sie sich und zitterten, schrieen entsetzlich und warfen den Kopf von einer Seite zur andern. Bekam das Uebel mehr Gewalt, so ergriff es die Arme, die Kranken schlu- gen sieb gegen die Brus^ falteten die Hände, und maeh- . ten .^e mannigfaltigittn Geberdan. Der Beobachter, der Tcm dieser Venfickuug Bericbt' erstattet,; bemctkte nie- mals, dafs auch die Schenkel mit ergriffen wurden. In einigen. J^äll^ trat schon nach wenigen Minuten Erschö« pfong ein, gewöhnlich aber dauerte der Anfall weit län- ger, ja man bat llui ' selbst csidbaig bis achtiig: Stunden lang dauern sehen. Viele Ton> denen, die beim Eintritt des Anfalls safsen, beugten während desselben ihren Kör^ per rasch vorwärts und rückwärts, mit entsprechenden Re- wegupgen der Anne,, wie jemand der .üulz sägt. An- dere jauchzten, sprangen umher, und zerrten ihren Kör- per in )ede nur mögliche Stellung, bis ihre Kräfte sich ^rsldhöpft hatten. GShn^n zeigte sich anfange bei allen; mit zuiieh'roender Heftigkeit des Uebels wurden jedoch Kreislauf und Athmen beschleunigjl, 90 -daDs auch dlas Gc- ♦ Digitized by Google 70 ikht ein geschwolleDes und änfgetriebenes Axnehn eririeh. Trat Erschöpfung ein, so wurden di kannten Erscheinung, wie denn besonders eine Frau Auf- sehn erregte, die mit fest verbundenen Augen, und wie man glaubte vermittelst des Geruches, )ede ihr vorgelegte Sdirift las, und den Charakter unbekannter Personen er-' kanntep Alsbald wurde nun audi die £rde vom Grabe Digitized by Google 74 GdstUdien fiQr wmiderüiStig ^altc^i man sdridite daTcm fielen entfeinten Kranken, damit sie dadm'ch ge- nesen sollten, nnd so verbreitete sich das Ner^enfibel weit über das Gebiet der Hauptstadt hinaus, so dafs man zu einer Zeit über 800 entschiedene Convulsionairs zählte, die sich schwerlich so bedentend vermehrt haben wür- den, wenn nicht Ton Lndwig XV« die* Schlie&nng des Kirddiofes befohlen wordsn wtro ^ ). Die Krankheit selbst f^estaltete sich verschiedenartig, und steigerte durch ihre Zufälle die allgemeine Aufregung. Viele empfanden zugleich mit den Zuckungen heftige Schmerzen, welche den Beistand ihrer Glanbensbrtider erheisditen; aus diesem Grunde nannte man sie and die Halfeleistenden gemeinschaftlich Secouristen. Diese Hülfleistungon waren im Allgemeinen sehr roh, und sie stimmen recht auffallend mit denen überein, die man den Johannistänzem und den am Tarantismus ErlLrankten an- gedeihen liefe. Man schlug und stiels ihnen nSmlich ▼er- echiedene Theile des Körpers mit Steinen, Hämmern, De- gen, Stücken Holz und dergl., wovon die Verlheidiger dieser wunderlichen Sekte recht auffallende Beispiele er- zählen, zum sichern Beweise, dafs der grobe Schmerz bei dieser Art NerrenlLinnkheiten ab wirksame Ableitung ▼on der Natur ^ieterisch gefordert wird. Der Holz^ scheite bedienten sich die Sccouristen auf ähnliche Weisen wie die Pllasferer ihrer Rammen, und es wird erzählt, dafs einige Krampfsüchtige täglich wohl 6 bis 8000 StüCse damit ohne Gefahir ausgehalten haben £in Seeooriat 1) Bei dieser Gelegenheit trag man sich oiit den Versen: * „De par le Roi, defense k Diea De laire miracle en ce liea/* 2) Man nannte diese Art von Beistand die „grands secoura/" — Boursicr, Wtnioire theologiqne sur ce qu'on ap|»elle Ics secours violens dans les corivulsioiis. Paris i788. Vi. — Viele Convulsio- nairs «'rkraiiLten durch diese sonderliareu Mifshandlungen , ein Doinl- oüaner starb sogar daran; doch wurden FSlle dieser Art sorgialti^ Digitized by Google 75 faeille ein am Magenkrampf leideudes Madchcu mit hef- ü^n Faastsebläi^ aof die. Herzgrabie» älmlicber Fälle nicht zü erwähneb/' die ' In gro&er Zahl hier and dort vorkamen. * Zuweilen wurden die KrampfsOcbti^en von drn Zncknn«;en wie springende Fische emporgeschnellt, und dies fand späterhin so häuüge Nachahmung, daCs die Frauen und Mädchen, wenn sie so gewaltige Beweguli* igen verwarteten,, imd nicbt unzfldlitig erscheinen wollten, sieh' mit sackfOnntg aohliefsenden Röcken bekleideten. Erlitten sie beim ISiederfallcn Quclschnn«;en, so heilte man diese mit Erde vom (irabe des nicht canonisirtcn Ueiligcu, gewöhnlich entwickelteo sie aber dabei eine frofse Geschicklichkeit, and es ist kaum nöthig zu be- merken, dafs TorzUglich das weibliche Geschlodit sieh durdi atierliand Sprflnge und fast rnglaubÜebe Windun- gen des Körpers auszeichnete. Einige drehten sich mit unbegreiflicher SchneUigkeit auf den Füfsen, wie mau dies von den Derwischen erzählt, andere rannten mit dem Kopf gegen die -Wände, oder krOamiten den Körper wie Seiltänzertamen, -80 dafii die Fersen die Scbaltem be- rührten. ■ • Dies alles arletele endlich in offenbaren Wahnsinn aus. In Vemou iicfs eine Krampfsüchtige von ehedem liemhch lockerem Lebenswandel die Männer beichten,^ anderswo si^ man Frauen dieser. Sekte Priestern Bnfe- flbmftgen auferlegen, wobei diese TÖr ihnen niederkmeeii mufsten. Andere spielten mit Kinderklappern, oder zo- ^en kleine Wagen, und gaben diesen Kindcreieu sym- bolische Bedeiltnng« Eme Kran^&Qchtige machte so* vendiwicgen. S. Renault (Pfarrer in Vaox bei Auxerre f 1796.) Lc secoiirisiiie dctruit dans ms fondmcnf. 1759* 12.« und Le My- Site d'ini^t^. im 8. ft) Ar»a«t, der Vater Voltaire*«, besuchte 'ia Kante« eine berfihmte ErempbOcfaUge (Gabrielle MoDet), die er besdiiftigt fioiA« liaSehellfp vin-KuuierUeppeni absnieilMo, am danit dieVer> % Digitized by Google 76 gar die Panfomime ^es Bartscheerens, und katechisirte dabei, um dem Wimderthäter Päris nachzuahmen » der während dieser Verrichtung und über Tische zu predigen pflegte. Andere lielseii sich ein Brett qoer Uber den Leib legen, und eine ganie Reibe Mflnner ddi darauf stellen, und wie denn in diesem widrigen Zustande hef- . tiger Schmerz eine Art von Wollustgefühl gewährt, so sah man auch Kxampfsttchtige, die sich den Busen mit Zangen gewabsam swicken lieCsen, während andere- mit mgebondenen Rdcken aicb auf den Kopf stellten, und län- gere 2eit so aoshielten, als dies -Gesunden möglich ist Der Advokat Pinault, der zu dieser Sekte gehörte, bellte täglich einige Stunden lang wie ein Hund, und auch dies fand Nachahmung unter den Gläubigen. Der Wahnsinn i'nsr Gonvulsionairs dauerte ohne Un- tedbrechung bis 1790, und bat in diesen neunundfonfög Jahren betröbendere Erscheinungen henrorgemfen, als die erleuchteten Geister des achtzehnten Jahrhunderts zuge^ stehen möchten. Die niedrigste Unsittitchkeit fand in den beimlicben Zusammenkünften, der Gläubigen eine sichere Freistätte, und in ihren sinnverwurrenden Andachtfibui^ gen einen bedeuten Deckmantel. . Es frommte ntcb^ daili die „grands secours^ i. J. 1762 durch eine Parlaments- < acte verboten wurden, denn man betrieb dieses Werk Ton nun an heimlich und mit um so gröCserem Eifer; ancb war es Tergeblich, daÜB einige Aente, wie .aelbsl der gallsfiditig fWimme Hecquet und nach ihm Lorr j ^) das Treiben der ConvuIsionairB au» natGrli* chen Ursachen erklärten. Ausgezeichnete Miinncr aus äeo gebildeten Ständen, wie der Parlamentsrath Mont- werfung der UnglSabigen zu bezeichnen Sie sprang zoweilen iof Wasser und bellte wie ein Hund. Sie starb 1748, 1) J. Pbil. üecquet (f 1737), Le iiatiiralitme dfM eonralsioxw. Solear« 1733. 8. 2) PemdanchiiiiaetmtiiJsmBUachi^ Pm 1761. 2 Voil ü Digitized by Googl 77 ^eron und der GdsÜiche Lambert (f 1813) warfen ndi za Varlheidigeni dieser Sekte «tf > imd die zaliirefr- dben Sdnifteii, die gewedbselt wurdeo ^X befestigten die- selbe durch die ihr beigelegte Wichtigkeit. Endlich er- fichütterte die Revolution das Gebäude dieser verderbli- ehen Mystik, ohne es jedoch m zerstören. Denn selbst wSbrend der gröisten Auüre^g wurden die heimlichett Soiammeiikfinlte niebf ontetflaseai, prophetische Bücher tielgenannter Convulsionairs erschi^en nodi in der neocM sten Zeit, und noch vor wenigen Jahren (1828) erhielt sich die einst berühmte ' Sekte, wenn auch ohne Zuckun- gen und den wunderlich rchen Beistand der Glaubens- brOder, deir mitten anter den hochgepriedenen Erschei- nungen franzUnscher AofklSrung recht lebhaft an das finn stere Jahrhundert der Johannistänzer erinnert ' ). 6. Aehnliche fanatische Sekten bieten bei allen Völ- kern alter und neuer Zeit dieselben Erscheinungen dar* Die überspannte «Andächtelei ist schon an sich, und von dem arztlichen StandpnidLte betrachtet, ein zerrüttender Sinnesreiz, der den Mensdien aus dem lichten Kreise der freien geistigen Wirksamkeit hinwegzieht, und die ver- derblichsten Regimgen recht eigentlich begünstigt. Sinn- liche Triebe mit ziemlich derbem Nervenkitzel linden sich über kurz oder lang ein und nur allzuhäufig sind . • 1) Bernden tob 1784 bis 1788. 2) S. Gregoire, Hlitoife des icetet fdigicosea. Toae iL Chip, la p. 127i Paris 1828. 8* — Beachtenswerth nnd folgeiicle Worte dieses Verdteiutfonen Geldrl^ ftl»er den geisligeo Znstand •eiiier Lendsleate: „L'esprit public cet dans nn £tat de flnctoatioa peraMmnte; des amee fl^triee par F^golsme ii*ODt qne le earact^re de la aervilade; r^donlien vid£e ne Ibffme go^e fse des ieteC, w&hrend ihrer Andacht« Übungen sich in Verzückung sn Tersetzen, was sie denn auch auf eine höchst sellsauie Weise zu bewirken wis- sen. Wenn sie sich nämlich durch gewis.se Worte, die nichts weniger ab bedeutsam sind, in einen Zustand von andächtigem Rausch yersetzt habeb, in dem sie ihrer Sinne kaum noch mSchtig erscheinen, fangen sie an mit wun- derlichen Geberden zu springen, und wiederholen dies mit dem höchsten Aufwand ihrer Kriifte, bis zur Erschö- pfung, so dafs nicht selten Frauen, die sicii dieser An- dachtübungen wie Mänaden belleiÜBigen« ohnmächtig aus 1) Pcrfecl führt unter 108 Irren elf Fälle von Manie und me- iliodislischer Sckwürmerei an, von Jeneu neun sich mit Selbst* mord endigten. Aunaies of insaulty. London 1808. 8. 2) HarrU Rowland nnd William WillUmi» Oigitized by Googl 19 ihrer Mitte weggetragen >\ erden, während die Cbrigcn Gremeinde^eder auf mcilenlangen Heimwegen die Vor- übergehenden durch den Anblick einer so dSmoniscben Baserei eruhrecken. Es sind innier nur einige Ver* zückte, die durch ihr Beispiel zum Springen aufforderu, dann folgt iluicn der gröfste Theil der Versammlung,, so dafs diese Zusauunenkünfte der Jumpers einige Stunden lang mehr den wildesten Orgien, als Veseioen za christ» lieber Erbauung gleticheii In den Vereinigten Staaten von Ni^rdamerika beste- hen Mclhodisten-(ieuieinden schon seit etwa sechzig Jah- ren. Die Berichte zuverlrissiger Augenzeugen über ihre gOttesdienstlichen Zusammenkünften im Freien (Camp-mee- tingp), zu denen von lenodier viele Tausende zusammeoh strAmen.'), imersteigen in der That allen Gbrabeo. Denn nicht genug, dafs sich hier aller Wahnsinn der französischen Convulsionairs und der englischen Jumpers wiederholt, die Zerrüttung des Geistes und der Nerven erreicht in diesen ZusamenkÜnften noch höhere Stufen. Man hat Frauen, der Ecstase und gewaltigen Krämpfen unterlie- gend, Fehlgeburten thun, und andere sich vor aller Wdt entkleiden und in die Flüsse springen sehen; zu Hun- derten fallen sie, von Raserei und Kniinpt'en aufgerieben, in Ohnmacht und von den Nachahmern des Hunde* gebells, die bei den Convulsionairs nur in einzelnen Fällen vollendeter Geisteszerrfittiing vorkamen, gewahrt 1) John Evans, Sketch of the denonünations of th« cbrislitfl World. 13tli edition. London 1814. 12. p. 2ä&r— YcrgL Gregoire a. a. O. Tome IV. Chap. 13. p. 483. 2) In Ki'iiturky haben oft yeraammluiigen von 10 bis 12,000 stattgcrundcn. AuFst-rdein sind Virginien, Nord -Carolina, Tennenee and rif>v-York die SciuioplXtie dieser ZosammcnkfinAe. Grdgoire, Tome IV. p. 486. 3) Ein Reisender seh bei cfaieBi grofbeii Canp-meetbg ttber 800 Obomichtige. Ebend. Nirgends Ist Selbstmord aas Daemoiiomaaio hinfiger, ab In Ifoffdamorilca. • Digitized by Google 80 man ganze Schaaren, auf allen Tieren laufend und knur- rend ^ ) , als wollten sie auch äuÜBerlich die entsetzlicke Heffabwflrdigiuig ihrer MeoscheiuAtiir za erkennen geben. Die Kinder sind bei 'den Camp-meetingp Zeugen dieser wahnsinnigen Begeisterung, und wie denn ihre weichen Nerven der Sympathie am leichtesten zur Beute werden, so verfallen sie zugleich mit ihren Aeltem in heftige Krämpfe, toü- deren Bedeutung sie nichts wissen, und viele von ihnen behalten fiir Zehldiens iigend eine ge- wallige NerrenknniUieit, die Yon Schreck und groiker Aufregung entstanden, vor keines Arztes Kunst zurück- weicht Doch nun genug von diesen Ausschweifungen, die noch in unseren Tagen den. Quell des Lebens so vieler Tansende trfiben, und den Völkern des nennzdmten Jahr- Kunderts dasselbe Sdireckbild von Zerrfittung des Gei- stes zeigen, wie einst der St, Veitstanz dem ünstem Mit- telalter. 1) Ehead. p. 498. Dies sind dl« Barlccrs,, geller. Noch aa- dere lorampiiSchlige HediodisteB*SelleB giebt es ia Nofdamerilai ia groläer Moigei Die der Ehe feiadUchen Shakers wtidea erwÜMt wordea eefai, weaa aklit ilm Yentekaagea viel «abedealeader» als die der Jurapen wiiea. Tefgl. Grigoire, T. V. p. 196.» Evaas» 2) VergL Perrin da Lac, Voyagea dana lea deux Louisiinei. Paria 1805. 8. Chap. IX. p. 64. 65. Cbap. XVII. p. 12a 129. — Hichaad, Voyagea k l'oaeat des monta AUeghanys. Paris 1804. 8. p. 212. — Joha Hcliah» Traveb in the Uniled States of America. PiiiladelpUa 1812. a T. L p. 26. ^ Lambert, Trareia throngh Caoada and the United Statca. Londea 1810. a T. Dl. p. 44. — Joha Howiaon, SlDctciiea of npper Canada. Edinbnigh 1822. a p. 150. — Edw. Allen Talhot, Cbq aanles de rMoico aa Ca- « • aada. Paris 1825. a T. a p. 147. Digiiizcü by eodium dicebat quod bi^onnodi pl^a popoln neonti^mct eo qiipd populos » »äle baptizatus erat, maxime a Presbyteribus saas te- nentibus concubinas. £t propter hoc pi oposuerat vulgus iqsurgfnrfi in clerum, eios .ocddeodo et bona eorum diri- lpiAil^j|isi.l)«Hg.4e.feiiedH» prradisaet per oonjuratio- 6* Digitized^y Google 84 lies praedktas. Quo viso ee^vit tempestas Tulgl taÜter qaod denis malto plas a populo fmt honoratiis* De ista antem cborizatiooe sen secta talia extaat rigmata: Oritur in seculo nova qiiaedam secta hl gestis aut in spcculo Tisa plus nec lecU. Populus tripudiat nimium saltaDdo. Se uniis alteri sociat leviter damando. Frisch friskes cum gaudio clamat uterque sexQS Cunctus manutergio et baculo conncxus. Capite fert pcUcum despper certum. Cernit Mariae filium et caclum apertum. Deonain prosteniifiir. Dadom fit aialatns. Calcato TCiitre cernitiir^sfatim Überatns. Yagatur loca varia pompöse vivendo. Mendicat necessaria propriis parcendo. Spernit videre rubea et personam fientem. Ad fidei confraria erigit hie gens nenleiik' Noctis sab imibraciilo isla perpetrafit Cum natnrali bacnlo sobtus se calcarit Cleruui habet odio. Non curat sacramentaj Post sunt in Leodio remedia inventa, Hanc Dam fraudem qua suggessit sathan est convictus. Coii|iiratii8 eranescit Uioc at Christus heuedictns. • _ ■ . .. . * . » « 'I. Jo. Pistorii Rerum famiUarumque Belgicanim Chronicon magnum. Francof. 1654. fol. p. 319. De chori8aut^il|U8.^ . Item Amio Dn. MGQCLXXIV. tempore ponMeatos ▼enerabilis Domini Joanois de Arckel Episcopi Leodien- ßis, in mense Julio in crastino divisionis Apostolorum visi sunt dansatores scihcet ehoridantes, qui postca venenuit Traleotum^ Leodion, 'Tuugrim et'alia^loca istattuu pai«- tei in mefisci SqpteiaMki fil eMü'hsM daemoninea Digitized by Google 85 pcstis vexarc in dictis locis et circumvidnfs' masculos et foemiiias ma^me pauperes et levis opinionis ad magnum omniam terrorem; paud clericomm tel divitum sunt Ve-* xatL Serta In capitibus gestalmt» 'drea yeiitreai liidjppa' cmn bacalo s% stringebaikt di^ 'unlUilitani,* tibi post'sttU tationem cadentes niinium torquebantur, ^t ne creparen- tur pedibiis conculrabantur, vel contra creporem cum ba- cold ad mappam duriter se ligabant, vel cum pugoo se , tradi 'faddbanty rostra ealceorum laliqtii damabdnt se ab^ horrere, unde (n Leodio fi«ri 'lulle '^»tMbttiHde. '^Ecdei&t» chorisando occupabant, et crescebant numerose de mense Septembri et Octobri, processioues liebant ubique, litaniac ) et missae speciales. Leodii apud Saactam crucem sdio- laris servitor in yesperis dedicationis, cp^pit luderif ciffi thnribuio, et post Tcsperas fortiter ludlare* Eyocatus a pluribus, ut diceret Pater noster, noluit, et Credo respon- dit iu diabohim. Qood videns capellanus, aüata stola conjuravit cum per exorcismum baptizandoruni , et stätira dixit: Ecce inqiiif, scholaris rccedit cum parva toga et calceis rostraäs. Die, tunc- inquit» Patc^ ttostter *et Credo. At nie Qtmmque c^t perfecte et'curattts esL . 'A]^udflI^ stalUuin UDO maDe atite omnhini Sanetordni, mtäti eorMnr ibi congrcgali consilium habuenmt, ut pariter venientes omues canonicos, presbjteres et dericd^^LeodieDscs Oc^ ciderent. Canonicus quidam parvae niensae minister Si^ mpn in daustro l^odienä apiid' capelliliti' 'BiNitae' Vii^< Hin» in Deo eonfortatud, mläm projecir i«'*ei^tMitf'liDta( dicens EViangdium: In prinicipio erat verbuiii sup^i put ejus, et per hoc fuit liberatus, et pro miraculo sta- tim fuit pulsatum. Apud S. Bartolomaeum Leodii, prae^ sentibus multis, «uldam alfi exoi^anti r^pindit di^mon: Ego'exlbo Myenter. Expeeta inqdit preAfftcTf' t«^o tibi foq«. 'Et poefqbam'aliquos aIibtf'eltra8iet'/'di^!^t'IUi,io^ quere tu personaliter et responde mihi. Tum solus re- «pondit daemon: Nos eramus duo, sed socins meus oe- ijuior mfry luato se taiylt^ hBkm toi Oigitized 86 ü e8$em citrB|, naD^ni jntFmm fnr corpus CbrUtiaoaiik Cui presbyter: «Quare infrasti corpora talium persona* ruin? Respondit: Clerici et presbyteres dicunt tot pul- cbra verba et tot orationes, ut non posscmus intrare cor- ppra ipsornm. Si adbuc fxms^t expectatum per quinde* 0^ yd ni^p^em» Ju^s. intrassemiis corpora dbitum, et pjDist^ pifndpainy, ist sie per eoe destnnjssenmg clerum. Et haec fnermtf ibi a nraWs andita et postea a mnltis narrata. Haec pestis intra annum satis invaluit, sed po* pie^ tre9k,^\U(.ij|^uqr aQQOf pommp cessavit. Ii.« , . « • . . « . III, 'bie Lbnburger Ckcgoik, herausgegeben tod C. D. Vogel. Mm ii374 jBfL mitteo im SqinnMr, da erhob sich eiii ^mdeittch Ding auff Erdreich, und. sonderlich in Teut* sehen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel, also dafs Leute anhüben zu tantz^n und zu rasen, und stun- de )e zwej gegen ein, und tantzeten auff eimsr Stätte eiMH halben Ta^ und in dem Tants. da. fielen sie etwaa oÖt.lueder»...iaid linsen ^idi mit Sössen .tretten /inff ihren L^eib. Ppvon.iiahnien üe »ch an, dafs sie genesen wS« reo. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und Toqi einer Kiri# ,ifiwiito^ <^lf) in dif T9(ati0f^lü^ef^,y-,fTstf^^ diA sie tanlzelsm sa,^(}eijii j9n41u^fij)dteu.^..6ich.b^^ um dftu Lub, da^ Digitized by Google 87 sie desto geringer wären. Hierauff sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, daCs .ein Tiieil ifnir- dea tantzendi die von heiaseir Natur wSren, und vo» an^ dem gebrechlichen nfttOrfidien Sadito. Dann deren war wenig, denen das geschähe. Die Meister von der hei- ligen Schrift, die beschwohren der Täntzer ein Theil, die meynten, dafs sie besessen wären von dem bösen Geist Also nahm es ein betrogen End, und wShrete woU sechszehn Wochen in diesen Landen oder in der Mab. Auch nahmen die Torgenannten TfintEcr Mann und Frauen sich an, dafs sie kein roth sehen möchten. Und war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft ge^ wesen an Christum nach meinem Bedünken. XV. Die Cämmica van der hilliger Stat yan Coellen. A. d. MGGGLXXnr. Ibl. 277. Coellen 1499. foL In dem feinen iair ftonde ejn gproiffe JurancUieit yp ▼nder den mjnfchen, ind was doch Biet vill me gefyen defe felue kranckheit vur off nae ind quam van natuer- lichen urfachen as die meyfter fchri)uen, ind noemen Sij maniam» dat is raCerie off unfjnnicheit. Ind vill lüde beyde man ind fraowen junck ind alt hadden die kranck- heit Ind gyngen vjrff hnjff ind hoff, dat deden ouch junge meyde^ die yerlieffen yr alderen, Trunde ind maege ind lantfchaff. Diffe vurfs mjnfchen zo etzlichen tzijden as Sij die kranckheit anftieffe, Co hadden Sij eyn won- derlich bewegung yrre Ijchamen. Si) gauen vjü krj* fchende vnd grafame Ctymmey ind mit dem wurpen {ich haeftlidi up die erden, vnd gjngen liggen up jren rugge, ind beyde man ind vrauwen moift men vmb yren buych ind vmp lenden gurdelen vnd kneuelen mit twe- ien vnd mit ftarcken hreyden beuden, aHö ItijfC vnd harte ab men modite. • ' . Digitized b/Google §8 Iten affo gegart mit den twelen danfzten Sij in kyr- chen ind in clufen ind vp allen gewijeden fteden. As Sij dantzten« io fprong^ Sij allit vp ind rieffen. Her« Cent Jollen» Co -(o» Trifch ind vro here Cent Johaii. Item die gbeoe dte die kraneklieit badden worden gerne} nlichen gefunt bynnen .W. dagen. Zorn leften ge- £chiede viil bouerie vnd drocb dae mit. Eyndeyll nae- iDiea ficb an dat Sij kranck weren. vp dat Sij mochten gelt dae dnrdi bedel^n. Die anderen yiniden ficb krandL dal Sij mochten Tnkajfcbbeit b^edrijaen mit den Tran* wen. jnd gyngen durch alle lant ind dreuen vill bouerie. Doch zo leften brach idt vyli ind wurden verdreuen vyff den landen. Die felue dentzer quamen ' ouch zo Coellen tuCfchen tzwen vnser lieuen frauwen miiifen Mbm- ptionis ind Natiultatis. Gedruckt bei A. W. Sebade. . Digitized by Google .89. Musik zum'ftnze derlarontati ^^^^ u m H 4 1 1 1 3. 7i^^^ • • ^ 1 -P — Google ■ • V. Digitized by Goog e I 1 ll^t^A ■ ■ J TT^ TTJ =1 1 - s 1 — Digitized by Google 1 l |' f"%« 32: — ^ .4-. ~p — — * 1 Digitized by Google Digitized by Google I Digitized by Google I