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Siebenter Band Bonn bei Adolph Marens 1879. i/ JU • •^'-V v.7 Inhalt Seite El s af z Ans Hebels Briefwechsel mit den Strafzburger Freunden Georg Längin 69 — 79 Elsäfzisch: Sprachliches, Weisheit ans Geiler von Kaisers- berg, Soldatenpredigten ans der Reichsveste Kehl Anton Birlinger 158—182 Volkstümliches ans dem Elsafz August Stoeber 229—261 Rechtsrheinisches Land Asketische Traktate ans Augsburg Anton Birlinger... 193—211 Der geistliche Vogelgesang Wilhelm Crecelius 219—229 Sebastian Franck von Donanwerd III Der Artist in Ingol- stadt Franz Weinkauff 1—66 Beiträge znr Geschichte des Humanismus in Schwaben nnd Elsafz nnd des Erwachens der klassischen Stndien im 15. und 16. Jarhnndert Wilhelm Crecelius 184—189 AI achmannen oder Allemannen? Johannes Meyer 261—288 Die Hohenzollerischen Orts-, Flur- nnd Waldnamen Anton Birlinger ' 91—94 Znr Wortforschung Derselbe Richard Bück. . . 86—91 189—192 Znr Alemannia Anton Birlinger 94—96 Jesna Ulsheimers Reisen nach Guinea nnd Beschreibung des Landes Wilhelm Crecelius 97—120 Volkstümliches Aberglauben Sagen Rechtsaltertümliches Karl Doli Joh. Baptist Schöttle Anton Bir- linger 80-86 187—158 8ehwabenneckereien IV Karl Doli 67—69 Dichtungen von M. Kurrer. Ans dem Lateinischen Der- selbe 120—136 Eine Mannheimer Theaterhandschrift des Götz von Ber- lichingen Gustav Wendt 182—184 Zu Schillers Wallenstein Anton Birlinger 211—219 x Sebastian Franck von Donanwerd 1 ) III Abschnit. Der Artist 2 ) in Ingolstadt 1515—17 Francks Humanismus Man hat Francks akademische Stadien in Zweifel gezogen. Alfred Hase S. 25 zält Franck zu „den vilen Gelerten, die von dem damals in Deutschland aufblühenden Humanismus nur so vil aufnamen, als mit irer eigenen Hauptrichtung sich vertrug und gewiß ist er keiner von den Humanisten 3 ) im engeren Sinn der Partei. Nur (?) etwa wärend seines Nürnberger Aufenthalts streifte er sie im persönlichen Verker. Er hat kein lateinisches Buch geschriben und keine Verse gemacht; keine jener Freund- schaftsreden ist im gewidmet. Aber der Humanismus als Zeit- richtung ist im wol bekannt. " 1) Vgl. Alem. V 131 ff. VI 49 ff. 2) Artista bedeutet sowol magister in artibus, als auch wie in unserm Falle auditor phüosophiae vgl. Du Gange; Prantl, Gesch. der Ludwig-Maximilians-Universität in Ingolstadt, Landshut, München 1872 II 155: Uno et communi nomine omnes artium vel magietri vel audi- tores artistae appellentur. 3) Die Bezeichnung humanista findet sich meines Wissens zuerst in den Epp. obsc. viror.; vgl. bei Böcking p. 12 u , 64 *°, 277 31 ; wie ein „humanista pro parte metrificavit", ergezlich zu lesen 71 28 . Die humanistae, poetae oder poetae et humanistae, den Widersachern ver- haßt als „grammatistae" und „gentiles" (Heiden) „quia destruunt uni- versitates" nannten ire Studien humanitas, humanitatis oder antiquita- tis studia; doch redet schon Manutius Epp. IV 6 von humanioris doctri- nae studia, Muretus, Ernesti, Ruhnken von litterae humaniores, bei Er- nesti auch studia Humaniora. In den Epp. obsc. vir. bedeuten poetae seculares bald die Humanisten bald die alten Klassiker; der Gegensaz zur Scholastik ist die poetria. Der Ausdruck Humanismus scheint erst zu Ende des 18. Jarhunderts aufgekommen zu sein; vgl. Niethammers Streit des Humanismus und Philanthropinismus. Jena 1808 8°. F. A. Wolf sagt etat Philologie gewöhnlich „Altertumswissenschaft" oder „Hu- manitätsstudien' 1 . — humanitas == natöda A. Gellius XIII 17. Birlinger, Alemannia VII 1 1 Baß Franck des lateinischen vollständig mächtig war, wenn wir auch keine Reden und Verse von im besizen, bedarf keines Beweises. Die von im aufgestellten Paradoxa, sowie die Sprichwör- ter treten zuerst lateinisch, dann deutsch auf. Von seinen lateini- schen Briefen ist nur der an Campanus nachweisbar. Zugestehen kann man, daß Franck nicht zu den Humanisten im engeren Sinne der Partei gerechnet werden darf. Denn dise rückten die philologische Lesung und Erklärung der „heidnischen" Schriftsteller in den Vordergrund und stellten neben den lezten Endzweck, nemlich die Anregung und Förderung sowol des wissenschaftlichen Sinnes als des sittlichen Lebenswan- dels, als höchste Aufgabe und Krone der humanistischen Studien hin, daß die Schüler mit Verachtung irer „barbarischen" Mutter- sprache ire Gedanken und Gefüle in wol durchdachtem Ciceroni- schem Periodenbau und in gewälter Latinität des goldenen und silbernen Zeitalters darstellten oder eigene poetische Versuche in antiken Versmaßen wagten und den klassischen Vorbildern nach- eiferten, wozu sich ein reichlicher Stof bot im Lob und Leben der Freunde und hohen Gönner, zumal der Fürsten (Gratulazionen, Kondolenzen, Panegyriken etc. etc.), in der Verherrlichung der Vater- stadt oder des Wonortes, in der Zeichnung des eigenen Lebens- ganges, in der Schilderung mannigfacher Liebesabenteuer, in epi- grammatischen Verhönungen der Widersacher und Mißgünstigen, in patriotischen Vorgängen und religiösen Ueberliferungen oder kirchlichen Festen. Daß Franck aber nicht bloß von dem Geiste des Altertums berürt war, sondern auch Universitätsvorlesungen gehört, dafür gibt es einen urkundlichen Beleg, den ich der Güte meines Freun- des Prof. Dr. August Kluckhohn in München verdanke. Daß Franck vor seinen theologischen Studien im Heidelberger Dominikanerkolleg (darüber im Abschnit IV) sich die allgemeine humanistische Vorbildung „in artibust i auf einer Universität er- worben, hielt ich längst für warscheinlich. Seinen Namen konnte ich jedoch in den Matrikeln *) von Köln, von Tübingen, von Frei- burg im Breisgau, von Basel für die Jare 1515 — 25 nicht auf- finden. 1) Die Kölner Matrikel wie die Tübinger habe ich selbst, die Frei- burger hat mein Freund, der Oberbibliothekar Dr. Julius Steup, nach- gesehen. In Basel ist, wie ich der gütigen Mitteilung des Prof. Dr. E. Kautzsch entneme, weder in der allgemeinen Matrikel der Universität von Anfang an (die noch vorhandene theologische Matrikel beginnt erst mit dem Jare 1597) noch in den Fakultätsakten in den Jaren 1515—25 der Name Franck zu finden. Daß Franck, wie Wald p. 9 aus einem Brief Melanchthons schloß, gar in Wittenberg studirt habe, ist grundlos. Denn der Brief Melanchthons, der einen Philologen Sebastianus Francus (villeicht nur „aus Franken") empfilt, fallt ins Jar — 1544, also nach unser8 Seb. Franck Tod. Ich vermutete, daß der Donauwerder Franck in dem benach- barten Ingolstadt an der Donau studirt habe« Die gute Kenntnis der klassischen Mythologie und der Kunstausdrücke der alten Rhetorik schin mir auf Locher Philomusus als Lerer hinzudeuten und die widerholte Erwänung Aventins auf eine nähere persön- liche Bekanntschaft mit disem freisinnigen Gelerten. So heißt es in der Vorrede der KroniJc 1531 a. iij : „wie ich dann hoff, das vil, sunderlich Joh. Auentinus mein fal redlich erstatten soll, das ich auch von hertzen hoff vnd beger." Im Weltbuch 1534 BL 55 von Bayern: „Joan. Auentinus hat diß lands art, herrschaft, Bitten, breuchen von der zeit Noe her, gar artlich beschriben, den liß." Und Germania 1538 Vorrede bb. ijb: „vor jn alle (den neuern deutschen Geschichtschreibern) der gelert 4-uewtinus." Von Aventin ( Turmnair^ Turinomarus, aus Abensberg an der Donau) waren damals bekannt und berümt (vgl. Wiedetnann, J. Tur- mair S. 213): Qrammatica omnium utilissima et brevissima. Monachii 15. Jan. 1512 4°. Norimb. 1512. 1513. 1515. Lips. 1521. Nürnb. 1523. Ein Auszug daraus: Gramatica nova. Augsb. 1512 4°. o. 0. 1513. 1515. 1520. Größere lat. Grammatik: Budimenta gramaticae. — Encyclopaedia orbisque doctrinarum in calce. Augsb. Jan. 1517 4°. 1519. Leipz. 1522. Ingoist. 1542. 1546. Musicae Rudiments Augsb. 1516. (Auszug aus fleisch, Margarita philos.). Äbacus atque veter. latinor. per digitos manusque numerandi quin etiam loquendi con- suetudo (ex Beda, cum picturis et imagg.). . Germania illustranda. Ratisb. 1532 4°. (Entwurf einer Germania iUustrata, die schon sein Freund Qeltis geplant; gebilligt 1525 von Beat. Rhenanus und den Augsb. Domherrn Adelmann von Adelmannsfelden ; vollendet wurde lib. 1, herausgg. von Bruschius). Von seinen historischen Schriften: Imp. Henrici JFCaes. Aug. ducis vero Boiorum VII vita. Ejusdem epistolae inventae a Joh. Av., editae vero a sodalitate Uteraria Boiorum Aventini Garmina, Auetores quidam, quos Aventinus invenit, et qui nondum impressi sunt. Sodalitatis literariae Boiorum Garmina. Augsburg. Im Aug. 1518 4°. Historia vetustatesque Otingae Boiorum Nor. 1518 4° (Wallfartsort Altenötting), deutsch: Alten Oting löblich herhomen — durch Maister Hansen Durmair genant Auentinum von Abens- perg — vom Latein in Teutsch. Ingolstat 1519 4°. Eapeditio Asia- tica etc. Friderici I Caes. Aug. ex Suevia oriundi etc. s. 1. 15224°. Außerdem eine Landkarte von Baiern, nebst ainer kurzen Unter- weisung, Landshut (um 1520); vgl. Wellers Repert. No. 1323. Von seinem bedeutendsten Werke Annales Boiorum 1 ) (auch 1) Der Heidelberger Jurist Nicol. Cisnerus (Kistner aus Mosbach 1529 — 1583, Freund Butzers und Melanchthons) edirte beide: Basel 1580 fol. 4 deutsch: Bayer sehe Chronik) erschin zu Aventins Lebzeiten nur ein »Kurzer Auszug", Nürnb. Fr. Peypus 1522 (Aventin 1 9« Jan. 1534). Aach Franck hat nur noch eine Schrift Aventins erlebt: . Chronica Von vr sprang, herkomen vnd thaten der vhralten Teutschen etc. durch Johannem Auentmum fleissig zusamenbracht, und yetzt erstmals durch Casparum Bruschium in truck verferti- get. Nürnb. Joh. Petrejus 1541 4°. Auf eine frühere Anfrage in Betref Francks erhielt ich aus München zur Antwort, daß man auf- der Universität, welche die vollständigen Matrikelbücher beware, zwischen den Jaren 1515 — 25 unter den Ingolstädtern vergebens nach Seb. Franck gesucht; da- gegen heiße es 1519 Oktober: Joh. Turmair ex Abinsperg. Auf neuliches widerholtes Ansuchen erhielt ich (am' 1. Dez. 1878) zur Antwort: Die älteren Matrikeln der Universität Ingolstadt ligen nur in einer im 16. Jahrhundert gefertigten Abschrift vor. Darin findet sich unter dem Rektorat 1 ) des Artisten Thomas Bamlspach 1514 — 15 eingezeichnet: 26. März 1515 Sebastianiis Frannck de Wer- dea 1 gr. (die Nöbiles zalten 6 gr.). Also ein Tag nach Annun- ciatio Mariae (25. März). Daraus ergibt sich, daß Franck schon vor dem Heidelberger Klosterstudium in direkte Berürung mit dem Humanismus kam, der gerade damals durch Männer wie Locher (1497 poeta laurea- tus), Aventinus, Joh. Eck, ürban Bhegius (poeta laur. 1518), Böschenstein, Joh. Agricola (Ammonius oder Peurle, Prof. des Griechischen 1516), Matthias Kretz u. A. in Ingolstadt seine höchste Blüte hatte. In diser Glanzperiode der klassischen und der he- bräischen Philologie suchte Aventin durch seinen Einfluß als Prinzenerzieher die geiertesten Männer Deutschlands an die Uni- versität zu bringen; in seinem Auftrage hatte (freilich vergeblich) U. Rhegius den Erasmus mit hohem Gehalte dorthin eingeladen, hatte Herzog Wilhelm im Jare 1520 Beuchlin dort die Professur der griechischen und hebräischen Sprache übertragen. Reuohlin wonte in Joh. Ecks Hause (Geiger S. 462). Im Abschnit IV werden wir darstellen, wie Francks wei- tere Entwicklung unter dem nachweisbaren Einfluß Wimphelings und seiner Schule (oder Gesinnungsgenossen), sowie BeuchUns und endlich des Erasmus stand, aus dessen Werken er lebenslang lernte und schöpfte. Ein getreues , gerechtes und verständliches Lebensbild eines Mannes läßt sich nur entwerfen, indem sich das- selbe auf dem in kurzen Umrissen angedeuteten Hintergrunde sei- ner Zeit abzeichnet. Man muß wissen, in welcher Umgebung, in welcher geistigen Atmosphäre er sich bewegt, an welchen wissen- 1) Vom Jare 1507—1515 einschließlich war die Amtsdauer des Rectors und der Dekane ganzjärig ausnamsweise, sonst halbjärig für den Winter vom 18. Oktober, für den Sommer vom 24. April. 5 schaftlichen Bestrebungeil und Leistungen er teilgenommen, in welchen Ideeilen und Irrtümern er mit seinen Zeitgenossen gelebt oder gegen sie gerungen bat. Von disem Gesichtspunkte aus werden die oft scheinbar über- flüssigen Ausläufe und Ausflüge, die wir uns im Folgenden erlau- ben, sich hoffentlich bei dem Leser im weiteren Verlaufe von selbst rechtfertigen, zumal die Dinge, Bücher und Personen vor Luthers und Melanchthons Auftreten keineswegs bei dem gebilde- ten Publikum so bekannt sind als nötig ist und man gewönlich voraussezt. Auch manche litterarische Notiz wird später noch an- derweite Verwendung finden. Ich gedenke die Anfänge des deutschen Humanismus und der Beformation und die Anteile West- und Süddeutschlands {der Schwa- ben, Franken und Elsässer) in etwas anderer Beleuchtung vorzu- fören, als bisher geschehen ist. Wie die ganze leoninische Poesie des Mittelalters mit Celtis endigt, so ist die gesammte mittelalter- liehe TJieologie und Philologie durch Ijuther und Melanchthon bald selbst für die Zeitgenossen in den Schatten der Nichtbeachtung und Vergessenheit gerückt worden ; kein Wunder also, wenn selbst den meisten Gelerten unserer Tage alles, was vor dem Jar 1517 ligt, eine terra incognita ist, mit Cimmerischem Dunkel bedeckt. Die Artisten-Fakultät oder facultas artium oder coUegium artistarum (erst im Laufe des 16. Jarhunderts auch ordo phüosophicus genannt) war durch ire Aufgabe, die „freien Künste" oder artes liberales 1 ), d. h. die Grund- begriffe der Grammatik, Bhetorik, Dialektik, Mathematik, Physik, Metaphysik und Moral zu übermitteln, die gemeinsame Vorschule für die drei 2 ) andern Fakultäten und ire höheren Studien oder für die scientias der Theologen, der Dekretisten (Canonisten) und Ju- risten (Legisten), und der Mediziner. „Die Artistenfaoultät bildete den eigentlichen Schwerpunkt der Universität" Prantl I 77. 121. AlsSchuzpatrone fungiren für die Theologie & Johannes Evang. und Augustinus, für die Jurisprudenz 8. Yvo, „die arzt haben Sant Cosman und Damian, die gelerten (Artisten) Sant Katharin" (Franck, Weltb. Bl. 129b), die magistra oder fllia philosophiae. 1) In den Einleitungen der Schriften über Logik war es meist üblich, eine Einteilung der Wissenschaft darzulegen, und bei solcher Veranlassung bot zuerst Nicolaus Dorbellus, gest. 1455 [Minorit in Tours], die zwei Verse dar: Gram loquitur, Dia vera docet, Bhet verba colorat, Mus canit, Ar numerat, Ge ponderat, Ast colit astra (Prantl I 59). 2) Oder vier vgl« Reuchlins Augenspiegel, neu herausgegeb. von Mayerhoff, Berlin 1836 S. 24: „wie wir auch all unsere lernung in vier facultates swperiores getailt haben, Theologiam, Leges, Canones und Medioinam". 6 Den Doktoren der drei höhern Fakultäten standen die Ma- gister der Artistenfakultät, die Meister der freien Künste, gegen- über. Alles wissenschaftliche Treiben beschränkte sich auf die Interpretation, der „auctoritates" : die Theologen hatten den Lom- bardes und die Bibel, die Juristen das Corpus iuris canonici und civilis (die Pandekten waren noch unbekannt), die Mediziner den Avicenna, Ypocras und Galienus, die Artisten den Aristoteles, Porphyrius, Alexander und Priscianus. Die deutschen Universitäten waren im Ursprung wesentlich kirchliche Anstalten, exempt von weltlicher Gerichtsbarkeit, begabt mit allen Vorrechten des Klerus, daher Lerende wie Lernende clerici genannt wurden; die Gehälter der Professoren, welche üTte* riker sein musten, waren außer geringen Besoldungen der Fürsten, den etwaigen Honorarien (pastus) der Studenten und den Emo- lumenten der Promozionen anfangs meist auf kirchliche Probenden gegründet; der ganze Unterricht stand im Dienste und unter der Aufsicht der Hierarchie, Die Theologie marschirte an der Spize der Fakultäten 1 ). So stand es auf den ältesten Universitäten: Prag 1348, Wien 1365 (1384), Heidelberg 1386, Köln 13S8, Erfurt 1392, Würzburg 1403—16, Leipzig 1409, Rostock 1419. Nur ser allmälich und anfangs unmerklich kam ein neuer frischer und freierer Geist in die deutschen Hochschulen. Die Reformpläne der beiden großen schweizerischen Konzilien {Konstanz 1414 — 18, Basel 1431—46) wie der Unionsversuch mit der griechischen Kirche (Konzil zu Ferrara und Florenz 1439) waren mißlungen: Gerson, der Kanzler der Universität Paris, starb (12. Juli 1429) als Lerer einer Kleinkinderschule im St. Päuls- kloster, einer Vorstadt Lyons ; Gregor von Heimburg, nicht bloß „als Syndicus in Nürnberg durch die trefflichste juristische Rheto- rik in deutscher Sprache" (Prantl I 7) /berümt, sondern auch durch seine Studien in Würzburg als humanistisch gebildeter Wortfür er der deutschen Nation gegen die Anmaßungen der römi- schen Kurie, er starb in der Verbannung (zu Dresden, August 1472). Aber seit und mit disen Konzilien hatte der Humanismus seine Wanderung nach Deutschland angetreten und jener Jjlnea Silvio (Piccolomini , als Papst 1458 Pius II), der die ruhige und gesezliche Reform der Kirche an Haupt und Glidern zu vereiteln wüste durch italienische Schlauheit 2 ), ist gerade in Deutschland 1) Kant, der Streit der Fakultäten 1798. In dem Vorwort die zensur- und kulturhistorisch wichtige Vorhaltung Wöüners (Schöpfer des BeUgionsedikts 1788) und Kants Verantwortung 1794. 2) Franck Kronik Bl. 311b: Diser „Walch, in der kunst des zierredens, poeterey vnn andern künsten hocbgelert". „Fromm weil (so lange) er Eneas Silvius hieß, wirt er vmbkeret im bapstumb, würt aus eim Poeten ein Tirann", der Teutschen, durch die er erhö cht ward, besonders tätig gewesen für die Verbreitung des Humanismus, welcher im 16. Jarhundert zum Kampfe gegen Papst und Inqui- sition auftreten und im Bunde mit der religiösen Beformation die mittelalterliche Kirche sprengen sollte. Es' ist müßig , in der Ge- schichte spätere Wünsche als wirkliche Möglichkeiten hinzustellen, wie Prantl (I 12): „Nachdem völlig innerhalb der katholischen Litteratur bereits Occam die Trennung zwischen Dogma und Phi- losophie ausgesprochen und der Freund desselben, Marsilius von Padua, die entsprechende Trennung zwischen Kirche und Stat gründlichst gefordert hatte, wäre damals noch die Entstehung und Begründung einer freien Weltanschauung möglich gewesen, wie sie viel später erst die Auffclärungs-Ferio&e brachte; und der Huma- nismus hätte den Klerus aus der sittenlosen Verwilderung ] ) heben und ohne Dogmen-Gezänk dem allgemeinen Menschlichen nähern können." Prinzipien sterben nur durch Selbstmord, durch Uebertrei- bungen irer eigenen Parteigänger, wenn inen neue und gewaltigere Interessen und unbeugsame Charaktere entgegentreten. Zarncke (Einleit. zu N. S.) bezeichnet den Zeitraum von 1458 — 1521, „welcher Seb. Brant mit seinem Leben umfaßt und gleichsam einramt", ser treffend als »die Vorgeschichte der Be- formation", deren wesentlicher Inhalt darin bestet, daß in ir sich der gewaltsame Bruch der deutschen Nation mit der römischen Hierarchie vorbereitet, nachdem die Versuche, eine gesezmaßige Ausgleichung herbeizufuren, an dem Egoismus und der Treulosig- keit der päpstlichen Politik gescheitert waren." „In disem Jar 1457 — 58 schrib der Mainzer Kanzler Martin Meyer (Maier) seinen bekannten Brief an Aeneas Sylvius, in welchem wir einen Auszug aus Luthers Aufruf an den Adel der deutschen Nation zu lesen glauben, in disem Jar verließ das erste größere Werk die Buchdruckerpresse, deren Geheimnis im folgen- den Jare über ganz Deutschland verbreitet ward, und in eben disem Jare war es, in welchem sich in Italien die ersten Spuren jenes erfreulichen Einflusses offenbarten, den die griechischen Flucht" linge auf das frischere und schnellere Wideraufleben der klassi- schen Bildung im Occident übten". „Brant erlebte es noch, daß Luthers Brief an den Adel Verräter vnd teüffel, voll „vntrew wider den woluerdienten keyser vnd aMe Teütschen u . „Also ist der Poet Eneas Silvias vnnd Bapst Pias II in einer haudt so weyt von einander als himmel vnd erde". Offenbar macht Franck eine Anspilung auf die. Überschriften der im von seiner Schulzeit her bekannten Epistdlae, welche meist anheben mit: Aeneas Syhrius Poeta. 1) Selbst kirchliche Stimmen charakterisirten den Klerus durch die Worte: „optimarum litterarum ignorantia, voluptatum vero Stu- dium". Prantl I 4. 1 8 [1520], durch die Buchdruckerpresse mit reißender Geschwindig- ' keit überallhin verbreitet, die ganze deutsche Nazion vom Nord- und Ostseestrande bis in die fernsten Gegenden Tirols und Steier- marks zu jubelndem Enthusiasmus erregte, er hörte noch, wie in Worms [1521] der Reformator kün sein Beginnen rechtfertigte vor Kaiser und Reich". In dise Periode fallt die Gründung neuer Universitäten: Greifswald 1456, Freiburg im Breisgau 1457, Basel 1460, Ofen 1465, Trier und Ingolstadt 1472, Maine und Tübingen 1477, Wittenberg 1502, Frankfurt a. 0. 1506. Der klerikale Charakter der Universitäten wurde bald alterirt durch die Mediziner und Humanisten. Die Arzneihunde wurde in Paris wie sonst von Geistlichen gelert; erst 1452 hob der Kardinal von Touteville das Statut auf, wornach die Baccalaureen der Medizin unverheiratet sein musten (Hautz I 445). Auch in Heidelberg war auf Drängen des Kur- fürsten Philipp I. (1476—1508) durch eine päpstliche Bulle 1482 gestattet worden, daß auch Laien und sogar verheiratete als or- dentliche Professoren der Medizin angestellt werden konnten (Hautz I 340 fg.). Die Artisten wie die Schul-Bektoren, „die Meister der freien Künste" waren im 15. Jarhundert zu einem großen Teile Welt- liche, Laien, seitdem die fratres communis vitae (Gerbardiner nach Geirt Groot, Gerardus Magnus, 1340 — 84 Vorsteher des ersten Bruderhauses in Deventer; Hieronymianer oder Gregorianer; Gollatien-Brüder (collatio religiöse Versammlung), gute Brüder oder Brüder vom guten Willen; auch Gucullati = Kappenherrn, Gugel- oder Kogelherrn), one Gelübde und kirchliche Weihen, also one priesterlichen Charakter, daher vilfach von den Bettelmönchen an- gefeindet) sich dem Schulunterrichte gewidmet und dabei sich verheiraten konnten. Nach Deventers Vorbild gab es bald solche Schulbrüderschaften nicht bloß in Zwolle, Utrecht und fast allen bedeutenderen Städten der Niderlande und Westfalens, besonders Münster in W., sondern auch in den Rheinlanden bis nach Schwaben hinauf, in Norddeutschland bis Rostock, fn Mitteldeutschland bis Merseburg, Dise Brüder waren eifrige Pfleger und Förderer der Mystik wie des Humanismus, der Muttersprache, in welcher die Bibel gelesen und das Gebet gesprochen wurde, wie der Lektüre der Kirchenväter und der heidnischen Moralisten, welche als Unter- richtsstof benuzt wurden. Aus disen Schulen stammten die ersten humanistischen Ver- treter und Lerer, ein Graf Moriz von Spiegelberg, Ludwig Dringen- berg (in Schlettstadt), Rudolf Agricola (in Heidelberg), Alexander Hegius (in Deventer), Rudolf Lange (in Münster), Hermann von dem Busche (in Köln), Desiderius Erasmus von Rotterdam. In gleicher Abneigung gegen den Klerus unterließen die Hu- manisten an den Universitäten seit Mitte des 15. Jarhundert s auch 9 • nur die untern geistlichen Grade anzunemen, konnten also stets zur Ehe greifen. Auch in Ingolstadt müssen die Mediziner und die Artisten von der Cölibats-Pflicht frei gewesen sein. Nur das Bektorat 1 ) der Universität war inen nicht zugänglich. Der Rektor rauste sein „clericus 2 ) non tarnen coniugatus nee in aliqua religione professus", also weder ein Klostergeistlicher, noch ein verheirateter Kleriker; denn wer nur die vier nidern Weihen erhalten, konnte sich ver- heiraten (aber keine zweite Ehe eingehen = bigamus). Daß der Qegensaz zwischen den Theologen und Artisten sich im Laufe der Zeit verschärfte, lag in der Versehidenheit des Ausgangspunktes und der Wert seh äzung irer Studien; die Philosophia war die ancilla Theologiae, was selbst Kant noch zugibt, nur mit der Frage, ob dise irer gnädigen Frau die Fackel vor- oder die Schleppe nachträgt. Die alten Egypter und Juden waren typisch für die Artisten und Theologen ; spoliis enim, heißt es in der Vita S. Yvonis presbyt., Aegyptiorum ditantur Hebraei , cum ea quae apud artistas inveniunt fideles, asportare student ad fidei defen- sionem, errorum destruetionem, scripturarum expositionem, erudi- tionem morum. Joh. Fabri von Werdea 3 ) (um 1500) war in religiösem Skrupel, ob man an den kirchlichen Feiertagen heidnische Klassi- ker lesen dürfe: Tradatulus de eo, an licitum sit diebus festivis intendere diseiplinis bonarum artium. Leipz. Landsberg. Es war für jene Zeit selbstverständlich, daß die „heidnische" Litteratur tief unter der kirchlichen oder christlichen stand; „die schönen Wissenschaften", für welche die „Humanisten", die „Poe- ten" schwärmten, waren den gelerten Mönchen nicht bloß weil inen ire Einkünfte geschmälert und die Schüler entzogen wurden, t sondern auch bei iren religiösen Vorstellungen nur ein daemonum opsoniwn, daemonum eibus, Aegyptiae ollae, virulentae Aegyptio- 1) Der bei der Eröfnung der Universität im Auftrag des Her- zogs als Vice-Bektor fungirende Kanonist (doctor iuris pontificii) Wil- helmus (Kyrmann) de Werdena (Pram\l I 21. 38, II 38), Wilhalm von Werden (II 38) war keineswegs, wie Prantl meint, aas Donauwerd (Wer- dea), sondern aus Werden (Werdena) an der Ruhr, berümt durch das von Münsters erstem Bischof Liudger gestiftete Kloster. 2) clericus heißt im Mittelalter oft nur schreibJcundig , gelert = peritia literarum aliarumque artium imbutus. Vgl. Du Cange aus Ioann. de Garlandia in aequivoois: Für aurum, virgo flores, mare nauta, que libros Clericus aequivoce singula quisque legit. Du Gange gibt auch Beispile dafür, daß Clerici = Scholares und = Scribae, notarii (in Urkunden). 3) Vgl. meinen kleinen Aufsaz: Joh. Fabri aus dem Elsaß und Johann Fabri von Werdea in der von Crecelius herausgg. Zeitschrift des Bergisohen Geschichtsvereins XI 113 fg. 10 rum dapes (Praef. in panegyricum Lipsiensis theologi sermonem 1514, in Versen vgl. Buhhopf Schulwesen S. 247). So hatte be- kanntlich schon Hieronymus behauptet: Daemonum cibus est car- mina poetarum, secularis scientia, rhetoricoram pompa verborura und das Lesen der „Codices seculares" (= antike Litteratur), als eine Art Gottesleugnung gebrandmarkt: Quid facit cum Psalterio Horatius, cum Evangelio Maro, cum Apostolo Cicero? simul bi- bere non debemus calicem Christi et calicem daemoniorum. Ein Franke, der erste deutsche ^oeta laureatus" Seitdem der ehemalige Florentiner Bibliothekar Tommaso ParentucelU als Nicolaus V (1447 — 55) den päpstlichen Tron be- stigen, hatte der Humanismus einen gewaltigen und gewichtigen Gönner: an seinem Hofe fanden die griechischen Flüchtlinge seit Eonstantinopels Fall 1453 Zuflucht, Ere, Honorar und Beschäfti- gung. Die griechischen Litteraturschäze wurden durch Vorträge und Unterricht bekannt, durch lateinische TJebersezungen allen Ge- bildeten zugänglich. Noch verbreitete der Humanismus seine Stralen nur ser spar- sam nach Deutschland. Seltsam genug, daß ein Italiener in Deutschland als Verfech- ter und Apostel der „alten Dichter und Bedner u auftrit und für die antike Welt Propaganda macht. Enea Silvio de' Piccolomini aus Siena, seit 1462 Sekretär der Reichskanzlei in Wien, von 1458 — 64 Papst Pius n. Noch verachtete Italien „die nordischen Barbaren", die „sau- fenden und stinkenden Deutschen 44 : da brachten im zwei Deutsche die erste Druckerpresse, Eonrad Schweinheim und Arnold Pannartz, die in Subiaco schon 1465 und zu Rom 1467 druckten. Der Buch- druck der sich von vornherein als eine publizistische Waffe 1 ) die 1) In dem Streit um den Mainzer Bischofstul zwischen Diether von Isenburg und Adolf von Nassau,, an dessen Hof zu Eltville Gutten- berg 1464 lebte. — Die ersten Druckorte: 1450 Mainz. Erfindung and erste Drucke 1451 — 57« 1461 Bamberg. Albrecht Pfister, erster Buchdrucker außerhalb Mainz (und Eltville). 1465 bei Born im Monasterium Snblacense; 1467 in Born selbst. 1466 Köln, die dritte deutsche Stadt nach Mainz und Bamberg. Udalricus Zell von Hanau (aus Schöffers Offizin). 1468 Augsburg. Günther Zainer von Reutlingen etc. 1469 Strassburg. 1469 Venedig. Jon. de Spira (Speyer). 1469 Mailand. 1470 Nürnberg. Vgl. Chr. Friedr. HarUss, die Litteratur der ersten 100 Jahre nach der Erfind, der Typographie. Leipzig 1840. 11 öffentliche Meinung zu beeinflussen erwis, diente Anfangs nur dazu, den Klerikern and Gelerten ire Stadien zu erleichtern and die Schäze der Kloster- and Universitäts-Bibliotheken zu vervilfältigen, bald jedoch auch befridigte er das Interesse der Unterhaltung and Erbauung bei den Fürsten und höheren Ständen and ward end- lich ein mächtiges Mittel der Volksbildung, indem Schriften in der Muttersprache mit zalreichen Abbildungen der Lese* and Schau- lust des gemeinen Mannes geboten worden. Die humanistische Bewegung war in Deutschland erst durch- schlagend durch das Interesse, welches Prinz Maximilian 1486 in Frankfurt zum deutschen König gewält, als Kaiser 1493 — 1519 ir entgegen trug. In Nürnberg, damals der geistigen Hauptstadt Deutschlands wurde vom Kaiser Friedrich III am 18. April 1487 auf der dor- tigen Burg Konrad Celtis (Protucius, Pickel d. h. Meißel aus Wip- feld bei Schweinfurt in Franken 1 ), Schüler und Freund des Frie- sen Rodölphus Agricola zu Heidelberg, mit Lorberkranz und Doktorhut, alspoeta Caesar eus laureatus gekrönt: der erste Deutsche, dem dise hohe Ere zu Teil ward. Er hatte seine Ars versificandi et carrmnum (s. 1. a. = Lips. 1486) dem eben zur Regirung ge- langten Kurfürst Friedrich III dem Weisen (1486—1525) als einem Förderer des Humanismus zugeeignet auf Anraten des im befreundeten kurfürstlichen Leibarztes Martin Pollich von Meiler" Stadt Für dise Widmung nam in der Kurfürst mit auf den Nürn- berger Reichstag, in dem Kaiser zu empfelen. Und warlich diser Mann verdiente die bisher nur den Italienern seit Petrarca zu Teil gewordene Ere. Denn er hat, wie sein Lerer und Freund, der Friese Rodolphus Agricola (seit 1483 in Heidelberg), zuerst in nationalem Sinne gearbeitet, um das „barbarische Deutschland" bei den Italienern, von denen allein damals die beiden klassischen Sprachen zu lernen waren, in Achtang zu bringen and die Pro- phezeiung Agricolas (an Rudolf Lange in Münster) : Futurum tarn doctam Germaniam ut non latinius sit Latium, zur Warheit zu machen. Celtis hatte in Rom mit dem Stifter der platonischen Akademie Julius Pomponius Laetus verkert, in Florenz denPlato- niker Marsilius Ficinus, in Bologna den Philipp Beroaldus, in Ferrara den Joh. Baptista Ouarinus and Leonardas Aretinus, in Padaa den Joh. Calphurnius aas Brescia und den Kretenser Mar- cus Musurus gehört und in Venedig den berümten Buchdrucker Gottfr. Reichhaft, die Druckorte des 15. Jahrh. und die Erzeug- nisse ihrer erstjähr, typogr. Wirksamkeit. Augsburg 1858. M. Roderich, Joh. Gutenberg, seine Zeit und seine Erfindung. Dresden u. Leipzig. F. W. Carovi, die Buchdruckerkunst in ihrer weltgesch. Bedeu- tung. Siegen & Wirzburg 1843. 1) J. Huemer, Allg. deutsche Biogr. IV 82 fg. 12 Aldus Manutius und den Redner und Geschichtsforscher Marcus Antonius Sdbellkus kennen gelernt. Heimgekert ist Celtis in rastloser Wanderinst der fleißigste Sämann humanistisches Geistes in allen Orten und Gegenden Deutschlands gewesen; er ist der Gründer der Gelertenvereine, der die zerstreuten Förderer und Freunde des Humanismus in einen fruchtbaren Verker brachte; durch in kam nicht bloß die Rheto- rik Ciceros und neben Terenz die Poesie des Horaz und die Nach* bildung seiner Metra in Aufschwung, sondern auch die den Do- minikanern so verhaßte Philosophie Piatos ; von im wurden über- all in den Klöstern Handschriften aufgespürt. Zum Untersciud von den übrigen deutschen Humanisten hat er auch um Land und Leute zu verstehen in Böhmen und Polen die Landessprache er- lernt, wie auch von Agricola als Unicum dastet, daß er eine fran- zösische Schrift in's Latein übersezte: den Brief des Arnauld de Lalaing über die Zusammenkunft des deutschen Kaisers Friedrich III mit Karl dem Künen, Herzog von Burgund, in Trier 1474 (bei Fr eher, Rer. German. Script, ed. Strud. Argentor. 1617 II 302 sq.). Celtis stiftete naoh dem römischen Vorbilde gelerte Gesell- schaften, die alten Sprachen wie die römischen Altertümer zu er- forschen und zu irer Pflege anzureizen: so 1488 in Krakau die Sodalitas litteraria Vistidana, 1489 in Ofen die Sod. litt. Hunga* rorum, seit 1494 nach Wien verlegt als Sod. litt. Damdnana, 1490 in Heidelberg die Sod. litt. Ehenana oder Celtica, die in Mainz unter dem Vorsize des Wormser Bischofs Johann v. Dal- berg eröffnet ward, 1491 in Lübeck die Sod. litt. Bältica oder Codanea, die aber früh wider eingieng. In Ingolstadt lerte Celtis vorübergehend 1492, 1494 und 1497. Für seine Zuhörer edirte er eine Epitoma in utramque Ciceronis Rhetoricam, cum arte me- morativa, et modo epistolandi utilissimo s. 1. a. (Ingolstadt 1492) 4° mit einer Widmung an den um die Pflege der Wissenschafken hochverdienten Kaiser Maximilian. ImJarl496 lebte er vorüber- gehend als Prinzenerzieher am Hofe zu Heidelberg, wo er die Söne Philipps Latein und Griechisch lerte. Der Rektor der Wiener Universität und der Sekretär des Kaisers Pierius Gracchus (Krachenberger aus Passau 1 ) veranlaßten die Berufung nach Wien, woselbst er nach einer zehnjärigen vil- seitigen, gesegneten und einflußreichen Tätigkeit, als erster Pro- fessor der Beredsamkeit und Dichtkunst und Direktor der Uni- versitätsbibliothek 1508 starb. Erweiterung der Universitäts-Studien Celtis, vom Kaiser berufen als Lerer der alten Philosophie 1) Diser Humanist plante zuerst eine deutsche Grammatik zu schreiben; der Tod verhinderte die Ausfürung des Planes. 18 und der klassischen Litteratur, war der erste, der die griechische Grammatik dozirte und den Homer interpretirte, der nicht bloß Ciceros Rhetorik lerte, sondern auch mit seinen Schülern Rede- Übungen veranstaltete (Anfang eines philologischen Seminars); auch begnügte er sich nicht mit der Erklärung des Horae und des Terens, er verlangte auch metrische Hebungen und ließ einige Komödien des Terenz wie seinen eigenen Versuch „Ludus Dianae" durch -seine Zuhörer auffüren. Die Lere vom Kosmos erörtete er, indem er die Schrift des „philosöphu8 Platonicus" Appüleius De mundo zu Grunde legte und von ir eine Ausgabe veranstaltete (L. Apuleii de mundo seu Cosmographia Memming. 1494 fol. Vienn. 1497 fol.). Die Geographie in Verbindung mit der Astronomie trug er vor nach Claudius Ptolemaeus; Landkarten, Erd- und Himmels- globen halfen dabei den Gegenstand veranschaulichen. Celtis hat das Verdienst zuerst nicht bloß Weltgeschichte (von Ninus bis Maximilian), sondern auch deutsche Geschichte auf der Universität vorgetragen zu haben; eine Geschichtsprofessur gab es erst auf der ersten protestantischen Universität, welche Philipp von Hessen zu Marburg 1527 errichtete. Für Deutschlands Urzeit legte er die Germania des Tacitus zu Grunde, welche er in Wien 1500 4° edirte (zugleich cum Conr. Celtis carmine de Germa- nia; Vadianus besorgte Wien 1515 davon eine neue Ausgabe); für die Zeit der Hohenstaufen das historische Gedicht Liguri- nus sive de gestis Imp. Caes. Friderid I Aug. libri X car- mine heroico conscripti nuper apud Francones in silva Hercynia et Druidarum Eberacensi coenobio (Cistercienser -Abtei Ebrach bei Würzburg) a Conr. Celte reperti. August. Vind. 1507. fol., dabei Conr. Peutingeri de ortu, genere et posteris Imp. Caes. Fri- derici I. Tractatio. Nationalgefül der deutschen Humanisten Ein Volk, das seine Geschichte, Helden und Großtaten nicht kennt, kann auch kein Nationalgefül, keinen Stolz, keine Selbst- achtung haben; one höhere Ziele und sichere Leitsterne verläuft dann das Leben des States wie der Einzelnen. Einige der deutschen Humanisten empfanden, wie Kaiser Max, schmerzlich disen Hangel in irem Volke, zumal wenn sie unter Italienern weilten. „Johannes Stabius des hochlöblichen Eaysers Maximiliani Ma- thematicus, hat mir offt gesagt — er z alt Magister Joh. Carion in seiner Chronica 2. A. 1534 4° Bl. 109b; in Francks Germania Bl. 102 — wie Eayser Maximilian vber die Teütschen Historicos geklagt hat, das sie der hohen, weysen vnd von Gott begnadeten Fürsten handel vnd thaten so vngeschicklich bschriben vnd cor* 14 rumpiert haben, vnd hat befolhen fleyssig atte Historicos zusamen zu bringen, vnd auß allen ein leydliche Gronica zu machen. Wie on zweyffel geschehen were, so er lenger gelebt, oder durch an- dere grösser geschafft nicht verhindert were." Es sollte noch Jarhunderte dauern, ehe nach den Sammel- werken 1 ) von Schard, PistoriuSy Bauber, ürstisius, Freher^ Mei- bom, Leibnitt, Eccard, eine des deutschen Volkes würdige voll- ständige Sammlung seiner Historiker bis zum Jare 1500 zu Stande kommen konnte: Monumenta Germaniae > historica — auspiciis societatis ape- riendis fontibus rerum Gerraanicarum medii aevi edidit G. H. Pertz Hannov. 1826 ff. Daraus Einzelabdrücke „in usum scho- lamm scriptores rer. Germ. Hann. 1840 ff." und in deutscher Be- arbeitung die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit Berl. 1849 ff. Hierzu kommen neuerdings die von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen »Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis 16. Jahrhundert". Geltis Verdienste um die vaterländische Geschichte sind schon berürt. Außer dem Ligurinus entdeckte er im Kloster St. Em- meran in Regensburg das noch ältere Werk einer sächsischen Nonne, welches den Italienern beweisen konnte, daß in Deutschland schon unter Kaiser Otto I die humanistischen Studien gepflegt wurden : Opera Hrosvitae 2 ), illustris virginis et monialis Germanae, gente Saxonica ortae, nuper a Conr. Cette inventa. Norimb. 1501 fol. mit einer Widmung an den Kurfürsten Friedrich von Sachsen (den Gründer der folgereichen Universität Wittenberg 1502) mit Löbepigrammm auf die sächsische Nonne von Gandersheim (um 980, die iren Namen Hrotsvita in Glamorvälidus übersezt) von verschidenen Mitglidern der Bheinischen Gesellschaft in Heidelberg, Besonders wichtig wurden die sechs dem Terenz nachgebil- deten geistlich- moralischen „Comoediae sex" der Hrosvitha für die Pflege und Richtung des deutschen Schuldramas*). Der patriotische Sinn der Humanisten zeigt sich, nach disem tapfern Anfang des Geltis, besonders darin, daß sie den Wünschen des Kaisers und der Wißbegir des deutschen Volkes dadurch ge~ 1) Vgl. Dahlmann-Waitz, Quellenkunde der deutschen Geschichte. Göttingen 1875. 2) Neuerdings herausgg. von Barack, Nürnberg 1858; vgl. über die Hrosvithaiitteratur Gödeke Grundr. S. 14. 1150 u. Koberstein LG. I 376, sowie Prantl II 484> 3) Neu herausgg. von Bendixen, Lübeck 1858, verdeutscht als „das älteste Drama in Deutschland" von ebendemselben Altona 1850 — 53. Vgl. über lat. Schuldramen Otto Franck, Terenz und die lat. Schul- comödie in Deutschland, Weimar 1877, und meine Recension des Buchs in der Jenaer Lit. Zeitung. Juni 1878. 15 recht zu werden sachten, daß sie nicht bloß die Weltgeschichte, sondern auch die des deutschen Landes und der wichtigsten Völr herstamme in lateinischer wie in deutscher Sprache darstellten und antike Klassiker wie Neulateiner verdeutschten, daß sie nicht bloß in eigenen lateinischen poetischen Schöpfungen mit dem stolzen Italien wetteiferten, sondern auch durch Uebertragungen deutscher Sprichwörter und Volkslieder, Meistersänge und satirischer Werke (Seb. Brant) in die lateinische Weltsprache dem Ausland einen bessern Begrif von dem Wesen und der Weisheit des deutschen Geistes beizubringen suchten. In disem Sinn schriben und wirkten insbesondere Wimphe- Ung und seine Gesinnungsgenossen und Nachfolger. Wimpheling, der die Reform der Kirche durch die höchsten kirchlichen und weltlichen Gewalten wünschte und nur von einer bessern Erziehung der Fürsten wie des Klerus und der Jugend alles Heil hoffte, edirte die Manschrift Lupolds -von Bebenburg (Bischof von Bamberg 1352 — 63) Germanorum veterum principum zelus et fervor in Christianam religionem Deique ministros, Baeil. per J. Bergmann de Olpe 1497 fol. und ebendesselben Streit- schrift zu Gunsten der Selbständigkeit der Statsgewalt: De juri- bus regni et imperii Romanorum et translatione imperii Argent. 1508 4° mit einer Widmung an Kurfürst Friedrich von Sachsen. Als die Germania, ad Rempublicam Argentinensem Straß- burg 1501 4° erschin, in deren erstem Teil der später von Arndt wider verteidigte Saz: yy Der Ehern, Deutschlands Strom, nicht Grenze" aufgestellt, im zweiten dem Magistrat der Plan eines lateinischen Gymnasiums in Straßburg 1 ) skizzirt wird, erhob sich der Straßburger Barfüßer Murner zum Erweis des Gegenteils in einer „Nova Germania" 1502; wogegen Wimpheling und seine Schüler herbeieilten zu einer Defensio Germaniae Jacobi Wim- phelingii quam frater Thomas Murner impugnavit. Friburg s. a. 4°. Wimpheling hatte seine Germania auch deutsch ausgearbeitet (WiskowatoffS. 98): Tütschland, zu Ere der Stadt Straßburg und des Rheinstromes; sie erschin aber erst von dem Elsässer Afosche- rosch (Philander von Sittewald) herausgegeben getreu nach Wim- phelings Urschrift 1648. Wimpheling ist der erste politische Lyriker unter den Deutschen, vgl. über die Streitlieder desJacobus Sletzstaü \4Sl und des Fran- zosen Robert Gaguwin (Gaguin) Gödekes Grundr. S. 233; er ist 1) Der Plan ward erst 1538 ausgefürt. Charles Schmidt, La vie et los travaux de Jean Sturm, Straßb. 1855; der große Statsmann, Jakob Sturm von Sturmeck, Straßburgs Stettmeister, Wimphelings Schüler, hatte den genialen Gedanken eine konfessionslose Universität (Gymnasium) zu errichten; vgl. Schmidt, Ueber Joh. Sturm von Schiei- den (bei Köln); vgl. F. K. Kaiser, Progr. der Köln. Realsch. 1872. 16 der erste deutsche Humanist, der eine allgememe deutsehe Ge- schichte verfaßt bat (1502), mit Benuzung der Studien seines Freundes Sebastian Murrho (Ganonicus jn Colmar f 1495): Epi- tome rerum Germanicarum usque ad nostra tempora. Straßburg 1505 4°. (Wimpbelings Vorrede an, Thomas Wolf, Sept. 1502, läßt eine noch frühere Ausgabe vermuten). Die von Wimpheling 1496 als Prediger zu Speier unter- < nommene Bearbeitung der Eronik Ottos von Freisingen wurde nicht zu Ende gefürt. Wimpheling veranlaßte seinen Freund den Benediktiner-Abt Joh. Trithemius (von Trittenheim bei Trier 1462 — 1516) zu Spon- heim (bei Kreuznach) zur Abfassung der ersten deutschen Literär- geschichte. Sein Liber de scriptoribus ecclesiasticis Basel (J. Amer- baeh) 1494 fol. Paris 1497 4°, dem Bischof von Worms Joh. von Baiberg gewidmet, ist troz des Titels eine allgememe Literärge- schichte; es sind vile Philosophen, Redner, Dichter, Mathematiker, Astronomen, Mediziner, Historiker und Juristen eingeschmuggelt, weil „auch die Werke weltlicher Schriftsteller zum Verständnisse der h. Schriften etwas beitragen können" (Silbernagel, Trith. S. 60); die Ergänzung und Fortsezung, welche Johann Butzbach 1 ) aus Miltenberg (am Main, Piemontanus), Prior des Klosters am Laacher See abfaßte, ist erst neuerdings durch Krafft und Crecelius (Zeit- sehr, des Berg. Gesch. -Vereins VII) und Böcking (Hütten, Suppl. II 2 437 fg.) bekannt geworden. Auf Wimphelings Wunsch und im gewidmet verfaßte er „zum Lobe Deutschlands" den Catdlogus illustrium virorum Ger- maniam suis ingeniis et lucubrationibus omnifariam exornantium s. 1. 1495 4» Trai. ad Rh. 1495 4° Mogunt. 1497 4° u. ö. Schon 1491 konnte er einem dünkelhaften Italiener, welcher außer von Albertus Magnus von keinem deutschen Gelerten je etwas gehört haben wollte, triumphirend disen Gatalog aus seiner Bibliothek zur Beschämung vorzeigen. Trithemius machte noch handschriftliche Zusäze Ende Juni 1509, worin u. a. Joh. Piemontamis (Butz* bach), der Lobredner Trittenheims, Jakob Locher von Ulm, poeta laureatus, Schüler des Seb. Brand und Lerer am Gymnasium zu Ingolstadt, Heinr. Bebet, Dichter, von Justingen in Schwaben, der x eine Gosmographie schrib, Conrad Peutinger Dr. utr. juris, kaiserlicher Rat zu Augsburg erwänt sind. Silbernagel 67. Von Trithemius Frankenkronik 1515 soll später die Rede sein. Konr. Peutinger hat nicht bloß römische Inschriften, Kunst- werke, Münzen, Altertümer und Urkunden gesammelt (berümt ist 1) Vgl. 0. Jahn, Populäre Aufsätze von der Alterth. Wiss. Bonn 1868 und J. Wegeier, Kloster Laach. Bonn 1854. D. J. Becker, Chro- nica eines fahrenden Schülers oder Wanderbüchlein des Joh. Butzbach. A. d. Lat. Regensb. 1869. 17 die von Celtis in Speyer aufgefundene, dem Peutinger vermachte Reisekarte des Römerreichs : Tabula Peutingeriana) ; es erschinen von im auch Sermones convivales de mirandis Germaniae antiqui- tatibus {Strasburg, J. Prüs 1506 4°; Chr. Egenolph 1530 4°), durch die er als Altertumsforscher bei allen Zeitgenossen das gröste Lob erntete. Ein Humanist und Mediziner — eine im 15. und 16. Jar- hundert häufige Verbindung der Richtungen — versuchte auf mittelalterlichem Standpunkte aus meist italienischen Historikern (nach Steinhöwels Vorgang) eine ausfürliche Weltgeschichte in Wort und Bild bis auf Kaiser Max: Hartmann Schedel, Arzt in Nürnberg (1440 — 1514), ein Freund von Cutis, Peutinger, PircMeimer : Registrum huius operis libri cronicarum (bis 1492) c. figuris et ymaginibus (von Michael Wolgemuth, Alb. Dürers Lerer, und Wilh. Plegdenwurff), Nürn- berg 1493 fol., und zugleich verteutscht vom „Losungschreiber der kaiserlichen Reichsstadt Nürnberg" Georg Alt 1 ) , Zeitbücher Nürnberg 1493 fol. Beides unförmliche Folianten. Der Nachdruck der deutschen Ausgabe des Werkes Augsburg 1496 und der lateinischen Augsburg 1497 fol., auch Augsburg 1500, enthält verkleinerte Bilder und ist in kleinerem Format gedruckt. Heinrich Bebet aus Justingen in Schwaben (1472 — 1516), Professor der Poesie und Rhetorik in Tübingen, hielt vor dem Kaiser zu Innsbruck eine Rede: De laudibus atque amplitudine Germaniae, worin er zugleich die innere Zerrissenheit Deutsch- lands und die Fehdelust seiner Fürsten beklagte. Seit 1501 poeta laureatus. Die Rede an den Kaiser: Ad augustiss. atque sacratiss. Ro. regem Maximilianum de ejus atque Germaniae laudibus erschin 1504 mit der Abhandlung Germani sunt indigenae; eine größere nach Beendigung des schwäbischen Krieges verfaßte stet in der Sammlung Opera, Pforzheim 1509, worin besonders wichtig ist die an die Schweizer (denen der Schwabe Bebel in gleichem Maße wie der Elsässer Wimpheling abgeneigt war) gerichtete Schrift (Ad Bernenses, Thuricenses caeterasque Civitates Imperiales apud Helvetios Henr. Bebelii Iustingensis ad imperii obedientiam Co- hortatio): De laude, antiquitate, i/mperio, victoriis rebusque gestis veterum Germanorum (Zapf S. 238). Wie späterhin Fichte in seinen Reden unsere deutsche Nazion zum „Urvolk" hinauf phan- tasirte, so haben nach Bebel schon zur Römerzeit die Germanen das zweite Weltreich besessen zwischen Rhein und Donau, hervor- 1) Er hat auch den Processus Sathan ae in der 3. dem Bartolus zugeschribenen Bearbeitung 8. 1. et a. (1493) verdeutscht; vgl. Stinteing, Gesch. d. popul. Litt, des röm. canon. Rechts S. 270 fg. Blrlinger, Alemannia VII l 2 18 ragend vor den Völkern durch Tapferkeit und Treue, die Stamm- väter nicht bloß der Franken, Schwaben, Burgnnden, Gotben, Ge- piden etc., auch der Normannen, Pikten und Skoten. Seine Kenntnis des deutschen Volksgeistes zeigt die Samm- lung der Opuscula, Straßburg Gröninger 1508, worin, außer den Facetten (Buch I und II) und einer Epistel De laudibus et phUo- sophia veterum Germanorum (Spruchweisheit), Proverbia germanica in latinitatem reducta und eine Cantio vernacula enthalten sind. Die Proverbia oder Sprichwörter werden in kommentirier AuBgabe mit proverbialen Parallelen von Dr. Suringar als Gegenstück seines Erasmus nächstens erscheinen; das einen Liebesabschid behandelnde Volkslied: „Ich stund an einem morgen gar haimlich an aim ort u ist mit der Bebeischen Elegie in der Alemannia IV 1 42 — 44 wider abgedruckt. In der 1Ö01 erschinenen Sammlung der hymni (159) in SS. Trinitatis laudem, sanctorum et sanctarum, quibus ecclesia Rom. singularem cultum exhibet, honorem a diversis auctoribus, diverso metri genere compositi sind auch Versiadi (Zapf S. 135), d. h. deutsche Sinnreime mit entsprechenden/ lateinischen Distichen ein- gereiet. Es wäre freilich verdienstlicher gewesen, die damaligen Volks* lieder und Sprichwörter in der naiven Form des Volks zu sammeln, als sie durch die Latinisirung und gelegentliche Versifizirung an- scheinend elegant zu machen. Der Erzälung der Facetien (Buch III) De querimania lupi super sua infelicitate ligt der Meistersang 1 ) ,,die Wolfsklage" (etwa 1510) von Heinrich Schmier (Agrieola Sprich w. Hagenau 1529 No. 664 unrichtig: H. Schnuer) zu Grunde. Die Wolfsbeichte (Buch II) Lupi confessio et poenitentia et vulpis et asini ist wie Bebel selbst angibt ex Hugone Trimpergio egregio in vernacula nostra poeta. Auch das Asini iudicium de cantu philomelae et cuculi wird wol auf einem alten Volksliede beruhen; vgl. das Lied aus dem Jare 1580 abgedruckt in Docens Miscell. I 284. Vom Pfaffen vom Kaienberg sagt er: Sacerdos Calvimontis in Austria, de cuius tacete urbaneque dietis integri libeüi per- scripti sunt. In der Ausgabe der Opuscula, Straßburg 1512, ist so wol ein 3. Buch der Facetien als auch ein Gedicht In laudem Ger- manorum quod sint artis impressoriae inventores (worin schon der Italiener Beroaidus im zu vorgegangen) bei Zapf S. 190. Schließ- lich ist noch zu bemerken : Bebel war der erste, der die schwinge Frage über die deutschen Gaue und zwar seines Stammlandes behandelte: 1) Darüber weiter unten in diser Zeitschrift. 19 Qui sint pagi Suevorum et de aspiratione Nechari fluminis, gedruckt in nobili Helvetiorum urbe Argentina, Joh. Grüninger 1506. Phorce in aedibus Thomae Anshelmi 1508 u. ö. (mit andern Schriften vgl. Zapf ; die Ergebnisse sind aufgenommen in Nauclers Kronika). Betrachten wir die Uebertragungen antiker Schriftsteller, so ist es bei dem moralischen Sinne und kriegerischen Charakter der damaligen Deutschen nicht zu verwundern, daß zu aller erst die Beispile des Mutes und Edelsinns, welche Yalerius Maximus ge- sammelt, übersezt worden sind von Heinrich von Mügeln („bei der Elbe im Land Meißen", Günstling Kaiser Karls IV) 1369, ge- druckt Augsburg 1489; und die Lere vom Kriegswesen des Flav. Vegetius von Ludwig von Hohenwang 1 ) („vom Tal Elchingen" bei Ulm, Spilkartenmaler und Buchdrucker), Augsburg (um) 1477. Die Himmeisiseichen des Hyginus (oder De astronomia, meist dem Eratosthenes entnommen) von einem Unbekannten übersezt, Augsburg Erh. Ratdolt 1481; Aristoteles Problemata „teutsch" Augsburg 1492 u. ö.; Cicero de officiis „von allen ampten vnd stenden der weit" Augsburg 1488; Boethius Gonsolatio philoso- phiae, lateinischer Text mit Kommentar, und deutsch: das puech von dem trost der weißhait des maisters Boecy. Nürnberg Ko- burger 1473 (Alem. VI 73). Terms Eunuchus verdeutscht von Hans Nythart, Bürger in Ulm, gedruckt Ulm, Gunrad Dinckmut 1486 („seine Landsleute haben im zum Verbrechen gemacht, daß er eine heidnische Komö- die übersezt", Weyermann I 416); der vollständige Terenz, „zu Tdtsch transferiert nach dem Text vnd nach der gloß a , von einem Unbekannten 8 ), Straßburg Hans Grüninger 1499. 1) Ueber L. v. Hohenwang oder „L. der Maler 11 oder „L. ze vltn" vgl. außer Panzer Annal. typogr. III 546 besonders Haßler, Ulms Buchdr. 1840. Das Dorf Hohenwang, Hochwang ligt bei Ulm, zwischen Günz- burg und Ichenhausen; Haßler S. 18. 2) Ich vermute, daß dise bei Hanss Grünynger in der kaiserlichen vnd fryen statt Strassburg vff zynstag vor sant Gregorientag 1499 er- schinene Uebersezung mit Holzschnit (sie wurde durch Nythart von Ulm veranlaßt, dem in der Vorrede Dank und Lob gespendet wird) von Johannis Bug (Hugonis) aus Schlettstadt herrürt, welcher als Pfarrer zu St. Stephan und kaiserl. Kaplan (nach A. W. Strobel, Vaterland. Gesch. des Elsasses, Straßburg 1853 III 551) 1496 1. Nov. schon eine Textausgabe des Terenz bei demselben Grüninger mit Holzschnit gelifert hatte: Terentius cum Directorio vocabulorum et sententiarum et Artis comi- cae, glosa interlineari et commentariis Donati, Guidonis, Ascensii. Die Uebersezung ist auf Anraten hochgelerter „Doctor vnd meyster" er- folgt, „wie wol etlich dem gern weren wyder gewesen", sprechende stillich weltl&ffig ding nit zeofinen synt dem gemeinen man, die wil doch der bey nun zevil lystig vnd vff bübery geneigt ist, darumb er in kei- 20 Plautus Menächmi und Bachides (samt der „Phüogenia Ugolin^j ein Lustpil des Rechtsgelerten Hugolinus Parmensis 1437, woraus ein Fragment in A. v. Eybes Margarita poetica), als „Spiegel der Sitten" verdeutscht von Albrecht von Eybe (in Würz- burg), Augsburg 1511. Virgils Aeneis von Thomas Murner, Straßburg 1515. Wimphelings Schüler, Bingmann Philesius, übertrug (mit einer Widmung an Kaiser Max) Cäsars Krieg mit den Galliern etc. samt Plutarchs Cäsar und Lucians (iO) Totengesprächen, Straß- burg 1507 u. ö. Wimphelings Freund, Joh. GcUlinarius (Henner) „der freien Künste Meister", übertrug Lticiani Palinurus „vß kriechischer sprach durch das latyn in tütsch", Straßburg M. Hupfuff 1512. Wimphelings, Celtis und Beuchlins Freund, der in Italien mit Rudolf Agricola und Joh. von DaXberg gebildete Kanzler des Kurfürsten Philipp von der Pfalz (dann 1512 Gesandter den Her- zogs Albrecht von Baiern beim schwäbisphen Bunde), Dietrich von Pleningen, „Ritter und Doctor", übersezte sowol den Sallust und dceros Rede gegen Catilina, Landshut 1515; Plinius Lobrede auf Kaiser Trajan, Landshut 1515 (mit einem Holzschnit von Älbr. Dürer) und aus Seneca einen „außzug" über Kindererziehung und Lebensplan, Landshut 1515, als auch Lucians Gespräch Somnium seu gallus, Landshut 1516, Lucians Von Kläffern und Ohren- bläsern und eine gleiche Schrift des Poggius, Landshut 1516. Hieronymus Emser übersezte Plutarchs Schrift, Wy ym einer seinen veyndt nutz machen kan (1519) 4° und Xenophon, Von der haußhaltung (Dresden) 1520 4°. Emser hat sich auch als Dichter versucht: Eyn. deutsche Satyra vn straffe des Eebruchs Lpz. 1505 4° (der Herzogin von Sachsen gewidmet) und (aus Baptista Mantuanus) Wider die an- fechtung des Todes Lpz. 1517. Sein Lied gegen Luther 1525 ist bekannt; vgl. G. E. Waldau, Nachricht von H. Emsers Leben und Schriften. Anspach 1783. Georg Spalatin (ßurkhardt aus Spalt, im Bistum Eichstädt), auf der Sebaldusschule in Nürnberg gebildet, auf Mutians Em- pfelung 1509 Erzieher des Kurprinzen Joh. Friedrich, seit 1514 nen weg wyter sy zelern (Gottsched, Nöthiger Vorrath zur Gesch. der deutsch, dramat. Dichtkunst, Leipz. 1757 S. 40). Von demselben Ver- fasser erwo,uten Strobel und Panzer Ann. S. 266 ein kirchenrechtliches Werk in deutscher und lateinischer Sprache, das den sonderbaren Titel hat: Der heiligen Kirchen und des Bömischen Reichs Wagen für, lateinisch: Quadriuium Ecclesie Quatuor prelatorum (d. h. Papst, Bischof, Pfarrer, Kaiser) officium Quibus omnis anima subijcitur, beide bei Grüninger in incliti8sima Helueciorum urbe Argentina 1504 erschinen, „in welchem er sich über das Verhältnis der Kirche zum Stat und andere wichtige Punkte mit großer Freimütigkeit äußert". 21 ■ Hofkaplan und Geheimschreiber des Kurfürsten, verdeutschte Plu- tarch: Büchlin von der vnderscheyde des freundts vn schmeych- lers o. 0. 1520 4°, Herzog Joh. Friedrich gewidmet. Johann Altenstaig (von Mindelhaim in Schwaben), Isokrates vom Beich an 'Nikokles, Augsburg 1517. Wilibald Pirckheimer übersezte aus dem griechischen Original : Isokrates Rede an Demonikos, Augsburg 1519. Sein Tugendbüch- lein aus etlichen fürtrefflichen g riech, und lat. Scribenten Ins Teutsohe gebracht, erschin erst Nürnberg 1606 von seinem Ur- enkel herausgegeben. Von Beuchlins Uebersezungen ins Deutsche berichtet uns ein Brief Dalbergs (12. Dez. 1491) nur andeutend, sie sind nie gedruckt worden. Geiger S. 67 erwänt die Uebertragung von Ciceros Tusktdanen mit Anmerkungen, die er mit einem deutschen Dankbrief an den Pfalzgrafen Philipp sandte, und zwei Philippische Reden des Demosthenes, welche er dem Grafen Eberhard von Wir- temberg zu Liebe verdeutschte. Auch für Dalberg und dessen Bru- der hat er, wie der Brief zeigt, translationes gelifert e graeco in ger- manicam vel latinam 1 ) linguam vertens libellos und gerade damals neue lucubrationes gesandt, nach Geigers Vermutung, wol den von Trühemius erwänten Kampf des Paris und Menelaus (üias III), den Reuchlin in deutschen Versen dargestellt habe. Dalberg staunt über die Leistung: Alemannica videlicet in lingua tarn apte, tarn lucide, tarn suaviter et in ligata et ita ad certure numerum perstrieta oratione, ea nihilo in sententiis immu- tato potuisse explicare, tantoque id mirabilius visum est, quod iUo genere carminis, quod octonis septenisque pedibus vicissim pro- cedit, concinnat, similiterque cadit desinitque quam aptissime, nun- quam te antea usum esse ajebas {Erhard I 370). Dalberg bestimmte auch den gelerten Pastor zu Oppenheim Joh. Gottfried de Odernheim (bei Meissenheim um 1495) antike und 'patriotische Schriftsteller zu übertragen. Trühemius berichtet: Multos veterum auetorum traetatus in vernaculam linguam de la- tino sermone convertit. — Vidi ex his Tullium de Nat Deorum, quem transtulit — — non minus eleganter quam docte. AuguS' tinum quoque de Civitate Bei ad eundem Fredericum (Dalberg) transferre ineepit et 12 ferme libros iam consummavit (Lessing XI 2 99). Auch mittelalterliche Schriftsteller und Neulateiner wurden 1) So hatte Reuchlin 1489 im zugeschickt eine Sammlung klei- ner griechischer Gespräche mit nebenstehender lat. Uebersezung nach Art eines modernen ABC-Buchs. Geiger, Reuchlins Briefwechsel S. 24. Auch eine aus Planudes, Choiroboskos, Theodoretos u. A. zusammen- gestellte Lere der griechischen Dialekte: De quattuor graecae linguae differentiis. 32 von den Humanisten jns Deutsche übertragen. Außer Alexander dem Großen war im Mittelalter ein besonders beliebter Stof der Kampf um Troja. Nach der Mitte des 15. Jarhunderts wurden vil gelesen die Schriften des Franc. Petrarka, Aeneas Sylvius (Papst Pius II), Felix Hemmerlm (Chorherr in Zürich), Poggius von Florenz. Besonders drei Süddeutsche haben sich durch solche Ueber- sezungen Verdienste erworben : Hans Hartlieb von München, Niclas von Wyle und Heinrich Steinhöwel. Nicht bloß für Herren, Fürsten und Fürstinnen, auch für den Bürger ward Ergezung und Unter- haltung geboten. Das nach dem Roman des Faeudo-Callisihenes l ) gearbeitete Werk Liber Alexandri de preliis, gedruckt Utrecht 1473, Straß- burg 1486 u. ö., übersezte „der hochgelert Doctor (Arzt) Johann Bartlieb zu München" (auf Wunsch des Herzogs Albrecht III von Bayern, der nach dem Tode der Agnes Bernauerin 1435, sich im Jare 1436 mit Anna von Braunschweig vermählte, f 1460), als „Hystori Eusebij von dem Grossen Künig Alexander", Augs- burg 1472 (mit Holzschnit), 1473, 1478 u. ö. Die Historia Troiana Guidonis (de Columna, Messanensis 2 ) erschin als „erstörung der edeln — statt Troia" o. 0. u. J. Augs- burg 1474 (mit Holzschnit), 1488. Straßburg 1489 u. ö. Derüeber- sezer ist nicht genannt. Hartlieb übertrug auf Wunsch der Herzogin Anna aus dem Latein „die hunst Ciromantia" (gedruckt Augsburg o. J.) und „sant Brandons buch was er wunders erfaren hat u (o. 0. u. J.). Ferner auf Wunsch herczog Albrechts, sun des Erczherczog Ernsten in Oesterreich „das buchOuidy von der lieb" 3 ), d. h. den Tractatus Amoris des Andreas Capellanus (Andreas, Presbyter von Regensburg, von Aventin als Zairischer Titus Livius" ge- rümt) und den des Albertanus (Richter in Brescia 1235—46) o. 0. u. J., Augsburg 1482 (mit Holzschnit), Straßburg 1484 m. ö. Ueber disen „Hans Hartlieb, genannt Walsporn", gebürtig von der „Neustatt uf der Hart am Rhein der Ghurpfalz gehörig", babe ich in Crecelius Zeitschr. XI 119 urkundliche Nachricht ge- geben (darnach ist ZarncJce % Universität, im MA. S. 245 zu ver- bessern) ; von seinem Enkel Jakob. Hartlieb von Landau und dessen Scherzschrift De fide meretricum (bei Ludwig von Hohenwang ge- druckt) wird im Abschnit IV die Rede sein. 1) Neue Textausgabe von J. Zacher, Pseudokallisthenes. Halle 1867. H. Weismann, Alexander, Gedicht des 12. Jarh., vom Pfaffen Lamprecht. II voll. Frankf. 1850. 2) H. Hunger, die Sage vom troj. Krieg in der Bearb. des MA. etc. Leipz. 1869. 3) Wichtig wegen der darin enthaltenen ältesten Aussprüche der Minnegerichte, vgl. v. Aretin : Aussprüche der Minnegerichte 1803 S. Y. 23 Niclas von Wgle (Weyl), gebürtig aus Bremgarten in der Schweiz, Schulmeister zu Zürich, befreundet mit Felix HemmerUn, nachher 1445 — 47 Ratsschreiber in Nürnberg, bekannt mit Gre- gor von Heimburg, 1449—69 Stadtschreiber in „Esselingen" (zu- gleich Lerer im Schreiben und Dichten), seit 1470 in Stuttgart Kanzler des Grafen Ulrich von Wirtemberg. Seine „Translation oder Tütschungen il erschinen o. 0. u. J. (Esslingen, Conr. Fyner 1478); dann auch einzeln. Spätere Ausgaben: Straßburg 1510 (mit Holzschnit) und Augs- burg H. Stayner 1586 (mit Holzschnit). Neudruck, besorgt von A. v. Keller, Stuttgart 1861. Entlent aus dem „poeten" Aeneas Syhrius 1 ) ist die Novelle „Eurialus und Lucretia u (I), „die Ledigung vom Joch der Liebe" (III), „Von Lernung der Geschrifften" (== Poeten und Oratores) an Herzog Sigmund von Ostreich (X), „Traum vom Reich der Künigin frow Glück" (XII), aus Leonardus Aretinus übersezt ist die Novelle „Gwiscardus und Sigismunda" (II er erinnert im Vorwort an seine Uebersezung der Griseldis aus Petrarka), aus Petrarka zwei Trostbriefe (XV), aus Poggius Florentinus der Brief an Leonh. Aretinus „wie zu Costentz Maister Jeroni- mu8 ain Jünger maisters hansen hussen verbrannt ward als ain ketzer" (XI), sein „Trost in WiderWertigkeit" an Cosmo de Me- dicis (IV), über den Dank „des Wirths oder der Gäste" (V), über „Heirat eines alten Mannes" (VI), der goldene Esel aus Luzian (XIII), Rede an die Kardinäle bei der Wal des Papstes Nicolaus (XVII), aus Felix HemmerUn über Nolharden, Beguden (Beginen) und „das hailig armusen" (IX), aus St. Bernhard über Haushal- tung (VIII), aus dem Latein (one Angabe des Autors) drei Redner bei Alexanders Belagerung Athens (VII), vom Ursprung des Adels (XIV) ; die Stücke (XVI) vom Lob der Frauen und (XVIII) Welt- liehe und geistliche Titulaturen sind keine „translatzen", sondern von Niclas selbst verfaßt. Die Uebersezung des Boethius (vgl. Tütschungen, Vorrede) ist nicht zum Druck gekommen. „Hainricus Stainhöwel, von Wyl (Weil, Reichsstadt) an der Wirm, Doctor in erczny, maister der süben künst, geschworner arezt ze vhn u (seit 1450, vorher zu Esslingen, f um 1483), der „ein tütsche Oronika*) von anfang der weit unez uff keiser Fri- 1) Wilhelm von Hirenkofen genannt Renn wart verdeutschte Aenee Sykii Brief vom Hofleben o. J. fol. (Herrn von Aich gewidmet, Nürn- berg 1478); von der Trybsal der Hofsitten o. 0. 1478; dem Rate Nürn- bergs widmete er die Schrift Arnoldi de noua viMa, von bereitung vnd prauchung der weine. Augsb. 1481 fol. u. ö. 2) Diee Kronika gab der Stadtschreiber zu Oppenheim Jakob Kobel mit einer Fortsezung bis auf Karl V heraus, Frankfurt a. M. Ege- nolf 1531 4°, auf dem Titel Steinhöwels Bild in Holzschnit. Nach Weyermann I 486 gibt es noch eine von Steinhöwel übersezte Kronik: 24 drich" zu Ulm bei Joh. Zainer „von Rütlingen" 1473 herausge- geben, übersezte das Specülum vitae humanae Rodorici Episcopi (um 1470) Zamorensis (Zamora am Duero in Spanien) s. 1. a. (Augsburg Günther Zainer 1471) als »Der Spiegel menschlich« lebens", Herzog Sigmund von Oestreich gewidmet, o. 0. u. J. ; Augs- burg 1479, 1488 (mit Holzschnit). Weil die Stadt darf ebenso stolz, wie auf iren Johann Kepler (+ 15. Nov. 1630 in Regensburg), auch auf iren Stein- höwel sein, welcher für die deutsche Litteratur ein Banbrecher und Wegweiser geworden ist durch seine Uebertragungen lateini- scher wie italienischer Geschichten, Novellen, Erzälangen, Schwanke und Fabeln. Er ist der erste Deutsche 1 ), der aus dem Italieni- schen übersezte. Er hatte in Padua studirt und sich dort 1442 die Würde eines Doktor der Medizin erworben. Boccaccios „Decavneron, daz ist cento noueUe in welsch vü hundert histori oder neue Fabel in teutsche", Ulm o. J. (J. Zainer 1472), ist unzweifelhaft von Steinhöwel übersezt, wenn er sich auch nicht genannt bat. Andere Ausgaben: Augsburg 1490 mit Holz- schnit. Straßburg 1509, 1519, 1540 etc. mit Holzschnit. biß Werk il Decamerone (1352), welches den grösten Einfluß auf die europäische Romanlitteratur 2 ) übte, erechin zuerst o. 0. u. J. ; da- tirt (Venedig) bei C.Waldarfer 1471; Mantua 1472; die freimüti- gen Bemerkungen über Papst, Pfaffen, Mönche und Nonnen ver- schafften im die erende Auszeichnung in Florenz 1497 öffentlich verbrannt zu werden; schon früher veranlaßte die klerikale Rück- sicht Buchdrucker zu verstümmelten Ausgaben (dei deputati Flor. 1573 u. ö. ; vgl. Marcus Landau, Giovanni Boccaccio, sein Leben und seine Werke Stuttg. 1877). Die Schrift des Jo. Boccaüus (Boccaccio) de Claris Mulieri- bus erschin unter dem Titel: Von etlichen frowen> Ulm Zainer 1473 u. ö., der Fürstin Eleonora, Gemahlin Erzherzogs Sigmunds von Oestreich gewidmet; die Päpstin Johanna ist nicht übergangen. Cronick von Gottfrieds von Boullion Heerfarth ins gelobte Land, so D. Guido lateinisch beschrieben. 1) Aus dem Italienischen übersezten im 16. Jarhundert Peter Wernher die „fast senliche vnd erpermliche mitleydente hystoria von Phyloconio des Kunigß sun auß Portigal. Vnnd von der schonen Eu- genia des Kunigß tpchter auß Engellandt" geteutscht auß welscher zungen in Teutsche. Nürnb. Jobst Gutknecht 1515 4 mit Titelholz- schnit; Christoph Wirsimg die (aus dem Span, in welsche Zunge über- tragene) Hipsche Tragedia von zwaien liebhabenden mentschen ainem Bitter Calixstus vnn ainer Edln junckfrawen Melibia, Augsb. 1520 4 mit schäzbaren Holzschnitten. 2) J. Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen von F. Liebrecht, Berlin 1851 S. 214—54. Simonde Sismondi, die Literatur des südl. Europas von L. Hain f Leipz. 1816 I 321 fg. 25 » Die lateinische wie die deutsche Ausgabe, beide vom Jare 1473, haben Holzschnitte. Die schon früher von Steinhöwel übersezte „epistel francisci petrarche, von großer stätikeit ainer frowen Qrisel (Griseldi-s) gehaissen", zuerst bei Ginther Zainer von Reutlingen tzu Aug- spur g 1471 gedruckt, erschin auch 1474 bei Zainer in Ulm, gleich- sam als Anhang der erlauchten Frauen 1 ). Ebenso einflußreich wie Stein hö weis Decameron (Neudruck von A. von Keller Stuttgart 1859) wurde sein Aesop (Neudruck v. H. Oesterley Tübingen 1874), vgl. Alem. VI 72. Franck kannte, wie an späterer Stelle nachgewisen werden soll, sowol disen Aesop, als auch Ulrich Boners Edelstein — das erste gedruckte deutsche Buch, Bamberg Alb. Pfister 1461 fol. — und Cyrillus (Wachler Handbuch II 253) Fabeln, welche als „das Buch der natürlichen Weisheit", Augsburg Anton Sorg 1490 und als „Spiegel der wyßheit — vß dem latin vertütscht", Basel Adam Petri 1520 4° erschinen sind. Franck rürat den Grafen Eberhard im Bart (Germ. 237b, 273b der Bartman — ein wunderparlicher held — der auß son- derer gunst zu allen künsten vnd gelerten die hohen schul zu Thübingen aufFgericht) : „alle Teutsche bücher geschähen vnd trucket, bracht er zu wegen (Naucler: quaesivit) vnd ließ jm et- lieh selbs teutschen, laß alles" etc. Beim Tode des ersten Her- zogs von Wirtemberg (f 1496, Herzog seit dem Wormser Reichs- tage 1495) erwänt der Theologe Eonrad Summenhart von Calw in der Grabrede: Opus praeterea quoddam fabularum perutile: quod primo indice: post persice: deinde arabice: hebraice: pariter et latine exaratum fuerat: ipso iubente primo in linguam transiuit germanie. Es ist diß „das Buch der Beispile der alten (heidni- schen) Weisen u (im Gegensaz zu den jüdischen), neu herausgegeben von W. L. Holland, Stuttgart 1860 mit lerreichen Anmerkungen. Der Uebersezer war Antonius von Pforr, 1477 Kirchherr der Pfarr- kirche zu Rotenburg am Neckar (Eoberstein I 318). „Einzelne Teile der heiligen Schrift, wie die Sprüche Salo- monis, ließ der Fürst sich mer als einmal übertragen, für in wur- den der ganze Josephus, Sallustius, Columella, Stücke des Livius, der metamorphoses des Ovidius , des Demosthenes , Euklides, die Meditationes und die Soliloquia des h. Augustinus, das Astrola- bium, eine Abhandlung von Edelsteinen und merere medizinische Schriften verdeutscht" (Holland S. 251). Unserm Eberhard ist auch die erste Schwänkesammlung ge- widmet: Augustin Tüngers (von Endingen bei Balingen, procura - 1) Ueber die Ausgaben der Griseldis, vgl. (Heyses) Bücherschaz Berlin 1854 No. 1B92 — 98. Haßler, Ulms Buchdruckerkunst 1840 S. 88 fg. über Job. Zainers typographische Verdienste. 26 tor des hoffe Costentz) Facetiae (latein und deutsch 1486), (aus der Handschrift monasterii Weingartensis) herausgegeben *von A. y. Keller, Tübingen 1874. Bebels Facetien, zu denen Ädelphus Mülich in der Marga- rita facetiarum 1508 Facetiae Adelphinae als Nachtrag Uferte, sind schon besprochen; sie erschinen bis tief in das 17. Jarhun- dert vermert .mit den Facetien des Nicodemus Frischlin u. A. Romanhaften Unterhaltungsstoff brachten „ Diocletianus (und sein Vater Pontianus) oder die siben weisen Meister" *) und die Gesta Romanorum 2 ). Die Quelle, woraus besonders Seb. Franck seine Kenntnis der Dichter und Denker des Altertums geschepfb hat, ist die Schrift des Walther Burleigh (Burley, Burlaeus, f nach 1337, eines Schü- lers von Duns Scoius), „Doctor planus et perspicuus" zu- Paris und Oxford (1337): De vita et moribus philosophorum poetarumque veterum (c. autoritatibus et sententiis aureis eorundem annexis). Ed. princ. o. 0. u. J. (Köln, ülr. Zell von Hanau); Köln 1472 u. ö. verdeutscht als: Das buch von dem leben vnd sitten der hayd- nischen maister von newem getrucket. Augsb. 1490 u. ö. Nach Lessing XI 299 ist „Anton Sorg einer der geierte- sten Buchdrucker 1 ' der Uebersezer; bei im wurde gedruckt in Augsburg seit 1476. Die Verdienste der Freunde Wimphelings als Uebersezer an- tiker Schriftsteller sind schon berürt. Sie haben auch Neulateiner verdeutscht : Dietrich von Pleningen eine Schrift des Poggius (s. oben); Wimpheling selbst die Declamation des Beroaldus: De tribus fra- tribuSy Heydelberg 1500 (mit Widmung an Friedrich Camerer von Dalberg 1513, Straßburg Reinh. Beck), und Joannis Pici von Mirandel Sendbrief an seinen Vetter „yn zu ermanen zu christ- lichem leben vnd zu lere der heiligen geschrift vnangesehen erger- nuß U j Straßburg 1509 4°. .Widmung an Hans von Schönner, Fri- burg (um Pfingsten) 1509. Wimpheling hat auch eine Homilie des Ghrysostomus über- 1) Schön Gronick vnd histori aus den geschienten der Römer o. 0. u. J.; Augsburg Bämler 1473; Augsburg Sorg 1478. Historia calumniae novercalis Antwerpen, Ger. Leeu um 1490 u. ö.; Oesterley, Johannis de Alta Silva Dolopathos sive de rege et Septem sapientibuls Straßburg 1873. Dyocletianus Leben (in Versen) von Hans v. Büchel, herausgeg. von A. v. Keller. Quedl. 1841. Hans der Büheler war Dienst- mann des Erzbischofs von Köln, zu Poppeisdorf bei Bonn 1412. 2) Verdeutscht Augsburg 1489 klein fol. (Lessing XI 2 98). Gesta Rom. das ist der Romer Tat, herausgeg. von A. v. Keller. Quedl. 1841. Gesta Rom. (lat.) herausgeg. von A. v. Keller. Stuttgart u. Tübingen 1842. Uebersezung von Grässe, Dresden u. Leipzig 1842 II. Gesta Rom. ed. Oesterley II fasc, Berlin 1871—73. 27 tragen: Quod nemo laeditur nisi a se ipso (ein auch von Franck vertretener Gedanke): Predig — — das kein mensch geletzt mag werden, dan von im selbs. Straßb. Gröninger 1508. Adam Wernher von Themar (an der Werra, in der Graf- schaft Henneberg bei Gotha), Dozent in Heidelberg, Wimphe- Bng8 Freund, übertrug: Hrosvithas Komödie Abraham 1503. Hds. Heidelberg, vgl. Wilken 394 und aus Petrarka: Eyn neuwe geteutscht Büchleyn, in haltende grosse erberm- liche Ciagen der Synlichkeit und des Schmertzens etc. Uff das alles trostlich Antwurt der Vernunfft, Oppenheim 1516 4°, mit kleinen feinen Holzschnitten und Widmung Köbels an den Bitter Hans Landschad zu Steinach (Weller, Repert. No. 1027). Zu diser Schar deutscher Humanisten, welche die Schäze der Belerung und Unterhaltung aus dem Altertum wie dem Mittel- alter dem deutschen Volke zugänglich machen wollten, ist auch Seb. Franck zu rechnen. Volksaberglaube l ) und Volkslitteratur bei Franck Als Franck zur Universität Ingolstadt kam^ muß die volks- tümliche Richtung in im schon stark ausgebildet gewesen sein. Sie erhielt sich bei allen neuen humanistischen und theologischen Studien: aus diser volkstümlichen Wurzel erwuchs später „der erste deutsche IAtterat". Bei genauerer Durchforschung der Franckischen Schriften findet man vile Anspilungen oder Anfürungen deutscher Sagen, Schwanke , Lieder, Satiren , Predigten, Geschichten und Beisebe- Schreibungen, die aus jugendlicher Lektüre oder Erinnerung stam- men müßen. Im Wirtshause seines Oheims in Nördlingen, vermute ich, hatte der Knabe nicht bloß heimgekerte Landsleute — die Schwaben galten als besonders reiselustig 2 ) — gesehen und gehört, sondern auch Reisende aus aller Herren Ländern; nun, „wer vile Städte der Menschen gesehen und Sitte gelernt hat*, der erzält gern aus der Odyssee seines Lebens, er malt aus ins Wunderbare und Un- glaubliche und findet doch gläubige Zuhörer, zumal bei der Jugend. So entwickelte sich sein Interesse für Land und Leute. — Die Wirtsgäste sind scharfe Kritiker der Feier anderer Leute, der Schattenseiten statlicher, kirchlicher, sozialer Einrichtungen. Po- 1) Karl Mayer, der Aberglaube des Mittelalters. Basel 1876 4. H. B. Schindler, das magische Geisterleben. Breslau 1857; der Aber- glaube des MA. Breslau 1858. Grösse, Bibliotheca magica et pneu- matica. Leipz. 1843. G. Roskoff, Geschichte des Teufels. Leipz. 1869. 2) Vgl. Alem. I 93 ff. 28 litisiren und als Kannegießer 1 ) mit Worten die Welt verbessern ist ja jezt noch das Labsal der Bierbänke und Weinschenken. FrancJcs Zunge ist wol auch durch solches Vorbild gespizt wor- den ; er hörte manchen edeln Spruch und manches treffende Sprich- wort; die Neutestamentliche Forderung : Seid vollkommen (in Liebe und Warheit) wie euer himmlischer Vater traf tief sein Herz und entzündete einen schroffen Idealismus, in vilen Stücken dem Schü- lers verwandt. Zu disen Eindrücken der Wirtsstube kamen die Einflüsse des häuslichen Herdes, wo noch heutzutage vom Gesinde das phan- tastische Reich des Aberglaubens wol gepflegt und gehütet wird. Die ganze Welt glaubte damals, die Gelerten erst recht, an Geister und Gespenster, an Hexen und Unholde, an bedeutsame drohende Himmelserscheinungen und Zeichen, an Astrologie und Horoskope (Nativität), an Wunder und Mirakel. Francks Sinn für das Wunderbare und Mysteriöse blib im als Erbteil seiner Zeit und seines Volkes, selbst als er durch * Agrippa von Nettesheim über das Hexenwesen freier denken gelernt {Weltbuch Bl. 134b). Betrachten wir die in Francks Schriften noch erkennbaren Spuren. In Erasmus Moria Bl. 33: Solcher Tandtmkr vnd fabel — — von den trügnüssen, gespen- sten, gesicht, von dem Backelman, mit Poltergaistern 2 ) vnd vmbff- lauffeden seelen, vn dergleichen tausend wunder. Im Latein: nee ulla satietas talium fabularum, cum porten- tosa quaedam de spectris, de lemuribus, de larvis, de inferis, de id genus millibus miraculorum commemorantur. Moria Bl. IIa erklärt Franck (nach Listrius Kommentar): „Pdn würt geacht der Gott sein, der die leüt erschreckt vnnd f&rchtig macht bei den Poeten", und sezt hinzu: „den die kinder Bockelman oder bercht heyssen." Grimms D W s. v. erklärt : terriculamentum popelmann, butze- mann, popanz. Bockelmann erscheint als eine stehende Schreckge- stalt pädagog. Art in Augshurg. Birlinger Augsb. Wb. 68b. In Merks Lat. Serm. Castellum, Ülraae Suev. 1646 Sp. 534b: Man- 1) Das Wort ist modern zuerst von Rdbener gebraucht ; es stammt aus des Norweger Professors L. v. Holberg Lustspil „den politiske Kandeetöber" 1722; vgl. Danske Skueplads, Kopenh. 1731 fg. Deutsch von OeJdenscKläger, Leipz. 1822 fg. Bückmann, Geflügelte Worte 11. Afl. S. 173. Hildebrand im DW V 167. 2) Guld. Arch 80b: von den rumpel Gayster — — dauon vü fabel bucher vmbfaren, als Tundali, Gassianus vnd Jacobus de para- diso ein Carthewser. Visio Tungdali ed. Oscar Schade. Königsberger Univ.-Progr. 1869. — Joh. Cassianus, Zeitgenosse Augustins and Hiero- nymus, Collationes Patrum. Basel 1485 u. ö. — Jacob Junterbuck (von Jüterbock, Prior in Erfurt f 1465, Mystiker mit Reformplänen) de po- testate daemonum ; Sermones etc. 29 ducus ein Kinderfresser , Bockelmann ^ Putzenmann. Grimm be- merkt a. a. 0.: Bercht, Berchte wird meist weiblich, nur selten als BerchtoU männlich gedacht (sih Mythol. S. 172, 522). Ueber den in Berchtold wie in Buprecht verborgenen Wuotan vgl. Sim- rock Myth. S. 547 f. Chronik Bl. 353b: Bonosiani — hielten, das der heylig geyst ein kleine berg mknlin, wichtüin oder schrktlin sey. Dise wunder- liche Notiz stammt aus der Quelle der Kezerkronik Francks, aus dem Catalogus haereticorum des Kölner Dominikaners Bernhard Lützelburg (1522) wo es hieß: parvum quendam höminem mon- tanum statt pravum (Kezer) — Montanum. Und doch schrib Franck einen selbständigen Artikel über Montantcs (Cataphriges), von dem er erzält Bl. 428a: „er gedornt sich den Heiligen geist vnd tröster [paracletum] des lands nennen." Ebenso Bl. 417a: Macedonianer haben den heyligen geist für ein creatur vnnd kleins berg mkndlin, wicJUelin oder schrktlin gehal- ten. Ueber die Berggeister *), besonders in den Metallgruben hau- send, berichtet (nach Ludw. Lavater: De spectris, lemuribus etc. 1580 und Georg Agricola, dem wissenschaftlichen Erneuerer der Mineralogie, De ortu et causis subterr. Basel 1546 und De re metallica B. 1561) die Mythologie der Volkssageu und Volks- märchen von F. Nork, Stuttg. 1848 S. 201 fg.; über Schrat, Schräß, Schretel oder Schräzel = Waldgeist vgl. Grimms Myth. 271 fg., Simrock Myth. S. 438, Liebrechts Gervasius von Tilbury S. 131; über Wicht, Wichtlein, Wichtelmännchen = Elbe, Elb {engl, elf), Alb vgl. Simrock Myth. S. 422 und Grimms Wb. und Myth. 246 fg. 569. Franck hatte ein Wolgefallen an disen Wichten; er notirt Germania Bl. 296a am Rande: Vbii (die Kölner) seind Incubi 1 ), im Text: JPlinius li. 4 ca. 15 nennt die Vbios Incubos, vnd ist noch ein gaß zu Goln Vbium genant, sagt Hermolaus Barbar us } dauon sie vil leicht Vbij genent 8 ). 1) Grimm, Heldensage. 2. Aufl. S. 313, 148 aus Steinhöwel. 2) Ob Franck, etwas von den Kölner Kobolden, den durch Ko- pischs Lied allbekannten helfenden Hausgeistern, den Heinzelmännchen etwas gehört hatte ? Der Name ist nach Simrock S. 450 von Hinz = Kater, besser von Heinz = Heinrich abgeleitet worden, wie auch an- dere Hausgeister gleichfalls menschliche Diminutivnamen füren, z. B. Petermännchen. Ueber die Hausgeister (Rotkäppchen) vgl. Grimms Myth. 272: pilosi = incübi = satyri. Agricola Spr. No. 301. 3) Franck hat hier dem Irenicus, Germaniae Exeges. Hagenaü 1518 (Alem. III 285 ff.) Bl. 199 nachgeglaubt, trozdem Herrn. Barb. in seinen Castigationes Blinianae Rom 1492 die Stelle richtig emendirt hatte: Incubi. Legend um Hinc Vbii, ex Caesare Ptolomaeo Tacito. In hodiernum quoque diem viculus contra Coloniam Agrippinam ultra Rhe- num Ubium cognominatur : vidimus ipsi locum et vocabulum agnovimus. Troz diser Autopsie ist ein Ort Ubium (an das fernligende Eupen kann doch nicht gedacht werden) unbekannt; der Italiener wird: Est Uvitium . so Incubus ist nach Diefenbachs Glossar: =■ mare, der tewfel, der die frawen reyt; nach dem Novnm Glossar, allgemeiner = nachtmännlein , schrö ttlein , alp, nachtinare, trat, elb. -»- „Die Teufel Succübae halten sich in Weibsgestalt zu den unflätigen Träumeren, verursachen inen leichtfertige venerische Träume, als wann sie unzüchtige Weiber beschließen, beschlaffen aber in sol- chen Träumen eben dise Succübae oder Teufelshuren, welche den Manoessamen auffassen, sich alsbald zu iren Unholden und Teufels- bräuten verfügen, dise als Incubi in Mannsgestalt auch beschlafen und was sie anderswo aufgefaßt inen in irer unreinen abscheuli- chen Vermischung beibringen. tt Barthol. Anhorn Magiologia Basel 1674 S. 662. Auf Lieder und Schwanke scheinen mir die Ausdrücke Duftig- heim und Schlauraffenland hinzuweisen. Sprichw. II 49 Cescon' habitas: Du bist von Dütticheym 1 ), da die Dannzapfen wachsen. Ein grober alb bawer. Ein grobs hftlzlin. Es were gut sewtrög auß jhm zu ha wen. Du bist auß dem Schlauraffenland (vgl. I 48b 162a). Gescos ist ein stat Pamphilie, da so grobe leut woneten, wie inn Teutschland die Bintzger kröpffeten Baurn, daß dauon ein Sprichwort entstund: Du bist ein mann von Cescon, wie mans auff der Alb ( Alem. I 96) hat, gleich wie man spricht : Es ist ein stat wie Heubach, da frassen die wolff den Schultheiß auff dem marckt, Wolt einn groben dölpel vnd fantasten damit anzeygen. Wir brauchen die oberzelten, Item, Ein grober 2 ) Algewer bauer, Ein blinder Schwabe 3 ) etc. Ein rechter dummer Jan y der teutsch Michel, Ein teutscher Baccalaureus. Aus der satirischen Volkslitteratur waren unserm Franck be- kannt die Wechselreden des Bauern Marholf und des Königs Salomo (Alem. V 55). Der gemeine Mann rnuste sein Vergnügen an einem Büchlein haben, worin das Sprichwort: „Die Gelerten, die Verkerten" praktisch illustrirt wird, indem der grobe und häß- liche Bauer Marcolfus mit seinem gleichgeschaffenen Weibe Poli- cana in seinen treffenden, freilich oft unflätigen Antworten, in sei- statt Tuvitium, Tuitium (Deutz) verstanden haben. Beatus Bhenanus redet von dem coenobio IHvitensi contra Agrippinam, vulgus Tuüium vpcat corrupte. 1) Ein gemachter Ortsname wie Finsingen Alem. II 257 st. Mun- derkingen, Schnerkingen Alem. IV 150; Ort wo man starke Brüste hat; Grimms Wb. dumme dutten — Risen, ungeschlachte Menschen. Grimm 315, Simrook 408. Die ist von Ehingen, d. h. hat gar keine Brust, Volkswiz Schwaben. Schlauraffen vgl. Zarnckes N. S. 455 fg. Vgl. Germ. 17, 305 (Latendorf), ebenda S.93 (Birlinger). 2) Alem. I 100 ff. 3) Alem. IV 205 unten. 81 ner List und Schlauheit der hochtrabenden Weisheit des gelerten Königs stets über ist und Siger bleibt. Die lateinische Quelle schon vor 1487 gedruckt mit derben Holzschnitten: Collationes oder Dyalogus Salomonis et Marcolfi; verdeutscht 1 ) in Prosa und in Versen gleichfalls mit Holzschnitten seit 1487; vgl. die Ausgaben bei Gödeke S. 118. Von Markolf redet Franck Chronik fol. 100 bei Aesop: Diser hochberampt vnn dem bofel vnm&rer (unlieber) man hat zur zeit Cyri gelebt vn in höflicher weiß vnd guter schwenck die laster gestrafft, die tugent gelert, mit höflichen gedienten vnn apo- logen, in den er die thier mit einander handien, reden, fechten einfürt, damit zuuersten gibt, was vns f&l, gebrech, vnd allen mangel. — Sein fabeln sein noch vorhanden Griechisch^ Teütsch vnd Latein. Ein solcher kunstreicher abenteürer sol auch Mar- kolphus sein gewesen, zur zeit Salomonis, von dem auch ein buch' Un nit gar vngsaltzen vmbfleügt. Aus dem Ende des 15. Jarhunderts stammen die Sprüche in Francks Sprichw. I 50a: Es wil Marcolfo keyn bäum gefallenn, daran er hang. II 47 Camelus saltat, der gefüllt Virich. — Marcolfus tanzet, Esopus ist im spil. II 6b Die natur geht für. Hieher dient der schwanck Marcölffi von der katzen so das liecht hub den meusen, vgl. I 68b. II 69a (Bintzger baur und beurin). Also bleibt Marcolfo sein viereckichts weib die schön Helena. Auf Thyl Ulenspiegel 2 ), den Schalksnarren des 14. Jarhun- derts, der in Mölln bei Ratzeburg (f 1350) begraben sein soll — man zeigt dort seinen Leichenstein mit Eule und Spigel, seinen Krug, Sporn, Schwert etc. — scheint mir die Stelle anzuspilen in Sprichw. II 68 far ghen Molnheym vnd laß dir den geck schnei- den etc. Franck erwänt die Schwanke des Bochart, Guldin Arch Bl. 266b: weil nun ein Christ auff das zukünfftig sihet — so trawret er gewiß wie Bochart jhener narr, wann es schön ist, ab dem zukünftigen vbel, das gewiß nit außbleibt, wie nach dem sommer der wynter, nach schönem wetter der regen, widerumb so es winter ist, schneyt vnd regnet, so lacht jm sein hertze gewiß, daß nach regen schön wetter, vnd nach dem winter der sommer kompt. Ueber Bochart habe ich keine Auskunft gefunden, das Wort feit in Grimms Wb. ; nur in Vibnar, Literaturgeschichte S. 195 1) Zulezt von Karl Simroek, Dichtungen. Berl. 1872 S. 105 fg. Salonum und Morolf, mit vorgesezter „Warnungstafel": Vor diesem Büchlein hüte sich Herr Zipp und Mühmchen Zimperlich. Vgl. die vortreffliche Abhandlang von W. Schaumburg: „Untersuchung über das deutsche Spruchgedicht Salomon und Morolf" in Paul und Braune's Beiträgen U 1 ff. Vgl. Germ. 17, 92. 2) Alem, IV 275 ff. V 55. 32 (Prof. Dr. A. v. Keller in Tübingen machte mich auf die Stelle aufmerksam), findet sich die Bemerkung 1 ). „Der Pfaffe Amis ist eine der Formen des vilgestaltigen Helden der Schelmenstreiche und Schwanke, des Lügens und Leutebetrigens , der im deutschen Volke seit vilen Jarhunderten unter mancherlei Namen umgegangen ist, als Amis 8 ) und Pfaffe vom Kaienberg y als Peter Leu und Bochart, der zulezt seine Pro- teusnatur in Till Eulenspiegel abgelegt hat, und in diser Gestalt noch heute unter uns umget." Von Paul Wüst (Alemannia IV 181 ff.) kannte Franck nicht bloß seine (oft rohen) Schwanke, sondern auch ernste Sprüche. Mancher Reim in den Sprichwörtern Francks wird von Meister- Sänger- Ludern herrüren. Widerholt wird der Tabulator*) gedacht Spr. 1 125b, II 208a und oft in Moria und Paradoxa. Spr. II 87a: Du mußt von schalckshausen sein. — Der diß nit kan abgefürt wie ein würffei (II 165 Burghauser würffei) — der ist ein einfeltigs schaf, singt nit vil meyster gsang in seinem hauß, ist ein narr, vnd kan nicht dann fromm sein.. Auf die ritterliche Poesie findet sich nur Sprichw. II 62b eine Anspilung : „Er helt einn freien tafel, offen hoff, Es geht zu wie an könig Artus hoff. Die hund tragen gantz köpff dauon." Es darf nicht gefolgert werden, daß er die Artus- Dichtungen kannte (Parzival war schon 1477 o. 0. u. J. gedruckt worden) oder das von dem bairischen Dichter und Maler Fürterer für Herzog Albrecht IV (1475, + 1508) in der Titurelstrophe ver- faßte Werk über die Tafelrunde; er referirt nur ein im Volks- munde lebendes Sprichwort, auch in Agricolas Sprichw. No. 668 : Es gehet zu wie inn Künig Artus hofe 4 ); das gleiche gilt von der 1) Lappenberg Ulenep. 353 widerlegt Vilmars Saz quoad Bochart aber vollständig. B. ist ein weiser Narr. AB. 2) Ueber Strickers (der Strichäre = vagus, Zeitgenosse Rudolfs von Ems um 1250) Pfaffen Amis vgl. H. Kurz, L. G. I 427. Gödeke Grundr. 8. 32; über Philipp Frankfurters (zu Wien, Ende des 14. Jh.) Pfaffen vom Kaienberg Kurz S. 667, Gödeke S. 116; über Widmanns (von Hall in Schwaben kämpfte mit gegen die Armengecken 1430) Peter Leu Kurz II 85, Gödeke S. 117. 3) Alem. I 289. 4) Agricola berichtet daselbst von der Taffei runde oder Messe- ney und den Helden Wiglois, Parcifal, Titurel und Tristrant und dem „roten Ritter" Grafen von Manßfeldt, sowie von „König artus brun" und „König Artus gassen" hart vor Eißleben. Agricola war wol be- lesen in deutscher Litteratur, vgl. Vorr. Bl. 2b. Franz Pfeiffer hat in der Germ. X 94 ff. alle seine gelerten Kenntnisse in diser Art mitge- teilt. Daraus Grimm Heldensage 2. Aufl. S. 318. Vgl. Alem. I 263. 33 Andeutung des Nibelungenhortes *). Spr. I35a: Nyndert, Nirgent*), Da das gold im Rhein ligt. „Her Neythart, ein ritter, der allen torpeln haß trug" (Heinr. Witten weylers Ring) war eine damals volksbeliebte Figur. Die Stelle Verseht. Buch, Vorwort: „Es ist auch die Heylig schlifft nit Neydharts Veyhely das man den h&t nit darff aunlieben, noch den veyel schmecken oder rtittlen" enthält eine Anspilung auf die Fastnachtposse „Das Neithartspiel" (in A. v. Kellers Fastnachtspilen a. d. 15. Jarh. No. 21) 8 ) oder die Spaße und Scherze des „Neid- hart Fuchs" mit den Bauern (Koherstein I 322): „Wunderbarliche Gedichte und Historien" mit (34) Holzschn. Augsburg (vor 1500); der Neythart 1537: vgl. Haupt, Neidhart von Reuenthal Leipz. 1858 und Silberstein, Denksäulen 1879 S. 217. Auf die Tannhäuser f) Sage spilt er an Sprichw. II 168b: die nun (nur) von Christor gelesen — ein geschwetz von jm könden machen, wie vom Danhauser b ). Der getreue Eckart 6 ) wird mit Vorliebe erwänt, Franck nennt sich oft selbst so; Sprichw. I 97b Christus der trew Eckart, I 142b Samuel der trew Eckart (gegen die Fürsten). Die Sage ist im warscheinlich auch bekannt geworden in der ironischen Allegorie, welche Hermann von Sachsenheim in Constanz 1453 hochbetagt schrib und die Mörin betitelte, einem bayerischen Fürstenpaar gewidmet, „welche die Reise in den Venusberg, den 1) Die Stelle ist auch angefürtin W. Grimms Heldensage 2. Afl. 1867 S. 145 mit dem Zusaz: „gerade wie: ze Loche lit er in dem Rine." AB. 2) Spr. I 34b: Nimmer (Alem. I 151 ff.). Wann der Reich Herbst Platonis kompt [anno magno Platonie]. Wann es guldin regnet [Da- nae]. Wann S. Glas wider kompt [ad graecas Calendas; etwa eine An- spilung auf bruder Clauß in der Schweiz f 1502, von dem Francks Kronik nach Carolus Bovülus Bl. 311 berichtet?] 3) Der veyel (viola, Veilchen) daher euphemistisch = exerementa. Schimpr nnd Ernst v. Pauli S. 360 : und sazt einen grozen bauren vigel. H. Sachs schrib ein Fastnachtspil: „Der Neydhart mit dem Feyel". 4) 3. Art. Alem. V 55. 5) Das Lied vom Danhewser, gedruckt Nürnb. 1515. Auch Agri- ccia, Sprichw. No. 667: Du bist der trew Eckhardt, du warnest jeder- mann; ebendas. über Dietrich von Bern aus dem Heldenbuch, u. Eckart ein Held von Brisach. Vgl. Latendorf, Agricolas Sprichw. S. 162 und Grimms Heldensage S. 331 No. 165c. Zeitschr. f. deutsches A. XV 831. 6) Grimms Myth. 524: nach dem anhang oder der vorrede des hddenbuchs (s. unten) soll er vor dem Venusberg sitzen und die leute warnen, wie er sie vordem wütenden herr warnt. Heyses Bücher- schatz No. 1964 eine Practica o. 0. u. J.: Eckart der trew sagt dir verwar Wie es im 1534 iar etc. Das „verwar" verrat einen Elsässer; es findet sich auch in Gammer- lamden Schriften. Bingwaldts Trewer Eckart erschin Frankf. a. 0. 1592. Birlinger, Alemannia VII 1 3 34 christlichen Widerstand des in disen Berg entrückten Ritters und die Treue des treuen Eckart schildert u (Vilmar); von Witnphelings Freund Joh. Adelphus (Mülieh), Phisikus in Straßburg, 1512 hei J. Grüninger edirt. Herrn, v. Sachsenh. hg. v. £. Martin Tub. 1878. Auch einiges aus dem Sagenkreise Dietrichs 1 ) war im bekannt, und zwar der Biese SigenoU Germania 15 38 Bl. 56: „Dieterichs von Bern 2 ) histori", wie er, nach dem Siege über Odoaker, König von Italien geworden und fridlioh 32 Jare regirt. „Daher seindt die lieder, so man in Teutsch vonn jm singt, gemacht. Die Eisen seindt die Barbari. Dann Odoacer war einn Barbarus auß Rugenn Er ist aber Dieterich von Bern genennt, darumb das er zu Verona oder Bern — hoff gehalten.* Der erste Druck hat den Titel : Herr Dietrich von Bern oder von dem allerkdnesten Wey- gand Herr Ditterich von Bern vnd von Hütebrand seinen treuen Meyster. Wie sy wyder die Byeßen gestryten auch viel großer Sachen erstanden vnd erlytten haben. Sagt das büchlein, das gar kurzweilig tzu lesen, tzu hören, vnd tzu singen ist. Heydelberg, Henr. Enoblochtzer 1490. Am Schluße des Gedichts ist noch „der Boserikram unserer lieben Frauen* angehängt. Panzer Ann. S. 187. Auch in Straßburg 1505 und 1510 wider gedruckt. Um die gleiche Zeit war „das Heldenbuch mit synen Fi- guren" (Holzschnitte) erschinen, d. h. der auch Franck (sih unten) bekannte Wolfdietrich, o. 0. u. J. ; Augsburg, Schönsperger 1491; Hagenau 1509; und des „ Ecken Ausfahrt", Augsb. Hans Schawr 1491; Nürnberg 1512. Vgl. Karl Gödekes Deutsche Dichtung im Mittelalter, Hannover 1854. Auf das Bolandslied ist offenbar die wunderliche aus Garion entlehnte Notiz in der Germania Bl. 85a zu beziehen über „Caro- lus Magnus" : „von seinem vatter Bolond hat er zimlich gut verß gemacht/ Mit Stolz weist Franck nach, daß Garolus ein Franck vnd Garoli gantz geschlecht eittel Teutsche Francken gewesen seind; daß er der alten teutschen ^Historias vnd lieder u , sowie n Bechtsbücher u habe sammeln lassen ; mit Freude berichtet er, daß es Beatus Bhenanus gelungen — vergeblich hatte Kaiser Max die Gelerten mit Belonungen aufgefordert, altdeutsche Urkunden aufzufinden — das Evangelienbuch Otfrids (von Weissenburg an der Lauter) und Notkers Psalmen „in fränckischer zungen" zu entdecken. 1) Oskar Jänicke in der Zeitschr. für Deutsches Alterthum XV 326: Wie die Theologen, so verwerfen auch die Historiker des 16. Jh. die Heldensage (folgen Stellen von.Seb. Münster und Tschudi). Eine rationalistische Erklärung der Heldensage gibt Seb. Franck Germania 1539 Bl. 56a. AB. 2) Vgl. Alem. III 132 296. 35 Daß die zeitgenössische Dichtung eines Seb. Brant, Murners, (beide Straßburger), Kübels, Morßheims und später Hans Sachsens, die Lieblingslektüre des Bürgerstandes, auch von nnserm Seb. Franck genossen worden, ist durchaus unzweifelhaft. Verdienstvoll ist Francks Glavis zum Theuerdank (Germ. 281 fg., und Blanckenkünig) ; vgl. die Ausg. von C. Haltaus 1836. Brants Narrenschiff, zu Basel 1494 bei Brants Freunde, dem Kanonikus Bergman de Olpe, gedruckt u. ö. Die lateinisch- deutschen Zuchtbücher sind schon oben (Alem. VI 74) besprochen; die Ueberarbeitung der Sprüche des Freidank erschin 1508 Straß- burg, Joh. Grüninger; 1513 Augsburg, Schönsperger. Francks Sprich w. I 153b: Sihe thu du recht, das wirt alweg schlecht, gott geb was mann sag vnd hüt dich vor der that, der wort wirt alweg rath. Brand. Leb erbarlich vnd frag nicht hoch, Was ander leut dir reden noch. Dann es in deiner macht nit steht, Was dieser oder jhener redt 1 ). Thomas Murners Narrenbeschwörung o. 0. u. J. ; Straßburg, Hupfuff 1512 u. ö. und Schelmenzunft 1512; Frankfurt, Batt Murner 2 ). Der geniale, liederliche Franziskaner hatte in Frankfurt beide Satiren lateinisch gepredigt, wie vor im Geiter 3 ) von Kaisersberg über Brants Narrenschiff in Straßburg 1498 deutsch. Navicula sive speculum fatuorum — a Jac. Otthero [aus Speyer] collecta, Straßburg Schürer 1510 u. ö. Deutsch von Joh. Pauli Straßburg 1520, und von N. Höniger Basel 1574. Francks Anspilungen auf Murner sind , unzälige : von blauen Fnten predigen, stat vom Wort Gottes, ein schulsack fressen etc. in den Sprichwörtern und sonst. Sprichw. II 209 von Reichstetten reden, wie es Murnar nent. 1) Den ersten Reim kann ich aus Brant nicht nachweisen. Den zweiten hat Franck aas dem Gedächtnisse unrichtig angegeben. Brants Cato (Zarncke S. .135) hat: Wann du recht lebest hie in zyt Do achst der bösen nachred nüt Es st at nit vnserm willen zu Was yederman red oder thu. Im NS (Zarncke S. 43): Dann es stat nit jn vnserm gwalt Was yeder narr red, klaff, o(der) kalt. 2) Thomas Murner hatte zwei Brüder, die Buchdrucker waren: Johannes und Beatus, lezterer druckte in Frankfurt vorübergehend 1509, 1512 und 1515. Panzer S. 389 erwänt eine in Frankfurt 1522 gedruckte „astrologische Bchrift". Als erster ständiger Buchdrucker ist Chr. Egenolph zu betrachten, welcher 1530 von Strasburg dahin über- sidelte. Vgl. Alem. VI 50. Zarncke, NS. Einleit. S. CXLII. 3) Vgl. Alem. DI 129 ff. 36 Im Krieg deß Frides 1539 Bl. 93a: Die alten haben gesagt drey ding machenn einen Mbnich, Nämlich, vnwissenhait, faulkayt vfi verzweyflung, wann die Idioten nicht haben gelert, vnnd jr jugent mit faulkayt vnd bartecken schiessen haben hinbracht, das jnen ein schelmehbain im rngken ist gewachssen, vnd sie inn die sehelmenmnfft l ) seind geratten, darinn arbayten flünd ist, das sie nicht mer haben mögen graben, vnd sich doch die fanlen starcken bachanten zu bettlen gesch&mpt vnnd die dormi secure oder Jo- annes sine labore 2 ), nicht haben gelernet dann ein miß durch einenn schulsack auffbeissen, oder wie ein saw durch ein schul ge- lauffen, vnd ein stuck von einem schilsack gefressen, so seind sie inn ein Verzweiflung gefallen etc. Die sibyllinischen Orakel — erst von den Philologen des 17. Jarhunderts als unecht erwisen — galten zu Francks Zeit als starke Beweise der evangelischen Geschichte. Wimphelings Freund, der Stadtschreiber Jakob Köbel 8 ) zu Oppenheim war der Heraus- geber und Drucker eines lateinischen wie deutschen mit Holz- schnitten erschinenen Volksbuches: Offenbarung der Sibyllen Weis- sagungen 1516 4°, OpusctUum de vaticiniis Sibyllaram s. a. (um 1516). Köbel, der sich auch selbst als Dichter versuchte (über eine Hasen-Mißgeburt in Niederflörsheim 1505, vgl. Weller Repert. No. 349), druckte auch des Ritters Joh. von Morßheim 4 ) (1497 verfaßtes) Lergedicht: Spiegel des Regiments in der Fürsten höfe, da Fraw Vntrew "gewaltig ist 1515 (Ausgaben bei Weller No. 928 und im Neudruck Gödekes Stuttg. 1856). Spr. I 105: Von der vn- trew vnd hinderlist der menschen sind all bücher voll. In gleichem Geiste wie Brant und Murner gegen die Sittenver- 1) Mein Freund Rektor Franck in Edenkoben, von dem wir eine neue Ausgabe der Quaestiones fabtdosae oder Disputation es guodtfbe- ticae zu erwarten haben, vermutet darin eine Anspilung auf des Ma- gister Barth. Gribus Monopolium der Schelmenzunft 1488; vgl. Zarncke, Deutsche Universität, im MA. S. 61 : secta securorum vel conehaitarum. Ueber die mittelalterliche Eselsbrücke für Prediger, des Minoriten Joh. de Werdena Dormi secure, vgl. Abschnit IV. 2) Sprichw. II 69b: Hans onfleiß vnd Contz onsorg; vgl. U 23b. 3) In disem Volksbuch erscheint zuerst die Zwölf zal der Sibyllen, ein Gegenbild zu den Aposteln. Franck erwänt (nach Schedel) 11 ; Guld. Arch Bl. 43b: Lactantius von den zehen Sibyllis. Bl. 71 jedoch einige mer. Im Mittelalter zälte man nach Gervasius von TQburg 10; vgl Gödeke, Deutsche Dichtung im MA. S. 240. Verschiden von disem Volksbuch ist die Schrift: Von SibyUa weyssagung vn von König Sa- lomonis weißheyt was Wunders geschehen ist vnd noch geschehen soll vor dem Jüngsten tag \ zuerst erschinen in rheinischem Dialekt: Sybillen- boich, Collen 1513 u. ö.; vgl. Wellers Repert. No. 1639. 4) Rektor Franck bereitet eine neue Ausgabe vor; einer brief- lichen Mitteilung desselben entneme ich die Notiz, daß Morßheim am 15. Januar 1516 als Großhofmeister der Pfalz gestorben ist 37 derbnis und besonders gegen die Advokaten und das geschribene Recht eifernd ist die von einem Unbekannten (einem Schweißer, Gö- dekes Morßh. 8. 41) herrürende Welschgattung, Straßburg M. Schü- rer 1513 (Probe in Kurz I 654). Villeicht ist mit im identisch der in Agricölas Sprichwörtern gerümte und zitirte „der Schweitzer*, von dessen „lied von der weit mtrew u außer den Stellen in Agricola (und daraus in J. Cammerlanders, Von der alten Philosophen Seligkait, Straßb. um 1530) auch in niderdeutscher Uebertragung (Gödeke S. 42 fg.) und in G. Forsters „außzug alter vnd newer teutscher liedlein. Nürnb. 1539" längere Stucke aufbewart sind. Franek hat diß Lied wol gekannt; wenigstens ist sein n Lcb des heiligen Pfennigs^ in gleichem Versmaße gedichtet. Ueberblicken wir noch rasch die erbaulichen und die unter- haltenden Stoffe jener Zeit. Äußer den vilen einzelnen „Heiligen legenden^ (Chronik 379b die legend S. Othonis u. a. m.) und dem Sommer- und Winter- teü der Heiligen Leben 1 ), sowie Joh. Niders „24 guldin Harfen Ä (Augsb. 1472), Ottos von Passau „ 24 Alten oder der guldin tron" (Augsb. 1480) u. a. , waren in Süddeutschland besonders ver- breitet die Predigten Joh. Geüers von Kaisersberg. Gewiß sind sie auch Franek frühe schon bekannt geworden; er erwänt seiner nur einmal Sprichw. 1 133b, wo er den Vergleich der Henne und des Habichts (Falken) im Leben und im Tode „das gleichnuß des D. Keysersperger* anfürt, zum Beweis, daß „rechte bestendige ehr geht im tod erst recht an" (besprochen Alemannia III 129, VI 46). Unterhaltung uferten die Beisebeschreibungen und die Weltge- schichten. Besonders beliebt waren die Beisen des h. Brandanus, eines irischen Abtes: „Sant Brandons buch (oder leben) was er Wunders auf dem mör erfaren" (Basel 1491 u. ö.). Es werden Wunder, Märchen und Abenteuer erzält, wie sie nur eine Mönchs- Phantasie ersinnen und ausmalen konnte 8 ). Was in den „ Wahren 1) Der Heiligen Leben (1349) von Hermann von Fritzlar (an der Edder in Niderhessen) ist erst, in Franz Pfeiffers Deutschen Mystikern Leipzig 1845 Bd.l gedruckt worden. — Joh. Nider, Prior im Prediger- kloster zu Nürnberg, f 1438. Zu Grunde ligen Cassiani XXIV colla- tiones patrum. — „Bruder Otto von passow ettwan leßmeyster der myn- dern bruder barfüßen klosters der stat Basel", wie es auf dem Titel heißt, war einer der „Grottesfreunde" (vgl. über sie K. Schmidt, Tauler) der 1386 diß Werk deutsch für die Laien schrib. Genaueres über Otto bei W. Wackernagel in Herzogs Theol. Encycl. Bd. X. 2) Ueber die Geschichte und Verbreitung der Brandans-Legende vgl. Achille Jubinal, La legende latine de S. Brandaines, avec une tra- duetion inedite en prose et en poesie romanes. Paris 1836. Ueber den Inhalt und die tat französ. niderl. etc.- Ausgaben vgl. W. Menzel, Deutsche Dichtung I 287. Von Dr. Joh. Hartliep für Albrechts von Bayern Gemahlin Anna 1488 verdeutscht (von im für dieselbe auch die 38 Geschichten u Lucians 1 ) zum Ergezen des Lesers aufgetischt wird, „Abenteuer zu Wasser und zu Lande u im Stile unsere Münch- hausen*), das wird im Brandan als glaubwürdige Tatsache und volle Wirklichkeit dem Leser zugemutet. Franck nennt sie auf dem Titelblat des Weltbuchs 1534, wie in der Vorrede „S. Brandons Histori", er hat also die TJlmer Aus- gabe (bei Hans Zainer 1499) gelesen, welche von andern Ausgaben abweichend den Titel fürt: „Historia von St. Brandon* (Panzer Ann. S. 248). Was einst dem Knaben und Jüngling gewiß großen Genuß bereitet hatte, war dem kritisch gewordenen Manne natürlich — Lüge und Fabel. Gleich auf dem Titel des Weltbuchs heißt es: „nit aus Beroso (des Dominikaners Annius von Viterbo), Joanne de morde villa, S. Brandons Histori, vn dergleichen fabeln", und in der Vorrede : Wir haben auch nit die lugenhafft hystori 8. Bran- den, reyß vnd mörfart Dietrichs von Bern*) oder die poppen (Puppen = Docken) Joannis de morde villa angemaßt (uachgeamt = gefolgt) oder die Fabel Berosi hierein gesetzt. Er gibt mit Berufung auf Martinus Ilacomiltis (Hylacomi- Jus) den Vorzug der Glaubwürdigkeit „den neueren weltbeschau w- ern, mörherrn vnd gestrengen landtfarern als Marco Veneto" (Marco Polo) etc. Die Wunderberichte des Johannes von Mordevilla {John Man- deville), „Doctor in der Artzney vnd Ritter, geboren vssz Engel- land tf , der 1322 Asien durchzogen (f 1371), erschinen als : the voiage and travaile, Westminster Caxton 1499; auch lateinisch, französisch, italienisch, deutsch; zuerst von Michelfeld (Michel- felser) verdeutscht, mit lächerlichen Holzschnitten. Augsb. 1481, 1482; dann von Otto von Diemeringen% Straßb. 1484 u. ö. Kunst Giromantia) ; handschriftlich in Nürnberg. Karl Schröder, St. Bran- dan. Ein lateinischer und drei deutsche Texte. Erlangen 1871. 1) Des wackern Schulrektors Georg Eollenhagens Son Gabriel hat aus Lucian, Brandan etc. seine „Ungleubliche Indianische Reysen, durch die Lufft, Wasser, Land, Helle, Paradiß vnd den Himmel. Mit etlichen warhafften, jedoch bey vielen Gelehrten glaubwürdigen Lügen" Magdeb. 1603 übersezt und zusammengestellt. 2) Gottf. Aug. Bürger ist der Uebersezer des von Raspe englisch geschrittenen Buches der Abenteuer des Lügenboldes^ vgl. Heinrich Düntzers Einleitung zu der bei Dyk in Leipzig erschienen Ausgabe. 8) Bezieht sich auf den Wolfdietrich, von dem ein Buch wider- holt schon im Mittelalter angezogen wird; vgl. Grimms Heldensage S. 227 No. 88. AB. ^ 4) In der Beschlußrede: Wann einsmal es körnen von uil kunig- rychen kauffleut gen Brugk (Brügge), die dies buch gern gehört hetten. Durch dem bet willen, ich obgenanter Otto von Demeringen, Thum- herre (zu Metz), von latyn ynnd frantzoyscher sprach zu tutsoh ge- bracht han. Vgl. Peschel, Geschichte der Erdkunde und Humboldts 39 Mit Recht zält Francis den Marco Polo l ) (f 1323) zu den glaubwürdigen Reisebeschreibern ; die neneren Reisen den haben vile seiner wunderbaren Nachrichten bestätigt. Unter den „Authores" des Weltbuchs figuriren: Nicolaus Ve- netus, Marcus Venetus, beide Yenediger. Zu Francks Jugendlektüre möchte ich auch rechneu des Main- zers Breydenbach Pilgerreise nach dem heiligen Lande. ^Bern- hart von Braytenbach ein kammerer vnd seer gelert vnd weit er- farner man" (Weltbuch) nam zu seiner Reise nach Jerusalem auch einen „guten maier" mit; „die heiligen reisen" 1486 Mainz, sowol lateinisch wie deutsch erschinen, enthalten nicht bloß Holzschnitte (Städte, Gegenden und Personen), sondern auch die yerschidenen orientalischen Alphabete. Biß Buch erlebte vile Auflagen (Panzer Ann. 162 etc.); es zeigte nicht bloß den Gegensaz der drei mono- theistischen Religionen, sondern auch die Sekten und Spaltungen im Christentum auf und muste durch seinen treuherzigen Glauben und Erzälungston, seine fromme Wärme und Begeisterung, seine priesterliche Manung zu warhaft christlichem Leben einen tiefen Eindruck auf die zeitgenössischen Leser machen. Von den geschichtlichen Werken mag Franck in seiner Jugend nicht bloß die romanhafte Geschichte vom trojanischen Krieg (von Joh. Yair aus Nördlingen um 1390, nach Kurz I 775) und J. Hartliebs Geschichte Alexanders des Großen zu Gesicht bekommen haben, sondern auch außer Steinhöwels tütscher Chronica „die Nürn- berger Chronick" Hartm. Scbedels, das „Noricum Chronicum" (Germ. Bl. 195) sowie „die Augsburger Chronick", das „Aagusta- num Chronicon" oder „Cronica von allen kaisern vnd künigen — Kaiser Sigmunds Reformation 2 ) — von allen Bäpsten" = „Hansen Kosmos II 69 fg. Ein ergezliches Pröbchen aus Mandevilles Fabeleien in Pischon Denkmäler II 223 (niderdeutach) und Kurz I 765. 1) Vgl. über disen herodotischen Reisenden Wachler, Handb. der Gesch. der Litt., II 357; Lessing, Lachmann Bd. IX 185. M. Polo, der 1271 — 1295 mit seinem Vater Nicolaus ganz Ostasien durchwandert, Ostindien etc., diktirto 1298 — 99 als genuesischer Kriegsgefangener sei- nen Reisebericht latein, von, andern ins Ital. und Franz. übersezt. Ma- ravigli del mondo da lui vedute. Venedig 1496 8. u. ö. De consuetu- draibus et condicionibus orientalium regionum o. 0. u. J. 4. (Antw. oder Alost vor 1500.) Das puch des edeln Ritters vn landtfarers Marcho Polo In dem er schreibt die großen wunderlichen Ding dieer weit. Nürnberg 1477 fol. 2) Die erste Ausgabe der Eronik war schon Augsburg 1476 bei J. Bäraler erschinen. Panzer Nachträge S. 36 hält den Straßburger Priester Jacob von Königshoven für den Verfasser. Franck hat für seine Germania die ungedruckte Quelle des Dn. Jacobus a Trusenheim be- nuzt, d. h. Jac. l Twinger von Königshoven aus Straßburg 1346 — 1420, Pfarrer in Drusenheim (bei Bischweiler und H agenau), seit 1386 Chor- herr von Münster, später Domherr an St. Thomas in Straßburg. Germ. 40 Schönepergers Chronick im truck 1487 außgangen" (Germ. Bl. 203b) und Thomas Lirers (gesessen zu Rankweil) schwäbische „Chronik" getrnckt von Conrad Dinckmit in Vlm 1486 (Germ. Bl. 206). Meine Vermutung über Francks deutsche Lektüre im Knaben- und Jünglingsalter stüzt sich auf die unbestreitbare Tatsache, daß im ersten Jarhundert des Buchdrucks, der allgemein als eine Gnade Gottes den Laien erwisen betrachtet wurde, ein gewaltiger Lese- hunger auftrat, zumal in den Reichsstädten y und Alt und Jung sich an Buch und Bild ergezte. Franck hat in seiner Jugend gewiß nicht die Gewissensängste eines dämonischen und genialen Menschen, wie Luther war, durch- gemacht. In verlockte Wißbegir, in erfreute Gottes wunderbare Macht in Geschichte und Natur, in reizte Streit und Widerspruch der Welt zum Nachdenken, er brachte es dahin „als ein unpartei- licher vngefangner, ein yeden lesen zu künden." Einen andern Vorzug sehe ich in der gründlicheren humani- stischen Bildung; wobei freilich nicht vergessen werden darf, daß nur die schroffe und kolossale Einseitigkeit Luthers den weltge- schichtlichen Umschwung zu Wege bringen konnte. Luther selbst fülte seinen Mangel ser wol. »Wie leid ist mir ietzt, daß ich nicht mer Poeten und Historien gelesen hab, vnd mich auch diese niemand gelehret hat. Habe dafür müssen lesen des Teufels dreck, die Pbilosophos und Sophisten mit großer Kost vnd Schaden, daß ich gnug dran habe auszufegen" (Altenb. Ausg. II 812). Ebenso bedauerte Melanchthon Luthers mangelhafte hu- manistische Bildung ; größere Sorge für Bildung der Rede und zu- gleich die „milderen" Studien einer waren Philosophie, woran -es in Erfurt gefeit, würden bei Luther villeicht auch dazu gedient haben, die Heftigkeit seiner Natur zu lindern (Kbstlin, Luther I 50). Luther hatte guten Grund 1524 für die Schulen den Ratsherrn Deutschlands zu empfelen „die Poeten und Oratoren, nicht anger- sehen, ob sie Heiden oder Christen wären, griechisch oder latei- nisch", „die Chroniken und Historien, welcherlei Sprachen man haben könnte* (G. Pfizer, Luthers Werke S. 867) ; in der schänd- lichen Nachrede nach Francks Tod 1545 muste er anerkennen, daß der neben den „Scheispoeten 1 ) Lemchen" gestellte „ Beelzebub a oder „Arshummel" Franck das grifflin funden — Historien zu schreiben und Sprüchwörter zu erklären. Bl. 208b: Herr Jacob Pfarrherr oder kirchherr zu Trusenheym, hab ich zu Straßburg in einem alten geschrieben buch gelesen, setzt etc.; vgl. Bl. 242 und 143. Ueber Sigmunds Information in Abschnit V. 1) Es genügt auf Leasings Rettung des S. Lemnius III 280 fg. hinzuweisen. Ausfurlich handelt über S. Lemnii Leben und Schriften Strobel, Neue Beytr. III 1. 41 Lerer und Lernende in Ingolstadt Als Franck im Frübjare 1515 nach Ingolstadt kam, fand er dort die humanistischen Stadien in gewaltigem Aufschwünge. Die Universität erfreute sich in den Jaren 1514 — 18 einer starken Fre- quenz, der stärksten 1514, wo 266 Studenten sich immatrikuliren ließen; die Gesammtsumme mag damals durchschnittlich 450 Stu- denten betragen haben. Aventin, Celtis Schüler (1495 in Ingolstadt, 1499 in Wien), der Erzieher der herzoglichen Prinzen Ludwig und Ernst, war von seiner Reise nach Italien mit Herzog Ernst zurückgekert, um als „Zucht- und Lermeister" dessen Studien in Ingolstadt zu leiten. Mit Aventin kamen im Mai 1515 der Kanzler Leonhard von Wolfsr Eck und zwei herzogliche Räte, als neue amtliche Kommission zur Schlichtung der Mishelligkeiten der Artisten und zur Hebung der Studien und der Universität, nachdem eine Kommission drei Jare früher (zu der auch der Franziskaner-Lektor Schatzger gehört hatte) keinen Erfolg gehabt. Die Studien-Reform wurde erst 1519 durchgesezt: an die Stelle des Alexander trat Aventins Gramma- tik, an die Stelle des Petrus Uispanus die summulae von Eck. Drei Jare hintereinander hatte die Universität erlauchte Rek- toren 1 ): Seit 24. April 1515 Friedrich, Markgraf von Brandenburg (seit 1514 mit seinem Bruder Wilhelm immatrikulirt). Prorektor: Balth. Huebmair, Prof. der Theologie (Parochus ad Div. Virginem.) 1516 Ernst, Herzog von Bayern. Prorektor: Seb. Schölnacher. Wilhelm, Markgraf von Brandenburg. Prorektor : Andreas Hainlin. 1517 Martin, Graf von Oettingen. Prorektor: Joh. Eck. Karl, Baron Schenk von Limburg. Prorektor: Mich. Mar stallen. Aventins Zögling „Arionistus" hob in seiner Rektoratsrede (23. Oktober 1516) die Verdienste seines Lerere um die lateini- sche, Grammatik hervor, aus der ein besserer Unterricht als aus den Schriften von Wic.Perottus oder Aldus Manutius zu schepfen sei; zu gleicher Zeit übernam er das Prorektorat der von Aventin damals gestifteten Gelerten-Gesellschaft: Sodalitas lüteraria Angüo- 8tadensis in der bursa lüii oder lüiorum ; zu ir gehörten Leonhard 1) In Mederers Ann. Ingoist. sind nur die Namen der immatri- kulirten Nobile* gedruckt. Auch in Freningers Matrikelbuch München 1872 sind nur Rektoren, Dozenten und Doktoren angegeben. 42 von Eck, seit 1517 Protektor, als Herzog Ernst zum Bischof von Passau gewält worden, Matth. Kretz ', Urban Bhegius, Augustin Merboid von Hohenwart, Lochers Freund, Otto von Bach aus Meißen (1537 enthauptet) u. A. Ein Denkmal stiftete sich die Gesellschaft 1518 durch Herausgabe alter von Aventin 1 ) aufge- fundener Geschichtsquellen, nebst eigenen lateinischen Briefen und Gedichten. In der Artistenfakultät wirkten damals 40 — 50 Magister nicht gerade in großer Einigkeit, denn die Fakultät war durch den Parteihader der Anhänger der via antiqua und der via mo~ derma, „der arttieten baider wege, des alten vnd newens als sy sich nennen 4 ' gespalten; erst die Statuten-Redaktion von 1519 ver- bot auf Befel des Herzogs die Parteiworte „moderni, antiqui, rea- listae, nominales" und befal, daß sich Lerer wie Lernende einfach und gemeinsam als artistae bezeichneten. Diser aus der verschidenen Behandlung der Schul-Philosophie hervorgehende Streit, der in keineswegs humaner und philosophi- scher Weise gefürt wurde, war dem humanistischen Aventin ein Gräuel; er zitirte deshalb gern beistimmend das Volkssprichwort (gleichwie Wimpheling in der Apologia pro republica christiana c. 1. „die G eierten, die Verkerten", auch Franck Sprichw. I 36b, 90b, II 99b, 163b) : „Je gelerter, je verkerter". . Wie die Fakultäts-Akten meist nur Promotions- und Geld- angelegenheiten betreffen, so berüren die Universitäts-Akten (außer den Statuten) meist nur die Schattenseiten des Studentenlebens, Skandale und Tumulte, Exzesse und Verbrechen, Verbal- und Real- injurien, Schuldklagen, Wirtshaus- und Bordellgeschichten, Raufe- reien, Schlägereien, nächtliche Ruhestörungen durch Schreien und Brüllen (8 „Zirker und Wächter" besorgten die „Befridung bey tag vnd nacht 41 , die „Wachthut"), weshalb widerholt gegenseitiges Zutrinken y nächtliches Herumschwärmen und Musiziren, Karten- und Würfelspil, Waffentragen 2 ) (bay tag noch nacht), Maskiren 1) Aventins Nazionalgefül kennzeichnen die Worte eines Briefes 1517 (mit Bezug auf Hermann von Altaicb und Valtogeius Noricus) bei Mederer p. 101: Ex quibus plane intelligo, maiores nostros non ita barbaros, ut nos quidem falso suspicamur, fuisse. Nos autem prae illis esse maxime socordes, qui in vana dictionum digladiatione et um- bratili edentuli Grammatici consenescimns. 2) Als „Waffen" galten nach Mederer IV 165: Harnasoh, arm- brust, püchsen, trischl (Dreschflegel), spies, hellenparten, stangen, schwert, wurfpeil, düiz (Dolch, kurzer Degen), waidmesser, tegen, stein, kugl noch ainich andre Were. Zu den verbotenen Waffen zälte man in Gera 1487: lange messer, degen, tilitz und im Altdorf er Weisthum: niemand soll auf das rathhaus oder zu einem tanz tragen ein langes messer, degen, hammer, digliz, bleikugel, wurfhaken, pengel oder andere ge- fahrliche wehr; vgl. Grimm Wb. Digliz. Birlinger teilt mir mit: in 43 and Mummerei jeder Art, das Ausgehen nach dem „Hossauws- Lewten" l ), auf die Straße mit Wehre oder one Licht*), das Aus- steigen und Uebernachten außerhalb der Bursen verboten wurde. Auch die Kleiderordnung ward streng überwacht und im Sommer 1517 ein Student gestraft, weil er öffentlich — einen Strohhut (pileum stramineum) getragen. Die erfreulichen Lichtseiten, der stille Fleiß und die wissenschaftlichen und sittlichen Fortschritte der Studenten sind in solchen Akten nicht registrirt. Die Studenten lebten in der Regel gerade wie anderswo wegen der Gefaren des Wirtshauses und Weiberumgangä in Bursen mit fester Hausordnung, unter Aufsicht der Artistenfakultät, über- wacht und geleitet von Magistern als „Conventores" , wissenschaft- lich unterstüzt von Baccalaureen, beköstigt (oft elend genug) von Schaffnern. „Edel vnd erber. lewt kind" wonten wol auch bei Do- zenten „in iren Heusern vnd Cost studirens halben". Der Bursen, zu denen noch das Collegium Georgianum kam, bestanden damals siben: Angelica y Aquilae, Draconis, IAlii y Solls, Hosarum, Parisiensis oder Parisiorum bursa (im Volksmunde ver- dreht in „Pariserwurst" Prantl S. 94). Die Burse wurde vom Conventor zur Zeit der Frühmesse ge- öffnet, im Sommer bei Sonnenuntergang, im Winter nach dem Abendessen (= 6 Uhr)« „so man Ave Maria lewt" geschlossen. Es war streng geboten, daß die Studenten unter sich nur Latein sprachen; zur Bewachung hatte man geheime Aufpasser (lupu$ B ), seit 1550 etwa auch Corycaeus genannt). Der Conventor weist den Mitglidern (supposita) ire Pläze bei Tisch an, läßt wärend der Malzeit Abschnitte aus der Yulgata vorlesen und kontrolirt die Zimmer der Studenten, den Besuch der einem Schreiben des Landsberger Bürgermeisters von 1632 an die Her- zoge Wilhelm und Ludwig wird geklagt, daß sich zwei Geistliche einen Tiglüz und Stecher nachtragen lassen. — In einem Totentanz von 1627 aus Innsbruck beißt es: mit Brischel welln wir dich erschlagen. Vgl. Birl. Augsb. Wb. 124b. 1) Abendliches Gebetläuten als Zeichen des Schlafengehens. Dem Ho88au8läuten ligt das Zeitwort, hossen, nach Hause gehen zu Grunde. Schmell. I * 1181 ff. An eine Husitenläuterei ist nicht zu denken. 2) Strassenpflaster zuerst in Paris (Lutetia) 1185, in Nürnberg, Augsburg und Regensburg um 1400, in London 1417; Strassenlaternen in London 1415, in Deutschland erst *im Laufe des 16. und 17. Jar- hunderts. 3) Esse in lupo = denunzirt werden; in dem Heidelberger Stu- dentenspiegel (Ulm Dinckmut 1460) bei Zarncke, die Universitäten im M A. S. 28 : duodecies fuerim in lupo. Corycaeus = Aufmerker, Späher, Spion kam (neben Censor) in Aufname durch Erasmus; vgl. Adagia s. v. Corycaeus auscultavit, das griech. Sprichwort bei Strato XIV 1, Zenob. IV 75, Append. prov. IV 96. 44 Vorlesungen, sowie die Teilname an den in den Bunten vorgenom- menen resumptiones (Repetitionen) und dem exercüium bursale oder der disputatio serotincL In welcher Burse Franok lebte, ist unbekannt. Baß im als „beanus" die Ceremonfe der depositio 1 ) nicht erspart worden, ist sicher. Diser Einweihungsscherz, der erst im Laufe des 16. Jar- hunderts in rohe Mishandlung ausartete, ließ sich nicht ausrotten, wenn auch die Fakultäts-Statuten die „vexatores et tribulatores novellorum studentium quos beanos vocant" mit Strafe bedrohten. Als Student (scholaris, scholasticus) wird er tapfer sein Gau- deamus*) oder „den liebsten bulen den ich han der leit beim wirt im k eller u mitgesungen haben und wenn er auch in Sauf- und Kauflust mit seinen Kommilitonen nicht gewetteifert, doch mit jugendlichem Herzen auch der Freude und Geselligkeit ir Recht gegönnt und nicht bloß „Bippapper, spilkart vnd würffei" (Spr. II 161a), auch die „Encomia malorum, die bhl liedtm" (Sprichw. II 68a, I 64b) nicht verschmäht haben, sovil auch später der ge- 1) Jezt „Fuchstaufe"; Fuchs = junger Student, erst in Rädlins Wb. Leipzig 1711. beanus = pecus campi, cui ut rite ad publicos lectiones praeparetur, cornua deponenda esse*nt; in Prag: „beaniam in hirco deponere seu mores agrestes per beaniam relinquere". Hautz 1 86. Das älteste Beispil einer Schilderung der Ceremonie findet sich im schon erwänten Manuale scolarium bei Zarncke, Cap. II S. 4 fg. Es wurde dem Beanus eine Ochsenhaut (ursprünglich wol vqm Pedell, bidellus) über den Kopf gezogen und daran die Hörner ganz oder teilweise ab- gesägt etc. Franck Sprichw. El 92: Zur banck hawen, Rollen, Depo- nieren, Vexieren, Die siben wort sagen. Prantl I 95 erwänt eines Car- men morum studentum et beanorum (= bachantum) von Joh. de Wer* dena (handschriftlich in München). Des Grammatikers Paul Niavis Dya- logus literarum studiosi cum beano quarnmque preceptionum imperito (s. a. Leipzig, Mart. Herbipol.) gibt ein ler reiches, aber trauriges Kulturbild. 2) 6. Schwetschke, Zur Geschichte des Gaudeamus igitur, Halle 1877. Gewiß ist das weltliche Lied, wie so vile, durch die Kirche ver- anlaßt, durch „den beim Introitus der mittelalterlichen Messe ge- bräuchlichen Antiphon: Gaudeamus omnes in Deo". Daß ein altes Studentenlied Gaudeamus vorlag, beweist das Lied des ital. Humanisten Codrus Urceu8 (1500) (Monographie von C. Malagola, Bologna 1878), wie die im nachgebildete Schlußstrophe in Emsers Spotlied auf Lu- thers Hochzeit 1525 (Waldau, H. Emsers Leben und Schriften S. 62 mit Gochläi gereimter Verdeutschung). Franck spilt auf das Lied Spr. H 31a an: Ihr (der saw) leben ist ein Requiem, jr todt ein Gaudeamus vnd Te deum laudamus. Spr. I 44: Mein liebster bul ist mit reyffen bunden; vgl. UUand YL. I 584 fg. Die Studentenlieder der Carmina Burana und das Liederbuch der Clara Hätzlerin sind bekannt. Das Lied „Cerevisiam bibunt homines, animalia cetera fontes" etc. (Allg. Reichs- Gommersbuch, Leipzig Breitkopf u. Härtel 1876 S. 505) muß in Nord» deutsMand entstanden sein. 45 reifte Mann gegen das dreifache W (Wein, Weib, Würfel Sprichw. I 43, II 41a, 46b, 148b) predigt. Den Professoren- und Studentenhochmut jener Zeit geißelten die Sprichwörter Spr. I 116: ^Ex academia venis. Da bist hof- fertig. Ich meyn da kommest von der höhn sehhl. Da gebest ein guten schhfoneyster. Er ist ein Student, dann er ist hoffertig. tf Franck fand nach seiner Studentenzeit Spr. I 22a Von dem ge- meinen man lert man teglich mer in der practick (Praxis), dann mit Worten vff der hohen Schul. II 163b Die hochtrabenden ge- leiten verkerten, die von vffgeblaßner kunst („Wissenschaft") ge- schwollen, achten sie schweben inn wolcken, halten schlecht ein- feltig fromm grob leut, etwa kaum für Ziffer vnd menschen bei jn, daher singen vnd sagen sie: Bache bibat doctus tua munera, rusticus ündam. In baurn („Philister ") gehört haberstro, die ge- lerten sollen wein trincken, vnd heyssen Vidi aquam *), einn stigelr hüpffer 2 ) vnd dorff pf äffen etwa der nicht kan (ungelert ist). Hie ynderscheyd die gelerten, vnd deute es nit letz, wie gemeynklich geschieht, auff die onschuldigen. Aber des plhdermhß 8 ) der weltgelerten götter, so vonn kunst ausgeblasen sich allein für weise, gelert, vnd fürer der blinden achten, ist die weit voll, vor den sih dich für. Franck hatte das Glück gehabt in Nördlingen eine Latein- schale zu besuchen, welche der Jugend „kurzweillige erbere vnd züchtige Leibesübungen, allerlei vnschädliche schülerische kurztoeü" auch das Sommervergnügens des Badens im Flusse gönnte, was sonst nirgends geschah 41 )', auch das häufige Stäben, Ruthen oder Ruthenholen (virgatum ire) im Walde brachte freie and lustige Tage, wobei Lerer und Schüler unterwegs in den Wirtshäusern sich einen Trunck Bier oder Wein gönnten und die Jugend sich 1) Antiphon, des Sonntags bei Aasteilung des Weihwassers vor dem Hochamt gesungen. 2) Sohmeller II ' 743. Der Stigelhupfer, im Scherz : Kaplan, d. h. Wegabkürzer, wenns über nidrige Zäune stat des Fußpfades gel; ahd. stigila zu Steg, Steig. Vgl. Alem. HI 295. 3) Pludermuss, urspünglich sonderbares Geköchsel von Mel, Wasser and Honig mit Gewürz, das Geiler v. E. in der Postille anfürt; bildlich von gelertem Gebrau, zusammengerürter Wissenschaft u. s. w. spöttisch* Grimm DW H 164. AB. Grimm zitirt Agricola statt Franck. 4) In einem spätem besondern Artikel sollen Schulstrafen (Lupus und Asinus) und Jugendspüe der mittelalterlichen Schalen besprochen werden. Franz Seit*, über die Pflege der Leibesübungen auf den deutschen Universitäten. München 1861 4. F. A. Lange, die Leibes* Übungen, eine Darstellung des Werdens u. Wesens der Turnkunst in ihrer pädag. u. eulturhist. Bedeutung. Gotha 1863. Georg Hirth, das gesammte Turnwesen, ein Lesebuch für deutsche Turner (aus altern u, neuern Turnschriftstellern) Leipzig 1865. S. 751 fg. Leibes-Uebungen früherer Zeiten u. fremder Völker. 46 nicht bloß an „tmmmen und pfeiffen" ergezte, sondern ancb am irfMtrrlaufen l ) vnd dergleichen vnnachtheiligen Leibs- Uebung". Auch in Ingolstadt wüste sich die akademische Jugend außer den regelmäßigen Vakanzen und Ferien noch andere Feier- und Festtage zu machen. Die Kollegien fielen aus am Donnerstag und selbstverständ- lich am Sonntag. Die Ferien dauerten vom 21. Dezember bis 7. Januar, Fastnacht 14 Tage, desgleichen Ostern, im Herbste vom 29. September (Michaelis) bis 18. Oktober (Lucas £v.), dazu kamen die vilen Feiertage der Apostel, gewisser Heiligen (Sebastian 20. Jan.) und großer Kircbenlerer ; auch an allen Tagen feierlicher Fakultäts- Akten (einer Promotion oder Disputation) oder wenn ein sermo ad clerum statt fand, las der Professor des Vormittags kein Kollegium. Darnach hatte das Jar ungefär 180 Lesetage; die Dozenten der Rhetorik, Poesie, griechischen und hebräischen Sprache und der Mathematik hatten selbst in den größeren Ferien ire Vorlesungen fortzusezen (vgl. Prantl S. 168). Die Studenten erlaubten sich am 15. Juli (in festo divisionis apostolorum) einen kleinen Schere in den Bursen mit iren Lerem, im Jare 1492 bestimmte die Artistenfakultät gegen dise ,,corrup- toe bacbantum mores" ne insolentias et clamores sucitare nee ma- gistros redudere, ligare aut quo vis modo molestare attemptent. Das Verbot wird nur zur Uebertretung gereizt haben. Zugleich suchte man die ser häufigen Studentenfeste, die Fontania 2 ), Massen spazirgänge (exitus cumulatos) in die Wälder 1) Alem. IE 65. IV 260 und Crecelius in der Germ. 19, 99 ff. AB. 2) Fontania, Fontanea, Fontonia. Prantl. II 113, 138. In Diefen- bachs Glossar: Fontanalia (ludi), bornfart. Aus Balth. Trochus Asca- niensis lat.-deutsch. Wb. Leipzig Lother 1£17; ursprünglich oberdeutsch. — Als Locher 1505 in küner Neuerung bei solcher Brunnenfart eines Sonntags eine Schar vornemer und adlicher Studenten als Landsknechte (lancigeri) ausstaffirt durch die Stadt marschiren ließ zum Aergernis der Theologen, die in darauf in einer Streitschrift angriffen, wies er disen Verstoß gegen die akademische Sitte als „kleinliche Nergelei zu- rück, weil ja an den berürotesten Universitäten (Italiens?) Fontium sacra sive Eleutheria mit militärischen Aufzügen gefeiert würden" (Hehle II 7). Ueber die von Conzilien verdammte Fontium adoratio (Du Cange) ein Stück alten Heidentums vgl. Grimms Myth. 826 fg. Horaz Od. in 13 : fons Bandusiae splendidior vitro, Dulci digne mero non sine floribus. Quellendienst im Altertum vgl. Nork, mythol. Real-Wb. I 301, welcher aus Mones Nordd. Heidenth. II 135, 156 die Brunnenvererung der Altfranken u. Hessen nachweist. Zu Mühlhausen an der Unstrut in Thüringen (einst freie Reichsstadt) feiert man, wie mir Dr. Bau (Sekretär der Bonner Bibliothek) mitteilt, noch alljärlich ein Brunnenfest in der Mitte des Sommers; Volk und Schuljugend zieht hinaus nach dem Walde zur Popperoder (mit Steinen gefaßten Quelle) und senkt Kränze und Bouquets hinein, die auf dem klaren Grunde einen reizenden Anblick gewären. — Prantl: ludi chartarum et taxillo- rum omnino prohibendi ; similiter ne, ut fieri solitum est, pravium (ßga- 47 und schattige Orte der Umgebung auf bestimmte Tage des Jares wärend der Hundstage zu beschränken und zwar, weil manigfacher Unfug und Skandal vorkam und übermäßige Ausgaben gemacht wurden, nicht bloß draußen, sondern auch (die „beneficia caloris" wie man jezt sagt) in den Bursen, nur einmal, stets mit vorheriger Erlaubnis des Dekans. Im Jare 1507 dekretirte man aufs neue: man gönnte inen zwar die „recreatio", man verbot nur Karten und Würfel, zu kostbare Preise beim Weltlaufe und Geldbeiträge beim Kegelschieben für ein Zechgelage, als unnüz und kostspilig. Uebernachte man im Freien, so sollten wenigstens die Con~ ventoren und die Magister oder Lerer zur Ueberwachung dabei bleiben. Troz diser Verbote wird die Jugend sich ihre Lustbar- keit mit List erzwungen und ausgefürt und manche Sommernacht im Walde verbracht haben. Die Artisten hatten außerdem das Recht an St. Johannis 1 ) (24. Juni) zu Tanzvergnügen (ehoreae) vor den Bursen, wozu sich auch Laien einfanden; da die Fakultät aus dem Verker der Stu- denten mit Laien mancherlei Uebel entspringen sah, so hätte man das Johannis fest gern abgeschafft und jede Teilname der Studenten an T&nzen der Laien, wenn Heiligentage, Hochzeiten und der- gleichen gefeiert wurden, verboten. Ebenso auch den Laienverker beim Feste der bälnea 2 ), welches die Baccalaureen an irem Pro- motionstage (wie die Magistranden ir „prandium Aristotelis") iren Lerern und Freunden gaben, weil dazu auch Laien und Frauen durch Karten (per scedulas, Zettel) eingeladen und allerlei Weine, Geschleck und Konfekt (confectiones) vorgesezt wurden und nicht bloß große Unkosten erwuchsen, sondern auch manches Ungebür- liche (minus honesta) verübt ward.. Ebenso suchte man den Geldverbrauch der Studenten auf anständige Erlustigungen (honesta solatia) einzuschränken, dagegen Spil und unnüzes unüberlegtes Vertun zu hemmen. Die Fakultät moralisirte und dekretirte, wärend sich die scolares in alter Weise amusirten. Betrachten wir jezt ßetov) aliquod in stagneis scutellis (Zinn-Schüsseln) aut similibus pro- ponatur, ut (lies : aut) in globo (boßkugel, scheybchugel) et piramidibus (Kegel) simbolum tradant. 1) Birlinger, Volkstürol. II 96 ff. Aus Schwaben II 116 ff. 2) balneare cum magistris et aliquibus suis sociis, gewiß nach Frantl I 125 metaphorisch zu verstehen: mit (in) Wein baden; also Weinbad = Symposium, Gasterei, Gelage, baden = sich erfrischen, er- lustigen bei Seb. Franek, vgl. Grimms Wb. ; balneum nach Du Gange = genus potus minime delicati, war gewiß ein Studentenwiz für = innere Anfeuchtung = Kneiperei; balneare = madefacere (Du Gange); schon Plaut. Ps. 1, 2, 60 vino vos made facitis, cum ego sim siocus. Man sagte nicht bloß vino (poculis) madens oder madefactus, sondern auch absolut : distentus ac madens (vollgefressen und gesoffen) Suet. Glaud. 33. 48 Francks philosophische Studien Franck spottet widerholt über die „Modernisten" und (Chronik 104b) über „ Aristo telem, der Theologen gott". In Ingolstadt brannte knrz vor Luthers Auftreten der Partei- gegensaz zwischen moderni und antiqui oder Nominalisten und Realisten bei weitem stärker, als an den anderen Universitäten 1 ); die moderni waren dort entschiden im Uebergewicht gegen die antiqui oder „ Antiquisten" (Prantl II 147). Die moderni ver- traten die Richtung, welche ir „venerabilis inceptor" der Franzis- kaner Occam, des JDuns Scotus Schüler, (der kün unter dem Schuze Kaiser Ludwigs des Bayern die Rechte der -Statsgewalt gegen das Papsttum verteidigt hatte) eingeschlagen, wärend die antiqui (die Anhänger des Papalsystems) den Betrib diser neueren Logik zu verdächtigen suchten. Es ist bekannt, wie der alte Streit zwischen Plato und Ari- stoteles über das Verhältnis von Sein und Denken, die wichtige Frage über den Wert der Allgemeiribegriffe, auch die Scholastik im Mittelalter parteite. Haben die Universalien, haben die gener a und species sub- stanzielle Existenz oder sind sie bloß Abstraktionen aus dem Be- sondern und Individuellen? Sind die universalia ante rem? wie Plato (nach Aristoteles Angabe) lerte: haben sie eine gesonderte selbständige Existenz von den Einzelobjekten (sei es bloß dem Rang- und Kausalitätsverhält- nis oder auch der Zeit nach; vgl. Ueberweg, Gesch. der Phil. 1866 n 114)? Oder sind die universalia in re? wie Aristoteles will, d. h. haben sie eine reale Existenz, aber nur in den Individuen? Disen beiden Formen des Eealismus trat der Nominalismus entgegen: universalia post rem: nur das Individuelle hat reale Existenz, die Gattungen und Arten sind nur subjektive Zusammen- fassungen, indem wir die gleichartigen Objekte mittelst des gleichen Wortes (nomen, vox) bezeichnen. Der Gegensaz zwischen den moderni und antiqui gieng nun eigentlich nicht von der Frage der Universalien aus, sondern von der Yerschidenheit der Lermittel der Logik. Die antiqui hielten sich an die alte Betreibung des Albertus Magnus, Thomas Aquinas und Duns Scotus. Die moderni, deren Vorbild Occam war, er- strebten eine Erweiterung und Fortbildung des im Compendium des Petrus Hispanus gegebenen Materials, besonders in Betref der 1) Prantl, Gesch. d. Universitäten I 63 fg. Ueber Paris, Heidel- berg, Wien, Erfurt, Basel, Tübingen, Greifswald, Leipzig, Prag, Mainz und Köln vgl. Prantl, Gesch. der Logik IY 148 fg., 185—194, 223 fg. 49 „proprietates terminorum", der Wortformen der Begriffe and der Verhältnisse des Sazbaues, wodurch sie in Folge unablässiger Dis- putationen und Spizfindigkeiten neue Zweige der Logik (Sophis- mata, Insolubilia, Obligatoria, Consequentiae) in einer Flut von Schriften ausbildeten (vgl. Prantl I 53). Begnügten sich die antiqui an der älteren Boethianischen Tradition der Logik, so standen die moderni hingegen dem Aristo- telischen Organon näher (Prantl 6. d. Log. II 116). Franck natürlich urteilt von seinem Standpunkt aus anders über die Modernisten, welche er im „Lob der Thorheit" Bl. 46b zu den von Erasmus erwänten und verhönten Realisten, * Nomina- listen, Thomisten, Albertisten, Occamisten, Scotisten noch hinzu- fügt. Er klagt Guldin Arch Vorrede, daß man sich stets mit unnötigen Artikeln und Streitfragen der „Sophisten" beschäftige, „in dem sich yedermann stellet, sam wer allain diß disputieren, vnd der einig artickel zur seligkait von nöten", und die christ- liche Praxis, „die rechten bundriemen, daran der hafft vnd satz der seligkait anliget", versäume: „dz hat eben auch der Sathan mit dem Aristoteles, mit der Metaphisic vnd Philosophey, mit so- uil karren voll Copulaten, commentarien, scribenten, tausent vn- nützen büchern, Summisten, Albertisten, Modernisten, Scotisten, Thomisten mit jren realiteten, ideiteten, formaliteten, identiten vnd dergleich tausent questionen thun." Daß Franck bei den antiqui etwa in der Weise, wie meist noch heutzutage die Vorlesungen über Logik gehört werden, seinen philosophischen Kursus mit Verdruß und Unlust durchgearbeitet, ist ser natürlich. In Ingolstadt, wie später in Heidelberg, hatte er wunderliche Disputationen und Düfteleien auszuhalten. Betrach- ten wir einige Pröbchen. Hamtz berichtet (Lyc. Heidelb. p. 134 De Gontuberniis sive Bursis) über die seltsamen Streitfragen, welche damals die Nomi- nales et Reales, die Scotistae et Thomistae ventilirten: Deus an nolens vel volens sit Deus? Deus utrum possit scire plura quam seit? Deus an possit meliorä facere quam facit? Cfr. Petr. Lombard, sentent. lib. I dist. 16, 39, 44. Deus utrum possit facere idem corpus localiter esse simul in duobus locis? (Ueber utrum vgl. Hehle II 22.) Utrum oculus Christi post mortem fuerit oculus? Utrum totus sanguis Christi, qui in passione eins effusus est, ad corpus eius in resurrectione redierit? Deus utrum possit peccare, si vult? Deus utrum possit facere contradictoria esse simul vera? Cfr. Thom. Aq. quodlib. III art. 2, 4, 5, 6 quodl. XII art. 2. Ob der Casus Vocativus ein Suppositum sei oder ob er in einer Proposition anstatt eines Subjecti könne gesezt werden oder nicht? (Hautz I 348). Birlinger, Alemannia VII l 4 50 * Warum Adam im Paradies von einem Apfel und nicht von einer Birne gegessen? Ob Gott etwas Geschehenes ungeschehen machen könne, z. B. aus einer Hure eine reine Jungfrau? (Hagen I 31). Erasmus gibt in seinem „Lob der Torheit" (bei Franck Bl. 46) als scholastische Quästionen und Quisquilien an: „Mit was weiß (=Wie) die Welt sei erschaffen vnd inn ain Ordnung bracht?* 4 „Durch welche teüchel (Kanäle) vnd rinnen diser vnflat der erbsünd sei in die nachkommen gelait?" „Mit was maß, mit was meß, in was zeit (quibus modis, qua mensura, quantulo tempore) Christus in der Jungfrauen leib sei fertig vnd zeittig worden?" „Wie in dem Nachtmal des Herrn die accidentia oder zfif&l on ein behausung (domicilio = ire Substanz) bestehen?" „Ob auch ain punct, zeit stilstehen, vmbkeren sei gewesen in der göttlichen geburt vnd erschaffung? u „Ob vil kindtschafft in Christo seien gewesen?" (plures in Christo filiationes = ob Christus mer als einmal geboren werden könne ?). „Ob es ain möglicher sprach (possibilis propositio) sei : Got derVatter haßt den Sun?" „Ob er (Deus) hab mögen die person ains weibs, ains teüf- fels, ains esels, ains kürbß, ains kißlings an sich nemen (silicem suppositare)." „Darnach, wie ain kürbiß hat mögen predigen, zaichen vnd wunderwerck thun?" „Item, wie man an das creutz wolt geh&fft haben, wann er ain kißling^wer gewesen, wie es jm angestanden wer, wann er ge- redt het." „Vnd was Petrus hab consecrirt zu diser zeit, weil der leib Christi am creutz ist gehangen u (quid consecrasset, si consecrasset eo tempore quo etcu). Und „Ob dise zeit (eodem tempore) Christus hab mögen ain Mensch gehennet werden?' 4 „Vnd ob nach der vrstand essen vnd trincken zimlich zft- künfftig sein werd" (post resurrectionem — fas sit futurum). Auch in der kleinen Schrift: Das päpstliche Rundschreiben und die 80 verdammten Sätze erläutert durch Kernsprüche von Män- nern der Neuzeit, sowie durch geschichtliche und statistische No- tizen Duisburg 1865 S. 162 finden sich einige „Lieblingsthemata der Scholastiker", nach Ludov. Vives, in pseudodialecticos 1519 J )- 1. Philosophische Säee. Cujusvis hominis asinus non est animal. 1) Vgl. F. A. Lange, Vives in Sehmids Pädag. Encyclopädie. .51 Nihil et Nemo mordent se in sacco. Asinus Antichrist! est filius Ghimaerae. Omnes duo apostoli dei et alii duo apostoli dei sunt duo- decim. Non non-bomo non possibiliter non currit. Quodlibet qualelibet de quolibet iali seit ipsum esse tale, * quäle ipsum est. Ipsiusmet hominis quilibet asinus asinus et non asinus est. Ipsiusmet hominis et a. quilibet asinus hominis est. De quolibet a. et cujuslibet non b. asinum non c. tantum d. praeter b. contingenter esse possibile est. 2. Theologisehe Säze. Filius dei deus non est. Omnis filius est pater et omnis filius non est pater. Spiritus sanetus spiritus sanetus non est. Aqua requiritur ad baptizandum, et ad baptizandum requiri- tur aqua. An detur minima aqua, quae exigitur, minima quae non exi- gitur, maxima quae requiritur, maxima quae non requiri- tur, maxima quae sufficit non requiritur, maxima quae nee sufficit, nee requiritur etc. etc. Mein Freund Friedr. Albert Lange *), der Verfasser der Ge* schichte des Materialismus, machte zu diser Stelle die humoristi- sche Vorbemerkung: „Diejenigen unserer Leser, welche kein Latein können, mögen sich damit trösten, daß die,- welche Latein können, dise Säze gröstentheils auch nicht verstehen werden. Da die Blüten der Scholastik aber noch wenig bekannt sind, so haben wir dem Scharfsinn der Erfinder diser Säze hier ein kleines Denkmal sezen wollen." Wer kann einem heutigen Naturforscher, wie Liebig, ver- argen, wenn er empört über die spizfindige und unfruchtbare Scho- lastik das harte Urteil fällt: „Ob Adam, so lange er noch ohne Sünde War, auch das Liber Sententiarum des Petrus Lovnbardus schon gekannt habe? Welches Alter und Kleid der Engel hatte, welcher der hl. Jungfrau die himmlische Botschaft ausgerichtet? Ob es im Paradiese auch Excremente gegeben? Ob die Engel griechisch oder hebräisch sprechen? Wieviel Tausend Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten, ohne sich zu drängen? Diser Art Fragen und Untersuchungen, welche in unserer 1) Er hat zu dem aus meinen Materialien erwachsenen Büchlein die Anmerkungen und einige Sprüche beigesteuert und nach vorheriger Besprechung die Vorrede verfaßt. • 52 Zeit als gültige Beweise von Verstandesverwirrung und Narrheit angesehen werden würden, waren (im Mittelalter) die ausgezeich- netsten Geisteskräfte gewidmet. " (J. Liebig , Chemische Briefe, 3. Aufl. Heidelberg 1851 S. 72.) Zum Schluße sei noch auf die seit Petrus Lombardus vil be- handelte Frage hingewisen: Was hatte eine Maus, die eine geweihte Hostie gefressen, zwischen den Zähnen? Lombardus tröstet sich mit: Deus novit (Strauß, Glaubens). II 572). Genaueres über disen Skrupel der Transsubstantiationslere in der von Wilhelm Holder (aus Stuttgart, Abt in Maulbronn, f 1609) verfasten köstlichen und gelerten Satire: Mus exenteratus (die aus- geweidete Maus 1 ). Tübingen 1593. Ein anderer Schwabe belert uns über eine verwandte Frage : G. M. Pfaff, dissertatio de stercoraneis medii aevi tarn lat. quam graec. Tübingen 1750 4°. (Vgl. auch Canisius lect. antiqu. T. IL) Francks Sprachstudien Gerade zur Zeit, als Franck nach Ingolstadt kam, war zu dem Latein und (seit 1505) dem Hebräischen auch das Griechi- sche als neuer Lergegenstand getreten. Somit war wol die Ge- legenheit geboten, besonders für die Wolhabendern, ein „trilinguis u zu werden, wie es Erasmus war „in dreyen sprachen ein furbin- dig gelert mann, sonderlich der Latinischen vnd Grichischen, deß- gleichen zu seiner zeit nit gefunden warde" (Franck). Die meisten Studenten trösteten sich mit Franck Sprichw. II 40a: Wir künden nit all Erasmus sein, oder in die guldin Insel [El Dorado] vber meer schiffen. 1) Der Titel lautet, wie mir Dr. Gerhard, Gustos der Bonner Bibliothek mitteilt, vollständig also: Mus exenteratus, Hoc est, Trac- tatus valde magistralis, super quaestione quadam Theologieali, spinoea, & multum subtili, ut intus. Scriptus pro redimenda vexa (zur Ledi- gung der Qual) ad Magnificum, Scientificum, Doctrinativumque, & Ca- tholico zelo ignitum virum, Johannem Pistorium Nidanum (Nidda in der Wetterau) : Theologum sicut abyssi maris profundum. Per fratrem Wilhelmum, de Stutgardia, Ordinis Minorum. — Virum malum vel mos mordeat. Tubing. 1593 4°, Ed. II Tub. 1668 8°; juxta exemplar Tubingense Lips. 1677 12°; nach dem Vorwort von J. A. S., welches die Historie* de ortu et progressu haeresum in Germania, praesertim Augustae Vin- delicorum, Relatio, quae ex antiquis Annalibus Mss. cuiusdam contem- poranei fideliter descripta erschinen (superiore demum) anno MDGL1V Ingolstadii cum facultate superiorum erwänt und verhönt, muß es eine Ausgabe von 1655 geben. Die gegen den „Apostaten" Pistorius, den Fabulista Caesarius Heisterbachensis und die Calvinisten gerichtete Con- sistorii Eoclesiastici in Ducatu Wirtenbergico praefatio ad lectorem ist unterzeichnet von M. Joh. Magirus, Luc. Oslander, Andr. Oslander, M. Foelix Bidembach. 53 Der berümteste Humanist der Universität w&r Celtis 1 ) talent- vollster Schüler, Jakob Locher von Ehingen an der Donan, Poeta lanreatus seit 1497, der sich mit Stolz „Philomusus Suevus" nannte, „Lector in Poesi" 1498 — 1503 (in Freiburg im Breisgau von Juni 1503 bis März 1506) und 1506—28. Als Professor der hebräischen Litteratur wirkte Joh. Böschen- stein*) aus Ettlingen (1472—1540) von 1505—17 (nur kurze Zeit 1513 in Augsburg), durch Melanchthons Empfelung Professor in Wittenberg 1518 und seit 1521 in Heidelberg. Als Professor der griechischen Litteratur wirkte Joh. Peürle (Peurlin, Peirlin oder Agricola Hammonius aus Gunzenhausen in Franken), Student in Ingolstadt 1*506, verheiratet in Nürnberg, durchreist er alle Welt ( „circulator", „weltfarer"); heimgekert wird er 1515 Professor des Griechischen, 1531 such der Medizin, t 1570. Der Kanzler L. v. Eck gedachte Ingolstadt zum glänzenden Mittelpunkt des Humanismus zu erheben durch Berufung berümter Gelerten, insbesondere des Erasmus. Es sollten „endlich nach dem Sturze der Barbarei die schönen Wissenschaften wider emporblühen in ursprünglichem Glänze" zur fire des Herzogs, zum Segen des States. Urban Bhegius*) wurde von Herzog Ernst beauftragt, jenem („Erasmurn Roterodamum theologorum nostra tempestate cum mul- tiiuga doctrina excellentissimum") einen Ruf nach Ingolstadt mit einem Gehalte von 200 Goldguiden und fetten Pfründen anzubieten. Ver- gebens bemüte er deshalb seine Basler Freunde Fabricius Capito und Joh. Faber; Erasmus lente ab und empfol den Loritus Glarea- nus, poeta laureatus, einen „auch in Mathematik, Geographie und Historie vorzüglichen" Gelerten (Schreiber, Glar. Freiburg 1837 4°). 1) Litteratur über Celtis in Prantl II 484. Vorzügliche Mono- graphie über Locher von Prof. Dr. Helüe: Der schwäbische Humanist Jakob Locher Philomusus (1471—1528), eine kultur- u. literarhist. Skizze. III Theile. Ehingen 1873—75 4. Krabinger, über die Einführ. u. d. Be- trieb der class. Studien auf der Universität zu Ingoist. zu Ende des 15. u. in den ersten drei Decennien des 16. Jahrb., im Bulletin der Münch. Akad. 1854 IV No. 5 ff. 2) Prantl II 486. L. Geiger , Allg. deutsche Biographie III 184 u. d. Studium d. hebr. Sprache in Deutschland von Ende d. 15. bis zur Mitte des 16. Jahrh. Breslau 1870 S. 48 fg. 3) Der spätere Reformator Augsburgs (1490—1541); in Freiburg immatrikulirt 1508 Urb. Bieger de Argow u. 1510 de Argent (Längen- Argen unfern der Reichsstadt Lindau am Bodensee) Baccal., seit 1512 als Ecks begeisterter Schüler in Ingolstadt, im Herbst 1517 durch Jakob Spiegels (Sekretär des Kaisers Max) Empfelung vom Kaiser zum poeta et orator laureatus gekrönt, 1519 bischön. Vikar in Constanz, 1520 Pre- diger in Augsburg, 1530—41 Hofprediger in Celle beim Weifenherzog Ernst dem Bekenner. ühlhorn, U. Rhegius. Elberf. 1861. 54 Rhegius war durch Ecks Empfelung vom Kanzler mit einer philologischen Professur betraut worden (oratoriae publicitus do- cendae praefectus). Hat Franck dise Lerer gehört? Hat er Lochers des be- geisterten Humanisten Vorlesungen besucht? welchen ein Zeitge- nosse M. Garolus Reutherus Franco (vgl. Falgentius) als Zierde des Lutetianum conlubernium (in florentissimo Boiarorum gymnasio) preist, der zuerst die trefflichsten Klassiker hervorgezogen, zuerst historicos veraces, rhetores suaviloquentes, vates iucundos der stu- direnden Jugend vorgefurt. Locher hatte die berümtesten Hochschulen Italiens besucht, um sowol die klassischen Redner und Dichter, als auch die pla- tonische Philosophie zu studiren. Noch 30 Jare nach diser fröli- chen Zeit preist er in einem Danklied seine Lerer, den Philippus Beroaldus l ) in Bologna, den Kreter Musurns in Padua, und andere in Payia, Rom, Florenz etc. Er gedenkt in der Widmung des Fulgentius an seinen Studiengenossen in Italien, Wolfgang von Tan- berg, Kanonikus und Dechant x zu Passau, jener einst gemeinsam verlebten genußreichen Tage und der wissenschaftlich geselligen Kränzchen (sodalitium), wo sie nicht bloß am Quell der Poesie sich erlabt, sondern auch bei lustigem Gelage manchen Becher geleert (naso signum tangentes Liberi patris, crateras) oder nach den Stu- dien an Spazirgang, Tanz, Bad und Schwimmen sich erfreut oder an Karten und Würfel (chartis adfabre pictis : astragalis, fritillo atque alea inter corymbiferi amplissima vasa Lyei ludebatur), insbeson- dere sind es zwei Scenen, die er mit Lust schildert, einmal wie sie des Nachts den Son des Podesta und die Nachtwächterschar, die „albernen Verächter der Deutschen" (Alemannora m derisores ineptissimos) durchgehauen und entwaffnet, dann die lustige Meer- fart von Ferrara nach Venedig in heiterer und zugleich erlanch- ter Gesellschaft, als sich inen von Bologna kommend der Mark- graf Jakob von Baden (Marchio Badensis ac Spanhamensis Comar- chus nobilissimus Archipresul Treverensis 2 ) mit glänzendem Ge- folge (cum eleganti familia) anschloß; welch interessante Unter- haltung, welch reicher Gedankenaustausch! Man kann ein fideles königliches Gelage feiern, das Schiff gleitet durch ruhige See, die Reisenden lassen Leier und Zither erklingen (testudines et cythare eburnis ornate plectris consonabiliter pulsari coeperunt), bei disen harmonischen Klängen stet Locher auf dem Steuerteil des Schiffes, musizirend ein zweiter Arion, nach Pythagoras irriger Palingenesie, und siht die Orte und Inseln der Adria auftauchen ; das Matrosen- 1) Den Aeltern, nach Hehle S. 13 den Jüngeren. 2) Geboren 1471, seit 1498 Ebaäjutor des Erzstifts Trier, 1503 auf Wunsch des Kaisers Max zum Erzbischof gewält, f 1511, gelert und liderlicb. Fr. W. EbeUng, die deutschen Bischöfe II 500. 55 V volk selig über solch lastige Gesellschaft hätte gern zum Dudel- sack getanzt, hätte nur der Schiffsraum mer Plaz geboten. Heimgekert hatte Locher in Liebe und Begeisterung für sei- nen Lerer Seb. Brant dessen „Narrenschifl* 1 (Basel 1494) — den „Erstling deutscher Poesie" — in, heroischem und elegischem Vers- maß übertragen und durch dise lateinische freie und gewandte Ueberarbeitung (Stultifera oder Narragonice profectionis Navis, Basel 1497) das Gedicht auch den Ausländern bekannt gemacht und sich selbst einen rumvollen Namen erworben, mit Auszeichnung genannt „vom St. Georgskanal bis zur Adria und vom frischen Haff bis zum biskayischen Meerbusen" (Hehle S. 27). Sein Streit gegen den Prorektor Zingl in Ingolstadt und gegen die Scholastik (vgl. Abschnit IV) waren damals (1515) längst ver- gessen. Locher lebte allein den Studien und seinen Schülern und dozirte „bis zur Heiserkeit" (Reuther). Daß Franck disen Humanisten zum Lerer gehabt, läßt sich nicht erweisen. In den Schriften Lochers wird, wie mir Professor Dr. Hehle gütigst mitgeteilt^ Franck nirgends erwänt unter den vilen hervorragenden Schülern, die darin genannt sind. Die Bemerkung Guld. Arch 110b „Phocylides ein Griechi- scher cndor" verrät villeicht Bekantschaft mit Lochers metrischer Uebertragung (1500) der Manschrift dises „poetae graeci christia- nissimi" (gegen die 7 Todsünden etc. nach Art des Dekalogs, Hehle I 34 Erhard III 194); das im 16. Jarhundert beliebte Schulbuch war dein Gistercienser-Abt und Dichter zu Kaisersheim an der Do- nau Eonrad Beuter gewidmet 1 ). Die rhetorischen Ausdrücke bei Franck können nicht aus Lochers Schriften geschöpft sein, da dise sich nur auf Cicero und Herennius beziehen, Franck aber dieselben aus Quintilian (oder Erasmus 2 ) hat. Francks mythologische Kenntnisse stammen nicht aus Lochers Vorlesungen oder seiner Ausgabe des Fulgentius, sondern meist aus Schedel und Erasmus. Villeicht kannte er auch (wenigstens in Heidelberg) des Dominikaners Thomas de Walleys allegorische Ausdeutungen der Metamorphoses Ovidii, die „Moralimationes in Ovidium, de formis veterum deorum" (Böcking, Index p. 498), Paris, Ascensius 1509 4°. Die seltsame Behauptung Chronik 504b: „Juno, Pallas vnd Venus, waren drey schtme frauwen, den Paris ein sun Priami von 1) d. h. das Pseudo-Phocylideische noli^ia vov&enxov eines alexan- drinischen Judenchristen, benuzt in den „sibyllin. Orakeln" ; nichts von den echten xewdlata des Phocylides; vgl. Bergk, Lyr. Graec. u. Här- tung, Griech. Elegiker. Jac. Bernays, über das ph. Gedicht. Berl. 1856. 2) Chron* 390b: Er hat an die freien künst Crrammaticäm, Ehe- thoricam etc. vil mähe vnd arbeit angewendet, schier den ganzen Quin- tilianum in ein Copiam zogen. 56 Troia auß besunderer gunst vnd liebe jre bildtniß in den Tempel ließ setzen. Bald gab der Teufel auch red vnd antwort darauß, auß dem das volck bewegt drey gbttin darauß macheten" sucht man vergeblich bei Boceae oder Gyraldus 1 ). Woher mag sie ent- lent sein? Von den Schriften Ovids, der unter andern Bildern der Klassi- ker auf dem Titelblatt der Guldin Arch figurirt, scheinen im aus selbständiger Lektüre die Metamorphosen bekannt zu sein, villeicht in einer Auswal 2 ); die Schrift De arte amandi zitirt er Paradoxa, Vorrede. . Yirgil — „sein b Acher seind zum teil vor äugen" Chronik 112b — erscheint noch ganz als der mittelalterliche Zauberer*). Es ist möglich, daß er die mit Recht berümte, von Locher*) be- sorgte Ausgabe des Horaz (die erste die in Deutschland gedruckt wurde) einmal in der Hand gehabt. Was er aber aus disem Dich- tern zitirt, hat er aus Sammelwerken. In der Chronik 113 (aus Schedel) fügt er eine aus Valer. Maximus entlente Anekdote bei, wobei Horatius Flaccus mit Horatius JPulvillus identifizirt wird. Die Lerer Francks verfolgten offenbar im Gegensaz zu Locher die Richtung des Wimpheling und des Murmellius und irer Ge- sinnungsgenossen, die nur eine Fortsezung der Deventersehen Schule ist. Man suchte sowol christliche Lere als heidnische Moral und Gelersamkeit den Schülern beizubringen. Wimpheling, zumal in 1) Jo. Bocatii tieqi ysvcakoyiag deorum* Basel 1511, erschin auch c. annot. Jac. MicyUi. Eiusdem de montium, sylvarum, fontium, la- caum, fluviorum, stagnorum et marium nominibus Basel, Job. Hervag, Sept. 1532; dises geographische WB ist von Franck im Weltbuch BL 17a zitirt. Lil. Greg. Gyraldus aus Ferrara, de diis gentium varia et multiplex historia Basel 1518, sowie Basel, Oporin 1548 fol., wozu 1549 ein Band kam: Hyginus, Palaephatus, Fulgentius, Albricus, Ara- tus, Proclus. Die Stelle über den Priapus Chronik Bl. 98 kann aus Gyraldus (1548 p. 405 Fascinum pro Priapo) sein, warscheinlicher ist sie aus Ludov. Vives Commentar zu Augustina De civ. Dei (VII 2) Basel, Froben 1522. 2) Es ist mir dise Sammlung nicht bekannt, ich schließe aber darauf aus Joh. Pauli , welcher widerholt sagt: Man liset in fabulis poetarum. Franck erwänt oft den Dedalus, Icarus vnd Phaethon, Ly- caon, Midas, Tantalus, Sisyphus, Hercules, Charontis Schiff etc. 3) F. W. Genthe, Virgüs 10 Eclogen übers, mit Einl. über V. Leben u. Fortleben. Magdeb. 1840. Ueber die 4. Ekhge, auf Sprüche der cumäi8chen Sibylla (Guldin Arch Bl. 43b) gestüzt und von Lactanz auf Christus gedeutet, vgl. J. H. Voss Anmerk., sowie Piper, Virgil als Theolog und Prophet des Heidenthums in der Kirche, Ev. Kalender XIII 1862 S. 17—82. 4) Dise Straßburg 1498 erschinene Ausgabe wird von Bentley gerümt : „non ex exemplaribus ItaUs iamdudum editis, sed ex manu- sgriptis Germanicis expressa est" 57 seiner Abneigung gegen die „lasziven" Dichter des Altertums (wobei man sich auf Plato, Petrarka und Hermolaus Barbarus berufen konnte), stand ganz auf der Seite des Ingolstadter Prokanzlers Zingl, der die christlichen Dichter (Prudentius, Baptista Mantua- nus etc.) den heidnischen vorzog. Auf Schulen und Universitäten waren damals religiöse Dich- tungen sowol der patristischen als der humanistischen Litteratur beliebt, Anthologien aus römischen Dichtern, Sammlungen von Sen- tenzen und Sprichwörtern und die „Zuchtbücher" des Seneca wie des Pseudo-Seneca u. dergl. vil verbreitet. Wie mit Luther die mittelalterliche Theologie ire Endschaft erreicht, so mit Celtis die mittelalterliche Art in Rhythmen (ryth- nmce 1 ), wie im Kirchenlied opp. metrice) und in gereimten Hexa- metern oder Pentametern (versus leonini) zu dichten. Den Denkmälern christlicher Poesie widmeten besondere Pflege die münsterischen und niderrheinischen Humanisten (mit inen Wimphelings Freund, der Niderländer Jodokus Badius Ascensius ans Asche in Brabant). Budolfvon Langen, Kanonikus in Münster, edirte die Opera 2 ) des berümtesten christlichen Dichters Aiirel. Prudentius Clemens, t 413, und kommentirte dessen Versus, hymnos et lyram. Auf Francks Kenntnis des Prudentius läßt die Stelle im Kriegs- bücMein Bl. 73 schließen, aus* dem Hymnus Nox et tenebrae, von Franck verdeutscht. Der Mathematiker Joh. Edicollius 3 ) aus Köln gab die Epi- gramme des Prosper Aquitanus (f 455, super divi Augustini sen- tentias), Hermann vom Busche den Osterhymnus des Lactanz mit Kommentar heraus. Von den Neulateinern 4 ) sei nur erwänt die Messiade (nach 1) Wie Kriegsbüchl. 39b. S. Bernhardt sagt: Victor vincit homicida Victus male perijt. 2) Wenigstens, ist es höchst warscheinlich, daß er der Heraas- geber ist von Prudentius, Opera Deventer um 1492 bei Rieh. Paffroed aus Köln erschinen; gewönlich ist die im gleichen Verlag 1492 erschi- ene Parthenice (Preis der Maria und der Märtyrinnen) des Baptista Mantttanu8 beigebunden. 8) Deventer Alb. Pafraet 1515. Ueber Aedicöüius vgl. Kraflt- Grecelius Beitr. I 55 JI 61. Buschius, Hymnus paschalis Firm. Lact, o. 0. u. J. Vgl. H. J. Liessem, de H. Buschii vita et scr. Bonn 1866. 4) Aus Neulateinern die ich nicht kenne, 'vermute ich, stammen wol die Sprüche wie Sprich w. II 142: Proxima rebus opinio. I 57 2u Vives : Vincit vim virtus macht Franck den Zusaz : Ingenium supe- rat vires. I 63a: Bono deus lex, malo cupiditas. II 160: Candida nullius it sine nube dies. (Anspilung auf Ovid. Trist. 2, 142: Sed solet interdum fieri placabile numen, Nube solet pulsa candidus ire dies.) 58 dem Evang. Joh.) oder vilmer Iesuis von Hieronymus de vallibus oder de Padua. Äscensius gab diß in Hexametern verfaste sprach- liche Meisterwerk mit Argumenten and Scholien zum Schulgebrauch herans (Paris 1510); in der Vorrede dankt er seinen Lerem, den frommen und geleiten Hier ony mit en in Gent. Auch Dorafnikus Mancini (1494) hatte die Leidensgeschichte Christi in elegischem Versmaß besungen. Das Gedicht De passione domini nostri J. C. erschinen in vilen Ausgaben 1 ) war ebenso beliebt wie das andere De quattuor virtutibus earundemque officiis (Paris 1488 4° u. ö.; c. aliis Basel 1543). Den „Kreueessieg"' oder die Himmelfart Christi von Maca- rius Mutius, eques Camers (aus Camerino in Umbrien, Freund Politians), Carmen de triumpho Christi edirte Joseph. Horlennius Segenensis zu Köln, Martin. Werdenensis 1515 mit Titelepigram- men von Busehius, Murmellius, Tunnicius und Widmung an den sacerdos Jacobus Montanas Spirensis. (Auch in Basel etc. ge- druckt.) Ich übergehe die vilen Mariendichtungen und Heiligen-Hymnen oder Oden der Humanisten und bespreche den ,y#weiten Virgif' (wie Trithemius u. A. rumten), den gefeiertsten Dichter zu Anfang des 16. Jarhunderts, den 1448 geborenen, als KarmelUengeneral 1516 gestorbenen Joh. Baptista (Spagnuoli) aus Mantua — Man- tuanus. Von seinen vilen Dichtungen, der fruchtbare Mann hat über 50000 elegante Verse fabrizirt, waren die Eclogen (Eglogae oder Bucolica) am meisten in den Händen der Schüler und Studenten. Es sind Idyllen^ die sich von denen Theocrüs und Virgüs, wie Geßners arg unterscheiden; es treten nicht Schäfer und Schäfe- rinnen in einfacher Naturliebe auf, es sind vilmer Dialoge über die Gefaren der Liebe, die Bosheiten der Weiber und die Glückselig- keit des gelerten Klosterlebens. Seitdem Mantuanus 1498 dise Jugendgedichte revidirt und mit zwei (Schluß) Idyllen vermert, wurden sie von Jod. Badius Äscensius kommentirt und in Leipzig Wol auch die schönen Sprüche über Fremdschaft u. Beligüm. Spriohw. I 8a: Amicus amico praeco et testis. I 9a, 56b: Amor amore, amicitia amicitia venditur emiturque. II 65b: Necessarius (= amicus) est ne- cessarius. Die Freundschaft des Dämon und Phicias Chronik 27 114b (Schillers Bürgschaft). I 119: Impietas contusa exit, pietas incipit. I 56a: Virtus oppressa altius surgit, obfuscata clarius emicat. I 109b: Iniuriae magnanimo spernendae, non ulciscendae. 1) Mir ligt vor eine in Deventer bei Rieh. Paffraed erschinene Ansgabe o. J. mit dem Titel: Quem iuvat hör rendos Christi meminiase dolores Paucis: nunc parvo comparet ere sibi. Vgl. Freytag Adp. III 8 sq. De quattuor virt. neu hg. von EL v. d. Hardt, Helmstadt 1691 8. Die Jesuis mit Mancinis Poemata von Tb. Pulman. Antw. 1559 12. 59 (Tb. Thanner 1504), Köln (Quentel 1510), Straßburg (Job. Pruß 1503/1513) nachgedrückt. Dise Straßbarger Aasgabe erscbin auf Veranlassung Wvm- phelings, dessen Freund Thomas Wolf junior den Dichter zu Bo- logna im Jubiläumsjare kennen gelernt hatte. Wimpheling be- neidete seinen Freund um das Glück, den Pfcus Mirandulanus, Marsilius Ficinus, Matthaeus Bossus, Pomponias Laetus, Petras Marsus, Antonius Codrus und den vorzüglichen Lerer Philippas Beroaldus gesehen and gehört zu haben. Die mir vorligende Ausgabe Straßbarg 1513 hat ein Inhalts- epigramm des Qällinarius Budorinus; ferner von Mantuanus zwei Distichen auf die treuen Freunde Thomas Wolf und Albert von Ratsamhusen, einen Scherz auf Wolf „qui habebat Basiliscam mor- tum", and einen Tugendspigel (Libellus de vita beata); von Her- mann Buschins ein sapphisches Gedicht De contemnendo mundo et amanda sola virtute et scientia. Aus'disen Eclogen findet sich einiges in Franehs Sprichwörtern. I 74a Amor amaror. B&lschafft ist mit gallen behafft. Ecl. I fol. 2a Nee deas (at perhibent) amor est, sed amaror et error. I 116b Paupertas inimica bonis. Armut selten recht thut. Ecl. I fol. 4b Pauperies inimica bonis est moribus: omne Labitur in Vitium: eulpae scelerumque ministra est 1 ). I 4b Ex tamulo Olympum. Auß einem bühel oder grab ein berg machen. Ecl. IV fol. 26a Foemineum servile genus, crudele, superbum. Flet, ridet, sapit, insanit, formidat et audet, Vult, non vult, secumque sibi contraria pugnat. — Seminat in valgus nugas, auditaque lingua Äuget et ex humili tumülo producit Olympum. Mantuanus ist reich an vilen treulichen Sentenzen, die vil zitirt wurden. Es erschin davon eine Sammlung zum Schulgebrauch zu „Liptzk", Th. Thanner 1517 : Sententiosa dieta Bapt. Mant. Poetarum omnium prineipis atque antesignani latinitate, elegantia ac morali eruditione ' refertissima : scholastice Iuventuti eruditioris- que linguq candidatis summe profutura. Auch aus den Gedichten des Publius Faustus Andrelinus Foroliviensis (Forli in der Bomagna) machte Beatus Rhenanus eine Auswal für die Jugend: De virtutibus und Elegiae castiores Straß- burg, M. Schürer 1508. Die Epistolae proverbuües et morales dises poetae laureati (22 Jare alt, in Born) und Freundes des Erasmus 2 ) gefielen dem B. Bhenanus nicht bloß des eleganten Stiles, 1) SiL Ital. 13, 585: Et deforme malum ac sceleri proelivis 2) Diser für seine Zeit bedeutende und einflußreiche Gelerte ist in Wachlers trefflichem Handb. d. G. d. Litt. IV 26 zuzufügen neben 60 sondern auch des tugendhaften Inhaltes halber (Warnung vor Weib, Vergnügen und Müßiggang), so daß er dieselben ebenfalls adGer- manicae iuventutis gratiam (Straßburg 1508 bei M. Schürer) her- ausgab. (Andere Ausgaben bei Suringar Erasmus p. XXXII.) Von dem Pariser Theologen Joh. Arboreus Laudunensis wurden dise Epistolae kommentirt, sowie Salomonis proverbia, Paris, JeanRoigni 1549. Des Ascensius poetische Blumenlese war Franck wol bekannt : Silvae morales, in zwölf Büchern, 1492 klein fol., in Lyon bei Joh. Trechsel. Die aufgenommenen Stücke sind : fünf kleinere (un- echte) Gedichte Virgils (auffallender Weise aus dem echten Virgil nichts!), Auszüge 1 ) aus Horaz y Persius, Juvenal, Ennms, ein Gedicht des Karmelitea Baptista Mantuanus, die Tischzucht des Guilleaume Bude aus Paris (1467 — 1540), dem „eigentlichen Begründer der humanistischen Studien, besonders der griech. Sprachkenntnis in Frankreich." Von Andrelinus (f 1618) spricht Erasmus Adagiorum opus Basel 1533 p. 414 s. v. Syracusana mensa. — Unde Faustus An- drelinus Foroliviensis poeta, non solum laureatus, verumetiam regius atque etiam si diis placet Regineus, vetus congerro meus, qui plus quam friginta iam annos ta celeberrima Parrisiorum Academia poeticen docet, in carmine quod de pavimento Parrisieosi inscripsit, adagionem in Anglos derivavit: Mensa, inquiens, Britanna placet. Et haud scio unde natum sit hoc vulgatissimum apud Gallos proverbium, ut cum hominem vehementer cibo diäten tum velint intelligi, dicant, tarn satur est quam Anglus.Yerum, iidem ut Ulis attribuunt noXvwenn ich nur schon wieder müd' war«. Wenn ich nur schon wie- der Verdruß mit Ihnen hätte!" Gleich darauf folgt eine überaus reizende Ausfürung über eine religiöse Frage, die teilweise selbst wider ins Humoristische überget. „Hiernächst wäre ich Ihnen auf Ihren Brief auch eine schöne Vorlesung über die Vorsehung schuldig, die sich freilich im Garten, unter Heben freundlichen Menschen besser halten ließe. Denn wenn ich steken bliebe, fiele Ihnen vielleicht ein schöner reifer Apfel vom Baume herab, wo noch viele Hundert hängen, in den Schooß, oder ein lustiger Vogel begänne auf dem nächsten Aste seine Lob- rede auf die Vorsehung in lebendigen Accenten, oder ein Kindlein schaute eine Blume an und lächelte. Sie haben wol Recht, daß der Mann, der das Bedürfniß eines Aufschlusses über den Zu- sammenhang der Dinge allermeist im Kopfe hat, am Ende zu einer ganz andern Vorstellung vor der Vorsehung kommen kann, als ihr Geschlecht, dem das Bedürfniß mehr im Herzen liegt, und ich wollte keinen Anstand nehmen, Ihnen meine Vorstellung mit- zutheilen, die mich sehr beruhigt, und hauptsächlich dahin ausläuft, daß wir nicht viel von der Sache wissen, und das Ende abwarten müssen, wie wenn wir zum erstenmal ein Haus bauen, oder einen Schuhmacher ein paar Stiefel zuschneiden sehen, zumal, wenn wir vorher noch keinen Fuß gesehen hätten. Allein, wenn mich meine Vorstellung nicht mer beruhigen wird, so wollte ich doch lieber zu Ihnen kommen und Sie um die Ihrige fragen; denn es ist mir nicht zweifelhaft, daß in einer so geheimnißvollen Sache das Herz eines frommen Weibes der Wahrheit durch Ahnen näher ist, als der Kopf eines Mannes durch Spekulation. Oder ist nicht eine fromme Mutter selber eine göttliche Vorsehung im Kleinen, wie das Wachslichtlein eine Sonne, und gleichwohl fragen Sie noch einen Mond? Doch davon einmal mündlich, aber die nämliche Vorsehung weiß, wann" 2 ). Auch die politischen Umgestaltungen, der Krieg der Allirten gegen Frankreich und die mit dem Krieg verbundenen Unannem- 1) Der bekannte Botaniker und Verfaßer der Flora Badeneis, der damals im Auftrage der Regierung nach Spanien geschickt wor- den war. 2) Aus Hebels Briefwechsel, Freiburg 1860 Wagnersehe Buch- handlung, S. 26 ff. 75 liebkeiten, unter denen auch damals Straßburg zu leiden hatte, brachte keine Störung in dises auf gegenseitige Wertschäzuog ruhende Freundschaftsverhältnis. Es ist für Hebel höchst karakteristisch und für unsere Ge- genwart interessant zu lesen, wie er es verstand, auch unter schwierigen Verhältnissen mit seinen Freunden auszukommen, one seiner Meinung Gewalt anzutun. „Ich will mir kein Tagebuch der Belagerung ausbitten, sehreibt er unterm 30. April 1813 an die Straßburger Freunde, aber eine freundliche Auskunft, wie ihr euch alle befindet. Ich komme schwerlich eher nach Straßburg, als bis die Badischen und Bussen darin sind und weil ihr dieses nicht zu wünschen scheint, so will ich — ich spreche wieder als Alliirter — nicht sehr da- rauf dringen. Ich sehey lieber Thurn (und Taxis) *), daß man auf beiden Seiten unbillig sein kann. Hier nehmen es Leute wirklich übel, daß in Straßburg eine so böse Stimmung herrschte. Als ob ihr scnuldig gewesen wäret, alliirt gesinnt zu sein. Nehmt es doch unsern Belagerern nicht so hoch auf, daß sie nicht französisch oder straßburgisch gestimmt waren. Wir sind unschuldige Kinder gegen- über dem Betragen der edlen Söhne der großen Nation, wenn sie in Feindesland waren und könnten euch ein anderes Sündenregister vorhalten — aber wozu. Wir Elein-Straßburger leben miteinan- der in ewigem Frieden, den Kant für Groß-Straßburg vergeblich sucht. Tausend Grüße. Herzlich euer Peter L, Mitglied der hohen Koalition* 8 ). Als karakteristisch für die Beurteilung französischer Zustande durch Hebel möge noch eine Stelle aus einem Briefe vom Jare 1806 an Madame Haufe, „seinen lieben geheimen Staatsminister und In- tendant der Künste und Wissenschaften u , hier stehen. Hebel schickte ein größeres französisches Werk über Botanik zurück, das im zum Ankaufe gesandt war. Er entschuldigte den Nichtan- kauf damit, daß er in disen militärischen Zeitläuften nicht recht bei Geld sei und fart dann fort: „Ausser mir ist nur noch ein einziger Botaniker in Karls- ruhe, nämlich der Churfurst, der sich aber damit nicht selbst ab- gibt, sondern seine Stelle durch den Hofrath Gmelin*) versehen 1) So pflegte Hebel Herrn Haufe, wegen der vilen Auftrage, die er im zur Besorgung erteilte, zu nennen; wie er der Frau Haufe einen änlichen Namen ansinnt, von dem Bilde eines Großstates hergenom- men, in dem er das Haupt ist. 2) Joh. Peter Hebel, ein Lebensbild von G. Längin, Karlsruhe 1875, S. 210 u. ö. 3) Hebel, sein inniger Freund und eifriger Exoursionsgenosse, weiß von disem Zuge — seine Erzälungen sollten sogar im Rufe poetischer 76 läßt. Man sollte das nicht glauben, daß Karlsruhe so wenig Bo- taniker habe, da doch die Botanik so sehr begünstigt wird, daß ausser den botanischen Gärten noch mehr als 50erlei Pflanzen des Feldes auf dem Marktplatz und in allen Gassen wild wachsen, was sich sonst in großen und volkreichen Städten nicht wol aus* führen läßt und es wäre keine Sache, wenn einmal Eöllreuter, den er doch noch für den dritten will gelten lassen, eine Flora der Stadt Karlsruhe herausgäbe, mit Kupfern so schön, als sie das französische Werk da hat. Letztere findet der Ghurfürst, nemlich der Hofrath Gmelin, selber schön und will übrigens nicht behaup- ten, daß er das Werk selber schon besitze, wol aber die andern, aus welchen dieses größtentheüs abgeschrieben sei, wie aüe franzfr sischen u 2 ). Eine andere Familie, mit der Hebel in freundschaftlichen Beziehungen stand, war die Familie Schneegans. Daniel Schnee- gans ist der Großvater des als Publizist bekannten August Schnee- gans. Hebel war zweien seiner Kinder Pate. Er wonte auf dem Waisengraben, wärend die Familie Haufe auf dem Fischmarkt wonte (beide zusammen nennt er gerne Klein-Straßburg). Zwanzig Briefe Hebels an dise Familie und drei an den Schwesterson der Ausschmückung stehen — eines „Gehülfen des Hausfreundes" zu be- richten, der in seinen Gedichten und Erzälungen widerholt als ^ßchiangm- fänger" und „Steindoktor" oder als „Chrüterma vo Badewüer" vorkömmt. Es ist Karl Christian Gmelin, geb. zu Baden weiler den 18. Merz 1762, f 26. Juni 1837 zu Karlsruhe; der jüngere Bruder des Kupferstechers Wilhelm Friedrich G. Studierte in Straßburg und Erlangen Medizin und ganz besonders Naturwissenschaft, promov. 1784 zu Erlangen, prakt. Arzt und Lerer am Gymnasium in Karlsruhe bis 1884, also volle 50 Jare! A. 1786 Direktor des fürstlichen Naturalienkabinets und Inspek- tor der botanischen Gärten. 1789 wissenschaftliche Reise nach Spa- nien, 1794 geleitete er die wertvollen Sammlungen nach Ansbach. Später Visitator, Examinator der Aerzte und Apotheker. 1797 Hof- rat. 1814 Mitglied der Berg Werkskommission. Sein Hauptwerk ist die Flora Badensis Alsatica. Alljärlich machte er zur Sammlung seines Materials Reisen im Lande, wozu im von der Regierung Urlaub und Geldmittel verwilligt wurden. Als Lerer ward im die Freude einen Alexander Braun aus der Zal seiner Schüler hervorzuheben und disen Lieblingsschüler zum vilbewärten Freunde werden zu sehen. In dem wachsenden Reichtum des Naturalien-Kabinets lagen die Beweise seines überlegten Sammeleifers deutlich vor; der seiner Leitung anvertraute botanische Garten stand in den Kreisen der Naturforscher in hohem Ansehen. Wenn im Umgänge des gewönlichen Lebens etwas Ernsthaftes den Grundzug seines Wesens bildete, so hinderte in diß nicht, zur ge- selligen Unterhaltung recht vil und meistens mit großer Lebhaftigkeit aus dem reichen Schaze seiner Erfarungen und seiner Reiseerlebnisse beizutragen. Stammbaum der Familie Gmelin für die Mitglider und Freunde der Familie dem Druck übergeben (von Archivrat Dr. G.) S. LI ff. Ebenda noch weitere litt. Nachweise. AB 1) Längin, J. P. Hebel S. 211. 77 Frau Schneegans wurden kürzlich in der Alsatia, Nene Beiträge zur elsäßischen Landes-, Rechts- und Sittengeschichte, Sprache und Literatur 1875 — 1876 herausgegeben von August Stoeber (Colmar Barth' sehe Buchhandlung), veröffentlicht; die Briefe gehen vom 22. August 1804 bis 7. Juni 1822. Auch sie spiegeln Hebels schalkhaftes heiteres Gemüt, wie es sich besonders seinen Freun- den gegenüber offenbarte. Wir wollen zuvorderst eine /Probe da- von geben, wie Hebel auch der unbedeutendsten Sache eine humori- stische Seite abzugewinnen weiß, und unerschöpflich ist in necki- schen Vorspiglungen gegenüber seinen Freunden : „Dies wäre also, mein Theuerster, ein Theil meiner Heimreis* Geschichte 1 ), die Hr. Haufe von Ihnen zu erwarten hat. Das Uebrige ist nahe beisammen, weil ich diesmal nichts darein zu phantasieren gedenke. Wie ich aus Straßburg weg gekommen bin, wissen Sie besser, als ich weiß, wie Sie ohne Paß wieder hin* einkamen. Doch hoffe ich, der Genius der Freundschaft, der Sie hinaus fahrte, habe Sie auch ungefährdet wieder mit einander hin- ein geleitet, und es wird recht hübsch von Ihnen seyn, wenn Sie min bald schreiben. Wie wir nach Bischofsheiin kamen, kann Ihnen mein freundlicher Begleiter sagen; das Pfafflein im schwär* zen Rock und Ueberschlag zu Pferd vor einem Hanftransport her, sah possierlich aus; in Bischofsheim genoß ich noch einen guten Abend und einen schönen Morgen, den mir Hr. Kamptmann und sein Schwager noch durch eine angenehme Begleitung verlänger- ten. Von hieran könnt ich viel lügen, denn ich war allein, und es verrathet mich niemand, und die Fortsetzung der Reise war, eine kleine Unterredung mit den Storken in Lichtenau abgerech- net, so gemein und langweilig, daß ich Zeit genug hatte, mir allerlei Begebenheiten und Auftritte zu flngiren, wodurch sie hätte romantisch werden können. Ich habe auch wirklich oberhalb Stoll- hofen einmal scharf in der Luft herumgefochten, und es war mir lieb für den Straßenräuber, dem es galt, daß er nicht da war, wiewohl ich ihn nachher, weil er's aus Noth that, aus dem großen Loos der Franckfurter Lotterie, worein ich setzen will, glücklich genug machte, daß er nun nicht mehr nöthig hat, die Leute am hellen Tag auf der Straße anzugreifen. Das Interessanteste von allem bleibt das, daß ich wieder heim kam, und wenns gestern geschehen wäre statt vor 14 Tagen, so hätte ichs in meiner un- begreiflichen Gutmüthigkeit für eine große Ehre gehalten, die mir wiederfuhr, daß die halbe Garnison vor Karlsruhe bei Grünwinkel stand, und die neuen Ganonen nicht weit davon probirt wurden. Die alten waren geschwinder von den Franzosen geholt, als die neuen angeschafft. Viele Menschen liefen hinaus, aber ich nicht; daran kennt man den Mann, der in der Welt und in Straßburg 1) Alsatia 1875—76 S. 26 ff. 78 gewesen ist Ich laufe keinen Dreipfundern nach ; ja, ich traue mir zu, daß ich ans dem Wege gehen würde, wenn mir einer nachlief. tt Andere Briefe 'gehen einen Einblick in seine litterarische Be- schäftigung. So schreibt er in No. 3: „Zum herzensfreundlichen Gruß habe ich an das Klein* Straßburg einen Kalender, vorläufig und einsweilen im Werth von 20 Thlr. geschickt. Bekanntlich ist die ganze Auflage des Kalenders unter das Siegel der hohen Polizeibehörde gelegt und ist obige Strafe darauf gesetzt, wer einen ausgiebt, wer ein Exemplar hat, und es sehen läßt, muß sagen, von wem er es bekommen hat. Der ,fromme Rata' war ein böser Rath, der irgend Jemans, wers bezahlen muß, die Kosten des Umdrucks von 2mal 40000 Blättern kosten wird. Ich habe an dieser Sache keine Sünde, darüber will ich mich rich- ten lassen ohne Furcht vor der Chorgemeinde der unfehlbaren Liebfrauen Kirche, die da ist in Klein-Straßburg." — Dise Bemerkungen beziehen sich auf die Erzälung im Kalen- der vom Jare 1815 „der fromme Rat", in welcher ein Jüngling, dem auf einer Brücke zwei Geistliche mit dem „Allerheiiigsten" be- gegneten und er nicht wüste vor welchem er niderknien sollte, von dem einen Geistlichen den Rat erhält, zum Himmel aufzuschauen. Auf die tadelnden Bemerkungen einiger angesehenen Katholiken schrit die Regierung ein und unterdrückte die Erzälung; später kümmerte sich sogar der päpstliche Nuntius um dise Angelegenheit. Oefter liebte es Hebel seinen Freunden gereimte Episteln zuzusenden. Die nachfolgende Probe bezieht sich auf den Ge- danken Hebels, von Karlsruhe wegzugehen und die neuerrichtete evangelische Pfarrei Freiburg zu übernemen; ein Plan, der zn merlei Nachreden one Grund Veranlassung gab. Er redet von der Verleumdung, dunklen Wolken, die einen Straßburger Freund um- hüllten, und endlich der Sonne der Warheit weichen mußten und färt dann fort: Also ergings vor lützel Zeit Mit meiner eignen Wenigkeit. Denn als er (der Churfürst) zu mir sagen thät: Ich hör sein Sinn nach Freiburg steht, Bleib er hienieden wenn's beliebt, Allhier es auch noch Batzen giebt; Bald hieß es in der ganzen Stadt : Der Hebel wenig Gönner hat, Absonderlich der Churfürst« ist Ihm gar nicht grün zu dieser Frist: Ist sonnenklar! der leichte Spatz Muß machen einem andern Platz, Und während dieser Erndte hält, Der Nachies 1 pflegen in dem Feld. 79 Bekanntlich fällt auf die Hinreise zur Besichtigung der im angetragenen Stelle, die auch von Nüßlin überliferte Anekdote, daß Hebel beim Uebernachten in Emmendingen, als er im Gedanken an seinen möglichen Weggang von Karlsruhe nicht einschlafen konnte, durch den Wächterruf mit seinen eigenen Worten getröstet wurde : Und wem scho wieder, eh's no tagt, Die schwere Sorg am Herze nagt, Du arme Tropf, die schlof isch hi; Gott sorgt, et war nit nöthig gsi. Auch diser Briefwechsel mit der Familie Schneegans zeigt, wie Hebel bei allem innigen Verker mit seinen Straßburger Freun- den, gegenüber iren zeitweise auftauchenden Sympathieen für Frank- reich und französisches Wesen sich in seinen gesunden deutschen An- schauungen nicht irre machen ließ. Er bietet in Brief 4 eine gerade- zu klassische Stelle Hebels in Bezug auf den Bildungswert der deutschen und der französischen Sprache: „Für Ihre Kinder, die Ihnen Gott erhalten möge, will ich eine gute Fürbitte einlegen. Lehren Sie zuerst die eingeborne Muttersprache und am liebsten im häuslichen heimischen Dialekt sprechen ; mit der fremden ists noch lange Zejt. Mit dem Sprechen empfangen wir in der zarten Kindheit die erste Anregung und Richtung der menschlichen Gefühle in uns und das erste verstän- dige Anschauen der Dinge außer uns, was den Charakter des Menschen auf immer bestimmen hilft, und es ist nicht gleichgültig in welcher Sprache es geschieht. Der Charakter jedes Volkes, wie gediegen und körnig, oder wie abgeschliffen er sein mag, und sein Geist, wie ruhig oder wie windig er sei, drückt sich lebendig in seiner Sprache aus, die sich nachher gebildet hat, und theilt sich unfehlbar in ihr mit. Wollen Sie Ihre Söhne zu Franzosen machen, so ist nichts daran auszusetzen, daß Sie sie im ersten Jahr des Le- bens schon durch die Sprache der Franzosen dazu einweihen. Sollen sie aber an • Herz und Sinn wie Vater und Mutter werden, so ist das französische nichts nutz dazu. — Nichts für ungut, wenn ich für jemand zu viel gesagt habe." — Zalreiche Andenken außer den Briefen erhielten auch nach Hebels Tod die Erinnerung an Hebel in disen Familien lebendig und trugen dieVererung für den gemütvollen alemannischen Sänger, den heitern Volksschriftsteller und herlichen Menschen auf Kinder und Kindeskinder über 1 ). Georg Längin Karlsruhe im Hornung 1879. Stadtpfarrer 1) Soeben erschin ein für Hebel wie für die Kunde der äUern und neuem Baslersprache wichtiges Buch, das ich meinen Lesern empfele: Die Basler Mundart. Ein grammatisch -lexikalischer Beitrag zum schweizerdeutschen Idiotikon, zugleich ein Wörterbuch für Schule und Haus. Von O. A. Seiler. Mit einem Vorwort von Prof. M. Heyne. 80 Volkstümliches : Aberglauben IV Aberglauben 1 Der Mann oder die Fraw sol trincken den schäum, so ein hase zwischen dem maul hat, wenn er kraut isset oder kewet — von stund an empfahet sie. — Vgl. Gesner-Forers Tierbuch Bl. 71b: „so ein weyb die hasenhoden zum end ires Busses isset, so empfacht sie einen sun. — Die Muter der Hasen gedert vnd das bulver in wein getruncken gibt ursach der em- pfengnuß." BL 72a. 2 So ein Fraw jr zeit zuuil hat — brenn laubfrösch zu ascJien, hencks der frawen in einem secklin an den hals. — Vgl. Gesner-Forer 168a: „die äschen von den gebrannten f röschen (Wasserfröschen) ist ein bewärte blutstellung zu allem bluotfluß, von wannen er komme. 4 4 8 Das ein Fraw leichtlich geber — bind jr an die linck hufft bilsenkraut wurtz, also das du den knöpf bald wider auff- ziehest wenn sie gebiret und die wurtzel hinweg werfest. 4 Das geblüt nach der geburt von einer Frawen ze treiben — capaunen hirnschal zu pulver gestoßen, gib es jr ze trincken. — Von dem Schinbein der Capaunen heißt es bei Gesner-Forer 85a: „etliche vermischend sie under die arzneyen so wider den weißen fluß der Weiber bereit werdend. 44 5 Die beller (Zanfleisch) der kinder, die zahnen, sol man jn- reiben mit hasenJiirn und hennenschmalz oder mit hundsmüch, wann jr eygenschaft ist ze muten den auffgang der zen. — Vgl. Gesner-Forer 71a: „So den jungen kindern jre bilderen mit ge- kochtem oder gebratnen hasenhirne bestrichen wirt, so sollend jnen ire z&n on allen schmerzen hierfür schließen; dann sein krafft ist gleich dem hon ig und ancken in solichem faal." Von der Hundsmilch 88b: „Eschen von den gebranten Hundszänen mit but- ter die bilderen gesalbet macht one schmerzen zanen. Hundsmilch an die ort gestrichen da man wil die außgerauften haar nit wide- rumb wachsen ist gut vnd in die oren getröufft, nimpt hin jren schmerzen. 44 [So einer das kindt vor der zeit abgeht: Man soll jr ein lebendig zerstossenen krebs in altem wein zetrinken geben. Crecelius.] Basel C. Detloff 1879. Meine Alemannia, Alemannische Sprache kennt er nicht. Es wird den Käufern des Buches noch eine Formenlere nachgelifert. Ich habe selbst seit 10 Jaren ein Wörterbuch der Hebel'schen Sprache angelegt und es vor kurzem nebst Grammatik zum Abschlüsse gebracht. Ich will es demnächst in der Alem. veröffentlichen. Bitte aber die Leser noch etwaige Beitrage einzusenden. AB 81 Dr. Barthol. Merlingers der Weiber natürliche Heimlichkeiten Alb. Magni {Augsburger) Frankf. 1531 4°. 6 Vom Cyclamen, Säübrod: „aber die Weibsbilder sollen ferne davon bleiben, weil, wann ein Schwangeres Weib nur darüber gebet oder darauf tritt, sie großen Schaden davon empfangen kan, dahero sie am sichersten, weilen sie ohne das anachtsame nieder- trächtige Blümlein tragen in Scherben oder Kästlein oder sonsten in einem solchen Ort gepflanzet werden, da sie nicht leichtlich Schaden nehmen können/ Lonicerns und Lonic. Uffenbach warnen die Weiber wol vor dem Linsenkraut, wenn sie schwanger sind, vor dem Cyclamen keineswegs. Deliciae Hortenses S. 77 l ). H. Bock-Sebiß 714 (1630). 7 Vom Lauras, Lorberbawm: „die Weibsbilder sollen sich tempore menstrui gar nicht zu ihnen nahen" ebenda 155. Vgl. Alem. III 133 ff. Davon wißen die bekanteren altern Pflanzenbücher nichts. 8 Vom Capillus Veneris, Mauer- Bauten: „das Kraut hinter sich bei abnehmendem Mond angehenkt ziehet die Flüsse der Augen zurück und hilft ihren Gebrechen ab" 215. Die Kraft und Wirkung außer- und innerhalb des Körpers wird vilfach in den altern Pflanzen bb. angegeben, unseren Gebrauch kennen sie nicht. 9 Von den Zisererbsen: „Andere wollen, man solle sie im ab- nehmenden Mond stupfen, wanns neun, zehen, oder eilffe schlägt und geben vor, je mehr es schlage, je mehr Erbsen in einer Hül- sen werden, aber da heißt es wohl vanitas vanitatum et omnia vanitas a 297. 10 „Die Alten, wenn sie etwas säen wollten, observirten, an welchem Tag der Christtag gewesen, an selbigem hatten sie gesäet vor dem Neuen: An selbigem Tag haben sie auch ihre Stock ver- setzt, ihre Zwibel ausgenommen; ist ein altes einfaltiges Gläub- lein, auf dessen Observation sie doch vill gehalten haben. u 305 2 ). 1) Das ist Blumen- Artzney- Küche d- und Baumgartens -Lust. In Zwey Tbeile verfaßt deren der Erstere an die Hand gibt 1) Einen Blumengarten u. s. w. Erstmals herausgegeben von M. I. G. Müllern P. S. Nun aber bey dieser Siebenden Auflage zum drittenmal um ein Großes vermehrt und mit Modellen gezieret von M. 0. F. K. P. M. Stuttgardt, bey Benedikt Metzlern und Christoph Erbardt Anno 1734 8°. Das Gartenbüchlein erschin zuerst 1675 unter dem Namen: Corapen- dium triplicis Horticulturae das ist: Kurzer Entwurf eines dreyfachen Gartenbaues zum erstenmal an das Licht gegeben worden von Wey- land Herrn M. Johann Georg Müttern Pfarrern zu Stetten im Rems- thal (8 Bogen 12°). 2) Unter Cap. XXXII „Von den Wurzelgewächsen" stet: derVrf. habe für geringe Leute geschriben und zwar noch dazu wie die Küchengewächse auch zu kochen seien „weilen ich öfters wahrgenom- men, 1) Wieviel Studenten und Schreiber gefunden werden, so sich im Birlinger, Alemannia VII 1 6 82 v 11 Von dem Amethyst 1 ). In dem Werke: n Adeliche Weyör wercke \ Das ist, | Ausführliche Beschreibung vom Jagen, .'.... anjetzo von neuem an Tag gegeben und zum \ Druck be- fördert | Franckfurt am Mayn \ Bey Joh. Wilhelm Amman und Wilh. Serlin Buchh. \ Im Jahr 1661." f4.) stet 8. 257 über die Wunderkraft des Amethystes folgendes zu lesen: Daß ein Jäger gut Glück zum jagen habe. Wiewol Glück und alle Güte allein von Gott kommen , so schreiben doch sonst en die Naturkündiger vom Amethisten, wann den die Jäger und Waydleothe bey sich tragen, so sollen sie zur Jagt und zum Streit gut Glück haben, nnd Barth. Anglicus vom Lipparo Lapide: wer den hat, und da- rein sihet, zu dem kombt alles Wild, und sihet ihn an. — Kurz vorher (S. 253), unter der Ueberschrift : „Daß einem die Hirsch biß in die Netze nachfolgen." Es schreibet Barth. Angli- cus vom Lipparo Lapide, wer den hat, nnd darein sihet, zu dem kombt alles Wild, und sihet ihn an. So schreiben sonst die Na- turkündiger vom Amethisten, daß, wann den die Jäger und Weyd- leute bey sich tragen, so sollen sie gut Glück zur Jagt, und zum Streit haben (Erk). In K. von Megenbergs Buch der Natur (Pfeiffer 432) heißt es: der stain hat die kraft, daz er der trunkenhait widerstet und macht den menschen wächig und vertreibt die poe- sen gedänk und pringt guot Vernunft u. s. w. Das biblisch Edel- gesteiribüchlein, das ist Abcontrofähung , beschreibung und Geist- liche bedeutung der 12 Edelgestein w. s. w. durch Jacöbum Schop- perum 1614 S. 171: machet den Menschen wacker und sittsam vertreibet die trunckenheit und so er auf den Nabel gebunden wird, soll er die Trunckenheit verhindern und auffhalten, auch znr Jagt und zum Streit grosse Krafft haben, das Gedächtniß schär- pffen vnd den Schlaff wehren, auß vrsachen, daß er die Dünste zum Haupt nit steigen last. Man achtet auch darfür, daß er dem Gift widersteht. 12 „Gibt es auch außernatürliche Kranckheiten und Zufälle und was ist von den Bezauberungen zu halten? Daß die ganze Machina Menschlichen Leibes dem Leibe nach aus lauter natur- Heurathen also blind übersehen, daß sie zum öftern Weiber freien, die nicht einmal wissen, wie die Küchen-Kräuter wachsen, geschweige daß sie gelernet hätten wie sie es kochen sollen, dahero oft einem besser wäre er gienge mit manchen Schweinen als mit solchen Herren zu Ta- fel. 2) Andere haben gewont so köstlich zu kochen und zu essen, daß sie es im Anfange ihrer Ehe also übermachen, daß sie es bis ans End schwerlich hinausbringen, sondern froh werden wann sie hernach aas dem Garten nur etwas Gutes kochen können" u. s. w. 1) Nach Weigand's DW I a 40 (1873) sollen die Griechen dem Amethysten die Eigenschaft, daß er den Rausch stille, beigelegt haben. Griech. lat. afii&vorog, amethy stus, franz. amethyste, darauß mittelhochd. der amethiste, araatist, ammetiste. Vgl. Lexer I 51. (Erk.) 83 4 liehen Theilen zusammengesetzt seye, ligt klar genug am Tage. Ob aber also das natürliche mit wahrer Ausser-Natürlichkeit werde und könne überfallen werden, davon lasse einem jeden seine Mei- nung frey und sage allein, daß, wann es aussernatürliche Krank- heiten oder Zufälle gäbe und geben sollte, die von Teuffeiischen Kräften herrühren und daß solche zu curieren ein bloß natürlicher Mensch ganz untauglich seye. Daß es aber bezauberte Zufälle gebe 9 geben habe und noch geben könne, das will ich nicht sogar wider- sprechen, ob ich schon davon in meiner vier- und dreißigjährigen Praxi kein wahrhaftes Exempel gesehen habe und noch keines zu sehen verlange." Institutiones Chirurgiae — kurze und allgemeine Lehre von der Wund-Artzney — von Franz Widenmann, der kayserl. freyen Reichs -Stadt Augsburg — Augen- Schnitt- und Wundarzt* Augsburg Lotter 1734 S. 81 ff. ABirlinger Volkstümliches : Sittengeschichtliches, Rechts- altertümliches 1 Ein Instrumentum Notariatus über die beschehene solenne Possessionsergreifung deß an Seine Herzogt. Durchl. zu Württem- berg von dem Freyherrn von Bouwinghausen käuflich überlassenen Antheüs an Altburg (bei Calw) und Weltenschwan vollzogen den 25. und 26. Junij 1759 — enthält folgende Bestimmungen. Bei langer formelvoller Besizergreifung des Schlosses durch den wir- temb. Commissar ward der Schloß- und Gartenschlüßel nebst au- thentischem Lagerbuche, Docuraenten und Litteralien „tradirt und übergeben". »Wie nun der herzoglich württembergische Herr Commissarius sothane Tradition sogleich feierlichst aeeeptiert und somit durch Aufmachung eines Feuers im Schloß, Mayerei und Jägerey Hauß deren Possession in toto complexu et pleno jure er- griffen." Nach einer Ermanungsrede dem neuen Landesherrn Un- tertan zu sein, erhielt jeder Bedienstete eine Gratification : 1 Maß Wein und vor 2 Krz. Brot zu einer „Ergötzlichkeit". Nach di- sem sezten sich beide Gommissarien mit dem Notar auf die Pferde und ritten in die Waldungen, wo die beiden Forstknechte sich auf Anordnung des Forstmeisters von Wechmar in Neuenbürg einfan- den, sowie ein Dorfschüze. Nach den geschäftlichen Vorbereitungen, Berechnen der Flächen u. s. w. gieng es zu der von Bouwinghausen angelegten Eirschsulze (Lecke), allwo von dem v. Bouwinghausi- schen Mandatario ein Zweig von einer Eichen abgehauen, dem her- zogt, württemb. Herrn Commissario in Händen gegeben, von denen beeden Forstknechten, weil man, um der angeblümten schönen Fei- 84 der willen, nicht (reiben lassen können, sich auch sonsten Icein Wild- brett sehen lassen, zwei Schüße gethan — womit die ßesizergrei- fung der Jagd angezeigt war. „Auf dieses kamen wir wieder in Altbarg an, nahmen im Wirtshause die Mittagsmalzeit ein and darnach bekam dieser ganze Aktus ein vergnügtes Ende/ Pap. Abschrift in Altburg (Doli). 2 Kleidung der Gerichtsboten Sic in h&c incluta Bepu- blica Argentoratensi apparitores sive nuncii utuntur speciali ha- bitu, cum baculo, allhie tragen die Gerichtsboten oder die Her- rendiener, wie man sie nennet, einen halben weissen und rothen Rock und einen silbernen Stab in der Hand, quem, si tempore cita- tionis non habent praesentem, citatio est inefficax et nullius mo- menti; similiter Norimbergae nuntii speciali utuntur habitu cum baculo, alda sie blawe Röcke und Stäblein in der Hand tragen quod et alibi est receptum, maxime tarnen in Helvetia, da man sonderliche Stattbotten und Gerichtsbotten hat, qui majori digni- tate quam alibi fulgent. In Italia portant infulam rubeam vel baculum depictum, seu aliud Signum ut birretum. In regno Burde- gallensi per civitates deferunt vestes ex rubeo et viridi disparatas sicut deferunt consules et jurati civitatum. Gerhardt Meybusch, Essendä - Westphalus Disputafio inaugu- ralis De Eegali Postarum jure, ex jure civüi, Publico et Historicis d&prompta — Argentorati, Literis Johannis Welperi 4° 1667. 3 Schwäbische Tracht a) Die muter ir ein rock oder drei, | zwen mentel, ein schwe- bisch schürz auch dabei, | Wezker, schwebisch erwl, güldn gürtl, schnür und zopf | u. s. w. 0. Schade, Satiren & Pasquille I 168: Ein gesprech des Herrn mit S. Petro u. s. w. 1587 o. Ort, warscheinlich schlesi- scher Heimat eigen. b) Ein Zwilchgyppen , zwen Bundtschuoch vnd ein Filtzhut ist jr Kleidung. Seb. Münster, Eosmogr. 4 bj. Vgl. in Alem. I 95 die bekante Stelle. c) Die Geyßfal gäbend auch guot beiz und gefüll, welche in Schwaben von Weyberen gebraucht und getragen werden für Frost und Kälte. Gesners Tierbuch 59a. d) Als aber nu die bauren (Rieß) also in irem regiment ju- bilierten und inen wol gefuel, daß sy edel wasen worden ,»wolt kainer kain kütel mer tragen oder zwillichin hossen, liesen sich in weiß beclaiden und die hosen abgeschniten und allenthalb zerschniten und mit blauem underfueterfc und ain groß huetlin auf und ain federn darauf. — Wiewol nit vor langen zeiten auch edel bauren im Rieß warend, die wurden also erkent, dan an Feyr- tagen so trugen sy 4 stiefel und 4 hosen an, darnach die im Thonental hetten styfel byß zu der gürtel und die andern so nit edel wasen, heten nur stifel byß zu dem knie. 85 Baumanns Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges in Ober" Schwaben 8. 256. 257. (Bück) e) Zu der Notiz über die eng anligenden Hosen der schwäb. Bauern (Alem. I 95) Wunderhorn II 426: Wie glatt leit ihm an Hos 1 und Hemd u. s. w. in „zwei Schwaben finden eine Kästen". 4 Eine Schwäbin in Köln. Gelegentlich der Ungarwallfarten nach Köln erzält Tulden (v. Mering und Reischert, Geschichte II 64), daß a. 1657 zusammen 250 Pilger, Männer und Weiber angekommen seien und fügt . hinzu : Alle Tage verließen sie in Reihen zu zwei den Ipperwald, gingen dann laut singend durch die Schmierstraße, Trankgasse über die Litsch in den Dom, nach dem Grabe der Drei-Königen und wohnten der Franziskaner Missa cantata in der südl. Capelle bei. Den die Domkirche besuchen* den Pilgern war durch Fleiß einer schwäbischen Witwe, welche ein kleines Jesustragendes Muttergottesbild gleichsam als Wär- terin unter Aufsicht hatte und durch erbetteltes Geld sich mit Besen versah, auf das reinste gekehrt und alles in der Kirche ge- säubert. Pick, Monatsch. IV 446. 5 Fer Und Geftr Die Stelle in der Ertinger Dorfordnung von 1484 „Item, was nit fer und gefür, erb und aigen antrifft oder die hoptsach vnder zehen pfund pfenning ist, wann dann der mer- tail der richter (zuo Ertingen) zuogegen send vnd früntschafft halb sprechen mügen, so sollen die parthyen ain benüegen haben vnd die richter darumb sprechen " überseze ich: was nicht Leben und Ere, Erb und Eigen antrifft oder die Rechtssache unter 10% pf. ist etc. etc. fer ist dolus, aber auch gefarliche Sache, gefärli- cher Handel, somit leben sgefärl ich er Handel, ein Handel der an das Leben get; gefür Auffür ung, Art der AuffÜrung, dann Ruf, Ere. Graf u. Diether haben falsch übersezt mit : zu Farendes und zu Fürendes ! Das schließt ja schon der Nachsaz aus, wo von ge- ringeren Wertstreiten die Rede ist, und die Folge nach gefür, nämlich Erb und Eigen, es sind mit einem Wort Dinge gemeint, welche der Jurisdiktion der hohen Obrigkeit vorbehalten bliben, wärend die Richter im Namen der Äbtissin vom Hl. Kreuztal die nidere Gerichtsbarkeit ausüben, zur hohen gehörten aber ausdrück- lich (nach dem Vertrag von 1552): Mord, Brand, Ketzerey (bestia- litas), roubery, verächtery, fürgenommen todtschlag, meinaid, gotz- lästerung, so beschwerlich, ebruch, falsch gewicht, maß, meß, ehren- rührig schmachsachen, gefährlich fehlwürf, heimlich roß oder ge- hürnt vich gefahrlich zuo toudt schlagen, nottzug, kinder verderben, gescheitet holtz bei nacht oder tag wegfüeren, fürsehentlich aus dem hawß fordern, marken verendern, fließende wunden, so ainem ain armb, hand, fuß. etc. etc. abgehawen wirt, item lähmi in aim arm oder schenke!, so in jaresfrist nach der that ob einer lahm sei oder nit durch die arzt beschawet vnd erkant werden, item alle fahl vnd Sachen, so von einem gericht zuo Ertingen für das obergericht gen Sigmaringen gewisen werden (die Sigmaringer 86 waren statt der Äbtissin von Kreuztal- Oberschirmherren und Malefizrichter bis 1719). Die malefizischen Wunden sind auch leimige, beinschrötige, bogende, dann Abhauen von raer als einem Fipger öder so das Blut auf die Erde rüsset. Andere kleinere sind nicht malefizisch, sondern nidergerichtlich (Bück). 6 Seewein: d. 27. Jan. anno 1547 schreibt der Weingart. Abt Gerwick von Ulm aus: es werde ser gut sein, wenn der Abt von Ochsenhausen dem Herrn Vicecanzler von Naves einen Karren mit Hennen und Capaunen oder mit Haber und ein Faß lein Seewem schicke. Weingartn. Missivbüch. XIX 293. Hieronymus Schrecken- stein, Monographie v. Schreckenstein 59 (1878). Abt Gerw. schickt dem Bürgermeister von seinem besten Seewein, sagt Dr. Has, der- selbe greife nicht nur das Gedärm an, sondern würde sogar eine eiserne Rüstung zerfressen oder besser: er wolle den Wein lieber nicht trinken, gesund bleiben und kein Grimmen haben. S. 89. „Der Seewein ist zwar von ungleichem Werte und wird geringer als der Reintaler geachtet, weil er neu meistens sauer ist; aber er hat den Vorzug vor dem Rheintaler, daß er ser lagerhaft ist und seine Herbe ganz verliert und dann selbst dem Rheinweine vorgezogen wird." Kleine Konstanzer Chr. 1798 S. 41 ff. 7 AUS der Reichsheerzeit 1 ) Als der schwäbische Kreis 1793 zur Gestellung seines Contingents zum Schuze der Cordons- bildung am Oberrheine — Linie Kehl, Stollhofen und Rastatt — aufgefordert worden und die betreffenden Truppen unter dem Be- fel des damaligen Kreis- Generals Fürsten Anton Alois von Hohen- zollern- Sigmaringen ire Stellungen eingenommen hatten, ereignete es sich, daß auf Grund eines falschen Allarms eine biß tief ins Schwabenland hinein einreißende Panik plözlich Plaz grif. Ein Kloster Salem'scher Offizier, Lieutenant Sutor, ward derart davon impressionirt, daß er satteln ließ, seinen Posten auf- gab und mit verhängten Zügeln talaufwärts der Kinzig über Donaueschingen biß Salem rit, allenthalben in den Dörfern und Städten schreiend: die Franzosen kommen! sie kommen! feurjö helfet! springet! rettet Euch!!! ABirlinger Zur Wortforschung ) XI 1 Jarbaum m. Baum , der schon vile Jarringe hat, in der Prosalegende des hl. Brandan bei Schröder (St. Brandan 1) Vom Fürsten Karl Anton von HohenzollernKgl. Hoheit mitgeteilt. 2) Vgl. Alem. VI 42 ff. 87 1871 Erlangen) S. 187, 2g ff.; Do sprach Sant Brandon: „was sind die waldschratten und schratzen mit den sy hetten den weg und Strassen verlegt?" Do sprach der tewfel: „das sind jarpaum, damit haben sy die weg verzogen, das wir in grösser not nie raer kommen sind seit wir vom himel Verstössen seien worden. u Schrö- der weiß das Wort nicht zu deuten (S. 195) und erinnert an die Dryaden. Unsere altdeutschen Wörterbücher, schweigeu, kennen das Wort überhaupt nicht. Heyne im DW IV, 2, 2238 (No. IV 3) fürt Jare aus Jacobsson und Maaler an: „das Holz das ein Baum in einem einzigen Jahre allenthalben nach der Dicke des Baumes ansetzt. u Basilii Fabri Sorani (ed. Buchner) Thesaurus Eruditfoniß scholasticae — Leipzig & Francf. 1672 s. v. Pecten Sp. 172: in arboribus vero pectines, fibrae sunt seu linea, die Jahr, Striemen im Holz. — Martini Rulandi Medici Dictionariolum u. s, w. Augsb. 1586 S. 64a: die jar an bäumen oder im holz, pecten, äidcpvoig. S. 352b : die Jar im Holtz, die streymen so sich der länge nach ziehend, pectines. Nemnich : Jahre, Jahrringe, circuli, strata trunci. Engl, the grain of the wood, franz. veine ou fil de bois. Frisch I 483c : Jahr im Holz annuli circa centrum medullae arboris. Die Ringe im Stammholz, wann es nach der Quer durchsäget, daran man sehen kan wie alt ein Baum ist, weil er jährlich um einen solchen Ring dicker wird. Ebenfalls bei Schönsleder. Ausfürliches im AHgem. Oeconomisch. Lexicon 1731 S. 1117 ff. 2 Kessel m. In der altern Kriegssprache ist es 1) der in- wendige lere Horizontalraum eines Bollwerkes; holes oder leres Bastion „ist dasjenige , an welchem das Profil des Walles vor Flanc und Facen der innerlichen Böschung parallel* lauffet und in der Mitten einen Platz, den man den Kessel nennet bis auf den natürlichen Horizont leer lasset. u Fäsch, Eriegslex. 2) Der Ort entweder in die Erde gegraben oder auf gleichem Horizont vorne mit einer starken Brustwer versehen, darhinter die Feuer-Mörser gepflanzt werden, einen belagerten Ort damit zu bombardiren. 3) Bisweilen = Lauf des Mörsers. Fäsch 487. Zum DW V 622. 3c. Spath's Eonstanzer Er. „ire Flanken und einen Kessel herumtraben u S. 123 ; „starke Prustwehr und Kessel u S. 143. 3 Kindleifl. Die beste Vermehrung dieses mehr raren und kostbahren als nützlichen Garten Gewächses (Artischocken) ge- schieht durch seine Wurzel -Beysätze, so man Kindlein heißt. Ebenda 286 ff. DW V 768. 3. 4 KriegSVOgt m. in dem Oeffinger (badischer Seekreis, Baar) Gerichtsbuche (angefangen Okt. 1768 zu Oefingen in der Baar) ein ganz gewönliches Wort, das aber im Volksmunde und in der dor- tigen amtlichen Bede ausgestorben ist; alte Leute erinnern sich des Gebrauches noch. Den Weibern zu Kriegsvögten, — Marianne Sulzmänni Wittib nebst ihrem Kriegsvogt, — so wurde der Kriegs- vogt gerichtlich confirmirt und sodann von dem Eheweib nach vor- heriger Belehrung in dieser Schuldsache der Verzicht der weib- 88 liehen Freiheiten durch Angeloben an Eidesstatt abgenommen u. 8. w. DW V 2298 : curator bonorum. Kriegischer Vormund 2259. Die Bedeutung ist die des Vormünders über die Witwe und deren Güter. 5 LailbfrOSCh eine alte Speise. „Man füllt den Mangold auch, so man Laubfrosch nennet, man nimmt die schönste größte Man- goldblätter, dunckts in ein siediges Wasser hinein, biß es weich wird, alsdann thut man die Fülle darein, nimmt ein gebacken Ey, etliche Mangoldblättlein daran und ein Stuck Wecken, so zuvor in einer süßen Milch oder Fleischbrüh eingeweichet worden, hackts klein untereinander, thut Imber und Salz, andere auch Muscat- Blüth darzu, rührets mit einem frischen Ey an, legt darvon, so viel genug, auf ein jedes Mangoldblatt und überschlägts, thuts dar- nach in eine Kachel-Pfannen oder gefußneten Hafen, schütt Fleisch- brüh daran mit frischer Butter, Pfeffer und Salz, laßts also kochen und wann es genug, rieht mans an und stellte auf. Solche Laub- frosch macht man auch aus den grossen Binetsch-Blättern." Beliciae Hortenses 1734 Stuttg. S. 285. Bise Spinatkrapfen, Spinatgehäcksel in Taigtaschen sind heute noch in Oberschwaben bekannt Feit im BW VI 295. 6 Zur Sprache des Post- und Botenwesens ') Post und seine Zusammensezungen : Gallis poste cursus et officium currendi, germ. Kayserlicher Erb-Land- Hoffpostmeister, Post, Postlauf, Posti- Uon: supremus rei cursoriae Praefectus. Caesaris enim postarum Magistri vocantur Postmeister (Principum expeditores Dicasteria- les Bottewmeister , Givitatum tabellarii et Dromi jurati geschworne Botten). A cursu dieuntur Cursores, ut Postae, Postbotten, Ca- merae imperialis Cammer-Botten, judiciorum Gerichtsbotten. — Tem- pore necessitatis et ubi urgente bello, equorum copia haberi ne- quit, etiam alia animalia in equorum vicem substituantur, quae Pösta Asinina (asinaria) die Eselspost, Eselspostilion dici potest. Quod autem postae bovinae Ochsenpost ß, quibusdam fiat mentio; metaphoricam et impropriam potius locutionem esse, ad indigi- tandam et describendam inanem tarditatem unde proverbium or- tum : Es gehet als wann man mit Ochsen rennete. — Dicitur quo- que de hominibus sine necessitate festinantibus et quasi currenti- bus: Er gehet als wenn er auf die Post gienge 2 ). Privatae et 1) Aus Gerhardt Meybuschs Dissertation , sih oben Volkstüml. 84. 2) „Hat der Advocat dem Thäter alsobald zugesprochen, daß er Fuß und sich mit Haut und Haar davon mache und dabei das Patro cinium nirgend anderwerts als bey seinen schleunigen Post-Fussen suche." Abele, Seltzame Gerichtshändel 1654 S. 70. Als Vergleichung : „Wie würden die Teutsche Poeten mehr carminisirn und Vers oder Reimen scheiden können? wann sie ihr Postpferd, den Wein, verlieren?" S. 119. „Hast du nicht gehört, daß Freunde-Hülf auf der Ochsen- oder Krebs- 89 Civitatum postae: Mezgerpost und Nebenbotten, Cursus provin- ciales die Landposten , cursus sacri romani imp. civitatum Statt- posten, Nebenposten, Metägerposten;, vocantur alio nomine etiam Nebenbotten , Landbotten, Kaufmanns-Posten, Cammerbotten, Pe- dellen, quorum officium est, ut suarum rerum satagant nl s. w. Multis enira in locis hoc observatur ut nuncii Iudiciorum ordinarii et Iurati certa gestent insignia, ex quibus cognoscantur, quod sint nuncii publici hujus vel illius Domini, aut civitatis, quibus etiam prae aliis creditur tabellariis, modo pixidem cum insignibus sui Domini portent, ein Botten-Büchß oder ein Boten- Zeichen. Cur- sores plerumque tribus condecorantur signis 1) Toga cursoria, cui corniculae cursoriae, das Posthörnlin figura lutei coloris ä pectore et tergo est insuta. 2) Ipsa corniculae inflatio, quam inflant ubi ad oppidum tempore nocturno vel diurno reseratis portis veniunt, ut illis ita apertis, Über transitus praebeatur, in quem finem porti- culae nocturnae die Nachtpforten sunt inventae; uti Augustae Vin- delicorum, Coloniae, Francofurti et aliis in locis. 3) Est schedula cursoria italice Bolleto, seu Bolle ttino vocata, ex qua personae cer- titudo colligitur. — Rheda Germanis est ein Glitsche, Landgut sehe. „Zu wißen hiemit, daß die Ordinari- Gutschen und Güterwagen yon Pariß auf Straßburg hinfüro continuiren und über Metz gehen u. s. w. tf Hi currus germanis Landgutschen, Rollwagen dicti, vul- garibus plerumque solent esse longiores ut eo plures consideant, simulque vehantur ad eundem locum. — Quibusdam in locis ut in Gallia et Lotharingia cisia Gutschen und Kugelwagen sunt in usu, quanquam et in paucis Germaniae locis. Navigia militaria : Kriegs- oder Orlogsschiffe. Von den Postschiffen: hie cursus nobis non adeo frequens imprimis in Germania superiore, non videmus hos cursus exerceri, quo autem infrequentior in superiori eo usitatior et frequentior in Germania inferiori et plaga septentrionali. In quibus regionibus vocati Feht 'schütten, Treckschütten 1 ), Jagten, Gralliotten, quorum saluberrimo remedio singulis horis ad certa Post reite?" S. 131. „Und sich (Aristoteles) habe von seiner jungen Frauen bereiten und statt eines abgematteten Postpferds gebrauchen lassen." S. 176. 1) „Schute ein allgemeiner Name für alle Farzeuge, die vorn spiz und vorne und hinten gleich hoch gebauet und nicht zum Segeln sondern bloß zum Schieben und Ziehen bestimmt sind. — So sind z. B. die Treckschuten in Holland Farzeuge die auf den Kanälen als Wasser- posten dienen und bequem für Passagiere und Güter eingerichtet sind: gewönlich werden sie von Pferden gezogen. Man hat überhaupt viele Arten Schuten in Holland als Wei-Schuten, Schin-Schuten, Vloot- Schu- ten, Krabbe-Schuten, Togt-Schuten, Steiger-Schuten, Tent-Schuten, Seil- oder Segel-Schuten, Fährschuten, Fischer-Schuten." Allgem. Wb. der Marine v. J. Heinrich Roding, Hamburg bei Nemnich, Leipzig bei Böhme II Bd. 528. Fäsch, Krieg 8 lex. 789. 90 nobis proposita loca exiguoque pretio pervenire possumus et nisi exercitor navis ad sonitum campanae navem solvat, multatur ru s. w. — Ordinaria navigia vulgo: die Marckschiffe, quorum adminiculo cursus publicus Ordinarius perficitur, haud rnconcinne af&nibus an- numerantur; hi certis septimanae diebus et horis consuetis, loco alio ad alium locum tendentes ordinariae Postae viam quandoque flumine secundo supplere possunt. Talia navigia cottidie Mogun- tiä Francofurtum et vice versa veniunt, germanice vulgo : Mhinteer Markschiffe. Papier: carta sicca, tenuis et laevigata per aquam glutinosam ducta planiert Papier nobis vocata, melior, imprimis charta angusta das Post' oder Regal-Papier reliquä est aptior, cum ob puritatem, tum ob bonjtatem et ad parceudum sumpti- bus utilitatem. Franco, Frankieren: Lfterae vocula Franco vel Franca rubricatae sine nummorum exactione destinatis ad quos spectant, extradantur, dicitur autem franca ä franc: sie franeus, a, um über, a, um, ita franco pro tutto i. e. über per omuia loca et francare le lettre, franquiren est literas a solutione Überare, binc Franci liberi et adbuc hodie Germanis in usu est: das ist frei und fraoek. Dem franco auf Briefen muste früher stets z. B. per Nürnberg, Waldmünchen, Rheinhausen beigefügt werden, wenn nicht der Empfanger daraufzalen solte. Poststraßen : viae publicae quas Germani vocant Landstraßen, Heerstraßen, Königsstraßen unde italicum Strada u. b, w. Poetis via publica dicitur strata viarum, posteriori autem seculo simpli- citer strata nuneupata est. Ex italico Strada et nostrum Straße non improbabiliter dictum putant. Inclyta haec civitas Argentina germanice Straßburg vocatur vel a platearum numero et capaci- tate — vel ä platea quod olim Attila Hunnorum Rex destrueta civitate amplam per eandem dederit plateam,' daß er eine große Straße dardurch gebrannt habe, quam opinionem communem esse testatur : wie dann noch heutiges tags eine lange Straß durch die Statt ist, von der Weissenthurmpforten an biß zum St. Andres Thörlein. — Untaugliche Postrosse: die so hager und mager sein, daß man jhnen die Rippen im Leib zälen kann. Die Wirte halten sich auch nicht allezeit zum besten, ziehen ihnen bißweilen eine Merren unter, die einen stattlichen Trab hat wie das primum mobile, so mager, daß man ihnen alle Bein darzälen möchte und den Wadsack an die Hüffte hängen dörfte, ohne gefahr, daß er könnte herunterfallen, also daß sie auf halbem Wege in einem Graben mit abgeschnittenen Ohren oder geschützten Naßlöchern, damit sie ein andermal mögen kantbar sein, müssen liegen lassen. Es sei notwendig, daß ein Postpferd gallopiren könne. An Sprüchen finden sich in der Disputatio Meybuschs: dann ein Land hat nicht alles zur Hand. — Unrecht Gut faselt nicht, hat Adlers Federn, kompt selten auf den dritten Erben und übel gewunnen, übel zerrannen. Die Dissertation, woraus obige Beiträge stammen, ist verfaßt von Gerhardt Meybusch aus Essen in West- 91 falen 1667, sieh oben Seite 84. Herrn Postdirektor Reinhard- Hormuth vordem hier, jezt in Meiningen, verdanke ich die Schrift. 7 Serren pl. hölzerne Gittertore womit Wege und Gassen gegen eindringendes Vieh geschloßen wurden, sonst Falltore und echt alemannisch Fadden, Pfadden genannt. „Auch uff alle ge- beüw, sonderlich uff prucken, weg und steg, serren, werren und schußbretter gut uffsehens haben, daß die zu allen zeyten in eren und gutem bauw gehandhabt werden/ (werren, alem. stat waren sind Wasserstauungen wegen Fischerei oder Mülen ; Schußbretter, Schleussen bei der Wisen Wässerung). Rastatter Gemeindsordnung bei Mone, Bad. Archiv 1826 1 264, 10. „Auch alle nacht umb 9 uren die serren beschließen und morgens zu bequemlicher zeyt wider uffschließen." S. 171. 17. In einer Rastatter Feuer wachen- notiz vom 28. Mai 1510 in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins (von Weech) stet: „brücken, wege, serren, werren, hege und siege. u Eisinger in seinen Beiträgen zur Topographie und Ge- schichte von Rastatt 1854 (Mayer) nennt Serren Tore von Flecht- werk. S. 28. Frisch II 265b fürt Serien an : ein langer Trämel, den man überzwerch an die Häg oder Zäune legt, Stangen wo- durch man ein Quergehäge macht, longurius. Der Zusammenhang mit Serren (alem. für Seren) leuchtet ein. Synonym dürfte sein sperbhm venantibus aptum. Diefenb. Gloss. Nov. s. Sorbum. — Die Herkunft von Serre ist fremd. Ducange II 819 (Frankf. Aus- gabe): Serra pro Sera qua januae occluduntnr — ; S. quae voca- tur porta pendens — ; clusurae, clausurae. Vgl. das lat. obserare und sera, serae f. Türverschluß in Rigelform, der angestemmt und abgnommen wurde. Klotz Wb. s. v. ABirlinger Die Hohenzollerischen Orts-, Flur- und Waldnamen ') Bevor ich die zweite kleinere Hälfte der Ortsnamen fort- füre, was in den zwei folgenden Heften geschiht, trage ich zu den bißherigen folgendes nach: Alem. VI S. 7, 2 : Bilfingen bei Pforzheim : Binolfingen WU II 402. S. 8, 3 und S. 129 Bingen: Hans der Büninger 1391 Zoll. Zt. 11, 31. — S. 9, 6 Burdleidingen 772. Sept. 17. Cod. Lauresch. S. 10, 8 : Tettingun WU II 409. — S. 10, 8 : in pago Am- phinge für loco, villa A. 792 Cod. Laur. 3802. S. 12, 10: in Viski- 1) Alem. I 263 ff. II 78 ff VI 1 ff. 129 ff. 92 mm WU TT 396. 8. 12, 11 Gammertingen. Der ON Gemmrigheim bei Besigheim 1138—52 im Reichenbacher Schenkungsbuche WU II 392: Villa Gamerüncheim. S. 401 : Gamertenchem. Gamber (sih in Sagambern, Sygambern), ahd. = strenuas und sagax, schnell von Begrif, in Wort und Tat Vgl. Müllenhoff Zt. f. DA 23, 27. — 13, 12 Gauselfingen lis 772. Sept. 17. st. 8. sec. 14, 14 lis Hahhingun 786 Neug. No. 97. S. Gall. ÜB I 101 ff, — 16 Zeile 1: daz Bürgle bei Jungnau Zoll. Zt. 11, 77 Anmk. 7. — 17 Z. 7 lis 777 Cod. Laur. 3640 (16. Nov.). — S. 19 ff. Sigmaringen. Ueber die ältesten Nachweise mit Sigi zusammengesezter oder davon abgeleiteter Namen handelt Müllen- hoff im neuesten Hefte der Zeitsch. für D Altert um Bd. 23, 158 ff Der Cheruskerfürst Segestes (Sigist) hatte einen Bruder Segimerus Tac. Annalen I 71. Armins Vater hieß Sigimerus Vellejus II 118. Signum Sigemäri 652, Urkd. von Le Mans bei Pardessus I 225 No. 238 u. s. w. Zu den alten Nachweisen des Sigfridnamens S. 160 ff. wären die Monumenta Blidenstadensia edd. Böhmer- Will noch zu vergleichen gewesen. S. 27, 4: Thalheim. Ze Talhein 1321 Zoll Zt. 11, 56. Das war auch der frühere Name für Rosna. — 28, 1 : Wüdorff 1 399 Zoll. Zt. 11, 32. Der Indiculus Arnonis, ed. Keinz 1869, hat ein Salzburgisches Wildorf und ein Wila jezt Weilkirchen a. d. Rott; jenes ist das heutige Weildorf bei Teisendorf. — 29, 2: Bern' wüer 1303. 1350 Zoll. Zt. 11, 55. 65. S. 33, 2 de Betenhüsen WU II 419. Vgl. Patinga villa, Indic. Arnonis. — 38, 8: Laefis- willer 1352 Zoll. Zt. 11, 64. — 36, 6: Ovthekofen 1282 Mone Zt. 6, 411. — 38, 1 Affaltirberc (vgl. S. 129). In Sievers Kl. Beiträgen zur Deutschen Grammatik (Beiträge z. Geschichte der deutschen Sprache und Lit. von Paul und Braune V 3. Heft) S. 523 ist der deutschen Baumnamen auf -dr-, -tr- Erwänung ge- tan. Sie wurden bis jezt nach dem Vorgange von Gramm. II 332. 350 gewönlich als verstümmelte Composita mit triu, Baum aufge- faßt. Es sind diß altnord. apaldr angels. apuldre ahd. affoltra Apfelbaum, angels. mapuldre ahd. mazoltra acer; ahd. wehholtra juniperus, hiofeltra Hagenbuttenstrauch ; altsächs. holondar ahd. holuntar sambucus. Von einer Compositum mit trewo, sagt Sie- vers, kann schon wegen des d, wie man siht, keine Rede sein. Das Gemeinsame aller diser Bildungen ist offenbar Antrit des Suffixes -tra, das in unbetonter Silbe sein a verlierend bereits ge- meingermanisch durch l sonans hindurch sich zu el, öl entwickelt hatte. — Die Bedeutung von apholtra ist etwa der Apfelträger. — 38 ff. vgl. Thitebaeh ON (Deubach?) WU I 395. S. 39, 3 vgl. Frumhdä, Frohnholz ON im Salzburgischen. Indic. Arn. S. 131 ff. vgl. Puoren, Puorun, ad Buriom, ad Burones, Beuern bei Michaelbeuern, Salzburg; Neubeuern, südl. von Rosen- heim. Indic. Arnonis. Kaufbeuren: Buron Wü II 421 (1130). 93 S. 133: Zimmern. Das Bestimmungswort Sorgen- get auf ahd. horawig schmtizig, kotig zurück; horo n. coenum, lutum, limus, salsugo, palustre. Ein anderes Adj. ist horawin, hurwin. Vgl. Graff IV 1000 ff. Horgen- ist Dativ Plur. Eine alte Fane in H. enthält inschriftlich noch den frühern Namen. Horgenzell ON Horinguncella 1151 Wü I 440. Hieher? — Vgl. Hartbreth de Cimberen, Herrenz. bei Rotweil. WU II 394. Reichenb. Schenkungs- brief. — S. 138 wäre ein ON- Baidesberg bei Ruelfingen, jezt ver- schwunden, einzureihen nach dem Habsb. Urb. 277 ; ob an Bälden- stein S. 142 No. 14 zu denken ? Ferner gehört dahin Kalleriberg im, Donautale 1253. Cällinberc 1256 Mone Zt. II 81. 96. Bac- meister Alem. Wanderungen S. 147 Anm. 3 lent es an Calphe, Galava, Galeva (kelt.) äußerlich an, fürt ein Kalleriberg in der Gegend von Münsingen 1334 (Eßlinger Lagerb.) auf. S. 143 : Hörn- stein. Vgl. Hornmgen im Blautale, heute Herrlingen 1130 WU II 421. S. 144 Wehhenstein. Es gibt einen Waldnamen Weckenhart. Wildberg-Naislach. — S. 146, 22 : das nördlichste -schieß aus der spätem Zeit begegnete mir in einem Gernsheimer (Bergstraße) Wein- bergnamen des 17. Jhds. „im Hünerschieß a . Im Elsäßischen kenne ich Scheißm&uer als Flurn. was dem dortigen Idiome entspricht. Ich wage kaum auf die niederrh. uralten ON mit -seit zu ver- weisen, die sich später in die überwuchernden ON -scheid ver- loren haben. Zu Bittet-, Butel- vgl. Butelingen, Pietling im Salzb. Indic. Arn. — S. 149 ff. Berental A. Letsch, Chronik Mone Quellens. II 48b. Vgl. Berinpah heute Birnbach nördl. vom Einfluß der Alz in den Inn. Indic. Arnonis. Berndorf ^ Perndorf, Landger. Mattsee. Ebenda. S. 155 vgl. Wangin, alt. Instrum. Wengi, Wang am Wallersee; es ist altes az schon weggefallen. Indic. Arn. Offen- bar noch = campus überhaupt. — S. 154, 9 vgl. ChruchunperTc, Chruchinperck, Eruckenberg bei Regensburg. Indic. Arn. Nach den altbair. Lautgesezen ist cÄ = k und somit der Zusammenhang mit Erauchenwis nur scheinbar. S. 157 Neufra, vgl. in Niferön juxta Enze fluv. W*J II 397. In Niuferon juxta Waldacha ebend. 400. Altnuifra bei Nagold. Scher II 78 ff. 204 vgl. Wittenweilers Ring S. 142: Die mär ' die chament so ze hand u. s. w. In Prettengö und auf die Alben Auf die Scherr und allenthalben u. s. w. Im Unter-Engadin an der Waßer scheide des Spüllflußes und dem in das Gebiet der Adda gehörenden Livignertale, unweit des Ofener Passes, bildet ein Berg, la Scherra genannt, einen beide Tal- gebiete scheidenden Rigel (Mittig. des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern). Zu Heuberg II 81 ff. vgl. mons Houueberc rechts über der Murg. WU II 400. S. 7 Alem. VI Anm. Bilolveshusa hat Bau- 94 mann jezt (ich bin im in seiner Angabe als ob es dem augsb. Schwaben angehöre willig gefolgt) dem Oberamte Göppingen an- heimgegeben wie die wirtemb. Viertel jarschrift 1878 S. 21 es richtig erkannte. Zeitschrift des Hist. Vereins für Schwaben und Neubarg IV S. 255 ff. (1877). ABirlinger Zur Alemannia I 167 ff. III 67 ff. Uchtblume: Colchicum Orientale, orien- talische Zeitlosen: deren gibts frühe und florieren gleich im Mer- tzen ; spathe florieren gleich im Herbst. Deliciae Hortenses, Stuttg. 1734 S. 62. II 259: Tiroler: Kropfer sih Schmell. 8 I 618: „Tirol«. II 259: NobisJcrug. Abele, Seltz. Gerichtshändel 1654 429: So machen auch fürwar die Schmeichler mit Betrug Manch Feuer, das sie dann selbst bringt in Nöbis-Krug. II 265: Schweizerhosen : Flos Mexicanus vel Flos mirabilis de Peru: Diß ist zweyerlei, einfach und gefüllt, werden auch Mira- bilia, allerlei Farben und von etlichen Schweieerhosen und Rabel- len genennet. Deliciae 114. 249. III 186: Judenspieß. Spott auf einen neuen Adeligen: und könne man ihre Bildnussen auf einer gemahlten Baum Kirchweyh finden, aber in keinem Turnier, als mit dem Ebr eischen Spieß, in keinem Krieg als in dem Erueg u. s. w. Abele, Seltz. Gerichts- händel 751. III 274. 279: Schwarzer Caspar: daß die Märlefärber und Hinderkläffer für ein giftiges Natergezicht gehalten werden, so ver- stellen, beduncklen und verhexen alle Ehrbarkeit und wie der Zau- berer den schwarzen Casper bey sich hat, also trägt der Nach- reder den Meisterhämmerlein auf der Zungen. Abele, Seltzame Gerichtshandel S. 302. III 277: Braitschaften sind der alten Kriegssprache ge- mäß W achtschiffe. In Fäschs Kriegslexicon, Dresden-Leipzig 1735 s. v. Piquet : Bereitschaft, excubiae castrorum nocturnae, statio ex- cubitorum anterior, ist eine extraordinaire Wache S. 635 ff. Es galt aber auch für den Schiffsdienst. Späths Constanzer Kronik (Alem. VI 286, 5): in Bereitschaft gehaltene Markschiff 84. Die Königische zwar in die Bereitschaft beim Creuzlingertor S. 104. Zeitw. in einem zierlich bereiteten schiff = ausgerüstet, kampfbereit gemacht. S. 331. III 282: Bumormeister* Bildlich: mit Zauberern, mit Fried- stürmern, Aufwiglern und Bumormeistern u. s. w. Abele, Seltzame Gerichtshändel 302. 95 III 157 ff. Nie. v. Ochsenbach kennt Herr Prof. Dr. Theodor Schott in der Wirtemb. Vierteljahrsschrift I 210 ff. nicht. 8.283 and IV 240: Strempfel, Strumpf el. Ein Außgang oder Außlaß eines See, Weyers oder wassers, das man ablast vü mit dem Strümpfl beschleust emissarium, 6i(Aqv%. Mart. Rulandi Lexicon, Augsbg. 1586 44b. Im Bremischen and Holsteinischen heißt der Grand- pfal zum Stauen und Ablaßen der Teiche Mönk. Stüremburg s. v. Krause Germ. 1871 S. 305. III 288: Stanzen: Zwei silberne stünzen mit Wein. Späth 269. III 295: Hoppenzer: Frosch oder Hoppazger. Späth S. 243. Vgl. Germania 1871 S. 301. A. 1275 ist der ON Hoppetenzell (Baden) mit Oella ranarum widergegeben: also das Wort im 13. Jhd. volkstümlich (Bück). IV 167: Clairon. Goethe, der dise an den kleinen Höfen umgehende Klatschgeschichte (aus einem französ. Unterhaltungs- blatte) in Schillers Hören „Erzählungen der Ausgewanderten u mit- teilte, bekam war scheinlich von Frau v. Stein einen starken Ver- weiß; sie erkannte die Geschichte gleich wider und wunderte sich, wie Goethe dazu komme das in die Hören, ein so respektables Blatt, zu bringen. Vgl. Goedeke : Goethes Leben u. Schrillen 303 ff. IV 258: HöllJcüchlein : „Ihr thuts aber darumb, das jhrPur- giergeldt habet und Apotecker Hellküchlin , sonst ist kein Nutz da- rum." Theophrastus Paracelsus opp. V tom. Basel 1589 Appendix S. 98. R. Bück. In Aulendorf heißt ein Brot Höli-loable, auch Hölaloable. Vgl. Rochholz in Pfeiffers Germ. IV 101 ff. der annimmt, der Name sei auch in Alemannien üblich gewesen, was verfeit ist, sih Alem. a. a. 0. Ich bezweifle sogar die myth. Grundlage auch. Theophrast und Fischart sind in irem Wortschaze vil internationaler deutsch als man zu glauben gewont ist. IV 260: Vogel: Vogelbua, Vogelbube heißt in der Baar, in Seitingen z. B., der Junge der bei Bauten Handlangerdienste tut, im Lahnsteiner Zollbuche Mitte 15. Jhd. Opperwerker. Am Nider- rheine ist n Vogel u ebenfalls üblich in der Ziegeleisprache für höl- zerne Trage, welche als Last auf dem Nacken des Mannes ruht; dann aber mit zwei Flügeln sich über dessen 2 Schulten legt, dessen Hände sie fäßen. Aus Süchteln. Was wir in Alemannien aber Vogel nennen, heißt Back, ein allgemein gebrauchter Name: Gerißback, Speiback, Futterback u. s. w. V 151 ff. 287: Kurfes. Im Allgäu, unter bairischer Krone, vom Bodensee biß Weiler hin, sagt das Volk allgemein 's Zigerle dafür. V 285 ff. Lortanne. In Straßburg noch kürzlich üblich : Nachen aus Tannenholz, Tannenholzkan, Kanalschif, vorn abgeschniten, zu Transporten von alten Geweren rh ein abwärts gebraucht. Kilian Dufflaei Diction. ed. Gerardus Hasselt Trajecti Batav. 1777 4° S. 60a Anmerkung: inter antiqua navium genera recensentur 96 Lordennen 1 ), Hoochbaerden, Dootslegers, Gasthuysers, Vloetscheepen, Swartescheepen , et quae huc faciunt Beytelschepen. Weistümer II 223: Beitzelschif n. navigium oblongum et angustum, zuBeytel, Beißel. Diefenb. Gloss. s. v. Pristis. VI 52: Wan du mit das Töchterlein han sih VI 159 ff wo eine Variante stet. — S. 173: St. Huberti Schlüßel vgl. Alem. HI 265. V 62. VI 177 Judaskuß : Judas Kuß ist worden neu, | Gute Wort und falsche Treu? | Lach mich an und gib mich hin | Ist jetzund der Welt ihr Sinn. | — Weist du nicht ? | Daß treuer Freund, ein seltzam Gast | den Melonen gleich zu schetzen; | Fünfzig Körner must du setzen, Eh dann du einen guten hast u. s. w. Abele, Sei tz am e Gerichtshändel 1654 S. 131. VI 201 ff. 206 V. 236 ff. Ueber das Schüzenfest zu Wein- felden 1558 list man in den Eidg. Abschieden Bd. IV 2, 1012: „Lucas Ulmer Vogt zu Weinfelden hatte ohne Bewilligung des Land- vogts an gemeine Orte der Eidgenossenschaft u. a. m. ein Frei- schießen ausgeschrieben, welches stark besucht worden; da der- selbe aber durch Schinderei und Allefanz die Sache so getrieben hat, daß er für seine ausgesetzten Gaben wohl lOfach entschädigt worden ; da er ferner in seinem Einladungsschreiben an den Fugger in Augsburg denselben Herr zu Weinfelden genannt hat, so wird der Antrag, daß in Zukunft niemand mehr in den gemeinen Vog- teien sich solches ohne Bewilligung d,er Obrigkeit erlauben dürfe, in den Abschied genommen. Auch wird Ulmer auf künftige Tag- satzung citirt, um sich zu verantworten." JMeyer V 92: Verena - BeutUnsloch. „Der Antiquarius des Nekar- tetroms, aus welchem meines Wißens zuerst Rochholz in seinen drei Gaugöttinnen die Nachricht von unsrer schwäbischen Verena geschepft hat, ist keineswegs die älteste Quelle ; vilmer erzält schon Crusius Ann. Suev. Paral. 10 die Sage vom „Frena-Beutlinsloch" aus- fürlich. Aus im schepften, zum Teile abändernd (wol nach ungenauer Erinnerung), zum Teile zusezend, Sattler (historische Beschr. etc. 2, 98; topographische Gesch. 366), Schwab (Neckarseite 146), Griesinger (Universallex. etc. 1483). An Ort und Stelle ist die Sage erloschen, selbst die Hole war in Vergeßenheit geraten und nur der schlotartige Ausläufer, der oben auf der Bergfläche mün- det, unter dem Namen Fronenloch bekannt, biß im Anfang des vorigen Jarzehnts nach Crusius' Angaben die Hole wider aufge- sucht und die gelbe Sickererde, womit sie erfüllt war, daraus ent- fernt ward." Vgl. Ausfürliches darüber in des Verfaßers 1 obiger brieflicher Mitteilung schönem Buche n Nebelsagen u von Ludung Laistner Stuttgart Spemann 1879 S. 292 ff. worüber die Alem. noch näheren Bericht geben wird. • ABirlinger 1) „Zur Lordannen, Laturdannen" einst Name eines Hauses am Markte zu Bonn. Lagerb. ed. Pick. 97 Josua Ulsheimers Reisen nach Guinea und Beschreibung des Landes 1 ) Ich teile aas der Handschrift die Fortsezung der Reisen Ulsheimers mit, indem ich für dißmal ans dem zweiten Teile der Reißebeschreibung diejenigen Kapitel answäle, welche sich auf Guinea beziehen. Der Rest behandelt die Reisen Ulsheimers nach Ostindien und wird später xveröffentlicht werden. Zur Vergleichung habe ich die folgenden gegen Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jarhunderts erschinenen Beschreibungen von Guinea herangezogen, welche indes Ulsheimer selbst kaum bei Abfassung der seinigen benuzte. Johannes Hugo Linscotanus hat seiner Navigatio ac Itinerarium — in Orientalem sive Lusita- norum Indiana (Hagae-Comitis 1599) eine Descriptio totius Guineae tractus, Congi, Angolae, et Monomotapae beigefügt, dieselbe be- rürt Ober-Guinea nur kurz und verweilt hauptsächlich bei Congo und Angola. Ausfürlicher ist die „Warhafftige Historische Be- schreibung deß Gewaltigen Goldreichen Königreichs Guinea, sonst das Goldgestad von Mina genandt — Auß Niederländischer Ver- zeichnuß, in Hochteutscher Sprache beschrieben durch M. Gotthardt Arthus von Dantzig. Alles ■*- mit schönen Kupfferstücken ge- zieret, vnd an Tag geben, Durch Johann Theodor vnd Johann Israel von Bry, Gebrüder. " (Franckfurt am Mayn, In Verlegung Wilhelm Fitzers, Anno MDCXXX.) Es bildet den 6. Teil der großen Sammlung von Reisebeschreibungen, die unter dem Titel „Der Orientalischen Indien" herauskam. Der 12. Teil derselben Sammlung (Gedruckt zu Franckfurt am Mäyn, bey Caspar Rötel, In Verlegung Wilhelm Fitzers 1628) enthält einen „Anhang der Beschreibung deß Königreichs Congo. Innhaltend, Fünff Schif- farten Samuel Brauns Burgers vnd Wundartzt zu Basel, so er — in vnderschiedliche weit entlegene frembde Königreich vnd Land- schafften glücklich gethan" etc. Braun gibt eine genaue Beschrei- bung von Nider- Guinea und von der Goldküste, welche leztere er 1617 unter der Expedition des Generals Calancio besuchte. Der Ander Thail. Das Erste Capittel. Von der Ersten Beiße in Africam und erstlich biß auf Bio de Benin. Alldieweil ich nun den früling zue Amsterdam zu brachte, waren von Genuesischer Compania zwey schif zu gericht, nacher Guinea auf die Goldkust zu fahren (welche in Africa ligt und ihren Anfang zu Capo Palmas 8 ) 4 Grad von der Linea Equinoctiali 1) Alem. VI 90 ff. 2) Baumes Hs. Birlinger, Alemannia VII 2 9g nemet biß nacher kust Acora ob Monte 1 ), alß in die 120 meilen sich erstreckht). Dariber ist Scbifherr geweßt mein alter Capitani, mit dem ich zuvor 2 mal in Weatindia geweßen bin, Namens Cornelius Hanßen. Auf dißer Schifffart nun bab ich mich aber- mahlen für einen wundartzet gebrauchen laßen. Seind demnach, alß wier auß gefertiget geweßt, von Amsterdam in Anno 1603 im Mayen ausgeraißet, und haben unßern Curs auf die Goldkust von Nova Guinea genommen. Alß wier under Engellandt kommen, seind wier von einem Contrari wind nach Pleymuie*) getriben worden, alda wier zwen Monat still ligen und auf den wind haben warten mießen. Da wier nun guten wind bekhommen, seind wier in Gottes Nammen fort gesegelt und erstlich hinder der Barbari kommen auf C. Verde 137s grad oberhalb der Equinoctial Linea gegen uns hero gelegen. Daselbsten haben wier eine Schlup 8 ) (welches ein klein Schiflein von ungefähr 12 lasten ist) aufge- setzet, und sein fürter die kust längs geseglet, auch endtlich in die Grem oder Graan kust*) khommen, aber in keinen Hafen ge- lofen, sondern immer vort gesegelt, doch seind die Schwartzen oder Moren mit Lemonen an Bortt khoinmen, und haben unß Bomerantzen, Lemonen, Ziteronen, Benanes und sonsten allerhand fruchten, auch Ellephanten zän gebracht und eingetauschet, son- derlich brachten sie vil Maloget 5 ) daß ist reß 6 ) wie pfeffer, und gut in der speiß zu brauchen. Darnach seind wier [an] die kust C. Palmas wie auch Quak- qua (das ist Teutsch souil alß willkhome) kommen 7 ). Dißes ist ein heßliches volckh, sie feilen die zän spitzig, wie die hundszen 8 ), und seind Menschenfresser. Daselbsten hept es an Gold zu geben. 1) Unten Akra genannt. 2) Plymouth. 9) Schaluppe (chaloupe), die von Ulsheimer gebrauchte Form schließt sich enger an das Niederländische sloep an, woraus das fran- zösische Wort erst entlent scheint. 4) Körnerküste (Pfefferküste), von engl, coast of grain. 5) Ein Gewürz, welches bereits vor der Entdeckung Guineas aus der Berberei nach Italien eingefürt wurde, die sogen. Paradieskörner. Es stammt von einer Art Ingwer (Amomum Grana Paradisi L.), den die Portugiesen Malagheta (Melegueta Manigueta) nannten« Weil man in für eine Art von Pfeffer hielt, bekam die Küste den Namen. 6) räß (mhd. raeze) = scharf, herb von Geschmack, von einem Verb, das in der Ableitung ratzen (kratzen) noch vorkommt. 7) Auf der Zan- oder Mfenbeihküste t welche am Cap Palmas be- ginnt, unterschid man früher die Küste der bösen und der guten Leute. Die lezteren sind die Quaquaneger, welche von irem Gruß „Quaqua", den sie bei jeder Gelegenheit hören lassen, disen Namen erhielten. 8) Diß wird auch sonst von einigen Negerstämmen der Zanküste berichtet und als Beweis der Anthropophagie angesehen. Freilich würde es zu der Bezeichnung der Quaquaneger als der guten Leute nicht passen, wenn es auch von inen gälte. 99 / Darnach seind wier imer fordt gesegelt, auf das C. de 3 puntas 1 )^ an welchem ort sich der recht Goldkust anhebt. Endtlich haben wier zu Commenda 2 ) (ist ein dorff) das schiff an einen anckher gelegt, und haben daselbst ein Zeitlang mit den Schwartzen ge- handlet. Darnach sein wier auff C. de Corsa 8 ) geschifft, ligt eine meil under dem Castel 4 ), daselbsten ist das schif etlich Monat lang gelegen, und haben wier mit den Schwartzen gehandelt. Weil wier alda gelegen, ist auf ein zeit ein Schif zu uns auf die kust kommen, welches von Graff Moritzen auß Niederlandt selb ander außgefertiget worden, aber auf dem Meer durch ein fortun von seinem zugebnen schif verworffen, und ein orlochschif das ist ein hollendisch Kriegschif genent worden. Derselbige Capitani hat unßern General angesprochen, daß er imme ein Man oder dreyssig gebe, er wolt das Castel 5 ) einnehmen, solches verwilliget im nit allein unßer General sondern zog auch selbsten mit ans landt, da sie sich dan in 130 Man starckh mit mußqueten hämisch und langen spießen und ander notturfft zum streitt wohl armiert be- funden. Alß sie aber von Commenda auf das Castel zue marsierten, begegnet inen etlich taussendt Schwartzen, in meinung die unßern 1) Cap der drei Spizen (de tres puntas), von den Portugiesen so benannt wegen der drei kleinen dicht neben einander ligenden Spizen oder Berge, ans denen es bestet. Andere beginnen die Gold- küste etwas westlicher bei dem Assinie-Fluß. — Hs. puntes. 2) Commenda oder Commendo (Portugiesisch Aldea das Terras), ein Dorf und Hafen, noch im westlichen Teil der Goldküste, auf wel- chem die Holländer die Forts S. Sebastian und (1688) Vrederibwrg an- legten. S) Cap Cor8o, jezt gewönlich in der engl. Namensform Cape Coast genannt. 4) Gemeint ist das Castell Elmina, welches etwas westlicher als Gap Coast ligt. Das auf dem lezteren befindliche Castell wurde erst 1652 von den Schweden angelegt. 5) Das Castell Elmina wurde auf dem Grunde einer zwischen 1383 — 86 von Normännern aus Rouen und Dieppe angelegten und um die Mitte des 15. Jarhunderts verlassenen Ansidelung im Järe 1484 von den Portugiesen erbaut, welche, wie Arthus S. 90 erzält, zu disem fürhabenden Bau etliche Schiffe mit Kalk und Steinen, neben andern Instrumenten und allerhand Werkgezeug aus Portugal verschriben. Von disem befestigten Punkte aus versuchten die Portugiesen, allerdings vergeblich, sich das Monopol des Goldhandels auf der Küste zu ver- schaffen ; besonders die Niederländer wüsten sieh einen Anteil daran zu sichern. Gegen dise nun wurde von Elmina aus der heftigste Kampf gefürt, als Philipp H. von Spanien auch Herr über Portugal geworden war. S. Arthus S. 92—99, wo sich auch eine Abbildung des Castells findet. Deshalb legten die Niderländer zum Schuz ires Handels 1612 drei Meilen östlich von Elmina das Fort Nassau an (s. über dise Grün- dung den Bericht von Samuel Braun in dessen Fünff Schiffarten S. 25 f.), endlich gelang es inen 1637 Elmina selbst durch List wegzunemen. d I 100 züruckh zutreiben, and zu schlagen, derowegen wier, alß wier solchen großen häuften gesehen, ein Ordnung gemacht, und einen halben Mon hoch von Sand vor uns aufgeworffen, wie auch die schif, welche nit weit von land gelegen seind, mit schießen dapffer uf die Schwartzen getroffen haben. Indeßen begieng unßer General und besagter Hauptmann ein gantz unbedechtlich stuckh, darumb sie auch daß leben geben mießen, dan sie giengen sampt einem jungen zun Schwartzen hin, und vermeioten sie wolten den Schwartzen bereden, das die Schwartze (weil wier nun des Castell begerten) zu friden sein und uns ziehen laßen solten. Aber die Schwartzen verstunden den handel nit recht, dan der General bil- det im hohe Sachen ein, kundte auch zimlich schwatzen, dardurch er zum General worden war, aber nit der Man darnach, wie sieb hie befunden. Dan indem sie zue den Schwartzen giengen, winckhet er inen mit der handt und schreyet paish paish paish, ist Spanisch pas pas pas, Frantzösisch paix paix paix, Teütsch Frid Frid Frid, meinet nit änderst dan sie wurden alß kinder oder alß seine un- dergebene gleich auf sein fridbot geben, und ihre wehr niderlegen« Aber sie achteten seiner Narey eben so wenig, alß in Anno 1601 die belagerten Türckhen, in Canischen, des Cappuciners Münchs meß, der dardurch der Türckhen geschütz beschweren oder ge- stellen wolte, das sie nit mer darauß auf die Christen schießen köndten. Dan wie selbige Türckhen den Münch von seinem altar, den er vor der vestung hat laßen aufrichten, hinweg und sampt dem altar zu trimern verschoßen, also haben diße wilde Moren dißen unßern General sampt dem Hauptman und Jungen unge- achtet ihres fridbots ergriffen, und inen die köpff abgeschlagen, auch hernach außgehület, und noch ehe wier von danen gezogen, daraus getrunckhen, den jenigen, der den General erlegt, ward von den Schwartzen ein kusten oder truchen voller messer spiegl und gläsierene korallen oder poterlen für seine riterliche t hatten ver- ehret. Auf solches meinten die Schwartzen, sie heten unß schon gantz erlegt und geschlagen, lieffen derohalben mit einem grew- lichen geschrey auf uns, alß derfften sie nur die beit holen, aber es ward sie zu bald gerewen. Dan unßere Muß que tierer fiengen an fewr zu geben, dardurch gar bald vil Schwartzen zu boden erlegt worden, rißen derohalben aus, und gaben die flucht, der eine da der ander dort hinaus, und weil wier keinen General und jene keinen Hauptman mer baten, zogen wier unverrichter Sachen wider, von landt ab, über diß besorgten -wier auch , die Spanier mochten noch einen hinderhalt haben. Nach solchem verordneten und erkießeten wier einen andern General, Adrian von Qust genant, derselb schickhte mich mit einer wohl außgerüsten, und mit mußqueten, groben geschütz und andere zugehör woll armirter Schlup selb vierzehendt nach Benin. 101 Das Ander Capitiel. Wie ich in Benin kommen und was sich darinen zugetragen. Da wier nun also außgefertiget waren, segleten wier von Cap Cors auß nacher Ackra 1 ), alda man das beste Gold findet, von dannen auff Arden 2 ), daselbst haben wier ein Portogallisch schiff angetroffen, und mit inen ungevärdt 2 ptundt geschütz geverdt gehalten. Endtlich aber weil sie uns zu starckh geweßt, sie wüderumb verlaßen, und seind vort gesegelt, nacher Bio de Lago 3 ), da wier eingel offen. Im einlaufen seind wier mit der Schlup auf den grund khommen, und in gevahr leibs und guts gestanden, wier dan vil kessel und beckhet aus geworffen, die Schlup leicht zu machen, endtlich seind wier aber mit Gottes hilff wider darab khommen, und der Statt zu gesegelt, welche dem König von Benin (der in die sibenhundert weiber hat, und ein mächtiger könig ist) zu gehöret. Es begab sich aber eben zur selben zeit, das ein an- dere seiner Statt rebelliert, die er, weil die Statt umbmauret war, und sie daselbsten kein geschütz haben, so leicht nicht zwingen kente, ließ derohalben der König uns ansprechen, wier solten ime helffen, dieselbe Stat wider zu gehorsam bringen, welchem wier wilfarten, und zogen unßer zwelf mit 2 stuckhen großes geschützes mit den Schwartzen, deren in 1000 waren, für die Stat urab- lägerte man. Wier aber stelleten das geschütz für ein thor. Deß andern tages schickht unß der feldobirster ein gaiß und zwuo nennen, begerende wier solten solches unßerm Gott opffern, welches Opffer wier gleich ime wider schickhten, und ine beandtworteten, das unßer Gott weder gaiß noch hüener esse, derohalben er uns biten laßen, wier wolten unßern Gott auf unßere weiße ehren. Sie opfferten aber denselben tag dem Teufel (den sie daselbst für einen. Gott halten) zwen Menschen, siben hundt, drey ochßen, zwelf gaißen und über die hundert hüener. Alß solches volbracht war, fiengen wier an auf die Statt zue schießen, einen halben tag, biß wier das thor hinein geschoßen haben, nach welchem die Schwartzen mit aller macht hinein gefallen, die stat überweltiget 1) Akra ist ein Landstrich im östlichen Teile der Goldküste, wo jezt die Fort James (engl.), Crevecoeur (holl.) und Christiansburg (engl.) ligen., 2) Ardra auf der Sklavenküste, 10 Meilen westlich vom Rio Lago, vgl. Arthus, welcher S. 100 berichtet, die Küste vom Rio de Volta an, welcher die Ostgrenze der Goldküste bildet, werde wegen der gefar- Hchen Schiffart selten besucht „biß an Bio.de Ardra. Diß Revier oder Gegendt wirdt sehr von den Portugesen besucht, und ist weit und breyt bekant, nicht zwar als wann es so ein gut Land were, sondern wegen der Mange der Schlaven oder Leibeygenen, so daselbst verkaufft werden". 3) Der Lagos, ein bedeutender Küstenfluß der Sklavenküste, un- gefar auf der Grenze nach Benin gelegen. 102 / und erobert, auch alle wehrhaften manspersbnen darinen niderge- hawen, die weiber und kinder aber gefangen, under sich getheilt, auch unßerm yeden ein weib gegeben, Endtlich aber die Statt ver- brendt und in boden geschlaifft haben. Endtlich seind wier mit großem Triumpf wider nacher Rio de Lago gezogen, da uns dan der König nit allein finff lest pfeffer geschenckht, sonder auch durch sein abgeordnete uns auf allerley weiße groß ehr hat anthun lassen. Von danen zogen wüer auf Benin die große stat, da der König sein Residentz hat 1 ), daselbsten die schlup vollendt mit pfeffer zuladen. Alß wier nun dahin khommen, ließ uns der König dapffer empfangen, wie er dan uns zu gefallen sein Königlich fest, welches er alle jähr nun einmahl (daran sich also jährlich der König nur einmal von dem volckh sehen laßt) begehet, gehalten und sonst groß Ehr erzeigt hat. Weil wier under deß nun mehr pfeffer geladen, nammen wier unßern abschaide. Bas drit Capittel. Wie wir von Benin unßer Schlup weiter auf Cabo de Lopo Gonzalva, auch endtlich auf die hast gefahren^ und was unß begegnet. Alß wier zu Benin fertig geweßt und abgesegelt, haben wier unßern Gurs genommen auff Bio de Camerones 2 ) und Bio de Bey ungevahrlich 7 oder 8 grad ober der Linea Equinoctiali gegen uns hero gelegen, da wier Ellephanten zän umb unßere waren einge- tauschet haben. Da wier erstlich ankhommen in Bio de Camerones, seind die Schwartzen mit sechtzig Canoen 3 ) (das seind ihre schiff) auf uns zu gefahren, in meinung uns zu überfallen, derhalben wier uns in der schlnpp mit tuechern und schantzsegel woll verschantzt, auch das geschütz fertig gemacht, aber mit dem loßbrinen verzogen haben, biß sie gar nahe khommen, das wier mit gutem vortheil anheben fewr zugeben, ab welchem ungewöhnlichen und unver- seheniichen feur und donnern, sich zu salvieren, under das wasser gestürtzet, und die flucht gegeben, dan wier ihrer vil erschossen haben. Deß andern tags seind wier zu zwuo Canoen 4 ) khommen. Die Schwartzen hielten von fernen, taucheten imer mit einem finger ins wasser, und hielten in also naß über das rechte aug. Wier 1) Eine genaue Beschreibung der Stadt gibt Arthus S. 101. 2) Der Gamerun mündet unter 4° n. B. in die Bai von Biafra gegenüber Fernando del Po # . Westlich davon fließt nach der Karte bei Linscotanus der Bio Beäl ins Meer. Samuel Braun S. 14 freilich hat eine andere Reihenfolge: Auf solches (von Benin aus) sind wir nach dem Land von Ambosy und Camarona,, Rio de Anikare und Rio del Bee gefahren. 3) Canonen Hs. 4) Hs. Canonen. * 103 r kundten nit wißen was sie damit meinten (sie wolten aber damit erkundigen, ob wier frid halten und handien wolten oder nicht). Endtlich sagt ich wier wolten es auch also machen, wie geschehen. So bald wiers nun auch also gemacht, seind sie gleich zu uns an bort gefahren, und haben gefragt was wier wolten. Weil wier aber nit mit inen reden kundten, zeigten wier inen Messer Beckheter und falsche Gorallen, mit glaß gemacht, haben inen beneben mit deu- ten und winckhen zuverstehen geben, was wier dargegen beger- then, bliben also in die drey wochen bei inen, und handelten mit inen fürnemlich mit Ellephanten zän. Sie aber thetten nit dergleichen einmal, das ob sie wüsten, alß sie uns zu überfallen heten wollen. Nachdem wier nun in dißen dreyen wochen vill Ellephanten zän bekhommen, seind wier weiter vort und erstlich auf Bio de Gangra 1 ), von danen aber auf Capo de Lopo Gonealva*) gefahren. Dißer ort ligt schon einen gantzen gradum über die Equinoctiali Lini oder Mitl Lini der weit, und muß man sich da- selbsten schon des poli antarctici (dan man unßern polum nicht mehr sehen kan) uf den schifen gebrauchen. Wier drafen aldort ein Frantzösisch schif an, waren aber Freybeiter und brachten uns Brott, aber wier traweten nicht, son- dern macheten uns bald von danen, und segelten strackhs durch den Equinoctialem wider der kust von Guinea zu mit pfeffer und Ellephanten zän wolbeladen. Derwegen unßer General ein schif mit Ellephanten zän und Benenischen Pfeffer auch (weil die kust von Guinea jahrlich fünff- zehen oder sechszehenhundert pfund golds liferte) mit 1600 Pfd. golds laden ließ, nacher haus in Hollandt zu seglen, auff solches war ich vom General doch mit einem guten willen auch geordnet. Das Vierte Capittel. Wie ich von Guinea wider nacher Hol- landt gereißet und ich underwegen von den Menschenfressern ge- fangen, aber endtlich glicJchlich zu hauß ankhomen 'seye. Alß wier nun von unßern General abgefertiget geweßt, haben wier unßern weeg nach hauße genommen und seind erstlich uf Bio de Gangra gleich ob Bio Cambo 3 ), nit über 3 grad von der Equinoctiali Lini gegen uns herwerte gelegen, zu gesegelt, alda etlich kupffere ring und messen beckhet, die wier noch übrig haben, vollend zuverhandtlen. Da wier nun in die Befier khom- men, haben wier unßere schif in anckher gelegt, und einen schuß 1) Der Bio de Angra mündet unter 1° n. B. in die Bai Corisco. „Die Insel Corisco hat den Namen von den Portugesen bekommen, da- rumb daß es auf derselben viel Ungewitter gibt, mit Donnern, Blitzen oder Wetterleuchten, und großen Regen, daß es also daselbst nit gut wonen ist." Arthus S. 105. 2) Cap Lopez, 1° s. B. Hs. Cape delopo Gonztda. 3) Bio de Gabom bei Arthus S. 106, Königreich Caponu bei Sa- muel Braun S. 16. Es ist die Bai von Gabon oder Gabun Va° »• B. 104 auß einem großen stuokh gethan, mit welchem wier den Schwar- tzen ein zeichen geben, das sie an bort kommen solten. Alß sie kämmen, brachten sie Ellephanten zän *) und roten Sandel, die haben sie mit uns gegen kupffere ring und messine beckhen verstochen. Weil sich nun die Schwartzen gantz freindt- lich gegen uns stelleten, tribe mich der fürwitz, das ich den Ca- pitan ansprach mich mit den Schwartzen nacher landt fahren, un- gevahr ein meilwegs vom schif. Da mich ihr König freundtlich empfangen und in sein hüten gefüehret, auch brott von Benannes gemacht (dan sie haben sonsten keines, weder was sie von geder- ten Benannes machen) wie nit weniger Wein de palm gegeben, also mit mir gezeret und guts muts geweßt. Inn dem wier also frölich waren, kämmen ein häufen Schwartzen dahin, für des Königs hüten gelofen, die stellet sich gar zornig, und sagten spanisch zu mir, es heten sie mein volckh betrogen, dan dieselben inen ring zu kauften gegeben, die kein nütz seyen, angesehen dieselb sie entzwey brechen kennen, wie auch an im selpst war geweßen. Es seind aber nit wier, sonder die Kupfferschmid die sie gemacht daran schuldig geweßt, nichts desto weniger wolten sie von mir haben und mich zwingen, ich solte dieselben wider machen, oder sie wolten mich nicht mehr an den bort laßen, sondern fressen, und redeten mir gar spöttisch zu, ja die weiber tantzeten schon umb mich her, freweten sich und sungen, nammen mich bey der hand, und steleten sich alß wolten sie mir drein beißen, sie grifen mich auch ferer an den leib, ob ich faist sey, und bestellet schon ein yedwederer theil an mir. Hie laß ich ein jeden verstendigen selbst judicieren wie mir zumuot geweßt seye. Ich versprach inen aber die Ring wider zu machen, wan sie mich in das schiff ließen, dan da selbst, sagt ich, het ich den werckhzeug darzu. Aber sie wolten es nit thun, sonder ich solte es bey inen machen, oder sie wolten mich freßen. Derwegen ich nochmahlen zu dem König begert. Den bat ich er solt zu dem schiff schickhen, und mir den werckhzeug hollen laßen, so woldte ich die zerbrochne ring wider machen, sagte beneben ich wolt inen ein Wortzeichen mit geben, das sollen sie dem Capitan zu stellen, so. werde er inen die Sache, dar mit er inen die ring wider machen kenne, lifern, die sagte er mir zne. Es kam aber selben tag kein Gannoa mehr an bort, mieste ich also warten biß an Morgen. Ueber nacht füehren sie mich in ein hüten, gleich hart an des königs hüten, darinen muste ich zwischen zweyen weibern, die mich bewareten, ligen, und wa ich gieng, da giengen sie neben mir her. . Umb miternacht hub der König an, auf eim eißern gemecht wie ein Schell klopffen, redete 1) Arthus S. 106: und wirdt viel Elffenbeyn daselbst (zu Angra) vertauschet. J 105 und sang auch durcheinander, ungevahr ein viertelstand. Darauf erhub sich ein grosser grewlicher wind, der wehet des Königs hüten zu, alß wolt er alles zu häufen wehen. Auf solches fieng der v König an, noch lauter zu singen und zu schreyen, so lang biß es wider still war. Da höret ich in schier die gantze nacht mit dem Teüffel reden, ich konte aber nichts verstehen, so sagten die zwey weiber zu mir Eybo Eyhökewa ist sovil „Du Weißer, der Teüffel ist beim König*, damit erfrewet sie mich also, das vor angstschwaiß kein truckhner fad an meinem leib gebliben. Wan dißer König zu rath sitzet, so sitzen seine weiber mit ime zu rath, und schwätzen vilmehr alß der König und seine obristen, in maßen -sie auch in der urtheil den Verzug haben. Alß nun Gott den tag gab, darnach mich hertzlich verlangete, kam der König zu mir und sagte, Er wolte an das schiff schickhen, was sie sagen miesten, und wa ich das Wortzeichen het. Da gab ich inen ein zedel (dan ich hete alzeit papir und schreibblei bey mir gehabt, und solches, zu dem Ende, das wan ich etwan etwas sonderlich oder seltzams gesehen, ich das selbig verzeichnet oder reißen 1 ) kendte) an den Gapitani, darinen ich kurtz geschriben, wie mein sach stunde, das nemlich die ring kein nütz 8 ) und derentwegen ich gefangen lege, auch da er mich nit Hberirte, weil ich die ring nit machen kendte, gewiß gefressen würdte. Mit dißem brieffe schickhet der König etliche Schwartzen, darunder auch sein Sohn war, an bort zu meinen Gapitani, sie nichts wi- derigs versehend t, dan sie verstunden sich umb die schriffb nichts noch umb das leßen. Da sie aber an bort kommen, und der Ca- pitan den zedel geleßen hat, behüelt er des Königs Sohn sampt den andern Schwartzen gefangen, biß an zwen, die schickhte er wider zu dem König, mit dem beschaid, wan sie mich an bort lifern werden, so welle er diße auch loßgeben. Da die Schwartzen diße zeitung empfiengen, schrien und hielten sie zusammen und wurden bald retig 3 ), mich wider an bort lifern. Derowegen der König selber zu mir kommen, zeigt mir sol- ches an, und sagte ich solte mit denjenigen, die sie mir zu geord- net, wider zue meinen Weißen ziehen, und sehen das sein Sohn sampt den andern gefangnen gewiß ledig gelaßen würden. Bene- ben gab er mir einen schlißel, dem war das blat oder bart abge- brochen, und bat mich, ich solte denselben im schiff wider machen, und bei seinem Sohn im wider zu schickhen, welches 4 ) ich ime gleich- 1) reißen in Umrissen entwerfen. 2) schon mhd. das Adj. Jceinnütze (untauglich). 3) schon mhd. raetec raetic = Rat gebend ; raetic werden = einen Ratschluß fassen. 4) welche Hs. 106 woll zusagte. Aber da ich wider in meim schiff war, würfe ich denselben über bort, und nachdem wier den Schwartzen die haut voll geschlagen, haben wier sie wider ledig und heim ziehen laßen. Nach solchen saumeten wier uns nit lang mehr daselbsten, dan sie haten kurtz zuvor, ehe wier hin kommen sein, etlich Weißen überfallen und gefressen, welches wier noch an etlichen umbständen merckhten, sie wolten es aber nit gestehen, sondern legten solches auf die in Bio Gambo, so zunechst an inen ligen. Segelten wier derowegen unßers weeges vort auf C. de Lopo 1 ) Gonzalva. Da wier uns mit holtz und wasser versehen. Darnach seind wier zuruckh der heimet zu für die insul SL Thomae geschifft, und haben bey derselben ein Barka, die mit zuckher geladen geweßt, angetroffen. Die weil es aber spanisch war, und IAsa Bona 2 ) zuschiffen wolten, haben wier sie geblen- dert 3 ), und ihres wegs wider fahren lassen. Der gleichen beit ist auch uns eben in dißem unßern umb- keren und heimfart zum ander mahl an die band gestoßen. Dan alß wier auf der hechte 4 ) gehn der Flamischen Insulen (welche auf die 40 grad von der Equinoctiali gegen uns her oberhalb der Insulen Canarien ligen) kommen seind, haben wier ein ander schif auß groß Canarien (welches auf Westindiam seglen wolte, und in die 70 Personen, weib und kind, darauf waren) angetroffen, wel- ches wier auch wie daß vorige eingenommen und geblindert, her- nach aber ohne einige leibs oder lebens gefahr oder beschedigong wider haben vort faren lassen. Nach solchem seind wier wider mit reicher beit nach heimet in Holland geschiffet, und in kurtzem, benandtlich in Anno 1604, zwischen Bartholomei und Michaelis , alß ungevahr sechszehen Monat n acher unßer ausfart, zu Rotterdam an der Maaß oder Mosa gelegen glückhlich ankhommen, dan die Rotterdam und Am- sterdam in einer Companei seind. Von danen bin ich wider nacher Amsterdam gezogen, hab also .mein Guineische Raißen beschloßen, und zu bemeltem Amsterdam auf ungevahr 4 Monat mich aufge- halten. Eben umb selbige zeit da .wier heimkommen, haben die Staden die Statt Ostende , nachdem sie drey jar und acht monatt belegert geweßt, und sich darauß gantz Riterlich biß auf das eü- ßerst gewehrt gehabt, dem Feind, der noch darvor und durch solche belegerung mehr verlohren alß gewonnen hat, gantz ver- derbet überlassen. 1) Lapo Hs. , 2) Lissabon. 3) geplündert; 15. bis 16. Jarhundert Wundern und Wundern neben plündern von Plunder Blunder (Bettzeug, Kleidung und Gerät beson- ders ärmerer Leute). 4) Höhe. 10T Bas Sibendt Capittel. Von Landtsart und Fruchtbarkeit Gw- neae, auch Religion Regiment Handthierung und andere Siten der Guineser. Guinea ist ein großes Land und Königreich in Africa hinder Barbaria und Interiore Libia, abendtwerts gegen America über oder an dem Atlantischen Meer, der mitel Lini der weit zuge- seglet, fahet nortwerts an sobald man übern fluß, Senega genant, von uns gegen mittag reißet, gegen Morgen stoßet es an Bio de Logo und das Königreich Benin 1 ). Zue Gabo Verde, 14 grad von dem Equinoctiali nordwerts gegen unß hero, hebet sich die kust von Guinea an. Die inwoh- ner seind schwartze Moren, mit denen ist nichts zu handien, alß Ambragräß 2 ) (ist ein bißen Gummi der von einem Wahlfisch her- kommen soll), aber es ist ein großer betrug darinen. Sie machen vil Vieh, machet Buter, aber nit Keeße. Es gibt auch daselbsten vil Visch, und so man weiter ziehet, khomet man uf die Rechte Goldkust, die fanget an zu Quaqua und C. de tres puntas*), dar- nach volget Atshin 4 ), das ist ein kleines Castel, dem König in Hispania zugehörig. Daselbsten haben uns die Spanier ein Schlupp mit Man genommen, welche sie biß an zwen (die man auf das Gaster a Mina gefüert hat) nider gehawen haben. Von danen komet man auf das dorf Commenda b ), da ist ein großer handel von Leinwat, Beckhetern, Kesseln, Messer, Eyßen vilerlay Sorten und färben, glaßerine Cor allen, kupfferene Ringen, grob wulen- thuch, spiegel und dergleichen Sachen. Diße Goldkust höret auf bei Bio de Lago gegen Benin zu. Die beste und reicheste Gold- kust aber erstreckht sich von C. de tres puntas*) biß auf Akra. Die fürnembste ort auf der Goldkust, da man handelt, sonderlich die Hollender, seind erstlich Quaqua und Convmenda, darnach Cape de Corsa' 1 ), Maurra 8 ) und Akra. 1) Ha. Berim. * 2) Engl. Amber-gris, grauer Ambra, soll eine krankhafte Concre- tion oder Stercoralverhärtung des Cachelot (Physeter macroeephalus) sein. Er wurde hauptsächlich aus Ostindien und von der Ostküste Africas eingefürt (auch Arthus Beschreibung S. 6 gibt an, daß man am grünen Vorgebirge damit handle). 3) Hs. puntes. 4) Atshin (Axim), der westlichste Teil der Goldküste, mit dem gleichnamigen Orte, bei dem die Portugiesen schon unter König Erna- nuel das Fort Antonius anlegten, welches die Holländer 1642 eroberten und seitdem besizen. 5) Vgl. oben S. 99. 6) puntes Hs. 7) Cap Corso s. o. S. 99. 8) Motare (Arthus S. 100), More (Braun S. 25 f.) oder Mauri im Königreich Sabu, 3 Meilen östlich von Elmina, seit 1612 durch das niederländische Gastell Nassau gedeckt. — Hs. Maurra. 108 Es ist <üß landt fruchtbar von Wein de palm *), so haben sie gut Brott, welches sie machen aus einer Frucht, die eie Mille 2 ) haißen, ist rundlecht und unßerm hanfsammen nit gar ungleich, item auß Türckhischem Korn, deßen es bei inen vil gibt, sie nenen es Mais*), nicht weniger haben sie auch vil Zuckherried, und sonsten allerley stattliche Fruchten. Des gleichen mangelte inen nicht an guter schnabelwaidt und Hiener Ayer auch Tisch den Überfluß, also das man umb ein ring ding, alß etwan nur umb 2 oder 3 Ellen Leinwath, auf einen gantzen tag lang für das gantze schiffvolckh fisch gnuog kauften kan, dan es ein große fischerey daselbsten hatt. Eben sowenig haben sie auch Mangel an Wild- bret, doch seind die Hirsch 4 ) nit so groß alß bey uns und haben weiße strich, einen an dem andern, durch den gantzen leib, son- sten seind sie rott, haben aber keine hörner. Die EechböcJMen seind bey inen größer nit, alß die Haßen bey uns, seind graw von färben, und haben kleine hörnlen. Ferners gibt es bey inen Papagayen und Merkatzen den hauffen. Sie haben aber hingegen mangel an Waßer und kein ander sießes alß das Regenwasser, das samblen sie in große gruoben bey der Regenzeit. Es witert seltzam bey inen, wie in Ostindien 5 ). Im Maio Junio Julio biß in Augustum regnet es schier alle tag, von selbiger zeit an regnets nit mer biß in Januarium, sondern ist gar haiß wetter, also das alles vor großer hütz außdoret. Im Januario heben die travado an, da khommen fast alle tag zwey oder drey wetter, das wehret biß in Majum, wie in angefangnen sibenden Gapitels gemelt worden ist. Und dahero komet es, das sie ihre Früchten im Apprillen säen und gleich im Augusto also in vier Monaten nach dem Aussehen wider ein ernden. 1) Palmwem wird aus verschidenen Palmenarten und zwar auf ser manigfaltige Weise gewonnen. Den meisten liefert Raphia vinifera, die in den sumpfigen Niderungen vorhersehend ist. 2) Hirse (portug. mühio) werden einige Grasarten (Holcus sorghum und H. bicolor) genannt, die man in Senegambien und Guinea anbaut und aus deren Korn ein gutes Mel gewonnen wird. 3) Auch der Mais wird in- Guinea stark gebaut und gibt vil- fach zwei Ernten järlich. Der Name ist übrigens aus America einge- drungen. 4) Unter den Hirschen und Rehen werden von den älteren Rei- senden häufig auch die verschidenen Antilopenarten mit einbegriffen. 5) Vgl. Samuel Bratm Anhang der Beschreibung deß Königreichs Gongo S. 4: Auff solchen harten Wind ist es in einem augenblick so still worden, daß wir vns darüber verwundert. Es hat auch offt in einem tag drey oder viermal mit grossem Gewalt angefangen zu reg- nen, vnd bald darauff widerumb mit grosser vngestümigkeit zu winden, oder wahen. Welche Wind und Ragen Travada genennt werden, so jhre gewisse zeit haben im Jahr, nemlich im Mertzen, Aprillen vnd Meyen. Die vorige zeit aber gibt es keinen Ragen, dargegen grosse Hitz. 109 Auf irem Marckht haben sie ein heüßlen stehen. Wan nun eßender speiße etwas uf den Marckhte kommet, so opffern sie zu- vorderst dem Teüffel (den sie Fittiße *) nenen) darvon. Ihr König (den sie in ihrer sprach Aura, aber spanisch Hey nenen, und der drey meil inerhalb landts in einer statt Futta 2 ) genandt wohnet) thut änderst nichts dan das' er alle tag sein Fütiße (das ist sein TeüfFelsbeschwerung und zauberey oder Gottesdienst) machet, das verricht er mit allerhandt narisch und zauberisch Ceremonien, mit Bingen, schellen und klinglen, auch murmeln, und sich hin und her wendet, nahendt allerdings wie die Papisten ihr meß halten. Und ist eben durchaus bei inen ein Barbarisch werckh, dan es hat bey uns ein dorfschultheiß mer Authoritet alß ein solcher König. Wan er trinckhet, so nemmen im sein edelleut das trinckhgeschir vorm Maul hinweg, und saufens auß. Wöchentlich am dienstag 8 ) (den sie wie wier den Sontag fey- ren) muß man dem König allen Wein auß seinem gantzen gebiet bringen, den muß er hinwiderumb zum besten geben, hat derselb vil gelt, und gibts nit zum besten, so schlagen sie in zu todt, und nemmen alles was er hat, und versauffen es, dan sie behalten nichts übernächtig. Wan auch einer under inen ein schätz hat, und denselben nit zum besten gibt, so schlagen sie in, wan sie deßen inen werden, zu todt. Iren König tödten sie umb einer schlechten ursach willen. Wan ihr König stirbet 4 ) so mießen alle seine Edelleut, die bei im im Rat sitzen, auch sterben, deß gleichen auch alle seine Sclaven. Sie zerhackhen sie zu kleinen stückhlen, und werfen selbige hin und wider auf das veldt, mit dißem für- geben, wan ihre leüt sterben so kommen sie in der Weißen landt, daselbst mieße der König auch leüt haben, die auf in warten. Darumb mießen sovil mit im sterben, und deß wegen machen sie alle ihre Todten vor der begräbnus gantz weiß, ihr begrebnus ist sovil als des gemeinen volckhs, des Königs halten sie rein, und alß, damit der verstorbene täglich umbgangen ist, das legt man im auf sein grab, damit er auch etwas zu schaffen habe, und das er nach seinem todt nit etwan erst hunger sterb, so bringt man im alle tag 2mal eßen und trinckhen auf das grab. 1) Fetisso bei Arthus. Fytysi bei Braun. Die heute bei uns ge- bräuchliche Form Fetisch ist aus franz. fetiche hergenommen. 2) Am nächsten stimmt hierzu der Name des Reichs Fetu, nur ligt die Hauptstadt gleiches Namens an der Küste; landeinwärts ligt die Residenz in Commendo (Guaffo), welches westlich, und von Sabu, welches östlich an Fetu grenzt. Weiter nach Osten wonen, früher in aus- gedenteren Sizen, die Fanti, welche in neuerer Zeit durch die Aschanti zurückgedrängt sind. 3) Jedoch halten sie denselben (den Feiertag) — am dritten Tage in der Wochen, nemlich am Dienstage, Arthus S. 31. 4) Vgl. über das Begräbnis der Könige Arthus S. 81 f. 110 Wan sie den König zu grab tragen, so tantzen und jchreyen sein weiber vorher, weißt aber keiner ob es gesungen oder geweint ist, uf solches volget der ander Gomitat. Sie die weiber des ver- storbnen Königs tantzen, und schreyen also auf dem grab, und von demselben wider heim. Wan sie wider heim kommen, so schlupffet sie durch ein viereckhet ding, welches die Futisa hai- ßen, darnach sitzen sie zusammen in das hanß, und heilen gleich wie die hund auf einen halben tag lang, sagen darzu „Ey warumb bistu gestorben, was hat dir gemangelt, hastu nit weiber gnuog gehabt ? u Daß treiben sie woll bei drey Monat lang, alle tag. Wan solches fürüber ist, so nemmen sie alles was er verlaßen hat, und versaufen dasselb, sie kaufen auch kie oder ochßen darzu, die freßen und reiben sie auf, mit dermen und kath (wie auch von andern thieren), seind eben mit tantzen und springen gar lustig dar bei. Sovil sonsten ihr Policey anlangt, haben sie, wan sie etwas mit einander beschließen wollen, ein sonderbares hauß darzu, gleich unßern ratbheußern. Im berathschlagen schreyen sie so laut, das einer meint, sie wellen einander schlagen, wan sie nun des handeis eins worden sein, so schlagen sie zugleich mit einander auf die brüst, und laßen darzu einen jetweder ein lauten hochtzer. Den Obristen in einem dorf haißen sie uf portugellisch ein Cap itain. Der nach ime baist Marini, ist der henckher oder nach- richter, doch einer von den Obristen und förnembsten geschlech- ten, mer alß ein Edelman. Es darf einer sovil Weiber bey inen nemmen und haben alß er will, wan einer eine nit mehr haben mag, so darf er sie von sich jagen, wie sie auch irer Kinder nit vil nach fragen, sondern dieselben verkhaufen und versetzen. Sie seind Ehrgeitzig und trachten nach hohen Tituln. Seind auch Edel, welche sie bey inen Filgalga oder spanisch Hidalgo nenen, und umb geschenckht und gaben machen. Dan wan einer ein kuoh zum besten gibt, so machen sie in zu einem Edelman *), wan er schon sonst ein Betler wer, und darnach beederseits woll content, thut im auch das volckh sein ehr an, wan er nun den namen Hidalgo hat, und nun einer gern ein Edelman wer, so kaufft er ein kuo oder stier, gibt inen dieselben zum beßten, so machen* sie auß im einen Edelman. Biß sie in zu einem Edel- man machen, füehren sie ein wunderlich spil, so hie zu erzehlen zu lang were. Allein wan daß närisch Faßnachtspill fürüber ist, so tregt man letstlich den newen Edelman in deß Capitans hauße, da nemmen sie wein de palm, schiten denselben auf den boden, und rieren etwas darunder, biß es ist wie leimen, damit schmieren 1) Vgl. über den Adel auf Guinea bei Arthus S. 73 ff. 111 sie in über den gantzen leib, das er lauter koth ist, alßdan trägen sie ine alß kotig durch das gantze dorff, die weiber tantzen vor ime her, singen und loben in, wie er so ein stattlicher Edelman sey, und sovil zum besten gegeben habe; so es uns geschehe, wurde man sagen, es were ein Saw, die sich in einer pfitzen umb gewaltzet hete. Wan nun alles für üb er und der Edelman ge- macht ist, so hat er nit sovil, das im ein blendt Pferd in seinem hauß schaden thun kendt. Den köpf von der kuoh henckhen sie in des Gapitans hauß zur gedechtnus auf, und welcher zum mehe- sten kieh köpff hat, der ist der greste herr. Sie achten keiner kostlicheit oder sondern zierdt, dan ihre heüßer seind nur hüten, und nit groß, nur von riedt gemacht, so klein das sie darin nur schlaffen. Darinen haben sie bey nacht ein fewr, und Ügen auf der erden under einander, wie das vich, jung und alt, darumbher, sie deckhen sich nicht zu, und haben nur dene seckhlen 1 ) under inen auf dem boden. Alle tag waschen sie sich dreymal, darnach salben sie sich mit unschlitt oder mit Oel de palma % ) % welches ein k estlich Artz* ney, und gelb ist, so sehen alß Saffran. Der Mäner geschmuckh ist, das sie sich mit schlißein be- hengen, tragen dieselben am halß, an den sei ten wehren, ja sie henckhen kleine schlißelen an die berth. Die Weiber haben ihre zierd und hofart im har f welches sie mit Gold zieren. Selbige tragen auch woll gantz güldene Ring umb den halß. Diße Wei- her seind beneben gar hierisch, und frembder Nation Mäner sehr beging, jährlich halten sie zwen dente, einen wan sie außsehen 8 ), den andern wan sie einerndten. Daß treiben sie 4 wochen lang, und fangen al wegen mit dem vollmon an, bey der nacht dantzen sie am mehresten. Da geth es dan hierisch gnuog zu. Wie diß volckh sonst in seinem thun Barbarisch ist, also seind sie auch unfletig und viehisch im essen, dan sie eßen alles flaisch, küeh schaff gaiß und gewild, mit dermen und sampt dem koth. Wan sie uns ein schaf oder gaiß an bort zu kaufen gebracht, so haben sie alweg das eingweid außgedingt, solches heten sie für ein heren- oder schleckheßen, und sprechen wier seyen Narren, und wißen nit waß gut sey. Eß hat dißes volckh nit gar ein gesunden lufft, dan es gibt bey inen vil hitzige pestilentzische fieber, und sonderlich ist es gar ungesund im Mayen, das, welcher vil an land ligen wil, nichts 1) dünne Säcklein. 2) Palmöl, aas den zerstampften und über langsamem Feuer ge- kochten Früchten der Oelpalme (Elaeis guineensis) gewonnen, welches in Africa zur Zubereitung der Speisen benuzt wird. In neuerer Zeit ist es ein Hauptgegenstand des Exports für den Handel nach Europa, wo es zu Seifen und Maschinenschmiere verarbeitet wird. 3) aussäen. 112 gewißero alß kranckheit hat. Ueber difi werden die inwohner heftig geblagt oder gequellet von den Wurmen 1 ), die sie in gli- dem bekhommen, und auf zwey klaffter lang, auch offt woll lenger sein. Es hat offt einer sechs oder zehen, ja mancher woll mehr, in den glidern. Wan diße Wurm heranß wellen, so machen sie Bleterlin, alß weren sie gebrent Daß selbig bricht endtlich auß, und komet der Warm mit seinem schwartzen kopff herfür. Alß dan muß man gut sorg haben, das man sie nit abbreche. Dan wan einer bricht, so macht er gleich ein inflammation und großen schmertzen, biß er gantz und gar herauß, so thun sie nit mehr wehe, bringen auch keinen weitern schaden. Darumb muß man groß achtung drauf haben, und ein sonderbare artzney darzue brauchen. Es bekommet auch underweylen unßer volckh solche Wurm, und thun denselben offt große Plag an. Diße inwoner haben auch ein seltzsamme weiß zu kriegen, dan wan sie in krieg zu streiten kommen, so machen sie also balden, wan nur auf irer oder ihres feindts seiten zwen oder drei man umbkhommen seind, frid halten 2 ). Ihre wehr seind wie. kleine spießlein, die haißen sie Hasagayen, sie brauchen auch Flitsch- bögen und große schult, darunder sie sich gantz verbergen kön- den; ihre Seitenwer seind einer gantzen hand brait, daran hen- ckhen sie eine klupert schlüßel, und binden darauf einen Hundts- khopff, das stehet bey inen gar soldatisch. 1) Es ist diser Guinea -Wurm (in Aethiopien Fertit, in Ostin- dien Naru oder Narumbu, in Buchara Reshter) die Füaria medinensis. Sein Vorkommen ist nicht auf die Westküste von. Africa beschrankt (hier erscheint er vorzüglich in Senegambien und auf der Pfeffer-, Zan- und Goldküste), schon frühe wurde er in Aethiopien beobachtet, weit verbreitet ist er in Indien an der westlichen Küste und in Nord-Dekan, ser häufig in der Stadt Buchara, einzeln kommt er selbst in America vor z. B. auf den Inseln Grenada und Curacao. Die uns erhaltene älteste Beobachtung der Krankheit rürt von Agatharchides her, wel- cher unter Ptolemaeus Philometor lebte (Plutarch. Sympos. VIII, 9). Der Wurm erscheint fast nur in dem Unterhautbindegewebe und zwar kaum anders als in den untern Extremitäten und wandert warscheinlich von außen ein, ob durch die Haut oder mit dem Trinkwasser durch den Magen ist bis jezt noch nicht entschiden. Vgl. A. Hirsch, Handbuch der historisch-geographischen Pathologie II S. 523 ff. Artbus in seiner Beschreibung von Guinea (1630) widmet der Krankheit ein ganzes Ca- pitel (48). Auch der Wundarzt Samuel Braun aus Basel bespricht die- selbe in seinen Fünff Schiffarten (Frankf. 1625 S. 33). loh. Hugo Lins- cotanus (Navigatio ac ltinerarium — in Orientalem sive Lusitanorum Indiam, Hagae-Comitis 1599 S. 1J) fand sie auf Ormoz. Die beim Zer- reißen des Wurmes entstehende Entzündung wird durch den scharfen Saft des Tieres hervorgerufen. 2) Es seyn aber ihre Kriege nicht so grawsam, als siewol schei- nen, sintemal sie nicht lang wären, sondern gar bald ein Ende nemen. Arthus S. 44. 113 Nun folget auch kurtzlicb von ihrer handthierung. In der- selben braueben sie auch gewicht 1 ) und maß, Ein Untz baißen sie ein Bindet, ein loth Besä, ein quintlin Ache, ein halb quintlin Faba breta, das aller kleinest nenen sie Gaera, ist fast ein Gran. Die Leinwat mißet man mit einem stob oder steckken aus, der ist ungefähr unßer IV2 halb ehlen lang. Man gibt 40 auch 42 und etwan 43 steckhen duch minder oder mehr (nachdem vil schif endthalben seind) für ein Bifida. Daß hupffer wigt man mit pfund auß, 12 oder 20 pfund für ein Bifida, darnach es kupffer ist, der Ring gelten 24 ein Binda. Ein stab eyßen gilt einen halben . . . , sechs acht oder mer schener glaßener Gorallen werden verkaufft umb ein Beeß oder umb drey Acha, darnach der Spiegel ist. Es seind diße Schwartzen so ein verstohlen volckh, das wa sie etwas enzuckhen kenen sie nit feüren. Diejenige welche das Gold bringen kommen bey 30 oder 40 m eilen auß dem Jand herauß zu den schifen. Wier haben sie nit verstehen khönen. Sie gehen gantz nackhendt biß umb die miten, da binden sie ein tuoch umb, und bringet manchsmal einem bei sechs oder zwelf pfund auf ein mal herauß. Darfür kaufen sie Leinwat mehrertheils. Wan sie mit einander an bort kommen, so geben die kauffleut dem underkaufer daß Gold, und laßen in da- mit handien. Alß ligt der Baur oder kauffman (dan die bauren besitzen die Goldgruben, und seind in den ortten, da es gegraben wirdt, keine Edele) ins schiff, kan das Meer nit leiden, und etwan darinen weder gehen noch stehen. Wan der Für oder Under- kaufer vil Gold Mt, so muß man inen wein zu trinckhen geben, auch ehe er den Contract machete, mit ime der Basche 2 ) (daß ist ein Verehrung) halber zufriden "werden, wievil man nämlich dasche von iedem Bifida ime geben wollen. Wan er nun zufri- den ist, so macht er mit den kauffleüten den Contract, wie vil sie ime steckhen Leinwat für das gelt geben sollen. Wan das ge- schehen und zu beederseits zufriden sein, so wigt der underhänd- ler daß Gold dar, hingegen mißet man inen die Leinwat heim, 1) Die Bawren, so vom Lande kommen, haben ihnen Gewicht von Holtz gemacht. Deßgleichen haben sie rothe- und schwartze Bonen, da- mit sie sich behelffen, und wissen einem bald zusagen, so viel rothe, und so viel schwartze Bonen machen so viel Pesos, oder so und so viel Benda — welches dann ihr gröstes Gewicht ist, und macht bey uns zwey Untzen. Benda Affa ist ein halb Benda, bey uns ein Untz, Assuwa ist 2% Pesos, Eggeba ist 2 Pesos oder ein halb Untz, girou ist IVa Pesos, Ensanno ist ein Pesos oder ein Loth, Quienta ist 8 / 4 eines Pesos, Agiraque ist V2 Pesos öder Va Loth, Mediataba ist */♦ eines Pesos oder 1 Quint, dann ein jedes Peso ist 1 Loth. Arthus 8. 28. 2) Ueber die Entstehung diser Sitte, dem Unterhändler oder Pi- loten und Dolmetscher ein Dache zu geben, handelt Arthus S. 22 f. Birlinger, Alemannia VII 2 8 114 man kan im fast von ieden stab oder steckhen ein halben stab wider endtziehen, ja man kan sie auch mit dem zeblen ubervor- th eilen. Und was man inen also am meßen oder zeblen nemet oder abtregt, dasselbig gibt man inen hernach zu für die dascke oder Verehrung. Und gibt solcher betrug oder vortheil darumb -gegen inen, weil sie nit allein über zehen nit, und zwar dasselb nit woll zehlen können, sonder auch dieweil man,' da solchen vor- theil nicht gebraucht würde, man mit denen kauffleuten nit be- stehen könen. Wan nun dißes für über und verrichtet ist, so gibt der kauff- man dem Bauren etlich ehleu thuoch, messer, spiegel oder gläßene Gorallen, damit ist der Baur gar wohl zu friden, und meinet er habe eben gar wohl gefißet, da doch der gut tropff am wenigsten darvon bringt. Dan der underkauffer gibt ime nit mehr, alß den halben theil, daß ander theil stilet er_ime. Wan sie dan wider an land khommen, so schenckhet ime der underkauffer ein Ellen thuoch oder 4. So meint der gut kauffman oder Baur, er habe gar redlich mit ime gehandelt, also tregt der gut kauffman oder Baur, der das Gold so mit grosser gefahr so einen weiten weg hergebracht, am wenigsten war darvon. Wo sie das Gold graben, da darf ein geschlecht in zehen jahren nur ein mal in die gruoben, und wie sie sagen so soll ein große Summa Goldts. dort sein. Dan sie bringen es ungeschmeltzt, gleichwie sie es auß der Erden graben, ie kleiner das Gold ie beßer es ist, sein bringen auch auf einmal 2 oder 3 pfund schwer. Am ufer des Meers schöpffen die künder daß sand ander den felßen herfür und schüten den von einem geschir in daß an- der hin und her, darinen findet man gar guot Gold, und kan et- wan ein kind deß tags auf ein Quintlen kommen. Das Achte Capittel. Guineser Gott kan in der Christen- menschen beisein nüt reden. Zum beschluß der beschreibung Guineae kan ich ungemeldet nit laßen, das, gleichwie Papisten järlich an Fronleichnams tag umb ir Esch oder velder geben, und dieselben vor ungewiter seg- nen, also khommen die Guineser järlich in alle und yede derfer im Aprilen auf einen gwißen tag znsamen, da machen sie ihre Futise oder Teüfelsbilder oder Abgott, dem Teufel zu ehren ihre Futise. Ist nichts " anders dan ein häufen zusamen getrnckhten kats. Darzu brauchen sie, wie oben gemeldet, fast solch Cere- monien, wie die Papisten bey ihrer meß. Wan solche Futise fer- tig sein, so fragen sie den Teufel, wie selbiges jähr das körn und ander fruchten gerathen würde, waß für frembd schiff ankommen, was für kranckheiten volgen, wie ihre schwangere weiber der kün- der abkommen und was sich für krieg erheben werden. Ist* den etwa ein Christ darbei, der den Teufel verspottet, und denselben heißet herliegen, oder nur laut redet, und in gegen den Schwartzen verlacht, oder einen Ligner haißet, so schweiget er stockhstil, 115 redet nichts mehr, so lang der Christ darbey bleibt. Wan sie darmit wider fragen, and andtwort haben wellen/ so befihlet er, man soll zuvor die gezeichnete (damit meinet er die Christen, villeicht umb deß h. Taufe willen) ab weißen und hinweg schaffen, sonsten woll er nichts reden. Schweiget aber der Christ anfenglich stil oder gehet hinweg, so andtwortet er durch den kathaufen auf ihre frag, etwan gehet es wie er gesagt hat, etwan weit änderst. Solche Futisa steckben sie hin und wider auf ihre güeter, auf das veld. Darvon soll das veld beschirmet werden, und gehet ihrer keiner hin zu, der es anrege. Dan welcher ein solches weckh thut (außerhalb der Christen) der stirbt alsobalden. Wan es nun änderst ergangen ist, weder inen der Teufel durch die vorige Futise gesagt hat, und wier sie dariber vexierten, sagten sie, Futisa mentis, das ist unßer Gott hat gelogen; spottet wier dan ihrer weiter, das sie an einen Lugenhafften Gott glauben, so fragten sie uns, ob dan unser Gott nit auch lieg, und wolten schlecht nit glauben, daß unßer Gott nit auch lieg. Darauß zuvernehmen, waß es für blinde verstockht und arme leüth sein mießen ? Der Gruineser weiber m der gegen Ackra haben Mnder ohne Mäner. Ferners ist zu merckhen, das wie die weiber sonderlich in Ackra sehr hierisch seind, also bereden sie ihre Närische Mäner, wan eine nur ein mal mit einem Man zu thun hab gehabt, sie kenen hernachtmer, so lang sie alters halber taugenlich seyen, zu geberen , und die Mäner glauben es und seind in dem Narischen wahn, das, gleichwie ein hon ein ayerstockh, also hab auch ein weib so zu reden ein kindtstockh. Ich achte aber, das es volgender gstalt zugehe. Gleichwie bey uns die Minch also gibt es bey inen starckhe und faule gaile schlingel. Die geben sich gleichsam in ein orden, sprechen, nun wellen sie nit mehr Mäner sein, sondern Weiber, binden dero- wegen wie die Weiber tüechlen umb die schäm, thun auch allerley weibergeschefft, und flechten denselben ihre haar. Die Narrechten Mäner halten solche schlengel für heilige leüt, glaubten sie aber irendt halben, waß ich glaub, sie t hätten solchen falschen Münchs- orden bald ab. Das Neündte Capittel von Landts art Fruchtbarkeit Beligion Regiment und Sitten des Königsreich und Statt Benin auch der Stadt Lago. Dißes Königreich ligt gleich an Guinea gegen ufgang der Sonnen. Das wirdt beherschet^von einem mechtigen König , der sein Residentz hat in der Statt Benin auf die 8 grad von der Equinoctiali gegen Norden. Es ist ein große Statt mit einem ßtarckhen zäun umbflochten wie mit einer Mauren. Darinen hat der König einen pallast, auch mit einem zäun umbgeben, welcher 116 pallast ungefähr so groß ist, alß die Statt Tübingen oder großer *). Er hat auch darinen sibenhundert 2 ) weiber, deren ein yedes ein sonderbares gemach hat. So hat er auch nicht allein vil diener, die auf in warten, sonder auch sehr vil Soldaten, die tag und nacht vor des Königs hauße ein starckhe wacht halten. Dißer König laßt sich daß gantze jähr nur ein mal sehen, und geschieht auf solche weiße 3 ). Auf seinen geburtstag komet er in die Statt herauß geriten auf einem pferdt mit rot schar- lachen gezieret und mit roten Gorallen beb engt. Darauf sitzt er scheßlingen 4 ), wie ein weib, auf ihre weiße mit eim schar lachtuoch stattlich geklaidet, und nit allein mit roten Corallen sondern auch mit andern seltzam Sachen umbhenckhet. Darzu henckhet, er über den köpf und rockhen biß auf die gangadern hinunder einen weißen Eoßschwantz, alß das einer, der in ansichtig würdt, dar- von erschrickht. Auf yeder Seiten gehen zwen mäner neben im her, deren die zwen in heben, die andern zwen platz machen. Dan das volckh lau ff et sehr getrenckht zu, und wil ein iedweder den König sehen, gleichwie zu Rom am jubeljar den Papst. Sechs taussendt man ziehen vor im her, und wan er komet, so feilet alles volckh nider auf die knie, und klopffen in die händ, damit den König grießende. Der thut hin wider mit der hand, eben wie der Papst zu Rom, wen er daß volckh segnet, und danckhet inen. Darnach füeret man in fort, nach einem hauße, deß Königs hauß genant, daselbsten kommen alle seine kriegs obirsten in sei- nem gantzen königreich zusammen, und opffern dem Teufel, mit- sampt dem König, uf nachvolgende weiße. Sie opffern zwen Men- schen, drey kieh, etlich gaißen und hund, wie nit weniger auch vil hiener, und schilkrotten. Die gaißen hund und hiener steckhen sie an spitz, und hin und wider auf die gaßen. Da laßen sies also steckhend verweßen, die statt steckhet allenthalben ' voll, und 1) Des Königs Hof ist sehr groß, und hat innwendig viel große viereckete Plätze, die rings herumb mit Gängen oder Vorhöfen ge- zieret 8eyn. darinn man allezeit Wacht helt. . Es ist so ein großer Hof, daß man sein kein Ende sehen kan, Und wann man meynet, man sey jetzunder zum Ende kommen, so siehet man durch ein andere Pforten noch auf ein weitern Platz oder Hof. Arthus S. 102. 2) und 3) Es hat auch der König viel Weiber, und helt alle Jahr zweymal seinen Umbgang, daß er sich nemlich auß dem Hof begibt, die Stadt hin und wider zu besehen, und zu besuchen. Als dann ver- sammlet er seine gantze Macht, und was er immer kan für lustige Sachen oder Kurtzweil erdencken und herfür bringen. So wirdt er auch begleytet von allen seynen Weibern, die wol über die 600 seyn mögen. Arthus S. 104. 4) d. h. schößling. Vgl. Arthus S. 103: reiten sie (die Adelichen) alle auf Pferden, auf welchen sie sitzen, wie bey uns die Weibs-Personen, und haben auf beyden Seiten ein Manns Person neben ihn herlauffen, an welchen sie sich halten, hinter ihnen aber haben sie viel Knechte. 117 geben einen großen gestanckh. Die kieh hawen sie zu stuckhen, and legen die stuckh für die thor hinaus, an das gestad, daselb- sten sie von den vögeln gefreßen werden. Darnach füeren sie die Menschen an ein sondern ort in der Statt in ein heüßlen, Ohawan genant, daß ist sovil alß des Teufels oder Gottes heüßlen, darinen opffern sie die Menschen, und hawen selbig erstlich den köpf ab, nachgehendts vollendts zu stuckhen. Die laßen sie also ligen, und sprechen, Also wollen wier deß König Feind mit einander zer- hackhen. Da schreyet des volckh mit lauter stim Sarramena ha öba Sarramena ha oha Sarramena ha oha und stainpffen zugleich mit den füeßen auf den boden. Dißes ist sovil zusagen, der König hawe allen seinen Feinden den kopff ah. Sie machen seltzamme Ceremonien und beschwerungen darbei. Dan wan sie opffern, so reden sie leibhaftig mit dem Teufel. Sie haben vilerley Sachen, damit sie Futise machen. Der König ist der Oberst Teufel be- schwerer under inen, sie halten in nahendt für ein Gott. Den er ist sehr großes Authoiitet bey iederman, also, daß wan sie einan- der fluochen so fluochen sie bey dem König. Wan nun obgedachtes Opffer ein end hat, so setzet sich der König außerhalb deß haußes nider in ein Sessel, vor dem kniehet alles volckh zu sammen nider, auch die obirste. Alß dan hept man an zu pauckhen, und klopften, auf großen schellen, und blaßen auf Ellephanten zänen. Damit machen sie ein solches ge- temmel, daß man es auf ein viertel Meil wegs hört, dißes weret nngevahr 2 stund lang. Darnach schreyet daß gantze volckh daberisa oha cada hdha oha, daß ist sovil sey gegrüeßt du Gottes König. Dariber sagt der König Aufiafe daß ist ich danckhe euch. Darnach reitet der König wider in seinen pallast. Daß volckh aber iset, und trinckhet, tantzet, und springet, iederman ist frew- licb und guter ding. Daß volckh aber laßet sich auch beschneiden, wie die Juden. Wan ein knab 3 jähr alt ist, so beschneiden sie in, opffern aber zuvor, und haben vil gefäß darbey. Der König füehret einen stetten Krieg, und füehret auch Krieg wider die weiße Moren, das ist ein volckh die bei tag nichts sehen, und nur bey nacht, wen die Son undergehet, sehen sie. Und obwol dißes ungleübiich scheinet, so ist doch in höchster warheit also beschaffen. Dan wier haben es offt an zweyen jungen Knaben probiert, wan wier inen gelt für geworfen haben, kundten sie es bei tag nicht finden, sie erwischeten es dan ungefehr. Diße Weiße Moren kennen den kopff auch nit stil halten wan es tag ist, sondern zwitzen alzeit mit den äugen, so bald aber die Sonn under gehet, so halten sie den kopffen still, und sehen. Sie seind schneweiß und haben schneweiße haar, aber gantz krauß wie die Moren. Die Beniner brauchen diße weiße knaben auch zu ihrer zauberey. Sovil ihr Regiment anlangt, so ist daß selbig gar ernsthafft. 118 Sie seind alle mit einander deß Königs Leibaigen. Waß er ge- büetet das muß geschehen, und -darf sich Niemand darwider setzen, er sey groß oder klein hanß. Es mag einer . leicht etwas wider den König thun, er last im den kopff abhawen, und wer er* gleich sein nehester rath oder obrister, da sihet der König nit an. Vierzig Meil von Benin ligt ein große Statt, genant Lago, gehört auch dem König Benin zu, ligt auf einer Insull, ist* ein Frontier *) Statt, und mit einem starckhen zäun umbgeben. Dari- nen wohnen lauter Soldaten, und vier kriegsöberste. Die halten sich gar stattlich, sie khommen altag in des Königs hauß zusam- men, und opffern all morgen. Nach dem opffer halten sie Ge- richt, under dem freyen himel, vor des Königs hauß. Wer etwas zu clagen hat, der clagt, sie fallen alle auf die knie, wan sie ihr sach für bringen, und wan einem recht gesprochen wirt, so dan- ckhet er der obrigkeit, und dem König. Es stehen auch alzeit zwen gesandte bey dem Richter, die vom König her seind, und hören was man handelt. Dieselbige schickhen alletag post hin weg zu dem König, den avisiren sie, was selbiges tages die Rich- ter gehandelt haben, solches treiben sie durchs gantz jar, und dißes wirt nicht allein zu Lago, sondern auch in andern Statten deß Königs wie auch zu Benin selbsten also gehalten. Genante Statt Lago hat einen großen Zugang zu wasser und landt, mit ihren kauffmanschafft, und sehen er gewirekhten flug- neiten baumwollen düechern von allerley färben und figuren. Es wechßet in dißem Königreich vil Pfeffer, doch etwas kleiners den in Ostindien, hat stil wie Cübeben, ist 2 ) denselbigen auch in der greße gleich, aber gar scharpff. Es gibt auch Ellephanten zän, und schwentz von Ellephan- ten, die seind auf der Goldkust von Guinea so theür, daß einer daselbsten gilt ein Binda Golds, das ist ein Untz Gold. Für Gold brauchen sie kleine schneckhen heüßlen, und eben die jenige, welches die Jacobs Brüeder uf den hüeten v tragen, sel- bige haißen sie Bufchir. Man kan auch darumb kaufen, was man will, sie achten kein Gold, wie auch kein Silber. Daß (sol) hal- ten sie aber so hoch, wie auch alles was rot ist, darumb darf auch keiner keine roten Cor allen oder roten Scharlach tuoch, deßgleichen kein Hollandisch leinwat tragen, der König erlaub ime dan solches, und demnach nit mehr, alß ime vom selbigen erlaupt wirdt. Allerhandt victualien, und gute schnabelwaid, kan man bei inen wohl überkomm en ; wie nit weniger stattliche visch, sovil man derselben begert. Der König hat uns drey monat von dem land gespeißet, mit allerley guten fisch, und mit gutem flaiß. 1) Hs. Fontier. 2) Hs. in. 119 Dißes land hat und gibt vil allerley gute fruchten, alß Be- nannes Baconas Indiammes Betattas Lemonen Citronen Pomeran- tzen Ananaßen, und dergleichen wie man sie dan uf der gantzen kust Jangf findet. Wan sie ihr todten begraben, so tragen sie zuvor ihre leich- nam in einer Barn gantz in der Statt herumb, vor der Bar her singen sie, und tantzen, deß verstorbnen weiber, sein rechtes weib ist die nechste an der Bar, sie hat ein schiflein mit wasser, und ein grienes laub in dem maul, dantzet also darmit vort, sie tra- gen auch~ ein gaiß, und einen scbwartzen steckhen vorher« in der hand. Wanjsie nur schier zu deß verstorben hauß khommen, so stoßen sieTdie gaiß dreymal mit dem steckhen auf den kopff, und sprechen dreimal also, A/e zing gete. Alß dan stechen sie der gaiß die gurgel ab, und ziehen den steckhen dreymal durch den stich, biß er gar blu ottig ist, damit spritzen und sprentzen sie also das bluot uf ihre weiber , darnach graben sie in in seine kammer, da er geschlaffen hat. Sein eltester Sohn, der ime succediert, hat sein bet hert an seinem vatter, der da begraben ligt, und wan er etwas ißet oder trinckhet, so gibt er den ersten bißen seinem vatter. Wan man sie fragt, waß sie darmit meinen, so sagen sie, wan sie eßen, und ihrem abgestorbnen vatter nit auch dar von geben, so mache }br vatter, das sie weder glückh noch segen baten, darum b geben sie alzeit von aller cost am ersten. Wan wir dan weiter sagten, er eße doch nit, sonder ihre hüener, so lachen sie und andtworten, ir vatter esse zwar, das man so vor äugen sehe, nicht, sondern nur die crafft darvon. Auf selbigem wahn bleiben sie und laßen sich nit darvontreiben. Sie beweinen ihre todten drey monat lang, alle tag zwey mal , und in demselben hauße, da der verstorbne vatter ligt, hat der Sohn, der ime succedirt. alle köpf von den thüeren, alß küe gaißen Schweinen hüener schaffen etc., die sein vatter geschlachtet und geßen hatt, umbher aufgemacht, sihet eben wie ein altar. Sie haben auch große Ellephanten zän darbei lai- nen, sie machen auch sovil hiltzene köpff herumb, sovil der ver- storbne vatter bei seinen lebzeiten im kriegsweßen feind umbge- bracht und erschlagen hat. Dan es gute dapffere kriegsleüt, ein streitbar volckh, aber beneben from, aufrecht redliche leüt, die nit stelen wie die auf der Cust. Ihre Marckht halten sie bey nacht, und gibt große Marckht 1 ) bey inen, da etwan vil hundert weiber auf, und haben vil Wein de palm fail, den gibt es daselbsten so gut, das man in uf der gantzen Cust nit besser findet. 1) Vgl. darüber Arthus S. 104. 120 Von dißem Königreich und desselben in wohner, sonderlich von der Justitien Ordnung und gesatzen, krüegsweßen, heürathen und dergleichen, were noch vil zu schreiben, weil es aber itzunder wegen kürtze der zeit zu lang, als laß ich 8 auf ferner gelegen- heit verbleiben. Prof. Dr. WCrecelius Elberfeld am Gymnasium « Dichtungen von M. Kurrer ') Aus dem Lateinischen 1 Tot und Begräbnis Schon wider, sih, mit einem Schreibebriefe komm Ich dir: der Menschen Schwachheit fordert mich heraus. Du schreibst, du hörtest gerne, was vom Kranksein, von Altweiberkuren dir ich mitgeteilt und hast Nach mer dergleichen Appetit. Der Stof erschepft So bald sich nicht, reicht biß zum Weltenuntergang. Wer dringt in jedes Labyrint, in jeden Schlupf, Wo seinen Schrit die Brut, die scheusslich finstre, hemmt? Und welch ein Kampf! besigtest einen Gegner du, Vergebens! gleich umzischen irer vile dich. So schlug der Vorzeit Heros einst der Schlange Haupt Vom Rumpf — zehn andre, schlimmre, schössen auf dafür. Herakles' Wiz und Waffen sind dir not, denn sonst Gibst, von Gefaren übermannt, du Fersengeld. Es haben alle Dinge Mass und festes Zil, Doch nur das Volk, unweise, weiss von Masse nichts; Grossmütterlicher Aberwiz, dem Enkel dünkt Er und der Enkelin ein Evangelium. Mit Kopf und Hand und Zunge streiten sie dafür, Hartnäckig, dass ir Göze ja nicht kommt zu Fall. Willst kampflich du den alten Wan besten, so nimm Dein Augenpar und deine Haut du wol in Acht! Lass Kindern ire Nüsse! Nimm sie mit Gewalt Nicht selben ab; es regnet Schmuz und Steine sonst. Nichts ist so unversönlich, als ein Weib auch, das Sich spöttischem Gelächter preisgegeben siht. Wie wütet die gekränkte! kampfegmut^ get Sie vor mit allen Waffen, und bald kommt Succurs. Was meinst du? hältst du der vereinten Rotte Stand 1) Alem. V 269 ff. 121 Der Weise schweigt. Du schweige, so du weise bist! Warum denn schweigen? Vorwärts will ich auf dem Pfad, Den ich betrat, die Klinge kreuz ich one Furcht. Doch wo beginnen, enden wo ? Wenn all das Zeug Ich rügen will, das tolle, reicht die Zeit mir nicht. Seis! aus dem Quark etwelches greif ich denn heraus: Komm mit zu meinen Kranken wider, wenn's beliebt. Wer will nicht alles helfen, wen empfllt man nicht Als Doktor und als Doktorin! zum Lachen ist's. Und wird die Krankheit ruchbar, welche Basenzunft Rückt schwazhaft nicht dem Dulder ringsher auf den Leib! Da wird mit Lebenshoffnungen er aufgeregt, Mit waren und erlognen, Jede weiss etwas. Das Wörtlein Tod, von keiner Lippe, war es noch So leise, will's, und stünde diser vor der Türe schon. Dem Arzte, der den Ausspruch tut, geförlich steh* Die Sache, keine Hoffnung sei mer, ist man bös, Man zögert mit dem Priester, hält vom Bett in fern, Dass in das Amt der Sippe nicht er übergreift. Und kommt er, weicht vom Flecke kein 8, damit der Mann Nichts beichte, was den Seinen schlirüm bekommt hernach. Dagegen weiss das Völkchen Alles was den Tod Anzeigt und sorgsam auf die Zeichen achtet es; Sie sind ein Wink von oben ja dem Menschen, heisst's, Dass sich zum Tod bereitend er sein Haus bestellt. Willst näher du die Zeichen, die der Volksmund nennt, Dir ansehen, gut, ich künde dir die wichtigsten. Nachts auf des Hauses Dachraum hört man einen Fall, Dass von dem Hall erschütternd drönt der ganze Bau. Der Baum, des Gartens Zierde, den als Knabe noch Der Kranke pflanzte, welchen er als Mann gepflegt, Stet plözlich ab, und keiner weiss den Grund davon ; Sein Laub, jüngst frölich grünend, welkt, dann stet er kal. Gebell durchgellt die Nacht; im Holze pickt der Wurm; Das Käuzchen schreit; in Stücke klirrend springt ein Topf; Im Hause zirpt ein Grillchen ; an die Fenster schlägt Die nur im Zwielicht flatternde, die Fledermaus 1 ); Der eine Fuss der Lade, drin der Kranke ligt, Reisst, angebort von Würmern, ächzend mitten durch. — >• Ei, was ist da Besondres, wenn ein Ziegel fallt, Der unter Regen, unter Schnee verwitterte? Und wenn, derweil ein Käzltin auf der Mäusejagd 1) Volucris quae de vespere nomen habet: Das Tier hat nur im Lateinischen, nicht aber im Deutschen, seine Benennung (vespertilio) vom Abend. 122 Vom Balken hüpft, am Dache der Bewurf sich löst? Und wenn ein Baum vertrocknet und zu Grunde get, Weil seine Wurzel eine Wülmaus hat zernagt? Oft kommt es vor, des Baumes Blätterkrone welkt, Der aber, der in pflanzte, blieb gesund und frisch. ' Dem Hund ist voller Mondschein, Glockenklang verhasst; In hungert und ein Stückchen Brods beschwichtigt in; Von einer lauf gen Hündin hat er Witterung Und schlägt nun an, in engen Stalles Haft gebannt. Er seh ine stets, wenn Hundgebell dein Or vernimmt, Der Tod dir, traun, zu jeder Stunde stürbest du. Des Holzwurms Picken ängstet dich, als kündet 9 es, Dass ablief deines Lebens zugemessne Frist. weit gefeit! Das Würmlein denkt: allein zu sein, Tut nimmer gut, und klopfend die Genossin ruft's. Nun, schreckt dich dises Klopfen, das Gebälke brich, Das alte, weg und ziehe neu des Hauses Wand! Das Eäuzchen macht dir Sorge: Wald und Flur entlang Der Jäger mit dem Hunde zog im Morgengraun; Den Vogel hat sein Trit verscheucht, hinweggehuscht Vom sichern Orte krächzt er um so kläglicher. Den Topf, der fiel, zu spizig hat, noch nass, die Magd Aufs Bret gestellt und nun er trocken, kippt er um; Villeicht ein Mäuslein streifte gar zu nah vorbei, Brosamen suchend, wenig feite, stürzt der Topf. Ein Grillchen zirpt: im Kleide trugst du selbst es wol Vom Feld, da du spazierend dich ergingst, nach Haus, Wenn nicht im Grasr es heimgebracht die Schaffnerin; Der Wärme get, behaglich zirpend, dort es nach. Wer, brächte jede Grille gleich den Tod herbei, Wer träte dann noch in die Reih'n der Bäckerzunft? Die Fledermaus, 'im Dämmerlichte schwirrend, merkt Den Schein im Fenster, flattert hin und prallt daran. Stürzt auf die blanke Klinge sie nicht ebenso, Mit Gier, wenn deiner Stube Nachts Besuch sie macht? Der Fuss des Bettgestelles birst: das ist der Weg Für alles Fleisch, und altes Holz zernagt der Wurm. Gib stat der mürben Füsse neue dem Gestell Der Lade, drin die Mutter schon den An gepflegt, -Und dünkt das würd'ge Möbel neuer dir nicht wert, So schlag es doch zusammen, schaff es neu dir an. Und solche Dinge sollen Todesboten sein? Weib, o Weib, das glaube dir ein Anderer! (So gleicherweise lecket Bart und Pfote sich Die Zimmerkaze Morgens, weil sie gern sich puzt, Erscheint es dir ein Merkmal, dass Besuch dir w kommt, Du fegst das Haus und köchelst wacker darauf loß). 123 \ Zufällig starb auch einmal Einer bald hernach, Doch wer, der noch bei Sinnen, sucht ein Omen drin? Wol bricht, erstet die Sonne, manch ein Aug im Tod, Ist drum ein Todeszeichen auch die Sonne schon? Doch einen Kranken manchmal schreckt ein solches Nichts, Das Leiden steigernd, bis zum Tod es wirklich fürt. Starr blickt er schon, der Odem- ringt mer kaum sich durch. Blau färben sich die Nägel, zuckend klafft der Mund. Nun unterm Haupt das Kissen zieht sein Weib hervor, Dass sanfter in das Jenseits er hinüberschläft. Gebete spricht in sein verschlossnes Or sie noch, Auf dass die Seele gehe stracks zum Himmel ein; Auch trägt sie Grüsse sorglich an die Teuren auf, Die vordem schon zum Himmel eingegangen sind. Inzwischen wird, dass im sein Stündlein nahe, kund Und Alles drängt, ein ganzer Tross, zum Sterbehaus. Nun ist er tot. Sie drücken Mund und Aug* im zu, Ein reinlich Tüchlein breitend über sein Gesicht. Was aber soll das vile Reden? Welch Getös Verworrner Plauderstimmen füllt des Hauses Raum? Schnell aufgemacht die Fenster! ruft ein altes Weib, Gesperrt ist der befreiten Seele sonst der Weg. Die andre ruft: die Binenstöcke rückt vom Ort, Damit der Schwärm nachsterbe nicht dem toten Herrn. Den Essig, seufzt die Dritte, nemt vom Kellerbret, An Schmack und Ruch verwässernd, leicht sonst zieht er Kan. Die vierte forscht der Leichenstarre schweigend nach, Dann breit erklärt sie, weiter sterbe Niemand mer. Doch findet schlaff, beweglich sie die Glider noch, So heisst ir Spruch : ein Andrer folgt von euch im bald. Die Wonung räuchert eine fünfte, was in Sarg Dem Toten mitgegeben werde, zält sie her. (Vor Zeiten dem Verstorbnen liess man, was er sonst Gewont und was im Leben im das Liebste war, Selbst Sklaven, jenseits im zu dienen, Waffen, sich Damit zu schirmen, Speise, sich zu sättigen). Sinkt in der Jugend Rosenzeit ein Haupt dahin, Das wird mit holdem Blütenschimmer mild umkränzt Und Rosamaschen lächeln auf dem Sterbekleid Und über der Citrone faltet sich die Hand. Dem Adel wird sein bunter Anenschild gesellt — Den Anen ist sein drittes Wort ja stets geweiht — Und ists ein Kriegsheld, Schärpe noch und Schwert und Sporn, Sein Schlachtross auch, auf welches manchmal er sich schwang. Mir, scheid' ich, geben sie villeicht die Bibel mit, Mich hüllend in den Kirchenrock, den oft ich trug. Warum jedoch, wenn eine Wöchnerin entschläft, 124 Ir Nadel, Schere, Faden mitgegeben wird? Ich weiss es nicht, und nimmer kam ich auf den Grund. Wer das erklärt, mir warlich gilt er ein Apoll. — Die sechste drückt ein Rasenstück, damit er nicht, Nachziehend Andre, widerkert, im auf das Kinn; Sie heischt, bestatten soll man in von Jenem fern, Der, ach, in der Verzweiflung Hand an sich gelegt. Hört, wie sie schilt : o ruhte hier der Frevler nicht, Nie träfe Hagel unsrer Feldmark frohe Sat! Weiss nicht, wie der Gemeinderat sich so vergass In seiner Gutheit; anders war's in frührer Zeit. Verscharren sollte Solche man abseits, ja dort, Wo man den Galgen baute, so gehört es sich! Soll da, wo der Gerechten Asche selig ruht, Des erlös schwarzen Missetäters Stätte sein? Lasst ja, so ruft sie, morgenwärts die Leiche schaun! Pflichteifrig eine sibte weist die Träger an, Dem Grab verkerter Richtung nicht zu nahn, dass recht Er ligt und gleich vom Grabe kann dereinst ersten, Weil, wenn der Weltenrichter kommt am jüngsten Tag, Er, wie sie glaubt, von Sonnenaufgang nahen wird. Die achte spricht, wie sich die Witwe tragen soll, Wie um des Hauses Vater sich zu trauern ziemt, Wann und in welcher Ordnung sich der Zug bewegt, Wer singen soll und welche Strassen man passirt. Zwei Tage füllen dise Klatschereien aus. Und weder eine Zunge ruhet, noch ein Or, Denn durcheinander schnattern Alle — wer verstet's? Oft auch, was die gebeut, verwert .die andere. - Auch wird, dass nicht der Rede Fluss ins Stocken kommt, Die Kur bekrittelt, die dem .Kranken ward zu Teil. Schlug er nicht aus die Mittel, so die Schwieger im Empfolen, weil sie solche stets probat erfand, Nam einen andern Arzt er an, er lebte noch. Der, den er hatte, leider, was verstand denn der ? Zum Aufbruch mant die Glocke nun den Trauerzug, Da — mitten in's Geläute trift der Stundenschlag. Die ganze Schar Leidtragender, sie horcht bestürzt Und hält im Schreiten inne, wie vom Bliz gerürt, Ergrübelnd, wem sein leztes Stündlein jezo naht, Denn Stundenschlag im Grabgeläute weist auf Tod. Erst keinen Grabeskandidaten weiss das Volk, Keins ist ans Bet gefesselt, in das Haus gebannt. Doch hört es: der ist unwol, schlüssig ist es gleich: Der wird der Nachbar dessen, den man jezt begräbt. Entrüstung gleichwie Lachen zu verbergen, ist Dem Klügern schwer, dem Unsinn steuern, eitles Müh'n. 125 Habt ir mich lieb, so haltet das Altweibervolk, Beschleunigen taöcht' es meinen Tod, vom Lager mir, Und bist bei meiner Leichenfeier du dereinst, So kennst du meinen Willen, Freund, in disem Stück: Die Meinen tröste! scheuche fern den Plaudertross Und Niemand, denn die Totenfrau, berüre mich. (Auch die, mir scheint es, ist zuvil. Ein Leichnam ist Ja niemals schön und wird es auch durch Waschung nicht). Mag es geschehn, bestatten lass mich one Prunk Und mich geleiten sollen irer Wen'ge nur ! In Leinen, nicht der Amtstracht Würde, den Talar, Hüllt mich und lasst das heiige Bibelbuch beiseit! Nicht Schülersang, noch Glockenklang ertöne ! still Bringt, wenn des Abends Sterne flimmern, mich zur Ruh! Wo, gilt mir gleich. . Schönreden soll kein Priester mir Und kein gekünstelt Denkmal drücke mein Gebein! Das ist mein Wunsch, nun achte du darnach, dir soll Glückseiger Jare schönste Zal beschiden sein, Und wenn sich alt, ermattet, einst dein Auge schliesst, Ins Grab du sinkst, leicht werde dann die Erde dir! 2 Wandelgeister s Nein, sie sind kein Wan die Geister, noch der Tod das lezte Zil ; Nicht ins Nichts zerrinnt die Seele, wenn auch schon der Leib zerfiel. Mühsal beugt oft den Gerechten, drückt so lang er lebt in schwer, Tage, lange Nächte gänen öd in an und trostesler. Ha, so hat dahin die Tugend iren Lon? so war ein Spott All mein Leben vol Beschwerden, meine Liebe selbst zu Gott? Färt ins Nichts dahin die Sele mit dem Tode, wer noch spricht, Dass der Mensch ein höhres Wesen, denn das Tier? ich fass' es nicht. Die Vernunft, wer sagt wozu sie für die kurze Spanne Zeit? Warum für mein redlich Streben erat' ich sovil Bitterkeit? Müsst ich nicht, wenn jedes Hoffen mit dem Sterben abgetan. Klagen, dass ein Gott? ja glauben, dass die Gottheit nur ein Wan? Heizte mich es nicht, den Bösen, welchen alles herrlich glückt, Gleich zu handeln, zu volfüren einzig was das Herz entzückt? Oder bliebe mir nur Jammer, nichts was Labe mir verschaft, Ein erlösend Zil mir winkte dann der Abgrund, der da klafft. Sihe, diser sammelt Schäze, zu befrid'gen sein Gelüst, Alles was das Herz begeret, dient im biß der Tod in küsst; Mir dagegen, aller Mühsal, aller Tätigkeit zum Hon, Wird der Sorgen Bürde, wird der Fluch der Armut nur zum Lon. Dort beharrlich wird gehätschelt von dem Glück ein schnöder Wicht Und in hohen Eren prangt er, und das Unglück kennt er nicht. Nichts von Krankheit weiss ein Dritter, von der Seinen Schmach und Pein 126 Und in quälen keine Menschen — und nur ich soll elend sein? Wozu nüzt mir noch das Leben? war es besser nicht fürwar, Wenn ich nicht geboren wurde, denn zu leiden immerdar? Seis! Bezäme deine Klage! Denn es ist Verwegenheit, Sich zu keren wider Gottes Allmacht und Gerechtigkeit. Harre mannhaft aus! dein Ringen füret sicher einst zum Heil Und, wills Gott, ein neues- Leben wird, ein schönres, dir zu Teil. Wer in seines Vaters Arme widerkeret, fürchtet der Je sich vor Gewitterschauern, vor des weiten Wegs Beschwer? Zwingt durch sturmgepeitschte Wogen nicht der Schiffer seinen Ean, Unentwegt, und grinst der Tod auch jeden Augenblick in an! Fest gerichtet ist sein Hoffen auf den lang ersenten Port Und sein Mut verläset in nimmer, denn die Hoffnung ist sein Hort. Hoffe du nicht minder ! Lieblich aus dem dunkeln Schoss der Nacht Bricht ein Stral oft, und die Wolke schwindet vor der Sonne Pracht. Sprich, wenn dir der Fride lächelt nach so mancher dumpfen Qual, Hat für dich er im Geleite nicht der Freuden reiche Zal? Und wenn durch dein Erdenleben Finsternis dich auch umringt, Helle wird es um dich werden, wenn der Tod die Fackel schwingt. Elend schäz ich, glücklich keinen, eh des Lebens Form zerbrach, Solon gleich, der einst zu Krösus dises Wort, das weise, sprach. Die Entscheidung deines Lößes trägt der lezte Tag im Schoß, Lief erst diser ab, entrückt ist dann des Zufalls Spil , dein Loß. Der ein Leben lebte voller Trübsal, jeder Freude bar, Dessen Leib voll Beulen, dessen Armut all sein Reichtum war, Lazarus, als er das Auge schloß, er für zum Vaterschoß Abrahams empor und seine Seligkeit ist grenzenlos. Doch dem Reichen, dem das Glück sich treu biß in den Tod erwis, Der im Taumel der Genüsse lebte wie im Peradies, Färt dahin er aus dem Leben, aus der Pracht und Herrlichkeit, Im ist, wie das Feuer brennend, ew'gen Schmachtens Qual bereit. Also ging zu Himmelswonnen Jener aus der Leidensnacht, Also haben Erdenfreuden disem ew'gen Fluch gebracht. Lebe neidlos! das gesteckte Zil erstreben, sei dir Pflicht, Aber wirst du sterben, etwas bleibt von dir, das stirbet nicht. Die dem Leib gebot, der Sele bleibt bewusst das ird'sche Sein: Guten Geistern winkt der Himmel, böser harrt die Hellenpein. 0, das sind die alten Märchen, die des Dichters Hirn gebar, Nicht ein Einz'ger der vernünftig, hält dergleichen je für war. Lüfte doch der Dichtung Schleier, sihe da, geschriben sten Findst dahinter du: nicht Alles soll im Tod einst, untergen! Geh, schlag auf die frommen Bücher, Gott zu danken, der dich lert, Dass ein neues, bessres Leben nach dem Tode dir beschert. Fragst du, wo die Seele weile, wenn der Leib zerfiel zu Staub, Wenn in Todes Haft verfangen er dem Grabe wird zum Raub? Wallt sie, Grabeswacht zu halten, luftgewoben um die Gruft Oder schwebt sie, unermessne Räume messend, durch die Luft? 127 Wo sie weilt, ich weiss es nimmer, die villeicht, wenn sie entwallt, Schon sich hüllt in eines künftigen Leibs beginnende Gestalt. Wo sie weilt, ich weiss es nimmer. Doch ich weiss, dass, wo sie weilt, Aus dem Mund des Weltenrichters sie das Machtgebot ereilt. Denn, vereint dem Körper wider ruft er sie vor seinen Stul: War sie fromm, sie wallt gen Himmel, war sie bös, zum Flammenpful. Die da Schlimmes einst im Leben übten, lassen im Moment Ab davon, sobald die Seele sich von irem Leibe trennt. Erde wird der Leib einst werden, ob er nun die Raben närt, Oder ob in sengt die Flamme, oder wohin sonst er fart. Ist er Erde doch! Zur Erde kert er, wie der Herr verheisst, Wärend seine feste Wonung angewiesen ist dem Geist. Ist er selig, warum sollt er wechseln seinen Aufenthalt, In die Heimat seiner Leiden widerkeren mit Gewalt? Ist er ein verdammter, darf er wider an die Oberwelt, Die da leben hundertfaltig ängstend, wie es im gefallt? Ueber wen der höchste Richter seines Urteils Spruch verhängt, Darf der wol dem Zwang entrinnen, der den Büssenden umfangt? Mag von Geistern und Gespenstern man auch hören noch so vil, Warlich eitel Träume sind es, müss'ger Köpfe müssig Spil. Freilich, als ein Knabe glaubt ich auch daran in meinem Sinn Und der Amme, die mich hegte, dank ich das, der Schwazerin, Die mir, dass ich munter blibe, oft wenn schon zu Bett ich lag, Manche grause Spukgeschichten ernsthaft zu erzälen pflag. Darum ging auch nie zur Nachtzeit aus der Kammer ich allein, Oder one Leuchte, draussen, meint' ich könnten Geister sein; Mid, sobald es dunkel^ worden, und des Nachts die Kirchhofwand, Fürchtete mich vor den Häusern, drin ein Toter sich befand, Jeden Pfad, der sich verästelt, denn man nimmt oft dort in Acht Lichter, welche gern den Wandrer irre leiten in der Nacht; Auch den Anger, drauf der Fallknecht die verlebten Rinder schleift, Wo den toten Küh'n und Stieren über's Or die Haut er streift. Dise Furcht, die knabenhafte, lag dem Jüngling noch im Sinn, Wie den Duft ein Fläschchen festhält, war einmal Essenz darin. Oft hab ich ir ausgeboten, immer wider kerte sie Und es brauchte, sie zu bannen, endlich Mannesenergie. Nichts mir mach ich jezt aus Geistern, allenthalben kann ich gen, Furchtlos, ob es noch so finster ; nichts, auch gar nichts lässt sieh sehn. Sihst den Mann du? Manche Fabel hört 9 er aus der Ane Mund, Leicht nach Hause kam er, eh die Sonne sank am Himmelsrund. Gläser blinken, Brüder winken, und so trit er, Weines voll, Erst um Mitternacht den Weg an, der in heimwärts füren soll. Was nun schaut er? einen Schimmel, auf dem Schimmel sizt ein Mann One Kopf und one Füsse, der als Rumpf nur gelten kann, Trägt den Kopf im Arm und hurtig ehe dass er sich's versah, Weg und aus den Augen ist er, dann auf einmal wider da. Voll Entsezen eilt er weiter, und der Ruf der Unke hallt 128 Dumpf und traurig wie ein Grablied, schaurig rauscht es in dem Wald. Und der Mond hat sich entschleiert, zauberhafte Schemen haucht Er vor's Auge, bis er plözlich hinter das Gewölke taucht. Schuf im erst der Reiter Grausen, dann das grelle Schattenspil, Aengstet nun das jähe Dunkel in erst recht, es ist zuvil. Was er einst vernam als Knabe, Niemands Freundin sei die Nacht, Wird im klar und sein Alleinsein fällt im auf das Herz mit Macht. Immer wider die geschauten Bilder siht er vor sich sten Und im ist, als ob er müsse noch vor heller Angst vergen. Zitternd an dem Leih, von Seh weisse triefend, keucht er durch den Wald, Draussen endlich, trabt er weiter durch die Heide nass und kalt. Sih, da glimmen Lichter, tanzen in dem Räume hin und her, Taumelnd stürzt er und im zähen Schlamme fast ermattet er. In dem Frührot kennt er endlich, das im Ost erglüt, sich aus, Rafft sich auf und triefend, klappernd trit er in sein ärmlich Haus. In umringen Weib und Kinder und verwundert forschen sie, Was im zustiess, denn sie schauten so voll Schrecken in noch nie. Also hebt er zu erzälen an, was er leibhaftig sah. Weit aufsperrend Mund und Auge, stet sein Büblein vor im da. Was es hört, es get gewaltig mit im um und offenbar Wird der Wald dem Son so schrecklich, als er es dem Vater war. Auch die Base kann nicht feien, die drei Menscbenalter zält, Denn sie muss doch auch erzälen, wenn man ir etwas erzält. Und so spricht sie: Nicht geheuer iat schon seit dreihundert Jar Diser Wald, verirrt ist Mancher Nachts darin, und das ist war. Ein gewaltger Räuber hauste dort, gefürchtet rings umher, Biß er, von der Märe stürzend, brach den Hals von ungefär. 0, gar vile Dinge weiss ich, könnte Kreuzweg* nennen dir, Wer zu Nacht auf selben wandelt, dem erget es übel schier. Hier ein Eichbaum. Dran im Nebel fand man Einen einst erhängt, Den nun nach Gebür ein Haufen Steine dort als Grab umfängt. Dort abseits ist eine Grube, die sich kaum dem Blick verrät Und die sich ein Dieb, gestolnes Gut zu bergen, klug erspäht. Dort im schattendunkeln Wäldchen fand ein schlimmes Par sich ein, Seiner schuldbewußtsten Liebe dort sich ungestört zu weihn. Dort begrub die Rabenmutter ir gemordet Fleisch und Blut, Doch das Schwert des Henkers sünte später solchen Frevelmut. An des Feldes ferner Grenze ward ein Markstein arg verrückt, Wer der Täter, keiner weiss es; Niemand hat die Tat erblickt. Doch am Orte, wo der Täuscher jene Missetat vollbracht, Siht man feurig als Gespenst in manchmal umgen in der Nacht. Alle dise Pläze mid ich, als ich noch ein Mädchen war; Zalte man mir tausend Gulden, nimmer wagt' ich die Gefar. Mer noch: dise Geister schweben selbst umher am lichten Tag, Biß man, fromm drei Kreuze schlagend, irer sich erweren mag. Ja, sie schweifen durch die Felder, durch die Wälder nicht allein, 129 In den Wonungen der Menschen stellen schreckhaft sie sich ein. So in seinen Wänden Einer eine schwarze Tat getan, Oder einen Schaz geborgen, und es trit der Tod in an Ruhelos ist seine Seele, die nun bang als Schatten get, Biß ein Mensch, sie zu erlösen, glücklich einmal anferstet. Doch auch starke Seelen gibt es, die sich Geistern herzhaft nahn, Welchen Macht von Gott gegeben, sie zu greifen, sie zu fahn. Solche nemen auf den Rücken und sie tragen weg den Geist, Bannen, schliessen, fern den Leuten, in in Holen ein zumeist. Lache drob auch leichten Sinnes unsre aufgeklärte Zeit! (Ach, der Untergang der Welt ist, wie mir dünket, nicht mer weit, Immer grösser wird die Bosheit, alte Sitte wird geschmäht!) Aber Geister gibt es ! glaubt es Einer, welche das verstet. Glaubig Mütterlein, wie wärmst du statlich auf den mönchischen Wan, Dessen Zwange wie so lange unsre Väter Untertan! Doch, sie waren nicht so töricht, schüttelten vom Halse klug Jenes Joch in das der Klerus fast die halbe Welt einst schlug; Nimmer auf dem Totenbette ward der Elosterschaz bedacht, Nimmer ward ir Gut zu Kirchen, zu Kapellen mer vermacht. Nein, in fremdem Honig schwelgen solte nicht die Hummelbrut, Einzig ire Kinder sollten erben all ir Gold und Gut. Aber starb der Leib, die Seele get zu düstern Hallen ein Und das Fegefeuer brennt sie dort von ird'schen Schlacken rein. Biß sich ire Zeit erfüllet und geläutert sie zumal Zu sich ruft der ew'ge Richter in des Himmels Freudensal. Doch solang nicht voll die Zeit ist, (die ein frommer Gottesmann, Von dem Glück dazu begnadet jenen armen kürzen kann) Trauervoll als Geister keren sie zurück zum Erdental Und sie flehen hoch und teuer, sie zu lösen aus der Qual. Brünstig Beten, Messelesen ist für ire Ruhe gut; Aber Messen unentgeltlich, ob ein Pfafflein solches tut? Nein, es will den Beutel spicken. Also müssen, die da tot, Geistweis umgen als Gequälte, welchen Mess' auf Messe not. Und Gebrauch, von disem Mittel machte man denn oft und vil, Denn bequemer, angenemer fürte keins so leicht zum Zil, Und die Menge war geängstet. Wunderselten waren die, Welche Gott zum Freunde hatten, welchen er sein Licht verlih, Dass sie nicht geschlagen wurden in des frommen Truges Bann, In die Fesseln, welchen Einer fast unmöglich mer entrann. Sei nun, mit Vergunst, mein Ausspruch durch ein Factum illustriert, Das dereinsmals in der Hofburg in der Kaiserstadt passiert. Kaiser Josef, jener Erste, seiner Völker Zuversicht^ Der, weil im die Nacht zuwider, auf den Scheffel hub das Licht, Von des Hofes Rittern allen innigst hieng er Einem an, Einem Fürsten, der dem waren Glauben zwar nicht zugetan. Daran stiess sich denn der frommen Schranzen engbegrenzter Sinn, Denn ein solches Bündnis bringe, wänten sie, nur Ungewinn. * BirÜDger, Alemannia VII 2 9 180 Drum den Freundesbund zu brechen, iren Vorteil, ire Macht Fest im Auge, sann die schlaue Camarilla Tag und Nacht; Aber da gerade Mittel, Weiberteufelei sogar, Nichts vermochten, also namen ganz besondrer Kunst sie war, Und frohlockten schon, als wäre der gewisse Sig ir Teil Und als wäre der verstockte Herrscher schon bekert zum Heil. Plözlich einstens vor dem Bette, da der Kaiser lag und schlief, Flammenzischend, kettenklirrend stand ein Teufelsbild und rief: Heisst das Frömmigkeit, o Kaiser? einem Kezer hängst da an? Soll, verfüret, deine Seele wandeln des Verderbens Ban? Ich auch war bei Leib und Leben gleichen Sinnes. Ruhelos Tausend Jare büsst. der Geist schon, ligt der Leib im Erdenschoß. Warlich bitten nicht die Heil'gen, beten Andre nicht für mich, Eitel dann ist all mein Hoffen, wandern muss ich ewiglich. ReiBs dich los von disem Freunde, der der Höllen einst verfallt, Oder, stirbst du, sei demselben auch im Schwefelpful gesellt! Oftmals Hess der Spuk sich schauen, stiess noch oft die Drohung aus. Und der Herscher bleich und seufzend irrte . durch das Königsbaus, Biß der Freund, ein Prinz von Sachsen, nach dem Grund der Blässe frag Und dann, seinem kummervollen Freund zu helfen, Sorge trug. Unbemerkt zur Nachtzeit schlich er in des Kaisers Schlafgemach, Legt sich hin an dessen Stelle, wolgefasst, und hält sich wach. Und der Unhold naht sich plözlich. Feuer sprüt aus seinem Mund, Brüllend, mit den Ketten rasselnd macht er seine Drohung kund. Doch die Täuschung war am Ende und des Trugs Vergelter nah, Nicht der Herscher, der geschreckte, Friedrich selbst, sein Freund, ist da. Unerschrocken von dem Lager springt er, stürzt mit Donnerlaut Auf das*Scheusal sich, das nimmer mcr zu rüren sich getraut, Greift 's und hält es fest umklammert, reisst ein Fenster auf und hört Nicht das Winseln, nicht das Bitten, wie der Geist in auch beschwört, Den mit Risenarmen fasst er und er wirft in one Wal, Gleich als war' es nur ein AefFchen, in den Graben am Portal. Ein Vermummter mit zerschundnen Glidern bot dem Blick sich dar, Als es graute — dran ersah man, was es für ein Teufel war. Der gebeugte Kaiser aber, ob sein Zorn auch war entloht, Muste lachen, bald auch wider kerte seiner Wange Rot. War der Freund, dem das gelungen, wert im erst, so ward er jezt Im noch werter. Sagen lasst mich nur noch das zu guter lezt : Kunde get, aus deinem Volke stund ein Mann einst, Friedrich, auf, Der wie du dergleichen Geister überwältigte zu häuf. — Wer kein Tor, der nüzt die Lere und sobald ein Spuk sich rürt Und das Volk in seinem Wane der Dämonen Walten spürt, Weiss er, dass Betrug im Spile. Doch das Volk, es wird berückt, Wird misbraucht, dass ja den Herren keiner in die Karten blickt. Denn sie brüten unermüdlich Trug und Arglist und Verrat, 131 Im Verborgnen still erlauernd die Gelegenheit zur Tat; Prägen Geld, so keinen Wert bat, von geringem Korn und Schrot, Dem Gesezeswort entgegen, das mit Strafe diß bedroht; Mit dem sündigen Gewinne nach Beschüzern schauen sie, Was die einen lustig raubten, decken und verbergen die; Ires Raubs Gewinn zu teilen, halten sie Zusammenkunft, Neue Bänke, neue Plane schmidet hier die saubre Zunft. Wer da klug nicht will er wissen, was sie treiben im Verein, Nein, Beleidigung gewärt im, solchen Leuten fern zu sein. Aber wollen seines Hauses heil'ger Schwelle Geister nahn, Allenthalben spürt und späht er, Wachehaltend auf dem Plan, Dass bei Nacht und Nebel keiner, welcher einem Geiste gleicht, Stele seiner Tochter Liebe, noch die Gattin im beschleicht, Noch im raube seine Schäze, noch, dieweil bestürzt das Haus, Tief im Keller supfe seine weingefüllten Fässlein aus. Nimmer sind im solche Freunde, solche Schwigersöne wert Und hinweg mit Geisseihieben scheucht er sie von seinem Herd. Geister, die mit hochgeschwungnem Knüttel er bewältigen kann, Dass sie gerne ferne bleiben, fürchtet nicht der brave Mann. Was man sonst von Geistern redet, die da gen um Mitternacht, Hirngespinnste sind's, worüber, fern von jeder Furcht, er lacht. Seine Kinder unterweist er, dass kein Graun sich schleicht hinein In die zarten Kinderherzen und sie hält in langer Pein ; Denn wem solches Zeug als Kind ward in den Kopf gesezt, es bleibt Fest dort haften, dass kein Mensch es je so leicht daraus vertreibt, Und wenn Mäuse, Ratten, Kazen galoppieren durch das Haus, Noch als Mann im allenthalben bricht der kalte Angstschweiss aus. Er verbeut, dass seinen Kindern man den Namen Satans nennt, Hält von jenen seiner alten Köehin sie drum auch getrennt. Alte Bücher, abergläubisches Zeug enthaltend, Band um Band, Wandern in den lezten Winkel, wirft er in den Feuerbrand. Wenn die Ane, wenn die Tante, der die Welt voll Geister scheint, Ob das Kind sich auch entseze, nur damit es nicht mer weint, Nach dem Wauwau, nach dem Nacht-Rab, nach dem bösen Ruprecht ruft, Welche manches schlimme Kind schon Nachts entfürten durch die Luft, Dahingegen gute Geister denen* die gehorsam sind, Zuckerwerk und Obst bescheren, Kleider selbst zum Angebind; Wenn sie von den wilden Sehwärmen reden, die mit Saus und Braus Rittlings auf der Ofengabel rasen durch die Luft ums Haus, Welche zu des Satans Festen eilen durch die Nacht dahin Und kein Fenster offen dulden, wärend sie vorüberziehn ; Wenn sie dann von armen Sündern plaudern, die als Feuerschein In dem Kirchhof gen, von Hunden, welche Glut und Flammen spein: Laut nun zürnt er: wigt in Schlummer anders meine Kleinen ein, Sorget dass auf bessre Weise mag gestillt ir Weinen sein ! Kufen aber aus dem Orte seine Pflichten in hinaus, 132 Dann mit Sonnenuntergänge treibt es in gewiss nach Hans, Und wenn auf verschlungnen Wegen durch, die Nacht er wandeln muss, Sorgsam wacht er, dass der Wein im nicht berücke Kopf nnd Fuss. Wärend Jener nun im Dunkel, rauschumfangen, sinnverwirrt, Schemen, Geister, Hexen schauend, hierhin, dorthin schwankt und irrt, Lang vor Tag auf allen Wegen taumelt in die Kreuz und Quer Und zurecht sich endlich findet bei der Sonne Widerker, Siht der Andre nichts von allem, wandelt seinen Gang in Buh, Und gesund und fröhlich wider trit er auf sein Pförtchen zu. 3 Die Zigeuner * „Sah in einer Gasse Einen Galgen hübsch und fein; Sprach zu mir der Galgen: Hüte dich, Zigeunerlein !" Zigeunerlied Ich gieng einmal im schattigen Wald, es stund der Tag so sonnig, Mein Möpschen folgte meinem Schrit, mir war so wol, so wonnig. Beim süssen Sang der Vögelein ich hatte wenig Eile, Eichhörnchen hüpften zierlich froh, stillstand ich manche Weile. Tat sich der grüne Vorhang auf, dass vor mir lag die Ferne, wie durchflog der trunkne Blick den lichten Baum so gerne. Wol mocht ich so gekommen sein biß in des Waldes Mitte, Und weil ich eben müde war, so hemmt' ich meine Schritte. Ein hoher Eichbaum schattend stand, ich sezte mich darunter, Ich sass und zog mein Buch hervor, so blib ich wach und munter. Ich las Odysseus Heldenmär, des schlauen, vilgewandten, Des durch dein Lied, o Sängerpreis, Homer! so weltbekannten. Derweil bald da, bald dort spaziert mein Hündchen in den Loden, Bings um mich her nach Hundebrauch und schnuppert auf dem Boden. Auf einmal aber schlägt es an, aufschaut' ich von dem Buche, Springt zu mir her und schmiegt sich an, als ob es Hilfe suche. Und winselnd zupft es mich am Bock, als wollte mich es bitten: Auf, auf! und rasch erhebe dich und folge meinen Schritten! Ich denk' im Gen: was hat das Tier? Ein sonderbar Betragen! Von Beh'n ein Budel hat es wol erschreckt in seinem Jagen. Was sah ich? Prasselnd loht ein Brand, rings lagernde Gestalten: Die Körbe 1er, der Kessel singt; bald gilt's das Mal zu halten. Tiefbraun ir Angesicht, den Leib beschwert mit irer Habe, Zerlumpt ir Anzug und zerfezt, ir Har schwarz wie ein Rabe. Ein Bursche pustet in die Glut, indes den Topf zum Brande Zusezt ein Weib und Beiser sucht der Buben laute Bande. 133 Der streift des Katers Balg, und die bringt um mit kaltem Blute Die Tauben, und ir Bratspiess ist die derbe Haselrute. , ' •Ein and'rer stellt ein Jagen an auf seines Kindes Köpfchen. Im aber flicht die Frau das Har und bindet's fest in Zöpfchen. Dann sezt sie breit sich hin und beut die straffe Brust dem Jungen, Um dessen Blosse kaum zur Not ein Lappen Tuch geschlungen. Aus seiner Geige quetscht ein Bursch die schauerlichsten Töne, An irem Röcklein aber flickt daneben eine Schöne. Ein Büblein angeritten kommt auf einer langen Stange, Dem Schläger streut es Bröselein in seines Käfigs Zwange. Nun trollt es sich und rennt umher und wen es kann erschleichen, Den zupft er hinten, dann geschwind siht man den Schalk entweichen. Gleich ist er aber wider da und treibt das gleiche Necken. Und kriegt ein Schüppchen er einmal, muss in die Mutter decken. Dort unterm hohen Tannenbaum ligt Einer, halb sich lenend, Mit langem Bart und weissem Har, die Glider träge denend. Des Haufens Fürer ist der Greis, im hängt die Pfeif im Munde, Er zieht und wirbelt in die Luft den Rauch aus irem Grunde. Ich sah so hin, da schlug aufs neu mein Hündchen an. „Ich glaube, Sprach ich zu mir, am besten ist, du machst dich aus dem Staube. u Doch hatten sie mich rasch entdeckt: Heran schon lief ein Knabe, Der bat für seine Leute mich um ein« kleine Gabe. Ein Uebrigs tat ich : solchem "Volk trau Einer, der alieine. Vergnügt, wie sovii Geld er sah, von dannen sprang der Kleine. Zur Mutter lauft er, hält ir hin, was er von mir erraffte Und Jeder lief und ruhte nicht, biß er es auch begaffte. Da dankte mir der ganze Tross, mir aus der Ferne winkend, Den Schlapphnt zog der Alte gar vom Scheitel silberblinkend. Ein altes Weiblein aber hub vom Size sich zur Stunde, Die Haut voll Runzeln, grau der Kopf, kein Zan mer in dem Munde. Am Leibe war sie spindeldürr, ein Kropf am Hals ir schwappte, Ir Rücken höckrig wie ein Berg, ir Fuss, der rechte, knappte. Zu den Genossen kert sie sich, drauf nimmt sie mich zum Zile; Nun galt es, dass der Hexe braun nicht in die Hand' ich fiele. Doch wie sie sah, dass ich vor ir vom rechten Weg ablenke, Da greift sie aus, und auf dem Hals ist sie mir, eh 1 ichs denke. „0 haltet, ruft sie, lieber Herr, zu Dank Euch wird's geschehen, Zu furchten warlich brauchet Ir Euch nicht, o bleibt doch stehen ! Niemanden je, so alt ich bin (die Hundert schon beschrit ich) Hab ich gekränkt, o zeigt mir doch, Herr, zeigt die Hand mir, bit ich. Ir schlagt es ab, da doch ich Euch glücksel'ge Kunde bringe? Nichts brauch ich ja, denn Eure Hand : Kund sind mir vile Dinge! Bin auch zu lügen nicht gewönt — was ist da zu bedenken? Wenn ich nichts Gutes prophezei, braucht Ir mir nichts zu schenken. 134 * Nur Gutes, ant mir, sag ich Euch; in Minen and Geberden Les' ich's and Euer Herz verdient das schönste Glück auf Erden. Wer gerne teilt sein Scherflein mit, and nicht zu karg, den Armen, . Wol get es dem sein Leben lang, Gott wird sich sein erbarmen. u In's Auge fass' ich sie: Mir ist ein Grausen aufgegangen, Vom Kopf biß zu dem Fuss hinab war sie von Schmuz umfangen. Ich schloss mein Or, so gut es gieng, vor irer Zunge Pfeilen Und weiter schrit ich, sprach kein Wort; hier galt es kein Verweilen. Wie so nun, taub mich stellend, ich von ir mich abgewendet, Fortwandelnd, one dass ich nur ein Wort an sie verschwendet, Zur Bande .humpelt sie zurück. Doch weil sie nichts erwischte, Ward sie von Allen ausgelacht, sie aber flucht' und zischte. Ir widersprachen Andre laut, darunter auch der Junge, Den ich beschenkte; still jedoch stand nimmer ire Zunge. Ein Häuflein Weiber hat sich ir mitbelfernd zugewendet, Und nun entbrennt ein Kampf, der wol mit blauen Malern endet. Ich nam es aus der Ferne war, mir mocht' es wenig frommen: Den Heimweg hab ich, langsam nicht, durchs Blachfeld d'rum genommen. Ein Bauernbursch kommt hinter mir denselben Weg gewandelt, Gar froh gestimmt vom jungen Wein, den er beim Wirt erhandelt. Er bringt, weil bald die Hochzeit ist, dem Bräutchen hübsche Dinge, Manch lustig Liedlein singt er, dass der Marsch im bas gelinge. Er steuert heimwärts von der Stadt, wo zu bestimmten Tagen, Und heut 1 auch so, die Krämerschaft ir Marktzelt aufgeschlagen. Wie freut er sich, die weil der Sinn des Vaters nun erweicht ist, Dass sein das Mädchen und das Zil, das holde, bald erreicht ist. Wie Die mit irem Hinkebein in schaut in irer Nähe, Sie grüsst in, forscht, woher des Wegs? wohin die Reise gehe? Da bleibt er sten und schwazt, das ist ein Reden und ein Lachen! Und gibt zulezt noch gar die Hand dem wüsten, alten Drachen. Hierauf er zieht das Beutelein, die Alte zu begaben Und hebt sich weiter mit Gesang, um vollends heim zu traben. Und als er mir zur Seite war, ich frag in: „sprich, mein Lieber, Was wüste denn das alte Weib? Was giengst du nicht vorüber?" „Sie hat, er sprach, ein schönes Weib mir profezeit, nicht minder Ein langes Leben, heilen Leib, dazu gar hübsche Kinder, Und manche schöne Dinge noch." — „Du glaubst der schwarzen Alten Und zalst dein Geld noch, dass sie schön zum Narren dich gehalten?" „Nicht trauen sollt ich irem Wort? Sie hat mir kundgegeben Von meiner Mutter selig vil, aus meines Vaters Leben. Fremd war sie mir, die Augen mein sie nie zu sehn bekamen, Und dennoch kannte sie mich wol und nannte mich mit Namen ! Wer sagt ir, was ich selbst nicht weiss ? Wenn all das ir bekannt ist, So glaub ich, dass die Zukunft sie zu schauen auch im Stand ist." Mich kam darob das Lachen an: „So glaubst du das Erlogne? 135 Nur zu! doch hab wol Acht, du bist ganz sicher derBetrogne! Kein Zweifel, die Zigeunerin ist über dich im Klaren, Auch war 's zu wundern, wüstest du, woher sie das erfaren. Mir aber dünket schier, du bist zu rasch im Glaubenschenken, Dich hat das alte schwarze Weib berückt mit iren Ränken. Noch- kennst du dise Rasse nicht: willst du sie kennen, höre! Gut ist's villeicht für später, dass ir Trug dich nicht betöre. Sie schleichen in die Dörfer ein, um alles aufzuspüren, Was tauglich scheint, um iren Plan gehörig auszufüren. Noch ledig bist du. Wäre dir die Braut auch nicht verbündet, Die glücklichste Verbindung doch dir hätte sie verkündet. Was auch erfüllt den jungen Mann, dem um die frischen Wangen Der erste Flaum wie Schatten spilt, mit süsserem Verlangen? Der Jungfrau get es anders nicht, und wenn's die frömmste wäre ; Drum beiden wer von Hochzeit singt, er bringt willkommne Märe. Du bist begütert. Dein Gewand schon gibt es zu erraten, Das zeichnet dich vor manchem aus von deinen Kameraden. Verlassest du das Haus, du bist bei vollem Beutel immer, Dein Vater gibt dir, was du willst, zu knapp dich hält er nimmer. Und wenn es ein Vergnügen gilt, engherzig sparst du selten, Schlecht finden lassest du dich nicht und Keiner kann dich schelten. Das wüste sie, mit Schmeichelton hat sie dich eingenommen Und freut sich jezt, dass sie so leicht zu deinem Geld gekommen. Oft hat sie schon dein Dorf besucht und strich durch seine Gassen Und durch die Fluren rings umher, du darfst dich d'rauf verlassen. Du hast, weil in der Schule du, villeicht sie nicht gesehen; Du mustest Vor- und Nachmittags ja stets zur Schule gehen. Du warst, weil eben auf dem Feld, wol nicht zu sehn im Stande, Wie sie zu deines Vaters Haus die flinken Schritte wandte. Sie selbst auch sah villeicht dich nicht, obschon des Vaters Züge, Den sie schon manches Mal gesehn, bekant ir zur Genüge, . Wer kent in nicht? Du weisst ja selbst : wer ist im ganzen Flecken, Dem er, in Geldnot, nicht bereit, ein Sümmchen vorzustrecken? Selbst aus der Ferne mancher kommt nach eurem Haus gewandelt, Der Holz von deinem Vater bald,, bald Vieh von im erhandelt. Und oft auch gieng er über Feld, Ausstände zu kassieren: An Minen bist der Gleiche du, am Gang und an Manieren. " — „Sie wüste doch, wie alt ich bin, dass ich als kleiner Knabe Das Füsschen brach und dass ich dann schwer krank gelegen habe ; Sie wüste; dass der Vater sich mir zürnend abgewendet Und dass er jezt mir widerum die alte Liebe spendet." n 0, jedes Hauses Heimlichkeit mühn sie sich zu erschleichen, DVuin kent sie dich, 's ist ire Art, zu schleichen und zu streichen. DaBs von des Nachbars Enkelin das Herz dir eingenommen Und nun des säubern Mädchens Hand du wünschest zu bekommen ; Dass erst dein Vater Nein gesagt, bis endlich die Begerte Sein Herz, von deiner Liebe Macht bewältigt, dir ge warte; 136 # Dass er bereits mit Feldern dich, mit Wisen reich bedachte Und dir sein Haus, mit schwerem Oeld erst neu erbaut, vermachte ; Dazu den halben Vihbestand, den Wald nicht zu vergessen, Und einen Haufen baren Gelds, nichts spärlich zugemessen; Dass, wenn die Scheunen all im Herbst beginnen anzuschwellen Vom Erntesegen, er dir selbst die Hochzeit will bestellen: Das weiss das ganze Dorf — und sie, sie sollte nichts erfaren Von Dingen, die doch lange schon in aller Munde waren? Ja, das ist ein verschmiztes Voljc 1 Es will einst von den Borden Des Nil vertriben worden sein von grimmen Feindeshorden. Nichts ist es, als ver lauf nee Pack; nur Schlechtigkeit, die gross ist, Der. Hang zur Zügellosigkeit schuf, dass es heimatlos ist. Arbeiten? Nein! Die ganze Welt durchbetteln, ist erquicklich! Auch lässt es, wenn es nichts erhält, mitlaufen was im schicklich. Es spilt sein ganzes Tun, solang des. Sommers Tage wären, Im Wald sich ab, sein nächtlich Ruhn, sein Zeugen und Gebären. Doch wenn es get dem Winter zu, wenn kalt die Fröste schauern, * Der Wälder Bann verlässt es dann, kriecht unter bei den Bauern. In unsrer Gegend bringt zumeist die Zeit es zu, die kalte, Hier, weiss es, feit es nicht an Holz und sonstigem Unterhalte. Das Mausen aber hat es hier sich abgetan — weswegen? Weil so nur Unterschleif im wird, woran im vil gelegen. Doch zauberhafter Künste vil sich rümt es vor den Leuten Und weiss auf dise Weise fein den Landmann auszubeuten. Gern bannt es Geister aus dem Haus, und Hexen aus den Ställen Und doktert an dem lieben Vih herum in Krankheitsfällen. Besprechen will es Feuersbrunst, Geraubtes, widerbringen, Behilflich dem Verlierer sein zu den verlorenen Dingen. Die ganze Zukunft lige hell, so pralt es, vor dem Blick im, Und doch ligt tief in Finsternis sein eigenes Geschick im. Grossvater kam und Vater einst durch Schwert und Strang ums Leben, Doch keiner weiss, dass Gleiches auch mit im sich wird begeben. Stet schon das Zuchthaus hinter im, der Scherge mit der Rute, Der Henker mit dem glühnden Mal, er merkt es nicht, der Gute. Und, altgeworden, ruht er sich im Wald und auf der Heide Und merkt nicht, dass der Tod nach im ausstreckt die Arme beide. So haben — nimm es übel nicht! — gefoppt dich ire Künste, Und was die Alte dir verkauft, sind eitel blaue Dünste. Nun lerne künftig klüger sein durch disen kleinen Schaden Und trau dem Hokus pokus ja nicht wider, möcht ich raten. u Wie wurde da der Junge rot, schalt wacker auf die Alte: Sich blicken lassen soll vor im nicht wider sie so balde! 1 ) Stuttgart KarlDoll 1) Um dem Leser eine Probe des Urtextes zu geben, welche den- 137 Volkstümliches: Sagen vi 1 Der erstochene Geist In Augsburg sei es geschehen, daß ein Jesuit eine evangeli^ sehe Bäckermagd zum waren alleinseligmachenden Glauben be~ keren wollte und diß versuchte in Gestalt eines Gespenstes. Er sezte dem Mädchen dermaßen zu und erschreckte es so fürchter- lich, daß es gar zu arg war: wenn sie nicht vom Kezerglauben' ablaße, würde in der folgenden Nacht der Teufel selbst kommen und sie holen. Es habs die Magd dem Knecht geklagt und ge- beten ir beizustehen. Was geschieht? Die folgende Nacht ver- steckt sich der Knecht iii der Magd Kammer. Der Geist kam würklich und hub ein mächtiges Gepolter an. Der Knecht nicht faul, wischte herfür mit seinem Gewer. „Der Geist, diß ersehende hob seine vermeintlichen Teufelskrallen beide in die Höhe, geht auf den Knecht loß und will in erschrecken, der in aber in den Leib stieß,' daß* der Geist niderfiel und starr tot war. Der Knecht weckte behende jedermann im Hause auf, mit Vermeldung wie er den Geist erstochen habe." selben zugleich in den Stand sezt, über die Treue der Uebersezung sich einigermaßen ein Urteil zu bilden, sei es vergönnt, die schönen Schluß- verse des Gedichtes Tod und Begräbnis im Original hier mitzuteilen: Si me diHgitis, vetulas arcete cubili, Ne me languentem promptius ore necent. Sique meas vmquam tibi, Care! licebit adire Exsequias, nosces iara mea vota prius. Consolare meosl Turbam depelle loquaceml Nemo, cave, tangat me nisi membra lavans. (Non opus esse tarnen statuo lotrice. Cadaver Semper erit foedum nilque valebit aqua). Si poteris, quavis sine pompa trade sepulcro Me, paueosque meo funeri inesse sine 1 Lintea me cingantl Signum talare facessat Ofnoii, maneant biblia sacra domil Sint pueri mutif Sileat campanal Feratur Corpus, cum coelum sidera prodit, humum 1 Quilibet aptus erit locus! Absit praeco disertust Nee mea caelatus contegat ossa lapis! Sic, opto, facies, et sie mea vota beatam Annoram seriem Te superare volunt, Sique senex, vitaeque satur, tua lumina claudens, Ingrediaris humum, sit tibi terra levis 1 138 i 2 Ein Spiler und Flncher verirrt „Zu Eßlingen ward järlich am Tag St. Catharinä ein Markt gehalten, auf welchem, als einsten ein Edelmann verreiset, geriete er zur Spil-Gesellschaft. Es kam aber dazu, daß der Edelmann all sein Geld verspilet und da es nun dunkel worden, befale er dem Knecht die Pferde zu bringen und ritte auch noch selbiges Abends darvon. Unter Wege aber gedachte er fort und fort an sein ver- spiltes Geld, dessen denn vermutlich nicht wenig gewesen, daß er also ergrimmet, einen Fluch und Gottslästerung über die andere herauswarf, daß auch der Knecht darwider zu reden begunte, mit Vermelden, daß sie nun im Wald wären, auch Gott leichtlich ver- hängen könnte und so fortan, der Edelmann aber nur noch greu- licher gefluchet. Indessen stoßen im etliche Reuter auf (welche freylich lauter Gespenste gewesen) mit großem Geräusche und Ge- tümmel, dise salbeten den Edelmann mit Stößen dergestalt, daß er halbtot vom Pferde fiele, welchen doch sein bescheidener (sich auskennender) Knecht nach weniger Zeit wider zu Pferd brachte, ritten aber doch die ganze Nacht irr, bis sie Morgens früh in das Kloster Bebenhausen kamen, ganz matt und kraftloß und was den Edelmann betrifft so krank und schwach, daß er auch allda nacl^ 3 Tagen sein Geist aufgeben wie Manlius berichtet in Collectan." 3 Der Zauberer Husch „Glaubwürdig ist von etlichen berichtet worden, wie daß vor etlicher Zeit in dem Würtenberger Land ein großer Mörder um- gegangen sey, der dabei ein überaus großer Schwarzhünstier ge- wesen und kundte sich unsichtbar machen, wenn er wollte, mit Namen Nusch, für welchem sich jederman entsezte, wenn man nur seinen Namen nennen hörte. Diser zauberte sich auf eine Zeit bei Schorndorff zu einem alten verdürten abgehauenen Stock oder Trumm von einem Baum. Als nun eine gute arme Frau hinaus in den Wald, Holz aufzulesen gangen war, fände sie unge- fehr diesen Block am Wege liegen, dachte bald, ich will ihn nehmen und zu Hause schon zerhauen, nähme ihn auch, lüde ihn auf und trüge ihn mit sich. Als sie aber nahe an das Thor kam, finge der Nvsch an zu reden und sprach: alte Hur, stehe still, laß mich gehen, du hast mich lang genug getragen! Die arme Frau erschrack hefftig und ließe den Stock, unangesehen daß sie so hart und schwer getragen hatte, daß ihr der Schweiß darob ausgegangen, fallen, ließe darvon, Nusch aber verschwand/ 4 Von einem Sohaze „Es ist auf eine Zeit ein Pfarrherr zu Dontzdorff , oberhalb Gemünd gesessen und in seinem Garten einen Baum gefället, da- runter er Kohlen gefunden, die glitzerten etlichermassen, darob er sich verwundert und darvon etliche in seinen Sack eingestecket 139 Als er nun nacher Hans komen und die Kohlen wollen heraus- thun, siehe da waren es soviel Goldgulden, so viel nemlich er Kohlen hineingeleget und mit sich heimgetragen hatte. Er lieff bald wieder dem Garten zu, in Willens deren mehr zu holen, aber da war nichts mehr anzutreffen." 5 Dem Teufel verschriben „A. 15S7 ist eine Hex zu Dillingen gefänglich eingezogen worden, die soll 31 Jahr in ihrem Wittibstand gelebet haben als eine Hebamme; dieser hat der Teufel versprochen, sie in keiner Armut stecken zu lassen. Nun ist der Teufel zum andern mal zu ihr kommen und begehret, sie soll sich ihme ergeben und mit ihrem Blut unterschreiben: da sie aber sagte, wie sie nicht schrei- ben könte, da hat er ihr einen Ritz oder Riß an den linken Arm gemachet, ihr eine Feder in die rechte Hand gegeben und mit dem aufgefangenen Blut die Feder gefüllet, welche er ihr ge- führet und damit über das Papier x gefahren ; jedoch sei nichts darauf geschrieben zu sehen gewesen (wie sie hernach in der Tor- tur bekant und ausgesagt), welche Schrift denn der böse Geist zu sich, genommen habe und wenn sie hernachmals etwan zur Kirche gehen oder ein Gebet verrichten wollen, zur Stunde sei der Teufel zu ihr kommen und hab ihr solch ihre vermeinte Versohreibung vorgehalten." Bise fünf Sagen sind dem bekannten 1695 zu Nürnberg in Verlegung Wolfg. Moritz Endters erschinenen Volksbuche entnom- men : Bas ärgerliche Leben und schreckliche Ende des vieTberüch- tigien Ertz- Schwarzkünstlers B. Johannis Fausti, Erstlich vor vielen Jahren fleißig beschrieben von Georg Budolph Widmann — — durch Joh. Nicolanum Pßtzer med. Boct. nebst vorangefügtem Bericht Conradi Wolfgangi Platzii und einem Anhange u. s. w. (S. 30. 74. 114. 234. 405.) Vgl. Beichlin-Meldeggs Faust 2. Heft- chen S. 75 ff. und Anmerkung. 4 Genanntes Werk sagt S. 254 über den Begang : Und warum solte eben allein des Hasen, Wo lös Begegnen etwas Böses bedeu- ten und andere Thiere oder Menschen nicht, da sie doch eben vielleicht auf diese Weise begegnen, wie diese? Zu dem ists eine große Sünde aus dem Begegnen eines alten Weibs oder sonst eines Menschen, der gebrechlich, einäugig, oder gar blind und lahm ist, etwas Böses bedeuten, weil es ja Christen seind u. s. w. Die Heldensage figuriert S. 267: Sonsten schreibt man von dem Hü- debrandt, von dem starken Bieterich von Bern, vom starken Eck, dem Hürnen SeyfHed (welches Rüstung man zu Worms in dem Thurm zeiget) und andern grossen ungeheuren Riesen mehr viel Wunder Dings, welches aber alles mag in seinem Wehrt beruhen. 140 6 Else vergrabene Glocke Bei Oefingen (badische Baar) heißt eine Flur, ein Ackerfeld „im Flachtkirchle". Da ist eine silberne Glocke vergraben. Die Leute finden sie nicht, es kommt aber mal ein Schwein und wird sie herauswülen. Mündlich 7 Gehdrnte Hasen seien! gekommen, sagten alte Leute wenn die Hirtenbuben „Hängetlis" sputen, und manchmal einen loszubinden vergeßen ward. — Hat mit dem lepus cornutus bei Forer 69a nichts zu tun. Seitingen 8 Ein unterirdischer Weg gieng vom Kloster Reuthin bei Wildberg durch die Nagold bis zum Forsthaus. 9 Kinderholen In Vöhringen OA Sulz holt' man die Kinder im Aisch- oder JEischbaeh, der durch die Ortschaft fließt, oft wasserarm ist, aber doch dumpfe! artige Stellen aufweist. Da sind unter den großen Steinen Laden, zugedeckt. Die Hebamme lüpft die Deckel und fängt die Kinder heraus. In Bregenz sagt man: die Kinder kommen von Lindau aus dem Lindauer Brunnen. 10 Die Pelzlisel Teuffstetten gehörte vor mer als 130 Jaren einigen Fräulein v. Trexel, von denen es dann auf die v. Holz, dann v. Pfeil und durch eine Tochter des wirtembergischen Ministers v. Pfeil an den Herrn Alexander v. Seckendorf, Gutendischer Linie in Oberzenn, kam, der noch vor 20 Jaren in dem alten Schlosse des Orts wonte, und von dessen Sone Barth. Carl v. S. ich folgende Notiz habe. (Christoph Carl Ludwig v. Pfeil, der 1783, 74 Jare alt, gestorben.) Geistergeschichten sind nicht vile im Dorfe, aber seit langen Jaren pflanzte sich eine Spukgeschichte in und bei dem Schlosse fort, die der Tradition zu Folge von einer ehmaligen Fräulein v. Trexel herrürt, die ein grünes Corset mit Pelz ver- brämt und einen Bund Schlüssel tragend öfters sich noch sehen ließ. Vor etwa 17 Jaren erschin sie dem Mädchen des Schäfers zum erstenmal Nachts beim Schlosse und forderte sie auf, einen Scbaz im Keller zu heben. Das Mädchen gieng Nachts 1710 wirk- lich von dem damaligen Hofmeister des Herrn v. S. und anderen herzhaften Leuten begleitet, in den Schloßkeller, fiel aber in Un- macht. Nachher erschin die Pelzlisel ir an irem Bette und um eine Abzerung zu verhüten, tat der Schäfer seine Tochter in einen andern Ort, wo sie wirklich mit den vorigen Visiten verschont 141 blib. Uebrigens sah und hörte nun sie die Pelzlisel bei den- selben. Seitdem sah sie Niemand wider, aber in einem Zimmer des Schlosses, das jezt seit mereren Jaren unbewont ist, siht man zn weilen ein Licht, das mitunter wie eine Flamme auflodert. Der Beamte, der einst weil er Feuersgefar besorgte, hineingieng, sah beim Eintritte in's Zimmer nichts mer. Ehedem horte und sah man zuweilen besonders im Keller etwas, als noch Leute im Schlosse wonten, die Pelzlisel jedoch nie in Person. Aufzeichnung von 1802. f Pfr. Köhler ll Die Sage vom heiligen Dorn and heiligen Stein in Stadion Dise Sage ist enthalten und zu lesen in einem pergamen- tenen Büchlein der Pfarr-Registratur zu Stadion, 94 Seiten stark, welches die Stadion'sche Heilthumb verzeichnet. Wie der hl. Dorn in ider Monstranz von Jerusalem nach Deutschland und speziel nach Fünfstetten (bei Wemding) gekommen, gibt das Büchlein also an. Kitter Reimboldt von Wembdingen hatte circa 1530 als Pilger die hl. Stätten in Jerusalem besucht und disen Dorn mit nach Fünfstetten gebracht , wo er Herr und Obrigkeit war. In dortiger Pfarrkirche ward er aufbewart, biß sie durch das „Lutber- thumb gestirmet und en tunehret " worden. Gedachte Kirche sei zerstört und die Religion durch die Pfalzgräfische geändert wor- den. Da habe nun die tugendsame Frau Margarethe v. Wemb- dingen, geb. v. Seckendorf, weiland Jergen v. Wembding zu Fünf- stetten Ritters Wittib disen hl. Dorn in silbernem Monstränzlein vor der Zerstörung aus besagter Kirche geflehnet und in Be- warung genommen und etliche Jar heimlich bis 1568 aufbewart. Nicht lange vor 1568 hatte gedachte Frau vil Kundschaft mit einem Juden um Seidenwaren für ire Tochter und Basen, die edle Anna Susanna v. Wembding, Ursula v. Lochingen und Regina v. Echenheimb zu Wege gebracht. Da diser Jude oft zu ir und auch iren Sönen Hans und Otto Heinrich v. Wembding gekommen, sagte einmal der Hans zu dem Juden, er habe oft gehört, die Ju- den hätten gute Wezsteine und gab im den Auftrag, einen solchen beizuschaffen. Das tat dann auch* der Jude und schenkte in dem Hansen v. Wembding. Diser Stein wurde nun nicht bloß zum Wezen zum Giesfaß gehenkt, sondern wegen seiner Länge und Schwere von den Frauenzimmern und Näterinnen zum Auflegen auf die gefalteten Vorschürzen gebraucht. Dise Frau v. Wembding hatte damals für sich und ire zwei Söne und Töchtern einen Vormund, den Edlen Christoph v. Pappen- heim zu Hohenreichen und Wartingen. Diser kam anno 1568 bald nach Pfingsten gen Oettingen und Wembdingen auf Besuch. Er verblib da bis zum hl. Fronleichnamsfest. Als er aber, 142 weil er eine Monstranz zum Sanktissimum auf dises Fest in Augs- burg bestellt hatte, heimkeren wollte, so sagte Frau Margarethe zu im, er solle deswegen nicht so eilen, sie hätte eine silberne Monstranz und dise wolle sie im leihen. Er wollte sie nun zuvor beschauen. In einem Nebenzimmer war sie aufbewart, in welchem aber Fräulein Regina v. Echenheimb eine Vorschürze gefältelt und den obbenannten Judenstein auf den Falten ligen gehabt hatte. Er nam den Dorn aus der Monstranz heraus, um zu sehen, was er wäre und da gewarte er auch den Stein. Er wollte nun den Dorn am Steine erproben. Plözlich befiel in ein Schrecken und Zittern, er tat den Dorn wider in die Monstranz und wollte dise nicht mitnemen; denn am Steine sah er Blutstropfen, tropfenweis be-" sprengt. Unbedächtigte Meuschen wollten diß Blut wegwaschen und wegkrazen, aber sie vermochten es nicht. So die Sage, wie sie Frau Margaretha v. Wembding in Ge- genwart irer Kinder etc. etc. einem Berichterstatter erzälte, am 14. Mai 1571. Durch irer Sönerin Vater Wolf Dietrich von und zu Stadion, Arneck und Alberweiler, kam diser Stein sodann nach Stadion. Schöttle 12 Die drei Herrgottstritte im Hardt Zwischen dem Pfarrorte Hart heim und dem Marktflecken Stetten am kalten Markt (auf dem Heuberge, badischen Teils) zieht sich eine langgestreckte Nadelwaldung mit mäßigem Trocken- "tale fast zwei Stunden hin. Die Gegend ist öde, der Eindruck drückend fürs Aug und Gemüt. Fast am Ausgange des engen Tales, unweit einer Ziegelhütte, eine Viertel Stunde von Stetten stet eine kleine Kapelle, von Stationen umringt und ein Par Kreuze daneben, das ist der ganze Schmuck diser Waldpartie. Was aber gab Veranlassung, in dise verborgene Oede, wo ehedem die Füchse und Hasen sich gute Nacht sagten, eine Kapelle zu bauen? Die Volkssage erzält also : Ehedem war diser Ort der gewönliche Weide- plaz für die Rosse aus Stetten. Die kleinen Rossbuben fürten da nicht selten ein ausgelassenes, mutwilliges Leben und verwilderten im Herbste allemal arg. Darunter war einer, dessen Zunge das Fluchen geläufiger war, als das Beten. Als er einstmal wider so grausam fluchte, stund plözlich der liebe Herrgott in Menschen- gestalt mit aufgehobenem drohenden Finger vor im. Aber was half es? Er fluchte noch ärger, erhob seine Geißel, um den lieben Herrgott zu geißeln. Da sprang diser über drei Steine hinweg, der Bube im nach; aber der liebe Herrgott verbarg sich jezt vor im in ein Gebüsch und man sah in nie mer. Auf disen drei Stei- nen ist nun der Fußtrit des Herrn eingesenkt und nicht wider wegzubringen. Die Sache wurde bald ruchbar. Von der ganzen Umgegend strömten Leute, besonders mit Fußübeln behaftete, herbei und stellten den kranken Fuß in dise Herrgottstritte. Ein altes 143 Pfarrherrle von Stetten sezte seinen kranken Fuß auch hinein und alsbald war er von seinem Fußleiden befreit. Aus Dankbarkeit ließ er nun eine Kapelle über disem Stein erbauen. Von Zeit zu Zeit wird eine hl. Messe da gelesen. Die anderen zwei Steine sind außerhalb der Kapelle. Vom Frühjar bis Winter-Anfang ist sie ser besucht. In diser stillen Waldeinsamkeit, wo man kaum ein Vögelein singen oder einen Specht in seiner Tätigkeit als Baum- hacker vernimmt, ist es übrigens ungestört «zu beten. Schreiber dessen war schon zweimal dort auf seiner Reise nach Hartheim. Schöttle. Mündlich vom Vizemesner von Hartheim 13 Die Sage vom Pudel zu Hochdorf Hochdorf war noch im 12. Jarhundert ein adeliges Schlößlein auf einem mäßigen Kreiden-Hügel der Alb zwischen Dächingen und Mundingen. Von Ruinen siht man nichts mer. Der lezte dises Geschlechtes, Junker Hans v. Hochdorf hat im 14. Jarhun- dert für sich und seinen Ochsenknecht Hans einen ewigen Jartag in die Pfarrkirche zu Granheim gestiftet. Schon seit alten Zeiten gieng die Sage, daß im Schloßkeller eine volle Geldtruhe sich be- finde, aber Niemand getraute sich, disenSchaz zu erheben, da ein schwarzer Pudel mit feuriger Zunge und feurigen Diamanten- Augen auf der Kiste size. Es mag von jezt ab circa 80 Jare sein, daß 13 Bauren den Mut faßten und nach dem Keller gruben. Wol kamen sie biß zu im hin; allein alle ergrif unsäglicher Schrecken, einer Namens Link wurde sogar wansinnig und starb nach wenigen Tagen. Schöttle. Mündlich von Ziegler Koch in Dächingen u Die Erscheinungen am Buchstöckle In der Mitte zwischen Dächingen und Alt-Steußlingen dem Pfarrorte befindet sich ein kleiner „ Burren u am Faßwege, wo ehe- dem alte Buchen gestanden haben sollen. Vor Jaren stand noch ein altes verwittertes Bildstöcklein da- selbst und nicht weit davon ein uraltes steinernes Kreuz, wie man solche nicht selten an Wegen trift, ein sogenanntes Doloser-Kreuz, 5' lang und 5' breit, solche Höhe und Länge muste jedes messen. Wo ein solches stet, ist jedesmal eine Untat begangen worden und muste der Missetäter zur Süne ein solches Kreuz sezen und Gottes- dienste für den Ermordeten abhalten lassen. Als Knabe gieng ich hundert und hundertmal daran vorbei, war aber, zumal am Abende, herzlich froh, wenn ich vorüber war. Es ist nämlich da nicht ganz geheuer. Zu bestimmten Zeiten kommt es vor, daß ein Hund und besonders ein Wachtelhund lange Zeit neben einem daherlauft. Schon Hunderten kam diß vor. Bißweilen aber wälzt sich auf dem Wege immer eine Reisbuschel vor dem Wanderer her, one daß diser sie erreichen kann. Gefarlich ist, ir zu folgen, denn in disem Falle wird man jederzeit arg irre gefürt und kommt nicht heim und kennt sich nicht aus, biß die Gebetglocke im „Käppele" 144 in Dächingen läutet. Es ist diß eine alte 1465 gestiftete Kapelle außerhalb . des Ortes gewesen, die aber anno 1848 in den Ort hinein verlegt wurde. Welche Bewandtnis und welchen Zusammenhang die Stiftung der Kapelle mit dem Doloser-Kreuz, dem Bildstöckle und der Erscheinung hat, konnte ich noch nicht ermitteln. Schöttle. Mündlich von Loch und den eigenen Großeltern 15 Des Konstanzer Bischofs Frevelrit Stampf in seiner Schweizerchronik (V, 394b) erzält: „im 1503 jar reidt der Bischoff von Costentz im Klättgow den pau- ren durch das körn mit seinen Reutern und dienern, do schlug der donder vnder sie vom himmel, ein rossz zu tod vnd sunst 7 oder 8 rossz vnd mann zu boden, doch one Verletzung j res läbens." Dazu fügt Martinus Bohemus in seinem Kirchen-Kalender, Wittenberg 1608 S. 440 folgendes: Ob nun auch schon Gott der Herr nit alle zeit solchen Mutwillen mit dem Donner strafft, so sieh et er doch solchen Frevel woll und wirds ihnen zu seiner Zeit woll zu ver- gelten wissen, das solche Gesellen entweder zu armen Leuten und Hungerleidern werden u. s. w. 16 Schai bei Unterreichenbach *) Am Thannberg bei Unterreichenbach sind von den Leuten zu verschidenen Malen bald einzelne Schafe, bald Pudel gesehen worden, weswegen man glaubte, es lige ein Schaz dort begraben. Im Jare 1845 oder 1846 fand denn auch wirklich eine Frau (Barbara Bohnenberger vulgo Mätzebäbe) alte Münzen in einem Topf, man sagt bei 800 fl. im Wert, beim Ausgraben von Steinen an jener Stelle und von da an hat man auch keine Tiergestalten mer daselbst wandeln sehen. Unterreichenbach 17 Spuk in Unterreichenbach Nach dem Tode der Mutter des Schmids Kl. in Unterreichen- bach war es im Hause nicht mer geheuer. Besonders zur Advent- zeit rumorte und klopfte es im Hause, die Wige wurde geschau- kelt, daß die Kinder fast herausfielen u. dgl. Auch sahen Nach- barn, wie die alte Frau zum Büneladen heraussah. Mitten in der Nacht rief einst der Schmid, ir Son, um Hilfe und als die Leute herbeikamen, sahen sie die verstorbene Frau bei dem Spinn- rade sizen. Später fand ir Son auf der Büne 50 fl. Geld, das versteckt war. Von da an hat der Spuk aufgehört. Unterreichenbach 1) Die folgenden Sagen sind aus der Calwer Gegend; eine kleine Anzal sih Alem. YI 161 ff. Karl Doli. 145 18 Der Oelschläger In Unterreichenbach, wird erzält, lebte ein frommer Oel- müller, welcher allabendlich die Engel singen hörte. Die Sonn- und Festtage feierte er ser gewissenhaft. Einst aber hatte er sich an einem Samßtag Abend beim Henet verspätet und als er mit dem Heuwagen durch die Nagold für, blib er mit dem Wagen darin stecken, denn es war 6 Ur vorüber. Er hörte nun an disem Abende die Engel nicht singen und aus Kummer darüber gieng er hin und erhängte sich. Unterreichenbach 19 Der Ortsname Dennjächt Der Name des unterhalb Liebenzell am Bergabhange gegen die Nagold gelegenen Orts Dennjächt bedeutete one Zweifel nichts anderes, als Tännicht, Tannengebüsch, im Gegensaze zum Tann, welchen Namen einer zu disem Ort gehörigen, aber entfernt auf einer Bergecke gelegenen Häusergruppe zukommt. Die Dennj ächter selbst leiten die Benennung von „denen acht" ab, d. h. von den acht ersten Ansidlern, welche den Ort gegründet haben. 20 Unterhaugstett und Monakam Zwischen beiden Orten soll einstens ein Dorf gestanden haben, dessen Einwoner in den Eriegszeiten so ser zu leiden hatten, daß zulezt nur noch zwei Männer übrig bliben, Haug und Mona mit Namen. Schließlich haben auch dise beiden die Stätte des Elends verlassen und hat sich der eine zur Rechten, der andere zur Linken der alten Heimat nidergelassen. Aus den neuen Won- sizen, welche sie gründeten, entstanden nach und nach die jezigen Orte Unter haugstett, auch kurzweg Haugstett genannt, und Mona- kam, welch lezteres übrigens nachher seine Lage wider verändert haben soll 1 ). Mündlich 21 Fand von Wekershaasen 2 ) • Von dem abgegangenen Ort Wekershausen bei Unterhaugstett ist noch ein mit einer Steinplatte bedeckter Brunnen vorhanden. Auf disem Deckelstein, get die Sage, habe mal Einer ein Säckchen mit Geld gefunden und zu sich gesteckt. Als er das Säckchen da- heim öffnete, fand sich eitel Rossmist darin. Ursach, weil er, wie man glaubt, unterwegs „beraffelt" (beschrien) worden ist. Mündlich von Unterhaugstett 1) Alem. VI S. 12 Nro. 6. 2) Alem. VI 162, 6. ' Birlinger, Alemannia VII 2 10 146 22 Glaube an alte Rechte Wie in den Klosterorten des untern Schwarzwalds, so lebt auch in andern Gemeinden der Umgegend der Glaube, daß die im Besiae des Stets befindlichen Waldungen auf der Markung eigent- lich inen geboren würden. So heißt es in Unterhaugstett von dem Statswald „Allmand", in welchem der Gemeinde nur noch ein Brennholznuzungsrecht „ ausser Gnaden u eingeräumt ist, man sei halb des Glaubens, daß derselbe Gemeindewald war und kaum anzunemen sei, daß er seine Natur verändert habe. Ebenso „strau- chelt" man bei dem Statswalde „Bruoch", ob es nicht ein Ge- meindewald war. Man erzält sich, der alte Simme von Neuhausen, welcher mit einem Körbchen umhergieng und Gaben sammelte und jezt über 100 Jare alt wäre, habe oftmals gesagt: Wenn if wüß- tet, was ir für Rechte hättet, ir wäret die reichsten Leute. In Monakam änlich. Dort habe im zweiten Jarzehnt dises Jarhun- derts ein Pfarrer (Laib oder Ergenzinger), der des Kameralver Wal- ters Tochter gehabt, geäußert: Wenn sie im den Kleezehenten ein- räumten, so sage er inen, welche Rechte sie hätten. Es soll nämlich der Statswald Klingenwald zur Kapelle gehört haben. 23a Sage von unterhaugstett Es get hier die Sage, vor etwa 100 Jaren habe der soge- nannte Badwald einem reichen Herrn gehört; derselbe habe sich, weil im das Wasser nicht gut genug war, immer in Wein geba- det, nachher aber sei er mit dem Bettelsacke in den Ort gekom- men. — Auch spricht man davon, es habe sich vor Zeiten ein Graf in Unterhaugstett aufgehalten und bezeichnet das Haus des David Rexer als dessen Wonstätte. Mündlich 23b Neuhengstetter Ueberliferung Die Üinwoner von Neuhengstett sind die Nachkommen einer im Jare 1700 gegründeten Waldenserkolonie, die man deshalb heute noch die Welschen heißt und die jezt noch ire französisch- piemontesischen Familiennamen ' (Ayasse, Baral, Charrier, Heritier, Jourdan, Soulier, Talmon, Talmon l'armee etc.) tragen. Dise Wel- schen schiden sich ursprünglich in die vom guten Blute und die vom bösen Blute, welch leztere man für Hexenmeister und Hexen hielt. Der Ort ist so angelegt, daß er aus zwei rechtwinklig auf einander stoßenden Straßen bestet, in deren Kreuzung die Kirche ligt. In der einen Straße, der gegen Simmozheim, wonten die vom guten Blute, wärend die vom bösen Blute ausschließlich die andere Straße, gegen Althengstett und Calw, bewonen musten. Diser äußerlichen Trennung entsprechend bestand zwischen beiden Teilen lange Zeit auch kein Connubium. Noch länger hat sich dise Eigen- tümlichkeit in den übrigen Waldenserkolonien Wirtembergs, wie 147 in Pinache and Serres erhalten, namentlich in dem lezteren Orte, wo sich dieselbe heute noch nicht ganz verwischt haben soll. Mündlich von Neuhengstett, Ortsvorsteher 24 Die Simmozheimer Glocke Die Simmozheimer haben eine große Glocke, die mit der Figur eines Pabstes geziert ist. Dieselbe soll umgegossen worden sein und scheint nach den Dimensionen des Kirchturms für disen an- fanglich kaum bestimmt gewesen zu sein. Von diser Glocke get die Sage, sie sei nach den Eriegszeiten auf dem Felde aufgefunden •worden und da habe sie nicht anders geläutet, als: „Susanna, z'Simmozheim do muß i hanga. tf Daher wurde sie auch auf den Glockehstul des Kirchturms zu Simmozheim gebracht. Die von dem nahen Weil der Stadt, welche die Glocke gern gehabt hät- ten, boten sovil kleine Taler dafür, als man, Stück an Stück, auf dem Wege von Weil der Stadt nach Simmozheim legen könnte. Als aber beide Teile des Handels eins wurden und die Glocke zu Weil der Stadt aufgehängt war und läuten sollte, blib sie völlig stumm, so daß der Handel wider rückgängig gemacht und die Glocke nach Simmozheim zurückgebracht wurde, wo sie iren Dienst biß auf disen Tag getreulich versiht. Mündlich, Simmozheim Vgl. die Glockensage vom Wunnenstein bei E. Meier S. 342. 25 Der Ortsname Dachtel In alten Zeiten soll da, wo der Ort stet, eine große Schlacht geschlagen worden sein, die für den einen der streitenden Teile eine bedeutende Niderlage zur Folge hatte. Damals hat es, sag- ten nun die Leute, Dachtel, sovil als Schläge, gegeben und nannten den Ort darnach. In der Nähe des Orts, auf dem Widdumacker, fand man zuweilen verrostete Pfeilspizen. Nach einer andern Sage war da, wo der Ort stet und ringsumher, dichter Wald, in welchem one Zweifel geweidet wurde. ( Auch t weide, Auchtel, d'Auchtel, Dachtel.) 26 Wald bei Dachtel nicht gehener In dem Walde Gflößrain, in dessen Nähe auf Gärtringer Markung sich der Walddistrikt Edelburg mit Trümmern eines zer- fallenen Schlosses befindet, soll es nicht mit rechten Dingen zu- gin. Der Schultheiß Eisenhardt, ein ernster und vollkommen glaubwürdiger Mann, war einmal im Jare 1877 noch biß zum spä- ten Abend auf seinem unterhalb des Gfloßrains ligenden Felde be- schäftigt. Als er eben im Begrif war, das Feld zu verlassen, sah er aus dem verrufenen Walde eine weiße Gestalt hervorkommen, die sich, im entgegen, dem Wege zu bewegte, den er selbst ein- zuschlagen hatte. Es schin eine männliche Gestalt zu sein, die 148 aassah wie wenn sie ein Chorhemd über sich geworfen hätte, so zwar, daß vom Kopfe sovil wie nichts zu sehen war. So etwas war dem erlichen .Schultheiß noch nie vorgekommen. Nengirig, was das für eine Erscheinung wäre, sezte er seinen Weg fort. Eine Zeit lang benamen im Bäume die Auesicht. Als er nachher wider das freie Feld gewann, war von der weißen Gestalt nirgends eine Spur mer zu sehen Dieselbe konnte im nicht vorangekommen sein und doch kam sie auch nicht nach, so oft er auch stea blib und sie erwartete. Aus dem Mund des Schultheiß Eisenhardt in Dachtel i 27 Kegelnder Geist bei Darmsfielm * In einem Feldhäuschen zwischen Darmsheim und Maichingen (bei Böblingen) kann man Nachts oft kegeln hören. Ein Bauer von Althengstett, der des Nachts von- Darmsheim sich auf den Heimweg machte und dort passiren muste, wurde vor dem kegeln- den Geiste von dem Wirt gewarnt, worauf er die Warnung lachend und mit den Worten ausschlug: er seze im nicht auf! In der Nähe des Häuschens angekommen, sah er, daß im Innern desselben Licht brannte. Als er aber herzutrat um da hinein zu sehen, war das Licht auf einmal erloschen. Althengstett 28 Schai im Burgstal bei Döfflngen Auf der bewaldeten Bergspize bei der Stegmüle unweit Döf- flngen stand der Sage nach eine Burg, von welcher noch spär- liche Ueberreste vorhanden sind. Die Waldparzelle daselbst heißt heute noch der Burgstal. In den Trümmern diser Burg soll ein Schaz geborgen sein, welchem schon zu verschidenen Malen nach- gestellt wurde. Vor etwa 20 Jaren stellten einige beherzte Leute, darunter ein gewisser Raich, nächtliche Nachgrabungen daselbst an, und stießen endlich in einiger Tiefe auf einen Gegenstand, den sie als eine große Kiste zu erkennen glaubten. Im Begriffe, derselben sich zu bemächtigen, bemerkten sie auf einmal einen schwarzen Pudel auf der Kiste sizen. Entsezt machten sich die Schazgräber so gut es gieng davon. Dem Raich aber sprang der Pudel auf den Bücken und sezte im so zu, daß er, an allen Gli- dern zitternd, nach Hause getragen werden muste. Acht Tage darauf war der sonst kräftige Mann eine Lejche. An einer an- dern Stelle, ganz in der Nähe von der vorigen, im Teufelsloch ge- nannt, hatte eine andere Partie Grabungen angestellt, wobei sie auf einen tiefen Schacht stießen. Einer der Leute wurde an einem Seil in die Tiefe hinabgelassen ; derselbe hub jedoch mitten in dem Schachtloche zu schreien an und muste, ehe er auf den Grund kam, wider hinaufgezogen werden. Auch schon Lichter sind auf dem verrufenen Plaze schwebend gesehen worden. — Später kam 149 , es vor, daß ein par junge Männer in Folge einer Wette sich mit- ten in der Nacht auf den Burgstal begaben, disen begegnete aber nicht das geringste. Mündlich aus Döffingen 29a Umgehende Fräulein Im Edelburgwald zwischen Gärtringen und Deckenpfronn, wo jezt noch eine Burgruine stet, laufen Fräulein, die sich den Leu- ten schon gezeigt haben. Dieselben werden als eine blendende Erscheinung geschildert, alles an inen habe „geschättert und ge- blizt". £8 soll im Walde, wo sie gehen, ein Haufen Geld ver- graben sein, welchen sie hüten müssen. Das Besiztum gehört der adelichen Familie Hiller von Gärtringen. Mündlich von Deckenpfronn 29b Die Barthenschlacht Auf dem Felddistrikte Bartha der Markung Deckenpfronn soll in alten Zeiten eine bedeutende Schlacht, die Barthenschlacht, ge- schlagen worden sein. Ganz in der Nähe diser Flur zieht sich ein künstlich aufgeworfener Dammweg in der Richtung gegen den Hoh- wiel, einen runden, schanzenartigen Erdhügel hin, welche Werke übrigens beide den Franzosen zugeschriben werden. 30 Pudel bei Hirsau Auf dem Silberwislqsbuckel , einer Anhöhe zwischen Hirsau und Liebenzeil, gegenüber dem Dorf Ernstmühl, hat man oft einen schwarzen Pudel Nachts laufen sehen, der aus der Nagold ge- kommen sein soll. Merere Leute sagten bestimmt aus, daß er inen begegnet sei. Seit die sogenannte Wilhelmsstraße, die der Nagold entlang fürt, dort gebaut worden ist, hat man von dem Hunde nichts mer gesehen. Mündlich aus Liebenzell 31 Erdmännchen auf dem Hof Ltttienhardt Auf den Hof Lützenhardt bei Hirsau sind früher auch Erd- männchen gekommen, kleine Leutchen wie Zwerge mit wildem Aeußern und zerfezten Kleidern. Sie kamen aus der nahen Bruder» hole, in der sie ire Wonung hatten. War in dem Hofe etwas zu schaffen, so hatten es die Erdmännchen über Nacht geschafft. Sie kamen, unsichtbarer Weise, wärend der Feldarbeiten auch auf das Feld und legten Kuchen für die arbeitenden Menschen dort nider. Die Leute rochen denselben plözlich und fanden dann die will- kommene Labe in irer Nähe. Aus Mitleid mit den kleinen, ärm- lich gekleideten Männchen und um sich inen dankbar zu erweisen, ließen die Bewoner des Hofs inen einmal neue Kleider machen, die sie vor irer Hole niderlegten. Damit aber hatten sie dieselben vertriben, denn von da an kamen sie nie mer auf den Hof. Mündlich von Oberkollbach 150 32 Der Hasarensprnng bei Teinach Zehn Minuten hinter Teinach, am Wege nach Breitenberg, jedoch auf Liebelsberger Markung, da wo das Rindenhäuschen stet, ist die Straße durch eine Stüzmauer gegen den steilen Ab- hang geschüzt. Die Stelle heißt der Hnsarensprung. In Folge einer Wette die es galt, oder, wie andere sagen, zur Strafe, vil- leicht auch um sich einer Strafe zu entziehen, sezte dort einmal ein Husar mit seinem Pferd in den Abgrund. Der Sprung aber glückte nicht; Ros und Mann langten zerschmettert unten an. Vor 60 — 70 Jaren stand in der Nähe ein Wirtshaus, das einen Tannenzapfen im Schilde fürte. Mündlich von Liebeisberg 33 Spuk in Teinach Im Hause des Mezgers L. in Teinach hat es vor etwa 20 Jaren nicht unbedeutend gespukt. In einem Dachbiegel befanden sich allerlei Geräte aufbewart, darunter auch ein dreifußiger Stul mit einem runden Polster. Auf disen Stul und in die Kammer, glaubt man, sei ein Geist gebannt gewesen, den man für den eines gewissen Stabsrichters (Schradi) hält. Als der Stul in Folge eines Auctions Verkaufs aus dem Hause kam, vernam man im ganzen Hause, in jener Dachecke beginnend, ein merkwürdiges Gepolter, es wurden Gegenstände von irem Plaze gerückt, im Oern hörte man ein Schlucken und änliches, one daß man übrigens den Geist zu 1 Gesicht bekam. Der Spuk soll noch nicht ganz aufgehört haben, doch ist die Sache nicht mer so bedeutend wie früher. Einige bringen die Sache auch damit in Zusammenhang, daß einmal ein Wansinniger aus einem Zimmer dea Hauses über das Dach zum Backofen stig, in disen, der eben gefeuert war, hineinkroch und darin verbrannte. Mündlich, Teinach 34 Otter leistet Kindern Gesellschaft Landleute, welche im Felde arbeiten, nemen häufig die Kin- der mit hinaus, die sie dann an einen Rain sezen und dort meist sich selbst überlassen. Oft läßt man einem solchen Kinde wol auch einen Topf mit Milch zurück, die es verzeren darf. So ge- schah es auch in Sommenhardt, auf dem Felde zwischen disem Ort und Zavelstein. Allein sobald ein Kind dort allein war, kam regelmäßig eine Otter aus dem Büchenlaub, einem Buchwäldchen, das jezt in einen Eichwald umgewandelt ist, um an der Malzeit des Kindes Teil zu nemen. Die Leute kamen oft dazu und sahen, wie die Schlange von der Milch trank und wie die Kinder ab- werend sie auf den Kopf schlugen mit den Worten : Du, iß et no Milch, iß au Brocka ! Uebrigens hat die Otter den Kindern nie etwas zu leid getan. (Häufig.) Mündlich von Sommenhardt 151 35 Wilde Jagd bei Neubulach Der wilde Jäger mit Treibern und Hunden jagt auch bei Neubulach. Mit lautem Lärm und Getöse für er einst dahin, da beobachtete in ein Bauernknecht vom Dachladen aus und machte den Lärm nach, worauf ein Eselskinnbacken zum Dachladen her- einflog, damit er auch von der Jagd etwas habe. Mündlich. Neubulach 36 Steinkreuze bei Neubulach Wol kaum finden sich auf einer Ortsmarkung so vile Stein- kreuze beisammen, als auf der Neubulacher. Außer mereren ein- zelnen Kreuzen an verschidenen Stellen der Markung macht sich besonders eine Gruppe von fünf alten Steinkreuzen unterhalb des Städtchens an der Straße nach Oberhaugstett bemerklich, auf wel- chen meist eine Pflugschar eingegraben ist. Hier sollen, wie im Orte die Sage get, die Untergänger der Kirchspilsgemeinden zu- sammen gekommen, und in Streit geraten sein, in welchem alle gebliben seien. — Auch mit dem Schwedenkrieg hat man die Kreuze schon in Verbindung bringen wollen. Mündlich aus Neubulach An ein anderes, an der Straße nach Oberhaugstett stehendes Kreuz, auf welchem eine Kunkel mit Spindel abgebildet ist und das im Volksmunde die Spinnerin heißt, knüpft sich gleichfalls eine Sage, deren auch die Oberamtsbeschreibung Erwänung tut: Es soll hier eine Spinnerin geäußert haben, heute müsse sie noch einen Kunkelhalter haben und wenn es auch der Teufel wäre, wo- rauf sie richtig der Teufel holte. 37 Der Raloh In Oberhaugstett bei Neubulach erzält man, daß bald da» bald dort der Raich sich hören lasse, indem er plözlich au, au laut rufe und disen kläglichen Schrei oft biß zu dreißigmal wider- hole. Der Ruf klinge wie ein Rehruf, daher auch der Name des Geistes, Raich oder Rehgeist. Der Schultheiß Claus hat den Raich in einer klaren Mondnacht einmal in seinem Hofe bei dreißigmal rufen hören, aber nichts gesehen, auch habe sich der Hofhund vollkommen ruhig verhalten. Einmal hörte ein noch in später Stunde im Walde beschäftigter Besenbinder plözlich den Schrei des Raich neben sich, one das geringste zu sehen. Im Unmute über diso unheimliche Störung stieß er ein Scheltwort aus und machte sich gleichzeitig auf den Heimweg. Der Raich 'aber ist auf dem ganzen Wege nicht von im gewichen und hat in beständig mit seinem Rufe verfolgt. In neuerer Zeit läßt sich der Geist nicht mer so häufig verneinen, wie früher; doch treibt er namentlich in 152 den Adventsnächten sein Wesen zuweilen auch jezt noch. Es ist übrigens ein harmloser Geist, der Niemanden -ein Leid zufügt. Mündlich aus Oberhaugstett 38 Matesheer in Martinsmoos Hart an Martinsmoos, an die Häuser des Orts anstoßend, stand in früheren Zeiten ein Schloß, von welchem jezt nur noch Spuren des Burggrabens ersichtlich sind. An diser Stelle hat man früher oft einen gewaltigen Lärm vernommen, den das Mutesheer dort verursachte. Zuweilen ist dises wilde Heer auch mit lautem Getös über den Ort weg, an den Leuten vorüber gefaren, aber one jemanden zu beschädigen, wenn man sich stille verhielt und die Geister nicht beschrie oder verhönte. Einst sah eine Hanf- brecherin das wilde Getümmel an sich vorüber jagen und bemerkte hinter dem Zuge eine Weibsperson, die nicht nachkommen wollte. Auf den beherzten Zuruf der Bäuerin, sie solle machen, daß sie nachkomme, habe jene erwidert, wäre sie gegürtet und geschürzt, so käme sie schon nach. Die Hanfbrecherin band ir nun Werg um die Mitte des Leibes, worauf die Nachzüglerin dankte und dem wilden Troß nacheilte. Mündlich aus Martinsmoos 39 Der wilde Jäger In der Umgegend von Martinsmoos auf dem Schwarzwalde bei Calw lebte einst ein leidenschaftlicher Jäger, welcher nichts weniger als fromm war. Auf das Krankenlager geworfen, ließ er einen Geistlichen rufen. Als diser sich bemühte, in ernstlich zum Reiche Gottes zu bekeren, gab im der Kranke trozig zur Antwort: Unserem Herrgott soll sein Reich verbleiben, nur aber soll meine Jagd * verbleiben bis zum jüngsten Tag ! — Nun so fare hin ! rief der entrüstete Priester und verließ in. Bald darauf starb der gott- lose Mann und muste nun als wilder Jäger umgen. Die t Leute haben in schon, hoch zu Roß, mit drei Hunden jagen sehen ; auch ist es zuweilen geschehen, daß er mit • Pferdefüßen nach den Leu- ten warf. Seit einiger Zeit hat man nichts mer von im bemerkt: das macht, es soll seine Zeit, die 1000 Jare, die er zu gen hatte, abgelaufen sein. ' Mündlich aus Martinsmoos In dem benachbarten Oberhaugstett hat das Gespenst den Namen des wälschen Jägers. Weiter oben im Gebirg, in Agenbach, haust der wilde Jäger auch als Förster, indem er im Walde die Tannen auszeichnet. 40 Erdmännchen und Erdweibchen in Martinsmoos In das Haus des Bäckers in Martinsmoos sollen früher immer zwei Erdmännlein gekommen sein, welche im Haus und im Stalle halfen arbeiten, Sie hatten ganz zerrissene Kleider an, worüber der Bäcker 153 sich erbarmte und inen neue Kleider gab« Von da an bliben sie aber ans, denn jezt, wie sie beim Weggen sagten, seien sie ausbe- zalt. In dasselbe Bäckerhaus kamen zuweilen auch zwei Erdweib- chen zum Tanze. Dieselben kamen aus einer nur zeitweise fließen- den Quelle, einem sogenannten Seltenbrunnen auf der Wise im Brügel. Als sie einstmals beim Heimgange sich verspäteten und in die Quelle tauchtet), kam Blut aus derselben geflossen. Die Erdweibchen aber hat man von dort an nie wider gesehen. Mündlich aus Martinsmoos 41 Der Kornmesser Auf* dem Boden der Martinsmooser Kirche hat ein Kornmesser geleistet, warscheinlich ein Kasten Verwalter, welcher in seiner Ver- waltung unredlich war. Man hörte deutlich, wie er Korn abmaß und dabei rief : Mer Spreuer als Korn, mer Spreuer als Korn ! Jezt ist es ruhig. Mündlich aus Martinsmoos 42 Das wilde Heer bei Liebeisberg Derselbe Spuk, der in Martinsmoos vorkommt, scheint sein Wesen über Oberhaugstett bis nach Liebeisberg hin zu treiben. Ein Schmid, Namens Gottlieb Steinle, der 1812 den russischen Feldzug mitmachte, geriet zweimal in das Getümmel des wilden Jägers. Das einemal auf der Laite, einer hochgelegenen Flur bei Liebeisberg , als er von Teinach herkam. Auf einem Pferd one Kopf gewarte er einen Jäger mit einer großen Schar von Hunden, welche in umringten. Eingedenk der Warnung, daß man bei einer solchen Begegnung „nicht in der Luft schnaufen darf, sondern in den Boden gucken muß", legte er sich flach zur Erde, worauf die wilde Jagd über in weggieng. Das zweitemal war er im Buhler- stich, einem Walde zwischen Warth und Oberhaugstett. Auf einmal rollte . eine Chaise heran, hielt an, Diener sprangen ab und öffne- ten den Schlag, aus welchem nun vile Hunde herauskamen. Mit einenjmal aber waren weder Chaise noch Bediente mer zu sehen ; dagegen hub sofort ein merkwürdiges Jagen an, wovon zwar nichts zu sehen, desto mer aber zu hören war, denn die Hunde verfürten ein arges Gebell. Chaise und Hunde sah außer Steinle am nämlichen Ort auch ein gewisser Wurster von Neubulach ; der- selbe flüchtete sich und rannte nach Hause, wo er vor Schrecken drei Tage lang sprachlos zu Bette lag. Mündlich von Liebeisberg 43 Mädergeist Von alten Leuten in Liebeisberg wird behauptet, auf dem sogenannten Laitengarten habe man oft nach Ave Maria ein Reh bald gesehen, bald schreien hören. Es sei das der Mädergeist, 154 der die Vorübergehenden vom Weg abzuziehen suche, sonst aber noch Niemanden etwas getan hahe. Mündlich, Liebeisberg 43a Schwebende Lichter Von Breitenberg aus siht man in den Winterabenden oft ein, oft zwei Lichter über der jenseits der Teinach aufsteigenden Berg- wand, auf Liebelsberger Markung. Sie kommen näher und rucken ferner, „gaiern" (schweben) auf und ab; auf einmal sind sie weg, auf einmal wider da. Der Schultheiß Eübler in Breitenberg hat denselben schon stundenlang von seinem Fenster zugesehen, er be- merkte sie namentlich „bei wüstem, stürmischem Wetter". Auch hörte man vor 5 bis 6 Jaren von Leuten, welche Abends von Liebeisberg nach Teinach zur Hanfreibe giengen, sagen, es seien inen Lichter auf irem Wege begegnet. Mündlich aus Breitenberg und Liebeisberg Auch im Walde Plinkhardt auf Breitenberger Markung get ein Geist in Gestalt eines blauen Lichtes, der Plinkergeist; schon vile Leute haben in beobachtet, wenn sie aber demselben nahe zu sein glauben, sehen sie auf einmal nichts mer. Mündlich aus Breitenberg 44 Das Fleckenhockerle und das Schorchangesle In frühern Jaren sah man oft, meist in der Adventszeit in Schmieh bei Calw ein Licht, das von den Feldern, zwischen den Hecken hindurch in den Ort hereinkam, und bald auf dem Weg, bald auf einem Brunnenstein sten blib. Es war oft nur zwei, drei Schritte von Einem entfernt und die jungen Leute liefen im manchmal nach, um es zu haschen, was aber nie gelang. Er war ein harmloser Geist, der wie er kam, auch wider ver- schwand. Die jezigen Bewoner des Ortes haben die Erscheinung häufig gesehen; in neuerer Zeit zeigt sie sich weit seltener. Ein anderes Gespenst ist das Schorchangesle (Agnes), das in dem Wald Schorch bei Schmieh sein Wesen treibt und die Leute gern irrefürt. Mündlich aus Schmieh 45 Die Angelsau • In Oberkollwangen sah man früher öfters in den Advents- nächten ein schwarzes Schwein mit seinen Jungen. Es kam vom sogenannten Angel, einem Weideplaz außerhalb des Ortes, biß in den Ort herein. Dasselbe richtete sich vor einem kleinen Hause in der Nähe der Kirche auf und sah zum Fenster hinein. Oberkollwangen 46 Der Eisenkarch Leute, welche Nachts unterwegs waren, haben vor Oberkoll- wangen oft den Eisenkarch gehört, der an denselben mit einem 155 4 Geräusche vorüberfur, wie solches ein schwer mit Eisen beladener Karren verursacht. Zu sehen ist das Furwerk aber nicht. Unter andern ist der Earch auch dem Vater des Gemeindepflegers Han- selmann begegnet', der dann in großem Schrecken vollends nach Hause eilte und oft von diser Begegnung sprach. Oberkollwangen 47 Der Base im Sack Ein Bauer von Oberkollwangen, Namens Hanselmann, gab sich damit ab, Hasen in Schlingen zu fangen, die er dann Nachts vom Felde nach Hause trug. Einst hatte er auch einen Hasen ge- fangen , ließ in in seinen Sack springen und trug in der Heimat zu. Als er an einem Walde vorüberkam, rief eine Stimme in dem Walde : Hick, hack! Aus dem Sack! — antwortete es sofort: „Undi bin in's Hanselmanns Sack", worauf der Mann im Schrecken den Sack zur Erde warf und atemlos nach Hause rannte. Als er am nächsten Morgen hinausgieng, um seine Beute zu holen, fand er den Sack noch am Boden: der Hase aber war fort. Oberkollwangen 48 Strassengretle In der Nähe des Kronenwirtshauses in Hofstett, eines aus wenigen Höfen und Häusern bestehenden Weilers auf der Höhe hinter Calw, hat sich schon oft eine Frauensperson" gezeigt, welche mitten auf der Straße ein Kind hin und her bettete und die man das Straßengretle nennt. Welche Bewantnis es mit derselben hat, ist nicht näher bekannt. Von den eine halbe Stunde weiter berg- aufwärts ligenden Weilern Hünerberg und Meistern aus hat man das Straßengretle als helles Lichtchen auf den sogenannten Straßen- äckern bei Hofstett gesehen. Mündlich von Aichelberg Mit dem Straßengretle wird eine Erscheinung, die man im Wald Yögelesrain auf der Markung Oberkollwangen, eine Stunde von Hofstett entfernt, beobachtete, in Verbindung gebracht. Es .soll dort, unweit dem sogenannten Igelslocher Brunnen, wo vor Zeiten der Ort Igelsloch gestanden haben soll, nicht geheuer sein. Vor etwa 30 Jaren befur der alte Lutz von Hofstett die durch disen Wald ziehende uralte Weinstraße mit einem Wagen Holz. Obwol es bergab gieng, so war der Wagen auf einmal nicht mer weiter zu bringen; kein Rad drehte sich und es war dem Manne, als ob der Wagen in hellen Flammen stünde. Seinem Mädchen, das bei im war, schin es sogar, als ob der ganze Wald brenne. Erst nachdem der Bauer einen kräftigen Fluch ausgestoßen hatte, sezte sich der Wagen mit Gerassel wider in Bewegung. Mündlich von Neuweiler 49 Tanzende Lichter bei Würebach Auf dem Maueracker, hart am Dorfe Würzbach, hat man noch vor 20 Jaren um die Adventzeit fünf, sechs Lichter sehen können, 156 welche hin und her uncf wie tanzend aneinander vorüberstreiften. Der Schultheiß Pfrommer hat dieselben oft beobachtet. Seit diser Zeit aber hat man die Lichter nicht mer bemerkt. Mündlich von Würzbach bei Calw 50 Der Geist bei der Havelsburg Der Hirschwirt Eeppler von Würzbach hat dise Erscheinung mermals gesehen. Er sagte mir: als ich selbige das erstemal sah, kam ich von Calmbach her auf dem sogenannten Föhrbergsträßle, hatte mein Furwerk bei mir und einige Fäßchen Bier auf meinem Wagen, an der Straße saß aufgemachtes Scheiterholz. Da es nun Nacht war, kam ich etwas ab dem Weg und mein Furwerk ge- riet an eine Holzbeige. Ich gieng ab dem Wagen und sah dar- nach, und da ergab sich, daß an meinem Furwerke eine Achse ge- brochen; muste dann meine Pferde abspannen und one Furwerk nach Hause. War villeicht noch hundert Schritte von dem soge- nannten Talweg, welcher das Würzbachertal hineinfürt, bei dem Bergabhang. Auf einmal sah ich eine Weibsperson den Weg her- aufkommen, ungefar vier biß fünf Schritte in der Nähe gegen mich, so wie man sagt hemdärmelicht. Ich gieng meinen Weg weiter, dachte: wenn du rechter Art bist, wirst du mich schon anreden; hat aber nichts gesprochen. Sah sie nachkommen biß an die 1 ) so- genannte Rothenbach , auf einmal nicht mer, und kam mir ein solcher Graus und Furcht, daß ich bereits nicht mer heimkam. — Ein andermal gieng ich mit noch mereren Bauern das Tal her- aus. Auf dem nämlichen Plaze sah ich die Gestalt wider, fragte die, die bei mir waren, ob sie nichts gesehen hätten ? da gaben sie zur Antwort, sie hätten nichts gesehen. Ich aber sah das Weibsbild im nämlichen Gewände wie das erstemal. Hatte sie auch schon in meinen Jüngern Jaren dort gehört. . Als ich noch zur Schule gieng, muste ich öfters mit dem Viehhirten dorthin. Um die Mittagszeit hörte ich mermals eine Weibsperson in diser Gegend, in der Richtung gegen die sogenannte Havelsburg, die fortwärend jammerte und weinte. — Ebenso hörte man auch schon von älteren Leuten sagen, daß in der nämlichen Gegend eine Weibsperson einem Mann begegnet sei ; sie hatte den Schurz aufgehoben und immer gefragt: habt Ir meinen Mann nicht gesehen? habt "Ir meinen Mann nicht gesehen?* dann gab diser zur Antwort: Du Strähl-Maukel , was werd' ich denn deinen Mann gesehen haben! Wie er das sagte, kam auf einmal ein Brausen und ein Wind, daß man glaubte, alles Holz falle auf in herein, und habe bereits sein Haus nicht mer erreicht. Aufzeichnung des Schultheißen Pfrommer in Würzbach Die Havelsburg ist ein Bergkopf in der Richtung gegen Calm- bach, welche Spuren menschlicher Ansidlung zeigt; es muß, wie 1) Schon fränkisches Warzeichen, Speierer Bistumsgrenze? 157 unser Gewärsmann sich ausdrückt , dort . einmal etwas namhaftes gestanden sein. 51 Erdmännchen bei Aichelberg Nach Aichelberg fürt aus dem kleinen Enztale ein steiler Fuß- weg durch den Wald. In dem Gestein neben disem Wege finden sich merere Löcher, welche man schon zugestopft hat. Hatte man dieselben aber heute zugemacht, morgen waren sie 1 wider offen. Und das hat nach der Sage der Leute Niemand getan, als die Erd- männchen, die in disen Löchern gewont haben. Gesehen hat die Männchen freilich Niemand. Mündlich von Aichelberg 52 Erdmännchen in Kapfenoardt In die Müle zu Eapfenhardt bei Neuenbürg kam Abends nach dem Betläuten ein Erdmännchen. Es sezte sich hinter den Ofen, hat Nachts auch oft in der Müle gemalen. Einst paßte der Müller im auf, als es weggieng und warf mit einem Prügel nach im, worauf das Erdmännchen im zurief: Hättst du den einiga Wurf net thaun, Deine , Kindskinder würdet's gnossa haun. Verschwand darauf und kam niemals wider. Unterreichenbach 53 Spuk in Granbach Im Jare 1854 machte eine sonderbare Geschichte in Grun- bach vil von sich reden. Im damaligen Schulhause erhob sich mit einemmal ein solches Gepolter, daß man es in den Nachbarhäusern über der Straße hörte. Das Geräusch gieng von der Bettlade, in welcher zwei Töchter des Schulmeisters lagen,, und nur wenn die Mädchen im Bette lagen, aus; die Lade wurde dabei in die Höhe gehoben und mit Gepolter wider zurückgeworfen. Alle Bemühungen, der Sache auf den Grund zu kommen, waren one Erfolg: Land- jäger bewachten das Haus, fremde Personen übernachteten darin ; Niemanden aber gelang es, etwas zu ermitteln, biß etwa nach Jares- frist der Spuk von selbst aufhörte. Das Gebäude ist bei dem lezten großen Brande nidergebrannt. Unterreichenbach 54 Der Löwenwirt von Schömberg Der Löwen wirt Bnrckhardt von Schömberg hat auch mer als Brot essen können. Als im auf dem Felde einmal eine Pflugschar wegkam, brachte er es mit seinem Beschwören dahin, daß der Dieb sie wider brachte. Dabei sezte er disem so zu, daß er später selbst sagte, er möchte es nicht noch einmal tun. Einst mähte er seine Wise, ließ aber einen runden Fleck ungemäht. Ein Bauer der das sten geblibene Gras sah, mähte es nun heim- lich ab, band es in ein Tuch und wollte damit nach Hause. Wie er aber aus der Rundung hinaus wollte, fand es sich, daß er gebannt war; er mäste die ganze Last biß zum andern Morgen halten, one 158 weder dieselbe abwerfen, noch von der Stelle zu können, biß die Wirkung des Bannes vorüber war. Mündlich von Monakam 55 Der Hlrschwirt ?on lonakam In Monakam waren einst die Rotmäntel im Quartiere. Man nannte sie nnr die Kaiserlichen. Da war im fiirsch einer, der befestigte seinen Säbel an den Ofen und rannte wider denselben, one daß es im möglich war, sich zu schädigen. Nun sagte er zu den Anwesenden, wenn Einer da sei, der machen könne, daß in die Klinge verleze, der solle es tun. Da war aber ein stärkerer da. Der Hirschwirt, der still hinter dem Ofen saß, sagte, er solle das nicht noch einmal sagen. Als er es aber zum zweitenmal sagte und wider an die Klinge rannte, drang im solche in den Leib, daß er sich elend verwundete. Mündlich von Monakam Stuttgart KarlDoll Elsäfzisch Sprachliohes I Grammatik, Text, zum Wortschaze Die folgenden Mitteilungen sind einer Handschrift entnommen die Herr Gymnasiallerer Schutts in Schleiz in der Alem. IV 282 anfürte und aus der er eine kleine Probe gab. Ich habe den Text näher angesehen und gefunden, daß er dem Oberrheine und warschein- , lieh dem Elsaße angehört. Geschriben ist er von Frauenhand, man glaubt sogar sprachliche Schattierungen herausfinden zu kön- nen. Entweder lebten die Schreiberinnen in einem elsäßischen Kloster oder es haben elsäßische Nonnen im rechtsrheinischen Lande das Er- bauungsbüchlein abgeschriben. Die Vorlage und die Abschreiberin- nen gehörten also nicht ein und derselben Landschaft in Alemannien an. Ist auch • die Mitteilung von besonders großem Werte nicht, immerhin ist sie eine Bereicherung für eine künftige Grammatik des Alemannischen am Oberrheine; auch das mittelhochdeutsche Lexikon get nicht one Gewinn ab. Ich glaube alles, was taugt, her- ausgehoben und verwertet zu haben. Ich spreche auch Herrn Schutts meinen Dank aus, daß er mich auf den alem. Schaz im mitteld. fränkischen Lande aufmerksam machte und es mir ermög- lichte in zu benüzen. — Der Beitrag II ist für den ersten Augen- blick nicht unter Elsaß unter zu bringen; bei näherer Betrach- tung stellt sich das Straßburger Hochdeutsch der ersten Hälfte des 16. Jarhunderts heraus, und nicht bloß das, auch eine Taschen- ausgabe der damaligen Satiriker haben wir in dem wenige Blätter umfassenden Drucke. 159 1 Lautiere Vocale. A kurzes: hirenschall, zall. Vgl. Alem. 1 303 An- merkg. 5. Echte alem. Denung stäl, Stall. Alem. Sprache 47 ; a = u : warden, wurden. Der Umlaut des ä bietet nichts auffallendes . A langes: neben ä wie in r^t, verarmest und den fremden trinitat; majestdt treffen wir das platt-alem. dem elsäßischen Idiome kaum geläufige au, dafür bekanntlich elsäßisch 6: gaub (des hl. Geistes), awbent/ awbentessen, leztes Abendmal; andern, Adern; verltmßen, begawbt, entschlawffen , schlawffen, gewappnet 1 ). Sih fc übrigens Weinhold Alem. Gr. § 128 S. 102. Der Umlaut ist e: vers- mechnus, ibeltetig, geeder, ingeeder, unbertigs. d—ai: reinigen, haisam. Andere ä begegnen für ou: junckfra, weyrefch ebenfalls mit dem Umlaut e: jonckfrelich. Dazu bemlin, erfreuen, glebig, zer- stret, getreet, fre (freue), frede, geseget (gesäugt) u. s. w. E kurzes, Umlaut von ä: semffmietig, höllisch merr (mare) u. s. w. Umlaut von ö: gettlich, (divinus) blfitstrepflin, gespett, merder (mörder). Vgl. Weinhold Alem. Gr. S. 93. e = # bei fol- genden Liquiden: ungestemm, senfzen für sifrrfzen, seufzen. JE langes, Umlaut von ä, au sih oben. Umlaut von 6: beß, hechsten, gressten, greßer, dettlich, tresten, tresterin, getrest, heren, erher neben erherr, imper. entplest, äufheren, scheni, Schönheit; netten, erlesen, mertlich, geted, sacr. der elung, krenung u. s. w. e=ai: geschlich, flesch u. s. w. Weinhold § 122 S. 98. e = ie, (iu, io): verdenen, verdenst; denst, denerin, dener, verdenlich, ver- dent, nemant, lemut, geng u. s. w. e — üe 9 ü: versend, versünt, dend, facite, verseneu. Weinhold S. 98 § 122. I kurzes =ii: überflüssig, iberwunden, ibeltetig, triftig st. türftig. Zigen, in lezten, erfilt, sinder, glick, erzürnet, zichtigen, kinig, lifft, Lüfte ; dirstet, sindig, bristen (mamillae), schissel, dir- nin (krön), dirr, getrocknet, verkincL (verkündet), migen, vermiger u. s. w. Weinhold § 115 S. 94. i=ce: erhirr, exaudi. I langes = ii: natürlich; = tfe (uo) : grta, mlterlich, gemyt (Ge- müt) u. s. w. Uebergang des i in ei, ey in Wurzelsilben: mey- den, feynden, leib, weilen, zeiten u. s. w. In den Bildungssilben -lin, erhalten: bemKn, fieslin, diechlln, glidlin, herzlin, kindtlin, büschelin u. s. w. i=ie: fliehen. IE=üe: wiedent (schar), wütend; wietrich, senftmietig, diech- lin, erkielen, betriebt, triebsall, fies, fieslin, bießer, Büßer; sies, saß; gegriest, behiet (mich), gnugthier, Genugtuer; ir diet, tuet, tut; mied, müde; blieender (leib), gietigBt, wiesen, conj. praet. thief- fel, thieffelhaftig , riegen u. s. w. Richtige Schreibung: betrieger. 1) Alem. Sprache 48 160 • ie => lat. . e : Spiegel, specola wie neuhochd. ie = rom* i : clari- ficieren, jubilieren, glorificteren u. s. w. AI -ei mhd. trifaltigkait, ewigkatt, engstlichait, weyschait, ainem, bewaind, schwais, belaitter; auch ein anderwatd begegnet. ei = ü mhd. eu nhd. fraintlich, frainden u. s. w. EI = e: dein, den, eura; in deim, in dein, in hoc; demsel- ben, sogar armein. Vgl. Alem. I 255 J ). Weinhold S. 103. ei = ie, (iu, io) sih oben e: deinerin, verdeinen. Weinhold S. 104. ei=we: beissen, büßen, fewß, Füße. Alem. Sprache 57. 70. 81. Alem. I 255. III 185. ei = mhd. ü: se^nfzen, seufzen. wie mhd. ; geschärft dorren, Dornen. 6 =au versomlich ; 6 — on: fröleichnam. V erhalten: fnan, volkwmen; ü=u: andwtfrten, durch, ab- grwndt, da u. s.w. Weinhold S. 97. Ich möchte u ansezen. ü=ü: creatwr; u — ui: hätte, heute. UI~iu (ü, eu): rui Reue, ritten, tmr, huit, fwir, trwtlichen, trwies (herz), getrai, getrmlichen, gezwikniß, nuigeboren, vernwiren, erzeigen, flwist, üuich u. s. w. Consonanten. Der Consonanteribestand weist einige Fälle auf, die für Elsaß sprechen. Metathesen wie burne, borne für brunne u. s. w. finden sich keine da. Mit verbuwwen äugen ist elsäßisch und rechtsrheinischem altem Straßburgischen Bistums- gebiete eigen. Allgemein oberrheinisch und bei Hebel gewönlich sind Denungen des alten a, e vor r, l mtren (Myrrhen), stäl, Stall; zerzgrt, zerzerrt ; Formen wie hiren, doren, toren = Hirn, Dorn sind auch schwäbisch. Alemannisch sind hofnüg (Hoffnung), seunf- zen, seynfzer, begengnet (begegnet), besengnet, fernsten (mit Fäu- sten). Das Streben alte Quantität zu bezeichnen unterstüzen r, 1, selbst in Fällen, wo langer Wurzelvocal ursprünglich stet: trieb- saZZ, hirenschaZZ was obiges stal wider aufhebt; wirr (nos), merr (mare), seZZig, seZZigkait, erherr (exaudi), herrt heu, dorren u. s. w. n ist ausgefallen in hofn%, fröleichnam, wie man heute noch am obern Nekar sagt ; oft eingeschoben, wie wir bereits gesehen, in seufzen, Faust u. s. w. in lebingen zuckt noch altes lebendec nach, wiewol die -m^-Endungen dem nordschwäbischen im Rieß ganz eigen sind. Die Labialen weisen anlautend p und b in bunter Abwechse- lung auf: perg, pitterst, pischof, prunnen, pluot u. s. w. was bei- nahe in der späten Zeit der Handschrift bairische Vorlage verrät. Das fremde „Punkt" erscheint im Dat. pl. Punkten. Auch bei den Gutturalen treffen wir spät bairischen Schriften eigenes ch\ fimf- zeeften, secÄen, verzeicÄ, verleycA, u. s. w. g=zj: maigestät, = h: besehe*?; ch=Jc: erschrickt, gedancÄen. Denungs-Ä scheint schon im 1) Alem. Sprache 53. 59. 161 Anzüge, auch th im Anlaute ist schon da : föief, £Aailhaftig, tton, gethon, thier u. s. w. -&ait wechselt mit -cAait. Die Zungenlaute weisen heinahe durchaus $=ß, niderd. t auf, gerade wie das Altkölnisch -Hochdeutsche : verlasen, großen (nehen großen, magnuin) vergießen, gegoren, gesesen, vergis nit, schwais, bus, wisen, wißen u.s.w. sch=s, st: geiscMich, weyscAait; auch s = sch: gesech, geschech; vgl. Alera. III 185. Wechsel von d, t bezeugen nichts sicheres hinsichtlich der Heimat: verdiigen, endlos, unendlich, bsAL erkend, geuienrf, gewaineZ, bewainrf. Ausfal: semifmietig, holselig u. s. w. Bei der Declination der Substantive begegnet Flexions- losigkeit: dreier person, Genet. pl. ; für sein feind (pl.); aller mei- ner sünd, sind; umb ir sind u. s. w. Bei den Adjektiven treffen wir die niderrheinisch- fränkische starke Flexion: der kristenlichir kirchen, der aller innbr instiger lieb, also bei Femininis. Die Superlative kennen nur -ist, nicht Ost. Die Partie, praet. lauten öfter verkind, geted = verkündet u. s. w. Die alte Weise: er was bitten, besitzen, das ich dich bitten bin — allgemein noch üblich. Die Praet. der I-Conjug. 3 pers. erschin, sehr*, vertrib alter Sprache entfremdet; dagegen was = war noch da. Gesucht zu deten, zu verstoßen ~ getötet zu werden. 2 Textproben 1 Herr Jhesu Christe, du hast mich gebilt nach dir: das vergis nit an mir! Herr du hast mich kaufft mit deinem rosen- farben blut, das behält an 1 ) mir! Herr Jhesu Christe, du bist mein vatter, ich bin dein kind: wie gros mein schuld ist, so ist doch dein barmherzigkait fil gre- ser: darum bitt ich dich lieber herr durch dein gettliche gnad vnd durch dein grundlose barmherzigkayt und deiner heiligen marter willen, das du dich über mich armen sinder arbarmest. Herr Jhesu Christe ich birg mich huit in den bach deynes rpsen färben bluts vor deinen zoren, den ich verdent hab mit mei- nen sinden! herr ich üuieh huit vnder den schilt deiner barm- herzigkait vor deinem gericht. herr ich senck mich huit in die tieff aller deiner wunden vor allen meinen feynden, die mir scha- den migen an leyb und an sei! Herr ich stand vor dir als ein mensch der seynen herren offt erzirnet hat vnd bit dich lieber herr um ainen steten frid zwischen mein und dein, herr ich stand vor dir. als ein mensch fraintlichs tröste wartet und gnadenreiche barmherzigkait und bitt dich das du mir zu trost kumest an leyb und an sei. 1) laß seine erlösende Kraft an mir wirksam sein. Blrlinger, Alemannia VII 2 XX 162 2 Daz send die finfzechen salve, wer die all samßtag spricht der wirt nit verlasen u. s. w. du genedig vnd wirdige junck- fraw Maria, bis ingedenck der grosen lieb vnd iberfltssige goad da mit du dein eun gottes vom himel gezogen hast in deinem junckfr glichen keyseben (rainen) leyb. ich bit dich vnd begers auch von ganzem hertzen, das du mir wellest mit taillen dein ver- denst deiner grosen lieb vnd genad das ich mig erfolgen ain gnä- dige erforderung der lieb an meinem lesten end. ich beger auch von ganzem meinem hertzen das du mich wellest verantworten vnd • tresten in meinen großen leyden vnd netten, so ich wirt vmb- geben mit dein schmertzen vnd engsten des tods, das ich in kai- ner anfechtung überwunden werd. 3 Vre dich du gebererin gottes, du vnbefleckte iunckfraw! Fre dich das du hast von dem engel fred enpfangen ! Fre dich die du geboren hast die klarhait des ewigen lieebts ! Fre dich du hailigist mfiter gottes, du hast geboren vnd bist vnuersert beliben. Fre dich muter, dich loben al creatur: gebererin des Hechts! wir bitten dich, bis ain fir bitterin fir vns gegen vnsern beirren Jesu Christo. Bis gegriest *) du klare gilg der scheynenden wunsamen tri- faltikait! bis gegriest du bliende ros himlischer wollustikait! bis gegriest von dir geboren vnd von deiner iunckfrelichen milch ge- sagt vnd ernert wlt werden der kinig der himel: erner vns auch du muter aller barmherzigkait mit dein einflus göttlicher siesig- kait ! Amen. 4 Von allen zwelf hotten ain gebet. ir besundern ausser- welten von got: ir hailigen zwelff botten vnsers lieben herren Jesu Christi der warhaftigen stim seliger bredig in alles ertrich auß- gangen vnd zä end aller weit euir wort erhoüen 2 ) send wie gar mit besundern wirden ir von got geziert aller cristenhait iber an- der hailigen so nutzlichen erscheynet, wan ir send die zwelf Pa- triarchen, durch der fleysigen der des hailigen ewangelii die kind von Israhel das ist alles cristenfolk im wasser und im geyst nui geboren worden ist. ir send die zwelf brunnen zuhebin durch die alle cristenhait zu gnadenreicher fruchtberkait ersetter ist. ir seyt die zwelf edelgestain an dem bischoflichen klaid Aaron, die alle cristenliche ortnung so kosperl ichen zieren, ir seyt die zwelf bot- ten der stat Jerusalem, wan euir zungen send schlissel worden des reichs der himel. ir seyt auch zwelf leon des königlichen trons Salomonis, wan ir mechtiklichen wider die ungläubigen und Bin- der an dem iungsten gericht mit dem höchsten Salomon Christo Jesu alle dise weit richten werden u. s. w. 1) Vgl. Alem. n 223 ff. IV 86 ff. 2) gedrungen sind; mhd. erhellen, intr. ertönen, erschallen. 163 Von meine lieben zwelf hotten ain gebett. ir würdigen himelfirsten, mein lieben zwelf botten vnd firsprecher vor dem al- 'mechtigen got, wan ir mit andern himelfirsten an dem iungsten tag in gegenwirdigkait des himlischen kaisers vnd obristen ricbters vrtail geben werdent iber al menseben: darum so bitt icb euch umb die barmherzigkait als euch der barmherzig got hie auf ert- rich bewisen vnd mitgetailt hat, das ir von dem himlischen kaiser vnd.herren aller weit mitt euirem andechtigen gebett wellent er- werben sollich gnad, dz ich auf disem ertrich so tugentlich leb vnd dem almechtigen got in behaltung seiner gebot so fleysigklich dene vnd mich vor sinden hiet, das ich durch die gnad gots vnd euir hilf in dem iungsten gericht also erscheyn, das mich die hai- ligen engel mit andern ausserwelten menschen frelich fieren vnd belaiten.in die immer werend fred des himelreichs. Amen. 5 Ain costlich gebet zu got dem sun, ist gar haisam zu sprechen. Herr Jesu Christe, ich sag dir von ganzem herzen danck deinefc vnschuldigen totds, den du um mich erlitten hast vnd bitt dich, laß dein leyden an mir nit verloren werden, sunder bis mir gnedig vnd barmherzig iber mein sind, wan si mich von herzen ruien, si seyent dettlich oder teglich, wie du das an mir erkenst. Ich bitt auch, bestetig mich in gutem willen vnd werken. Auch danck ich dir das du mich zu christenlichem glauben vnd tailhaff- tig deiner marter vnd Sterbens vnd gnaden hast erschaffen vnd mich der hailigen sacrament hast entpfenglich gemacht u. s. w. Herr ich bitt dich, erbarm dich iber al betriebt ellent haußarm l ) menschen: kum inen zu trost in irer triebsall, das si nit von ar- mut wegen in verzagtnus in ungedult vnd sind fallen u. s. w. gietiger vatter, erbarm dich iber all stend der heiligen Christenhait vnd iber al ortnung geystlichs vnd weltlichs stans vnd iber alles das darumb du gebetten wilt werden und iber al glebig seien und sunder iber meines vatters vnd muter sei und alle die aus meinem geschlecht verschaiden send vnd alle die mir vnd den meinen gutz haben gedan : dail in mit deyn barmherzig- kait und verleich in das ewig leben ! Amen. 6 ,0 der aller zertest solt und wolt biesen den siesen bis des apffels vnd wolt versuchen die bittern getranck; da er in ver- sucht, da sprach er : es ist alles volbracht ! als ob er Sprech : alles das ainem liebhaber zimlich ist zu thon, das hab ich geton, ich hab alles daß getan, gelassen vnd gelitten, damit ich den menschen hab migen erlesen; ich hab im die gresten lieb in allen dingen erzaigt. merck wie ainen fraintlichen tugenthafften herren haben wir, der sich ganz dem vatter in allen schmerzen wolt geben, nit wolt sich selber nit behelffen in allen leyden, noch wolt nit das 1) Auch der kein Haus und Obdach hat. Vgl. Lexer I 1400. 164 im darinnen Weder engel noch menschen zu hilff kern, noch auch sein vatter. hett er noch iner bluts gehabt: er hett eß auch ver- gossen, vnd wer eß roiglich gewesen, das er noch mer hett migen leyden — er het es begirlich dän; die lieb ist in im on mafß ge- wesen, die er zu dem vatter vnd dem verlornen menschen hat ge- habt: die hat in verwunt vnd ganz getedt vnd im sein herz ge- brochen und dem aller sterckest Samson sein leben genumen! O wie hat den aller girlichsten auß hicziger begir seines inbrünsti- gen inhiczigen fwmgen herczen so herzlich nach vns gedirst vnd hat so inniklich begert, das er vns ganz in sich züg mit allen un- sern krefften, begirten vnd gedancken, wan er vns das aller pess- ten gut, er west wol was uns das nuzest vnd pest was, das wir in im und bey im beliben; er mag nit geleyden, das wir von im werden geschaiden noch er mag sich nitt von uns schaiden, noch schaiden lassen. Er hat sich genaigt in den see vnser Verfluchung vnd in der hiz der lieb vnd in der person vnser gebrechlichait mit so groser arbait vnd leyden hat er gesucht vnd gefodert das an- gesicht des vatters, da er sprach: mein Gott, mein Gott, warum hastu mich verlassen! und meine glider, die da send die zal mei- ner ausserwellten, die da sendt mein ganzer leyb, darfir ich dir gehorsam bin worden bis in den tod des creyz. den tod klagt die ganz wellt : sunn und mon in mit leyden, das si in nit tragen oder erleyden migen. herr, vatter, wie lang heldtst du auf den schmerzen meines herzen, durch den tag in dem ich gearbait vnd gelitten hab von dem ersten tag der ibertretung deiner gebot bin ich verwunt mit groser lieb. Wie lang verbirgst vnd abkerst dein angesicht von mir? als in ainer verzeichung schobst du auf das hail menschlichs geschlechts, nach welliches erleßung ich mit hiczi- ger begirt durstig bin, in der hoffnung des bin ich frolocken in den peynen zu gleycher weyß als in den wollusten. Aber nun herr, erheb- mich, wan ich dein ainniger sun bin ; erher mich- und bis versenlich dich zu erbarmen, das nit verderb, das da gepflanzt hat dein gerechte handt. Da der edel herr also in den vnbetracht- lichen schmerzen heng und kain gesunde statt hett von der solen bis in die schaittel vnd sein mund und hals waß ganz versert mit dem bittern dranck: aber zu aller seiner nott arbait er sich mit gebett vnd als die lerer niainen so betet er C und L verß an dem creyz, wan er heng drey stunt lebentig am f. G was nott ver- lief sich da? er mocht wol sprechen: ich hab in den angsthafften vnd uniberwintlichen streit gestritten vnd gekempft und durch fechten bin ich kumen in die thief des wz'edenten mers und das vngewitter deiner Verfluchung hat mich versenckt in die tieff dei- ner verdamnus : wan ich bin umbgeben mit den angsteri des tods; aber es ist nun alles verbracht, wan das ich nit verschult' noch eingenumen hab, das hab ich gebest und vergollten und ich, der da stirb ßr dich, schrey zu dir, leg mich als ain zaichen auf dein herz, wan die lieb, die ich zu dir hab, ist starck als der tod. Der 165 herr hat in im aufhäuften lassen alle pein, das er uns volkumen macht in allen eren. waß groser not, leydens vnd schmerzens verlieft sich die drey stund, die er lebendig am creycz heng; er enpfant doch aines ieden schmerzens insunderheit wa er sich hin- keret oder- hingedacht oder wo er sich hin wendet: das was alles mit leyden erfilt. fragen wir in und sprechen : o herz lieb wie ist dir? warum ist dir so wee? So mag er wol sprechen: da hab ich die schweren räch, bus vnd burdin deiner sind auf mich ge- nuinen vnd allain getragen in allen leyden und ist nemant mit mir gewesen mit kainer' hilff: darumb ist mir gebrochen, aller meiner , crafft bis in den tod. Da sich nun der vatter wolt beniegen lassen von dem sun vnd er iezunt solt sterben: o wee des schaidens! o wee des Sterbens! das waß änderst dan das sterben aller men- schen! o wee, leyden ob allen leyden, da sich ieczunt der tod mit aller crafft wart nachnen und so grimigklich wart stossen in das edel herz, da das leben der weit innen lebt, vnd nun sich die alleredlest sei solt schaiden von dem vergotten leyb, in dem si an mail oder sind so begirlich hett gelebt, da ward sich der herr er- schitten und wart erzittern und bidmen und wart sich an dem creycz mit kleglicher gebert winden und ließ auß die allerkleg- lichest stim mit senffzgen und von tedlicher angst und nott wart er auch seinen rucken stossen an das creyz. 0, er mocht wol rieffen : o tod wie bitter ist dein gedechtnus den der frid hat in seiner substancz. wee, wie thett das bitter schaiden in im sel- ber, da er nun von seiner gedechtnus schwizt blutigen schwais u. s. w. 7 Wer der herr in seiner gotthait beliben — wer het sich getirren 1 ) zu im genaden? Aber er hat sich so tieff genaigt vnd hat im fit den him lisch en sal die engen krippen vnd den schnö- den stal erweit vnd hat sich vns ganz auff daz ertrich gelegt, da ist er an der offnen stat gelegen vnd ward als ain anders vnver- ninftigs kind, daz ieder man mag hantlen 2 ), wie er wil vnd dz zu jeder man gat vnd nemant verschmecht. was hat der herr gelitten, da er also ain nuigebornes zarts kintlin auf der kalten herten erden lag vnd kleglich wainet! wer het gemaind, daz des eilend verstosen vnd vertrungen auß .allen herbergen in den stal zu den thieren dz arm escherlegelin s ) dz klain kindlin wer gewesen die scheni gott des vatters, vnd der da wainet wer die unentlich fred, vnd den da hungert dz er all creatur speyst; und der nit mocht gan oder stän der himel vnd erden auffenthelt*), vnd 1) wagen. 2) behandeln. 3) Vgl. Alem. III 10: Eschengrüdel. 4) Sih unten „enthalt"; der Haltung, Bestand, Festigkeit gibt. 166 der nit reden kunt, dz der auff hett gethon die münd der proffhe- ten, vnd der ain kindt erscbin dz er allen ding in himel und er- den erkent vnd west vnd alle verlorne ding durch in wider bracht solten werden. wie hat er sein hochen almechtikait verborgen vnder die klainen kindtlichen person! Es ist wunderlich gros, dz sich der almechtig so thieff genaigt hat vnd thailhafbig wellen werden aller unser armut. Mit zarten glidern ist er geklaidt, mit arbeit gener t, von jugent auff mit fil angsten vnd aller maisten leyden gepeinigt, alz b alt durchecht, vertriben vnd gesucht zu de- ten. lieber herr, warum bistu kumen in dise weit alz ain armer vnd eilender, der kain ru vnd beleybent stat finden mag, sunder du wardest vmb getriben alz ain eilender fremder gast! Dich hat mit uns gefroren vnd dir ist mit unß haiß gewesen und du hast dir in allen dingen durch dein gancz leben dz aller hortest vnd pittrest erweit! Du wolltest nicht dz dir nemant wich! herr, du woltest ieder man weychen vnd under ieder man dich demie- tigen, alz ob du der aller minst werest vnd als ob dir nit zu matt wer, dz du Gott unser herr werest! Spricht Bernhardus: alzbalt der herr auß seiner werden mfitter kam, da gab er seinen iunck- frelichon leyb zu dem leyden; er wolt kain ru haben: alzbalt gab er uns den schacz seines hailsamen pluts vergiessens vnd ließ sich als ainen sinder beschneyden, under wellicher beschneydung er sein rainickait hat verborgen. Alles sein leben hat er zu leyden vnd verschmechnus geben: wan dz klain nuy geboren kindtlin noch nit auff seinen bainlin vnd fieslin mocht gestan und nooh lag an den bristen seiner muotter, da ward es durchecht vnd gesucht zu deten, vertriben, verstosen in dz fremdt land under die hai- den ! was hat er in dem eilend gelitten mit sampt seiner zarten muter? die herten schweren weg ! durch alles ungewitter musten si fliechen den unsinnigen wietrich ! All sein tag hat er vnser sind betracht vnd bewaindt! wee, wie manigen bittern haissen zeher und grundtloßen seynfzger hat er auß seinem gruntlosen getruien herczen gelassen ! wan auß seinem milten herczen ist uns geflossen der hailsam prun der Hechten zeher, die uns gerainiget vnd ver- send haben vor dem strengen richter. Es was kain wunder, das er seynfzet und wainet, wan dz zart herczlin entphant alles iamers vnd herzenlaidts, dz alle menschen ye haben entpfunden, wan er erkant aller menschen sind u. s. w. Alles leydens dz noch an im solt verbracht werden, dz was im alwegen gegenwirtig vnd west baß wie es im wurd thon, dan kain mensch der es alle die weyl leyd ; sein zarten hendtlin vnd ermlin, den nemant widerstan mag, die alle ding vermigen in himel und erden, die sendt gewunden in die klaine diechlin, vnd die zarten glidlin, die entloßer ere vnd wir- dikait werd send, die send gelegt in die krippen auf dz herrt hew vnd im ist berayt dz aller hertest und arbeitseligest dz auff ert- rich erdacht mag werden u. s. w. Darumb ist er selbert vmbge- 167 lauffen, mied und heUig *) mit eilend und hertikeit zu suchen dz verloren schefflin, seine glider, die entloßer ere vnd wirdikait werd waren, die sind fir unß gemied worden, er arbaitet stetz getruilich nach unserm hau, mied und hiczig, lief? hin vnd her barfus die herten und schweren weg iber berg und tal an alle ru, dz im wol sein fieß erschrunden u. s. w. 3 Zum Wortschaze Antigen: o wie senlich hat er gebart! o wie kleglich hat er geanziget und gewintzlet von den unmenschlichen schlegen! Heute ausga, auzga stönen, ächzen vor Schmerz. Vgl. Schmid 31. * Belaiter > Begleiter: zu einem belaiter haben. Das Subst. feit bei Lexer I 172. Busch, Büschel: und si flachten ain krön von scharpfen dicken dorn als ainen husch und seczten si dem herren auf. Zu Lexer s, v. Enthalt m. Anhaltspunkt, Hilfe: on allen enthalt und beMlff ligt auf der erden (Jesus) u. s. w. Alem. III 41. Hebel hat ein Subst. Habung in disem Sinne. Ernider sinken: er sank ernider; ernider = nider. Lexer II 69 (oben). Erschrinden, Schrunden, Risse bekommen: daz im wol sin fies erschrunden. Zu Lexer I 670 wo es feit. Firmen: Herodes entpfeng den herren als ainen von dem er etwas nuis vnd firwicz wolt sehen. Mhd. virwte, Wißbegirde, Neu- girde Lexer III 368. Beovulf : fyrvyt in der Scene mit dem Strand- wart bei der Landung. Geeder, Ingeeder (zu äder) d. h. Haut und Adern: in das hiren und geeder in allem sinem ingeeder verwunt. Mit ineider jmeder ahd. mhd. gehört es lautlich zusammen, bedeutet aber hier nicht Eingeweide. Habseligkeit infelicitas; Mühsal, Elend: der für uns nix er- weit hat dan leiden und unser triebseligkait, hartseligkait, arbait, leyden und schmerzen u. s. w. Zu Lexer I 1190 wo nur das Adj. belegt stet. Hintun, hinrichten: ieder man veracht und verschmecht dich und schreydt das man dich hinthie und tedt. Neben hinrichten: das man hinricht die schedelichen menschen. — Zu Lexer I 1301 wo es feit. Hinwirfling von Jesus: als ein hinwirfling und wurm. Vgl. mhd. hinwerf bei Berthold v. R., unsere Bildung feit bei Lexer I 1301. Mein angsb. Wb. 231b. Kegel: o waß ungeh&rter schmach, pein, marter leget daß beß vnrain folck dem herren an und zugent in, der da ist ain ere 1) Mhd. hellec, hellic, ermüdet, erschöpft, ermattet. Lexer 1 1233. 168 u. s. w. — und als ainen hegd vnder iren unrainen ließen ! da ei emplesten sein ere und in auf der erden umbzugen als ainen hegd. Geiler v. K. Pauli gebraueben Kegel für einen groben, rohen Bengel. DW 5, 387. Als Syn. v. Jcnollen: die groben K. Postill 32a. Lemut) Leumund, Ruf: der lemut des heiligen Wandels u. s. w. Lugt Schlupfwinkel, Versteck, Lauerwinkel, -plaze : haben sie im (dem Herrn) lugi gelegt ; mhd. luoc, gen. luoges stn. stm. Lexer I 1985. Menen, treiben: und hat uns auch geben das miteil seyns leydens ynd hochen verdenens, daz wir in darbey mechten ergreyf- fen; er ist dazu gemend vnd getriben auß grosser lieb, daz es balt geschech u. s. w. Mein Wbl. z. Volkst. 63. Frisch I 228a. J)W III 483 s. v. enk. Augsb. Wb. s. v. Kuhn Zeitschr. V 20 (Max- Müller). Nieten sich, sich Mühe geben, angelegen sein lassen: ynd si nament her den herren an den si sich die ganzen nacht schänden vnd lästere geniet hetten vnd bunden inn u. s. w. als si sich nun aller schänden und lasters an dem herren geniet hetten etc. da sie bosheit und schänden an im geniett hetten u. s. w. Alem. II 14. 220. Stehen c. aec. zu stehen kommen, kosten, mhd. gest&n: da- rumb si uns mer ist den wer si unser leybliche muter, wan wir haben si mer gestanden und send ir seyrer worden. Lexer I 926. Truck vnd Getreng formelhaft: o ain grosser martrer ist er in seiner matter leyb gewesen, wan er on truck vnd getreng ainen augenblick nie was. — in das abgrunt aller leiden und schmerzen trueks und getrengs von innen und aussen, was der inwendig schmercz truck vnd getrang seiner sei so gros. — Mit ungemessem truck und getreng. Mhd. druc^ druckes. gedrenge stn. Bedrängnis. üneren enteren, beschimpfen, schänden: dz folk — die lieffen im al nach und schmechten und vnerten den herren. allgemein mhd. veruneren oberd. heute. Das gunert stat gnurt, wie man lesen wollte, als Eigenschaft eines Fisches sih Alem. I 288 7. Unbertig ungeziemend, unsittlich: nix unbertigs sach man ir. Mhd. ungebaerde stf. übles Benemen und Befinden. Lexer II 1829. unbaerdic st. ungebaerdic ist vulgär; vgl. oben gebart s. v. An- zigen. Verfällen von Jesus: dem Gericht, der Todesstrafe verfallen: eins verfallen ibelttftigen menschen. Vermiger : und da wart die ewig weyßhait vnd der vermiger aller ding geschetzt fir ain thoren. Mhd. vermügenheit, kraft, macht zu vermügen = durch körperliche Kraft, durch übernatürliche Kraft schaffen. Unser Subst. feit bei Lexer III 183. Weile formelhaft : in allen meinen tagen stunden, weiten und Zeiten. j 169 # Wirdschafij himmlisches Gastmal, Abendmal : zu deiner wird- schaft u.s.w. Alem. II 102: Einsezung des Abendmales und das Abendmal selbst. ABirlinger ii») Abplatten swv. ab-, durchblättern, umschlagen: Vnd wirt (der böse Richter) gen jm als tieff einwatten Das er die loic muß abplatten Die streut er do den schöpfen für u. s. w. Absaugen swv. So sey er (der Kaufmann) gen im also streng Vnd saug jm ab sein bluotig schwaiß u. s. w. Anzannen swv. die Zäne weisen, zornig aniaren, davon subst. ntr. Der hindersäß clagt übern amptman: Wann er sein Herrn gnug hab than Mit zins vnd gilt vnd allen spannen — So komm er erst mit sehn anzannen u. s. w. Vom kauffman clagt der hantwercksmann Wie seer vnd fast er mit im zann Wenn er jm sein arbeit haim breng u. s. w. DW I 523; ahd. zannen, ringere (dentes versus aliquem) Schnell. II 1127. Mein Augsb. Wb. 437. Teufels Netz 397: unz das er in an wurd zennen und öfter. Aufikirnen swv. Recht als den allerbesten kern Den ich mit kunst hab außgekimt u. s. w. Ersetten swv. sättigen, befridigen: Er werd dann Thumprost oder Techet Vnd steig noch ainer sprössel höher Das Bischoffampt macht jn noch fröer: Noch künd in das nit alles ersetten u. s. w. Fuder bildlich: Wann er spreoh vonder, sprech sy z&der Scheit er ain maß, sy fluch ain fuder Nem ers beym zäum: sy faß den zigel Mach er ain faust, sy nem ain prigel u. s. w. Bl. 2b. 1) Clag etlicher stand, gantz kurtz weilig zu lesen. Zu dem Leser.- Wer mich thut lesen ist mein bit Das er mir hab für übel nit Ob er hie wurd begriffen schon Ich hon es in dem besten gthon. Titelholzschnitt -Umrandung 6 Bl. 4° one Druckort und Verfasser (Re- form. Zeit.). Elsäßische Merkmale scheinen veir = vier, kneu, Knie matncher, mancher zu sein. Vgl. des Teufels Netz und die Satiriker. 170 &mdh, comp, genäher , genau, scharf: Das hat der wirt wol tifferirt Sein messer vil genaher schürt In harten härten ungenezt Dann nie kain scharsach neugeweczt. Vnd wiewol er genäh hauß hat u. s. w. Hase, Red. Art: für Misten und Fronen heim Amtmann: Word jro ain süpplin zu Ion darauß Er mainet jn hei der haß geleckt Solch miltigkeit in Amptleuten steckt. Vgl. DW IV 2, 258; wenn einem seltene Gnade zu Teil wird, ebenso selten als man einen Feldhasen zum Ablecken der Hände oder des Gesichtes oh seiner wilden scheuen Natur bringt. Mir selbst gelang es doch bei einem aufgezogenen Exemplare a. 1848. Hausmaid f. Hausmagd, Dienstmagd, zweideutig : Die gemai- nen Weiber clagen über die haimlichen Mezen : Ir waid sey vil zu mager worden Die winckelweiber und haußmaid Veretzen teglich ab jr waid: Wann die jn ir narung zu trugen Die ainfaltigen vnd die clugen Die haben sy jn abgespent u. s. w. Kalten, erzälen, Märchen predigen: Sein predig wöl nyemandt gefallen Er thü dann seltzam fahlen hallen: Sy fröwe nur ain neuer sit u. s. w. Gewönliches Wort in des Teufels Netz Zt. 1609. 5607. 5922 u. s. w. Korrockskvttel, Chorrock, der in trägt, uneigentlich : Die Layen clagen übern korrockskittel Dem seyen zu klain die suppenschnittel : .Wann er hat zwä pfründ oder drey u. s. w. Loner, m. Longeber Sein lidlon bleib auß über nacht Und wöl nit komen bey sonnscheyn Wiewol es der loner hat im schrein u. s. w. Pracht stm. Lärm, Geschrei : Dann komm er haim zu mitter nacht Vnd füer ain grausamlichen pracht. Mhd. braht häufig, zu brechen stehend. Bit zu Alem. I 5 : Wie er jm (sich) thü gefall ir nit ; Sy sprechi das jn angang der rit. Schaube swf. langes Faltenkleid, Ueberkleid für Männer und Frauen : 171 Auch wol sy sein nit warten schon Ain schauben nach der andern hon Darzu vi] schöner schlayr und rock Wol sy sich nit strecken nach der dock u. s. w. Mhd. schuhe swf. Lexer II 808 aus ital. giuppa, wozu Jope stet. Wolfdietr. ed. Holtzmann. Zarncke zu Brant 9, 1 S. 317. 247, 1. Frauenrock, Mantel, Schauben, palla. Rulandi Lexicon Augsb. 1586. 224b. Alem. u. schwäb. als schaoppa und in Kauf- beuren schoapa, dim. scheaple. Mit Schaubhut : großer Strohut hat obiges Wort nichts zu tun. Vgl. Falke Trachten I 207 ff. 301. Mein Augsb. Wb. 391. Schlauchen swv. austrinken, aussaufen ; von einem Kazen- jämmerigen: Ynd clag sein haupt vnd auch sein ruck Vnd haiß jm pringen ain früstuck Ain süplin und gepraten wärst Vnd sprech denn: o wie ser mich dürst, Und schlauch so bald zwu kanten aus u. s. w. Mhd. stächen, schlingen, schlucken MHW II 2 415. Lexer II 989. Seide zwirnen, Seide spinnen, bildlich; der Dichter sagt: Vnd het ich eytel seyden zwirnt — Vnd hfib ieh an grob werck zu spinnen So wurd ich mer zähörer gwinnen u. s. w. Tatz: Der pfartfer klagt ab seinn pfarrleüten Er künd noch müng (müg) kain sünd außreiten, Hoffart, eebruch, neu schwär und tätz Die ding man nymmer für sünd schätz u. s. w. Verquenten, swv. hinterhalten, verbergen : Wann jn der arm vorm recht sol nützen Vnd er jm wol hülff treulich hinüber So stürz er jm ain hütlin darüber Wie wol der arm das recht auch kennt Mit hüpschen worten er jms verquent u. s. w. Des Teufels Netz 272 : mit luginan verquanten. Zilen swv. seine Dienste anbieten, sich antragen : So denkt der arm: wan du nit wilt Vileicht hat jm der ander zilt u. s. w. Vgl. Teufels Netz S. 388 : Lieber maister nun zil, bedarf ieh vi] zu. disem ding? (gib an, bestimme, mach einen Ueberschlag), Zwispilden, Zwispelten die doppelte Gült nemen: Noch hab er daran kain benügen Sein (Chorherrn) pauren er ir gilt zwispelt So sein zinßpuch das nit inhelt u. s. w. Vgl. Schmeller II 2 667 wo vile Beispile gesammelt sind. ABirlinger 172 Weisheit aus Geiler von Kaisersberg 1 Meer, Welt. Zum ersten, so ist das mör ain wasser, das da hyn vnd wider fleußt. Also die weit und alles, das darinn ist, ist anders nichts, dann ain hin- und wider fliessendes wasser. Schiff der Penitens oder Hails. Bl. da. 2 Das mör ist unstät, jetz hoch, jetz nyder: wann es ist allezeit in emssiger bewegung; jetz würt es erhöcht, jetz ernidert; also ist auch die weit nymmer gerüwig: jetz erhebt syetlich, dar- nach undertruckt sy dieselben, als man augenscheinlich mag sehen an dem Glücksrade, wie jetz der ain erhöcht wirdet vnd aufgeet, der ander ernidert, der ain wolgestalt; der ander ungestalt nach dem Lauff des selbigen rads. Ebenda. 3 Das mör ist auß würfig, wann die todten cörpel würfet es aüß an den staden: also die weit würflet auch auß die da tod seind der weit vnd nit volbringen die weltlichen werk. Ebenda. 4 Das möre ist verschlündig ; wann also ist es in dem mör, dz die grössern visch die klainen verschlinden vnd also ist es auch in der weit, das die mächtigsten und reichesten verschlinden und peinigen die armen. Ebenda 3b. 5 Wie die Welt urteilt. Ich sag dir, wölicher hie verachtet wirt, der wirt dort größlich geert vnd herwiderumb, wann das blat wirt sich herumbkern nach dem tode, als wir sehen wie daßs geschieht mit dem habich vnd der hennen. Der habich, so er lebt, wirt er in großer eer gehalten, er sitzt auf der hand seines herren oder auf ainer stangen darzuo berayt. Aber die henn herwiderumb würt verachtet, kompt sy in die stub, so schreit alle weit über sie, man würfet ir nach schüssel und teller vnd treibt sy auß. Aber was geschieht nach dem tod? denn so nympt man den todten habich den schelmen , man würfft jn zum fenster auß auff den mist und laßt jn die würm freßen. Aber die henn würt her- lich berayt vnnd zwischen zwayen silberin blatten getragen auff den tisch für fürsten und für herren mit großen eeren u. s. w. Ebenda 12a. Alera. III 129 ff. VI 46. 6 Welt Lon. Betracht darnach den angel vnd die bitter- kait die da verborgen ist in dem lust der sünden. Betracht was lones die weit gibt. Sich, wenn ain junckfraw jr junckfrawschaft verleurt, so wirt sy ettwan mit ainem kind gon und wirt aller weit zu schänden ; so hat sy dann ain nagen vnd kratzen und ain beissen in jrem herzen vnd allen schmerzen, kumer und angst vnd not, die sy leyden muß. So ist das meer traurigkait dann freud, meer gift vnd gallen dann honigs und triakers (d. h. Theriak). Gaistl. Gunkel. 7 Weise nicht geschäht. Nun beschicht es gar oft das Bala- 173 am beschacb, des esel weiß was, das menig warlich esel seind und anweiß geschetzt seind in den äugen der weit. Von dem Aaßgang der Juden. 8 Gebrauch der irdischen Güter. Die Menschen sprechen: Got hat alle ding umb des menschen willen gemacht, alle ge- schöpft under sein füß geworfen : die Tisch, thier, vogel vnd alle ding : was sollen sy sonst, weder das man sy essen soll. Dise torhayt kompt von blinthayt unnserer verstentnus. Got hat alle ding uns geben zu unserm brauch vnd nit zu mißbrauch, das du davon essen solt, das dir diene zuo dem end, das ist, das du dein natur mögest damit enthalten in der stercke, das du mögest thuen das wölches dir Got bevolhen hat: jm dienen, ewige seligkait er- langen. Also hat Got nit alle ding darum gemacht, das sy in dir zu mist sollen werden — laß joch sein, das dir alle ding zu brauch seyen geben, aber nit darum, das du sy alle sampt essen müssest. Man brauchet gelt auch, du brauchest dein hauß nitt darum, das du das gelt vnd das hauß müssest essen. Die hüp- sch'en visch, thier vnd vögel die stern am hymel vnd alle ding seind dem menschen zu nutz und brauch geben. Ain hüpsch distel vögel in, das Got so fein gemacht hat vnd auff das aller- schönest ausgestrichen mitt höpschen färben, nit darumb das es in deinem bauch zu dreck würde : aber darumb hat Got alle ding för- derlich gemachet, das in jnen erglöst sein allmechtigkeit weißhait vnd gütigkait. Von den sieben Schwerten. 9 Irdische und himmlische Freude, Der essich muß , vor allen dingen auß dem faß, soll gutter wein darein gefüllet wer- den; denn so wenig als feur und wasser mit einander gemein- schaft mögen haben, so wenig ist es müglichen, das dißi zwo froi- den uff ein zeit in einem menschen statt gewinnen mögen. Seelenparadis 121a. 10 Irdische Güter. Vögel, die zu viel federn haben, die mügen nitt allso hoch fliegen, als die die nit zu vil haben, als ain gannß oder ain pfaw, die habent vil federn, die beschwären sy, das sy nit hinauf? komen mügen. Ain küniglin ist das aller- klainest vogelin, das man findet vnd fleugt doch höher dann kain anderer vogel, es fleugt biß an die sper hinuff (d. h. Spähre). Gaistl. Gunkel. 11 Reichtum. Gedenck das die reichtumb gleich sind als ain pach, ain fliessent wasser, das selbig wie es herfleußt, allso fleußt es widerumb dahyn vnd der pach der da aus dem Reyn fleußt für dise statt ist nit diser statt. Si mag aber wol darvon nemen zuo jr notturft, also das man die hende darauß mag weschen, die matten darmit wässern und der geleichen : allso ist es mitt dem reichtumb. Ainer der mit dem ganzen leib in dem wasser steet vnnd allain das haubt herauß hatt, der ertrinkt nitt. Aber wide- rumb, ist er mit dem ganzen leib auß dem wasser und hat den 174 köpf allain darinnen, mag er nicht lang beleiben: er muß er- trinken. Schiff der Penitens 102b. 1£ Nun ist der kot vnd mist nit nütz im haus Ja er ist auch schad: es stinkt das ganz hauß davon; würft man aber den mist auf die äcker, die macht er fruchtbar und faißt. AIlso die reich thumb. Ebenda. 13 Wettwerk — Spinnenwerk. Wen du hie müssig geest und dich nit übest in guten werken, du legst dein herz auf gau- ckelwerk vnd zerest dich auß wie ain spinn, die nur mucken facht vnd spint sich ganz auß vnd im winter hanget si dort vnd ist nichtz dan ain läre haut. Also geschieht dir, wenn du an dein letzstes ennd kämpst, so hast du dich außgezeret, das ist, du hast den zeitlichen dingen allain gelebt. Haß im Pfeffer. 14 Weltliche Lieb. Weltliche lieb ist der leim, darinn du gefangen bist. Wenn ain knab ain spetzlin gefacht, so binndt er es an einen faden, ettwan ains arms lang oder zwaier oder dreier vnd laßt das spetzlin fliegen vnd behellt den faden in der hand, so fleugt das spetzlin auff und meint, es wöll hinweg fliegen, so zeucht der knab den faden zu jm, so feit das spetzlin herwider ab. Allso die seele wolt geren hinauf, wan von art ist si sich über sich zu richten, aber die weltlich liebe laßt si nit, si zeucht si immerder wider herab. Ain beer, der an ainer ket- ten ligt, er ist starck genug zu lauffen,. aber die kettin zeucht ihn hinder sich vnd hebt jn, das er niendert kommen kan. Gaistl. Gunkel. 15 Von der Welt Herrlichkeit. Glaub mir, welcher mönsch sich also übet der komet bald darzu, das jm aller weit herrlich- keit scheinet ein kinderspiel zu sein und wen er höret sagen von gewalt, von herrschaft oder von reichtum, darab ist jm jetzund nit änderst, denn als ob er die kinder uff der straßen sehe mitt- einander spilen. Seelenparadis 40b. 16 Das Glück dem Göppmger Satterbronnen gleich. Begab es sich etwen, das mich ettwas glück anlachet, so verdroß mich darnach zu greifen vnd das zu erwüschen, wenn gar bei ee das ichs erwüschen vnd ergreifen wolt, was es zerflogen und ver- schwunden wie der saurbrunn zu Göppingen, so man darauß trinkt, so bitzelt und zippert er ein wenig im mund, aber es ist gleich nit me darhinder vnd schmackt als waßer. Also ist es auch mit der weltfroid u. s. w. Seelenparadis 229b. 17 Vom Kinde und dem falschen Weisen. Wann die jungen kinnder schätzen ain klaine gab als ainen apfel oder ain schellen höcher dann die ganntzen weit. Sy achten auch nitt was künfftig 175 sey: wann sy haben nit yerstentnuß. Sy haben ain leichtz ge- rn ütt; allso thuond die weisen diser weit, die das zergängklich hoch er schätzen und lieber haben dann das iewig. Von anhebenden Menschen £1. 3a. 18 Gleich als ein träum seind alle zeitliche ding; nit än- derst dann ain träum; der da schlaft, dem träumet, wie er da in grossen eeren sei, da ist er in grossem lust vnd freuden, da geet er mit grosser reichtumb vmb vnd wenn er erwachet, so ist es nichts. Also und nicht änderst ist es mit und umb alle kinder diser weit. Sy geend hie als in ainem träum ymermeder hin in grossen eeren und in des leibs lust u. s. w. Und wenn sy er- wachen, das ist, wenn si gestorben, so jnen die äugen aufgeend, so sehen si das es nichts ist gewesen, damit si umb seind gangen. Aber alle die weil si hie seind, so sehent si es nitt, si haben die äugen zuo, als ainer, der im schlaff geet, ettwan der selb geet imermeder anhin ; .wenn man jn aber beschreit, so feit er, ist er hoch so feit er er zu tod. Also geschieht denen menschen auch, sy gond hin im schlaff der sünd, aber wenn da wirt komen der forchtlich tag so si Got beschreien und sprechen wirt: ite male- dicti, denn werden si fallen in den ewigen tod, das ist, in die tieffe der hellen. Gaistliche Gunkel. ABirlinger IV Soldatenpredigten aus der Reichsveste Kehl 1 ) Am I Advents- Somitag. (Auszüge.) Ach so soltet ibr auch jetzt, von dem ersten Tag dieses neuen Kirchen- Jahrs an, den Willen GOttes vollbringen, und gleich, wann ihr vom Lesen und Hören aufstehet, euch ansehen lassen, daß ihr hingehen, und seinen Willen vollbringen wollet. Voll- bringet ihn aber, wie es der HErr JEsus befohlen hat Saget nicht : Ich muß thun, wie andere thun, das ist grand mode, ao machens meine Officier, so gehts in andern Stuben zu, wir wollen dannoch alle seelig werden, und einen guten Kampff kämpffen. Gehet gleich hin, und weigert euch nicht, dann auch von dem 1) M. Johann Friderich Flattichs, | Evangelischen Garnison Predigers in der | Reichs -Vestung Kehl | Soldaten-Pos tili e, | Darinnen , Die Sonn- Fest- und Feyertags - Evangelien | deutlich erkläret, | Die Pflichten der Kriegs- Leute | daraus bewiesen, | Und | Die Atheisten, Naturalisten, Indifferent isten, Frey- | Geister, und andere Höhen, die sich wider GOtt und Chri- | stum in Lehr und Leben erheben, | Aus GOttes Wort, der gesunden Vernunfft, den | H. Kirchen -Vattern, und den Symbolischen Büchern | der Evangelischen Kirche bestritten wer- den. | Mit einem | Nöthigen Vorbericht, | Historischen und Systemati- schen Register, | und | Zugabe einer Commendanten- Predigt. | Erster Theil. | Tübingen, |.Auf Kosten des Auctoris, im Jahr 1788. 176 Wirth hat der HErr JEsus gesagt, wann seine Jünger sprechen würden : Der HErr bedarff ihr, so bald werde er die Eselin lassen. Entschuldiget euch nicht mit eurer angebohrnen Schwachheit tind andern Geschafften, dann muth willige Schwachheit und GOttes Be- fehl leidet keine Entschuldigung. Machet keine Auswahl unter seinen Geboten, sondern thut, wie euch JEsus befohlen hat, dann auch die Jünger habens so gethan, und nicht nur die Eselin, son- dern auch das Füllen, aufgelöset und ihm zugeführet. Gewiß der Hauptmann zu Capernaum würde nicht zufrieden gewesen sein, und auch unsere Hauptleute zu Rehl würden nicht zufrieden sein, wann ihre Fourier-Schützen und Soldaten nicht thun wolten, wie sie ihnen befohlen haben ; wann der eine Knecht sagte : Ich weiß zwar, daß ich kommen soll, aber jetzt ist mirs nicht gelegen; and der andere: Ich solte gehen, und könnte gehen, aber ich will jetzt nicht. Ich hab, spricht er, unter mir Kriegs-Knechte, noch wann ich sage zu einem: Gehe hin, so gehet er; und zum andern : Komm her, so kommt er; und zu meinem Knecht : Thue das, so thut ers. Matth. 8. was vor einen seeligen Hingang kan der Soldat hernach in seinem Tod haben, wann er auch zuvor in seinem Leben hin- gegangen und gethan, wie ihm JEsus befohlen hat. Ich erinnere mich, daß vor einem Jahr, eben an diesem ersten Advents-Sonntag, von dem Durlach. Craiß- Regiment ein Soldat ge- storben, und daß ich darauf bei seiner Beerdigung die Gelegen- heit genommen, aus den Worten des Evangelii einige gute Rührungen den Lei ch- Begleitern zu geben. Mitternacht hieß bei ihm die Stunde, da sein Advents-König JEsus kam. Er machte sich am Abend das Bett im Lazareth noch selber, und legte sich ohne sonderliche Anzeigen seines Todes darein: Aber um Mitternacht war ein Geschrei: Siehe der Tod kommt! Ach wie fürchterlich muß es aussehen, wann dieser König des Schreckens kommt, wie ihn Hiob heißt, und wann nicht auch zugleich der König zu Zion kommt, und der jenige nicht zu unserer Rechten stehet, der dem Tod die Macht genommen, und das Leben und . ein unvergäng- lich Wesen ans Licht gebracht? was ist es für eine schwere Reis, wann der Held in Israel einen so unvermuthet anderswohin com- mandirt, und in der Nacht seiner Sünden fortgehen heißt, ohne Licht des Glaubens, darüber er gleich bei dem ersten Schritt in das Todes- Thal in die äusserste Finsterniß fallt? Da ist kein Aufenthalt, sondern man muß fortgehen, und der Tod muß thun, wie ihm JEsus befohlen hat. Ruffen wir endlich dem Sterbenden zu : Siehe, dein König kommt zu dir ! so ist es ja freilich ein Lebens -Wort. Aber ich will den Fall setzen, eine solche Seele sei kein Zion gewesen, sie hab den HErrn JEsum nicht vor ihren König erkannt, sondern dem Fürsten der Finsterniß in ihren Lüsten gedienet, und sich davon auch bei ihrer leiblichen Züchti- gung und Kranckheit nicht loßgerissen, so muß ja ein solches 177 Wort zurück prallen, und der König kommt wohl, aber sie nicht in das himmlische Jerusalem einzufuhren, sondern ihr zu vergel- ten, wie sie bei Leibes Leben gethan hat. Solches sagte ich da- mahl zu meinen Soldaten, und daraus erbauet euch jetzt auch, ihr meine Liebsten! Sehet, in 5 Monath mag sich noch viel zutragen. Er kan auch zu euch sagen : Gehe hin aus der Vestung Kehl in den Flecken Kehl, der für dir ligt, und wann du nicht willig gehen wilt, siehe, so mußt du, und die Träger sind von GOtt schon aus- ersehen, die dich hinaus tragen, und in die Erde verscharren. Darum lebet doch so, daß ihr auch eine Freudigkeit haben könnet am Tage seiner Zukunfft, und wann der HErr JEsus wieder offen - bahret wird samt den Engeln seiner Krafft, aus dem Grabe-Loch mit Jauchzen und einem Hosianna nach dem andern herfür gehet. Am Feyertag Andrea. Wachen muß man, wann man einen Feind zu förchten hat. Es wird dem Feld-Hauptmann Abner billich vorgeworffen, daß er seine Schuldigkeit nicht als ein Soldat gethan, weil er die Posten so schlecht besetzt, und niemand war, der es sähe, noch merckte, noch wachte, sondern alle schlieffen, da David und Abisai den Spieß und den Wasser-Becher von Sauls Häupten in der Wagen- burg hin wegnahmen. Bist du nicht ein Mann? schrie er ihn an, und wer ist dein gleiche in Israel? Warum hast du dann nicht behütet deinen Herrn den König ? dann es ist des Volcks einer hineinkommen, deinen Herrn den König zu verderben. Es ist aber nicht fein, das du gethan hast. So wahr der HErr lebet, ihr seyd Kinder des Todes, daß ihr euren Herrn den Gesalbten des HErrn nicht behütet habt. Nun siehe, hie ist der Spieß des Königs, und der Wasser-Becher, die zu seinen Häupten waren. 1 Sam. 26. Ob wir auch gleich viele Jahre Friede in unsern Grantzen haben, so muß doch die Wache in unserer Yestung täglich aufziehen. Die Garnison wird deß wegen nicht vermindert, weil man nicht zu für- sichtig seyn kan. Wann ein Nebel fällt, muß die alte mit der neuen Wach auf den Vor-Posten stehen bleiben. Man vergißt des Piquets nicht, so etwas wichtiges vorfällt, damit man in Bereit- schafft ist, man patrouillirt, geht Fronde, empfangt das Wort etc. daß man auch so wachsam über sein Hertz wäre, und genauer aufsähe, was in dieser Yestung vorgehet! Daß man auf alle Be- wegungen seiner Feinde besser acht hätte, wie der Teufel durch diese und jene Sünde eindringen wolle, wie listig ers in allen Stücken anfange, was vor Yortheil er schon über uns erhalten, wie er wieder möchte abzutreiben seyn! Seyd nüchtern und wachet, dann euer Widersacher der Teufel gehet umher, wie ein brüllen- der Low, und suchet, welchen er verschlinge, dem widerstehet vest im Glauben. 1 Petr. 5, 8. 9. Wachet im Gebett mit Dancksagung. Gol. 4, 2. Könnet ihr nicht eine Stunde mit mir waohen ? Wachet und bettet, daß ihr nicht in Anfechtuug fallet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wachet, dann ihr wisset Blrlinger, Alemannia VH 2 12 178 nicht, wann der HErr des Hauses kommt, auf daß er nicht schnell komme, und finde euch schlaffend. Was ich aber ench sage, das sag ich allen: Wachet! lauten hin und her die Weck-Stimmen der heiligen Männer GOttes, und unsers Heylands selber. Matth. 26, 40. 41. Marc. 13, 35 etc. Simon nnd Andreas waren auch männlich bey ihrem damah- ligen Beruff, dann sie wurffen ihre Netze ins Meer, welche nicht ohne Mühe wieder ins Schiff konnten gezogen werden. Aach Ja- cobus und Johannes mit seinem Vatter Zebedäo, ob dieser gleich ein alter Mann schon mag gewesen seyn, warteten ihres BerufFs, und weil sie durch das offtmahlige Auswerfen und Ziehen ihre Netze zuvor zerrissen und schadhafft gemacht, sassen sie und flicktens, damit sie dieselbe wieder brauohen konnten. Noch männ- licher, wie es auch die Würdigkeit des Amts fordert, waren sie hernach, da sie aus dem Nehr- in den Lehr-Stand kamen, und durch die Predigt Göttlichen Worts, als mit einem Netz, die See- len der Menschen aus dem wilden und wüsten Welt-Leben heraus ziehen und fangen müssen. Also soll auch in dem Wehr-Stand der Soldat *eyn. Sein Beruff ist sein Netz, das er auswerffen, ziehen und nicken muß, und dabey soll ihn keine Mühe ver- driessen, und zu schwer fürkommen, sondern diejenige Kräfften, die ihm GOtt gegönnet, nach allem Vermögen dazu anwenden, daß man von ihm sagen könne : er sey ein männlicher Soldat. Männ- lich soll der General und Obrist seyn, sein Befehl auctoritätisch, seine Hand tapffer, und sein Hertz unerschrocken, nicht wie jener Obriste beym Terentio, welcher, nachdem er seine Soldaten ange- frischet, sagte: Ego hie ero post prinoipia, Ich will hier im Hin- terhalt bleiben: sondern wie Eleasax, der Sohn Dodo, welcher die Philister schlug, biß daß seine Hand müd am Schwerdt erstarrte, und der HErr ein groß Heyl zu der Zeit gab, daß das Volck um- wandte ihm nach, zu rauben. 2 Sam. 23, 10. Männlich die Officier, nicht, daß sie ihre Stärcke und Muth bey Duellen, unnöthigem hazard und dergleichen zeigen. Diß sind keine Andrea, und Jünger von des HErrn JEsu Gesellschafft, sondern so zu sagen ein über- bliebener Saamen von dem Andreas-Orden in Schottland, davon das Zeichen war eine güldene aus Disteln bestehende Kette, an welcher das Bildnuß St. Andrea mit seinem Greutz hieng, nebst der Ueberschrifft: Nemo me impune lacessit, Es greifft mich nie- mand ungestrafft, und ohne seinen Schaden an: sondern daß sie Fürsten und Ständen zu Kriegs- und Friedens-Zeiten fleißig die- nen, derselben Feinden mit Leib und Blut, es sey im Feld, Be- satzung, Stürmen, Schlachten, oder durch was Gelegenheit es Soli- sten geschehen kan und mag, tapffern und männlichen Widerstand thun, die desordres verhüten, gute Disciplin halten, die Laster un- partheyisch abstraffen, ihr gutes Ansehen durch kein unmäßiges Leben verlieren, den Weibern nicht ihr Vermögen geben, noch die Wege gehen, darinnen sich die Könige verderben, Sprüchw. 31, 3 179 und an ihrer leiblichen Übung, Reglement und Exercitio eine Freud haben, dann durch Gewohnheit bekommt und behält man auch hier geübte Sinnen, wird männlich, und bleibt männlich, wie Hu- sai zu Absolon vor seinem Vatter David sprach: Du kennest dei- nen Vatter wohl, und seine Leut, daß sie starok sind, und zorni- ges Gemüths, UJD3 "Hö wie ein Bär, dem die Jungen auf einem Feld geraubt sind. Dazu ist dein Vatter ein Kriegs-Mann, und wird sich nicht säumen mit dem Volck. 2 Sam. 17, 8. Ein Garnison- oder Feld -Prediger hat zwar einen gantz andern Beruff als ein Soldat, dann ob wir wohl unter euch im Fleich wandeln, so strei- ten wir doch nicht fleischlicher Weiße, und die Waffen unserer Ritterschafft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor GOtt, zu verstören des Teufels Bevestigungen. 2 Cor. 10, 3. 4. Doch muß er auch männlich seyn, sein Amt mit Beweisung des Geistes und der Krafft thun, den Teufel, der so wild offt unter dieser Gemeinde thut, nicht Herr und Meister seyn lassen, die gottlose Wider- sprecher dabey nicht achten, sondern ehren die Gottsfürchtigen. Bekommt er da und dorten einen Stoß, (daran es freylich nicht fehlen wird, wann er das Reich des Widerwärtigen mit Ernst an- greifft,) so sage er mit David: Man stösset mich, daß ich fallen soll, aber der HErr hilfffc mir. Der HErr ist meine Macht, und mein Psalm, und ist mein Heyl. Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des HErrn Werck verkündigen. Der HErr züchtiget mich wohl, aber er gibt mich dem Tode nicht. Ps. 118, 13 etc. Wann die Vestung belagert, oder eine Schlacht gehalten wird, so sey er männlich, halte seine Bettstund unerschrocken, und lasse sie darauf mit diesen Worten in den Streit ziehen: So seyd nun getrost und Männer, daß ihr nicht dienen müsset euren Feinden. Seyd Männer, und streitet! 1 Sam. 4, 9. Absonderlich aber soll der gemeine Hauff der Soldaten männlich seyn, alle ihre Schuldigkeit thun, und keine feige Memme darunter seyn, die aus dem Glied trette, durchgehe, und durch ihr böses Exempel andere auch nach sich ziehe, wodurch schon manche Schlacht verlohren gegangen. Die Gliedmassen seines Leibs müssen starck seyn, (die Gebrech- liche taugen nicht in Krieg,) die Natur hart, der Arbeit gewohnt, die Wind, Regen, Schnee, Staub, Hitz, Feuer, Dampff und was sich sonsten zuträgt, ausdauren kan, und dadurch noch mehr gehärtet wird. Männlich muß er seyn, so offt er des Morgens aufstehet, und sich mit Gebett waffnen, damit sein Feind, der Teufel, sich des Abends nicht rühmen, könne, er sey sein mächtig worden. Männlich, wann er auf die Wacht und seinen Posten zieht, daß er darauf nicht schlaffe, oder trincke, oder ihn unabgelößt ver- lasse, und durchgehe. Männlich, wann er in die Kirch, und aus der Kirch gehet, nicht immer ein Kind zu bleiben in der Erkannt- niß der Wahrheit zur Gottseeligkeit, sondern ein vollkommener Mann zu werden , nach dem Maaß des vollkommenen Alters Christi. Eph. 4, 13. Männlich, wann er in das Lazareth gehet, daß 180 ihn keine Trübsaal, Schmertzen und der Tod selber nicht ab- treibe, daß, wann er schwach wird, er doch zu der Zeit seye wie David, ein rüstiger Mann, und streitbar, nnd verständig in dachen, die die ewige Seeligkeit betreffen, und der HErr mit ihm sey. 1 Sara. 16, 18. So ist kein Zweifel, daß der HErr JEsus werde Wohlgefallen an ihm haben, wie ers auch an diesen vier Fischern im Evangelio gehabt, und in Ansehung ihres Fleisses und Treu, die sie bey ihrem Handwerck erwiesen, sie zu einem wichti- gern Amt befördert. Ich sehe aber leicht zuvor, daß die Feinde des Soldaten- Stands dagegen einwenden werden: An diesen Fischern hat der HErr' JEsus Wohlgefallen gehabt , weil sie in einem ordentlichen Beruff gelebt, und sich der Arbeit ihrer Hände still und ohne jemands Schaden genähret. Aber ein anders sey Fisch fangen, und ein anders Menschen umbringen, nach dem Bilde GOttes ge- macht, Felder verwüsten, Stadt anzünden, da frag man nicht nach Erbarkeit, nach Zucht, und nach Gericht etc. Wie dem Friede- Fürsten der Krieg, und dem sanfftmüthigen Lamm, das der Welt Sünde trägt, die lieblose Folgen des Kriegs können angenehm seyn? Ich will ihnen, als euer Prediger, die Antwort geben, und die Sach kürtzlich aus einer Schrifft Lutheri : Ob Kriegs-Leute auch im seel. Stand seyn können ? erläutern und vorlesen. „Die „Frag ist, ob der Christi. Glaub, durch welchen wir für GOtt fromm „gerechnet werden, auch- eben sich leiden könne, daß ich ein „Kriegs -Mann sey, Krieg führe, würge und stehle, raube und „brenne, wie man dem Feind in Kriegs-L^ufften nach Kriegs-Recht „thut? ob solch Werck auch Sünde oder unrecht sey, davon Ge- wissen zu machen sey für GOtt? oder ob ein Christ müsse der „Werck keines thun, sondern allein wohl thun, lieben, niemand „würgen oder beschädigen?" Darauf sagt D. Luther: „Ob es „wohl nicht scheinet, daß Würgen und Rauben ein Werck der „Liebe ist, derhalben ein Einfältiger denckt, es sey nicht ein Christ- „lich Werck, zieme auch nicht einem Christen zu thun, so ists „doch in der Warheit auch ein Werck der Liebe. Dann gleich- „wie ein guter Artzt, wann die Seuche so böß und groß ist, daß „er. muß Hand, Fuß, Ohr, oder Augen lassen abhauen oder ver- derben, auf daß er den Leib errette, so man ansiehet das Glied, „das er abhauet, scheinet es, er sey ein greulicher unbarmhertzi- „ger Mensch; So man aber den Leib ansiehet, den er will damit „erretten, so findet sich in der Wahrheit, dass er ein trefflicher treuer „Mensch ist, und ein Christlich, so viel es an ihm selber ist, Werck „thut. Also auch, wann ich dem Kriegs- Amt zusehe, wie es die „Böse strafft, die Unrechten würget, 'und solchen Jammer anrich- „tet, scheinet es gar ein unchristlich Werck seyn, und allerdings „wider die Christliche Liebe. Siehe ich aber an, wie es die Fromme i, schützt, Weib und Kind, Hauß und Hof, Gut und Ehre und Friede „damit erhält und bewahret, so findt sichs, wie köstlich und gött- 181 „lieh das Werck ist, und mereke, daß es anch ein Bein oder Hand „abhauet, auf daß der gantze Leib nicht vergehe. Dann wo das „Schwerdt nicht wehrete, und Fried hielte, so müßte es alles durch „Unfriede verderben, was in der Welt ist. Derohalben ist ein sol- cher Krieg nichts anders, dann ein kleiner kurtzer Unfriede, der „einem ewigen unmäßlichem Unfriede wehret , ein klein Unglück, „das einem grossen Unglück wehret. Daß man nun viel schreibt „und sagt, welch eine grosse Plage Krieg sey, das ist alles wahr. „Aber man solt auch daneben ansehen, wie vielmahl grösser die „Plage ist, der man mit Krieg wehret. Ja wann die Leut fromm „wären, und gern Fried hielten, so wäre Kriegen die gröste Plag „auf Erden. Wo rechnest du aber hin, daß die Welt böß ist, die „Leut nicht wollen Fried halten, rauben, stehlen, tödten, Weib „und Kind schänden, Ehre und gut nehmen? Solchem gemeinen „aller Welt Unfrieden, dafür kein Mensch bleiben könte, muß der „kleine Unfried, der da Krieg oder Schwerdt heißt, steuren. Da- nrum ehret GOtt auch das Schwerdt also hoch, daß ers seine ei- „gene Ordnung heißt, und will nicht, daß man sagen oder wähnen „soll, Menschen haben s erfunden oder eingesetzt. Dann die Hand, „die solch Schwerdt führet, und würget, ist' auch alsdann nicht „nur Menschen-Hand, sondern GOttes Hand, und nicht der Mensch, „sondern GOtt hencket, rädert, enthauptet, würget und krieget. „Es sind alles seine Werck, und seine Gerichte. Summa: man muß „im Kriegs-Amt nicht ansehen, wie es würget, brennet, schlägt „und fahet etc. dann das thun die einfältige Kinder-Augen, die „dem Artzt nicht weiter zusehen, dann wie er die Hand abhauet, „oder das Bein abseget, sehen aber, oder mereken nicht, daß um „den gantzen Leib zu retten zu thun ist. Also muß man auch „dem Kriegs- oder Schwerdt- Amt zusehen mit männlichen Augen, „warum es so würget und greulich thut, so wird sichs selbs be- weisen, daß ein Amt ist, an ihm selbst göttlich, und der Welt so „nöthig und nutzlich, als Essen und Trincken, oder sonst kein ander „Werck. Daß aber etliche solches Amts mißbrauchen, würgen und „schlagen ohne Noth, aus lauter Muthwillen das ist nicht des Amts, „sondern der Person schuld, dann wo ist je ein Amt, Werck oder „irgend ein Ding so gut, das die muth willige böse Leut nicht miß- brauchen? Solche sind gleich wie die tolle Aerzte, die eine ge- „sunde Hand wollen dem Menschen abhauen ohne Noth, aus lau- ster Muthwillen. u Was siehet dann der HErr JESUS, wann er, wie ehmals an dem Galiläischen Meer, also an dem Rhein-Ufer, auf der Glacis in der Vestung, Ober- und Unter-Hornwerck gehet? Brüder siehet er, und wann er ein wenig fürbaß gehet, siehet er wieder andere Bruder, aber nicht in dem Schiff ihres Beruffs, oder über einer Arbeit, die ihn erfreuen könte, sondern bey dem Wein ligen, und au88auffen, was eingeschenckt ist, und haben Pfeiffen, Geigen, Ley- ren und Psalter bey ihrem Wohlleben, auch am Tage der Ruhe 182 des HErrn. Brüder siehet er bey den ansgelsuffenen Dina- Schwestern, die sich nur am des Harens willen hie verdingen, and den Soldaten nachziehen, von denen man die Worte des Propheten sagen kan: Da bist nicht wie eine andere Hare, die man maß mit Geld kauffen, noch wie die Ehebrecherin, die an statt ihres Manns andere zaläst, dann allen andern Huren gibt man Geld, da aber gibst allen deinen Buhlern Geld zu, (henckest ihnen deinen Lohn an,) und schenckest ihnen, daß sie zu dir kommen allenthalben, and mit dir Hurerey treiben, and findet sich an dir das Wider- spiel für andern Weibern, mit deiner Harerey, weil man dir nicht nachlaufft, sondern du Geld zugibst, und man dir nicht Geld zu- gibt, also treibest da das Widerspiel. Ezech. 16, 31 etc. Bruder siehet er, die in einer losen Gesellschaft ihren Mond übergehen lassen von faulem Geschwätz, schandbaren Worten und Narren- theidung, oder solchem Scherte, der keinem Christen-Menschen ziemet. Eph. 5, 4. Brüder siehet er, die sich zusammen koppeln mit losen Stricken, unrecht zu thun, und mit Wagenseilen, zu sün- digen. Es. 5, 18. Die über ihrem Brüderschaft saufFen, und un- glücklichem Spielen, zuletzt Händel miteinander anfangen, rauffen und einander verwunden. — Fortsezung folgt. ABirlinger Mannheimer Theaterhandschrift des Götz von Berliehingen Nachdem der von mir besorgte Druck des Heidelberger Manuskripts von Goethes Bünenbearbeitung seines Götz erschinen ist, stellt sich heraus, daß auch die Mannheimer Theaterbibliothek in Besiz einer Handschrift dises Werkes ist. Nach einer Mittei- lung des Mannheimer Journals, die dann in andere Blätter über- gegangen ist, enthält das Mannheimer Manuskript mer als das Heidelberger Exemplar: ja die Zeitungen behaupteten, jenes zeige die größere Korrektheit. Die Angelegenheit ist immerhin interessant genug, um zu genauerer Prüfung aufzufordern. Auf der einen Seite Ufert unzweifelhaft das Mannheimer Exemplar eine willkommene Bestätigung desjenigen, was durch die neue Ausgabe zum ersten Male bekannt geworden ist. Auch ist richtig, daß an einigen Stellen, wo der Schreiber des Heidelberger Manuskripts sich ver- schriben hat, in dem Mannheimer das Richtige stet. An einigen Stellen habe ich in der Ausgabe bereits unter dem Text die Ver- besserung unzweifelhafter Feier gegeben. So verstet es sich von selbst, daß Olearius beim Bischof von Bamberg vom corpus juris behauptet, es sei darin alles, was in den Gesezen abgängig oder dunkel wäre (p. 46, Z. 22 d. Ausgabe), durch Glossen ersezi Hier ist abhängig sicher Schreib* oder gar Druokfeler (was ich von 183 hier ans nicht entscheiden kann). Auch hat Götz vermutlich zu Lerse p. 122, 10 gesagt: Aber du kommst ohne Mannschaft (stat der Kampf). — An andern Stellen aber ist eine Entscheidung nicht möglich. Götz sagt zu Lerse, als sie sich über ir früheres Zusammentreffen in der Fehde mit Eonrad Schott unterhalten und der andere in erinnert hat, es seien im bei einem Dorfe fünf und zwanzig Reiter begegnet: ich hielt am Dorfe hinter der Scheuer, in Willens sie sollten bei mir vorbey ziehen; dann wollt ich ihnen nachreiten. Warum sollte da nachrucken warscheinlicher sein? So ists mit den meisten der übrigen Varianten. Wo aber die Mann- heimer Handschrift mer bitet als die unsrige, da handelt es sich vor allem um die Beglaubigung des in ir enthaltenen Neuen. Dise feit ganz. Deshalb erscheint denn gleich die Fassung der ersten Scene, wie wir sie hier finden, ser verdächtig. Meine Ausgabe gibt sie, da das betreffende Blat in der Handschrift feit, nach dem Wortlaut, den 0. Schade 1856 bereits im Weimarschen Jar- buch veröffentlicht hat. Alles, was dort erschin, stimmt sonst mit der Heidelberger Handschrift genau ; nur war das zu Grunde ligende Manuskript inkorrekt, enthielt vile Schreibfeier, ließ an einer Stelle eine Zeile aus u. s. w. Da es aber aus Musculus 9 Naohlasse stammt, so war es sonst gut bezeugt. In der Anfangsscene nun enthält die Mannheimer Handschrift eine ganze Beihe von Zusäzen, die aller- dings geschickt gemacht sind und dazu dienen können, dem Publi- kum die Situation deutlicher zu machen. So sagtWeislingens Knecht : er habe abgesattelt (in der Mannheimer Handschrift „wieder ab- gezäumt") und den Pferden ein Futter gegeben. Dann folgt in der Mannheimer Handschrift: „wer weiß, wann der Herr sich vom Schlosse droben losmacht! was kümmerte ihn, wie es uns hier unten geht" — worauf der andre Knecht erwidert: „Uns wird nichts abgehn und so solls den guten Thieren auch nicht fehlen ". — In Goethes Handexemplar waren dise Worte nicht enthalten. Biß auf Weiteres sind sie also für einen Zusaz zu halten, welchen man für die Mannheimer Auffürung machte. Aenliches findet sich offenbar zimlich oft und stellenweise zeigt sich unverkennbar, daß das Hinzugefügte müßig ist. Wenn Weisungen z. B. in der lezten Scene mit Franz und Maria zu dem ersteren, der im zu Füßen fallt, die Worte sagt: „Steh auf und laß das Weinen. Hoffnung ist bei dem Lebenden", so sind die in der Mannheimer Handschrift noch stehenden Worte „ich kann wieder aufkommen" völlig ent- berlich und ersichtlich nur eine verdeutlichende Erklärung. Kurz, wie die Dinge ligen, kann das Mannheimer Manuskript nur als ein interpoliertes gelten. Es ist wol nach der echten Goethe- sehen Handschrift für die dortige Auffürung zugerichtet. Das hindert nicht, darin einen ser wertvollen Besiz des Mann- heimer Theaters anzuerkennen. An einer Stelle bietet es willkommne Ergänzung einer Lücke unsrer Ausgabe. Der in diser feiende Schluß des ersten Aktes stet in dem Mannheimer Manuskript vollständig. 184 Als Götz den verstimmten Weisungen nicht aufzuheitern vermag, kommt der kleine Karl und ruft: „Zu Tische, Vater! zu Tische! Wie steht ihr da, wie schweigt ihr? habt ihr euch verzürnt? Nicht doch, Vater, das ist dein Gast! Mann, das ist deinWirth". Darauf kert sich Weisungen nach einer Pause um und sagt, indem er das Kind in die Höhe hebt: „Du bezwingst mich, lieber Kleiner". Götz get dann auf Weisungen zu, faßt das Kind an, so daß es beide in die Höhe halten und ruft: „Bote des Friedens, du erinnerst mich an meine Pflicht". Karl aber beschließt den Akt mit den Worten: „So tragt mich zur Mutter, so tragt mich zur Tante. Euch versöhnt, verbunden zu sehen, ist ihr einziger Wunsch. Das habe ich ihnen lange schon abgemerkt". Wenn Goethe das in der gewönlichen Theaterbearbeitung ge- ändert und, um den Knaben nicht gar so altklug erscheinen zu lassen, die Aufforderung zur Versönung Marien in den Mund ge- legt hat, so war diß jedenfalls eine Verbesserung. — Aber alle Warscheinlichkeit spricht dafür, daß das Mannheimer Exemplar hier Goethes ursprüngliche Fassung der Stelle darbietet. Abgesehen davon müssen wir der Heidelberger Handschrift die größere Zuverlässigkeit beilegen. Es ist unbestritten, daß der Dichter sie eigenhändig durchkorrigiert und in die gekürzte längst bekannte Form umgewandelt hat. — Damit aber nicht ein fal- scher Name in die Goethelitteratur komme, bemerke ich schließ- lich, daß — nach dankenswerter Mitteilung eines mit Frankfurter Verhältnissen bekannten Gelerten — der Name des Senators, der auf dem Titelblatte des Heidelberger Manuskripts die Echtheit von Goethes Handschrift bescheinigt hat, nicht Dr. Heuburg, sondern iVeuburg ist. Der Mann hatte die Unart so viler Menschen, sei- nen Namen undeutlich zu schreiben. Daher der Irrtum. Karlsruhe Dr. Gustav Wendt Beiträge zur Geschichte des Humanismus in Schwaben und Elsafz und des Erwachens der klassischen Stadien im 15. und 16. Jarhundert Die Zeit, in welcher die klassischen Studien jene mächtige Be- wegung der Geister hervorriefen, die befruchtend auf eine Regenera- tion der Wissenschaften nach allen Seiten hin einwirkte, hat zwar schon manche Darstellungen gefunden. Allein zu einer tieferen und eingehenderen Kenntnis sind wir noch nicht gelangt. Dazu bedarf es einer weit vollständigeren Herbeischaffung des Materials, welches in Handschriften und alten Drucken verborgen ligt. Ich hebe zu- nächst einen scheinbar unwichtigen und vilfach übersehenen, aber durchaus nicht zu unterschäzenden Punkt hervor. Wir haben noch 185 keine erschepfende Darstellung der Lermittel d. h. der Grammati- ken, Vocabularien u. dgl., deren man sich bei dem Unterrichte be- diente. Und allerdings sind die meisten so selten geworden, daß es nur bedeutenderen Bibliotheken — und auch disen kaum — vergönnt ist, eine größere Zal davon zu besizen. Wie sollte es auch anders sein ? Wie wenige unserer heutigen Bibliotheken geben sich damit ab, Schulbücher aufzuheben! In der älteren Zeit war man . in diser Hinsicht kaum sorgfältiger. Diejenigen Exemplare aber, welche der lieben Jugend in die Hände gegeben wurden, hatten ehemals dasselbe Schicksal wie heutzutage : sie wurden zer- rißen, beschmirt, verklext und — weggeworfen. Ich kann an einer Reihe von solchen Schulbüchern aus dem 15. und 16. Jarhundert, welche ich selbst besize, ad oculos demonstrieren, wie auch damals der Spruch galt: Jugend hat keine Tugend. Von welcher Bedeutung gerade die Frage der Schulbücher für jene Zeit war, get augenscheinlich schon aus dem euien Um- stand hervor, daß der unermüdliche Vorkämpfer des Humanismus, Hermann Buschius, bei seinen Angriffen auf die Gegner desselben in Köln besonders darauf drängte, daß der Donat statt des Alexander Gallus gebraucht würde. Es scheint uns kaum begreif- lich, wenn wir den Streit verfolgen, wie eine solche Frage mit einer Erbitterung und Leidenschaft one Gleichen verfochten wurde, wie sogar die Kanzeln, namentlich von Seiten der Dominikaner, dazu benuzt wurden vor den „poetae et oratores", als den Vor- gängern des Antichristes, zu warnen*: was in Köln wirklich vorge- kommen ist. Richtig bemerkt in diser Hinsicht Cornelius (die Münsterschen Humanisten S. 26): „Will man billig urteilen, will man beiden Richtungen ir Recht widerfaren lassen, so muß man sich auf ire Weltstellung, wenn ich es so nennen darf, besinnen. Der Orden der Dominikaner war eine der Blüten, welche die ältere christliche Zeit getriben hatte; er hatte der Welt den Thomas von Aquin, dem deutschen Volke den Albertus Magnus gegeben: auch jezt waren sie die, wenn gleich ser ungenügenden, Vertreter der älteren christlichen Weltanschauung. Andererseits sind die Huma- nisten aus dem Prinzip der neueren Geschichte geboren und die- nen im. Beide Teile sind natürliche Feinde: was Wunder, daß sie sich schaden? Nicht als ob sie selbst irer Stellung sich klar bewust wären. Es sind vilmer die Vorposten zweier Heere, die einander nahe rücken: sie kennen den Plan nicht, welchen sie als Glider des Ganzen vollfüren helfen, sie wissen über die dis- und jenseitige Stärke und die Elemente derselben keine Rechenschaft zu geben — nur eins wissen sie, daß es Feinde sind, auf die sie schlagen u . Ich habe diß vorausschicken müssen, damit man es nicht auf- fallend findet, wenn ich auch Notizen über solche Männer, welche sich fast ausschließlich mit dem elementaren Unterricht « im Latein abgaben, unter die Beiträge zur Geschichte des Humanismus auf- 186 nemo. Der gewaltig und unaufhaltsam vordringende, einem gÜn- zenden Meteor vergleichbare Sturm des Humanismus, der rasch die Feinde allerwärts niderwirft, erregt mit Recht unsere Bewunde- rung; allein möglich war er nur durch die vorangehende stille Arbeit einer Reihe von Schulen und Männern, die über den bleu- denden Erfolgen irer Nachfolger zum Teil völlig vergessen sind. Eine eingehendere Darstellung diser Schulen des 15. Jarhun- derts, welche eine rationellere Betreibung des Sprachunterrichts und ein anregenderes Studium der alten Klassiker anbauten und förderten, sowie eine Charakterisierung der hierbei benuzten Schul- bücher, ist eine Aufgabe für die Geschichte der klassischen Philo- logie, welche noch nicht annähernd befridigend gelöst ist. Eine nicht unwichtige Quelle für die Kenntnis derjenigen Werke und Männer, welche am Schluß des 15. und zu Anfang des 16. Jarhunderts für die Ausbreitung der klassischen Studien tätig waren, besizen wir in dem Auctarium des Priors im Kloster Laach, Johannes Butzbach, (f 1526), welches nach der Absicht des Ver- fassers eine Ergänzung zu dem Werke von Trithemius „de scri- ptoribus ecclesiasticis" bilden sollte. Es ist zu disem Zwecke be- reits von Böcking im Supplement zu Huttens Werken (Tomi poste- rioris pars altera) für die Biographien derjenigen Männer ausge- beutet worden, welche in den Epistolae obscurorum virorum vor- kommen, fch gebe hier eine Reihe von Artikeln daraus, und zwar hauptsächlich über Schüler von H. Bebelius und solche, die ans dessen Kreis hervorgegangen sind. (fol. 115b.) [J 1 )] Acribus Hmricman, patria Sudelfinensis natione Sueuus, homo in secularibus litteris exeellenter institutus, grammaticus et poeta insignis, discipulus quondam Heinrioi Bebelij poete laureati, cuius supra memoriam habuimus 2 ). Scripsit pro vtilitate puerorum, quorum in grammatica preceptor erat, satis notabilem grammaticam M. iij „Grammatica est ars recte" 8 ). Carmina quoque et diuersas epistolae cum nonnullis alijs edidit Viuit adhuc. [J]Oannes Hilbrcmt, natione Teutonicus, familiaris predicti Jacobi fautor, et ipse quidem bonarum litterarum disciplinis sat eruditus, qui et nonnulla ingenij sui edidisse fertur monimenta, 1) Für die Anfangsbuchstaben ist in der Hs. freier Raum ge- lassen, um sie später hineinzumalen; diß ist aber unterbliben. 2) Ich lasse die Biographie des H. Bebelius nicht abdrucken, weil dieselbe bereits von Böcking a. a. 0. mitgeteilt ist. 3) Bei Anfürung der Werke eines Autors befolgt Butzbach im Auctarium die Ordnung, daß er vorn auf der Linie den Titel, in der Mitte die Anzal der Bücher und am Schluß die Anfangsworte des Wer- kes angibt. 187 sed nichil eorum adknc ad noticiam meam peruenit. Legi epieto- lam eius dnmtaxat in grammaticam prememoratam. Viuit adhuc* \S\Ebastianu& Kefer, auditor supramemorati Jacobi, a quo tarn in grammatica quam in ceteris humanitatis litteris apprime eruditus est. Scripsit et ipse pro recommendatione operis pre- ceptoris sui instructum Carmen, quo satis acutum suum prodidit ingenium, sed et alia plura scripsisse dicitur nondum mihi cog- nita. Viuit adhuc cepto insistens studio. [M]Athias Kretz, natione Alamanus, patria Landspergensis, predicti Sebastiani sub eodem preceptore quondam condiscipulus, metro et prosa exercitatum habens ingenium, de ouius scriptis nichil hucusque vidi preter Carmen illud quod in grammaticam ma- gistri sui "composuit. Viuit adhuc. (fol. 116a.) [Ajmaridus Mechlingius, homo studiosus et excellenter satis eruditus, versu prosaque valens, quedam vtroque stilo scripsisse perhibetur, quibus nomen suum et Studium ad noticiam posteritatis transmisit, sed nichil ex eis hucusque ad meam peruenit lectionem preter epigramma vnum grammatica Henricmanni ,, cuius auditor mit olim, prepositum. Viuit adhuc 1509. [X\Oannes Haberkalt cum predictis ab eodem in litteris phi- losophicis institutus preceptore, ingenio clarus et sermone comptus, ligata solutaque exercitatus oratione, quibus etiam nonnulla fertur mgenij sui cudisse monimenta, que nondum videre potuj. Scripsit et ipse in preceptoris sui grammaticam instructum epigramma, quo ei acceptum referre voluit, quicquid sub ferula illius philosophice eruditionis acquisierat. Viuere adhuc dicitur plura scribens. [IjOannes Weber, natione Sueuus, sub sepememorati Jacobi grammatici doctissimi cum antedictis in triuialibus scientijs egregie imbutus, sicut aperto p. (patet ?) iudicio in epigrammate illo, quod in laudem erebro nominate grammatica composuit. Si quid aliud, mihi necdum innotuit. [G]Asperm Humel, vnus ex preoeptoribus Jacobi Henricman, grammaticus excellens, a quo grammatice institutionis non mini- mam partem se idem Jacobus in epistola ad eundem accepisse in- genue fatetur, quem etiam plura scriptis reliquisse ad vtilitatem studentium non dubito, quorum noticiam non habeo. [W]Olffgat%gus Bebelius, natione Sueuus, patria Iuatingensis, frater Henrici Bebelij hominis litteratissimi, homo et ipse eque ac germanus in litteris humanitatis excellentissime instructus, ingenio pollens et eloquio. Scripsisse dicitur quedam ad incitacionem fra- tris sui pro explosione barbarie et institutione puritatis latine lin- gue, que nondum videre merui. Legi tarnen eius instructum epi- gramma, quod in libellum fratris de arte versificandi condidit. Viuit adhuc, ut audio, cum germano Tubinge philosophiam pro- fitens. [LjEomrdus Clemens, natione Sueuus, patria Vlmensis, pres- 188 ' biter ibidem, vir in sacris litteris competenter institutus et secu- laris litterature non ignarus, metro exercitatus et prosa, scripsit gemino stilo erudite lectionis quedam sinthemata, e quibus com- plura feruntur carmina et ad diuersos instructe elegantig epistole. Legi ipsius in stycbologiam Bebelianam carmen. [W^Endelinus Sueuus, patria Phorcensis et ibidem in phi- losophia lector, homo studiosus et eruditus in secolaribas litteris, qai et carmine et prosa quedam scripsisse dicitur, e quibus extat in laudem Bebelij carmen saphicum. Viuit adhuc. Eine Reibe von Süddeutschen, welche als Verfasser von Bar- barolexen und Disputationes quodlibeticae bekannt wurden, behan- delt gleichfalls Butzbach; ich habe die Biographien bereits in der Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 7 S. 282 ff. veröffentlicht. Unmittelbar hinter denselben stehen auf fol. 83b die folgenden: [l]Ohannes Charisteus, cuius patrie vel nationis nomen ignoro, homo equidem in secularibus litteris egregie doctus et diuinaram non ignarus, ingenio excellens et sermone disertus, Greci peritus sermonis atque latini, philosophus et orator insignis, fertur non- nullas lucubraciones edidisse, quas tarnen nondum memioi me vi- disse, de quibus feruntur Orationes plures li. j. Et quedam alia: Quo autem tempore hie claruit similiter ignoro, puto tarnen eum vnum ex supramemoratis fore neothericis et forsitan adhuc viuit 159 [d. i. 1509]. [C]Batho VdemhemiuSi natione Teutonicus, vir in liberalibus scieneijs excellenter eruditus et diuinarum non expers litterarum, peritia artium quippe magister egregius et Sletstatinis scholis pre* fectus famosus, ingenio eultus et sermone clarus et tarn hone- state vite quam doctrina auditoribus suis venerabilis, plura scri- psisse perhibetur, sed nil adhuc ad [fol. 84a] lectionem meam peruenisse memini, lector meus studiosus illa inquirat. Mortons est ante paueos menses cum magna auditorum suorum querela et pulchro cuiusdam epitaphio honoratus sub Maximiliano anno do- mini 159 [1509]. \X\0hannes Hilt Rotwylensis, natione Teutonicus, homo bo- narum artium oppido studiosus et diuinarum scripturarum noticia sufficienter imbutus, philosophus acutus et Heidelbergensis gym- nasij decus insigne, ingenio subtilis et acer, sermone clarus etdis- putator de quolibet acutissimus. fertur scripsisse aliqua lectione digna sc. Questionum disputatarum li. j Quodlibeta varia li. j Orationes plures li. j Et nonnulla similia, quorum tituli me fugiunt; puto quod viuit adhuc. Als Grammatiker wird aufgefurt fol. 151 : 189 [W]Enteeßlaus Brack, natione Alemanus, homo in studijs litteralibus continue exercitacionis, liberaliura artium professor et examinator rectorque scbolarum apud Constantiam vigilantissimus, metro Valens et prosa. Scripsit ad vtilitatem et profectum scho- lipetarum suorum de significatione rerum opus grammaticum quod Vocdbulariwm reru/m prenotare voluit li. j „Multa ad te prestans iuuenta" Et alia quedam. damit sub Friderico 3° apud Sueuos fa- mosissimus. Als Astronom wird auf fol. 155 behandelt: [l]Oannes Lucülius, natione Germanus ex oppido Heilbrunensi alias fons salutis dicto oriundus, homo certe quum in diuinis tum in eecularibus sciencijs et vel maxime in astronomia studiosus et doctus, ingenio simüiter et sermone prestans, cuius opera et stu- dio scripta Ioannis de Monte Regio in lucem producta sunt. Scri- psit et ipse in astronomiae scientia nonnulla quibus nomen et eru- ditionem suam claret scilicet Ephemeridem nouam li. j „Cum supe- rioribus annis non paucos". Alia eius opuscula nondum videre (ergänze „merui"). Claruit statim post prefatum Joannem Regimontanum. Elberfeld WCrecelius Zur Wortforschung XII 1 Deutelkolbe m. typha zu Alem. VI 155: Deutwang. Dios- coridis, de medicinali materia — Francof. 1543 S. 265 : typha ger- manica: moßkolben, narrenkolben, DeitteUcölben, liesknospen. Im Register: dytielholbm. Tabernomont. . ed. Bauhin 1664 S. 559: DeitelJcolben. Zwinger, Kräuterbuch Basel 1694: typha niederl. Dodde, Lischdotte, Donsen. In teutscher Sprach: Ließkolben, Narrenkolben, Wasserkolben \ Ließknospen, Weyerkolben, Maur- kolben, (Morkolben? Bück), DietelkoWen S. 313. Die merfachen Dettelbüche sten zum ON Tatilinpach nicht Tutilinpach. Vgl. auch den Namen Deutelmoos in Schwaben, den Familiennamen Deutel- moser in Riedlingen. In Fischers Statistisch-topogr. Beschreibung des Burggrafthüms Nürnberg u. s. w. 1787 I S. 176 : Teichkölben, Lieschkolben. Zu Bölster = typha stimmen die Sumpf -Flur- namen: Bolster, Bolstern, aber nicht die beiden Bolsternang, die nie sumpfig waren, noch es sind. Im 9. Jarhd. saßen da noch einzelne Romanen, sollte bostar Rinderhütte hereinspilen? *) 2 Gnsel adj. subst. geil, aufgeregt. „Ein new abentürlich Practica Docktor Johannis Roßschwantz von Langen Lederbach u 1) Die Lesart Itosternang kommt im 13. Jh. wider holt vor. In derlei Namen ist wol allerhand zusammengeronnen. Man denke an die naheligenden: ahd. pulstar (pelta), piüiz (boletus), büristcU (Vieh- stelle) und an die alten Collectiva auf -erach (ern) z. B. haslerach (has- leren); gerterach (gertren) ; längerrach, lengrach, lengern u. s. w. (Back) \ 19b (alem.) Cap. XIV : Die münch werden die jar vil keß sarolen, wann das futer ist wol geraten, das wirt sie faßt stechen und gusd machen, vorauß die noch schopff nnd schwantz haben. Mittig. von Crecelius. Willing (Alem. VI 87 Anm.) in seinen Predigten 98b: „dieweil unser fleischlicher Adam so gusel nnd geü ist — so ist von nöten, daß der mensch sein fleisch mit seinen glüsten täglich lerne abwürgen nnd tödten — dem halsstarrigen alten esel sein gnüok brechen u. s. w." „Die Maniesei springen auff die statten, so ge- laden, beyßt sy in die mänin und in rugken; daß jm diser gusd ▼ergange sol man sy ein weyl eynspannen und das mülinrad ziehen lassen: das selbig machet jn etwas zämer." Gesner-Forer Tier- buch 1563 BL 49b. Gvseier m. Gänserich. Baar. Sunthausen. Am Bodensee hört man strichweise güs=penis, gusen = coire. ILBuok schreibt mir: Ertinganis (Ertingen, Oberschwaben) est gus puden- dum, mentula; güsi 1) homo lascivus, luxuriosus 2) qui puellas frequentat 3) homo hilaris et garrolus et gestuosus (= Geck auf der Zwifalter Alb). 04sen cohabitare; nackgüsele n. puerulos nudus, qui pudenda non tegit; parentes hoc basiatura dicunt. Pro güsen etiam nunc quibusdam in locis verbo güslen utuntur, unde gusel detraham. Eadem vocabula reperi in valle Lutrae Munigi- singensium (Münsingen, Lautertal). Altorfenses pronuntiant gosen pro ludere lascive, uti aliud verbum gopen. Verbum gusi sonat simile alteri pro basiatore scilicet fusi, Wangensibus alpinis : busi. Schmid Schwab. Wb. 250 kennt Gus, Gusel = Gans; in der Kinder spräche. Schmeller I* 951 gusel adj. sich g. machen, lustig machen (1455) Frisch I 384c nennt ein Güselsross, ein Pferd das den Beiter abwirft, offenbar zu unsrem Worte oben gehörend. Seine Belegstelle ist Altenstaigs Vocab. entnommen: strenax, frisch, gails guseis Roß das einen bald vber ab wurfft. Diefenb. Gl. 551. AB 3 Zu Sebastian BÜr8ter 1 ). Zu den von Birlinger allbereits besprochenen Wörtern aus Bürsters Chronik erlaube ich mir in fol- gendem nachträglich einige Bemerkungen zu machen: S. 12 ist nach uff röhr ein Fragezeichen gesezt, etat dessen wäre die Silbe -en anzuhängen, uffrören = in Fülle zusezen; aufrören = Pulver auf die Zündpfanne schütten, dann zusezen, reichlich geben überhaupt, ist in dem wirtembergischen Donautal noch volksüblich. — 251 brüdtertrager = Brettertrager. Ober- schwäbisch Britt = Brett (in Lindau damals schon derselbe Bretter- handel wie in Ulm). S. 24 betsch ist wol der betsch = klatschen- der Hieb, Schlag, oberschwäbisch bätsch. Zeitwort: bätschen, klapfen, schlagen, daß es klatscht. — ängeri (Engerling) heißt in einem dem Freyherrn von Freyberg- Justingen gewidmeten Auszug: Caii Plinii hist. nat. von Hey den. Frankfurt 15G5 : eingericht (als Barbenköder angefürt). — anspeniger in Thomas Weißenhorner 1) Sih Alem. Hl 276—285; IV 236—244. 191 Ghron. ed. Baumann. 8, 19 : etlich edel und akispenig. S. 29 da- zu ein raysiger ewispeniger knecht. — 8. 99 bschmdt, zwischen wagnerhauß, scheyren und anderen Gebäulichkeiten des Kl. Salem genannt : wol = Bescheidstube. Eine solche fand sich nach den Aulendorfer Verhörsprotokollen um 1680 im Schloß zu A. — brätsehig. Im Donautal ist brätschen = ausklopfen, Bonen aus- brätschen = reife Bonenkerne aas den Schoten schlagen (vgl. brü- sehen). — bsetze f. ist noch üblich für Pflasterboden, bes. vor Stellen. — dachsgabel heißt in Oberschwaben auch die zweizackige Eisengabel mit der die Garben auf den Wagen gehoben werden. — dmmer jezt noch = dämmerig, halbdunkel. — er/Uzen. Ein Anlendorfer Protokoll von 1717 sagt: der Pfarrer werde ihme Mesmern einen braffen Filz geben haben = Verweis (Band 1717 8. 362b). — erwürgen, jezt verwärgen, ersticken. — groppe ist gobio vulgaris, dagegen gründet cobitis barbata und taenia, welche auch das Volk unterscheidet. — Ob grudel m. nicht von grudeln ? Lezteres bedeutet heute brodeln, sieden. Wir sagen ja noch „der Siedige und der Heiße ist mir den Buckel hinaufgelaufen. tf — hmige nacht ist in der Ravensburger Gegend als hindt noch vor- handen. — kär = Keller, jezt noch ; die sogenannte Elingenberger Ohron. ed. Henne sagt S. 140: hattend dadurch (die Stadtmauer) in einen her gegraben. — Die Heggbacher Chr. (ed. Baumann) a. a. 0. S. 289: winker, mükeren. — der schwarze Kaspar = Teu- fel ist noch übliche Bezeichnung. — kastspuolen; hier in Ehingen karspuel = Spülicht, Spülwasser. — Jcrogen voU, jezt groglet voll und groblet sowie groppet voll } scheint eher zu einem Zeitwort robeln = rebeln, wuseln, wimmeln als zu krock (Rize) zu gehören. Vgl purzlet voll, gruselet voll, gwuselet voll, alles mit derselben Bedeutung = wimmelnd voll, g und b wechseln ja oft genug. — Lidi f. Lastschiff. Bichentals Chronik (Aulend. Codex): Item das holtz • . . ain guoti arger ledi vmb ain pfund heller . . . vnd ain minder arger ledi vmb XVIII ß&. — Klingenb. Chr. S. 852 : fuor ain scheff als ain schUterledi (Scheiterlastschiff). — laichen. Wenn die Geistlichen und Lerer Ferienreisen machen, sagt der Bauer: die heorr© laichet. Der zuckende Bliz one hörbaren Donner heißt Weottorlaich. — rofienbrüderische Kunst: Anspilung auf die bekann- ten Rosenkreuzer. — latzman: 1) in Laub oder Reis eingekleide- ter Frühlingsbuz. Von im singen die Kinder: stilla, stilla, it so loui, der latzma hätt o dicke hout, eer hatt o hete wäfe, eor ist heunt nicht verschlafe und wenn men hett it gweckt, so lag «r no im bett. 2) Schelte = Lümmel. — einen schnee herlegen ist noch gebrauchlich. — lozen heißt man in Oberschwaben auch die Anhiebe (der Zimmerleute) am Rundholz, das man zu beschlagen anfangt und die ovalen Holzabfälle davon. — lücJcern, verUtekern x = entdecken, ausfindig machen, ist in ganz Oberschwaben ge- bräuchlich. — mauderig 1 = betrübt eingeschüchtert. 2 trüb (vom Wetter) in ganz Oberschwaben. — ölberger = Schlafhaube, fauler 192 Mensch (in Friedberg OA Sauig.). — schapper. Was ist der alte Ulmer Familiename Schaprunius? 1 ) — schick: — er bette einen gegenständ und so es einen schick abgebe, wolte er solchen zur Ehe nemmen. Aldf. Protok. 1672. — schidwein. Disem entspricht unser oberschwäbisch schidtoecJcen, m. = Abschidsessen; wird stets Abends gehalten. — zu schnapp wird wol unser verschnäppen = sich unbesonnen verreden, gehören. — alß hueren, schnuoren soll man usser der herrschaft bieten. Aldf. Maigebot von 1609 S. 5 — schöpfen (schöpfen), der Sinn ließe auch unser schwäbisch schöpfen = abfangen zu. — segi: — 1416 vnd sol man alweg mit der segy uff gemaynen kosten vischen. Königsegger Orig.-Urk. — In Buchau sagt man für Sege, die Zögi, weil es, wie Fischer Knoll meint, von ziehen herkomme (sagena). — thürgericht Türpfosten noch allgemein. — trom Balken, trömen mit Balken decken, unter- ziehen: das trömt Gebälke (Aulendorf). — unglüster, in Ertingen heute das aungleinster. Ebendort heißen die Feuerfunken gleinster neben glaneinster und glanäisten. Einige sagen auch granäistd und sogar granläista. — verflössen vgl. die Stelle aus Forer- Gesners Tierbuch (19) bärenschmalz mit räbenaschen ... duscht alle geschwulsten. — verwarlosen, noch üblich = durch Unachtsam- keit zu Grunde richten. — zu wette möchte ich bemerken, daß es in der Schweiz als schwette wider vor kommt. Vgl. watt: wette; schwad: schwader(-loch). Vgl. Rochholz A. S. 1, 162. — A. 924 (locus) Uuat beiRümlang. Neug. — Langwatt ist die Bachmutter, welche als Farweg benüzt wird. A. 1194 villa Langata, Geschichts- freund 4, 262. — 13. Jh. Waetfluo ib. 17, 251. — 1346 indem wat (an der Albe) Ettlingen. Mone Ztsch. 6, 341. — Waügaß bei Tobel (Schweiz) Grimm, Wst. 4, 406. wadegaß ib. 5, 648. - 1324 Languat. Steichele, Bisth. Augsb. 3, 1275. — Schon im J. 987 heißt der Rehbach bei Speier Lancwata. — 1393 item sie hant ein langwatt in dem Ebach (Gemeindebach), Grimm Wst. 4, 303. — untz an die Langotten (bei Wiedikon) ib. 1342 die lant- wat (das WaBser bei Villingen). Mone a. a. 0. 8, 121. — 1453 (das Wasser) die Langweg bei Vendenheim ib. 8, 166. — im gwatt. Zuggen, Geschichtsfr. 25, 135. — 1219 Wanbrehteswate. Wirt ürkb. 3, 78. — 1420 uff der langwatten. Habsthaler ürkb. S.41. — der Watpach 1714 zu Merxheim. Grimm, Wst. IV. — Wie sie- der zu slat, so verhält sich swader zu swat. J. 1266 swaterlo, Ztsch. f. G. des Obr. 28, 386. — 13. Jh. swaderleg (Schwader- mühle an der Zusam) Steichele 3, 845. — 12. Jh. swadirouua. Geschichtsfr. 17, 250. — 1375 schwaterlo. Mone 6, 359; dort S. 360 ein Mann der Swaterler. — 1516 swaderloch by zell an der schussen. Vanotti Gf. v. Montfort S. 625. — Schwatterloch bei Lauffenburg etc. etc. Ehingen a. d. 1). Dr. RichardBuck 1) Wie verhält sich der schapper (das Vließ der Schafe) dazu? 193 Asketische Traktate ans Augsburg 1 ) Das send die predig, die der mrdig Herr Herr Jacob, helfet*) jsu vnser lieben frawen eu Augspurg prediget hau. Ewr drawrigkait wirt bekert in frewd. Also schreibt der himlisch Johannes an dem XVI capitel seiner ewangely vnd send die wort die der güettig Jhesn zu seinen jungern an seinem lestenn nachtmal sprach. Die hailig geschrift zaigt vns ain dryfache drawrigkait: die erst ist ain natürliche, die ander ain zeittliche, die dritt ain gaistliche. Die natürlich drawrigkait ist, so der mensch von natnr on alle außwendigen zufall allain auß naigung der natur geschweist vnd drawrig ist. Durch die drawrigkait verdent vnd verschult der mensch nichs. Die ander drawrigkait ist vnd haist ain zeittliche drawrigkait, so der mensch der alle begir zeittlicher gietter ermist vnd bedracht alle ir widerwertigkait, in drawrig* kait feit; dise drawrigkait nit allain verwirckt sy die genad gottes sunder. sy verschult ewige verdampnus, als vnd wir lessen in dem hailigen ewangely Mathei am XVIII capitel von dem jungling zu dem Cristus sprach: wild vnd begerst volkumen zu werden, so verkaff alle hab vnd gietter, gib die den armen vnd folg mir nach. Der ist fast drawrig vnd geschweist abgangen von dem herren, wan er was vast reich an zeittlichen gietter vnd arm an gaistlichen reichtdum. Die dritt drawrigkait ist ain gaistliche, so der mensch drawrig ist, das er in got, in göttlichem denst vnd dugetlichem dinge nitt wechst vnd aufsteigt als er begert, vnd sein will. Last von der drawrigkait, davon melden die wort meines anfangs: die wirt all weg in gaistliche fred verwandlet vnd bekert. Die drawrigkait jm aussteigen hatt acht stafflen, durch die sy in täglicher iebung wechst vnd aufsteigt bis sy kumpt zu dem stand der wollkumenhait , do jeglichem allweg edler, hooher, got angenemer vnd dem menschen verdenlicher ist, weder die andren. Auff welcher Staffel der ainer oder ander mensch entlich in sei- nem lesten abschid erfunden wirt, dem wil got belonen mit ewiger seligkait. Die erst Staffel gaistlicher drawrigkait ist bitter schmerz- liche rew der buswirdigkait. Die ander Staffel erkantnus aigner bruchseligkait 3 ). Die dritt Staffel armzeligkait vnd drawrigkait sei- nes nesten. Die viert Staffel aigne persönliche streflichait. Di« fünft Staffel zweifei des Standes aiger weslichait. Die sechst Staf- fel volkumen widersagunng vnd ganze abkerung irdischer drostung / 1) Papierhandschrift, 15. Jhd. 4° in meinem Beaize, emals Eigen- tum Häßlers in Ulm. 2) Hülfsgeistlicher, Pfarrhelfer. 8) sih unten. Birlinger, Alemannia VII 8 13 1&4 vnd zeittlicher siessigkait. Die sibent staffel entziechung gött- liches drosteß leiplicher vnd mutlicher empfintlichait. Die achtet staffel Verlängerung des einganges ewiger fred vnd entlicher selig- kait. Der jed liehe hat ain besunder zu geaignet fred, in die sy ver- wandlet wirt, als dise nach geschriben materi anzaigen wirt. Die erst staffel gaistlicher drawrigkait ist pitter schmerz- liche rew der büswirtikait, die peniget den waren rewer schmerz- lichen, den so er sieht vnd erkent in dem liecht der gnaden, das er durch sein begangenn sind sein edle seil so hartt verwundet, die drew vnd das gelipt des geläbes an got gebrochen vnd got so groß dar durch belediget vnd erzirnet hat. Dise ermesung vnd bedrachtung machent schmerzen vber schmerezen in dem gemfttt des warens rewers : diese drawrigkait wechst vnd nympt zu in dem herzen des menschen, so er in embsigen gemytt vnd sieht vnd bedracht die hailsamen gietter der genaden vnd dugeten, der er sich durch seinn sintliches leben, so er in zeit gefiert hat, selbe beräbt vnd vntailheftig gemacht, auch die penen zu dem er sich durch begangen sind vnd versampten gutthat verpfendet hat vnd got so seh warlich belediget ; vnder den ieczgemelten drawrigkait ist die edelest vnd hechst die den entspringt auß göttlicher belonung. Der barmherezig giettig got, so er sieht vnd erkent disse draw- rigkait mit abgrunter dieffer rew, kan er sich nit lenger enhalten, sunder er güst jm ein die genad verzeichung aller begangen sind, durch die dann alle drawrigkait auff gehept vnd hin genamen wirt vnd in gaistlichen fred verwandlet vnd bekert: dar vmb die erst staffel gaistlicher fred ieczgemelter drawrigkait in grossen hoff- nung göttlichen genaden, verzeichung begangner sünd, versampte gfitthat, veterliche barmherezigkait, so gott jm gaist von inen zu dem menschen rett wie zu Maria Magdalena: dir werdent abge- lassenn dein sünd, stand auff vnd -gang im frid Jhesu vnsers herren. Die ander staffel gaistlicher drawrigkait mit irer zu geaigne- ter gaistlicher fred ist erkantnus aigner bruchselligkait x ). So nun der mensch enpfint die erlangte gnad gottes ee er in im selbs nymt war: du bist gesund, bis fursichtig vnd behuttsam, das dir nichs ergers begegne, seezt vnd nympt vestigelich für sich, Got vleisigclich in ennzinter andacht zu dünnen vnd die vberigen ver- lichne tag in göttlichem lob vnd zu verzeren vnd enden; in dem so begegnet vnd stand dem menschen zu merekliche hindernus vnd grosse beschwernus im auß gang der Binden im ein gang der ge- naden. wan der feind aller seligkait, so er seiner herbergvnd ein wonung durch die ersten staffel Verstössen vnd verdriben ist, so brucht er alle sintlichen aigenlistigkait wider den menschen, wie er wider besiezen mecht sein alte herberg, behusung vnd ein 1) Hinfälligkeit. Adj. in Weist. 2, 569. 105 womrang vnd so der mensch sich als ganz in göttlichen denst gehen wil vnd erkent die schwere hindernns, so feit er den wider in ain grosse drawrigkait, hesorgt vnd furcht nach eopfangner gnad, er hab willeicht got durch sein s&mseligkait ettwas herter vnd hocher belediget weder vormals: das er die begande gnad in got gennsam geiebt, dar vmb in got die wider enzogen hab. aber der giettig herr der dan nit verlast alle die ir hoffnung vest in in senckent vnd werfent erfret sy aber mit ainer edlen vnd gaistlichen grossen fred weders vormals, wie vnd die ieczige drawrigkait greser, schwerer vnd peinlicher ist weder die erst, durch die der mensch erkent das er nit allain verziechvng seiner sind, sun- der ain besunder entliehe genad bey got erlangt hab; der halb aber das hercz des menschen in freden schwebt vnd die iecz gemelt drawrigkait auff gehebt vnd in die Staffel gaistlicher fred verwandlet vnd zu geaignet. Die ander Staffel der drawrig- kait ist begirliche iebung göttlicher gebott vnd dugetsamer werck nach menschlicher vermüglichait. Die dritt Staffel gaistlicher draw- rigkait ist mit ir zu geaignete fred vnd ist drawrigkait in des nesten leidenlichait. Disse Staffel entspringt auß der wolriechung obgemelter besunder gottlicher genad. wan durch iecz gemelter vnd erlangter entlicher genad, so der mensch vnuerdent bey got allain auß göttlicher giettigkaitt gefunden hat, wirt sein hercz zu drewen mit leiden seines nesten vnd virnemlich Gristus vnser erlesser in seinem schmerzenlichen leiden erwaicht, so aber der andechtige mensche erkent das got für in gelitten hat vnd er seiner sinden halb ain vrsach seines leiden ist, auch got mit kain geleichgroser Widerlegung der werck halb denen kan angesechen die brechlihait menschlicher bledigkait: so feit dan der mensch aber zumal in grossen drawrigkait vnd so er nit weitter mag, lernet er in diser Staffel vber all menschenn zu erbarmen vnd den schmerezen aller menschen in drwen mit leide jm herzen zu dragen, wan doch der vil gennsam ist wa das werck nit folg mag haben, sprechent, mit dem hailig sant Pauls : welcher ist kranck vnd ich nit mit jm wain. wan nun das herz des andechtigen enzinten begirlich menschen jn sollichem mitleiden Bchmerczen ettlich zeit siechent vnd kranck ligt, so kumpt den der herr aller gnaden, hebt auf vnd nympt hin selliche drawrigkait vnd verwandlet sy in die Staffel gaistlicher fred. Die dritt Staffel gaistlicher fred zu geaignet gaistlicher draw- rigkait ist herczlichs gemüttliches mitleiden in des nesten drieb- seligkait. Die viert Staffel gaistlicher drawrigkait ist aigne personliche streflichait. Wan nun der mensch etwa lang zeit fred, wollust vnd ergeezung in der gemeltenn gnad des* drwen mitleidens gehebt batt, so verhengt den vnser lieber herr vber in das im das liecht der vnnd ander gennden enpfintlich wider einzogen vnd der mensch bestrickt vnd beheft wirt mit ainer grossen engstlichen heftigen grussamen erschrocken driebseligkait vnd straff, die got auff in 196 wirft vnd vber in verhängt, die er nit änderst an nympt wan als ain zaichen vnud merckliches anzaigen göttlicher vngenaden, auch etwas schwerer vnnd peinlicher ist weder die vor gemelte draw- rigkait. Wan nach dem vnd der mensch in gaistlichen dugetsamen gietter zfi nympt vnd anff steigt, also weohst auch vnd steigt auff die driebseligkait, die flüst zfi zeitten als weit das der in göttlicher straff sich selbs vrtalt zfi sein in der zall der verdamp- ten menschen' vnd acht sich selbs in aigem vrtal als ain auß ge- dretten vnfruchber stock der dem für werden sol, sprechent in im selbs: ach got du ewiges gut, all obgemelten genade hab ich vor- sämig schlefferlich lassen hin gan vnd mich nit darin nach mei- i nem vermügenn vnd deinen gnaden geibt vnd die zu fruchten bracht, darvmb billich du mir die als dem himel regen, donnerwufcr an- zogen hast. Also murmlet er vnd zirnit nit wider got, besunder allain beschuldiget er sich selbs vnd sein aigne samseligkait. So nun aber der brun aller barmherczigkait Jhesu der giettig erkent vnd sieht selliche dise diemüttigkait des menschen, so verwandlet er zumal aber dise drawrigkait in grosse fred, als vns das geldb- lich anzaigt der erlich prophet Dauid jm buch der psallem also sprechent : nach der vnzalberlichait der schmerozen meines herezenn habent gedrest dein süsse drestung mein sei. Darvmb die viertt Staffel gaistlicher fred gemesne verleichung zeittlicher driebsalig- kait durch die drostung göttlicher süssigkait. Die fünft Staffel gaistlicher drawrigkait ist zeweiffel des Stands eigner weßlichait zewissen den grad göttlicher straff, auß der er besorgt sich zfi sein in der zall der abgeworffen verstossne von den genaden gottes vud der verdampten stat der menschen in grossen zeweiffel der hoffunng an ainem vnd der forcht am an- der tail, ob er sey in genaden oder vngenaden gottes; wan als die geschrift sagt, so waist der mensch nit gewislich ob er sy in ge- naden oder vngenaden gottes.* Durch sellichen zweiffei feit der mensch in grosse drawrigkait, auß der er kunt in grossem die- müttigkait,. auß der er wider kumpt zfi göttlicher drostung, von der den grosser fred erstat den die vor gemelten fred der gena- den gottes; den so lernet er den fred zfi haben vnd suchen in aller leiblichen vnd gaistlichen driebsaligkait, sprechent mit dem hailigen sant Pauls: vberflissig bin ich in frewd in aller drieb- saligkait, bedenck wie Gristus sein erücz mit freden hab gedragen zu der stat der marter vnd durch sein leiden besessen sein aigen glori vnd himlischen erbschaft zfi der kain mensch kumpt den durch leiden. Die sechst Staffel gaistlicher drawrigkait ist wider sagen vnd ganz abkerung in irdischer drostung vnd zeittlicher süssigkait. Die andechtig begirlich sei auß gemelten gnaden erkent sy wollkumenlich das irdisch leiblich drostung zeittlich süssigkait 1 ) vnd geistlich 1) Dise zwei Zeilen sten doppelt in der schlechten Handschrift. Die cz sind durchaus mit z hier gegeben. 197 nit vermyst mugenn werden noch bey ain ander wonne, nach dem so erweit sy mit Maria Magdalena den hessern tail, wider sagt kreftigelich aller vnd jedlicher irdischer drostung vnd süssig- kait, damit sy zä der gaistlichen dester überflissiger kamen mügen ; folgen nach dem hailsamen rat sant Bernhartt, sprechent: die sei verseht in leiblichen dingen gedrest werden vnd kain drost zu suchen, den die den in gottlichen dingen suchen wil ir frölichen ergeezung; wan nun die sei sich der vnderstat, so wirt sy aber mit schwerer drawrigkait beladen n, wan ettlich zeit statt sy bloß welt- licher vnd gaistlicher drostnng mit den jungem Jhesu, die den zechen tag warten in begirlichem herezen der sendung gottes, des hailigen gaistes vnd so sy entlieh behareten, erfret sy got hecher vnd grosser weder vormals. Die sibent Staffel gaistlicher drawrigkait ist entziechung gott- lichs drost, leiblicher vnd gemüttlicher enpfintlihait die enzint die sei in veterlicher liebin, in gerlich weißhait vnd in des hailigen gaistes giettigkait, gat auß von ir selbs durch besunder vngewon- lieh begirden gaistlicher fred, dar zu sy gelassen wirt in herezig- lkher frolockung, in gottlichem Hecht vnd in des hailigen gaistes süssigkait, das sy warlich mag sprechen mit der lieb habenten sei: ich schlaff auß weniger sin halb, aber mein hercz das wacht. Wan data der mensch ettlich zeit auf der Staffel göttlicher tempalierung vnd schawenhait gestanden ist, so enzucht im got die aber; auß dem dan die sei in grosse drawrigkait feit, als vnd der hailig sant Bernhart schreibt: die sei die zu aingem mal von dem herren er- lernet hat zu ir selbs ein zu gan vnd in inwendigen kreften gott- licher gegen wirtigkait zu suchen, waiß ich nit zu yrtailen, ob ett- lich zeit hellischenn pein ir zu leiden erschrecklicher, sebmerez- licher vnd peinlicher sey oder nach sollicher bekanter versuchter gaistlicher hungflissiger sussikait wider aufzugan zu weltlicher frewd, ergeezung vnd liderlichait. Also spilt der herr des freden spül mit seiner lieb haberin hie auf erden. Die achtet Staffel vnd die lest gaistlioh drawrigkait ist Ver- längerung des eingangs ewiger fred vnnd vnentlicher selikait aller genadep wirck mit der andechtigen seil nach seiner mannigfaltigen barmherezigkait, so er die gancz gerainget hat von dem st&b aller sund durch das für zeitlicher driebsaligkait, wie der goldschmid das gold im fewr. So den sec» er sy zu ainem egstön des freden, secz er sy reichen bus des himlischen Jerusalem, fodert sy durch den tod auß diesem eilend zu vnentlicher ewiger fred vnd der erbschaft ewiger seligkait, die ir von got barmherezigklich von ewigkait mit aller weiten beraitt, daraus durch volkumenlich alle drawrigkait auff gehept wirt ewigklich. Die achtet Staffel gaistlicher fred ist ruhige fridsame himlische wun vnd fred leib vnd sei in ewigkait. Darzu helfen vns alle die hailig vnd die hailig driualtikait amen. 198 II Von den syben iebung des menschen herczen auf die grünt vnd gesecz ist alle githait vnd volkumenhait des Innern menschen. Beraitteot ewr hercz dem herrenn, also etat geschriben am ersten buch der küng am sybentem capitel vnd send die wort des hailigen prophete Samels zu den kinder von Israhel; mügent zu gelett werden ainem ietlichem cristen menschen, der dem herren begert zu machen vnd bawen ain herberg gaistlicher zu kunft. Die hailig geschrift zaigt vns an vnd weist auß syben iebung des herczen, auff den gruntt vnd geseczt ist frey ledigkait aller gut- hait vnd wolkumenhait des inern menschen, die auß den syben gaben got des hailigen gaist entspringent vnd wachsent. Die erst iebung ist vleisige beraittung, kumpt auß der gab göttlicher forcht. Die ander ernstlich behiettung, entstat auß der gab gott- licher kunst. Die dritt schnelle offnung, wechst auß der gab göttlicher giettigkait. Die viert veste sterckung, entspringt auß der gab göttlicher sterckin. Die fünft hiczige vber gebung, flüst auß der gab göttliches rattes. Die sechst begirliche erhebung, zucht sein außgang auß der gab göttlicher verstentnus. Die sibent diemüettige abdötung, nimt sein grund auß der gab göttlicher weißhait. Die erst iebung des herczen ist vleisige beraittung. Zu vlei- siger beraittung des herczen send nott drw ding: das erst auß dreibung verganger beganger sind durch pittern rew vnd pein- licher driebsaligkait vnd bußwirdigkait ; das ander abzug gegen- wirtiger sünd durch vleissige virsichtigkait. Durch disse drew ding wirt des menschen hercz gerainget vnd zu vnschuldiger rainigkait beraitt zu gaistlicher zukunft des herren durch die gab gottlicher forcht. Die ander dan die sind kreffcigklich außdribt vnd das hercz mit rainer warer vnschuld ziert. Die andre iebung des herczen, auff der dan statt die volkumenhait des inerin menschen, ist ernstliche behüettung. So nun das hercz durch die ersten ie- bung mit vleiß ist beraitt dem eingang vnd gaistlicher zukunft des herren, so sol es durch die iebungen der behüttung drwlich behüt vnd bewart werden, da mit die außdreibung sintlicher vnseyberkait durch semige vnbehfitsamigkait nit wider einflus, als vns das lernet der weiß am buch der sprich am vierten capitel, sprechent : mit sunderm vleiß behütt dein hercz, wan von jm flüst das leben, aller stand vnsers lebens, gut oder beß, wirt geurtailt auß dem herczen, von dem dan als auß der wurcz vnser werck gut oder böß geurtailt werden. Sollich erstelichen behiettunge wirck der mensch nit auß aiger craft, sunder auß der gab göttlicher kunst. Die dritt iebung des herczen ist schnelle effnung: des menschen hercz, mit vleiß beraitt in der ersten iebung, mit ernst behüt in der andren, sol schnei dem herren vnd dem edlen cosperlichen schaez gottlicher genaden in gaistlicher zukunft geöffnet werden, das (vnd) er von seiner 199 Liebhaberin im btich der gesang am fünften capitel begert vnd spricht: mein Schwester vnd liebhaberin, schlüß mir auff, wan ich stand an der dür des menschen herczen vnd des freyen willen vnd klopf an durch ermannng des höchsten g&t; dar zu ermant vns natürlihait, geschicklihait des herczen, des oben offen ist vnd weit zu ainem vrkund, das es gegen got seinen genaden vnd himlisehen gietter offenn vnd beraitt sein sol, vnd ist beschlossen eng vnd schmal zu ainem warem glab haftigen anzaigen, das es zu irdischen dingen der begird halb beschlossen vnd eng sein sol. Sollich iebung wirckt auch nit der mensch auß aigem vermügen, sunder auß der gab götlicher guettigkait. Die viert iebung des herczen, auf der vnd auch stat die volkumenhait des inern menschen, ist veste sterckung: nach dem vnd das hercz des menschen durch egemelt iebung beraitt, behiett vnd geöffnet ist dem ein gang gaistlich zu kunft, so sol es gesterckt werden also das es ab dem weg des herren vnd ab seinem göttlichen willen kainerlay vrsach halb ratt oder firnemen nit gang vnd ab weich, sunder mer ain dugetsamen andacht verainget vnd angehenckt werd der ander. In solicher weiß wirt gefestet vnser hercz im herren, in sollicher gnad kumpt der mensch, der sich sollicher nissigen beraittung ernstliehen behiett vnd schnellen offnung sein hercz vnd gemüett von werblicher vnrfi, von leiblichen sintlichen fantaseyen vnd gedancken, von sintlichen begir- den wircklichenn abgesmdert vnd enzogen hat vnd in dem denst gottes beherzlich iebt, wie wol das dem vngezembten. menschen schwer vnd hert bedunckt zu sein, wan doch nichs wanckelber- licher ist wann das hercz. Aber der andechtig behutsam mensch durch mitel, hilf vnd beystand göttlicher genad mag gar leichtigc- lich sein hercz in got vesten vnd gründe in egemelter maß vnd Schluß auß der gab göttlicher sterck. Die fünft iebung des her- zen ist hizige vbergebung : wan nun das herz vnd genaiget , wie ohne statt, aller ding beraitt ist, so sol es dem herren aller gena- den begirlich auff geopfert vnd als sein aigen geschloß zu ainer ein wonnung der herberg eingeantwurt vnd vbergeben werden. Das begert vnd erfodert er erstlichen auß besunderm gewalt von vns am buch der sprich am XXIII capitel sprechent : Sun, büt mir dein hercz. Das dann billich ist dreyer vrsach halb : die erst vrsach, wan er ist vnser schöppffer, dem nach wirt im billich das herpz eingeantwurt als sein aigen gut ; welcher weit dem haffner aber vrtaillen sein geschir, das er gemacht hat, spricht der hailig sant Augustein, als ob er Sprech: nemant wann die gerechtikait geb das nit nach noch zu. Die ander vrsach, vnser hercz sol gotvber geben, werden als dem erlichen vnd redlichen käffman, der das nit vmb gold vnd noch vmb silber sunder vmb sein hailiges blätt vergiessen an dem stam des hailigen crücz erkaft hat; welcher dem käffman sein erkäftes gut mit gewalt vorhept, der begatt ain grossen freuel. Die dritt vrsach: got ist der aller begirlich liebhaber der menschenn, wan er hatt in für kumet enzinter hiczi- 800 ger ewiger liebin vnd in der ofinung an dem stam des crücz sein herez vor an vnuerdent geben im leben vnd jm tod, göttlich vnd menschlich, dar vmb als der hailig sant Bernhart schreibt: herr, ich wais vnd erken wa dein hercz ist, da ist dein schacz, dein hercz ist bey vns, so seyen vnd wir dein schacz. Dar vmb der billichait halb nach, so geben wir bilch vnser hercz nye- mant dan got; sollichem vbergeben flüß auß der gab göttliche rattes, nit auß aigner verstentnns, dar vmb wir vnstrefflich standen vor allem himlischen hör. Die sechst jebnng des herczen ist begir- liche auff erhebung zu Got. Zu dem eingan der gnaden ist nit gnug herczlich beraitung behietung offnung vestenung vnd vber- gebung, sonder der mensch muß das begirlich zu got aufferheben in vier weg : zu dem ersten in der verstentnus der warhait, zu dem andren in lieb habender begirlichait, %& dem dritten in dugetsam wandel der zichtigkait, zu dem vierten in geformeter maynung der gerechtikait. Von den zwaien zu dem ersten erhebungen schribt der hailig sant Bernhart vnd spricht: als vil der mensch got erken t, als vil liebt er 1 im, wann es ist vnmüglich, das der mensch got er- ken vnd nit lieb hab; sellich erhebung des herczen wirckt der mensch dan wirdigclich, so er aller k liebin begirlichen ding diser weit verordnet in gottlichem liebin; solliche erhebung der liebin in got ist das höchst klainat vnd der beschluß menschlicher volku- menhait auf erde, durch die der mensch got eingeübt verainiget vnd ain gaist mit im wirt, als das eyssen im fewr aigner form ledig stat, also statt der mensch form- vnd pildlos aller zeittlichen ding. Zu dem dritten sol das hercz in got erhebt werden in dugetsamen wandel, das der mensch mit sant Pauls müg sprechen: mein wo- nung ist in den himlen; das beschicht dan, so der leichnam allain leiplich lebt auf erde vnd alle inwendige kreft des menschen wonet bey got, dar mit der mensch sprechen mag mit der lieb habenten sei : ich schlaff leiblicher außwendig syn vnd kreft halb, aber mein hercz mit dem ersten innern menschen wachet in gott. Zu dem vierten sol das hercz inn got erhebt werden in egerierter rechter mainung der gerechtikait; des beschicht, das alle wort, gedencken vnd werck gaistlich vnd leiblich in ainer rechten mainung auff vnd in got geordnet werden. Sollich erhebung des gemyttes in got wirckt göttlich verstentnus, durch die der mensch flucht irdischen vnd suchet die himlischen guter. Die sybent jebung des herczen in got die ist diemüttige abdotung, des nichs anders ist den die diemuttigen abdotung des herczen von aller leiblicher vnd nottorf- tigen begird vnd von allem dem, das den menschen hindert vnd irt ann der genaden gottes ; sollichen abzug wirck göttliche weishait, die dan ain jedlichen menschen lert alle ding an zu nemen als sy send: got als got, duget als duget, die synd als sind. Seiich herzlich iebung vnd wirck in vns der edel gaist Jhesu der mylt durch fürbittung vnd beystand Maria vnd alles himlisch hör. amen. 201 HI Ain ander materi von Maria der das wort des anfangs (gilt). Sy hatt beraytt das auffsteygen in irem herczen. Die junckfraw Ilaria da sy drew jar alt was, da opfferet vater vnd muter sy auff in dem tempel got dem herren vnd praohten sy zft dem tempel, der lag hoch vnd sy betten nit acht auff das töchterlin vnd es gieng allain die XV stappfel auff vnd opfert sich selbs auff gott irem himlischen vater vnd belyb da junckfraw alwegen vor der gebart, jn der gebart vnd nach der gebart vnd ewigclich; dar vmb wer junckfraw wftll beleyben, es sey manß nam oder frawen nam, der sol auch auffsteigen XV stapfei vnd die send dir gar nuczlich. Die erst stapfei das ist messigkait in essen vnd in trincken: wann an messigkait kanst du hart keusch beleyben. Sant Paulus spricht: hietent euch vor dem wein, wann wein der gebürt vn- keüschait. Wie gebirt er? Er raiczt den menschen, dar zu des ge- leichen hiczyge kost als gewircz vnd malfenseyr, wan es bewegt den menschen zu vnkeüschait. Ain junger mensch der fastet fül senffter, wen das er ist was jn gelast, vnd keusch wil sein; das vasten kern innwoll ringklicher an, wenn die groß arbait vnd widerstand, die er sunst maß haben vnd das ist die erst stapfei. Die ander stapfei das ist die alweg etwas zimlichs ze ar- bayten vnd zeschaffen haben; wann es ist ainem menschen schad wer vast miessig gat, vnd pringt ainem menschen vnlaaterkait, wan was miessiger menschen send die myessent verderben, ainer fül in den eepruch vnd man fraget in, was in dar zu pracht? da sprach er: sein miessig gan hett in dar zu pracht vnd getryben. wan ain menBch miessig gat, so gedenckt er im das vnd wie wer das ain ding vnd gand dem da hin vnd da her vnd werdent also verderpt vnd fachent denn an vngeschaffenlich vnd das kumpt als von miessig gan. vnd wen da ain frawen hast oder ain dochter, so hiet dich vnd laß nit miessig gan vnnd laß nit man zu in in dein hanß gan vnd da mit in karten, vnd so gastu zu den vnd tust was du ze- schaffen hast vnd laust sy die weil kartenn vnd waistu was sy die weyl karten ? vnd besnnderlich ain mensch der keusch will sein, der lag, das er zimlich alweg ze arbaytten vnd ze schaffen hab. Die dritt stapffei das ist: hörte oder rawche klaider vnd dfe- müttige solt da tragen, wan ainem jungenn menschen, das noch fleischlich ist, dem ist vnd send schad lynde klayder ; wen da ain lind klayd anlegst, so gednnckt dich, es gang ain senffbe in deinem leib auff vnd das selb das treipt dich den zu vnkeüschait, des geleychen auch mit hoffartigen klaydern. Ei, sprichst, was leyt dar an oder leytt nichs dar an wie die klayder send? wen nu das hercz gut ist. Gar war hasta, wen nun das hercz wer; aber das ich gelab, das ain die- miettig hercz vnder ainem hoffertigen klayd sey, das glaub ich werlich nit. Ich gelabet wol ee, das ain hoffertig herz vnder ainem diemüttigen klayd wer. Dar vmb so solt da ainfeltige vnd diemüttige 202 klayder tragen. Wen ains ain hoffartig klayd an legt vnd sich ein- prist vnd so hept den ains an vnd gefeit jm selber vnd beschauwesf; dich vnd so kämpf, den dir die vnkeuschaitt dar auß, geleich als ain kart die da rawch ist vnd des duch hipsch. Also auch rauche klayder sollent ir tragen vnd sollent auch diemiettig sein, die tnachent den den leib gelatt, das ist kewsch: das ist die dritt. Die viert Staffel das ist : dein red sol verninftig sein vnd be- scbaidenlich, als sant Ambrosius scbreipt von den junckfrawen : ainer junckfrawen red sol sein vernunftig vnd ainfeltig vnd sollent mit schäm geziert sein. Das ist verninftigklich röd, wenn du etwas reden wilt, so lauß vor von * der Vernunft gerechnet werden, ob es nit schaden pring vnd ob man dein faikait nit dar bey mercke vnd was du roden wilt, jlas lauß vor für' die Vernunft kumen ee das es in den mund kum vnd solt nit fül scbweczen ; wen ains also vil auszerichten hat vnd zeschweczen so gedunckt mich das geleich das nit ain rechter grund da sey. Dar nach sol sy sein ainfeltig, nit das man Sprech: ey wol kan das mensch so recht wol reden wa du bey den leütten bist gewesen vnd das du haim kumest, ey das hett sich recht wol darauf? gefiegt vnd fachent den an vnd ziraet wider sich selbs vnd auff ain yetlichs wort so kumet sy ain auff seczlin des sol vberal nit sein, sunder sy sol ainfeltig sein. Dar nach so sol sy sein selten, das ist ain (entberliche Person) annot vnd da nit nucz auß entspringt vnd nit fül geförts machen, schlecht: Got grieß dich! vnd da mitt auff vnd dannen; dar nach sollent sy ge- ziert sein war mit die schäm soll geziertt sein ainer junckfrawen red, die schäm nit mit zierlichen Worten. Die fünft stapfei, das ist : du solt dich hieten vor schenckungen vnd vor kramen, was (wan) das pringt oft ainem menschen grossen schaden. Ey, sprichst du, was solts den schaden, wenn man schon ainem etwas schenckt? Ja werleich, es pringt fül vnkeuschait, wen dir schon ainer etwas kramet, so m ains tu nit allain das kramet sunder auch den kramer, nit den' kramer der vndor dem ladenn syzt, den der dir das kramat geHt; wen du zu im kumpst, so mustu im dancken vnd must sprechen: Gnad herr oder Gnad junckherr vnd beust den im die hannd, den so kumpt das ander her nach, das ich dir woll sagen wollt; vnd behelst den also schon als sey es hayl- tum vnd wen du am morgen auff stast, so beschawest in am aller ersten vnd erspringt den aines nach dem andren. Dar vmb so biet dich dar vor. Die sechst stapfei das ist ain gutte cristenliche vnd göttliche fraintschafft solt du haben, das ist, bist du ain man vnd lauß aine sein wie gaistlich sy woll so hab sy lieb mit dem gaist vnd nit mit leiplicher bey wonung; des geleichen ain junckfraw sol gancz kain bey wonnung haben bey den mannen vnd solt erschrecken wen sy ainen man ausech, aber sy erschrecken geleich als ain essel, dem ain sack empfelt, nitt das es in gottes namen angefangen ward vnd in (Hs, im) des teüffels namenn ain auß gang hab oder des (dass es) in 203 gottes namen gezetlet werd vnd in (Hs. jm) des teüffels namen auß gewirckt werd; nit leit die Cristenlich frain tschaft, das man ain ander ob dem tisch für leg vnd ain ander ere machen — nun weit dar von, wann es kumpt etwa fül vngemachs dar von. Die sibent stapfei, das ist diemüttikait. wen die junckfrawen versprechen, wen man gen in spricht: fraw, so sprechen! sy: dein mfiter ist ain fraw, vnd mügen nit leiden daß man gen in sprech — vnd die aller r ain est junckfraw Maria zu der man spricht: Fraw; man sprich nit: vnser liebe junckfraw, man sprich vnser lieben fraw — vnd sprechent den: ye got sey gedopt, ich bin ain junckfraw, vnd vberhebent sich irer junckfrawschafft also vast, vnd da sprich ain lerer von den selben junckfraw mein liebe gesponß gottes, seyder nun die junckfraw dem lemlin nachvolget, so furcht ich nun die hoffart vnd die geschwulst mach das du nit nachvolgen muffest dem lemlin durch die engem, porten noch kindest volgen jnn ewige säligkait, das ist wen ains ain hoffart in im hatt vnd das es also auff geschwelt ist vnd höcher der hoffart in im hatt vnd sich bösser gedünckt den ander leüt vnnd sich selber also groß macht, das $s nit dem lemlin nach kan volgen vnd durch die engen por- ten kan kumen in die ewige säligkait, wann auß hoffart kumpt vnkeüsch. ye sprichst du, wie kan vnkeüschait auß hoffart kumen ? Nun hat es doch kain geleiehnus, ich gelaub wol ee es kum vnnlauter- kait auß essen vnd drinckenn. merck: wen man die zwfi sind immer selber ansieht so kumpt aine nit auß der andren, aber got ver- hengt ye über ain menschen von hoffart wegenn vnlauterkait. merck : du hast etwenn ain solich hoffart jn dir, aber du merck st vnd hast nit dar für, das es sind ist, vnd vber nimbst dich deiner junckfrawen* Schaft also vast vnd du das nit mereken wilt, so kumpst du dan dar vmb vnd feilest in vnlauterkait vnd merekst den, das es den sind ist; vnd also hast du den das für ain sind vnd waist das es sind ist. dar vmb sollen die junckfrawen diemüttig sein, das sy nit vmb ir junökfrawenschaft kumen vnd sollent sich des nit über- nemen, das sy nit vor der geschwulst kunnen einkumen in ewige säligkait durch die engen port, vnd sol gedencken an ir arben- zeligkait, das sy doch ir selb so gar nit trawen darff, das sy nit wayst was got über sy verhengt vnd sol nun döster diemütti- ger sein. Die achtet stapfei das ist: behüt deine sinn das ist des ge- eicht vnd des gehör vnd des greiffen vnd die andrenn. ;Zum ersten so hab dein gesicht inn hutt vnd lug nit vast vmb, vnd ersieh nit alle ding, wan du magst uff ainmal sechen das du dar nach wol fier wuchen zeschaffen hast, biß das du es nyder truckest ; wann wenn du als vast vmb wilt sechen vnd alle ding beschawen wild, so geschieht dir geleich als ainer die in ain frembs land kern vnd wöltnun beschawen, wie die frawen in iren schlayren giengen, die ward irr des ganges vnd ward gefeit von ainem, dar vmb so sollen die junckfrawen ire äugen in bebutnuß haben. Zum andren des ge- 204 bör: wan man an hept dich ze loben vnd etwas löblich zesagen, so ker dich dar von vnd merck nit auff vnd nym dich des nit an. Zum dritten so lug das dn dich nit vngeschaffenlich an greiffest, nit wen du ainn morgen auff wachest, das du den dem teuffei an der ketten vmb treibest vnd gedenckest: also ist es ain ding vnd an bebest dich selbenn an gezegriffen vnordenlich: da biet dich, vor auß ain junger mensch wenn er anß schlaft, das er nit lang in dem bett lyg, wen es hebent sich an beß gedencken in im auff ze gan vnd greift den sich selber an seh antlich. Dar vmb ir matteren, hast du ain dochter die also lang leüt vnd nit auff will, so nim ain prigel oder ain tremel vnnd trerael sy auß dem bett. Ey, sprichst du, sy ist noch jung, wer sy alt so bederft es nit. vnd dar vmb sprich ich: wen du erwachest, so stand auff vnd halt deinhendbe- hut8aralich bey dir vnd lauß dir es sein als ob ich des sech oder dein engel der ist alwegen gegenwirtig vnd Oot vor an, der sieht alle deine werck, vnd dar vmb so halt ewre synn in behutsamkait oder mach dir ain erbermiß gegenwirtig. Die neundt stapfei das ist : du solt nit lang verharren auff vnlauttern gedancken oder einfeilen, als wen dir etwas einfeit: also leyt der eeman vnd die eefraw mit ainander. vnd also wer es wen dir etwas sollichs oder anders einfeit, so verhar nit dar in vnd ker dich geringe darvon auff etwas anders, es sey arbaitt oder was es ist, so schütt den köpf, das dein hercz mit etwann andrem bekü- meret sey. vnd es wil das 8 eibig dennocht nit helfenn : du gedenckest den nach dar an, wie wol du arbaist — wen es mag dennost ains etwas annders auch gedencken wen auff die arbait, wann es firsaez des hercz nit als samd ; seltenn die frawen wireken was sy im köpf hetten, die weyl sy neend, sy dörsten es nit iren mannen sagen noch zaigen ; desgeleichen auch die junckfrawen, solten sy ir gedenck die sy ob der arbait hand dar ein wireken, sy dörsten es die vater vnd die muter nit vast sechen lassen — dar vmb so soltu etwas ton, das dir dein hercz gancz vnd gar vast vnd das du nichs anders dar neben gedencken künnest: das ist ain starck mechtig gepett des dir das hercz gefasset, aber das muß eryebt werden, wan es dir schon wider ein feit, so ker dich wider dar von vnd das treib ymma darfur, bys das du in ain gutte gewanhait kumbst. die alt vetter sprechen: es sy geleich vmb des menschen hercz als vmb ain muH, wan man gut koren auff ain müll schitt so melt sy, kument dann fluigen dar ein vnd andren vngeschaffne ding, das melzs auch; ist dan nichs dar jn, so verzert sy sich selber: also ist es auch vmb dein herz. Kurz es muß gedacht haben: so lug vmb gut koren vnd gedenck als raer etwas guts als etwas args, so du ye ge- dencken mftst, so lug das du gut koren habest, das send g&t ge- denck vnd gewen dich an g&t gedenck die von göttlichen dingen send vnd so melt dein herz das g&tt koren wen frölich g&t ge- denckt dar ein schizst; aber wen du das gut koren nit hast, das send die guten gedenck, so m&ß es dennocht malen, so kumen den 206 die fluigeo vnd die roß keffer dar ein, das send wiest vnd vngeschaf- fen gedenck, das malt den das herz ; wen aber ain mensch gar nichs gedenckt, so tut es im gar wee. Es ist ye mir wen ich also miessig pin, so gedunckt es mich als sam es mir als schwer sey. Es tut mir woll senffter wen ich mein gedenck auff etwas gegen wurff schlag. Dar vmb so lfigent das ir alweg gutt gedenckent vnd das ir nit lang auff vnlauteren gedencken verharren, sunder bald auß treibent. CancellariusParisiensis der schreipt von ainem — ich main er sey es selb — weyl er jung was vnd wenn jm etwas vn- lautters einfiell, so byß er sich selber in ainen finger oder that etwas anders darauff er gedencken must. Die zechent stapffei: wer keusch will sein vnd ain gespons gottes, der sol nit allain keusch sein, sunder er muß auch lieb haben. Was ist ain gilg, die aussen weyß ist vnd jnnen die drew goldfaren knöpflin nitt hatt ? Was sol ain mensch der keusch ist mit dem leib, das ist das die gilg auß weiß ist vnd die drew knöpflin nit hatt? Das ist göttliche lieb : zum ersten soltu in lieb haben das er dich beschaffen hatt nach dem bild der hailigen driueltikait vnd also adelich vber all creatur ; zäm anderen das er dich erlöst hat mit seinem rossenfarben platt ; zum dritten mal soltu du in lieb haben, das er dich' ewigclich sälig will machen vnnd dar vmb soltu in lieb haben. Die alft stapfei ist, die liebe sei (1. sol) auch ain prinnende vnd ain flamende liebe sein. Sprichst du : het ich Got nit lieb, ich hett ai- nen man genomen, was- solt ich in vast liebhaben? er hat mir nit groß sind vergeben, jch han nie groß sind gethan als Maria Magda- lena, der er fül sind vergeben hat. Die liebe sol auch entprent vnd groß sein vnd nit la, wen sy anheben vnd sprechen: nun wöllan mir messen, aber gen kirchenn gen, nun wolan, wer kan im ton? Wir wollen aber got dienen. Wen du an hebst 14 zu wer- den, so hiet dich. Sag mir ains: wen ich bey ainer grübe stiend vnd es ließen zwen gegen mir her vnnd sechent die vnlustige grübe nit vnd der her lieff, denn begriff ich vnnd wendet in hin vmb vnd behiettent in das er nit hin ein fiel, vnd der ander wer hin ein genauen vnd das ich im erst her auff helff: wöllicher solt mir billicher danckenn vnd lieb haben — den ich behiett hett, das er nit hin ein gefallen was oder der den ich her auß helff vnd hin ein was gefallen? Werlich den ich behielt das er nit hin ein fiel, der wer mir mer schuldig zethon dan diser. Also auch ain mentsch das Got behiett, das es nit .in die grub feit, das ist in die sind, vnd das bedarfft du dir nit zu rechnen sunder Got, wann von natur wegen bist du mer genaigt zu den sinden dan zu dem guten vnd dar vmb bist du gott mer schuldig lieb ze haben, wen er dich behiet hatt vor den Sünden, wenn du in die sind gefallen werest. Die zwelff stapffei das ist ganzhait: ain mensch das ain ge- machel gottes will sein des sol sich ganz geben Got oder ergeben — das send hangent oder schwebent junckfrawen, all die weyl in nit 206 etwa« z&statt, das in eben ist, so beleibent sy ain (an = one) man; den geschieht geleich als ainem federlin, des also schwept, es mag leicht ain windlin kumen, so feit es auff den ortt; knmpt den ain Maines windlin so feit es auf disen ort. Gleich tund sy auch also: wann in nit ettwas zu statt, das sy maynen das in eben sey, ye sprechen sy, ich mag mich nit in das kott myschenn vnd beleibent ee an man. das soll nit sein, da solt dich gancz Got ergeben vnd nit also getaut sein, das du Got wollest gefalle vnd der weit, das sy nit leiden mügen, wen nun ain schlayr nit recht pryssen (nesteln, ein- hängen) ist, es tätt sich nit also. Die dreyzechen Staffel das du solt ainen Spiegel haben. Die junckfrawen han Spiegel, dar jnn sy sich sechentt ob sy nit meler oder masen habenn vnder den äugen, vnd muezent sich dar vor auff vnd lugent wie in das lachen anstand vnd machen also ain äffen spil: also soltu auch ainen Spiegel haben, das istCristus vnser herr, in dem sollen mir vns beschanen. Der spigel ist auß glaß gemacht vnd weyl nun das lauter glas da ist, kanst du nicht dar jnn sechen, man macht aber pley hinden an das glaß, so kan man sich darin sechen. Das lautter glaß ist die Gotthait, das kinden mir nitt sechen, dar jn hatt er an sich genommen die hailigen menschait, das ist das pley, das mir ainem Spiegel an im hetten, das wir alle in sechen. Wen ich. in sich an demCreücz in aller gedult, so sich ich mich in aller vngedult, vnd sich in in aller armut, das er nit hett das er sein haupt auff nayget vnd ich han alle reichtung vnd sich das er hie auff disem erdtreich nie käinen gutten tag hat ge- heptt vnd ich leb in allem wollust, vnnd find mich selbs gancz brechenhaft vnd das mein leben seinem leben gancz vngeleich ist vnd das laß dir den zu herezen gan vnd erseufczge den vnd bitt got, das er dir vergeh, wa zaigt man mir den spiegel? da gang an die predig vnd wen du den haym kumpst vnd so gedenck was du gehört habest: das vnd des sey vnrecht vnd erken also dein sind vnd dein mausen, als die med ye den junckfrawen sagen: da band ir ain melin vnd so weschst sy es dan ab. was helf wen sy (ver)langt das man ir das sagt vnd sy that es nit nacher oder wasch abher ? Dar vmb so sol mans abher weschen. Die vierzechen Staffel ist das zum dickeren mal beich- ten, dar mit weschst man ab die massen das send die sind; dar vmb so sol man zum dickern mal beichten vnd da weschen vnd die alten lumpen her färziechen vnd auß weschen, auch sol in der bei cht sein der gelaub vnd die hoffnung vnd auch die lieb, das send der zedier, das ist das du wainest mit jamer- lichen äugen. Die funfezechen Staffel das ist verharrlichait. Der teufel der last dich anfachen, aber er hatt acht deiner fersen, das ist er lugt erst ob er dich an dem losten end verfurete vnd darvmb sol man verharren. Was wer es wen du die XV stapfei auff gangen werest vnd wider dar vonn liesest, als ye die junckfrawen irend, wen sy ye 207 die vierzig jar gaistlich send gewesen, so nemant sy den ye jung gesellen; aber es biest sich gar schöne, vnd die alten man vnd ge- sellenn nemant ye junge weybe die miessent schön wider gelten. Ye sprichstn: was frucht kunipt dar auß, wen ich iunckfraw beleih vnd mich Got ergib vnd die XV stapfei also auff gang? wer nit weger in die ee vnd hett kinder, ich sich kain frucht die ich dar von hab? Werlich pringst du grosse frucht an solliche schöne plome das ist Got selb vnd auff die plomen will der haylig gaist selber r&wen vnd volgest dem lemlin das ist Jhesu nach vnd wa das lemlin ist, da send die junckfrawen vnd singen t ain besunder ge- sang des sunst nyemant kan singen vnd hat sy got inn besunder- hait lieb, dar vmb so ist es gar ain edler stand der junckfrawenn stand. Ye, sprichst du, miest ich die XV stapfei auff gan, es wer mir ain schwer ding. Glab mir das vnd heb an vnd wen du ain stapfei oder drey auff gast vnd dar nach so wirt es dir leicht, vnd das wir also auffsteigen das verleich vns der vater vnd der sun vnd der hailig gaist amen. Ich kan nach meinem verstand nit finden, das dem menschen nüczer sey den ain emsigs sterben in allen dingen von jnnen vnd von aussen: also was jm lustlich sey, das er dem abgee, vnd was jm peinlich sey, das er da well emsiglichen betrachten das leiden Jhesu, dar durch werden die kreft der sei gesamlent ; das ist der natur etwas peinlich, aber die betrachtung sol sein mit aim nach volgen der tugent, jnn sunderhait diso vier tugent diemüttigkait, senfftmattigkait, gehorsamigkait vnd gedult : mitt disen vier tagen- den durchpricht man die natur gar lustlich besunder mit diemutti- kait, die sol tieff sein das sich der mensch zu klainen dingen schaeze vnd geleich noch wirdig dunck in zeitt noch- in ewigkait. Gehor- sam sein gott vor allen dingen, das sein will so gancz veraint sey mit dem willen gottes, das kain ding sey so peinlich noch so hert, auff wöllichen augenplick das got über in verhengt, das empfach mit diser diemüttikait vnd danckperkaitt, vnd das er gott von jn- nen alwege genaigt sey vnd zu allen zeitten das er mit warhait vnd auß dem genadengrunde seines herezen muge sprechen, was ist, das got das aller liebst wer alle augenblick das wölt ich erwöl- len vnd was er von mir gelassen wolt haben, das wolt ich lassen. So senfftmüttig vnd gedultig sol der mensch sein in allen dingen, das er sich nit entschuldig oder behelffe weder von innen noch von aussen vnd alle ding auff jm laussen vallen an versprechen, ainen 1 ). 1) Der Vorspruch stet Ps. 84, (83 Vulg.), 6: Ascensiones in corde suo disposuit. Ueber die dreijärige Maria im Tempel und die 15 Stu- fen sih Rud. Hofmann, das Leben Jesu nach den Apokryphen S. 35. Vgl. über die 8 Eigenschaften einer Jungfrau bei Tauler, Hambergers Ausgabe No. 116; über Anklänge an Geiler sih Schluß der Traktate. 208 IV Dyß nachgeschriben red ist ain predig van der junckfrelicJm gemachelschaft tmsers herre Jesu Kristin „Veni in ortum meum, soror mea, sponsa mea et veni" kam in meinen garten mein Schwester vnd mein gemachel. Also spricht der junckfrawen sun zä dir vnnd deinen geleichen jn dem b&ch der gesang aller gesaug. Vnder allem dem, das menschlich hercz vnd gemüet erfreen mag in diser zeit, so ist zu zergencklichenn vnd z& gaistlichen dingen ains der allerfrelichosten ding wenn ains vn- bedacht gutt neye fröliche mer harren wirt. Eya nun ist mir ent- pfolchen worden, das ich dir vnd andren an schimpf die aller- pesten mer verkinden sol; nun wer mich hat außgesant an zwei- ffei mit grossem ernst nit ain ritter oder ain graff, nit ain irdi- scher küng oder kayser, die all dottlich send, wer mich hatt auß- gesant der den himel vnd erd geschaffen hatt, der gewaltig herr, der die weytenn weit mit ainer hand verfacht, der, des reychtum nymer zerrinnen mag, des weyßhait ny ernannt laichen mag, des gütte alle ding vber wint, des wesen kain annfang noch end hat, der himlisch vater, der doch an din verdiennen dich barmherzigk- lich beschaffen hatt, der dir zä dem cristenlichen däff barmherzigk- lichen geholffen hatt, vnd der aller barmherzigklichest von dem ewigen tod durch seinen allerliebsten sun erlöst hat: diser grosse herr hatt mir enpfolchen zewerben au dich die frölichen bottschaft, die ich vor dir weil ich bey dir was nit werben dorst vnd ist das die: Er haut ainen lieben sun der ain mutter hatt auff erd an einen vatter vnd jm himel ainn vatter an ain mutter. Sein mutter ward sein schwanger vnd gepar in junckfraw, jn sein ant- ut begeret zesechen die engel, seiner schonij wundert sich sunen vnd monn, seynen schacz mag niemannt erschepffen, sein gewalt hat kain end, sein land ist unmessigklich weyt, seiner diener ist vn- mäsigklichen vil, wan der haylig Daniel sach das im dienet ze tau- sentmalen tausent vnd bey im stunden ze zechen tausentmalen hun- dert tauset englisch gaist. Disen leutseligen jungling, — gib mir das frölich bottenprot — wil dir der himlisch vatter zu ainem gemachel gen vnd hernach zu seiner ee, wilt auch du, wenne du nun in tn- genten grosser wirst? wie sälig dein vater vnd muter ist, das in got ye ain solliches gebott verliehen hatt. Sälig send dy fraind, vber aller saliger bist du das du ain sollichem herre macht getaut werden. Doch hat mir der edel jungling entpfblchen dir vnd allen rainen herzen ze sagen, wie wol das sy, das er geren wone in dem hauß elicher kenschait mit XXXfeltigem Ion vnd noch lieber auff dem grenen feld witemlicher lauterkait mit LXfeltigem Ion, noch so fül er niendert lieber sein den in dem plienden garten magtlicher rainkait, die da dret hundertfeltig frucht; lug er hat yecz ain woll- gefallen an deinem keuschen leib, den er zu seinem lauteren dienst berait hat: seinen göttlichen äugen gefeit das du jm dein jungen 20Ö lebenn ergebest, aber aller^basest gefeit jm dein sei, die sein vater beschaffen batt vnd die er mit seinem rosenfarben plut geziert bat, er verhaist dir, du soltest nit allain sein gemachel sein, er nempt auch dich dabey sein Schwester, er spricht dich an vnd ruft dir durch mich seinen poten in denn ersten Worten: kume in mein gartten mein Schwester vnd gemachel. Darvmb liebes kind sich nit an des schwachen potten vnwirdikait, nit laß dich duncken, das es allain schöne wort seyen, mer wiczig die grossen vnuer- dienten gnad gotes des himlischen küngs vnd das lüplich rüffen seine aingeboren suns : laß mich nit ainen beßen botten sein, bis nit ain rauche peirin vnd volg an den dingen, da niemant anders sucht den deiner sei aller grosest saligkait. hiett dich gar oben vnd sich was du thüest; wan versagest du jm yecz der dich begert barmherczigklich, so wayß ich was er hernach thun wirt gerech- tigklich. deine gemütt ist bysher als auff ainer schwankenter wag gestanden (in) zweiffei ob du ainen thotlichen mensche woltest zä der ee haben oder allain ainem vntotlichen, das doch gar ungleich ist, vnd weyl du also stast, so kumpt dein hercz nimer zu rechtem volkumen frid, vber das soltu wissen, sturbestu also in dem zweif- fei vnd werestu als der haylig Moyses oder Paulus, so wurd dir doch nimer zu ewigen tag das crenczünn der junckfrawen jm ewigenn leben, wie wol du mochtest behalten werden, du wärest also weder ain junckfraw, ich wayß nit was zwydarins du werest. Wärestu vast jung so wer dir bedencken nott, aber wie du nun in den jaren büst, in den du die kinttsch&ch warlich solt zetröt haben, dar vmb darstu nit langes bedencke. Wiltu den 16n der junck- frawen haben, wiltu mit in in ewigem leben ir besunder krenczlin tragen, wiltu als sant Johannes in appocolipsi klait der lautteren erben vnd das nuw gesang das niemant anders singen mag lust- lich jm reich der himel singen vnd nach dem leinlin mit hercz- licher wan springen, so m&stu ainen vestenn statten willen haben deinem leib vnd dein sei ewigclichen nymer kainen ddtlichen man weder in der ee noch darauß zegeben. Diser vester will ist nott, dar- vmb storck dich mit ainem vesten willen vnd wage den auff gött- lich gnad frölich dir zä auss erwöllen ainem vndöttlichen herren, von demm spricht auch zu den junckfrawen sant Paulus: ich hab euch vermachtet ainem man Eristo, das ir geben werden, das ist war, aber ir sint füll, den er darzu rufet, sy went jm aber nit volgen, diß gebüt er dür vnd als ich auß dem worte marckt, die du zu mir spricht, so hatt er dir vor lang angebotten, darvmb so statt es nun an dir, mainstu das dir gott ain engel senden wöll der für dich stand vnd dir Gottes - willen verkinä? Woltestu des warten so wärestu ain hoffertige dörin, du bist ain mensch vnd dar- vmb ruft dir got durch ainen menschen auß der weit die pösten tayl v der megtlichen rainikait, wann der ist dir an an leib, an sei, an er, an gut, an frid, an fräd der aller nuczest. Eumestu jn die ee, so wer dein leib dem dötlichen manne gancz aygen vnd verkäft bis Birlinger, Alemannia VII 8 14 «10 in tod, du mostest wagen ob er wart ain wer oder sin eeprecher oder ain drincker oder ob er nymer gutten tag mit dir gelebt, dein h&zzig, dein veind, vnd die burdin musest nacht vnd tag äse bott ynd ze disch bey dir habenn. Gewonnestu den kain kind, so hett er kai- nen- frid mit dir von der vnfruchtperkait deines leibs vnd. hettest an ewigs belangen vnd sennen nach kinder; gewunesta den kind, so wirt dir sorgen nymer paß, du wurdest deinen vnwiderprinkli- chen schacz des plomen der magtlichait verlieren vnd alle jar ainest deins todfs wartenn, in unlust vnd bledigkait vil monat schwerlich tragen, mit sterbender not schmerczlich geberen, mitt grosser müe sägen vnd vber deine kind nimer an sorg beleihen. Waffen! almechtiger Oot mit wie maniger bitterkalt etlicher leyt säligkait vberlat ist! Solt ich dir der eeleit druckt, angst vnd nott erzelen, so zerunn mir papir vnd federen, vnd darvmb, mein liebes kind, wirt wiczig an fremden schaden, folg mir vnd vberhebt dich der hörten eeleüt angst vnd nott, ergib dich allain dem herren, der allain herozen frid mag geben, dem, der da spricht: mein pur- din ist ring vnd mein jooh das ist süß! nim war des rata sant Pauls, der spricht: nit, das gepotten sey von demm herren junckfrawe ze beleyben, aber ich ratt es, wan ich wolt, das alle menschen werent als ich, leg hin all vngearnott forcht vnd ain weyplich gemüt, merck wie manlich fül der junckfrawe den sig irs Streits behalten haben, darvmb leg an ain manlich gemütt, gedenck wie dick du bis herr musest absterben yecz füll jar deinen sund- lichen begirden, die dir weret dein muter, vnd das billich, der ich hoff, du habest nun denn grossen tail vberwunden mit manigem willen prächen ; war aber, das der veind alles guten willen ymermer kumen wurt vnd deinem keuschen gemüt ainen man furhaben, so sprich als ze ainem mal sprach die haylig sant Agnes: gang von mir, du brand des tods, du merer der boßhait, vnd du raber aller rainikait, wan ich pin für kumen von ainem anderen mann der edler ist den du, sein vatter weiß vmb kainen sun, seine mutter vmb kainen man, die engel diennet jm vnd ab seiner scheny verwundert sich alles himlischs hör, von seinem räch werden lebentig die dotten, von seinem angreyffen werden gesunt die syechen, sein lyebin ist die edel keüschaitt, sein angreyffen ist ain lautter hayligkait vnd sein veraingung ist magtlich rainikait. Aber das dich yemant wolt zie- chen mit Worten oder wercken von deinem gutten fursacz, so sprich die wort der hayligen sant Agaten da man derselbe vil verhieß vnd fül darnach drewet, das sy ainen man nem, do sprach sy also: mein gemüt ist gefestnet auf ainen starcken felsen vnd in Cristo Jhesu gestift vnd gewitmet vnd darvmb so sent ew? wort der wind, ewrer trewen der regen, ewer erschrecken send wasser, wie wol ir an das hauß mein« herzen stiment noch so muget ir es nit vmbwerffen. Diser saugen junckfrawe folg nach, so hab ich mein potschaft wol geworben. Nun laß mich zu ainer kurcze wissen, was deinn maynung sey den Worten, das ich meinem alten herren Sil dar mich geseilt hat vnd auch meyanenn junckhexren, seiften sun ain antwurt gehen müg, wan dag biscbicht, versagestu' jm, das ich dir doch nit trew, so muß ich laider ain züg sein wider dich, wen er kumen wird hernach in das dal Josaphat vnd ain richter vnd vrtailer wöll sein, so trewen ich mich deshalb etwan verant- worten; folgestu aber, des ich dir getrew, so wirstu gesundet vnd gespeiset mit dem aller edlestenn diserwelt: Eristus wirt dein ge- machel sein, all junckfrawen dein schwesteren sein, all engel dein prüder, du wurdest hie in zeitt grösser fräd jnnen wie gar süfß got ist, alle raynnen herczen vnd jm volherten den himel mugen besiezen, wann das maint Kristus do er sprach: wer der ist, der man vnd weyb, kind vnd frewnd vmb meynen willen wirt auff geben, der wirt es hundertfeltigklich hau in dem ewigen leben. Das verleich mir got der vater vnd der sun vnd der haylig gaist vnd dir got ewigklich amen. Vnd der almechtig Got dein vater, die junckfraw Maria dein muter: sey ir edler sun dein gemachel. Das ist geschriben in dem funff vnd newnezig jar. ABirlinger Schluß folgt Zu Schillers Wallenstein Was ich hier gebe sind keine neuen Entdeckungen, sondern Beiträge zur Erklärung des Textes, soweit er Sitten und Aber- glauben betrift, und ich hoffe manchem Freunde von Schillers Meisterwerk einen guten Dienst damit zu erweisen. Die Notizen sind meinem Collegienhefte entnommen. 1 Wie bot Schiller im Wallenstein, noch mer im Teil, der Sprache der Zeit und des Landes Rechnung getragen hat, ist be- kannt. Wenn er auch im Lager den Arkebnsier aus Buchau am Federsee „Ne" sagen lässt, was weder ein Buchauer noch ein Schwabe tut, er sei denn in Norddeutschland gewesen, was wir auch von dem Arkebusier glauben; wenn er ferner das Denungs-e in Itzehoe verkennt und glaubt, es würde ein o gesprochen und so- mit auf Mußjö reimt — so sind das unbedeutende Verstösse, ja man übersiht sie ob der herrlichen Sprache und des dramatischen Ganges. — Gleiches Schrittes damit get der volkstümliche Aberglaube jener Zeit. Schiller hat damit einen glücklichen Grif getan. Ein- mal fand er in seinen Geschichtsbüchern disen vor: ja mit dem Beginne des 17. Jarhnnderts — gleichzeitig taucht eine neue ver- inerte Auflage der Reformations -Brandschriften auf •*- schoß der Aberglaube üppig in's Kraut, ganz abgesehen von den Passauer Künsten um 1610 und 1611, denen wir einen eigenen Abschnit widmen wollen. Der Dichter konnte gerade dises Zuges nicht ent- raten, er gehörte in jene Zeit; allein er war auch nur den unter- geordneten Elementen im Heere zuzuteilen: einem Generale durch- 212 ans nicht. Den höheren Aberglauben, des Wallensteins Astrologie, ▼erstanden seine Soldaten nicht, die wie Paohhelbel höchstens noch von einem unheilvollen Kometen etwas wissen mochten. Wenn die zwei Mörder Deveroux und Macdonald als Hauptleute ans „ Ge- frorensein a glauben und es offen aussprechen (W. Tod V 2), so kann man das den abergläubischen Fremdlingen noch gestatten: Schiller streift aber damit hart an die Grenze des Unerlaubten in seinem Drama, das wol verlangt, dass schon im Lager auf die traurige Katastrofe, wiewol kaum bewusst, noch in weiter Ferne angespilt wird. Wenn der erste Jäger dem Aberglauben, als sei der Genera- lissimus stich- und hiebfest, entgegentrit mit der Elendshaut: Er trägt ein Koller von Elendshaut Das keine Kugel kann durchdringen so streift dises Koller doch ser nahe an Aberglauben, wenn auch gerade bei im nicht. Das stich- und hiebfestsein konnte der ge- meine Mann und Soldat nicht recht von der Elendhaut trennen* * Wallenstein trug ein solches Koller, das stet in mereren Berichten über in und so fand es Schiller. Terzky trug auch eines, auch er sei fest oder gefroren gewesen, erzält Antonio Paullinf 9 Curieuses Bücher-Cabinet, dritter Eingang, Cöln und Frankfurt a. M. 1711 S. 544, er mußte zulezt mit Musqueten totgeschlagen werden. Die Vornemen nur konnten solches Ledercoliet tragen, für die andern war es zu teuer. Daher ist wol auch eine Reimerei aus jener Zeit „Elendhaut" aufschlussgebend. Von einer Schönen aber Stolzen, Aufgeblasenen heißt es: Mein Fleisch und meine Haut ist einig für die Reichen, Es kann kein Leder sich mit meinem Leder gleichen. Vgl. den Bericht Forer-Gesners im Tierbuche XLa (1562): „Seyn haut aber gibt (von den weißgärbern mit häring- oder anderm Fischschmalz zubereit) gar gute leibgöller, das sy ragen, so auch stich- und schwärtschläg aufhebt vnnd etwan an statt eines hämi- sches zu vnsern Zeiten angelegt wirt. Ein EUendshaut gilt etwan drey biß in vier Ducaten vnd wirt als vnderschidlich von einer Hirzenhaut erkent u. s. w. u Im Norden sind die Hosen aus Elend- leder ser geschäzt. Der Aberglaube mit den ElendsTdauen war im 16. 17. Jhd. allgemein und volkstümlich: was konnte den Soldaten oder Bauern hindern in gleichfalls aufs Leder überzutragen? Man muß nur die Akkommodationsweise des gemeinen Volkes kennen. Zum Belege des Gesagten diene z. B. was Aberglaubens Forer und Tabernamontanus bringen. „Ellendsklawen wie N* N. schreiben, so man die am blossen halß vnd brüst hencke, dz sy den fallenden siechtagen heile vnd den so da ernider gefallen, schon schäume, zu stund erledige/ In Polen sollen die Presthaften gefeilte Klauen im Wein zu trinken bekommen. „Etlich tragen ein ganzen klawen bey jnen, etlich machen jnen ring darauß, die sy ansteckend/ Gesner meint »was also der arzney gebraucht werde, da etwas Aberglauben bey sein 213 muß." Anstat der „Ellendklawen" hätte man schon damals von Seite der Betrüger dem Volke Kuh klauen angehängt. Taberna- montanus (Ausg. 1592 S. 167a) sagt: „Es ist ein gemeiner Wahn, ein Ringlin von Elendklaw an die Finger gesteckt oder sonst wie man wöll, bey sich getragen, helflfe für das Vergicht und fallenden Wehetagen. Ich habs oft versucht, aber keinerley hülff befun- den. u Der Glaube verdankt dem Anblicke eines verendeten Elends mit den langen steifen geraden Beinen den Ursprung, heute noch üblich. 2 Wenn der Kapuziner sagt: drum kann er (Wallenstein) den Hahn nicht hören Jerähn — , der Wachtmeister : wenn der Hahn kräht, so machts ihm Grauen — , der erste Jäger : das hat er mit dem Löwen gemein — so begegnen wir darinn wider einer altern volkstümlichen Anschauung. Bei Forer 102a stet vom Löwen : diees thier hat auch* eine große forcht vnd schräeken ab dem gügel- hanen vnd seinem geschrey, dermaßen, daß er von seinem kamben vnd gesang gantz erstaunet u. s. w. Vgl. dazu Boxbergers An- merkungen in seiner Ausgabe Schillers III 36, wo eine darauf be- zügliche Grabschrift stet. — Ueber die Wal des Kapuziners stat Augustiners ein andermal. 3 Das Drama fordert eine Vorgeschichte, eine kurze Schilderung der Persönlichkeiten die bei der Ratastrofe in erster Linie beteiligt sind; änlich wie das Volkepos den Hagen Sigfrids Jugendzeit und Drachengeschichte erzälen läßt. So macht uns denn der bidere, an alte Mannentreue lebhaft erinnernde Wachtmeister mit dem traurigen Walter Buttler, dem heimatlosen Iren, bekannt. Der erste Jäger muß uns auch etwas Vorleben des Haupthelden Wallenstein erzälen und zu dem gehört ganz besonders das Studentenleben, wärend uns Gordon, der Wallenstein seine Stellung verdankte, aus der Burgauer Pagenzeit , wo er mit im zusammenlebte , Mitteilung macht, auch ein Beitrag zur Würdigung seines Benemens bei dem Morde. Also zur sog. Carcergeschichte in Altorf. Mich erinnert sie an die Teufelssagen, des Mittelalters. Der Altfeind schließt einen Vertrag: er baut über Nacht eine Kirche oder Brücke; sein Lon ist die erste Seele, die hineintrit. Der Tag bricht* an, das Werk stet fertig da : sih, da schiebt einer einen Hund, einen Bock oder gar ein Schwein vor und der betrogene Teufel färt aus Zorn mit davon. So habe W. seinen Hund in den Cancer geschoben, da- mit alter Sitte gemäß derselbe nicht seinen, sondern des Hundes Namen für alle Zeiten erhalte: daher er auch Hundeloch benannt ward. Antonio Paullini S. 485. Wir begegnen hier einem Studentenhunde wie im Faust dem Ma- gisterhund. Schiller und Goethe gebrauchen den Namen Pudel, was durchaus nirgends früher zu lesen ist. Das Halten der Studentenhunde- scheint nicht einmal der Kraft- und Geniezeit vor 100 Jaren ent- sprungen zu sein. In Tübingen ist wol von Jagdhunden der Studenten 214 kurz die Rede, allein in dem Sinne, wie wirs heute zu nemen gewollt sind, begegnen wir nichts Aenlichem. Ich redete von der Kraftzeit : der große Hand ist germanisch, sächsisch, englisch, nordisch; der kleine Hund mit allen seinen Lastern romanisch. Der germanische Hand ist der Hofwart, er hat meist nur gute Eigenschaften, der kleine romanische schlechte. Pudel heißt in Alemannien der Hund schlecht- hin und anderwärts, besonders in den Volkssagen, jeder Hand mit zottichten Haren wie in Goethe im Faustbuche vorfand, „'s Puddili ist verkarret" sagten die Bauern als mir mein junger glathariger Hund überfaren ward (Wurml. Tuttlingen). Die Doggen, die Bernhardiner haben den sog. Studenten-Pudel verdrängt. Aber wo studentische Verhältnisse in Rede kommen ist „Pudel" üblicher und, möchte sägen, höfischer. • Lessing und Schiller (Räuber) ge- brauchen „Budel". Weigand Wb. II 403 belegt Pudelhund, Pudel seit 1678 und sagt, „es ist eine kraushaarige^ gelehrige leicht zur Wasserjagd abzurichtende Hundeart". Daher „budelnaß". Zeid- lers Lexikon XIII 1186 nennt Jagdhundenamen: Weydemann, Wald- mann, Euckebusch, Stockebusch, Klöckner, Küster, Cantor; die Wasserhunde: Budel, Schütze, Spion, Taucher. Die rauhen und zottigten sonst Budel- Hunde genannt (S. 1183). „Diese Art Hunde lasset sich zu allerhand Künsten und Sprüngen am besten ab- richten." Daher als Studentenhunde beliebt; es sind warschein- lieh die schon im 16.Jhd. gesuchten englischen Wasserhunde. Ich ziehe ganz keck das mittelniederd. und mitteld. bodele, Wasser- blase auf wallendem Wasser an ; pudeln schüttelnd und plätschernd schwemmen oder waschen. 4 Zu der gelungenen Scene mit dem Bauer im Lager möchte ich den gewichtigen Zeugen aus der Zeit des SOjärigen Krieges, J. Bist, etwas sprechen lassen. Ich muß die wenigen Reime, deren Titel auch Goedeke, aber unbestimmt, anfürt, aus Martin Zeillers Handbuch, Ulm in Verlegung Georg Wild Eysens a* 1655, 1. Teil S. 4 ff. nemen, da mir das Original, nicht zu Händen ist. Zeiller be- merkt vorher: zwar mancher Bauer, der doch sonsten wol fromm und einfältig blieben wäre, zum wenigsten ein Bubenstücklein für sein Lehrgeld, so er den Soldaten geben im nächsten (gegenwärti- gen) Krieg, gelernet hat und viele so verschmitzt worden, daß man sie nicht für Bauersleute u. s. w. Von welchen Einer diese Reimen gemacht hat: „Man darff nicht weit Soldaten suchen die Bauren können besser fluchen 1 ), 1) Und wo hört man mehr blasphemieren Als hier in den Friedländischen Kriegsquartieren? Und wo steht denn geschrieben zu lesen Daß sie (Josua, David) solche Fluchmäuler gewesen? 215 # als die nur reden früh und spat was sie der Krieg gelehret hat. Was sag ich ferner vom Betrug vnd andern Schindereyen, die man nicht lehren (lernen) kann heim Pflug Und wo die Hirten schreien? Der Krieg kann bald in diesen Sachen aufi Bauren solche Künstler machen, und daß mancher der sonst viel versteht, sehr schwehrlich ihrer List entgeht. H. J. R. in Holsteins erbärmlichem Klag* und Jammerlied. u 5 Wenn der Kapuziner am Schlüße seiner Rede Wallensteins eigne Worte gebraucht Er müsse haben die Stadt Stralsund Und war sie mit Ketten an den Himmel geschlossen so war das damals eine gewöhnliche Redensart, die bei Konstanz und Ueberlingen widerkert. Ich füre dabei noch an: „der Hörn habe zu Constanz nicht in das Paradieß und zu Ueberlingen nicht in die Höll kommen können*. Von gleicher Allusion (sagt die Schatzkammer des Rosenkranzes, Kempten 1690 S. 273) ist auch nach dem ersten Sturm die Scherzred kommen: der Teuffei hab aus „der Höll die Stadt Ueberlingen stürmen wollen . Höll ist eine bekannte Stadtörtlichkeit in Ueberlingen, Paradies eine Vor- stadt in Konstanz; Teuffei war der Name eines schwedischen Offiziers. 6 Zu der Gehässigkeit gegen Wallenstein, die alle Katho- liken in Deutschland besonders die Klerisei erfüllte und gleichsam volkstümlich war, (sih Kapuziner: Ja freilich ist er uns allen ein Stein Des Anstosses und Aergernisses usw) will ich aus Salem und Augsburg einen schlagenden Beleg mitteilen. In dem von einem Augsb. Benediktiner verfassten Buche : Summarischer Verlauffsbegriff oder kurze wahrhaffte Historia Schwed : Augsburg : denkwürdigen Sachen a. 1653 Augsb. Aperger, 4° S. 67 wird frei- lich irrig schon zum Jare 1533 bemerkt : „Entz wischen wäre die Wallstainische Conspiration wider Ihr Kays. May. vnd das Hoch- löbliche Hauß Oesterreicb, ja wider das gantze Römische Reich, der- gleichen keine bald zu finden, auß göttlicher Verhängnuß in Bö- heimb entdeckt und die interessierte oder zusammen geschwornen mit ihrem Haupt oder Rädelführer, dem Wallstainer selbsten, umb- Der Gaildorfer Pfarrer Georg Albrecht in seinem Fluch ABC Schwab. Hall 1644 klagt: vor Jahren war das Fluchen nicht so gemein, es fluchten allein die Kriegsgurgeln, die man darum Marterhansen ge- nennet — aber jetzo — fluchen nicht nur die Männer u. s.w. — Gottes- lästern hat in Limpurg, in Geildorf überhand genommen, dermassen, daß fast nit ein Hauß, nit ein Mensch vnder uns zu finden, der nit mit demselben angestecket wäre u. s. w. 216 gebracht vnd zu -verdienter Straff hingerichtet. Daß solche Con- spiration denen Äugsburgern nicht gantzlich unbekannt gewesen, ist anß deme leichtlich zu erkennen, daß sich ein sonders wol jeder man bekandter ohngeferd zwo Monat vor, ehe solche Lasterthat entdeckt wurde, öffentlich in deß (schwed.) Statthalters Behausung zusagen nicht gescheuchet: Es waren etliche newe Anschlag ob- handen, welche, da sie in das Werk solten gericht werden, wurde der römische Adler nicht mehr hoch fliegen. " (Reginbald Möhner hieß der Mönch.) Sebastian Bürster aus Salem (ed. v. Weeoh) drückt sein Stau- nen über das schöne wolgepuzte Kriegsvolk im Salemer Tale aus: „waß großen nuz hätten die kenden schaffen und verrichten wan kain betrug und falschhait darbei wer gsein, betten die Suedische alle zuemahl uff das kraut hinweg kenden freßen, und in dem Boden See kenden verseufen. So ist aber nichts wenigerß gedacht worden, dan eß ihnen zue schlagen vom Wahlstein verbotten ge- weßen, daß mier ain rüdtmayster Golinidsch sagte und auch vil andere, eß gange nit recht her, eß werde etwaß underm hütlein gespült , sie hetten schon kenden schlagen, man well doch nit schlagen u. s. w. kayßer, soltest doch ain mal greufen, wie un- trew man mit dier umbgehet und so falschlich underm hüetlin mit dür spült! Solutio: die bier ist zeitig worden und die kraid ainist an den tag komen, dan, wie volgen wird, ist der Wahl« stainer oder Früdlender erstochen und nach und nach die rädle- füehrer gefangen und eingezogen ! u 7 Wir finden Wallenstein im Verkere mit Seni vom Aberglau- ben befangen, der aber unvolkstümlich ist und sich auf die Astro- logie bezieht ; volkstümlich ist, wenn auch nicht durchweg, die Ge- schichte mit der goldenen Kette, die in dem Augenblicke zerspringt, als der Kammerdiener im Mantel, Ringkragen und Feldbinde ab- nimmt: „Aus Gewohnheit trug ich sie bis heut, — Aus Aber- glauben, wenn ihr wollt — Mir muß fortan ein neues Glück be- ginnen — denn dieses Bannes Kraft ist aus." Ich erinnere an: „das Ringlein sprang entzwei" im Volksliede und in Sagen, an das Glück von Edenhall, das in altadelichen Familientraditionen West- falens sich noch vorfindet. Ganz volkstümlich ist in der Unter- redung mit Pachhelbel, dem Bürgermeister von Eger: — Ihr saht doch jüngst Am Himmel die drey Monde? Davon sich zwey in blutge Dolchgestalt Verzogen und verwandelten u. s. w. Bürgermeister: Wir zogens auf den Türken. Wallenstein: Türken! Was? Zwei Reiche werden blutig untergehen Im Osten und im Westen, sag ich euch usw Dise Seite des auch aus dem Götz v. B. Goethes bekannten abergläubischen Wesens des 16, 17. Jhds. ist in den Historien, mer 217 als einem lieb, betont. Eine Anzal hieber gehöriger Warzeichen bringt Martin Zeiller Handbach 1. Teil Ulm 1655, die ich, weil es gleichzeitige Mitteilungen, hier abdrucken lasse. „Siehe meine 325. Epist. vnd viel wunderliche Exempel, die sich nur beym nächsten Teutschen Krieg, die 30 Jahr über, auch etliche wenig Jahr zuvor, vnnd seithero begeben, in den getruckten Relationen, vnnd sonderlich dem 6. Theil deß Europäischen Schau- platzes, in Verlegung Herrn Matthaei Merians, seeligen Angeden- ckens, vnd seiner Erben, zu Franckfurt außgangen. Ich will nur etlich wenige allhie erzehlen. Als daß deß Jahrs 1643 über der Chur-Sächsischen Festung Königstein, ein groß streitend Kriegs- heer zu Roß vnd Fuß ist gesehen worden» Anno 1625 den 3. Maij, zu Mittag vmb zwey Vhr, hat man zu Leiptzig in der Lufft weisse Würmer sehen fliegen, in grosser Menge, vnd sehr dick in einander. Chron. Lips. Anno 1628 den 3. Augusti ist in der Hinder-Pommerischen Statt Schlawe gegen dem Abend vmb 7 vnd 8 Vhr ein vnge- wohnliches weisses Greutz in der Lufft gesehen worden, darüber sich männiglich hat verwundern müssen. Es ist vom Norden kom- men, vnnd hat sich dem Süden gewendet, daß es den gantzen Horizont vmb die Statt, so wol nach der Länge als Breite, be- griffen. Ob es nun ein Vorbott der Pest gewesen, die darauf? deß Orts gefolget ist, oder ob es noch ein grössers bedeute, ist Gott be- kannt; saget Micralius lib. 5 Pomer.p. 215. „ Anno 1648 den 20. Jenner, seyn bey dem Stättlein Seelow, in der Marck Brandeburg, Abends stoischen 7 vnd halb 9 Vhren, drey Wundersterne gesehen worden. Anno 1642 den 24. Brachmonats, ist zu Piritz in Pommern, Nachts, eine Todtenbaar im Mond erschienen, welche etliche Stun- den gestanden, vnd von vielen Leuten gesehen worden. Anno 1629 hat man zu Brück an der Leytha, in Nider- Oesterreich, im Felde zwey grosse Kriegsheer miteinander streiten gesehen. Im Jahr 1643 hat es vngefehr vmb den 10. Jenner, hinder dem Schloß Bobenhausen, in der Wetteraw, ein vngewohnliches Feuerstralen Schiessen gehabt, vnnd ist auch Fewer davon auff die Erden gefallen. Anno 1647 den 12. Mertzen, Abends vmb 7 Vhr, ist zu Buchau am Federsee, ein halbe Stund lang, Fewer, so klein, wie Regen vom Himmel gefallen, daß die Schiffer auff dem See vermeynt, sie würden mit den jhrigen verbrennen. Anno 1645 den 17. vnd 27. Aprilis, Abends zwischen 5 vnd 6 Vhren, hat man zu Dinckelsbühl, vor dem Segeringerthor, die Sonnen gantz Blutroth gesehen, daß auch auß denselben ein vn- zahlbare Meng blaw, schwartz vnd fewrige Kuglen, wie Granaten gefahren, die sich hin vnd wider vertheilt, viel über vnd in die Statt, in der Gegend deß weissen Thurns, gefahren seyn. Hernach 218 den 9. — 19. Heumonate, ist die besagte Statt voller kleiner weissen Vögelein geflogen, welche, ausser daß sie Flügel gehabt, vnd etwas grösser gewesen, den Omeissen gleich gesehen haben. Vmb das Jahr 1622 ist die Statt Großglogaw in Schlesien, fast gantz abgebronnen. Niemand hat recht wissen können, wie das Fewer außkommen. Die Hirten auf dem Felde haben damahls über der Statt, in der Lufft, zween grosse Männer miteinander ringen gesehen, vnnd ist darauff das Fewer wunderbarlich, von einem Ort zum andern, über Eck gesprungen, vnd fernem an- gangen. Autor tom. 4 Theat. Europ. fol. 974a Anno 1646 nach Eingang deß Wintermonats, liesse sich allhie zu Glogau, am Him- mel, wider ein merckliches Wunderzeichen sehen, in Gestalt zweyer gegen einander streitenden Heeren, worauff endlich sich eine grosse Ruten herfür thate, die sich gegen Polen gewendet hat. An dem Tag, auff welchem deß Jahrs 1633 den 1. Wein- monats, der Hertzog von Friedland, den Schwedischen General Du- balden, vnnd den alten Graffen von Thurn, bey Steinaw, in Schle- sien geschlagen, vnd sie gefangen, hat man über Colberg in Pom- mern, ein groß förmliches schwartzes Greutz, an den rothen Wol- cken gesehen. Anno 1644 den 18.— 28. Wintermonats, hat sich zu Minden in Westphalen, Nachts, der Himmel Creutzweiß eröffnet, daß das Fewer über gedachter Statt gestanden, vnnd die Schildwacht vor deß Herrn General von Eönigsmarck Hof hell vmbleuchtet hat. Anno 1654 den 24. Hornung, frühe zwischen 4 vnnd 5Vhr, ist in der Lufft es hin vnd wider gefahren, vnd gezischet, welches endlichen bey hellem Himmel gegen Nordosten sich gesetzet, vnnd anzusehen gewest, wie von obenher eine grosse gewundene mit einem krummen langen Schwantz sich erstreckende Schlange, so fast eine Stund gestanden. Dergleichen Wunderzeichen haben sich mehr hin vnnd wider begeben. Augustin. Limmer, in der Rela- tion, von der Leiptziger newen Jahrs- biß Ostermeß dieses 54. Jahrs pag. 37. Zum Beschluß, will ich noch einer sonderbaren Geschieht, auß deß Adelarius Eriphs Gülchischer Ghronick gedencken, obwohln sie eygentlich vnter den obgesetzten Titul nicht gehörig ist. Der schreibet nun, im 6. Buch am 14. Gap. daß deß Jahrs 1592 wenig Zeit, nach deß Hertzogen Willhelms zu Gülich vnd Cleve Todt, im Mertzen, der Sturmwind zu Emerich am. Rhein, im Fürstenthumb Cleve, im Kloster S. Hieronymi ein Esche auff dem Stamm mitten von einander gebrochen vnd als man sie zu schneiden vnnd eer- scheitern ließ, habe man in einem jeden Schnitt vnd Spalten et- liche Hauffen Kriegsvolck abgebildet gesehen, darunder Trommel- schläger, Fenderich etc. gemeine Soldaten etc. allerdings, als ob sie mit Fleiß also abgemahlet wären, zuerkennen gewesen etc. Was hierauff, als hochgedachten Hertzogen Herr Sohn Anno 1609 her- nach gestorben, vor Krieg vnd Vnruhen in selbigen Gülehischen 219 Landen vnd noch vnlängsten erfolgt, das ist noch zum Theil in frischer Gedächtnuß." Dazu füge ich einen Bericht des Hauptmanns Bemal Diaz del Castillo über die Eroberung Neu-Spaniens (ed. Ph. J. von Reh- faes, Bonn Marcus 1838 3 Bd. S. 284): „Die Mexikaner erzählten Folgendes, was sich kurz vor unsrer Ankunft in Neu-Spanien zugetragen hatte. Am Himmel ersohien ein Zeichen in runder Gestalt, wie ein Wagenrad, dessen Farben zwischen grün und roth spielten. Kurz darauf erhob sich ein zweiter ähnlicher Kreis, der sich gegen Osten in Bewegung setzte, und mit dem ersten vereinigte. Motecusuma, der damals schon das große Beich regierte, ließ seine Priester und Wahrsager vor sich kommen, und gab ihnen auf, dieses nie gesehene Himmelszeichen zu beobachten und zu deuten.. Die Priester fragten ihren Gott Huitzilopochtli, und erhielten die Antwort, daß das Meteor große Kriege und schwere Pestilenz bedeute, und daß man Menschen-Opfer anstellen müsse. Kurz nach diesem Himmelszeichen erschienen wir in Neu- Spanien, und zehen Monate darauf kam Narvaez und brachte einen Neger mit, der die Pocken hatte. Dieser Unglückliche steckte sämmtliche Einwohner von Sempoalla an, von wo aus sich die furchtbare Krankheit, wie eine wahre Pest, über ganz Neu-Spanien verbreitete. Wie wir nun in der Nacht der Trübsal den blutigen Bückzug ans Mexico machten, auf dem uns von dreizehenhundert Mann, die wir in diese Stadt eingezogen waren, fünfhundert und fünfzig getödtet und den Götzen geopfert wurden, fand man die Deutung jenes Himmelszeichens vollkommen bestätiget. Diese Sache erzähle ich wörtlich den Mexikanern nach, wie sie das Meteor in ihren hieroglyphischen Schriften abgebildet, die wir immer als zuverlässig befänden haben. Folgende Erscheinung habe ich aber mit meinen eigenen Augen gesehen, und Jeder, wer wollte, hat sie sehen können. Im Jahr 1527 wurde bei Nacht ein Zeichen am Himmel sichtbar, welches vollkommen die Form eines langen Schwerts hatte. Es stand zwischen der Provinz Panuco und der Stadt Tezcuco und blieb ganzer 20 Tage hindurch unveränderlich. Die Mexikaner deuteten es auf eine Pestilenz — was auch eintrat. u ABirlinger Der geistliche Vogelgesang Im 17. Jarhundert entstand im südwestlichen Deutschland ein Lergedicht, welches an den Gesang und das Gebaren der Vögel ethische Betrachtungen und Vorschriften der Lebensweisheit an« 220 knüpfte. Bereits 1660 erschin es in Augsburg im Druck. ' Seit- dem muß es vilfache Verbreitung gefunden baben. Aus dem 18. Jarbundert sind merere Drucke und handschriftliche Aufzeichnungen erbalten. Die Herausgeber des Wunderhorns namen es in dem dritten Band, der 1808 erschin, unter die Kinderlieder auf. Eine sorgfaltige kritische Behandlung erfur der Text durch W. Wacker- nagel (Voces variae animantium 2. Aufl. 1869 S. 112 ff.). Zulezt ist diser geistliche Vogelgesang in der Ausgabe des Wunderhorns von Birlinger und mir II S. 455 ff. abgedruckt. In änlicher Weise, aber in breiterer Ausfürung, hat bereits 1593, ebenfalls im südwestlichen Deutschland, ein mir sonst nicht bekannter Dichter, Johann Jakob Grugger, die Stimmen von vier Vögeln geistlich ausgedeutet und Warnungen vor Gottesverachtung, Eezerei, fleischlicher Sicherheit und Sünden aller Art daraus her- geleitet. Obgleich das Gedicht Guggers in Freiburg gedruckt ist, könnte der Verfasser doch ein Baier sein. Er hat jenes nemlioh dem Probst zu Bayrdiessen gewidmet. Blessen aber, zum Unterschid von Schwabdiessen auch Bayerdiessen genannt, ist ein Marktflecken am Ammersee, wo sich ein Stift regulirter Chorherrn befand. Da die Sprache des Gedichtes sich an die damals bereits durchge- drungene neuhochdeutsche Schriftsprache anlent, so läßt sich da- raus über die Herkunft des Verfassers nichts bestimmen. Der Druck in 4° bestet aus 7 Blatt, jede Seite ist mit einer reichen, bald schmälern, bald breitern Zierleiste eingefaßt. Titel: Vier Chriftliche an- \ zeygungen vnd bedeütungen* In | difer frölichen angehenden Somers zey- | ten luftig zubeher- tzigen : Warumb der liebe Allmechtige | Gott den vier nachfolgenden Vögel, dem Guckguckh, der | Ganß, dem Haben, vnd der Eulen, jr angeborne ftimm al- | fo angeordnet vnd erfchaffen habe, alles in Teütfche Rey- | men verfaffet, vnd zu vnderthenigem wolge- fallen, | auch gebürenden Ehren dediciert, | vnd zugefchriben, || Dem Ehrwürdigen in Gott Geift- | liehen Herrn, Herrn Baltha- farn, Probfte | deß würdigen Gottshauß vnd Klo-|fters Bayrdieffen. Meinem | Gnedigen Herrn. || Durch: | Johann Jacoben Gugger. | Getruckt zu Freyburg, im Jar M.D.XCÜI. Auf der Rückseite des Titels stehen folgende Verse: Vier Vögel hie, nit alfo fchlecht, Wie nian fie ficht, merck mich jetz recht, Anschawen folt, gantz wol betracht, In folch jr Gfang, Gottes Allmacht, Dann die all vier, erinnern dich, Wie diß Leben fey zergangklich, Das künfftig aber Ewig werdt, Wol dem der Chriftlich darnach ftrebt. Mit Aij beginnt darauf das Gedicht : 221 Zum Chriftlichen Lefer Nach dem ich hewr in Sommers zeit Mit einem Man durchs feld hinfchreit Vnd kommen tbet wol in das holtz, Hört ich gar manchen Vogel ftoltz 5 Singen mit ftimm nach jrer art, Allda ich eingedencken wardt Des lieben Gotts Allmechtigkeit, Der folchs gefchaffen weyt vnd breit, Himmel vnd Erd, Menichen vnd Thier, 10 Die Fifch im Meer vnd Vögel hier, Die Leben all nach jrer' art Mit jrer ftimm den ScMpffer zart, On zweyffel Magen fie auch Gott Ir jammer, tr&bfal, angft vnd noth, 15 Wie folches Dauid auch bekennt, Vnd die Raben mit Kamen nennt, Darzu Paulus der heyiig Mann Zun Römern am achten zaigt an, Das alle Creaturen fich 20 Sahnen vnd ängften ft&ttiglich, Diß als ich in bedencken nam, Vnd auff die vier Vögel kam. Doch nicht wie die Egyptier, Oder die Gottloß Zauberer, 25 Die all jr Glück vnd Vnglück frey Stellen auff der Vögel gefchrey Vrid ander Aberglaubens mehr, Daruon. ich hiemit Proteftier. Sonder diß alles Geyftlich bdacht, 30 Darzu mich Peters Han hat bracht, Der Han das zettergfehrey volbracht, Bald Petrus an fein Sund gedacht, Sah fich bald vmb gantz trawriglich, Vnd beweinte fein Sund bitterlich. 35 Alfo folln wir vns all anfehen, So offt wir hören den Hanen krähen Vnd andere Trawrzeychen mehr, Derhalb vns in der zeit bekehr, Von vnfern Sünden laufen ab, 40 Die Büß nit fparen biß inns Grab, Sonder wend dich zu Gottes Son, Deinen 'Heylandt vnd Gnaden Thron. Zweyffel auch nicht an Gottes Gnad, Wie Judas der Verrather that, 45 Erhenckt fich felbft, vnd praß entzwey, 232 Laß dirs ein fchröck Exempel fein. . Vnd halt dich veßt an Jefnm Chrift, Der nach vns ficht zu aller frift, Naiget fein Haupt gegen vns fehr, 50 Zu hörn vnfer Bitt vnd beger, Zaigt vns auch feine Wunden rodt, Damit er vns erlöft vom todt, Sein Arm auch außgeftrecket f indt, Zu vmbfahen vns Arme Kindt, 55 Drumb ich Dichter dich fleiffig bitt, Wilts nit loben, läfters auch nit, Vnd merck mit fleiß wie icha jetz mein, Mein lohn ift gring, Welt danck ift klein, Gott aber erkenn das Hertze mein. Vom Guckguckh 60 Der Guckguckh fchreyt zur Lentzes zeit, iVnd vermeldt vns des Sommers freüd, Vnd rüfft guckh guckh on vnderlaß, Merk auff was da bedeüttet daß. Weü all drey Ständt wol in der Welt 65 Sich all zu vil gantz Lkffig fielt, Da rüffet er all GeyftUchen, Das fie Tollen ftudieren gern, Vnd guckhen in die Schrifft wol vmb, Auch geben acht auff Chrifti ftim, 70 Der jn gibt recht Inffcruotion, Das fie in feinem Namen fchon Büß vnd Vergebung Predigen folln, . Weh den, die es nicht hören wolln, All jrrthumb, Sect, vnd Ketzerey 75 Zu wider legen fleiffig fey, Auch Oberkeyt vnd Vnderthon Auß Gottes wort berichten fchon, Loben auch felbft in Ewigkeit, Das gefeit Gott zu yeder zeyt. 80 Darzu rüfft auch der Guckguckh fein Mit Oberkeyt^ groß, hoch vnd klein, Das sie seinr ftimm folln nemmen war, Vnd guckhen in jr tmpter zwar, Das es recht gehe zu jeder zeit, 85 Vnd nicht befchweren Arme Leüt, Sehen auch auff jr Diener eben, Was fie für gfchwinde Praotick geben, Mit aufffatz vnd befchwerung vil, Welchs doch den Herrn nit nutzen will, 90 Vil Vögte, Schreiber vnd Amptfefit 283 Haben hieuon die befte Beut, Darüber vil Herrn werden Arm, Die Diener Reich, welche Gott erbarm. Deßhalb fo rafft der Guckguckh recht, 95 Du Oberkeyt guckh auff dein Knecht, Halt auch ein Vif itation Mit deinem Hoffgefindt gar fchon, Schreib auff was er für Gut so klein Hat, ehe er ward ein Diener dein, 100 Darzu addier fein Dienitgelt zwar, Das du jm gibft ein gantzes Jar, Summiers vnd halts gegen feim Gut, Vnd guckh wie er Haußhalten thut. Der Guckguckh rufft auch jederman, 105 Mann, Weib, vnd wie ichs nennen Jean, Das jeder guckh in feinen Standt, Brauch jn mit Ehrn ohn alle fchandt, Hab Glaub vnd Lieb auffrichtig fein Gegen Gott vnd dem Nachfben fein, 110 Furcht Gott, halt Oberkeyt in Ehrn, So wirdt Gott Glück vnd Heyl befchern. Das ifb des Quckguchs VogeLgfang: • Der Widhopff jungt im koth vnd ftanck, Alfo wir auch empfangen werden 115 Im koth der Sund auff difer Erden. Drumb guckh gantz wol das eilend leben, Daruon man muß Gott rechnung geben, Das will ich dir jetz rathen eben. Von der Ganß Die Arm dürftig Ganß fchreyt, Ach, Ach y 120 Solchs bedeüt gwiß groß vngemach Vber die groffe Sicherheyt, Darinn die gantze Welt jetz leyt, Vnd will vns hi,emit zaigen an, Was Gott der Herr im finn thut han, 125 Das er vmb der Welt boßheit zwar Wirdt ftraffen gwiß gantz offenbar * Mit Peftilentz vnd Thewrung gfchwindt, Darzu mit Kriegen, wie fie fingt; Dann weil der fromme liebe Gott 130 v Trewlich vns warnet one fpott, Rafft .vns mit V&tterlicher fbimm Zur Büß, ich bitt mich recht vernimm, Das mehrfte theil gehnt aber bin, Es hdrts, vnd fchlegts bald auß dem finn, 135 Veracht die Geyftlich Oberkeyt, / \ 224 Vnd lebt in Sünden alle zeyt, Laffet die Gnadftund lauffen auß, Schlagt Zeichn vnd Wunder in die pauß, Nimbt auch der ftraffen keiner wahr, 140 Erftufft in allen Laftern gar, Rennt mit gewalt der Höllen zu, Vnd macht im felbft Ewig vnrhu: Drumb fchreyt die Ganß billich, Ach, Ach, Das wir dem End nit dencken nach. 145 Derhalb lieh yederman berinn, Wa er zu letzt will fahren hin, Dann weil yetzundt vil Ketzer fein, Die Wort vnd Sacrament gantz rein Verfallenen wollen vnuerfchampt, 150 Vnd lieh doch r Ahmen allefampt, Als das fie rechte Christen weren, Welche doch nur die Leiit verfuhren Mit jrer falschen Lehr gefchwindt, Ach Gott ftraff folch Teüffels Gefmdt. 155 Auch fchreyet die Ganß Ach vnd Layd Vber Gwalt vnd VngrechtigJcayt, Darzu vber den Beichen Mann, Der nun fein aygen nutz ficht an, Vnd fehindt der Armen fleifch vnd blut, 160 Das marekt auch auß den knoden gut. Die Lieb vnd hilff will nit mehr fein, Es wird verfUfcht Bier vnd der Wein, In Elen, Maffen, vnd Gewicht All Buberey ift auffgericht, 165 Vnfauberkeit man mifchen thut Vnder das fchöne Trayde gut, Vnd gibts auffs theürft dem Armen Man, So ers in feiner Noth foll han. Ach, Ach vnd wehe, vnd aber wehe, 170 Wie will man doch vor Gott beftehn, Wann man für fein Gericht foll gehn. Vom Raben , Der alte fchwartz vnachtfam Rab Der fchreyt on vnderlaß grab, grab, Vnd obs gleich ift fein Aygen ftimm, . 175 Die Gott der Herr hat geben jm, So ift fie doch vergebens nicht Von Gott dem Herren fo zu gricht, Dann difes Vogels* Gfang zaigt an, Das fich bedencke jederman, 180 Bas er einmal hie fterblich fey, 225 Vnd keiner von dem Todt fey frey, Wie vns die Schlifft anch klarlich meldt, Den Todt vns für die Nafen ftelt. Noch führt die Welt ein dummen fin 185 Vnd lebt in allen Laftern hin: Die Ketzer falfchen Gottes Wort, Vnd richten an groß Seelen Mordt, Der Türghifch Hundt ft&ts einher bricht Ins Teütfche Reich, wie man wol ficht, 190 Wider die Arme Chrifbenhayt, Vnd th&ndt jn an groß flertze laydt — Das grab, darzu das Jüngft gericht, Wirdt bey jnen betrachtet nicht. . Alfo geht es mit andern auch, 195 Welchen der Gott nur ift jr Bauch, Die Epkurifche Mkftfchwein, Die Leben in den fauß hinnein, Als wer kein ander Leben nicht, Verachten Gott vnd fein Gericht, 200 Der Name Gottes wirdt gefchendt, Sein Wort veracht an vilen Endt, Vngehorfam nimbt vberhandt, Haß, Neyd, Vnzucht will fein kein fchandt, Diebstall, Geytz, vnd der Wucher groß, 205 Liegen vnd das groß Affterkoß, Verleümbden, Schmehen, falfche klag, Nimbt vberhandt, merckt was ich Tag. Derhalben rafft billich der Mab: Bedenck dich Menfch, fchick dich zum grab, 210 Vnd fteh von deinen Sünden ab, Laß dirs layd fein, vnd Glauben hab An Chriftum Jefum Gottes Sohn, Den Einigen Genaden Thron, Der vnferthalb auch lag im Grab, 215 Darmit er vns zuuerftehn gab, Das wir auch alle fterblich fein, Weil wir von fleifch, haut vnd von bein Von Adam alle kommen her, Beladen fein mit Sünden fchwer, - 220 Chriftus aber all vnfer Sündt Befcharren in des Grabes grundt, Er wider Auferstanden ift, Ein ander Wohnung zugerüft Denen fo an jn Glaubig fein, 225 Vnd abftehent von Sünden fein, Solchen foll fein das jrdifch Grab Nur ein Schlaffkamer, wie ich fag. Blrliuger, Alemannia VII 8 15 226 Vnd wie Chrift aufferftanden ift Alfo rollen fie zu der friffc 230 Auch widerumb rein aufferfbehn Vnd in das Ewig Leben gehn, Die fich aber bekehren nicht, Fragent nicht nach Gottes Gericht, Die werdent auß dem Grab hinnein 235 Gehn wol in die Ewige pein. So offt da nun thuft hören fein, Den Bahn das Grab außfchreyen fein, So bedenck dein Endt vnd fchick dich drein, Tracht nach der Frewd, hat dich vor pein, 240 Das Bath ich dir von hertzen mein. Von der Etilen Die groffe Etil man Hu Hu nendt, All menfoh anff Erdt diefelbig kendt, Dife fuhrt wol ein klaglich ftimm Des Nachts, das man lieh furcht vor jm, 245 An wufben Orthen fie fich holt, »t Vnd durchwandlet die groffe Welt, Des tages fchlafffc vnd ficher ift, Zar Nacht an heulen jr nichts gbriflt, Vnd fchreyt on vnderlaß Hu Hu % 250 Der klaglich Stimm hör eben zu, Dann difes heulen zayget an, Wie es dem Gottlofen werd gähn, Der jetz den tag des Heyls verfchl&fö, Vnd wartet nur der Sund gefebafft, 255 Lebet im Werkh der Finfterniß, So folget dann endtlich gewiß, Wann er all Warnung hat veracht, Vnd Gott mit jm ein Ende macht, Das er von difer Welt jetz fehrt, 260 Das Hellifch fewr wirdt jm befeuert, Da hebt fleh an groß hertze laydt, Ach vnd wehe werdt in Ewigkayt, Das ift jamer vnd grolle noth, Vnd fchreyen in den flammen roth, 265 Mit Zeenklappern man heulen th&t, Solches bedeüt der Eulen mfith. Darumb du lieber Menfch bedenck, In Sunden dich nicht willig fenok, Brich deinen böfen lüften ab, 270 Vnd merck wol drauff was ich dir fag. 'Th& Büß, vnd Glaub ffcarck feft vnd rein An Jefum Chrift den Heylandt dein, 227 Auff das du nit kombft an diß orth, Da Ach vnd webe ft&ts wirdt gehört, 275 Sonder fchick dich zum Himmels Thron, Da du mit Cbrifto Gottes Sohn In Ewigkeit mogft leben fein, Frölich vnd g&tter dinge fein, Wünfch ich allen wol in gemein, .280 Mifsiua meldt den Namen mein. Bemerkungen 1 hewr heuer, in diesem Jare. — 2 hin$chreU> ursprüngliche Form des Praeteritum, wofür jezt hinschritt mit dem Vocal des Pluraliß eingedrungen ist. — 6 ich ward eingedenken, eine schon im Mhd. gebräuchliche Umschreibung des Verbs, welche dem La- teinischen „meminisse coepi" entspricht; in nhd. Zeit besonders im Volkslied und überhaupt in volkstümlichen Schriften angewendet. Das von ingedenke (eingedenk) hergeleitete ingedenken findet sich schon mhd. als substantivierter Infinitiv (vgl. Lexer u. d. W. Iw- bilden). Im DWB ist als Verb eindenken und ingedenken , aber nicht eingedenken verzeichnet. — 18 zun (zu den) Hörnern ad Romanos. — 18 zaigt; der Diphthong ai findet sich noch in dem Verb zaigenV. 51. 123. 178. 251, naiget 49, layd oder laydt 155. 191. 210. 261. vngrechtigkayt 156, aygen 158. 174, trayde 166, Christenhayt 190, Ewigkayt 262. Sonst stet für mhd. ei bereits ei oder ey; es ist demnach in Freiburg zu Ende des 16. Jarh. die bairisch-österreichiscbe Lautreihe ei ai bereits durch die fränkisch* obersächsische ei ei verdrängt. Vgl. Zarnke Narrenschiff S. 274. — 20 shhnen, mhd. senen. — 21 als alles. — 21 in bedencken nam, mhd. ein bedenken nemen, neben disem findet sich nhd. schon bei Luther in bedencken nemen s. DWB. u. d. W. — 23 frey> oft Versicherungspartikel, und nicht selten als Flickwort im Reim ge- braucht; hier könnte es allerdings auch im Sinne von offen unge- niert gemeint sein. — 38 bekehr y des Reimes wegen für bekehm. So ist auch V. 75 im Reim sey für seyn gebraucht, obgleich der Dichter nicht überall im Reim genaue Uebereinstimmung im Schluß- consonanten verlangt, vgl. V. 169 ff. wehe: bestehn: gehn. — 45 prost barst, von dem mhd. noch allgemein üblichen bresten, wofür seit Luther 'das nd. bersten zur Geltung gekommen ist. — 56 wüts wolle es; hier ist wol eine Vertauschung der 2. Sg. Praes. (du wüt) und des Imperativs welle anzunemen. — 57 jetz so auch 118. 122. 253. 259, jeder 84, jederman 104. 179, yeder 79, yeder- man 145, yetzundt 147. Die Aussprache ist wol die diphthongi- sche (vgl. DWB. IV, 2 Sp. 2275 u. d. W. je und Sp. 2317 u. d. W. jetzt)) obgleich in unserem Gedichte der Reim nirgends Anhalt gewärt. Die Anwendung des j im Druck ist nicht entscheidend; denn in allen Formen des Pronomens der 3. Person (jm jn jr) sowie in jrthum und jrdisch ist j statt i gesezt, wogegen die Prä- 228 position in (sowie im = in dem) ich und ist immer mit i gedruckt werden. Vgl. zu V. 142. — 59 erkenn 3 Sg. Conj. = erkenne, wenn nicht ein Druckfeier für erkent vorligt. — 65 stelt, des Keims halber ist in einer Art von constructio xaxä ovv&hv (all drey Ständt = jeder der drei Stände) der Singular für den Pluralis ge- sezt. Vgl. zu V. 133. — 71 schon altes Adverb, wofür wir jezt das umgelautete (adject.) schön gebrauchen. Es ist übrigens häu- fig, und zwar nicht nur in dem vorligenden Gedicht, Flickwort* im Reim. Vgl. V. 77. 97. — 75 sey, vgl. zu V. 38. — 83 zwar für- war (aus ze wäre in Warheit), nicht selten Flickwort im Reim, so V. 100. 126. — 86 eben genau sorgfaltig. — 87. gschwind ge- schwind (ungestüm ktin); Practick, wie franz. pratiques, Ränke, unerlaubte Kunstgriffe. — 89 auffsatz Auflage. — 90 rtfft y so auch V. 104. 131. 208; es ist abzuleiten von dem schwachen Verb ahd. hruofjan, mhd. ruofen und rüefen, welches sich auch im Nhd. er- halten hat, vgl. Brants Narrenschiff 38, 43 und 65, 94, wo rüefft wol auch Praes. Ind. sein wird. — 105 ichs ich sie. — 109 gegen mhd. und auch noch im 16. Jarh. allgemein mit dem Dativ ver- banden. — 113 jungen schon mhd. = jung werden, vgl. DWB. — 118 eben s. oben zu V. 86; hier, wie auch sonst allgemein, Flick- wort im Reim. — 122 leyt, mhd. lit, ligt. — 133 gehnt, Plural nach das mehrste theil. — 137 lauffen auß, auch sonst in dem Sinne von ablaufen, das Bild ist wol von der Sandur entlent, vgl. DWB. u. d. W. — 138 Schlägt in die pauß = schlägt in den Wind. Es ist kaum an das aus dem Lat. entlente Pause zu den- ken; eher an ein Subst. zu dem Verbum phnüsen pfüsen pusen (blasen) in der Bedeutung von „Wehen, Wind". Allerdings kann ich ein solches in oberdeutschen Dialekten nicht nachweisen (das von Schmeller angefürte „nach der bauß oder pauß tt , d. h. „in Fülle u gehört wol hierher, aber das zu Grunde ligende Verb hat die Bedeutung „ anschwellen u angenommen). Von dem entsprechen- den nd. pusten gibt es ein Subst. püst, gewöhnlich als atem ge- fasst, doch sollen auch Redensarten vorkommen, wie in de püst gän — zw. Grunde gehen. — 142 im; sonst wird festgehalten, daß die Dat. und Acc. des Pronomens jm und jn gedruckt werden, s. zu V. 57. — 146 Wa wo. — 160 marckt feierhaft für Mark. — Knoden, man erwartet Knochen und ist geneigt das im Text stehende Wort als Druckfeier anzusehen. Da aber Knoden d. h. Knoten sich merfach mit Knochen berürt (s. DWB. u. d. W. Knote\ so wäre zu untersuchen, ob hier nicht eine volkstümliche Wendung zu Grunde ligt. An Knote im Sinn von „Gelenkknochen" ist nicht zu denken, da dise gerade kein Mark enthalten. — 163 Elen, mhd. ele neben eile und eine ein eilen, nhd. Elle. — 163 Waffen = Maßen. — 166 Trayde, auch mhd. einzeln treide statt getreide getregede. — 184 Noch trozdem dennoch. — 184 dumm, ahd. und mhd. twnb, bewart sonst im 16. Jarh. gewönlich die tenuis, selbst im 17. ist thumb und tumm ser häufig. Im Mhd. 229 hat es auch die Bedeutung jugendlich unerfaren, one WÜt- und Menschenkentnis. Dise verschwindet im 16. Jarh. allmählich und es bleibt nur die schlimme Bedeutung töricht stumpfsinnig, welche übrigens schon ahd. vorkommt. — 191 thindt, wenn hier kein Drnckfeler (statt thut) vorligt, so ist es wider eine constructio xarä ovvsaiv (der Türghisch Hundt = dio Türken). — 197 in den sauß hinnein leben, mhd. in dem süse leben (vgl. Lexer u. d. W.). 198 wer=waere. — 205 Liegen, alte richtige Form, wofür später das unorganische lügen eintrat. — 205 das groß Affterhoß, Nach- rede Verleumdung. Mhd. kommt daz afterkoese vor, daraus könnte Afterkos mit Wegwerfung des umlautwirkenden e (i) und mit Rückumlaut entstanden sein. Im DWB. feit das Wort. Ist hier villeicht Abwerfen des n im Reim (s. zu Y. 38) und der Infinitiv afterhosn (afterkosen) anzunemen? — 221 Befcharren-, entweder ist bescharret zu lesen oder das Wort all (V. 220) in wil zu än- dern. Für befcharren gibt das DWB. Belege von' Luther bis Opitz ; aufgefürt wird es doch von Frisch. — 262 werdt wäret dauert. — Elberfeld WCrecelius Volkstümliches ans dem Elsafz I Sprüche in Wirtsstuben Beim Trinken Wer will trinken und essen, Der darf Gott und den Wirt nicht vergessen. 2 Trink un iß, Gott nit vergiß, Sterwen isch gewiß! 3 Wer will trinken und essen, Der muß Gott und den Wirt nicht vergessen : Gott muß er sagen Dank für seine Gaben, Und den Wirt mit barem Geld bezalen. 4 Heut um's Geld, Morgen umsonst! 5 Komm hörein, mein lieber Gast, Wenn du Geld im Beutel hast; Geh' hinaus auf deine Straß, 280 Wenn da mich bezalet hast; Denn es ist heut nicht der Tag Wo der Wirt dir borgen mag. Amen. 6 Seit der Credit gestorben ist, Sind alle Lumpen mißvergnügt, Und stehen Durst and Hanger aas, Zorn Borgen ist kein Wirt za Haas. 7 Solche Gäste liebe ich, Die erbar discoriren, Die gut and redlich zalen mich Und frölich abmarschiren. 8 Hier ligt in dankler Nacht JSin Wirt den seine Schulden umgebracht. 9 Im März mueß me trinke aß wie e Meis', Im April aß wie e Geis, Im Mai aß wie e Kueb, Do wird Ei m 's ganz Johr d'r Wi nit thue. 10 Der Säufer zum Glas Ich beschwöre dich bei deinem Geist, Dass du m'r nit in de Kopf 'nein steigst. Jetz mecht i awwer die Ursach wisse Werum du mich Naecht in Grawe g'schmisse. Jetz was soll dein Straf sein? Das Glas am Mund: Marsch mit dir ins Loch hinein ! *) 11 Inschrift an einem Glase Bist du voll, so bin ich leer, Bist du leer, so bin ich voll. 12 Trink ich, so hink ich, Trink ick nit, so hink ich doch, Drum will ich liewer trinke Un hinke Als nit trinke Un doch hinke. 1) Das Gemisch von Schriftdeutsch und Mundart kommt häufig in solchen Reimen vor. 2dl II Nachtwächterrufe 1 Um 7, 8, 9 Ur Hänn Sorg zue Für un Liecht, Daß euch Gott behtiet. Um 10, 11, 12, 1, 2 ür Loset was ich euch will sage, Die Glock het zehni (u. b. w.) g'schlage. Bei Tagesanbruch (Sommer) Loset was ich euch will sage, Die Glock het zwei geschlage, Der Tag kommt anzuschleiche De'n Arme wie de Reiche, Der edele Tag den Gott uns gab, I wünsch euch alle 'ne gute Tag! (Sundgau) 2 Hört, ir Leut, ich tu euch kund! Es ist nun die zehnte Stund ; Nemet Feuer und Licht in Acht, Gott geb euch eine gute Nacht. Hört, ir Leut, ich tu euch kund, Es ist um die 2te Stund; Die Morgenstund am Himmel schwebt, Und wer den neuen Tag erlebt Der lobe Gott den Herren! (Barr) 3 Höret was ich euch will sage, Die Glock hat zehni g'schlage; Bewaret Feuer und Licht, Daß Niemand ein Unglück geschieht, Und lobet Gott den Herren! (Buchsweiler) Im Jar 1793 Loset was ich euch will sage, Die Glocke hat zehne g'schlage, Bewaret Feuer und Licht, Daß kei'm kei Unglück g'schicht, Und lobet Gott den Bürger! (Münster) 232 5 Scherzruf Höret, ihr Lait, was ich aich will sache, Die Glock hat zeh' geschlache, Lesche Faier an Ample, Legen ins Bett an strample! (Weißenbarg) III Inschriften an Häusern, Ställen u. s. w. Der Segen Gottes komm über dieses Haas, Das h. Creutz treib alle Feind 9 hinaas. Unter dein' Schutz, o Maria, nimm es auf, Sant Sebastian, wende ab alle Pest! (Sennheim) Sant Mauriz, ein wachbarer Schildwacht sei ! Sant Agatha, mach es frei von Feuers Brunst! Sant Barbara, laß Keines sterben Ohne das Sacrament, noch verderben! Sant Andreas, mache weichen Und Sant Helena mit dem Creutz Zeichen, Treibt alle Hexerey von diesem Haußgesind Und laß es fromm leben ohne Sund. Amen! (Sennheim) Ein reines Hertz S. Agatha hat, Freywillig war sie in der That, Die Ere hat sie geben ihrem Gott, Errett das Vatterland aus der Noth. S. Agatha, bitt für uns allesammen, Errette uns vor zeitlich und ewigen Flammen ! S. Agatha, bitt für uns in der Feurs Gefar, Und auch in Leib und Seel Gefar, Durch Jesum Christum ansern Herrn! Amen. 1811. (Sennheim) Gedruckter oder geschribener Zettel an Scheunen- oder Stalltüren, meistens in Gebirgsortschaften: Hentem sanctam f spontaneam f honorem Deo f et patriae liberationem. Sancta Agatha. Ora pro nobis. C. H. B. l ) (Rimbach-Zell) 1) Caspar, Melchior, Balthasar. 233 Wer will bauen an die Straßen Muß die Leute reden lassen ; Es gibt der Neider immer sehr viel, Aber es geht doch wie es Gott haben will. ( Eschentz weiler) Am alten Gasthaus zur Traube, unter den Bildern von Josua und Kaleb, die eine riesenmäßige Traube an einem Stock tragen: Wenn wir gleich hier zu Land nicht solche Trauben tragen, So bringen sicherlich auch kleine Trauben Wein, Dies werden Josua und Kaleb selber sagen, Wer es nicht glauben will kehr in dies Wirtshaus ein. (Mülhausen) Am Rathaus 1) Non tarn pro moenibus, quam pro legibus pugnandum. 2) Einerley Recht sey unter euch, dem Froembden wie dem Heimischen. 3) Hier außen lege ab Haß, Freundschaft, Furcht und Gab, Gar oft sind Haß und Hohn Des frommen Richters Lohn. , 4) IntegritaB consilii non eventus respiciendus Deliberandum diu quod statuendum semel. 5) Praemium et poena. Non sequere vota sed rationem. (Mülhausen) Am Rathaus 1604. Renovat. 1846. Dem Heyligen Reich ist dieses havß Zuo lob vnd ehr gemachet avß, Darin die wahr gerechtikeit Gehalten wirt zuo jeder Zeit. (Kaisersberg) Im Beinerhaus bei der Pfarrkirche: So ist's recht, Da liegt der Meister bei seinem Knecht. (Kaisersberg) Auf einem steinernen Brunnengehäuse 1618 Drincks tu Wasser in dein Kragen, Ueber Disch erkält dein Magen, Drinck mäsig alten subtilen Wein Rath ich und las mich Wasser sein. Mathias Hiffel MDCXVIII Elisabeth Birklerin. (Kaisersberg) 284 In der Hafnergasse (Hausinschrift) Jetzt bin ich als fremder Gast Herfur gegangen ander dem Baiast, Ach got wie geht es noch immer zu, Das die mich noch hassen wo ich nichts thu, Die mir nichts gönnen und auch nichts geben, Die müssen doeh leiden das ich thu leben, Und wenn sie meinen ich sey verdorben, So haben sie vor sich selbst zu sorgen. Inschrift mit einem Feuerstein an einer Fensterscheibe desselben Hauses Fluche nicht in meinem Haus, Geh nur bald zur Thür hinaus, Sonst könnte Gott vom Himmelreich Strafen dich und mich zugleich. (Kaisersberg) Am Rathaus 1) Concordia res parvae crescunt, discordia maximae dila- buntur. Einigkeit aus kleinen Sachen Grosse vienderding l ) zu machen, Wo die Hertzen seynt zertrennt In der Welt das Glück sich trent. 2) Iusticia in se yirtutem complectitur omnem. Gerechtigkeit begriffen thut Was nur mag tugend heisen Verwahre sie in guten Hut Deren sich thun beschliessen Der Richter dieser lieben Stadt Der das Schwerd in handen hat. 3) Initium s&pientiae, timor Domini. Vor alle Ding hab lieb dein Gott Im Glaub vertrau, werst nie zu Gott Schmacht nicht sein Gnad, Forcht ihn allein Regieren laß ihn, dein Hertz behalt rein Nach Gott sollst du den Nächsten lieben Ihm Guts erzeugen und nicht betrieben Einem jedem thu wie du selbst wolt Das anderer halten solt. 4) Diligite justiciam qüi judicatis terram. Dem Rechten nach, kein valsche maas Leucks niemand zu lieb oder Haß 1) Feindschaften. 285 Die Gottes Furcht lern erstlich eben Dadurch wird dir bestandnus geben Wie geschrieben recht billig und wohl Aach des Nächsten lieb verlehen soll Und unser leben sey zu verzehren Zu Gottes Reich and jenem Ehren. (Schlettstadt) An einem Haus in der Eirchgasse 1564 In Gottes Namen geh herein, Der will mein gutter göner sein. (Zabern) Am ehemaligen Weißenturmtore Gottes Barmhertzikeit Der pfeifen grytikeit Und der bauren bosheit Durchgründet niemanß Uf minen eit 1418. (Straßburg) Dise Inschrift bezieht sich darauf, daß die Bauern im ge- nannten Jare den Fruchtzehenden, den sie järlich an das Stift St. Thomä abzurichten hatten, auf dem Felde verbrannten, weil das Stift sich geweigert, inen „die gemeine Zech an brodt und wein auszurichten ". — grytikeit, Geiz, Habgier. — Die Jarszal war die älteste in arabischen Ziffern geschribene in Straßburg. In der Drachengasse Wo Landsknecht sieden und braten, Pfaffen zu weltlichen Sachen rathen, Und d' Weiber führen das Regiment Do nimmt's selten ein guts End. 1583. (Straßburg) Auf den verlierenden Krieg bezüglich, den die Zwistigkeiten unter den katholischen und lutherischen Domherren des hohen Stiftes bei der Bischofswal hervorgerufen. Am Speierbad, in der Alten Weinmarktgasse : Das Havs. stot in Gotes Hant Vnd ist im Spirbad gnant. Do die Wand mit Gvadersteinen Gmacht war, zalt man 1576, In der Zit was es volent Do die Schwitzer von Zirch gnent Fvoren in eim Dag herab mit Gwalt, Brachten mit ihnen ein Hirsen In rechter Gstalt der war noch warm 236 Vnd sies do zu Strosbvrg war das Schiesen, Das sag ich onvermessen, Yf der Mvrer Stab war der gegesen. Die Schrift ist doran gemacht Wer do fir get das er bedracht Wan das Schiesen ward volent. Domit bring ich den Rimen zvm End. qoo. D. F. B. (Straßburg) Die noch vorhandene Inschrift bezieht sich auf das große Freischießen, zu welchem die Stadt auch die Schweizer, ire alten werten Bundesgenossen eingeladen hatte, welche die, Fart von Zürich nach Straßburg zu Wasser in einem Tage zurücklegten. Joh. Fischart hat sie in seinem „Glückhaften Schiff" verherrlicht. An der ehemaligen Kleinen Metzig: 'Im Ochsegässel bin i gebore, Zum Ochsemetzjer bin i erköre, Im Ochsekopf haw i feil, In der Viehgaß bin i d'heim. (Straßburg) Die Kleine Metzig, die in den Jaren 1838 — 1840 abgerissen und durch neue schöne Häuser ersezt wurde, bestand aus einer Reihe von Schoppen, in der Mitte nur war eine dieselbe über- ragende Behausung 'angebracht, an deren Dach ein großer Ochsen- kopf ausgehauen war, darunter standen die mitgeteilten Reime. IV Mülhauser Malefiz-Ordnung (Mitte des 17. Jarhunderts) Ein Papierheft von sechs Folioblattern, weit geschrieben ; das Wasserzeichen trägt den sogenannten Baselstab. Die Kanzlei be- zog bis ins vorige Jarhundert beinahe sämmtliches Papier aus Basel, wo auch die obrigkeitlichen Mandate, Ordnungen, Statuten u. s. w. gedruckt wurden. Gegenwärtiges Formular bezieht sich auf den endlichen Gerichtstag, nachdem vorher durch geheime Unter- suchung, beziehungsweise auch die Folter, das Geständnis er- folgt war. Der Blutvogt Sagt ehe man non sitzet und Jederman stehet: Dieweil nächst vergangenen Mittwochen Mein Gnäd. Hrn. Herren Burgermeister und Rath erkant haben daß auff den heutigen Tag ein öffentlich Malefitz und peinlich Halß Gericht solle gehalten werden, so will ich Ew. Ehren Wht. (Weisheit) gefragt haben ob es dem Tag und lauten nach Zeit seye. Hierauf? wird umgefragt Vom Hrn. Burgermeister, und erkant daß es dem Tag und lauten nach Zeit seye. 237 Blutvogt Will dise Urteil Niemand wiedersprechen, zum lten, zum 2ten und zum 3ten mahl? Hierauf? setzen sich die Richter und wird durch einen Amt- knecht das Gericht verbandt. Blutvogt N. Verbietet M. Gnad. Hrn. das jhr öffentlich Malefitz Gericht. Amtknecht Ich verbiet Meinen Gnad. Hrn. das ihr öffentlich Malefitz und peinlich Halß Gericht welches sie dißmahlen aus hochem obrigkeit- lichem Gewalt besetzt haben zum lten mahl. Das wiederholt Er zum 3 ten mahl. Daß Niemand nichts darein rede, handle oder fürnemme denn dem es erlaubt ist und von Rechts wegen gebühret bey der Straff und Büß und Beserung so darauff gesetzt ist. Blutvogt Wer am Rechten zu schaffen hat, der melde sich an. Schultheiß Weilen meine Klag die ich im Nammen der Statt und mei- nes tragenden Amts thun solle schwär und wichtig ist, so bitte ich mir einen Fürsprech zu vergönnen. Fürsprech Demnach der Hr. Schultheiß meiner begehrt, so wäre mein Schuldigkeit zwar und guter Willen wohl lhme bedient zu seyn: Indem es aber eine so wichtige und* beschwärliche Sach antrifft, hätte ich wohl leyden mögen , daß Er einen anspräche, der lhme seine Klag besser wüßte vorzubringen als meine wenige Persohn. Jedoch weil Er mich dazu ernent hat, so will ich mir jeder Zeit vorbehalten haben, alles was die gewöhnliche Rechte inhalten und vermögen, auch wo ich etwas versäumen würde, daß der Hr. Schul- theiß seinen ordentlichen Absprung nemmen, und fahren möge vom ersten biß auff den 2ten, von dem andern biß auff den 3ten, und das so lang und viel biß Er einen überkombt, der lhme seine Sachen genugsam vorbringe, und darthue wozu Er Recht hat. Blutvogt Der Beklagte kan sich auch um einen Fürsprech bewerben. Beklagter Begehret eines Fürsprechs, welcher lhme zugelassen wird, und entschuldiget sich auff die weis und mit dem Vorbehalt, wie des Hrn. Schultheißen Fürsprech. Kläger Des Hrn. Schultheißen Fürsprech sagt: Dieweilen unser Ge- gentheil sich um einen Beystand beworben, so begehre ich für 288 meinen Beystand Herren Bürgermeister NN., bitt hiemit Ew. Ehrs. Weisheit wolle mir hierin eine gönstige Willfahr erweissen. (Es geschiechet auch etwan, daß der Kläger und Beklagter den zweiten Beystand erbittet über den vorigen.) Blutvogt Dieweil Ew. Ehrs. Weht, und übrigen Herren Räthe zu Bey- stand begehret worden, so können sie hiemit jhren Partheyen freund- liche Willfahr leisten, und zu jhnen stehen. Kläger . Hierauff klagt des Hrn. Schultheißen Fürsprech wie folgt: Herr der Blutvogt, wie auch Edle, Ehrenveste u. s. w. Es ist so wohl in Göttlichen als weltlichen Rechten clar und heiter versechen daß .... (hier, eine Lücke). Dessen allem ohn- geacht, so hat doch gegenwärtiger NN. sich nicht gescheüet u. s. w. Dieweil er nun dessen überzeugt und selbs geständig, so klag ich im Nammen des Hrn. Schultheißen auff sein Leib und Leben, auff sein Gut und Blut u. s. w. Und begehre dessentwegen, daß Er den Rechten und unse- rer Statt Gebrauch nach alles Ernsts abgestrafft und condemnirt werde. Beklagter bittet und begehrt durch seinen Fürsprech, daß seine Bande Ihme geöffnet werden, damit Er sich desto besser gegen einer so wich- tigen und schwären Klag verantworten könne. Kläger Das wiederspricht des Hrn. Schultheißen Fürsprech. Urtheil Hierauff wird erkant, dieweilen jhme seine Band so hart ge- bunden, schwer anligen, daß jhm dieselben auff sein Begehren ge- öffnet sollen werden, jedoch daß Er hiemit in guter Gewahrsamme gehalten und den Rechten nicht entzogen werde. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen zum lten, 2ten und 3ten mahl? Beklagter Verantwortet sich durch seinen Fürsprech. Kläger An solche Verantwortung kan der Hr. Schultheiß nicht kom- men, dann ... Hier folgt was dar wieder zureden sey . . . Begehre deßwegen, daß die Verbuchten '), welch der Be- 1) Mhd. vergibt, vergiaht, Geständnis, Bekenntnis. 239 klagte gut und peinlich 1 ) gethan, vor dem ganzen Umstand ver- lesen werden solle. Beklagter bittet durch seinen Fürsprech dafür. Urtheil Die Verlesung der Verjücht wird erkant. Blutvogt • Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und Sten mahl. Stattschreiber Verlieset die Verbuchten. Kläger Weil diese Verjücht verlesen, so begehr ich, daß man auch die sieben unpartheyischen Mann 8 ) verhören soll. Beklagter Ist seiner Verjücht allerdingen geständig, und bittet daß die Verhörung der sieben unpartheyischen Mann underlassen werden soll, weil es dessen nichts bedorfe. Kläger Dieweil* der Beklagte der Klag allerdingen geständig, so be- gehrt der Hr. Schultheiß zu vernemmen, ob Er nicht bessere Kundtschaft 8 ) geführet. / Urtheil Hierauf? wird erkant, daß der Hr. Schutheiß die bessere Kundtschafft geführet. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und Sten mahl? Kläger Weil dann meine Klag völlig erwiesen, und der Beklagte der allerdinges geständig, so begehr ich zu vernemmen ob der Hr. Schultheiß das bessere Recht und der Beklagte Unrecht habe. Urtheil Wird erkant, daß der Hr. Schultheiß das bessere Recht und der Beklagte Unrecht habe. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und 3ten mahl? 1) Gütlich und auf der Folter. 2) Die Siebner waren Bürger, welche vom Beklagten als Schieds- richter, Expertern berufen und, wenn das Gericht es für gut fand, ver- hört werden konnten. 3) Bessere Gründe zum Beweise der Schuld des Beklagten. 240 Kläger Dieweil dan der Hr. Schultheiß das bessere Recht gefähret, und der Beklagte Unrecht hat, so begehrt Er an einer Urtheil zu vernemmen, wie der Maleficant selbige verbessern soll. Urtheil Hierauff treten die Richter ab. Alsdann wann sie wieder sitzen fragt der Blutvogt,, was sie in dem Abtritt und Bedenoken gut befunden. Wird demnach er- kant, daß der Uebelthäter solches Unrecht mit seinem Leib und Leben, Gut und Blut verbesseren solle. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und 3ten mahl? Kläger Nachdem E. E. Malefitz-Gericht hiemit erkant, daß der Uebel- thäter mit seinem Leib und Leben verbessern solle, so begeret der Hr. Schultheiß hiemit zu vernemmen, auff was. Weis und Form solches solle geschechen. Urtheil Hierauff wird erkant daß der arme Sünder von dem Schran- cken genommen, hinauß auff die gewohnliche Richtstatt gefähret, und vom Leben zum Tod hingerichtet werden solle, mit dem N und was demselbigen zugehörig. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und 3ten mahl? Kläger Es begehret der Hr. Schultheiß zu wissen, wer diese Ur- theil an ihm vollstrecken solle. Urtheil Durch den geordneten Nachrichter soll diese Urtheil an ihme vollstreckt werden. Blutvogt Will diese Urtheil Niemand wiedersprechen, zum lten, 2ten und 3ten mahl? Dem Stattbotten wird mit Namen geruffen, und befohlen den Scharfrichter zu holen. Beklagter In mitler Zeit bittet dessen Fürsprech für denselben, und mm Fristung seines Lebens so viel Ihme möglich. Blutvogt Wann der Nachrichter an dem Schrancken sich erzeigt, wird Ihme des Gerichts leiste Urtheil und Erkentnuß mündlich angezeigt, 241 and hernach dem Amtsknecht das gehaltene Malifitz und peinlich Halß-Gericht auffzuruffen befohlen. Amtknecht Ich ruff auff M. Gnäd. Herren und Obern, dieß Ihr öffent- lich Malefitz und peinlich Halßgericht, welches sie dißmahlen aus hochem obrigkeitlichem Gewalt besetzt haben, zum lten, zum 2ten und zum dritten mahl. V Malefiz-, Cr iminal-Sachen und andere Strafen (Aus dem Bürgermeisterbuche der Stadt Mülhausen i. £. 16. 17.. und 18. Jarhundert) Das Bürgermeisterbuch wurde vom jedesmaligen Stadtschreiber gefürt und begrif, in alphabetischer Ordnung, die Bescheide des Kleinen Rates in allen das Gemeindewesen betreffenden Angelegen- heiten. Es war gleichermaßen der Handkodex des Bürgermeisters. Die Bescheide, in möglichster Kürze abgefast, hatten Gesezeskraft so lange sie nicht durch neue Beschlüsse abgeändert oder ganz abgeschafft wurden. Das Stadtarchiv besizt zwei schöne Exemplare des Bürgermeister — oder, wie es auch genannt wird — des Ex- trakt eribuches; das eine hat 917, das andere 1100 Folio-Seiten; sie gen von der Mitte des 16. Jarhunderts bis zum Jare 1797; die altern wurden leider durch eine im Jare 1551 ausgebrochene Feuersbrunst verzert, welcher auch das Rathaus selbst zum Opfer wurde. Die nachfolgenden Urteile entneme ich der Abteilung, welche den oben angefürten Titel „Malefiz-, Criminal- Sachen und andere Strafen* trägt. Das Malefizgericht bestand aus den 24 Mitglidern des Kleinen Rates ; zuweilen wurden auch andere Bürger dazu berufen, und in schwierigen Fällen sogar Fremde, besonders Schweizer, wie" diß im Jar 1587 nach den ersten bürgerlichen Unruhen vorkam. Das Ratsprotokoll hat, hinsichtlich der Besoldung der Richter, folgende Bestimmungen: „Den Malefiz-Richtern ist bey hiesigen 2 fl. und bey fremden 20 Liv. geordnet. 6. April 1603". „Die Kosten wer- den aus der Maleficanten Guth bezalt. 11. May 1636; 16. Januar 1678." Den Vorsiz des Gerichtes fürte einer der drei Bürger- meister; Ankläger war der Schulz oder ünterschultheiß, der, sowie der Angeklagte einen Fürsprech zum Beistand haben konnte. Das Verhör wurde meistens bei verschlossenen Türen gehalten; diß ge- schah bisweilen auch bei der Gerichtsverhandlung. Beim Verlesen des Urteils aber wurden die Türen geöffnet und das Publikum zu- gelassen. Bei Verurteilung zum Tode musten sich wenigstens 14 Stimmen dafür ausgesprochen haben. Die Anwendung der Folter kömmt selten vor. Birlinger, Alemannia VII 8 \Q 242 Mülhausen hatte kein eigenes Gesezbuch; die Richter arteil- ten „nach Wissen und Gewissen " ; — „nach Verständnis und Gut- dünken", wobei sie sich an Gebranch und Herkommen hielten. Den Juristen unter inen waren der Sachsen- und der Schwabenspiegel nicht unbekannt 1 ); im 15. Jarhnndert drang das römische Recht durch und bei Criminalsachen fand im folgenden Jarhundert Kaiser Karls V peinliche Gerichtsordnung (Carolina) ire Anwendung auch in Mülhausen, wie wir später sehn werden. Großen Einfluß übte in disem, wie in manchem andern Bezüge, die eidgenössische Schwester- stadt Basel auf die kleine Republik Mülhausen aus, deren Stadt- schreiber meistens auf der dortigen Universität studiert hatten oder gelbst Baseler waren, wie Zichlin, Petri, Lauterburg, Wild, Gysier u. A. Uebrigens wurde vom 16. Jarhundert an keiner als Stadt- schreiber angenommen der nicht Licentiatus utriusque juris war. Ueber die ausgesprochenen Strafarten und Strafwerkzeuge soll hier nichts beigebracht werden, dazu wird sich, wo es nötig ist, bei den nun, nach der chronologischen Reihenfolge mitzuteilenden Verurteilungen bessere Gelegenheit geben. 16. Jarhundert 1 Mißhandlung der Eltern, Hanß. Jacob K. der sein Mutter geschlagen und den Vater herauß gefordert, hat nach außgestan- dener Gefangenschafft und Abbitt des Malefitz, ein Urphed schwören müssen, daß Cr außer seiner wacht kein gewehr mehr tragen, ferner sich aller Hochzeiten, Wirthshäusern und Thorstüblein 2 ), auch anderer Gesellschafft müßigen wolle, außer der Schenke auf der Zunft 8 ). 1582. 2 Bürgerlicher Aufrur gegen die Obrigkeit*) in den Jaren 1583 bis 1590. — Im Jar 1588 wurden etwa 400 hiesige Bürger 1) P. V&ron-RSviUe, les anciennes jurisdictions de l'Alsace, p. 13 und 14. 2) Die Torstublein waren e'in Vereinigungsort , wo Freunde und Verwandte die auf der Wache befindlichen Bürger zu besuchen pfleg- ten. Es wurde da geschwazt, getrunken und gespilt; wegen Unfug wurde diß jedoch mermals von der Obrigkeit verboten. 8) In Mülhausen bestanden biß zur Vereinigung mit Frankreich, im Jare 1798, sechs Zünfte: Becker, Schneider, Schmide. Mezger, Reb- leute und Ackerbauer; die vier ersten hießen die groben, die beiden leztern die kleinen Zünfte. Jeder Bürger muste sich auf einer dersel- ben einschreiben lassen. Die Zunftmeister sassen im Kleinen Rate. 4) Die Verhör- und Gerichtsprotokolle umfassen merere Folio- bände und sind auf dem Stadtarchive aufbewart. Der Prediger David Zwinger, ein Augenzeuge, hat den ganzen Verlauf der Empörung in einem noch in Handschrift vorhandenen Foliobande aufgezeichnet Kürzere Berichte darüber geben Mathias Graf und Mathias Mieg in iren Geschichten von Mülhausen. 243 und 15 Illzacher 1 ), je nach Iren Vermögensumständen zu ge- wissen Geldstrafen verurteilt; die Schuldigsten erhielten noch Ge- fängnisstrafen; andere hatten sich durch die Flucht gerettet. Den 17. Juni 1790 wurden 26 Soldaten „so sich zu der schröcklichen Yerrätherey in Mülhausen haben gebrauchen lassen, mit dem Schwert hingerichtet" ; ire Wehr und Waffen , so wie ihr sonstig Gut so sie bei sich trugen, verfielen der Stadt. Unter den Schuldigen befanden sich nur 1 Mülhauser und 4 Elsässer aus : .Hellfranzkirch, G ei spitzen, Kaisersberg und Lauterburg; die übrigen waren Schweizer oder Deutsche. Den 26. Juni wurden 5 Bürger, den 1. Juli 7 mit dem Schwerte hingerichtet. Freitags, den 26. Juli kamen evangelische Gesandte aus der Eidgenossenschaft an und hielten Gericht über die Em- pörer: 5 Bürger wurden enthauptet, sodann vervierteilt und die Stücke irer Leiber außer der Stadt an vier Straßen aufgehängt. Die so um die Sache gewußt one sich weiter darein zu mischen, sie aber nicht geoffenbart, wurden mit Gefangenschaft oder um Gut gestraft. 3 Selbstmörder 9 ). Görg K's Guth, der sich in der Frembde entleibt, ward confisciert, doch hernach den Erben 2 /s davon zuge- stellt. 20. Januar 1594; 28. August 1595. 17. Jarhundert 4 Markstein versezt. Clad B's Frau, weil sie einen Markstein in den Reben ausgerissen und versezt hat, bezalt 100 fl. ; sie darf sich wärend eines Jares nicht aus der Stadt entfernen und ist er- lös erklärt. 21. Mai 1613. 5 Mishandlung der Mutter. Hans H. der seine Mutter ge- schlagen, muste ein Stand in der Kirchen 8 ) thun und 1200 fl. büßen, auch Ehr- und wehrlos sein. 8. August 1625. 1) Die IUzacher waren Untertanen, Hintersassen, von Mülhausen und von einem von der Stadt ernannten Obervogte verwaltet. Die Dörfer Illzach und Modenheim, mit „hohen und nidern Gerichten, Ban- nen, Hölzern, Zehenden, Mülen u. s. w." waren im Jare 1437 von den Gebrüdern Ludwig und Ulrich von Wirtemberg um eine namhafte Summe baren Geldes an Mülhausen verkauft worden und bliben deren Eigentum biß zum Jare 1798. 2) Die Fälle, in welchen es der Obrigkeit erlaubt war die Güter der Selbstmörder mit Beschlag zu belegen, sind durch die Carolina, sine Ausgabe von 1532 Cap. 135, spezifiziert; vgl. auch: Der richterliche Clag- spiegel, Strasburg 1538 fol. 134 verso. 3) Der Kirchenstand fand am Eingang des Glockenturms etat, wo der Delinquent von einem Stadtknechte bewacht, durch den Pfarrer 244 6 Selbstmörder. Görg B's Erben geben 100 Tbaler wegen dessen Erhenkung. 3. August 1637 ! ). 7 Unbefugte Copulation. HerrTh., Pfarrer von Zimmersheim 2 ), daß er in seiner Flöchtung 8 ) all hier, einen Soldathen mit seiner Köchin zusammen geben, ist in Thurn gelegt, und umb 100 fl. gestrafft worden, vngeacht des Bischoffs Intercession. 23. August 1637. .8 Knospen abgehauen, Harrß St. daß er Knospen 4 ) in der Sin- nen*) gehauen, ward um 10 Pfd. gestrafft und gethürmt. 7. August 1639. 9 Felddiebstal. Wegen eines Felddiebstahls soll eine verbür- gerte Person 4 fl. erlegen, und die Hintersassen aber mit der Tritte*) oder der Geygen 1 ) gestraft werden. Mandat vom 25. August 1648. Ein Kind soll i fl. geben; Einer der es sieht bey seinem Eydt angeben, und die Wächter an den Toren visitiren. 18. Juni 1662. von der Kanzel herab und vor der versammelten Gemeinde seines Ver- brechens wegen getadelt und zur Buße ermant wurde. 1) Disem Urteilsspruch ist von folgendem Zusaze, einer spätem Hand, begleitet: Wegen Caspar K. war der Frevel 50 Pfd. und dem Scharfrichter 20 Pfd. 26. August 1683. — Samuel P. 160 Pfd. 15. Au- gust 1714. 2) Ein südöstlich von Mülhausen gelegenes Dorf, welches damals und biß zur französischen Revolution nebst dem größten Teil des Obcr- elsaßes zum Bistum Basel gehörte. 3) Flucht. 4) Eine Art Schilf, dessen Blätter zum Verstopfen der Faßdauben dienen. Das an den Stadtgräben wachsende Gras und Gesträuch machte einen Teil der Besoldung des Stadtschreibers und des Baumeistersaus. 5) Ein Zweiggraben der 111. 6) Die Tritte war eine Art cylinderförmiger Käfig oder bestand au 8 zwei hölzernen dicken Sparren, die kreuzweise auf einem im Boden stehenden Holzblock ruhten, in der Mitte waren sie durch einen star- ken Eisenstift vereinigt und konnten im Kreise herumgedreht werden; der Delinquent wurde in die Trille gesezt oder, im zweiten Falle da- rauf gebunden und so lange herurogetrillt biß er, beziehungsweise bei Obstdiebstal, das corpus delicti wieder von sich gegeben. Die Trillen waren gewönlich an den Toren angebracht. 7) Die Geige bestand aus einem Brett, das man dem Felddieb mit einer Kette am Hals befestigte; zu beiden Seiten waren runde Löcher, wodurch die Arme heraus gestreckt werden konnten. Mit disem Strafwerkzeuge wurde der Dieb von einem Stadtknecht an einem Markttage herumgefürt Manchmal ward im das Gestolene auf den Rücken gebunden. 245 10 Verleumdung des Vaters. Daniel E., der gesagt sein Vatter hab ihn geschlagen wie ein Mörder, ist zum Kirchenstand und umb 200 Pfd. unablässig condemnirt. 20. September 1650. 11 Blutschande. Auf Begehren loblicher Statt Zürich ist Jacob Wegemann von Dagschwanden, ihres Gebiets, um daß er mit sei- ner eigenen Sohnsfrauen Blutschand getrieben, alhier gefänglich ein- gezogen vnd den 4. May 1653 enthauptet worden. Auch die Kosten alle von wohl gedachter Statt bezahlt worden 1 ). 12 Mord 2 ). Sonntags den 26. July 1 658 : hatte ein Reütter von dem Balthasarischen Regiment, vnder Herrn Fraise Compagnie, Nammens Herman Schlies von Lüttich gebürtig, so zu Hochstatt 3 ) in Quartier gelegen, alhier zum Trubel 4 ) getruncken, vnd gegen Abend im Hinausreütten auf dem Spittelplatz seine Pistolen gegen Jacob Graff, dem Wagner, welcher vor seinem Haus friedlich ge- sessen, vnd an nichts gedacht, ohne Ursach gefaßt und abge- schossen, also daß er wenig Stunden darauf? daß Leben verlohren. Er wurde gleich gefänglich genommen, vnd nachdem die König- liche Regierung dessen berichtet worden, ungeacht seiner Ofücirer Drohen, nach etlichen Tagen enthauptet. 13 Beschimpfung*). R. zu Modenheim, der Herrn Obristpfarrer Salathe ein H — f — t und Eheverwirrer geheißen, ist gethürmt, mit 50 Pfd. Straff. 26. Mertz 1679. 14 Segensprechen. Joseph J. weyl er Johann Abt's Knecht aller- ley Segensprecher ey und leichtfertige Stuck gelernt, sehr scharff examinirt 6 ); der Knecht aber ans Schellenwerk 1 ) geschlagen wor- den. 22. April 1679. 1) Vgl. Fürsteriberger, Mülhauser Chronik, mnscr. Buch IX, Cap. 2. — In. der Mülhauser Ehegerichtsordnung vom Jare 1744 kommt Art. XVII § 3 folgende Bestimmung vor: „Betreffend die Affinität oder Schwägerschaft, wann Stiefeltern sich mit Stiefkindern, oder einSchwäher mit der Sohnsfrau, oder eine Schwieger mit dem Tochtermann ver- mischt, sollen sie mit Ruthen gestrichen, und des Lands ewig verwiesen werden" 2) Vgl. Färstenberger 1. c. Buch IX, Cap. 3. 3) Ein südwestlich von Mülhausen gelegenes Dorf. 4) Einer der ältesten Gasthöfe, später Kaffeehaus; im Jare 1873 abgebrannt und ah solches wieder an derselben Stelle aufgebaut. 6) Vgl. Statuten und Gerichtsordnung etc. Art. XXXI: Von dem Scheit-Gericht. 6) d. h. gefoltert. *,Ueber die Folter in der ehemaligen Republik Müjhausen" sih Alsatia 1856—1857 S. 119—125. 7) Die zum Schellenwerk Verurteilten wurden mit Ketten belastet 246 15 Kirchendiebstal 1 ). G., Bürger der Stadt, so Geld aus der Büchse in der S. Stephanuskirchen genommen, auch andere Dieb- stähle begangen, ist ewn Schwert verurtheüt worden. Ist den 3. August 1683 hingerichtet worden. 16 Sodomit ward mit dem Schwert gerichtet und verbrannt. 18. Juli 1688 2 ). 17 Eülffe bey Eapueinern gesucht. Glade S. T. wurde des Nachts in seinen Laden gebrochen und etliche Stuck Tuch geraubt. Der ließ durch einen Schneider zu Lanßer 8 ) bey den Kapuzinern Half? suchen, darauf der Dieb sein Wahr 4 ), theils für sein Hauß, und theils beym Träubelgäßlein K ) des Nachts wieder ablegte, — (Clade) wurde um 35 Pfd. gestrafft, und der Bott 6 ) in Thurn gelegt. 29. October 1690; 14. Merz 1691. 18 Duell. Als zwey frantzösisclje Capitain hier duellirt 7 ) und Einer todt geblieben, wurde der Frevel mit dem Major auf 100 Thaler verglichen. 11. Merz 1691. 19 Teufelsbeschwörer. Peter Dax, daß Er ein Teufels Be- schwerer aus dem Solothurner Gebieth geholt, und mit dessen Hilff auf dem Münchs Berg 8 ) vergeblich nach einem Schatz gegra- oder schleppten eiserne Kugeln an den Füßen, wärend sie, unter Be- wachung der Stadtknechte, schwere Arbeiten zu verrichten hatten. Am Hut oder an der Müze waren Schellen angebracht, die bei der gering- sten Bewegung klingelten. 1) Hundert Jare nach diser Verurteilung wurde zu Colmar mere- ren Kirchendieben zuerst die rechte Hand abgehauen, hierauf wurden sie in mit Schwefel getränkten Hemden öffentlich verbrannt. Orden- nances d'Älsace. 2) Cf. Carolina Cap. CXVI. 3) Landser, ein südöstlich von Mülhausen gelegenes Städtchen; ehemals Siz der Herschaft gleiches Namens, Besiztum der Grafen von Habsburg, später der Erzherzöge von Oesterreich, als Landgrafen des obern Elsaßes; es gehörten dazu 25 im Sundgau gelegene Ritterdörfer. Das Kapuzinerkloster daselbst wurde im Jare 1664 gestiftet. 4) Seine Waare. 5) Trägt seinen Namen von dem darin gelegenen Gasthaus Zur Traube. Sih oben No. 12. 6) Der Schneider. 7) Wärend des Kriegs zwischen den Kaiserlichen und den Fran- zosen unter Ludwig XIV. 8) Mönchsberg, volkstümlich Münzberg, gehörte „seit uralten Zei- ten dem baslerischen Hohen Thumstifft, welches V« des großen Frucht- und Weinzehenden bezog". Den 10. Oktober 1682 kaufte Mülhausen die Rente um die damals bedeutende Summe von 8000 Gulden zurück. 247 ben 1 ), soll 8 Tag in Walkenthurn gelegt und ein Kirchenstand thun. 25. October 1693. 20 Schlagfrevel. Daß Juncker von Landenberg 2 ) und Jancker Schulter einander in dem Torff Illtzach geschlagen, soll dieser 6, jener aber 2 fl. den Armen Straff geben. 1. Mertz 1694. 21 Untreue eines Baumeisters 3 ). Weilen nach Baumeister J. W. Tod gefunden, daß Er sich am gemeinen Guth vergriffen und sei- nen Eydt in Vielem zu wieder gehandelt, sollen seine Erben 207 Pfd. ersetzen, seine Bathsbesoldung confiscirt und den Graben 4 ), das Jahr über, der Spital nutzen. 10. April 1695. 22 Tuchdiebstal. Görg Seh., der wegen gestohlenen Guths, sage Tuchs, auf den Gräben, ans Halseysen gestellt worden, gab 50 Pfd. Straff 5 ) und alle Kosten, 26. Juni 1695. 23 Untreue der Stadtdrescher. Weylen die Tröscher in der Herren Scheüren lange Jahre Betrug gebraucht, und so offt mann auf- gewannt 6 ), ein paar Sester Frucht nebehtlich 7 ) gemacht, und unter sich vertheilet, ist ein Jeder der Fehlbarsten um 60 Pfd., neben dem . Thurm, und etlichen Wochen Arbeithens, mit Wasser und Brod gestrafft; Andere, nach proportion des Fehlers und Boßheit, zu 20 oder 10 Pfd. Der Entdecker 8 ) ist ledig erkannt. 9. Januar 1696. Jezt ißt der Hügel ein von Reben und Ackerfeld umgebener Meierhof. Sih Furstenberger, Handschrift 1. Chronik, Buch X Cap. 3 und 8. 1) Gegen das m Schazgraben , Teufelsbeschwören , Segensprechen u. s. w. hat der Magistrat öfters scharfe Mandate erlassen. 2) Die Edeln von Landenberg besaßen vom Jare 1618 bis 1797 das Schloß von Illzach, welches, einst ein merowingischer Hof, vom Dorfe selbst getrennt war; dises gehörte seit 1437 der Stadt Mülhausen. S. oben No. 2 Anmerkung 2. 3) Der Stadtbaumeister war mit dem Bau und der Erhaltung aller öffentlichen Immobilien betraut; es waren im ein Werkmeister, ein Maurermeister und zwei andere Gehülfen beigegeben. 4) Vgl. No. 8 Anmerkung 1. 5) Bei Verurteilung 'zu Geldstrafen untersclrid man den einfachen oder kleinen Frevel, — der von einigen Bazen oder Schillingen biß auf 50 Pfund steigen konnte, — von dem groben oder Malefizfrevel, welcher bis auf 160 Livree und noch mer kommen konnte. 23. September 1652 ; 4. August 1652; 11. September 1695. Ratsprotokolle. 6) Aufwannen, auf die Wanne schütten. 7) nebenaus, bei Seite. 8) Sonst kommt auch Angeber oder Verleider vor. 248 18. Jarhundert 24 Feuer einlegen 1 ). Anna Maria E. so zu Ulzach Feuer einge- legt, mit dem Schwert gerichtet. 4. Juli 1703. 25 Crimindlfall. Ein Weberknecht, Namens Joseph Karrer, aus fürstl. Sankt Gallischer Herrschafft, als er mit einem Andern, Na- mens Marx Meyer, von Langenau bey Augsburg, von Golmar nach Basel zu reysen abgangen vnd zimelich viel Gelt bey ihm vermerkt, nähme ihme vor denselben zu ermorden. Derowegen als sie zu Battenheim 2 ) übernachtet, und sich bey anbrechendem Tag, den 19. October 1705, auff den Weg gemacht, ergriff er bey dem so- genannten Entenloch, Illzacher Bahns, einen Stein, schlag ihn mit demselben zu Boden, nahm ihm sein eigen Messer auß dem Sack und schnitt ihm die Gurgel ab. Die göttliche Räch verfolgte ihn aber alsobald, denn da er vermeinte den Weg auffwärts nach Basel zu nehmen, nahm er ihn hinunterwärts, und traffe bald zwey Rix- heimer 3 ) an, die auff Wildbrett in die Hart 4 ) gegangen waren und wieder heim wolten; solche fragte er, ob das der rechte Weg nach Basel seye. Als sie ihme mit nein geantwortet, und ihn mit sich genohmen, t raffen sie gleich den Toden Leichnam an. Weil sie nun an besagtem Menschen Blut sahen, auch sonsten seine Reden ihnen verdächtig vorkamen, führten sie ihn gefangen nach Rixheim; daselbst erkannte ihn bald ein Schweitzer Fuhrmann, der ihn die Nacht vorher in dem Wirthshauß zu Battenheim nebst dem Er- mordeten gesehen hatte, er auch unter dem Geld, so man ihme auß dem Sack gethan, ein Stücklein, so der Ermordete wechslen wollte, gleich kannte, worüber er gleich zur Bekantnuß gebracht, uüd nach Landser 5 ) geführt worden, allwo der königliche Amt- mann, ungeacht der Mord auff dem Mülhauser Boden geschebn, sich gantz ernstlich unterfienge vnd Wächter auff das Orth schickte, den Leichnam zu bewahren. Hingegen wolte die Stadt ihr Recht auch nicht versäumen, sondern schickte gleich eine Fuhr samt einigen Deputirten den Ermordeten abzuholen, welche eben zu rechter Zeit noch ankommen, da die Rixheimer ihn schon auffladen wolten. Als auch ferner der Ambtmann, auff beschehenes Ersuchen, 1) Nach Cap. CXXV der Carolina sollten die Mordbrenner leben- dig verbrannt werden. 2) Dorf an der Departemental- Straße von Colmar nach Basel, nördlich von Mülbausen gelegen. 3) Rixheim, großes Dorf, südöstlich von Mülbausen. 4) Umfangreicher Wald, der sich von der Nähe von Basel, west- lich vom Rheine bis gegen Colmar erstreckte, jezt aber teilweise aas- gehauen und zu Ackerfeld umgewandelt worden. 5) Sih oben No. 17 Anm. 3. 249 den Gefangenen nicht wolte abfolgen lassen, mnter dem Vorwand das derselbe ehe er in Mülhauser Bahn kommen, in der Rixheimer Hände gerathen, und das Orth da der Mord vorgegangen, in all- gemeiner Landtstraß seye, welche alle dem König zugehören thä- ten, verursachte solches das man sich bey dem Herrn Präsidenten zu Colmar 1 ) beklagen mußte, worauff gleich bessere Ordre er- gangen, und die Außli'efferung des Gefangenen erfolget ist. Da dan auch wenig Zeit hernach das Urtheil gefället, der Missethäter, nach bezeugter ernstlicher Reue, zuerst mit dem Schwert gerichtet, hernach an das Orth des Mordes geführt, alda auff das Rad ge- flochten und auffgestellet worden. Weil er catolischer Religion war, wurde bey der Außlüfferung von dem Herrn Ambtmann be- gehrt, daß man ihn zu Abänderung seines Glaubens nicht nöthi- geo wolte; welches man ihme gern bewilliget und bedeutet das es bey uns ohne das nicht bräuchig. Alle Unkosten wurden nach In- halt der Halsgerichts Ordnung Caroli des 5ten 2 ), auß der Obrig- keit Seckel bezahlt, und das Geld welches dem Ermordeten ge- raubt worden, so viel noch von dem Ambtmann von Landser ge- liefert war, da er seine Kosten ohne Bedencken davongezogen, dessen Yatter nach Augspurg Übermacht 3 ). 26 Meineid, Die Familie FL, Vatter und Mutter, Sohn und Sohnsfrau, wurden, weil sie wegen einer Erbschafft einen falschen Eid 4 ) geschworen, condemnirt einen Kirchenstandt zu thun; der Vatter zu 100 Pfd. Straff und den Miterben geboten das vorent- haltene Erbtheil, so über 200 Pfd., zu restituiren. 22. Januar 1721. 27 Raptus*). Johannes B., dass er zu Heinrich E's Tochter 1) Der Vorsizende des sogenannten Conseil souverain d'Alsace. 2) Cf. Carolina, Art. CC1V und CCXVHI. 3) Obigen Bericht, welcher für} die damaligen Herschaftsrechts- verhältnisse kennzeichnend ist, habe ich vollständig aus Josua Fürsten- berger's handschriftlicher Chronik, Buch XI Cap. 3 entnommen. 4) Nach Art. CVII der Carolina wurde der Meineid mit Verlust der beiden Finger bestraft, die der Schwörende aufgehoben. 5) Die Ehegerichtsordnung von den Jaren 1555, 1663 und 1707, die den 3. Juli 1744 erneuert wurde, war für den Fall des Jungfrauen- raubes vil strenger; Art. XIV § 1 besagt: „Wer sich gelüsten ließe, eine Jungfrau oder andere ehrliche Weibs-Person, gewaltthätiger oder be- trügerischer Weisen zu entführen, welches Verbrechen Raptus genannt wird, es seye gleich der Beyschlaf erfolgt oder nicht, derselbe soll, samt denen, welche zu solcher gewaltthat geholfen, mit dem Schwer dt hingerichtet werden ; wäre aber solche Entführung mit Willen der Jung- frauen, doch ohne Wissen ihrer Eltern besehenen, so kau man sie mit anderer exemplarischer Straf belegen, und seynd die Eltern befügt, nach gestalten Sachen, diese Tochter darauf von ihrem künftigen Erb auszu- schließen; sollten dann keine Eltern mehr im Leben seyn, so wäre 250 Außtritt 1 ), und wider der Eltern Willen getroffenen Heyrath ge- holfen, wurde um 50 Pfd. gestrafft. 22. April 1722. 28 Die Bettelmutter 2 ) im Spithäl so den Armen das Brod zum Theil entwendet und verkaufft, wurde ans Halßeyßen gestellt und verwießen*). 10. März 1723. 29 Harte Straff wegen Capueiner schlagen*). Ein Fuhrmanu das er einen Franciscaner geschlagen, mußte deprecieren, alle Kosten, so sich bey 100 Liv. beioffen, ersetzen, 14 Tag gethürmt werden, ein halb Jahr infam seyn und dem Convent 80 Liv. für Satisfaction zahlen. 19. Juli 1723. 30 Todschlag und Raub. Der Metzgerknecht Johannes Seh., der seinen Kameraden Daniel Steffen mit einem Hammer erschlagen, den er in einem Wirthshaus gestohlen, den Leichnam in Stücke verhauen und in die Sinne*) geworfen, wurde vom Malefitz(gericht) so auf offenem Platze gehalten, condemnirt lebendig gerädert zu werden, so daß wenn ihm die 2 Untertheil entzwey geschlagen, er mit einem Strick erwürgt,, sodann auff die Arme getroffen und der Hertzstoß gegeben; sodann der Leib an das auff der Landstraß auffgerichtete Badt geflochten. Die Execution soll auff dem Bahn- loch, rechter Hand so man vom Oberthor hinauß gehet, bey einem solches auch kein Baub oder Baptus zu nennen." Das Ehegericht, welches für alle Ehesachen bestellt war, bestand aus den 3 Bürger- meistern, 2 Seckelmei8tern und 4 Predigern göttlichen Wortes. Art. I§1. 1) Flucht. 2) Aufseherin der Stuben, in welchen Bettler wärend einem oder merern Tagen beherbergt wurden. 3) Aus der Stadt verbannt. 4) Fürstenberger, 1. c. B. XI Cap. 14, gibt nachfolgende nähere Umstände über die Begebenheit: „Es ist auch dieses Jahr das alte Sprichwort erfüllt worden: Wer nichts hat zu schaffen, Der schlage einen Juden oder Pfaffen." „Es gienge bey Modenheim bey starkem Regenwetter ein Franciscaner von Raffach, der wohl zu Mittag gespeißt und dabey das Trinoken nicht vergessen, Namens Polycarpus, für Michael Sengelin, so neben seinem Wagen gienge vorbey, grüßete ihn, indem zwahr Sengelin ge- danckt, aber Regens halben den Huth nicht abgezogen, der hieße ihn einen groben Dölpel. Sengelin gab spizige Antwort, so daß es zu Streichen kämme, und der Franciscaner übel verwundet sich auf Mül- hausen führen ließe, und klagte es dem Bürgermeister, welehem gut Recht zu halten versprochen wurde, worauf er sich nach Ruffach führen ließe ..." 5) Sihe oben No. 8. 251 Eichbaum so auff einer Höhe stehet, geschehen 1 ). 27. Dezember 1726. 31 Sckeltfrevel gegen einen Bürgermeister. Heinrich Sch's Frau, daß sie wider den regierenden Herrn Bürgermeister ehrenrührig geredt, wird mit dem Thurm und dem Klapperstein 2 ) gestrafft. 19. März 1727. 32 Fluchen. Caspar K. von Illzach wegen ärgerlichem Fluchen 3 ) in Walkenthurn und zu einem Kirchenstand erkant. 18. Juni 1727. 33 Traubendieb. Friedrich H., daß er in seiner Nachbarn Reben Gerten mit Trauben abgehauen und an sein Stock gebunden, wurde 8 Tag in Walkenthurn erkant, und condemnirt seine Reben in 4 Wuchen zu verkauften, auch kein ligend Guth mehr im Feld zu haben. Der Wein in seinen Reben wurde den beraubten Nach- baren überlassen 4 ). 20. October 1728 und 10. Februar 1729. 34 Schmachschrift gegen die Obrigkeit b ). Eine allzufreye dem 1) Josua Fürstenberger sezt in seiner handschriftlichen Chronik B. XI Cap. 15 hinzu : der Leib sey vom Radt weggenommen und weg- geführt worden, es habe das der Hencker von Wittenheim um ein Stück Geld getban. 2) Sihe über dise Strafart meine Schrift, der „Klapperstein nebst ähnlichen Strafarten für mündliche und thätliche Beleidigungen" u. s. w. Mülhausen 1876, 2. Auflage, mit 2 Abbildungen, S. 14 — 57; ebenso meine Alsatia 1875—1876 S. 69—144. Der Klapperstein ist noch vor- handen ; er hängt an einer schweren eisernen Kette unter einem Fenster des Rathauses. Er stellt einen grotesken kalen Weiberkopf vor, von natürlicher Größe, mit dicken Augenbraunen, unter welchen die weit aufgesperten Augen hervorglozen ; mit ausgestreckter Zunge und blecken- den Zänen. Darunter sten in großer Frakturschrift folgende Reime: Zum Klapperstein bin ich genannt Den bößen Mäulern wohl bekannt, Wer Lust zu Zank und Hader hat Der muß mich tragen durch die Stadt. Die Delinquentinnen — - es waren meistens Weiber — wurden, mit dem Stein am Halse, an einem Markttage ausgestellt und dann von zwei Stadtknechten an alle 4 Tore gefürt. 3) Vgl. der „Klapperstein" u. s. w. S. 81 u. f. Der schon oben berürte Kirchenstand kommt im ersten Viertel des 18. Jarhunderts in Mülhausen vor. 4) In der 2. Hälfte des 18. Jarhunderts verurteilte das Oberge- richt von Colmar, welchem das ganze übrige Elsaß zuständig war, zwei Traubendiebinnen zu folgenden harten Strafen : Sie wurden ara Schand- pfal ausgestellt, mit Ruten gestrichen, auf den Schultern gebrannt und 10 Jare in's Zuchthaus gesperrt. 5) Andere Bestrafungen für änliche Vergehen kommen später vor. 252 obrigkeitlichen Respect zuwider eingegebene Schrifft vor Rath, wurde von dem Ambtknecht öffentlich gerrissen und hinweggeworf- fen, der Author mußte sie revocieren und deutlich um Verzeihung bitten, auff 2 Tage in Thurn und 20 fl. Straff büßen. 10. Januar 1731. 35 Schmachreden wider den Kleinen Math. Heinrich L — ch, so wider E. £. Rath und einige Herren des Ehrenregiments ins be- sondere, injuriose Reden außgestoßen, wurde gethürnt und mußte ürphede schweren 1 ). 21. 27. Februar 1732. — Als er nicht nach- gelassen und gen Dornach 2 ) gezogen, wurde er ergriffen und in ewige Gefangenschafft condemnirt. 5. 16. Juli 1732. — Die Sache dauerte bis zum 28. November 1736, während welcher Zeit sein und seiner Frau um Gnade Bitten immer abgewiesen wurde. (Spa- terer Zusaz.) 36 Beligionssachen. Hans Georg Hammer, wegen irriger Mei- nung in Religionssachen, so er öffentlich außgebreitet, mußte vor Bann 3 ) revociren, wurde in Thurn erkannt, und V2 Jahr ins Hauß bannisirt 4 ), den Herren Pfarrern befohlen wieder dieses Laster öffentlich zu predigen, und ihne in der Gemeind nicht mehr anzu- nehmen biß er Proben seines bessern Glaubens von sich geben wird. 2. Juni 1734. Die Hauß Bannisation 6 ) auffgehebt. 28. Juli 1734. 37 Vergiftungsversuch. Hans Georg Ermendinger, so seiner Frauen Spongrün 6 ) auff die Linsen gezettlet, die sie aber nicht geessen 7 ), wurde an den Pranger gestellt, mit Ruthen gestrichen und banni- siret. 15. 18. Februar 1736. 1) Eidliches Versprechen, nach bestandener Strafe sich nicht wieder dasselbe Vergehen zu Schulden kommen zu lassen, noch sich an den Klägern oder Richtern zu rächen. Bei Landesverweisung muste der Verwisene schwören das verbotene Land oder Gebiet nicht wieder zu betreten. Dise Versprechen musten manchmal schriftlich abgegeben werden. Sih Mülh. Statuten und Gerichtsordnung 1740 Art. XXX § 5: Vom Stadt-Frieden und Urpheden. # 2) Zu diser Zeit besaßen die Edeln zu Rhein das bei Mülhausen gelegene Dorf Dornach als Lehen; da dieselben auch Bürger von Mül- hausen waren, so war die Stadt zur Gefangennemung des Delinquenten befugt. 3) Vor Gericht. 4) Dise Form für bannen, banniren wurde vorzugsweise im Ober- Elsaß angewandt; auch Moscherosch gebraucht sie. 5) Diser Ausdruck feit in Grimm's Wörterbuch. 6) Grünspan. 7) Dise Form für „gegessen" ist mir sonstwo im Elsaß weder in Handschriften noch in Gedrucktem vorgekommen, sonst aber gewöniieh. 253 In seinem Elend wieder begnadet 1 ) und in Spiihal 2 ) genoh- men. 18. December 1737. 38 Gotteslästerung*). Johannes M. von Illzach, so die Matter Gottes gelästert, doch nur aus Einfalt, wurde gethürmt, in der Kirche öffentlich vorgestellt, 6 Wochen ans Schellenwerk geschlagen, und ein halb Jahr ins Hauß bannisirt 15. Mart. 1740. 39 Beschimpfung des Königs von Frankreich, Peter St. von Illzach, wegen unerlaubten Worten gegen Ihro Königl. Mayestät in Frankreich 4 ), wurde allhier und zu Illzach gethürmt und um 50 Pfd. gestrafft. 17. Juli 1743. 40 Verleumdung. Rosine B. so Hrn. Christoff Schlumberger eines Falsi bezüchtiget und die Unterschrift ihrer Quittungen ge- läugnet, mit dem Klapperstein und 4 Wochen am Schellenwerk ge- strafft. 10. November 1745. 41 Traubendiebe 5 ). Zwey Knechte, welche Trauben aus einem Garten gestohlen, wurden durch die Bettelvögt 6 ) durch die Statt, zu allen 4 Thoren geführt, in der Trille get rillt und der Statt Gebiet auf ewig verwiesen. 12. September 1746. Anna Buhler in im Spithal, so im Rebberg Treübel gestoh- len, wurde an der Geigen, mit einem Treübel daran gehengt, biß * ins Spithal geführt. 28. September 1746. 42 Beschimpfung der Obrigkeit. Benedikt W. von Illzach, daß er, wie die Exequirer 7 ) in sein Hauß gekommen, mit Schelmen 1) Aus der Fremde zurückgerufen. Elend, althd. elÜenti, rnhd. eilende, ellelende etc., ist hier in seiner ursprünglichen Bedeutung, an- deres Land, Fremde gebraucht. 2) Daselbst waren auch Strafsäle, besonders für ältere Begnadigte oder provisorisch Verurteilte, die da wie in Gefangenschaft gehalten wurden; ein solches Gefängnis war auch Lederlein' 8 Gastell, wie wir weiter unten sehen werdön. 8) Gotteslästerung war nicht nur Sünde und Verbrechen gegen Gott, sondern auch gegen Christus, den h. Geist, die Jungfrau Maria, die Heiligen und die h. Kirche. So wurde sie auch in dem damals noch ganz protestantischen, beziehungsweise reformierten Mülhausen an- gesehen. 4) Ludwig XV. — Der Bund zwischen Frankreich und der Schweiz, wozu auch Mülhausen als zugewandter Ort gehörte, wurde im Jare 1516 geschlossen und bis zum Jare 1798 mermals erneuert und beschworen. 5) Vgl. oben No. 38. 6). Die Bettel vögte waren besonders dazu angestellt fremde Bett- ler oder Landstreicher zu überwachen, ersezten auch, wie im gegebenen Fall, die Stadtknechte. 7) Urteils Vollstrecker , besonders bei Nichtbezalung des Gewerfs 254 und Dieben eine hohe Obrigkeit geschöten, zum Klapperstem con- demnirt; ex gratiä zu 50 Pfd. und zweytägiger Thürmung miti- giert 1 ). 7. Februar 1748. 43 Lüderliche Aufführung. Ein Schandluder mit Trinken und unzüchtigen Außgelaßenheiten in Johannes Geyelin's Haus in 111- zach, wird mit V4J änr ^ em Schellenwerk bestrafet. 12. 19. Juni 1748. 44 Verleumdung* des Vaters*). Eine Tochter die gesagt ihr Vater habe sich wollen erhenken, den Klapperstein zu tragen er- kant. 21. Mai 1749. 45 Beschimpfung der Obrigkeit. Jacob E., der U. G. H.*) meineidig geheißen, daß sie ihm wollen einen Vogt 4 ) setzen, 8 Tage in Walkenthurn erkant; soll den Klapperstem an alle 4 Thore tragen. 30. Juni 1749. 46 Wollendiebstäle. Eine Wollendiebin, obschon sie sich ver- glichen, wurde in den Kefig b ) gelegt und an der Geigen an alle 4 Thore geführt, mit einem Säcklein Wolle hinten anhangend. 13. August 1749. Martin St. und seine Frau die ihrem Hausmeister zu unter- oder der Schulden; später, und bis noch jezt im Sundgau, Pressboten genannt. 1) Gelinder bestraft. 2) Vgl. oben No. 10. 3) Unsere Gnädigen Herren, d. i. Bürgermeister und Rat. 4) Art. XXXVI § 2 und 3 der Statuten vom Jare 1740 sagt hierüber: „ . . . Offenbare Verschwender, die durch gütliche Vermah- nung sich von ihrem Lasterleben nicht abhalten lassen, sollen vor E. E. Rath gestellt, ihre schandliche Lebensart ihnen öffentlich vorgehalten, und wann sie sich nicht besseren, auf kundbare Nachricht ihres schlim- men Wandels, mit der Thürnung, Schellen werck, Verweisung, und an- deren willkührlichen Straffen, nach Größe des Verbrechens, und Ge- stalt der Umständen, andern zum Exempel, angesehen werden. — In- sonderheit solle, wann es die Nothdurfft erheischte, ihnen die Verwal- tung ihres Guts genommen, und gleich den Minderjährigren, Vogte ge- setzt, auch damit jedermann dessen berichtet seyo, off entlieh als be- rüchtigte Verschwender ausgeruffen, und ausgekündet werden." Das öffentliche Ausrufen geschah, nach beendigtem Morgengottesdienste, durch einen Amtsknecht, von dem sogenannten Schreisteglein herab, welches neben der Haupttüre der Kirche an der äußern Mauer ange- bracht war und aus einigen steinernen Staffeln, oben mit eisernen Stangen eingefast, bestand. 5) Auch Narrenhäuslein genannt, eine Gefängnisstube im untern Boden des Rathauses, wo man Nachtschwärmer, auf der Tat ertappte Verbrecher oder solche, welche eine andere Strafe verwirkt, provisorisch einsperrte. 255 schiedlichen mahlen über die Wollenkammer gekommen, zn einem namhafften Ersatz und die Frau */& Stund mit der Geigen am Hals auf das BathhausbänMein zu stehn, dann an alle 4 Thore geführt, und l U Jahr ans Schellenwerk geschlagen zu werden con- demnirt, der Mann aber so sich flüchtig gemacht, angeschlagen. 27. August 1749. 47 Kindesaussezung. Elisabeth F. von Eglisau, die ihr unehe- liches Kind vor dem Spiegeltbor im Scbilterhäußlein exponirt, von Zürich abgeholt, an alle 4 Thor mit dem Strohkrane 1 ) geführt, der Stadt ewig bannisiert und ihr das Kind mitgegeben. 18. Fe- bruar. 18. März; 8. April 1750. 48 Lüderlich Leben 2 ). Johannes K., wegen seinem lüderlichen Leben ein Jahr in die Spinnstube auf Wasser und Brod erkannt. 1. April 1790. Derselbe, der sich vom Schellenwerk zu dem er nachher ver- urtheilt, flüchtig gemacht und catholisch worden, auch gottlose Reden gegen die Statt und Hrn. Bürgermeister Hofer ausgestoßen ; nachdem er wieder in die Stadt gekommen, eingesteckt, verhört und biß auf weitern Bescheid in des LederlevrCs Castell*) im Spi- tal aufbehalten. 13. November 1751. 49 Verleumdung. Anna Z. so gesagt Johannes Frank habe Hrn. Postmeister Rissler's Scheuer angezunden und ihn einen Mord- brenner geheißen, zum Klapperstein condemnirt. 29. November 1752. 50 Betterdiebinnen. Catharina St., Johannes B's Frau, und Anna Z. von Illzach, so Better aus den Stallen mit einander gestohlen; die erste an Dranger gestellt, mit Ruthen gestrichen und verwie- sen; die zweite unten daran gestellt, ans Schellenwerk erkant und soll mit einem Blech auf dem Rucken durch die Stadt geführt wer- den. 14. 21. Februar 1753. 51 Jarmarktdiebin. Eine Diebin die auf dem Jahrmarkt gar vielerley Articul hin und her gestohlen, 1 Stund an Pranger, 6 Streich und gebrandmarkt. 20. September 1756. 52 Veruntreuungen. Die Bettelmutter im Spital 4 ) wegen Un- 1) In Colmar mosten die Delinquentinnen spizzulaufende Stroh- hüte tragen. 2) Vgl. No. 43 u. 45 Anm. 4. 3) Vgl No. 87 Anm. 2. 4) Vgl. No. 28 Anm. 2. 256 treu mit der Geigen an alle 4 Thor geführt und 4 Wochen ans Schellenwerk geschlagen. Ö. Janaar 1758. 53 Marktdiebinnen an Pranger gestellt, mit Ruthen gestrichen; die einte gebrandmarkt und verwiesen. 28. "Juni; 4. Juli 1758. 54 Bigamie. Johannes M., ein Schirmsverwandter 1 ), wegen be- gangener Bigamie, da die Frau erster Ehe conniviert 2 ), ein Stund an Pranger gestellt, die Ruthen hinten aufgesteckt und ewig ver- wiesen. 25. April; 2. Mai 1759. 55 Baumwolldiebinnen 3 ), Junge Mägdlein die Baumwolle ge- stohlen, 14 Tag ius Castell und mit der Kuglen zu schaffen con- demnirt; sollen auch alle '3 Tag abgeprügelt werden. 21. November 1759. 56 Kleiderdiebin. Eine Landtfarerin, die 2 Kindern vor dem Thor die Kleidlein aufgezogen, die zwar wenig werth waren, 1 Stund an Pranger gestellt, an 6 Orten mit Ruthen gestrichen, gebrandmarkt und verwiesen. 26. Juli 1760. 57 Indienne- Diebstal mit dem Strang bestraft. 21. November 1760. 58 Leinen- und Wollendiebstal. Rudolff Sigrist, von Meister- schwanden 4 ), der ab dem Spithal- Graben einige Stuckh weiß leinen Tuch, und ab dahisiger Ramme ein Stuckh Wollentuch gestohlen; Michel Spring, von Reitingen, Berner Gebiets, so ihm dazu An- leitung gegeben und an dem Diebstahl theil genommen, auch son- sten noch einige Diebstähl begangen, beyde peinlich befragt, und 1) Schirmsverwandte oder Hintersaß konnten das gefreite Bürger- recht erkaufen; sie musten aber wenigstens 3 Jare in der Stadt ge- wollt, guten Leumund, drei Gewerfe abgerichtet und ir eigenes Haus haben. 2) Damit einverstanden war; deswegen wurde er zu einer gelin- dern Strafe verurteilt; denn in der Mülhauser Ehegerichts -Ordnung Art XVIII § 3 ist bestimmt: „Ein Mann der bey Lebzeiten seiner Frauen noch eine andere Frau nehmen, oder eine Frau die noch einen andern Mann nehmen würde, soll nach der Hals -Gerichts -Ordnung Eaysers Caroli V., peinlich, das ist am Leben oder mit dem Staub- Besen gestraft werden." Cf. Carolina Art. CXXI. 2) Die erste Baumwollzeug- oder Indienne-Fabrik zu Mülhausen wurde im Jare 1746 durch Jacob Schmalzer, Samuel Köchlin und Johann Heinrich Dollfus gegründet. Es folgten ir bald merere andere, wo- durch nach and nach vile, auch fremde Arbeiter herbeigezogen wur- den. Diebstäle in denselben wurden aufs schärfste gestraft. 4) Canton Aargau. 257 nach gehaltenem Consilio zu Basel, obschon das Verbrechen groß, mit dem Strang verschont; für 8 Jahr auf die Galeeren oö^er den Galeeren gleiche Straff coodemnirt; 1 Stund an Pranger gestellt, an 3 Thore geführt und wieder in die Gefangenschafft; auf diesem Weg aber an 9 Orten scharf mit Buthen* gestrichen. 11. 28. April; 28. May; 19. Juni 1760. Sind für obige Zeit allhier in Ketten und an den Karren erkant worden. 3. Juli 1760; haben aber Mittel gefunden sich aus .dem Oastell über die Ringmauer flüchtig zu machen. 4. Fe- bruar 17 Gl. 59 Weindiebin. Eine Magd die ihrem Meister Wein gestohlen, mit der Geigen herumgeführt , ein Krug hinten an ; bannisiert. 17. Juny 1761. 60 Reinhard M. von Illzach, der im Wirthshaus gesagt, er wolle nicht in Himmel, und noch dazu Betheuerungen gebraucht, 2 Tag in Walhenthurn gelegt, alsdann soll er zu Illzach in Thurn bleiben und allda ein Kirchenstand thun. 11. November 1761. 61 Kleiderdiebin. Eine fremde Frau die in Meißter Theobald Steinbach' 8 Hauß in Illzach ein Pack Eleyder gestohlen, so über 200 Livres werth wäre, so man aber gleich wieder zu Händen ge- bracht; wegen dem Gesinde mit dem sie herumfart, die Daumen- Stock angelegt 1 ), an Pranger gestelt, an 8 Orten der Statt mit Ruthen gestrichen und bannisiert, propter gravitatem, mit dein Zeichenbrennen verschont. 13. 18. Juli 1763. 62 Kindesmörderin. Anna Maria G. von Fortschwihr, bei Col- mar, so bei einem Becker der Statt gedient, zum Schwert erkant, weil sie ihr Kind getödtet. 8. Februar 1765. 63 Betrügerin. Rosina H. die in Gommissionen von Verkauf? und Pfandern allerhand Betrug ausgeübt, und eines unehelichen Kinds niederkommen, als ein lasterhaftes Mensch, V* Jahr ans Schellen- werk geschlagen, mit einem Blech auf dem Bücken. 16. April 1766. Zum 2ten mal, 2. Novembris 1767. 64 Gottlose Beden. Hans Georg E., der Schneider, wegen gott- loser Reden und Fluchen, 1 Jahr ins Castell auf Wasser und Brod erkant. Indessen solle ihm durch die Herren Geistlichen zuge- sprochen werden. 22. Juni 1767. 65 Anzügliche Schriften. Hr. Johann Georg Seh. jgr., der an- Vf gefoltert. Birlinger, Alemannia VII 3 17 258 stößige Schriften voll critisch politischer Boßheit gegen U. G. H. die Schweizer und die Leder- Com mission 1 ), auch gegen den Hrn. Bürgermeister Hofer und den Stattschreiber aufgesetzt: 1° Zur schriftlichen Abbitt condemniert, 2° Die Schrift zerrissen, 3° Drei Jahre seines Dreier- Amtes 2 ) suspendirt, 4° Alles Libellieren 3 ) bey Straff eines Stöhrers der allge- meinen Ruhe 4 ) verbotten. 25. Januar; 1. Februar 1768. 66 Lederstempel verfälscht. Paulus Seh., so beim Lederbureau 5 ) angestellt, hat mit einigen Andern falsche Lederstempel, nach einem Muster das er im Bureau entwendet, verfertigen lassen. Mehrere dieser Hämmer wurden bey dem Saffianer Peter E. ge- funden, welcher bannisiert. Paulus Seh. zu 14 Tag Thurm und 3 Monaten ins Haus bannisiert und sein Amt verloren. Seine Mutter soll 200 Livres Restitution zahlen und 300 Livres Geld- strafe. 10. 15. März; 19. April 1773. 67 Gelddiebstal. Feißel Kabz, ein Betteljud, sich von Sept 6 ) angebend, stiehlt im Kornhauß dem Metzger Schollen, von Batten- 1) Die Ledercommission t auch Lederbureau genannt, wurde im Jare 1760 vom Magistrat eingesezt, um die Ausfur des in Mülhausen fabrizierten Leders nach Frankreich zu erleichtern; dasselbe war einer bestimmten Taxe unterworfen und muste gestempelt werden. 2) Die Dreier waren je drei Bürger, die aus jeder der 6 Zünfte gewält und dem Großen Rate beigegeben wurden. Sie waren im Jare 1740 eingesezt worden, bei der demokratischen Umwandlung des Stadt- regiments. 3) Ein obrigkeitliches Mandat vom 9. Dezember 1733 hat hier- über folgenden Beschluß gefast: „Wegen dem überhand genommenen Pasquillen- Ausstreuen, ist folgende Ordnung per mandatum auf den Zünften gemacht worden: 1° Jeder Bürger soll bey Ehr und Eid anzeigen, wenn ihm der Urheber und Verfasser der ausgestreuten Pasquillen bekant ist. 2° Wer es angibt soll verschwiegen bleiben und 100 Thaler Be- lohnung erhalten. 3° Wer künftighin eine Pasquille findet, soll sie gleich zerreissen und verbrennen und niemand etwas davon sagen, sonst soll er für den Thäter gehalten werden. 4° Die Wächter sollen des Nachts auf diese Nachtvögel fleißig Achtung geben und die Verdächtigen gleich anhalten." 4) „Wer wieder die beschehene Angelobung den Frieden bricht und Thätlichkeiten verübt soll als ein Stöhrer der allgemeinen Buh angesehen, und nach Befinden an Leib und Gut gestrafft werden." Sta- tuten der Stadt Mülhausen vom Jare 1740 Art. XXX § 4. 5) Sih No. 65 Anm. 1. 6) Die beiden Dörfer Ober- und Nieder-Sept ligen im Largtale, Kreis Altkirch. 259 heim 1 ), eine Blatten mitt Louisd'or, Silbergeld, und wirft sie hin- ter die Sack; 1 Stund an Pranger gestellt, an 7 Orten der Statt mit Bidhen gestrichen, gebrandmarcht und ewig bannisiert. 14.15. 20. Mart. 1775. 68 Diebstal und Hurerei» Barbara Mooß, von Zimmersheim 2 ), wegen Diebstahl und Hurerey mit dem Strohkranz und der Geigen an alle 4 Thore geführt. 26. Mai 1779. 69 Lästerliche Beden. Chrischona, von Bihl 3 ), Niclaus V's Frau, wegen ärgerlicher, lästerlicher Reden, zum Klapperstein condem- nirt. 28. Februar 1781. 70 Diebstäle. In den Jahren 1780 und 1781 fielen zahlreiche Diebstähle in den Fabriken, Bleichen und dem Rohrschützenhause 4 ) vor. Die Schuldigen, 7 an der Zahl, wurden also gestraft: 20 Jahre auf die Galeeren; lebenslängliches Zuchthaus und mit Bu- then gestrichen; Halseisen und 20 Jahr Baspdhaus; 3 Jahre Schel- lenwerk. Einer der entwischte wurde in effigie an den Galgen gehängt; ein Anderer, den die Marichaussee ins Burgundische bringen sollte, wo er ebenfalls gestohlen, wurde bei der Ziegel- scheune zu Pfastatt 6 ) er schassen, weil er entwischen wollte und ohne weiters durch Hrn. Amtmann zu begraben befohlen. 71 Falsche Schriften. Charles Guerin, der Gärtner von Sie- rentz 6 ), der zum Verkauf seiner Bäumlein falsche Brief gemacht, wird zum Ersatz condemnirt und zweimal ans Schellenwerk oder an Pranger (gestellt) und die Buthen hinten aufgesteckt. 1. 5. Juni 1782. 72 Diebstale auf den Bleichen. Am Ende 1782 und anfangs 1783 kamen auf den Fabriken- Bleichen wieder zahlreiche Dieb- stähle vor. Die Herren Eöchlin entdeckten zu verschiedenen malen in Beifort »verkaufte Waare; zwei solcher Verkäufer wurden nach Colmar geführt, Johannes Schneider und Johannes Heklin von Ge- venat bei Masmünster 7 ). Sie werden den 12. und 21. Februar 1783 ex capite criminis majoris reclamiert und nebst ihren Wei- bern ausgeliefert, den 5. März. Anton Heklin von Gevenat und 1) Sih oben No. 25 Anm. 2. 2) Sih No. 7 Anm. 2. 8) Bühl, im Gebweiler Tale. 4) Vor dem Jungen tore, jezt eine Bierbrauerei. 5) Dorf, welches damals zum Amte Brunnstatt gehörte; jezt im Canton Mülhausen gelegen. 6) Großes Dorf auf der Straße von Mülhausen nach Colmar. 7) Westlich von Mülhausen. 260 Johann Helg von Traubach 1 ) werden als Mitschuldige erklärt, requirirt und ausgeliefert, den 8. und 12. März. Den 31. März wird nun, nach gehaltenem Criminal-Rathe, wegen obiger Dieb- stähle erkant: Johann Schneider und Anton Heklin zum Strang \ Johann Heklin und Johann Helg, den Strick am Hals mit den Vorgenannten, nach gehaltener Malefiz, zum Galgen geführt , mit Ruthen gestrichen; der erste für ewig; der zweite für 20 Jahr zur Galeere verurtheilt. Ihre Weiber ans Halseisen gestellt, als Mithelferinnen, und mit Ruthen gestrichen; doch die Eine, wegen Schwangerschaft, verschont. Den 4. April 1783 wurde Malefiz gehalten und die Urteile exequirt. Weil die Maleficanten katholisch, so wurden inen zwei Herren Patres Kapuziner von Landser 2 ) berufen, die sie zum Tod bereiteten, neben inen im Malefiz sassen und mit ihnen biß zur Execution giengen. Dise Toleranz und Begleitung ist im Lande wol aufge- nommen und die Urteile gelobt worden. Colmar 8 ) war sehr zu- rieden. 3. April 1783. (Josua Hofer.) 73 Hausdiebstal t Barbara 6., wegen gestohlenen Hauben, Man- ch et ten und Spitzen bei Hrn. Zunftmeister Cornetz, wo sie ge- dient, mit der Geigen an alle 4 Thore geführt und bis Johannis mit den Kugeln am Fuß in die Spinnstube gesetzt. 13. Februar 1784. 74 Kirchendiebstal. Jacob D., der Todtengräber, bestiehlt zu mehrern malen die beiden Opferstöcke der französischen Kirche, indem er durch die Oeffnungen ein Fischbein mit Pech beschmiert hineinsteckt und so Geld herauszieht. Diesen Diebstahl trieb er mehrere Jahre, und führte sogar einen seiner Knaben dazu an. (Er hätte den Strang verdient.) 4 ) Es wird gegen ihn erkant: Er solle den Strick am Hals vom Halseisen zum Galgen geführt; im Rückweg, an 9 Orten mit Ruthen gestrichen, gebrandmarkt und für ewig auf die Galeere verurtheilt sein. So lange der Vater am Halseisen stand, wurde der Sohn Heinrich auf dem Rathhausbänk- lein ausgestellt; alsdann zu 6 Monat Schellenwerkarbeit verur- teilt, des Bürgerrechts verlustig erklärt und für ewig aus der Stadt verbannt. Der Ersaz des gestohlenen Geldes betrug 300 Livres. 17. 30. März; 4. April 1785. 1) Südwestlich von Mülhausen. 2) Vgl. No. 17 Anm. 3. 3) d. h. die Richter des Conseü souverain d'Alsace, welches in Colmar seinen Siz hatte. 4) Zusaz des Stadtschreibers Josua Hofer. 261 75 Vagabund. Joseph First, ein Judenstudent, aus Halle in Sachsen, wird als Vagabund an alle 4 Thore geführt. 25. Fe- bruar 1789. 76 Jahrmarktdiebin. Catharina Beck, von Pfaffenheim *), wird wegen Diebstahl io einem Laden, am Jahrmarkt, 1 Stund auf das Rathhausbünklein gestellt ; mit der Geige an alle 4 Thore geführt ; erhält 12 Prügel und wird bannisiert 26. Mai 1790. 77 ungestüme Auffürung. Peter St., der Kiefer, führt sich in Illzach gar ungestüm auf; für 8 Tag in Thurn und 1 Jahr eir- und wehrlos gemacht 13. Juni 1792. 78 Unbürgerliche Beden. Paulus M., der Vater, wird wegen unbürgerlichen Beden zu 600 Livres verurtheilt. 10. October 1793. 79 Charivari *). Ein ärgerliches Charivari vor Peter Reinhardts Haus bestraft. 27. August 1794. 80 Beschimpfung eines Zunftmeisters. Jacob W., der Färber, wegen Unbescheidenheit gegen den Herrn Zunftmeister auf der Ackerleutzunft, wird 1 / i Jahr des Dreier- Amtes 8 ) stillgestellt. 6. No- vember 1794. Aug. Stoeber, Mülhausen i. E. Alachmannen oder Allemannen? In den Forschungen zur deutschen Geschichte Bd. 16 S. 217 bis 277 hat Herr Dr. Baumann in Donaueschingen einen Aufsaz unter dem Titel: „Schwaben und Alamannen, ihre Herkunft und Identität" abdrucken lassen, dessen vilfach beachtenswerte Resul- tate bereits von Andern gebürend hervorgehoben worden sind. Möchten auch nur einige derselben neu sein, so hat doch der Ver- fasser es verstanden , durch Zusammenstellung aller von im und von andern gefundenen Säze eine überwältigende Wirkung hervor- zurufen, und man darf im wol großen Dank für die umsichtige and fleißige Arbeit zollen, wenn man auch mit einzelnen Behaup- tungen, die er im Verlauf der Erörterung vorbringt, nicht einver- 1) Dorf, südwestlich von Colmar. 2) Eine Kesselmusik die, biß in die dreißiger Jare noch, vor einem Hochzeitshause aufgefürt wurde, wenn eines der Brautleute oder beide Wittwer oder Wittwe waren. 3) Sih No. 65 Anm. 2. 262 standen ist. Um den Eindruck diser gehaltvollen Abhandlang, die ich leider erst in lezter Zeit zur Hand bekommen habe, mir selbst und andern nicht zu stören, will ich die sachlichen Einwände, die ich gegen dise und jene Argumente darin zu machen hätte, jezt noch zurückbehalten. Hingegen kann ich es nicht unterlassen, darzu- tun, daß der Verfasser, wo er sprachliche Untersuchungen er- klimmt, sich zu weit auf die Aeste hinaus wagt. Die nachfolgen- den Blätter werden diß zu erweisen suchen. Der vilbesprochene Allemannen-Name bedurfte nach Herrn Baumanns Hypothese einer neuen Erörterung, die um so weitschichtiger angelegt werden muste, je auBgedenter und verwickelter das Nez von Irrtümern an- gewachsen ist, das sich allmälig um den Ursprung dises berümten Volksnamens gelagert hat. Es wird dadurch den Lesern onehin zum Bewustsein gebracht werden, eine wie schwirige Sache es ist um die Erklärung altgermanischer Namen, deren Verständnis noch lange nicht dadurch nahe gebracht wird, daß man sie leidlich zu übersezen weiß. Meine Arbeit bedarf der Nachsicht ; auch bin ich befriedigt, wenn man ir nachsagt, sie habe wenigstens die richtige Färte getroffen. Die Hypothese von der Identität der Allemannen und Semnonen braucht dadurch nicht zu fallen; die Allemannen können Semnonen sein, wenn auch ir Name anders als mittels des heiligen Haines erörtert wird. Es mag sich hier zuerst um die Frage handeln, was für eine Bedeutung der zweite Bestandteil des Compositums Alamanni ge- habt habe. Neuere Erklärer dises Namens hielten sich arglos an die jezige Bedeutung des Wortes Mann und übersezten entweder „allerlei Männer" oder „ganze, tüchtige Männer, Helden 1 )". Mit Recht behauptet Dr. Baumann, daß bei der Erläuterung des Na- mens Alamanni das Wort man nicht in seiner virtuellen, sondern in seiner humanen Bedeutung aufgefaßt werden dürfe ; allein einer- seits wagt er dise Ansicht 2 ) nur schüchtern zu äußern; anderseits unterläst er eine ordentliche Begründung derselben, und drittens ist er nicht der erste, der dise Ansicht äußert, sondern bereits Jacob Grimm hat im Wörterbuche seine frühere Ansicht in disem Sinne modifiziert. Um die älteste Bedeutung des Wortes man zu ermitteln, werden wir gut tun, die synonymen Ausdrücke der altdeutschen Sprache, welche den Sinn Mann und Mensch tragen, einmal zu- sammenzustellen; es sind diß hauptsächlich 3 ): firahi, wer, charl, gomo, man. Von firah homo ist nur der Plur. firahi homines 1) So Jacob Grimm in der Grammatik Bd. 2 (1826) S. 627. Gott, gel. Anz. 1835 S. 1103 (Kl. Sehr. 5, 196). GDS. Bd. 1 (1848) S. 498. Anders dagegen Wörterb. Bd. 1 (1854), Sp. 218. 2) Daß man die Bedeutung Mensch gehabt habe, ist selbstver- ständlich nicht erst heute entdeckt worden. Sih Grimm Gr. 3, 319. 3) Andere sehe man bei Müllenhoff u. Scherer, Den km. 2. Afl. S. 253. 263 nachzuweisen; dises Wort scheint den Menschen von seiner leib- haftigen Seite aufzufassen, indem das Stammwort ferah Fleisch und Blut, Leib und Leben bezeichnet; aus dem Nibelungenliede wird jedem der „verch wunde Sifrit", einfallen. Dem lat. vir entspricht buchstäblich goth. vafr, ags. ver, altn. verr. Im Ahd. ist dises Wort nur noch in Znsammensezungen enthalten: werikelt com- positio viri (verschiden von dem modernen preußischen „Wehr- geld a ); weralt sevum, sseculum; werodheod complexus hominum; werwolf lycanthropus (muß schon ahd. oder altfränk. vorhanden gewesen sein, da das afr. garou in loup-garou darauf zurückfürt). Vildeutiger als dise beiden vorangebenden Wörter scheint ahd. charal charl gewesen zu sein, das im Sinne von vir, maritus und senex gebraucht wurde. Im Altn. bezeichnete karlkyn das genus masculinum und karldyr hieß nias. Die Angelsachsen sonderten ceorl von carl in der Weise, das carl den Mann als Helden, ceorl den Mann als Ehegatten bedeutete ; inen hieß carlfugel das Männ- chen der Vögel, und wie wir Allemannen heute noch das Verbum wiba im Sinne des uxorem ducere vom Manne aussagen, so auch die Angelsachsen vif j an und die Engländer noch zu Shakespeare^ Zeiten to woman: daneben sagten die Weiber in Altengland von irer Verehelicbung ceorl j an wie weiland die Römerinnen nubere. Bei so mannigfacher Goncurrenz konnte das ahd. gomo, goth. ags. guma, altn. gumi auf die Dauer keinen sichern Bestand fristen ; es ist bekanntlich nur noch in unserm „Bräutigam" erhalten und wird wegen seiner formalen Urverwandtschaft mit homo doch eigent- lich auch den Menschen und nicht den Mann bezeichnet haben. Alle dise Wörter überlebte das uralte, in seiner mythologischen Verwendung (Mannus) bis in die Morgenröte deutscher Geschichte zurückreichende Substantiv man, welches im Laufe der Zeit eine mannigfaltige Anwendung in den deutschen Zungen gefunden hat. Ursprünglich den Menschen von seiner geistigen Seite fassend, be- zeichnete es in spätem Entwickelungsphasen der deutschen Volks- gesellschaft bald den unfreien Menschen in allen seinen Abstu- fungen vom geknechteten Leibeigenen bis zum vorn einen Dienst- mann, bald den Mann als Helden und als Ehegatten. Es ist mir nicht schwer nachzuweisen, daß das Wort man in altgermanischer Zeit und bis zu Ende der Völkerwanderung den Sinn von homo, nicht den von vir und conjux gehabt haben muß. Ich brauche nicht einmal auf Mannus, den Vater aller Men- schen (Grimm mythol. 319. 544. 52) hinzuweisen. Den ersten Beweis liefert die goth. Sprache mit irem man, Mensch ; gaman, Mitmensch ; manleika, Menschenbild ; manamaurthrja, Menschen- mörder; manaseths. Menschensaat; mannisk6dus, Menschlichkeit, unmanariggus unmenschlich; dem entsprechend auch im Ahd. ma- naheiti, manalihho, manaperga, manchunni, manezzo, manslecco, manslaht: im Ags. inanaeta, ra anbot, mancild, mancvealm, mancyn, manmägen, mauslaga. Den zweiten Beweis neme ich her aus der 264 Verwendung dises Subst. als unbestimmtes Pronomen. Zwar braucbt der Gotbe sein man oder manna durchaus nur nocb in der con- creten Bedeutung von Mensch, gerade wie auch der Römer sein lat. homo nur concret verwendete; erst in der Verbindung mit der Negation gewann der Gothe sein Indefinitum ni man und der Lateiner sein nemo (nehomo). Aber gleich mit den frühesten Aufzeichnungen anderer deutscher Zungen erscheint man als Pro- nomen: im ahd. Hildebrandsjied , im altsächs. Heliand, im ags. Beövulf, in der altn. Edda, gleichwie homo auch im ältesten Denk- mal der franz. Sprache, in den Straßburger Eiden, auftritt (vgl. Grimm Gr. 4, 220; Diez Gr. 3 2 , 292). Wie wäre es*nun möglich gewesen, dises Wort als Indefinitum zur Vertretung aller Personen und Geschlechter in abstractester Weise zu verwenden, wenn man als Subst. ursprünglich die Begriffe vir, heros, conjux bezeichnet hätte? Wie könnten deutsche Schriftsteller das Pronomen man auch von Frauen gebrauchen, wenn das Subst. Mann einst nur das starke Geschlecht in sich gefaßt hätte? Von wesentlich erm Be- lang für unsere Erörterung ist aber drittens, daß schon der Gothe aus seinem Subst. man ein Adj. manisk, und daß ebenso das ahd. menniek, das ags. mennisk, das altn. menskr in evidenter Ab- stammung von man doch nur die Bedeutung menschlich (humanus), niemals die von männlich (virilis) haben, wie denn aus disem ahd. mennisk geradezu ein neues Substantiv, nämlich mennisko (Mensch), erwachsen ist. Nun wäre doch sonderbar, daß der Sinn des Ad- jektivs auf dise Bedeutung (Mensch) des Substantivs man zurück- füren sollte, wenn zur Zeit seiner Entstehung bereits die andere Bedeutung (Mann) die herschende gewesen wäre. Es lert uns viertens die Rechtsgeschichte, daß ahd. man als Masc. den un- freien Mann, altn. man als Fem. das unfreie Weib, mithin man überhaupt den unfreien „Menschen 8 , nicht bloß den unfreien „Mann" bezeichnete, und daß manahoupit den Leibeigenen gleich- sam als „Haupt Mensch" dem „Haupt Vieh" an die Seite stellte. Und wenn das alles noch nicht überzeugend genug wäre für die aufgestellte Neutralität des Sinnes, so mögen endlich noch Com- posita wie gomman und charlman angefürt werden, welche neben dem ags. vifman (engl, woman) den „Mannsmenschen" dem „Weibs- menschen" gegenüberstellen. Aus diser Auseinandersezung hat sich ergeben, daß unser deutsches Wort man anfänglich den Menschen und nicht den Mann bezeichnete. Wir sehen uns daher gezwungen, das Wort manni in dem Namen Alamanni im Sinne von homines zu interpretieren und alle Deutungen, die auf viri, viri fortes, heroes u. dgl. aus- gehen, abzulenen. Zum Ueberfluß wird unsre Auslegung noch unterstüzt durch das bekannte Citat des Agathias (um 550) aus Asinius Quadratus (um 250): ol de *Aknpavol hjv^Xvdeg (a. L. %vyxXvödg) siatv äv&gwnoL (nicht ävigsg) xou fttyadsg, d. h. die Alle- mannen sind zusammengekommene (nach der andern Lesart: zu- 265 sammengespülte, durch Zufall zusammengebrachte) und gemischte Menschen (nicht Männer). Hiezu stimmt auch der goth. Ausdruck, den die Skeireins VIII 11 bei Auslegung von Joh. 7, 46 ge- braucht: sildaleikjandans fraujins laisein svikunthaba in dttäim ala~ mannam fauravisan rahnidedun, d. h. „bei allen Allmenschen" *). Disem Worte fnan, welches nur Mensch bedeutete, will Herr Dr. Baumann mit Recht das goth. vair, ags. ver, ahd. wer als ein solches gegenüberstellen, welches den Sinn Mann gehabt habe. Wenn er nun aber dises Wort wer in dem zweiten Bestandteil der Yölkernamen Angrivarii, Ampsivarii, Bajuvarii, Boructuarii, Chas- uarii, Chattuarii, Ripuarii, Teutovarii wieder finden will und den sprachkundigen Jacob Grimm (GDS. 542, note) darüber tadelt, daß derselbe dises varii zu goth. varjan, ahd. werjan defendere stelle, und daß er aus dem ags. vare, altn. veri (nicht wtri) den Sinn incola folgere, da doch aus dem Begriffe des Verteidigens keineswegs one Sprung der des Bewonens hervorgehe — so werden unsere Leser das Grundlose dises Tadels ser leicht her- ausfinden, wenn sie folgende drei Wörter, die nicht verwechselt werden dürfen, auseinander halten. 1) Da es wichtig ist, in welchem Zusammenhang diser Ausdruck sich befindet, so will ich in hersezen. Im Evangel. Joh. 7 wird der gewaltige Eindruck geschildert, den die Worte Jesu auf das Volk mach- ten, als er wärend des Laubhüttenfestes von Galiläa aus plözlich im Tempel zu Jerusalem erschin und unter Anknüpfung an jene Ceremo nie, bei welcher der Priester zur Zeit des Morgenopfers unter Musik und Gesang in goldener Kanne Wasser aus der Quelle Siloah in die Altarschalen goß, seine durchschlagende Rede über das Wasser des Le- bens hielt. Die Wirkung diser Rede muß überwältigend gewesen sein, da sie eine große Aufregung im Volke für und gegen in hervorrief. Die einen erklärten in für einen Propheten, ja sogar für den längst erwarteten Messias; die andern aber ärgerten sich an im und stießen sich besonders an seiner Herkunft aus dem verachteten Galiläa. Seine längst erbitterten Feinde aber, die Pharisäer, Schriftgelerten und Priester, welche mit Bangen seine Popularität zunemen sahen, erach- teten dise Gelegenheit für günstig, um in endlich unschädlich zu machen. In diser Absicht schickten sie Häscher aus, welehe in fangen sollten; allein dieselben scheuten sich, Hand an in zu legen, „weil, heißt es nun in der Skeireins, seine heilige Kraft unsichtbar ire Bosheit noch un- schädlich machte und nicht erlaubte, vor der Zeit in zu greifen. Es kamen daher die Diener zu den höchsten Priestern und Pharisäern, und dise sprachen zu inen: Warum habt ir in nicht gebracht? Die Diener aber antworteten und sprachen, daß nie ein Mann so geredet habe wie diser Manu. Dise Antwort aber gereichte jenen zum Tadel, zur Ver- dammung ires Unglaubens. Denn die Diener antworteten auf die Frage, warum sie in nicht gebracht hätten, one Rücksicht auf die Bosheit der Fragenden, sondern vilmer weil sie über des Herrn Lere erstaunt waren und weil sie glaubten, dieselbe würde bei allen ÄRmenschen offenbar werden. Doch jene ertrugen in irer Verdorbenheit die Antwort irer Diener nicht, sondern versezten voll Zorns, indem sie sagten: Seid ir auch verfurt?" 266 I. Goth. vasti Kleid (oder vilraer ein verlornes Stammwort vas Gewand), ahd. wer gaweri, mhd. wer gewer investitura (mit dem aus a um gelauteten e) : davon das schwache Verbum goth. vasjan, ahd. warjan, mhd. wem kleiden, bekleiden (wieder mit dem Umlaut e). II. Goth. Adj. vars behutsam, ahd. stark. Fem. wara, mhd. wäre war Aufmerksamkeit, Acht, Obacht, Schuz (lat. ver-eor); da- von das schw. Verbum goth. varjan, ahd. warjan werjan, mhd. wem schüzen, verteidigen, ebenso ags. verjan verteidigen und altn. verja 1) verteidigen, schüzen; 2) hegen, im Arm halten (alles, wie man siht, mit dem Umlaut e) ; davon ital. guarire, altspan. guarir, prov. garir, franz. guerir heilen. III. Goth. vair, ahd. wer der Mann (mit dem aus i ge- brochenen e); davon das schw. Verbum ahd. wer6n, mhd. wem gewern gewären, bürgen ; davon mlat. warens, ital. guarento, span. garante, franz. garant, prov. noch mit altem Stammvokal guiren, Gewärsmann, hievon endlich garantir guarentire etc. Es ergibt sich aus disen drei Wortgruppen, dass die schwachen Verben unter I) und II) durchaus nicht zum Stammwort der drit- ten Gruppe gehören, weil das schlechterdings der Vokalismus ver- bitet; es ergibt sich ferner zur Evidenz, daß von dem Stamm- worte der dritten Gruppe das von den Römern in zusammenge- sezten Völkernamen überlieferte -varii nicht kommen kann, weil das wiederum schlechterdings der Vokalismus verbitet. Schon Jacob Grimm hat Grammatik 1 2 641 davor gewarnt, daß man vair wer mit disem -varii zusammenbringe. Wie deutlich wer und -varii von einander geschiden sind, erhellt am besten aus der ags. Sprache. Dort finden sich von ver Mann die Composita : folc-veras Volkmänner, leöd-veras Leute- männer (dazu von verod turba, agmen, multitudo: eorl-verod, flet- verod). Neben disen Substantiven weist jene Sprache aber fol- gende, mit -varii stimmende auf : burhvare Bürger, Cantvare Einwoner von Cantia, ceastervare castrenses, eordhvaras Erdbe- woner, gevaran cives, Hätvere Chattuarii (Beov. 4720. Ö827. Scop. vids. 33), hellevaran Höllenbewoner, Römvare Einwoner v. Rom, sigelvare Sonnenbewoner, Aethiopen, Sodomvare Einwoner von So- dom, sveordvere Schwertträger; ferner die Collectiva : buruhvaru Bürgerschaft, Cantvaru complexus Cantuarensium, landvaru pro- vincia, ceastervaru arx. Disem vare entspricht altn. veri, Plur. verjar in skipveri nauta, skogverjar qui silvam incolunt, Silvani, Rdmverjar Romani, eyverjar insulani; fem. Hevör Gunnör Eyvör; ahd. Heriwara Guntwara Albuera Frithawar Fulcoara Haimoara Hasalwara Hildiwara Leubovera Leudovera Raginwara Sigoara Sisivera Theudoara *). 1) Zu untersuchen bleiben noch die ags. Ortsnamen; Billanora 267 Sovil ergibt sich > daß das -varii lautlich mit vollem Rechte zur zweiten Gruppe gestellt worden ist, wenn auch zuge- geben werden kann, daß die Bedeutung des Wortes uns noch nicht durchsichtig genug erscheint ! ). Für die wissenschaftliche Etymologie kann nicht dringend genug die Forderung aufgestellt werden: Man soll nicht zuerst eine Sach- und Begriffsableitung sich zurechtlegen und alsdann den Wortlaut darnach meistern, sondern man soll bei jeder Etymologie, die man aufstellen will, zuerst die Lautlere und die Grammatik überhaupt in Betracht ziehen! Dise Forderung, welche alles Etymologisiren nach der alten Mode, und wäre es noch so geistreich, unbarmherzig unter- sagt, bildet eine Hauptregel der Sprachwissenschaft, wie sie von Grimm und Bopp begründet worden ist. Nachdem Herr Baumann die Ansicht, als bezeichne der Name Allemannen eine Bundesgenossenschaft verschidener an der Main- linie wonender Völker, zurückgewisen, und nachdem er angedeutet hat, es sei das Allemannenvolk von Anfang an ein Suebenvolk gewesen, sucht er die Identität desselben mit dem Semnonenstamm darzutun, jenem Kernvolke der Sueben (caput Sueborum), welches im lezten Viertel des 2. Jarhunderts von der Spree (oder der Lausiz) an den Main gewandert sei 2 ). Den neuen Namen Allemannen hätten dise Semnonen hier im Süden von iren Nachbarn, etwa den Chat- ten, Hermunduren und Burgundern, mit denen sie sich widerholent- lich herumgeschlagen, empfangen; besonders den Hermunduren, als unmittelbaren Nachbarn der Semnonen, sei der Hain des sue- bischen Nationalgottes Ziu im Semnonenlande gewissermaßen der Götterhain par excellence gewesen ; sie hätten darum dem suebi- Boganora Bäccesora Bucganora Readanora Cumenora Boxora Toppe - sora Icenora bei Leo, Rectitudines 79. 80. 1) Uebrigen8 sind die Begriffe verteidigen, weren, hegen, pflegen, vereren gar nicht so unvereinbar, wie Dr. Baumann glauben machen will; man darf nur die Bedeutungen des altn. Verbums verja und der romanischen Ableitungen ins Auge fassen. 2) One Herrn Baumanns Schrift und Meinung zu kennen, habe auch ich ungeiar gleichzeitig bei Abfassung und Drucklegung des 3. Bogens (1876) meiner Geschichte des Schweiz. Bundesrechtes Bd. 1, 39 nach dem Vorgange von Jacob Grimm (GDS. 1, 498. 518) die Vorstel- lung einer Conföderation verschidener Völkerschaften, die man gewön- nen mit dem Namen Allemannen verband („allerlei Mannen"), abgewisen und die Herkunft der Allemannen aus Norddeutschland und zwar aus der unmittelbaren Nachbarschaft der Angeln vermutet, indem ich auf die merkwürdige Einstimmung einer großen Zal englischer und alle- mannischer Wörter und das ags. Wanderlied hinwis, wornach Angeln und Schwaben neben einander zu einem Reiche verbunden waren (heol- don fordh siddan Engle and Svsefe, svä hit Offa gesloh, d. h. fortan be- haupteten es, das Reich, Angeln und Schwaben, wie es Offa durch Kampf erfochten hatte). 268 sehen Kernvolke, nachdem dessen hieratischer ftame durch den Auszug aus dem Ziulande hinfallig geworden, keinen prägnantem Namen schöpfen können als den der Alahmannä, der Leute von Zius alah, der „Leute des Götterhaines", wenn anders sie in dem neuen Namen auch die Herkunft irer Bedränger ausdrücken wollten. Es ist, wie man bemerkt, hier wieder derselbe Gang etymo- logischer Untersuchung eingeschlagen worden, wie er sich so oft bei Geschichtsforschern findet: eine schon fertige Vorstellung von der Sache soll nun auch noch die philologische Weihe empfangen; einer historischen Hypothese zu Liebe, deren Annembarkeit ich jezt nicht näher untersuchen will, muste ein entsprechendes Wort im Wörterschaze aufgestöbert und so lange zurecht gehauen wer- den, bis es zu Paß kam. Durch solches Vorgehen, das immer noch seinen Beifall fin- det, wird die philologische Kritik angereizt, die Frage zu unter- suchen: Ist die Ableitung des Namens Alamanni von alah mög- lich? Es verstet sich von selbst, daß ich bei Erörterung diser Frage nicht von der Bedeutung, sondern von der Form des Ety- mons ausgehe. Alah kommt als selbständiges Wort im Ahd. nirgends mer vor, sondern nur in Zusammensezungen von Ortsnamen und Per- sonennamen wie Alahstat, Alahdorf, Alahesfelt, Alabesheira, Alah- swint, Alah wich, Alahwin, Alahfrit u. dgl. Länger erhielt es sich bei den alten Sachsen des Festlandes; denn im Heliand, wo doch christliche Dinge besungen werden, findet sich das heidnische Wort alah widerholentlich gebraucht. Im Angelsächischen biten gute Handschriften die alte Form alh ; daneben aber kommt immer mer die um gelautete Form ealh eal in Gebrauch. Allen disen Formen stet das goth. alh gegenüber, welches feminini generis ist, wärend die vorhin genannten männliches Ge- schlecht an sich tragen. Dem Altn. scheint das Wort zu man- geln, müste aber dort nach Grimms Vermutung alr Gen. als lau- ten. Es ist auch nicht außer Acht zu lassen, daß dises Wort sich nahe berürt mit ahd. elaho alces alce, mhd. eiche, ags. eich, engl, elk, altn. elgr, das Elenntier. Käme nun der Name Alamanni von jenem alah, so müste er gelautet haben: Sing. goth. Albman Plur. Alhmans für Alhmannqs ahd. AI ah man „ Alahman „ Alahmanna alts. Alahman „ Alahman „ Alahmannos ags. Ealhman „ Ealhmen „ Ealhmennä altn. Almadhr „ Almenn „ Almennir. Sczen wir die Abstammung des Namens Alamanni von alah mit Hrn. Baumann vorläufig als richtig voraus, so entstet die Frage : Waren die Römer im Stande, in irer Sprache das auslau- tende h des deutschen Wortes widerzugeben? Hr. Baumann ver- 269 neint dise Frage durch folgende Säze. Man darf sich, sagt er, an dem Feien der Spirans h in der lat. (und griech.) Form des Namens nicht stoßen ; denn 1) Den Körnern und Griechen, welche uns den Namen der Allemannen überliefert haben, verbot ire Sprache die Bezeichnung eines auslautenden h (sie konnten demnach, obwol man inen Alh- mannös Alahmannä vorsprach, mit dem besten Willen nichts an- deres nachsprechen als Alamanni). 2) Wäre das auslautende a in alah nicht durch nachtönen- des h gestüzt gewesen, so müßten wir wenigstens hie und da bei den römischen Schriftstellern einer Form Alomanni, zu der das Analogon Marcomanni, Langobardi drängte, oder einem abgeblaßten Alemanni begegnen. Es wird erlaubt sein, dise Behauptungen auf Richtigkeit öder Unrichtigkeit zu prüfen. Ad 1. — Was die Aussprache des h bei den alten Römern betrifft, so hat Corssen in seinem bekannten Werke dargetan, daß der Buchstabe h im "Altlateinischen sowol die gutturale oder pa- latale Aspirata als auch den bloßen Hauchlaut der Spirans ver- sin nlichte, daß aber freilich bereits zu der Zeit, als die Italiker ire Alphabete aus Hellas entlenten, der Laut ch im Verschwin- den begriffen war und sich vilfach zu dem Hauchlaute h verflüch- tigt hatte. Spuren der altern palatalen oder gutturalen Aspirata lassen in der Tat die beiden Wörter trabere tractum (goth. threi- han, ahd. dringen), vehere vectum und weiterhin vectura vectis (goth. gavagjan vege vigs, ahd. wagan) noch durchblicken. Aber, fremde Namen mit ch, wie z. B. die phönizischen Ghannibal Chas- drubal Chamilcar sprachen die Römer bereits mit h. Die Natur des lat. Hauchlautes war indeß so flüchtig, daß, obwol uns ein- zelne Grammatiker dessen richtige Aussprache zu veranschaulichen sich bemühen, die Volkssprache, one die Theorie zu beachten, in mer und mer vernachlässigte und auch die litterarisch gebildeten Römer diser Nachlässigkeit allmälig nachgaben. Wenn daher schon in lat. Wörtern Aussprache und Schrift schwankte (man findet ja bereits seit Oäsars Zeiten eredes aruspex Ostilius oedos ircos ge- schienen oder gemeißelt), so darf man sich nicht wundern, wenn diß bei den Fremdwörtern ebenso der Fall war, die ins Latein aufgenommen wurden, wenn also neben habrotonum halleluja Ham- mon Hiberus H ister auch abrotonum alleluja Ammon lberus Ister gelesen wird. Vollends im Inlaute und hier in lateinischen wie in fremden Wörtern verschwand der Hauchlaut zuweilen ganz : nehemo nemo, vehemens vemens, prehendo prendo, nihil nil, und im Aus- laute ist, soweit wir schriftliche Aufzeichnungen lateinischer Sprache kennen , nie ein h geschriben worden. In den Töchtersprachen des Lateinischen sind die h weiland lateinischer Wörter bis auf wenige Spuren im Französischen und Walachischen verklungen, wenn schon die Orthographie sie immer noch zähe festhält. 270 Es stet nicht zu erwarten, daß die Römer Wörter der deut- schen Zunge günstiger werden behandelt haben als diejenigen an- derer Zungen; behauptet doch Pompouius Mela (in der Mitte des 1. Jh. nach Chr.) von den Namen deutscher Berge: quorum nomina vix est eloqui ore Romano. Und gleichwol wenn wir die römischen Aufzeichnungen germanischer Namensformen mit den entsprechenden Formen unsrer ältesten Sprachdenkmäler verglei- chen, so müssen wir zugestehen, daß die Römer es nicht feien ließen an Genauigkeit der Widergabe und nur da von dem, was inen vorgesprochen wurde, abwichen, wo die Eigentümlichkeit irer Sprache sie abzuweichen zwang. Zumal mit den deutschen Aspi- rationen geriten sie in Verlegenheit, weil ire Sprache dergleichen so gut wie gar nicht besaß. Wenn nun gleichwol in den deut- schen Namen, welche sie uns überliefert haben, bald ein h, bald statt desselben ein c oder ch erscheint, so sind die Römer in sol- chem Wechsel der Bezeichnung erwisener Maßen nicht irer Will- kür, sondern der dialektischen Aussprache, wie sie bei einzelnen deutschen Stämmen schon für jene Zeit sich nachweisen läßt, ge- folgt und nur eins kann auf Rechnung der Römer gesezt werden : die Unterdrückung des h. Wir finden daher eine vierfache Be- handlung des deutschen Hauchlautes in den von römischen Au- toren überlieferten deutschen Namensformen: Das h und dessen Unterdrückung nach römischer Weise einerseits, aber auch die Aspiration des h zu ch und dessen Verdichtung zu c. Beispiele: Hariobaudes Halidegastes Hartomundus Harudes Heruli Hildericus Hilpericus Hunimundus Hunila Hermegisclus. « Ariovistus Idgioycu- oog ^Qiftovd' Ildico Ildigisel. Ghariomerus Charietto XaQioßavdrp; Chamavi Chasuarii Chatti Chattüarii Cherusci XikdißsQtog. Silva Caesia Cauchi Caucaland Carioviscus Oariovalda Catumerus Ca- tualdaCrocus; zur Bestätigung mag auch der Hunnenname hieher- gezogen werden: Xoijvoi Chuni Huni. Aber auch mit dem inlau- tenden deutschen Hauchlaut verfur man so, daß man in bald an- deutete, bald unterdrückte, bald aspirierte : Araharius Gumoharius Asv$u.Qig c Pt/0fiiQ7jg OiakduQog BavdaXagiog ro/udgiog Thusnelda (f. Thursinhildaj Theodatus (f. Theodahatus) Droctoveus Bructeri. Die wichtigste Frage für unsere Prüfung ist nun aber die: Wenn die Römer im Auslaut irer Silben und Wörter kein h dulde- ten, wie konnten sie denn Klang und Form solcher deutscher Namen widergeben, welche disen Auslaut enthielten? Antwort: Nachdem h nicht möglich war, bliben noch zwei Arten der Nachbildung übrig, nämlich mit ch und c, und obendrein konnten sie den Laut ganz unterdrücken. Beispile: Hunrich-us c OvwQi/-og Malarich-us. Cherusc-i Aduatuc-i Bac-enis Triboc-i Peuc-ini Groc-us H arder ic- üb Hilderic-us Hilperic-us Theodoric-us Alaric-us XXw&odlog Chlo- doveus. Es* ergibt sich hieraus, daß die Römer, wenn sie wollten, im Stande waren, das in deutschen Namen auslautende h als e 271 und allenfalls als ch widerzugeben. Ire eigene Sprache weist ja Wörter mit c im Auslaut: hie haac hoc illic nee sie lac alec die duc fao. Und wenn wir urverwandte Wörter germanischer und römischer Zunge einander gegenüberstellen, so treffen wir dise Be- obachtung bestätigt: haibs caecus, salaha salic-, varah porcus, faihu pecu, faihs noix-lXo<;, nih nee, fraihnan precari, seh sec-are, taihun dec-em, veibs vic-us. Solche auslautende h werden schon in den germ. Sprachen bald festgehalten, zuweilen vergröbert, zu- weilen unterdrückt, z. B. goth. anafilhs traditio, gafilhs sepul- tura; ahd. elah alce, parah majalis, virah homo, walah peregri- nus; ags. bearch majalis, vealh peregrinus. Ahd. malaha pera, franz. malle, salaha salix, ags. sealh, voraha pinus, vuraha sulcus, ags. vurh. marah equus, varah porcus, verah vita, ags. feorh. Das Altnordische hat dise h im In- und Auslaute frühzeitig ver- loren, z. B. mar equus, valr peregrinus, fiör vita, und zuweilen da- für media angenommen. Vergegenwärtigen wir uns nun noch einmal das Wort alah in den verschidenen Formen, welche es in den germanischen Sprachen annam, so konnten die Römer das h in alah, wenn sie der Aussprache süddeutscher Völker folgten, unterdrücken und ala sprechen und schreiben; oder sie konnten es zu ch oder c vergröbern, wenn sie der fränkischen Aussprache nachgaben (alach oder alac); oder sie konnten sich der gothischen Wortgestalt an- lenen und dann gewannen sie alc. Demnach konnten sie, wofern man das Etymon alah als das einzig richtige zu dem Namen der Allemannen einstweilen annemen will, disen Namen dreifach wider- geben: Alamanni, Alachmanni (Alacmanni) oder Alcmanni. Die fränkische Form alach ist uns wol noch erhalten in dem alach- falthio der LSalica, und die an's gothische oder angelsächsische Wort sich anlenende dauerte in dem mlat. alcha, d. h. penarium pars sedis, in qua sunt cupae, fort, worauf ich nachher noch einmal zu sprechen kommen werde. Zum Glück ist uns aber das Wort alh alah aus römischer Feder und zwar aus der des Tacitus erhalten worden, wenn auch vi 1 leicht oder warscheinlich in misdeuteter Anwendung. Germ. 43: apud Naharvaloe antiquae religionis lucus ostenditur: praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos interpre- tatione romana Castorem Pollucemque memorant. Ea vis numini, nomen Alois 1 ): „Bei den Naharvalen zeigt man einen Hain von altertümlicher Heiligkeit. Vorstand ist ein Priester in weiblicher Tracht; aber als Götter bezeichnen sie, wenn man sich nach römi- scher Weise ausdrücken soll, den Castor und Pollux. Diß ist das Wesen der Gottheit, der (deutsche) Name aber Alken". Die Römer konnten also die Tenuis im Auslaute gebrauchen ; 1) Der Symmetrie mit numini wegen und nach dem lat. Sprach- gebrauch (Gaio Mucio mihi nomen est) neme ich Alcis nicht wie Grimm als Gen., sondern als Dativ. 272 sie konnten neben Alacmanni auch Alcmanni schreiben, wenn das Wort alh alah zu Grunde lag; das so lautende Wort wäre inen gewiß ebenso wenig widerwärtig gewesen wie die aus dem Grie- chischen entlenten Namen Alcmaeon Alcman Alcmene, oder der ans dem Deutschen entlente Name alces Elenntier, oder die ans dem Geltischen entlenten Wörter euleita cusculium falco murcus olea orca porca. Aber die Römer schriben nun einmal nicht Alacmanni und auch nicht Alcmanni, sondern Alamanni. Ebenso kennen die Griechen keine AXaxfiavoi und keine *AXxfiavoi, sondern nur ^Ahtfiavoi. Wer nun gleich wol behauptet, das Ala komme von alah her, der wird sich mit diser Tatsache abfinden müssen. Ad 2. — Herr Baumann meint: wäre das Ala in Alamanni ein deutsches ala, wie gewönlich angenommen werde, so müsten wir bei den römischen Schriftstellern hie und da einer FormAlo- manni, zu der das Analogon Marcomanni dränge, oder einem ab- geblaßten Alemanni begegnen. Das konsequent erscheinende a aber in der zweiten Silbe deute auf Deckung durch h. Verstehe ich diso Behauptung richtig, so will damit gesagt werden: Die Römer hatten die Neigung, auslautendes a in offener Silbe in o umzuwandeln; bei Alamanni konnten sie diß deshalb nicht tun, weil das aaslautende u von Ala eigentlich durch h (alah) gedeckt war und nkht in offner Silbe stand. Die Voraussezung zu einer sol- chen Folgerung kann ich nun durchaus nicht zugeben und muß daher beides, Voraussezung und Folgerung, als grundlos zurück- weisen. Wir haben hier eine ZusammenBezung aus ala und mau vor uns. Die Teile einer Composition werden gewönlich durch einen Vokal vermittelt, von welchem frühere Grammatiker glaub- ten, er sei nach Willkür eingeschoben, um die Aussprache der bei- den Coropositionsteile zu vermitteln, wärend die neuere Gramma- tik, gestüzt auf spracbvergleichende Beobachtungen zu dem Re- sultate gelangen muste, der sog. Bindevokal in Compositis schließe sich genau an den dem ersten Worte gehörenden Flexionsvokalis- mus an. Nun ist Tatsache, daß die lat. Sprache einen Bindevokal o so gut wie gar nicht kennt; denn die wenigen Fälle albogalerus albogiivus merobibus werden anders erklärt: Bopp, vgl. Gram,. § 966 (Bd. 3 2 441). Wo also bei den Römern ein o als Binde- vokal in einem Fremdworte zum Vorschein kommt, da haben wir den Ursprung davon und die Veranlassung dazu nicht im Latein, sondern in derjenigen Sprache zu suchen, aus welcher das Wort stammt. Bekanntlich verwendet insbesondere die griechische Sprache das o für Nomina jedes Geschlechtes und jeder Deklina- tion: ^/LiegoqvXdB, oixodo/uog fivo/na/ia iooßa&ijg aQGevoysvTJq. Wenn nun die Römer uns componirte deutsche Namen überliefert haben, einmal solche mit dem Bindevokale o, wie Langobardi Marcomanni Teutobürgiensis Malovendus Maroboduus Ariovistus Inguiomerus Cariovalda Hariobaudes Bucinobantes Chnodomarius, sodann solche 273 mit den Bindevokalen i, u, e und a, wie Segimerus Segimundus Asciburgium, Catumerus, Caninefates Halidegastes, Idißiavisus u. a.: so ist das alles nicht römische Willkür und flüchtige Nonchalence, sondern es ist anzunemen, dise verschidenen Bindevokale seien da- mals schon in der deutschen Sprache vorhanden gewesen und die Körner .hätten sie einfach so nidergesehriben, wie sie dieselben vernommen; zumal bei dem Vokale o sind wir zu diser Anname förmlich gezwungen, indem wir dises o nur aus dem deutschen, nicht aus dem Lateinischen erklären können. Daß a bei den Deutschen in tonloser oder schwachbetonter Silbe zu o sich wan- delte, dafür haben wir merfache Beweise; ich will nur zwei bei- bringen. Gotb. Eigennamen wie Attila Budila Totila Vulfila wer- den ahd. zu Etzilo Putilo Zuozilo Wulfilo, und den goth. schwachen Formen hana hanan, blinda blindan entsprechen ahd. hano hanon, plrato plinton. In fränkischen Namen erscheint der Bindevokal o ser oft: Dagobertus Vulfoleudus Gundobertus Karolomannus. Auch in appellativischen Compositis finden wir in gar nicht selten: ar- beolaos spiloman samolih tagosterno.- Dises o stet bald für a, wie in Marcomanni Teutoburgiensiensis (marca thiota), bald für i wie in Chnodomarius Gundomadus. Der Gothe hatte in solchen Fäl- len immer noch die alten Vokale; nur in Fremdwörtern verfur er wie der Lateiner, indem er das o herüber nam: Aipafraüdeitus Airmögaineis Antiaükia Nikaudenius Gazaüfylakion. In den uns überlieferten altdeutschen Zusammensezungen mit ala( Grimm Gramm. 2, 627. 650) tritt nun nirgends 1 ) statt des auslautenden a ein o ein, und wenn, was warscheinlicji ist, diß auch früher nicht der Fall war, so hatten die Römer keinen Grund, Alomanni nachzu- schreiben, da sie doch nur Alamannös oder Alamanna, hörten 2 ). Ob die Handschriften des Aurelius Victor, der Script, hist. Aug. etc. einige Male Alemanni statt Alamanni lesen 3 ), vermag ich aus Mangel des kritischen Apparates nicht nachzuprüfen. Wäre es aber auch der Fall, so ließe sich fragen, ob diß nicht Einwirkung späterer Aussprache und mittelalterlicher Orthographie sei. Aus disen Betrachtungen ziehen wir das Ergebnis: da die Römer Ala schreiben, so haben sie auch Ala aussprechen hören, und im Gegensaze zu Hrn. Baumann, der den Saz aufstellt, daß die Römer, obwol jenes Ala von alah stamme, dises alah doch nicht anders denn als Ala widergeben konnten, habe ich bewisen, daß, wenn Ala wirklich von alah stammte, die Römer gar wol Mittel gehabt hätten und zwar schon nach dem Vorgange deutscher 1) Nur zwei altsächs. Beispile sind bekannt: alowaldant alomahtig. 2) Einen andern Ursprung als unser ala hat natürlich das allo in dem keltischen Namen Allobroges. Der Scholiast zu Juvenal. 8, 233 meint : Ideo autem Allobrogse dicti, quoniam brogce Galli agrum dicunt, dtta autem aliud; dicti igitur, quia ex alio loco fuerant translati. Cf. den deutschen Namen aliorunse bei Jornandes. 3) Grimm Gr. 2, 624. Forcellini, Lexicon s. v. Unten S. 282. Blrlinger, Alemannia VH 3 18 274 Volksstämme, den angeblichen Namen Alhmannos AlahmannA Alac- mannä durch die Formen Alcmanni und Alacmanni nachzubilden. Dieweil sie dises aber nicht getan haben, so gewinnen wir daraus allen Anlaß aneunemen, das Ala stamme nicht von einem Worte mit austönendem Kellaute oder Hauchlaute, also nicht von alah, sondern viliner von einem Worte, das ein a in offner 2 Silbe hatte. Der Einwand, es hätte ein solch offnes a sich die Umbil- dung in o gefallen lassen müssen, fällt, wie ich nachgewisen,^als grundlose Vermutung dahin. Die Betrachtung der lateinischen Namensform Alamanni gibt uns also durchaus keine zwingende Veranlassung, den ersten Bestandteil dises Gompositums von dem Worte alh oder alah herzuleiten. Ich könnte mich nun mit disem Resultate begnügen, will aber, um nichts zu versäumen, sondern um alles Beweismaterial vorbeidefiliren zu lassen, was man etwa bei solch einer Erörte- rung geprüft sehen möchte, auch noch den Blick werfen auf die Art und Weise, wie die deutschen Hauch- und Kellaute kurz nach der Völkerwanderung beim Niderschreiben behandelt wurden. Hier zeigt sich uns zunächst bei romanischen Schreibern und denen, die irer Schreibweise folgten, ganz dasselbe Schwanken in der Ortho- graphie des h in deutschen Namen wie bei den alten Römern. Wir finden im Anlaute: Charibert Chaideruna Chardoin Chari- mund Charoald Chadulf Childemer Chilliswint Chilpericus Chlo- dochar Ghrambert Ghrodegang Chrodochilde Chugobert, und Cale- tricus Cardaricus Crodico Cochilaicus, daneben aber Hariperaht Haideruna Hartwin Herimunt Hariold Hathowulf Hiltimar Hiltis- wint Helfrich Hluthari Hramperaht Hruotganc Hruothilt Hugu- peraht Halidrich Harderich Hugi laich, ferner one alle Spiration Aribert Arduin Arimund Lothar Robert Roland Rambert Arlindis Ildebrand Ildefons Ilderich Ugo Uncilen. Im Inlaut ist die Be- handlung ebenso mannigfaltig: Eccard Fulcaris Arnaida Adelaida Adalard Adalelm Badoildis Baldechildis Bernard Berner Berta Bertier Piliilt Prunild Ewrard Gerard Gi seier Gundicarius Gun- dachar Ragnaris Raganhari Uliaris Wilihari Chlodovaeus Drocto- veus Ostfalahi Walahun. Und ebenso im Auslaut: Alaric Aldric Embrich Erarich Gaiserich Otloh Berinhoh Harderich Erowic Hlu- dowich Hugilaich. Wie. nun heutzutage deutschlernende Franzosen das deutsche h unterdrücken, wo es hingehört, und umgekert ein h vorsezen, wo es nicht hingehört („das Uhn at hein Hei hins Eu gelegt"), so taten auch romanische Schreiber mit altdeutschen Wörtern, z. B. erro üs undes agen agastalt, heber harbeiti helahun hachus- tim 1 ), zumal mit langobardischen arimanni Aripertus Ildipert, scul- dahis marpahis Ahistulf lahip Alpuhin. Im Altdeutschen, soweit es von deutschgebornen und deutschredenden Schreibern aufge- 1) Zalreiche Beispile bei Weinhold alem. Gr. § 230—234. 275 zeichnet worden ist, hat sich dergleichen Ungehür nachweisbar nirgends herausgestellt. Ich glaube auch nicht, daß die von den Römern überlieferten Ilerminones und Hermunduri anders zu be- urteilen sind als Hammon und Hister und Hiberus, nämlich als romanische Unsicherheiten im Gebrauch des Hauchlautes. Nun sehe ich durchaus keinen Grund ein , um die verschi- denen Schreibungen des Wortes Alah in zusammengesezten Eigen- namen anders zu erklären, als einerseits aus dialektischen Eigen- heiten, anderseits aus Einflüssen romanischer Aussprache. Ags. Alh- mund Alb red Alhred Ealhheard Ealhhild Ealhsvidh Ealhstan Helhrüne. Fränkisch Alacho Elachus Alacdag Alectrudis Electrn- dis Alachgart Electard Electelm Alachilt Electildis Alacramnus Electrada Electeus Alachwin. Allem. Alahcund Alahswinda Alah- wlh Alahwin Alaho]f. An die goth. Form alh sich anlenend: Alhila Alhuni Alhcaoz A Ich er Alchmöd Alhmunt Alhwin Alholf. Formen mit unterdrücktem h: Alafrid Alaswinda. Das Wort er- scheint auch in Ortsnamen: Ealhstede Cyningeshealh (palatium regis) Alkendorp Alcmana 1 ) Alkimoennis (?) Elichpach Alahstat Alahdorf Alahesfelden Alahesheim Elehenwang Alastat Elenwang Alesheim Alhesfelden Alhmonis. Man wird • bemerken , daß die Sezung des h in disen und andern Namen nicht immer ein sicheres Kennzeichen für die Abstammung von alah bitet; ein Name mit Alah geschriben kann unter Umständen gar nicht zu alah gehören, sondern nur verschriben sein. Als Kriterium für die richtige Ety- mologie wird man die entsprechenden Namensformen anderer ger- manischer Sprachen 2 ) zur Vergleichung beiziehen. So gehört der von Hrn. Baumann zu Alah gezogene Name Alawic höchst war- scheinlich nicht dahin; denn der entsprechende Name heist auf ags. Alevih, nicht wie man erwarten sollte, Alhvih oder Ealvih. Nachdem ich in den bisherigen Erörterungen dieBaumann'sche Ableitung des Namens AI am an ni von alah formell geprüft und abge- wisen habe, bleibt mir noch übrig, den Sinn und die Bedeutung des Namens nach diser Etymologie ins Auge zu fassen. Zum Voraus muß ich freilich gestehen, daß ich in der Ausdeutung altdeutscher Namen nicht gerade so frisch und munter- ins Zeug faren kann wie manche meiner geerten Herrn Mitforscher. Je länger ich dise Namen auf ire Bedeutung ansehe, um so mer drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß wir den Schlüssel zu einer großen Zal von Namen verloren haben. Man hat sich freilich etwas darauf zu gnt getan, daß man Namen wie Hadugast Ardaricus Hiltigunt Thusnelda (Thursinhilda) Haduwfc Arnolt (= Arinwalt) Diotlint 1) Ob nicht anch der Name der holländ. Stadt Alcmar (Alcmere Aelmere), ahd. Alahmuor (arx in palude) dahin gehört? Jacob Grimm, Kl. Sehr. 2, 363. 2) Leider gehen uns die gothischen und nordischen Namen, die hierher gehören, fast völlig ab. Dieterich, Runensprachschatz, Stockholm 1844, S. 257 kennt einen skandinav. Namen Alah. 276 durch Kriegsglücksgast Hartreich Schlachtkampf Risenkampf Kriegs- glücksstreit Adler weit Volksschlange zu ühersezen wüste. Nun, dise Weisheit hat allenfalls auch noch hei unser einem im Kopfe Plazl Allein jeder fült, daß mit solchen Uehersezungen dise Na- men eben so wenig erklärt sind, als wenn einer einem Lernbe- girigen den Begriff einer „Locomotive a dadurch erklären wollte, daß er im sagte, das sei „ein Bewegungsmittel, um vom Fleck zu kommen". Gerade so ist auch bei Völkernamen wie Marcomanni Langobardi Burgundiones Franci absolut nichts erklärt, wenn ich sie schon übersezen kann mit „Grenzmenschen Langbeile Burg- winden Freie u ; sogleich kommen die Fragen: warum? wie so? Ein anderes Bedenken erhebt sich gegen die vilfach angenommene Meinung, daß, da die meisten Völkernamen nicht von iren Trä- gern, sondern von iren Nachbarn ausgegangen seien, sie notwen- dig einen nachteiligen Sinn, also Schimpf, Spott, Hon und der- gleichen in sich schließen müsten. Ich wenigstens zweifle daran, ob man alle Völkernamen von vorn herein von disem Standpunkte aus richtig deuten wird. Welchen Sinn hat nun das Wort alah? Vulfila übersezt mit alh 6\ie Worte vaoq (Wonung Gottes,- Tempel) und tsgov (Heilig- tum, heiliges Haus) im neuen Testamente. Da nun Tacitus den Germanen eigentliche Tempel von Holz und Stein abspricht und inen nur Waldkultus zuschreibt, so ligt es nahe anzunemen, auch alh bedeute eigentlich einen heiligen Gotteshain, und so faßt auch Herr Baumann den Sinn des Wortes auf. Allein bei näherm Nach- denken über den gothischen Sprachgebrauch in der Bibelüber- sezung muß dise Auslegung Bedenken erregen. Bekanntlich nennt Paulus den Leib einen Tempel des h. Geistes ; die Hauptstellen darüber 1 Cor. 6, 19. 3, 16 feien freilich in der gothischen Bibel; aber 2 Cor. 6, 16 und Ephes. 2, 21 bewegen sich ebenfalls in diser bildlichen Anschauung. Die leztere Stelle lautet: „Ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, auferbaut auf dem Grunde der Apostel und Propheten, da der Eckstein Christus selbst ist, in welchem der ganze Bau zusammengefügt wächst zu einem Tempel heilig im Herrn (goth. in thammei alla gatimrjö gagatilöda vahseith du alh veihäi in frdujin) u . Ich bitte um Alles : was soll der gläubige Gothe sich vorgestellt haben, wenn alh hier den Sinn Wald hatte? „Der Leib ist ein Wald des h. Geistes! In Christus zusammengefügt, wächst der ganze Bau (der Kirche) zu einem Walde heilig im Herrn!" x Ich glaube, wenn alh jemals den Sinn von Wald oder Hain gehabt haben mochte, was ich bezweifle, so konnte diß Wort solchen Sinn zu Vulfilas Zeiten nicht mer haben. Bereits hat J. Grimm Myth. 57 fgg. eine Reihe von deutschen Ausdrücken erörtert, welche künstlich erbaute Tempel bedeuten, und Belegstellen angefürt, die troz Tacitus deutlich dar- tun, daß die Germanen gebaute Tempel zum Kultus hatten. Etymologisch stellt sich alh zu dem urverwandten lat. arcere 277 arx (abweren, die Wer) gr. aXaXxptv abweren *) ; so darf man auch ags. ealh zu ealgian tueri halten, da ags. h nach 1 im Inlaut zu g wird, wenn es nicht ganz abfällt. Caedmon 259, 11 (thät he Babilonje äbrecan volde, alhstede eorla) bringt das Wort im Sinne yon palatium, »des regia; villeicht gehört auch die Königspfalz Alstidi (Allstedt bei Sangerhausen) im Dietmar yon Merseburg hieher. In einer Grenzbeschreibung vom Jare 814 in Mercia (bei Kemble Urk. 1, 257) erscheint ein cyninges healh palatium regia, und wenn wir die Personennamen Ealhstän (Tempelstein), Ealh- heard (Steinhart, Felsenhart) im Chron. Saxonic. 845. 897 oder bei Kemble 1, 288. 296; 1, 292 oder die Stelle bei Caed- mon 202, 22: getimbrede tempel gode, alhn haligne hinzunemen, . so get doch wol deutlich genug hervor, daß alh ein Gebäude, gleichvil ob ursprünglich oder später ein steinernes, bedeutete 2 ). Das Wort erscheint auch latinisirt bei Du Cange : alcha, pars aedis, in qua sunt cupse, penarium, und zwar ist dort eine Urkunde vom Jare 1253 aus dem Cartular. Abbatis Thenoliensis (Cod. Reg. 5649) zitirt, worin es heist: Gardinum et alcham ipsius domus, sitas retro die tarn dorn um, .... contiguas alchse Erardi Hainee cet. Th6nailles war ein Prämonstratenser Kloster in der obern Picardie, im Lande Thierache, im Bistum Laon, im Departement der Aisne, also mitten im alten Frankenlande, das Wort selbst aus dem Fränkischen. Eben dises Wort ist aber auch in den fränkischen Gegenden Deutschlands noch heute üblich.- So heißt dien ölen elen, m. in der Mundart des Eifler Volkes Ecke, Winkel : Frommann, Mundarten 6, 12. In der Mundart der Wetterau be- deutet al den Zwinger zwischen Gebäuden; der wetterauische Fabeldichter Erasmus Alberus (1500 — 1553) verwendet das Wort im Sinne von Winkel. In Schmidts westerwäldischem Idiotikon (Hadamar 1800) S. 3 wird angefürt: ahle, m. der enge schmale Gang zwischen zwei Häusern, in den die Abtritte geleitet werden, der Winkel. Nicht weit vom Westerwald an der untern Lan ligt Limburg; in der Chronik diser Stadt vom Stadtschreiber Johannes Gensbein (1336—1398) stet S. 5 der Wetzlarer Ausg. von 1720: alle gassen und alhen (der Stadt Limburg) waren voll leute und guts. Jacob Grimm (Wb. 1, 199), dem ich dise leztern Citate entneme, fügt bei! „Wie arx von arcere, ags. ealh von ealgian tueri, ja auch zwinger Burg und Burggraben von twingen abzu- leiten; aus dem Begriff einer Burg und Feste wandelte sich alh und zwinger allmälig in den eines engen gemauerten Gangs oder Winkels, und das Sprichwort arcem ex cloaca facere dreht sich um". Die Denung des a wird man dem Abfall des h zuschreiben 1) Zacher Zschr. 1, 133. 2) Zu erwägen bleibt noch die malb. Glosse alac falthio in der LSal. tit. 18: si quis villam alienam adsalierit, und die Gl. alachis soido intit. 27: si quis per casam alienam sine permissu possessoris traxerit. 278 4 müssen, der sich in der Limburger Chronik noch nicht voll- zogen hat. Hienach wäre alh ealh alah eher ein steinernes burgänliches festes als ein bloß hölzernes Gebäude gewesen, und von dem an- geblichen Begriffe „Hain", „heiliger Wald" ist weder bei Vulfila noch im Ags. noch in den übrigen germanischen Sprachen auch nur eine Spur zu finden. Wollen wir also dises Wort in den Na- men Alamanni hineinzwängen, so dürfen wir denselben nicht, wie Hr. Baumann tut, mit „Leute des Götterhaines" übersezen, son- dern nur etwa mit „Menschen des Tempels, des Hofes, der Burg". Tempelmenschen, das kann heißen: Leute, welche zum Orte ires Kultus ein Tempelgebäude besizen, oder Leute, die einem Tempel dienstbar sind 1 ), da ja man oft auch den unfreien Menschen des männlichen und des weiblichen Geschlechtes be- zeichnete. Die Allemannen wären sonach eine Art germanischer Leviten! Wie der Stamm Levi bei den Israeliten eigens für den Tempeldienst bestimmt war, so wären es nach diser Erklärung auch die Semnonen-Alachmannen bei den Sueben zum Dienste des Ziutempels gewesen. Wie die Leviten zwar die Nebenver- richtungen beim Gottesdienste versahen, sich aber dem Heiligtume nicht nahen durften, so durften es auch die Semnonen-Alachmannen nicht, außer in Fesseln. Und wie die Leviten 35 Städte zuge- wisen bekamen, so bewonten die semnonischen Tempelmenschen hundert Gaue. Wer Lust hat, mag dise Parallele fortsezen. Ich habe die Konsequenzen der Baumann'schen Etymologie auch in irem sachlichen Gehalte bis zur Grenze des Möglichen verfolgt und brauche den Leser kaum noch darauf hinzuweisen, daß der Sinn von „Tempelleuten, Hof- oder Burgmenschen", den Alahmanna einzig haben könnte, mit Tacit. Germ. c. 39 durchaus unvereinbar ist. Recapituliren wir, so haben wir folgende Ergeb- nisse aus der vorangegangenen Erörterung zu verzeichnen: Angenommen, der Name Alamanni komme von alah und man, wie behauptet wird, so fallt auf: 1) daß die Römer nicht Alacmanni oder Alcmanni schreiben, da inen diß doch ebenso nahe oder näher als Alamanni lag; 2) daß auch die spätem Romanen durchaus Alamanni schrei- ben und nie zur Abwechselung, wie es doch bei Namen, die zu alah gehören geschiht, mit Zulassung des h, also nie Alahmanni; 3) daß das Wort alah in keiner germanischen Sprache die Bedeutung des heiligen Waldes, des Haines hat, wie die Herlei- tung der Alachmannen von den Semnonen als Leuten des Ziu- haines erfordert, und es ergibt sich, daß der Name Alamanni aus Gründen der Form und des Inhaltes nicht von alah abgeleitet werden darf. 1) Wie etwa der Name Electeo, ahd. Alahdio, gotb. Alhthius aus- drücken müste. Grimm GDS. 538. 279 Der Einwand : Warum bringen denn die Römer nie die Form Alo- manni, wenn ala etwas anderes als alah sein soll? beseitigt, sich dadurch, daß sie nie Alo zu hören bekamen, sondern nur Ala. Jacob Grimm hat in seiner Grammatik 2, 447 einen Augen- blick, aber auch nur für einen Augenblick, den gleichen Einfäll wie Herr Bauroann gehabt. Er sagt dort: „Kann das h (bei alah) wegfallen, so dürfen auch Eigennamen wie Ala-reiks (Alaricus) u. a. hieher gezählt werden". Allein wenige Bogen später (8. 627), bei erster Gelegenheit, hat er disen Einfall wieder zurückgenom- men mit den Worten: „Die Vermuthung S. 447 ist falsch". Billigermaßen hätte dise Korrektur unsere grösten Sprach- kenners Herrn Baumann abschrecken sollen, einen alten etymolo- gischen Einfall wieder aufzunemen und aufzutischen, der sich nach allen Seiten hin als verfeit ergibt. Nachdem ich die Ableitung des Ala von alah alh in dem Volksnamen Alamanni als unmöglich zurückgewisen habe, komme ich auf das* von Dr. Baumann verschmäte Adjektivum ala zurück, als auf dasjenige Etymon, welches bei der Erklärung dises Na- mens allein in Betracht kommen darf. Unsere alte Spracho hat in zusammengesezten Nominibus zimlich deutlich zwei Adjektiva all und ala geschiden, die wol ursprünglich einem einzigen Worte entsprossen sind. I. all. — Goth. alle, ahd. mhd. alts. al, ags. eal, engl, all, altn. allr entspricht durch Urverwandtschaft dem griechischen oXog, dem lat. salvus, dem skr. sarva 1 ). Es bedeutete, wie sich aus diser Verwandtschaft ergibt, zuerst ganz, d. h. nicht zerstückelt, nicht verlezt, nicht verdorben, also totus. Da aber das Ganze immer auch eine Art Summe der zu im gehörigen Teile bezeich- net, so entfaltete sich aus disem Begriffe ser leicht der Sinn von all, integer. Ganz und all unterscheiden sich gerade so wie totus und integer ; totus wie ganz gehen auf die Einheit des Zusammen- gehörigen und auf deren Vollkommenheit; all und integer deuten auf die Unverleztheit, auf die Summe aller Bestandteile. Der französischen Sprache ist tout (totus) der Ausdruck für die All- heit geworden, wie uns das all, wärend entier (integer) den Sinn der Ganzheit hat annemen müssen. II. ala, — Goth. ahd. alts. ala, ags. äl, altn. al ist eine jüngere. Form des vorigen Nomens, dessen Consonanz vereinfacht worden ist wie okoq aus oXFog oder oskisch sollus aus solvus. Die Bedeutung ist all, integer cunctus, universus, omnis, also im Sinne der Vereinigung aller Teile, der Gesammtheit, der Vollzälig- keit, mit Ausschluß alles Mangelnden, alles Vereinzelten, aller Aus- namen. Im Neuhochdeutschen hat sich diser Unterschid durchaus ver- 1) L. Meyer, vgl. Gram. 2, 435. 280 wischt; wir unterscheiden weder durch die Orthographie 1 ) noch durch die Bedeutung Wörter wie Allod (alöt) mere proprium von Allmacht (alamaht) omnipotentia; wir bedürfen schon einiges Nach- denken, um nur einen Unterschid herauszufinden. Dises Verwischen und Vermischen stammt aber nicht erst von heute. Schon den mhd. Wörtern diser Zusammensezung ist nicht mer anzusehen, ob al- aus all oder ala entsprungen ist; im Ahd. schwanken die Quellen ebenfalls zwischen all und ala, indem sie die Bedeutungen vermengen ; auch im Ags. gibt es Wörter, die bald so, bald so geschriben werden, z. B. liest man älvihta und ealvihta, älvealda und ealvealda, allic und eallic. Nur im Altnord, und Goth. sind beiderlei Formen deutlich und scharf auseinander gehalten. Die Verderbnis dises Unterschi des muß also hoch hinauf gehen und trägt nicht wenig dazu bei, daß die Erklärung des Namens Alle- mannen für uns so schwing geworden ist. Ursprünglich sollen Composita mit alls al eal allr griechi- schen Wörtern, die mit iXo- zusammengesezt sind, entsprochen haben, z. B. goth. allbrunst vXoxavorog, Composita aber mit ala al al griechischen Wörtern mit navco-; z. B. goth. alatharba nav- d/ii/uoQog. Damit wir uns aber den Unterschid der beiden Zu- sammensezungen eher verdeutlichen können, will ich nicht erman- geln, wenigstens die Reihe der so componirten Substantiva, welche J. Grimm Gr. 2, 650 verzeichnet, nebst einigen Ergänzungen hier vorzufüren, indem ich die so componirten Adjektiva beiseits lasse. I. Composita mit all-, oko-. Goth. allbrunst bloxavatog. — Ahd. albrandopher oXoxavoiog. — Ags. eallofrung oXoxavovog, eal- sealf ambrosia. — Altn. allgildi plenum pretium, allgiörvi panoplia, allhysi integrum prsedium, allkiötvi pancreas, allklsedhnadr integer vestitus, allvepni panoplia. II. Composita mit ala-, navio-, Goth. alamans na^mXtjd^sig Sv&Qwnoi, Alamdds n. pr. naiixpv/pg, alatharba navd&kwg. — Ahd. Alaman, alewalto omnipotens, alenamo praenomen. Die meisteu stehen in adverbialen Redensarten : a) mit in und dem Akkus. : in aladratl vehementissime, in alafesti firmissime, in alagahi citissi- me, in alagähün, in alahalba undique, in alahant undiquaque, in alaltchi omnimode, in alemaht vehementissime, in alanot accura- tissime, in ala war verissime, in alawisün omnimode; ß) mit in oder zi und dem Dativ: in alagahe, in alahalbön, in alanahi proxirae, in alerihte rectissime; zi alawäru, zi ala wäre, zi alasperi omnino 2 ). 1) Mit Recht schreibt darum auch J. Grimm im Wb. 1, 218 un- sern Volksnamen wieder nach altherkömmlicher Weise Allemannen, nicht Alemannen. Vgl. meine Geschichte des Schweiz. Bundesrechtes 1, 38 note. Alem. I 264 n. 2) Wohin gehören alzuges continuo, alwec semper? Unter den malb. Glossen der LSal. finden sich alacharde tota virgula, alathagio qui loqui non potest, mutus. Sihe die Glossen der LSal. v. H. Kern. Haag 1869 S. 104. 108. 281 — Ags. älfylce multitudo, älmiht omnipotentia, älviht omnis crea- tara. — Altn. Alfffa d. pr. GDS. 540, algleymingr aranestia, alheimr macrocosmus, alhugi serietas, almeetti omnipotentia, al- mügi plebs, alroemi faraa vulgaris, alvara serietas, alvidra mollis undique aer, aludh benevolentia, althing comitia, althyda plebs. Unser Volksname müste in den verschidenen germanischen Sprachen also heißen: goth. Sing. Alaman Plur. Alamans = Alamannös ahd. Alaman Alaman = Alamanna alts. Alaman Alaman = Alamannös •• •• •• ags. Alm an Almen = Almen na altn. Almadhr Almenn = Almennir. Herr Baumann glaubt nun nicht, daß Ala in dem Namen Alamanni das verstärkende Präfix sei; denn im zufolge findet das Präfix ala nur Anwendung in Adjektiven, Adverbien oder zu Ad- verbien gewordenen substantivischen Formeln; nie aber verbindet es sich mit waren echten Substantiven. Es sind hier ebenso vile Unrichtigkeiten und Irrtümer als Säze ausgesprochen. Zunächst siht man aus der widerholten Be- zeichnung „Präfix", daß Herr B. das Wort ala nicht für das alte oben geschilderte Adjektivum, sondern für „eine an sich bedeu- tungslose Vorsilbe" hält. Schon das ist bezeichnend. Was soll man aber dazu sagen, daß er behauptet, ala verbinde sich nie mit waren echten Substantiven? Was sind denn alewalto, alenamo, was sind die ags. und altn. Ausdrücke? Doch halt! Wenn ein Substantiv im Laufe der Zeit adverbial gebraucht wird, wie die übrigen ahd. Composita, die oben aufgezält sind, dann verlirt es ja nach der Meinung des Hrn. B. sein Anrecht auf den sub- stantivischen Taufschein. Weil heim, ursprünglich ein Hauptwort von der Bedeutung Haus, Heimat, jezt nur noch als Adverb ge- braucht wird, das lediglich die Richtung einer Tätigkeit anzeigt (heim gehen), so hat es alles Recht auf seine substantivische Her- kunft verwirkt? Weil die Wörter überJiaupt, zufrieden im jezi- gen Sprachgebrauche iren nominalen Sinn von Haupt und Frieden eingebüßt haben, so sollen sie nie Substantiva gewesen sein? Haben denn die französischen enfin, vis- ä- vis, derechef oder die lat. ex- templo, invicem, obviam sich ires Rechtes, substantivischer Her- kunft zu sein, deswegen begeben, weil man im gewönlichen Sprach- gebrauch inen keine substantivische Kraft der Bedeutung mer an- fült? Nein, sondern alle so gebildeten Adverbien sind einmal wäre Substantive gewesen. Das zufrieden war einst ein wirkliches Frie- den mit der Präposition zu, wie wir das noch halb und halb em- pfinden in der Redensart: einen Zornigen zufrieden (zu Frieden) stellen. Das überhaupt war noch im Mittelalter ein Fechteraus- druck (über houbet), welcher Luftstreiche über den Kopf weg be- zeichnete. So sind nun auch die oben aufgezälten ahd. Ausdrücke, wenn sie gleich adverbialisch gebraucht sind, von und mit waren, 282 echten Substantiven gebildet; ire adverbialische Verwendung tut irem Ursprung keinen Abbruch, und es ist daher vom Standpunkt der historischen Grammatik aus irrig zu behaupten, jene mit ala zusammengesezten Substantiva seien keine waren Substantiva. Wenn wir nun nach dem Sinn des Namens Alamanni forschen, so stossen wir zunächst wieder auf eine alte Deutung. Da ist es ja freilich richtig, daß spätere römische und griechische Geschicht- schreiber oder Lexikographen deutsche Namen gedankenlos aus dem Lateinischen oder Griechischen deuteten; so z. B. Libanius 3, 317 den Frankennamen: sdvog nsrpQay/ntvov ngbq rä xGxv noksfx&v sgya; so Dexippus nach dem Etym. magn. den Herulernamen: änb twv ixeios eXcov "EXovqoi, xixXTjvvav; so den Gepidennamen das Etym. magn. aus dem Griechischen: rrjnaideq olovei rsrinaiieg, ol rerwv natdeg, Isidorus aus dem Lateinischen: Gipedes pedestri prcelio magis quam equestri sunt usi, et ex hac causa ita vocati. In die- selbe Kategorie der Gedankenlosigkeiten gehört nun auch die Er- klärung des Allemannennamen8 bei Servius (ad Virg. Georg. 4, 278) : Popnli habitantes juxta Lemannum lacum Alemanni dicuntur, die auch Isidor *) wieder aufgenommen hat: Alemanni a fluvio (!) Le- mano, Worte, die uns höchstens die schäzbare Notiz auf indirek- tem Wege vermitteln, daß man zu Servius Zeiten schon Alemanni neben Alamanni sagte, was mir oben (S. 273) entgangen ist. Aber neben solchen Albernheiten Bind uns auch Erklärungen aus dem Deutschen aus alter Zeit auf bewart, welche den Charakter von Volksetymologien an sich tragen ; so wenn Orosius 7, 82 von den Burgundern sagt: hos Burgundiones quondam subacta interiore Germania a Druso et Tiberio per castra dispositos ajunt in mag- nam coaluisse gentem, atque etiam nomen ex opere praasurapsisse, quia crebra per limitem habitacula constituta, burgos vulgo vo- cant. Orosius, ein spanischer Priester, Schüler des h. Augustinus, schrib seine Weltgeschichte um 417; er hat seine Etymologie nicht erdichtet, sondern offenbar aus deutschem Munde vernommen; sie ist auch, was das Etymon betrifft, richtig, nur die Begründung ist falsch. Eine Volksetymologie ist es, wenn das Etym. magn. den Namen AoyyißaQdoi, erklärt, wvrson ßa&eluv vmyvrjv (Schnurrbart) xal (xaxgäv fyovreg, was Isidorus und Paul. Diac. widerholen. Eine Volksetymologie ist es, wenn Jornandes den Namen der Gepiden als einen Spottnamen ansiht, der dem Volke wegen seiner lang- samen Ueberfart aus Scaudinavien gegeben worden sei; gepanta bedeute auf gothisch pigrum aliquid tardumque. Es fragt sich darum : Wie ist die Erklärung des Allemannen- namens durch Asinius Quadratus aufzufassen, als gedankenlose Flause oder als Volksetymologie? Hat Quadratus zu seiner Deu- 1) Es ist mir unbegreiflich, wie Hr. B. behaupten kann, im frühern Mittelalter habe jedermann gemeint, der Volksname sei von Lemannus, dem Limmatflusse (!), abgeleitet. 283 tung die lat. und griechische oder die deutsche Sprache zu Rate gezogen? Asinius Quadratus lebte im dritten Jarhundert nach Christo zur Zeit des Kaisers Philippus Arabs (244 — 249); denn er schrib eine römische Geschichte in griechischer Sprache unter dem Titel c Pu)fiaixij yjXiaQ/ia auf das tausendjärige Jubiläum der Stadt Rom a. 248. Auch alle seine andern Bücher, so die par-- thische und deutsche Geschichte, soll er griechisch abgefaßt haben, loh erwäne diß darum, weil Agathias in sonderbarer Weise olvtjq ^IrakiciTfjg und nicht c Pü)f.iatog nennt. ^IzaXiwzfjg kann zweierlei be- zeichnen: entweder einen Griechen, der in Italien wont, besonders einen Bewoner von Großgriechenland oder Unteritalien, oder aber einen Römer, der griechisch schreibt und durch seine griechisch geschribenen Werke der griechischen Litteratur angehört. Da der Mann einen lateinischen Namen trägt, so trifft bei im natürlich nur das leztere zu. Mit diser Tatsache gewinnen wir zugleich die Anname, daß Agathias das Citat aus des Quadratus Geschichte der Deutseben warscheinlich wörtlich anfürt: ol ö*b ^AXa^iavoi^ ei ye XQrj y Aotvv'i(ü KovuÖqokü eneo&ai, avägl haXimrj xal ra Fegfiarixä ig to äxQtßtc ävaysyQafi/nsno^ ^vvijXvdig (a. L. %vyxh)Ö8q) slow äv- &Q(x)7ioi xal /uiyudeg, xal tqZto dvvaxai aircotg rj inwwfiia. Der lezte Zusaz deutet darauf hin, dass wir hier eine Volksetymologie yor uns haben, d. h. eine Worterklärung, die Quadratus nicht selbst gemacht hat weder mit Hülfe einer klassischen, noch mit Hülfe der deutschen Sprache, sondern die im aus deutschem Munde als allgemein angenommene Erklärung der Allemannen überliefert worden ist: xal tovto dvvarai avwlg r\ snww/iiia „und dises be- deutet inen die Benennung' 4 . Aus dem griechischen alXog konnte Quadratus den Namen Alamanni nicht so deuten, wie er es ge- tan hat; denn aklo- heist in Zusammensezungen wie als Sim- plex ander, fremd, abgeneigt, feindlich; av&Qwnoi äkXocfvXoi z. B. sind fremde Menschen, Leute von anderm Stamme, aber nicht „zu- sammengelaufene und gemischte". Ebenso verhält es sich mit dem lat. alius und seinen Gompositis. Also bleibt in der Tat nur die Anname übrig, daß wir hier eine interpretatio e vernaculo ser- mone vor uns haben. Es ist nun nicht nötig zu glauben, daß die deutschen Ge- wärsmänner gerade das philologisch richtige Etymon ires Volks- namens getroffen haben oder daß sie es, wenn sie auch das rich- tige im Auge hatten, gerade richtig auslegten; die Volksetymo- logie kennt die philologische Akribie nicht; es genügt ir, wenn sie einen plausiblen Grund für eine Benennung anzugeben weiß. So mögen denn auch die etymologisirenden Allemannen in dem ala- ires Namens schon nicht -mer den Begriff der Ganzheit, sondern den der Allheit gefült haben, und leicht mochte inen vorschweben, dise Allheit, dise Gesammtheit sei ein Allerlei, eine Vereinigung viler verschidener und mannigfaltiger Menschen, one daß inen da- bei, wie iren modernen Nachbetern, irgendwie die Vorstellung 284 eines Völkervereines verschidener Stamme einfallen konnte, inen, die alle sich ires soebischen Geblütes so ser bewußt waren. Dem Ganzen und Vollkommenen stet das Halbe und unvoll- kommene gegenüber. Wir besizen eine kleine Anzal altdeutscher Eigennamen, welche Mischlinge, Kinder gemischter Eltern bezeich- nen. Halbwalah bei Schannat, Halbdurinc bei Goldast und Schannat aus dem 8. und 9. Jarhundert. Halbinc Halbker Chalpaida mögen änliches bezeichnen. Die Ausleger sind über den Sinn nicht ganz einig. Mone im Anzeiger 1835 S. 389 meint, das seien Leute, die ejnen Thüringer und Welschen zum Vater, aber eine fremde Mutter haben; Grimin Gr. 2, 633 glaubt, dise Namen drückten Abkunft aus der Ehe einer Thüringerin oder Italienerin mit einem fremdem Manne aus. So wird auch der Healfdene Semidanus 1 ) im Beövulf 377 einen Mann bezeichnen, der nur von einer elter- lichen Seite her ein Däne ist, vermutlich so, daß die Mutter eine Ausländerin war. Der Halbinc mag ein Kind sein aus uneben- bürtiger Ehe, d. h. ein Kegel, ein Bastart 8 ). Wir sprechen jezt noch von halben Geschwistern und halber Geburt. Man kann mit jenen Namen vergleichen gr. y/uißaQßuQog ^fitiXhjv yuuovdouog muxoijs rjuiSovXog, lat. semibarbarus semigrsecus semigraaculus se- mijud«us semimedus seminumida semipersa semiplacentinus. Mischung bezeichnen offenbar auch Hazcöz Hessengothe, Diot- goz Theotgdt Theudgaud und Theudigotha Volksgothe Theutgothe, Hüngöz Hunnengothe, Suävegotha Schwabengothin (worüber ich in der Gesch. des Schweiz. BR. 1, 77 Note 4 eine Vermutung ange- deutet habe). Der Mischlingsgeburt stet die reine Abkunft gegenüber; dise bezeichnet die alte Sprache mit dem Adj. erchan (allem, urche purus), z. B. erchanpruoder frater germanus. Darum werden wol auch die Eigennamen Ercangaud Erchanswap Erkanwalh mit „reiner Gothe, Schwabe, Walche" zu übersezen sein. Heutzutage deuten wir dise unvermischte Nationalitat bei einigen Stämmen mit dem Adj. alt an: Altbaier, Altengländer, Althesse (gegenüber dem Hanauer und Schaumburger), Altsachse (zwischen Weser und Elbe angesessen, gewönlich Nidersachse genannt). Schon früher kannte man dise Namengebung : Altswap Altturinc Altwalh Althün 8 ); das ags. Ealdseaxen meint auch die Sachsen zwischen Weser und Elbe. Reine edle Geburt mag ferner ausgedrückt sein durch Namen wie Adalgaud Adilgöz Edelgothe, Adalheit edle Person, Adalhün Edel- hunne, Adalswap Edelschwab, Adalwalah Edelwalch, Adalman Edel- mann (dises zusammengezogen in Alman, wie Adalbero Adalberht 1) Prof. Birlinger übersezt „Kleindäne" aus Dakini, die wie die Gothini sich vom Hauptstamme trennten. 2) Bastart bezeichnet urspr. nicht von unehelicher Geburt, sondern wie heute noch bei Schweinen und andern Tieren von gemischter Race. 3) Natürlich ist alter Hün im Hildebrandslied ganz anders ge- meint. 285 Adalbrant Adalfrit Adalfuns Adalmuot Adalrich Adalwin in Albero Albert Albrant Alfrit Alfons Almuot Airich Alwin); änlich mag auch Magangöz den reinen echten Gothen ausdrücken. So könnte denn in Alamanni die Reinheit des Volksstammes angedeutet sein; es würde dann das ala das Vollkommene und Reine gegenüber dem Vermischten und Unechten bezeichnen, — wenn es nur zu den Ala- manni analoge Alafranci Aladuringä Alagothi Alaswapa gäbe. Da diß nicht der Fall ist, wird dise Auslegung abzuweisen sein. Noch kommt mir ein anderes Wort in die Quere, mit dem ich mich abzufinden habe.. Bei den Langobarden gab es wie bei andern deutschen Stämmen einen zwischen den Sklaven und den Vollfreien mitten inne befindlichen Stand der aldii oder aldiones, welcher entweder durch Geburt oder durch Freilassung erworben werden konnte. Der Aldio genoß eines geringen Wergeides, das nicht einmal die Hälfte von demjenigen eines Freien betrug.* Blib er auch seinem Herrn für immer zu gewissen Zinsen und Diensten verpflichtet, so galt sein Verhältnis doch nicht für ein servitium, sondern nur für eine obedientia; nicht für Leibeigenschaft, sondern nur für Hörigkeit, und sein Herr hieß darum nicht dominus, son- dern patronus. Der Aldio war nicht rechtlos, sondern rechtsfähig ; sein abhängiges Verhältnis beruhte nicht auf persönlicher Willkür, sondern auf dinglicher Uebereinkunft ; er selbst konnte wie ein Freier Land und Leute zu Eigen besizen, konnte ein dominus sein. Aber selbständig war er darum doch nicht; seine Rechtsgeschäfte bedurften der Genemigung des Schuzherrn; sein im anvertrautes Gut konnte er und die Seinigen nicht verlassen. Kurz, die Aktio- nen hatten einen Fuß noch in der Knechtschaft, den andern schon in der Freiheit. Das Wort aldii aldiones get in seinem zweiten Bestandteil zurück auf goth. thius Knecht, thivi Magd, thivan dienen (synonym andbahtjan, skalkinon), thivadi (wie skalkinassus) Knechtschaft, thiu- magus Dienstknabe. Im Ahd. findet sich diu dio nur in Eigen-, namen, von denen ich die merkwürdigen Adaldiu Erchandiu Ir- mindiu Thiotdiu und Aladiu erwäne; selbständig ist das Wort diorna (eig. diuwarna) die Dirne, d. h. ancilla; dionön servire ist verkürzt aus diuwinön, dionust aus diuwinuet. Die fränkische Form war vermutlich theo, wie sich aus der malb. Glosse und aus einigen n. pr. ergibt. Im Ags. bedeutete theöv den gänzlich un- freien Sklaven theöva ancilla, theövdom servitus, theövjan servire, theövboren serviliter natus ; nicht anders das altn. thyr servus, th^ ancilla, thiona servire, thia in servitutem redigere. Es kann kein Zweifel darüber walten: aldii und aldiones ist ein Compositum mit disem dio und mit ai; aldiu scheint ursprüng- lich geheißen zu haben ein ganzer Sklave, ein echter Knecht, so gut als alein ganz einzig, älröt ganz rot. Die Germanisten scheuen sich vor diser Etymologie, weil der Sinn des Wortes im longo- bardischen und bäurischen Rechte damit in Widerspruch s$et, in- 286 sofern als die longobardiscben und bairischen Aldionen keine völli- gen Sklaven, sondern vilmer Hörige mit persönlicber Freiheit und dinglicher Abhängigkeit waren. Diß könnte darauf füren, anzu- nemen, wir faßten jezt allgemein, wenn auch gemäß der Ueber- lieferung, das Wort dio mit seinen Ableitungen in vil zu hartem Sinne auf; dio sei urspr. nicht der Sklave harter Leibeigenschaft, sondern bezeichne wol einen freier gestellten Diener oder Unter- gebenen; das sehe man an der Ableitung diot und diota, das Volk, nämlich in seinem Verhältnis zum Könige ; niemals habe in Deutsch- land das Volk die sklavische Unterwürfigkeit orientalischer Unter- tanen geduldet, und doch gehörten diot und diota zu dio. Oder man müste die Ansicht aufstellen, der Name aldiones habe zwar ursprünglich Leibeigene der härtesten Knechtschaft bezeichnet; aber dise Leibeigenen seien beim bairischen und langobardischen Volksstamme entweder allmälig oder durch. einen plözlichen Akt und jedenfalls in prähistorischer Zeit auf die Stufe der Freige- lassenen oder der Colonen vorgerückt; man habe aber, wie das oft geschehe, den alten Namen bei disen Leuten fortgebraucht, und für die eigentlichen Leibeigenen wieder andere Bezeichnungen in Umlauf gesezt. Nun hatte, wie oben S. 264 gezeigt worden ist, auch das Wort man den Sinn des dienenden leibeigenen Menschen. Darum würde zu dem aldio ein alman als Synonynum treten, wenn ein solches alman anderswie sicherer als aus den Ortsnamen Almansdorf Al- mansberg zu belegen wäre. Dagegen entspräche dem Alaman in diser Vergleichung jedenfalls der Name des goth. Feldherrn Ala- theus (Alathius), und es wäre ser instruktiv, genau zu wissen, wie sich der Sinn zwischen Alatheus und aldio schide, da sich daraus auch die Differenz zwischen Alaman und alman ergäbe. Wie dem aber auch sei, wir werden die Erklärung des Wor- tes Allemannen kaum im Spiegel der Aldionen suchen dürfen; denn die Allemannen waren keine Sklaven und keine Hörigen, man müste denn zu der bedenklichen Auskunft seine Zuflucht nemen, die Be- zeichnung ,, Ganzknechte", „Alldiener" sei inen von iren gehässigen Nachbarstämmen als Schimpfwort erteilt worden. Es bleibt uns also nur noch eine Auslegung übrig. Die Niderdeutschen brauchen das Wort allmann jezt noch im Sinne von jedermann. De van not kumt to et, dat is allmauns verdret (Verdruß). Göd is göd, man alto göd is allmanns narr. Im Mün- sterlande heißt es : Selve is en gud krüt, ower 't wäst nich in allemanns gören. Frommann MA. 4, 143. 5, 429. 6, 430 (wo der Herausgeber diß Wort als gen. plur. deutet, da doch das brem. Wb. 3, 123 einen nom. allmann kennt). Auch den skandinavischen Sprachen ist diser Ausdruck noch geläufig und zwar als Appellativum r ) : schwedisch allmän, dänisch almeen (alle- 1) Die Almenningen sind große Pläze in der Stadt Bergen in 287 mands ven, i allemands munde) ; vgl. altn. allmennr vulgaris, com- munis; almennfngr universitas. Holländisch alleman jedermann, Jan alleman Hans Jedermann. Unser Allmende, das jezt den Sinn von ausgedentem Heideland einer Gemeinde, Gemeinweide ange- nommen hat, get zurück auf ein ahd. alamannida, der Weideplaz der Allmenschen, die gemeine Trift. Die Allemannen sind etymologisch die Allmenschen', daran ist formell kein Zweifel. Wie das aber in jenem grauen Altertum, das hinter aller Geschichte im Nebel stet, beim Aufkommen des Völkernamens gemeint gewesen sei, darüber kann man wol nur Vermutungen aufstellen. Eine solche Vermutung will ich hier an- deuten, jedoch mit allem Vorbehalt besserer Erkenntnis oder besse- rer Belerung. Gesezt, die Allemannen seien, wie Herr Baumann zimlich plausibel gemacht hat, identisch mit den Semnonen, dem caput Sueborum, so muste dises Volk nach allem, was wir von im wissen, ein festes Bewußtsein davon haben, daß es ein zähes statliches Ganze, eine universitas bildete; hegte es doch ein starkes Bewußt- sein seines eigentümlichen Kultus, wie Tacitus es bezeugt, und pflegte es doch eines ausgeprägten einheitlichen Rechtes, das erst vile Jarhunderte nach der Völkerwanderung in die Brüche gieng. Die Mitglider diser s tatlichen universitas, wie man noch im Mittel- alter freie statliche Verbindungen gerne bezeichnete, nannten sich mit einem gewissen Stolze alamannä, Leute des gemeinen Wesens, gemeine Leute, Allraenschen, universi homines. Urkunden-Eingänge späterer Jarhunderte geben uns noch einen Widerhall von diser stolzen Benennung: universis hominibus vallis Uranise, universitas hominum intramontanorum u. dgl. Nicht anders ist der Ausdruck lantliute von Ure, von Swits und von Unterwaiden gemeint. Wir dürfen in ja nicht, wie uns der jezige Sprachgebrauch verlocken will, im Gegensaz zu statliute fassen; das will er durchaus nicht ausdrücken. Land ist in alter Sprache das Vaterland, dessen Grenzen ein einheitliches Statsgebit einschließen; in Zusammen- seznngen wird damit bald die große Ausdenung, bald das Heimi- sche hervorgehoben (Landrecht Landesfürst Landesherr Landeskirche Landmark Landfriede Landsgemeinde Landgericht landläufig Land- pfleger Landsasse Landschade Landstraße Landsturm Landtag Land- wehr Landschade Landzwinger; Landesart Landesbrauch Landes- tracht Landsknecht Landeskraft Landvieh Landwein u. s. w.); so sind auch lantliute nicht Bauern, sondern Landeseinwoner, Land- sassen, Bürger des Landes; lantliute faßt die sämmtlichen Mit- glider der statlichen Gemeinschaft zusammen, die universi homines, alle Männer des ganzen Landes. Ebenso sind auch Alamannä die Norwegen; Almendingen und Almindingen sind norwegische Dörfer, deren Namen mit dem südd. Allmendingen homonym sind, nur daß lezteres ahd. Alamnntinga hieß. Ein Almandbjerg erhebt sich in Nor- wegen im Osten von der Stadt Aune im Drivatal.