Feuilleton. Todtes Capi odtes Capital. oman von Louise Ernesti. (Fortsetzung.) Vielleicht war es stannenswerth, daß die schöne Frau unter den augenblicklichen ungün stigen Verhaltnissen ihrer Stellung und Lage sich öffentlich zu zeigen wagte. Man wußte, sie stand im Begriff, jetzt bon ihrem Gemahl geschieden zu werden, mit dem sie sehr unglück lich gelebt und dessen Vermögen sie förmlich verschleudert hatte. Lucie von Kramer war aber zu reizend, um nicht zu wissen, was sie Alles wagen durfte. Sie hatte sich in Ein samkeit, ohne laute Bewunderung schon viel zu sehr gelangweilt, um nicht endlich einmal wieder hervorzutreten und ihre Schönheit in dem Licht und in den Toiletten leuchten zu lassen, die so vortheilhaft für ihr Aeu— ßeres sind —Dazu war seit Kurzem ein Hoffen in ihr aufgelebt, das ihr noch einmal den gan zen Zauber jugendlicher Elasticität zurückgab. Der reiche Banquier Frankoni tam nmlich fast täglich in die entlegene Vorstadt, wohin sie ihre Mittellossigkeit getrieben hatte. Was tonnte—was sollte ihn wie sie bald glaubte Anderes dahin führen als der Wunsch, sie, die sich von Allen zurückgezogen, zu sehen Die Dame kannte nun aber die Männer zu gut, um nicht zu wissen, daß ihr Anspruch an eine schöne Frau ein wenig über die Grenzen bescheidenen Grußes aus der Ferne hinaus geht. Nachdem sie denn etliche Wochen am Fenster die hochachtungsvollen Grüße ent gegen genommen hatte, die der reiche Mann aus seiner schönen Equipage zu ihr empor—- sandte da beschloß sie, ihn zu belohnen. War der reiche Banquier doch einst ihr Vereh rer gewesen, und legte er nicht gerade jetzt so viel Treue für sie an den Tag, wo ihr Ehe sche' dungöprozeß eine etwas unangenehme Wendung für sie nahm ihr böser Gemahl Anklage um Anklage gegen sie erhob und nicht einmal dulden wollte, daß sie in Zukunft den Namen Kramer führte Ja wie leichtsinnig die schöne Nixe auch sein mochte und als weichen kleinen Teufel ihr Gemahl das zarte Geschöpf mit dem Engels gesichtchen hinzustellen bemüht war, um seine Freiheit und Ruhe wieder zu erlangen eine Tugend—die der Dankbarkeit —wohnte doch in ihrer Brust So suchte sie denn eines Tages, nachdem sie bei Doktor Emanuel Richter, dem Advokaten ihres Mannes, gewesen, um ihn ein Scheusal an Bosheit zu nennen und sich als Engel hin zustellen —den Banquier auf und war seit dem Tage häufiger Gast seines Hauses. Die kleine Victorine Frankoni hing sich näm lich mit leidenschaftlicher Bewunderung und Zärtlichkeit an die reizende Frau, und so wie er dieser seiner einzigen Tochter Alles und Je des gewährte, das sie erfreute und wünschte, erfüllte er auch ihr neues Begehren: mit Frau von Kramer spazieren zu fahren und in's Theater zu gehen anstatt mit ihrer Gouer nante, die das Gegentheil der schönen und lie benswürdigen Nixe war. Die Welt suchte und fand nun aber andere Gründe in der plötzlich entstandenen Freund schaft einer Frau von fünfundzwanzig Jahren und einem Kinde von elf namentlich zu der Zeit, wo Frau von Kramer ihn stets neuen und glänzenden Toiletten in einer Loge des ersten Ranges im Opernhause zu sinden war, elegante Equipage sie dahin brachte und ab holte—ihre bescheidene Wohnung in der Vor— stadt jedoch beibehielt und Banquier Frankoni dort fast täglich vorüber fuhr. Bald schwor man darauf, sie wären mit einander verlobt man meinte sogar hie und da, ob diese Liebe, die jetzt plötzlich an's Tageslicht trat, nicht vielleicht Ursache der Scheidung des Kramer'schen Ehepaares überhaupt sei Der Banquier selbst blieb undurchdringlich bei Neckereien und Anspielungen und gab als Grund des Verkehrs einzig die Wünsche seines eigenwilligen und seltsamen Kindes an. Dok—- tor Richter behauptete sogar fest: Vincenz Frankoni würde die Nixe nie heirathen, und wäre sie zehnmal geschieden, denn er sei viel zu hochmüthig geworden, eine Frau zu neh men, die, wie ja bekannt wäre, der untersten Voltksklasse entstamme und nur durch ihr Ta lent sich emporgearbeitet habe. Sagte nun irgend Jemand: Der Banquier liebe die schöne Frau zu sehr, um sichæum ihre Geburt zu bekümmern, oder sein Herz würde ihm einen Streich spielen da lachte er heli auf und erzählte, wie ihm einmat Jemand vor vielen Jahren aus Vincenz Frankoni's Jugend eine Anekdote mitgetheilt hätte, nach der die ser zwei Dinge des Lebens als todtes Capital bezeichnet. Das eine sei gewesen Herz zu ha ben oder dem Herzen bei wichtigen Angelegen heiten nur überhaupt Stimme einzuräumen. Fragte man den Advokaten danach, was der Banquier außerdem noch zu todtem Capital rechne, —so antwortete er entweder, dies Zweite habe er vergessen, oder aber entgegnete mit schlauem Lächeln: Banquier Frankoni ist mein Client und die Angelegenheiten eines solchen müssen uns Notaren um so heiliger sein, wenn sie in Pribatleben eingreifen. Die schöne Nixe hörte auch von dieser bar varischen Ansicht des reichen Mannes, Herz als todtes Capital zu betrachten Sie lächelte aber sehr cher, wenn sie sich der Worte gerade zu der Zeit erinnerte, wo sie vor dem Spiegel stand und ihre ätherische Schönheit betrachtete. Sie würde übrigens an dem Tage des Festes den tostbaren Hermelin, den ihr der Banquier nach ihr Güte gegen seine Tochter im Richter'- schen Hause zum Geschenk gemacht hattr, viel ieicht —zusammeunschaudernd vor böser Ahnung —fester um die zarten Schultern gezogen ha ben, wenn sie den zweiten Theil von Vincenz Frankoni's Lebenssphilosophie getaunt hätte, der sie auch noch zum Opfer fallen sollte. Frau von Kramer —die schöne RNixe—tauchte aber einmal nicht gern in dunkte Tiefen anderntheils war sie viel zu oberflãchlich, um über den Augenblick weit hinaus zu denken. Die Gegenwort konnte ihr noch nicht viel An deres bringen, als sie erreicht: schöne Ge schente —Freilich, ein deutliches Wort hätte er schon sagen tönnen, meinte sie jetzt öfter trostete sich aber doch immer mit dem Gedan ten, daß, sei sie erst frei, so würde er sie schnell genug in Fesseln schlagen. Um dieses Geschick, das sie seines Reichthumso wegen immer heißer ersehnte, batt möglichst zu erreichen—suchte sie jetzt hufig den Advolaten auf, ihn zu bitten: die Scheidungöangelegen heit zu beschieunigen. Die Frau in dem meergrünen Gewande, die E cidast aussah, war nach allem diesen Tichts weuiger denn tadelloser Charakter. Wie hoch sich aber auch ihr Sündenregister belief älles Böse an ihr hatte in den Augen der Männerwelt ein ebergewicht in jener bezau bernden Liebenöwürdigkeit, der selbst einstmals der ernste exclusive Geheimrath von Kramer nicht widerstehen tonnte und durch welche sie noch immer, wenn sie wollte ober dies gar er strebte, die Herzen von Jung und Alt gewann. Sie hatte unter allen Mänunern der Residenz nicht eiumal den zum Feinde, welcher der lang jährige treue Freund des von ihr so schlecht be handelten Gemahls war und von diesem zu ihrem Widersacher im Scheidungoöprozeß er wählt worden —den Abppokaten Richter. Der alte Rechtsgelehrte haßte die junge Frau mmer nur so lange mit hestiger Erbit eruag, tpie er sie nicht sah und sie ihm nicht mit der Kangvollen weichen Stimme unter Thränen ihr Leid klagte und um Hüife bat. Pochte sie ihm auch noch so viel Zeit rauben ernstlich böse konnte er ihr nicht sein, wenn der Zauber ihres Wesens auf ihn einwirkte und er unter dem mächtigen Einfluß ihrer Grazie und Schönheit stand. Er schrleh an solchen Tagen mitunter ein wenig heftig an seinen Freund, ihren Gemahl, der sich längst aus der Residenz versetzen tieß schrieb ihm sogar einmal in solchem Briese: Du bist zu strenge gegen fie und Pedant —Du solltest Dich wahrlich schamen, so böfe und rachsüchtig ge gen das anmuthige Geschöpf zu handeln, das ja eigentlich ein reines Kind an Unschuld und Naivitãt ist. Das reine Kind rieb sich nach dexartigen Erfolgen bei ihrem Geguer lachend die seinen Hänbchen—ihre bezauberten Bewunderer lach den mit ihr, und Notar Richter schalt sich einen Rarren, wenn nicht gar schlimmer, sowie er zur Einsicht gelaugte, den Koketterien des ver führerischen jungen Weibes erlegen zu seiu und ihr nun noch gar Stichblatt der Witze zu dienen. Heillose Schlange! rief er in solchen Au gendblicken der Ertenntniß heillose Schlange so murmelte er auch in den Nachmittagostun den des Festtages, als die schöne junge Frau die weinende Victorine Frankoni unten im Laden der Quäkerin in ihren Armen hielt anscheinend nur das aufgeregte Kind besänf tigend —in Wahrheit aber, wie er deutlich be merkte einzig Aug' und Ohr dafür hatte, aufzufangen, was der alte Maun—der sich der xeiche Jakob Stettenheim aus Franutfurt am Main genannt hatte und doch gar so erbärm— lich und elend aussah gegen den Banquier Frantkoni im Ladenstübchen nebenan hervor sprudelte. Es ist ein Wahnsinniger, mein Engel! so beschwichtigte Fran von Kramer liebevoll das ebenfalls aufhorchende Kind, und doppelt ver wundert schaute daher der Advocat die schöne Frau in jenem Augenblicke an, als sie zu ihm sehr leise, aber sehr entschieden sagte: Irre scheint der alte Mann nicht zu sein, nur sehr erbittert und aufgeregt gegen unsern vortreff üichen Freund, den Banquier. Doktor Emanuel Richter, der längst das Gefährliche im Charakter der schönen Nixe er tannt hatte und jetzt in dem Aufblitzen ihrer Augen Anderes, als nur jene Liebe darin fand, die sie der Welt Meinung nach für Vincenz Frankoni hegte er hielt nach dieser Aeuße rung für gut, die Freundin des vortrefflichen Mannes sammt dessen Kinde aus dem Laden zu entfernen. Später hielt er auch für gera then, seinem alten Elienten zu sagen: Die schöne Frau ven Kramer ist die Einzige, die mehr von den Beschuldigungen des elenden Menschen gehört hat, und Sie, welche die Nixe besser kennen denn ich, werden vielleicht wissen, ob Ihnen von der Seite die Gefahr droht, die Sie meiner Ansicht nach ziemlich unnöthig von Anderen befürchten Der kostbare Hermelin, den Frau von Kra—- mer bei der Heimkehr in ihrer Wohnung vor fand und der sie völlig berauschte, war das Erste, was sie nach der erlebten Scene von ih—- rem Freunde sah. Das Zweite: sie kam ziem lich früh zum Balle, um sich, wie sie sagte, der kleinen Victorine zu zeigen, die so viel Ge schmack hatte, daß es eine Freude sei, des Kin des Urtheil über Toilette zu hören. In Wahr heit aber kam die liebliche Lucie, um von ih rem reichen und großmüthigen Freunde das noch Fehlende an ihrer Toilette bemerkt zu se hen den Mangel eines Brillant-Colliers. Wie rasch konnte dem durch jenen in der Mar tinistraße im Laden eines Hofjuweliers aus liegenden Schmuck noch abgeholfen werden, wenn er großmüthig sein wollte —wenn er sie liebte War Banquier Frankoni nun zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß er nichts von den neuen Wünschen seiner an spruchövollen Freundin ahnte —oder wollte er den Schein vermeiden, sich ihre Verschwie genheit heut' zu erkaufen ?—Ziemlich zerstreut sah er in Victorinens Zimmer auf die prächtige Toilette der meergrünen Nixe; er lächelte aber, als seine Tochter sinnend sprach: Papa, EA rosenkranzr eigentlich noch ein Halsband ha— ben, das wie Wassertropfen aussähe! Mit dem Lächeln mit der Bemerkung: Und diese Wassertropfen müssen natürlich Brillanten sein, endete der Banquier die Scene zum höchsten Aerger der reizenden Frau. —Sie mußte dann noch bei ihrem späteren Eintritt in den Ballsaal die ziemlich klare An spielung, die er machte, hinnehmen, daß sie an dem Tage unverschämt gewesen sei, noch mehr zu verlangen. Als sie durch die Flügelthüren rauschte, umhüllte sie nämlich jener kostbare Hermelin, den sie von ihm am Nachmittage zum Geschenk erhalten hatte, und den sie ab gelegt, als er in das Zimmer seiner Tochter eingetreten war. Sollte er die fehlenden Bril lanten an ihrer Toilette bemerken, so mußte er doch den schönen Hals sehen, den er zu schmü cken versäumt Sie reichte ihm beim Eintritt in die Gesell schaftoöräume nun aber so anmuthig lächelnd die Hand, als habe nichts die hohe Fluth ihrer Ansprüche gehemmt ;—er aber sagte, als er sich herabbeugte, diese Hand zu küssen, leise: Wie bin ich erfreut, daß der Hermelin noch recht zeitig zu Ihnen gelangte —lhre eben so schöne, wie geschmackvolle Toilette zu vervollständigen —und Ihnen der Beweis liefern konnte, wie gern ich eine meinem Kinde erwiesene Liebe durch kleine Aufmerksamkeit vergelte. Sollte er den Geiz kennen dachte die schöne Frau, und ihre weiße Stirn runzelte sich ein wenig, daß er Hermelin und Brillantcollier zu viel fand. Sie zwang Heiterkeit in ihre Züge, als sie nun hier einen Gruß erwiederte, dort eine Anrede in ihrer anmuthigsten Weise beantwortete und in den Trouble der Gesell schaft hineingerissen wurde. Durch Alles, was sie sah und hörte dachte und sprach, da zit terte aber die Erinnerung an den Empfang fort, an welche sich die bange Frage reihte: Sallte er wirklich nicht daran denten, Dich zu heirathen, wie jener alte Actenwurm Dir pro bhezeite ?—Warum nennt er immer sein Kind? —warum spricht er nicht lieber von sich? —Diese Fragen verstimmten die junge Frau immer mehr, bis sie zu dem Entschluß gelangte: Heute will ich endlich Gewißheit haben, und die Scene dieses Nachmittags soll mir dazu dienen, ihm zu zeigen, daß ich ihn fester in meinem Netze halt, als er weiß und ihm an genehm ist Siebentes Capitel. Die Gelegenheit zur Ausführung ihrer kiei nen Manipulationen erschien Frau von Kra mer immer günstiger als sie bei ihren Beob—- achtungen des Banquirs fort und fort jene Angst und Unruhe bemerkte, die flüchtig aber deutlich durch seine Züge irrte. Was konnte Beides Anderes hervorgerufen haben, als die Scene des Nachmittags Hatte sie ihn doch bei der Begegnung in der Martinistraße eini— ge Stunden zuvor so heiter, so unbekümmert gesehen, um ihn nun in ciner Weise verändert zu finden, die sie bei seinem sonst so sichern, ja selbstbewußten Auftreten für unmöglich bei ihm gehalten haben würde. Kaum war denn das Fest im vollsten Gange unz Alles beschäftigt: die älteren mit Spiel und Unter haltung, kaum gewahrte die schöne, die ewig beobachtende Lucie, daß auch ihr geistig niedergedrückter Freund eiu wenig aufathmete unter den Pflichten der Gastfreundschaft, die ihm augenblicklich etwas Ruhe gönnten da stand sie plötzlich neben ihm und ihre hellen Augen senkten sich in seinen düstern Blick. „Was quält Sie fragte sie weich und zärtlich, um halb verzweifelt, halb in Angst gleich darauf auszurufen: „Ach, die Redens arten Ihres früheren Freundes bekümmern Sie sicherlich.“ „Meines früheren Freundes?“ fragte er langsam und sah sie forschend an, trotzdem die fahle Blässe, die sein Gesicht bei ihrem Aus— ruf angenommen hatte, ihr schnell verrieth: er wußte, wen sie meinte. „Ja, jenes alten Juden Stettenheim!“ sprach sie unschuldig, und ihre weit geöffneten, träumerischen Augen nahmen den Ausdruck des Entsetzens an, æls sie schaudernd hinzu—- fügte: „Welch' ein fürchterlicher Mensch!“ Hatte die junge Frau einen Schlag aus theilen und sich des Mannes versichern wollen, dessen Reichthum sie für ihre Lebens- und Toilettenansprüche ersehnte, so erkannte sie bald, leicht war er nicht zu fangen und zu ver wunden. Mit einer Ruhe, mit einer Kälte, die, wenn sie erheuchelt wat ihrer gespielten Unschuld gleich kam an Kunstfertigkeit des Ausdrucks fragte er, als suche er Anderer aber nicht seine eigene Angeiegenheit zu erörtern: Wie tommen Sie dazu, den langjährigen, den ärg sten und bösesten Feind meines Lebens als als meinen Freund zu bezeichnen Die Verwirrnng, die sie bei dem scharfen Blick seiner Augen, bei der ernsten bei der ruhigen Frage erfaßte, war teine gespielte nein, eine so durchaus wirkliche und natürliche, daß er lãcheind ihres Arm ergriff, ihn durch den seinigen zog, ie zu etüem derßlumen ver— decktesten Etablissements eines letren Neben zimmers leitete und sie da mit den Worten in einen Sessel noöthigte: Sie scheinen unwohl zu sein, gnädigste Frau! Ihr wurde in der That jetzt ein wenig un wohil, als er einen andern Sessel derart vor die Leine Blumenlaube hinrollte, daß dieser, wie er nun in demselben Platz nahm, den Ausgang vollig verdecte und sie ziemlich als Gefangene in der Ecte saß. So“ sprach er mit lachendem Munde, gber mit unheinzlich funkelnden Augen: Jetzt Beichte: was Sie auf die Idee gebracht hat, jenes elende Geschöpf „meinen Freund“ zu neunen? „So ist er's gicht brachte sie nur müh sam hervor, um dann mit einem Versuch, lieb lich und unbefängen zu lächeln, beizufügen: „Wie glücklich mich das macht!“ Urtheilen Sie selbst, sprach er in einem Tone, mit einem Wesen, das beides sehr den Schein der Offenheit an sich trug, wenn er auch mit dieser außerordentlich geschickt einen ge wissen Schmerz vereinte, der seinen Augen und Zügen vortheilhast stand. Ich will Ihnen eiwas aus meiner Vexgangenheit mittheilen nur zwei Züge, aus denen Sie dann selbst den Schluß ziehen moögen, ob Herr Stetteuheim mein Freund ist sein kann! Lucie von Kramer sah in jenem wohlkleiden den Ausdrag der Trauer ein Mittel, ihre Un vorsichtigteit wieder gut machen zu können, und rief lebhaft: O nein, s nein, Sie sollen nicht in Ihre Vergangenheit zurückgehen, in weicher vielleicht wie in der von Tausenden von Menschen eine dunkle Stelle ist, die den Rückblick zu einenz trgurigen macht. Mit Schwärmerei zu ihm hinblictend, setzte se nach kurzer Pause hinzu: Mir genügt, zu wissen, daß Ihre Energie, Ihr Talent sich Bahn im Leben gebrochen haben. Er sah sie talt ay und entgegnete ruhig: Die duntein Stellen meines Lebens sind nicht don der Art, wie Sie anzunehmen scheinen nicht so, daßz siesich nichtunter Freunden besprechen lleßen Ich habe nichts zu scht uen wie vielleicht mancher Andere in meiner Lage und Verhältnissen koönnte selbst ruhig von jeneu Tagen der Mühen reden, die mehr und minder jedez Emporschwingen zu Sphären be gleitet, in denen wir zwar nicht geboren wur den zu denen aber doch ver höher erschassene Geist hinstrebte. Auyßerdem, gnadigste Frau gehöre ich, wie auch Sie, zu denen, die nicht vor den Thoren des Gelingens stehen blieben, sondern erreichten was sie exstrehten. Jede edel denkende Natur tann solcher Auf schwung, solches Gelingen nur erfreuen. Bei— des wird nur dann lächerlich, wenn Jemand ängstlich vermeidet von dem zu reden, das seine Vergaugenheit einst bildete. —Er hielt inne und sah fie wit ein wenig spöttischem Blick an, der ihr das Biut iz die Wangen trieb und sie an eine Scene mahnte, vie ge so unglücktich gewesen war vor Kurzem in seiner Gegenwart zu erlebeu. Sie stammte, wie bereits gesagt ist, aus dem Volke, wenn sie auch kein Kind der Resi denz war, sondern vielmehr in einem ber Hauptstadt uahe getegen Dorfe geboren wurde. Führte sie nun ihr Genius auch in andere Sphären ihre Verwandten blieben in schlichten sogar ärmlichen Verhltnissen. Sie fagte sich zwar von ihnen los, konnte aber dennoch die ünzertrennlichen Bande der Natur Illinois Staats -Zeitung. 25. Jahrgang. nicht völlig lösen. So hörte sie wieder vor Wochen von diesen Eine Schwester ihrer Mutter die Unangenehmste ihrer Verwand ten, die lange Zeit in der Heimath ihres Man-- nes, im Nassauischen, gelebt hatte, kehrte nach dessen Tode in das Dorf zurück und wurde später Zeitungausträgerin in der Residenz. Als die alte arme Frau sie besuchte, ließ sie sich verleugnen sie aber ganz vermeiden zu sollen, schien nicht im Willen des Geschicks zu liegen. Die etwas fabelhaft costümirte Zei tungoträgerin kam eines Tages an ihrem Hause vorüber, als sie gerade in die Equipage des Banquirs einsteigen wollte, um mit ihm und seiner Tochter in's Theater zu fahren Sie erkannte die Tante voll Entsetzen sogleich und wandte fremd und stolz den Kopf ab, Die alte Frau, die dem Anschein nach sehr boshaft war, ließ sich dadurch nicht beirren, redete sie an, freute sich, daß es ihr so gut ging, und hat sie dann mit ziemlich rücksichtsloser Offenheit um die Gunst: bis zur Stadt mitfahren zu dürfen, wo ihr Bureau sei, aus dem sie neue Zeitungserxemplare zu holen habe. Während sie wie vernichtend dastand be endete der Banquier die Scene rasch dadurch, daß er die Alte aufforderte, einzusteigen. Die Güte und Freundlichkeit, mit der er zu ihr re dete, stachen seltsam gegen den Hochmuth und die Zurückhaltung der Nichte ab Nein, nein, ich schene mich nicht von ver gangen Zeiten zn reden, fuhr der Banquier mit so unbefangenem Tone fort, als ahne er nichts von diesen Reminiscenzen, die er doch absichtlich wachgerufen hatte. Leiser mit einem Ausdruck, Ider ihr Herz zu rascheren Schlägen brachte, sprach er weiter: Wollen Sie meine beiden Beweise nicht anhören, die ich dafür habe, daß der alte AntiquarStetten heim mein Feind ist— so muß ich ja fast den ken, Sie interessirten sich weniger für mich, als Sie so gütig waren, mich in letzter Zeit glauben zu machen.“ Sie lächelte ihn zärtlich an und blickte dann verschämt auf die Blumen in ihrer Hand. Er lächelte auch —aber unendlich spöttisch, als er sie einige Secunden stumm betrachtete; finster wurde jedoch in nächster Minute sein Antlitz als er sagte: Herr Stettenheim hat mich heute einen verlaufenen italienischen Seiltänzerbuben genannt, wie mir Advocat Richter und die Quäkerin erzählte —An einer Seiltänzerbude auf der Frankfurter Messe machte ich allerdings seine Bekanntschaft jedoch in anderer Weise, als er andeutete und Sie annahmen. Er behauptete nämlich damals: das Weib an der Kasse habe ihm da seinen Geldbeutei gestohlen! Noch sehe ich ihn vor mir, wie sich seine greuliche Physiog-- nomie in Wuth verzerrte, in die ohnehin der Geiz und die Habsucht schon ihren widerwär tigsten Stempel gedrückt hatten; eben so klar —nein noch deutlicher steht aber vor mir die unglückliche Frau an der Kasse, mit ihrem todtblassen Gesicht mit ihren sprühenden Augen, als sie—die aus Italien stammte, nur mühsam die deutsche Sprache redete und ver stand, begriffen hatte, daß er sie des Diebstahls anklagte und sein Geschrei und Geheul die Menge aniockte. Diese Menschenmasse theilte sich wie das stets bei allen solchen Veran lassungen zu geschehen pflegt, in zwei Par teien Die für die fremde Frau auftretende wurde übertäubt stumm gemacht bis die Polizei sich einmischte und ohne auf mein Be theuern zu achten—daß ich die vermißteßörse soeben an der Erde entdeckt habe—dem Anklä ger glaubte, der behauptete: „die Frau habe sie dahin geworfen, sich zu retten!“ Jene Frau, die zu dem traurigen Broter werb: an der Kasse einer Seiltänzerbude zu sitzen, gegriffen hatte als sie zu schwach und zu krank war, sich und ihr Kind durch Arbeit ernähren zu können sie starb noch in dersel-- ben Nacht im Gesängnisse. Es war meine Mutter —Als man mich am nächsten Morgen auf der Straße, an der Schwelle jenes Hauses fand, wo sie in einsamer Zelle einsam sterben mußte da hörte ich, daß der herbeigezogene Arzt erklärt hatte: sie wäre schon lange brust- und lungenleidend gewesen eine Arterie sei gesprungen, was ihr Ende beschleunigt habe. Vincenz Frankoni hielt inne, fuhr erst nach langer Pause fort: Was verstand ich, der kaum achtjährige Knabe, von Schwindsucht nnd von Arterien ich erblickte einzig in Jakob Stettenheim den Mörder meiner Mutter —Er aber betrachtete mich, so lange ich Kind war, nicht anders, wie man etwa ein lästiges Insect bemerktt Wir sahen uns öfter in den folgenden Jahren, und jede dieser Begegnungen steigerte, wie ich glaube, unsere gegeuseitige Antipathie. —Diese Gefühle nahmen bei ihm den Charakter der sinnlosesten Wuth und heftigsten Erbitterung an, als er später um ein Mädchen von großer Schönheit warb, die ihn unler dem Grunde abwies: mich zu lieben! Er war zu jener Zeit reich —ich arm —Doch jetzt genug davon —und sind Sie nun überzeugt, daß der Alte nicht mein Freund ist Nach echter Frauenart hatte Lucie von Kra—- mer auf diese Frage nur eine Gegenfrage, und sie lautete: Das Mädchen, das er liebte, wurde sie Ihre Frau? O nein, erwiderte der Banquier düster, um lächelnd beizufügen, indem er sich erhob: Ich verpflichtete mich nur, Ihnen zwei Züge aus meinem Leben und nicht dessen ganzen Roman zu erzählen. Sie war klug genug, nicht weit in ihn zu dringen, und sagte freundlich: Verlassen Sie sich auf meine Discretion, Herr Frankoni. Wiederum erschien das spöttische Lächeln in seinem Gesichte und er wiederholte staunend: Discretion? um dann halb höhnisch, halb verbindlich hinzuzusetzen: Gnädigste Frau, ich stelle die Erlebnisse an der Seiltänzerbude ganz zu Ihrer Verfügung, im Fall Sie ein mal keinen andern und besseren Stoff zu pi kanter Conversation habenn-. Sie erkannte, abermals einen Fehler gemacht und den stolzen Mann beleidigt zu haben. Als er aufstand und sie ihren Gedanken über ließ, die er vielleicht wohlthätig für sie erach tete, da war sie sehr unzufrieden mit sich und der Rolle, die sie gespielt hatte. Dergleichen Einsicht ist vielleicht die verstimmendste für eine an Bewunderung gewöhnte und damit ver wöhnte Schöne. Aergerlich biß sie ihre kteinen Zähne zusammen—aus Aug' und Zügen wich der träumertische Ausdruck, um erst dem eines verdrießlichen Sinnens Platz zu machen, auf das dann immer ein ernsteres Nachdenken folgte; Wie stand sie mit ihm, von dem alle Welt behauptete: er liebe sie! von dem sie seit Wochen die Erklärung, den Antrag er— hoffte, seine Gattin werden zu sollen? Die Antwort auf diese Frage war tief demüthigend denn gab sie der Wahrheit die Ehre, so mußie sie eingestehen, bisher nur in der ab hängigen Lage der Dankbgrkeit sich ihm ge— genber zu befinden und noch nicht die min deste Sicherheit für ihr Hoffen, trotz alles Be müühens, erhalten zu haben. Unerträglich, gzz unerträglich wurde der schönen Frau der plötzliche Gedanfe an die Möglichkeit, sich geirxt zu haben und daß der réiche Bauquier in Wgohrheit nur freundlich gegen sie sei, weil sie sich so sehr warm qh sein Kind dugelchiosen und dies kleine Mädchen sle so zärtlich liebte —atte er nicht noch am vergangenen Täge zn ihr gesagt, wie glücklich er sein würde, wenn die Goubernante feiner Tochter von ihrer Liebenwürdigkeit profitire und die kleine Victorine sie lieber gewänne Zu was brauchte ihr aber die Gouvernante dhnlig zu werden und des Kindes Herz zu ge ipinnen, wenun se einft dessen Mutter sein folite ?—Nein, nein, rief sie erregt er datchte noch nie daran, mich zu seiner Gattin zü er wählen, und all' seine Geschente stnd Gaben der Aufmerksamkeit aber nicht der Liebe Dg tauchte plötzlich tröstend das Erinnern an seine tägtihen Feysterpromenaden auf Kaum daß sich aber dieser Baisan quf die Wunden gelegt, die bittere Erkenntniß soeben ihrem Stolze und ihrer Eitelkeit geschlagen hatte —da dachte sle zum ersten Mal: ob er den Weg in die cinsame Vorstadt vieileicht aus anderen Gründen unternommen und daß sie dort wohne anfangs vielleicht gar nicht ge wußt habe Letzteres schien ihr plötzlich ganz wahrschein lich, alõ sie zwei Zine in Verbindnng brach te: jene Frau mit denistranthaft blassen Gesicht den trüben, verweinten Augen —mit dem Zuge des Leidens und Duldens, —bie Frau, welche sie in den Nachmittagöstunden an dex Seite des widerwärtigen Männes gesehen, den diese nicht als ihren Mann, auch als einen Irren bezeichnet hatte diese Frau kannte sie! Am Nachmittage hatte sie sich vergeblich ge fragt, wo he jenes kranke, müde Gesicht gese hen —Jetzt, jetzt wußte sie's: die Frau wohnte in der Vorstadt —Sie hatte sie zu verschiede-- nen Malen ain Feuster eines einsam gelegeuen Gartenhauses erblickt, welche qan außersten Ende der Vorstadt, in der Rähe jenes kleinen Wäldchens lag, von dem der Banquier ihr ge sagt, daß dort sein Lieblingsspaziergaug sei. Nach dieser Entdeckung stürmte eine wahre Fluth von Annahmen und Möglichkeiten —ber die Nixe herein. Bebenden Herzens fragte sie sich, ov biese Frau es sei, die ihn einst geliebt habe und durch irgeyd welches Verhängniß gezwungen worden, den alten Juden zu heirathen. zu urtheilen war auch sie orientalischerAblunft, und halte nur der perschiedene Glaube ste damals von Vincenz Frantoni getrennt Warey sie aber auch von einander geschieden und lebten in entgegengesetztesten Sphären, ein Etwas verband Beide noch! Wie eifrig hatten sie am Rachmittage zusammen geredet o, daß sie darauf geachtet hätte, anstatt auf jene Worte, die der Irre gesprochen! Konnte Lucie von Kramer nun aber auch so wie jetzt momentan ein Versäumniß bedau ern und sich ärgern, noch immer nicht genug bedacht zu sein, Alles im Leben zu beachten und in Erwägung zu ziehen, um sich nach haltig über etwas zu grämen, das zu den ge schehenen und demnach nicht mehr zu ändern den Dingen gehörte, dazu war sie zu leichter, zu sprunghafter Natur. Darum bedachte sie auch einzig ferner, was ihr möglicher Weise nützen und dienen könnte sann auf ein Mittel, den Banquier zu etwas zu zwingen, das sie vermöge aller angewaudten Koketterien noch immer nicht erreicht hatte, von welchem Ziele sie sich in dem Augenblicke zu ihrem größten Schmerze ferner sah denn je.. Sollte wie sie plötzlich dachte jene am Nach mittag erlebte Scene ihr denn nichts bieten, den unabhängigen Charakter zu beugen den stolzen Mann in einen demüthig Bittenden verwandeln zu können Was nützten ihr seine Geschenke, und wa ren sie noch so reich wenn sie nicht Aussicht hatte, als seine Gattin einstmals dauernd und immer von seinem Reichthum zu profitiren? Ja,; ja, die schöne Lucie wollte, mußte be rechtigten Anspruch an all' das haben, womit in ietzter Zeit nur seine Güte sie verwöhnt. Sie schauderte vor der Möglichkeit zurück, all' die Annehmlichkeiten des Reichthums, die sie als Victorine Frankoni's Freundin genossen, je wieder entbehren zu sollen, oder aber diese künftig, so wie jetzt, nur allein der Großmuth eines Wohilthäters zu verdanken. Wie dies zu vermeiden, beschäftigtẽ die schöne Lucie immer mehr, und es schien, als wolle sie um jeden Preis den Mann alsScla ven zu ihren Füßen sehen, der bisher ihr ge- Frtrer nur stets die Rolle des Herrschers ge pielt. Die Nixe stand so in Grübeln und Denken vertieft da, daß sie nicht einmal bemerkte, wic Banquier Frankoni sie vom Nebenzimmer aus durch einen Spiegel beobachtete nnd wie er lachend den gerade eintretenden Advocaten Richter auf sie aufmerksam machte. Wie hätte sie aber auch in dem Augenblick, wo sie endlich im Chaos alles Dunkels ein Licht sah —an Anderes denken können, als: so rasch wie möglich sich der Mittel zu versichern, die sie zum ersehnten Ziele führen mußten. Sie hatte diese gefunden sie glaubte es mindestens, als sie sich der entsetzlichen Aufre gung entsann, in der sie VictorineFrankoni im Laden der Quäkerin angetroffen, nachdem man das Kind glücklich von Jakob Stettenheim losgerissen. Am Nachmittage hatte man sie verhindert, das Kind auszufragen jetzt aber war die Kleine allein. Mit aufblitzenden Augen ging Lucie von Kramer zur nahenThür, die zum Corridor führte den Advocaten Richter aber, der ihr nacheilen wollte, hieltVin cenz Frankoui mit boshaftem Lächeln zurück, indem er sagte: Bemühen Sie sich nicht ich sorgte für Alles für mehr als Sie ahnen und die Nixe sich träumen läßt. Achtes Capitel. Jene Aehnlichkeit im Aussehen, welche dem Radenauer und dem Gandersberger Hof einst mals den Namen „die Zwillinge der Martini straße“ gegeben, erstreckte sich selbst bis auf je nes im Garten liegende Haus das stets den jüngeren Mitgliedern der Familie zur Stadt bewohnung gedient hatte. Nachdem der Gan dersberger Hof in die Hände von Vincenz Frankoni übergegangen war und er ihn für seine Zwecke herrichten und darin bauen ließ, brachte er jenes Gartenhaus mit dem stattli— chen Vordergebäude in Verbindung und ließ diesen Seitenflügel außerdem bedeutend ver größern. Einestheils wollte er im oberen Stock möglichste Ausdehnnng für Gesellschaft sräume gewinnen, andertheils im Parterre weder in seinem Geschäfslocale noch in seiner Privatwohnung, im geringsten mit Platz be schränkt sein. Das Geschäftslocal, das er nach französi schem Muster in großartigster Weise, eben so geschmackvoll wie bequem einrichten ließ, nahm das ganze Parterre des Vorderhauses derart in Anspruch, daß ihm dort nur zwei Räume zu seinem Privatgebrauch blieben. Es war seine große Schreib- und das kleinere, un mittelbar an die Kasse stoßende Thurmgemach, das ihm als Schlafzimmer diente. Beide standen mit seiner äußerst eleganten Privat wohnung im Parterre des Seitenflügels in Verbindung, und an sein Schlafzimmer im Thurme grenzte das seiner Tochter. Die Leute hatten demnach nicht so unrecht, wenn sie vom Banquier Frankoni sagten: selbst Nachts vermöge er nicht von den Schätzen sei nes Lebens fern zu sein. Wenige Minuten später, nachdem Lucie von Kramer die oberen Geseilschaftsräume verlas sen hatte, stand sie im Schtafzimmer von Vic torine Frankoni. Wie staunte sie, das Kind dort nicht zu finden und statt dessen alle mög lichen Vorbereitungen, wie wenn das Mädchen Theil am Feste im Hause nehmen sollte. Da lag ein förmlicher kleiner Ballstaat bereit vomßosenkranze bis zu den zierlichsten Sch uhen herab, Alles fertig und geordnet. Der jungen Frau Staunen—ihren Schreck, Victo— rine nicht zn finden und möglicher Weise keine Gelegenheit zu haben, mit ihr allein zu sprechen all' dies uuterbrach ein kurzer lauter Aus ruf im Zimmer nebenan dessen Ton gleich verrieth, daß Jemand dort unruhig träumte und nur im Schlase sprach. Fast mit Ent zücken erkannte die Nixe die Stimme ihrer klei nen Freundin. Sie war ihr also erreichbar war im anstoßenden Gemache in der Schla fstube ihres Vaters, deren Thür halb offen stand. Keine Secunde schwankte sie, ob sie da hineingehen dürfe und könne. Stand sie doch seit Monaten mit dem Kinde auf ver trautestem Fuße, hatte unzählige Male von des Mädchens Schlafstube aus einen Blick in den Raum geworfen, wo wie Victorine ihr erzählt der Papa bis tief in die Nacht hin ein oft arbeite und schreibe. So trat sie denn rasch, doch leise zur Schwelle und stieß sie völ lig auf. Ihr forschendes Auge glitt gleich zu dem helleren Theil des weiten Gemaches, wo eine brennende Ampel ihr mildes Licht über ein niedriges Ruhebett warf. Dort lag die Tochter des Banquiers in einer so reizenden Nachtkleidung, zwischen mit Spi.en garnirten Kissen, daß sie, die so offenes Auge, so em pfänglichen Sinn für Schönheit, Luxus und Eleganz hatte, anfangs nur dies bemerkte und unwillkürlich dachte: Wie reich muß er doch sein, so viel schon an die Toilette des Kindes wenden zu können! Im nächsten Augenblick nahm sie aber Anderes in Anspruch. Das Mädchen fuhr plötzlich aus dem Schlafe empor, noch sichtlich verwirrt und beängstigt durch einen Traum, sah sie sich entsetzt im Ziminer üum, ünb inbem sie mit der Hand in die Tiefe des Gemachso deutele, wo gegenüber dem hohen Bogenfenster des Erkers ein Bitd hing, däs sast die Hälfte der Holztäfelung be decte, init der das ganze Thurmzinmer um—- kleidet ar, ricf sie bebend Meint der alte sMann etwg den großen schwärzen Schrank, den ich dort einmal sah Nur eine Secunde folgten die Blicke der schönen Lueie dex aygegebenen Richkung; sie büeben aber nicht häften n dem alten Ge mätde, das die Findung Mosis darstellte, son dern rasch richtete ste ihre hellen Augen wieder auf das erregte Kind eilte dem Divan ent gegen, umfaßte die zitternde Victorine, küßte bie brennenden Lippen und fragte tiebevolt Was nn Du nurx, mein Engel wgs trum tet Du, niein Liebling ?Du bist ja gauz estürgt! Ach der entsetzliche Mann rief das Mäd-- chen schaudernd. Er sprach wieder mit mir. Sie sah zu der jungen Frau empor, die sie so gartlich lievte schmiegte sich fest an sie und setzte tief aufathmend hinzu: O wie gut, daß Du da bist, Tante Lucie Bon welchem Manne redest Du, mein En—- gel? fragte die Andere unfchutdig. Der mich heute Nachmittag, als ich mir die Galerie von der Straße aus ansehen wollte, von der ein Stein herabgefallen war- gleich fest hielt und so böse von Papas alten Schränten sprach. Weißt Du das nicht mehr? Ich weiß nichts davon, mein Liebchen ich tam ja erst später! Was sagte er? Dir wird gewiß gut thun, mir Alles zu erzählen, was Dich beängftigt; Dir wird dann besser werden. Sie zog das reizende Kind wieder an ihre Brust, streichelte schmeichelnd die heißen Wan hgen, küßte Stirn und Augen und sprach freundlich: So nun erzähle die ganze Ge schichte von dem entsetzlichen Manne. Die Kleiue richtete sich aus den Armen der schönen Frau auf und hesann sich ersichtlich, die wirren Bilder, welche ber Schlaf ihr ge bracht hatte, zu ordnen, sie von den wirklichen Erlebnissen zu trennen und ihrer liebebollen Freundin Alles anzuvertrauen. Gerade als sie zu reden beginnen wollte die Augen der Nixe an ihr hingen wie an einem Orakel da schob sich ein bärtiges Männerantlitz zwi schen dgs hühsche Bild, das Beide abgaben. Derßanquier; defsen Koumen lemand von ihnen bemerkt hatte, spräch im Tone einer an scheinend sehr tiefsen Bewegung: O, gnädige Frau, wie soll ich Ihnen nur danken für all' die aufopfernde Güte gegen mein Kind! Oben sucht der Präsident nach Ihnen, um Sie zu Tische zu eugagiren, und Sie Sie be Chieago, Dienstag, Dezember. schäftigen sich im einsamen Zimmer mit mei— nem fieberkranken Liebling! Die schöne Frau saß wie gelähmt, wie auf einem Verbrechen ertappt da, und unerklärlich, daß der Banquier sogar nichts von der Ver— störung ihrer Züge, bon ihrer völligen Fas sungslosigkeit zu bemerken schien. Er beschäf tigte sich zwar momentan auch sehr eifrig mit seiner reizenden Tochter und blickte erst wieder zu ihr hin, als sie kaum hörbar sagte: Was werden Sie denken, mich hier hier zu fin den! Ich würde uicht staunen und wäre der Platz, wo Victorine sich gerade befindet, das Ende der Welt! Weg dahin zu bahnen wissen, und ich bin so tief gerührt von dieser Sympathie und Zärt lichkeit, daß mir die Worte fehlen, Ihnen aus zudrücken, was ich empfinde. So vermutheten Sie mich also gleich hier, als Sie mich oben nicht fanden! rief sie lch elnd und mit neu gewonnener Fassung. Das Gefühl des Glücks, von ihm, dem so sehr inAn spruch genommenen Wirthe, sosort vermißt zu sein, war ihr unendlich schmeichelhaft, ver bürgte ihr plötzlich wieder Vieles und beruhigte ihre aufgeregten Nerven völlig. „Ach nein,“ gestand er zu ihrem Entsetzen sehr ruhig ein und fuhr mit großem Ernste fort: mir ward gerade nachdem ich mich vor hin von Ihnen entfernte, so höchst Unerwar-- tetes und Verdrießliches mitgetheilt, daß ich nur daran denken konnte Noch kann ich mich kaum von dem Schreck erholen oder ruhig über Anderes sprechen. Er schwieg eine Secunde; sie sah ihn neugierig, erwartungsvoll an, als er dann rasch hinzusetzte: In demselben Augenblick, wo ich, jenes Entsetzliche hörend, erstarrt da stand nur dachte, was Sie Sie sagen wie Sie sich gleich mir erschrecken würden, er zählte ich Ihnen die Sache und erzählen muß ich's Ihnen sofort da, in der Minute ließ mich Victorinens aufmerksame Pflegerin davon benachrichtigen, daß eingetroffen sei, was ich schon heute Nachmittag befürchtet habe: daß mein lebhaft aufgeregtes Kind in Folge des gehabten Schreckes phantasiren und Fieber bekommen würde. Gleichzeitig hörte ich, daß Sie aber schon bei ber Patientin wä— ren. „Victorinens Pflegerin wiederholte Frau von Kramer verwundert, und sehr ge ängstigt vom Gedanken, daß diese Pflegerin gehört haben könnte, was sie gesagt, setzte sie ziemlich fassungslos hinzu: „Wo war sie wo ist sie Dort im Erker, wie mir scheint, wo sie den Schauplatz ihrer irdischen Thätigkeit zugleich überblicken känn, erwiederte lächelnd Vincenz Frankoni Sie antwortete nicht eilte aber rasch zu jenem Platz, dem weiten, tiefen Bogenfenster des Erkers, durch das man auf das Giebelhaus des Advocateu und speciell das breite Fenster von Hilarh Ahston's Laden sah. Als sie nä— her trat erhob sich aus dem Schatten dieser tiefen Nische eine Gestalt, und das sanfte, stille, in dem Augenblick aber sehr ernste Ant litz der Quäkerin wandte sich ihr zu, bei der sie, seit ihrer Freundschaft mit Victorine Frankoni, ihre Stickutensilien zu kaufen pflegte Ist Hilary Ahston in ihren Dienst getreten, Herr Frankoni? fragte sie ein wenig spitz denn plötzlich fiel ihr ein, daß jene ihr schon am Nachmittag entgegen gehandelt hatte, als sie bemüht war, das Geschehene jenen Vor fall auf der Straße vonVictorine Frankoni zu erfahren. In meinen Dienst getreten? wiederholte der Banquier ruhig, o nein, nein! Die gute Hilarh leistet mir aber beständig Dienste, seit dem ich ihr den kleinen Gefallen that, die nö thige Caution für sie in Genf zu stellen. Sie hat ein Herz, wie man es selten in der Welt noch findet treu und dankbar es treibt sie immer an zu vergelten. Als sie vorhin ge hört, mein Kind sei unwohl dem ich die Ueberraschung zugedacht hatte, den Ball eine Stunde mit anzusehen da ist sie gleich ge kommen, die Nachtwache zu übernehmen und zu sehen, ob der Zustand gefährlich ist. Ich soll den Ball mit ansehen, Papa ju— belte das Mädchen in einem so lebhaften Ent zücken, daß der Banquier, der seine Tochter durch neue Eindrücke die alten des Tages ver gessen machen wollte einsah, sein Mittel würde ein sehr wirksames werden. Ja, Du solltest, mein Liebling! sprach er zärtlich und setzte langsam hinzu: entwe— der um besser beobachten zu können, ob die Aussicht auf Fehlschlag sie schon hinlänglich von ihrer schönen Freundin abziehen würde, oder ob sie Trost für Alles im Zusammensein mit dieser finden könnte „ja, Du solltest,“ wiederholte er, und wirfst Du einen Blick in Dein Zinmer, so wirst Du sehen, daß ich Dich nicht umsonst von da entfernte und Alles zu Deiner Toilette dort vorbereitet ist. Aber Du bist gja krank! Nun tröste Dich die gute Frau v n Kramer wird jetzt noch bei Dir bleiben und Du erzählst ihr Deine bösen Träume. (Fortsetzung folat.) m (Correspondent der Illinois Staatszeitung.) Von der Elbe. Von der Elbe, 11. November. Die neuesten aus Chicago in Deutsch land eingetroffenen Nächrichten haben uns endlich einen Ueberblick über das unsägliche Brandunglück gewährt Solch eine Kata—- strophe voll Grauen und Entsetzen übersteigt auch die kühnste Phantasie. Aber der Ge—- danke, daß dieses entsetzliche Elend in allen Welttheilen die wärmste Theitnahme findet, erhebt, noch mehr aber imponirt die That sache, daß Chicago sich resignirt in das Un—- abänderliche findet, daß es den Muth nicht verloren hat, sondern frisch an's Werk geht, um sich aufzuraffen und die mächtige Stel— lung wieder zu gewinnen, die es vor dem Brande eingenommen. Glück auf! Unterdessen legt auch Deutschland die Hände nicht in den Schoos. Immer neue Hülfe wird für die liebe Stadt am Michigan ge spendet. Aller Orten wird gesammelt und es thun sich sogar die Sparbüchsen der Kinder auf. Jeder will sein Scherflein beitragen, damit es hinüber gesendet werde, um die Noth zu lindern. Im Norden wie im Süden des deutschen Reiches regen sich zu diesem Zwecke alle Hände; ganz besonders zeichnet sich im Süden die alte Stadt Würzburg aus, sie läutet, so zu sagen, alle „Glöckli“, um einen ersten Rang unter den spendenden Städten Deutschlands einzunehmen. Zu die sem Zwecke veranstalteten die vereinigten Männergesangvereine ein Monstreconcert, der Theaterdirektor gab eine Vorstellung und der Magistrat ordnete eine Hauscollëte an. Im Norden ist es Leipzig, das unermüd lich bemüht ist, seinen alten Ruf, Wohlthä tigkeit in hochherzigster Weise zu üben, in schönstem Glanze strahlen zu lassen. So hat der Vorsttzenbt der Handelstanmer in der gestrigen Nummer des „Leipziger Tageblat tes“ für die Nothleidenden in Chicago die Sumie vey 4749 Thlrn. 17 Sgr 4 Pf. quittirt. Darunter befinden sich noch nicht die Sammlungen der „Illustrirten Zeitung“ und der Erientube er noch lange nicht geschlossen 8 „und gewiß eine erkleck liche Summe einbringen werden. Welche Anstrengungen die Stadt Leipzig während des Krieges gemacht, geht aus einer heute veröffenttichten Quittung über die Ga ben an baarem Geld zu Unterstützungs—- -wecken hervor. Abgesehen von kleinexen Sammlungen und Geschenken sind gespendet worden: Breimaglhunberttgusend sie benhündert und fünfunddreißig Thaler! Interesant ist zu vernehmen, wie sich die einzelnen Posten gestalten, d. h. es quittirten: Internationaler Hilfovberein über 82,002 Thlr., Sächsischer Militair-Hilfsverein Leipzig 74,705, Hilfoverein zur Unterstützung der Angehörigen einberufezer Reservisten und Wehrmänner 53,401, Comite für Bewirtihung durchziehender Truppen 18,401, Verein„„Va— terlands-Dank“ 3032, Weihnachts-Beschee rungs-Comite 3268, Comite für die bei Zschortau verunglückten Soldaten 1212, Sei tens der Gemeindevertretung für die Friedens stiftung 20,000, für die Unterstützung und Bewirthung ber heimlehrenden Truppen 20,000, Priuatgaben zur Friedensstiftung 4175 Thlr. Nun bedenke man, daß an Pro viant, Kleidungoöstücken, Tabak, Weine und andere Eitituesen. Verbandftücken u. drgl. enorme Massen gefpendet und nach den Schlachfeldern befördert wurden. der Privat spenden, welche den Truppen per Feldpost übermittelt wurden, nicht zu gedenken, und man wird ein Bild von der Größe der Leipziger Wohlthätigkeitsspenden erhalten. Ferner: es passirten Leipzig auf dem Wege nach Frank reich vom Juli 1870 bis Januar 1871 in Summa 1890 195 Mann, und durch Leihzig kanien aus Frankreich zurück vomn Februar 1870 bis Juli 1871 inSumma 216,290 Mann, zufammen 405,494 Mann, fast die Hälfte der ganzen deutschen Armee. An diese Mann schaften nun wurden vertheiltk·“ 1,231,425 Stück Cigarren, 1 Centner Rauchtabat, 1251 Eimer, 5 Faß, 51 Kannen Bier, 3800 Flaschen, 2Ohnm, 2 Fasß. l Eimer Wein; 1711 Fla schen Selterwasser 268 Flafchen Spirltuofen, 25 Pfd. Chocolade, ünd 160,000 Exem plare des Liederheftes· „Gruß und Dank Leipzigs den heimkehrenden Kriegern.“ Die Kosten hierfür, durch freiwillige Beiträge aud allen Kreisen der tädtischen Bevölkerung aufgebracht, betrugen insgesammt 11, 039Thtr. Dazu kommen noch die bis jetzt unbekannten Gaben für Bewirthung der jüngst aus Frank— reich heimgekehrten 24. Division. Gewiß, Leipzig hat seine Schuldigkeit gethan! Die Rückkehr der 24. Division, der letzten sächsischen Truppen, welche in Frankreich cm pirten, ist nunmehr beendet und hat in Folge dessen König Johann einen Tagesbefehi an die Truppen erlassen, in welchem er diefelben willtommen im Vaterlande heißt und ihnen zugleich seinen Dank für die bewiesene Tapfer keit und Mannszucht im Felde ausspricht. Fast jede Stadt und jedes Städtchen in Sachsen hat seine „Triumphstraße“ gehabt, überall Festlichkeiten, aber auch nur zu oft mit Trauer untermischt, denn ihrer sind viele, viele, die beim Einzug fehlten. Groß—- artig war der Einzug des 107. Regiments, das nur mit einem Drittel seiner Mannschaft aus dem furchtbaren Blutbad bei Brie sur Marne hervorging. Ihm zn Ehren war der Reichsfeldmarschall Kronprinz Albert und Prinz Georg nach Leipzig gekommen, um die Tapferen zu begrüßen und in die Stadt zu führen. Es war ain 2ten November, gerade elf Monate nach dem blutigen Tage an der Marne, als der Einzug in die reich geschmückte Stadt unter dem Geläute aller Glocken und dem unbeschreiblichen Jubel der Bevölkerung erfolgte Ein unaufhörlicher Blumenregen siel auf die Sieger nieder, so daß nicht selten die Pferde der Officiere unruhig wurden. Leipzigs Begeisterung hatte ihren Höhepunkt erreicht! Ich übergehe alle officiellen Emp— fangsfeierlichkeiten, die Revue vor dem Hotel de Prusse, die Festbankette der Truppen, und will nur noch erwähnen, daß am Abend eine der glänzendsten Illuminationen, die Leipzig je gesehen, in Scene gesetzt wurde. Das Wetter war im Allgemeinen nicht gerade un-- günstig zu nennen, nur meinte der Kronprinz, der imHotel de Prusse abgestiegen war, „etwas Sonne hätte wohl das Fest noch gehoben An dem Festbanket, das die Stadt Leipzig den Officieren des 107. Regiments und des gleich zeitig mit eingezogenen 3 Reiterregiments zu Ehren gab, betheiligten sich auch die beiden königlichen Gäste. Kronprinz Albert brachte einen Toast auf die Stadt Leipzig, welche un ter allen sächsischen Städten am meisten für die Truppen im Felde gethan. Diese Worte werden die Dresdener Residenzler ver schnupfen. Daß die social demokratischen Organe über die Einzugsfestlichkeiten weidlich schimpfen würden, gerade so gehässig, wie sie es bei Enthüllung des Körner-Denk—- mals in Dresden gethan, war vorauszuse hen. Die neuesie Nummer des Bebel-Lieb knecht'schen .Volkssstaates“ geht denn auch dem Feste mit Knütteln zu Leibe und schreit Zeter über die Kosten für das Officiersban ket, bei welchem das Couvert 7ʒ Thaler (na türlich inelusive Wein) gekostet habe, für wel chen Betrag man ja ein Dutzend hungernde Arbeiterfamilien hätte sättigen können. Die Magenfrage spielte auch in diesem Falle wieder eine Hauptrolle. Das Volk aber, die socialdemokratische Minorität ausgenommen, hielt es mit einem Spruche, der an einer der vielen Triumphbogen angebracht war und der wie folgt lautete: Wieder darf die Freude walten, Eine bess're Zukunft naht! Nach des Todes blut'ger Ernte Reift des Lebens goldne Saat.“ Vorigen Mittwoch meldete uns der Tele graph aus Berlin, daß Bebel im Reichstage gesprochen habe. Solche Mittheilungen bilden in Sachsen, namentlich in Leipzig, wo der edle Drechslermeister zu Hause, immer ein wichtiges Ereigniß. Mit äußerster Span—- nung sahen wir deshalb der Paukle, die der berühmte socialdemokratische Held gehalten, entgegen und als dieselbe nun ankam, wurde sie ihres pikanten Inhalts wegen wahrhaft verschlungen Es sind in der That fulminante Ausbrüche, die Bebel zu Tage gebracht Die Mecklenburger Frage gab ihm Veranlassung das Wort zu ergreifen, um seinem gepreßten Herzen wieder einmal tüchtig Luft zn machen, und er that es in einer Weise, wie er es vor— mals nie gethan, obgleich es doch schon Star—- kes geleistet. Köstlich hat er sich über die Kleinstaaten ausgelassen. Dieselben sind sei— ner Ansicht nach nur noch die Polizeibüttel für Preußen. Heute sei es ihm gleichgültig, ob der Reichskanzler sie alle heute oder morgen in die Tasche stecke, es sei ihm und seiner Partei sogar lieber, wenn dies geschehe, weil sich die Widerstandskraft dann auf einen Hauptgegner concentrire und damit die Mög lichkeit gegeben werde, eines Tages mit dem einen tabula rasa zu machen. Diese Offen heit Bebels wurde vom Hause mit schallendem Gelächter beantwortet. Auch Sachsen hat von dem socialdemokratischen Helden einen Backenstreich erhalten, denn, sagte er, das was man in Sachsen Volksvertretung nenne, sei, deutsch gesagt, Schwindel. Im Weiteren führte er aus, daß die deutsche Reichoöver fassung die reactionärste von der Welt sei, mit ihr könne jeder Minister regieren, aber das sei dann der reine Cäsaribmus. Durch diese Herabsetzung der deutschen Reichoöver fassung kam Bebel mit dem Präsidenten des Hauses, der ihn warnte, in Eonturt Endlich verstieg sich Bebel so weit, daß er behauptete, „die Verfassungen, einschließlich der deutschen Reichoöverfassung, seien das Stück Papier a'-t werth, auf dem sie geschrieben seien“, N efe Beschimpfung der Reichöberfassung hatte cFolge, daß mit Zustimmung des Hauses d c Präsident dem Redner das Wort nahm Später erhielt Bebel nochmals das Wort zu einer persönlichen Bemerkung, er antwor— tefe Lasker, der Bebel tüchtig abgetrumpft hatte, indem er Letzterem gegenüber auch be merkt hatte, daß deutsche Bürger wohl den Muth besäßen, ihr Eigenthum uyd Recht zu beschützen und daß z. B. in Berlin eine Com munewirthschaft a la Paris nicht möglich sei, denn die Bürger würden die wilde, raubgie— rige Meute mit Knütteln todtschlagen, kurz um, so feig wie die Bourgeoisie in Paris der Commune gegenüber gewesen sei, werde die deutsche Bürgerschaft nicht erscheinen. Auf diesen Passus entgegnet Bebel, derselbe werde sich später als Unwahrheit erweisen. Also „Aug' um Auge, Zahn um Zahn“ heißt die Losung beider Parteien. Nach Bebels Ansicht scheint der Tag der Rache gar nicht mehr fern zu sein; übrigens sei er kein Phantast! Alle Augen sind jetzt nach Chemnitz ge richtet, wo gestern vor acht Tagen über acht tausend Maschinenbaugehülfen die Arbeit ein stellten. Dieses Strikes haben sich einige der socialdemokratischen Führer bemächtigt und feiern nun Orgien auf Orgien. Das Pro— gramm der Internationalen in Chemnitz strotzt von den rohesten und frechsten Ausfäl len gegen die besitzende Klasse, gegen das so genannte „Geldprotzenthum.“ Die Fabrikobesitzer, welche mit einem Programm nach dem besten amerikanischen Muster zehn stündige Normalarbeitszeit und bedeutend er höhte Löhne entgegentginen, wurden mit fol genden Worten abgetakelt: „Morgen, glaubt Iht; werden wir schon die Waffen teen: Thoren, die Ihr seid! Im schlimmsten Falle reißen einige Häfenfüße aus, um sich als Deserteüre Ech Fabriloty rannen zu ergeben. Sollie diefes wirklich vorkommen, so thut es nichts zur Sache; es stehen dafür nur die Zurückbleibenden desto fester und geeinigter da.“ Trotz alledem fcheinen die Soeialdemokra-- ten, welche noch immer zum Ausharren auf— muntern, glänzend zu unterliegen Denn ceuo am d. xovember sind 1500 der Striken den in verschiedene derrilen zurückgetehrt, so auch in den letzten Tagen laieder eine größere Anzahl, so daß bereits minder große Fabrik- Etablissementõ mit der vollen Zahl der frühe ren Kräfte in Thätigkeit gesetzt werden. Man erwartet daher bald einen friedlichen Ausgang des Strike. Angesichts dessen fordern die Socialisten zur Auswanderung mlt dem Be merken auf: „Schaden thut es Keinem, wenn er Land und Leute zu sehen bekommt, wenn er praktisch in Erfahrung bringt, daß eben die Phrasen von Heimath und Va— terland Nichts zu bedeuten haben als Schwindel.“ Gut gebrüllt!— Bei den wichtigen Folgen, welche das Er kenntniß des Ober-Handeldgerichts in Leipzig vom 21. Februar d. I, betreffend den Einfluß der französischen Jüdultgesetze auf den Wechsel-Regreß, gehabt hat, bei den Angriffen, welche fortwährend aus sener Ent— scgeidung hergeleitet werden, ist es bon großer Wichtigkeit, daß sich auch das in letzter In— stanz urtheilende Züricher Handelsge— richt der Auffassung des Ober-Handelsge richts durchaus angeschlossen hat. Nun mögen die Pariser Scandalmacher der Presse ünd Wechselreiter auch über Zürich resp. die „freundnachbarliche“ Schideiz herfallen, wir sind lange genug das Karnitel gewesen, Die „Sächstsche Hypothelenbänt in Leipzig“ hat fallirtt Anmeldetermin den 17. Februar 1872, Verhandlungoötermin den 18. vr Er öffnungötermin elnes Ordnungoerkenntnisses den 10. Juli 1872. Man nimmt an, daß die Gläubiger doch noch 38 Procent aus der Liqui dationsmasse erhalten werden. Unter der Aegide des berhmten Bankhau fes von Erlanger und Söhne in Frankfurt a. M. und unter Mitwirkung mehrerer be— Das ist deun doch eine „Redefreibeit“, für welche wir hier in Amerila kein Verständniß haben! Was haben nicht in unserm Eengerst die Copperheads während des Krieges ggsagt! Der Genodarme in der Brust der deutschen „Libe rälen“ ist noch nicht todt. Anm, d. Red. Nummer 49. deutender Leipziger Banksirmen (Frege, Küst ner, Plaut u. Schmidt -c.) ist die Gründung eines großen Geldinstituts in Leipzig unter dem Namen,Leipziger Vereinsbantk“ in's Werk gesetzt worden und die Constituirung desselben am 7. November erfolgt. Von dem mit fünfzehn Millionen Thaler präliminirten Actiencapital sind vorerst sieben Millionen mit 40 pCt. Einzahlung als Grund capital übernommen worden, und im Betreff der Ausgabe der weiteren acht Millionen Thaler die Entscheidung der Generalversamm lung nach Maßgabe der Statuten vorbehal—- ten worden. Erwähnt sei hierbei nur, daß Handel und Industrie unseres in stetem und rapidem Wachsthum begriffenen wichtigen Handelsplatzes Leipzig ein Institut, wie die „Vereinsbank“, mit Freuden begrüßt. Vorigen Mittwoch fand unter dem Vorsitz der Firma,„M. S chi e Nachfolger in Dres- den“ die Constituirung der Actiengesellschaft der „Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik“ statt, entstanden aus der weltbekannten Werkzeugmaschinenfabrik von Johann Zim mermann in Chemnitz;. Das Actiencapital beträgt zwei Millionen Thaler, Im Gartensaale des Hotel de Prusse zu Leipzig fand am 6. November ein Congreß von Vertretern der bedeutendsten Porzellan- und Steingut-Fabriken und Malereien statt Es wurde ein Verband der keramischen Ge— werke“ gegründet, dessen Zweck es ist, einer seits die gemeinsamen Interessen der Mit glieder zu berathen und zu fördern, anderseits mit Rath und That das geistige und materielle Wohl der Arbeiter zu heben Ferner wurde eine gemeinsame Erhöhung der Verkaufspreise der Fabrikate beschlossen, jedoch soll ein Theil dieser Erhöhung zu Gunsten der Arbeiter für Wohlthätigkeitsanstalten verwendet werden. Gleichzeitig constituirte man ein Sühnegericht und ernannte eine Commission, welche behufs Gründung einer speeiellen Lebensversiche rungö-Anstalt für die gesammten Arbeiter der keramischen Gewerke, statistisches Material zu sammeln hat. Graf Beust's Entlassung wird gleich— bedeutend angesehen mit Oesierre ich's Zerfall. Dieser ist nunmehr in nahe Aussicht gestellt Habsburg's Stern muß untergehen, so will es die Nemesis! Eine kranke Königin uud ein kran kes Königthum. Die Königin Viktoria ist krank. So nimmt Jedermann in England an, trotz der Versiche rungen ihrer Aerzte vom Gegentheil. Man ist nur im Zweifel, an welcher Krankheit sie lei det. Man flüstert schon längst, daß sie zu weilen geistesabwesend sei, daß sie mit dem Andenken an ihren Gemahl so ausschließlich beschäftigt sei, daß sie für nichts Anderes mehr Interesse habe. Sie glaubt in stetem geistigem Verkehr mit dem Verstorbenen zu sein Seit—- dem D'lsraeli öffentlich erklärt hat, daß die Königin geistig und körperlich unfähig zurße—- gierung sei (nach anderer Lesart soll er gesagt haben: moralisch und körperlich) wird die Frage über die Art der Krankheit der Königin offen diskutirt. Neuerdings ist die Behaup— tung aufgestellt worden, daß die Königin dem stillen Trunk ergeben sei, und daß ihre Gei— stesabwesenheit von Genuß von Spirituosen herrühre. Diese Behauptung findet zum Entsetzen der Hofleute und der Spießbürger Glauben beim Volk. Es ist nicht unbekannt, daß Viktoria schon als junge Frau starke Getränke liebte Als sie sich am Rhein in Deutschland kurze Zeit nach ihrer Vermählung aufhielt, und zwar auf dem Schloß Rheinstein oder Rhein fels wurde es in Deutschland bekannt und machte ziemliche Sensation, daß Viktoria sehr stark im Consumiren von Porter, Ale und Grog sei. Das mag mit den Jahren immer mehr zur Leidenschaft geworden sein, und die nervöse Aufregung der armen Frau und ihre Hallunciationen fortwährend steigern. So würde es sich erklären, daß man sie dann und wann nicht für krank und doch stets für re gierungsunfähig erklärt. Diese fortgesetzte Unfähigkeit oder Krank—- heit der Königin thut dem Königthum in England gewaltigen Abbruch; es kränkelt zu gleich mit der kranken Repräsentantin seiner Würde. Die Engländer sind rein praktische Empiriker, das gerade Gegentheil der Fran zosen. Die Königswürde war ihnen die Ga rantie gegen alle politischen Umwälzungen oder Parteikämpfe um die Herrschaft. Unter ihr vertrugen sich die Parteien je nach ihrer politischen Macht zur Anerkennung der Ober— herrschaft der einen oder der anderen auf so lange, bis die andere wieder erstarkt war unb ihrerseits an das Ruder kam. Alles, was der König zu thun hatte, war, diese oder jene Pa rtei als Regieruug anzuerkennen. Außerdem aber hatte er die Aufgabe, die Majestät des Landes durch Pomp und Glanz zu repräsen tiren und alle Adligen und Reichen als Vor—- bild zu ähnlichem Luxus und Glanz zu nö— thigen. Aber die kranke Königin leistet alles Das nicht mehr. Sie erlaubt ihrem liberalen Mi nisterium, die Opposition des Oberhauses ganz zu ignoriren, Maßregeln gegen dessen Willen zu ergreifen und dessen Existenz durch Rede und That für überflüssig zu erklären. Damit ist die alte Satzung von der Unparteilichteit der Krone zwischen den politischen Parteien erschüttert; die Parteien selbst sind erschüttert. So sehen wir denn, daß die Tories einen Bund mit der Arbeiterpartei suchen, gegen die Liberalen und gegen die Krone. Und die Liberalen sind im Begriff, ihrerseits mit den Arbeitern ein Bündniß zu schließen, ohne die Krone zu berücksichtigen. Mit anderen Wor ten, den Handwerkopolitikern gilt die Krone ebenso wenig mehr, als den Volömassen. Ja, man hört Polltiker und Zeitungen, die man für conservativ hielt, die Frage über Abschas fung der Köuigswürde offen besprechen. Und noch mehr: Manche dieser Conservativen ver— werfen die Abschaffung nicht, und Einzelne befürworten sie zwar nicht, wollen sie sich aber ruhig gefallen lassen. Zu anderen Zeiten, wenn eine Königin oder ein König im vollen Pomp im St. James Pa last residirte, würde der hohe und der niedere Adel des Landes, und würden alle Ladeninha ber und Fabrikanten Englands ein wüthendes loyales Geheul über diese Frechheiten und Ma jestätsbeleidigungen erhoben haben oder er heben. Jetzt verhalten sie sich ruhig und schweigend. Verlegen blicken sie darein, weil sie nicht wissen, was werden soll. Für die als überflüssig erklärte Krone aber haben sie kein Wort. Warum nicht? Weil sie Nichts oder sehr wenig davon profitiren. Dte Königin macht keinen Aufwand, hält weder Gesellschaf— ten noch Bälle, nicht einmal Empfang. Der reiche Adel hat kein Hofvergnügen, langweilt sich und die Ladeninhaber und Fabritanten machen schlechte Geschäfte in Allem, wofür die feine Gesellschaft sonst Millionen fpendete. Wozu also noch einen König oder Königin? Man hat wentg oder kelnen Nutzen dabon Mit Aüsnahme der nothwendigsten Hofämter wird auch hierbei gespart, was ben Adel voll ständig entrüstet. Die Abschaffung des Ver kaufs der Offizierstellen hat außerdem bei ihm böses Blut gemacht. Das sind Verhältnisse, woburch die Repub likauer Englands immer klhner gemacht wer— den. Fast täglich veranstalten ihre Führer große Massenversammtungen, worin die Kö— nigowürde als überstüssig und als ein kost spieliger Unfug ertïrt ünd ihre Abschaffung empfohlen wird. In einer fürzlich gehalte nen Volkspersammiung machie eline Rede deo Parlamenis-Mitgliedes Dilke, welcher rück sichtolos in dieser Weife sprach großẽ Senfa tion Das Könlgthum Englands ist krank mit seiner kranken Koönigin, und der geistig und körperlich kranke, refp. unfähige Prinz von Watles, dieser verkommene Lüstling, wird es uicht von seiner Krankheit heilen. (Khil. Dem. Talmndistisches. In Baiern, fo erfährt man aus der Süd— deutschen Post, suchen jetzt die Ultramonta-- nen der Beschuldigüng, daß ihre Lehren ver nunftwidrig seien, dadurch zu begegnen, daß sie zeigen, wie viet größeren Unsinn fromme Juden glauben müssen. Mit andern Worten, sie suchen darzuthun. daß ver— gleichöweise ihre Lehren noch ganz leid üch vernünftig sind. Zum Beweise liesern sie folgende Musterproben talmudistischer Weisheit: Nach dem Talmud hat der Tag 12Stunden was allerdingo kein Geheimniß ist; aber was folgt nun den bersichert der Talmud sitzt Gott und studirt ein Gesetz, in den drei anderen richtet er in den folgenden drei ernhrt er dle ganze Welt, in den letzten drei splelt er mit dem Leviathan, dem Könlg der Fische. Und in der Nacht fügt Menachem bei —studirt er den Talmud! Dieser Leviathan ist ein schlimmer Kauz, von dem Talmud rterre zu berichten weiß: In dem Kachen des Leviathan hat ein Fisch odon 300 Meilen Länge Platz und Gott mußte ihm das Weibchen entziehen, da die Welt sonst mit Ungeheuern erfüllt worden wäre, die Alles vernichtet hätten. Darum wurde das Männlein verschnitten, daß Weiblein aber umgebracht und eingesaltzen für die Mahlzeit der Gerechten im Para dieo! Den Menschen machte Gott nach dem Tal mud mit zwei Gesichtern nnd schnitt ihn in zwei Theile Adam und Eva. Für den buchstäblich himmelhohen Adam hatte Gott ein Luftloch gemacht, wodurch er von einem Ende der Welt bis zum andern sehen konnte. Mit Eva that Gott den ersten Tanz, nachdem er sie aufgeputzt und ihr die Haare geflochten hatte. Durch die Zerstörung des Tempels soll sich Gott schwer versündigt haben! Darum empfindet er Reue und Strafe. Letztere be— steht darin, daß er jetzt nur mehr vier Ellen Platz befitzt, während er sonst die ganze Welt ausfüllte. In seiner Reue aber brüilt er wie ein Löwe. Man muß aber wissen, daß jener Löwe, nach dessen Art er brüllt, der aus dem Walde Elät ist. Der römische Kaiser wollte diesen Löwen einst sehen. Man holte ihn, nund da er noch 400 Meilen vom Kaiser entfernt war, brüllte der Löwe, daß alle Ge—- segneten mißgebahren und alle Mauern zu Rom umsielen; aus 300 Meilen aber fielen den Leuten die Augenzähne und Backenzähne aus, der Kaiser siel vom Thron und bat um Heimführung des Löwen! Von Nah und Fern. Der Niederrheinische Cour (Straßburg) schreibt: „Auf der gestrigen Tagesordnung des hiesigen Gemeinderaths stand u. A. die Thea terfrage. Der Ausschuß beantragte den Wie deraufbau des alten Theaters nach den ur sprünglichen Plänen mit wenigen ziemlich unbedeutenden Aenderungen. Nach längerer Berathung nahm der Rath die Anträge des Ausschusses an.“ Ju Stettin ist es der Polizei gelungen, eine förmliche Räuberhöhle, und zwar in Fort Preußen, zu entdecken. Das Lager war für 20 Personen eingerichtet, die dort ihren Raub zusammenschleppten und Nachts Gelage feier ten. Aus Bologna wird berichtet, daß Wag ner's Lohengrin dort einen vollständigen Er folg gehabt hat. Die Aufführung soll vor züglich gewesen sein. Drei Stücke, daruuter die Einleitung, mußten wiederholt werden. Die Scene, in welcher Lohengrin ankommt, versetzte das sehr gewählte Pnblikum in ent husiastische Begeisterung. In Neapel soll näch stens der Freischütz aufgeführt werden. Am Abend des 5. Nov. erschoß sich der Ingenieur N. aus E. in einer wahrhaft ori— ginellen Weise. Seit Kurzem erst Dirigent eines größeren technischen Etablissements in A. geworden, hatte er sich die Zufriedenheit seines Chefs in hohem Grade erworben. Als Geschoß benutzte er nämlich den Brautring, resp. Verlobungoring, und traf er damit so sicher, daß das Eindringen desselben in das Gehirn seinen augenblicklichen Tod zur Folge hatte. Natürlich ist eine unglückliche Liebe das Motiv dieser That. Zwei weibliche Aerzte aus Amerika be absichtigen sich als Frauendoctoren in Berlin niederzulassen. Zur Feier des Schillertages, an welchem das Standbild des Dichters in Berlin enthüllt werden soll, wird im koöniglichen Schauspiel hause die Wallenstein-Trilogie zur Aufführung gebracht werden. Zu Anfang 1799 erwarb Iffland als Director des berliner National- Theaters die ganze Dichtung für den damals ganz ungewöhnlich hohen Preis von 60 Friedrichöd'or und brachte dann am 18. Fe bruar,„die Piccolomini“ zum ersten Male auf die Bühne. Flick, damals 42 Jahre alt, gab den Wallenstein. Am 17. Mai kam „Wallen stein's Tod“ zur ersten Aufführung; „Wal— lenstein's Lager“ aber brachte Iffland, der darin den Kapuziner gab, erst am 28. No— vember 1803 auf die Bühne. Bis jetzt ist auf der berliner Hofbühne „Wallenstein's Tod“ 166ma1, „die Piecolomini“ 20mal und das „Lager“ 65mal dargestellt worden. Der Erzbischof von München hat aber mals zwei Priester excommunicirt, weil die selben sich weigerten, das Unfehlbarkeits- Dogma anzuerkennen. Es sind dies der Pfar rer Hosemann von Tutenhausen und der Pfarrceurat Bernard von Kiefersfelden. Der Erzbischof hatte sich selbst nach beiden Orten begeben, um die zwei Priester zur Umkehr zu bewegen; es war aber vergebens, und so hat derselbe denn die Excommunicirung über Beide an Ort und Stelle selbst ausgesprochen, Pfarrer Hosemann hat bereits eine,Anspra che“ erlassen, in welcher er sich mit großer Entschiedenheit gegen das vaticanische Concil und seine Beschlüsse ausspricht, auf den Wi— derspruch verweist, welchen mit anderen Bi— schöfen auch der Münchener Erzbischof zuerst der Unfehlbarkeit entgegensetzte, und dann mit den Worten schließt: „Es ist unleugbar, daß durch das vaticanische Concil die katholische Kirche über den Haufen geworfen wurde. Wenn angenommen wird, daß dieses Concil vom heiligen Geiste geleitet wurde, so erscheint im Gegenhalt zu den früheren Coneilien der heilige Geist beziehungsweise die Kirche, im Widerspruche mit sich selbst. Wo aber Selbst widerspruch ist, da ist nicht Wahrheit, sondern Uawahrheit; wer also das vaticanische Con cil anerkennt, muß folgerichtig auch die Un fehlbarkeit der Kirche leugnen. Ich für meine Person will ein Glied der katholischen Kirche bleiben, wie sie vor und bis zum 18. Juli 1870 ist, nicht ein Glied der seelen- und staatsge fährlichen, von den herrschsüchtigen Jesuiten fabricirten neuen Papftkirche, und appellire nach der Excommuniegtion, die ich als unge recht und ungiltig ansehe, fortan vom fehlba ren Menschen an den unfehlbaren Gott in Christus, der mir gnädig sein möge in dieser und jener Welt. Sein bin ich todt und le— bendig.“ Wenn die Altkatholiken bisher noch einigen Mangel an Geistlichen hatten, so wird dem durch die erzbischöfliche Maßregelung der zwei Priester wieder in etwas abgeholfen, und kann man in altkatholischen Kreisen nur wün— schen, daß die Bischöfe in der Excommuniei rung recht eifrig fortfahren. Der Etrzbischof Gregor Scherer von München macht gegenwärtig Lustreisen durch Baiern, um jene Priester seines Sprengels, welche nicht an das berüchtigte Dogma der Unfehlbarkeit glauben, zu excommüüniciren. So erschien Gregor am 28. Oktober zu Lunten-- hausen, nm diesen menschenfreundlichen Akt an dem dortigen Pfarrer Hosemann vorzu nehmeu, und am 29. fand er sich in Kiefers— felden bei Kufstein ein, um den dort so hoch geachteten königlichen Pfarrer Anton Bernard zu verfluchen. Dieser fromme Akt wurde wegen Renovirung der Pfarrkiche in der nahen, an der österreichischen Grenze gelegenen all— bekannten Otto -Kapelle unter mitgebrachter kirchlicher Assisteuz vollzogen. Der Schluß des Aktes gestaltete sich zu einer tragikomischen Scene. Pfarrer Bernard bestieg nämlich in kirchlicher Kleidung unter lebhaften Hochrufen der zahlreich versammelten Gemeinde die an der Außenseite der gothischen königlichen Ka pelle angebrachte steinerne Kanzel und legte mit lauter Stimme nicht nur öffentlich Protest gegen diesen geistlichen Gewaltakt ein, sondern zeigte seiner Gemeinde im Beisein des Erz bischofes in würdigen Worten, baß eben jener Gregor seinen Eid, den er auf die Staatöver fassung geschworen hat, nunmehr vielfach durch solchen Vorgang breche. Er erklärte öffentlich, daß er auch ferner wie immer seine priesterlichen Funktionen, treu seinem dem Staate und der Kirche geleisteten Eid, unbe—- irrt von den bischöftichen Einwürfen fort— führen werde. Der anwesende Erzbischof suchte das verfammelte Volt durch lauten An ruf von seinem gellebten Pfarrer abwendig zu machen, erhielt aber dafür als Antwort viele „Hoch unserem braven Pfarrer Bernard!“ und ,„Fort mit dem Bischof!“ welchem endlich nichts Anderes übrig blieb, als sich mit seinem kleinen Häuflein, meistens schon aus Oberau dorf mitgebrachten etwa fünfzehn Mann, zu entfernen, um sich nicht noch größeren Insul—- ten auszusetzen. Dem vom Erzbischof der Gemeinde vorgestellten neuen Pfarrer, einem gewissen Stangl, Cooperator in Oberaudorf nebeuher gesagt, ein bekannter clericaler Agitator erging es nicht viel besser. Die versammelte Gemeinde rief laut in Ercenvalt des Erzbischofs „Wir brauchen telnen Stangl, wir sind zufrieden mit unserem Pfarrer Ber nard! Wir wollen keinen Anderen und behal ten Bernard!“ So mußte auch Stangi ab fahren. Am 30. Okt laß Psarrer Bernard, wie gewöhnlich, seine Messe, und diese war von der Gemeinde zahlreich besucht. Stangl wollte die Andächtigen vom Betreten der Kirche abhalten, wurde aber ebenfalls in einer Art abgewiesen, welche an Deuttichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Aus Saintes, 26. Okt., enthält die „Köln. Ztg.“ folgende Zuschrift: „Hr. Re— dakteur! Sie haben mit Recht die Kriegoöge fangenen an den Pranger gestellt, welche un ter Bruch ihres Ehrenworts aus Deutschland entflohen sind. Der Bürgerkrieg, der unser armes Land zerrissen hat, ist schuld, daß man nicht gleich nach unserer Rückkehr die Ehren— frage geprüft hat. Jetzt aber, bei Frieden und Ruhe, haben wir sämmtliche Leute der Verachtung preisgegeben, die nicht mehr wür dig sind, unsere Uniform zu tragen Mit vollem Grund haben Sie den Stad gebrochen über einen Offizier vom 2. französischen Dra gonerregiment, Hrn. Conte, der aus Coblenz entsiohen war. Hier war doch ein mildernder Umstand, wenn ein solcher ia Ehrensachen noch vorhanden sein kann. Der Vater des Offi— zier lag auf dem Sterbebette. Hr. Conte wollte ihn noch einmal sehen. Daher begehrte er von den deutschen Behörden Urlaub, diese Pflicht der kindtichen Liede zu üben. Der Ur laub wurde ihm nicht gegeben, und er glaubte sich, wenigstens für eine Zeit, von seiner Ver— bindlichkeit fre. Wenn Hr. Conte nach dem Tode seines Vaters sich wieder den deutschen Behörden gestellt hätte, so hätte ich ihn von ailer Schutd freigesprachen, und doch bin ich bekannt als unbeugsam, wenn es die Ehre gilt Die Sache lag aber uicht, wie ich glaubte, Hr. Conte hörte die Anstiftungen der Voltoredüer añ, welche mit unserer Ehre umgehen zu kön nen glaubten wie mit einer Waare. Hr. Conte hat die gemeine Schwachheit gehabt, zu biei ben und als Belohnung feines Treubruchs die Stelle als Nittmeister änzunehmen. Bei mei ner Rückkehr nach Frankreich war es meine erste Sorge, gegen eine so verächtliche Hand lung bei den Offizieren meines Regiments Klage zu erheben. Als vorläufiges Urtheil ha ben dieselben Herrn Conte ihren Tisch verbo ten, und auf meine Klage wurde ein Untersu chungögericht laut ministerieller Verfügung eingesetzl, um über einen Offizier zu urtheilen, welcher sein Ehrenwort gebrochen hatte. Das Gericht war bloß eine Form; die Verurthei lung konnte nicht lange auf sich warten las len, und heute empfange ich den Befehl vom Präsidenten der französischen Republik, auf Antrag des Kriegöministers, daß Hr. Conte seine Stelle als Rittmeister verliert, wieder zum Lieutenant gemacht und mit dieser Charge aus der französischen Armee fortgejagt ist Sie sehen, daß wenn in den Zeilen Ihrer Zeitung das Wort eines französischen Ofsiziers auf 750 Fres. geschätzt wurde, welche Entschädigung von der Abenteurer-Regierung des Hrn. Gam betta den Offizieren, welche iyr Ehrenwort ge brochen hatten, bewilligt worden war, die wahren Offiziere der französischen Armee diese Meineidigen gleich verurtheït haben. Ich hoffe von Ihrer Billigkeit, daß Sie in Ihrer Zeitung den Befehl des Hrn. Präsidenten der französischen Republik vermerken werden, und ich bin mit der vollkommensten Hochachtung Ihr ergebenster Marquis du Path de Clam, Oberst vom 2. Dragonerregiment.“ Die Summe des in Deutschland circu lirenden Staatopapiergeldes beläuft sich auf 54,139,029 Thir. oder per Kopf der Bevöl- kerung auf 1,38 Thlr. Lauenburg, Mecklen burg-Schwerin, Lippe, Lübeck, Bremen, Ham burg und Elsaß-Lothringen haben überhaupt kein Staatopapiergeld. In Preußen kommeu auf den Kepf der Bevölkerung 0,76 Thlr., in Sachsen 5,15 Thlr., Bayern 1,80 Thlr., Würt temberg 1,96 Thlr., Hessen 3,13 Thlr., Baden 1,23 Thlr., Oldenburg 6,74 Thlr. Am meisten Papiergeld haben die ganz kleinen Staaten ausgegeben. Es wird jetzt der Vorschlag ge macht, den Staaten mit Papiergeld-Ueber lassung die Verpflichtung zur Amortisation aufzuerlegen und an Stelle des Papiergeldes der Einzelstaaten ein gemeinsames Reichs papiergeld einzuführen, welches jedoch nur nach Höhe von 1/ Thlr. per Kopf emittirt werden darf. Zu der Ernennung des neuen Solicitor- Generals bemerkt die Londoner Dailh News: „Es ist bekannt, daß Herr Jessel ein Jude ist. nicht nur seiner Geburt nach, sondern aus unverhohlener Ueberzeugung; und seine Er nennung ist ein Beweis, daß Gladstone ent- schlossen ist, der Aufhebung der auf das Glaubensbekenntniß begründeten Beschrän kungen practische Folge zu geben.“ Karl Töpfer, der jüngst in Hamburg gestorbene deutsche Lustspiel -Dichter, dessen Stücke noch heute auf allen Bühnen gern ge sehen sind, volle Häuser machen und keine Tantieme genießen, weil sie vor 1840 gedichtet sind, bezog in den letzten Lebensjahren eine Jahrespension von 300 Thalern aus der deutschen Schillerstiftung, Jetzt hat seine Wittwe, eine 70jährige Matrone, die in küm merlicher Lage noch für einen seit Monaten schwer erkrankten Sohn mit zu sorgen hat, von genannter Stiftung die Anzeige erhalten. daß ihr die Hälfte der Penfion nur noch drei Jahre werde andgezahlt werden. Der Stadtrath von Triest hat die Auf hebung des Schulgeldes in den städtischen Volksschulen beschlossen. Hier und da liest man einmal, daß ir gend ein abenteuernder Jäger von Tigern oder Elephanten getödtet worden, und man sollte glauben, daß solche Fälle nur vereinzelt vor kommen. Eines Andern jedoch belehrt uns die amtliche Zeitung von Indien, welche in einem langen Ausweise zeigt, daß in den ver schiedenen Provinzen des britischen Indiens während der letzten drei Jahre nicht weniger als 38,218 Menschen durch wilde Thiere ge tödtet wurden. Davon werden 25, 644 Todes-- fälle den Bissen giftiger Schlangen zuge schrieben. Bisher hat sich kein Mittel ge funden, diesem schrecklichen Zustande ein Ende zu machen, und zumal der Tiger verfolgt seine Opfer mit solcher Gier, daß ganze Dörfer entvölkert, daß öffentliche Straßen im hellen Tageslichte dem Menschen unzugänglich werden und daß Tausende von Morgen Landes, die einst cultivirt waren, zu vollständigen Ein öden werden und so den heißhungrigen Unge heuern neue Zufluchtsstätten bieten. Graf Arnim, bei Herrn Thiers zu Tisch geladen, bemerkt mit Befremden, daß Fran Thiers, auf dem Divan etablirt, von seiner Anwesenheit keine Notiz nimmt Vous ignorez peut-ctre, Madame, redet der Ge sandte sié an, que je suis des invites (Sie wissen vielleicht nicht, Madame, daß ich ein geladen bin). Die etwas verdutzte, aber hochmüthige Antwort lautet: Mais non Monsieur, worauf Graf Arnim mit den Worten: Alors, vous permettrez, que je m'asseye a cote de vöus (dann eriaubẽn Sie, daß ich mich neben Sie setze) auf dem Divan neben der Präsidentin der französischen Republit Platz nimmt. Das Interims-Theater in Darnistadt wird bereits am zweiten Weihnachtsfeiertage eröffnet. Bis dahin sind dic Mitglieder des Schauspieles beurlaubt; die Opernmitglieder werden wöchentlich zwei Vorstellungen in Homburg geben. sich ein Fall beklagenswerther Untwpissenheit zugetragen. Ein Arbeiter, beim Ausladen ei nes Dampfers beschäftigt, würde ohnmächtig und fiel in's Wasser. Seine Mitarbeiter zo gen ihn heraus, entkleideten ihn gänzlich und rollten den bewußtlosen Menschen in einem Fasse hin und her, „um das Wasser aus sei nem Magen herauszurollen“. Als der Arzt hinzukam, war der Unglückliche todt. Am 27. Oltober trug sich auf der Odes saer Bahn ein bedeutendet Knfan zu: Von einem, mit Truppen des Odessaischen Regi ments besetzten Zuge geriethen zwölf Waggons. zwischen den Stationen Shmerinka und Ja roschenko, 352 Werst von Odessa, aüüs den Schienen, wobei 11 Waggons zertrümmert wurden. Getödtet wurden zwei Soldaten und ein Condukteur; verwundet ein Stabs ofsizier, fünf Ober-Offiziere und 24 Solda ten. Die Frankf. Ztg. zeigt an, daß Herr Dr. Guido Weiß in nächster Zeit von Berlin nach Frankfurt übersiedeln und in der Redaction der Frankfurter Zeitung eintreten wird. Unter den in den Tuilerien aufgefunde nen Briefen befindet sich auch ein Schreihen Richard Wagner's an Marguärd; den Privat sekretär Napoleon's. Darin heißt es: „Der Kaiser allein besitzt die erforderliche Geistes höhe und Macht, um den Tannhäuser in der Dper von Paris zur Aufführung bringen zu lassen.“ Richard Wagner ermangelte nicht, die Versicherung hinzuzufügeu, „von seinen Jugendalfanzereien sei er längst zurückge kommen.“ Das Schicksal des Tannhäuser in der großen Oper von Paris ist bekannt. Die Joländer sind ihrer traurigen Existenz auf ihrer jetzt so unwirthlichen Jüsel müde und wollen in Masse nach den Ver S-. auswandern, wozu sie bereits Vorkehrungen getroffen haben. Nicht weniger als 25,000 fast die Hälfte der Bevölkerung haben be schlossen, sich im nördlichen Michigau nieder zulassen, wo ihre Agenten große Ländereien gekauft haben. Die Joländer haben seit Jahren durch heftige Stürme, lange kalte Winter und andere kalte Hein-suchungen fo schwer gelitten, daß sie schließlich zur Einsicht gekommen, daß ihr Vaterland als Aufenthaltõ ort faktisch unerträglich ist. Die strikenden Arbeiter in Chemnitz, de ren Zahl auf 8000 angegeben wird, haben einen Aufruf „an die Proletarier aller Lnder er— lassen, worin sie als ihr Ziel die Durchsetzung der Zehn-Stunden-Arbelt verkündigen. sich als,Avantgarde ku Kampf gegeu die Bastille des Capitats“ erklren und die Forderung um Sammlung von Unterstützungen stellen. Das Actenstück schiteßt mit den Worlen: „Es lebe die Vereinigung der Proletarier aller Länder! Es lebe die Social-Demotratie!“- —lm ungarischen Eisenbahnwesen tritt von Tag zu Tag mehr ein großer Uebelstand hervor. Die ungarischen Bahnen leiden näm— lich unter einem empfindlichen Mangel an Be amten, hervorgerusen dadurch, daß die Regie rung auf ihrer Forderung besteht, daß sämmt liche Beamten der ungarischen Sprache voll kommen mächtig seienu Den Bahnen ist es aber unmöglich, die ihren Bedürfnissen ent-- sprechende Anzahl derärt qualifizirter Beam ten zu finden, es fehlt an Technitern wie an commerciellen Beamten, und nur mit Aus opferung alier Kräfte känn man die Arbeiten bewältigen. Die Bewohner der kleinen Hafenstadt Strömstad (Dänemart) waren in den letzten Tagen des Oktober Augenzeugen eines seltsa men Naturphänomens. Der Küste entlang wechselte das Seewasser plötzlich die Farbe; gewöhnlich blau, wurde es plötzlich hochroth Man erkannte bald die naturwissenschafttiche Ursache, die in dem massenhaften Vorkommen von in einer Art von Zellen eingelagerten In fnsorien zu suchen ist Man schöpfte von dem Wasser und versendete es an die gelehrten Körperschaften. Das Schauspiel am Tage wurde gegen Avend noch seltsamer. Die See unahm nun ganz das Aubsehen eines feurigen Oceans an, und die Wogen, weiche an das Ufer schlugen, schienen riesige Flammen, die in einem Feuerregen zerstäubten Aeltere Be— wohner von Strömstad waren durch das Phä nomen, das sie zu wiederholtenmalen gesehen. nicht überrascht und prognosticiren daraus einen ganz ausnahmoweise ergiebigen Häring— fang; ihre Annahme scheint sich auch richtig zu erfüllen.