Feuilleton. Todtes Capital apital. Roman von Louise Ernesti. (dortsezuna.) Der Advokat, der feine gute Laune schon Jemtich wieder gewonnen, hatte unter den Worte die Thüt seines Arbeilszimmers geoöff net, und obschon ersichtlich: in seiner Absicht lag, da ohne Weiters hinein zu stürmen und dem Fremden jenem Wartezustande zu über lassen, den ein Advokatenhaus so oft in sich schließt —verharrte er doch bei der Entgegnung unwillkürlich auf der Schwwelle und wandte sich nach dem Andern um, den er bisher nur für einen schlichten Boten gehalten. Seine Brille hatte er nicht auf, das Dunkel des Cor ridors ließ jede Annahme zu. Nun aber traf der durch die geöffnete Stu benthür vordringende Lichtstrahl die Gestalt des Jünglings verwirrt sah der Advocat ei nen Augenblick in das hetere Antlitz, um dann ärgerlich auszurufen: Nun, in dieser egypti schen Finsterniß da unterscheide in Menschen kind Katze Verzeihung, mein Herr, ich wollte sagen Adler von Eule oder Löwen von Leoparden. Entschuldigen Sie daher meine unchristliche Idee, Sie auf Stunden an dies Loch zu bännen und darf ich ergebenst bit ten, einzutreten. Es schien, als ob den Advocaten durch den Jüngling noch andere und neue Ueberraschun-- gen bereitet wüden. Als er dem ihm über reichten Brief kaum in seiner ersten Seite durchlesen hatte, sah er offenbar erstaunt zu ihm hinüber; und wäre er nicht eben durch die so reichhaltige Schule des Advocatenthums gegangen, die Verwunderung Doctor Richter's hätte sich vielleicht bei der Prüfung vermehrt, der er den jungen Mann flüchtig unterwarf oder aber er würde deren Resultate nicht so ruhig auf-und hingenommen haben, wie er ersichtlich that. Nachdem seine scharfen Augen die ganze Er scheinung in all' ihren Einzelheiten aufgefaßt und ihm sicher am wenigsten die Contraste ent-- gangen waren, die sie einte und deren wir be reits erwähnten, —da durchlas er trotz der besetzten Zeit, von welcher er gesprochen hatte, den Brief noch zweimal von Anfang bis zum Ende durch, um dann nach langem Nachden ken als Erstes zu fragen: Abgesehen von allen Schwierigkeiten, mit denen Sie bis zur Errei chung Ihres Zweckes: „in hiesiger Stadt einst Advocat zu sein.“ zu kämpfen haben werden und die ich verhehle es Ihnen nicht, doppelt groß sind, da Sie mir als gänzlich mittellos geschildert werden und dazu gar keine Relatio nen und Connexionen haben abgesehen n diesen Punkten frage ich Sie, überlegten De sich die Wahl dieses schweren Berufes cstlich dachten Sie an das Freudlose Trostlose, das er tausendfaltig in sich hließt? „An Letzteres nicht, Herr Doctor, es würde auch von keinem Einfluß sein; denn was der Beruf immer mit sich bringt, ich will ihn er greifen und habe Gründe, dieser Carriere des Rechtsfaches einzig zuzustreben. So! nun und da Sie audssehen, als wüßten Sie, was Sie wollen, genug denn hiermit des Einwands von meiner Seite. Der Advocat stand in Sinnen verloren abermals einige Augenblicke da, dann sprach er fast heiter: Wie sich das glüücklich träfe, daß Sie hier bei mir schreiben wollen jetzt gera de Arbeit suchen und mir so vortrefflich em pfohlen werden wenn nur wenn Er schwieg. Erwartung, Spannung tra ten in das ihm offen zugewandte Antlitz des Jünglings, und als er bei diesem Schweigen länger beharrte, als jener vielleicht ertrageu konnte, wiederholte er fragend: Wenn Herr Doctor Wenn Sie erstens nur ein wenig mehr wie ein Schreiber aussähen, antwortete der Andere lächelnd, und zweitens nicht zugleich an hie siger Universität studiren wollten. Das erste kann wohl kaum in Betracht kom men oder gar ein Hinderniß sein, denn vom Aeußern hängt sicher am wenigsten solche Ste llung ab „Den Teufel auch!“ warf hier der Advocat lebhaft ein, sehen Sie sich einmal meine Schrei ber an, die Stuben, in denen sie alle hinter den Pulten vegetiren müssen, und dann ja dann besinnen Sie sich, ob Sie zwischen der Gesellschaft fitzen und in gleich mühseliger Weise die Mittel zu Ihrer Existenz und Ihren Studien erwerben mögen. Wenn Sie mir Arbeit geben wollen und können, Herr Doctor so legt mir persönlich an dem Raum, in dem ich sie verrichte, wenig noch weniger aber an der Umgebung oder Gesellschaft, wie Sie sagen. Diese wird für mich kaum existiren, da ich einmal sehr schweig samer Natur bin und anderntheils zu fleißig sein muß, um meine werthvolle Zeit mit Un-- terhaltung zu verbringen. Bei jenem Advo caten in Zürich, der die Güüte hatte mich Ihnen zu empfehlen, hieß ich nur der Fisch. Schweigsamer Natur —stumm wie ein Fisch! —ach, wie wäre mir das willkommen, zwischen jenen jungen Schwätzern einen stummen Fisch zu haben! Liegt Ihnen an dem, so versuchen Sie es gütigst mit mir, —klang es fast bittend zu ihm herüber. Aber Ihre Studien, die Sie im Frühjahr beginnen wollen, —um Gott, wie werden Sie das einen mit Ihrer Absicht, für mich zu copi ren und zu arbeiten Theilte man Ihnen nicht mit, daß ich seit meinem vierzehnten Jahre für einen Notar co pirte —in allen freien Stunden in seinem Bureau arbeitete und dabei doch das Gymna sium besuchte? Ja—ja, Alles! Sie werden überhaupt bril tant empfohlen und als ein halbes Wunder hingestellt —dennoch begreife ich nicht, wie Sie lexee in Zürich möglich gemacht haben, noch we Sie sich bei mir einrichten wollten. Mit gutem Willen—und den habe ich, Herr Pctort —da lãßt sich viel ermõglichen Und ahne ich Sie an meine Mittellosigteit ja Armuth, trägt die Erinnerung vielleicht bei, Ihnen Manches klarer zu machen. Guter Wille—Armuth! wiederholte der No tar lächelnd, warum wenden Sie hierbei nicht lieber den Ausdruck ehrgeizig an Ein Schatten glitt eu das Antlitz des Jünglings, der so dunkel, so seltsam war, daß er vielleicht jedem Andern als einem Advokaten auffallend oder rthselhaft gewesen wäre. Der kannte aber zu viel von dem Schatten und der Finsterniß des Lebens, um über dessen tiefe Einwirkungen auf den Menschen noch zu stau nen, und ais Jüngling mit einer gewissen Beharrlichkeit «tTons sagte: Ich bleibe bei dem Grunde der Armuth da lächelte er nur abermals leicht und leise und schaute ihn mit solcher Gutmüthigkeit an, als wolle er erwie dern: Sprich, was Du willst, und laß mich denken, was ich muß. Wie viel der Jüngling von dem Ausdruck errieth, gab sich in seinen erheiterten Zügen ziemlich kfund. Die Spannung seines Wesens ließ da nach, und er sagte fast ruhig, wie wenn er sein Ziel nun sicher vor Augen hätte: Vor-- hin deuteten Sie an, mein Wünsch, bei Ihnen zu schreiben, und jene Empfehlung käme Ihnen gelegen. Sehr gelegen! Meine Hauptstütze, ein vortrefflicher, schon älterer Schreiber meine Hülfe und Zuflucht in jeder argen Bedräng niß —so zu sagen meine rechte Hand, Herr To bias Murner mein lieber guter Tobias, der fehlt mir seit vierzehn Tagen! Starb er? Halb—nein drei Viertel, denn er heirathete! —O dieser Esel, zu heirathen, wo er oben bei Hilary Ahston wie im Himmel wohnte und lebte —Hatte gar nicht nöthig, sich eine Frau zu nehmen, denn Hilary—das ist nämlich eine gute, liebe und vortreffliche Person hier im Hause—sie besorgte dem Tobias Alles! Sie flicktte seine Wäsche, stopfte seine Strümpfe, hielt die Zimmer in musterhafter Ordnung holte ihm das beste Essen, gegenüber aus dem Gasthaus zur rothen Rose, und hustete er ein mal, so tochte sie ihm Thee und pflegte ihn. Es pochte an die Thür gleich darauf steckte ein noch sehr junger Mensch sein lachendes Ge sicht hinein und rief: Herr Doctor, die Frau Geheimräthin ist ja da! Gott im Himmel! die vergaß ich ganz. —Es ist übrigens erst in einer hatben Stunde Sprechstünde, Fritz, habe hier wichtigeres Geschäft —Also der Tobias Murner heirathete! Er schwor mir hoch und theuer zu, der Fall solle und würde nicht die geringst Veränderung herbeifhren, und bat nur um einen Tag Ur Illinois Staats Zeitung. 25. Jahrgang. läub den Montag. Ach; ich ahnte aber gei. daß es ein Unglück gäbe, ünd seine rauung am Sonntag Morgen war mir schon ein wahrer Greuel. Sie müssen wissen, ich liebe die Frauen nicht —Sie waren zu sehr im Leben meine Plage mit ihren ewigen Lamen tationen. Nach jener einen Dummheit, sich zu verehlichen, machte nun der gute Tobias eine zweite, noch größere er macht nämlich eine Hochzeitoreise —So nannte der gute Alte we nigstens einen siebenstündigen Marsch zu Fuße mit seiner jungen—nein ebenfalls schon alten Frau Ja lächeln Sie nur, es ist so. Das Ehepaar setzt sich gleich nach der Trauung in Trab, hin zu seiner kranten Mutter, die volle sieben Stunden von hier in einem Dorfe wohnt. So herrlich der Wintertag auch war, so doch fünfzehn Grad Kälte und dazu ein scharfer Nordost! Mein armer, seit Jahren an Stubenluft gewöhnter Tobias, der nur Sonn tags ein Viertelstündchen mit Hilary im Gar ten umher zu wandeln pflegte, kfommt natür lich mit rasender Hals- und Lungenentzündung von dieser genialen Tour zurück Nun tiegt er krant und mir Alles, das er sonst be sorgte, mit auf dem Halse. Ich bin außer mir, denke ich nur an alle Arbeit und daß er nicht da! Es ist zum rasend werden. Versuchen Sie, ob ich ihnen nicht Stütze sein kann. Ich werde mir die größte Mühe geben, Sie zufrieden zu stellen und ganz ungeübt in der Arbeit bin ich ja nicht. Versuch hm ja, das ginge! Wären Sie mit Probearbeit einverstanden „Warum nicht.“ „Hier bei mir im Hause.“ „Gern, wenn Sie es wünschen.“ „Wann könnten Sie anfangen?“ Kann ich heute schon mit etwas dienen wenn Sie eilige Arbeit haben, wie Sie eben bemerkten dann bitte ich: verfügen Sie nur gleich über mich; ich stehe ganz zu Ihren Diensten. Gleich gut ich sehe, Sie nehmen es sehr ernst, und umsonst scheint mein College in Zürich Sie nicht gelobt zu haben.“ Ich bin jetzt lediglich vom Wunsche beseelt, hier Arbeit zu erhalten, und demnach weniger zu loben, als egoistisch zu nennen. „Wo wohnen Sie? Bis jetzt noch im Gasthofe; erst heute Mit tag kam ich hier an. So hm Sie sind wirklich rasch bei der Hand, und das gefallt mir. Hier im Hause ist übrigens eine nette Stube zu ver miethen die einstmalige von Tobias. Se—- hen sie sich nachher das Zimmer an. jetzt erst zu unsermi Geschäft. Wenn Sie Proben able gen wollen von Ihrer Handschrift und Befähi gung überhaupt —da ich ein Haufen Arbeit auf Tobia's Tische! Setzen Sie sich einstweilen dahin und sehen Sie sich zuerst die Kauf— contracte an, die ich aufgesetzt habe und die in Wahrheit sehr eilig sind. Daneben liegt auch andere, von Tobias bereits begon nene Arbeit. Eine infame Berechnung von Lehnseintünften und Ausgaben, die wegen der füfzig verschiedenen Interessenten an jenem unglücklichen Besitzthum, bis auf kleine Vari ation die eigene Rechnung jedes Interessen ten betreffend so oft copirt werden muß. Es ist eine Heidenarbeit und war stets dem Tobias zuertheilt, da er der odentlichste ist. Das große rothe Buch dort ist das Con tobuch für die Gesammtmasse der Einnahmen und Ausgaben des Lehns das Packet grauer Hefte die Einzelnberehnung sammt den Na men der Interessenten Wollen Sie sich's an sehen und mir nachher sagen, ob Sie die Arbeit übernehmen können und sich durch die Berech nungen durchfinden werden Die bereitwillige Antwort wurde jetzt durch neues Klopfen ünterbrochen ein anderer junger Mann erschien und sprach feierlich: Die Frau Geheimräthin, Herr Doctor, die von ihrem Manne geschieden sein will ich vergaß den Namen wartet seit drei Stun den, wie sie sagt! Der Advocat faßte sich an seine paar Haar büschel, die an den Schläfen herabhingen, und rief: „Diese Frau ist der Nagel zu meinem Sarge! Sterbe ich vor meinem fünfzigjährigen Jubiläum asl Notar und es ist sicher, daß sie mich unter die Erde bringt so trägt sie allein die Schuld. Bin ich todt, kann man getrost auf mein Grabkreuz statt des üblichen Spruchs: „Er ruht in Frieden“ setzen Geheimräthin von Kramer ließ ihm leine Ruhe. ben in der einzigen Mußestunde am Tage. Sagen Sie ihr das, Heinrich zeigen Sie ihr die Uhr im Wartezimmer, die auf drei Mi nuten vor drei Viertel auf Drei stehen muß führen Sie sie dann, wenn es nöthig ist, noch vor die beiden Tafeln, an denen meine Sprech stunden verzeichnet stehen, und sagen Sie ihr, ich kfönne nicht ewig mit ihr Ausnahmen machen. „O, Sie böser, böser Doctor!“ rief jetzt eine melodische Frauenstimme, und Rauschen seidener Gewänder verkündeten dem mit den Kaufcontracten bereis eifrig beschäftigten Manne, daß die ungeduldige Clientin die der Notar sich noch so gern fern halten wollte, eingetreten war. Er wandte sich nicht von seiner Arbeit fort und nach ihr um, trotzdem sie, der klangreichen Stimme nach zu urtheilen, jene schöne Dame war, die er zuvor am Hause des Advocaten gesehen und weiche ihn so über-- aus hold angelächelt hatte; Und welches Thema behandelte diese junge verführerische Frau noch dazu mit gewandter Zunge ?—Die Rohheiten eines brutalen Man ñes ihres barbarischen Gatten, der Schei dungötlage gegen sie eingereicht hatte, —der sie jetzt auf ein so geringes Jahrgehalt verweisen wollte, daß sie großmüthigst lieber auf Alles zu verzichten bereit war, wenn dadurch nur die Trennung rascher bewerkstelligt würde, die auch site lebhaft zu ersehnen schien Der an Tobias Murner's Pult Schreibende schien nichts zu hoören, mindestens konnte er nichts von dem Lächeln gewahren, das hin und wieder durch des Avokaten Züge bei jenen Worten zuckte. Seine Feder flog jetzt —nach dem er die Formulare zu den Kaufcontracten gesucht und gefunden hatte schnell und ge wandt über die Stempelbogen dahin, und er ette offenbar nur für diese Auge und Gedan en. Advoklat Richter, den beredten Lippen gegen über jetzt vollständig verstummt—nur mitun-- ter leicht vor sich hin lächelnd—war nicht nur aufmerksamer Hörer, aüch Beobachter. Er ließ seinen neuen Gehülfen fast nicht außer Augen und schien mit dem Resultate seiner Bemerkungen sehr zufrieden zu sein. Die un erschütterliche Ruhe des Jünglings nöthigte ihm aber eine Art von Bewunderung ab, als Frau von Kramer plötzlich ausrief: Mein Himmel, ich glaube gar, Herr Doktor, da sitzt bei Ihnen der Held einer Scene, der ich vorhin auf der Straße beiwohnte, Sie erzählte nun äußerst lebendig den Vorfall am Frankoni'- schen Hause; es war aber, wie wenn ihre Worte gegen einen Felsen anschlügen, denn nichts verrieth, daß sie den nur im mindesten berührten, den sie doch so nahe betrafen. Wenn lange und von was Allem die schöne Frau in der Stube des Advokaten noch gespro chen haben würde, möchte schwer zu bestimmen sein, wenn nicht plötzlich von der Straße her auf ein dumpfer Lärm hörbar geworden wäre, der ihren Wortschwall unterbrach und dem No tar Ruhe verschaffte. Bei diesem Getöse stürzte ste sofort an's Fenster, und tkaum daß sie hin ausgesehen hatte rief sie im höchsten Grade er schrocken: Mein Himmel, ein Auflauf! ein Auflauf vor dem Hause des Banquiers. Ob der herabgefallene Stein die Schuld trägt Doch nein, was sehe ich! ein gräßlicher ein entsetzlicher alter Mensch—ein Krüppel —o ein Jude muß es sein ein Jude hält die Hand der reizenden Victorine Frankoni—des schön sten und liebenöwürdigsten aller Kinder. Sehen Sie nur, Herr Doktor, ob der Mensch sie nicht gewaltsam festhält —und was mag er von ihr wollen Advocat Richter, sonst für Alles unempfäng lich, das auf der Straße vorfiel, näherte sich bei der letzten Frage rasch der aufgeregten Geheimräthin; doch che er noch das Fenster erreicht hatte, wandte ste sich ihm schon entge gen und sprach hastig Es muß in der That ein Act der Gewalt ge gen das Kind ausgeübt worden sein—denn ich sah; daß plötzlich die neben dem entsetzlichen Manne stehende Frau die kleine Victorine sei nen Händen entrisi mit dem Kinde auf dem Arm die Menge theilte und ë Ihtet Dtäkerin reichte, die der Larm auch aus dem Hause ge lockt zu haben scheint. Verzeihung, daß ich Sie verlässe—ich bin abecr des Banquierd nahe Betkannte wie Sie wissen—ich eile zu sehen, ob seinem Kinde nichts geschehen ist. Na, Gott sei Dank, ivie wäre ich für heute glücklich los! rief der Advokat öffnete dann die Thür des Nebenzimmers und sagte leise: Fritz, ist der Baumeister da? Za, Herr Doktor. Rufe ihn! aber nimm Dich in Acht, daß die Schröder nicht sieht, daß Du ihn zuerst einläßt Ein Herr erschien wenige Secunden spater. Er hatte kaum in Kürze die Angabe gemacht, daß er nicht verantwortlich für das Zusam— nienbrechen einer Zimnierdecke ini neugebanten Hause sei —und stand gerade im Begriff, seine Contracte mit Tischler und Maurermeister dem Notar vorzulegen, als die Thür des Zimmers leise geoffnet wurde und eine andere Person eintrat. Emanuel Richter, Du mußt gleich herunter kommen! sagte eine weiche Stimme in beben-- den Tönen. Hilary, Du, um Gott, was ist Dir ge schehen Du siehst ja bleich wie der Tod aus. Mir selbst nichts; sprach sie ruhlger, nichts, als daß ich erschrocken bin. Unten itn Hause ist ein Mann, den seine eigene Frau als irr sinnig bezeichnet und der dies auch zu sein scheint, denn er sieht aus wie Bettler und schreit unablässig: Ich bin der reiche Jakob Stettenheim aus Frankfurt am Main. Soll ich vielleicht mit hinunter gehen? fragte der Baumeister den Advokaten und setzte rasch hinzu: Ich sah den alten Mann schon vorhin, der, wenn auch nicht gerade wirre, so doch sehr sonderbare Reden führt. Nein, nein, Niemand braucht mitzugehen, als der Hausherr! fo rief die Quäkerin mit ungewohnter Lebendigkeit. Sie erfaßte dabei den Arni des Notars, zog ihn vom Baumei ster fort, näher dem Fenster entgegen, wo der junge Mann schrieb— den sie indessen in ihrer großen Aufregung und ganz hingenommen von dem Schrecken einer eben erlebten Scene, gar nicht sah —hinter dem hohen, mit Büchern be deckten Pulte auch vielleicht kaum bemerken konnte. Da angelangt und überzeugt, daß nur der Notar sie hörte, sagte eindringlich: Halte Jeden zurück, der mit hinuter will. Es ist eine schlimme Scene dort. Je weniger Leute all' diese seltsamen Reden des alten Ju-- den hören, desto besser. Er greift den Banquier Frankoni an !—er sagte der kleinen Tochter die entsetzlichsten Dinge über ihren Vater und nennt sie— o mein Himmel, was, was, sprach er Alles! 2 meinem Hause rief der Notar ärger lich. Beruhige Dich, Emanuel Richter, die Kleine ist von ihm entfernt und in meinem Laden unter Schutz einer Dame. Er aber wüthet und tollt unten im Hause, das seine Frau und ich mit Mühe abgeschiossen haben. —Nun dachte ich, wenn wir jetzt Beide über die geheime Hin tertreppe des Hauses hinunter gingen, Du ihn dann in mein Ladenstübchen bringst und ich durch den Garten nach der Polizei laufe, zu gleich einen Wagen an den Martiniplatz be stelle und wir—ist all' das gethan und besorgt —unter dem Schutze der Polizei den entsetz lichen Mann auf die Weisc ungesehen aus dem Hause schafften. Gut, Hilary, ganz gut —ein förmlicher Feld zugöplan man merkt, die Quäkerin wohnt nicht umsonst seit Jahren im Hause eines Ad vokaten Ach, Emanuel, Emanuel, wie kannst Du jetzt noch Scherz machen! rief sie zitternd. Soll ich mir etwa durch Einen, den Du mal wahnsinnig findest die Laune verderben lassen! Liebe Hilary, ich fand längst die halbe Menschheit verrückt; doch komm nun, und da an der Thür hängt der Schlüssel zum Ret tungöwege —demi verborgenen Corridor. Dem Baumeister, der schon vorher das Zim mer verlassen hatte, folgten jetzt die Beiden, und nur der am verwaisten Pulte von Tobias Murner beschäftigte junge Mann blieb in der Stube des Advokaten zurück. Stille herrschte seitdem Stunde um Stunde. Sie wnrde nur einmal unterbrochen, als man von Neuem Feuer im Ofen anmachte und die Lampen ent zündete, die über den zwei Schreibtischen von der Decke herabhingen. Der Arbeitende sah auch bei all' diesem Geräusch um ihn her nicht auf, schrieb ruhig weiter, und nur als man dicht vor ihm eine Caraffe mit Wasser fortge nommen und eine frischgefüllte hingestellt hatte, trank er hastig mehrere Gläser. Als fein Blick dabei ganz zufallig aus dem nahen Fenster glitt, sah er im matten Grau der Abenddämmerung, wie drüben auf dem flachen, mit Schnee bedeckten Dache des Gandergber ger Hofes sich mehrere Personen befanden— ünter ihnen auch der Advotat Richter. Auf diesem ruhte nur flüchtig sein Auge, —ihn fes selte unwilltürlich der Anblick jener Männerge stalt im Vordergrunde, die, vollig abgetrennt von den Uebrigen, der Stelle an der Galerie ganz nahe ständ, wo der eine Quaderstein fehlte. Die Gestalt bückte sich in der nämli chen Secunde und hob etwas rasch vom Bodeu empor, das wie ein Brief aussah, indem die Augen sich scheu zur Seite wandten. Der Blick fiel ihm auf. Das ist ber reiche Banquier Frankoni sagte eine Stimme im Zimmer. Der am Schreibpult Sitzende wandte sich um er sah bor sich jenen jungen Schreiber, den der Notar zuvor Fritz genannt hatte und in dessen Zügen eine Welt voll Neugierde lag. Von der Galerie dort ist heute Nachmittag ein Stein herabgefallen unb htte fast einen Fremden erschlagen! fuhr Fritz fort. Der, dem dieser Bericht galt, deutete stumm auf seine Arbeit, neigte den Kopf über dieselbe, und bald war die wiederum eingetretene Stille in der Stube nur durch das Geräusch seiner rasch dahin gleitenden Feder unterbrochen. düs die Stempelbogen ausgefüllt und in duplo vorhanden waren, nahm der Jüngling nach genauer Prüfung des rothen Buches und eines von Tobias Murner bereits angefange nen Auszuges axs den Rechnungöbüchern jene anderen Formulare zur Hand, die in den grauen Heften lagen, und begann die neue Arbeit. Der Abend war bereits weit vorgeschritten und der Zeiger der Uhr auf dem Schreibpult des Advotaten näherte sich der neunten Stun de, als der, der so unermüdlich schreibend und rechnend dasaß, wiederum einen gefüllten 80- gen bei Seite iegte. Jetzt waren seine zuvor so bleichen Wangen duntel geröthet, und rast lose Thätigkeit hatte für kurze Zeit wieder her vorgerufen, was der Jugendkraft durch zu an strengende Arbeit längst genommen worden. Er sah außerordentlich hübsch aus mit diesem Schein vollen Lebens und blühender Gesund heit, und seine großen grauen Augen, deren helles Licht am Tage nur durch den tiefen Schatten der langen braunen Wimpern ge doõ ipft wurde, sie leuchteten jetzt in einem fast s. warz zu nennenden Dunkel. Diese Augen waren übrigens, die dem jugendlichen Antlitz seine Hauptschönheit und Bedeutung gaben. Wie sie jetzt so ernst und prüfend das Zimmer des Advotaten durchflogen, bald auf dem schlichten Mobiliar, bald auf den Massen der Actenstoöße ruhten, die aus den verschiedenen Fächern der Schränke hervorsahen, da hätte cin Beobachter aus diesen ruhig klaren Blicken den Schluß ziehen können, daß den Augen gleichsain bestimmt war, tünftig immer mächtig sein Wort zu unterstützen und, wohin sie sich wandten mit ihrem tiefsinnig ernsten Aubdruck, da Eindruck zu machen sie sicher nicht verfehlen würden. Das Schlagen der Uhr stoörte eingetretene Sinnen und Denten des jungen Manneds. Noch ein kurzer Blick in den Raum, der die Staffel der Leiter sein und werden sollte, wel che er an Zweck und Ziel seines Lebens gelegt hatte dann griff er wieder zur Feder, unbe tümmert um die späte Stunde noch unbe tümmerter darum, daß sein bestelltes Mittags essen zu gründlichem Nachtessen sich anließ. Armer Reg! fagte er lächelnd, als er den neuen Bogen begann und flüchtig der dauern Chicago, Dienstag, 28. November. en Stille ringsum lauschte. Endlich aber er dens rens Dste näherten sich rasch der Stube, und mit dem Oeffnen ihrer Thür fielen die Worte zusammen: Hatte ich Sie doch erst ganh über die vertracte Geschichte vergessen, und dann glaubte ich, Sie wären natürtich fortgegangen. Was mögen Sie nurt von mir gedacht haben Bis vor Kurzem offen gestanden gar nichts, entgegnete der Jüngling lächelnd dann aber, daß Sie wohl zu beschäftigt gewe sen, um sich meiner zu erinnern. Ja, das weiß Gott. Da ist eine ganz heil lofe Scene vorgefallen, die nur das eine Gute besitzt, daß sie eerselerene Personen zu Zeu gen hat und von dem Spektatel nicht viel in die Oeffentlichkeit dringen wird. Uebrigens unverantworilich, daß ich Sie darüber so ganz vernachlässigt habe Eatschuldigen sie mich, auch ohne dle näheren Gründe zu kennen. Ber junge Mann, der bisher ganz interesse ios die Worte des Advocaten ängehort, rief nach dem, das ihn persönlich betraf; tlt Ich bitte, sich meinetwegen ganz zu betuhi gen, nnd nur: meine Arbeit anzusehen. Viel leicht giebt Ihnen der Ertrag der vergangenen Stünden eine kleine Uebersicht über meine Leistung Er erhob sich, legte die Contracte und die Rechnungen vor den Advocaten hin, und ein Lächeln wie Glück zitterte durch sein Lrnan als er Ueberraschung der Prüfung ah. “Sie übertreffen Murner!“ rief der Notar. Ich danke Ihnen; denn da Sle sich vorhin anerkennend übet ihn äußerten, darf ich vielleicht hoffen, mir Ihre Zufriedenheit zu erringen, wenn ich erst etwas eingeübter bin Eingeũübter ?So viel können Sie un möglich hier jeden Nachmittag schreiben! Ihnen so viel aber fertig liefern, gauz ge wiß, denn vom „Wo und Wann“ die Ar beit gemacht wird, ist ja nichts an ihr abhän gig, und nur, daß sie gut ist, dabei erforder— lich. „Gewiß gewiß, und dies ist sehr gut ge macht.“ Sind Sie zufrieden, Herr Doctor, so sor gen Sie sich nicht um das Viel oder Wenig. Ich besitze gerade im Copiren und Rechnen ziemliche Gewandtheit, und scharfe, starke Au gen kommen mir außerdem sehr zu statten.“ Sie müssen wie ein Luchs sehen, Herr, co pirten Sie von da aus diese Rechnungen, wo die Bücher aufgestellt stehen. Und ziemlich gewandt nennen Sie dieses nur. Hören Sie, mir ist so etwas nur anMurner vorgekommen, und da auch nur an einzelnen an seinen besten Tagen, wie ich wohl weiß, und mein alter Tobias ist ein alter Prakticus. „Er ist aber alt ich habe frische Kräfte.“ Hm —hm Gerade die Uebung giebt Meisterhaft, und ich bezweifle doch, daß Sie es mit ihm auf die Dauer aufnehmen. Das weiß ich allerdings nicht zu beurthei len, da ich ihn nicht kenne; ich kann nur sa—- gen: daß ich so viel immer leisten kann und muß, denn ich habe viel vor und muß das ein zige Gut, daß ich besitze, „die Zeit,“ nach Kräfteu auöbeuten und benutzen. Nun, Sie wollen doch nicht damit sagen, daß Sie mir immer künftig binnen Stunden aernder leisten wollten und könnten, wie eute! Ich sagte Ihnen, ich sei an Arbeit gewöhnt und schriebe rasch ich kann mich dazu sicher verpflichten! Ihr Züricher Advocat hätte dann Recht, Ihre Feder eine Feder für zwei zu nennen, rief der Notor erfreut und setzte heiter hiuzu: ja, jetzt sehe ich schon ruhiger Ihren Absichten entgegen! Selbst wenn Sie die Universität besuchen, wird,s gehen, daß Sie für mich noch Zeit gewinnen zur Arbeit! Gewiß wird's gehen, wenn Sie nur wollen,“, sagte der junge Mann lebhaft Bedenten Sie, welch' lange Tage der Sommer welch' endlose Nächte der Winter hat. Nächte Nächte! na hören Sie, wie viele lange deren auch sind im Winter Körper, Gesundheit besitzt der Mensch nur einmal. Ein Mensch ist aber stärker denn der Andere, und ich besitze, Gott sei Dank, Gesundheit von Eisen, wie mir cinmal ein Arzt gesagt hat. „Er hätte vielleicht besser gethan und das Richtigere getroffen: Willen und Seele so zu bezeichnen,“ entgegnete der Adcocat ruhig; Sie sind sehr gütig, erwiederte der sunge Mann mit einem Lächeln und Erröthen, das sehr hübsch anzusehen war. Doppelt auffall end blieb darum der flüchtige Schatten, der sich plötzlich wieder ähnlich tief und dunkel wie zuvor schon einmal, über seine Züge la—- gerte und dem Advokaten deutlich zeigte, daß —wie jung auch die vor ihm stehende Person war, ihr Leben doch bereits reicher an bitteren und trüben Erfahrungen gewesen sein mußte, als man im Allgemeinen nach den verflossenen Lebensjahren anzunehmen berechtigt gewesen wäre. Schien's dem Advolaten doch fast so, als wollte jene, in dem Auge des Jünglings so plötzlich und unvermuthet auftauchende Ver zweiflung sich in die einfache Entgegnung klei den: Muß ich nicht einen Willen, eine Seele von Eisen haben, um zu erreichen, was ich mir als Ziel gesteckt Der Jüngling hatte im Uebrigen Recht, den Advokaten gütig zu nennen. Es war in der That ein Antlitz voll von Güte und Freund-- lichkeit, in das er schaute, während die klugen Augen den Ausdruck des Forschens und Sin nens annahmen, der keine Spur von Neugierde enthielt und nur warmes, lebendiges Interesse tund gab. Armer Murner! rief er nach kleiner Pause lachend und setzte mit gutem Humor hinzu: daß seine Hochzeitöreise ihm auch noch neben Hals- und Lungenentzündung einenNebenbuh—- ler einträgt, läßt er sich heute sicher nicht träü men. Wann wollen Sie morgen übrigens wieder kommen Wann Ihr Bureau geöffnet ist und Sie befehlen. Uud künftig Künftig? Ja, da müßten Sie mir schon gütigst manche Arbeit mit in's Haus geben. Das Haus wird wohl nicht weit sein, denn mir ahnt, Sie werden der Hilary Ahston Miethsmann. Jetzt wären nur noch die Honorarbedingungen zu machen. Damit pflegten aber doch Alle, die mir halfen, zufrie den zu sein, denn ich bin kein Geizhals und mit wem ich zufrieden bin, hat sich noch weni ger zu beklagen. Lassen Sie uns einmal gleich die Berechnung beginnen. Hier die vier Con tracte auf den Stempelbogen betragen in Summa zwei Thaler —die Rechnungen, —wie viele sind fertig gleich mit diesen Contracten bezahlen, die ich stets sofort zu berichtigen pflege. Lassen Sie die Rechnungen doch, bis sie alle fertig sind! ich bitte! Gut! Nehmen Sie dann einstweilen die zwei Thaler, und stehen Sie früh auf, wie ich annehme, so seien Sie morgen sieben Uhr hier, wo ich mein Tagewerk beginne. Ich will Ih-- nen da Einiges dictiren und sagen, das sie dann allein beenden können, während ich auf dem Gerichte bin, und machen Sie es gut, ist das ihr bestes Verdienst. —Nun aber genug für heute —nur noch oben in die Mansarde hinauf, da Hilary Ahston Sie dort erwartet, Ihnen die Stube zu zeigen. Kommen Sie—ich gehe mit und leuchte. Die Flurlampen sind längst ausgelöscht Wie glücklich flog der junge Mann eine Viertelstünde spääter mit seinem ersten Ver dienst in der Residenz die Treppen des Giebel hauses hinab. Als er die Hausthür öffnete, f—lang ihm Tanzmusik entgegen. Die Fronte des Gandersberger Hofes erstrahlte in einer Fluth von Licht, —elegante Frauengestalten in buntem Putz Männer in glänzenden Uni—- formen glitten an den hellen Fenstern vorüber. Einige Minuten verweilte er in der offenen Thür —auf der Schwelle des Hauses und blickte unwilltürlich mit Interesse auf das bewegliche glänzende Bild Sehnsucht und Verlangen iveckte dieses Anschauen aber nicht, denn leich ten Herzens dachte er einzig: So! Herr Vin-- cenz Frankoni, den man den reichen Banquier nennt und der an Aerger auch nicht Mangel zu haben scheint, giebt ein Fest —Ob ihm der älte Mann, den sie irrsinnig nannten, nicht die Laune verdorben hat —ob er wohl halb so selig, halb so zufrieden ist, wie ich es bin mit meinen beiden erschriebenen Thalern, mit dem be lückenden Bewußtsein, Arbeit und solches Vorach zu haben? Seiñe freudigen Gedanken unterbrach ein Geräusch oben auf der Treppe und der hastige Zuruf: Halt —warten Sie noch einen Augen bliek. Es war der Advolat, der mit einem Lichte in der Hand nun herunter kam. Sie wünschen noch etwas, Herr Doktor? fragte er verbindlich, indem er zurück in's Haus trat und ihm entgegen ging. Ja, denken Sie, ich habe Ihren Brief—die Empfehlung des Züricher Rechtsgelehrten ver loren —vielleicht auch nur verlegt. Darin stand doch Ihr Name, den ich nicht mehr wußte, als ich ihn eben notiren wollte, Seltsamer Weise fiel dem jungen Manne bei diesen Worten jenes Papier ein, das Ban quier Frankoni zuvor auf dem Plateau seines Haüses von der Erde aufgenommen hatte. Er sagte jedoc; davon nichts —wie er über haupt der Worte nicht vieir ʒ! machen pflegte, ünd ivas lag —wie er annahni —an demoi —kr hatte seine Dienste geleistet, war demnach werthtos —und hatte ihn Bänquier Frankoni auch gefunden, so sicherlich —wie er mindestens annahm, auch schon wieder fortgeworfen. Ja, ja ich werde ihn verlegt haben, fuhr der Advokat fort —obschon ich eben meinte, ihn noch in der Tasche gehabt zu haben, als ich mit Herrn Frankoni in sein Haus ging. Nun, das wird sich ausweisen. —Ein Verlust ist's in keinem Fall, denn ich weiß, wie Sie mir em pfohlen sind und als was Sie sich schon erwie sen haben Nur Ihren Namen, den möchte ich wissen, ihn in's Tagebuch einzutragen. Wie heißen Sie doch ich vergaß es ganz? Fedor Imhof. Sechstes Capitet. Das Fest im Frankoni'schen Hause, das Fedor Imhof flüchtig von der Straße aus be obachtet hatte, war eine Stunde später in voll stem Gange. Der reich decorirte Tanzsaal zeigte eine froh belebte Menge—die hellen wei ten Spielzimmer hatten sich mehr und mehr gefüllt, und in jenen Räumen, welche für ein Zurückziehen vom größeren Gewühl bestimmt waren, wurde lebhafteste Unterhaltung geführt —hier in einer Gruppe heiter gelacht, fröhlich geplaudert —dort wiederum ernst und gewich tig des Tages bedeutendste Fragen erörtert, tiefsinnig politisirt, —über Kunst und Wissen schaft geredet und geurtheilt, dann auch da und dort der Handelswelt Chancen abgewogen und besprochen. Von Allein schien etwas bei dem Feste und unter der versammelten Menge vertreten zu sein, sogar selbst das Ungewöhnlichere den Weg in die glänzenden Gemächer gefunden zu haben, das mii einem frohen Ganzen so wenig in Einklang steht und da am letzten vermuthet werden sollte, nämlich: die Angst und Sorge Beides würde ein genauer Beobachter in den Gesichtöszügen des Mannes entdeckt und be—- merkt haben, der mit einem Lächeln auf den Lippen Jeden, der da gekommen war, begrüßte, und ein Lächeln auch noch immer für Alle in Bereitschaft hatte, mit denen er in verbindlich ster Weise sprach. Es war der Hausherr und der Wirth—der reiche Banquier Frankoni. Er zählte jetzt vierzig Jahre, und obschon er ver möge seines stark ergrauten Haares etwas äl ter scheint, sieht er doch sehr gut und wohlcon-- servirt aus. Seine Gestalt neigt ein wenig zum Embonpoint, ihre Haltung ist aber leicht und geschmeidig geblieben und mahnt heute unwillkürlich —sehen wir sie so gewandt durch das Festgedränge gleiten an die schlangen artige Bewegung, die wir schon einmal in dichtgedrängter Menge an ihr bemerkten —auf jener Auction im Arnold'schen Hause, wo er auf einen Wink der blassen Frau mit den orientalischen Zügen sich Bahn zu ihr brach, um unter so eigenartigem Wort etwas von ihr in Empfang zu nehmen So wie die Gestalt von Vincenz Frankoni noch unverkennbare Spuren des Einst an sich trägt, hat auch das Antlitz noch viel von sei ner früheren ursprünglichen Schönheit bewahrt. —Seltsam scharf und makirt sind zwar die Züge geworden, und der oft so unruhige Aus druck des Gesichts beeinträchtigt ein wenig die an's Classische streifende Reinheit der der Li nien. Trotz Allem ist es noch immer ein schö nes, ein bedeutendes Gesicht, und die weitge schnittenen schwarzen Augen mit ihrem ziem lich ungedämpften Feuer sind es, die bei dem Banquier vorzugoöweise noch an jenen jungen Mann auf der Auction erinnern, der mit einer statuenähnlichen Ruhe dort anfangs am Thür pfeiler verharrte und welchen der Antiquar Stettenheim so spöttlisch den schönen Vincenz Frankoni nannte. Seine, Hände, zu jener Zeit grob und ver arbeitet, haben sich nun die für solche Feste und solche Gesellschaft nöthige Farbe längst angeeignet. Streift er, wie er manchmal thut, den einen der so tadellos sitzenden Hand-- schuhe ab und fährt mit den weißen schlanken Fingern, die nur einen schmalen Goldreif auf weisen, durch das lockige Haar oder edecktb momentan mit dieser nun so wohlgepflegten Hand Stirn und Augen, wie wenn er sich schützen wollte vor dem blendenden Schimmer des Lichts an Kronen und Candelabern— schwerlich möchte dann noch Jemand dieser Hand die Arbeiten anmerken, welche sie einst mals verrichtet. Eben so wenig mahnt das Geringste bei seiner in Form und Anstand fast vollendeten Gestalt, daß sie sich Jahre lang unter drückenden Lasten gebeugt. Vineenz Frankoni repräsentirt den reichen Mann ganz vortrefflich, wenn auch nichts, an ihm an einen vornehmen Mann ernannt. Ein scharfes Auge würde künstlichen Schliff, gute und ge schickte Tünche—aber nicht das Geringste ent deckt haben, das auf bevorzugte Geburt und feinere Sitte schließen ließ. Er hatte sich nur gewöhnt, gleich erfahrenen Reisenden Ge sehenes und Gehörtes mit Nutzen zu verwer then und alles Neue mit schnellem Auge richtig zu erfassen. Trägt er nun aber auch keine Spur des vornehmen Mannes an sich, so be zeigt er doch an dem Abend, wo ihn ersichtlich etwas tief betümmert, den gewandten Welt menschen. Erschien nämlich von Zeit zu Zeit in seinen Zügen jener, so wenig mit der frohen, festli chen Umgebung harmonirende Ausodruck von Angst und Sorge, so wußte er ihn immer und wieder zu bannen oder doch geschickt hinter der Hand zu verbergen. Sie diente ihm oft mehr als Schild der Gedanken, denn als Schutz vor dem Kerzenlichte. Diese mit dem glänzenden Feste, das er gab, so wenig in Einklang stehenden Gedanken und Gefühlen waren Herrn Vincenz Frankoni, wenn er sich immer von Neuem in ihrem Chaos befand, oft sehr lästig. Sie behelligten ihn gleich zudringlichen Menschen, denen zehnmal die Thür gewiesen worden ist und die dennoch —vermöge der in ihnen ruhenden Beharrlich keit —immer von Neuem wiederkehren, um ei nen unbewachten Moment zu benutzen, an der Stätte einzudringen, die ihnen die willige Aufnahme versagte. ODiese ungebetenen—diese aufdringlichen und lästigen Gäste bemerkte vielleicht Niemänd ge nauer, als jene junge Frau, die sich meistens in der Nähe des Banquiers aufhielt oder, war er von ihr entfernt, ihn doch unablässig mit den Augen verfolgte. —Wir sahen das bezau bernd hübsche Gesicht der jungen Frau bereits am Nachmittage —wir bemerken nur jetzt, wie sehr gute Toilette noch die Gaben Natur zu unterstützen vermag. Frau von Kramer's schlanke, kaum mittelgroße Gestalt umwogt in schweren Massen ein langes, sehr weites Schleppkleid von meergrüner Seide, aus dem ihr überaus zierlicher Gliederbau, die reizend geformten Schultern und Arme, das feine Köpfchen doppelt klein und anmuthig her vortauchen. Dies schillernd grüne Geivänd, das sie so rauschend umwallt, ist sehr hübsch mit langen abfallenden Schilfblättern, mit weißen Wasserrosen garnirt; an denen ein künstlich hergestellter Thau mit schimmernden Tropfen hängt. Durch ihr weiches glanzloses Haar von jener seltenen Farbe des Cendre, das sie in lose geordneten Locken trägt, zieht sich ein Kranz von ähnlichen Rosen und anmuthig niederhängendem Schilf. Die schimmernden Blumen, das grüne Gezweig steht reizend zu ihrem welligen Haar, das weder durch die rasche Bewegung eines Tanzes, noch durch ein kotkettes Schütteln der Locken je außer Ord— nung geräth. Wie lebendig auch der Geist der Frau ist—ihren Körper weiß sie in der Ruhe zu erhalten, die bei ihrem zarten elfen artigen Aussehen so wohlthuend berühet und ihr längst den Namen die Nixe gegeben hat. Wer die schöne Frau nur sah, hielt sie sicher für einen Engel wer sie kannte, lächelte und mußte zugestehen, daß sie ihre einstmalige Bühnenkenntniß, die sie vor Jahren zum Lieb ling des Publikum gemacht —in den Sphären nicht eingebüßt. in welche sie der Geheimrath von Kramer ein Mitgtlied der höchsten Ari—- stokratie der Residenz, als seine Gattin einge führt hatte—sondern daß sie ihre bedeuteuden schauspielerischen Talente an dem Abend beim Feste des Banquiers, wo sie zum ersten Mal selt langer Zeit wieder öffentlich in der Gesell schaft erschien; zu abermaliger glänzender Gel tung brachte. (Fortsetzung fotgt.) Fricdrich Hecker über Weiblichkeit und Wciberrechte. Demni Pittoburger Volloblait entnehmen wir den folgenden Abriß des Vortrags, wel chen Friedrich Hecer über das in der ueberschrift bezeichnete Thema gehalten hat: Der Vortragende begann mit dem Hinweise auf das sich jetzt in gewissen weiblichen Krei— sen geltend machende Streben der Unnatur des Weibes, der Unnatur, die at Stelle der wahren Weiblichkeit die Weiberrechtelei zu setzen und den Satz umzustoßen sucht: Nach Aretteit strebt der Mann, Das Weib nach Sitte. Die menschliche Natur sagt. daß der Maun mit dem Weibe sich verbinden muß, zur har monischen Entwickelung der beiden Indivi—- dualitäten, das männliche mit dem weibli chen Wesen sich einigen muß; würde es nicht lächereich sein, wenn man durch die weitere Entwickelung des Satzes, den zehnjährigen Knaben mit dem neunjährigen Mädchen ver binden wollte. Was die Weiberrechtlerinnen lehren, die Auflösung der geschlechtlichen Unterscheidun-- gen, ist Unnatur, Unsinn, Nunquam aliud natura aliud sapientia docet. Was wider die Nätur ist, ist Zerrbild. Nur bei den Ge schöpfen der niedrigsten organischen Forma tion sind die Geschlechter gemischt, bei den höchsten geschieden. Auf dem höchsten Ständ— punkt der Natur stehen das Weib und der Mann. Das geheimnißvolle Leben der Ge schlechter, die süße Harmonie, das selige Auf gehen in einander des weiblichen und männ— lichen Wesens sind das Meisterwerk der Natur, das vollendete Meisterwerk derselben heißt nicht Ner nicht Weib, es heißt Mann und deib. Nur an der Hand der Natur gelangen wir zum richtigen Verständniß des Verhältnisses zwischen Beiden, die Natur sei darum unsere Führerin. Wer den Bau des weiblichen Körpers un tersucht, findet sofort den Unterschied, daß die gebärende Kraft andere Bedingungen erfor dert als die zeugende. Schon die ganze Struktur beweist das. Durch abweichende Construktion ist das Weib naturgemäß nicht zu gewissen Thätigkeiten geeignet. Die Mus—- keln sind leichter, die Glieder zarter, die Zel— lengewebe weichlicher, die Bintbildnng geht schneller von Statten, die Lunge ist kleiner, Knochen feiner, das Gewicht des weiblichen Gehirns zwei bis sechs Unzen geringer als das des Mannes, die Sinnesorgane feiner; der weibliche Organismus ist mehr concentrisch, der des Mannes peripherisch. Nennt mir eine Blume, die schöner blüht als ein seelen volles Frauenauge. Darum hat das alte Volk der Germanen den Weibern seines Stammes den Seherblick zugeschrieben, und durch die ganze nordische Götterlehre wie durch das historische Leben zieht sich die Ver— ehrung des weiblichen Geschlechtes, und dieser Verehrung verdanken wir noch heut den Um stand, daß der deutsche Jüngling noch immer um das deutsche Mädchen freit, wie es seit alten Zeiten der Fall gewesen, daß nur in den seltensten Fällen der Deutsche sich mit der Ausländerin verband. Das ist die Vereh—- rung der Weiblichkeit in uuserem Volke, die den Gruud dafür abgibt. Stellen wir dem edlen Weibe das Zerrbild entgegen, das die Weiberrechtlerinnen aus ihm machen wollten, den Zwitter, gleich ungeschickt zum Herrschen und zur Liebe! der treuen Mutter, der Er— zieherin der Kinder, das Bild des Weibes, das auf dem Stump dem Anblick aller sichtbar ausgesetzt dasteht, das in den Debatten, im wogenden Parteikampf ihre Zunge tönen läßt, im Congreß als Patronin der Aemterjä ger, im Gericht als Vertheidigerin von Ehe—- brechern und Verbrechern gegen die Sittlich keit, als Geschworene in Verhandlungen, bei denen der Mann sogar, um das keusche Ohr der Jugend nicht zu verletzen, die Oeffentlich keit ausschließt. Denken Sie die eigene un-- schuldige Tochter als Geschworene bei solchen Prozessen! Das Weib kann sich, wenn sie Rechte haben will, nicht von den Pflichten ausschließen Denken Sie sich das Weib mit einer Reitpeitsche wie Lola Montez, oder gar als eine Priesterin der freien Liebe, jener Ver zerrung, die an Stelle des Ehebetts der keu schen Liebe, das Lotterbett der Lust setzen will. Welcher Jüngling wird „erröthend den Spu—- ren“ eines solchen Weibes folgen müssen? Durch die Geschichte des deutschen Volkes geht der verklärende Zug der edlen Weiblich keit. Wo wir anderen Zügen begegnen, da ist der ausländische Einfluß, in Folge geschicht licher Ereignisse, bis in das Einzelne nach weisbar. Aber nach allen Verirrungen kehren immer wieder die vertriebenen Götter der Ehe unter das deutsche Dach zurück, und auch selbst in den schlimmsten Zeiten, mochten auch die Vornehmen prassen und ludern, im Hause des Bürgers brannte stets das heilige Feuer der Vest. 1 Die Verschiedenheit der Geschlechter ist auch psychologischer Natur, die andere Organisa tion des Stoffes bedingt andere Aeußerung der Kraft. Die Naktr gab uns unter den Frauen eine Sappho, eine Stael, aber keinen Kant, Hegel und Fichte. Die Struktur des männlichen Körpers ist eine andere als die des Weibes, der Mann ist stärker gebaut, die größere Kraft deutet auf stärkere Leidenschaften, des Weibes Stimme ist weich uud in hoher Tonlage, die des Mannes kommt tief aus der Brust, die größere Lunge verbraucht mehr Lebenslust, sein Schoß birgt keine wachsende Frucht, sein Nerven leben ist ein anderes, er ist der vorwärts Drängende, der Schaffende, der Zeugende. Auch die Frauen des deutschen Alterthums, die doch ganz andere Gestalten waren als unsere Weiberstimmrechts -Annas und Su—- sannas, traten nicht hinein in's Schlacht ertn sie blieben daheim in der Wagen urg. Hierauf gab der Redner eine poetisch schöne Schilderung des Wirkens der Frau und Mut—- ter mit ihrem unerschöpflichen Reichthum in niger Liebe, ihrer Pflege des Säuglings, der Kinder und ihrer Liebe zum Manne: Die Frau liebt am Mann, was männlich, der Mann am Weibe, was weiblich ist. Die ganze leibliche und geistige Natur des Mannes ist angelegt, daß er hinaus muß „in's feindliche Leben“, während die Frau daheim wirkt. Sie ist der Eckstein des Hauses, der Grundstein für edles Familienleben. Wem von Euch, wenn ihn die Stürme des Lebens geschüttelt, ist nicht einmal der fromme milde Strahl in's Herz gedrungen, wenn das Licht seines Hauses blinkte, wo sie saß, sorgend die treue Mutter. Nicht das Mannweib ist bes Erdenwallers bester Theil, nein, das Weib, wie Luther es schildert. Und womit begründen denn die Stimm— rechtlerinnen ihre Ansprüche, um zu beweisen, daß eine Aenderung eingeführt werden müsse? Nehmen sie das mustergültige Familienteben als Beweismittel? Nein, sie suchen sich den Verbrecher und die Ausartungen menschlicher Verhältnisse als Handhabe, sie argumentiren mit Lumpen und Hallunken und sagen dann, daß Alles besser werden solle, wenn die Frau des Hauses die Frau der Rednerbühne ge worden. Sie phantasiren von einem glüct Nummer 48. lichen Dasein, das eintreten werde, ·sobaid ihre. Pläne ausgeführt sind, sie wollen den ewigen Frieden bringen und den Krieg äb—- schaffen und wo bleibt der Hauskrieg? Wir haben einen besseren Glauben, als jene, wir glauben an den versittlichenden Einfluß wah rer Weiblichkeit. Ein anderes Argument nehmen die Stimm—- rechtodamen aus der Jahrtausende langen untergeordneten Stellung des Weibes und reden von der „Rechtlosigkeit“ desselben. Darauf ist nur zu sagen, daß sie doch einmal diese „Rechtlosigkeit“ prüfen sollen. Civil rechtlich ist die Frau durch die neue Gesetz— gebung in den meisten der Ver. Staaten ge sicherter gestellt, als in den meisten Europa's, benutzt sie aber dies ihr Recht nicht, so liegt der Fehler an ihr. Das Gesetz giebt dem Weibe mit dem 14. Jahre die Berechtigung zur Ehe, die Volljährigkeit mit dem 18., viel früher als dem Manne; dazu hat sie freie Verfügung über ihr Vermögen vor und wäh rend der Ehe, durch Abschließung eines Ehe vertrages kann sie sich noch weiter schützen, all' ihr Verdienst während der Ehe gehört ihr, zur Wahrung ihres Sondereigenthums kann sie unabhänglg prozessiren, während der Mann für alle ihre Schulden während der Ehe haftet. Däs Wohl des Staates ist das oberste Ge— setz, fobatd der Mensch in den Staatverband eintritt, n er von seinen ursprünglichen Nctureigenthümlichkeiten aufgeben. Die Ehe ist das Produkt der Vereinigung zweier Vernunftwesen zu gemeinsamer Ver fotgung der Lebenszwecke, ein auf Dauer be—- rechneter Vertrag, geheiligt durch den hoöheren Zweck, eine harmonische Verbindung von Sin-- nentrieb und Geistigteit. Sobald diese Har monie aufgelöst wird, steuern wir auf Irrwe gen, der eine führt zur Thierheit, der audere zur menschenfeindlichen Ascetik. Der Staat mußte mit Nothwendigkeit erkennen, daß um die Einrichtung der Ehe schützende Schranken gezogen werden müssen und deßhalb umgab er sie mit Gesetzen, die sie vor der Verirrung der Leidenschaften, vor der Auflösung bewah— ren sollen. Je sittlicher ein Volk, desto heili-s ger ist ihm die Ehe, jemehr verwitdert, desto lockerer die Bande derselben, und einmal gelo- ckert, kann sie kein Gesetz aufhalten, keine lex Julia, lex Cornelia Große Bürger werdens nur erzogen, wenn das Familienleben eins edles ist. Was soll aus dem Mädchen wer den, dessen Mutter die Liebhaber wechselt, wie die Moden, das die Ehe kündigt, wie manh: einem Dienstmädchen aufsagt; was wird ders Knabe treiben, der einen lasterhaften Vaterst hat? Wenn Vater und Mutter die freiess Liebe preisen, wird der Sohn nur Geringschä tzung des Weibes aus dem Elternhause mit-si nehmen, er wird nur darauf trachten, imh Gelderwerb Befriedigung für die rohen Sin nengenüsse zu suchen und ein schlechter Mensch, s ein corrupter Bürger werden. Nicht die Schranken des Ehegesetzes, son-h dern die Vernichtung derselben ist der Grunds allen Verfalls. Laßt das Mädchen lernen, was immer nur in ihren Kopf wilt, aber bringts ihr die Lehre bei, daß die Ehe Nichts ist, so ist ihr die Blume des Lebens vergiftet; gebt ihr aber das edle Beispiel der Mutter in ihrers wahren Würde, sie wird ihr folgen und glück licher sein, als wenn sie Stumpreden hielte oder die Parallaxe eines Fixsterns berechnete. Die Erziehung eines Mädchens im Sinne der Weiberrechtlerinnen ist eine Beeinträchtigung der physischen Entwicklung und des edlen Ge fühls durch wüsten Lehrkram; der Plunder, den man solch' einem Blaustrümpf auch auf hängen mag, fesselt einen Mann nicht. Der Vortrag knüpfte hieran eine Schilde rung des Sittenverfalls in Rom, als die Frauen anfingen, sich mit der Politik zu be fassen, gedachte der Messalinen, der Mainte nons, der Pompadours und der Petroleusen als Zerrbilder auf das edle Weib. Sodann wies er darauf hin, daß in ihrer Sphäre die Frau höchst wichtige Dienste leisten koönne; sie, in deren Natur ein Diplomat stecke, wisse zu mildern, zu besänftigen und durch gute Worte mehr zu erreichen, als die polternden Weiber der Tribüne. Sobald die Frauen es den Män nern gleichthun, werden sie nicht ferner auf zarte Rücksicht rechnen können, däs Parteige triebe wird sie ebenso in den Schmutz ziehen, und ihr Geschlecht wird noch viel mehr Mate— rial für Parteipfeile liefern, Angriffe, die im Stande sind, ein edles weibliches Herz zu brechen. Nur das verlorene Weib wird den Angriffen frech, ohne Scham, ins Antlitz schauen. Der Schoß des Weibes ist der Born des Menschenthums; während sie den Keim ent wickelt, ist sie unfähig, jede Kraftäußerung vorzunehmen, sie gefährdet zwei Leben. Aber wenn sie auch nur für ein Leben verantwort lich wäre, ihr eigenes wäre nicht stark genug, das Treiben der Politik zu überdauern. Noch ein Einwurf werde gemacht und die Frage aufgeworfen: Ist denn das Weib nur dazu da, um Kinder in die Welt zu setzen? Die Falle liegt in dem Wörtchen „nur“ Das Weib ist nicht nur, sie ist a u ch dazu da und darf sich Dem nicht entziehen. Gesetzt die Zeugung hörte anf, die Menschheit stürbe aus und auf den Trümmern einer schönen Welt irrte nur noch, einsam und verlassen, ein Weib umher. Ringoum kein Wesen, das mit ihr fühlt, ihr Sehnen theilt, trostlos einsam. Würde sie nicht mit wildem Zorn die Gebeine der falschen Prophetinnen aus ihren Gräbern reißen und sie gen Himmel schleudern, um Rache herabzurufen über Diejenigen, die sie um Menschenglück betrogen? Der Vortragende entwarf hierauf ein prachtvolles Bild des Seelenlebens des wah ren edlen Weibes und zeichnete scharf dagegen die Verirrung, wenn nicht Verworfenheit, des emancipirten Weibes, das da ruft: Nieder mit der poetischen, altmodischen edlen Weiblichkeit, gebt Ehe, Mutterschaft, Familienglück dem Spott und Hohn preis, damit die neue Satz ung zerfresse, vernichte, was so groß, so mensch lich, so göttlich war! Das ossene Polarmeer. Der Verein für Geographie und Statistitk in Frankfurt a. M. hat „von der norwegi—- schen Küste am Bord des Harald Haarfagr“ vom 9. Okltober einen Bericht vom Ober— Lieutenant Julius Payer erhalten, der in ho hem Grade bemerkenswerth ist nud nach Ue bergehung der Einleitung lautet: „Diese Vorexpedition zur Untersuchung des Meeres zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlä, welcher im nächsten Jahre eine grö— ßere Unternehmung folgen soll, hat einen alle Berechnungen verlassenden, unerwarteten Au sgang genommen. Weßhalb eine der vorge setzten Aufgaben: die Erreichung von König Karl-Land, nicht consequent angestrebt wer den konnte und durfte, wird Schiffs-Lieute nant Weyprecht persönlich auseinandersetzen. Dagegen tritt die Entdeckung eines ausge dehnten offenen Polarmeeres an die Stelle ei nes für völlig unschiffbar gehaltenen Gebie— tes, in welchem die Russen, die Schweden und auch die deutsche Expedition von 1868 sich vergeblich bestrebten, auch nur in dem süd—- lichsten Theil desselben einzudringen, als ein Resultat auf, welches geeignet ist, der ge—- sammten Polarfrage eine andere Wendung zu geben und eine neue, vielversprechende Basis zur Erreichung des Poles zu schaffen. Es ist im höchsten Maße zu bedauern, daß die große deutsche Nordpolar-Expedition vom Jahre 1869,70 nicht diesen Weg durch das „Nowaja Semlä Meer“ welcher auch ur sprünglich von Dr. Petermann als der geeig netste anerkannt wurde, um in das Herz des Polarbassins vorzudringen eingeschlagen hat. Während bedeutende Autoritäten sich bis auf unsere Tage entschieden gegen jede Route im Osten Spitzbergens ertlärten, die vielen Expeditionen der Russen in unserem Jahrhunderte auch nicht einmal im Stande waren, den Norden Nowaja Semlä's zu um schiffen, und die Fahrt des Norwegers Jo—- hannesen im vergangenen Jahre dicht an der Küste dieser Doppelinsel aus dem Kati'schen Meere in die Barents-See als ein außeror-- dentliches und von vielen Seiten selbst be zweifeltes Ereigniß betrachtet wurde, haben unsere Erfahrungen die Existenz eines ausge dehnten offenen Meeres im Norden Nowäja Semlã's nachgewiesen. Da aber auch das Karische Meer bon den Schiffern Simonsen, Mattiesen -c. dieses Jahr wie auch früher als fast völlig eisfrei beobachtet wurde, und nach dem es dem ersteren selbst in der Nähe der Weißen Insel nicht gelang, das den Fang der Wallroße bedingende Eis zu entdecken, so ist der Zusammenhang des offenen Nowaja Semlã-Meeres mit der Polynia im Norden Sibiriens im Herbst so gut wie nachgewiesen. Damit verschwindet aber ein ungeheures Eisterritorium von unseren Karien. Man wird nicht verfehlen, das Jahr 1871 als eln für die Eisschifffahrt üngewöhnlich günstiges darzustellen, gleichwie man ebenso oft ohne Recht und Beweis von „ungewöhnlich un günstigen“ Jahren gesprochen hat. Allein in ganz Norwegen herrscht unter den Wall roßjagern und Fischern nur Eine Stimme, welche den verflossenen Sommer zu den aller schlechtesten zählt, die man seit langer Zeit er lebt habe. Ist ed ja doch selbst mit dem deutÿ schen Expeditionsschiffe„Germania“ nicht ge lungen, auch nur in das Karische Meer einzu dringen. Hier in Norwegen legt man dieses Zurückbleiben des Dampfers hinter gewöhnli chen Segelschiffen der so mangelhaften Eig-- nung der Germania sowohl als Damps- wie als Segelschiff die Schuld bei, und es wird im Interesse der Sache von großer Wichtigkeit sein, dieses Fahrzeug, welches noch 1869/70 entsprach, einer unparteiischen Prüfung zu unterwerfen. Wie lassen sich nun diese so gunz und gar von dem Bisherigen abweichenden Ergebnisse der eben vollführten Polarfahrt erklären Wir sind von der Anmaßung, zu glauben, daß wir energischer und entschlossener versahren seien, denn ndere vor und, ebenso entfernt, als wir selbst nicht darau denken, unsere kleine Unternehmung ais eine eigentliche Expedition auf gleiche Stufe mit vorangegangenen stellen zu wollen. Der Schlüssel zu diesem Räthsel liegt einfach darin, daß fast alle Expeditionen diefes Meeresgebiet zu früh betreten und zu früh verlassen haben, denn die Periode der günstigften Schifffahrt in demselben fällt erst in den Herbst. Auch haben sich alle diese Ex peditionen entweder den Küsten Nowaja-Sem lãs oder Spitzbergens zu nahe gehalten, wäh rend, wie es den nschein hat, der 40. bis 42. Längengrad die freigneise Stelle des Nowaja- Semlã-Meeres ist, um nach Norden vorzu dringen Wir haben hier ohne Mühe fast den 79. Grad N. Br. erreicht, und kein anderes Hinderniß als Proviantmangel hat unserem weiteren Vordringen nach Rorden Einhalt gethan. Als wahrscheinlichste Ursache dieser im Herbste im Nowasa Semlã-Meere so außer ordentlich günstigen Eidverhältnisse, welche sich mit jenen an der grönländischen Küste durchaus nicht vergleichen lassen, tritt der Golfstrom auf. Vor der Zusammenstellung und Vergleichung aller der gemachten Beob achtungen unter einander läßt sich dies aller dingo nicht mit Bestimmtheit äussprechen, sondern nur ats wahrscheinlich annehmen. Für unsere Ansicht jedoch sprechen namentlich die um 3 bis 5- C. jene der Luft übertreffende Temperatur des Wassers in diesen hohen Brei ten (im September), die Häufigteit von Nebel, von Gewitterhöhen, das Auftreten eines den Passaten eigenthümlichen Himmels, die con statirte Strömung nach N.-0., an der Küste von Rowaja Semlã, die ültramarinblaue, den Golfstrom charakterisirende Wasserfarbe, der außerordenttiche Reichthum des Wassers an niederen Thieren -c. Anfangs Herbst schrint es demnach, daß der Golfstrom die Küste No waja Seml's verläßt und westlicher auftritt, oder aber, daß er sich über ein größeres Gebiet ausbreitet. Diese Schicht warmen Wassers ist ungleich tief und nimint nach Nord an Mäch tigkeit ab. In materieller Hinsicht tritt der enorme Reichthum des bisher gänzlich unbe tretenen Nowaja-Semlä Meeres an Wall fischen hervor. Die während der Fahrt aus geführten wissenschaftlichen Arbeiten bestehen in einer continuirlichen Reihe von Beobach tnngen über die Temperatur und Dichtigteit des Wassers an der Oberfläche und in verschie denen Tiefen, regelmäßigen meteorologischen Beobachtungen, Wahrnehmungen über das Vorkommen von Bänken, Treibholz, Strö mungen, in einer doppelten, theilweise drei fachen Reihe von Tiefseelothungen, in der Sammlung von Grundproben, Declinationõ bestimmüngen, Aufnahmen, geologischen Un tersuchungen, Gesteins- und Pflanzensamm lungen“ Die canadische Distel. Das Urtheil des westlichen Farmers über die canadische Distel lautet wie das Scipio's über Karthago: „Sie muß zerstört werden.“ Es hat jedoch damit seine Schwierigkeiten wie mit der Zerstörung der punischen Hauptstadt. Alle möglichen Mittel sind bereits versucht, alle möglichen Rathschläge ertheilt, und ver schiedene Gesetze dägegen von verschiedenen Gesetzgebungen erlassen. Die bisherigen Ge setze waren negativer Natur, sie bestraflen den Landeigenthümer, welcher Distein auf seinem Lande duldete und dasselbe dadurch in eine Art Pestheerd verwandelte, von welchem aus die canadische Pest sich über das Land der näheren und ferneren Nachbarn verbreitete. Diese Gesetze erwiesen sich jedoch im Ganzen als todte Buchstaben, es fehlte an patriotischen Angebern und Anklägern und der Staatsan walt glaubte Wichtigeres thun zu können, als Distelbrutstätteninhaber in Anklagestand zu versetzen. Die Jilinois Staatsgesetzgebung will jetzt einen neuen Weg einschlagen, sie will bon Staatowegen dirett und positiv die Ausrottung der Disteln in Angriff nehmen. Es soll zu dem Ende in jedem Town ein Distelausrottungs-Commissär ernannt wer den mit einer Vergütung von F 3 per Tag, dessen Aufgabe es sein soll, die Distel mit Stumpf und Stiel auszurotten. Der Com missar, welcher seine Aufgabe löst, wird jeden falls eine Extrabelohnung verdienen, denn eine schwierigere Arbeit als die Vertilgung der Distel giebt es auf dem ganzen Gebiete der Landwirthschaft nicht. Man mag z. B. die Distel noch so viel unterpflügen, man mag sie noch so oft köpfen, man mag selbst die Wurzel noch so viel abstechen, sie arbeitet sich doch wieder durch den Boden und der kleinste Theil einer im Boden verbliebenen Wurzel ge nügt, um eine neue Distel emporzusenden. Dabei ist ihre Fruchtbarkeit ebenso schrecktich, wie die Zähigkeit des einzelnen Exemplars. Wenn auf einem Acker auch nur eine einzige stehen bleibt, so genügt sie mit ihrem Saa men, um den ganzen Acker in ein Distelseld zu verwandeln. Nur durch das Ineinandergreifen und aus dauernde Züsammenarbeiten der Privat- und öffentlichen Thätigkeit wird es gelingen, der Land-Pest Schranken zu ziehen und schließlich vielleicht sie ganz auszurotten. Lehrer sollten in den Schulen aus ihren Schülern fliegende Corps gegen die Distei orgauisiren, und pa-- triotische Bürger sollten für so und so viel getödtete Disteln ebenso Prämien und Ehren medaillen aussetzen, wie sie es für Leistungen auf andern Gebieten gethan haben. Jeden falls ist es an der Zeit, daß Etwas und sogar Viel geschehe. Das Uebel wird jedes Jahr unerträglicher. In La Salle County allein sind 2000 Acker von dieser Pest bedeckt und dieser Herbst wird die Fläche noch um viele Acker vergrößern. Auch in Chicago macht sich die Distel bereits breit genug, namentlich auf leeren Grundstücken, deren Besitzer nicht in der Stadt wohnen. Für Ausrottung der Di stekn auf solchen Grundstücken ist die Thätig keit eines eigenen Commissürs, wie ihn der jetzt in dereiaeltann debattirte Entÿ wurf vorschlägt, absolut unentbehrlich. Ein hübsches Bild von den russischen Mönchen entwirft das Nizgoroder Intelligenz blatt, indem es folgenden Vorfall aus dem Kreise Balachnin mittheiltt: Am 26. August besuchten zwei Bauern einen Mönch des Theo dorus-Klosters in seiner Zelle, in der noch zwei andere Klosterbrüder sich befanden. Der Mönch bewirthete die Bauern mit Branntwein unb Thee. Nach einiger Zeit äußerte sich einer der Bauern den Mönchen gegenüber, er fürchte sich, so spät Abends den von ihm beabsichtigten Gang nach Gorodez zu machen, da er viel Geld bei sich habe Die Mönche schafften Rath und befreiten ihn von seiner Sorge; sie löschten das Licht aus, warfen sich äf den Bauer und entrissen ihm sein Taschenbuch mit 773 Rubel 16 Kopeken. Der Beraubte schrie. der zweite Bauer legte ebenfalls energisch, aber vergeblich Protest ein; die Mönche zerrten den Erleichterten vors Kloster, nahmen ihm seine letzten 60 Kopeken ab und gaben ihm noch ei nige Püffe mit auf den Weg, den er un, ohne vor Räubern sich fürchten zu müssen, zu rücklegen konnte Die Fremdenliste zeigte in Baden-Baden am 29. Oktober 48,618 Namen, etwa 14,000 weniger als im Jahre 1869, das überhaupt die größte Fremdenzahl (62, 036) aufwies.