Feuilleton. Todtes Capital. Roman Lonife Drnesti tdortsetzung.) Er willigte ein, die Residenz als Aufenthalt zu erwählen, wo der Bekanntenkreis ein nur tleiner geworden und Einschräntkungen eher zu ermöglichen waren, ohne sich dem Gerede der Leute auszusetzen, denn auf Radenau. Wie furchtbar wurde ihm dort in der Resi denz aber sein dis-a-vis: Vincenz Frankoni! Voll Hochmuth forderte er, nächdem er taum des Messingschildes ansichtig geworden, vom Banquier in kurzem Schreiben: „Ent-- fernung jener Wappen vom Gandersberger Hofe.“ Vincenz Frankoni ging nicht daräuf ein. Er antwortete in gleich tür·cr Weise, sie gefielen seiner Tochter, und deren Wünsche ständen ihm höher denn das Lerlangen eines Fremden. EI längst, diese kleine Tochter war des verwitt weten Banquiers Abgott, sein Ein und Alles; uud liebte sie in W hrheit den Wappen—- schmuct am Hause, warde er bleiben und setzte Graf Hohensteiu so zu sagen „Himmel und Hölle“ in Bewegung, sie zü entfernen Von einem Proceß, den der Graf anfangs im Sinne hatte, redete Notar Richter ihin als von ganz vergeblicher Sache ab Der Hof gehörte, wie er sagte, längst dem Banquier, und daran Veränderungen zu treffen, habe nur mehr der Eigenthümer das Recht Herr Vincenz Frankoni nahm bei dieser Wappenangelegenheit übrigens nicht allein auf die Wünsche seines einzigen Kindes Rüct sicht, als vielmehr auf seine eigenen hochflie- Träume, welche in dieser Zierrath sei nts Hauses eine gute Vorbedeutung sehen wollten Die Zeiten ausschließlicher Macht und hohen Ansehns des Adels waren über „haupt jetzt vorüber die Regentschaft des VGeldes begann sich jene Bahn bereits zu bre chen, die sie zur Jetztzeit in so umfassender Weise erreichte. Dieser „elende Mammon,“ den so viel Tausende schon verwünschten —ein Jeder aber sich heimlich ersehnt —und von dem Vincenz Frankoni mehr besaß, als man ahnte, und den er auf jede, erlaubte und unerlaubte Weise zu vermehren gedachte, dies Mittel, dessen lermen er besser kannte als man cher Andere—es sollte seiner Ansicht nach einst seiner vergötterten Tochter einen Rang —eine Stellung in der Welt verschaffen, die ihm ein zunehmen versagt geblieben war Daß er bereits die festesten Ecksteine zu die sem Bau seiner Zukunftoöpläne besaß —Steine, an deren scharfen Kanten Hohenstein sich noch die Stirn zerstoßen würde, —dies deutete Vin cenz Frankoni bei den verschiedenen Unterhan dlungen über die Wappenangelegenheiten nicht mit einem Worte gegen den Advokaten Richter an. In jenem gereizten Tone, den er so leicht annahm und welcher dem Menschenken ner, der den reichen Banquier beobachtete;, sehr bald verrieth, das seine Vergangenheit teine so glatte gewesen, wie er stets glauben machen wollte in diesem zwischen Bitterteit Hohn und Heftigkeit schwantenden Tone sagte er nur kurz und scharf: „Es ist noch nicht aller Tage Abend, Herr Graf Anton von Hohenstein! Advocat Richter hätte nun tkein so kluger Mann sein müssen, wie er war, wenn er nicht aus diesem Ton aus jenem Blict, mit dem Vincenz Frankoni zu seinem stolzen vis-a-vis hinüber sah—nicht seine richtigen Schlüsse ge zogen und geahnt: daß die Zukunft dem Grafen Hohenstein nen andere Ueberraschun gen von Vincenz Frcntoni bereiten würde, als nur dessen Namen auf kleiner Messing platte der Säule zu sehen und einen Banquier als Inhaber des Ganderberg'schen Hofes zu wien as tleine Messingschild war und blieb in dessen nicht der alleinige Aerger Graf Hohen—- stein's, das wurden mehr und mehr jene nicht zu vertenuenden Anzeichen zunehmenden Reich—- thums und eines sich steigernden Luxus im Ganderöberger Hof, gegen die am wenigsten die näähere Nachbarschaft ihr Auge verschließen tonnte. Dieser Reichthum dieser Luxus beides die Götzen von Graf Hoheunstein's bis herigem Leben wie empörte es ihn, diese Güter, dieses Glück, das er in dem Maße ver scherzt und unwiederbringlich verloren hatte, so reich aufblühend am Lebenspfade eines Menschen zu sehen, den er unter anderen Ver— hältnissen so tief unter sich stehend erachtet haben würde, ihn taum zu bemerten. Und nun sollte er fort und fort verurtheilt sein, dies Bild vor Augen zu haben? —„Uner—- träglich!“ rief er zehnfach an einem Tage aus. Ganz unertrglich würde es ihm in Wahrheit geworden sein, wenn ein anderes Auge nicht Ausweg gesucht und gefunden. wenn er nicht unter allen bösen Geistern, die ihn umringten, einen guten Engel neben sich gehabt hätte. Dies war seine Frau; an ihrem Herzen besaß Graf Hohenstein einen Schatz, desse.· Capitalien zu sicher —zu fest waren, um unter seinen Händen auch schwin den zu können. Wie oft schon hatte er den Werth dieses Schatzes erprobt' wie oft schon in ihm—im Gegensatz zu den leicht ver ñegenden Quellen seiner irdischen Neichthü— mer—einen Quell überirdischen Segens ent deckt, der sich als ewig unversiegbar an golde nem Inhalt erwiesen. —ln guter Zeit war dies Herz seiner Frau nur ein treues, lieben des und weiches —in bösen Tagen aber wurde es seine Stütze, sein Halt und beste Zuflucht. Wie einfach auch organisirt, besaß es Tiefen, die gleichsam in duntelster Zeit am hellsten zu Tage traten, und wie bescheiden auch für ge wöhnlich in seinem Anspruch —kam es bei je dem außergewöhnlichen Falle mit all' seinen Schätzen blendend zum Vorschein. Gräfin Hohenstein war nur in einzelnen Fällen des Daseins ihrem Mann gewesen, was das Weib dem Gatten eigentlich immer sein soll: „die Gefährtin seines Lebens.“ Er hatte bei seinen tausendfältigen Ansprüchen an Glück bei seinem Leben unersattlichen Ge—- nusses, das er führte, immer noch andere Materialien bedurft, als sie liefern tonnte. War sie nun aber auch seit Jahren nur mehr „die Erste seines Hauses“ gewesen, während er verschiedenen Anderen ihre Rechte einge räumt hatte: „Ecste seines Herzens“ gewesen zu sein, so stand sie doch immer dann treu an seiner Seite, wenn er der Hülfe bedurfte. Sie spendete diese in schönster Weise „in Handlungen“, in jenen stummen, wortlosen Thaten, die laut und beredt Kunde von der Liebe geben, die da Alles tann und Alles dul det, —haten, die, wie tlein oft ihr Anschein auch ist, in ihren Folgen Großes erzielen und dem zur Wohlthat gereichen, für den sie aus geübt werden. Das ausgleichende vermittelnde Princip auf dem Lebenöpfade ihres Gatten zu sein, genügte ihr, nachdem sie längst eingesehen hatte, ihm nicht mehr und Besseres werden zu rönnen. Dieses ließ sie auch in der Zeit, wo sie bemerkte, wie er unter den Veränderungen des Gandersberger Hofes litt, auf einen Ausweg sinnen. Daß ihr Gemahl diese Um wälzungen selbst verschuldet hatte —das Jetzt nur unausbleibliche Folge des Einst Folge seines Leichtsinns und gewissenloser Ver schwendung war, daran dachte sie wohl, denn sie litt zu viel unter diesen traurigen Resul— taten, um ihren Ursprung vergessen zu kön— nen. —Sie vergab ihm aber—sie gehörte nicht zu den richtenden Naturen, und auf den in ihr ruhenden Geist der Vermittetlung hatte die Ertenntniß des Bestehenden teinen nach theiligen Einfluß Ihren Gemahl nun ais einen wenig nachgiebigen Charatter tennend und dennoch in einer gewissen Nachgiebigteit gegen die nicht umzustoßenden Verhältnisse das einzige Mittel erblickend, seine Qual zu Aindern und ihren als Rettung vor noch grö—- Berer pecuniärer Bedrängniß erwählten Plan: „tünftig in der Stadt zu leben,“ trotz Allem nicht aufzugeben dies ließ ihre sonst so wahre, schlichte Natur zur List greifen, um auf's beste alle Unebenheiten zu beseitigen. Sie stellte sich krank —lcidend durch den Stra ßenlärm und verließ fast wochenlang nicht ihr Zimmer. Graf Hohenstein war sehr über rascht, daß sie, die sonst nie ihrem Körper so große Rechte einräumte, jetzt plötzlich zu einer Zeit sich schonte, wo ihr sonst so thatiges, praktisches Eingreifen jetzt gerade bei völlig verändertem Haudhalte, von Nutzen und Vortheil gewesen sein würde Das Räthsel löste sich ihm, als sie in ihrer gewohnten ru higen Art ihm eines Morgens ertlärte, daß der Arzt, den sie zu Rathe gezogen habe, den Stadtlärm sehr schädlich für ihre Nerven er achte Illinois Staats Zeitung. 25. Jahrgang. ä ohenstein hatte bis zu diesem Tage ueran ver Nerven gesprochen, und nun richtete sie die dringeude Bitte an ihren Gat ten „um ihretwillen, die sie Zeit ihres Le bens an die Ruhe und Stille des Landlebens gewoöhnt gewesen, —in der Residenz lieber das still uegende Gartenhaus als Wohnung zu erwählen, anstatt in dem Vordergebäude stets krank zu sein.“ Wie Blitze zuckten Gedanken um Gedanken durch des Grafen Hirn, sein Verstand erkannte rasch die sie leitenden Motive, und sträubte sich sein Stolz auch etwas gegen den Rückzug, besiegte doch die Vernunft uni so eher alles weitere Bedenken, da die Sache ja geschickt eingefdelt und das, was ihm stets Alles galt: „der äußere Anstand“ gewahrt war. So entgegnete er denn ein Wort, das er nur in einzelnen wenigen Fällen des Lebens für sie gehabt eine Zustimmung, die ihm stets nur das Muß der Nothwendigteit und nie eine Rücksicht gegen sie abgerungen hatte. Es war die verbindliche Entgegnung: „Ganz wie Du es wünschest, liebe Annette!“ Die Gräfin, die weder um gelobt zu werden handelte, noch nach Anerkennung strebte und sich immer am eigenen Bewußtsein genügen ließ, nach besten Kräften ihre Pflicht erfüllt zu haben, war auch jetzt mit dem schlichten Re sultat zufrieden Noch an demselben Tage wurde die Uebersiedelung vorgenommen, denn die Zustimmung ihres Schwagers hatte sie bereits in Händen. Wer nachdem das froh verklärte Antlitz der Gräfin im Gartenhahause sah, erkannte ge wiß, daß der Arzt vollkommen Recht gehabt hatte, ihr abgeschiedene Wohnung für die Nerven anzuräthen Sie schien förmlich auf zuleben, als die Martinistraße mit ihrem Ge wühl an Menschen und Fuhrwerken—nit ih rem erinnerungöreichen Gemäuer der ehemali gen Familienbesitzung hinter ihr lag; sie dankte stets im Stillen Gott, wenn ihr Ge mahtl künftig an's Fenster trat und nicht mit umwölkter Stitn oder gar einem Fluche davon zurückwich, Von den Feustern dieser neuen Wohnung aus hatte man durch's grüne Ge zweig der Bäume einen hübschen Blick über den wohlgepflegten Garten, auf einen ziemlich großen freien Platz, den sogenannten,Mar tiniplatz,“ in dessen Mitte eine alte schöne Kirche stand. Gegen einen unablässigen Stachel und ein Heer dornenvoller Erinne rungen hatte man demnach ein Bitd des Friedens eingetauscht. Liebte der Herr Graf auch solches für gewöhnlich nicht sehr war es ihm doch jetzt eine Wohlthat gegen den früheren Aerger und jene nicht endende Auf— regung. Von dem Grundsatze ausgehend, daß geschehene Dinge nicht zu ändern, blickte er sehr ungern auf die Irrthümer seiner Ver gangenheit zurück und an diese mahnte vor zugoöweise das graue Gemäuer des Ganders berger Hofes mit seinem tleinen blanen Schilde. —Jetzt war diese dunkle, diese uner trägliche Mahnung vorüber —Der Weg zum Gartenhause führte vom Kirchplatz aus dahin und war fast stattlicher durch diesen alter thümlichen Garten mit seinen ehrwürdigen Linden, denn durch die ewig menschengefüllte Martinistraße mit all' ihrem Lärm. Dort wurde das Vorderhaus des Radenauer Hofes, das jetzt die Wohnung des fernen Grafen ent hielt, abgeschlossen, und von den Mauern des Gandersberger sah man nichts mehr. Ob man ihn aber auch vermied und nicht mehr vor Augen hatte man hemmte daduch nicht das Verhängniß des Hauses Hohenstein: „einstmalõ wieder davon hören zu müssen und auf's engste von Neuem mit ihm zu werden.“ Drittes Capitel Gegen Ende des Jahres 1844 in der frühen Nachmittagostunde eines rauhen Wintertages war's, als durch die Martinistraße zwei Wan-- derer schritten, die, ohne etwas besonders Auffallendes an sich zu haben, dennoch die Aufmersamtkeit der ihnen Begegnenden erreg ten. War es der gleiche Ausdruck: der eines tiefen Ernstes oder das Verschiedene ihres Aussehens und Wesens, das die Blicke Aller unwillkürlich auf sie lenkte Der Eine konnte ein Fünfziger sein er ging gebeugt, aber überaus rasch und rüstig neben dem Andern dahin, der so zu sagen an der Schwelle des Lebens stand. Der Eintritt in dasselbe mußte dem junge Manne aber be reits geboten haben, was darin der Aeltere längst erlebt hatte, und seine bevorzugtere Lebensstellung die man ihm auf den ersten Blick anmerkte ihn nicht vor dem geschützt haben, das in der Welt ziemlich gleich unter allen Ständen vertheilt ist: „Leid—Weh und Kummer.“ Beide waren schwarz, sehr einfach, fast dürf tig gekleidet, jedoch weder die geringste Unor dnung noch Vernachlässigung an ihrer beschei denen Toilette zu bemerken. Dem gealterten Antlitz, der gebeugesn Haltung paßte der schlichte Anzug mehr an, denn der hohen, schlanten Jünglingogestalt an seiner Seite, die den Typus des Vornehmen, des Aristokra tischen so entschieden vertrat. Der bereits start ausgewachsene Rock, der hie und da schon fadenscheinig, selbst geflickt war, die groben Stiefel, der alte Hut—all' diese deut lichen Anzeichen der Armuth und Dürftigkeit wollten den prüfenden Blicken der an ihnen Vorübergehenden, deren Interesse sie weckten, nicht so recht im Einklang stehen zu der leich ten, so güt getragenen Gestalt, zu dem ernsten stillen, aber unendlich stolzen jugendlichen Antlitz. Waren Armuth und Dürftigkeit auch nicht die Sterue, unter denen er geboren, so doch dem Anschein nach die Unsterne, unter denen zu wandeln seine vorläufige Lebensbestim mung geworden. Seinen Muth schien das Unglück nicht gebrochen seine Energie nicht gebeugt zu haben, denn beides leuchtete zn unverkennbar aus den intelligenten Zügen. Was seine Schatten in dies Antlitz geworfen und es so frühezeitig ernst, fast düster gemacht hatte, das stand offenbar mit Dem, das den Stachel der Entbehrung an sich trägt, weni ger —oder gar nicht in Verbindung, denn mit dem Schlimmeren des Lebens mit jenen scharfen Dornen, die der Seelenschmerz in eine ewig offene—von der Zeit noch nicht ge heilte Wunde drückt Als beide Wanderer, von denen der Aeltere augenscheinlich der Führer wenn auch nicht Leiter des Jüngeren war, in die Nähe des Radenauer Hofes kamen, dessen graues Ge-- stein sich doppelt duntel von dem Schnee des Bodens abhob, da hemmte der Erstere unwill türlich den Schritt. Er würde vielleicht stehen geblieben sein, wenn der Andere nicht zu ihm in mahnendem, ernstem Tone gesagt hätte: „Keine Eerinnerungen, alter Reg —wie schwer es Dir auch wird, diese zu bannen. Wir ha— ben uns gelobt für die Zukunft zu leben. Daran dente!“ Der ältere Mann warf einen scheuen Blick auf den Jüngling. Als er das blasse Ge sicht jetzt noch einen Schein bleicher, die ge— runzelte Stirn und das düster blickende Au— ge sah —da erkannte er, daß der Geist sich doch nicht so leicht von dem Gebiete trennen tonnte, wie der Wille in Absicht hatte, und Erinnerung auch ihn beherrschte So wissen Sie also, gndiger Herr, daß dies die Martinistraße ist? entgegnete er leise. Ich las es an der Ecke aber schon vor— her merkte ich's Dir an, daß wir der Stätte nahe waren, die ich nicht umsonst für Dich gefürchtet habe. Für mich? o gnädiger Herr Lieber Reginald, den Titel lasse endlich ruhen, bis andere, bessere Zeiten kommen. Vor Allem lasse ihn hier fort, wo der gnädige Herr hoffentlich binnen Kurzem ein sehr ge horsamer Diener des Herrn Notar Richter ist. Die Augen des älteren Mannes feuchteten sich er ging in offenbarer Achtlosigteit auf seine Umgebung weiter er würde vielleicht in nächster Minute von der aus dem Gan—- dersberger Gofe rasch hervor rollenden Equi— page überfahren worden sein, wenn sein Be gleiter ihn nicht mit traftiger Hand erfaßt ünd noch rechtzeitig zurückgerisien hätte. Sich', Reginald, die Erinnerungen taugen nichts! flüsterte er, bleich vor Schreck, aber miẽ lächelndem Munde —um dann besorgt hinzuzusetzen: Ich that Dir doch nicht weh, Alter? Nicht im geringsten! Uebrigens gnädi ger übrigens hier, der alte Ganders berger Hof, der scheint doch bewohnt zu sein, Ob Jemand von der Familie hier lebt und Der junge Mann ließ ihn nicht ausreden, erfaßte seinen Arm und deutete auf das kleine Schild an der Säule. Beide traten näher und Beide sagten unwillkürlich laut: „Vin cenz Frankoni!“ um dann fragend, überrascht zu wiederholen: „Vincenz Frankoni?“œ Sie blickten danach in die offene Eingangohalle des Hofes, wie wenn sie dort Auskunft erhal ten könnten, die momentan Beide vielleicht mit gleicher Lebhaftigkeit ersehnten. Ein Portier, mehrere Diener traten in dem selben Augenblick aus dieser Halle hervor entweder um der rasch dahin rollenden Equi page nachzuschen, oder aber dem Publicum das auch dem mit prächtigen Pferden be spannten Wagen seineAufmerksamtkeit scheukte in ihren Personen und reich gallonirten Livreen noch Besseres zu zeigen. Die beiden Fremden sahen auf diese Uni formirung der Dienerschaft mit ähnlichem Staunen, wie eben auf das Schilf, dann warf der ältere dem Jüngern in so unwieder stehlicher Art einen Blick der Bitte zn, daß dieser nur lächelnd mit einem Wintk seine Zu stimmung auf die stumme Frage ertheilen tonnte. Jener näherte sich dem Portier und fragte höflich. Darf ich Sie bitten, mir zu ertklären wie das Schild an ein Besitzthum der Grafen von Hohenstein Radenau tommt Der Diener warf sich in die Brust und ent gegnete hochmüthig Es ist kein Besitzthum eines Grafen, son dern seit zehn Jahren schon das Haus mei—- nes Herrn, des reichen Banquier Frankoni aus Paris. Der Andere grüßte, trat zurück er und sein Begleiter warfen noch einen Blick auf die schimmernde Messingplatte, dann erhoben sie unwilltkürlich das Auge zu den Wappen, die den Namen eines andern Hauses kündeten, aber gleichzeitig nun auch trauriges Zeugniß ablegten von dessen Verfall. —Da erscholl ein lauter, vielfacher und gellender Schrei vom gegenüber liegenden Trottoir zu ihnen herüber. Ehe Einer von Allen, die am Gan dersberger Hofe standen, den Grund davon begriffen oder nur über die Ursache nach zudenten vermocht hatte da lag zwischen der Gruppe, die sich vor dem Thore gebildet gerade zu Füßen des Jünglings ein mächtiger Stein. Es war einer der Quadern von der Mauerkrone der Gallerie, die das Dach umgab. Zum Glüct hatte er Niemand beim Herabstürzen getroffen, und die beiden Fremden, so wie auch alle Diener kamen nur mit einem nachträglichen Schreck davon. Der junge Mann faßte sich zuerst, und ruhig, als ob nichts geschehen sei, sagte er nach einigen Secunden zu seinem ganz fassungölosen Be gleiter: Reginald, dort drüben ist Rummer 18 da muß er also wohl wohnen, komm. Er schritt rasch über die Straße, dem Hause des Advocaten entgegen Der ältere Mann folgte ihm mit einem Antlitz, aus dem das kaum Erlebte und Schreckliche des möglichen Unglütts, das sich durch jenen Stein hätte er eignen können, jede Spur von Lebensfarbe vertrieben und in Augen und Züge einen Ausdruck bangen, dunkein Ahnens geworfen hatte. Was sein Gefährte etwa von diesem Aus druct sah, ließ er fich eben so wenig anmerken, wie seine eigenen Gedanken, und kaum daß der Andere sich wiederum an seiner Seite be fand und Beide in der Nähe des alterthümli chen Giebelhauses standen —da fragte er hastig, wie wenn er Alles und Jedes, das nicht mit seinem augenblickllchen Vorhaben in Verbindung war, hiermit abschneiden wolle: Wo werde ich Dich denn wieder treffen, Re ginald?“ Wollen Sie mir gestatten, hier auf der Straße in der Nähe des Hauses Ihre Rückkehr abzuwarten? Eine Dame von ungewöhnlicher Schönheit und in sehr geschmackvoller Toilette, die in äu— ßerst zierlichenPelzstiefelchen durch den Schnee trippelte. verhinderte mumentan die Entgeg-- nung und Vereinung, die bereits in des jun gen Maunes Gesicht ausgedrückt lag. Viertes Capitel. Unter den Räumen eines Hauses, in welche selten am Tage Stunden eines gewissen Be— hagens oder vollkommener Ruhe eintreten, gehört wohl vor Allem die Stube eines belieb ten und berühmten Advocaten. Kaum graut der Morgen, so pocht an die Pforte, hinter welcher die Menschheit tausendfach die Wah rung ihrer Rechte sucht mitunter auch fin det entweder ein Individuum, dessen An gelegenheiten am Tage vorher, wegen Ueber fülle an Arbeit, nicht erledigt werden konnten und das daher auf die Frühstunde des näch sten Morgens bestellt ist oder aber es steht da wieder schon Jemand, dem am vergange nen Abend ein Unrecht geschehen und der wäh rend der ganzen Nacht sich nur mit dem Ge danken getröstet hat beim ersten Lichtstrahl des graüenden Morgens zum Herrn Advoca—- ten eilen und ihm sein Leid klagen zu können. So verschieden die Gründe sind, die oft schon in der Frühe des Morgens das Zimmer eines Rechtsanwalts mit Clienten füllen so ungleich diese Personen selbst Während der Eine in klarem Wort, in knappster Weise seine Sache so schlagend darlegt, daß jede Gerichtöperson ihn um diese Befähigung zum Ausdruck beneiden könnte, —so viel Zeit braucht der Andere Allein zu seiner Vorrede und Einlcitung, und bis er endlich zur Sache selbst gekommen ist, muß der Advocat schon zwanzigfach den Beweis geliefert haben, daß zu keinem Berufe der Welt vielleicht mehr Geduld nöthig und erforderlich ist, als zu dem eines Rechtsanwalts. Jener klar und turz sich faffende Client endet die schlichte Darlegung seiner Sache meistens mit der in bebendem, aber doch entschiedenstem Tone ge gebeneu Erklärung: „Und soll mich's mein ganzes Vermögen kosten, wie Sie sagen, um diesen Proceß zu führen, so will ich's daran wenden und mein Recht haben! Der An dere hingegen, der den Notar mit weitschwei figster Vorrede und Einleitung quälte und nur durch tausend Mühen endlich zum Re sultat gebracht worden ist, der schließt seinen Vortrag nicht selten mit der naiven Bemer tung: „Und nun ich mir mein Herz bei Ih— nen erleichtert habe, Herr Doctor, ist mir schon wohier; ich sehe bereits die Sache gäuz anders an, und da ich am Ende ein friedfertiger Mensch bin auch schon die Bibel gebietet, Vergebung zu üben, so möchte ich eigentlich von der Klage lieber abstehen, denn ein Proceß hat noch Niemandem Segen gebracht, und mit den Gerichten sich einlas sen, heißt sein Geid in den Brunnen werfen. Darum leben Sie denn recht wohl, Herr Doctor, bis auf ein anderes Mal.- Beginnt der Morgen eines Rechtsanwalts oft schon so seltsam und eint das Entgegen gesetzte sein übriger Tag ist nicht minder reich an sonderbarsten Ereignissen und läßt bis zum Abend immer höher anschwellen die Fluth der Contraste. Ein Advocat wird darum auch immer in Folge dieses Lebens ein anderer Mensch sein ünd werden, denn die Gesammtmasse der Weltbevölkerung an Exemplaren bietet, und außer seinem Fache ist vielleicht nur das ei nes Arztes gleich fördernd für ein von der Regel abweichendes, originelles und eigen thümliches Wesen und Benehmen. Der verschiedenen Individualität der Ad vokaten im Allgemeinen nachzuforschen und diese zu beleuchten, liegt indessen hier weniger in unserer Absicht als den in unsere Ge schichte wesentlich mit eingreifenden Advota ten Richter als einen Menschen hinzustellen, den Leben und Verhältnisse sehr eigenthüm lich gemacht haben. Er war zur Zeit volle sechöunddreißig Jahre Advokat in der Resi denz hatte sich in dieser langen Reihe von Jahren durch die beständige Unruhe seines Lebens vom stillen ernsten Charakter mehr und mehr zum lebhaften, gesprächigen Men schen umgewandeit, und schien er auch dem Aussehen nach ruhig, so hieß es jetzt seit lan ge: er habe den Vulcan innerlich. Chicago, Dienstag, 21. November. O wär' ich lieber Nachtwächter anstatt Ad vocat geworden so dachte und wünschte No— tar Richter in den zehn ersten Jahren seiner Laufbahn. Danach kam das Stadium der Ergebug in sein Geschick —später, als er im mer berühmter wurde, packte ihn der Ehrgeiz, und jetzt kannte er seit lange nur den einen Wunsch: sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum zu erleben und zu feiern. Klagte er auch oft über die viele Arbeit, und schimpfte er zu Zeiten sehr komisch auf die zanksüchtige und ewig processirende Mensch heit, so war ihm doch wiederum am wohlsten, saß er so zu sagen in Arbeit und Processen vergraben, denn namentlich letztere Branche seines Faches war, seine Leidenschaft gewor—- den. Er galt trotz seines vorgerückten Alters noch immer für einen der befähigtsten, der be sten Advakaten Hauptstadt, wenn er auch längst den Ruhm erreichte: einer der langsam— sten zu sein. Er hatte eben zu viel zu thun und zu wenig Hülfe, da er ein sehr anspruchs voller alter Herr war und, wie es hieß, oft halbe Unmöglichkeiten von seinen Schreibern und Gehülfen verlangte. Trotz jenes Rufes des Langsamtkeit war sein Bureau aber das besuchteste und gefüllteste der Residenz. Er hatte eben einen alten geachteten Namen für sich, und wer einen sehr schwierigen Fall erle digt zu sehen wünschte, einen arg verwickelten Prozeß anhängig machen und auch glücklich zu Ende bringen wollte, dachte sicher einzig an Doctor Emanuel Richter im alterthümlichen Giebelhause der Martinistraße Wunderlich wie dies alte E von außen aussieht dessen Bauart noch dem Mittelal ter entstammt ist auch Manches in seinem Inner· Advokat Richter und seine Geschwi haben es in dem Zustande von ihren Eltern er erbt und eben so wenig etwas daran verändert denn jene die es ebenfalls so erhielten. Ob in der Pietät allein der Grund so lange unver änderten Fortbestehens zu suchen ist, mag da hin gestellt bleiben, denn forfchte man, wie in ähnlichen Fällen, genauer, so stieße man viel leicht oft mehr auf eine Scheu vor all' den tausend Unbequemlichkeiten, die ein Umbau mit sich bringt, denn auf den Wunsch, man ches nicht mehr Zeitgemäße sich zn erhalten. Das Giebelhaus ist ein atter Bau mit wei— ter Halle im Parterre, mit großen Vorplätzen in den oberen Etagen, mit breiten schönen Treppen uud vielen ennir Corridorren und Galerien—kurzum, eins der Häuser des Mit telalters, in denen oft eben so viel an Raum verschwendet worden, wie übergroße Spar—- samtkeit bei Lichtvertheilung getrieben ist, und welche selbst bei klarster Tageshelle immer ein gewisses Halbdunkeil bewahren. Auf Men— schen mit lebhafter Phautasie machen diese alten Häuser stets einen angenehmen Ein— druck und heimeln sie an, während der Pratkti— sche und rein Reale beim geringsten Stolpern auf düsterer Treppe schon dies trauliche Halb dunkel sammt der guten alten Zeit verschmä—- hen und die jetzige Bauart preisen wird. Der junge Mann, der so raschen Schrittes in das Richter'sche Häus eintrat und, nach seinen vorhergegangenen Aeunßerungen zu ur-- theilen, nicht zu den Menschen mit übergroßem Vorrath an Phantasie zählte sondern mehr zu denen gehörte, bei welchen der Verstand borherrscht, wurde in dem Giebelhause dennoch gleich durch etwas, das er sah, derart gefesselt, daß er mehrere Setkunden überrascht und wie erstarrt dastand. Er stürzte dann plötzlich wie vom Sturmwind getrieben wieder aus dem Hause, und als er nach ungefähr einer Vier telstunde dahin zurückkehrte, war die Aufre guus seiner Züge noch nicht ganz gedämpft bermals blickte er auf das, was ihn zuvor so gefesselt und ersichtlich in ungewöhnlicher Weise aufgeregt hatte. Wenn ein Anderer dasselbe erschaut —er würde sicher nicht begrif fen haben, wie ein so friedlich stilles Bild auf Jemand derartig wirken konnte. Im Parterre des Hauses war nämlich ein Laden. „Hilary Ahston“ stand in gelben Buchstaben gemalt an der Glasthür, die den selben von der Halle abgrenzte. Dieser Name erschien dem Beschauer unwillkürlich wie die Unterschrift zu dem Frauenbilde, das im Laden selbst über dem Tische auftauchte Ein fried licheres, stilleres Gesicht konnte man vielleicht nicht finden, eine einfachere Tracht nicht sehen. Ein graues, hoch an den Hals hinauf reichen des Kleid umhüllte die schlanke mittelgroße Gestalt, eiu weißes Häubchen bedeckte den ein wenig vorgeneigten Kopf. Die Inhaberiu jenes Ladens schien eifrig mit Sortiren von Seide beschäftigt zu sein, denn bald war ein blauer Streifen in ihreu sehr feinen Händen zu sehen. Sie blickte bei ihrer Arbeit nicht ein einziges Mal auf, und der juuge Mann hatte Müße, ihr lieblich stilles Gesicht zu studiren, das einen überaus sanften, demüthigen Aus— druck zeigte. Er that es wenigstens etliche Minuten, und Hiläry Ahston merkte nicht, daß sie Gegenstand der Betrachtung war. Hutte übrigens ein Beobachter von der au-- genblicklichen Stille im Geschäft auf dessen Gang Ganzen schließen wollen, er würde ein sehr ünrichtiges Bild davon empfangen haben. Hilary Ahston's kleiner Laden war immer von zwölf bis zwei Uhr geschlossen die Stunden waren ihre Ruhe- und auch Mußestunden, um alle am Morgen in Unordnung gerathenen Seide- und Wolldocken wieder zu ordnen und die untereinander gewirrten Garnknäuel von Neuem zu trennen Der Laden Hilary Ahs ton's gehörte vielmehr —so klein er war —u den besuchtesten der Residenz und war überall unter dem Namen der Laden der Quäkerin be tannt Ungefähr vierzehn Jahre mochte es sein, daß diese Quäkterin mit der aus Pyrmont heimkehrenden Schwester des Advocaten Rich-- ler einer verwittweten Hofräthin Sallfeld —in die Residenz gekommen war. Hilary Ahston zählte zu sener Zeit gerade achtzehn Jähre, war außerordentlich hübsch und reprä— sentirte in ihrem Aussehen eine der Lieblich sten der Nation, welcher sie anhörte. Vater hatte sich nach dem Tode seiner Frau und wenige Jahre nach ihrer Geburt dazu entschlossen —wie viele seiner Landsleute schon vor ihm gethan auch zu jenen Quäkerge meinben zu übersiedeln, die von England nach Deutschland aubwandernd, sich theils in der Provinz Westfalen, in der Gegend von Minden niedergelassen hatten, theits im benachbarten Furstenthum Waldeck, in der Nähe des Badeortes Pyrmont und in jener Stadt selbst Dort war Hilary Ahston aufgewachsen, da auch lernte Frau Sallfeld sie kennen. Diese Daine, die eine sehr eifrige Protestantin war, hörte eines Tages von dem Geschick einer Quã— terin, die schon seit ihrem sechzehnten Jahre mit einem Protestanten verloht sei ihm zu Liebe auch geneigt wäre, die Hinternisse ihrer Verbindung durch Glaubenowechsel zu beseiti— tigen, jedoch theils von ihrem Vater durch Bitten, anderntheils von der Gemeinde durch eberredungen dävon abgehalten würde, ihre längst gefaßten Entschlüsse auszuführen und deni Manne ihre Wahl die Hand zu rei chen und ihm in seine Heimath zu fol en. Die Frau Hofräthin Sallfeld, eine energi sche Dame, die einmal alles Sectenwesen von Grund ihrer Seele haßte und außerdem Lie bende sehr gern beschützte, suchte Hilary Ahs ton auf. Sie bot ihr an, mit ihr nach der Residenz zu reisen, bis zu ihrer Verheirathung bei ihr zu leben und vor Allem, dort unbe— hindert von fremden Einflüssen, die Lehren der Religion zu prüfen, der sie beizutreten gedachte. Hilary Ahoton hatte um die Zeit Jerade ihren Vater begraben. Mit seinem Scheiden war das letzte Band zerrissen, das sie noch fest an ihre Gemeinde knüpfte und sie sah in dem so völlig unerwarteten Aner— bieten der gütigen Dame einen unmittetbaren Fingerzeig Gottes. Wenige Tage darauf berließ sie mit ihrer freundlichen Beschützerin ihre zweite Heimath und kam in die Residenz. Ihr Geschid stand einige Zeit später seinem Abschiusse nahe, sie erwartete den Bräutigam, um in seiner Gegenwart ihrem Glauben zu entsagen und den seinigen anzunehmen, dann auch sein Weib zu werden. Da aber brach vernichtend über all' ihrem Glüch all' ihrem Hoffen die Kunde herein: daß der nicht tommen tönne—nie tommen würde —und Gründe, die er ihr nicht zu sa gen vermöchte, ihn zwängen, von der Ver bindung mit ihr abzustehen und ihr die Frei heit zurückzugeben. Die Freiheit —was gilt dies hohe Gut dem Menschen, der in dessen Aufgeben seit Jah ren den Inbegriff all' seines Glückes gesehen hat? Und ist der jemals wieder frei zu ñ—ennen, der mit tausend unzerreißbaren Banden an ein anderes Wesen gekettet war und bleibt Wie tief auch Hilary Ahston durch den Schlag getroffen worden ihr Schmerz blieb ein stiller, stumm getragener. Sie war sehr froh, daß außer ihrer Beschützerin und deren Brüdern Niemand Näheres von ihrem Hoffen und Lieben wußte und demnach die in solchen Verhältnissen nur schmerzlich berührende Theilnahme oder gar das so tief verletzende Bedauern ihr erspart blieben Das still getragene Weh des armen Mäd chens steigerte sich zu einer fast unertragbaren Qual und inimer größeren Pein, als sich plötz lich dunkle, ungewisse Gerüchte in der Marti—- nistraße verbreiteten Diese standen zwar nur einzig mit einem Gliede des vornehmen Grafengeschlechts in Verbindung, inmitten deren Herrenhoöfen das Richter'scheGiebelhaus lag und dennoch mußten sie wohl Hilary Ahöton auch sehr nahe angehen, denn sie litt unter ihuen in unsagbar schmerzlicher Weise. Die sonst so stille, schweigsame Quäterin forschte nach diesen Gerüchten nun so eifrig, daß man sie zu wiederholten Malen fragte: ob fie vielleicht Jemand aus dem Hause Ho—- henstein näher kenne? Sie verneinte das je desmal entschieden und gab als Grund ihres Interesses an der Sache endlich an: wie es doch entsetzlich wäre wenn auf solch edle Fa milie derartiger Makel falle, und daß sie wünsche, er möchte sich als unwahr beweisen. Kaum daß Hilary Ahöton diese Worte ganz ruhig ausgesprochen hatte, bat man sie ihrer setbst wegen und um Gottes willen, nie wie der so unvorsichtige Aeußerungen zu thun und anzunehnien, als könne der unglückliche Fall das stoize Grafengeschlecht nur berühren. Man flüsterte ihr leise und heimtich zu daß ja die Schwester der beiden Grafen An—- ton und Bodo von Hohenstein-Radenau schon seit ihrer Wiederverheirathung seit einer unter ihrem Stande geschlossenen Ver bindung mit einem bürgerlichen Advocaten in Nassau von der ganzen Familie aufgege ben worden sei, Niemand von ihr mehr rede und von ihrer weit verzweigten Verwandt schaft sich auch jetzt Keiner nur im mindesten um sie getümmert habe, außer dem Bruder ihres ersten Gemahls, den man als sehr from men Mann bezeichnete Diese vertrauliche Mittheilung endete mit den Worten: Ist nun auch endlich der schmachvolle Prozeß, den man gegen Madame Arnold anhängig gemacht, auf Vermittlung jenes Schwagers, eines Grafen von Immen hoven, niedergeschlagen worden nnd hat das Gericht sie wegen mangelnder Beweise freige sprochen, so ist doch ihre Ehre und ihr Ruf kei neswegs hergestelltt Alles glaubt fest in jener nassauischen Stadt, daß die Gelder —um wel che es sich in dem Prozeß handelte —mit Hülfe ihres Dieners Reginald Grau, den wir noch Alle sehr wohl von der Zeit her kennen, wo er beim alten Grafen im Radenauer Hofe diente. —unterschlagen worden sind. Hilary Ahston erbleichte bei dieser Mitthei lung so auffallend, sah so elend, so gramer füllt und verzweifelt aus, daß Alle, die sie sa hen, erkannten: sie stand trotz ihres Leugnens mit dem Hohenstein'schen Hause und speziell mit dieser Geschichte in Berührung sie sei sicherlich die Braut des Dieners Reginald Grau, von dessen Verlobung man vor Jahren iu der Residenz gehört hatte. Als Hilary Ahston nach diefen Vorfällen schwer erkrankte, dann wieder genesen war sprach der Advokat Richter zum ersten Mal in harter Weise mit ihr. Er meinte, sle habe jetzt ganz sein früheres Urtheil über sie umge stoßen, was dahin gelautet daß sie ein unge wöhnliches Fräuenzimmer sei. Nun, da sie aber auf Klätschereien Etwas gäbe und sich Dummheiten gar derartig zu Herzen nähme, um fast daran zn sterben, da sei sie um hun dert Procent in seiner Achtung gesunten —Er verlangte sehr dictatorisch, daß sie fortan, nm alles begangene Unrecht wieder gut zu machen, sich nicht im mindesten um jene so heillosen und verwirrten Vorfälle im Grafenhause küm— mern solle und daß er ihr dann zur Belohnung Besseres erzählen würde. Hilary Ahston's Lächeln, das immer ein seh charakteristisches gewesen war und sich stets nur über einige Grade der gewöhnlichen Freundlichkeit hinaus gewagt hätte, zeigte sich bei den Worten ihres Gönners von so mangel—- hafter Bedeutung, daß er feierlich hinzusetzte: Hilary, Hilary! und wenn Du nicht meine Mahnung beherzigst, so leg' ich Dir bittere Strafe auf! Dann mußt Du meine Wünsche erhören und mich heirathen. Denn daß ich Dich seit der Stunde liebe, wo ich Dich gesehen habe, weißt Du trotz Deiner quäkerhaften Be scheidenheit lange. Nach den Worten hatte Advokat Richter die Genugthuung, das Lächeln noch einmal im vollkommenen Glanze zu sehen, Wie aber leuchteten ihre sanften Augen hell auf, ats er ihr anvertraute daß nicht, wie sie einmal ge wähnt, Untreue den Geliebten von ihr losge rissen habe, sondern ein Beispiel so ungewöhn licher Treue, wie man ein zweites vielleicht lange vergebens in der Welt suchen könne Sprich aber nicht weiter davon! sagte er am Schlusse seiner Mittheitung, denn wahrlich es ist besser, man hört moöglichst wenig von der ganzen vertratten Geschichte. Sie kann na— mentlich einem Advokaten die Galle in's Blut treiben, weil er damit vor einem jener Fälle steht, von denen man zu sagen pflegt Da ist die Welt mit Brettern vernagelt! Hilary Ahoton, überhaupt eine wenig ge— sprächige Natur, erfüllte vollkommen den Wunsch des Advokaten Sie sagte selbst da nichts, als mnn ihr eines Tages im Vertrauen mittheilte: Nun habe Madame Arnold mit ihrem Sohn aus erster Ehe und ihrem Diener Reginald Grau das nassauische Land verlassen und Niemand wisse, wohin sie sich gewendet! hätten, wo sie geblieben wären! Theitnahme und Neugierde suchte noch ein mal den Aufenthaltsort der gebrandmarkten Frau zu erforschen. Man glaubte nämlich, Graf Immenhoden, ihr ehemaliger Schwager, habe ihr auf einem einsam gelegenen Gute Zufluchtsöstätte eröffnet. Sie war dort aber nicht war nie da gewesen, und man erfuhr sogar endlich: daß selbst er nicht wisse, wo sie iebe—ob sie überhaupt nicht schon todt sei. Die Welt vergaß jene drei Vershollenen bald—Hilary Ahöton nie —Namentüich ge dachte sie oft des Einen, der ihr die Treue ge brochen hatte, um solche an auderer Stelle auf's schönste zu bewahrheiten. Sie blieb im Richter'schen Hause. Einmal zwar kehrte sie zu ihren Glaubensgenossen zurück —doch nicht auf lange. Was sie von da vertrieben hatte sie sagte es nicht und die Geschwister Richter belästigten sie nie mit Fragen. Diese waren überhaupt voll Güte und Rüctsicht gegen das stille, sanfte Geschöpf, und es war sogar nicht mehr unter ihnen von Hilary's einst beabsich tigtem Uebertritt zum protestantischen Giau ben die Rede. Man ließ sie in Allem ruhig gewähren und behelligte sie mit nichts, das sie an Schmerzliches mahnen konnte. Nur als die gute Hofräthin sah, wie tief und däuernd der Kummer des Mädchens war und wie die weiblichen Arbeiten, die sie verrichtete, das ewige Sinnen und Grübeln unterstützten, da redete sie mit ihren Brüdern. Man suchte dann vereint, durch Errichtung jenes kleinen Ladens im Hause, eine wohlthtige Ableitung für ihre Gedanten durch vermehrte Thätigteit anzubahnen. Hilary Ahoton war an derar tige Geschäftsführung von Jugend auf ge wöhnt, ihr Vater in Pyrmont immer einen Laden gehabt hatte, in dem sie ihm nicht al lein zur Hand gegangen, sondern welchem sie mehrere Jahre wo er krantk war, allein vorge standen. Die beiden kleinen Räume im Parterre des Hauses, die an die Halle stießen und dnrch schmale Seitentreppen und durch verborgeneẽ Corridore mit der Wohnung im zweiten Stoct in Verbindung standen, welchen die Geschwi ster Richter inne hatten, da richtete man Hi—- lary Ahoton's Geschäft ein, das sich vorläufig nur auf alle Näh- und Stickutensilien be schränkte —später aber noch andere und glän— zendere Ausdehnung gewann. Der Laden selbst war nicht viel groößer denn eine geräumige Marktbude. Er faßte außer zwei mächtigen Schränken und dem La dentisch höchstens vier Personen hatte aber dafür den Vortheil, im Winter sehr warm zu sein. Zum groößten Glück und Segen des gangbaren Geschafts besaß das Parterre die weite Vorhalle, und stand die Geduld der Käu— fer mit dem Raume, wo Einer immer auf den Andern zu warten hatte, nur einigermaßen im Einklang, war Alles gut entstanden jedoch einmat Confliete, so vielleicht Niemand mehr geeignet, den Frieden wieder herzustellen, als die sanfte Hilary Ahoton. Im Anfäng zog das lebhafte Interesse für die junge Quäterin die Kunden an. Ihr Aeu ßeres, ihr Wesen hatten sich die Sympathie der Nachbarschaft erworben, und dann auch war man begierig, eine Quäkerin zu sprechen, —zu hören, ob sie den Gebräuchen ihrer Gemeinde auch allen Fremden gegenüber huldigen und Jeden ohne Unterschied Du nennen würde In geschickter Weise wußte Hilary Ahston diese Klippe ihrer Stellung zu umgehen, doch brachten es die Umstände mit sich, wurde Vor nehm und Gering nicht anders behandelt und angeredet, als das Gesetz ihrer Religion vor schrieb, dem sie sich um so gewisserhafter unter warf, seitdem sie ihr Schicksal als Strafe da—- für ansah die Absicht gehabt zu haben den Glauben ihrer Väter abzuschwören. Die lieb liche Weise, in der sie das Du aussprach, stöhnte Jeden mit dem eigenthümlichen Ge—- brauch aus, und endlich fiel es keinem Kunden mehr auf und die vornehmste Dame, der ele ganteste Herr duldete mit einer Art von Ver gnügen die vertrauliche Anrede. Diese vornehmen Leute der Residenz wand ten sich seitdem dem tleinen Laden der Quäte rin auch zu, wo das Geschäft von Hilary Ahs— ton den vorhin angedeuteten höheren Auf schwung genommen hatte, und dies war seit ungefähr Jahresfrist der Fall. In dem Hause der Martinistraße, in wel chem sich die Restauration zur rothen Rose ein Gasthäus dritten Ranges befand. hatte nämlich bis vor Jahresfrist die Filiale eines Genfer Uhrengeschäfts ihren Sitz gehabt. —Der Inhaber desselben starb, und der Besitzer der rothen Rose, der längst sein Gastzimmer durch das Local zu vergrößern gedacht, benutzte den Fall, endlich der bereits vielfach verwünschten Filiale sich zu entledigen. Er empfahl Hilary Ahoton's Laden und noch mehr ihre zuverläs sige Person Die Genfer Firma, der viel daran lag, in der Martinistraße vertreten zu bleiben, wo sie seit Jahren bekannt war, machte der Quäkerin ihre Anträge—und diese erwiesen sich zu vortheilhaft, als daß der prak tisch gesinnte Advotat Richter nicht in Hilary Ahoton gedrungen wäre, sie anzunehmen, Alle Utensilien zum Nähen, Sticken und Stricken wurden in den einen mächtigen Schrank verwiesen, und in den andern kamen die verschiedenen Uhren, Für das Ladenfen ster, in dem bisher nur neben einem ziemlich verblaßten Stickmuster, etliche Docken bunter Seide sehr bescheiden den Hauptbestandtheil des Geschäftes verkündet hatten, sandte die Genfer Firma der Quäkerin einen Schmuck, der alle Kinder der Martinistraße entzückte und selbst den vorübergehenden Erwachsenen flüch tig Spaß machte. Es war eine Standuhr in Form eines ziemlich großen Baumes. In seinem Wipfel thronte das Wert sammt zier lichstem Zifferblatt, und bei jeder vollendeten Stunde öffnete sich das Gezweig, ein Kuckuck erschien und rief die abgelaufene Zeit mit sei nen Namen ab. Für lange Zeit hatte Hilarh Ahoöton an die sem Kuckuck einen mächtigen Rivalen, denn ähnlich wie man einst sie angesehen, ja ange starrt hatte, bannte jetzt der Vogel den Blïck Dem Kuckuck war auch beschieden, Nebenbuh ler zu erhalten. Eines Tages erschienen im Ladenfenster neben dem interessanten Baume: zierlich bemalte Arbeitskästchen von Linden—- holz— Lineale mit Rosenguirlanden endlich sogar Platten zu kleinen Tischen. Wer diese Filiale errichtet hatte, wurde nicht bekannt sie fiel aber ziemlich in die Zeit, wo Graf Hohenstein mit seiner Familie in die Residenz übersiedelte. An anderweitigen Bewohnern war dad Rich ter'sche Haus nicht reich. Es besaß nur zwei Stockwerke und die Giebelstuben. Die letzte ren hatte Hilary Ahöton inne;, im zweiten Stoct wohnte der Advokat mit seinen Ge—- schwistern, jener Hofräthin Sallfeld und sei— nem Bruder, einem Professor an der Univer sitätsbibliothek, der zugleich Alterthumsforscher war. Die erste Etage des Hauses, einst von den alten Eltern der Geschwister Richter bewohnt die seit deren Tode leer gestanden hatte, war vor Kurzem einem langjährigen Clienten des No—- tars und alten Bekannten der Famitie, einem Major von Brandect überlassen Der Herr führte schon seit seiner Lieutenantszeit seit vollen dreißig Jahren—einen von seinem Va ter auf ihn vererbten Prozeß gegen reiche Ver wandte. Hätte man Major von Brandeck nach dieser Consequenz beurtheilen wollen, wär's vielleicht möglich gewesen, ihn eines— theils auch für streitsüchtigen Menschen zu halten. Er war weder das Einc noch Andere, er konnte zu den humansten, liebenwürdig sten, aber zugleich schwächsten Menschen ge zählt werden Der Prozeß, den er längst eine unselige Geschichte nannte, war, wie gesagt. ein Erbstück seines Vaters, der Fortführung desselben im Testament bestimmt hätte Lieu tenant von Brandect fand sich in dies Geschick, und der Major war durch den Lauf der Jahre bereits so an diesen Prozeß gewöhnt, daß ihm ein Leben ohne denselben kaum mehr denkbar erschien. Zu der Zeit, wo die unselige Geschichte eine gute Wendung nahm, heirathete er eine Dame aus der höheren Aristokratie, und die ver— wöhnte junge Schöne richtete ihren Haushalt ganz auf bereits gewonnenen Prozeß ein. Ob auch später die Sache die böseste und ernsteste Wendung nahm, das Ehepaar blieb bei dem gewohnten Leben und machte Herrn Notar Richter nicht wenig Sorge, wie es wer den müsse und solle, gewoönnen sie, anstatt des Prozesses, nur die Einsicht: durchaus vertehrt und unsinnig gehandeit zu haben Er half Beiden, die sich schon sehr in deran girter Lage befanden, so gut er konnte, indem er ihnen, als der Major in die Residenz versetzt wurde, die freistehende Etage seines Hauses zur Disposition stellte und äuch ihnen Vor schtüsse machte, um sie mindestens etwad wie der aus den Schulden zu reißen und nicht an Wucherer so viel für hohe Zinsen auszugeben. Jener junge Mann, der Hilary Ahoton in ihrem Laden einige Secunden so aufmertsam betrachtet hatte, begegnete dem Brandect schen Ehepaar auf der Treppe, das um die Stunde stets mit dem einzigen Kinde, das ih— nen geblieben war —einem Mädchen von un gefähr vier Jahren eine Spazierfahrt zu Wagen oder zu Schlitten zu machen pflegte Reiche Leute, dachte er unwilltürlich, alõ er auf der Treppe zuerst die glänzende Toilette der Frau und den reich gallonirten Bedientrn gewahrte, der ihnen folgte. Ein armer Schlncker, lautete bie Gegenan nahme des der Gruppe vorangehenden Majoro während seine Gattin, die eigentlich nach gar keinem Gedanken auosah, dennoch welche he— gen mußte, da sie ihr reich mit Volants ver ziertes Schleppkleid ploötzlich in einer so hasti— gen Weise zusammen raffte, atls tönnte dem— selben durch die Berührung mit dem ärmlich gekleideten Fremden Gefahr drohen. Der Ausodruck von Hochmuth und Arroganz wich indessen aus ihren flachen Gesichtszügen und machte dem einer gewissen Verwunderung Platz, als sie das stolze ernste Antlitz des dürf— tig gekleideten Jünglings streifte, der mit dem ruhigen Anstande des vornehmen Mannes zur Seite trat, ihr Platz zu machen, Diese Hal— tung, diese Physiiognomie mußten ihr auch Anderes verkünden, als sein Anzug, denn sie war nun so gnadig, sein Zurücktreten mit dem Nummer 47. schablonenmäßigen Lächeln zu beantworten und die zusammengerafften Gewänder fallen und hinter sich her schleppen zu lassen. Des Jünglings Antlitz bewahrte bei diesen kleinen Ereignissen, die er dem Anschein nach sehr richtig auffaßte und seltsamer Weise noch nach Jahren genau wußte—seine vollkommene Ruhe und Gelassenheit. Als er aber, oben an der Glasthür der ersten Etage angelangt, an dem Porzellangriff der Klingel über dem Namen Major Freiherr von Brandeck noch die Krone mit den sieben Spitzen in übergroßem Formate angebracht sah, machte der Auödruck rühiger Gelassenheit einem an— dern Platz; Es war jener leichte Anflug von Humor, welcher schon zuvor einmal in der nterredung mit seinem Begleiter —seine Züge erhellt, wie ein heiterer Gast gleichsam in sei nem ernsten Antlitz erschien und den tieferen Einblick in seinen Charakter gewährte wie all' das Duntel, mit dem seine ußere Lebens— lage und Stellung in der Welt auch durchwo—- ben sein mochte, doch nicht im Stande gewe— sen war, völlig in ihm zu unterdrücken, was ein Gott ihm vielleicht als beste Entschädigung für Manches gegeben hatte. Dieser Vorrath an guter Laune half ihm auch wenige Augenblicke später über den selt samen Empfang glücklich fort, der ihm bei dem Advokaten Richter, den er aufsuchte, zu Theil wurde, während der andere deutlich bei ihm vortretende Eharakterzug jene ruhige Sicherheit ja gewissermaßen stolze Unab— hängigkeit seines Wesens, ihm gleich darauf dort Anderes und Besseres anbahnten, als er seiner Stellung nach vielleicht zu erwarten be-- rechtigt gewesen wäre Fünftes Capitel. Wer den Vorplatz in der zweiten Etage des Giebelhauses betrat und dort die verschiedenen Dinge sah, welche der Bruder des Advokaten Richter aus seinen überfüllten Alterthums—- sammlungen dahin verwiesen —der hätte leicht irre werden tkönnen, ob er sich auf dem richti gen Wege zu einem Notar befand Das ganze Treppengeländer war bereits an jeder Stelle, wo ein Pfeiler Standpunkt ermöglich te, band mit einem alten Kruge oder einer Vase bedacht —bald mit einer halbzerbrochenen Statue oder einem ausgestopften Voget. Der weite Vorplatz selbst aber war das reine Mu— seum en miniature: hier erhoben sich Bruch stücke christlicher Altäre —dort Götzenbilder aus der Heidenzeit —da wiederum standen auf kolossalen Schränken alle möglichen Reptilien in Spiritus, und mit Glas überdeckte Rah men, die an den Wänden hingen, bargen auf gespießte Insecten, Käfer jeder Art oder auch Versteinerungen in den wunderlichsten For men. Sogar etliche menschliche Mißgeburten hatte der Professor, bei dem das Sammeltn längst zur Manie geworden war, —sich zu ver schaffen gewußt, und sie standen neben den anderen Gegenständen, die man in Spiritus aufbewahrt. Manch' ländliche Clientin, die sonst wenig Anderes von dem Advokaten Richter und sei nen Verhältnissen wußte, außer daßer ein sehr gescheiter Mann wäre, ganz seinem Beruf lebe und unverheirathet sei —hatte beim An blick der kleinen Mißgeburten schon bedenklich den Kopf geswüttelt und es etwas mehr denn unpassend, ja schamlos gefunden, daß der un-- verehelichte Herr Notar die Wahrzeichen sei nes sittenlosen Wandels, mit denen ihn sicher die himmlische Gerechtigteit bestraft —so frant und frei aufstelle. Der unschuldig Beschuldete hatte seinen Bruder vergebens gebeten, diese Vernichter seines guten Rufes an anderen Orten aufzu bewahren, aber man hätte vielleicht eher das Weltall aus seinen Bahnen gerissen, als den Professor Theodor Richter dazu vermocht, Veränderungen in seinen Aufstellungen zu machen, Er war ein sehr eigener Herr, —er duldete nicht einmal auf dem Vorplatz die Themis eines modernen Zeitalters, welcher Advokat Emanuel zur Seite der Eingangsthür ihren Platz ängewiesen hatte, die zu dem Cor ridor führte, der sein Geschäftolocal und Ar beitszimmer von den Räumen abtrennte, die er gemeinsam mit seinen Geschwistern be—- wohnte. Die weißen schlanken Glieder der Gyps-Themis beleidigten das für Düster und Duntkel schwärmende Auge des Alterthümters, und er ruhte nicht eher, bis er dem Bruder eine steinerne graue Göttin der Gerechtigkeit verschafft hatte, die besser auf den Vorplatz paßte. Daß sie nur auf einem Fuß mehr stand, erhöhte ihren Werth in seinen Augen, und ihre abgebrochene Nase zu betrachten ge hörte seitdem mit zu den Freuden, die er sich nachrastloser Arbeit in Stunden der Muße vergönnte. Ein anderer Bruder hätte vielleicht gegen solches Sinnbild seines Berufes protestirt, dessen Lahmheit zu vielen guten und bösen Witzen Anlaß gab. Der Notar erkannte aber nur zu sehr die beste Absicht des von seinem Geschenke so entzückten Professors und störte nicht dessen Freude. Jene düstere Göttin der Gerechtigkeit war dem Jüngling, der den Advokaten aufsuchte, ein bessere Wegweiser durch die Alterthümer des Vorplatzes, ais jene Tafel an der Thür des ziemlich dunkein Corridors, auf der die Sprechstunden des Advokaten bemerkt waren Er trat rasch in diese Thür, als eine andere des Vorplatzes sich öffnete und ein sehr ver drießlich aussehender alter Herr zwischen den Schräntken auftauchte und auch dem Eiugange entgegenschritt, welchen die graue Themis hü tete Es war der Advotat Richter. Man er— kannte sein sonst so gutes, freundtiches und kluges Gesicht in diesem Zornesausdruck kaum wieder. Man hatte ihn in seinem Nachmit—- tagsschläfchen gestört —in der einzigen Ruhe— stunde, die er sich am langen Tage gönnte dergleichen brachte ihn immer etwas außer Fugen. Als er auf dem düstern Gange nun gar noch Jemand suchend umherirren fand und einen neuen Störer in ihm vermuthete, rief er dic sem ärgerlich von Weitem zu Nun, was wol len Sie? Ist der Herr Notar Richter zu Hause“ lautete die kurze Gegenfrage, dic zwar unter höflicher Verbeugung ausgesprochen wurde von der es jedoch fraglich blieb, ob sie in dem herrschenden Duntel zu bemertbarem Ausdruct gelangen konnte Zu Hause ist der Notar aber seine Sprechstunden sind am Nachmittag von drei bis fünf Uhr, wie Sie—wenn Sie lesen kön— nen draußen an der Tafel bemerkt finden werden. So übellaunig der Ton dieser Entgegnung —so ruhig jener der Antwort Ich habe einen Brief an den Herrn Rotar abzugeben und der würde vielleicht von Je nand zu dieser Zeit in Empfang genommen werden können Nur ceinen Brief abzugeben? sonst nichts Für's Erste würde das genügen! So für's Erste. Na, da haben wir als Zweites: Umgehende Antwort! he Das steht im Belieben des Herrn Advoka ten. Ich bin der Advokat in meinem Belieben steht aber nichts wollte eben schlafen, da tommt einer meiner enragirtesten Clienten natürlich eine Dame, die nie warten tann. Und das heut', wo ich schon der reine Pactesel war, und jetzt außerdem ein Brief! Nun, bin's schon gewohnt!' Das Chicaniren hat ja bei diesem vermaledeiten Berufe kein Ende. Wo ist der Brief“ Gut! So warten Sie denn! Warten Sie lieber hier, denn wie ich höre sind die beiden Wartestuben ja bereits gesüllt. Will erst sehen, was dieser Brief bringt! Stürmt mir aber etwas Neuces da zwischen, so ist's nicht meine Schuld, und dauert's bis heute Nacht, ehe wir uns wieder sehen, so nehmen Sie sich an meiner Geduld ein Beispiel. Der junge Mann lachte auf und sprach verbindlich: Ich hoffe, Sie werden mir in dem Fall nicht verargen, diesen Corridor mit einem andern Orte zu vertauschen. (Fortsegung folgt.) Von Nah und Fern. SFolgende biographische Notizen über den in New Hort zu fetirenden russischen Großfürsten werden von Interesse sein Groß fürst Alexis ist ein Sohn des jetzt regierenden russischen Kaisers Mexander I und der zwei ten Gemahlin desseiben, Maria Alexandrow na, Prinzessin von Hessen Unter den sieben aus dieser Ehe entsprossenen Kindern ist er das dritte. Seine Geburt am 4. Jan. 1850 be reitete der taiserlichen Familie anfangs sor— genvolle Stunden, indem man damals seinen baldigen Tod für fast gewiß hielt. Doch er— holte sich das Kind zusehends unter der forg-- samen Pflege des taiseriichen Hofarztes und als der Vater mit dem Kinde im Arme unter der Thüre des Salons erschien, wurde er mit lauten Glückwünschen empfangen. Bei Gele genheit seiner Taufe erhielt er den Ttel cines Obersten des Etaterinehbürg Infanterie Re— giments, eine etwas frühe Stellenversorgung. die indeß bei russischen Prinzen in diesem zar ten Alter nichts Seltened ist Die Taufe fand unter dem brillantesten Gepränge und in der Anwesenheit der meisten Hochwürdenträger des Reicho und vieler fremden Gesandten in der St. Isaatskirche in St. Peteroburg statt. Der Prinz war während seiner frühesten Kin— derjahre äußerst schwächlich, nahm aber mit den Jahren sichtlich an Koörperstärtke zu 1856 fand die Krönung des Kaisers in Mootau statt, und bei dieser Geilegenheit wurde der Prinz den Großen des Reichs zum erstenmale vorgestellt Einer seiner Hofmeister war der deutsche Professor von Stein, von dem er den ersten Unterricht in der Weltgeschichte erhieit. 1862, also in seinem zwoölften Jahre, erlebte er auf dem fiunischen Meerbusen einen hefti— gen Sturm, während er mit seinem Oheim, dem Großfürsteu Constantin, nach Sveaborg fuhr Er zeigte sich dabei sehr unerschrocken Uund verlangte bei seiner Rückkehr sogar von seinem Vater eine Stellung in der Marine. nach langem Zögern willfährte endlich Ale xander 11. diesem Wunsche, obschon er dieße sorgniß hegte, daß Alexid schwchlicher Körper den Strapatzen des Seelebend nicht gewachsen sein möchte. Dieser hat sich indeß seither bei dieser Lebenoõweise sehr wohi befunden, ünd er bringt so viel Zeit, als er erübrigen kann, auf dem Wasser zu In seinem Chärakter besitzt er etwas von der Willenskraft seines Groß vaters, Nitolaus 1., dessen Vorliebe fur die Waffen sich auch bei Alexis nicht verläugner In der Armee betleidet er gegenwartig die Chargen eines Hauptmanns ud Adjutänten des Kaisers, in der Flotte die eines Comman- danten des ersten Geschwaders der finnländi—- schen Abtheilung mit Oberlieutenantorang. Eine goldene Ehrenmedaille erhieit er für die Errettung eines Mädchens vom Ertrinten in der Meeresfiuth Seine Suite besteht aus: Vice-Admiral Poshuet, taiserlicher Adjutant und Präceptor des Großfürsten; Staatsrath Vesselajo; den Grafen Olsoeileff und Cho woaloff, und dem Professor Metchin. Aus München schreibt man der Allge— meinen Zeitung Blutigere Kirchweihtage als dieses Jahr hat Niederbaiern noch wohl selten gehabt; die cinlaufenden Nachrichten sind schauderregend. In Offenberg, am Vor—- wald, wurde ein neunzehnjähriger Häusler sohn beim „Nachkirta“ ohne langen Wort wechsel erstochen. Bei Wolferezell entspann sich zwischen nach Hause gehenden Burschen ein Streit, in Folge dessen ein Knecht von Rotham von zwölf Messern durchbohrt wurde. In Vilsbiburg erhielt ein Wirthschäftspächter von einem Hausbesitzerssohn, der aus Muth—- willen nicht zahlen wollte, auf seine Recrimi— nationen hin eiuen lebensgefährlichen Stich in die Schulter. In Aspertsham bei Neu— markt a. d. Rott wurde der Wirth Meggl, als er unter den auf dem Tanzplatze sich befehden den Burschen Ruhe stiften wollte, mit einem „im Griff stehenden“ der Art heimgeschickt, daß er in einer Stunde den Geist aufgab Das Gräßlichste aber ist der Mord in Eichen dorf im Vilsthal Im dortigen Wirthshause wurden, nachdem schon Abends 9 Uhr ein ernster Zusammenstoß stattgefunden, um 10 Uhr pltzlich die Lichter ausgelöscht und dann dem Wirthoösohne Georg Reindl von Adidor die Luftröhre durchschnitten, so daß er nach drei Stunden eine Leiche war. Graf Julius Andrassy, Nachfolger deo Grafen von Beust als Reichskanzler und Mi— nister des Aeußern, gehört einer alten, hervor ragenden uugarischen Familie an, welche sich seit Jahrhunderten in der Geschichte Ungarns auszeichnete. Sie führt auch das Präditat Clit-Szent-Kiraly und Krasna Horka und zerfällt in zwei Linien. Graf Julius, oder Gyula, gehört der älteren an und wurde im Jahre 1823 geboren. Auf dem Reichotage in 1847 gehörte er der entschiedenen Oppostion an, kampfte unter Kossuth und ging später als Gesandter nach Constantinopei. Alõ Oester reich seine Auslieferung verlangte, flüchtete e nach London, von wo er 1855, amnestirt, nach Ungarn zurückkehrte Später schloß er sich der Deatl'schen Partei an, deren Bestrebungen es im Jahre 1867 gelang, Ungarn seine Ver fassung und Selbstherrschaft zurückzubringen Andrassy wurde dann zum Kriegominister und Präsidenten des Ministerrathes ernannt und vom Landtage in seiner Stellung bestätigt Der berühmte Hardanger Violinist Chri stian Suckow, der in Milwaukee concertirte, spielt auf einer zwölfsaitigen Violine Vier Saiten derselben entsprechen denen einer ge— wöhnlichen Geige. Die anderen acht sind ent— sprechend gestimmt und der Wohltiang der Töne, die Suctow seiner Violine entlockt, soll ganz bezaubernd wirten Das „Logansporter Banner“ erzählt, daß als am Tage der Hinrichtung des Mör- Jerome Broots in voriger Woche der Gefäng nißwärter Morgens in dessen Zelle gekommen und gefragt habe, was er zu seinem Frübstück verlange, der Gefangene geantwortet habe, „Etwas Kaltes Aber warum? entgegnete der Aufseher „Weil“ —meinte Brooks, „ich ein warmes Dinner im Jenseits bekommen werde.“ —Es giebt in Californien 1326 Schuldi drikte; Schulhäuser 1550, Lehrer 820, Lehre rinnen 1232, zusammen 2053 Schultinder 01,322. durchschnittlicher Schulbhesuch 64,386. Der Werth des Schuleigenthums ist S 3, 362.- 550.18. Die Zunahme seit 1869 ist folgende: Distritte 182, Schulhäuser 196, Schultinder 17,578, durqcschnittlicher Schulbesuch 14,484, Werth an Schuteigenthum 565,875.06 den wir unter den Lotalnotizen folgende: Grohes Vreiolegeln auf der Sibrrrrr heute zum Beflen der Abbebrannten in Ebicago. Anfang Uhr Nachmittage. Bei ungänstiger Witterung findet das Preistegeln an einem anderen Tage statt. Der Gerichtohof im Distrikt oder ge nauer im Territorium Columbia hat zwar die Klage verschiedener Frauen gegeu die Regi stratoren, welche sich geweigert hatten, ihre Namen in die Listen der Stimmgeber einzu tragen, abgewiesen. aber er hat zugleich die Ansicht ausgesprochen, daß das 14 Bundes—- Verfassungs- Amendement den Frauen die Fahigkeit. das Stimmrecht auszüben, ver liehen habe. Zur Ausübung dieses in ah— stracto verliehenen Rechtes sei jedoch ein be sonderes Gesetz erforderlich In der bevor stehenden Congreßsttzung wird somit die De— batte über Frauenstimmrecht von Neuem ent— brennen. Es sollen von Raphael im Ganzen 83 Madonnen gemait sein. Von denseiben hat sein Vaterland kürzlich die einundfünfzigste an das Ausland verioren. Diesetbe ist auf Holz gemalt, unter dem Ramen,„Madonna del libro“ betannt und bis jetzt eine Perle der berühmten Gallerie von Perugia gewesen. Die italienische Regierung that alles Mög liche, um diesen Schatz dem Vaterlande zu er hatten; man wollte sogar zur Consiscation schreiten, doch sträubten sich die Gerichte da gegen. Da bot plötzlich der Kaiser von Ruß— land 330,000 Frants, bestand aber darauf. in 24 Stunden Bescheid zu haben, um das Biid seiner Gemahlin zum Geburtoötag zu schenten. Trotz einer debswegen gehaltenen Cabinetositzung des Ministeriums ktonnte der Kauf nicht verhindert werden. Gen. Cluseret, welcher bekanntlich aus Paris entkam, hält sich in Lübect, Deutsch land, auf. Das „Journal de Paris“ schreibt: „Ia der Straße Paradis-Poissonniere hat man den oft genannten Jean Serviot arretirt welcher im vierten Stockwerte eines Hauses. das die Ecke der Straße Hauteville bildet, eine Fabrit baierischer Heime eingerichtet hatte. Er trug große Sorge, in den Boden eines je den Helmes cinen Zettel zu kleben, welcher den Namen des Baiern, dem er angehört, so— wie den Tag, den Ort und die Umstände sei nes Todes enthieit. Serviot, welcher für die Exportation arbeitete, verkaufte jeden Heim um 15 Frantken. Auf Klage mehrerer Perse nen, welchen dieser Schwindel betanunt war, wurde er verhaftet.“