Wöchentliche Illinois Staatszeitung. Office 101:4 W. Randolphstr. Chicago, den 14. November 1871. An unsere Leser. Mit der heutigen Nummer des Wochen blattes geht dasselbe seit dem Feuer zum ersten Male in beinahe altem Formate vor unsere Freunde. Umstände, über die wir ebensowenig wie unsere Colleginnen von der englischen Presse Controlle hatten und die unsere Freunde gewiß vollständig begreifen, haben uns ver hindert, während der ersten Wochen nach dem Feuer das Wochenblatt in so vollständiger Weise und so schnell erscheinen zu lassen, wie wir es gerne gesehen hätten. Jetzt aber sind wir wieder häuslich eingerichtet. Und wir erachten es eine angenehme Pflicht, bei der Wiederaufnahme des alten Gewandes dankend der Anhänglichkeit zu gedenken, die uns von vielen unserer Freunde im Lande in herzlichen Zuschriften ausgesprochen wurde und des Be strebens einer großen Zahl, uns über die schwe ren Verluste der Abonnementöbedingungen hinwegzuhelfen. Die Energie, welche wie allerseits und auch von uns hier entwickelt werden mußte, hatte zum Theil in dem Be wußtsein, so viele Freunde für sich zu haben, ihren Rücthalt. Ein nationales Versicherungs- Büreau. Vor fünfzehn Jahren trieben die von den Einzelstaaten concessionirten Zettelbanken ei nen greulichen Unfug, an welchen sich viele unserer Leser gewiß noch erinnern. Nach dem Muster des New Yorker Bankgesetzes hatten viele westliche Staaten angeordnet, daß die Banken für ihr Papiergeld Staatoschuldscheine als Deckung hinteriegen müßten;; allein wäh rend in New Hork nur die stets über pari siehenden Schuldverschreibungen des Bundes, oder des Staats New York als Deckung an genommen wurden, nahm man inlllinois und Indiana allen Schund an, der oft kaum 60 Cents auf den Dollar werth war. Selbst dieser Schund ward oft vermittelst geschickter Durchstecherei erst mit demselben Papiergelde gekauft, für welches er als Deckung dienen follte. Es wurden in so entlegenen und un betkannten Dörfern, daß sich nie der Fuß eines Banknoten-Inhabers dorthin verirrte, soge nannte Banken errichtet, deren einziges Ge schäft in der Fabrizirung dieses elenden unge sicherten Papiergeldes bestand. Viele, die da mäls an solcher stumptail-ceurreney, wie sie genannt ward, einen großen Theil ihrer durch saure Arbeit verdienten Habe ver loren, erinnern sich noch mit Schrecken jener traurigen Zeit und empfinden einen gelinden Schauder, wenn demotratische Zeitungen die Umtkehr vom Nationalbankwesen zu dem alten Wildkatzbank-Unwesen predigen. Denn sie haben aus eigener bitterer Erfahrung gelernt, welche abscheuliche Uebelstände es wa-- ren, denen durch die Nationalbanken ein Ende gemacht worden ist. Was vor fünfzehn Jahren die Staatsban ken waren, das sind jetzt die Versicher ungsgesellschaften Es gab auch in den fünfziger Jahren gute und zahlungsfähige Staatsbanten, deren Noten so gut, wie Gold waren; aber bei weitem größer war die Zahl der faulen Schwindelbanken, die, so weit es den Werth ihrer Noten betraf, nicht viel besser, als Falschmünzer-Werkstätten waren. Ganz dasselbe gilt heute von den Versiche rungsgesellschaften. Ihrer manche sind gut, d. h chrlich und vorsichtig geleitet und in al len denjenigen Fällen, welche bei einer Wahr scheinlichkeitsberechnung in Betracht kommen tkönnen (zu welchen eine solche Feuersbrunst, wie die Chicagoer nicht gehört), sowohl zah lungoöf ähig, als zahlungöw illig. Allein neben ihnen bestehen eine Unmasse Schwin delanstalten, die, auf der kläglichsten Kapitalgrundlage (zu drei Vierteln bloße Schuldscheine der Aktionäre) errichtet, mit verbrecherischer Gewissenlosigkeit die faulsten Risikos übernehmen, weil es ihnen nur darauf ankommt, in aller Eile genug Prämien ein-- zustreichen, um auf ihr Strohkapital hohe Dividenden zu zahlen. Tritt dann ein un vermuthet großes Unglück ein, so machen es diese Schwindelanstalten, wie jener Abenteu rer an der Spielbank in Köthen, der mit dem stolzen Blicke eines russischen Fürsten “va banque” ruft und, als die Kugel des Roulette gegeü ihn entscheidet, sich mit den würdevol len Worten entpuppt: „Ick habe nischt; man schmeiße mir 'raus; ick bin Schneider“ In wie furchtbarem Maße das über Chicago hereingebrochene Unglück durch das Vertrauen, welches derartige Schwindelanstalten mittelst lügnerischer Vorspiegelungen erschlichen hat ten, gesteigert worden ist, davon brauchen wir unsern Lesern Nichts zu sagen, denn es sind unter ihnen nur wenige, die es sich nicht aus eigener bitterer Erfahrung sagen können Daß Gesellschaften, die den größten Theil ihrer Risikos in Chicago hatten, nach einer solchen Verheerung, wie die vom 9. Oktober nicht 01l bezahlen könnten, auch wenn sie noch so chrlich wären, das kann und wird je der Mensch von gesunden Sinnen zugeben. Daß aber die meisten von ihnen, wenn sie ehrlich und vors ichtig wären betrieben worden, mindestens doppelt, ja drei mal, oder viermal so viel hätten zahlen tönnen, wie sie zahlen werden, das ist eben so vollkommen gewiß. Die Abhülfe gegen den greulichen Unfug ist ebendaselbst zu suchen, wo Abhülfe gegen das Wildkatzbanken-Unwesen und die stump tail curreney gefunden worden ist. Sie be steht in der Errichtung eines nationalen Versicherungösbüreaus, bei welchem die Versicherungogesellschaften ihr volles Ka pital in Bündesobligationen zu hinter legen hätten; welches ihre Statuten geneh migen und auf Grund gewisser durch Bundes gesetz aufzustellender Classificationen danach zu sehen hätte, daß ihre Versicherungöraten im richtigen Verhältnisse zu ihren Risikos stünden. Außerdem aber müßte es Bedingung für alle sich unter Controlle des nationalen Versichernngöbüreaus stellenden Gesellschaften sein, sich einander gegenseitig zu versichern, so daß bei besonders unheilvollen Katastro phen, wie die Feuersbrünste in Portland (1866) oder Chicago, der Schade sich auf alle zu dem nationalen Verband gehörenden Versicherungs-Gesellschaften vertheilen würde. Absolute Gewißheit vollen Ersatzes für Verluste, welche in die hunderte von Millionen gehen, würde auch damit vielleicht nicht ge wonnen werden, denn solche stehen außerhalb der Grenzen aller Wahrscheinlichkeitsberech anung. Aber bedenke man nur, welcher Segen es für Chicago in jetziger Zeit wäre, wenn diejenigen Abgebrannten, die jetzt gar Nichts. oder 5, höchstens 10 Prozent ihrer Versiche rung erhalten, statt dessen 30 oder 50 Prozent erhalten könnten. Auf das Geschrei Derjenigen, welche in dem Vorschlag? ihren alten Popanz „Centrali sation“ zu erkennen glauben, sei geantwor-- tet, daß erstens ein Zwang zum Eintritt der vorhandenen Gesellschaften in den natio nalen Verband eben so wenig zu bestehen braucht, wie er in Betreff der Umwandlung von Staatsbanken in Nationalbanken bestan den hat. Sobald sich zeigte, daß das Ver trauen des Publikumso sich vorzugoöweise den National Versicherungsögesellschaften zuwen dete, würden die übrigen sich schon von selbst anschließen. Zweitens aber hat das wüste Geschrei über die Gefahren der „Centralisa tion“ lngst seine Schrecken verloren. Es lernt nachgerade jeder verständige Mensch ein sehen, daß 1871 und 1789 beinahe ein Jahr hundert auseinander liegen, und daß in die fem Jahrhundert öffentliche Interessen, Le bens- und Vertrhroöbeziehungen entstanden sind, von welchen die Stifter des Bundes noch teine blasse Ahnung hatten. Die einzigen Verkehrsanstalten von allgemeinem Charakter, die zu ihrer Zeit bestanden, waren die Post und die Schifffahrt. Diese wiesen sie der Competenz des Bundes zu, wie sie ihr ohne allen Zweifel auch das Eisenbahn-, Telegra phen- und Versicherungöwesen zugewieseu ha ben würden, wenn es schon bestanden hätte. Das Bundesgrundgesetz in demselben Geiste weiter ausbauen, in dem es ursprünglich ab gefaßt ward, heißt nicht, es verletzzn Wäre es andexs, so würde hier Goöthes Wort gelten von den Gesetzen, die sich wie eine ewige Krankheit forterben, von der Vernunft, die zu Unsinn und von der Wohlthat, die zur Plage wird. Die groößte Eisenbahn-Gesellschaft in der Welt. Die Pennsylvanier Eisenbahn-Gesellschaft hat es offenbar darauf abgesehen, den ameri kanischen Continent in ihre eisernen Fesseln zu schlagen. Ihre neuesten Errungenschaften, die New -Jersey durchschneidenden Eisen-- bahnen haben49BMeilenEisenbahn, 65Meilen Canal, eine Fähr- und zwei Brücken-Com pagnien unter die Botmäßigkeit der Penn sylvanier Bahn gebracht. Im Ganzen sind nicht weniger als 20 verschiedene Eisenbahn- Linien von der großen Boa Constrictor ver schluckt, und da die Charter jener Bahnlinien weitere Ausdehnungen gestatten, steht dem jetzt schon so kolossalen Geschäfte neue Ver mehrung in Aussicht. Aber nicht allein ost wärts und westwärts streckt die Riesenbahn ihre Arme aus, sondern auch südwärts. Sie hat die Bonds der neuen Norfolk und Great Western Eisenbahn für die Strecke zwischen Danville und Bristol indossiirt und gedenkt sich der ganzen Linie zu bemächtigen, welche die Chesapeake Bai an der atlantischen Küste mit den Thälern des Ohio und Mississippi und schließlich mit der Küste des Stillen Oceans zu verbinden bestimmt ist. Die Gelder zür Vollendung des großen Unter nehmens werden von New-Horker und Lon doner Kapitalisten auf erste Bahnhypothek vorgeschossen und die Agenten der Penn— sylvanier Bahn in New-York und London besorgen den verkauf der Bonds. Ferner hat die Bahn das Interesse des Staats Virginien (35 des Ganzen betragend) an der Danvpille und Richmond Bahn erworben. Die aüf 999 Jahre von der P. Eisenbahn gepachtete Cleveland und Pittsburg Bahn bedeutet den Anlauf auf die Erlangung des Getreidegeschäfts des Nordwestens. Ferner hat die Bahn für 1 Million Dollar sich die Controlle über die von Bristol, Va., aus gehende Ost-Tennessee, Virginia und Georgia Eisenbahn verschafft, welche bei Chattanooga mit dem System der südlichen Eisenbabnen in Verbindung tritt. Die Pennsylvanier Eisenbahngesellschaft ist ohne Zweifel die größte Eisenbabn der Welt Sie besitzt oder beherrscht wenigstens 4000 Meilen Eisenbahn, welche ein Kapital von 250 Millionen Dollar reprasentiren. Die jährlichen Brutto-Einnahmen der Bahn belaufen sich anf 40 Millionen Dollar per Jahr, und die Ländereien, die sie besitzt (direktt oder in der Form von Landbewilligungen) decken 80, 000 Quadratmeilen oder eine Flche so groß wie die von vier großen Monarchien Europa's. Ein so riesenmßiges Geschäft hat jedoch auch schwache Punkte oder Schattenseiten. So mußte die Pennsylvania Eisenbahn, um Coucurrenz zu verhüüten, zwei Eisenbahnlinien von Pittsburg nach Chtcägo erwerben, welche wenig abwerfen, ohne daß das Ziel, die Ver hinderung der Concurrenz, erreicht wird. Die Valtimore und Ohio Bahn baut nämlich jetzt eine neue Linie zwischen Pitts burg und Chicago, welche den beiden Linien der Pennsylvania Bahn, nämlich der Fort Wayne und Columbus, und der Columbus, Chicago und Indiana Central, eine starke Concurrenz zu machen bestimmt ist. Bei der Uebernahme der Columbus, Chi cago und Indiana Central-Eisenbahn mußte sich die Pennsylvania Bayn verpfichten, zwei einander beinahe parallel laufende Linien zwischen Indianapölis und St. Louis zu er halten. Die große Bahn wurde in Wirk üchteit gezwungen, zu F die Anlagekosten einer Bahn zu tragen, welche einer bereits unter ihrer (der Pennsylvania) Controlle stehenden Linie Concurrenz machte. Zur Beruhigung für Amerikamüüde. In seintm zu St. Louis gehaltenen Vor trage sprach sich Friedrich Hecker mit seiner gewohnten Bestimmtheit gegen die pessi mistische Auffassung jener Amerikamüden aus, weiche in den einzelnen widerwärtigen oder betrübsamen Erscheinungen unseres öffent lichen Lebens eben so viele Beweise des hoff nungolosen Verfalls der Republik sehen zu müüssen glauben. Nach dem Berichte der Westlichen Post sagte er ungefähr Folgendes: „In einem Lande, wo der Pfostenspalter Lincoln, der Schneider Johnson und der Brennholzhändler Grant an die Spitze der höchsten Macht gelangen konnten, kann die fociale Frage keine Gefahr bilden. Die Re publik hat noch einen besseren Magen, als die Kirche, sie kann noch mehr vertragen, und wenn es auch hier Uebelstände gibt, so sind sie doch nichts im Vergleich mit dem mon archischen und pfäsfischen Europa mit seinen 21,000 Millionen Schulden, seiner in den höchsten Kreisen gipfelnden Corruption und Verworfenheit, seinen Millionen starken stehen ÿ den Armeen, wo wie in England 30,000 Fa-- milien uud in Schottland gar nur 13 Fa milien den ganzen Grundbesitz eignen. Und hier ist auch schon überall der Kampf für Reform und gegen Hallunkenthum entbrannt. New-HYork ist nicht Amerika, trotz des un geheuren europäischen Bodensatzes, den es enthält. Und drüben gibt es auch Tammany-- ten und Connollyten. Das Ermorden von ungeborenen Kindern wird auch drüben, und zwar, wie die griechische Geschichte lehrt, schon seit 2000 Jahren practicirt. Die Cor ruption der österreichischen und russischen Beamten ist sprichwörtlich geworden, und selbst in dem so geordneten Preußen kommen Kassendefekte vor. Schon Louis Philipp und Thiers haben Telegramme unterschlagen, um auf der Börse spekuliren und ihre Geldbeutel füllen zu können. Napoleon I. sagte, man müsse seine schmutzige Wäsche nicht vor dem Publikum waschen. Hier aber, Dank der Preß- und Redefreiheit, kommt Alles vom untersten bis zum höchsten Beamten, von der kleinsten bis zur größten Handlung in die Oeffentlichkeit, und blinder Parteieifer malt Alles noch viel schwärzer, als es in Wirklich keit ist. Wir machen uns selbst schlechter, als wir sind. Kein Volk in der Welt ist freigebiger und großmüthiger, als das amerikanische. Wo sind drüben die Cooper's. Peabody's, Smith son's, Astor's, Mullanphy's u. s w.? Wo sind drüben die großartigen Ritterakademien des Volke s, welche wir besitzen? Wo giebt es drũben ein so großartiges stehendes Heer von Schülern und Lehrern, eine so große Zahl von prächtigen Freischulen, die Tren nung der Kirche von der Schule, und des Staates von der Kirche? Und ist drüben die Aemterjägerei und Gnadenspenderei nicht noch erbärmlicher, als hier? Unser Schwarz frack muß wenigstens alle vier Jahre aus dem Weißen Haus, und mit ihm die ganze Sipp schaft. Wie aber drüben, wo selbst der Dorf- und Erbschulze der koöniglichen oder kaiserli chen Bestätigung bedarf? Der Schwarzfrack hier hat, der Fabel gleich, Käse im Munde, den er fallen läßt, so bald ihn die dem Gna—- denspender stets Weihrauch streuenden Servi len, zum Mundöffnen gebracht. Moral von der Geschichte: Gib dem Schwarzfrack kei nen Käse in den Mund! Die Wahrheit ist, daß alle beide, das königliche Schlachtroß so wohl wie das Parteiklepperthum, den Teufel auf dem Buckel haben! Der europische Ge sellschaftskessel hat aber nicht, wie die hiesige, Sicherheitventile in Gestalt eines freien Vol kes und einer freien Presse, deshalb braust und zischt es auch in demselben, bis er platzen muß.“ Neventlow'sche Eulenspiegelei. Otto Reventlow, der noch in Stuttgart ist, aber, wie er schreibt, doch lieber wieder in Ameritka wäre, hat von Stuttgart aus einen kolossalen Ult aüsgeführt, durch den nicht nur viele deuische, sondern selbst französische und englische Blätter genarrt worden sind. Aus englischen Blttern war dersetbe sogar in engiisch-gmeritanische übergegangen. Otto Repentlow schmuggelte zunächst in Stuttgarter Bltter eine romantisch ausge schmückte Notiz, wornach an dem und dem Tage die Zigeuner ganz Europa's bei dem württembergischen Dorfe Untertürkheim einen Congreß nebst Zigeunerfest abhalten soliten. Diese Notiz machte ungeheures Fenrore, namentti in Süddeutschland, und nicht wenige Blatter ergingeu Kch in ernsten Beitod intter über das bevorstehende Exeig niß. Der bestimmte Tag kam! Eine Menge Zeitungoberichtersiatter aus Schwaben und den Nachbarländern fanden sich in Untertürk heim ein, auch einige Photographen waren init hrez Apparaten da. Bahnzüge dad ten ëne Menge Volkes nach Untertürkheim; die hohe Aristokratie von Stuttgart kam in Equipagen. Wer aber nicht gekommen war, das waren die Zigeuner! Viele Touristen verlie ßen, als sie inne wurden, daß sie geutzt seien, sofort das Weichbild Untertürkheim's und eil ten der Heimath zu. Andere begaben sich schaarenweise in die Untertürkheimer Wirths häuser. Aber Herr Schwarz von der Stutt garter „Bürgerzeitung“, in welche Revent low die Notiz zuerst eingeschmuggelt hatte, entging mit knapper Noth einer Tracht Prü—- gel bon Seiten der enttäuschten „Zuschauer“. Noch jetzt werden in Stuttgart Die, wel che „den Zigeunercongreß besuchten“, gefoppt und audsgelacht. Um so zufriedener sind die Untertürkheimer Wirthe, die am Zigeunertage eine glänzende Einnähme hatten Vollen Grund zur Wuth haben Diejenigen, welche sich aus einer Ent fernung von vierzig bis sechzig Stunden her beilocken ließken. Sehr ungehalten waren auch die Wirthe des benachba- n Canstatt nämlich deshalb, weil Congreß und Fest nicht nach ihrer Stadt verlegt worden waren. s[Balt. Wecker.] Ein deutscher Comödiant. Friedrich Haase, der deutsche Schauspieler, der vor zwei Jahren so glänzende Geschäfte in New YHork machte und jetzt Direktor des Leipziger Stadttheaters ist, hat das Ansinnen, eine Vorstellung zum Besten der abgebrann ten Deutschen Chicagos zu halten, abgelehnt. Der Corresp. des Cinc. Volksoblatts schreibt darũber sehr entrüstet: „Da Haase den Theaterfürsten zu spie len beliebt, d. h. er ist so zu sagen für Nie mand zu sprechen, seine theatraltsche Kitelkeit erlaubt ihm nur mit „hohen und höchsteu Würdenträgern“ zu verkehren, so griff ich zur Feder und ließ dem „hochgeborenen“ Theater direktor ein schlichtes Schreiben zukommen, in welchem ich bat, er möge in Anbetracht, daß er einst in den Ver. Staaten viele Ehren und Triumphe errungen, in Erwägung ziehen, ob er nicht eine Wohlthätigkeits-Vorstellung für die Hülfsbedürftigen in Chicago veranstalten wolle Die Antivort war eigentlich bei der bekannten Sucht unserer Theaterdirektion, Geld auf Geld für sich zu häufen, vorauszu sehen, kurz! der Theaterfürst erwies sich als als Schmutzfiuke, er antwortete: „Aus mehrfachen Gründen bedauere ich aufrichtig Ihrem Wunsche eine Wohlthätig keits-Vorstellung für die Unglücklichen in Chicago zu veranstalten nicht entsprechen zu können. Obgleich ich übrigens nur in New York gastirte, glaubte ich mich für den freundlichen Empfang in Amerika überhaupt nach Kräften dadurch revanchirt zu haben, daß ich drei bis vier Wohlthätigkeits-Vor stellungen veranstaltete, welche jede einen Be trag von mehr als tausend Dallars lieferte.“ Da ich in meinem Schreiben an Haafe nicht die leiseste Andeutung von seiner Gold ernte in New York machte, so sind dessen Aus lassungen über seine Wohlthätigkeits-Vor stellungen weiter nichts als eitle Renomisterei und die Motive der Ablehung des angereg ten Wohlthätigkeitsactes erscheinen eben als Kennzeichen eines gemeiuen Charakters unter äußerlich feiner Maske.“ Was uns betrifft, so sind wir über das Be nehmen Haases weder erstaunt, noch sonderlich entrüstet. Und zwar deshalb nicht, weil wir uns über den Wohlthätigkeitssinn Deutsch lands niemals Täuschungen gemacht haben. Nur diejenigen können das, die Deutschland seit zwanzig Jahren nicht gesehen haben. Bitter, wie die Wahrheit ist, ist es eben doch Wahrheit: daß das deutsche Volk kein Herzfür seine Söhne in der Fremde hat. Anbetteln kann es sie mit hundert Handwerksburschenkraft, aber geben? Ist nicht. Der Kaffeehandel. Ueber den Kaffeehandel läßt sich die New- Yorter „Shipping List“ in folgender Weise aus: Das Steigen der Kaffeepreise um 3 bis 4 Cents per Pfund in eben so viel Monaten, ist für die Massen, für welche der Gebrauch die ser Bohne ebeusowohl Nothwendigkeit gewor den ist, als sie Luxus war, von keiner gerin gen Bedeutung, wenn man in Anschlag bringt, daß dieses Land, im Verhältniß zu der Bevölkerung, der größte Consument in der Welt ist, mit nur einer einzigen Aus nahme. Diese Ausnahme machen die Länder, weilche den deutschen Zollverein bilden, und diese stehen auf der Liste der Kaffeeconsumen ten oben an, da deren Prozentsatz 284 be trägt. Die Ver. Staaten kommen zunächst mit 18ʒ Prozent, während Großbritannien bei Weitem niedriger zu stehen kommt, da der Thee daselbst dem Kaffee weit vorgezogen wird. Die jährliche Produktion von Brasilien, wo mehr Kaffee gebaut wird, als in irgend einem anderen Platz der Welt, wird auf un gesähr 400, 000, 000 Pfund geschtzt, während Java, dessen Produklionsfhigkeit nächst zu Brasilien steht, etwa 140,000,000 per Jahr producirt. Ceylon und San Domingo lie fern ungefähr 40,000,000, Cuba und Porto Rico etwa 25, 000,000 Pfund jährlich. Vene zuela und Sumatra werden mit einer ähnli chen Quantitt creditirt, und Jamaica und Costa Rica nehmen ebenfalls einen mäßigen Antheil an der Kaffeeproduktion. Die Quantitãt alles, im Jahre 1870 nach den Ver. Staaten importirten Kaffees, er reichte die Summe von 282,540,737 Pfund, oder in anderen Worten, nahezu ein Drittel des Kaffees, welcher in der ganzen Welt pro duzirt wurde. Die Vorräthe im ganzen Lande sind seit Kurzem durch eine Vermeh rung des Bedarfs und Verminderung der Einfuhr auf einen ungewööhnlichen niedrigen Punkt reduzirt. Diesem Umstande, in Ver bindung mit der Nachricht, daß in den drei Hauptproduktions -Plätzen eine theilweise Fehl-Ernte eingetreten sei, wird es wohl zu—- zuschreiben sein, daß die Preise so bedeutend in die Höhe gingen. Auch circulirten in letz ter Zeit mehr oder weniger Befürchtungen, die den Markt seit mehreren Wochen in einem unruhigen Zustand erhielten. Da man aber anfängt einzusehen, daß hohe Preise für irgend eine Waare in der jetzigen Zeit des Dampfes und des Telegraphs sel ten verfehlen, weitere Zufuhren anzuziehen, manchmal von ganz unerwarteten Hilfs quellen, so legte sich die Aufregung bald wieder. Auch ist es unzweifelhaft zu er warten, daß die außergewöhnlich hohen Preise zahlreiche Substitute in's Leben ru— fen, und den Verfälschungen neue Thore er oöffnen werden, wie es zur Zeit unseres letzten Krieges der Fall war, Im Jahre 1863 z. B. fiel die Importation nach den Ver. Staaten auf 73,296,417 Pfund, von welcher Zeit an sie bis zu der obenange gebenen Quantität des letzten Jahres zuge nommen hat. Während der Kriegöjahre nahm die Ver fälschung von Kaffee sehr bedeutende Dimen sionen an. Cichorie, Erbsen, Gerste und Noggen wurden in großen Quantitäten ge braucht, um Kaffee billiger herzustellen. Es ist ziemlich sicher anzunehmen, daß, sollten di- jetzigen Preise auf einer gesunden Basis beruhen, dieselben ihren Höhepunkt erreicht haben, und nicht wohl höher gehen können, öhne dem Bedarf Einhalt zu thun, was denn möglicherweise eine Reaction hervorrufen würde, deren Resultat nichts weniger als ge sund genannt werden könnte. (Corresp. der 111. Staatszeitung.) Von der Elbe. Von der Elbe, 28. Oktober Mehr noch als die bisher spannende innere Politit Oesterrecho, der Hohenwart-Schäffle sche Schwindel der seit gestern zu Grabe getraz gen wurde, waren die Nachrichten üüber den entsetzlichen Brand in Chicago von Interesse und war nur zu bedäuern, daß das Kabet immer nur spärliche, freilich stets er schütternde, Mittheilungen brachte. Auch jetzt sind wir noch bezüglich der meisten Einzel heiten dieser furchtbaren Katastrophe im ün gewissen, wir wissen eben nur, daß der Chi cagoer Brand der zweitgrößte der letzten Jahr hunderte war, voran steht London (1666), alsdann folgt an Größe und Bedeutung Chicago und in dritter Linie erst Ham— bürg (1842) Ueber däd Löos der „Jilinois Staatszeitung“ erhielt ich erst gestern durch einen Artikel der Berliner „Börsenzeitung“ Aufschluß, leider ist es dasselbe, welches die ineisten lhrer Colleginnen betroffen hat. Aber einé Benierkung, ipelche die Börsenzeitung hinzufügte, hat mir Angesichts des furchtbaren Unglücks ungemein wolgethan. Sie fügtt nämlich in Parenthese hinzu: „eine der besten deutschen Zeitungen der Union.“ Die beiden Nachbarstädte Berlin und Leipzig sind es im Deutschen Reiche, oder doch wenigstens im Binnenlande, welche vor zugöweise bemüht sind, den Unglücklichen in Chicago hilfreiche Hand zu leisten. Das Unter stützungs-Comite ist in Permanenz getreten und konnte schon einige Tage nach seiner Con stituirung eine namhafte Summe durch tele graphische Anweisung nach Chicago gelangen lassen. Besonders rühmlich hat sich das Leipziger Tagblatt“ dadurch hervor gethan, daß es nicht blos eine eigene Samm— lung veranstaltete, sondern fort und fort durch hochherzige Stimmungdartikel zu Gaben für die hartbedrã ngten Familien in Chicago auf forderte. Auch das „Vaudeville-Theater“ in der „Guten Quelle“ des patriotischen Vater Grun hat ohne Säumen seine Schuldigkeit gethan, es war die erste öffentliche Kunst anstalt, welche eine Wohithätigkeitvorstellung veranstaltete Dagegen hat ein schriftliches Gesuch bei dem Direktor ber beiden Leipziger Stadttheater, Friedrich Ha ase, eine Vor-- stellung zu Güünsten der hilfsbedürftigen Ab gebrannten der amerikanischen Metropole im Westen zu geben, eine ablehnende Antwort er halten. Auch die Redaktion der „Gar ten iaube“ hat einen „Aufruf für Chicago“ in ihrer heute ausgegebenen Nummer ver öffentlicht und an der Spitze der Zeichnung steht der Chef der Gartenlaube, Ernst Keil, mit Einhundert Thaler Einen sehr günstigen Eindruck hat es hervorgerufen, daß Kaiser Wilhelm, ferner die Kaiserin und das kron prinzliche Paar die Ersten mit waren, welche beträchtliche Summen für Chicago jpendeten. Von den anderen deutschen Fürsten läßt sich leider Aehnliches nicht berichten. Von heute ab kehren die bisher noch in Frankreich gestandenen sächsischen Trup—- ben in die heimathlichen Garnisonen zurück. Die der Leipziger Garnison angehörenden Truppen, darunter das 107. Regiment, wel ches bei St: Privat, Beaumont und insbeson dere bei Brie sur Marne furchtbar gelitten, ziehen nächsten Donnerstag hier ein und sind vbom Rath der Stadt und der Einwohnerschaft großartige Vorbereitungen im Gange, um die Helden würdig zu empfangen. Die Via trumphalis ist bereits theiliweise hergerichtet und gewährt mit den vielen stattlichen Ehren bogen einen imposanten Anblick. Die Militär-, Turn- und Gesangvereine, die Innungen, die Studirenden -c. werden sich beim Einzug be theiligen. Auch die Gräber der in Leipzigs Lazarethen verstorbenen Krieger werden ge schmückt. Der Einzug erfolgt unter Glocken gelute nnd Kanonendonner; am Abend all gemeine Illumination der Stadt Speisung der Truppen und festliche Gelage. Der Rath der Stadt wird allen einziehenden Kriegern, lob arm, ob reich, ein Geldgeschenk überreichen lassen. Ferner werden von Seiten der Bürger schaft die Leipzig berührenden Truppen anderer 1 Truppen gespeist. 1 Uusere Landesuniversität Leipzig ist iu ein neues Stadium getreten, denn sie ist nun mehr nach der Zahl der wirklich Studirenden die erste in Deutschen Reiche. Als ich im vorigen Jahre Ihnen über den günstigen Stand unserer Hochschule berichtete und be mertte, es sei Hoffnung vorhanden, daß sie ihre Berliner Schwester bald überflügeln Iwerde, fügten Sie dieser Annahme in Paren- Ithese achselzucend ein Fragezeichen hinzu. Gönnen Sie mir nun aüch die süße Rache, nachträglich gegen jenes Zeichen des Zweisels hin der Weise zu protestiren, daß ich einen Ehren-Salamander auf die Alma mater, die „einst auch Ihre geistige Nährerin war, reibe. Scherz bei Seite, die zum soeben begonnenen Wintersemester stattgefundene Insecription an der Universität Leipzig ist so zahireich ausge fallen, daß die Zahl der Studirenden jene der Berliner Universität weit übertrifft. Es sind übrigens Projekte in Aussicht, welche dieses günstige Verhältniß mit der Zeit noch bedeu tender gestalten wird. In Dresden wurde am Jahrestage der j Schlacht bei Leipzig das Körner-Denk mal auf dem freien Platze vor der Kreuz e h schule, deren Zögling betanntlich Körner war, feierlich enthüllt. Es war eine echt nationale Feier, wie man sie früher in Drresden nicht t gewohnt war. Bei dieser Gelegenheit hat sich die Dreodener socialdemokratische Gesellschaft wieder in ihrer ganzen Glorie gezeigt. So sagt der „Dresdener Volkobote“ vom 18. Ok ʒtober, d. h. der Koörnerfeier, wörtlich: „Daß unsere ganze Bourgeoisie aus dem Festspekta ntel gar nicht mehr heraustommt und heute einen Dichter, morgen einen Musiker beim Wickel nimmt, um für ein paar Tausend Tha d ser seinem steinernen Abbilde Weihrauch in Phrasen und Blechmusik, verbunden mit et was Pechgeruch, zu streuen, ist uns ein Zeichen t für das Kindischwerden der Rasse, die sich die n bessere Gesellfchaft, von Geldsacks Gnaden na-- rtürlich, nennt.“ Jedenfalls ist festlicher Pech n geruch angenehmer, als jener Pariser Petrö leumgeruch, der einem gesellschaftlichen Pech gestant gleichkam und für welchen unsere So-- d s cialdemotraten eine besondere Inclination be sitzen. d Die Strites sind wieder epidemisch ge us worden. Neuerdings hat sich diese söciale Krantkheit auch der Eisenbahn-Subalternbe samten bemächtigt. Auch haben sämmtliche o Maschinenbau-Arbeiter der Thüringischen Ei senbahn Strike angesagt, weil ihnen die Ar 7beitozeit nicht wesentlich (um 2 Stunden) d verkürzt und der Lohn nicht erhöht wurde. n Verhandlungen sind im Gänge. Die Forde rungen der Arbeiter sind nicht ungerecht, mit h hin werden die Eisenbahnbarone zuKreuz krie chen müssen Von größerer Dimension ist die heute Mor- Igen in Chemnitz eingetretene Arbeitd heinstellung. Die in den dortigen Ma schinenwerkstatten beschäftigten Arbeiter, de ⁊ren Zahl auf 8000 angegeben wird, verlang rten die Festsetzung einer Normal Arbeitszeit Ivon 10 Stunden täglich, und für Arbeit in den Ueberstunden einen um 25 Procent er hoöõhten Lohn. Die Fabrikanten wollten nicht e mehr zugestehen, als 62 Arbeitoöstunden für die Woche und 10 Procent Lohnerhöhung für die d üeberstunden. Der Strite betrifft zwanzig der bedeutendsten Fabriken. Die Zwickauer Kohlenpreise sind Iseit vorigen Winter nicht zurückgegangen, wie man erwartete Es hat sich als unzweifelbar e herausgestellt, daß ein geradezu kolossaler Be-- 1 darf an Kohlen vorhanden und daß trotz An strengung aller Kräfte derselbe kaüm gedeckt „swerden kann. Daß die Kohlenbau-Gesell-- schaften unter solchen Umständen bedeutende d Dividenden geben tönnen, ist selbstverständ ·lich. Die Förderquantitäten des vorigen 1 Jahres waren in Foige der vielfachen Hinder “nisse durchweg höchst beschränkte. In Folge “dessen sind die Altien der Kohlenwerke auf eine nie geahnte Höhe gestiegen, so daß jetzt die Course fast durchgängig um 100 Prozent hoöher sind, als im Jahre 1870 vor bem „Kriege. Man erwartet bei gleich geringen Foörderquantitten wie im Vorjahre Feuer- Erzgebirgischer Aktienverein nicht unter 130 Thaler Dividende per Actie (100 Thir. Ein zahlung), die jetzt circa 1600 kostet. Im glei chen Verhältniß rubriciren die anderen Koh—- lenwerle. Unter 35 Thaler Dividende ist gar tein Schachtunternehmen vorhanden. J Sehr bedeutend hat sich während des Krie ges ein Haupterwerbszweig der weiblichen Be völkerung des sachsischen Erzgebirges, das Spitzenklöppeln, erweitert und geho ben, so daß über 20,000 Klöpplerinnen bei steigendem Verdienst vollauf beschaftigt sind. Frankreich mußte auch in dieser Richtung em pfindlich büßen, indem es durch den Krieg von der Concurrenz ausgeschlossen war, und so ka men die Bestellungen, die früher dorthin gin gen, nach Sachsen, Oesterreich, Belgien und England. Außer dem glänzenden Geschäfts gange hat unsere Industrie noch den Vortheil, daß nun das Ausland sich überzeugt, wie treff lich unsere Spitzenklöppelei den Vergleich aus halten kann mit der Frankreich's. So kann es nicht fehlen, daß die sächsische Spitzenindu strie immer mehr au Bedeutung gewinnt, und daß die 30 Klöppelschulen unseres Erzgebirges start besucht werden. Sie zählten am Schlusse des vorigen Jahres 1800 Schülerinnen. Der Krieg hät auch zur Fölge gehabt, daß unter vielen anderen Industriezweigen, auch sdie Meerschaum-Schnitzerei in Deutschland und Oesterreich einen gewaltigen Fortschritt gemacht hat. Reuerdings hat sich Leipzig mit großem Erfolg dieser Kunstindu strie bemaãchtigt, namentlich das Schuelder'- sche Etablissement. So ist aus dieser Werk statt eine Riesen-Cigarrenspitze hervorgegan gen, welche an Geschicklichteit und Eleganz der Ausführüng alles bioher in dieser Beziehung Geleistete übertreffen dürfte Die Spitze stellt die große historische Scene am Abend der Schlacht von Gravelotte dar: Kaiser Wilhelm; umgeben von seinem Bruder, dem Fürsten Bismartt, dem Grafen Roon und andereh hohen Offizieren, empfängt dürch den Graseh Moltke die Siegeoöbotschaft. Wahrhaft über raschend ist die Portraitähnlichteit aller dar gestellten Personen. Viele Fabrikanten ha ben in Leipzig ständige Musterlager gegrün det, um über die Meßzeit hinaus dem Geschäfte obliegen zu können. Die berühmte Metall waaren-Fabrik Kissing und Möllmann in Iserlohn, welche in Deutschland gegen 20 Comptoire als Filiaten befitzt, hat in ihrer Branche den Franzosen große Kundschaft ab genommen und wird in ihrem Musterlager zu Leipzig wochenlang über die Messen hinaus gearbeitet. Aehnlich verhält es sich mit an deren bedeutenden Geschäften. Belanntlich hat die Bank von Frank—- reich den famosen Beschluß gefaßt, die Un terschriften derjenigen Firmen, welche das französische Wechsel-Moratorium nicht aner kennen, in Zukunft nicht mehr zu discontiren. Die „Semaine financiere“ veroffentlicht die erste, von der französischen Bank proclamirte Liste solcher Firmen, 15 an der Zahl, die sich auf Deutschland, Italien und die Schweiz vertheilen, alle hochangesehenen Etablisse ments, darunter auch H. C. Plaut in Leip zig und Berlin. Es ist durch diese Liste der Beweis geliefert, daß die französische Arro ganz, die Gültigkeit des dortigen Wechselmo ratoriums auch für die Handelswelt außer halb Frankreichs vorschreiben zu wollen, nicht blos in Deutschland, sondern namentlich auch in Italien (durch sieben Firmen) zurückgewie sen worden ist. Die Zwangoödedinfection in Leipzig, die übrigens nur auf dem Papier stand, in Wahrheit aber nie zwangsweise durchgeführt wurde, hat der Rath der Stadt aufgehoben, da eine Choleraepidemie augenblicklich nicht mehr in Aussicht stehe, resp. im Norden (Königo berg -c.) erloschen sei.· Die Pocken treten in Leipzig nur erst sporadisch auf, epidemisch dagegen jetzt sehr heftig in Thüringen, z. B. in Gotha. Fast scheint es, als hätten sich unsere „Deutschen“ Feste überlebt. Die Schützen können gleich den Turnern und Sängern nir gends ankommen. Auch Würzburg, die sonst allzeit gastfreundliche und festliebende Main-- stadt hat die Ehre, das vierte Deutsche Turn-- fest zu übernehmen, dankend abgelehnt. Nun wollen sich die Turner nach Bonn wenden. Nath einer Vorlage, welche die sächsische Regierung dem Landtage zugehen lassen wird, um danach das neue Schulgesetz zu berathen, soll das Turnen künftig zu den obliga—- torischen Unterrichts-Gegenständen der Volksschüle gehören. Ais Schulturnlehrer sol len nicht blos Pädagogen, sondern auch andere turnerisch Gebildete zugelassen werden. Den übereinstimmenden Nachrichten aus al len Gegenden Deutschlands zufolge hat die diesjährige Ernte einen Dreiviertel- Ertrag geliefert. In der Production bezeich net man den halben Ertrag als für ein gan-- zes, den vollen Ertrag als für zwe i Jahre hinreichend. Die Weinlese in Meißen und Naum burg an der Saale hat begonnen. Diesmal in der eigentlichen Vedeutung des Wortes ein sanres Stückchen Arbeit. Denn seit vielen Jahren ist Bacchus nicht mit einem so schlech ten Geiste seinem Publikum entgegengetreten, wie diesmal. Nur unter Wehen ünd Weinen wird der Wein von 1871 genossen werden kön nen. Die Einen sagen, der 7ler sei,Aus bruch“ in schlimmster Bedeutung, die Anderen bezeichnen ihn als wirklichen,Leibschneider“. Man raunt sich beim Genuß des Mostes scherz haft zu: „Wohl bekomm's!“ Der Stand der Herbstsaat ist ein sehr erfreulicher und läßt eine reichliche Ernte im nächsten Jahre erhoffen. Vorgestern beobach teten wir ein bedeutendes Polarlicht, worauf schönstes Herbstwetter eingetreten. Möchte dasselbe sich andauernd auch über die Ruinen der,Gartenstadt“ im Westen der nord amerifanischen Union ausbreiten, um die schwe ren Entbehrungen während des nahenden Win ters erträglich zu machen. Der Schulmeister. (Aus der „Sonntags-Post“ in Louisville. In Reindorf (Preußen) ist der Lehrer Eduard Scheller am 23. September todt ge funden worden. Die Untersuchung stellte heraus, daß er am Hnngertyphus gestorben. Nachricht aus Deutschland Glorreiches Land ein halb Jahrzehnt Floh kaum und schon zwei Kriege Fünf Jahre kaum und du errangst Mehr als zwei Dutzend Siege. Doch hast den Feind du nicht besiegt Durch Säbel und Kanonen: Der „preußische Schulmeister“ nur Schlug Oestreich's Legionen. Er war es auch, der niederwarf Die fränkischen Cohorten, Der deinem Heere öffnen half Der stärtsten Veste Pforten. Er trieb in Kriegögefangenschaft Den Kaiser und die Garden, Er wies die Wege nach Paris, Er schaffte die Milliarden, Er war's, der wieder bracht' dem Reich Die alten deutschen Grenzen; Ihm dankst du Alles, ihm! denn er Schuf dir Er bracht' die Ehre dir, daß man Du lang und schwer verkannte Vor allen Nationen d i ch „Nation der Denker“ nannte. Ihm dankst du Alles, was du bist, Dein Wirken und Vollbringen, Ihm wirst du's danken müssen, wenn Heil sprießt aus neue m Ringen. Was aber war der Lohn für ihn Für deinen Siegbescherer? Als Antwort kommt die Kunde uns: Verhungertist ein Lehrer. Heinrich Binder. RX R Von Nah und Fern. Der in Jowa reisende Agent der Illi nois Staatoztg. schreibt uns, daß dort Agen-- ten des Milwaukee Herold (odhne Wissen und Willen des Herausgebers, davon wollen wir uns gerne überzeugt halten) unsere Abon nenten durch unverschämte Lügen abspänstig zu machen suchen. Sie sagen ihnen, daß durch das Feuer die 111. Staatsztg. zu Grunde gegangen sei, daß sie in Jahren nicht wie der auffktommen werde -c. Wir ersuchen unsere Tauschblätter in Jowa, zur Wider legung solcher von roher Gewinngier er zeügten Lügen behülflich zu sein. Daß in der Veröffentlichung der täglichen, wie der wöchentlichen 111. Staatoöztg. durch die größte Feueroöbrunst aller Zeiten eine kurze Pause eingetreten ist, wird jeder vernünf tige Mensch natürlich finden; doch schon in diesen Tagen wird unsern Abonnenten im Lande das Wochenblatt wieder in der alten Form zugehen. Zum Glück haben wir in zahlreichen Zuschriften die erfreulichsten Be weise dafür, daß unsere alten Abonnenten uns nicht nur treu geblieben sind, sondern sich auch die weitere Verbreituag der 11l Staatsztg. angelegen sein lassen. gen die Namen von reichen Leuten, welche kein Geld für Chicago hergegeben haben. Der Klingler-Prozeß kömmt Anfangs Dezember in Washington im Bundes- Obergericht zur endgültigen Entscheidung. Staatsanwalt Charles P. Johnson wird sich dahin begeben, um die Anklage zu vertreten. (Küngler wurde vor mehr als 2 Jahren in St. Louis wegen Ermordung seines Onkels zum Tode verurtheilt, seine Vertheidiger ha ben jedoch bis jetzt die Ausführung des Ur theils erfolgreich zu verhindern gewußt.) —ln Allegheny bei Pittsburg, La wurde am Sonntag der Grundstein zu einer deut schen Turnhalle gelegt, wobei der Pastor Weitershausen die Weihrede hielt. Richter I. B. Stallo ist nach längerer Abwesenheit mit seiner Familie, welche sich gegen drei Jahre in Deutschland aufgehalten hat, glücklich und im besten Wohlsein wieder in Cincinnati eingetroffen. Schachspieler sind zu einem Schachtur nier oder Congreß eingeladen, der am 4 De zember in Cleveland eröffnet wird Eine Anzahl hervorragender Deutschen in Atlanta haben in der von ihnen gegrün deten,„Georgia Staatszeitung“ gegen die in der „Atlanta Deutschen Zeitung“ enthaltc nen Warnungen vor Einwanderung nach dem Süden protestixt. In dem Profest wird ertlärt, daß ed eine Lebenöfrage für dete nud den Süden überhaupt sei, daß in den Nordstaaten Vertrauen zum Süden einkehre, und daß der Strom der Einwanderung hier her gelenkt werde. Es wird ferner erklärt, daß die Ansicht der Mehrzahl der Deutschen in Georgia dahin gehe, daß, obwohl Män-- ches im Staate Georgia nicht ist wie es fein sotlte/ die Justände in dlesen Staate doch geregelt sind; Leben und Eigenthum solcher, die sich nicht allzufehr an a- Polititk betheiligen, eben so sicher sind, wie in anderen Staaten der Union; der Einwanderer von Seiten der Amerikaner nichts zu befürchten hat, im Gegentheil gerne gesehen und gerne unterstützt wird. Die von uns unterstrichenen Worte, „die sich nicht allzu lebhaft an der Politik betheiligen“, las sen trotz alledem noch immer den alten südli chen Pferdefuß sehen und beweisen, daß die Grundbedingung eines freicn Gemeinwesens, nämlich nbepinate Achtung vor den politi schen sund religi n Ansichten Anderer noch immer nicht in Fleisch und Blut des Südens übergegangen ist. Ueber die außerordentliche Zunahme der Desertion in der Bundesarmee wird stark gellagt. Im vorigen Jahre betrug die Zahl der Deserteure 5,000, und dieses Jahr wird sie mindestens eine mehr als doppelt so große Zahl erreichen. Das 5 Infanterie-Regiment, Colonel Nelson Miles, verlor z. B- vom 3. Juni bis 11 Juli 210 Mann durch Deser tion. Das Regiment zählt kaum 600 Mann nnd verlor also in etwas über einem Monat einen Mann unter fünfen. In demselben Verhältniß würde, wenn keine neuen Rekru ten kämen, das 5. Regiment in sechs Mona ten nicht mehr existiren. Wir sind neugierig, welches Mittel gegen diese chronische Aufloõ sung der Armee vom Kriegsminister in seinem demnächstigen Bericht vorgeschlagen werden wird. vor der Wahl gehaltenen Massenversamm-- lung der republikanischen Greeley Fraktion im Cooper-Inftitut zu New York rief der Präsident Greeley: „Der „Ring“ (d. h Tweed und Consorten) will jetzt seine eigene Geschichte in Reimen vortragen.“ Und nun ein Sänger-Quartett (der Glee-Club), ver kleidet als die vier „Ring'·Mitglieder, wie man sie in New Yorker Carricaturblättern dargestellt sieht, und in so grotesker Weise ausstaffirt, daß Beifall und Gelächter kein Ende nehmen wollten. Sie trugen in einem tomischen Gesang die „Unthaten“ der Per sonen vor, welche sie vorstellten, und erregten dadurch stets erneuten Jubel. Es ist keine Frage, daß ein solches übrleskes Zwischen spiel auf richtige Weise Ernst mit Scherz mischt und dadurch den Effekt des Ernstes stei gert. Der „Cincinnati Volksfreund“ scheint von der Größe der abgebrannten Waaren lager Chicago's keinen hinreichend großen Begriff zu haben, oder er würde sich nicht folgenden Bären haben aufbinden lassen: Erlaubter Schwindel. In Chicago, der unternehmendsten aller unter nehmenden Städte Anierika's, soll wie uns gestern von einem zuverlässtgen Manne mit getheilt wurde bereits eine Fabrik existi ren, welche „Reliquien vom großen Brande her“ fabrizirt.“ Bis jetzt ist eine Fabrikation von Reli quien noch nicht nöthig, es sind noch genug „für die Million“ da, und außertdem sind die Preise so niedrig, daß es sich dnrchaus nicht bezahlen würde, sie nachzumachen. Man kann sie vor der Hand viel billiger echt haben. —ln La Crosse fiel ein für Herrn E. Schultze von Chicago gegebenes Benefiz- Concert befriedigend aus. Außer dem Teno risten wirkten Fräulein Hattie Schell, Herr Emil Berg und der La Crosse Liederkranz mit. verein, die Oper „Faust“ diesen Winter zur Aufführung zu bringen. Als „Gretchen“ wird Frau Huck, welche sich den Winter hindurch in Milwaukee aufhalten wird, in Aussicht ge nommen. Der Stuttgarter Spar- und Consum verein hat seinen Betrieb so ausgedehnt, daß er jetzt eine eigene Schlächterei errichtet. Der „Montags-Revue“ wird aus Prag erzählt, daß der jetzige Justizminister Habie tinek im Jahre 1848 als Legionär im Cle mentinum vor dem Zimmer als Schildwache stand, in welchem Graf Leo Thun gefangen gehalten wurde. Herman Hendrichs Aus Berlin mel det uns das Kabel den Tod eines der hervor ragendsten deutschen Schauspieler, des Dar stellers Hermann Hendrichs. Hendrichs ist unter den namhaften Künstlern als der letzte der alten idealen Richtung zu betrachten, die von den neueren Größen dem Reatlistischen geopfert wird. Er war daher erfolgreicher in den idealer gezeichneten Figuren der Schiller schen Tragödien, als in der Verkörperung Goethe'scher oder Shakespearescher Charaktere; er war noch der,„Liebhaber“, der Repräsen tant eines Faches, für das kaum mehr so be gabte Darsteller existiren, wieHendrichs, wäh rend im sogenannten Charakterfach zahlrei reiche, ihm an Talent und Routine ebenbür tige, ja überlegene Kräfte thätig sind Hend richs wurde 1812 in Koöln geboren, spielte in Hannover, Berlin und Hamburg und erhielt 1844 ein dauerndes Engagement im Berli ner Hoftheater. Er war einer der wenigen berühmten deutschen Schauspieler, die einen Ausflug über den Ocean wagten, um ihrem gealterten Ruhme neue Bewunderung und pecuniãre Anerkennung in Amerika zu schaffen. Statistischen Zusammenstellungen zu folge waren die Kohlengruben-Unglücke in England im Jahre 1870 im Ganzen genom men nicht so zahlreich, wie in früheren Jah— ren, dagegen kamen mehr Personen bei der Explosion schlagender Wetter um, als in den vier vorhergehenden Jahren. Im Ganzen werden 830 verschiedene Unglücksfälle aufge zeichnet, bei denen 991 Menschen ihr Leben einbüßren, so daß bei einer Kohlenproduc tion von 112,875,725 Tonnen durch 350,894 Bergleute auf jede 422 Mann und 135,- 994 Tonnen ein Menschenleben verlören ging. Ein Offenbacher Einwohner kam nach Frankfnrt zu einem Chirurg und ließ sich ra siren. Dabei beklagte er sich über eine an dem linken Augenlid befindliche Warze, welche ihn genire; dafür wußte der Jünger Aeskulap's sofort Rath er schnitt die Warze ab Eine starke Blutung trat ein und am Abend war der Mann eine Leiche. Pittsburg hat 175 verschiedene Fabri ken, deren Gebäulichleiten, in eine unünter brochene Linie an einander gereiht, sich in ner Länge von 554 Meilen erstrecken wür en. Die Berliner „Montagozeitung“ be richtet: „Der deutsche Professor Peters, wel cher den neuen, 125. Planeten entdeckte, hat denselben,Eisernes Kreuz“ benannt. „Der Himmel“, sagt der Professor, „hat noch keins und er hat's wahrlich auch verdient.“ Das alte Schloß von Straßburg, früher lange Zeit bischöfliche Residenz, war vor we nigen Jahren von der Stadt dem Kaiser Na poleon geschenkt worden. Nach dem Sturze des Kaiserreiches wußte man länge nicht, ob Napoleon seine Ansprüche auf das Schloß geltend zu machen gedenke. Jetzt hat er auf sein Eigeuthum zu Gunsten der Stadt ver zichtet und wie man hört, ist die neue Biblio thel in dem Schlosse aufgestellt worden. Das New-Yorker Journal widmet dem Abtreten Peter B. Sweeney's folgende Be trachtung: Die Resignation von Peter B. Sweeney als Centralpark-Commissar, in Ver bindung mit seiner Ankündigung, daß er sich vom politischen Schauplatze zurüctziehen wolle, ist ein folgenschweres Ereigniß im ho—- litischen Leben dieser Stadt und dieses Staates. Er soll schon seit längerer Zeit der politischen Thätigkeit überdrüssig gewesen sein und nur aus Rücksicht auf den Wunsch seiner zahlreichen Freunde die nun zur That gewordene Absicht nicht eher zur Auöführung gebracht haben. Was man auch von Herrn Sweeney gesagt haben mag, der Neid mußte es ihm lassen, daß er ein eminenter Kopf war, ein schöpferischer erfinderischer Geist, der in der schwierigsten Lage Mittel und Auswege zu finden wußtce. Er galt als das geistige Oberhaupt von Tammgny, als der Mitado einer mächtigen politischen Organisation, die ihre Polypenarme über die weite Union ausbreitete und vor wenigen Monaten noch die Hoffnung hot, daß sie demnachst diesen Continent beherrschen werde. Wohl war ein sölches Ziel eines erhabenen Ehrgeizes würdig. Das Schicksal hatte es anders be stimmt. Wir wollen hier nicht untersuchen, auch sind wir mit der geheimen Geschichte des Rathes der Viere zu wenig vertrgut, m untersuchen zu können, werx und was Ursache gewesen ist, daß die Verhältnisse in andere Bahnen geleitet worden sind. Sweeney ist eine geistlge Säule, an velche viele Personen sich anlehnten, die seit einer Reihe von Jahren im öffentlicheu Leben eine Rolle gespielt ha ben. Welchen Einfluß sein Rücktritt auf die alte stolze Volksorganisation audüben witd die seit länger als einem halben Jahrhundert die Fahne der Demokratie hoch gehalten, muß die Zukunft lehren. Noch lebt und wirket der Taikun, aber der erfinderische Geist des Mikado wird oft im Rathe der Weisen fehlen und schmerzlich vermißt wer den. —lm Hosbräuhaus in München saßen kürzlich zwei biedere Philister beim Bierkrug. Schaun's Herr Schulze,“ begann der Eine: i bin Ihna um nix; so neidig, wie um Ihna Gsundheit. „Jetzt lassen's mich aus mit meiner G'sundheit, sag' ich Ihnen, Herr Müller!“ versetzte ärgerlich der Andere. 7Wie können's mich um meine G'sundheit beneiden, an der ich's ganze Jahr herumcuri ren muß Schaun's, im Frühjahr fang' ich schon gieich mit dem Salpatorbier an, alle Tag ein paar Maßeln, das reinigt das Blut: wär' ich g'sund, dann braucht ich's doch nicht. Nachher kommt das Bockbier, da brauch' ich die Bockkur, alle Tage vier Seidel, aber nur in der Früh, ja nicht auf die Nacht. Drauf tommt der Brunkreßsalat, das ist das Ge— sundeste für die Brust! Natürlich darf ich ihn nicht allein essen, sonst ware er mir zu stark, ein Stück Nierenbraten und ein paar delicate Würstel muß ich jedenfalls dazu haben. Nach her kommen die Rettige. Ich sag' Ihnen, nichts Besseres für einen schlechten Magen gibt's gar nicht, als ein guter Rettig und ein paar Maßeln Bier im nüchternen Magen. Na, und hernach, da wenn's gar nichts sol ches mehr gibt im Winter, da geh' ich halt fleißig in's Hofbräuhaus. das ist die bestt Apotheke, so curir ich halt 's ganze Jahr an mein'n armen Körper herum und das nen-- nen's G'sundheit; um die 'S mich benei den?“ Aus Erfurt schreibt man: Von den grö-- Beren Städten in Deutschland. welche das nglück haben, noch als Festungen dienen zu müssen, leidet Erfurt mit am meisten. Die Festungsmauern, größtentheils ganz nach altem Systeme und Bauart, umschließen die Stadt so nahe, daß sie deren Raum auf das engste beschränken und der Thätigkeit des Handels und der Industrie oft die unüber windlichsten Hindernisse entgegen stellen. Gerade da Erfurt seit einigen Decennien die größten Anstrengüngen macht, die wichtigste Handels und Industriestadt von ganz Thü— ringen zu werden, so wird diese theilweise gänzlich unnütze Beschränkumg des Raumes hier auf das Bitterste empfunden. Es isi jetzt eine lebhaste Agitation hier eingetreten, um eine Niederreißung der inneren Wälle und Gräben und ein sehr weites Herausschieben der Außenwerke zu erzielen. Es soll beson ders darauf hingewirkt werden, daß der deut sche Reichstag sich in Zutunst der Entfestung der größeren Städte weit ernstlicher annimmt, als dies bisher geschehen ist. Man erwartet, daß Magdeburg, dessen Verkehr auch so sehr durch seine sehr engen Werke leidet, auch be sonders hierauf mit hinwirken wird. Die Muckerpartei in Bremen—so mel det man dort—erlebt im gegenwärtigen Au genblick den Kummer, daß ihre von Bremen aus besonders schwunghaft betriebene Hei denmission in Westafrika als ein schamloser Geschäftöschwindel entlarvt wird. Die Pe terpfennige, die den Gläubigen abgebettelt wurden, haben zum Bau von drei Faktoreien an der Westküste Afrika's gedient, zur Ausrü stung und Frachtzahlung für die Missions schiffe, zum Soulagement des Tauschhandels, welchen die Handelsfirmen der Gläubigen, die Herren Lahnsen, Bagelmann, Victor u. s. w, in jenen Missionsgebieten betreiben, resp durch die sogenannten Missionäre betreiben lassen. Als die deutschen Truppen St. Denis räumten, rief ihnen ein französischer Dichter folgendes, vom Elberfelder Correspondenten der New Yorker Handelszeitung geschickt ver deutschtes,„Poem“ nach: „Nun deutsche Söldner macht Euch fort, Sagt uns in Eurer Heimath an, Ein gutes Lager schafft uns dann, Ihr ungeschlachten Helden dort. Die Alten zeigten uns die Bahn, Die heut' uns noch trennt von Berlin; Die Bahn, die singend wir durchzieh'n, Ob auch die Kugeln pfeifend nah'n. Frankreich erhebt sich schon, bewehrt, Und sucht am Horizont den Pfad, Denn fürder wird nicht mehr Verrath Zerbrechen ihm sein gutes Schwert. Frankreich wird kühn und hoffend steh'n Vor Euren Festungöwällen dort D'rum lautet unser letztes Wort: Leb' wohl nicht —nein, auf Wiederseh'n! Diese verständigen und wahrhaft zeitgemä- Ben Strophen sind jedoch nicht ohne Antwort geblieben. Dieselbe, wie sie eben die Runde durch deutsche Zeitungen macht, erschien ano nym, ist aber darum nicht weniger zutreffend. Sie lautet: „Auf Wiederseh'n, so bald Euch klar, Daß deutsches Recht dem wälschen gleich, Bis dahin droht dem deutschen Reich Von Euren Phrasen nicht Gefahr. Und wollt Ihr wirklich nach Berlin, Lernt deutsch erst und Geographie, Ihr findet sonst die Straße nie, Auf der man muß zu Siegen zieh'n. Euch fehlt bei uns nie der Empfang; Ganz wie vordem sind wir bereit Wie's Euch beliebt, sei's zum Geleit, In Festung oder Waffengang. Denn während Euch das Wort Verrath Für jede Dummheit Trost verschafft, Erstreben wir mit Muth und Kraft Das Heil in wohl erwog'ner That Sämmtliche Arbeiter der Reiffert' schen Waggonfabrik in Bockenheim haben, wie die „Frankfurter Presse“ meldet, am 17. Oltbr. die Arbeit eingestellt. Dieselben verlangen eine Erhöhung des Lohnes um 30 pCt., Her abminderung der Arbeitsdauer von 7 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends und Rechenschaft über die in die Krankenkasse eingezahiten Be träge. Die rumänische Regierung hat jetzt fat tisch von den Strousberg'schen Eisenbahnen Besitz genommen. Die Buregux und Kassen wurden durch den Staats-Procurator versie gelt. Die bishexige Eisenbahnverwaltung wird vorläufig die Geschäfte unter Controle des Staates in bisheriger Weise fortführen. Am 14. Okltober starb in Leipzig ein alter Lützower, der vormalige Theaterdirektor Eduard von Leuchert, im 76. Jahre seines Lebens Es war der Sohn des königlich preu ßischen Regierungöraths von Leuchert in Kö nigoberg und ein Kamerad Theoder Körner's, dessen Standbild am 18. Oktoher hier ent hüllt wurde. Er war dem alten Veteranen nicht mehr vergönnt, dieser Feierlichkeit bei zuwohnen. Eine Sympathie-Versammlung für die. Deutschen in Oesterreich fand, nach dem Vor gange von Dreöden und anderen Städten, am 21. Oktober in Breslau statt, welche von über 3000 Bürgern besucht war. Die ein stimmig angenommene Refolution zollt dem mannhaften Widerstande der Deutschen in Oesterreich gegen den vom Ministerium Hohen wart gegen ste unternommenen Angriff An erkennung, begrüßt die dortigen Deutschen als Vorkämpfer einer Verfassung, welche, des weiteren Ausbaues fähig, inneren Frieden und Wohlstand verbürgt, und spricht die Ueberzeugung qgus, daß die bioherige Stellung der Deutschen in Desterreich durch ihre in der Geschichte begründete treue Anhänglichkeit am Kaiserstaat das Band zwischen diesem und dem Deutschen Reiche immer fester zu knüpfen berufen ist. sind gon den Telegraphenfabrikanten Töpfer und Schädel Vorrichtungen gemacht, um den Casstrern die Möglichteit zu geben, im Falle Präsentation falscher Wechsel oder Werth papiere sofort die Ausgänge fest zu schließen. Ein beim Pulte ganz versteckt angebrachter Knopf bedarf nur eines leisen Drückes, um die Thüren mit schweren Riegeln festzuhalteu und können dieselben nur von den damit Vertrauten wieder abgestellt werden. Man macht den Herren Spitzbuben und Betrügern das Handwerk doch gar zu unsicher. Die Straßb. 3tg. schreibt: Das ver öffentlichte eettt voni 28. Sept hebt vom 14, Okt, ab den Zwangbeours der französi schen Banknoten in Elsaß-Lothringen auf. Die Hoffnungen, die wir noch vor wenigen Tagen aus Anlaß einer Entscheidung des hie sigenHaudeisgerichts ausgesprochen, haben sich also bereits verwirklicht und das Reichsland ist jetzt von den Mißlichkeiten der frauzösischen Papiergeldwirthschaft befreit Die französi schen Noten werden also fortan hier ganz dieselbe Stelle einnehmen, wie jedes ander fremde Papiergeld. Seit dem 18. Okltober erscheint im Ver lag und Druck der Gebrüder Lang in Metz als tgliches Organ die „Metzer Zeitung,“ die erste deutsche Zeitung daselbst. Als ver antwortlicher Redakteur unterzeichuet Weis— og. s Die neuen fächsischen Thaler machten durch ihr Gepräge viel von sich reden. Die Vorderseite zeigt unverändert den Kopf des Königs Johann, die Rückseite dagegen einen geharnischten und geflügelten Reiter mit lor beerumkräänzter Stirn, das neue Reichspanier hoch emporhaltend. Man hat vielfach ge scherzt über die Darstellung,„Germania als Cavallerist“. Andere haben gefragt, ob die Flügel denn nicht zu einer schnellen Bewe gung ausreichten, wozu es da och des Pfer des bedürfe. Ein Witzbold sieht in der Dar stellung die Ausführung des Bismarck'schen Ausspruches: „Wir wollen Deutschland in den Sattel heben, dann wird es reiten kön nen.“ Sieben Bergleute aus Freiberg in Sach sen, welche inGalizien Arbeit gesucht, aber nicht gefunden hatten, geriethen, als sie auf kürze stem Wege die preußische Gränze erreichen wollten, zufällig auf russisches Gebiet. Dort wurden sie von Kosaken angehalten und da ihren im Uebrigen vollständig vorschriftsmã ßigen Auslandspässen das Visum des russi schen Gesandten fehlte warf man sie ins Ge fängniß, wo sie 40 Tage bei Wasser und Brod zubringen mußten. Dann erst lieferte man sie, nachdem man ihnen Geld und Gel deswerth abgenommen, unter militärischer Bedeckung in Myslowitz aus. Einer der Un-- glücklichen starb in Folge der erlittenen Ent behrungen kurz nach seiner Ankunft auf preu ßischem Boden. Ein besonderes Interesse hat Fürst Bis marck von jeher für seine Conterfeien an den 8 Tag gelegt, welche seit Jahren von den ver— schiedenen Witzblättern der neuen un alten Welt in humoristischer Weise gebracht worden sind. Jedes dieser Bilder wird von der Fa— milie sorgsam gesammelt, auf Cartonpapier geklebt und in betreffende Albums vertheilt. Diese mit solchen Bildern angefüllten Albums fanden bisher ihren Platz in mehreren a Ben Bücherschränken und dieses Bilder ÿ“ M—— seum wurde in bestimmteAbtheilnngen, Deut sche, Englische, Amerikanische, Franzosische -c. getheilt. Statistischen Zusammenstellungen zu folge waren die Kohlengruben-Unglüce in: England im Jahre 1870 im Ganzen ge nommen nicht so zahlreich wie in früheren Jahren, dagegen kamen mehr Personen bei der Explosion schlagender Wetter um, als in den vier vorhergehenden Jahren. Im Ganzen werden 830 verschiedene Unglücksfalle aufge zeichnet, bei denen 991 Menschen ihr Leben einbüßten, so daß bei einer Kohlen-Pro—- duction v. 142,875,725 Ton. durch 350,894 Bergleute auf jede 422 Mann und 135, 994 Tonnen 1 Menschenleben verloren ging. Dr. I. E. Polak in Wien, bekanntlich einer der besten Kenner Persiens, prophezeil in der Wiener „Presse“ für „spatestens das nächste Frühjahr 1872“ das Einrücken der Cholera in Europa von Persien aus, wo die Hungersnoth den Ausbruch und die Ent wicklung der Cholera-Epidemie erzeuge und begünsiige, die sich auf dem Wege durch den Kaukasus und Rußland nach dem Abendlande Bahn breche. Katzen. Die meisten davon 2, 104, 000— befinden sich in England (in London alleiu 708,200), die wenigsten Türkei. Seit dem Jahre 1863 befand sich eine Anzahl katholischer Geistlichen aus den balti— schen Provinzen, welche sich an der polnischen Insurrection betheiligt hatten, in Sibirien oder im Inneren Rußland's. Anfangs vo rigen Monats sind nun alle diese, ohne das man vernommen hat, von welcher Seite Fürsprache für sie eingelegt worden ist, plõtz— lich begnadigt worden und in die Heimath zurückgekehrt. Man bringt diese Thatsache mit dem Bestreben der Regierung, sich zum päpstlichen Cabinet in gutes Einvernehmen zu setzen in Verbindung. gende Kundmachung: Intellectuellen Män—- nern, der römisch-katholischen Religion streng angehörig, die Herren ihrer Zeit sind und in Venedig, Neapel, Palermo, Genua oder Rom wohnen, auch im Besitze eines Betriebs-Ca pitals von 60- bis 80, 000 Thlrn. sind. könnte man ein Geheimniß anvertrauen, durch dessen praktische Ausführung in 2 bis 3 Jahren das Betriebs-Capital sich verdoppein würde. Häupter zahlreicher Familien hätten den Vo rzug; zwanzigprozentiger Antheil am Reinge winn muß dem Offerenten wenigstens zuge sichert werden. Zu adressiren: „H. Kerrlein oste restante Regensburg (Bavaria)“ unter Eter eines pfarramtlichen Zeugnisses über— festen Katholicismus des Interessenten. Waldeckstraße, zum Andenken añ den lang jährigen gefeierten Abgeordneten der Stadt, gegeben worden. Der „Stern des Westens“ in Belledille erwiedert auf eine Bemerkung der ,„Westlichen Post“ wie folgt: “Shoo Vly“ Die „Westliche Post“, respective der Lokalberichterstatter derselben, versucht in der gestrigen Num mer diejenigen republikanischen Stimmgeber von St. Gair County zu persifliren, welche aus Mißverständniß für S. Hays stimmten indem sie glaubten, es sei Hr. John N Hay, der auf dem Ticket stand, und schießt dabei einen stum— pfen Pfeil aufeer Stern“ ab. Es ist jedenfalls ehrenvol ler für einen Republikaner, aus Mißverständniß für einen Demokraten zu stimmen, als wissentlich und mit VBorbedachtein Bündniß mit Demoktra tenund Rebellen abzuschließen und dies li— berale Volitit“ zu nennen. „Shoo üy, dont bod der me!“ Eine entsetzliche That wird aus Osage Mission in Kansas berichtet. Ein Irländer Namens I. P. Flanagan hatte in einem Ge schäfte Geld verloren und beschloß —an sei nem weiteren Fortkommen verzweifelnd sich selbst, seine Fruu und zwei von seinen Kindern umzubringenñ. Einen kleinen Jungen wollte er schonen. Er kaufte daher Chloröform, wo mit er seine Frau und die zwei kleinen Kinder erst betäuben und sie dann schmerzlos ums Leben bringen wollte. Gegen 4 Uhr er wachte die Frau aus ihrer Betäubung ur.d sah, wie ihr Mann den beiden Kindern le.nge Nägel in die Schädel einschlug. Die entsetzte Mutter sprang auf ihn zu und entwaffnete das Scheusal allein für die Kinder war es zu spãt; sie waren beide todt. Nachbarn eilten auf das Schreien der Frau herbei, und das Ungehuer wurde verhäftet ünd dem Gerichte übergeben. Zwei steinalte Diplomaten hat Herr Thiers für die Gesandtschaften nach London und Berlin ernannt: den alten, vierundacht gigjährigen Guizot für London, den noch altern siebenundachtzigjährigen Herzog von Broglie für Wien. Der Grund dieser Ernen— nungen ist theils wirtlicher Mangel an jünge ren Staatömännern auf die man sich verlassen kann, daß ste nicht irgend einer theoretischen: Albernheit zu Liebe den Staat in Schwierig— keiten bringen, theils aber auch bloße Kame— raderie. Im Jahr 1832 waren Thiers, Gui—- zot und der Herzog von Broglie zufammen im: damaligen Ministerium des Marschall Soult. Broglie war damals entschieden gegen die Be zahlung der Entschädigung an die Ver. Sraa ten, und als Andrew Jackson seinen Willen im Pariser Cabinet durqhgesetzt hatte, zog sich der Herzog zurück Er war dann ein consern- vatives Mitglied der Kammer bis zum St arze Louis Philipps und blieb seitdem fert, bon Staatsgeschäften. Die zwei Greise reprãsen tiren das alt und abhängig geworde ne Frant reich auf passende Weise. Finde“ Herr Thiers lein anderes Material für ein· Repüblit, die er jetzt, wie es heißt, definitiv einrichten will, so wird daraus ein recht nettes Inbalidenhotei werden. Dem Fraulein Veneta, welche in San Francisco Gastrollen gegeben; wurde am November bei ihrer Abschiedvorstellung ein Blumenkorb, ein Gedicht bon Theodor Kirch hoff, und im Blumenkorb eine Goldbarre im Werthe von 300 Dollar und cin Billet folgen den Inhatits überreicht: „Fräulein Veneta. Eigenhändi g. Mein liebes Fräulein! Hoffentlich wird die Gestalt, in der wir unsere kieine Aufmerksamteit Ihnen präse n tiren, keinen unangenehmen Eindruck auf Sie machen; wir wußten uus in der That ni cht zu rathen und mußten es zuletzt Ihrem eigenen. Geschmack übertassen. Californien bietet Erz, Deutschland ge schmactvolle Andenken! Vertausehe u Sie dort nach Belieben. Cine Ihrer vlelen Verehrerinnen.