Feuilleton. Todtes Capital. Roman von Louise Ernesti. (Fortsetzung.) Erstes Capitel. Unter den vielfachen Bildern, die das wechselvolle und reichhaltige Leben dem Menschenauge und Menschengeiste darbietet, nimmt das einer grßeren Auction in Bezug auf Studium und Interesse einen hervor ragenden Platz ein. Welch' reiches Feld zur zur Beobachtung liefern die Grupphen und Physiognomien der Käufer und Zuschauer! von welch' unendlich größerem Reiz ist's aber oft, den Schaupiatz solch' lebendiger Handlung selbst zu betrachten, diese Stätte, wo jeder neue Moment ein Stück aus den alten Fugen reißt und das Werk der Auf lõsung so lange ünaufhaltsam voranschreitet, bio das Ganze zerrissen und zerstückelt ist. Da wird meistens binnen Stünden vernichtet, das oft Jahre zu seinem Entstehen und Voll enden gebrauchte, was häufig mit tausend facher Mühe, mit großen Kosten selbst mit bedeutenden Opfern angesammelt und erhal ten wurde. Ein solch' interessantes, reichhaltiges und zugleich trauriges Lebensbild bot an einem Tage des Jahres 1832 das Haus des verstor benen Advokaten Bruno Arnold, in einer Stadt des ehemaligen Herzogthums Nassau belegen. Da Gründe vorliegen, den wahren Namen der Stadt nicht zu nennen, so bezeichnen wir dieselbe mit Wallberg. Nach der Menschenmasse zu urtheilen, die lange vor der zur Versteigerung anberaumten Stunde, in der Frühe des Morgens schon, vor jenem alten Hause stand, das bereits ver schiedenen Generationen der in der Stadt so hochgeachteten Familie Arnold zum Wohnsitz edient hatte, nach dieser Menge zu uchtn die erst ungeduldig wartete, dann, als das Haus geöffnet war, in drängender Hast und Eile hineinstrmte, da gehörte diese Auction zu einer der besuchtesten, die man nur finden konnte. Sie war auch in jeder Beziehung ungewöhnlich fast seltsam! Jene sich drängende Menschenmasse bewies nãmlich bald, wie sie eher aüs allen anderen Gründen gekommen war, denn aus denen, die man bei Versteigerungen anzunehmen berech tigt ist: wegen Ankaufs von Mobilien und Effekten. Alle die, die schon mit so unver—- tennbaren Anzeichen von Spannung und Er wartung in das Haus eingetreten waren, sahen sich nun darin mit einer Neugierde, einer Aufmerksamtkeit und solchem gesteigerten Interesse um, daß der Beobachter unmöglich darüber in Zweifel sein konnte, was der Magnet gebildet hatte, der Alles angezogen Das Haus mußte entweder Schauplatz eines ganz besondern Ereignisses gewesen sein oder aber man dachte, hoffte, daß sich in dem selben irgend Etwas, und zwar Außerordent- Liches oder Ungewöhnliches, während der nächsten Stunden zutragen werde. Im Anfang war's das Studirzimmer des versiorbenen Advokaten, im Parterre des Hauses, das vorzugöweise die Menge anzog und fesselte. In dichten Schaaren drängte und quetschte man sich in dem Gemache zu-- sammen, um einzig hinzusehen auf eins der anmuthigsten Frauenbilder, das je ein Pinsel erschaffen und das in einfachem Rahmen über antikem Schreibpulte an der Wand hing. Tausendfache Schmähung erlitt jene lieb liche Frauengestalt, deren schönes Antlitz so ernst und ruhig, so mild und freundlich aus dem Rahmen auf die unruhige Menge herab- Vlickte und in seinem Ausdruck stiller Würde mit seiner hoheitvollen Haltung, all' jene harcen Angriffe, jene bitteren, bösen Ver leumdungen wirksam zu widerlegen schien, die immer und wieder über das Original der Person, die es darstellte, in beleidigender ja oft roher Weise ausgestoßen wurden. Die versammelte Menge hätte sich aus die sem Zimmer des verstorbenen Advokaten, von dem schönen Bilde vielleicht nicht so bald „entfernt, wenn nicht plötzlich eine Frau in Aliegender Hast und ziemlich athemlos jener weitgeöffneten Stube entgegen gestürzt wäre aund schon vom Corridor aus einer dort an wesenden Freundin zugerufen hätte: „Madame Lukas! Madame Lukas, kom— men Sie herauf! —er ist da! ist soeben an gekommen, und hab' ich's Ihnen nicht vor ausgesagt, daß er die Frechheit besitzen wür de, hier zu sein. Alles sah sich nach der Redenden, einer tleinen kugelrunden Gestalt um, und die Meisten fragten in gleicher Hast, wie sie ge sprochen hatte: Wer ist da? wer ist ange kommen Der hochmüüthige Grafenlakei in der be—- treßten niform des stolzen Hauses Hohen stein von Rabenau, von dem der freche Sün-- der zu behaupten pflegte, es sei eins der edel sten seines großen Vaterlandes von dem doch aber besser Unterrichtete wissen, daß es längst ein herabgekommenes und armes „sein Glanz nur mehr ein erborgter ist. Wen meinen Sie, Frau Weller? fragten Me die erbitterten Worte der Athemlosen woll Spannung unterbrechend. Lassen Sie mich heraus! toönte es keuchend von den Lippen der geruf' nen Madame Lu—- tas, die im dichten Gedränge stand und ein Fleines Mädchen an der Hand hielt. Erst sagen Sie, wer da ist, wer angekom men, entgegnete man ihr, sie nur noch fester einschließend. Nün wer anders, als ihr elender Helfers helfer Reginald Grau, schrieen Madame Weller und Lukas zugleich, indem Letztere sich mit Ellbogenstößen Platz errang. Reginald Grau! Der da, der hier? hallte es in einem Schrei des Staunens durchein ander. Ohne weitere Antwort oder Erläu—- terung abzuwarten, stob jetzt die Masse in Hast und Eile auseinander. Jeder suchte so rasch wie möglich der mit ihrer Freundin die Treppe hinauf stürzenden Madame Lukas zu folgen, die, in den oberen Räumen des Hau ses angelangt, Beide in einen großen Saal eilten, wo die Auktion beginnen follte. In diesem Saale war bald ein Mann in einfacher Linere ebenso der Gegenstand allge aueinster Aufmerktsamtkeit, wie etliche Secun den zuvor das Portrait im Zimmer des Ad votkaten. Es war Reginald Grau, ein Mann von ungefhr vierzig Jahren, der in dessen bedeutend älter aussah. Wäre er ein Bild gewesen, ruhiger, unbewegter hätte er taum dastehen gefaßter nicht diese Blicke der Menge hinnehmen und ertragen können.— Seine Augen voll treuen, wahren und tlugen Ausdrucks zuckten nicht bei der an Un verschämtheit streifenden Beobachtung; seine granierfüllten Züge veränderten sich nur all alig, gingen von Ernst und Trauer zu Zorn oder bitterer Verachtung über, und drohend, finster zeigte sich endlich seine be— weits tief gefurchte Stirn. Sagte hie und da Einer der inEile herauf stürzenden Menge Reginald Grau hat doch ein zu ehrliches Gesicht, um solcher Thaten fä— hig zu sein! da erwiderten Andere: Maske, Alles Maske! Ja, ja, Alles Masle bei ihm, wie bei ihr! rief Madame Lukas eifrig, und ihre s din Wrller setzte mit emporgezogenen Augen brauen, uzit einer Art heiliger Entrüstung hinzu Siehi sie nicht wie ein Engel aus und ivar doch solcher Teufelsthat fähig! Ja, ja, Physiognomien ist nicht zu trauen und sie täuschen oft, rief ein Anderer. Wie der Herr, so der Diener! sprach ein Zweiter Ruhig gebot ein Dritter, und fuhr ernst fort: Madame Lukas ist eine alte Feindin von Reginald Grau, den ich nur als wackern Ehrenmann kennen lernte. Sie bewährte sich aber durch lange Jahre doch als des Hauses Arnold treueste Diene rin, entgegnete Madame Weller, und hat Herr Arnold nicht bewiesen, wie dankbar er ihr noch ist, als er ihre kleine Nichte, dieLucie Varting, selbst mit aus der Residenz hierher brachte, und wie wurde Madame Lukas im—- mer von ihm und seiner ersten Frau hoch und in Ehren gehalten die ganze Stadt weiß das genau. Ja, aber die ganze Stadt weiß auch, Ma dame Lukas war die einstmalige Amme und langjährige Dienerin der ersten Frau des Advotaten, wagte eine milde Frauenstimme leise zu sagen und außerdem im Tone der Be gütigung beizufügen: Herr Reginals Grau jedoch ktäm nun als Diener mit Herrn Ar nold'o zweiter Gemahlin, der wunderschönen Illinois Staats Zeitung. 25. Jahrgang. Gräfin, in dies Haus, und daß diese zweite Frau eigentlich seine erste Liebe des Herrn Advokaten Jugendliebe gewesen ist hörte wohl Jeder in Wallberg. Ich dachte oft, da rum haßte Madame Lukas ihre zweite Ge bieterin und deren Diener. Darum ich sie hassen ich überhaupt Je mand hassen rief Madame Lukas empört. Ihre Anhänger und Freunde und sie hatte deren viele schon weil. sie im letzten Jahre so viel zu erzählen gewußt umring ten die Inhaberin der leisen Stimme: eine alte Jungfer, die gern die Vermittlerin ab gab und wiederholten zornig: Madame Lukas Jemand hassen sie ist eine viel zu fromme, gute Frau, um solche Sünde zu begehen. Sie grollt nur Beiden wie jeder Rechtschaffene hier im Orte thut um der Vorfälle in diesem Hause, die Sie tennen. Was übrigens die qroße Schönheit der Gräfin anbetrifft, haben wir an dieser bleichen Mondscheinprinzessin nie so viel fin den können, und des Advokaten erste Frau war weit hübscher. 4 Und so tugendhaft! bestätiqten mindestens zehn Personen, üm verächtlich und bedeu tungtret beizufüqgen und diese schöne Grä n? Sie hat aber doch mit einem Eide versichert und beschworen, schuldlos zu sein. Siée ist doch freigesprochen worden und Und Jeder hält sie doch für schuldiq, der Recht und Ehre die Wahrheit qgiebt, rief Madame Lukas triumphirend. Andere aber sagten lebhaft: Wie können Sie nur eine Frau in Schutz nehmen, von der selbst die eigenen Brüder, ja alle ihre vornehmen und hochgeborenen Verwandten bis auf einen Einzigen sich losgesaqt haben So übertönte man laut die leise die ver theidigende Stimme, und Madame Weller fügte, wie um das auflodernde Feuer allge meiner Empörunq noch zu schüren, hinzu: Hat sie nicht etwa auch behauptet, ihre Unschuld würde an's Tageslicht treten und Alles müsse sich noch finden? Was hat sich gefunden Nichts! Was ist an's Ta geslicht getreten? Nichts Anderes als was sich am Anfang herausgestellt hat, daß Alles, Alles fort ist; und ist etwa diese Auction nicht einzig, um den Ausfall der Mündelgel der zu decken und einen hochachtbaren Men—- schen, dem Zeit seines Lebens als ehrlich be kannten Advocaten Arnold, einen rechtlichen Namen im Grabe zu lassen? Die alte Jungfer mit der leisen Stimme und dem vertheidigenden Wort hauchte noch einmal begütigend: Vielleicht findet sich heute etwas! Als ob man nicht bis gestern das ganze Haus umgedreht hätte! rief Madame Lukas verächtlich. Möglich ist's immer! sprach ein reicher Bürger von behäbiger Gestalt, gutmüthig. Ja, und wir sind einzig deshalb hierher gekommen, dem interessanten Falle beizuwoh nen, ergänzte seine Frau mit Pathos und fügte stolz hinzu: denn Alle wissen, wir brau chen auf Auctionen nicht zu kaufen. Wir auch nicht riefen Andere. Ja wahrlich, wir auch nicht! sagte Ma—- dame Lukas gereizt, und wer möchte und wollte fich an diesem rechtschaffenen Orte überhaupt am Eigenthum der armen Creatu ren bereichern, die ohnehin so schmählich be rogen worden und um ihr Bestes gekommen sind. Ob sich nur etwas findet fragte der reiche Bürger sinnend. Ja, ob heute endlich Licht in das lange Dunkel fällt setzte dessen Frau hinzu, die in allen Fällen des Lebens das letzte Wort zu beanspruchen schien. Sie schaute sich nach dem Ausrufe um, wie wenn sie erwarte, daß die Wände, daß die Möbel reden sollten, und Viele blickten dann mit ihr zur Decke empor, als läge möglicher Weise da der Schlüssel des ungelösten Räth sels des unenthüllten Geheimnisses. Unter solchen und ähnlichenVermuthungen unter solchen andauernd umherirrenden, suchenden Blicken nahm die Versteigerung im Arnold'schen Hause ihren Anfang und Fort gang. Es gewann mehr und mehr den An-- schein, als sei in der That kein Einziger aus der Stadt um zu kaufen gekommen, und als stehe Jeder unter dem Bann des tiefsten aller Räthsel und habe einzig und allein nur In teresse: di es gelöst zu sehen. So kam es denn, daß kostbares Silber, an tikes Mobiliar, prachtvolle Kupferstiche und die auderlesenste Büchersammlung zum größ ten Theil um geringe Preise einheimischen und auswärtigen Trödlern und Antiquaren in die Hände fielen, diesen Leuten, welche überall und immer praktisch zuzugreifen ver stehen Auge und Sinn nur für's Geschäft liche haben hier, an dech Tage, sich die all gemeine Zerstreutheit nur noch ganz beson—- ders zu Nutze machten. Unter diesen fiel Manchen ein Paar auf, und nicht deshalb, weil es so viel kaufte, son dern einen so auffallenden Gegensatz bot. Die Frau, groß, schlantk, von ẽdler Haltung, mit einem Antlitz, das Spuren ungewöhtlicher Schönheit an sich trug und den unverkennba ern Stempel orientalischer Abjunft; sie mahnte unwillkürlich an die alttestamentari— schen Gestalten und hätte zu fener Zeit, wo Leid noch nicht so furchtbar ihre Züge zerris sen und die ursprüngliche Reinheit der Linien zerstört, das wunderbollste Modell einer Ruth einer Rebekla abgeben können. Jetzt war sie nicht viel mehr als ein gebrochenes Weib, wenn auch die Jugend sie noch schützte, einen zu trauriqen Eindruck zu machen. Neben ihr hielt sich fort und fort ein kleiner verwachse— nner Mann, den sie weit über Kopfeslänge überraqte. Er hatte fenen lauernden, hab— süchtigen Ausdrück in Augen und Zügen, der eine unvortheilhaft gebüdete füdische Phy siognomie geradezu unleidlich macht. Diesen klejnen buckligen Mann beschäftigte einmail der Verkauf einẽs antilen Service der art ausschließlich, daß er plötzlich die blasse Frau an seiner Seite verließ und während mehrerer Minuten nicht nur von ihr entfernt blieb, auch dem Anschein nach völlig vergaß, sie zu beobachten, was er biöherimmer gethan hatte. Scharf, durchdringend und unausgesetzter ruhten aber seitdem andere Augen auf ihr, die eined Paares, das sich vermöge seiner Aehnlichkeit gleich als Geschwister kund gab. Das noch junge Mädchen hatte eine feines, pikantes Gesichtchen mit blitzenden Augen, und lachte sie, was manchmal geschah, zeigte der volle rothe Mund reizende Zähne. Sie war einfach, aber überaus geschmackvoll ge kleidet. Man würde sie sicher sehr hübsch ge funden haben, waltete in ihren feinen Zügen nicht auch, wie bei ihrem Bruder, zu sehr ein feindliches Element vor, das die Macht ihrer Reize vollständig brach und dies jugenaliche Antlitz eher unangenehm denn angenehn er scheinen ließ namentlich in den Augenbli cen, wo Sinn und Gedanke das Böse so mächtig in ihr hervorriefen, wie es jetzt der Fali war, ais sie die Frau mit dem orienta üischen Audsehen beobachtete. Der auch noch junge Mann, ihr Bruder der kaum dreißig Jahre zählte; hatte dasselbe feine in telligente Gesicht. Derselbe Feind zerstörte aber auch seine Schönheit, wie die der Schwe ster: es lag zu viel Schlauheit zu viel Heimiüctisches in den Zügen, und in Beiden bitzte oft eine an Verwegenheit streifende Kühnheit auf, die das Mädchen wohl pikant, äber durchaus unweiblich machte, Bei ihm tauchte so zu sagen der Teufel in den Blicen auf als er jeue Frau nicht außer Augen lassend gewahrte, wie ptötztlich ein heißes Roth in ihre Wange stieg, gls sie alttin in der Menge dastand und ihr Begleiter sie ver lassen hatte, als sie da tief aufathmend ihre großen schwarzen Augen, die sie meist ge sentt gehalten, jetzt rasch erhob und auf die nahe Thür richtete. Dort an veren Fleler tauchte über der Menge ein Profil auf, das der Antile gleichsam entlehnt schien. Es war ein Männertopf von so auffallender Schön heit in Schnitt und Form, daß Jeder, der ihn aufmertsam ansah, sicher bedauerte, daß soust uichts an der Erscheinung in Einklang mit diesen edeln, wie aus Marmor gemeißel ten Zügen stand. Dunkle Leidenschaften mochten so lange das Scepter über Geist und Seele geschwungen haben, bis sie gewisser maßen vernichtet, was an Besserem und Edlerem in ihm gelegen hatte. Ihr Triumph schien ein vollständiger zu sein: er machte jetzt den Eindruck eines Menschen, der einen Gott nie kannte und mit Welt und Schicksal zerfallen ist. Es war, wie wenn die Blicke der bleichen Jüdin magnetisch auf ihn einwirkten. Er, der bis dahin in Gedanten verloren finster vor sich hin starrte, wandte sich p ötzlich um. Beider Augen, bei denen in der That sehr schwer zu entscheiden war, welchen der Preis der Schönheit gebührte, ob den ihren mit dem weichen Sammetschwarz, ob den seinen in ihrem feurigen Glanze diese Augen be gegneten sich, ruhten etliche Secunden in einander, und unter diesem Blick ging eine seltsame Veränderung mit ihm vor. Das Böse, Harte und Verbitterte aus seinem An tlitz schwand fast wie ein Lächeln flog's durch seine Züge, das wild aufflackernde Licht seiner Augen war gedämpft, und als er im nächsten Augenblicke vor ihr stand, schien er ein anderer, ein besserer Mensch geworden ein guter Geist über ihn gekommen zu ein. Ob er einst bessere Tage gesehen hatte, als die waren, welche er jetzt verlebte und worauf seine verarbeiteten Hände., sein grober, hie und da zerrissener, selbst schmutziger und ganz unordentlicher Anzug hindeutete man konnte darüber bei ihm nicht in's Klare kom-- men. Daß er in sogenannte höhere Sphäre gehörte, war aber nicht eine Secunde anzu nehmen. Dagegen sprach auf's entschiedenste Alles an ihm. Er war offenbar nur ein Liebling der Natur gewesen, die ihn ver— schwenderisch mit ihren Gaben überschüttet. Diese aber hatte er ersichtlich weder nach Ge bühr geschätzt, noch verwerthet. Wie rein classisch denn auch seine Gesichtöbildung, wie anmuthig sein Gliederbau vom Vorneh men lag teine Spur in Wesen und Erschei nung, er hatte vielmehr beides vollkommen der Lage und den Verhältnissen angepaßt, in die das Schicksal ihn geworfen. War dies Beides schlimm noch schlimmer, daß offen bar weder ein guter Wille, noch ein edles Streben ihn daraus emporgerissen und er nicht gleich vielen Anderen durch eigene Kraft anstrengung ein Besiegen bösen Verhängnis ses ermöglicht mindestens versucht hatte. Als er mit jener Schnelligkeit und Ge wandtheit durch die dichte Menge glitt, um zu der Frau zu gelangen, da mahntẽ die Be wegung seines schlanken, biegsamen Körpers an die glatte Windung der Schlange, und ähnlich mag deren sogenannter „böser Blick“ sein, den seine schwarzen Augen sprühten, als sie plötzlich den Mann mit den intelligenten Zügen gewahrten, der so scharf zu ihm hin übersah und an dessen Seite das junge Mäd chen stand. Dieses bemerkte er nicht. Sie war verdeckt durch etliche breitschultrige Ge—- stalten in ihrer Nähe. Der Blick, der jenem gleichsam wie ein Blitz zugeschleudert wurde und traf, hinderte ihn durchaus nicht, ebenso unausgesetzt, so ruhig und unbekümmert wie zuvor, weiter zu beobachten. So sah er denn, daß die blasse Frau rasch ein kleines Paket ih rer Tasche entnahm und ihm reichte. Was fie dabei sagte, konnte er zwar nicht hören, da er zu entfernnt von Beiden seinen Piatz hatte. Seine junge Schwester war aber unbemerkt zu ihnen hingeglitten und hatte die Worte ge hört, die ihm als er sie erfuhr ein ei—- genthümliches Lächeln entlockten und nicht so räthselhaft waren, oder nur den kleinsten Theil des Kopfzerbrechens verursachten, wie anscheinend jenem Kinde, das sie ebenfalls vernommen hatte und sinnend seine Tante, die Madame Lukas, fragte: Tante, was ist das, „todtes Capital“ Wie auch Madame Lukas der kleinen Lucie Barting bestritt, daß solch' ein Wort auf der Auktion vorgekommen sei, das Kind hatte richtig gehört. Kaum stand nämlich der Mann mit dem schönen Aeußern und der schlechten Kleidung vor der bleichen Jüdin, da sagte sie hastig: Vincenz, nimm dieses zu neuem Versuch hier ist Gelegenheit, ein gutes Geschäft zu machen; und mag's Dir Segen bringen. Er rief voll Freude und Ueberraschung: Du Du Sarah hilfst mir Du kannst das und kannst mir auch noch Segen wün—- schen Nur einen Augenblick war ihr Aussehen ernst, kalt und stolz. Stolz und Kälte wichen aber wie auf Zauber und machten ei ner stillen Würde Platz, die mächtig den Ernst unterstützte, mit welchem sie entgeg nete: Du fragst so staunend, ob ich's kann? Der ein e Schatz, den Du einst mit dem andern in gleiche Reihe stelltest und todtes Capital genannt hast ich hab' ihn mir ge wahrt, ich folgte nicht dem Rathe, den Du mir gabst, ihn zu begraben! Vermöge je nes Gutes nun, das mir mein Alles gilt und das Du auch zu gewinnen trachten soll test, gleich dem andern —da habe ich mich überwinden können, Dir noch einmal zu nahen, um zu versuchen, Dich zu retten. Nun aber gehe, Vincenz und lebe wohl. Ein heißer Blick des Dankes, dann stand die blasse Frau wieder allein sie stand fest in ihren prächtigen Shawl gewickceit, als der verwachsene kleine Mann an ihre Seite trat und die Hönde sich freudig reibend stüsterte: Sarah es ist mein, das Serbice! ich hab's erstanden um achtzehn Gulde und es ist werth unter Brüdern seine fünfhundert! Es ist doppelt so fein wie da-das mir abge kauft der englische Gesandte um zweitausend. Durch das Antlitz der Frau zog offenbar ein anderes Erinnern denn das an ein vor theilhaft verkauftes Porzellanservice; dennoch sägte sie herzlich. Ich freue mich, Jäkob, und wandte dabei ihre Blicke dem Service zu, auf das er hindeutete und mit dem etliche seiner ihm dienstbaren Leute aus dem Saale ver—- schwanden. Gut, daß es nicht gesehn Monsieur Bar naive! murmelte Herr Stettenheim vergnügt. Barnaive rief die Frau erfchrocken. Sahst Du ihn nicht kommen mit seiner Schwester, der schöne Mademoiselle Marion, die sich bemüht, dem Geschäft des Bruders durch ihre liebreizende Person aufzuhelfe? Er scheint abber n alen kein gut Geschäft gemacht zu habbe; Beide kaufte noch wenig. Das Wenigste an Münze besitzt abber wohl Dein alter Freund, der schoöne Vincenz Fran koni, der liebe Pflegesohn Deiner braven Mutter. Bemerkste ihn etwa auch nit? Sich, da steht er und wie?— Was er ist: als Lump. Muß ein sauberes Lebe geführt habbe, der schöne Jüngling von einst, um so herabgekomme zu sein, und jetzt conterfeit ihn sicher kein Maler mehr ab als „Apoll“ wie damals that jener Herr in unserm Städel'sche Museum, der qguch malte de Judegass'. —Er kicherte vor sich hin; ihr blasses Gesicht wurde fast aschfarben unter den im höhnischsten Tone gemachten Bemer kungen; sie sagte aber nichts dazu und sprach nur nach einer Weile, wie unbewußt vor sich hin: Daß ich Barnaive nicht sah, Marion nicht bemerktẽ! Wer sind jene Beiden? fragte plötziich Madame Lukas den neben ihr stehenden jun gen Barnaive und deutete auf das ungleiche aar. Part tiarier ZJuden! antwortete er mit ei nem Aecent, der nicht nur den Ausdänder yerrieth, auch jenen wegwerfenden Ton in sich schloß, der sich würdig den Thaten früherer Jahrhuuderte anreihte, die ewig Frankfurts dunkelste Geschichtsseite bilden werden —so sprgch er mit einem Tone, der sich bererbte duxch Decentien und im Jahre 1866 vielleicht seine glänzendste Auferstehung feierte, als man den nur zü gerechten Schmerz der n zen den nur zu gerer der freien Reichöftadt über den Verlust ihrer alten und schönsten Hrivilegien einzig als Leid „der Frank furter luden torrstrne beliebte. Die ersichtliche grrute senes alten Mannes, den der Herr also bezeichnet hatte, und wel cher der Antiquar Stettenheim aus Frankfurt war, erweckte die theilnahmlose Menge ein Chieago, Dienstag, 14. November. wenig aus ihrer Lethargie und ihren Gedan-- tken. Selbst Madame Lukas meinte jetzt, ob es für die vorhin erwähnte „arme Creatur“ die hinterbliebenen Söhne des Advokaten Arnold nicht vielleicht doch besser sei, man betheilige sich an den Geboten und suche die Sachen etwas zu steigern. Leider kam in dem Augenblick in einem engen Corridore, der die Bibliothek des verstorbenen Advokaten mit seinen früheren Privatgemächern verband, ein Schrank zur Versteigerung, der so groß und düster aussah wie die Thür zu einem Kirchengewölbe. Die kleine kugelrunde Ma dame Weller, die sich gerade nach dem zure—- denden Worten ihrer Freundin entschlossen hatte, nun mit zu bieten, und dem Corridor am nächsten stand, wich entsetzt beim Anblick dieses großen schwarzen Gegenstandes zurück, der ihr doppelt unheimlich in dem ziemlich dunkeln Raume erschien. O du mein Herr gott rief sie schaudernd, sieht das alte schwarze Ding doch gerad' aus, wie ein Spuk aus früheren Tagen. Es ist wenigstens ein Schrank aus dem alten Sputkschlosse in der Rähe vom König—- stein! berichtete Madame Lukas lächelnd. Mein Herr kaufte ihn bald nach der Hochzeit; ich entsinne mich seiner genau, und meine liebe junge Gebieterin fürchtete sich gleich Ih nen, Madame Weller, auch vor diesem dü—- stern alten Dinge, an dem die zwölf Apostel mit sehr bärtigen Gesichtern abgebildet sind. Ja, sie ging darum nie Abends allein über den Corridor und hielt sich stets am Arme ih res Mannes fest, kam sie in Nähe jenes Schrankes. Er lachte sie oft darüber aus, und wollte er sie necken, so bat er sie, ihm ein Buch aus der Bibliothek oder etwas aus dem Schranke zu holen, der gar viele Schubladen hat und in denen er seine schönsten Muscheln aufbewahrte. Muscheln wiederholte Einer aus der Menge; hatte der Advocat auch eine Musche lsammlung? Ja, und zwar eine sehr schöne sprach M adame Lukas stolz. Er hatte eigentlich viel Liebhabereien, der selige Herr Advocat; je— doch seine größte Leidenschaft war solch' altes Gerümpel, wie das schwarze Ding da, das er „antik“ nannte und von dem viel hier im Hause zu finden ist. Jenes sogenannte ,alte Ding und Gerüm— pel aus demSpukschlosse“, das aber inWahr heit ein prachtvoller, antitker Schrank mit rei cher Bildhauerarbeit war, ihn erstand jener Mann, dem die blasse Frau vorhin ein Packet übergeben hatte Er taufte jetzt überhaupt mehr fast Alles, das nicht hinaufgetrieben wurde und sich in niedrigen Preisen hielt. Sein Wagen, mit den billig erstandenen Sa chen, war einer der ersten, der die nassauische Stadt verließ und den Weg gen Mainz ein schlug. Ermannte sich die theilnahmlose Menge aber auch etliche Male wenn sie den schäbig gekleideten Mann, den der reiche Antiquar Jakob Stettenheim „den schönen Vincenz Franconi“ genannt hatte so vergnügt lä—- cheln und die übrigen jüdischen und christli chen Handelsleute ünd Antiquare so zufrieden nach einem Zuschlag sah die Concurrenz stieg doch stets nur flüchtig und beim leisesten Geräusch außerhalb des Raumes, in dem man gerade weilte, lief und stürzte Alles hinaus, und im allgemeinen Tumult wurden fort und fort die Fragen laut: Fand man eine Spur? Der markdurchdringenden Stimme des Auctionators gelang es mitunter auf kurze Zeit, wieder Herr der Situation zu werden und die unterbrochene Aufmerksamkeit von Neuem zu fesseln. Er wählte das eine Mal ein anscheinend sehr glückliches Mittel, indem er ein Oelgemälde zum zweiten Mal ausbot und die Worte hinzusetzte: Hundert Thaler! das Portrait des ver storbenen Advocaten Herrn Bruno Arnold, hundert Thaler! bietet Niemand mehr, wie Herr Reginald Grau, auf dieses Bild Niemand bot mehr. Das Portrait war damit auch überreich bezahlt. Unter einem Schweigen, das man in Wahrheit,Todten stille“ nennen konnte, fiel denn jenes Bild dem Manne in der einfachen Livree zu, auf den in dem Augenblicke wieder Alles starrte. Dies erste Mal, wo Reginald Grau sich an einem Gebote betheiligt hatte, schien auch das einzige Mal zu sein Die ihn beobachtende Menge, welche nämlich sah, wie er nach Zu— schlag des betreffenden Gegenstandes den Saal verließ, und welche schnell an die Fen ster trat erblickte ihn kurz darauf auf der Straße, über die er raschen Schrittes dahin eilte. Niemand von Allen bemerkte aber seine Rückkehr und Anwesenheit im Hause früher, als zu der Zeit, wo mehrere Stunden später im Studirzimmer des Advocaten jenes schöne, so vielsach geschmähte Frauenbild un ter den Auctionshammer gerieth,“ und der Ausrufer die abermals zerstreute Menge durch Worte fesselte, welche er eben so laut wie sehr bedeutungovoll aussprach: Das Portrait der verwittweten Gräfin von Immenhoven, geborenen Gräfin von Hohen stein-Radenau, Frau Adele Arnold, zweiten Ehegemahlin des verstorbenen Advocaten Herrn Bruno Arnold. Hundert Thaler setzte danach b Haus flur aus eine Männerstimme ein. Aller Augen wandten sich dahin man sah abermals Reginald Grau. Hundert Thaler! wiederholte der Auctio nator langsam. Unter lautloser Stille erstand Reginald Grau auch dieses zweite Bild; danach wurde er nicht wieder auf der Auction gesehen. Sie nahm endlich spät am Abend ihr Ende, ohne jenes Ereigniß rreot zu haben, das die herbeigestrmte Menge so sichtbar bei ihrem Beginn erwartet hatte. Je leerer und stiller es nun in dem Arnold schen Hause selbst wurde, ein desto regeres Leben zeigte sich auf der Straße vor demsel ben, wo auf Wagen die Möbel fortgefahren wurden, wo man gefüllte Körbe, hoch aufge thürmte Tragbahren wegschaffte und jene Einrichtung, die ein so hübsches, behagliches Ganze gebildet, jetzt nach allen Weltgegenden hin bereinzelt auseinander stob. In dem allgemeinen Wirrwarr dieser abendlichen Scene, die nur matt der Schein einiger trübe brennenden Straßenlaternen beleuchtete, ereignete sich Etwas, das die neu gierigé Menge am Tage unfehlbar auf's äu herste interessirt und für Wochen ausdreichend beschäftigt haben würde. Kein Beobachter war aber da, und jenes kleine, lebenövolle Drama spielte sich ohne alle Zeugen ab. Dem Arnold'schen Hause gegenüber war ein tiefer Thorbogen. Dort stand im Schat ten des weit vorspringenden breiten Pfeilers eine schlanke Frauengestalt inTrauerkleidung. In den Falten ihres Gewandes halb verbor gen, schmiegte sich an ihre Seite ein Knabe von ungefähr fünf Jahren, der von Zeit zu Zeit flehend bat: Laß mich zu ihm, Mama! man wird mich nicht sehen. Die Frau drückte das Kind nach solchen Worten nur fester in ihren Mantel, wich noch tiefer hinter den Pfeiler zurück, nie aber verbarg sie sich dort so vollständig, daß ihr Blick nicht das Bild der geschäftigen Leute vor dem Hause festgehalten oder vielmehr jene eine Person in dem lebenovollen Gemälde außer Augen gelassen hätte, der die Wünsche des Kindes immer sehnsuchtövoller entgegen sttebten. Jene eine Person war ein Knabe von viel leicht zehn Jahren, ein kräftiges schönes Kind das, etliche Schritte vom Hause des Advoca ten entfernt, zur Seite eines schwer beladenen Wagens stand, der ihn ziemlich vor den Au gen der Menge gedeckt haben würde, selbst wenn Beobachter unter ihr gewesen wären. Jeder in dem Menschenknäuel war aber mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, und auf jenen Knaben Keiner außer die kleine Gruppe im Schatten des Thorbogens Betrachtete ihn nun äuch Niemand, so schaute er desto gufmerksamer auf all' jene, die mit ihrem erstandenen Gut von dannen zogen. Aus dem Hause wurde seit Stunden nichts fortgetragen, dem er nicht bald mit Schmerz, bald mit tiefem Ernst nachge blickt! Auch fuhr um diese Zeit kein Wagen von dannen und keine Tragbahre verschwand, ohne daß sein Auge nicht das Geleit gegeben hätte. Der Anblick eines Schaukelpferdes, das von einem Manne in der schlichten Tracht eines Arbeiters dicht an ihm vorübergetragen wurde und welches dem kleinen Knaben unter dem Thorbogen die Worte entriß: O liebe Mama, mein Pferdchen, dieser Anblick schien den größeren Knaben ganz zu überwäl tigen. Aufschluchzend barg er sein Gesicht in beide Hände, lehnte den Kopf gegen den Packwagen und weinte bitterlich. Eine Minute später legte sich eine Hand leicht auf seine Schulter, und eine leise Stim me sagte weich und zärtlich: Eberhard, mein lieber Eberhard. Ein plotzlicher Donnerschlag hätte ersicht lich den Knaben nicht mehr erschrecken können, wie es Klang und Wort dieser Stimme tha ten. Erbebend zuckte er zusammen, ver wirrt, bestürzt sah er empor, dann aber rief er freudig: Mutter, Mutter! Er umklam— merte dabei fest jene Frau, die ihn zuvor be obachtet hatte, umschlang in nächster Se—- cunde auch das Kind an ihrer Seite, das ju— belnd seinen Namen wiederholte und das er Fedor, lieber Bruder! nannte. Die Frau warf einen scheuen Blick um sich, beugte sich herab zu den Kindern und flüsierte angsterfüllt: Still, still! man darf Euch nicht hören, uns nicht beieinander sehen! komm, Fedor, komm Du aber, lieber Eberhard, folge uns in einiger Entfernung ich muß Dich sprechen! Die Knaben wichen auseinander. Der kleinere eilte mit seiner Mutter vorwärts, der größere barg sich einige Minuten zur Seite des Wagens. Er schlich dann dicht an den Häusern hin, jenen Beiden folgend, die in mitten der Straße dahin wandelten. Der Friedhof vor dem nahe gelegenen Stadthore war das Ziel. An seiner Pforte stand der Diener in Livree, Reginald Grau, den man auf der Auction so sehr zum Gegen stande der Betrachtung gemacht hatte. Ehrer bietig zog er seinen Hut vor der Dame und den Kindern ab, und die Dame?fagte, als sie in seine Nähe kam: Nehmt Ihr, guter Reginald, nun so lange Fedor in Eure Obhut, bis ich mit Eberhard zurückkehre! Jemand kommen sollte, so thut, wie wir ver abredet haben. Gebt mir rasch das Zeichen, damit mir Zeit bleibt, mich von ihm zu tren nen, und uns Keiner beisammen sieht. Reginald Grau erfaßte die Hand des klei nen Knaben, während die Frau dem andern die ihre reichte und ihn mit sich fort, durch das Thor des Gottesackers führte, welches der Diener hinter Beiden zumachte. Worte der Liebe und Zärtlichkeit entström— ten bei dem Gange über den einsamen Kirch hof den Lippen der Frau; unter Lächeln und Thröẽnen küßte sie zu wiederholten Malen den Knaben, rief voll Wehmuth, voll Freude, indem sie sein Gesicht betrachtete: O wie Du ihm doch gleichst, Deinem lieben Vater! Dann auch fragte sie ihn oftmals ernst: Hast Du mich auch noch so lieb wie einst, mein lieber Eberhard hast Du mich auch nicht vergessen? denkst Du oft und gern an mich Der Knabe, augenscheinlich tief erschüt tert, hatte anfangs der Worte nicht viele, je doch die Art und Weise, wie er sich an sie schmiegte, sie ansah, bürgten ihr für die Stärke und Ausdauer eines Gefühls, nach dem sie mit so innigem Antheil forschte. Angelangt an einem Grabe, dessen Monu ment den Namen „Brüno Arnold“ trug, knieten Frau und Kind nieder. Dem kurzen. aber inbrünstigen Gebete folgte eine lange Unterredung, die mit Folgendem schloß: Alles, was Du, lieber Eberhard, mir über Dein trauriges Leben im Hause Deiner Tante erzählst, ist mir nicht neu. Ich wohnte die ganzen anderthalb Jahre, die jetzt nach dem Tode Deines lieben Vaters, meines theu ern Mannes, vergangen sind, hier in Wall berg und hörte viel davon. Leider war mir die Macht genommen, dagegen einschreiten zu können, wie ich ja nicht ginmal etwas zu thun vermag, daß sie vtnmal mit dem kleinen Bruno umgehen, den ich ge zwungen wurde, ihnen auch zu übergeben, als er sein erstes Lebensjahr vollendet hatte! Vielleicht, Eberhard, wird, wie ich Dir be reits sagte, Alles besser für Euch, wenn ich fort bin. Sollte es nicht der Fall sein, so ist hier ein Brief. —Er ist an eine Verwandte Deiner verstorbenen Mutter, an eine Frau von Platen. Sie ist eine vortreffliche Dame, die Euch beistehen kann und wird Euch Beide, Dich und meinen kleinen Bruno, bes ser gegen Rohheit und Gewalt zu schützen vermag als ich, der man alle Rechte genom men hat, die man sogar Die Frau hielt von Bewegung übermannt inne. In die Augen des Knaben waren Thränen getreten und stumm, sprachlos vor Schmerz, umschlang er sie. Sie streichelte mechanisch über sein Haar, sie beugte sich lie bevoll zu ihm hinab, indem sie mit bebender Stimme hinzufügte: Nachdem Du, mein guter Eberhard, nun weißt, daß jener kleine Bruno, der bei Euch ist, Dir näher steht, als mein Fedor und er Deiu Bruder in Wahrheit ist, nun wirst Du ihn doch anerkennen und lieben Gewiß, Mutter, rief der Knabe lebhaft, da Du es sagst, daß Bruno mein Bruder ist, wird es yyahr sein! Den Anderen, der Tante und auch dem Onkel konnte ich wirklich das nicht glauben. Ich hielt einzig Fedor für meinen Bruder, den kleinen lieben Fedor, den ich so lange schon als Bruder kannte und von dem jetzt Alle sagen, daß er's nicht ist, daß er ein Graf Immenhoven sei und nicht einmal Arnold heiße. Die Frau lächelte wehmüthig und entgeg— nete trübe: Ja es ist wahr, Ihr seid nicht Brüder, Ihr liebt Euch aber als solche und hießet auch so, nachdem Dein Vater ünd ich uns verbunden hatten. Fedor, das ist mein Sohn aus meiner ersten Ehe, wie Du, lieber Eberhard, ja der Sohn Deines Vaters aus dessen früherer Ehe bist, Begreifst Du viel leicht auch jetzt noch nicht diese Verhältnisse in ihrem Zusammenhange, so wird das doch einst der Fall sein. Für jetzt halte einfach an dem fest: daß jenes kleine Kind, das Dir vor Kurzem als Dein Bruder bezeichnet wurde, in Wahrheit Deines Vaters jüngster Sohn ist und ich dessen Mutter bin. Warum man ihn mir genommen hat auch das Eberhard wirst Du späterhin erfahren, dann begrei fen, warum ich Dir empfohlen, jenes Kind zu lieben, das gleich Dir nun ganz verwaist, in der Welt dasteht, weder Vater noch Mut ter hat! Schluchzen erstickte die Stimme der Frau. Sie faßte sich nur mühsam und fuhr lebhaft ert: Sieh, Eberhard, Du bist viel älter als Dein kleiner Bruder Bruno, Du wirst ihm einst, wenn Du es ernstlich willst, schon Stütze sein können. Um Dich zu bitten: ihm das einst zu werden, wenn es in Deiner Macht steht, da habe ich heute gesucht, Dich zu sprẽ chen, ungestört tonnte es nur hier, um diese spãte Stunde sein, und ich däke Gott, der mich ahnen ließ, wo ich Dich finden wür—- de. Morgen in der Früühe verlasse ich, wie ich Dir vorhin andeutete, mit Fedor und Re ginald Grau. Die Trennung ist eine schwere dies Fortgehen für mich entsetzlich! habe es aber als Bestes für Fedor und für Euch Kinder erachtet; ich lernte einsehen, mein Fortgehen sei besser, denn mein Blei— beu. Du, Eberhard, kannst mir den Ab— schied erleichtern, kannst mir den einzigen Trost in allem bittern Weh verleihen durch ein Gelübde Willst Du mir etwas gelo ben willst Du mir versprechen, Dich im mer Deines jüngeren Bruders anzunehmen —O, ich bitte Dich versprich mir, ihm im mer wenn Du kannst, den todten Vater und die ferne Mutter zu ersetzen. Des Knaben Gelübde war eiu ernstes, ein feierliches Fest umschlangen ihn danach die Arme der Frau, und Gottes reichsten Segen rief sie auf ihn herab Er erzitterte unter ihrem Kuß unter ihren Thränen, er fürchtete, nun ginge sie und für immer. Sich an sie schmiegend, fragte er kaum hörbar Werde ich Dich, werde ich Fedor nie wieder fehen? Das liegt in Gottes Hand ich weiß nicht, ob ich jemals heimkehre, heimkeh ren kann und hier noch einmal bin! mein Gebet und mein tägliches Gebet, das, Eber—- hard, aber wird sein: daß Er, der unsere Wege getrennt, diese auch noch einmal im Leben wieder zusammenführt. Wird auch mir das Glück dieser Rückkehr in die Hei math, in mein Vaterland versagt so mag es doch Fedor wenigstens zu Theil werden. Seid Ihr auch dann nicht Brüder, wenn sich Eure Lebenswege wieder einen mögt Ihr Drei Euch doch wie Brüder lieben, und Bruno, der Euch Beiden wirklicher Bruder ist, das Band werden, das Euch fest vereint. Dies ist mein Wunsch Gott möge ihn er füllen! Ihre Gedanken schienen nach diesen Wor—- ten fort zu eilen. von dem Kinde, das sich an sie lehnte und sie fest umschlungen hielt, denn sie erwiderte weder den Druck seiner Hand, noch sah sie ihn in langer Zeit ein einziges Mal an, der unablässig zu ihr aufblickte. Es war, wie wenn er sich dies bleiche ernste Gesicht fest in die Seele prägen wolle, um nie das Erinnern daran verlieren zu können. Machte der Knabe sich diese Absicht auch kaum klar und folgte er einzig dem dunkeln Im pulse der Liebe und Zärtlichkeit, der in Scheidestunden so oft den Blick antreibt, Al les zu verfolgen, was der thut, den wir bald verlieren müssen und vielleicht zum letzten Male sehen dies Bild, was Eberhard Ar-- nold in der Stunde durch jene bleiche trau rige Frau empfing, war doch bestimimt, ihm treu für's Leben ünd unvergeßlich für immer zu bleiben. Anfangs sah sie mit den Augen zum Him— mel empor, als erflehe sie von dort oben Trost, daß jene Wüünsche, die sie gegen den Knaben ausgesprochen und als ihr tägliches Gebet bezeichnet hatte gehört wären und ihrerseits erfüllt würden Zuversicht lag mindestens in diesen tiefen Augen, als sie leise vor sich hin jene schönen Worte der Verheißung sprach: Wahrüch, wahrlich, ich sage euch: so ihr den Vater etwäs bitten werdet in meinem Namen, so wird Er es euch geben. Von der Stadt her ertönte der Schlag der Uhren. Sie schreckte zusammen ünd der Knabe fürchtete schon, sie würde nun gehen. Sie sah sich aber um wie Jemand, der fern ab von da gewesen ist, wo die Zeiten nach Stunden bemessen werden, und der sich ver loren hat in jenen Regionen, die nr das Maß der Ewigkeiten kennen. Nun war der Geist ersichtlich zurückgekehrt dahin, wo auch der Körper weilte, und sie blicktte ernst und aufmerksam hinein in den dunkeln Abend hin auf den einsamen Kirchhof. Wie lag sie so eigenthümlich da diese Stätte des Friedens und der ewigen Ruhe! wie einte dieser kleine Fleck Erdẽ des wei— ten Weltraumes so Verschiedenes und Unge wöhnliches!.. Auf der Höhe des dicht an die Stadt grenzenden Berges war die Ruhe statt für ihre Bewohner angelegt; ste er hob sich hoch über dem Treiben der Menschen und war dennoch so nahe den Menschen. Die Augen der Frau hingen langẽ an dem Bilde dieser Stadt zu ihren Füßen derte von Lichtpunkten schimmerten ihr aus dem Häusercomplex da unten entgegen, und dennoch lag sie im Dunkel —Alles, Alles um hüllt von jener Finsterniß des tief hereinge en Abends. War, was sie erschaute, nicht ein Bild ihres Geschicks tausendfãl tiges Licht brach ihr auch aus jenem Leben entgegen, das sie durch Jahre in den Mauern der Stadt gefuhrt, und eben so tief hatte sich doch um alle Strahlenpunkte jenes Daseins finstere Nacht gebreitet —ein Dunkel, das Al— les jetzt umhüllte, ein Dunkel, welches der Blick nicht zu durchdringen vermochte, wie sehr er sich auch anstrengte. Empfing sie nun durch dieses Bild noch einmal unwillkürlich ein treues Abbild ihres Schicksals die Trauer, die sie übermannen wollte, brach sie ganz ploötzlich an dem einen Punkt in ihrer Nähe: der Kirchhof grenzte an die Mauern eines römischen Castells, das einstmals dort gestanden hatte und dessen letzte Steine noch den Namen „Heidenmauer“ tragen. Erlegen war der stolze Bau dem Laufe der Zeiten zerfallen in sich selbst und spurlos fast verschwunden von der Erde. War dies nicht auch ein Bild des Vergänglichen dies treue Abbild jenes Looses, das allem Irdischen bestimmt ist das jede Creatur erreicht, die hier auf Erden wandelt das Schicksal allde dessen ist, was sich im Weltenraun ereignet Ja, ja, ihr wurde dieses Bild ein Trost sie athmete erleichtert auf in dem Gedanken: daß nichts hier ewig dauert daß selbst das scheinbar für Ewigkeiten Gegründete dem Schicksal der Vernichtung da schon preiogege ben ist, wenn es ersteht Mit erhei tertem Antlitz mit einein fast glücklichen Ausdruck des Auges nahm die blelche Frau das Bild des Wechsels in sich auf, das ihr der enge Raum des Gottesackers bot: die Sinn—- bilder des Christenthums diese weißen Kreuze auf den Gräbern umgrenzt, umge ben von dem Steingemäuer ferner Heiden zeit! Diese Kreuze, die jetzt noch die Namen de—- rer trugen die da ruhten, wie lange blieben sie noch Denksteine lebender Geschlechter So wie der Name derer verwehte, die in dem Römercastell einst wohnten, so verlor sich auch ganz sicher künftig im Strome dahin ei lender Decennien das Erinnern an die, die hier schon ruhten wie auch das Gedächtniß an jene, die ihnen folgten. Und hatte die Zeit Alles verwischt, Alles begraben, was jetzt noch ringoum lebte, athmete, wirkte und bestand, was blieb da noch von Dem, um dessentwillen sie verdammt worden? Sie schauderte und was da bleibt, legte sich jetzt plötzlich als tiefster Schatten über ihren flüchtigen Trost. Mit lähmender Wucht la stete auf ihr der furchtbare Druck jener Er kenntniß; „Die Menschen sterben—aber ihre Thaten leben fort.“ Fortleben ja, ja fortleben —mindestens durch Geschlechter und durch Decennien, die sich zum Jahrhundert reihen konnten da konnte auch unvergessen bleiben das Erinnern an die That, um derenk willen man sie unten in jenen Mauern ver dammt hatte, um derentwillen sie jetzt von dannen in weite Fernen zog, wo Niemand sie kannte, Keiner sie richten konnte, als Gott und ihr Gewissen. Wie fest sie auch auf Ihn baute, wie ru— hig ihr Gewissen war mit entsetzlichem Schmerze gedachte sie doch der Mögüchfkeit, daß auch dieses Kind, das sich jetzt voll Liebe an sie schmiegte, sie einstmals richten und ver dammen könnte. Ernst blickte sie in die treuen guten Augen des Knaben, die noch im mer auf ihr ruhten, hastig strich sie über ihre Stirn dahin, wie wenn sie scheuchen wolle all' die dunkeln Gedanken —äll' die Bilder und Vistonen, die sie marterten und quälten. Dann schlang sie plötzlich ihre Arme um. seinen Hals, drückte ihn an sich mit einer Lei denschaftlichkeit, wie sie solche in so hohem erre noch nicht offenbart hätte, und sprach rasch: Wir müssen uns trennen, Eberhard Ehe ich aber gehe und möglicher Weise für immer von Dir scheide—noch Eins, das Du nie ver gessen darfst, dessen Du Dich selbst dann noch klar erinnern mußt, wenn ich sterben sollte, lange todt und vielleicht noch immer nicht gerechtfertigt bin! cunden inne. Die Augen des Knaben ruhten voll Schmerz und Trauer auf ihr, sie hinge gen sah ihn jetzt klar und ruhig än und setzte langsam—feierlich hinzu: Was unter jenem schweren Worte: „nicht gerechtfertigt sein“ zu verstehen ist, das, Eber hard. wirst Du einst erfahren, dann auch wissen, warum wir getrennt wurden und weshalb ich Heimath Vaterland verlassen habe. —Was Du aber auch davon hörst, ge denke dieses Augenblicks und dieser Stunde, wo ich hier am Grabe Deines Vaters, dessen Gattin ich war angesichts jenes Erdhügels, unter dem Deine Mutter ruht, Gott den All wissenden zum Zengen anrufe: „jenes Un— recht ja Verbrechen, dessen man mich ange Nummer 46. klagt hat nicht begaugen zu haben, son dern unschuldig zu sein.“ Zweites Capitel. Im Jahre 1844 hatte sich die Bauwuth und Neuerungsösucht noch nicht so der Städtẽ bemächtigt, wie in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren. Da gab'd selbst in den Haupttheilen der Residenzen noch alte Häu ser, die zur Jetztzeit mehr und mehr von der Erde verschwunden sind und jenen Gebäuden Platz gemacht haben, welche äußerlich oft nur zu sehr Kasernen gleichen und dicht aneinan der gefügt, wie ein wohlgeordnetes Regiment Soldaten, eine monotone Linie abgeben und so wenig Abwechselung bieten, wie dem Geiste und der Phantasie Stoff zum Denken. Die Straße in der Hauptstadt eines unse rer ersten deutschen Reiche, die wir,Martini straße“ nennen wollen u. welche in einem der frequentesten Theile der Residenz lag, zeigte im Jahre 1844 noch manches interessante Baudenkmal früherer Zeiten ünd absonderli— chen Geschmacks. Unter diesen ragten hervor durch ihr dunkles, fast schwarz gewordenes Gestein, durch ihren alterthümlichen und ei genthümlichen Baustyl die beiden stattlichen Herrenhäuser eines vornehmen Grafenge schlechts, seit undenklichen Zeiten benannt „die Zwillinge der Martinisträße.“ Nur das eine dieser Häuser, der „Rade nauer Hof,“ war um jenes Jahr noch im Be sitze der Familie, während an dem andern, dem „Ganderoöberger Hofe,“ sich schon der Fluch der Segen alles Irdischen, „der Wechsel“ zu erfüllen begann. Er war ·in Hände gefallen, die zwar unendlich geschickt die Karten des Lebens zu mischen verstanden hatten, und ein Geist waltete dort, der sich binnen unglaublich kurzer Zeit schon einen bedeutenden Namen in der Handelswelt zu erringen gewußt; doch was die Person selbst anbetraf, welche sich zum Eigenthümer des Grafenhauses gemacht, so ständ sie in Wirklichkeit jenen Sphären so fern von dem die Wappenschilder seines Besitzthums Kunde gaben wie die Phantasie senes Mannes sie sich nahe rückte in ihren ehrgeizi gen Träumen—hochfliegenden Wünschen und Dt Die Höfe Radenau und Gandersöberg, die sich in der Martinistraße in schräger Richtung gegenüber lagen, waren inder That ein Zwillingöpaar dem Aeußern nach, durch ihre mit Wappen verzierten Portale, ihre mit Säulen geschmückten weiten Eingangohallen, vor denen zu beiden Seiten mächtige sieinerne Löwen ruhten, und von welchen aus breite Freitreppen in das Innere der Häuser führ ten. Sie waren beide nur einstöctig, hatten ein flaches, mit galerieartiger Mäuerkrone umgegebenes Dach, auf welches man durch die in den Eckthürmen angebrachten Thüren gelangte und das dem Anschein nach eine hübsche weite Uebersicht über die Stadt bieten mußte. Man hatte einst von diesen beiden Hohenstein'schen Höfen in der Residenz ge sagt: sie glichen sich bis zur geringsten Zier rath des Simses und der Karniese so genau und volltommen, wie die beiden Familien, in deren Besitz sie waren, und welche einem Ge—- schlechte angehörten, einen Namen führten von einander verschieden waren.“ Die Grafen Hohenstein von Radenau leb—- ten üppig und verschwenderisch und führten etnen fürstlich zu nennenden Haushalt, —die Grafen Hohenstein von Gandersberg einfach !und sparsam wie schlichte Bürgers leute. Inmitten der zwauziger Jahre dieses Jahr hunderts erlosch die jüngere Linie des Hauses, und der ganze reiche Grundbesitz: die Herr schaft Ganderoöberg und jenes Haus in der Residenz, sowie auch ein bedeutendes Vermö gen iu baarem Gelde fiel an den älteren Mannesstamm, die Radenauer Hohensteins, zurück, obschon diese seit langen Zeiten nicht mehr die nächsten Verwandken waren. Es besiand aber ein altes Hausgesetz „daß beim Aussterben einer Linie Geld und Gut an die andere, und zwar an die männlichen Glieder des Hauses, zurückfalle —wenn auch über das Vermögen, das durch Anheirathung oder an derweitige Erbschaft an sie gefallen sei, frei verfügt werden könne. Der Letzte des Hau—- ses Gandersberg hatte dies versänmt—er war noch in jungen Jahren plötzlich und ohne Testament gestorben. Die Erben jener Gandersberg'schen Be sitzung wurden die beiden jungen Grafen Anton und Bodo von Hohenstein-Radenau, welche um jene Zeit auch gerade das Erbe ih res Vaters angetreten hatten. Dies war einst sehr bedeutend gewesen und bestand in vielen liegenden Gründen, welche aber im Laufe der Zeiten derart mit Schulden belastet waren, daß wie es hiẽß den Söhnen in Wahrheit kaum mehtẽ ein Ziegel auf dem Dache ihres Ahnenschlosses gehoörte. Die erlöschende Linie Hohenstein-Ganders berg, welche weiser gelebt und sparsamer ge wirthschaftet hatte, gab demnach der Rade nauer gleichsam ein neues Leben. Sie riß sie vollständig vom Rande des Ruins zurück, an den sie langjährige Verschwendung und gewissenlosestes Handein gebracht hatte Die beiden Erben Anton und Bodo waren ohne Zweifel dem jungen Vetter, der in der Blüthe seiner Jahre starb und sie so ganz unvermuthet zu reichen Männern machte, nicht nur sehr dankbar für seinen frühen Tod, noch mehr dafür: daß er, dem freié Verfü gung über seinen Privatbesitz zugestanden hatte, kein Testament gemacht. WahrscheinF lich hielten sie die ererbten Güter und Geidet für unvertilgbarer, als sie waren und Dinge derart meistens sind; denn lkaum füns Jahre später machte ihre beiderseitige finanzielle Lage den Verkauf der Herrschaft Gandersberg nöthig, und 1834 abermals in große Geld verlegenheit gerathen veräußerten sie den werthvollen Herrenhof in der Residenz. Die beiden Grafen—von denen der ältere, Anton, seit Jahren verheirathet und Vater mehrerer Söhne war schienen gänzlich in die Fußtapfen ihrer leichtsinnigen Vorfahren getreten zu sein und die Möglichkeit des Ver tkaufs ihres Erbes als besonders günstigen Umstand für ihre Verhältnisse zu betrachten. Mit Gedanken, wie es werden sollte, wenn einmal nichts mehr zu verkaufen sei, gab man sich zu der Zeit nicht ab. Der jüngere und unverheirathete Bruder, Graf Bodo von Hohenstein, einstens Mitglied der Gesandtschaft in Paris, seit 1832 aber der in Peterösburg attachirt, zog ein Leben in der französtschen Metropole dem in der glän zenden Czarenstadt vor. Er nahm, vom Wunsche gänzlicher Unabhängigkeit beseelt, um die Zeit seinen Abschied, wo er 1834 mit seinem älteren Bruder, dem Gutsherrn von Radenau, seine Verhältnisse durch Verkauf des Gandersberg'schen Hofes noch einmal vollkommen arrängirte, und entschloß sich, nach Paris zu übersiedeln. In Folge dieses Entschlusses und eines andern, den er schon seit längerer Zeit gefaßt hatte, nämlich: „Junggeselle zu bleiben, überließ er seinem älteren Bruder, der schon drei Söhne hatte, gegen eine Summe in baarem Gelde, seinen Antheil am väterlichen Erbe dem Schlosse Radenau und behielt sich nur für etwaige Rückkehr in's Vaterland seine Wohnung im Herrenhause der Residenz vor. (Forts. folgt. Dieser Radenauer Herrenhof in der Mar-- tinistraße war nicht nur sehr weitläufig und geräumig in seinem Hauptgebäude—im Gar— ten lag außerdem noch ein sehr hübsches Haus, das seinen eigenen Eingang hatte abgeschlossen von dem großen Herrenhofe war und, wie in der Familien-Chronit stand, einst von einem jüngeren Sohne aus Privatmit teln erbaut worden und seitdem auch immer einem jüngeren Grafen Hohenstein zur Stadt wohnnng gedient hatte. uch bei diesem Hause trafen die beiden Brüder in späteren Jahren ein Uebereinkom men. Der Aeltere, dem der große Herrenhof zur Verfügung stand, übersiedelte in die Gartenwohnung und für den Grafen Bodo reservirte man das nach der Martinistraße gelegene Vordergebäude. Dem in die Ver hältnisse Eingeweihten war der Wechsel viel leicht sehr begreiflich und ganz erklärlich. Den Gandersberg'schen Hof hatte nämlich im Jahre 1834, als die beiden Grafen ihn zum Verkauf ausschrieben, ein Notar Richter erstanden, der jenem alten Herrenhause seit Decennien schon gegenüber wohnte. Man hatte erst gedacht, der alte als reich bekannte Herr wolle seine gewohnte Lebensweise än dern und den Hof selbst beziehen. Er blieb aber in seinem altmodischen Giebelhause wohnen und der Gandersberger Hof zeigte durch Jahre nur verschlossene Läden und Thüren. Eines Tages wurden die Räume des Par terre zuerst geöffnet, Handwerker der verfchie densten Art verschwanden unter dem weiten Thorbogen der Hälle und arbeiteten im In—- nern des Hauses weit über ein Jahr. Aeus serlich blieb jedoch Alles unverändert, und wer späterhin auf etliche tleine Anzeichen an den Fenstern des Parterre nicht achtete, oder das kleine blanke Messingschild übersah, das an seinem der mãchtigen Steinpfeiler des Portal bogens eingefügt worden, welche die berein ten Wappenschilder der Häuser Hohenstein und Ganderoberg tragen, der würde kaum gewußt haben, daß der altadlige Herrenhof jetzt ein Wechselgeschäft barg und die Woh— nung eines Banquiers geworden war „Vincenz Frankoni,“ so lautete der Name auf dem kleinen Messingschitde an der grauen Saule der Eingangöhalle des ehemalig Gan deröberg'schen Hofes; Vincenz Frantoni, „der reiche Pariser Bänquier, so lautete der an der deutschen Börse und in der deutschen Handelswelt schwer wiegende Nachsatz zu dem einfachen Namen, der sich binnen Jahren zum bedeutenden gemacht! Wenn die Brüder Hohenstein dies Schicksal kostbarsten Sachen des früheren Ladens: „Möbel, Silber und Porzellan geschafft, die man wahrscheinlich nicht zu den hohen Prei sen abgesetzt hatte, die bei ihnen üüvlich gewe sen. Herr Jacques Barnaive; leitete diesen Transport selbst, dann übersiedelte er nach Paris. Dort trennten sich die beiden Com pagnons, —Barnaive übernahm das Wechsel eschäft in Frankreichs Haupistadt, —Vincenz riot kam nach Deutschland und nahm Besitz von seinem Eigenthum, das er in im— mer prächtigerer Weise ansstatten und ein—- richten ließ. Er sagte seinem Notar von die sem Hofe: er solle in der Handelowelt einst einen eben so gut klingenden Namen erhalten, wie er unter den Adelsgeschlechtern bisher ein genommen habe. Diese Verheißung, an deren Erfüllung Ad vokat Nichter durchaus nicht zweiselte, be— schwichtigte nun aber nicht den empoörten Gra fen Anton von Hohenstein -Radenau, der jene kleine Messingtafel an der Sule als eine sei nem Hause speciell zugefügte Schmach ansah. Er bemerkte sie fast mit einem noch größeren des Gandersberger Hofes gekannt oder nur geahnt hätten, daß solch' ein Schild je di Säule verunstalten könne, die in ihrer Höhe das Wappen ihres edeln Hauses trug, sicher wäre dann dies Hauptwahrzeichen ihres al-- ten Geschlechts vor dem Verkauf des Hofes davon entfernt worden. Nun wurde ihr Hochmuth in so böser Weise bestraft! Sie hatten die Wappen damals aus sehr eigen thümlichen Beweggründen an ihrem Platze gelassen: sie sollten fort und fort stummes Zeugniß ablegen von dem Besitz und Reich thum ihres edeln Hauses, obschon sie beides so geschmälert hatten. Der Fremde, der diese leichen Wappen an den beiden grauen Häu— en der Martinistraße sah, müßte er nicht sofort erkennen: daß sie einem Geschlechte angehört und war er in der Heraidit be wandert —auch wissen: welchem. Zur Zeit des Verkaufes glaubten auch die Grafen nicht anders, daß, verwende Notär Richter den Höf einstmals nicht für sich—er ihn doch sicher nur zu herrschaftlichen Wohnungen herrichten las sen würde, und daß dort sich entweder Je mand von der Gesandtschaft oder eine andere hohe Person des Civil- oder Militärstandes einmiethe. Nun ergab sich im Laufe der Zeiten so ganz Anderes, so Unerhörtes und Entsetzliches! Man erfuhr plötzlich, Herr Vincenz Frankoni war eigentlich von 1834 an Eigenthümer des Gandersberger Hofes —Advokat Richter hatte nur seinen Namen hergegeben und das Ge— schäft abgeschlossen. Und wer war dieser Eigenthümer Graf Hohenstein schauder te, als er's ermittelte: „ein bankerott ge— wordener Trödler und Antiquar aus Mainz, der durch gute Geschäfte auf Auktionen sich wieder ein wenig in die Höhe gearbeitet, dann mit einem gewissen Jacques Barnaive, ebenfalls einem Trödler, sich associirt dessen Schwester Frankoni auch geheirathet, und die Beide dann einen Antiquarladen in der Resi-- denz begründet hatten. Und solch ein Mensch —ein Mann von obscurster Herkunft und gewöhnlichster Vergangenheit, wagte wie Graf Hohenstein voll Empörung dachte seinen Blick zu dem Gandersberger Höfe zu erheben! Anfangs war Herr Vincenz Frankoni, wie er selbst erzählte, nur im Stande gewesen, eine unbedeutende Summe auf das Ganze anzuzahlen. Einestheils verbürgten sich aber vermögende Verwandte seiner Frau in Frank reich, selbst sein Schwager in der Residenz für ihn anderntheils hatte er schon in jener Zeit die Idee, ein Wechselgeschäft in Paris zu beginnen, das sich später näch Deutschland verzweigen sollte, und er stellte für den Fall des Gelingens all' seiner Pläne dem Advotka—- ten Nichter so überaus vortheilhafte Bedin gungen, daß dieser, welcher ja ohnehin am Hofe selbst die genügendste Sicherheit besaß, sich gern dazu verstanden hatte, das Geschaft abzuschließeu. Nach den Resultatẽn seines Strebens zu ur theilen, mußte nun Vincenz Frankoni entwe der ein großes kaufmännisches Genie sein, oder aber außerordentliches Glück bei seinen Unternehmungen gehabt haben, um binnen so kurzer Zeit derartige Reichthümer zu erwer ben, wie er dem Anschein ach kaum acht Jahre später besaß. Um die Zeit wurde däs Antiquargeschäft in der Residenz aufgegeben und Vincenz Frankoni, der längst in Paris Banquier war, zahlte den letzten Rest der Kaufsumme an Notar Richter Der Gan— deroberger Hof gehoörte ihm un völlig. Da— hin wurde auch, äls der Bau,. den man be— reits begonnen, vollendet war, ein Theil der Entsetzen, als ihm ein Jahr zuvor der Ein—- blick in seine zerrüttete Lage bereitet, gegen die er endlich um so weniger Auge und G danke abzuschließen vermochte, als seine Ge mahlin darauf drang, sie sich —schon um ihrer Kinder willen endlich vollständig klar zu machen. Die drei Söhne des Grafen waren heran gewachsen. Die beiden ältesten hatten zur tiefsten Betrübniß der Mutter die militärische Carriere erwählt der jüngere aber war an dern Sinnes und wollte zu ihrer Freude stu diren. Die Eltern gaben ihn darum in der Residenz in Pension, wo er auch später die Universität zu besuchen gedachte. Dieses jüngsten und wohlgerathensten Soh— nes Anwesenheit in der Hauptstadt benutzte die Mutter, den Gemahl zu veranlassen, mit seiner ganzen Familie dahin zu übersiedem und das kostspielige Leben äuf Radenau min destens so lange aufzugeben, bis die beiden Töchter erwachsen, die noch im zarteren Kin— desalter standen. Der Graf mußte sich leider davon überzeu gen, daß seine Verhältnisse ein Fortleben in der alten Weise, von Glanz und Luxus um— geben, nicht erlaubten. (Fortsetzung folgt. Als Colonel Cool, der General-Ticket- Agent der Peoria, Petkin und Jacksonville- Bahn, vor einigen Tagen in New Yort war, üns er zu Fiol, um sich ein Freibillet für die riebahn geben zu lassen. Als ihm dasselbe eingehändigt worden war, frug Fiöt: „Colo— nel, wie lang ist ihre Bahn?“ Oh, crca 18 bis 20 Meilen,“ antwortete der Colonel „Wenn ich das gewußt hätte, sagte Fiot, „so hatte ich Ihnen an Stelle einesPasses·- einen,„Chect“ gegeben. Der Illinoiser ber duftete schnell. Grace Greenwood ist über die enorme Größe aller Feld- und Gartenfrüchte in Colo— rado so erstaunt, daß sie einer Freundin in New DYork schrieb, nachdem sie bereits die 6- pfündigen Kartoffeln, 22pfündige gelbe Rü— ben, Gurken, die nur nach der Yard verkauft werden, u. s. w,, erwähnt hatte: Sie dürfen sich gar nicht wunderü, wenn Sie mal aus dieser Gegend einen Brief erhalten, mit den Worten beginnend: „Ich sitze vor meiner Thüre im kühlen Schatten eines Gerstenhalms, u. s.w. Herr Julius Unger, in früheren Jahren mit der deutschen Oper in Verbindung, Mu—- sikdirigent und Mitglied des Ajchenbrödel- Vereins in New Yort, ist am 6. Novembor von seinen Kunstgenossen zu Grabe getragen worden.