Die Abzahlung der französischen Kriegoöentschädigung. Die Unerschöpflichkeit des französischen N.li nalreichthums, mit welcher noch vor Kurzem in Paris so sehr geprahlt wurde, stellt sich am Ende doch als eine Illusion heraus. Die Franzosen boten während bes Friedensschlusses noch große Sum— men dafür an, daß man ihnen Elsaß und Lothringen lassen sollte; jetzt zeigt sich daß sie sie nicht hätten bezahlen können; denn es wird ihnen schon sehr schwer, das Geld für die einfache Kriegsentschädigung aufzutreiben. Ihr Papiergeld steht im eigenen Lande bereits 18 pro Cent unter Pari, die Gold- und Silbermünzen ver— schwinden, und .die leitenden Finanz männer an allen Hauptbörsen erklären es bereits für eine sehr gewagte Sache, die schnelle Abzahlung der Entschädigungs gelder zu versuchen. Man fürchtet selbst in England, daß dadurch eine allgemeine Geldklemme oder sogar eine Krisis her aufbeschworen werden könne, und räth deshalb von dort aus den Franzosen, ihrer Nationaleitelkeit einen Zügel anzule— gen, die deutsche Besatzung lieber etwas länger zu ertragen, und ihre Zahlungen so zu machen, wie sie sich leicht leisten lassen. Summen, die über die Tausend Millionen gehen, sind einmal nicht leicht flüssig zu machen; denn dafür muß ein setzr aroßer Theil sämmtlichen in mehre— ren Reichen coursirenden Geldes zusam— mengezogen werden, und das ist eben so schwierig wie riskant. —Úf Eine republikanische Ansprache an einen König. Der Vürgermeister Saragossa's, einer der vielen Republikaner dieser Haupistadt des alten Königreiches Aragon, hat an der Spitze des Municipiums den König dort mit einer Ansprache empfangen, deren Grundzüge hier in wörtlicher Ueber— setzung folgen: „Sennor! Nicht das hier verschwindende, auch nicht das in seinen tiefsten Ueberzeugungen republikanisch gesinnte Individuum, sondern der aus dem geheiligten Plebiscit hervorgegangene Alcalde der Stadt Saragossa ist es, der, einer unabweislichen Pflicht folgend, vor Euch hintritt und sich Euren Befehlen zur Verfügung stellt. Ihr seid auf dem Puntkte, eine Stadt zu betreten, die, über reich an Titeln des Ruhmes, auch jenen der allezeit heldenmüthigen führte, die, als die nationale Unabhängigkeit schwer gefährdet war ein modernes Nu— mantia die napoleonischen Schaaren inmitten itres Siegeslaufes demüthigte. Euer Fuß wird über die Skelette jener Tapferen hinschreiten, die hier für das Vaterland gefallen sind. Saragossa war und ist noch immer die vorgeschobenste Hochwacht der Freiheiten seines Landes. Dem freien Saragossa war bisher noch keine Regierung liberal genng, aber ebenso .unerschütterlich in seinem Glauben wie ausharrend im Mißgeschicke, hat noch keiner seiner Bürger Verrath gesponnen. So kommt denn herein nach Sara—- gossa! Für jetzt gibt es keinen Schutz, keine Schirmwache für die Sicherheit Eurer Perion, die so mächtig wäre wie die Loyalität der Nachkommen Palafox', welcher selbst der Feind zum unantastba ren Heiligthume wird, wenn er unter einem Dache Saragossas weilt. Gedenkt, daß Saragossa für die Freiheit in ihrer weitesten Ausdehnung, und zwar in ihren nationalen Manifestationen glüht und daß die Mauern der Bera— thungshalle seiner Bürger die individuel— len Rechte als geheiligte Wahlsprüche tragen. Gedenkt, daß wenn Ihr un— beugsam den Weg der Gerechtigkeit wan—- delt, über die Etnhaltung der öffentlichen Moralität wacht, den Producenten schützt, der bisher so viel gibt und so wenig em pfängt, wenn Ihr die Echtheit des Ple biscites wahrt, wenn eines Tages Sa ragossa und das ganze Spanien Euch die Erfüllung jener unabweislichen Vioe verdankt, die von der Mehrheit der gro ßen Nation gehegt werden, zu welcher Ihr gekommen seid dann, ja dann werden Euch die glänzendsten Titel schmücken, und so steht es bei Euch, der erste Bürger dieser Nation und der ge— liebteste in Saragossa zu werden, denn die große Republik Spanien wird Euch ihr? Glück verdanken. Das ist jedenfalls originell, und die Möglichkeit eines solchen Ereignisses, in Frieden und Freuden verlaufend, wäre in früheren Zeiten ebenso angezweifelt worden, als Galilei's „E pur si muove.“ Der Mann, der seiner Ueberzeugung und (wie seine Erwählung zu beweisen scheint, der Ueberzeugung der Mehrheit seiner Mitbürger so unerschrocken und ohne die dem hohen Gaste schuldige Courtoisie zu verlezen Ausdruck zu berleihen wußte, nennt sich Joze Marine und empfängt nun aus allen Ecken und Enden der Halbinsel Beglückwünschungs Tele— gramme. Aus dem deutschen Reiche. —Aus dem Reichstecge. Die liberale Reichspartei beschloß einen Antrag auf Aufnahme folgender Bestim— mung in die Reichsverfassung (die vor nehmlich auch auf Mecklenburg berechnet isth: „In dem Bundesstaate muß eine aus Wahl des Volkes hervorgehende Ve— rtretung bestehen, deren Zustimmung bei jedem Landesgesetz und bei der Fesistel lung des Budgets erforderlich ist.“ An— träge verschiedener Fractionen auf Ein führung der obligatorischen Civilehe sind vorbereitet. Der Reichs Haushaltsetat für 1872 weist nach an Ausgaben und Einnahmen: 110,522,818 Thr., und zwar an dauern— den Ausgaben 97,829,707 Thlr. und an außerordentlichen Ausgaben die Summe von 12,693,109 Thlr. Die Matricular— beiträge belaufen sich auf circa 33,007,- 745 Thrl. Der dem Reichstag vorzulegende Mi litär-Etat ist sehr summarisch gehalten und schließt in der Ausgabe mit SB9, 996—- 393 Thlr. (23,139,755 Thlr. mehr als 1871) ab. Es ist demselben eine Denk— schrift beigegeben, in welcher die verschie— denen Gründe für die Mehrforderungen, denen aber auch vorübergehend möglich gewordene Minderausgaben gegenüber stehen, angegeben sind. Bei dem Ansatze der Ausgabe ist ein Prozent der Bevölke rung unter Zugrundelegung der Zollab rechnungs Bevölkerung von 1867 ange nommen. Dies ergiebt für Preußen (und die schon länger in dessen Verwaltung ste— henden Contingente Oldenburg, Weimar, Braunschweig -c.) 266,330 Mann. Dazu kommen für Baden 14,328 Mann; für Hessen 8223 Mann für El— saß-Lothringen 15,829 Mann, wodurch die Gesammtzahl sich auf 304,830 M. erhöht. Di—r selbstständigen Verwaltun—- gen umfassen: für Baiern 48,244 M.; für Sachsen 24,208 M.; für Würtem—- berg 17,784 M. und für die beiden Meck lenburg 5606, beziehungsweise 987 M. Die Gesammtistärke stellt sich demnach auf 401,659 Mann in 18 Armeecorps mit 148 Infanterie-Regimentern, 26 Jäger— Bataillone, 93 Cavallerie-Regimenter, 16 Feld- Artillerie-Regimenter mit 285 Bat— terieen, 19 Festungs- Artillerie-Regimen ter, 4 Artillerie-Regimenter zu 8 Feld—-, 5 Festungs-Batterien, 1 Fuhrwesen-Es— cadron (Baiern), 4 Festungs-Artillerie- Abtheilungen, 1 Genie-Regiment, 16Pio— nier-Bataillone, 1 hessische Trainabthei— lung, 1 Eisenbahn-Bataillon, 286 Land— wehrbataillons-Stämme resp. Landwehr bataillons-· Stämme resp. Landwehrbe-- zirks-Commandos, In der Sitzung des Reichstags am 23. Oktober wurde der Entwurf über die Bil— dung eints Reichskriegsschatzes dem Bud— get-Committee überwiesen. Der Finanz minister hielt eine überaus friedliche Rede bei Empfehlung des Gesetzes, indem er betonte, daß Deutschland, je mehr es ge—- rüstet sei, um so weniger Angrisse zu be— fürchten habe. Die Erfahrung des letzten Krieges habe den Vortheil eines Kriegs schatzes glänzend bewiesen. Natürlich würde dann der preußische Kriegsschatz überflüssig werden. Auch der baierische Finanzminister, Herr von Hfretzschner, sprach sehr warm zu Gunsten der An—- nahme des Entwurfes. —ln derselben Sitzung wurden die Gesetzentwürfe über die Einlösunz der fünfprozentigen Anleihe von 1870 und über die Controle des Reichshaushalts für 1871 zum zweiten Male gelesen. —Eine Sympathie- Ver— sammlung für die Deutschen in Oe sterreich fand, nach dem Vorgange in Dresden und anderen Städten, am 21. Oktober in Breslau statt, welchr von über 3000 Bürgern besucht war. Die einstim mig angenommene Resolution zollt dem mannhaften Widerstande der Deutschen in Oesterreich gegen den vom Ministe— rium Hohenwart gegen sie unternomme— nen Angriff Anerkennung, begrüßt die dortigen Deutschen als Vorkämpfer einer Verfassung, welche, des weiteren Aus— baues fähig, inneren Frieden und Wohl— stand verbürgt, und spricht die Ueberzeu gung aus, daß die bisherige Stellung der Deutschen in Oesterreich durch ihre in der Geschichte begründete treue Anhänglith keit am Kaiserstaat das Band zwischen diesem und dem deutschen Reiche immer fester zu knüpfen berufen ist. Aus Frankreich. Paris, 12. Okt. Einem Baier, der gestern Versailles besuchte, wäre es bei— nahe schlimm ergangen. Derselbe nahm nämlich, als er auf dem Bahnnofe ange kommen war, einen Wagen und bat den Kutscher, ihn nach dem Palais zu fah—- ren, wo der deutsche Kaiser während der Belagerung von Paris residirt hatte. Dort angekommen, trat er in das Ge—- bäude, um dasselbe zu besichtigen. Kaum hatte er dasselbe verlassen, als ihn ein Polizeidiener mit den Worten anfiel: „Sind Sie ein Deutscher Auf die be— jahende Antwort erklärte er ihn für ver haftet und führte ihn unter dem Zusam menlauf einer großen Menschenmenge zum Polizei-Commissär. Dieser schien das Auftreten des Polizeidieners vollstän— dig in der Ordnung zu finden, und der Umstand, daß der Verhaftete ein Deut— scher sei, ihm vollständig hinreichend, um “ihm seine Papiere abzunehmen und sie einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Zuletzt mußte der Polizeicommissär den Baier seine Verhaftung hatte jedoch Bairra lange gedauert aber doch frei geben, und dieser fuhr nun sofort nach Paris, um sich auf der baierischen Ge sandtschaft zu beklagen. Herr Ruthard, der als Geschäftsträger derselben vorsteht, fuhr heute morgen sofort zum Minister des Aeußern, dem Grafen Remusat, um Beschwerde zu führen. Graf Remusat empfing Herrn Ruthard sehr zuvorkom— mend und berichtete über den Fall sofort an den Minister des Innern, der den Po— lizeidiener absetzen und dem Polizeieom missär einen scharfen Verweis ertheilen ließ. Zugleich bat Graf Remusat Herrn Ruthard, bei ähnlichen Vorkommnissen sich unverzüglich an ihn zu wenden, da— mit er einschreiten könne. Was die hie— sige bayerische Gesandtschaft anbelangt, so zeichnet sich dieselbe vor der, welche vor dem Kriege hier war, vortheilhaft aus. Während es damals äußerst schwie rig war, zu einem der Sekretäre geschwei— ge denn zum Gesandten zu gelangen, wird dort jett Jeder, ja, selbst der einfachste Arbeiter, von dem Geschäftsträger auf s freundlichste empfangen und ihm mit Rath und That an die Händ gegangen. Die deutsche Diplomatie scheint endüch einge sehen zu haben, daß man sie nicht zu ihrem Vergnügen unterhält, sondern damit sie die Interessen Deutschlands und die der Deutschen, die sich im Auslande befinden auf das Eifrigste vertreten. Einem deutschen Professor, Namens Feld, welcher früher im College Stanis laus angestellt war, und vor einigen Wo chen nach Paris zurückkam, um seine Stelle wieder einzunehmen, wurde von dem Director die Thür gewiesen. Er hätte dies jedenfalls vorher wissen kön nen und sich dem nicht auszusetzen ge braucht. Tragikomisch in dieser Bezie hung ist es jedoch jedenfalls, daß die Franzosen jetzt alle Deutsch lernen, aber ferner keine deutschen Professoren mehr haben wollen. Auch Schönheit und Jugend schützt die Petroleusen nicht. Vor dem ersten Kriegsgericht in Versailles erschien am 14. Oktober die 26jährige Beatrix Euvree, eine schöne stattliche Erscheinung mit intelligentem Gesichtsausdruck und ge— wählter Kleidung, unter der Anklage, in den Clubs der Commune, namentlich in dem Club der „Boule noire“, zum Kampfe gegen die Regierung, zur Niederreißung der Vendome-Säule und zur Ermordung des Erzbischofs von Paris aufgereizt zu haben. Auf ihren Antrag beschloß der Club u. a. daß, wenn Blanqui nicht bin— nen drei Tagen in Freiheit gesetzt sei, der Erzbischof füsilirt werden müsse. Da— gegen hat Beatrix Euvree in einer ande ren Sitzung, als der Gedanke angeregt wurde, die Nonnen aller Klöster von Pa ris massenhaft zu tödten, sich für die mil— dere Lösung erklärt, daß man sie dem bürgerlichen Leben wiedergeben und durch Großmuth zu gewinnen suchen solle; auch war sie am 3. April an der Spitze einer Prozession von 150 bis 300 Frauen bis an die Thore pon Versailles gezogen, um eine Versöhnung herbeizuführen und Blutvergießen zu verhindern. Trotz aller Bemühungen ihres Advokaten, Herrn Haußmann, wird Beatrix Euvree der ihr zur Last gelegten Verbrechen für schuldig erkannt und zur Deportation nach einem befestigten Platze verurtheilt. Aus England. Die Tory- Proletarier— Allianz. Karl Blind theilt in einer Correspondenz an die „Wiener Presse“ folgenden Brief mit, der ihm, wie er sagt, aus einer Quelle zugegangen ist, deren Berieontelt sich mehrmals erwiesen at: „Allen Anzeichen nach hat die von den Tory-Peers bei den Arbeitern gemachte Anknüpfung den Zweck gehabt, nach mehr als einer Richtung hin freie Bahn für die Gegner des Liberalismus und der demo—- kratischen Partei zu schaffen. Disraeli, einst selbst zu den Radikalen haltend, versteht sich sehr gut darauf, wie man sie am empfindlichsten trifft. Unzweifelhaft war bei Anlegung dieses Planes seine Hand ganz bedeutend im Spiele; seine auffällig stille Haltung während der letzten Parlaments-Session läßt schon darauf schließen. Das liberale Ministerium sollte durch eine feudal -proletarische Coalition gesprengt werden. Nicht ohne tiefere Absichten stellten die conservativen Blätter seit Monaten den Premier als einen Revolutionär dar, der sich an der Krone vergreifen wolle, wäh— rend sie gleichzeitig in einer ihrem Partei standpunkte sonst wenig entsprechenden Weise die Unbill hervorhoben, die den arbeitenden Klassen der Kohlenbezirke durch Beiseiteschiebung der Gruben-Bill und dergleichen zugefügt werde. Die Idee der Tory-Peers war offenbar die, nach Art Richard's 11. sich durch einen kecken Streich an die Spitze der Massen zu stellen, welche bisher zu Gunsten der Gladstone'schen Regierung für die Wahl— reform, Abschaffung der irischen Staats— kirche und dergleichen in den Straßen und im Parke öffentliche Kundgebungen gemacht hatten. Den Wünschen dieser Tories entspräche die Erhebung des Prin— zen von Wales, von welchem gesagt wird, er neigt zu absolutistischen Grundsätzen nach Art Louis Napoleon's, sei daher nicht abgeneigt, sich unter der Menge durch Gewährüng von Brod und Spielen (panem et circenses) Freunde zu er werben. Diese Politik hat bekanntlich Disraeli schon vor vielen Jahren in seinen Schrif— ten als die richtige, neue Tory-Politik empfohlen. Es wäre daher nicht zu ver wundern, wenn der Gedanke einer feudal— proletarischen Coalition mit den Ränken zusammenhinge, die auf Abdankung der Königin hinzielen. Disraeli's Rede in Hughenden wäre demnach nur ein Aus sluß der jetzt enthüllten Intrigue. Be achtenswerth erscheint der Umstand, daß an der Spitze des Arbeiterkreises, welcher mit den Peers unterhandelte, der Name Robert Applegarth steht, der als Präsi— dent des Generalrathes der „Interna—- tionale“ den beim Baseler Congreß vor—- gelegten Bericht unterzeichnete. Eines der Hauptmitglieder der„lnternationale“ erscheint also hier in der Eigenschaft eines Unterhändlers mit den Tories. Jede Anmerkung darüber wäre überflüssig.“ Notizen. Den neuesten Nathrichten aus Washington zufolge hat der Staatssekre— tär Fish also doch nicht resignirt und be— absichtigt dies auch nicht zu thun. Im Augenblick ist Fish noch ein werthvolles Stück Möbel für Grant, und wird noch viel werthvoller für ihn werden, wenn im nächsten Winter der San Domingo Schwindel wieder auf's Tapet kommt. Nach dem Anschluß dieser Insel an die Ver. Staaten ist es vielleicht möglich, daß sich Fish in seinen Palast an der 5. Ave— nue in New-York zurückzieht, und seinem „zweiten im Bunde“, dem Senator Mor—- ton, Platz macht. So lange San Do— mingo nicht „unser“ ist, wird Morton noch nothwendig im Senat, und Fish im Staats-Departement gebraucht. Es ist eben wahr, was früher von Fish gesagt worden ist, daß dieser Fisch nämlich zur Gattung, den glatten, biegsamen Sardinen gehört. Die Cancus-Nomination für Bun dessenator scheint sich Sherman schon zum Voraus gesichert zu haben, denn er hat, wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, seine Schergen und Agenten zu den „unsichern“ republikanischen Mitglie— dern der nächsten Staatsgesetzgebung ge— sandt, um denselben das Versprechen ab— zunehmen, daß sie die Caucus-Nomination unterstüßgen wollen. Mehrere derselben sollen das Versprechen bereitwilligst ge geben haben. Die Republikaner von Ohio geben vor, Freihändler zu sein, aber wie stimmt das, wenn sie nun den aller anrüchigsten Schutzzöllner und Mo— nopolisten, das gefügigste Werkzeug der Paecisic-Eisenbahn-Compagnie und allen andern corrupten Gesellschäften wieder in den Bundessenat senden?! Das Wahlresultat in Mississippi kann als für die Demokratie höchst be— friedigend bezeichnet werden. Nach den neuesten Berichten von dort ist die Wahl ziemlich gleichheitlich. Keine von den Bei— den Partheien wird in der Legislatur mehr alsein oder zwei Stimmen Mehrheit haben. Dies ergibt einen enormen Verlust für die Republikaner, und liefert den Beweis, daß der Staat für den nächsten demokra tischen Präsidentschaftskandidaten sicher ist, wenn ein populärer conservativer Mann nominirt wird. Die Demokraten machten in diesem Staate nicht die ge— ringsten Anstrengungen, sie stellten in vie— len Städten und Orischaften nicht einmal Kandidazen für die Lokalämter auf. So— mit muß das Resultat als glänzend be— zeichnet werden. In Arkansas hatten sich die Demo— kraten und die liberalen Republikaner vereinigt, und ein Anti Administrations Ticket erwählt. Der Candidat derselben war Catterson, der vor kurzer Zeit aus einem Bundesamte gejagt wurde, weil er kein enthusiastischer Verehrer Grant's war, und nicht mit der corrupten Clayton Clique, einer der infamsten Diebsbände die je in jenem Staate gehaust hat, unter einer Decke spielen wollte. Catterson und die ganze Anti Administrations- Candi— datenliste hat eine sehr ansehnliche Ma jorität. Grant sollte hier das Kriegs— gesetz proklamiren, oder der Staat geht für seine Wiedererwählung flöten. Humor in der Politik. In Mitten ernster Reden in einer jüngst gehaltenen Massenversammlung der republikanischen Greeley-Fraktion im Cooper-Institut zu New York rief der Präsident Greeley: „Der „Ring“ (d. h. Tweed und Consor—- ten), will jetzt seine eigene Geschichte in Reimen vortragen.“ Und nun erschien ein Sänger-Quartett (der Glee Club), verkleidet als die 4 „Ring“-Mitglieder, wie man sie in New Yorker Carrikatur blättern dargestellt sieht, und in so gro— tesker Weise ausstaffirt, daß Beifall und Gelächter kein Ende nehmen wollten. Sie trugen in einem komischen Gesang die „Unthaten“ der Personen vor, welche sie vorstellten, und erregten dadurch stets er neuten Jubel. Es ist keine Frage, daß ein solches burleskes Zwischenspiel auf richtige Weise Ernst mit Scherz mischt und dadurch den Effekt des Ernstes stei— gert. Philadelphia die Stadt der Bru— derliebe, ist nun auch auf den Gedanken gekommen, daß in ihrer Stadtkasse es faul stehen könnte und ist bereits von ei ner Reform- Association eine Untersuchung eingeleitet worden. Es ist dieser nun gelungen, gegen den Schatzmeister eine Klage anhängig zu machen. Wie viel die Unterschleife sind, ist nicht ermittelt. Man erwartet, daß die Untersuchungen staunenerregende Resultate ergeben wer den. Es ist dies auch nicht zu wundern, denn Krankheiten wie diese, schleichen sich zuerst in großen Städten ein. Noch be merkt muß werden, daß Philadelphia von „lauter guten“ Republikanern, die in der dortigen „Union Liga“ herangebildet werden, regiert und verwaltet wird. Die Legislatur von Geor— gia undeder flüchtige Gouver— neur. Die beiden Häuser der Legisla— tur von Georgia haben in ihrer Sitzung am 6. d. M. folgenden Beschluß gefaßt: Beschlossen, daß Rufus B. Bulloöck, ge wesener Gouverneur dieses Staates, der auf sein Amt jüngst verzichtete und den Staat unter Umständen verließ, welche ihn in hohem Grade verdächtig erscheinen lassen, gemeine Verbrechen begangen und seine Amtsgewalt mißbraucht zu haben, und der in einem vom 23. Oktober 1831 datirten, an seine politischen Freunde und das Volk von Georgia gerichteten Schrei ben behauptet, die Majoriiät der Mit— glieder des Repräsentantenhauses habe sich verpflichtet, für gegen ihn erhobene Anklagen ohne Untersuchung zu stimmen, und der Senat sei entschlossen, eine genü gende Anzahl von republikanischen Sena— toren von ihren Sitzen zu entfernen und seine Verurtheilung ohne die Wahrheit und Begründung der Anklagen in Be tracht zu ziehen, sicher zu stellen, diese Staatsgeseßgebung durch unwahre Be—- schuldigungen verleumdet hat und daß die in demselben Briefe enthaltene Be hauptung, das Volk von Georgia habe in jüngster Vergangenheit die Constitu tion der Vereinigten Staaten geschmähet und mißachtet, eine Unwahrheit und eine Nertermduns der Bürger dieses Staates ist. Wir ertheilen im Gegentheil die Ver sicherung, daß die Bürger dieses Staates jetzt, wie sie es auch vor sechs Monaten thaten, als sie dem Briefe des besagten Rufus B. Bullock nach, friedlich gesonnen waren und sich in die Ergebnisse des Krieges fügten, weder irgend welche Fein dschaft gegen die Vereinigten Staaten he— gen, noch irgend einer in den Grenzen des Staates weilenden Person den allen Bürgern zustehenden Schutz des Gesetzes verweigern. Mormonen-Industrie. (Von Rudolf Doehn.) Es hatte im verflossenen Winter ganz den Anschein, als wenn die Tage derMo monenhecrrschaft in Utah gezählt wätren. Im Congresse und in der Presse der Ver. Staaten wurden die heftigsten Anklagen gegen die sonderbare Selte der „Heiligen des jüngsten Tages“ (Latter DaySaints) geschleudert und die von Brigham Young gegründete Theo Demofkratie, wie die Mormonen gern ihr Regierungssystem nennen, schien ihr Ende erreicht zu haben und in Trümmer zu verfallen. Aber der Sturm hat sich noch einmal verzogen. Die Regierung der nordamerikanischen Union hat sich damit begnügt, den recht wider—- spenstigen Heiligen in der Person des Generals Schaffer einen energi— scheren Gouberneur, als sein Vorgänger es war, zu geben und außer ihm verschie dene Steuerbeamte in Utah anzustellen, die keinen Spaß verstehen; imUebrigen hat man vorläufig Alles so ziemlich beim Alten gelassen. Dennoch werden die Vorgänge des vorigen Winters in der Bundesge— setzgebung zu Washington City den Füh—- rern der Mormonen in Betreff der Poly gamie und der Unmöglichkeit, dieselbe ins Gegenden, welche unter der Botmäßigkeit der Ver. Staaten stehen, für die Dauer aufrecht zu erhalten, die Augen geöffnet und sie gelehrt haben, daß nach dieser Seite hin ein Kampf unvermeidlich ist, aus welchem sie, sobald er erst einmal ernstlich begonnen hat, schwerlich als Sie ger hervorgehen können. Die politischen Prinzipien, wie diels Grundsätze der Sittlichkeit, auf denen sich; moderne Stagiswesen aufbauen, streitenl; gleichmäßig dagegen. Was isolirt eines Zeit lang bestehen konnte, muß fallen, so- bald diese Isolirtheit aufgehoben und ver-; nichtet ist; und schon die eine Pacific-Ei— senbahn, welche die nordamerikanischel; Union besitzt, hat die Schranken, durchs die Utah früher von der übrigen Welt ge-; trennt wurde, so sehr entfernt, daß man kaum noch sagen kann, das Salzseethall. sei nicht schon jetzt in den vollen Kreis lauf des großen nordamerikanischen Ver kehrs hineingezogen. Wenn diese groß artige Wandlung, die in den letzten Jah ren über das Territorium Utah herein gebrochen ist, den religiösen und socialen Eigenthümlichkeiten seiner Bewohner auf's| Neue mit allen jenen Gefahren droht, welchen zu entfliehen, Brigham Young seine Anhänger einst aus dem Mississippi thal in das Herz des damals noch wenig gekannten „fernen Westens“ (Far West) der Union führte, so wird andererseits die materielle Blüthe jenes hierarchischen Ge— meinwesens wahrscheinlich einen Auf— schwung durch diese Wandlung empfan— gen, der um so glänzendere Resultate ver— heißt, als die landwirthschastlichen und industriellen Verhältnisse des Mormonen— reiches schon jetzt das Staunen eines Je— den erregen, der jenes wunderbare Land mit eigenen Augen schauen durfte oder aus zuverlässigen Quellen sich darüber unterrichten konnte. In Salt Lake City wohnen zur Zeit ungefähr 20,000 Menschen. Die Ge— sammtbevölkerung des Teritorums Utah, derenAnsiedelungen sich über 400 englische Meilen in die südlich gelegenen, geschütz— teren Thäler des Landes erstrecken, wird auf 150, 000 geschätzt. Dem eine n Wil— len ihres hierarchischen Oberhauptes un terthan, entwickelten die Mormonen vom ersten Augenblicke ihrer Ankunft am Salz— see an bis auf den heutigen Tag eine Thätigkeit, die um so schnellere Früchte trug, als der Kampf um das Dasein sie in vielfacher Hinsicht gebot. Sie mußten arbeiten, um zu leben. Der Boden wurde bebaut und bewässert, Gärten wurden an gelegt. Vieh ;wurde gezogen. Dank ihrem Fleiße und der Anweisung ihres Führers, der—was man auch sonst von ihm sagen und mit Recht an ihm tadeln mag—mit dem praktischsten Blicke die großartige Organisationsgabe verbindet, waren ihre Bemühungen bald von Erfolg gekrönt. Ihre Ernten nährten sfie reich lich, ihre Wiesen waren mit Heerden an—- gefüllt, ihre Gärten gediehen prächtig und freundliche Farmen und andere Anwesen bedeckten das Land am Südostufer des See's. Als die Produkte östlicher Fabrikation, welche die auswandernden Mormonen vom Mississippi mitgebracht hatten —Kleider undGeräthschaften zuerst —zerschlissen und abgenutzt waren, als der damals kaum nennenswerthe Karawanen Transport über die Felsengebirge keinen hinreichen den Ersatz für das Aufgebrauchte bot, so lehrte sie die Noth und Brigham Young weiter beten, d. h. fleißig weiter arbeiten. Reiche Flachsernten und Wollschuren wur den mit der Spindel und dem altmodischen Webstuhle zu Zeugen verarbeitet. Die Häute ihrer geschlachteten Thiere gerbten sie selbst, und da die Eleganz keiner der Glaubensartikel des Mormonismus ist, so genügten, im Verein mit einem be schränkten Import, diese primitiven In duùstrien bald, um das Voltk der Heiligen auch nach dieser Seite hin, unabhängig von der übrigen Welt, ganz auf seine ei gene Füße zu stellen. Aber dies war nur der Anfang der Mormonen- Industrie. Nicht viele Jahre hatten zu vergehen und aus kleinen Versuchen ntieiten sich, von dem Reichthum des Landes an Gebirgsgewässern begünstigt, Mühlen und Manufakturen aller Art. Schon kurze Zeit nach der Gründung von Salt Late City machte die erste größere Maschine zur Herstellung von Wollengeweben ih ren Weg vom Osten über die Felsenge birge und wurde am Salzsee aufgestellt. Spinnmaschinen und verbesserte Web— stühle folgten, und da es an Werkleuten aller Art unter den Heiligen nicht fehlte, so blühten im Lande ,Deseret“, d. i. Land der Honigbienen, wie die Mormonen Utah zu nennen lieben, unter Brigham Young's Oberkeitung die verschiedensten Fabrik— zweige üppig auf. Die erste Wollenspinneri wurde, wie zuverlässige Quellen angeben, sam Big Cannon Creet erbaut; sie ist jett sein unter dem Namen „Deseret Millẽ“ selbst von östlichen Fremden mit Interesse sin Augenschein genommenes bedeutendes Etablissement. Es ist seit 1864 im Be— trieb und erfährt alljährlich Vergrößerun gen. Schon jetzt vermözen die neuen Dampfwebestühle desselben über 1000 Yards Tuch per Woche zu liefern. Nicht minder bedeutend sind die „Wahsatch- Mills“ mit 360 Spindeln und enispre chender übriger Maschinerie. Die „Erx— celsior Mills“, drei Meilen von Ogden City gelegen, sind gleichfalls in vollem und lohnendem Betriebe. Noch umfang reicher verspricht die große Wollenfabrik am Big Spring, in Toole County, zu werden, während man in Provo Cith, der zweitgrößten Stadt des Territoriums, im Mai 1869 den Grund zu einer Fabrik legte, die nicht weniger als 2,500 Spin— deln in Thätigkeit setzen sollte. Außer der in Beaver City bereits im Betrieb befindlichen Spinnerei gehen zur Zeit noch mehrere andere im Wege der Coo peration gegründete Spinnereien und Tuchfabriken ihrer Vollendung entgegen, so daß man mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen kann, daß schon im nächsten Jahre das Trrritorium Utah ein Ge— sammtquantum von Tuch i.n Werth von 700,000 Dollars produciren wird. Die— ses Quantum und dessen Werth bleiben somit dem Territorium und seinen Be— wohnern erhalten, die bei einer so großen Produktion von Wollengeweben nicht nur keines Importes mehr bedürfen, sondern von ihrem eigenen Ueberschuß noch nam— hafte Quantitäten an die Bewohner der angrenzenden Territorien abtreten können. Wie die Mormonen auf dem Gebiete der Wollspinnerei und Tuch— fabrikation, unterstützt durch eine umfangreiche und rationell betriebene Schafzucht, seit der Besiedelung des Ter— ritoriums verhälinißmäßig ganz enorme Resultaté erzielt haben, so sind sie auch hinsichtlich der Einführung anderer Ma nufakturen und Industriezweige rattlos thätig. Einer besonders erfreulichen Zukunft scheint, begünstigt von dem milderen Klima in den südlichen Theilen des Landes, die Seidenkultur entgegenzugehen. Dort, in den wohlgeschützten Thälern gedeiht der Maulbeerbaum, der schon in Salt Lake City vortrefflich fortkommt, ganz ausnehmend. Auch hier gab Brig— ham Young auf einer seiner, bei Provo City gelegenen, Farinen selbst das er— munternde Beispiel. Es wurde mit Eifer befolgt, und man schlägt, wie amerikani sche Blätter versichern, die Cocons-Pro—- duktion für das Jahr 1870 auf 2 Mill. an. Seidenwebereien sind gleichfalls in Angriff genommen und haben bis jetzt Resultate geliefert, welche immerhin er— freulich gerug waren, die Anlagen aus—- gedehnter Etablissements, mit denen kürz lich in Provo City, wie an anderen Or—- ten begonnen worden ist, als verheißungs—- voll erscheinen zu lassen. An Gerbereien und Leder— fabriken hat Utah ebenfalls keinen Mangel. Der große Viehreichthum des Landes liefert den Bewohnern des Terri toriums den Rohstoff in Masse, und das Utahleder hat im ganzen Westen der Ver. Staaten einen so guten Ruf, daß bedeu— tende Quantitäten davon ausgeführt wer den. Die Mormonenfrauen beschäftigen sich vielfach mit Handschuhmachen; au— ßerdem, verfertigen sie Fächer, machen Früchte ein und trocknen Pfirsiche und Feigen. Auch landwirthschaftliche Ge— räthe, welche den Bodenbedingungen ent sprechend und vom besten Material in mehreren größeren Fabriten in Salt Lake En hergestellt werden, werden ausge— ührt. In allen diesen Industriezweigen ha ben sich die Mormonen stets unabhängig von der Außenwelt gehalten, ja schon frü— her, soweit es die Verkehrsverhältnisse erxlaubten, auch ihre Nachbaren von Wyo-, ming, Montana und Nevada mit ihren Fabrikaten und Produùkten versorgt. Daß sich dieser Export seit Vollendung der Pacificbahn bed·utend gehoben, und daß infolge dessen die zunächst davon profiti renden Industrien einen erneuten Auf schwung nehmen, wird schon jetzt von al len Besuchern Utah's, z. B. von Carl Schurz, wie namentlich auch von den dort erscheinenden Blättern bestätigt. Das wahre Leben in der materiellen Ent—- wickelung des Territoriums wird aber freilich erst dann hervortreten, wenn, wie die räumlichen Schranken, die das Mor—- monenthum von der übrigen Welt trenn ten fielen, auch jene gefallen sein werden, die es in religiöser und socialer Beziehung von der andern Unionsbevölkerung in hohem Grade scheiden. Ob sich diese Ausgleichung nun aber auf friedlichem oder auf gewaltsa mem Wege vollziehen wird, bleibe hier dahingestellt. Vollziehen aber wird und muß sie sich, und dann wird Utah im Laufe weniger Jahre das werden, wozu es alle Anlagen und Vorbedingungen hat: das industrielle und commercielle Herz deß „fernen Westens,“ die große, blühende, von wohlhabenden Millionen bewohnte Insel in dem Gebirgs- und Wüstenocean zwischen dem Mississippi und Californien.