Wie die Stadt wieder zu sich kam, wie von allen Seiten freudige und schnelle Hülfe angeboten worden, wie der Tele graph Worte der Sympathie und die Ei— senbahnen Unterstützung herbeibrachten, das Alles gehört einem andern Kapitel an. Aber es wäre ungerecht, einen Be richt über das Feuer zu schließen, ohne auch der Lichtseiten zu gedenken, welche dies schauerlichste aller Ereignisse beglei— teten, und wenn man in künftigen Ta gen von der Zerstörung Chicago's spre— chen wird, so darf der Heldenmuth seines Voltkes nicht vergessen werden, so?wird man derer gedenken, die auf den rauchen den Trümmern die ersten Schritte zum Wiederaufbau der Stadt thaten, man wird ein Volksthum bewundern, daß sich in mitten solcher Prüfung aufzruraffen ver mochte, um sich eine musterhafte Ver waltung zu geben. Und man wird von der Erzählung des Unterganges Chicago's nicht zu trennen vermögen, die damit eng zusammenhängende Erzählung über sei— nen Aufbau und seine neue herrlichere Größe. Knappes Entkommen aus großer Ge—- fahr. Aus dem Tagebuch eines New Yorker Revenue Detektives. Nach dem Englischen. Vor etwa zwei Jahren wurde meine Aufmerksamkeit auf das Etablissement ei— nes Deutschen, Namens Wimfmacher, gerichtet. Sein scheinbares Geschäft war die Essigfabrikation, aber ich vermuthete, daß er im Geheimen durch eine Whiskey- Distillerie die Revenue zu betrügen ver stand. Eines Tages begab ich mich ohne Ceremonie in sein Lokal und als ich ihn dort traf, zeigte ich ihm mein Abzeichen und theilte ihm den Zweck meines Besu—- ches mit. Er gab vor, außerordentlich beschäf tigt zu sein und fragte mich, ob ich nicht morgen wieder vorsprechen könne, obgleich er ruhig seine Pfeife rauchend und unbe— schäftigt da saß. Da ich keine Ursache sah, seinem Wunsche nachzukommen, und Franklin's Motto in Geschäftssachen: „Verschiebe niemals auf den folgenden Tag, was eben so gut heute gethan werden kann“ mir zur Lebensregel ge—- macht hatte, so bestand ich auf seiner so—- fortigen Begleitung. Nachdem er im Stillen die möglichen Folgen eines ferneren Weigerns erwogen hatte, erwiderte er, daß, wenn ich ihm zehn Minuten erlauben wolle, um in sei nem Wohnhause ein dringendes Geschäst abzumachen, er mir die ganze Einrichtung zeigen werde. Ich willigte ein und seinen Hut nehmend, verließ er die Office. Er war noch nicht lange fort, als ein sehr hübsches deutsches Mädchen eintrot, und anscheinend überrascht stehen blieb, aber im nächsten Augenblicke klärte sich ihr Gesicht auf, als sie mit ausgestreckter Hand auf mich zuspringend ausrief: „Ach Herr Watson, ich bin so froh, Sie wie der zu sehen!“ Sie theilte mir mit, daß sie die Tochter der Wittwe Böhner sie, auf deren Freundschaft und Dankbarkeit ich rechnen durfte. Auf meine Frage, ob sie mir irgend eine Nachweise geben tönne, sagte sie, es sei jetzt keine Zeit darauf zu antworten, da Wimfmacher, in dessen Diensten sie stehe, bald zurückkehren wer— de; wenn ich jedoch am Abend zu ihrer Mutter kommen wolle, so werde sie mir jedoch Alles mittheilen, was sie davon wisse. Sie warnte mich auch in meinen Geschäfte mit ihm vorsichtig zu sein, da er schlecht genug für Alles sei. Ich lachte über ihre Warnung und un—- sere fernere Unterhaltung wurde durch den Eintritt des Wimfmacher unterbrochen. Nachdem das Mädchen ihm mitgetheelt hatte, daß das Mittagsessen fertig sei, er widerte er, daß er unverzüglich kommen werde und Sophie verließ das Zimmer, während sie mir einen warnenden Blick zuwarf. Wimfmacher erbot sich nun, mich umherzuführen und ich folgie ihm. Wir durhsuchten das ganze Etablissement, aber ich sah nichts Verdächtiges. W. setzte mich in Kenntniß, daß die verschie denen Fässer Essig enthielten, was sich beim Probiren auch bewahrheitete. Die Küfen waren für die Maische und das Obst für das Destilliren von Spiri— tus aus welchem der Whiskey gemacht wurde. Ich kam zu dem Beschlusse, daß ich mich geirrt hatte und mein Verdacht unbegründet war und stand im Begqgriffe, ihm solches zu sagen, als er anhielt und mich warnte, vorsichtig zu treten, da der Fußboden unsicher sei. Ich dankte ihm für die Warnung und ging weiter, ihn hinter mir lassend. Dieses war nach der kurz vorher erhaltenen Warnung eine un bedachtsame Bewegung, denn sie gewährte ihm einen Vortheil, welchen der höllische Schurke benutzte und mir mit einem schweren hölzernen Hammer einen Schlag auf den Hinterkopf versetzte, der mich wirbelnd zu Boden streckte. Ich bemühte mich aufzustehen als der Boden nachgab, und ich plötzlich in die Tiefe stürzte. Ich versuchte vergeblich mit meinen Händen die hervorragenden Mau— ersteine zu erfassen, welche jedoch meinen Griffen wie Glatteis entschlüpfien, und ich schlug endlich mit dem Kopfe gegen eine Mauer, wo ich besinnungßlos legen blieb. Wie lange ich in diesem Zustande war, vermag ich nicht zu beurtheilen, aber als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich von tiner egyptischen Finsterniß umgeben, liegend, während ein Strom stinkenden Wassers mich fast bedeckte und schnell vorbeifloß. Gequetscht und blutend, mit schmerzen—- den Gliedern und wirbelndem Kopfe, er hob ich mich langsam, und als ich meine Arme ausstreckte trafen sie auf kalte schlammbedeckte Mauern, und ich kam zu der Ueberzeugung, daß ich mich in einem halbkreisförmigen Gewölbe befand, wel—- ches kaum hoch genug war, um darin auf— recht stehen zu können. Wenn auch die Luft so stinkend war, daß ich sie kaum einathmen konnte, so verlor ich doch nicht meine Hoffnung, denn ich lebte ja noch und keines meiner Glieder war zerbro chen. Es7mußte eine Cloake sein, worin ich mich befand, aber unter welcher Straße konnte ich nicht denken. Der Schurke hatte mich augenschein lich durch einen Abzug, welcher den Ab— fall aus der Destillerie in die Cloake brachte, gestürzt. Ich hielt mich, gegen die Seite meines Gefängnisses gelehnt, mit Mühe aufrecht, und dachte über die Mög— lichkeit nach, wie ich mich aus dem Laby— rinth, in welches ich gerathen war, her—- auswinden könnte. Mich zu dem Versuche ermahnend, schritt ich behutsam in der Richtung vorwärts, in welcher, meiner Meinuug nach, der Fluß lag, und die Mauer mit den Händen untersuchend. Ich bemerkte zahlreiche Oeffnungen in der Mauer, welche ich für Cloaken unter anderen Straßen hielt, vermied es jedoch sorgfältig in dieselbe zu treten, aus Furcht, meinen Weg zu verlieren. Endlich sah ich ein schwaches Licht durch die dichte Fin sterniß flimmern, welches allmälig stärker wurde und ich sah schließlich, daß es aus einem Gatter an der Kreuzung zweier Straßen kam. Ich konnte deutlich das Rasseln. der Fuhrwerke über meinem Kopfe hören und schrie so lange laut bis ich heiser wurde, indem ich vergeblich hoffte, die Aufmerksamkeit irgend eines Vorübergehenden zu erregen. Aber un—- gehört brach sich meine Stimme an den Mauern, und verhallte in hohlen Echos, als wenn sie mein Elend verlachten. Vollständig enttäuscht sank ich nieder und blickte mit weinenden Augen auf das flimmernde Licht, welches nur dazu diente, die umringende Finsterniß fühl—- barer zu machen. Von Schwäche über—- wältigt, sank mein Kopf auf meine Brust während Thränen über meine Wangen herabrollten und in das meine Füße be— deckende faule Wasser fielen. Stunden zogen sich langsam hin, während ich, un betümmert um meine ganze Umgebung, gleichgültig und fast hoffnungslos da saß. Was war das, was geräuschlos meine Beine herauf und in meiuen Schooß kroch? Etwas kaltes und schleimiges drückte gegen meine Hand. Indem ich es mit einem Schauder des Widerwillens rasch fortschleuderte, fühlte ich ein schar fes stechendes Gefühl in einem meine Finger, als der Körper einer ungeheueren Ratze mit einem dumpfen Tone in das Wasser plumpte. Ich war jetzt vollständig wach und auf meine Füße springend schloß ich aus dem schwächer werdenden Licht, daß der Abend schnell herankam. Die Erfahrung dtes Tages hatte mich ge lehrt, daß ich am Gehen bleiben müsse, und ich fühlte, daß eine Nacht in der schauderhaften Pestlache mich geraden Wegs tödten würde. Ich fand, daß das Wasser langsam stieg, und während ich mit schwankenden Schritten mich langsam weiter schleppte, fühlte ich, daß die eintretende Fluth stu— fenweise Zoll auf Zoll, bis zu meinen Achselhöhlen emporstieg. Legionen unge—- heuerer Ratzen umschwammen mich, und die Berührung ihrer schlammigen Felle machten mein Blut erstarren, wenn ich wüthend nach ihnen schlug um sie abzu— halten, auf meine Schultern zu klettern. Immer höher stieg das Wasser, bis ich mich nicht länger auf meinen Füßen hal—- ten konnte. Ich fühlte, daß ich wieder da—- hin getrieben wurde, von wo ich gekom—- men war, und daß die andringende Fluth mich vollends mit sich fort riß. In diesem furchtbaren Augenblicke wurde mit unwiderstehlicher Gewalt ein todter Körper gegen mich geworfen, und aus dem krankmachenden Gestank und der Berührung des verwesten Gesichtes und des mit Schleim bedeckten Haupthaares wurde mir die Gewißheit, daß es die Lei che eines ertrunkenen Mannes war. Meine ganze noch übrig gebliebene Kraft zusam mennehmend, schwamm ich, so schnell ich es vermochte, von dem scheußlichen Ge genstande fort. Ich war jetzt im Stande, die oberste Wölbung der Cloake zu berüh— ren, welche an dieser Stelle acht Fuß hoch gewesen sein muß, und hieraus schloß ich, daß ich dem Fluße nahe sein mußte, in welcher Richtung ich fortschwamm. Das Wasser stieg nicht ferner, die Fluth hatte den höchsten Punkt erreicht. Da ich ein vortrefflicher Schwimmer war, erreichte ich schließlich die Mündung der Cloake und trieb mit einem dankerfüllten Herzen in den herrlichen Hudson, wo das glän— zende Licht eines Juli Mondes sich in der klaren Fluth abspiegelte. Ich rief einen Mann auf dem Dock an, welcher mir ein Tau zuwarf und womit ich schnell an's Ufer gezogen wurde. Das furchtbare Unglück in couisville, Kentucky. Schreckensscene in einer Kirche. Elf Personen im Gedränge erdrũckt. 75 bis 100 Personen verlett. Ueber das schreckliche Unglück, das der Telegraph uns bereits kurz gemeldet hat, bringen die dortigen Blätter von gestern folgende Einzelnheiten: Um Biertel nach neun Uhr am Sonn— tag Abend ertönte der Feuer-Alarm 45 von der Ecke der fünften Straße und Broadway. Die Ursache desselben war kein Feuer, sondern einer der schrecklich sten Unglücksfälle, die seit langer Zeit in hiesiger Stadt vorgekommen sind, und der seines Gleichen nur in dem durch ei nen schrecklichen Sturm an einem Sonn— tag im August vor einigen Jahren ver ursachten Einsturz der presbyterianischen Kirche, Ecke der elften und Walnutstraße, hat, wobei Viele umkamen oder verletzt wurden. Die afrikanische Baptistenkirche, deren Pastor W. Taylor ist, war der Schau platz dieses Unglücks. Das Gebäude ist aus Backstein gebaut und wurde vor vie— len Jahren von einem reichen excentri schen Greise, Namens Stansberry, er richtet, der es nebst dem Grund und Bo— den der Gemeinde schenkte. Das alte Gebäude hat eine ereignißvolle Geschichte und manchen Wechsel erfahren. Die Ge— meinde wurde durch Todesfälle und Weg zug so verringert, und zerstreute fich. Eiñe Zeit lang wurde die Kirche von weißen Methodisten als Missionshaus u. Sonn— tagsschule benutzt und dann vom Schul— rath für die achte Wardschule gemiethet, nachdem das alte, an der Stelle des jetzi gen stehende Schulgebäude, nordöstliche Ecke der fünften und Yorkstraße, abge brannt war. Einige Jahre lang stand die Kirche dann verlassen, bis sich wieder eine kleine Gemeinde in ihr zu versam—- meln pflegte. Der Erbe des Geschenkge— bers reclamirte das Grundstück, aber nach langem Prozeß wurde der Besitztitel der Gemeinde bestätigt. Das ursprüngliche einstöckige und mit einer langen Gallerie an den Innenwän— den versehene Gebäude wurde später um gebaut und zwei Stockwerke in dem Ge bäude angebracht; der untere Stock, oder das Erdgeschoß, welches eine Höhe von etwa zehn Fuß hat, wurde zu Betver sammlungen und für die Songtagsshn le benutzt, im obern wurde Göttesdienst gehalten. Das Gebäude mißt etwa 50 zu 75 Fuß u. der obere Stock ist durch ei ne sich durch die Mitte des unteren Stocks hinziehende Reihe hölzerner Pfeiler, in Zwischenräumen von etwa zehn Fuß, ge—- stützt. Zu dem Eingang führen fünf von keinem Geländer eingefaßte Stufen und zu beiden Seiten des Eingangs führen an der inneren Seite schmale, etwa vier Fuß breite Treppen hinauf. Die Kan—- zel ist am hintern Ende des Saales und eine Gallerie am vorderen Ende, zwischen beiden Thüren. Die Kirchenstühle stehen nur wenige Schritte von den Thüren ent—- fernt, welch' letztere von einer 33 Fuß eten hölzernen Scheidewand eingefaßt ind. Vorletzten Abend war die Kirche wie gewöhnlich gedrängt voll; etwa sieben hundert Personen befanden sich darin und selbst auf den die Kanzel umgebenden Stufen saßen Neger, welche die Predigt ihres Geistlichen, Herrn W. Taylor, an hörten. Derselbe hatte seine Predigt beendigt, die merkwürdiger Weise über das Thema lautete: „Der Staub soll zur Erde zurückkehren, und der Geist zu Gott, der ihn gegeben hat;“ er schickte sich an, von der Kanzel herabzusteigen, um eine Sammlung zu veranstalten, als sich ein dumpfer Ton wie der eines fallenden Ge—- genstandes, gefolgt von einem Krachen hören ließ. Ein Mann, der nahe der Kanzel saß, sprang auf, sagte, der Boden sinke ein und eilte nach der Thüre. Andere griffen den Ruf auf und riefen: „Das Haus fällt ein!“ Im Augenblick war die Versammlung vom fürchterlichsten Schre cken erfaßt und nun entstand ein lebensge— fährliches Drängen nach der Thüre. Die beiden Treppen waren bald von Menschen versperrt und der enge Eingang, in wel— chen unten beide ausmünden, war von einer wie wahnsinnig sich drängenden Menge erfüllt. Männer, die vor der ih—- nen unbekannten Gefahr fliehen wollten, schoben und drückten einander vorwärts und Einige wurden dabei über ihre Vor—- dermänner, die nicht schnell genug vor—- wärts kamen, erzürnt, worüber eine Schlägerei an der Thüre entstand. Hier— durch wurde die Menge einen Augenblick zurückgehalten und dies war das Signal des Todes für elf Personen und die Ur— sache-der Verwundung von etwa 75 Per— sonen. Der durch den Kampf an der Thüre entstehende Aufenthalt machte die dahinter befindliche Menge vollends wie rasend und Mehrere fielen und sprangen über die Bretterwand an dem oberen Ende der Treppe und fielen den darunter Be—- findlichen auf den Kopf.. Die Schwäche ren wurden unter den Füßen der Stär— keren niedergetrampelt und verstümmelt. Frauen und Kinder und selbst starke Män— ner stießen Schmerzensrufe aus und ein unbeschreiblicher Auftritt des Schreckens, der Verwirrung und des Todes erfolgte. Der Geistliche suchte vergebens den pa nischen Schrecken zu beschwichtigen, indem er eine Hymne anstimmte, welche einige in der Nähe der Kanzel Befindliche mitsan gen, die ihre Plätze behalten hatten, weil sie keine anscheinende Veränderung be merkt hatten und keine Ursache für den Schrecken sahen. Aber die Anstrengun gen des Pasiors waren erfolglos, die von Schrecken erfaßte Menge ließ sich nicht zu— rückhalten. Die Bänke wurden von der drängenden Menschenmasse zerbrochen und das Gleiche geschah mit den starken Thü ren und hölzernen Scheidewänden unten. Als die Menge die Treppe versperrt sah, stürzte sie nach den Fenstern, brach das Glas heraus und riß die Läden weg. An die Südseite der Kirche grenzt das Labo ratorium von Dr. I. P. Barnum an die Fenster, welche etwa 15 bis 20 Fuß vom Boden sind und etwa hundert Personen retteten sich, indem sie auf das Dach des Laboratoriums sprangen. Viele spran gen die ganze Höhe bis zum Boden herab, doch kam seltsamer Weise keiner derselben zu Schaden. Dr. Barnum und seinClerk, Hr. Thos. Fountain, eilten in den Hof und fanden den Corridor am Eingang von einer Masse Menschen versperrt, die acht bis 10 Fuß hoch auf einander lagen. Vor der Thür lag eine Masse zerstampfter, zappelnder menschlicher Wesen. Die Polizisten Emlow und Martin wa ren in der Nähe und kamen bald herbei, um zu versuchen, ob sie den Menschen knäuel nicht entwirren könnten; doch ohne Erfolg. Ein Bote wurde nach dem Spritenbaus geschickt, aber die Botschaft wurde nicht verstanden und der Feuera larm gegeben; bald kamen die Spritzen herbei, gefolgt von einer Menge Neugie— riger, wie sie sich bei jedem Feuer einzu— stellen pflegt. Natürlich vermehrte dies nur die Verwirrung und Aufregung. Die Haken- und Leiter-Compagnie legte je— doch bald ihre Leitern an die Vorderfen—- ster an und schafften so die vom Schre cken Erfaßten aus dem Gebäude. Die haufenweise vor der Thür liegenden Ver—- letzten und die im unheilvollen Corridor liegenden Todten und Sterbenden wur— den weggeschaft. Drei Todte fand man außerhalh der Thür. Sie waren nur aus dem Gebäude entkommen, um draußen ertreten und erdrückt zu werden. Manche, die unver sehrt entkommen waren, machten verzwei—- felte Anstrengungen, um zurückzukehren und Anverwandte oder Freunde zu retten. Die neugierigen Zuschauer drängten sich um den Eingang herum und alle Anstren gungen der Polizisten und einiger Bür— ger waren erforderlich, um sie abzuhalten. Schließlich war das Menschengetüm mel entwirrt und man fand, daß elf Per sonen getödtet und 75 bis 100 Personen mehr oder weniger verletzt worden waren. Auf der Treppe und im Saale fanden sich die schrecklichen Spuren des Kampfes; zerbrochene Kirchenstühle und Thüren, Blutflecke, Haarbüschel, zerknitterte Frau—- en-und Männer-Hüte, Bänder- und Kleiderfetzen, zerrissene Mäntel und Schleier lagen auf dem Boden herum. Die Verwundeten wurden theils in der Kirche, theils in Dr. Barnum's Apotheke verbunden und ärztlich behandelt. Die Todten wurden in das Erdgeschoß der Kirche gebracht, auf Bänke und auf dem Boden vor dẽm Altar gelegt, und dann mit der Identifikation begonnen. Es waren neun Frauenzimmer und zwei Kinder; ihre Gesichter hatten alle einen ruhigen Ausdruck und trugen keine Spur von dem schrecklichen Kampfe. Sie star ben, wie die Untersuchung ergab, an Er— stickung. Während des Tumultes verbreitete sich das absurde Gerücht, daß Studenten der Medizin sich der Leichen bemächtigen wollten, doch gab die Anwesenheit des Bundes marschalls, General Eli Murray, der den Verwundeten werthvolle Hülfe leistete, den erschrockenen Negern die Ga—- rantie, daß ihre unbegründete Befürch—- tung sich nicht bewahrheiten werde. Bis zu später Nachtstunde war eine Menge Zuschauer an der Unglücksstätte. Bene dekt. 7 Laut einer Kabeldepesche starb am 20. Oktober in Gratz in der Steiermark der österreichische Feldzeugmeister Ludwig von Benedek. Derselbe wurde im Jahre 1804 zu Oedenburg in Ungarn geboren und kämpfte seit dem Jahrelß4B rühmlichin den Feldzügen in Italien, namentlich 1859 als Corpsführer in der Schlacht von Solferino. Nach dem Frieden von Villa— franca wurde er zum Feldzeug meister und und Generalgouverneur von Ungarn er— nannt, im Nov. 1860 aber als Oberbe— fehlshaber an die Spitze der österr. Armee in Italien gestellt. Beim Ausbruche des Kriegs gegen Preußen 1866 erfolgte seine Ernennung zum Oberbefehlshaber der Nordarmee. Benedek besaß das Vertrauen des Kaisers und der Armee. Doch wirk— ten viel ungünstige Verhältnisse ein, daß er dies Vertrauen nicht rechtfertigen konn te, und dazu war er wohl auch seiner schwierigen Aufgabe nicht gewachsen. Zu— erst zog er seine Hauptmacht bei Olmütz zusammen. Am 17 Juni aber marschirtẽ er nach Böhmen ab, wahrscheinlich um den Prinzen Friedrich Karl in der Lausitz anzugreifen und so von dem Kronprinzen von Preußen, der bei Neisse stand, zu trennen. Benedeks Kriegsplan ist ein Geheimniß geblieben. Das 1. österr. Corps (Clam-- Gallas) an der sächsisch- schlesischen Grenze wurde durch die Zusicherung des Ober— feldherrn, daß er mit dem 4. Corps Un— terstützung leiflen werde, veranlaßt, der Armee des Prinzen Friedrich Karl stand zuhalten, und sah sich mehrimals von die— sem geschlagen. Benedek selbst aber fand sich in seiner Absicht durch den Einmarsch der schlesischen Armee gestört, gegen welche er seine Corps einzeln verwendete und diese ohne Unterstützung auch einzeln schla gen ließ. Nach diesen Niederlagen con centrirte Benedek seine ganze Armee, nebst den Sachsen, welche sich schon mit deml. Corps vereinigt hatten, in der ausge wählten und zu einer Defensivschlacht, besonders für die Artillerie, künstlich ver stärkten Stellung bei Königgrätß. Hier wurde er am 3. Juli angegriffen und ent scheidend, bis zur Auflösung seines Hee res geschlagen. Er ordnete dasselbe wie der in dem befestigten Lager von Olmütz, aber der Feind kam ihm dahin nicht nach, sondern trat den Marsch auf Wien an. Nur die Sachsen und einen kleinen Theil seiner Armee hatßenedek nach der Haup— tstadt zurückgeschsekt. Nunmehr erhielt der Erzherzog Albrecht den Oberbefehl über alle kaiserlichen Streitkräfte, unter welchen also auch B. trat. Er sollte alle noch bei Olmütz ste henden Truppen in die Stellung bei Wien rücken lassen; allein die Preußen hatten die Eisenbahnen schon besetzt und nöthig— ten Benedek dadurch; auf das linke Ufer der March auszuweichen und seinen Rück— zug über Presburg nach Wien zu neh— men. Dabei kam es noch zu dem Gefecht bei Blumenau, dem letzten des Krieges. Nach dem Frieden trat Benedek in In activität und wurde von vielen Seiten, selbst officiell, wegen seiner Kriegführung scharf angegriffen. Allerlei. Lillie Pectham, die Frauen--Rechts- Frau, starb jüngst in Milwaukee, in dolge der Wirkung eines russischen Ba— es. Dumas wird demnächst ein von seinem Vater vor zwanzig Jahren ge schriebenes Drama, „Les Ames Vaillan tes,“ produziren. Die jungen Damen von St. Louis nahmen sich ein Beispiel an einer Kame— radin, welche sich ihren Hals verrenkte, als sie einen Kuß vermeiden wollte. —ln Lankaster, N. H., wurde Schnee, reife Himbeeren, Erdbeerenblüthen und andere Sellenheiten seit dem 13. Oktober gesehen. Die Hamburger haben dem Kaiser und der Kaiserin von Brasilien, welche die Stadt auf ihrer Reise berührten, das Ehrenbürgerrecht verliehen. Gen. Cluseret, welcher bekanntlich aus Paris entkam, hält sich zur Zeit iu Lübeck, Deutschland, auf. Ein Chicagoer Zeitungsjunge hat sich in Detroit für 900 Grundeigenthum gekcuft und zahlte Alles in 5 Cent Stü— den, die er sich in fünf Jahren erspart hatte. Es nahm zwei Stunden Arbeit für drei Clerks das Geld zu zählen. französische Gefangene. Von diesen müssen 10 die ihnen zuerkannten Stra— fen absitzen und einer liegt krant im Ho—- spitale. Der König von Würtemberg hat dem österreichischen Staatskanzler Gra— fen Beust das Großkreuz des Ordens der Würtembergischen Krone verliehen. Auf dem Schutthaufen des frühe— ren MeVickers Theater in Chicago liest man auf einem dort als Schild aufgesteck ten Breit: „Wegen Reparaturen vorläu— sig geshlossen Der Antrag des Senators Deuster, die Legislatur Wisconsins solle gegen die Grant'schen Waffenlieferungen zrank— reich Vorstellungen erheben, ward von dem radikalen Committee, an welches der Antrag verwiesen worden, mit souverän— ster Verachtung gegen die deutsche Bevöl kerung des Staates begraben. Der Regierungsarchitekt Mullett soll einem Berichterstatter gesagt haben, daß er nur ein wirklich feuerfestes Gebäude in den Ver. Staaten kenne, und das seien die Appraisers-Stores in Philadelphia. Auf Corsica soll es fast keinen 2 zigen Mann geben, welcher nicht mit der größten Wollust seinen letzten Blutstro pfen für ein Mitglied der Familie Bona— parte opfern wollte. Die Corsicaner hal— ten den Namen des ersten Napoleons noch beinahe heilig und nennen ihn „ihren Gottigleichen Landsmann“ und den größ— ten aller „corsikanischen Helden.“ Zwei neue „Sterne“ sind am Kunst— himmel New-York's aufgegangen: Die Mezzosopranistin Philomene Lamara u. der Piano Virtuose und Componist J. H. Bonewitz (beides Deutsche) producir ten sich am Sonntog vor einem gelade— nen Auditorium in „Chickering Hall“ und die Presse spricht sich einstimmig dahin aus: daß Beide ganz Außerordentliches leisten. Nächsten Winter wird wahrschein—- lich von Neuem ein Versuch gemacht wer— den, um ein internationales Verlagsgesetz im Congreß zu passiren. Diejenigen, welche das Projekt in Händen haben, be haupten auf vollständige Unterstützung in England, Frankreich und Deutschland bauen zu können. Eine eigenthümliche Bemerkung. Der „Washingtoner Anzeiger“ sagt, daß Salomon im Gouverneurs-Amte des Washingtoner Gebietes verbleiben werde. Der Artikel, vorgeblich eine Erwiderung auf einen Artikel in einem Baltimore Blatte schließt: „Dennoch wollen wir dem Baltimorer Blatte und seiner „guten Au— torität“ das volle Zugeständniß machen, daß Gouv. Salomon ein fähiger Mann ist, allein, ob ehrlich, das ist die Frage. Eine Delegation von Republikanern aus Texas befindet sich jetzt in Washing don, um bei dem Präsidenten darüber zu tlagen, daß die Corruption unter den kortigen Bundesbeamten die dempkrati— sche Partei in den Stand gesetzt habe, bei der neulichen Watl den Sieg davon zu tragen. —Das deutsche Lyceum in Straßburg geht rüstig seinen Gang; es ist schon jetzt von mehr als 190 Schülern, darunter 40 —SO Elsässer, besucht. Der Kaiser von Deutschland hat von dem Kaiser von China den Titel „Hwangti“ erhalten, den höchsten Ehren titel der Chinesen. Der Kaiser Wilhelm soll sich sehr glücklich fühlen. —Die Räumung der sechs in dem deutsch französischen Vertrag genannten Depar— tements begann am 21. Okt. und soll gegen Ende December vollendet sein. Mit Rücksicht auf die Zustände in Mecklenburg wird von den liberalen Par— teien ein Antrag vorbereitet, in die Reichs verfassung die Bestimmung aufzunehmen, daß jeder Bundesstaat eine wirkiiche Landesvertretung haben muß. Das Gepäck des berüchtigten Bul— lock von Georgia, welches zur Verschiffung bereit war, wurde Schulden halber von dem Sheriff mit Beschlag belegt. —Das für den Kaiser Alexander bestimm— te Weihnachtsgeschenk der Königin Vic— toria wird aus sechs Schafen aus den Rorthumberland Heerden bestehen. Meint sie damit, ihm die Wolle über die Augen zu ziehen Ein glänzender Tenor, Namens De villier, heißt es, hat sich zu Bolognẽ sur Meer aufgedreht. —Die radikalen Diebstähle seit 1860 werden zu vierhundert Millionen Dollars geschätzt, welche das Bolk durch die Steuern bezahlt hat, oder noch bezahlen wird. Dies schließt die hundert und zwanzig Millionen, die von den Carpat—- baggern im Süden gestohlen wurden nicht mit ein. Der N. fr. Pr. telegraphirt man von Berlin. In Reichstagskreisen beräth man über die geeignete Form einer Kund gebung der Sympathie des deutschen Reichstages mit den Bestrebungen der Zercysiages anit den Beltr Creswell hat seinen Unterbeamten verboten, den Präsidenten in der Annah— me von Geschenken nachzuahmen. Professor Agassiz steht im Begriffe, sich auf eine Erforschungs-Expedition um das Cape Horn und an die pacifische Küste zu begeben. Der Schwiegervater eines Vetters einer Schwägerin des Präsidenten Grant wurde glücklicherweise in der vorigen Wo—- che mit einem Amte in Ohio versehen. Es wird berichtet, daß der Senator Wilson von Massachusetts in einer neu— lich abgehaltenen Rede in New-Jersey ge sagt habe: „Ich glaube die Republikaner haben fich entschlossen, Generl Grant zu nominiren.“ Der gegenwärtige Gouverneur Ca— dey von Georgia ist gegen die gemischten Schulen. Er glaubt, daß eine Trennung für beide Racen besser sei. Dies ist die Ansicht der denkenden Männer aller Par teien im Süden. Felix Pyatt entkam in einem Sarge und einem Leichenwagen aus Paris. Cine trauernde Witiwe begleitete ihn. Ihr verzweifelndes Aussehen änderte sich jedoch, als sie und ihr,Verstorbener“ sich an Bord eines englischen von Havre ab— fahrenden Dampfers, sicher wußten. Ein unternehmender Yaükee hat so eben einen Laden an einer der Haupt— straßen in Paris eröffnet und kündigt auf dem Schilde vor seiner Harsthür an, daß „Kürbiß- und Fleischpasteten und Schwei— nefleisch und Bohnen a la Amerscaine“ immer vorräthig und sofort nach Bestel lung zu haben sind. Ein Redner bemerkte auf der zu Pittsburg abgehaltenen Frauen-Stimm— rechts-Vereins-Versammlung, daß ein Mann nur ein unvollkommen entwickeltes Weib sei. Ein Paar Damen aus Californien haben eine Office in New Yort unter der Firma „White u. Morrill“ eröffaet, und beschäftigen sich als photographische Be— richterstatter. Ben Conley, der nene Gouverneur von Georgia, hat alle Proklamationen, worin für Verbrecher Belohnungen aus—- gesetzt werden, und alle Berordnungen, die die Zeitungen zur Veröffentlichung von Proklamationen ermächtigen, wider— rufen. Das Widmungsgeschäft hat in Deutschland durch den Kronprinzrn von Preußen eine heilsame Erschütterun ger— fahren, indem derselbe die Widmungs- Annahme von 92 verschiedenen Büchern ablehnte. Ein junger Mann ertränkte sich zu Carlisle in England und ließ eine Notiz zurück, worin er bemerkt, daß die Darwi—- nische Theorie bewiesen habe, „daß die Menschen von Affen abstammen“, und deshalb wollte er nicht länger leben. Roelenranh Telegraph. Großbritannien. London, 10. Nov. Eine Depesche von Dublin meldet, daß Kelly von der Ermordung des Constabler Talbot frei gesprochen worden ist. Die Ankündigung wurde mit großen Freudenbezeugungen in Dublin empfangen. Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Eine neue Compagnie ist gebildet wor—- den, um fahrendes Eigenthum für die Atlantie- und Great Western Eisenbahn zu liefern. Das Capital von fünf Mill. Dollars wurde zweifach in zwei Tagen unterschrieben. London, 11. Nov. Der Dampfer „Holsatia“ von der Hamburger Linie stieß bei der Abfahrt von Plymouth auf der Fahrt nach Hamburg mit einem Schooner zusammen, welcher versank, wobei die ganze Schiffsmannschaft um— kam. Frankreich. Paris, 10. Nov. In einer Unter— redung erklärte Präsident Thiers mit Be stimmtheit, daß, wenn die gesetzgebende Versammlung im Anfang Dezember zu sammenkommi, er der Regierung vorschla gen werde, der provisorischen Regierung Regierung ein Ende zu machen und eine entgültige Republik zu begründen. Paris, 11. Nov. Fürst de Chigi Albany, der päpstliche Nuntius, hatte ge stern eine Zusammenkunft mit dem Gra— fen de Remusat, dem Minister der Aus— wärtigen Angelegenheiten. Der heutige Constitutionel sagt, daß sie den bevorstehenden Protest des Papstes discutirien, in welchem sich der Heilige Vater als den alleinigen König von Rom erklären und seinen Entschluß ankündigen will, keinen officiellen Berkehr mit irgend eiuem auswärtigen Repräsentanten haben zn wollen, der sich am Hofe oder nahe der Person des Victor Emanuel befindet.