das Feuer sich ein Spielzeug ausgesucht hätte, bis mit einem Schlage ein Gebäude nach dem anderen das Schicksal der ihnen vorangegangenen Hänser theilte. Immer weiter nach Norden wälzten sich die Flammen und entsendeten ihre Querläufer nach Westen und nach Osten. Monroe, Madison, Washingion, Ran—- dolph Straße brannten westlich von Wells Straße bis zum Flusse. Daß die Flam men den Fluß dort nicht überschritten, rettete die Westseite. Nordöstlich vom Courthause hielt das Shermanhaus am längsten Stand. Eine ganze Stunde lang hoffte man, es erhalten zu können, selbst als die Flammen schon alle es um gebenden Häuser ergriffen und verzehrt hatte, reckie es seine weiße Marmorfront stolz in die Hbhe. Im Hotel selbit herrschte ein unbeschreiblicher Wirrwarr. Etiva dreihundert Zimmer waren be— setzt, die Fremden meist erst kürzlich ange— ommen, hülf- und rathlos in einea Stadt, die an allen Ecken und Kanten in kßrand gesteckt zu sein schiend Vieler be mächtigte sich eine solche Verzweiflung, daß sie nicht wußten, was zu thun, und der Umstand, drß unter den Ruinen des Shermanhauses schon mehrere verkohlte Leichen gefunden wurden, bestätigt voll— auf obige Behauptung. Auch dasSher— manhaus mußte schließlich weichen. Mit Tagesanbruch lag es in Schutt und Asche. Hier sei es uns gestattet, einen Augen blick abzuschweifen. Es mochte, wie schon gesagt, etwa 3 Uhr sein, als die Court— hauskuppel einftürzte, als plötzlich die wenigen, that- und rathlos auf der Süd— seite in der Nähe der Wellsstraßenbrücke stationirten Spritzen Kehrt machten und nach Norden donnerten. Aller Augen folgten ihnen. Neuer Schrecken und neues Elend. Im Nordosten der Stadt, ein und eine halbe Meile vom Courthaus entfernt, färbte sich der Himmel ebenfalls blutroth, auch auf der Nordseite wüthete ein großes Feuer. Lills Brauerei, in der Nähe der Wasserwerke war durch einen Funken von der Südseite in Brand ge—- rathen und während die Bewohner der Nordseite nun wie von Furien gepeitscht, nach Hause jagten, erfüllte neuer Schre cken die Stadt. Ein Schlag als sollte die ganze Hölle auf uns losgelassen werden und es herrschte tiefste Finster niß! Die Gasanstalt war explodirt, auf der Nordseite wurde das Gas abgesperrt. Und noch nicht genug des Jammers! Kaum eine halbe Stunde später und die Wasserwerke brannten, und auch sie ver sanken, auch sie! Das war der schauerlichste Augenblick der schauerlichen Nacht. Das war die Zeit, wo Jeder sich für verloren hielt und gar Mancher sein müdes Haupt hinlegte und zu stetben wünschte. Kein Gas, um zu sehen, kein Wasser, um die lechzende, am Gaumen klebende Zunge zu netzen, keine Hülfe in Aussicht, kein Ausweg aus der Gefahr. Im Norden der Stadt brannte es, die Südseite stand in hellen Flammen, die Westseite lag theilweise schon in Asche, von den gewaltigen Bau—- ten des Geschäftstheiles verschwanden mit jeder Minute mehr. Aber auch nur ei— nen Augenblick lähmte die Todesangst die Glieder. Dann erhob das Leben wieder seine Rechte, der Selbsterhaltungs trieb fand einen Ausweg. Und immer weiter nach Norden wälzte sich das Feuer auf der Südseite. Mit Tagesanbruch hatte es schon Lakestraße erreicht. Neue Nahrung fanden die immer größer wer—- denden Flammen, immer wilder wurden sie von dem Sturme angefacht, an der Dearbornstraße fiel das Tremonthaus wie sein großer Rivale, das Shermanhaus, in Nichts zusammen, jetzt ergreift das Feuer auch die Südwafser und River— straße, Michigan und Wabash Avenue mit ihren Großhandlungen waren schon vorangegangen und vom See bis zum Flusse war Nichts als eine mit Ruinen bedeckte Gede, wo Tags zuvor hundert tausend Menschen ihren Reichthum nach Hunderten von Millionen berechnet hat—- ten. Auch die Theater waren dem Feuer zum Opfer gefallen. Und ihr Verlust war ein um so bedeutender, als sie nach lan— gen Sommerferien, die zum Renoviren benutzt waren, einer recht nutzbringenden Saison entgegensahen. Crosby's Opern—- haus in Madisonstraße war nicht nur das größte und schönste Theater der Metropole des Westens, auf dessen Um- und Ausbau eben erst $50,000 verausgabt waren, sondern auch der Tummelplatz und die Heimath aller Künstler. Hier hatten die Muñfiker ihre Salons, Ziegfelds Conser vatorium, Balatka's Musiksaal, Bauers Musikalienhandlung, ebenso wie Root und Cady, Kimball und viele andere Musiker hatten sich hier niedergelassen. Die Malerei hatte in Aiken u. Fuller's Academie Förderung gefunden. Von deutchen Privat-Atelier's, die zu Grunde gingen, sei C. F· Schwerdt, Wallis und Goldsticker erwähnt. MeVicker's Theater, über dem „Tribune“-Gebäude, ein nach dem Neubau schmuckes Haus, das zierliche Hooley'sche Opernhaus, das veliebte Minstrel-Theater in der Dear—- born-Straße, auch das mehrere Stufen niedriger stehende Olympic Theater in der Süd-Clark-Straße verschwanden von der Erde und das deutsche Theater, wel ches Frau Louise Thielmann mit großen Opfern just eine Woche vorher auf der Nordseite errichtet hatte, konnte dem all— gemeinen Schicksal nicht entgehen. Noch zwei Gebäude waren es, die im Geschäftstheile der Stadt von jedem Bür— ger mit Stolz beirachtet wurden, der Dra ke- Block, in welchem John V. Farewell sein Geschäft hatte, und Field und Lei—- ter's gewaltiges Ellenwaaren-Geschäft an State-Straße. Auch sie mußten fallen! Für die in dieser Gegend wohnenden Leute, sowie für die um Rettung ihrer Waaren besorgten Kaufleute gab es bals nur noch einen Ausweg an das Seeufer. Und hier entwickelte sich denn auch ein Durcheinander, das zu beschreiben zu den Unmöglichkeiten gehört. Aus den Holels hatten sich die Fremden hierher gerettet, in den wunderlichsten Aufzügen und oft nur sehr mangelhaft bekleidet. Dicht an das Ufer des zischende Wellen aufwerfen den Sees drängten sich hier Tausende u. Abertausende. Wagen, hochbeladen mit kostbaren Stoffen, wurden hier abgela—- den und jagten zurück, neue Ladung zu holen, ohne daß Jemand zurückblieb, das Gerettete zu bewachen. Namentlich der große Spielplatz des Base-Balls-Clubs ward wegen der mit ihm vorausgesetzten Sicherheit gesucht. Es glich dem riesi gen Feldlager einer auf der Flucht befind lichen Armee. Das Schicksal hatte die Leute wild zusammen gewürfelt. Manche hatten in der Angst nichts gerettet, als ihr nacktes Leben, Andere hatten nichts mitnehmen können, als einen Lieblings vogel oder einen Hund. Mehrere Künstler aus dem Opernhause hatten schnell die werthvollsten Bilder aus den Rahmen geschnitten und sie zusam—- mengerollt, ebenfalls an das Seeufer ge reitet. Dazwischen wieder Pferde und Wagen, auch einzelne Kühe aus der Um—- gegend. Millionäre wußten nicht, ob sie Bettler seien, jammernd durcheilten die Leute die Gruppen, um nach Angehöri gen zu suchen, in den meisten Fällen, ohne sie zu finden. Es waren auf dem Spielplatze des Base-Ball-Clubs gerettete Sachen im Werthe von vielen Millionen aufgehäuft. Hier hielt man sie sür sicher, hier glaubte man endlich dem Verderben entronnen zu sein. Die Aermsten sollten bald eines Besseren belehrt werden. Das Unglück reitet schnell. Nach kaum einer Stunde der Erholung und des Aufath— mens geriethen auch die, den Spielplatz einschließenden Zuschauertribünen in Brand und in kaum nennenswerther Frist verwandelten sich alle die geretteten Millionen in Asche. Jammernd und ge— brochen aber setzten die ihrer letzten Habe Beraubten die Flucht weiter nach Süden fort und fanden wieder am Seeufer end— lich einen Platz, an dem ihr Leben we—- nigstens nicht mehr in Gefahr war. Die Nordseite. Während auf der Südseite das Feuer die prächtigen Geschäftssiraßen einäscherte, während schon Menschen in großer Zahl unter den Trümmern begraben lagen, häite die Nordseite noch nicht die geringste Ahnung von der ihr drohenden Gefahr. Allerdings verschloß man sich nicht der Ansicht, daß die immer wilder herum— sprühenden Funken auch auf der Nord—- seite ein Haus oder das andere in Brand stecken könnten, aber man dachte, daß man durch Achisamkeit schnell wieder zu löschen im Stande sein würde. Noch um 1 Uhr Nachts waren in einigen Vergnügungs— lokalen Vereine zusammen. Erst um diese Zeit trennte man sich, weniger aus Angst vor der jeden Einzelnen bedrohenden Ge—- fahr, als weil sich das Gefühl dagegen sträubte zu tanzen, während im anderen Stadttheil eine schreckliche Catastrophe sich ereignete. Gegen 1 Uhr fing denn von der Nord— seite aus eine Völkerwanderung nach der Südseite an. Von Minute zu Minute vergrößerte sich die Zahl der dorthin ei— lenden Neugierigen. Immer mehr Wa—- gen aller Art wurden bespannt um Freun den auf der Südseite beim Retten behülf lich zu sein. Bald war die Wellsstraße blockirt vor der in einer Richtung strö— menden Menge. In demselben Maaße aber, als die Helle zunahm, litt es auch Niemanden mehr in seinem Bette und gegen 3 Uhr gab es wohl nur noch sehr wenige Leute diesseits Chicago Avenue, die nicht ängstlich auf der Straße waren. Denn bis dahin hatte man bereits eine Ahnung von dem, was sich zutrug; aber auch nur eine Ahnung. Einzelne Leute, die zu Pferd, zu Wagen oder zu Fuß wie—- der zurückstürmten, schrieen die Straßen entlang „daß die ganze Stadt zum Teu fel gehe,“ „daß auch die Nordseite daran glauben müsse,“ daß das Feuer ihnen auf dem Fuße folge.“ Eine Bestätigung schien diese düstere Prophezeihung zu finden, als plötzlich herzerschütternd und grausig die Courthausglocke ihren Grabgesang anstimmte und Sturm läutete. Und in demselben Augenblicke röthete auch heller Feuerschein den Himmel im Nordoften. Lill's Brauerei hatte Feuer gefangen. Mit einer oder zwei Spritzen, die schnell an die Stelle der neuen Gefahr eilten, strömten auch Tausende der Nordseiter zurück, eben so viele jedoch, die] von der ihnen selbst drohenden Gefahr nichts wuß ten, blieben zurück und hatten neben den Verlusten, die sie erleiden mußten, auch noch das unbeschreibliche Herzeleid und die Vielen dem Wahnsinne nahebringende Todesangst auszustehen, 48 Stunden von ihren Angehörigen getrennt zu sein, ohne etwas über deren Schicksal erfahren zu können. Denn es dauerte nicht lange bis auch die Brücken abgebrannt waren, bis sich der Tunnel mit hineinstürzenden Trümmern und erstickendem Dualme füllte und so jede Verbindung zwischen Nordseite und Südseite abgeschnitten wurde. Die Flammen in Lill's Brauerei grif— fen so schnell um sich, daß nach einigen Minuten alle Gebäude davon ergriffen waren. Der heftige Südwind trieb die Flammen zunächst nordwestlich in die Ge gend von White, Whiting, Oak, Elmstr. und über die Caß und Rushstraße hin weg. So war es denn dieser Stadttheil, der seiner Lage wegen am See für sehr sicher gehalten werden konnte, der zuerst den Flammen zum Opfer fiel. Unsere gefeierte deutsche Prima Donna, Frau Huck, die in der Oakstraße wohnte, und deren Gesundheitszustand nicht sehr fest war, weil sie erst kürzlich ihren Gatten mit einem Sohne beschenkt hatte, gehörte zu denen, die zuerst abbrannten. An der Statestraße und Oak befindet sich ein großer freier Platz. Hierher retteten die plötzlich ohne Warnung befallenen Leute das Wenige, was sie von ihren Habselig keiten retten konnten. Sie retteten es hierher, um es nachher vor ihren Augen verbrennen zu sehen. Neuer Schrecken! In den Häusern er losch plötzlich das Gaslicht. Während draußen der blutrothe Himmel seine ent— setzliche Geschichte erzählte, herrschte in den Häusern tiefste Dunkelheit und als ob auch das noch nicht genug gewesen, ver— sigte kurz darauf das Wasser, denn auch die Wasserwerke, der Stolz der Stadt, ein Monument des Unternehmungsgei—- stes, waren den Alles verheerenden Flam— men zum Opfer gefallen. Kein Licht! Kein Wasser! In dunkler Nacht ohnmächtig vom Feuer verfolgt! Denn dem Schrecken gesellte sich der Etreden immer von Neuem hinzu, kein Ende gab es der zerschmetternden Nach— richten. An der Clarkestraßenbeücke hatte das Feuer gegen 3 Uhr den Fluß über— schritten. Nicht überschritten, übersprun— gen! Mit gewaltigem Satze hatte es das Reverehaus ergriffen, das bedeutendste Hotel der Nordseite. Das Schicksal der Nordseite war besiegelt. Wie ein Ertrin— kender sich an einen Strohhalm klammert, so setzten die Deutschen auf der Nordseite ihre Hoffnung auf jede, auch die leiseste Veränderung des Windes. Und als ob sie gelähmt wären von der Angst legten Viele die Hände in den Schooß und scho ben die Rettung ihrer Habseligkeiten bis auf die letzte Minute hinaus, bis es zu spät war. Ohne Erbarmen, stetig, immer schneller, zuletzt im Geschwindschritt ging es vorwärts, vorwärts. Mit jeder Mi— nute wuchs die Zahl der plötzlich zu Bett lern gewordenen Deutschen um Hunderte. Denn es war schon nicht die Clarkstraße allein, welche brannte, auch die Wells— straßenbrücke stand in vollen Flammen unb oben im Nordosten kämpfte sich das Feuer auf eigene Faust durch. In drei Colonnen erfolgte der Angriff. Und es würde Menschenkraft übersteigen, genau dem Vordringen zu folgen. Die Clarkstraße hinauf ging es am schnellsten. Während es an der Ecke der Clarkstraße und Chicago Avenue schon in lichten Flammen stand, hielt das deutsche Haus an der Wellsstraße, das erst vor Jahres frist eine so schöne Umwandlung erfahren hatte, die Flammen mehrere Stunden auf und an der La Salle und Ohiostraße bot der Kirchthurm der Pastor Hart— mann'schen Kirche den Flammen ein Spielzeug, mit dem sie sich auch eine Stunde lang beschäftigten. Ganze Blocks standen mit einem Male in Flammen, Leute, die noch Stunden lang Zeit zu haben glaubten, dankten ih— rem Schöpfer, wenn sie mit dem nackten Leben davon kamen. Und ganze Blocks wurden von den Flammen übersprungen; was sie ausgelassen hatten, konnten sie ja so bequem nachholen. Denn der Wind, der die Flammen vorwärts trieb, konnte nicht verhindern, daß sie auch rück wärts alles aufleckten. Chicago war buchstäblich eine Zunderbüchse geworden und die Nordseite am allermeisten. Auf den Straßen aber bot sich ein be wunderungswürdiges Schauspiel; jeder Mensch wurde zum Helden. Kaltblütig u. als ob sie selbst unbetheiligt dabei seien, ruhigen Blickes, handelten die Tausende, die nach jahrelangem Ringen von vorne anfangen mußten. Die große Armee der Achtzigtausend Bewohner der Nordseite war auf's Haupt geschlagen. Immer wilder wurde die Verfolgung. Nach ein— ander waren Uhlichs Block, der Morri son Block, Magees Block, das Clarendon haus, das Humboldhaus mit Krachen und Dröhnen in Asche und Schutt ver— wandelt, bald mußte auch die Turnhalle der Nordseite folgen. Zwar wurde die Gedenktafel, die zu Ehren der im Rebel— lionskriege gefallenen Turner im Lese— zimmer errichtet war, gerettet, Alles an— dere aber verging. Rechts und links von der Turnhalle waren neue Pracht bauten beinahe der Vollendung entgegen geführt. Auch sie verschwanden. Noch eine Hoffnung verblieb. Gleich hinter der Turnhalle befinden sich die aus gedehnten Gärten von MeCagg und Og— den, sowie der Washington Park, etwa 1000 Fuß lang, mit nur wenigen Ge— bäuden in der Mitte. Den schmalen Fluß hatte das Feuer überspringen kön— nen, der weite, breite Raum wird ihm Einhalt gebieten. So dachte man. Thö— richte Hoffnung, getäuschtes Erwarten. Und wenn der offene Raum doppelt so breit gewesen wäre, er hätte das Schicksal der Stadt jetzt nicht mehr abgewendet wendet. Von da an, wo die Flammen die Chicago Avenue erreicht hatten, konnte man ihr Vordringen auf die Minute be—- wachen. Allerdings hoffte man, daß die Westseite der Nordseite, etwa westlich von Wells Straße erhalten bleiben würde, weil der Wind sich in Südwest gedreht hatte und die Flammen in die See trieb. Aber immer, wenn man anfing, Athem zu schöpffen, sprang der Sturm, wie von Dämonen gepeitscht um und fügte neuen Jammer zu dem alten. Die Unkenntniß dessen, was in den an dern Theilen der Stadt vor sich ging, trug wesentlich dazu bei, die Verwirrung zu erhöhen. Die Südseite war in Asche, wie es auf der Westseite aussah, getraute man sich nicht zu fragen. So flohen denn die Meisten immer nach Norden, immer in gerader Linie vorwärts, vor den scho nungslosen Flammen einher. Einmal mußte doch ein Ende kommen, einmal mußte die Rettung kommen. Aber sie kam nicht. Der Strom der Fliehenden schwoll mächtiger an. Bald konnten die Wagen nicht mehr vorwärts. Das war eine Völkerwanderung, wie sie die Erde nicht wieder sehen wird. Was zwanzig— jährige Arbeit und Fleiß mühsam errun gen hatten, lag wild und wirr auf den Karren zusammengeworfen. Frauen mit Kindern auf dem Arme und einen Kana— rienvogel in der Hand; Männer, die ihre schwächlichen Angehörigen trugen, Kinder die nach ihren Eltern jammerten, dazwischen Kühe, das einzige Besitzthum einer alten Frau, Buggies hoch aufbela den mit Betten, bildeten ein unentwirrba—- res Choos. Von der ungewohnten Last brachen die Wagen zusammen und kost bare Gegenstände lagen mitten auf dem Damme und hinderten Tausende anderer Wagen am schnellen Fortkommen. An allen Ecken und Kanten erhob sich Streit mit den Besitzern von Wagen, die aus der allgemeinen Noth Vortheil zu ziehen ver— suchten. Manchen Schusten war das ent— setzliche Brandunglück eine erwünschte Ge— legenheit zu plündern. Sie forderten bis zuhundert Dollars für den Tran sport einer Fuhre Möbel von einem vom Feuer bedrohten Hause nach einem sicher scheinenden Platz. Unbemittelten Leuten, welche einen solchen Sündenlohn nicht zahlen konnten, blieb nichts übrig, als ihr Eigenthum, ihre ganze Habe im Stich zu lassen. Neben der Schlechtigkeit Ein— zelner zeigte sich auch die Hochherzigkeit vieler Anderer im glänzendsten Lichte Viele Expreßleute fuhren zu ihren alten Preisen, es sind Fälle bekannt geworden— in denen Einige absolut die Annahme jeder Bezahlung verweigerten. Im All gemeinen half Jeder, wo er helfen konnte, ohne viel zu fragen, ohne Antwort oder Dank zu erwarten. „Ich bin fertig“ das war Alles, was zwar mit zuckendem Munde, aber ohne eine Thräne zu ver—- gießen, ein Freund dem noch nicht abge— brannten Freunde antwortete, wenn er sich bei ihm zur Hülfe meldete. Wie schon vorher erwähnt flohen die größere Zahl der Bewohner der Nordseite immer nach Norden und so ereilte sie denn dasSchicksal nicht einmal, sondern drei bis vier mal abzubrennen. Von zehn zu zehn Block weit retteten sie sich. Aber mit jeder weiteren Flucht nahmen die Habseligkeiten ab, die sie mit sich geführt hatten und es ist eine Thatsache, daß Leute die aus ihren Häusern alles glücklich ge— rettet haben, es schließlich vor ihren Au gen auf freien Plätzen verbrennen sehen mußten. Denn die Flammen verschonten Nichts. Nachdem sich etwa um 11 Uhr Morgens der Wind gedreht hatte, fiel auch der Kirchhof vor dem Lincolpark in das Reich der Flammen. Hierher hatten Zehntau— send ihre Hausgegenstände gerettet. Am nächsten Morgen sah der Platz aus, wie ein verlassenes Lager. Scherben von Eßgeschirr, Sprungfedern von Matratzen, hin und wieder Ueberbleibsel eines Ofens bedeckten den Boden, und dazwischen ge— borstene Grabsteine, ausgebrannte Grä— ber, auch die Todten waren nicht ver schont geblieben. Nichts das nicht Eisen war hatte Stand halten können. Die aus Planken gemachten Seitenwege brann— ten wie Zunder, die herrlichen Bäume, der Stolz der Nordseite wurden entlaubt, ausgebrannt, verkohlten. Der Verlust wird sich sobald nicht wieder ersetzen las sen. In den Gärten, hinter den Häusern— fraß sich das Feuer in die Erde und ver— zehrte selbst die Wurzeln der Früchte, Zäune, Fuhrwege, Alles verschwand. Auf dem freien Platze hinter dem Theater an der Nord Avenue hatte Frau Thieleman werthvolle Sachen in die Erde gegraben und einige Fuß hoch mit Sand bedeckt. Als am nächsten Morgen nachgegraben wurde, schlug aus der Erde die helle Lohe hervor! An der Chicago Avenue und an der Erie-Straße hielt der Tod reiche Erndte. Wie es gekommen, das zu, berichten liegt außer aller Möglichkeit. Zu lange hatten sich die Bewohner der genannten Straßen der Sicherheit hingegeben. Im Nu sahen sie sich von allen Seiten eingeschlossen, an ein Entrinnen war nicht mehr zu den— ken. Vom Qualme betäubt fielen Viele hin, um nie wieder aufzustehen. An einem cnzigen Platze zählte man 19 Leichen. Etwa fünfzig Personen büßten in diesen beiden Straßen ihr Leben ein. Die Fest stellung ihrer Identität gehörte zu dens Unmöglichkeiten. Verkohlte Schädel s zeugten davon, daß es Ueberreste von Menschen seien. Auch andere Straßen aber forderten ihre Opfer. Vor dem Humboldhauje, bei Uhlich's Block, im Gebäude der histo— rischen Gesellschaft an der Ontario—- Siraße, und vielen Privathäusern fand man Leichen. So starb Herr Gustav Dapler und sein betagter Bruder mit seiner Frau in seinem Geschäftslokal, so starb Herr Geyerstanger mit seiner Toch ter in seinem Hause. Die Liste der Ver— mißten enthält gewiß viele Namen von Solchen, die niemals wiedergefunden werden können und während die Behörde ihre Ansicht dahin angiebt, daß etwa 200 elend verbrannt sind, hält das Volk die Zahl für viel zu niedrig gegriffen. Auch die Chicago Avenue Brücke war abgebrannt. Nur die Brücken über Di— visions-Straße und North Avenue ver— blieben als Verbindung mit der West— seite und hierher wälzte sich denn auch schließlich die fliehende Masfse. Denn auch der Lincoln Park war bedroht, die Flammen, weit voraus, brannten die Seitenmege nach Norden zu und er—- schwerten die Flucht. „Auf die Prairie“ wurde das Feldgeschrei, und auf die Prairie jagten, drängten, stießen sich Fünfzigtausend Menschen, keuchend unter ihren Lasten. Jeder war plötzlich zum Riesen gewarden; was an persönlicher Kraftentwickelung g eleistet worden, über—- schreitet jede Möglichkeit der Erwartung. So rückte langsam die Nacht heran. Aber welche Feder könnte das furcht— bare Elend schildern, welches diese eine schreckliche Nacht angerichtet. Hundert tausend Leute waren obdachlos und zum größten Theil gezwungen, auf der sum pfigen Prairie unter freiem Himmel zu übernachten. Viele hatten nur das nackte Leben gerettet. Da sah man Familien, aus Mann, Frau und sechs bis acht Kin— dern bestehend, die sich in einige gerettete Decken gehüllt hatten. Da kam noch ein eisig kalter Platzregen, der die Aerm sten durchnäßte. Zitternd und fröstelnd erwartete man den Morgen, mit dessen Anbruch man aber das Elend erst recht sah; es war der defecten Wasserwerke halber kein Tropfen Trinkwasser zu ha ben; Kinder schrieen nach Brod und streckten den Müttern die erstarrten Aerm chen entgegen und doch konnten diese nicht helfen. Es waren mit dem besten Willen für so viele Tausende die Lebens mittel nicht zu beschaffen. Während der ganzen Nacht aber hatte das Feuer noch gebrannt; nicht so heftig wie am Tage, aber immer noch sehr stark. Wenn der Regen auförte oder der Wind sich drehte, so mußte auch das, was von Chicago noch übrig geblieben war, unter— gehèn. Es war diese Nacht schrecklicher noch als der Tag. Denn mit der gezwun— genen Unthätigkeit kam ·das Nachdenken, und vor den Augen jedes Einzelnen zog vorüber, was er erlebt und was ihm be— vorstand. Jetzt erst hatte man Zeit, an die nächste Zukunft zu denken. Der Mil— lionär und der Bettler lechzten und jam— merten gleich stark nach einem Schluck Wasser, nach einem Stücke Brod. Erst mit dem Morgen kam die Gewiß heit, daß das Feuer sich nicht weiter aus— breiten würde. Aus den Kohlenhaufen dampfte es zwar noch, und an tausend Stellen wollte die Gluth nicht verlöschen, indessen war die Hauptgefahr beseitigt und Chicago konnte etwas leichter auf athmen. Da gab es Begrüßungsscenen, wenn sich Freunde trafen. Dem Tode entronnen zu sein, galt als das höchste Glück. Und nun erst stellte es sich her aus, wie weit das Feuer um sich gegrif— fen hatte. Ebensowenig, wie die Bewoh ner der Nordseite eine Ahnung davon hatten, daß das Feuer bis weit in den südlichen Stadttheil vorgedrungen war, ebensowenig wußte die Südseite, daß die ganze Nordseite eingeäschert worden. Tausend Meilen von Chicago entfernt wußte man früher Genaues über die ganze Ausdehnung der Verwüstung als in der Siadt selbt. Die Südseite wurde nur dadurch vor vollständiger Zer störung gerettet, daß General Sheridan an der Harrisonstraße mehrere Blocks in die Luft sprengen ließ. An der Ecke von Statestraße mußte ONeils Block daran. Hätte man früher zu diesem Mittel ge— griffen und wäre es namentlich rechtzeitig auf der Nordseite angewendet worden, so hätte ein großer Theil des Unglücks ver— mieden werden können. Die ganze Brand stätte umfaßte von der Harrisonstraße bis nach Lincoln Park etwa 35 Quadratmei— len Länge und 1 Quadratmeile Breite. Und auf dieser ganzen Strecke blieb nichts undersehrt, als auf der Nordseite das prächtige Wohnhaus von Mahlon B. Ogden und das Gewächshaus von Me Cagg, sowie ein Block dicht an der Ran—- dolphstraßenbrücke an der Südseite. Auf der äußersten Nordseite ist ein Theil der 16. Ward, der eigentlich kaum als rein nördlich, sondern als nordwestlich zu be— zeichnen ist, erhalten und an der Kinzie straßenbrücke ist ein Block stehen geblieben. Die Rettung dieser Häuser grenzt an's Wunderbare. Die Zerstörung. Das Feuer begann am Sonntag Abend um 9 Uhr 20 Minuten und endete etwa um 10 Uhr Dienstag Morgen. Die aus— gebrannte Fläche umfaßt 2,680 Acker. Ungefähr 21,000 Häuser verschwanden von der Erde, 110,000 Personen wurden obdachlos. Der Verlust von Menschen— leben wird näher 300 als 200 sein, der Verlust an Eigenthum wird durch S3OO, 000,000 nicht gedeckt. Das erste Haus, welches niederbrannte, gehörte der Frau Scully, das letzte dem Dr. Dyer. Nachfolgend geben wir eine Liste der bedeutendsten eingeäscherten Gebäude: Großes Central Depot, St. James Hotel, Palmer House, Metteson Houfe, Tribune Gebäude, Sherman House, Vost office, Republican Gebäude, Bigelow House, Handelstammer, Evening Post Gebäude, Neuada Hotel, Tremont House, Gas Works, Courthaus, Briggs House, Lombard Block. Crosby's Opera Houfse, Times Gebäude, Staats Zeitungs Gebäude, Terrace Block, MeVickers Theater. Armour Block, Woods Museum, Journal Gebäude, Dearborn Theater, Adams House, Hooley's Opera House, Massott House, Mail Gedäude, City Hotel, Shepard Block, Metropolitan Hotel. Honore Block, Union Gebäude, Reynolds Block, Postoffice Block, Nat. Bank of Commerce, MeCormic's Block, Illinois National Bank, Western News Co.'s Block, Cook County Nat. Bank, Manufacturers Nat. Bank, Aetna Gebäude, S. C. Griggs u. Co.'sArmory, Book House, Bruns wick's Billiard Fa- German Nat'l. Bank, brit, Mechanics' Nat. Bank, Farewell Hall, Commercial Nat. Bank, Unioa National Bantk, Metropolita- Hall, Mer. u. Farm. Sparbantk, Arcade Gebäude, Badger's Bantk, Merchants Nat. Bank, Illinois Spar Institut. Loan u. Trust Co'sGebäudeCity National Bank, W. U. Telegraph Gebäude, Adams Expreß Co., Oriental Block, W. Feuer u. Marine Geb. St. Marys Kirche (Kath.), Erste M. E. Kirche, Palmer House, Sturge ʒ Block, First National Bank, Zweite Nat. Bant, Trinity Kirche, Pheonix Club, Third National Bank, Morrison Block, Jüdische Synagoge, Vierte National Bant, Mayo Block, Cathol. Cathedrale, Fifth National Bank, MeCormicks Fabrik, Burch Block, Galena Elevator, Lake Shore Depot, Galena Depot. Zweite Presb. Kirche., Deutsches Theater, Merchant's Ins. Gebäud-r, Unity, N. E., und West- Academy of Design, minister Kirche, Wasserwerke, Sisters of Mercy Con, Clarendon Hotel, Hiram Wheeler's El. Diversey Block, Elm Str-sß. Kath. Hospital Lill's Brauerei, u. die Dearborn, Frank- Erste Presb. Kirche, lin, Mosely Lincoln, Pier- Hubbard Block, son Str., Elm Straße u. Chittenden Gebäude, andere Schulen, Bryant's Eom'l. College, Sands's Brauerei, Otis Block, Kirche des heil. Namens, St. Paue's Kirche, Alexian Hospital, Academy of Music, Armour u. Dole's El., Drake-Farwell Block, Hatch House, Stone's Bloctk, Illinois Street Kirche. Histurical Soc. Gebäude. Jüdisches Ho pital.