3 7 s 4 2 2 2 y 1; 2 3 3 e A 1— 11— 2 2 D A.2 25 3 N 3 2 K 2 1 3 52 1 4 22 2 2 ẽ ʒ 2 2 2 27 5 2 2 1— —7 3 23 2 27 5 01 11— 5 2 1 2 ʒ 2 2 1— 2 j 5 1 2 72 2 227 1 2 2 7 2 2 1 0 3 2 E 22 Dienstag, den 7. November, 187. Die Zerstörung Chicagos am 8. u.9. Okt. 1871. Das Vorspiel. Die letzte Woche des September unb die erste Octoberwoche waren in der Lo calgeschichte Chicago's als eigentliche Feuerwochen zu bezeichnen. Wenn auch in der großen und größtentheils leicht ge bauten Stadt der Ausbruch von Feuer nicht zu den Seltenheiten gehörte, so blieb Chicago doch lange Jahre hindurch, Dank seiner guten Feuerwehr, vor großen Feuersbrünsten bewahrt. Man horchte, hier selten auf den Klang der Feuerglocke, ein Gefühl der Sicherheit hatte sich Aller bemächtigt. Dieses Gefühl der Sicher heit wurde in den beiden erwähnten Wo— chen etwas erschüttert. Jeder Tag brachte eine Anzahl größerer oder kleinerer Feuer, mit jedem Tage wuchsen die Ver luste. Woh! mit Recht schrieb man diese häufigen Unglücksfälle dem Umstande zu, daß der vor der Thür stehende Winter den Verbrauch von Holz und Licht und damit auch die Gefahr von Feuer erhöhte. So wurde man denn überall vorsichtiger und wenn man auch allgemein über die häufigen Brandunglücke viel sprach, so dachte doch Niemand auch nur im Ent ferntesten an die Möglichkeit einer Cata—- strophe, welche die blüh ende und gewal— tige Stadt in der kurzen Spanne von echszehn Stunden beinahe vernichten sollte. 7 Es war am Samstag, den 7. Oktober. Die Stadt war zur Ruhe gegangen. Wen nicht sein Geschäft oder die Theater außer dem Hause gehalten hatten, befand sich in seiner Wohnung. Da gab um 11 Uhr Abends die nunmehr auf immer zum Schweigen gebrachte Glocke vom Thurme des Rathhauses den Feueralarm, dem schon in wenigen Minuten ein zweiter und dritter folgte. Mit Windeseile flogen sämmtliche Dampsspritzen der Stadt nach der Stätte der Gefahr, an der Ecke von Van Buren und Süd Canal-Straße, auf der Westseite. Es ist diese Stelle der Mittelpunkt eines unter dem Namen „Lumberdistrict,“ etwa zwei englische Quadratmeilen großen Gebietes, auf welchem sich fast nur gewaltige Holzhöfe, Kohlenniederlagen, Hobel- und Säge mühlen, sowie die Wohnungen undHäus—- chen der hier beschäftigten Arbeiter befan den. Die Gefahr war um so mehr eine sehr große, als ein heftiger Westwind wehte und die schnell um sich greifenden Flammen nicht lange nach Nahrung su— chen brauchten. Blutroth färbte sich der Himmel, weithin über die Stadt trug der Wind brennende Holzstücke ünd bedrohte auch andere Gebäude. An der etwa zwei Meilen entfernten Chicago Avenue auf der Nordseite setzte ein solches brennendes Stück Holz die Gardinen eines Wohnhau ses in Brand. Das Krachen und Arbei—- ten der Spritzen, das Rasseln vieler die geringen Habseligkeiten der Abgebrann ten rettenden Wagen, der ungewöhnliche Lärm um die sonst so ruhige Mitter nachisstunde und die plötzliche Helle führ— ten Zehntausende der bedrohten Gegend zu, die athemlos von den die West- und Südseite verbindenden Adams-, Madi—- son- und Van Burenstraßen Brücken aus, einem Schanspiet zusahen, wie es selbst Chicago während der letzten zwan zig Jahre nicht erlebt hatte. Ein Häus chen nach dem andern verschwand von der Stelle, die bis dahin fleißige Menschen beherbergt hatte, gierig leckten die Flam—- men von Holzstoß zu Holzstoß, mit Krachen stürzten die Schornsteine der großen Fabriken dazwischen und aus den gewaltigen Kohlenhaufen schossen pur purroth und von dichtem und erstickendem Qualm umgeben die Flammen him—- melan. Die Feuerwehr war fast machtlos. Trotzdem kämpfte sie mit den Kräften der Verzweiflung und nach fünfstündiger Ar beit war es ihr denn auch gelungen, des Feuers insoweit Herr zu werden, daß es auf eine bestimmte Stelle beschränkt war. Sie hatte durch übermenschliche Anstr en gung den Bahnhof und die Güterschup— pen der nach Osten führenden Pittsburgh und Fort Wayne-Bahn gerettet; es war ihr gelungen, die prächtigen Brückenbau—- ten zu erhalten. Trotzdem war dießrand—- stätte eine gewaltige. Etwa zwanzig Acker, auf denen Tags vorher geschäftiges Leben und Treiben pulsirt hatte, sahen aus wie eine öde Stelle, auf welche man etwas Schutt abgeladen hatte und nur der noch nach 24 Stunden dort aufstei gende Rauch und die am nächsten Tage dorthin stattsindende Völkerwanderung deuteten den Fremden an, was hier ge— schehen sei. Das abgebrannte Gebiet war von Canal-, Clinton-, Adams- und Van Buren Straße begrenzt. In der dieses Gebiet durchschneidenden Jackson- Straße waren allein 67 Häuser niederge— brannt. Die Gesammtzahl der verbrann ten Häuser betrug etwa 300. Es waren gegen 2500 Menschen obdachtslos, etwa 3000 Menschen arbeitslos geworden. Die Verluste waren bedeutend. Die Se— kretäre der Versicherungs- Gesellschaften gingen mit umwöklter Stirne umher und das Feuer auf der Westseite bildete wäh— rend des ganzen Sonntags das Tages gespräch. Natürlich fehlte es bei einem so großen Ereigniß nicht an seltsamen Zufällen und Vorfällen, und das nie allein einher— schreitende Unglück war auch diesmal von einem stattlichen Gefolge anderer Un— glücksfälle begleitet. So beschränkte sich der Verlust nicht allein auf das Gut. Auch ein Menschenleben war dem Feuer zum Opfer gefallen. Unter einem rau— chenden Schutthaufen fand man die ver— kohlten Ueberreste einer alten irischen Frau. Nicht weit davon lagen die Ca—- daver von zwei Hunden. An der Clinton— Straße hielt der hochgebaute Seitenweg das Gewicht der sich eng zusammendrän— genden Menschen nicht aus. Gegen hun— dert Personen stürzten mit ihm über- und durcheinander eine Tiefe von sechs Fuß hinab. Mehrere mußten als Krüppel da vongetragen werden. In „Sheriffs Yard,“ einem Platze an der Canalstraße, sahen sich plötzlich etwa zwanzig Personen von den Flammen umzingelt und konn—- ten sich nur dadurch retten, daß sie in's Wasser sprangen und mit Hülfe der auf dem Flusse treibenden Balken das andere Ufer erreichten. Selbst der prächtige und kaum erst ein Jahr alte Uebergang an der Adamsbrücke drohte nicht Stand zu halten und ächzte und stöhnte unter der Last. Die Dampfspritze „Chicago“ wurde nur durch die freiwillige Hülfe Hunderter, die sich vorspannten und sie fortzogen, den sich ihr schnell nahenden Flammen entrissen. Das war in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag, Selbst die als unterneh mend rühmlich bekannte Chicagoer Presse konnte am Sonntag Morgen nur in Um rissen ein Bild der Zerstörung geben, de ren Einzelheiten zu schildern bei der Größe des Unglücks eine Unmöglichkeit war. Wer hätte daran gedacht, daß kaum 24 Stunden später, die stolzen Ge—- bäude in denen das Feuer beschrieben wurde, selbst in Schutt und Asche liegen würden! Das große Fenuer. Sonntag war ein schöner, warmer Tag. Die ganze Bevölkerung war auf der Straße. Die Mehrzahl stattete der— Westseite einen Besuch ab, Andere gingen nach dem Lincoln Park. Nachmittags jedoch wurde es etwas windig; gegen Abend nahm der Wind an Heftigkeit zu, er entwickelte sich bald zum Sturme und wurde schließlich zu einem solchen heulen— den Unweiter, daß auch der See seine Opfer forderte. Und diesem Sturme, dessen Gewalt ganze Staubwolken über die Stadt jagte und der selbst kleine Steine ganze Strecken weit fortzuführen ver mochte, waren vierzehn lange regenlose Wochen vorangegangen. Vergebens hatte man oft nach dem „Segen, der von oben“ kommt, gejammert. Die Düächer waren trocken. Es bedurfte nur des zün denden Funkens, um im Nu selber Fla— mmen gen Himmel zu schicken. Der Sturm und die Trockenheit als Verbündete, wa ren eine Allianz, gegen die anzukämpfen außer aller Möglichkeit lag. Und es be— durfte allerdings nur eines Funkens, um in einer Nacht und einem Tage das Wöchentliche Ausgabe. Schicksal der stolzesten Stadt des Westens zu besiegeln. Um 9 Uhr 32 Minuten wurde die Feuerwehr nach der Ecke von Jefferson und De Kovenstraße gerufen. Noch ehe die erste Spritze an Ort und Stelle war, standen zwei Häusergevierte in hellen Flammen. Wie das Feuer entstaunden ist, wird wohl ewig ein Geheimniß blei ben und ist auch im Allgemeinen gleich gültig gegenüber der gewaltigen Calami—- tät. Einstweilen hat sich die Fama des Vorfalls bemächtigt und eine unwahre Geschichte in die Welt geschickt, nach wel— cher eine alte böhmische Frau mit offenen Lichte in den Stall ging, um ihre Kuh zu melken, bei welcher Gelegenheit diese hin ten ausschlug und das Licht umwarf. Durch eidliche Erhärtung der solcherge— stalt für das schauerlichste Unglück der Neuzeit verantwortlich gemachten armen Frau und ihres Mannes ist jedoch festge stellt, daß sie und die ihren schon fest schliefen, als das Feuer ausbrach und daß sie selbst mit knapper Noth ihr nacktes Leben retteten. Es standen also fast gleichzeitig mit dem ersten Hause zwei Häusergevierte in Brand. Nach Süden und Westen jag ten die Flammen, als ob sie von einer dämonischen Macht getrieben würden, und die heran eilende Feuerwehr, die sich noch nicht von den Strapazen der vorigen Nacht erholt hatte, sah schnell ein, daß in dem schon in Flammen stehenden Distrikte alle Anstrengung umsonst sein würde. So concentrirte sie denn alle Kraft da— rauf, dem Vordringen des Feuers nach Norden Einhalt zu thun. Aber he— roisch, wie diese Versuche auch waren, sie waren vergebens. Die Flammen liefen die Seitenwege entlang und wo sie hinkamen, geriethen ganze Strecken der dort so zahlreichen kleinen hölzernen Wohnhäuser in Brand, als wäre ein ganzes Regiment von Brandstiftern in Thätigkeit. Und nun begann auch das Bewußtsein großer und dringender Ge— fahr bei den, in einiger Entfernung von den schon brennenden Straßengevierten Wohnenden, Platz zu greifen. Ueberall wurden Schritte zur Rettung von Mobi— lien und Kleidungsstücken gethan. Auf Straßen, zwischen den brennenden Häu— sern, unter einem förmlichen Feuerregen wogte die unter der Last ihrer Habselig— keiten keuchende Menge hin und her— ohne recht zu wissen, wohin sich zu wen— den. Die späte Nachtstunde förderte Scenen zu Tage, die unter anderen Um—- ständen hochkomisch gewesen wären, so aber das Grausige der Situation nur erhöhten. In dem Kampfe zwischen dem entfesselten Elemente und dem Wieder— stande des Menschen blieb das Exstere Sieger. Die Spritze No. 14 gerieth, nachdem sie Schritt für S chritt zurückge wichen war, in eine enge Gasse, in der sie von den Feuerleuten ihrem Schicksal über lassen werden mußte. Schon zu früher Stunde es war kaum eine Stunde nachdem das Feuer ausgebrochen war hatte es sich in zwei Colonnen getheilt, die unabhängig von einander sich verbreiteten und jede einzeln ein doppelt so starkes Feuerde— pariement zu ihrer Bezwingung gebraucht haben würden, als Chicago besitzt. Die eine Colone wälzte sich zwischen Jefferson und Clintonstraße, die andere zwischen Clinton undCanalstraße nordwärts. Und beide Colonnen hielten nicht etwa gleichen Schritt, sondern marschirten mit ver— schiedener Geschwindigkeit. Während in Van Burenstraße die Leute schon an dem Grabe ihrer Habe standen, hatten die Bewohner der West Harrisonstraße noch Zeit zum Packen und Fortschleppen, aller— dings auch nur, um sich bald vom Feuer eingeholt oder gar überholt zu sehen. In den anderen Stadttheilen blieb die große Feuersbrunst auf der Westseite nicht unbemerkt. Eine große Zahl bekannter deutscher Bürger der Westseite, Mitglie der des voranstrebenden Gesangvereins Orpheus, hatten sich zu ihrer ersten dies jährigen Abendunterhaltung im Deutschen Hause auf der Nordseite versammelt. Die immer mehr zunehmende Gluth am Him— mel zwang die „Westseiter“ zu schnellem Aufbruch. In anderen Vergnügungs— lokalen der Nordseite, in der Liederkranz halle, der Turnhalle, der Concordiahalle erlitten die Unterhaltungen allerdings etwas Abbruch, insofern sich das tiefste Mitgefühl für die vom Unglück Betrof fenen äußerte. Aber an die Möglichkeit eigener Gefahr, oder gar daran, daß je— der Einzelne der hier so fröhlich Versam— melten in wenigen Stunden um seine eigene Sicherheit bedacht sein mußte, daß dieselben Hallen, in denen sich eben noch zum Takte der Musik leichtbeschwingt die Füße gedreht hatten, nur rauchende Trümmerhaufen sein müßten, daran dachte Niemand und wenn es Jemand ausge— sprochen hätte, so würde er verlacht wor den sein, trotzdem der immer heftiger ge wordene Sturm schon brennende Holz stücke über die ganze Stadt trug. Die Lage und die Eintheilung der Stadt berechtigte gewissermaßen zu dieser Ruhe. Das Feuer mußte, um von der Westseite sich nach anderen Stadttheilen zu verbreiten, den Fluß überschreiten und das schien unmöglich. Es blieb diefer Nacht vorbehalten zu zeigen, daß noch ganz andere Sachen möglich waren. Gegen ein Uhr Nachts hatte das Feuer die Brahdstätte des vorhergehenden Ta ges erreicht. Nun war die Hoffnung vor— handen, daß das Feuer sich in sich selbst verzehren würde. Vor dem Feuer nach Norden lag eine öde Fläche, wie abge mäht, durch die Flammen vom Samstag. Von Westen her wehte der Sturm und verhindecte die Ausbreitung nach Westen. Im Osten war der Chicagofluß. Die Bedingungen, der weiteren Ausbreitung Einhalt zu gebieten, waren somit günstig und es ist die sich allerdings nicht auf leicht beweisbare Thatsachen, wohl aber guf eine unerschütterliche Ueberzeugung Tausender sich stützende Ansicht, daß das schreckliche, die ganze Stadt verzeh—- rende Unglück hätte auf ein Minimum beschränkt bleiben können, wenn in diesem wichtigen Augenblicke ein Kopf dagewe. sen wäre, der die Situation überschaut und die Tausende helfender Hände zu leiten verstanden hätte. Und dieser Kopf fehlte. Auf der Süd-- seite, gegenüber der Van Burenstraßen— brücke stand eine große Anzahl kleiner, kaum den Namen Häuschen verdienender Baracken, der Aufenthaltsort eines Theils des verkommendsten Gelichters der Groß— stadt. Gerade in dem Augenblicke, in welchem Alles aufathmete, gerade als die große Gefahr beseitigt schien, schoß mit—- ten aus diesem Häusercomplex eine ge— waltige Feuersäule himmelan und entsen—- dete im Nu Tausende von brennenden Funken aller Größen über die Südseite. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich gleichzeitig den Zehntausenden, die ihre Heimath auf der Südseite hatten und die aus Neugierde hierher geeilt waren, um sich den Rückweg zu den Ihrigen beinahe abgeschnitten zu sehen. Rückwärts schob und drängte, stürzte und wälzte sich in ungeheuren Massen Alles über die schma len, kaum das Gewicht aushaltenden Brücken. Schrill und in schnell sich fol— genden Schlägen übertönte die Courthaus— glocke das Angstgeschrei der Weiber, das Winseln der Kinder, die Flüche der Män—- ner. Und in dieser Höllenscene brachten die, sich durch die festgekeilten Massen Bahn erzwingenden Dampfspritzen, neue Schrecken und neue Gefahr. Von nun an gehört es zu den Unmög—- lichkeiten dem Feuer auf allen seinen We— gen zu folgen. Nur die große Marsch route läßt sich feststellen, der Weg bezeich nen auf dem die Alles vor sich nieder— werfende Hauptarmee dahinzog. Die Geschichten der Plänkler und der Vor— posten, der kleinen Abtheilungen, die auf eigenen Fuß das noch vernichteten, was die große Armee übrig gelassen hatte, wird nie vollständig geschrieben werden können. Nur Eins steht fest: Es wurde gründlich reiner Tisch gemacht und denen, die andern Tags an der leergebrannten Stätte standen, war auch jedes Interesse für die näheren Umstände der Katastrophe verloren gegangen. Die Menschen befanden sich in einem fieberhaften, an Wahnsinn grenzenden Zustande. Selbst die aus entfernten Stadittheilen herbeigeeilten Zuschauer be nahmenã ch wie Leute, die den Verstand Nach der Zerstörung Chicago's No. 3. verloren haben. Das entsetzlich Groß—- artige des Schauspiels hält sie wie festge bannt, während sie sich selbst sagen konn—- ten, daß es höchste Zeit sei, das Feld zu räumen. Manches Menschenleben fiel so den Flammen zum Opfer. Da fiel ein ganzer Feuerregen auf die im Umban be—- griffene Armory, das Gefängniß der Südseite und aus dem gewaltigen Bau züngelten aus allen Fenstern im Nu Feu erstreifen, bis sie sich bald darauf zu ge— waltiger Maffe vereinigten und die Lohe hoch emporschlug. Es war ein prächti ger Anblick, die dunkelrothen Mauern in heller Einfassung zu sehen, aber wer hatte Zeit sich darum zu bekümmern? Himmel und Erde waren jetzt ein Feuermeer, wo hin man blickte, vorn, hinten, rechts und links überalt Feuer und Flammen. Man ging auf brennendem Pflaster, man blickte hinauf in brennende Gebäude. Beim Einbiegen in eine neue Straße schlug das Feuer wie von Dämonen gepeitscht, Ei— nem entgegen, bei den schmalen, durch die Häusergewinde laufenden Gassen wurde es förmlich wie durch eine Röhre gejagt. Und bei all' diesen Gluthen, die die Nacht in hellen Tag verwandelten, herrschte zeit weise wieder tiefe Finsterniß, wenn der Sturmwind die schwarzen Rauchmassen auf die Erde niederjagte. Athmen und Sehen wurde fast unmöglich. In's Ge— sicht wurden dem Fußgänger NKieselsteine von der Größe einer Bohne gepeitscht, Mund und Augen füllten sich mit Staub und Schmutz. Wohin die Schritte wen den, um der Gefahr zu entgehen? Nach Süden war der Rüctweg abgeschnitten, im Westen raste noch immer der Brand. So blieb nichts als die Flucht nach Nor— den und nach Osten an das Seeufer. Aber wie die Menschen auch eilten, das wilde Element folgte ihnen auf dem Fuße. Von der Armoryh hatten sich die Flammen bald dem prächtigen Bahnhofe der Pa— cifichahn mitgeth eilt, dem schönsten Bahn— hofe der Stadt, nicht lange darauf be— zeichnete ein Trümmerhaufen die Stätte, an der sich das erste Stockwerk des stol zesten Hotels der Erde, des Pacifichotels, schon erhoben hatte. Unaufhaltsam kam das Feuermeer die Wellsstraße herab. Die kleinen Häuchen dieser Straße mit ihrer irischen- und Negerbevölkerung, mit ihren Prostituirten und ihren Pfand— leihern verbrannten nicht, sondern wur— den wie vom feurigen Rachen verschlun— gen. Eins nach dem andern fielen sie. Nicht fünf Minuten dauerte es, bis ganze Blocks verschwunden waren. Flüchtlinge, die in die ganze Stadt die Schauerkunde von dem Brande trugen, erzählten, daß das Feuer ihnen auf dem Fuße folge und sie hatten buchstäblich Recht. Es mochte etwa 14 Uhr sein, als die von Wells—, Franklin- und Markeistraße nordöstlich sich wälzenden Flammen die Madison— siraße erreichten nnd damit auch den ei— gentlichen und Hauptgeschäftslheil, den Sitz des Großhandels, die Stätte auf wel cher der unermeßliche Reichthum Chica— go's gemacht worden ist. Noch wagte man zu hoffen, daß die Flammen in den See getrieben werden und ein großer Theil der Geschäftsstadt gerettet werden könnte, aber als ob sich Alles wider Chicago ver schworen hätte, sprang der ohnehin her— umspringende Wind ganz herum und das Schicksal der Südseite war besiegelt. Nur wenige Minuten von der Ecke der Wells— straße und Madison entfernt, befanden sich die Hauptzeitungen der Stadt: Staatszeitung, Evening Post, Tribune— Union, Mail, Times, Republican, Volks zeitung, Evening Journal, und etwa 50 Wochenschriften. In der Staatszeit ung hielten Redaeteure und Setzer sowie das Personal der Expedition aus, bis ihnen das Dach über dem Kopfe brannte; bis zum letzten Augenblicke wollten sie ihren Posten nicht verlassen. Noch immer dachten sie den Lesern am nächsten Mor gen eine Beschreibung des Feuers geben zu können. Sie alle, mit verschwinden den Ausnahmen, gehörten am nächsten Morgen mit zu den Abgebrannten. Um etwa zwei Uhr war der Trümmerhaufen der Staatszeitung zu den Trümmerhau— fen der anderen und feuerfesten Gebäude gekommen. Wie schon vorher gesagt, die Flammen machten wilde Kreuz- und Quersprünge. Während die großen, neuen Gebäude an der Madisonstraße brannten, waren die es schon ganze Blocks weit vorge drungen. Das Dach der Handelskam— mer war wie von Gasflämmchen umrahmt, die Union-Bank und das Oriental-Ge— bäude brannten an verschiedenen Stellen, auf dem dem Shermanhause gegenüber befindlichen niedrigen Steingebäude tanz ten die Flämmchen wie Jerlichter. Die Kuppel des Courthauses war von glühen— den und glimmenden Holzstücken wie be— säet, die Beamten hatten alle Hände voll zu thun, um die Kuppel mit Wasser zu überschürten. Da plötzlich füng sie Feuer. Von dem noch immer brennenden Pacific— Hotel war ein Funke hinübergesprungen. Den übermenschlichen Anstrengungen ge lang es, das Feuer zu löschen. Aber im— mer wilder fiel der Feuerregen, immer „gewaltiger war die Gluth, wieder und wieder, in immer kürzer werdenden Zwi— schenräumen gerieth die Kuppel in Brand, immer wieder wurde gelöscht. Das war ein Kampf auf Leben und Tod. Mitten in diese schaurige Wirklichkeit hinein tru gen die treuen Seelen, denen die Wah—- rung des Courthauses anvertraut war, ein Stück Poesie und Begeisterung. Die—- ses Courthaus war ihnen nicht nur das kostbare Gebäude mit seinem kostbaren Inhalte, für sie concentrirte sich in ihm das Schicksal der ganzen Stadt. „Das Courthaus verloren, Alles verloren,“ das war es, was sich Jeder sagte. Und es war so. Als sie, zu Todelermattet und mit Wuth im Herzen endlich weichen mußten, da ließen sie die Glocke noch ihr Schwanenlied singen: das Sturmsignal für die ganze Stadt: „Rettet, rettet, rettet!“ Es war vorbei mit dem Courthause! Während oben die Kuppel wankte und schwankte und hunderttausend Menschen wie festgebannt das Auge nicht von dem wunderbaren Anblick abwenden konnten, öffneten sich unten im Erdgeschosfe die ei— sernen Thore, hinter welchen die Gefan—- genen in wahnsinniger Angst dem Feuer— tode entgegengesehen hatten. Etwa zwei— hundert Personen jeden Gesthlechtes und Alters wurden so auf einmal in Freiheit gesetzt. Mit wenigen Spküngen ver—- theilten fie sich wie eine wilde Meute un ter der anderen Menschenmenge. Das erste, was sie thaten, war, in brennende Häuser zu dringen und sich dort Kleider zu stehlen, was und ob sie sonst Böses gethan, ist nicht mit Bestimmtheit festzu— stellen. Doch liegt leider der Vermuthung, daß sie nicht sofort musterhafte Menschen wurden, wahre Mittheilung aus zuver— lässiger Quelle zu Grunde. Alle aber wurden nicht losgelassen. Sieben Ge— fangene, die unter der Anklage des Mor—- des eingesperrt waren, wurden mit Hand— schellen und unter sicherem Geleite in die Polizeistation der Nordseite und van da in die der Westseite gebracht. Dort sind sie geblieben. Der Grabgesang der Courthausglocke verhallte nicht ungehört. Nach 3 Uhr Morgens schlief wohl Niemand mehr in ganz Chicago. Wer selbst noch nicht an Gefahr für sich dachte, zitterte für das Wohl der Freunde. Hin und wieder er bebte die Erde von einem gewaltigen Krach. So wurde weit hinaus die Kunde davon getragen, daß wieder eine der stolzen Bauten zusammengefallen war. Der Zusammensturz der Court—- haus-Kuppel war leicht bekannt. Mit dem Zusammensturz hörte auch das Läu— ten der Glocke auf. Auf einen Augen— blick sah man selbst in entfernteren Staditheilen eine haushohe Flamme em— porschlagen, dann erhob sich eine schwarze, dichte Qualmsäule und verfinsterte die tageshelle Nacht. Gleichzeitig mit dem Courthause brannte an der Ecke der Wells und Ran— dolph Straße das Briggshaus und das Hotel von Ibach und Schick, gerade ge genüber das Metropolitan-Hotel und der große Block, in welchem die Fenier ihre Zusammenkünfte zu halten pflegten. Lange für diese Nacht lange etwa zwanzig Minuten widerstanden sie, dann tänzelten auch auf ihren Dächern leichte Rauchwölkchen, hin und wieder leckte eine Flamme an einem Fenster und verschwand wieder, es sah aus, als ob