Illinois Staats-Zeitung. Wöchentliche Ausgabe. An die Bürger von Coor County. Anspærache des republikanischen und des demo -0 kratischen Central· Comites von Cook County an die Bürger. Angefsichts der großen Zerstörung und Verwüũstung von Chicago, welche alle Geschäft- und Eigenthums- Interessen der Bürger auf's empfindlichste berührt; Angesichts der Thatsache, daß die ganze Willens- und Thatkraft der Bür gertin Stadt und Land für das große Werk des Wiederaufbaus erheischt wird;! in fester Zuversicht auf den gesunden Sinn aller wahlberechtigten Burger legen hiermit die Centralcomites der re-! publikanischen und der demokratischen Partei eine Liste von Candidaten für alle! vurch die Wahl am 7. November zu be sehenden Aemter vor. 7 Wir haben uns bemüht, unsere Pflicht mit strengster Gewissenhaftigkeit und unter Aufopferung mancher bersönlichen Zuneigungen zu erfüllen. Der Verant wortlichkeit uns wohl bewußt, welche uns durch die öffenzliche Meinung und die Erfordernisse unserer großen Catt mität auferlegt worden ist, haben wir die Candidaten ausschließlich mit Rück sicht auf ihre allzgemein bekannte Ehr lichkeit, Rechtlichkeit und Ge schäftstüchtigkeit deusgewählt. Indem fie so handelten, glaubten beide Comites eine heilige Pfütht zu erfüllen, welche sie der gesammten Bürgerschaft schulden und hoffen, eine Vermei: dung aller drlitischen Kat— balgereiren u bewirken, die ge schäftlichen Iteressen der Stadt Chicago und des Cosk Counth zu fördern, unsern öffentlichen Credit nach außen zu besfestigen und in unserer eigenen Mitte das allgemeine Vertranen wieder—- herzufstellen. Wir glauben, daß während ein großer Theil unserer Stadt in Asche liegt und Tausende heimathlos umherirren, kein vernünftiger Mensch nur einen Augen— blick einen Parteienkamgf für angemes—- en halten wird und wir glauben ferner, daß ein solcher Kampf in gegenwärtiger Zeit zu keinem ehrenhaften Zwecke unter nommen werden kann. Das ganze Land bewundert die See lenstärke und Thatkraft, welche unsere Bürger in Gefahr und Unglück bewiesen haben. Es wird auch der uneigennützi gen Opferfreudigkeit, womit beide poli—- tischen Parteien ihre Partei-Interessen haben fallen lassen, um ausschließlich für das Gemeinwohl der von Unglück fo sehr heimgesuchten Stadt zu sorgen, jeinen vollen Beitraßz zollen. Unter Berücksichtigung der vielfachen Schwie—- rigkeiten, welche die Aufstellung einer so großen Candidatenlifte mit sich bringt, hoffen die beiden Comites sich ihrer Aus—- gabe auf solche Weise entledigt zu haben, daß sie auf die herzliche Zustimmung aller Bürger von Stadt und County ohne Unterschied der Partei rechnen dürfen. Z. C. Knickerbocker E. Shipman A. Dixon James Stark George W. Gage H. B. Bogue N. Gassetie S. H. MẽCrea T. H. Reed W. T. Brainard M. Schmit C. Sutherland Geo. Freeman Sam. Ashton Marx Schuler Jas. Daniels Henry Pilgrim Rd. Sheridan W. S. Cartrer B.Waliß C. R. Matson Wmn. Bellinghausen H. B. Miller S. D. Baldwin S. K. Dow Wm. Gardner John Van! Woud John Garrick C. Folz Sam. Douglaß eandldatentttr für die Stadt- und Countywahl. County Aemter: Richter; Superior Court: I. A. Jam e—- on. Richrer; Eircuit Court: Samuel W. Fuller. Staatssenator: Artemus Carter. County-Surveyor: A. Woltcott. County-Schatzmeister: Julian S. Ru m jew. Polizti-Cammissär: Jacob Rehm. County-Commissäre: 1. Julius White, 2. I. H. Pahlmann, 3. John Craw— ford, 4. Charles Hitchcock, 5. Daniel 6. Skelly. —Südseite: Christian Wahl, Zohn lones, M. C. Srearns; Nord feite: John Hert ing, Joseph Roelle, Samnel Ashton; Westseite: Mancel Talcott, Joseph Harris, Thomas Lonerg an, Carter H. Harrison. Sitädtische Aemter.. Mayor: Joseph Medill. Stadt-Schatzmister: David A. Gage. Stadt-Syndikus: Gen. E. R. Stiles. Stadt-Collector: George van Hollen. Polizeigerichtsschreiber: C. R. Matson. Polizeirichter: Nordseite: Wm. H. Stickne y. Sdseite: John Summerfield. Westseite: P. T. Sh erlock. Aldermänner: 1. Ward: C. T. Bowen. s. Ward: Arthur Dixon. 3. Ward: Philo J. Warner. 4. Ward: I. H. MeAvoy. Office: No. 101; West-Randolph-Straße. 5. Ward: R. B. Stone. 6. Ward: Dan. Kennifeck. 7. Ward: Wm. Rawleigh. 8. Ward: Jeremiah Crowley. 9. Ward: James MeMullin. 10. Ward: L. L. Bond. 11. Ward: Henry Sweet. 12. Ward: M O Heath 18. Ward: Geo Sherwodd 14. Ward: Ezra Cleveland 15. Ward: John Van't Woud 16, Ward: Thomas Stout 17. Ward: Otto Mutschlechner 18. Ward: Owen MeCarthy 19. Ward: M D Ogden 20. Ward: Lambert Tree Tonstabler: Ward: Thomas Poole 2. Roqh offen 8. FC VBierling 4. Zay Blodgett t 5. C O McLain 6 Dan Tracy Zohn Durkin 8. Mathew Fleming 2. Wm Murphy 10. Zoel Lul I. Roch oten 2 1.,„ Joseph Wilson 12. A PHil 14. Martin MeCue 15. R F Christian 16. IH Roberts 17. „Lewis Merki 18. Thomas McMahon 19. NM Plotke 20. Michael MeCauley Townämwmter: Collector —Nordseite: John B. Wu lsh; Südseite: IHTappan: Westseite: Do minit Klüt fch. Supervisoren —Nordseite: Peter Mahr; Südseite: B. Löw enthal; Westseite: Henry Pi lgrim. Town-Clerks —Nordseite: llHealy; Südseite; Louis Spie gel; Westseite: M MMiller. Die vorstehende Candidatenliste ist das Ergebniß viertägiger Berathungen des Centralcomites beider Parteien und unserer aufrichtigen Ueberzeugung nach sdie beste, welche jemals den Bürgern von Cook Counth vorgelegt worden ist. In beiden Comites war nur der Eine Wunsch maßgebend: alle Rücksichten sauf alte Parteifreundschaft, persönliche Zuneigungen, „Ansprüche“ an die Par— stei -e. feillen zu lassen und zu jedem Amte nur solche Männer vorzuschlagen, denen jeder Privatmann ohne Zögern die Ver— waltung seines eigenen Vermögens an— vertrauen würde. Es kann sein, daß auth bei der allerstrengsten und gewissen haftesten Auswahl hie und da ein ein— zelner Candidat für ein untergeordnetes Amt mit unterlaufen mag, statt dessen sich ein besserer hätte finden lassen. Allein keins von beiden Comites hat ge—- ʒögert, die Liste immer von Neuem zun revidiren bis sie nur noch solche Namen senthielt, gegen welche von keiner Seite ein begründeter Einwand gemacht werden konnte. Für das Mayorsamt ist Joseph M e—- dill vorgeschlagen worden, welcher sei— snerseits in /der Tribune Herrn Henrd Greenebaum aufs wärmste und nach— drücklichste befürwortet hatte. Ez ist also jedenfalls nicht Feindseligkeit gegen die Deutschen gewesen, welche Medills Ernennung bewirkt hat, sondern ledig lich der Wunsch, alle Klassen der Bevöl kerung zu befriedigen. Medill ist ein Ehrenmann, welcher seinen höchsten Ruhm darin finden wird, seinen Namen mit dem Wiederaufbau von Chieago in Verbindung gebracht zu sehen, und wie ser seinerseits in guter Trene den Deut— schen Henry Greenebaum vorgeschlagen hat, so wird Dieser und werden alle Deutschen in guter Treue zu ihm stehen. Für das Amt eines Polizeicommissärs ist Jakob Rehm austatt Fr. Gund's aufgestellt worden; nicht weil irgend sein Mitglied des Comites die Redlichkeit sund den guten Willen des Letzteren in Zweifel gezogen hätte, sondern weil das Vertrauen auf das Organisations- und Verwaltungstalent, wie auf die prakti- Iche Erfahrung und die Menschenkennt niß Rehm's größer war, als auf die Gund's. Jedermann von Denen, die gegen ihn gestimmt haben, will Herrn Gund wohl und erwartet, daß ihm, der durch den Brand so viel verloren het, „eine angemessene Stellung in der städti schen Verwaltung gegeben wird. Das Gleiche gilt von Fritz Metzke, der trot eifriger Befürwortung seiner deut schen Freunde gegen den in amerikani- Kreisen besser bekannten Rumsey zurückstehen mußte. Von den übrigen Deutschen auf der Liste brauchen wir Nichts zu sagen, weil Jedermann fie als Männer kennt, wel— che fich im vollsten Maße des Vertrauens ihrer Mitbürger erfreuen. I.H. Pahl -1 :c4: 1 mann, Christian Wa hl, John Her— us und Joseph Roelle sind als County· Commissäre in Vorschlag ge—- bracht, und bessere Männer als sie wüür— den schwer zu finden sein. Auf der Liste iar städtische Verwaltungsämier steht Georg van Ho llen; unter den Ernen? nungen für Ward- und Toewnümter sind die Deutschen angemessen vertreten. Allein selbst wenn füglich ein zwei weitere deutsche Namen auf der Liste hätten stehen können, so muß man sich doch sagen, daß sie so, wie sie ist, allen wedldentenden Bürgern ohne Unterschied der Abstammung, der Religion, ee des politischen Glaubensbekenntnisses völlig genügen kann. Wenn die Bürger die durch den Brand geschaffene Lage der Dinge mit denselben Augen ansehen, wie die beiden Parteicomites es gethan ha—- ven, so wird die obige Candidatenliste am 7. November einstimmig gewählt werden. Arbeiter »nd Bürger. Die bedenklichste Erscheinung der Pa— riser Commune war die zum ersten Mal in Frankreich bemerkte Abwesenheit des itanzösischen Nationalgefühls unter ge— wissen Klassen der Bevoölkerung. Ein „Kosmoholitismus“ zeigte sich unter den Arbeitern, welche die Köpfe Frankreichs keineswegs mit besonderem Vertrauen auf dessen Zukunft erfüllt hat. Ein Re delteur des Journal de Debats spricht won den zum Kampfe gegen die Versailler Regierung geführten Massen als heimath lose Horden, welche ein nenes Chaos über Frankreich heraufzuführen drohen. An die Stelle der Liebe zum Vaterlande wird kein neues Band gesetzt und die Petroleusen sind die Consequenz der Auflösung der Pariser Gesellschaft (d. h. der unteren Schichten) in Atome. Die Tendenz zu dieser Atomisirung ist überall sin dem großen Industrie-Centrum be— merkbar. Der noch immer in Newcastle andauernde Strike der Eisenbahnarbeiter zeigt dieselbe Gleichgültigkeit gegen die Interesfen des Landes wie das Inbrand—- stecken der Paläste in Paris die Gleich gültigkeit der Commune gegen Kunst und Architekten, und selbst in den Ver. Staaten droht der Bürger im Arbeiter unterzugehen, der Lokal-Patriotismus sich abzuschwächen. Der Versuch, wel— cher von Backsteinlegern gemacht wor— den, aus der Noth der Geschäftswelt Kiemen zu schneiden, und dem so unbe— dingt in ihrem (der Arbeiter) eignen Interesse liegenden raschen Wiederauf bau Chicago's Hindernisse in den Weg zu legen, sollte von jedem Arbeiter, der be—- greift, daß sein Wohl mit dem Chica— go's unzertrennlich verbunden ist, unbe— dingt gemißbilligt werden. Eimn Versuch döbert Löhne jetzt zu erpressen, könnte nur zu zweierlei führen. Entweder würde eine Menge Backsteinbauten (vdn sdenen auf der Südseite allein 150 in den nächsten Tagen im Gange sein wer sden) eingestellt werden, oder sie würden i von anderen Städten herbeige— holten Arbeitern betrieben werden. In sbeiden Fällen würden die hiesigen Back—- steinlegern für jetzt und für die Zukunft Verluste haben. Ihr Interesse ït es, den zu starken Andrang von Arbeitern von Außen zu verhindern und sie sind in der Richtung bereits so weit gegangen, indem sie vor Chicago förmlich warnen, indem fie aussprengen, daß die Arbeit nur wenige Wochen dauern, daß in Chi— cago kein Unterkommen zu finden und Nichts zu essen sei. Thatsache ist, daß Maurer, Zimmerleute und Backstein eger diesen Winter länger Arbeit haben werden, als je zuvor, daß die Nachfrage snach Bauarbeitern eine stetige sein wird. Auf der andern Seite sollten die, Mit— telmänner“, welche sich zwischen Arbeit— Angebot und Arbeit-Nachfrage stellen, möglichst beseitigt werden. Das Wie? sist freilich eine andere und schwierige Frage. Wir entnehmen in der Hinsicht der „Tribune“ folgende, zur Veröffent lichung übergebene Erklärung: Wir, die Backsteinleger vo Chicago, verpflichten uns hiermit, für unsern gewöhnlichen Lohn an dem Wiederauf bau unserer Stadt zu arbeiten, aber um der üblichen Gehäßigkeit vorzubeugen, welche von Zeit zu Zeit allen Handwer— kern aufgezwungen ift, verlangen wir, daß Jeder sein eigner Contractor werde, und daß alle Arbeiter unter der Aufsicht der verschiedenen Architekten arbeiten, und nicht den Erpressungen ausgesetzt seien, welche bis jetzt die Contractoren sich erlaubt haben, welche in unserem Namen Sätze verlangen, welche sie uns nicht zahlen.“ Wir wissen nicht, ob Patrick Hanloy, an welchen die Erklärung überreicht wurde, im Namen aller Mitglieder der Brickleger: Unionen zu sprechen berechtigt war oder ist, und wahrscheinlich werden weitere Versammlungen abgehalten wer—- den, um Stellung zu nehmen. Falls ein ausführbarer Plan von den Unionen vorgelegt wird, direkt die Arbeit zu übernehmen, welche sie sonst unter Lei— tung eines Contractors ausführten, so wird ihnen gewiß von anderer Seite entgegen gekommen werden. Sollte jer doch nur ein Vorwand zur Arbeitsein— stellung damit gesucht werden, so wer— e die Arbeiter eine Gelegenheit, wie sie so leicht nie wiederkehrt, verloren haben, Arbrt lierst und Arbeit-Nachsrage in direkte, für beide Theile vortheilhaste Verbindung zu bringen. Die Tödtung des Polizeian walts Groösvenor. Daß der Mayor von Chicago jemals Befagniß besaß oder jetzt besitzt, die Stadt unter Kriegsrecht zu stellen, wird Niemand behaupten. Wir erinnern uns in der That auch keiner Proklamation des Mayors, durch welche etwas Der artiges geschehen wäre, und ebensowe ni— sind uns irgendwelche kriegsgericht liche Sprüche zuOhren gekommen. Das Kriegsrecht bestand nur in der Einbil dung gewisser, auf unbefugte Weise an die Spitze unbefugter Milizcompagnien gestellter Captäne, und fand in der Furcht, welche sich der Bevölkerung während des Wassermangels bemch ttgt hatte, eine bereitwillige Stütze. Hätten Milizen oder Bürgerpatrouillen während dieser Zeit des Panique Je manden im Dunkel der Nacht erschos sen, der ihnen Grund zum Verdacht ge geben, so wäre ein solcher Akt zwar trotzdem unter die Kategorie Mord oder Todtschlag gefallen, indessen die „mil dernden Umftände“ würden bei einer Zury ohne Zweifel gebührende Berück sichtigung gefunden haben, oder der würde im schlimmsten Falle sich zwischen das Gesetz und sein Opfer gestellt haben. In dem vorliegenden Falle, der Erschießung des Polizeian walts Grosvenor durch eine Milizpa trouille am Samstag Morgen, fehlt je sdoch jede Entschuldigung und die Strenge des Gesetzes sellte freien Lanf haben. Die Furcht vor Brandstiftun gen hatte bei allen vernünftigen Lenten jedenfalls schon am Freitag aufgehört, seitdem die Wasserwerke wieder ihre Schuldigkeit thaten, und wenn irgend welche Bewohner oder Bewohner in suen von Cottage Grove oder Indiana e trotzdem ihre Angst nicht über winden konnten und auf Milizpatrouil len bestanden, so war es jedenfalls die Pig: des Mayors, sowie der anf seine Veranlafsung als Wache bestellten Mi hen jede selbst zur Zeit der Pa nique kaum zu entschuldigende, und vor teinem Gericht zu rechtfertigende außer—- ordennae Maßregel schlennigst und definitiv abzubestellen und eben dadurch die aufgeregte Stimmung in ruhigere Bahnen zurückzuführen. Statt dessen dna der 19jährige Student Preat, welcher Mitglied einer aus lauter jun gen Burschen [Studenteñ von 16—20 Zabren bestehenden Compagnie war, der Nacht des Freitag auf Samstag von seinem „Sergeanten“ mit Verhal tungsbefehlen versehen, welche einer feindlichen Armee gegenüber am Bor— abend einer Schlacht in Ordnung sind, swelche aber in einer nicht unter Kriegs— recht stehenden Stadt höchst friedlichen Bürgern gegenüber geradezu zum Ver— brechen werden. Die Fury muß die Erschießung des Grosvenor einfach als Mord behandeln und bestrafen. Es handelt sich um die Säule aller sbürgerlichen Ordnung und die Unver— letzlichkeit des Lebens der Bürger unter allen Umständen. Preat ist für seine That verantwortlich, er mußte wissen, daß kein Befehl eines Oberen ihn seiner Verantwortlichkeit entheben konnte, er mußte ferner wissen, daß kein Miliz- Officier oder irgend Jemand das Necht hatte oder hat, die Anschießung oder 2 schießung eines auf der Straße, wenn auch noch so spät in der Nacht, dahin gehenden Bürgers anzubefehlen. Der Befehlshaber des Milizregiments, F T. Sherman, hat sich denn auch wohl ge hütet, einen derartigen Befehl zu erz lafsen. Seine an die Compagnie-Chefs ertheilten Instructionen enthalten kein Wort vom Schießen auf irgend Jeman—- den. Es heißt darin u. A.: „Bürger welche ihren gesetzlichen Beschäftigungen nachgehen, werden nicht verhaftet wer den.“ Es heißt darin ferner: „dhre Chicago, den 31. October 1871. Mannschaft soll zur Aufrechterhaltuna der Ruhe und zum Schutze des Eigen— sthums, in Gemeinschaft mit der Polizei— macht, behilflich sein.“ Die Befugnisse einer Milizpatrouille konnten eben des— halb schon nicht weiter gehen als die einer Polizeipatrouille, nnd unter die Befugnisse der letzteren hat es niemals gehört, einen Bürger, der ruhig seines Weges geht, Halt zu kommandiren nnd ihn über den Haufen zu schießen, weil er einem dreimaligen Haltrufe nicht Folge geleistet. Capt. Colston, gleich falls ein junger Student, sowie der als Sergeant fungirende Student Roney, welche mündlich den Milizen Preat in— struirten, Bürger, die nach dreimaligem Anruf nicht stillständen, in die Beine zu schießen, sind einfach Mitschuldige des Mordes und als solche zu prozessiren. Wir verkennen nicht, daß die Jugend und Unerfahrenheit der jungen Milizen, sowie die Erregbarkeit jugendlicher Ge müther mildernde Umstände abgeben,! aber es ist nicht Sache der Jury, darauf Rücksicht zu nehmen, sie muß nach der Strenge des Gesetzes verfahren und es dem Gouverneur überlassen, im Wege! der Gnade jene Umstände anzunehmen. Branudstiftung oder Zufall? Seitdem die berühmt gewordene Kuh in DeKoven-Straße sich von der Brandbühne sin Felge verschiedener ff zurückgezogen hat, sist ein neuer Kandidat auf dieselbe getreten und nimmt den schrecklichen Ruhm in An spruch, der Herostrat Chicagos gewesen zul sein. Es sind vorgebliche Mitglieder der In ternationalen, welche den Brand in Chicago systematisch angelegt haben wollen. Eine lange, für einen wirklichen Brandstifter viel zu sehr auf Effekt berechnet geschriebene Ge— schichte der Verschwörung zur Zerstörung Chicagos wird in der gesirigen Times erreicht, ohne daß jedoch die Zeitung die Glaubwür— digkeit der angeblich einem geängsteten Ge— wissen entstammten Mittheilung zu behaup-l ten wagt. Die Geschichte würde einen aller— dings noch immer sehr infinitifimalen An— fstrich von Glaubwürdigkeit erhalten haben, wenn sich der Erdichter (wir halten näämlich die Erzählung von Anfang bis zu Ende für erdichtet) unter der Maske ein-s europäischen Arbeiters präsentirt hätte, statt sich als Ame rikaner kundzugeben, der sich schließlich in Paris für die Idee der Internationalen he geistert oder von ihnen sich berauscht haben lassen will. Zunächst ist, soviel wir wissen, Zerstörung aller großen Städte durchaus nicht eine für allemal beschlossene Sache und feste Politik der,lnternationalen“ gewesen, und selbst die theilweise Zerstörung von Pa ris durch die Petroleum-Commune wurde von den Häuptern der Internationalen in London geradezu gemißbilligt. Wenn das „Capital“ denn durchaus durch Brand zerstört werden sollte, so hätte dazu denn doch ein weit mehr „repräsentativer“ Platz sich finden lassen, als gerade Chicago, in welchem der „Gegensatz zwischen Capital und Arbeit“ durchaus nicht entfernt zu der Schärfe sich entwickelt hatie, wie in London oder Manchester in England, oder in New York und Boston diesseits des Oceans. Der vorgeblich reumüthige Brandstifter, welcher in der Times seine Geschichte erzählt, die ihn nach seiner Behauptung den Massen der In— ternationalen uinabwendbar überweist, fühlt selbst, daß der Brand als Strafe für die Ka pitalisten aufgefaßt, in der Praxis denn re ganz außerordentlich über die Schnur hieb indem er sich nicht aüf die Geschäststheile der Stadt nach dem Programm der sieben oder mehr Chicagoer Verschworenen und ee der der Internationalen beschränkte, sondern statt etwa bei Indianastraße auf der Nord- Seite Halt zu machen, bis Lincoln Park raste und dadurch Zehntausenden von Arbeitern die Berarmung brachte, welche ausschließlich dem „Capitul“ zugedacht war. Das erwähnte sreumüthige Mitglied ist vorsichtig genug zu bemerken, daß zwei von den ursprünglichen Gründern der Internationalen in Chicago (d. h. der Abtheilung derselben in Chicago) in den Flammen umgekommen seien, ebenso sieben der mit dem Nachhelfen der Feuers brunst beauftragten Mitglieder, und daß zwei andere Mitglieder wahrscheinlich für ihr Le— ben zu Krüppeln verbrannt find. Die ganze Geschichte verdankt nach unsexer Ansicht der Tendenz ihren Ursprung, für großartigẽ und grauenhafte Katastrophen graüenhafte Ursa— chen zu präsentiren und in Folge dessen zu erdichten und schließlich zu gläuben. Der sich mit Ungeheuern äm Rande der Welt be schäftigende Theil der griechischen Mythologie serhält in den modernen Carbonari- und jetzt den International-Sagen sein Gegenstück. Die Ursache unserer Calami- Seit dem Ausbruche des verhängniß vollen Feuers beschãftigen sich Tausende und aber Tausende müßiger Köpfe da mit, die Ursache desselben und seiner fabelhaft raschen Verbreitung zu er— gründen. Kein Wunder, daß als Re— sultat solcher Forschungen manchẽs abenteuerliche, absurde wen 1 Tage tritt. Nachdem man, um der Wahrheit die Ehre zu geben, genöthigt war, der Kuh, welche durch Umstogen einer, brennenden Kerosene-Lampe den „Welt brand“ verursacht haben sollte, eine be sschworene Ehrenerklärung zu Theil swerden zu lassen (welche durch die Presse veröffentlicht wurde), so war snatürlich das Nächste für ein sensations— swüthiges Publiküm eine andere, wo möglich noch abenteuerlichere Ent— stehungsursache zu entdecken. Daß das Feuer, wie dies täglich hier geschieht, durch irgend einen unglücklichen Zufali entstanden, und von dem wüthenden Orkan rasch von einer Holzhütte zur anderen getragen ward, bis das „ganze böhmische Viertel“ und bald darauf die benachbarten riesigen Holzhöfe, Schneidemühlen u. s. w. in Bränd stan den und daß sich vou da aus ein wahrer Funkenregen auf die Barracken an der Canal- und Wellsftraße ergoß und so den schrecklichen Brand auf der Südseite anfachte und daß dieser wieder, wie es. bei dem schrecklichen Sturme kaum an ders zu hoffen war, den Untergaug der Nordfeite verursachte dies Alles läßt Es als unwahrscheinlich außer Acht. Ein so außerordentliches Ereigniß muß auch eine außerordentliche Ursache ha ben. Diese Prämisse bildet die Basis. all der absurden Gerüchte über die Ent—- stehung des Brandes. Das Lächerlichste·- jedoch, was in dieser Beziehung je eiue— erhitzte Phantasie zu Tage gefördert hat, ist die Annahme, daß die „Inter nationale“ das Unheil über uns ge— bracht. Ein hiefiges Morgenblatt, dessen Haupt-Forçe es ist, der Ge schmacksrichtung seiner Leser auf wahr— haft raffinirte Weise Rechnung zu tra— geu, leistet dieser absurden Voraus— setzung insofern Vorschub, als es einen zwei Spalten langen Brief publicirt, welcher ihm angeblich von einem mit Gewissensbissen geplagten Mitglied der „Internationalen,“ das an der Brand— stiftung einen hervorrragenden Antheil genommen haben will, behufs Ver öffentlichung zugegangen sein soll. Unm— die Sache wahrscheinlicher zu machen— wird der verrückte Gerrnedronee r ins Spiel gezogen. Man will wissen, daß derselbe am Schlusse seines am Sonntag Abend in der Farwell Hall. abgehaltenen Vortrags die Bemerkung. gemacht habe: „Dies isi der letzte Vor—- trag, welcher in dieser Halle abgehalten: werden wird. Es schwebt ein schweres Verhängniß über Chicago. Mehr kann sund darf ich jedoch nicht sagen.“ Nichts ist leichter als diesem Verrückten solche Worte zuzuschreiben, da kein Bericht über seine Vorlesung existirt sdie Irur—- nale, welche einen solchen publicirt ha— ben, sind verbrannt] und man weder ihm selbft noch seinen wenigen Zu— hörern zumuthen kann, Tags daranf noch all das Zeug im Gedächtniß zu be tten. was er Tags zuvor geschwatzt at. Die Abfassung besagten Briefes ist— übrigens derart, daß es einem denkea— den Leser nicht zweifelhaft sein kann.. daß jener von einem kalt berechnenden (nicht von einem durch Gewissensbißse zur Verzweiflung gebrachten) Indivi— shuum geschrieben, zu dem einzigen Zwecke, Sensation zu erregen. Wer, wie Schreiber dieses, das Feuer von seiner Entstehung bis zu seinem Ende beobachtet hat, wer wahrgenommen hat. wie der Sturm glühende Holzsplitter s Sparren meilenweit verjagte, sanre Asphaltdächer von dea brennenden Häusern abhob, um sie auf sein 20—30 Sqares von der Brändstätte eutferntes Gebäude niederzuschleudern,. sder wird für Theorien wie die, obenge deuteten nur ein Lächeln haben. Ap—- propos: die Asphaltdächer (gravel roofs). Dieselben haben sich während des Feuers als eine sehr bedauerliche Einrichtung, als eine „Nuisance“ ent—- hüllt. Dieselben fangen gleich denn Schindeldächern Feuer mit der- Leichtig kei des Zunders und einmal in Flam-. smen sind sie nicht mehr zu löschen. Unter— den vielen Lehren, die wir aus unserem Unglück ziehen können, ist die nicht die— unwichtigste, daß die Bedachung der— meisten unserer Häuser eine wahrhaft lüderliche war und daß swir bestrebt setrn smüfsen, ein ganz anderes Bedachungs system einzuführen. Vielleicht, daß sich die in Europa überall angewendeten Dachziegel in ihrer neuesten Verbesse— rung hier einbürgern lassen. Sollten dieselben allenfalls für Holzhütten als Bedachung zu schwer sein, so dürften sie wenigstens auf solider gebaute Häuser Anwendung finden. Eine Probe würde sich jedenfalls verlohnen, umsomehr, da sich uns alle nur denkbaren Facilitäten sfür deren Fabrikation bieten. Die von sensationssüchtigen Corre spondenten in den New Yorker Journa len publieirten Berichte, daß wir unsere Calamitãt hauptsächlich unserem Holz pflaster und den hölzernen Brücken zu verdanken haben, gehört natürlich auch. zu den vorerwähnten Absurditäten.