Die „New Horker Tribune““ über Chicago. Das Unheil, welches Chicago ins Herz getroffen, ist ein grenzenloses aber auch die Theilnahme, die seinem Mißgeschiek gezollt wird, verdient die— selbe Bezeichnung. In Wort und That findet sie ihren glänzenden Ausdruck. Von allen Seiten strömt werkthätige Abhilfe in jeder Gestalt herbei, von 2 len Seiten ertönen die Stimmen des Trostes, der neidlosen Anerkennung Dessen, was in Trümmer gesunken, der ftolzen Zuversicht, daß Das, was jetzt in Ruinen liegt, nur zwiefach glänzend wiedererstehen wird. Kein Blatt der Union ist uns zu Gesicht gekemmen, welches sich nicht in diesem Sinne aus-f spräche, welches, um sein felsenfestes! Vertrauen auf die Wiedererstehung der vernichteten Handelskönigin am Michi gansee zn motiviren, nicht einen blick auf die Riesenschöpfung von vier Jahrzehnten geworfen hätte, welche so— eben von der Erde gefärbt worden. Als typisch für Alles, was nach dieser Seite hin in der amerikanischen Presse zum Ausdruck gekommen, mag Das hen was die „New Yorker Tribune“ vom vorigen Dienstag in dem an der Spite ihrer Ausgabe stehenden Leitartikel sagt: „Chicago! Seit einer Reihe von Zahren ist dieser Name nicht anders und in keiner andern Verbindung, als der mit irgend einem regelmäßig wie— derkehrenden Superlativ genannt wor— den. Als Friederike Bremer vor län— gerer Zeit dieses Land befuchte, war die erste Sorge, der sie Ausdruck lieh, die: „westwärts zu eilen und Chicago, die Heimath von Loki und Thor, der nordi-! schen Personifikationen übernatürlicher Kraft zu sehen.“ In ganz Europa war dieselbe fast auf einen Wunderglauben hinauslaufende Meinung über diese Stadt verbreitet, welche aus den Mar— schen des Michigan-Sees fast mit der Plötzlichkeit einer Ausdünstung empor gestiegen war. Es gab kein Märchen, das phantas.isch genung gewesen wäre, wenn es auf sein Wachsthum gemünzt ward Nach New York war sein Name der der alten Welt geläufigfte, denn kaum gab es jenseits des Oceans eine. Stadt oder einen Flecken, die nicht den einen oder andern ihrer unternehmen— den Söhne dorthin gesandt, von denen jeder nach der alten Heimath Berichte, voll blendender Schilderungen des neuen Landes, gesandt hätten. Es war für den Europäer kaum eine amerikanische Stadt. Dem Süddeutschen war es wie eine süiddeutsche Colonie. Der Schwede hatte so viele Landsleute dort, daß er ein kleines Scandinavien am Michigan See zu besitzen vermeinte. Selbst der auswanderungsunlustige Romane konn—- te ein Stück seiner Heimath in Chicago wiederfinden. Die Fäden nationaler Verwandtschaft spannen sich von der ei— nen Stadt nach allen Ländern der Welt. „Aber auch hierzulande, wo die Fa bel im Lichte nachbarlicher Nähe und steten unmittelbaren Berkeyhrs zu 80-! den sank auch hierzulande galt Chi-/ cago um seines Wachsthums und seines mächtigen Gefüges halber für eine Art Wunder. Mit einer geringeren Be— völkerung als verschiedene andere Me tropolen des Landes, durfte es lange Zeit den Rang der zweiten Stadt des Continentes beanspruchen. Es er freute sich einer Entwickelung seines munizipalen Lebens, einer Gewalt com mercieller Lebenskraft, einer Uner— schütterlichkeit seines Selbstvertrauens, x welche dem ganzen Lande importirte! und die junge im Sturmschritt voran schreitende Stadt wie eine ausschließ liche Schöpfung aus eigener Kraft er scheinen ließ. In Erschließung von Hülfsquellen und in der Aufbringung von Kapital und Arbeitskraft behufs Lösung von allerlei, einem so rapiden Wachsthum naturgemäß entspringenden Problemen stand es mit den Kapitalen der Welt auf einer Stufe. Es schien für alle Bedürfnisse die Quelle der Be friedigung in sich selbst zu tragen. Umß die nnendlichen Massen Getreides, wel che Tausende und Hunderttausende von Farmern ihm zuführten, manipuliren zu können, erfand es den ersten Eleva— tor. Es erhob sich aus dem Sumpf— lande, in welches es hineingebaut war, und erhöhte das Niveau, darauf es stand, um mehrere Fuß. Es schraubte ganze Stein- und Eisenpaläste in dies Höhe und baute unter die schwebendens Lasten von vier, fünf und sechs Stock— werken neue Keller. Als es frisches Wasser brauchte, unterminirte es den Michigan-See anf zwei Meilen und legte mit einer, gegen alle bisherigen Dogmen der Naturlehre sich auflehnen den Kühnheit einen Tunnel unter dem Grund des Inland-Meeres. Dies Alles sind Daten aus der Geschichte Chicago's, die fantastischer als irgend eine Erdichtung erscheinen. „Und wie alt ist diese ganze Stadt? John Kinzie baute seine Trapperhütte am Michigansee im Jahre 1804. Die Indianer massakrirten die Besatzung von Fort Dearborn im Zahre 1812. Im Jahre 18830 standen zwölf Häuser nahe der Mündung des Chicagoflusses zerstrent und 1870, noch lange ehe das Haar des erften in Chicago selbft geborenen Bewohners der Stadt fich grau zu färben begonnen, zählten dte Censusbeamten 300,000 Einwohner, und beleidigten weitere 50, 000 als nicht Gezählte auf das Tödtlichfte. Bor einer Woche hatte Buffalo in seinen Spei chern und Elevatoren 300,000 Bushel Getreide angehäuft; Montreal 511,- 120; St. Louis 777,881; Milwaukee 790,335; Toledo 1,282,487 Chicago 6,078,560. Ein Zauber von Beweis kraft liegt in diesen Ziffern, welche für den Amerikaner mehr sagen, wie aller s Schwung verherxlichende Ro manzen und Eulogien. „Und nun? Seit Montag hat sich zu all diesen Ansprüchen auf Prominenz, ans „Einzigkeit“, ein neuer g sellt. Ohne Gleichen, wie es bisher in Erfolg und Glück dagestanden hat. steht Chi cago jetzt im Unglück, in dem Ruin da, der es ereilt hat. Sein Name ist fort— unzertrennlich von der Erinnerung an die größte Calamität der neueren Zeit Und zum Schluß ihres beredten Ar—- tikels wendet sich die„Tribnne“ an New York mit den Worten: „Die Städte des Westens haben ungesäumt und in der sie ehrenbsten Werise gesprochen. New York, dies unterliegt keinem Zw i— fel, wird heute an die Erfüllung seiner ganzen Pflicht gehen. Aber bei einer solchen Gelegenheit hat jeder Einzelne das Recht zu organisiren und im Dienst der Menschlichkeit Maßregeln zu er— greifen. Keiner versäume dieses Recht, diese Pflicht! Nie hat eine größere Ca— lamität an das Herz der Menschheit appellirt. Wie es die erste Stadt des Landes an Umfang und Macht ist, sei New Yort es auch, was die werkthätige Unterstützung anbelangt, mit der es sei— ner Schwesterstadt zu Hülfe eilt.“ Scenen am Erie-Depot in New Yort.. Die tiefe Sympathie mit dem Mißge— schick von Chicago hat viele New Yorker zum raschen hülfreichen Handeln veran laßt. Die Eriebahn darf es sich zum besonderen Verdienst anrechnen, Man— chem Gelegenheit gegeben zu haben, sein Scherflein zur Linderung der Noth bei— zutragen. Die Annahme von Proviant und sonstigen Lebensbedürfnissen in ihrem Depot an der 23. Straße und die freie Uebersendung nach Chicago ist ein immenser Dienst für die armen Be drängten gewesen. Der Bahnhof bot am Montag Mittag ein Bild von unge meiner Belebtheit, die mit jeder halben Stunde sich noch erhöhte. Karren mit Fäfsern und Kisten kamen heran, wur— den entladen und mußten flugs wieder anderen Platz machen, die nun an die Reihe kamen. Damen kamen in Kut— schen heran und gaben Päcke mit Klei dern und sonstigen Bedürfnissen ab, die dann in Hunderte von Kisten eingepackt und an den Mayor von Chicago adres sirt wurden. Die eingelieferten Lebens—- bedürfnisse bestanden meistens aus sol— chen, die nicht leicht dem Verderben ausgesetzt stnd: Zwieback, Crackers, ge— trocknete Fische, Brod etc., Betten und Kleidung. Eine einzige Firma lieferte hundert Matratzen. Colonel Fisk widmete persoönlich der Verladung und dem Transport der an—- kommenden Artikel viel Zeit und Arbeit. In seiner Abwesenheit fungirten sein! Schwager, Herr Charles Moore, und Dr. Pollard für ihn. Ein großer Lastwagen, mit der Auf schrift„Hülfe für die Nothleidenden in Chicago“ und mit 6 Pferden bespannt, war bestimmt, in der 23. Straße und der 5. Avenue die Beiträge der dortigen Bewohner aufzunehmen und in das De pot zu bringen. Man hofste, werde bis zum Abend ein Zug von 25 „Cars,“ mit Vorräthen beladen, nach Chicago abgehen können, leistete aber bei der allgemeinen Theilnahme noch mehr. Die Kanal-Pfand-Vill. Die Bill, durch welche Chicago das für Vertiefung des Illinois und Mi gan-Canals ausgelegte Geld smit Zin— sen beinahe 3 Millionen Dollars] zu— rückerhalten soll, wurde mit den im Staatssenat gemachten Abänderungen vom Hause am 19. Okt. mit 121 gegen 22 Stimmen angenommen. Die Amen— dements, welche die Bill im Senat er- ror. beziehen sich hanptfachlich auf die Art und Weise der Aufbringung der jerwähnten Geldsumme. Zunächst sol— len $250,000 Sta-tsbonds sofort ver— kauft werden sdie Berfaffung verbietet die Ausstellung einer größern Masfsse, ausgenommen für gewisse beftimmte Fälle); sodann sollen die von der Illi nois Centralbahn der Staatskasse jãhr— lich zufließenden Summen (etwa SBOO,- 000), sodann die Einnahmen vom Ca nal (etwa 350, 000 bis 880,000 Netto jährlich), dann die in Händen der früthe— ren Canaltrustees befindlichen $92,000, und zuletzt und nicht am geringften der Ertrag einer Spezialfteuer von 13 Mill auf den Dollar für 1871 unv '72. In dieser Weise wird die Staats schuld von Illinois nur um 114 Mil— lion vermehrt und der Haupttheil der Summe durch direkte Besteuerung, so rasch als es geht, aufgebracht und für immer abgethan. Gouverneur Palmer erklärte in seiner Bolschaft, daß er diese Art der Abtragung der Canal— schuld an Chicago vorziehe, und sie ift ohne Zweifel vorzuziehen. Das Schul— denmachen darf in keiner Weise ermun— tert werden. Die erwähnte bedentende Summe, welche der Stadt nach und nach ausgezahlt wird, wie sie nach und nach einkommt, soll dazu verwandt wer— den, die Zinsen für die Stad·schuld zn zahlen, die Brücken und öffentlichen Gebäude wieder aufzubauen (das Court haus auf dem alten Platze) und die Po—- lizei- und Feuerdeparteraents zu unter halten. Dadurch wird mehr als die Hälfte der städtischen Stenerlaft von den Schultern der Bürger Chica— go's genommen, und kann die zu zah lende Summe für das Jahr auf 7 Mills (d. h. 7 von je SIOOO Besitzthum) ohne Gefahr herabgesetzt werden. Die Stadtwahl. Ms Mayor: Henry Greene— baum; so schreibt die Chicago Tri— sbune vom Samstag und spricht damit ein großes Wort aus, dessen Tragweite svtelleicht noch größer ist, als sie selbst glaubt. Die Erwählung eines deut— ch en Bankierns zum Mayor ist hin diesem Augenblicke der Stadt viel— leicht viele Millionen werth. Es isft das sicherste und unfehlbarste Mittel, dem deutschen Kapital Vertrauen zu Chicagoeinzuflößen u. große Darlehen lherüberzuziehen. Daß in det Zeit ihrer schwersten Bedrängniß die Stadt Chi— cago einen deutschen Geschäftsmann zur Leitung ihre« Angelegenheiten beruft, einen Mann, dessen Energie so fest wie Stahl, dessen Redlichkeit so ächt wie Gold ist, wird überall als Bürgschaft dafür angenommen werden, daß die schrecklich. Calamität, von welcher wir betroffen worden sind, einen läuternden und reinigenden Einfluß auch auf unsere örtlichen politischen Zustände zu üben bestimmt ist. Henry Greenebaum ist im besten Sinne des Wortes ein selfk made man, und schon von seinem Knabenalter an in all seinem Denken, Trachten und Thun aufs innigste mit dem Wohl und, Wehe Chicago's verknüpft. Er ist mit Begeisterung Chicagoer; einer der besten Repräsentanten des unverwüst rere Unternehmungsgeistes, der zähen Energie uad des edlen, selbstlosen Sin— bar welche Chicago groß gemacht haben. Wie Wenige mit allen Einzelnheiten unserer städtischen Angelegenheiten ver— traut, besitzt er Scharfblick und Takt in einem höheren Grade als Hunderte von Männern, deren Name jemals in Ver— bindung mit dem Mahorsamte genannt worden ist, und dazu einen lobens— werthen Ehrgeiz, der ihn anspornen würde, seine ganze Geistes- und Willens— kraft dem Aufbau von Chicago zu widmen. In den nächsten zwei Jahren Mayor von Chiecago sein heißt eine befsere Gelegenheit haben. seinem Na—- men eine hervorragende Stelle in der Landesgeschichte zu erwerben, als sie ein Staatsgouverneur oder Bundessenator hat. Und Henry Greenebanm würde der Mann sein, diese Gelegegenheit zu be—- nutzen. Man kann davon überzeugt seim, daß er die Verwaltung der Stadt auf eine Weise führen würde, welche gewiß! wäre, ihm ein bleibendes, Andenken für alle Zukunft zu sichern. Der Vorschlag der „Tribune,“ dem, wie wir Grund zu glauben haben, alle republikanischen Zeitungen beistimmen werden, zeigt zugleich an, auf welche Weise die Stadt davor bewahrt werden kann, unmittelbar aus der schrecktichen Drangsal, von welcher sie heimgesucht worden ist, in den Wirrwarr der Partei— politik gestürzt zu werden. Es sollten beide Parteien dahin übereinkommen, sich über einen Wahlzettel zu verständi— gen, auf welchem biei de durch die be sten, fähigsten und ehrenhaftesten Män ner vertreten wären und welche ohne allen Streit, ohne Opposttion ge—- warn werden könnten. Der Republi kaner Gveenebaum als Mayor, der Demokrat Gah l als Stadtschatmeister Republikaner als Steuereinnehmer oder Countyschatzmeister, ein Demotrat wie Stiles, oder Thomas Hohne als Corporationsanwalt, Jamieson als Richter der Superior Court auf solche Weise kann eine Candidatenliste aufge stellt werden, mit welcher jeder Bürger ufrieden sein kann, so daß eine Gegen liste gar nicht aufgesiellt wird. Und dies wäre, was man unter den jetzigen Umständen vor Allem wünschen müũßte. Die Bürger von Chicago haben jetzt wichtigere Dinge zu thun, als sich in den Strudel des Parteigetriebes zu stürzen. Was die Stadt braucht, find Männer, welche im vollsten Sinne des Wortes der Lage gewachsen sind; Männer, welche Willens sind, ihre be—- sten Kräfte, ihr ganzes Streben und Thun der schweren Aufgabe des Wieder— aufbaues von Chicago zu widmen. Wenn solche Männer sich bereit finden lafsen, die Candidatur anzunehmen, so frage man nicht darnach, ob sie Repu blikaner oder Demokraten seien. Es werden andere Zeiten wieder kommen, in welchen es angemefsen sein mag, die Parteiunterscheidungen wieder schärfer zu ziehen; aber die gegenwärtige Zeit ist nicht dazu angethan. Dic Suppenanstalt an Pesria, nahe Carroll-Straße. Cincinnati hat die Wirkung der Katastro— phe des 8. und 9. Oltobers auf Chicagos abgebrannte Bevölkerung richtig beurtheilt, als es einen Theil der von ihnen großmüthig und rasch gesandten Hülfe die Gestalt einer Suppenänstalt gab. Das Cincinnatier Co— mite, welches hier mit eignen Augen von der gigantischen Größe des Unglücks sich üüber zeügte, erkannte sosort klar, daß es sich nicht nur um freie Lieferung von Lebensmitteln für einige Wochen handeln würde, sondern für viele Monate und daß eine Suppenanstalt nicht allein die vortheilhafteste Form der Vecwendung der eingehenden Unterstützungs gelder sein würde, sondern auch das geeignet fte Mittel, um die zahlreichen Klasfen ver— schämter Armen eine Gelegenheit zu geben, vön den Gaben der Mildthätigkeit Nutzen zu ziehen nnd sich gegen Hunger zu schützen. Bon diesen Gesichtspunkten ausgehend, beschloß das Cincinnatier Comite, eine Sup— penänstalt in einem eigens dazu erbauten grvßen Schuppen zu errichten und dieselbe bis zun 1. April 1872 offen zu halten. Es beschloß serner, bei der Vertheilung der Sup—- pe don allen inquisitorischen Fragen und Umstndemachen abzustehrn, sondern Jedem, der Suppe verlangt, dieselbe zu verabreichen, d. h. sie ihn in einem zu dem Ende mitzu— bringenden Kessel oder Topfe mit nach Hause nehmen zu lassen. Das Verzehren der Snppe an Ort und Stelle hat sich gleich Anfangs als unzuträglich herausgestellt. Eine Masse Gesindel erschien am ersten Tage und machte sich um die großen Bütten so breit und mau ig, daß die Familien, auf deren Unterstütz ung es hauptsächlich abgesehen war, nicht durchdringen konnten. Seitdem wird nur in seltenen Fällen gestattet, die Suppe am Platz zu vetzehren. Wir haben die Bestandtheile der wahrhaft berüchtigen Fleisch- und Gemü sesuppe (einer Combination der Fleischsuppe mit der französischen Gemüsesuppe) bereits gestern erwähnt. Das dazu gebrauchte Rindfleisch (Hinter- nnd Vorderbeine) giebt an und für sich schon eine ausgezeichnete Suppe, und der einer Dampfmaschine ent stammte Dompf, welcher die Suppe h iost jedes Stückchen Fleisch von den Knochen, so daß Alles in Bouillon verwandelt wird oder als gründlich gekochtes Rindfleisch ʒ der Brähe umherschwimmt. Als wir der Anstalt einen Besuch abstatteten, waren rade verschiedene Clevelander Damen und Philantropinnen mit dem Kosten der Suppe Philanteo und fanden sie vortrefflich. (Be— sagte Cleveländerinnen wollten durch das Feuer heimathlos gewordene Kinder sür Cle— velands mildthätige Anstalten sich holen, erhielten aber nichts als einen Klumpen por zellaner Babies, welche sie zum Andenken an den großen Brand aus den Ruinen an La—- salle Straße aufgelesen). Wir versuchten die Suppe gleichfalls und können das Urtheil der Cleveländerinnen nur unterschreiben. Die Qualität wie die Quantität der Suppe beweist was in richtigen Händen mit verhält n Bmäßig geringen Mitteln geleistet werden tann. Die Suppenanstalt kann nämlich nöthi genfalls 8000 Gallonen Suppe oder 48,000 Rationen per Tag liesfern, whrend die Kosten der Gallone sich nur auf 34 Cent belaufen. Bis jetzt werden noch keine tausend Gallonen per Tag verlangt, die Nachfrage wird aber sehr bald zunehmen, namentlich nach dem Eintritt der kalten Jahreszeit und es wird schlleßlich doch aller Kunst bedürfen, um mit den für die Anstalt ausgesetzten 325,000 bis zum 1. April 1872 auszukommen. Die An-- stalt wurde am Mittwoch zuerst erösfnet. Am ersten Tage wurden 1200 Rationen oder“ Portionen ansgeihẽilt, am zweiten 1400, am 1 dritten 1480. Der Freitag und die Ber-! pöntheit des Fleisches am Freitag. scheint Manche vom Besuche der Anstalt am Flreitag abgehalten zu haben und die Frage, für Frei tag der Fleisch, Fischsuppe oder Chowder zu substituiren, wird bereits in der höchjten Re gion der Anstalt, nämlich zwischen Direttor s B. Franklin und Hilfsdirektor E Jotinron!! debattirt. Diese Herren stehen der Anstalt in thatigster und hümanster Weise vor. x Deutscher Hüülfs-Bereit zu Chi ecago. Wir veröffentlichen hiermit zur Kenntniß—- nahme der Betheiligten, daß nachbezeichnete Comites vollständig organifirt sind: 1. Comite für Transport und Eisenbahn— Billets: Henry Greenebaum, No 16 Süd Canal straße, H Claussenius, No 254 West Ran dolphstraße. 2. Comite für Bauholz: Petet Hand, Ecke Huron und Wellsstr. 83. Comite füür Arbeitsnachweisung: Jo— seph Kausmann, 252 Milwaukee Av. Ferner machen wir darauf aufmerksam, daß in allen Distrikten dentsche Comites und Inspettoren angestellt sind, än die man sich wegen Unterstüützung wenden wolle. Cisenbahnbillets werden nur an arbeits— unfähige und kranke Männer, Frauen und Kinder gegeben. Das Repräsentations -Comite, bestehend aus den Herren G Schneider, Ernst Prus—- sing und Frausik Lackner wurde beauftraat, bei der Chicago Relief und Aid Society da— hin zu wirken, daß von den Abgebrannten, die aus dem allgemeinen Unterstützungsfond Baunholz beziehen, keine Noten verlangi wer den. An Beiträgen sind bis heute eingegangen: Tayson n. Burton 35 00 F F Hamkeng in St. Louis 5 00 Von den hiesigen nicht abgebrannten Deut. schen erwartet der Becein einen liberalen Bei trag zur Unterstüthung ihrer Mitbürger. C. Knobelsdorff, Sec, No. 27 Milwauke Av. Weitere Berichte von Chieago. Chicago, 18. Oct. Gestern Abend herrschte hier ein furchtbarer Sturm. Um Mitternacht war es beinahe ein Orkan, aber gegen Morgen legte fich der Wind. Die Bevölkerung, vorzüglich die in der Nähe der, der vom letzten Feuer heimge suchten Gegend Wohnenden, war in großer Unrrhe. Feuerleute wurden in allen Richtungen umher getrieben. Einzelne Mauern wurden rasch nach einander umgeblasen, und die in der Nachbarschaft stehenden Gebäude wurden von oben bis unten erschüttert. Die Leute rannten aus ihren Häusern auf die Straßen aus Furcht daß die Gebäde einfallen und sie begraben würden. Der Alarm war fast eben so groß wie in der ersien Nacht nach der großen Feuersbrunst. Glücklicherweise hatte es vorher 24 Stunden lang geregnet und dadurch wurde eine weitere Feuersbrunst verhindert. In den Kirchen wurde der Sonntag allgemein gefeiert. In manchen Kirchen heelten verschiedene Reli gionsgesellschaften zu gleicher Zeit Gottes— dienst. Die Pceediger sprachen alle üüber die große Calamität und über die nächste Zu— kuuft Chicagos. Chicago, 16. Okt. In dem abgebrannten Theile der Südseite ist heute eine wunderbare Thätigkeit ent— wickelt worden. Tausende sind mit Weg— räumen des Schuttes beschäftigt gewesen be— hufs Errichtung von provisorischen Gebäu— den. Jeder Arbeiter, der arbeiten will, kann Beschäftigung genug zu liberalem Lohn er halten. Der gestrige einstimmige Entschluß der Banken, morgen ihre Geschäfte wieder zu öff nen und, wenn dazu aufgefordert, jeden ein zigeu den Depositären zukommenden Dollar sofort auszuzahlen, sowie das schlennige Zahlen der Verluße seitens der Versicherungs- Gesellschaften, hat den Geschäftsleuten neue Zuversicht gegeben. Von der Presse in anderen Theilen des Landes werden viele übertriebene Nachrichten veröffentlicht, welche nicht die entfernteste Begründung haben. Dieselben gehen von Spezialcorrespondenten und nicht bder asso— ciirten Presse aus. Eine dieser Nachrichien ist, daß das hölzerne Pflaster vollständig ver brannt ist und in großem Maße zur Aus— breitung des Feuers beitrug. Nichts kann mehr von der Wahrheit abweichen. Das hölzerne Pflaster ist ebenso geblieben, wie es gelegt wurde, fest wie Stein, es ist kaum an— gesengt und dann nur an Stellen, wo glü— hende Backsteine auf dasselbe niedersielen. Auch sind die Nachrichten von dem Verlust an Menschenleben sehr übertrieben. Die Zahl der entdeckten Leichen ist unter hundert und fünfundzwanzig. Eine große Anzahl Men— schen, von denen man glaubte, däß sie um gekommen, ist am Leben und wohl und mun—- ter. Dies ist wahr in Bezug auf Oberst Stone und Frau, Frl. de Pelgrom, Or. Freer, den Stadtschatzmeister, Dabid A. Gage und vlele Andere. In der Handeskammer wird lebhaft hin und her debattirt, wo dieselbe bis zum Wie—- deraufbau ihres Gebäudes loeirt werden soll. Sie besindet sich jebt auf der Westseite, doch eine große Anzahl der Mitglieder ist für Ver— legung derselben nach der Standard-Halle an Michigan Avenue. Heute wurde im Direk— -2 darüber abgefstimmt, die Mehrheit ertlärte sich jedoch gegen die Verlegung. tarte sollen die einflußreichsten Leute für dieselbe sein, und wird wahrscheinlich eine eere die Folge davon sein, da die Freunde der Südseite sich bereits organisirt und bereit sind in der Standard-Halle Ge—- schäfte zu machen. Lunt, Preston und Kean, Privatbanliers und Ageanten für Jay, Cook u. Co. zur Ne— gociirung der Anleihe der RNord Pacischahn, werden morgen ihr Geschäft wieder eröffnen. Der Cursus des „Rush“ medicinischen Collegs wurde heute, da die Gebäulichkeiten sämmtlich abgebrannt find, im städtischen Spitale wieder eröffnet. Die Studenten, welche die Stadt verlassen, kehren allmälig zurück und die Vorlesungen werden, wie ge wöhnlich, den ganzen Winter hindurch fort gesettwerden Das presbutensde Seminar und die Woh—- nungen der Professoren sind gerettet worden. Hr. MeCormick, obaleich er selbst sehr schwere Verluste durch das Feuer erlitten, komm sei— nen Beiträgen zur Stistung pünktlich nach. ODie Unterstützungscomites thun sämmtlich ihre Schuldigkeit und das größte Elend ist vorbei. Die einlaufenden Spenden werden getreu unter die Nothleidenden vertheilt. Zu Anfang wurde eine große Anzahl Betrüger amnit Lebensmitteln und Kleidungsstücken ver jorgt, doch hat sich der Unterstützungsverein jetzt so vervollkommnet, daß nur sehr wenig Betrug unentdeckt geübt werden kann. Chicago, 17. Oct. Gestern machte einige Bauholzhändler den Versuch, den Preis des Bauholzes von drei auf vier Dollars per 1,000 Fuß zu trei— ben. Die größeren und anständigeren Händ— ler bekämpzhten dies jedoch und der Bersuch scheiterte. Bauholz wird zu den früheren Preisen verkauft. In den hiesigen Niederla gen befinden sich zum wenigsten 250 Millio nen Fuß. 4 Die Polizei hat den italtenischen Saloon wirlh Gregorio Petri verhaftet, welcher am Monitag ziwei Männern an Van Burenraße schlimme Stichwunden beibrachte. Man faßte ihn im Dorfe Austin, welches ca. d Meilen westlich von hier liegt. Bis gestern Abend find übrr 92 Leichen Inquests gehalten worden. Sobald jedoch der Schutt in den verbrannten Stadttheilen weggeräumt wird, werden wohl noch viele zum Vorschein kommen. Die Spezialagenten des Postdepartements haben heute Arrangements für VBerlegung des Postamts nach der Kirche, Ecke Wabash Avenue nnd Harrisonstraße; getroffen. Die selbe wird bis zum Bau eines neuen Post gebäudes durch die Regierung benutzt werden. Die Kirche ist äußerlich bedeutend versengt worden, hat aber im Innern wenig oder gar keinen Schaden gelitten. Die Direktoren der Handelskammer waren hsute in Sitzung um über die Frage der Lo cirung endgültig zu entscheiden. Nach ziem licher Debatte wurde beschlossen ein Comite zu erennen, welches eine passende „Lot“ in der Nähe der alten Handelskammer auswäh— len soll, um darauf ein provisorisches Ge— bäude zu errichten. General Sheridan hat eine Adresse erlassen, in welcher er ankündigt, daß vollständige Ruhe in der Stadt herrscht. Seit der Un glücks nacht von Sonntag und Montag früh ist kein Gewaltaki vorgetktommen. Die National- und Sparbanken haben tert die Geschäfte wieder aufgenonmen war durchaus keine Aufregung und kein Gedränge. Als ein Beispiel des Vertrauens e angeführt werden, das in der 3. Ratio—- nalbank $45,000 gezogen und $72,000 de ponirt wurden. Die Staats-Sparbank be reitete fich anf einen „Run“ vor, doch nur einige 40 Depositäre forderten Geld. Heute wurden viele Neubautencontrakte abgeschlossen. Unter den Personen welche sofort wieder bauen wollen sind Wm. F. Coolbaugh, H· G. Powers, C. T. Weehler, Bowen 8r05.,, George Armour, John B. Drake, J. C. Walker, Potter Palmer, Ma—- thew Laflin, C. H. Beckwith, Edwin Hunt, Fred. Tuttle, Greyston und Mackin, Ames H. Rees, Tribune Compagnie u. s. w. Der ganze am Courthause Platz liegende Block zwischen Randolph und Washington— straße wird sofort wieder aufgebaut werden. Desgleichen der, Union“ Bahnhof amFuße der eartteane und zwar in vergrößertem Maaß abe. Heute wurden 1,000 Pässe an Personen verabfolgt, welche die Stadt verlasseu wol len. Der Entschluß der Postbehörde das Post amt auf der Südseite zu lociren, wo weni—- ger als ein Fünftel der Einwohner und kein Gas ist, hat sehr überrascht und viel Ent— rüstung verursacht. Man scheint weniger Rückficht auf die Bequemlichkeit der Mehr— heit der Einwohner genommen zu haben «ils hätte geschehen sollen. Chicago, 18. Okt. Seit der großen Feuersbrunst sind 10 Tage vergangen und jeder Tag bringt neue Gele—- genheit zur Aufmunterung. In der Stadt herrscht Ordnung. Unterstützungen fließen reichlich ein. Die Geschäfte leben wieder auf, in allen Gegenden wicd neugebaut u. s. w. Es herrscht eine bedeutend gesundere Stim— mung, als der größte Sanguiniker nur ah— nen konnte. Die Rachrichten von den Ban ken lauten im Wesentlichen wie gestern. Nur sehr wenig Geld ist verlangt worden, wäh— rend die Depofiten ganz bedeutend waren. In Finanzkreisen find die Aussichten durch aus gut. Die Versicherungsgesellschaften betragen sich edel, diejenigen, welche solvent sind, zah len ohne daß sie von den Policeninhabern rerlangen, daß sie die üblichen Formalitäten lerfüllen. Die „American Central Co-“ von St. Louis fing heute an auszuzahlen. Der Executivrath der hiesigen „Republie“ Versicherungsgesellschaft hielt heute eine Ver—- sammlung und beschloß die Verluste, welche $3,600,000 betragen, zu ordnen. Däs Baarvermögen beträgt sMO, 000 Die Ge— sellschaft wird 25 Procent zahlen.- Aus Memphis, Tenn., gingen hente 321,- 000 bei dem Unterstütznngscomite ein. Die heutige „Times“ schätzt den Gesammt— schaden auf 150 Millionen Dollars. Die Handelskammer hat ihre Geschäfte vollständig wieder aufgenommen. Der An— kauf und Verkauf von Getreide geht vor sich, als ob nichts vorgefallen wäre. Nachstehende Episode trug sich während des Feuers im Washington Tunnel zu. Während der Brand in dortiger Gegend seinen Höhepunkt erreicht hatte, strömten Tausende und Abertausende durch den Tun— nel, welcher über 1000 Fuß lang ist. Plötz lich ging das Gas aus und Alles war in finstere Nach- gehüllt. Eine furchtbare Panique entstand ein Zusammenstoß, und es schien nnvermeidlich, daß die Schwächeren von den Stärkeren zu Tode getrampelt werden müßten, doch, wie seltsam es auch klingen mag, Jeder schien sofort die Nothwendigkeit zu begreifen, kalt blütig zu bleiben. Niemand verlor die Geistesgegenwart. Alles hielt sich wie aufCom— mandowort nach Rechts, ein Jeder dem An— deren zurufend, kaltblütig und ruhig zu blei— ben und ruhig weiter zu marschiren, bis man an das Licht komme. Rasch aber ohne Con— fusion bewegten sich die beiden Colonnen durch die finstere Nacht mit fast militärischer Präciston. Die Stille wurde nur häufig durch den Ruf „nach Rechts,“ „nach Rechts,“ unterbrochen. Kein Zusammenstoß erfolgte, Niemand wurde verletzt und Alle erreichten wohlbe—- halten die Ausgänge des Tunnels. Wahl-Resultate. Bei den am 10. Oktober stattgehabten Wahlen haben die Staaten Ohio, Zowa und Pennsylvanien große republikanische Majoritäten geliefert. Die Tendenz, welche sich in Californien, Colorado und Maine, so— wie in den Mnniecipalwahlen in Con—- nectient offenbarte, hat sich in Jowa, Ohio und Pennsylvanien bewährt. Keine anfgeregten Campagnen gingen diesen Wahlen voraus. Beide Parteien waren, besonders in Bezug auf die Localpolitik, in sich zerfallen und zer klüftet; aber die Mafsen nehmen die Sachen sehr kühl, und das Resultat ist eine neue Reihe demokratischer Nie derlagen. Den Demokraten wird jetzt Mehreres klar werden. In Ohio und Penn— sylvanien spielte die sogenannte New— Departure ihre höchsten Trümpfe aus. Es hat sich unwiderleglich herausge stetit, daß mit demokratischen Trüm— pfen kein Stich mehr zu gewinnen ist. Weitsehende Demokraten haben längst erkannt, daß ihre Partei an der Schwindsucht leidet und keinen natio— nalen Kampf mehr führen kann mit der geringsten Aussicht auf Erfolg. Diese Erkenntniß wird von den republikani— schen Siegen tiefer in die Massen hin— ein gehämmert und bald wird jeder Demokrat im Lande, der nicht ganz und gar von Vorurtheilen verblendet isi, zu der Einsicht kommen, daß die demo— kratische Partei nur noch dazu da ist, die republikanische Organisation zu sammenzuhalten und sich selbst schlagen zu lassen. Dieser Gemüthszustand wird die Zersetzung der demokratischen Partei wesentlich erleichtern und darin sehen wir ebenso, wie die Westl. Post ein großes Glück für die Entwicklung unserer nationalen Verhältnisse.