2 18 E Il.Staalszeitung Dedruckt in der Druckerei des, Herold“ in Milwaukee. Office: 1014 West-Randolph-Str. Dienstag, den 24. Oktober 1871. Gouverneur Palmer's Botschaft. Gouverneur Palmer behandelt in ei—-! ner unterm 16. Oktober an die Staats gesetzgebung von Illinois gerichteten Bolschaft die Frage: Wie ist dem Nothstande der Stadt Chicago abzuhel fen? Die Vorschläge des Gouverneurs zer l fallen in zwei Klassen. Unter die erste! oder die indirekten Abhülfe-Maßregeln fällt der Vorschlag, der Stadt Chicago (und dem ganzen Cook County) die La— sten abzunehmen, welche die Stadt als Agent des Staats bisher getragen hat,! jetzt aber länger zu tragen außer Stande ist. Dahin gehört die Sorge für Irr-! sinnige, Arme und alle Hülflosen, für Bau von Landstraßen, Brückeu, Bau und Unterhalt von Schulen und für die! Vollstreckung der Gesetze im Allgemei-! nen. Da diese vom Staat der Stadt Chicago übertragenen Pflichten von der letzteren in Folge der Brandverluste nicht mehr oder nicht genügend erfüllt werden können, hat der Staat selbst diese Pflic hten zu übernehmen, muß der L selbst vor den Riß treten. Die Staats-! gesetzgebung muß zur Erfüllung der oben erwähnten Staatspflichten andere Organe und andere Mittel besorgen, d. h. der Staat muß den Unterhalt der Schulen, Irrenanstalt, der Armen von Cook County direkt übernehmen und dadurch die Bewohner Chicago's befähi gen, ihre ganze Energie und alle ihre Hülfsmittel der einen großen Aufgabe des Wiederaufbaues der Stadt unge— theilt zu widmen, Dies ist um so nothwendiger, als die neue Staatsver—- fassung die Befugnisse der Städte und Counties in Bezug auf Schulden— machen und Steuerauflagen bestimmt beschränkt. Die Rtädte und Coun— ties sind daher in so außerordent— lichen Fällen wie der vorliegende außer Stande, die ihnen vom Staat auferleg— ten Pflichten zu erfüllen. Der Staat dagegen hat seiner Staatsgesetzgebung in Bezug auf Besteuerung keine solche Schranken gezogen, wie sie den Coun-- ties durch die Verfassung gezogen sind cnach welcher der Steuersatz 75 Cents von je SIOO nicht übersteigen darf). Die zweite Klasse von Abhülfe-Maß regeln sind die direkten und positiven. Der Staat soll der]Stadt Chicago direct rnit Geld unter die Arme greifen. Es ẽst vorgeschlagen, die von Chicago für Vertiefung des Illinois und Michigan Canals ausgelegten 24 Millionen (mit Zinsen von 3 Millionen Dollars) der Stadt wieder zurückzuzahlen. Diese Rückzahlung könnte in zweierlei Weise geschehen: Entweder könnte der Betrag durch direkte Besteuerung aufgebracht werden. Der Werth des steuerbaren Eigenthums im Staat beträgt 500 Mil— Tionen. Wenn man dann 50 Millionen auf Grund des großen Brandes in Chi— cago abzieht, so bleiben 450 Millionen. Um durch Steuer 3 Millionen aufzu— bringen, müßten 66 2143 Cents von je SIOO bezahlt werden; dazu würden 55 Cents für Staatsverwaltungs- und Schulzwecke kommen, so daß der Steuer- Jatz für 1871 $1,21 213 Cents per SIOO betragen würde. Der Gouverneur zieht für seine Person den Weg der di rekten Besteuerung zur Rückzahlung der obenerwähnten 3 Millionen vor. Da edoch gegen eine so starke Vermehrung Ider Steuerlast Einwendungen erhoben werden, und ferner der Grtrag der Steuer erst nächstes Jahr einkommt, aber sofortige Hülfe geschafft werden muß, so muß der Weg. der Staatsan— Teihe, des Verkaufs von 3 Millionen Staatsbonds betreten werden. Der Gouverneur untersucht dann die Be— stimmungen der Staatsverfassung Bezug auf Staatsschulden. Die Ver- Fassung verbietet bekanntlich der Staats gesetzgebung, mehr als $250, 000Staats—- schulden zu machen, ausgenommen in Fällen, wo es sich darum handelt, Ein—- fälle zurückzuweisen, Aufstand zu terdrücken, oder den Staat im Kriege zu! vertheidigen. Streng genommen, d. h. wenn man die Verfassung buchstäblich auslegt, erscheint die Contrahirung eic ner Staatsschuld von 3 Millionen verz Fassungswidrig, dem Geiste der Verfas— Aung jedoch nach erscheint ein solches Staatsanleihen gerechtfertigt. Der Staat muß die Macht haben, Geld nufzubringen, um großen und plötzlichen Ereignissen die Spitze zu bieten, die ·mit Krieg, Einfällen u. s.w. in einer Linie stehen. Unter diesen Umständen trägt der Gouverneur kein Bedenken, der Staatsgesetzgebung die ung der nöthigen Staatsanleihe zur Unterstützung Chicago's zu ir Die; Staatsgesetzgebung von Illinois trat am Freitag den 13. in Springfield zu außerordentlicher Sitzung zusammen. Nach den üblichen Förmlichkeiten wur den von den Vertretern von Cook County Reden über den Brand von Thicago gehalten und die folgenden xwei Vorlagen zur erfien Lesung bezr ordert: 1) Bill von Root, wonach der Staat Jofort der Stadt Chicago die von dieser Für die Vollendung des Illinois- und Michigan-Canals vorgestrecktte Summe zurückerstatten soll. 1 2) Bill von Springer, wodurch aus der Staatkaffe 500,000 Doll. zur Unter— stützung der Abgebrannten in Chicago bewilligt werden. Es wurde darauf beschlossen, daß die Gesetzgebung sich nach Chicago begeben solle, um die Brandstätte anzusehen und sich mit den städtischen Hultaussihten in Einvernehmen zu setzen. Am Samstag den 14. trafen die Mit-l glieder beider Häufer in Chicago ein! sund nahmen die grauenhafte Trümmer— sstätte in Augenschein. Darauf traten ssie um 2 Uhr Nachmittags in Standard- Hall zur Sitzung zusammen. Die Büürger von Chicago waren zugegen, um der Gesetzgebung sihre Ansichten über das, was der Staat zu thun habe, mitzutheilen. Es spra— schen die Herren S. S. Hahes, Wm. B. Ogden, Stadtanwalt Tuley, Gen. Stiles, Samuel Fuller, Herr Hitcheock, Gen. Logan, Ald. Wicker -c. zu Gunsten sdes Root'schen Vorschlages. Sie dran— sgen ferner auf Aufhebung der Bestim smung, wonach Niemand in einem Be— zirke, in welchem er nicht wenigstens seit Tagen wohnt, das Wahlrecht aus üben darf. Sodann ward verlangt, daß der Staat vorläufig die Kosten zur Er—- haltung der Bridewell, der Re— formschule, des County-Ar— menhauses, Irrenhauses und sdes städtischen Hospitals trage; ferner, daß ein Ausschuß von sieben Sachverständigen eingesetzt werde, um hione zur Sicherstellung der Be— sitztitel aufGrundeigenthum Cook County zu wahren; endlich, daß der Staat 250,000 Doll. für die städtische Polizei- und Feuerwehr be—- willige. 4 Nach Entgegennahme dieser und ande— srer Vorschläge vertagte sich die Gesetz gebung um 4 Uhr bis zum Montag, wo sie in Springfield wieder zusammen— streten wird, um die erforderlichen Be- schlüsse zu fassen. Zwei Hauptmaßregeln zur Abhülfe des Nothstandes in Chicago liegen vor der Staatsgesetzgebung mit Aussicht auf An nahme. Die erste betrifft die Zurückzahlung Ider von Chicago für Vertiefung des Canals ausgelegten 214 Millionen Dollars (oder mit Zinsen $2,925,340). Nach telegraphischen Depeschen hat das Haus mit 120 gegen 7 Stimmen eine Bill! angenommen, welche die oben erwãhnte sSumme in Canal Pfandscheinen (en! bonds) zu 6 Procent, zahlbar in 10 Jahren, für Chicago anweist. Von ein Fünftel bis Drittel des Betrages soll für Herstellung der öffentlichen Gebäude in Chicago auf den früheren Plätzen verwandt werden. Es ist anzunehmen, daß die $2,955, 340 durch Ver— saut der 6procentigen Bonds erzielt werden ssollen. In der ursprünglichen Bill, wie sie vom Comite einberichtet wurde, sollte das Geld zur Hälfte aus dem Ertrage oer dies— jährigen Staatseinnahmen, und zur Hälfte laus den des nächsten Jahres bestritten wer den. Nach derselben Bill soll ein Fünftel bis ein Drittel des Gesammtbetrages zum Wiederdan der Brücken, und der össentlichen Gebäude verwandt werden, der Rest zur Be—- zahlung der Zinsen der Stadtschuld und der Erhaltung des Feuer- und Polizeidepar tements. Die zweite Maßregel, von Hrn. Körner leingebracht, betrifft den Steuernachlaß. Die Bill bestimmt, daß, wenn in einer Stadt vor der Erhebung der städtischen Steuern, steuerbares Eigenthum durch Feuer zerstört ist, der Mayor der Stadt, der Comptroller, falls es einen solchen Beamten giebt, oder der Stadtclerk oder der Steuer commissär das Recht haben soll, einen dem Feuersverlust entspre:henden Stenernachlaß zu gewähren. Im Senat hat Senator Fuller eine Bill vorgelegt über Ankauf des Cook County Ir— renhauses, und üüber Steuernachlaß in den Branddistrikten. Von Seiten des Chicagoer Bürgercomites wird der Staatsgesetzgebung empfohlen, das für den Canal von Chicago ausgelegte Geld zurückzubezahlen; eine neue Steuer abschätzung für Stadt-, County- und Staats steuern für Cook County anzuordnen. Der Ertrag der Steuern soll zur Deckung der nothwendigen Ausgaben der Stadt, Town und County, und zur Zahlung der Zinsen der Schuld verwandt werden. Ferner soll die Gesetzgebung das Wahlgefetz dahin ab— ändern, daß der Wohnsitz eines Stimmgebers nicht dadurch verloren gehen soll, daß er durch Feuer von seinem Wohnfitz vertrieben wird; und daß die betreffenden Behörden er mächtigt werden, für Anstellung von Regi— stratoren und Wahlrichtern in den abge— brannten Distrikten Sorge zu tragen. Fer ner soll der Staat die städtische Bridewell. Reformschule, das Armenhaus, die Irren— anstalt und das Hospital provisorisch über— nehmen und unterhalten. Schließzlich soll der Staatsauditor von Zeit zu Zeit eine Anweisung von $250,000 auf den Staats schatz ausstellen, und das Geld der Stadt Chieago übermachen, um für den Unterhalt des Polizei- und Feuerdepartements ver— wandt zu werden. Einiges über die Sprengung von Gedäuden während der Feuersbrunst. Jetzt, nachdem genaue Berichte nicht allein über den Verlauf des Feuers, sondern auch über die Anstalten, die Seitens der städtischen Beamten zur Bekämpfung desselben getroffen wur—- den, vorliegen, macht sich rielle- die Ansicht geltend, daß sowohl der Mayor als Feuermarschall Williams im entscheidenden Momente die wünschens-- werthe Besounenheit verloren und sich der Situation nicht im Entferntesten gewachsen zeigten. Es wird von Sach verständigen allgemein behauptet, daß, als die Flammen noch an der Ecke der 5. Avenue und Quincystraße (in der Nähe des Palmer-Haus) wütheten. man ein weiteres Fortschreiten dersel—- ben durch Ergreifen energischer Maß regeln, als Sprengen, Niederreißen nnd Niederschießen von Gebäuden ganz gut hätte hemmen können. Doch wie gesagt, der Feuermorgel hatte seinen Kopf verloren, der Mayor nicht min— der, und ohne deren Aütoritãt wollte Niemand Hand anlegen. Erst als sich die Flammen in südlicher Richtung schon bis auf Harrisonstraße verbreitet hatlen, e es einigen eergidn Leuten, Erlaubniß und Pulver zur Vor— nahme der zweckdienlichen Sprengun— gen zu erhalten. Besonders verdient gemacht hat sich hierbei der Erx-Alder— man Hildreth von der 8. Ward, der Civilingenieur Locke, der ennitenr Mark Sheridan und ein junger Mann Namens Haman, der Neffe des Herrn A. H. Burley. Nachdem das Feuer am Sonntag et wa 2 Stunden gewüthet und in dieser kurzen Zeit schon ganz enorme Dimen— sionen angenommen hatite, derart, daß Jedermann sah, in welcher Gefahr die Südseite schwebte, begab sich Herr Hild reth zu dem Feuermarschall Williams ren suchte ihm klar zu machen, daß un die Flammen nur noch durch Sprengung und Niederreißung der zu— nächst bedrohten Gebäude bewältigen könne. Der Feuermarschall zitterte vor solchen Maßregeln und glaubte, daß die Spritzen im Kampfe mit dem verhee renden Elemente doch endlich den Sieg davontragen würden; Hildreth verließ hierauf den Feuermarschall, kehrte je— doch bald, als die Lage immer kritischer wurde, in Begleitung des Civilinge nieurs Locke, zu ihm zurück und wieder— holte sein Gesuch um endliche Vornah— ine von Sprengungen auf das Drin— gendste. Williams hatte alle Fassung verloren. Nach langem Zaudern sagte er endlich: „Nun, so holt Euer Pulver.“ Die Bei sden ließen sich dies nicht zweimal sagen, dlten sofort nach dem Pulvermagazin, Ecke der State- und Waterstraße, schlu— gen dort die Thüren ein, luden auf ei— nen inzwischen requirirten Wagen der Feuerwehr 40 Faß Pulver und fuhren damit nach der Westseite ab. An der Madisonstraßen-Brücke angelangt, sa— hen sie, daß sich das Feuer schon auf die Südseite verbreitet hatte und dort in der Gegend der alten Bridewell wüthe. Sofort machten sie Kehrt und brachten das Pulver nach dem Courthause. Da jedoch daselbst keiner der ftädtischen Be— amten zu finden war, fuhren Hildreth und Locke nach der Brandstätte zurück, in der Hoffnung, die Feuer-Commissäre daselbst anzutreffen. Als ihnen das nicht gelang, kehrten ste wieder nach dem Courthause zurück, woselbst sich endlich Mayor Mason und Richter Miller eingefunden hatten. Sofort veranlaßten sie den Mayor, ihnen eine Vollmacht zur Sprengung der dem Feuer zunächst gelegenen Gebäude aus— zustellen und eilten hierauf mit dem Pulver nach der Brandstätte, woselbst der Feuermarschall noch immer mit der Anstrengung eines Verzweifelten durch sämmtliche Dampfspritzen Wasser in das unabsehbare Flammenmeer pumpen ließ. Von Sprengen und Niederreißen wollte er Nichts wissen und weigerte sich, irgend welche hierauf bezügliche Anord-- nungen zu treffen. Wiederum begaben sich Hildreth und. Locke nach dem Court hause zurück und drangen in den Ma— yor, Befehle zur Sprengung zu geben. Derselbe ũberließ die Ausführung des Werkes dem Gutdünken der beiden Herren. Doch in Folge der Nachlässig— keit des Feuermarschalls und des Ma— yors war schon zu viel der kostbaren Zeit versäumt worden. Das Feuer hatte sich inzwischen mit Rapidität auf der Südseite verbreitet und Niemand zweifelte mehr daran, daß ihm das Courthaus und die um dasselbe gelege—- nen Prachtbauten zum Opfer fallen würden. Die Genannten begannen daher ihr Werk in unmittelbarer Um gebung des Courthauses. Das Gebände der Union National—- Bank war das erste, welches sie in die Lust sprengten. Ihm folgte das Ge— schäftshaus von Smith und Nixon an der; Ecke der Clark und Washington Straße. Das Feuer hatte sich zu dieser Zeit schon über die Clarkstraße erstreckt. Man mußte daher, um noch so viel als möglich von der Südsetite zu retten, die Sprenpgungen in einer anderen Gegend fortsetzen. Der Mayor hatte inzwischen deren Zweckmäßigkeit eingesehen und lteß durch seinen Sohn und mehrere Bürger, die ihre Dienste angeboten, bedeutende Quantitäten Pulver herbeischaffen und nun wurden die Sprengungen systema tisch fortgesetzt. Leider fehlte es an Leuten, die Muth und Besonnenheit hatten, sich diesem in Folge des sich überall hin verbreitenden Funkenregens sehr gefährlichen Geschäftes zu unter— ziehen. Das nächste Gebäude, auf wel— ches das Pulver in Anwendung gebracht wnrbe, war das an der nordwestlichen Ecke von Wabash Ave. und Washington Straße. Ihm folgte das Gebäude an der entgegengesetzten Ecke und das ganze daran grenzende Häusergevierte an der nördlichen Seite der Washington Straße. Hier wäre die Mannschaft beinahe von den mit Sturmeseile um sich grei— fenden Flammen ereilt worden. Sie zog sich schleunigst nach Harrisonstraße zurück und begann in dortiger Gegend mit Hülfe zahlreicher Bürger ihre Sprengungen auf's Rene und zwar an der Ecke der Harrison- und der State— Straße, von wo an fie alle Gebäude bis zu der Methodistenkirche hin in die Luft sprengten. Hierauf wendeten sie fich nördlich und machten alle Gebäude an der westlichen Seite der Wabash Avenue, bis zur Congreß-Straße, dem Boden gleich. Dies vollbracht, wurde das unter dem Namen „Turner's Block“ be kaunte große Backsteingebäude, dem sich die Flammen schon mitgetheilt hatten, in die Luft gesprengt. Dies war der e Moment. Mit dem Gin— sturze von „Turner's Block“ war ein weiteres Vordringen der Feuersbrunst nach südlicher Richtung verhindert. Der Rest der Südseite war gerettet, die Arbeit der, Pulver-Brigade“ voll— endet. Es hat dieselbe Großes voll bracht in d r kurzen Zeit von 1314 Uhr bis 3z Uhr Morgens. Der Nieder— reißung des Col. Hough'schen Hauses, welches um ungefähr 3 Uhr durch Ge— neral Sheridan angeordnet worden war, wurde durch Commissioner Sheri—- dan und Hildreth Einhalt geboten, da dasselbe nach Einsturz von Turner's Block außer Gefahr war. Man will wissen, daß einig Besitzer der in die Luft gesprengten Häuser ge— gen Hildreth und seine Helfer einen Prozeß anzustrengen hHeabfsichtigen. Sollte es wirklich Individuen geben, die rückfichtslos und thöricht genug sind, Derartiges zu unt:·rnehmen, so dürfte es solchen wohl schwi.rig werden, eine Jury zu finden, die sich zu ihren Gun— sten enischeiden würde. Die Mittel zum Wiederaufbau. Daß ein großer Theil des Grundbesitzes von Chicago mit Hypotheken belastet ist, daß ein großer Theil der jetzt in Trümmer ver— wandelten Häuser (namentlich auf der Süd— seite) mit östlichem Gelde gebaut ist, ist be— kannt. So liefern östliche Kapitalisten z. B. zum Bau des Bigelow-Hotels $850,000, wofür sie jetzt keine andere Sicherheit haben, als den Boden, auf welchem die Trümmetr des stolzen Baues umherliegen. Die östli— chen Kapitalisten sind jetzt in der Lage des Bogenschützen, der, um seinen ersten verschos senen Pfeil wieder zu erlangen, einen zweiten in derselben Richtung abschießt. Wollen sie das bereits geborgte Kapital nicht ganz oder großentheils verlieren, so müssen sie ein neues Kapital auf zweite Hypothek (mortgage) hergeben, um ihre erste Hypothek zu retten. Chicago wird den Osten bezahlen, wenn der Osten ihm jetzt wieder auf die Beine hilft; wenir nicht, nicht. Die Aussichten auf Aus ehlungen der Verluste Seitens der auswär— tigen Feuerversicherungen werden für den Anfang genügen, viele Millionen werden ba durch zu Neubauten disponibel werden, aber die außerordentlichen Verluste lassen fich vollständig oder auch nur einigermaßen voll ständig nur durch ganz außerordeniliche Mittel beschaffen. Das europäische Kapital muß herangezogen, wenn nöthig bei den Haaren herangezogen werden. Wir haben darüber gestern bereits gesprochen und em—- pfehlen dringend allen Grundbesitzern der N.-S., die auf nächten Montag berufene Versammlung in Aurora Halle zu besuchen und die Ausführung des vorgeschlagenen Planes, in Oeutschland Kapital auf Collec— tiv-Sicherheit anzuleihen und zwar zu mög—- lichst niedrigen Zinsen, kräftigst zu unter stützen. Wm. B. Ogden, der mit Chicago seit vielen Jahren so identisicirt ist, daß er die Stadt als seine Braut betrachtet und eben deshalb nie geheirathet hat, Win. B. Ogden, sagen wir, beabfichtigt selbst nach Londön zu reisen und dort die Sache des abgebrannten Chicago'z vor den Capitalisten der Welt zu plaidiren. Er wird wie der Apostel Pauls Alles Allen zu sein versuchen, er wird n die Mildthätigkeit in ihren verschiedenen Inten— sitäts-Abstufungen appelliren uud ebenso an die Gewinnsucht. Er wird seine Angabe in folgender Reihenfolge ausmachen: a), wird er um Geldschenkungen bitten; b), um zinsfreie Darlehen; c), um Darlehen mit niedrigen Zinsen; M/ um Darlehen mit ge— wöhnlichen Zinsen. Bei dem Gewicht, wel— ches Ogden's Namen in der Londoner Fi— nanzwelt hat, ist an einem großartigen Er folge der von ihm projectirteüñ Mission nicht zu zweifeln. Es wäre nur zu wünschen, daß auch andere einflußreiche und allgemein be kannte Chicagoer in ähnlicher Absicht einen Kreuzzug“zur Erwerbung des jetzt wahrhaft heiligen Capitals (denn die Wiederbegrün dung einer Heimath hängt für vausende da— von ab) im Osten und in Eurdpa unternh— men. Das Courthaus. Ein provisorisches Rathhaus von Holz wird sofort auf dem Courthausplatze er richtet werden, in welchem die Stadt—- verwaltung provisorisch ihren Sitz auf schlagen wtrd. Vor der Hand finden die Sitzungen des Stadtraihs in der Polizeistation der Westseite, Ecke Union und Madisonstraße, statt. Ueber den Platz, auf welchem das sogenannte Courthaus definitiv sich befinden wird, ist eine heftige Debatte vorauszusehen. Die Supervisoren haben sich zwar beeilt, einen Beschluß anzunehmen, nach wel— chem das Courthaus wieder auf dem al—- ten Platz sich erheben soll; aber ein sol—- cher Beschluß bedeutet nichts, und es wird eine gründliche Debatte über die ganze Angelegenheit sehr nöthig sein. Buntole wird die Erbauung eines eige— nen Rathhauses, eines ausschließlich für die Stadtverwaltung bestimmten Gebäudes, in Angriff genommen wer— den. Die Countybehörden könnten, wenn sie wollten, das alte Courthaus ausschließlich für sich behalten. Die Gerichte sollten eventuell in einem eige nen Justizpalaste ihren Sitz aufschlagen. Endlich sollte das Countygefängniß aus dem Centrum der Stadt entfernt und eine weniger in die Augen fallende Oert lichkeit einnehmen. Wie um den zukünftigen Sitz der Stadtverwaltung, so wicd auch über den zukünftigen Centralfitz des e schäftslebens ein heftiger Kampf zwi— schen West- und Südfeite entbrennen. Die Banken bilden die Vorhut der für die Südseite kmpfenden Armee. Sie haben in ihrer neulichen Versammlung den Bankiers empfohlen, ihre Geschäfts— lokale so nahe als möglich zusammen zu haben. Die Mehrzahl der Banken, deren Präsidenten zugleich große Süd— seite-Grundbesitzer find, hat fich aber bereits südlich von Harrisonstraße an Wabash- und Michigan Avenue proviso— risch eingerichtet. Scammon baut seine Marinebank der Brandstätte seines Hauses an Michigan Avenue, Congreß straße gegenüber, wieder auf. Die Zei— tungen, ein« Theil der Banken, die Haupthotels, das ECentrum der Unter haltungen, sowie eine Masse von Groß—- handlungen (früher auf der Stdiel befinden sich jetzt auf der Weftseite. Das Globetheater an Desplainesstraße, zwischen Washington- und Madison straße, wird für diese Saison das für West- und Südseite werden, was das Opernhaus früher für alle drei Theile der Stadt war. Die für das Globetheater gebotenen Pachtsummen belaufen sich bis auf SIO,OOO per Jahr. Der Verwaltungs—- rath des Chicagoer Arbeitervereins wird gestern entschieden haben, wer an der Spitze der Theater, Concerte—, e u. s. w., für die Saison stehen soll. Die Interims-Wohnungen. Das Unterstützungs-Comite faßt seine Auf gabe richtig auf. Dieselbe besteht nicht darin, den Abgebrannten den ganzen Winter hin—- durch in kasernenartigen Baracken freie Kost und Logis zu gewäheen, sondern ihnen ihre Elasticität und Moralität dadurch zu erhal ten, daß man sie sobald wie möglich wieder auf eigene Füße stellt, auf eigenen Erwerb anweist. Oie Zelte sind dazu der erste Schritt. Eine Familie, die allein für sich in einem Zelte wohnt, wird in jedem Falle befser und aktiver erhalten und sich halten, als wenn sie mit vielen anderen Familien unter einem Dache kaserniren muß. Das Zelt ist ferner der Feuersgefahr nicht so ausgesetzt, wie die von den Stadtbehörden oberhalb Elisabeth— straße in der Eile errichteten Holzbarracken. Schließlich können die Zelte leicht nach ande ren Stellen geschafft werden und ihre wichtige Rolle bei der Errichtung der Interimswoh—- nungen von Holz spielen, auf deren rasche Bewerkstelligung jetzt Alles ankommt. Jeder, der einen Bauplaß besitzt oder einen Bauplatz pachtet oder umsonst für eine Zeit lang zur Verfügung gestellt erhält, wird vom Unter— stützungs-Comite mit dem nöthigen Bauholz zur Aufführung einer Wohnung von einem oder zwei Zimmern versehen, je nachdem die Anzahl der Familie es nöthig macht. Das Zelt wird nach dem Bauplatz geschafft, mit einem Kochofen und anderem Hausrath ver— sehen und mit Lebensmitteln für die erste Zeit. Das Comite hat zwei Hauspläne nwer fen lassen. Der eine stellt ein aus einem ein zigen Zimmer bestehendes Haus vor, das 12 bei 16 Fuß groß und 8 Fuß oder 85 Fuß hoch ist; der andere ein aus 2 Zrmmern be— stehendes Haus, das 16 bei 20 Fuß groß tst. Verschiedene Verbesserungen lassen stch in die fen Plänen ohne wesentliche Kostenvermeh— rung anbringen. Vor Allem sollte darauf gesehen werden, daß sich kein Wasser unter dem zu erbauenden Hause ansammelt. Wenn der Bauplatz tief oder flach liegt, so sollte derselbe mit Erde aus der Umgebung erhöht werden. Darauf sollten zwei bis drei Fuh-- ren Schutt aus den Brandtrümmern gelegt werden. Oer darin stark vertretene Kalt wird das Zimmer trocken halten, die darüber lie— genden Bretter vor Fäulniß schützen und überhaupt desinficirend wirken. Eine der— artige Wohnung, besser als fie Tausende der Pioniere von Illinois vor 40 Jahren hatten, kann leicht von einem gescheidten Manne, mit theilweiser Hülfe eines Nachhars, inner halb 10 Tagen hergestellt werden. Mit der eigenen Wohnung ist die Heimath der Fami lié wieder erstanden, der Ausgangspunkt und die Bedingung alles gedeihlichen Fortschrei— tens und der Weg zu neuer materieller Unab hängigkeit und Selbstständigkeit. Ueber 1000 Abgebrannte meldeten sich bereits vorgestern u Mittel zum Aufbau solcher Wohnungen und noch viele Tausende werden folgen. Die Besitzer der Holzbauhöfe (Lumber yards) beschlossen in einer neulichen Ber sammlung, diesen Plan des Comites nach Kräften zu fördern und namentlich durch billige Lieferung des Bauholzes. Sie ver— pflichteten sich, Jeder 50,000 Fuß Bauhalz zu 15 per 1000 Fuß zu liefern und in vie len Fällen kamen sie der Verpflichtung nach. Andere jedoch konnten der Versuchung nicht widerstehen, einen gehörigen Schnitt zu ma—- chen und z. B. statt 815 S3O per 1000 Fuß sich zahlen zu lassen. Diese Habgierigen suchen sich der oben erwähnten Verpflichtung dadurch zu entziehen, daß sie sich erbieten, statt des Holzes das Geld dafür (d. h. 815 per 1000 Fuß) zu geben, und das Holz zu ihnen (d. h. für 25 —BO Doll. per 1099) zu verkaufen. In manchen dieser Fälle bleiben sie aber auch mit dem Gelde aus. Die— jenigen, welche trotz aller Mahnungen in dieser Zeit der Noth die Shylocks spielen wollen, sollten und werden in den Zeitungen veröffentlicht werden. Die Grundbesitztitel von Chicago. Otto Peltzer, das wandelnde Grundbesitz-Archive von Chicago, sah in der Schreckensnacht das Feuer seinem Wohnsfiß an Belden Avenue, bei Wright's Grove, sich über Fencen und Seitenweg nahen und glaubte die Stunde seines Hauses gekommen. So rasch als möglich vergrub er einen Theil seiner Bücher und Kunstschätze und schickte seine Möbeln landvorwärts. Aber der Regen trat plötzlich wie eine Gottheit zwischen das bereits umzün— gelte Opfer und das verfolgende Ele— ment; Peltzer's Haus blieb unversehrt und diente Vielen zur vorläufigen Un— terkunft. Bon allgemeiner Wichtigkeit ist die Rettung der von O. Peltzer vor Jahren angelegten und bis zum 1. Ok— tober 1871 fortgeführten Grundbesitz karte von Chicago. Dieselbe befand; sich in dem feuerfesten Gewölbe M. D. Ogden's an der N.-W.-Ecke an Lake- und Lasallestraße, und wurde von Og den bei seinem Landverkäufer beerdigt. Diefe Karte, welche von der des Baun—- raths genau copirt ist, ist jetzt die ein zige aunthentische in Bezug auf die Größe der Lots, der Straßen und Al— leys u. s. w. von Chicago. Es wird in der Staatsgesetzgebung der Antrag gefstellt werden, die erwähnte Karte für gesetzlich maßgebend zu erklären. Mit Hülfe dieser Karte und des von Chase u. Co. geretteten Kaufbriefs deedo Index (Inhaltsverzeichniß), läßt sich ein Grun dbesit Kataster für Chicago wieder konstruiren d. h. es läßt sich feftstellen, wer faktischer Eigenthümer des betreffenden ftückes bis kurz vor dem Brande war, und wie breit und lang das betreffende Grundstück war und ift. Die Wiedererbauung von Chicago bildet nach der fürchterlichen Katastrophe, welche über uns hereingebrochen, mit Recht das Hauptgespräch aller unserer ner. Bereits sind einzelne Privaten und Cor-- porationen mit kühnem Schritt vorangegan— gen, auf den Trümmern ihrer früheren Be— sitzungen neue, vielleicht großartige Gebäude zu errichten. Auch unsere Baukünstler haben sich zum größten Theil wieder provisorisch eingerichtet, um ihre Afterkuntt oder ihr Hand werk wieder aufzunchmen. Diese Künstler haiten sich im alten Chicago in hundert und hundert Gebäuden ein Armuthszeugniß ihres Könnens und ihres Wissens ausgestellt und io glaube, Jedermann wird dem Einsender Recht geben, wenn er sich an das Courthaus e. erinnert. 1 Soll Chicago wieder in dee Art und Weise aufgebaut werden, sollen die Millionen, die nun ausgegeben werden müssen, wieder e unvorsichtig verschleudert werden? Jetzt st der Zeitpunkt, aus Chicago eine moderne, großartig angelegte Stadt zu macheu, jetzt der Zeitpunkt, das zu verbessern, was früher bei der raschen Entwicklung übersehen worden it. Die früheren Männer mit ihrem be— währten Geschäftsgeist und ihrer rastlosen Thätigkeit sind noch da und nicht eher wer den sie ruhen, bis Chicago wieder in seinem früheren Geiste dasteht. Eine Ansprache an unsere Architekten zu machen, dürfte in dieser Hinsicht verlorene Mühe sein, denn sie sind heute so wenig 72 zuvor künstlerisch gebildet, sie sind mit einem Worte unfähig, ein so uugeheures Unterneh—- men zeitgemäß durchzuführen. Das einzige Mittel, dem Architektenunfug hier zu steuern, ist die Ausschreibung von den Coneurrenzen für die einzelnen Bauten und zwar nicht nur für die öffentlichen, son—- dern auch für die Corporationsgebäude, Banken -c. Dies allein ist der Weg eiñne Stadt zu bauen, die dem jetzigen Zeitgeist entspricht, eine Stadt, die würdig ist, in un—- serem Lande auch in dieser Beziehung die erste Stelle einzunehmen. Es dürfte sich 2 nicht darum handeln, vollständig durchge— führte Konkurrenzen auzzuschreiben, sondern vielmehr nur das Entwerfen der resp. Ge bäude im kleinen Maßstabe und sodann auf Grund dieser Skizzen die Uebertragungen auf die betzeffenden besten Architekten. Dr. VMüller. Deutscher Hülfsverein. Der deutsche Hülfsverein, über dessen Organisirung am vergangenen Freitag wir schon berichteten, hat folgenden Aufruf erlassen: Aufrufan die Deutschen im In- und Aus lande. Durch das verheerendste der Ele— mente, das Feuer, zerstört, liegt ein Drittheil Chicago's in Asche, und in der vorzugsweise von Deutschen be— wohnten Nordseite der Stadt, bezeich— es nen nur rauchende Trümmer noch die einstigen Wohnsize der Bürger. Fünfzig Tausen.d Deutsche, Männer, Frauen und Kinder, find heimath- und mittellos geworden und sehen mit Ban—- gen dem nahenden Winter entgegen. Der augenblicklichen größten Noth ift abgeholfen, jedoch ist für die Bedittt nise der Zukunft noch nicht gesorgt. Angesichts dieser Thatsachen nun, wendet sich das Central-Committee des deutschen Hülfsvereins zu Chicago, im Namen aller Hülfsbedürftigen, an die Deutschen Amerika's und des alten Ba— terlandes mit der Bitte um schleunigste Unterstützung. Wir brauchen Geld, Kleidungsstücke, Bau- und Feuerungs material, Betten und Lebensmittel, und sind im Voraus überzeugt, daß der menschensreundliche Eifer, der sich bis jetzt gezeigt hat, nicht erkalten werde. Alle Gelder und andere Sendungen wolle man gefälligst an den unterzeichne— ten Secretär des Central Committee's, in dessen Hauptquartier: Aurora Tur—- nerhall, Ecke Second Street und Mil waukee Avenue zu Chicago, senden. Das Central-Committee des deutschen Hülfs Committees zu Chicago. Francis Lackner, Präsident. H. Claussenius, Vice-Präsident. John Bühler, Schatzmeister. C. Knobelsdorff, Secretär. 1 George Schneider, John A vuch- Fritz Metzke, Peter Hand, C Degen— hardt, Louis Schulz, A Fürstenberg, George Oertel, Dr. Ernft Schmidt, Carl Hilschke, Joseph Kaufmanu, Adolph Schöninger, A Limberg, Ernst Prüsfing, Jacob Boser. (Alle unsere Tauschblätter, sowie alle Zeitungen in Deutschland, welchen die vorliegende Nummer zukommt, sind in— ständigst gebeten, den vorstehenden Aufruf abzudrucken.) Der Banquier George Smith, der in den letzten Jahren in Schottland lebte, wird in aller Kürze wieder eine Bank hier eröffnen. Die Bank von Montreal, die üüber ein au- 4 hergewöhnlich bedeutendes Baarvermögen' verfügt, hat bereits einen Agenten hierherge fandt, mit dem Auftrage, hier eine Filiale zu gründen.